Sie war zu weift, »m die menschliche Natur auf eine allzu schwereProbe zu setzen, und viel zu sanftmüihig, um zu glauben, daß nurdas Vollkommene ihre Achtung verdiene.
„Wir wollen uns die Dinge überlegen, wie sie sind," antwortetesie, „und »nS nicht mit dem Unmöglichen behelligen. Wärst DuUlrika und ich Lottchen, so kann Niemand inniger der Ucberzeugungleben, daß unsere Ansichten keinen Wechsel erlitten, als ich. AufMeta kannst Du bauen, meine Freundin, aber dennoch darf ich Dirnicht bergen, daß ich fürchte, Heinrich werde nie einwilligcn. SeinSinn ist zu sehr von der sogenannten Gleichheit der Interessen inAnspruch genommen, und es wird in der That schwer sehn, ihn soweit zu bringen, daß er gegen Gold gute Eigenschaften in dieWagschaalc legt."
„Und hat er darin so Unrecht? Welche Vorzüge sind an Bercht-hold zu finden, die nicht durch Meta'S gute Eigenschaften mindestensausgewogen würden?"
„Das Glück ist kein Gegenstand des MäckelnS, wie etwa derWerth von Häusern und Ländereien. Er hat Unrecht und ich möchteweinen—o, wie bitterlich habe ich schon beweint! — baß HeinrichFrei sich'« in den Kopf setzen kann, die Wohlfahrt des unschuldigen,arglosen Kindes an die rohen Zufälligkeiten einer engherzigen Be-rechnung wegzuwerfen. Aber dennoch wollen wir hoffen," fügteUlrika bei, indem sie ihre Augen trocknete, „und unsere Gedankeneiner erfreulicheren Seite zuwenden."
„Du sprachst von der Gunst, in welcher mein Sohn bei demGrafen stehe, und von dessen Wunsch, uns etwas zu Gefallen zu thun?"
„Ich kenne kein anderes Mittel, um Heinrichs Starrsinn zubrechen. Er ist zwar in allen Dingen, die seiner Meinung nachin meinen Kreis gehören, freundlich und nachsichtig gegen mich,glaubt aber doch, daß eine Frau die weltlichen Interessen nicht zubeurtheilen vermöge; auch fürchte ich, er kennt seine Gattin zusehr, um nicht meine Befähigung, gerade in dieser Angelegenheit