auf Schwindel erregenden Felspfaden irgend ein anderes Heiligthumaufsuchten. Wir kennen keine Art menschlicher GvttcSverehrung,die ergreifender oder nachdrücklicher wäre, als diese. Der Tempelist der herrlichste, den die Erde bieten kann und die Luft so rein,wie sie durch die Bergstrome und eine hohe Lage nur werden kann,während die Stimmen in der klarsten und bestimmtesten Betonungans Ohr schlagen, vielleicht noch gehoben durch das Echö der fastunergründlichen Abstürze oder der überhängenden Felsmassen, diedem Himmel als Stütze zu dienen scheinen. Lange, ehe man dieProcession steht, kündigt sie sich schon dem Ohre durch die Musikdes Gebetes an — denn Musik muß man e< an einem solchen Platzenennen, da die Tone regelmäßig wechseln zwischen dem tiefen Baßder männlichen und der silbernen Weichheit der weiblichen Stimmen.
Eine ähnliche Wirkung übte nun auch das Vorwärtsschreitenunseres PilgcrzugS aus der Pfalz. Pater Arnolph gab den Tonan, und die gewaltigen Lungen des Bürgermeisters und des Schmie-des stießen die Worte, obschon sehr gedämpft, in tiefen, lauten,nachdrücklichen Tönen aus. Das Respondiren der Frauen warweich, sanft und tremulirend. So gingen sie etwa eine Viertel-stunde weit, bis sie in die Straße des Dorfes gelangten.
Ein Eilbote hatte der Brüderschaft von Einsiedeln die Annähe-rung der deutschen Büßer gemeldet; denn in Folge einer seltsamenVerdrehung der DemuthSlehren, welche der Stifter unserer Religionverkündigt hat, wurde den Büßungen und Opfern der Fürsten undhochgestellten Adeligen weit mehr Wichtigkeit beigclegt, als wenndiese frommen Uebungen aus Quellen kamen, die man für geringererachtete. Schon aus diesem Grunde hatten sich alle Dorfbewohner unddie meisten übrigen Personen, welche unter der Seelsorge des Klo-sters standen, herauSgcmacht, um die erwartete Procession mitanzu-sehen. Der Name Emich lief flüsternd von Ohr zu Ohr, und vieleneugierige Augen suchten unter der Pilgertracht, welche dem ganzenHäuflein gemeinsam war, die Gestalt des mächtigen Grafen heraus-