Druckschrift 
20 (1845) Die Heidenmauer : eine Rheinsage
Entstehung
Seite
489
Einzelbild herunterladen
 

489

so gleich einem Bilde des Grams liegen, während Thronen in Strö-men über ihre Wangen niederfielen.

Es entschwanden einige Minuten, ehe die Gattin Heinrich Frei'Saus ihrem Selbstvergessen aufgestört wurde; aber jetzt sagte ihr derTon nahender Schritte, daß fie nicht länger allein war. Zum erstenMal in ihrem Leben versuchte Ulrika beschämt ihre Aufregung zuverhehlen; aber noch ehe ihr dies möglich wurde, traten der Grafund Heinrich ein.

Was ist mit dem armen Odo von Ritterstein, gute Frau mitdiesem Manne der Sünde und des Kummers?" fragte der letzterein seiner herzlichen arglosen Weise.

Er hat uns verlassen, Heinrich."

Natürlich nach seinem Schlosse aufgebrochen! Nun, derMann hat seinen Antheil Leid gehabt, und die Ruhe wird ihm nichtzu spät kommen. Odo's Leben, Herr Graf, ist nicht, wie das unsrige,von einer Art gewesen, daß es ihn zufrieden machen konnte. DieGeschichte mit der Hostie ist zwar im besten Falle eine sehr un-chrerbietige und nicht verantwortliche Handlung gewesen ; aber hättesie sich in unfern Tagen zugetragen, so würde man wohl wenigerdaraus gemacht haben und dann," er klopfte dabei auf dieWange seiner Gattin,war eS an sich kein geringes Unglück, Ul-rika'S Gunst zu verlieren. Doch was ist dies hier?"

Eine Urkunde, vermittelst welcher der Herr von Rittersteinseinen zeitlichen Besitz auf Berchthold überträgt."

Der,Bürgermeister riß hastig das große Pergamentblatt aus-einander, und obschon er das Latein der Urkunde nicht verstand,ersah doch sein geübter Blick alsbald, daß sie in der gebührendenForm ansgestellt war. Natürlich begriff er wohl den Grund undden Zweck der Gabe, weßhalb er sich Plötzlich mit dem Ausrufe anden Grafen wandte:

Hier ist Manna in der Wüste! Unsere Bedenklichkeiten sindglücklich ausgeglichen, hochgedorner Graf, und nächst dem Vergnü-