162
möglich. Sie verharrte auf ihrem Posten, und horchte mit derArt von Instinkt, welche den an Bildung nur wenige Stufen unterihr stehenden Thieren eigen ist, auf jedes kleine Geräusch, welchesdie Annäherung von Fußtritten verkünden mochte. Zuletzt schie-nen ihre Wünsche in Erfüllung zu gehen; denn die lang ersehn-ten Töne waren deutlich zu hören, und jetzt unterschied sie dichtam Fuße des Felsen die dunkle Gestalt eines Mannes.
„Nun, Asa, heut verdienst du 'mal mit vollem Recht, dieganze liebe Nacht ans der Evde zu liegen!" fing die Frau an zumurmeln, mit einer plötzlichen Umwandlung ihrer Gefühle, welcheallen mit den Widersprüchen im menschlichen Charakter Vertrau-ten nicht befremdend sein kann. „Und ich wünschte dir, sie wärerecht hart! He da, Abncr! Abner! Hörst du! Abner, schläfst du?Daß du dich nicht unterstehst, den Schlagbanm zu öffnen, bis ichrunter bin! Ich will wissen, wer es ist, der eine friedliche, eineehrliche Familie dazu, in ihrer Ruhe stört, und in solcher Nacht,wie diese!"
„Weib!" entgegnete unten eine Stimme, die etwas polterteund prahlen wollte, während doch der Sprecher offenbar zugleichan die möglichen Übeln Folgen dachte. „Weib, ich verbiete Euch imNamen des Gesetzes, irgend eines Eurer feindlichen Wurfgeräthehcrabzusenden. Ich bin ein Bürger und ein Freisaß, und graduirtauf zwei Universitäten, und bestehe ans meine Rechte! Hütet Euchvor Schaden aus Vorbedacht, vor imputirtem und kasuellem,und vor Todtschlag. Ich bin cs ja, Ich, Euer Linien«, einFreund und Mitcinsaß, Ich — Doktor Obed Battins."
„Was!" fragte Esther mit einer Stimme, die kaum ansrcichte,ihre Worte bis zu den Ohren des aufmerksamen Lauschers untenhinabzutragen. „Sagtet Ihr, es sei nicht Asa?"
„Nein; ich bin weder Asa, noch Absalom, noch ein anderervon den hebräischen Prinzen, sondern Obed, die Wurzel und derStamm von ihnen allen. Weib, habe ich Euch denn nicht gesagt,