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20 (1845) Die Heidenmauer : eine Rheinsage
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jeden Seufzer, der sich Odos Brust entrang, und noch vorBeendigung der Einleitungsgebete hatte ihr Antlitz in Thronengebadet.

Die Prüfung der verschiedenen Münchsgesichter während dieserScene würde einem Manne, der sich'S zur Aufgabe gemacht hätte,die Verschiedenheiten des menschlichen Charakters zu erforschen oderdie wechselnden Schatten zu beobachten, welche dieselben Ursachenbei verschiedenen Gemüihern Hervorrufen eine würdige Studiegeboten haben. Jeder Seufzer des Einsiedlers blitzte in den glü-henden Zügen des Pater Johann mit einer Art heiligen Entzückensauf, als triumphire der Mönch über die Gewalt des Gottesdienstes,und mit jeder Minute wandte sich sein Blick fragend in die Richtungdes Chorgitters, während sein Ohr gespannt auf den geringstenTon lauschte, der mit seinen Wünschen im Einklang stand. Ande-rerseits sprach sich in dem Antlitz des Priors der Ausdruck desSchmerzes und der Theilnahmc aus. Jeder Seufzer, der sein Ohrerreichte, weckte in ihm ein Gefühl des Mitleids, allerdings mitheiliger Freude gemischt, aber dennoch eines Mitleids, das ebenso tief und bestimmt, als rein menschlich war. BonifaciuS hörtezu, wie ein Mann, der in seinem Amt ist kalt und mit wenigRücksicht ans das, was vorging, die gebührende Beobachtung desRituals ausgenommen. Don Zeit zu Zeit stutzte er das Haupt aufseine Hand, und man konnte deutlich sehen, daß er über Dingenachdachte, die nur in entfernter Beziehung zu der Handlung vorihm standen. Unter den übrigen Mönchen sprach sich je nach ihrenverschiedenen Charakteren mehr oder weniger Andacht aus, undeinige hatten die Gelegenheit benützt, sich, soweit eS die Beobach-tung des Ritus gestattete, ein paar Augenblicke des Schlummerswegzustehlen.

In dieser Weise verbrachte die Brüderschaft von Limburg dieersten Stunden des Tages oder vielmehr des Morgens nach demSonntage, mit dessen Vorabend wir unsere Erzählung eröffnet haben.