247
das Wort zu reden, so behauptete doch der Abscheu über sein Ver-gehen in ihrer Seele die Oberhand.
„ES war eine Lästerung gegen Gott und ein Schimpf für dieganze Menschheit. Er mag zusehen, sag' ich, denn seine Seeleschwebt in grausamer Gefahr!"
Die Frau des Bürgermeisters antwortete nur mit einem schwe-ren Seufzer.
„Ich kannte den jungen Odo von Niltcrstein gut," fuhr Ilsefort; „aber vbschon er dem Aeußcren nach nicht übel begabt und fürAlle, die gerne auf eine Honigzunge hörten, von sehr verführerischerRede war, so kann ich mich doch rühmen, beim allerersten Anblicksein innerstes Wesen durchschaut zu haben."
„Dir war ein schreckliches Geheinmiß bekannt!" sagte Ulrikain halbem Flüstertöne.
„Für eine Person von meinen Jahren und von meiner Er-fahrung war cS kein Geheimnist. Was sind ein hübsches Gesicht,eine adelige Geburt, eine freie Miene und ein dreistes Auge fürein Weib, die ihre Gelegenheiten gehabt und lange gelebt hat?Nein, nein — ich konnte in der Seele des jungen Odo lesen, wieder Priester sein Meßbuch liest — das heißt, mit halbem Blicke."
„ES ist überraschend, daß eine Person von Deiner Stellungihn so schnell und so gut durchschaute, während doch die Meistensich ihn nicht erklären konnten. Du weißt, er stand lange in Gunstbei meinen Eltern?"
„Ja, und bei Dir, Ulrika, und dies beweist nur, wie verschie-den das Urthcil der Menschen ist. WaS mich betrifft, so habe ichmich keinen Tag — ja nicht eine Stunde in seinem Charakter ge-täuscht. Was kümmerte mich sein Name? Die Leute sagten zwar,er habe Kreuzfahrer unter seinen Ahnen gehabt, und Edle seinesGeschlechtes trügen unter einer heißen Sonne und in einem fernenLande das Zeichen des Kreuzes zu Gottes Ehre; aber ich mochte