Dichtung und Fabel.
29
also ist der Grund der kühnsten äsopischen Fabel,dem Wahn der Mcnlchen nach, beinab als Erfah-rung, als historische Wahrheit gegeben.Allerdings sind die Gattungen der Thiere in ihrenFähigkeiten einander sehr ungleich: sie werden unsauch immer unbcmerkbarcr und unverständlicher, jeunähnlicher sie uns sind, oder je entfernter sie vonuns leben; den hochmüthigen Wahn indessen, daßdas geringste Thier in seinen Wirkungen und Fähig-keiten ein dem Menschen gan; Ungleichartiges sev,sollte endlich die stolze Unwissende, die Metaphysikaufgcben: denn er wird durch die Naturgeschichte
reichlich wiederlcgt. In ihrem ganzen Habitusdes Lebens sind Thiere Organisationen, wie esder Mensch ist; es fehlt ihnen nur die menschlicheOrganisation, und das große Werkzeug unsrer ab-strahieren, symbolischen Erinnerungen, die Sprache.
Also iit's eigentlich nicht des Wunderbaren we-gen willkührlich ersonnen, daß Thiere sprechen; *)cs war ein alter Glaube des sinnlichen Wahns derMenschen, der durch daS Ansehen der Sage bekräf-tigt , sich von den ältesten Zeiten hcraberbte. Nie-mand hatte etwas dagegen, wenn jedes Thier sprach,wie cs in seinem Eharakter, in der von ihm be-kannten Lebensweise etwa sprechen konnte; und demUcbcrklugen, dem daran ein Zweifel ankam, durfteman nur sagen: „Es war einmal! Es war eine
Zeit, da die Thiere sprachen, da also auch der Fuchs
) Breiringers Meynung in seiner lehrreichenkritischen Dichtkunst, Abschnitt 7.