„Ha, so ist am Ende die Frömmigkeit nur eine Maske für denSchurken!"
„Du wirst doch auf einen Mann von seinen Jahren nicht eifer-süchtig werden wollen, um so weniger, da seine Lebenstage reich anKränkungen und Leiden gewesen seyn müssen, wenn man anders ausseinem hageren Gesichte und seinen hohlen Augen einen Schlußziehen darf. Freilich ist er gerade der Mann, der einem Jüng-ling von Deinem Alter, Deiner edlen Haltung, Deinem hübschenAeußeren und Deiner rührigen Gestalt Unruhe machen kann! —Doch ich sehe, das Blut steigt Dir nach den Wangen, MeisterBerchthold, und ich will Dir nicht länger mit Bergleichungen An-stoß geben, die so sehr zu Deinem Nachlheile ausfallen. Mögendie Beweggründe des heiligen Einsiedlers seyn, welche sie wollen —bei Gelegenheit seines zweimaligen Erscheinens in der Stadt undder Besuche, welche wir Mädchen oft in seiner Zelle machten, hater viel freundliche Theilnahme für mein Wohl und meine künftigenHoffnungen an den Tag gelegt, dabei ebenso sehr meine irdische Lauf-bahn, in's Auge fassend, als das jenseitige Leben, dem wir Alleentgegeneilen, obschon wir die Schritte mit unfern Ohren nichtvernehmen können."
„Es nimmt mich nicht Wunder, Meta, daß Alle, welche Dichsehen und kennen, so handeln. Und doch finde ich cS sehr sonderbar."
„Wahrhaftig," cntgegnete das Mädchen in necksschem Tone,„jetzt rechtfertigst Du die Worte der alten Ilse, welche so oft zumir gesagt hat: ,nimm dich in Acht, Meta, und schenke den Wortender jungen Städter nicht allzu leicht Glauben; denn wenn Du denSinn derselben genauer erwägst, so wirst Du sehen, daß sie sichwidersprechen. Die Jugend ist so sehr darauf, erpicht, ihr Zielzu erreichen, daß sie sich nicht lange damit aufhält, das Wahre vondem Scheinbaren zu trennen/ Das sind ihre eigenen Worte, diesie mir oft wiederholte und die ich eben durch Dich rechtfertigen