156
Zehntes Kapitel.
„Der Weg ist kurz nur — fort!-Armado.
Obschon wir Alle uns der furchtbaren Gebrechen, mit denendie menschliche Natur behaftet ist, bewußt sepn müssen, so ist dochgleichwohl keiner so schlecht, um nicht zu wissen, daß sein Wesendie Keime jener göttlichen Wesenheit in sich trägt, welche ihn sei-nem himmlischen Schöpfer ähnlich machen. Der Tugend bleibt dieVerehrung des Menschen gesichert, auf was immer für einer Stufeder Civilisation oder Geistesbildung er zufälligerweise stehen mag,und wer reine Sittlichkeit zur Richtschnur seines Lebens macht, darfstets auf die Achtung, wenn auch nicht immer auf den Schutz seinerZeitgenossen zählen.
Als der Graf von Leiningen durch das weite, reiche Schiffder Abteikirche hinabging, schwankten seine Gedanken zwischen demEindrücke, welchen die Worte des Priors auf ihn geübt hatten,und jene» geheimen Absichten, welche in seiner Seele nochimmer das Uebergewicht behaupteten. Man hätte ihn mit einemMenschen vergleichen können, der auf die Rathschläge eines gutenund eines bösen Geistes hört, von denen der erstere ihn zu Mildeund Schonung ermahnt, letzterer aber durch die gewöhnlichen Hebelder Schmeichelei und Erweckung von Hoffnungen ihn zu schlimmerGewaltthat verlocken möchte. In finsterem Brüten machte er sichGedanken über die Forderungen des Klosters, die, weil sie auf einergesetzlichen Neberlegenheit beruhten, nicht nur seine Macht beeiti-trächtigten, sondern auch seinen Stolz verletzten — ferner überdie Art, wie dasselbe stets seine Absichten kreuzte, über den beharr-lichen Widerspruch, der von Seite der Brüderschaft ohne Unter-laß gegen seine Oberherrlichkeit im Thale erhoben wurde, lauterFeindschafts-Motive, di- durch das ausschweifende und dreiste