I. F. Cooper's Amerikanische Romane, neu aus vem Englischen übertragen. Vierter Band. Die Prairre (Steppe). Mit Stahlstich. Vierte Auflage. Stllttgllrt. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1853 . P r a i r i e. i e Eine Erzählung von James Fenimore Cooper. Aus dem Englischen von 0r. G. Fricdrnberg. » Schau' seine Art und Thun, und sag' mir dann. Ob dieß ein Bruder sei? Vierte Auslage. Stuttgart. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung. 1853 . Einleitung. Die geologische Bildung des Theiles der Vereinigten Staaten, der zwischen dem Alleghany-Gcbirge und den „Rocky- Mountains" gelegen ist, hat zu manchen scharfsinnigen Hypothesen Anlaß gegeben. Streng genommen ist dieser ganze ungeheure Erdstrich eine Ebene. Innerhalb einer Länderstrecke, die sich nahe an fünfzehnhundert (engliche) Meilen von Ost nach West und sechshundert von Süd nach Nord ausdehnt, findet sich kaum eine Erhebung, die man einen Berg nennen dürfte. Sogar Hügel sind selten, obwohl ein großer Theil der Oberfläche des Landes mehr oder weniger jenen wellenförmigen Charakter zeigt, den wir am Eingänge unserer Erzählung geschildert haben. Es ist nichts weniger als unwahrscheinlich, daß das Ländergebiet, welches jetzt die Staaten Ohio, Illinois, Indiana und Michigan umfaßt, dazu ein großer Theil der Strecke westlich vom Missisippi — früher von Wasser bedeckt war. Das Erdreich in allen jenen Staaten hat ganz das Ansehen angeschwemmter Ablagerungen, und es finden sich dort einzelnstehende Felsen von einer Beschaffenheit und Lage, die der Meinung das größte Gewicht geben, daß nur Treibeis sie an ihre jetzige Stelle geworfen. Die Anhänger dieser Ansicht glauben ferner, daß die großeir See'n einst nur unermeßliche Untiefen in Einer großen Fläche süßen Wassers bildeten, zu tief gelegen, um in die Umwälzung, die Vas Land trocken legte, mit gezogen zu werden. (Die Prairir.) VI Man wird sich erinnern, daß die Franzosen, solange sie die beiden Canada's und Louisiana besaßen, auch aus das ganze eben bezeichnet Gebiet Anspruch, machten. Ihre Jäger und einzelne vorgeschobene Posten knüpften den ersten Verkehr mit den wilden Bewohnern desselben an, und die frühesten schriftlichen Berichte, die wir über jene weiten Länderräume besitzen, kamen aus der Feder ihrer Missionaire. Daher sind sogar viele französische Benennungen in diesem Theile von Amerika heimisch geworden, und viele derselben sind auch eingebürgert geblieben. Als die Abenteurer, die zuerst in jene Wildnisse drangen, mitten in den Wäldern auf Ebenen trafen, bedeckt mit üppigem Grün oder wuchernden Schlingpflanzen, gaben sie denselben den leicht zu erklärenden Namen von Wiesen — Prämien. Als die Engländer den Franzosen folgten, und ein Gebilde der Natur, von Allem, was der Kontinent Achnliches aufzuweisen hat, verschieden, schon mit einem Namen bezeichnet fanden, der in ihrer Sprache gar keinem Begriff entspricht, ließen sie dessenungeachtet diese natürlichen Wiesengründe im Besitz ihres auf solche Art erworbenen Titels. So kam es, daß das Wort „Prämie" auch in den Mund der Engländer überging. Der amerikanischen Prämien sind zweierlei. Die östlich vom Missistppi gelegenen sind vergleichungswcise klein, ausnehmend fruchtbar und stets von Waldungen eingeschlossen. Sie sind der höchsten Kultur fähig, und die Ansiedlungen darauf nehmen rasch zu. Viele dieser Arten finden sich besonders in Ohio, Michigan, Illinois und Indiana: sie leiden aber sehr unter einem in hohem Grade nachtheiligen Mangel an Wasser und Brennholz — Uebel von der ernstesten Art, so lange es der Kunst nicht gelingt, herbei zu schaffen, was die Natur versagte. Indessen sollen Steinkohlen in jenen Gegenden sehr häufig Vorkommen, und Brunnen in den meisten Fällen mit Erfolg gegraben worden sein, so daß die Auswanderer mit der Zeit dieser Uebel- stände Herr werden. Die zweite Gattung dieser natürlichen Wiesen liegt westlich von dem Missisippi, ungefähr einige hundert Meilen von dem Strome ab: sie heißen die „Großen Prämien«. Sie sind den Steppen der Tartarei mehr als irgend einem andern bekannten Theile der Erde ähnlich, und bilden eine große Länderstrecke, -unfähig, eine dichtere Bevölkerung zu nähren, in Ermanglung der beiden schon genannten dringenden Lebensbedürfnisse. Wohl sind viele Flüsse vorhanden; aber an Bächen, überhaupt an kleinen Gewässern, die so große Hebel der Fruchtbarkeit, wie der Lebcusannehm- lichkeit überhaupt sind, fehlt es beinahe gänzlich. Der Ursprung und die Entstehungswcise der großen ame-. rikanischen Prämien bildet eines der erhabensten Geheimnisse der Schöpfung. Der allgemeine Charakter der Vereinigten Staaten, Canada's und Mejico'S, ist der einer üppigen Fruchtbarkeit. Schwer wird sich auf der ganzen Erde eine Ländermasse finden lassen, die so wenig unbenützbare Stellen enthielte als die noch unbewohnten Theile der Union. Die meisten Berge sogar sind dem Pfluge zugäuglich, und auch die Prämien in diesem Theile der Republik haben tiefe Schichten aufgeschwemmtcr Erde. Das Nämliche gilt von dem Gebiete zwischen dem stillen Ocean und den Rocky- Mountains, in deren Mitte der breite Gürtel liegt, welcher der Schauplatz dieser Erzählung ist, und den Fortschritten der Amerikaner nach Westen eine Schranke zu setzen bestimmt scheint. Die großen Prämien treten immer mehr als die letzten Sammelplätze der „Rothhäute« hervor. Die Ueberreste der vm Mohikaner, der Delawaren, der Creeks, Choktas und Irokesen scheinen auf diesen Ebenen ihrem endlichen Geschicke anheimzufällen. Die ganze Anzahl der noch innerhalb der Union befindlichen Indianer nimmt man verschieden zwischen ein- und drcimalhundcrttausend an, und die meisten bewohnen das Land westlich vom Missistppi. Zur Zeit unserer Erzählung lebten sie in offener Feindschaft mit einander; gingen doch Zwiste unter den einzelnen Stämmen erblich von Geschlecht zu Geschlecht über. Der Einfluß des Staatenbundes hat viel dazu beigetragen, diesen wilden Schauplätzen den Frieden wiederzugeben, und man reist da Wohl jetzt sicher, wohin vor fünfundzwanzig Jahren ein Weißer nicht ohne schützendes Geleite sich wagen durfte. Der geneigte Leser, der zweier") früheren Erzählungen des Verfassers sich erinnert, an welche sich die gegenwärtige natürlich anschließt, wird in dem Hauptcharakter dieser Geschichte einen alten Bekannten wiederfindcn. Er vollende seine Laufbahn hier, und wir hoffen, man werde ihm den Schlaf eines Gerechten im Frieden gönnen. Paris, Juni > 832 . vier — deö „W ild tödterS". d-S „Letzten Mohikan», des „Pfadfinders" und der „Ansiedler". Anm. d. U. Erstes Kapitel- Kann, guter Schäfer. Liebe oder Geld Bequemlichkeit in dieser Wüste kaufen. So schaff' uns einen Ruheplatz und Speise. Wie es euch gefällt. Es wurde viel zu seiner Zeit geredet und geschrieben, ob es politisch sei, die weiten Striche von Luisiana mit den schon ! ungeheuren und kaum zur Hälfte bebauten Ländereien der Verei- i nigten Staaten zu verbinden. Als sich indessen die Lust am Streite gelegt hatte, und alle Parteiinteressen freisinnigeren Ansichten gewichen waren, mußte man allmählig die Weisheit dieser Maßregel anerkennen. Man sah auch bei den beschränktesten ! Fähigkeiten bald ein, daß, während die Natur im Westen eine ! Wüste als Schranke gegen die Ausbreitung unserer Bevölkerung gesetzt, jene Einverleibung uns doch zu Herren eines fruchtbaren Landstrichs gemacht habe, der bei den Revolutionen dieser Tage leicht in Besitz eines Nachbarvolkes gerathen wäre. Sie machte uns ferner zu Herren des großen Durchwegs durch das Innere des Landes, sie gab uns Gewalt und Aufsicht über die zahllosen, , längs unserer Gränzen liegenden Jndianerstämme, sie glich streitige Rechte äus und beschwichtigte nationales Mißtrauen. Ebenso wurden dadurch tausend Zugänge zum inländischen Verkehr und zu den Gewässern des stillen Meeres geöffnet, und sollte jemals Zeit oder Nothwendigkeit eine friedliche Trennung dieses ungeheuren Reiches verursachen, so sicherte sie uns einen Nachbar, der unsere Sprache besäße, unsere Religion, unsere Verfassung und, wie man hoffen darf, auch unfern Sinn für politische Gerechtigkeit. Obgleich der Kauf Lnisiana's schon 1803 erfolgte, verzog es sich doch bis zum Frühling des kommenden Jahres, ehe die amtliche Vorsicht des, die Provinz für seinen europäischen Herrn Die Prairie. 1 2 verwaltenden Spaniers die Autorität, ja selbst den Eintritt der neuen Eigenthnmer zuließ. Kaum aber, daß alle Formen der Uebergabe erfolgt und die neue Regierung anerkannt war, als auch Schwärme des rastlosen Volkes, das immer an den Gränzen des kultivirten Amerika lagert, mit demselben sorglosen Muthe in die Dickichte am rechten Ufer des Missisippi stürzten, welcher schon so Manchen unter ihnen auf ihrem mühsamen Vordringen von den atlantischen Staate» nach den östliche» Ufern dieses ,Vaters der Flüsse" *) begleitet hatte. Es gehörte freilich Zeit dazu, die zahlreich znströmenden Ansiedler ans der untern Landschaft mit ihren neuen Landsleuten zu verschmelze»; die sparsamere Bevölkerung der oberen ward aber fast augenblicklich von dem großen Strudel, vom Strome dieser neuen Auswanderung, angeschwellt. Die Einwanderung von Osten war ein neues plötzliches Vordringen eines Volkes, welches nur einen augenblicklichen Widerstand gefunden, nachdem es durch seine ununterbrochenen Fortschritte fast unwiderstehlich geworden. Sorge und Mühe bei früheren Unternehmungen waren vergessen, als diese endlosen und unerforschten Gegenden, mit allen ihren eingebildeten und wirklichen Vortheilen, sich ihrem Unternehmungsgeiste öffneten. Die Folgen waren, wie man sich denken kann, wo so lockende Anerbietungen einem unter Abenteuern groß gewordenen, und in Fährlichkeiten erzogenen Geschlechte gezeigt wurden. Tausende von Familienvätern ans den ,Neuen Staaten'*''), wie sie damals hießen, ihre schwer erworbenen Rechte und Be- *) So heißt der Missisippi in mehreren indianischen Sprachen. Der Leser wird einen vollständigeren Begriff von der Bedeutsamkeit dieses Stromes erhalten, wenn er sich erinnert, daß der Missouri mit dem Missisippi eigentlich nur einen Fluß bildet. Ihre vereinigte Lage kann nicht viel weniger als 400 englische Meilen betragen. ") Alle Staaten, welche sich der amerikanischen Union nach der Revolution anschloffen. heißen, mit der Ausnahme von Vermont, neue Staaten. Vermont leitete seine Ansprüche aus einer Periode vor dem Kriege ab; sie wurden jedoch erst später anerkannt. 3 gnemlichkeiten gering schätzend, brachen auf, und führten lange Reihen von Abkömmlingen, geboren und auferzogen in den Wäldern von Ohio und Kentucky, tiefer in jenes Land, welches, ohne Beihilfe der Poesie, füglich ihr natürlicher und ihnen verwandter Himmelsstrich genannt werden konnte. Darunter war auch der kräftige und entschlossene Mann des Waldes, der zuerst die Wildnisse des letzter» Staates durchdrungen hatte. Noch einmal setzte dieser unternehmende und ehrwürdige Patriarch *°) seinen Stab weiter, indem er den .endlosen Strom' zwischen sich und der Menge fliesten ließ, die sein erster Erfolg ihm nachgezogen hatte, und nach Erneuung der Lust suchte, deren vormalige Befriedigung in seinen Angen den Werth verloren hatte, als sie in die Formen menschlicher Einrichtung eingezwängt erschien. Bei Unternehmungen dieser Art werden die Mensche» gewöhnlich von ihren vorherigen Gewohnheiten geführt, oder von ihren geheimen Wünschen getäuscht. Einige Wenige, von Traumbildern der Hoffnung und von der Sucht, bald Nachfolger zu finden, geleitet, drangen tief in das jungfräuliche Gebiet ein, . aber bei weitem der größere Theil der Auswanderer begnügte sich, längs der Ufer der ungeheuren Wafferströme sich niederzulaffen, zufrieden mit den reichen Segnungen, welche das angeschwemmte Userland auch dem unbeständigen Fleiße seiner Bebauer gewährt. Auf diese Weise bildeten sich Gemeinden mit magischer Schnelligkeit, und fast Alle, welche Zeugen von dem Ankauf eines nackten Landes gewesen, haben noch das Aufblühen eines volkreichen und unabhängigen Staates erlebt, der von seinen Einwohnern unter Bedingung der politischen Gleichheit als ein besonderes Ganze in den allgemeinen Nationalverband ausgenommen worden. ') Obrist Boo». der Patriarch von Kentucky. Dieser ehrwürdige und kühne Verbreiter der Civilisation wunderte noch in seinem zweiundneunjigsten Lebensjahr nach einem 306 englische Meilen westlich vom Missisippi gelegenen Striche aus, weil ihm eine Bevölkerung von Zehn auf die Ouadratmeile schon übermäßig groß «orkam. 1 * 4 MÜWM! i t i' ! ! Die mit unserer vorliegenden Legende in Verbindung stehenden Vorfälle und Auftritte fallen in die früheste Periode der Unternehmungen, die zu einem so großen und schnellen Erfolge geführt haben. Die Ernte des ersten Jahres seit unserer Besitznahme war schon lange vorüber, und das Laub an den Bäumen färbte sich herbstlich, als ein Zug von Wagen sich ans dem ansgetrockneten Bette eines Baches heransbewegte, um seinen Weg über die wellenartige Oberfläche einer — wie sie in der Sprache des Landes, von dem wir schreiben, heißt — ,wallenden Steppe* (rollinA prairle) fortzusetzen. Die Fuhrwerke, beladen mit allen Arten von Hansgeräth, die wenigen Schafe und das Hornvieh, die mitten im Zuge getrieben wurden, und der rohe Anstritt und die sorglose Miene der stämmigen Männer, welche an der Seite der Gespanne einhergingen, kündigten zusammen eine Gesellschaft Emigranten an, die nach dem Eldorado des Westen suchten. Gegen die gewöhnliche Praktik von Leuten der Gattung hatte diese Gesellschaft den fruchtbaren Boden des niedern Landes verlassen, und ihre Wanderung ans Wegen, wie sie nur solchen Abenteurern bekannt sind, durch Schluchten und Bergströme, über tiefe Moräste und öde Steppen, nach einem Orte gerichtet, der weit über die Gränzen der Civilisation hinanslag. Vor ihnen lagen jene breiten Ebenen, die sich mit so wenig Abwechselung im Charakter bis zum Fuße der Rocky Mountains ausdehnen, und manche lange und traurige Meilen hinter ihnen schäumten die schnellen und reißenden Wellen der La Platte. Die Erscheinung eines solchen Zuges an dieser trostlosen, öden Stelle wurde noch merkwürdiger durch den Umstand, daß die Gegend umher so wenig darbot, was für einen unternehmenden Geist von Reiz gewesen wäre, und, wo möglich noch weniger, was den Hoffnungen eines gewöhnlichen Ansiedlers in neuen Ländern hätte schmeicheln können. 5 Die spärlichen Kräuter auf der Wiese versprachen nichts, da der Boden, über welchen die Wagenräder so leicht, als über einen festgestainpften Weg fortrollten, starr und hart war. Auch ließen Wagen und Thiere keine andere Spur zurück, als hie und da das welke zertretene Gras, welches die Ochsen von Zeit zu Zeit abrissen, aber eben so oft wieder fortwarfen, da diese saure Kost selbst für ihren Hunger ungenießbar war. Was auch die Bestimmung dieser Abenteurer war, oder die heimliche Ursache ihrer anscheinenden Sicherheit in einer so abgeschiedenen Lage sein mochte, nichts, in Haltung oder Wesen bei irgend Einem unter ihnen, vcrrieth Unbehaglichkeit oder Unruhe. Männer, Frauen und Kinder zusammen gerechnet, waren es über Zwanzig. In geringer Entfernung vor dem Trupp marschirte Jemand, welcher, seiner Haltung und Miene nach, der Anführer zu sein schien. Es war ein großer, von der Sonne verbrannter Mann, über die mittleren Jahre hinaus, dessen dreistes Wesen und stummes Auftreten alles Andere eher aussprachen, als Nachdenken über die Vergangenheit und Sorge für die Zukunft. Sein Kör-, per war eigentlich geschmeidig und biegsam, aber trotz der Ausdehnung der Glieder verrieth sich darin eine ungemeine Kraft. Jedoch nur zuweilen, wenn irgend ein leichtes Hinderniß ihm auf seinem lässigen Hinschlendern in den Weg trat, zeigte dieser sein Körper, der sich bis dahin in Schlaffheit und Abspannung, was man nennt, gehen ließ, etwas von jener gewaltigen Kraft, die in seinem Gliederbau verborgen lag, wie die schlummernde, aber unbeugsame und furchtbare Stärke des Elephanten. Die unteren Gesichtszüge bei ihm zeigten sich roh, breit und leer, während die oberen, oder jene edlen Theile, die Sinn und Geist ausdrücken sollen, fast ohne höher» Ausdruck waren. Sein Anzug bestand aus einem Gemisch der gröbsten Kleidungsstücke, die ein Landmann zu tragen pflegt, mit solchem 6 Lederzeug, wie ihn die Mode und dos Herkommen bei Leuten seines gegenwärtigen Treibens fast nothwendig machte. Doch vereinigte sich auch noch mit seinem Anzüge ein wunderbarer Schmuck von allen möglichen, mit eben so viel Verschwendung, als geringen Geschmack ausgesuchten Zierrathen. Statt des gewöhnlichen Gürtels von Hirschfell trug er um seinen Leib eine verschossene seidene Binde von den grellsten Farben; der hörnerne Griff seines Seitenmessers war verschwenderisch mit Silberplatten belegt, der Marderpelz seiner Muhe war so fein und ausgesucht, daß eine Königin sich seiner nicht geschämt hätte; die Knöpfe seines schmutzigen, wollenen Rockes waren ans dem glänzenden mexikanischen Gepräge, der Schaft seiner Flinte aus dem schönsten Mahagoni, eben so kostbar die Gebinde und Schrauben; und die Bänder und Bummeleien dreier Uhren ohne Werth hingen und klirrten an drei verschiedenen Orten herab. Zn dem Ranzen und der Flinte, die über seinem Rücken, im Verein mit dem wohlgefüllten und sorgsam bewahrten Pulverhorn und Schrotbeutel hingen, hatte er eine scharfe, glänzende Holzaxt nachlässig über die Schulter geworfen, und trug diese ganze Last mit so anscheinender Bequemlichkeit, als ginge er ganz frei und nicht von der geringsten Bürde beschwert. Kurz hinter diesem Manne kam ein Trupp junger Leute, fast eben so angezogen, und unter einander und mit dem Führer von einer Aehnlichkeit, die sic vollkommen als Kinder einer Familie bezeichnte. Obgleich der jüngste von ihnen kaum über die Jahre hinaus sein mochte, in welchen der Mensch, nach der feinen Unterscheidung der Gesetze, frei zu handeln anfängt, so hatte er sich doch schon seines Erzeugers so würdig erwiesen, daß sein aufgeschossener Wuchs bereits die Familienhöhc erreichte. Es waren da noch ein oder zwei etwas verschiedene Gestalten, deren Schilderung wir uns aber für den Fortlauf der Geschichte verspüren müssen. Von den Weibern hatten nur zwei das mannbare Alter er- reicht, wiewohl mehrere weißköpfige, olivenfarbige Gesichter aus dem ersten Wagen mit Augen voller Neugier und charakteristischer Lebendigkeit heransblickten. Die ältere von de» beiden Erwachsenen war die blaffe, an Runzeln reiche Mutter des großer» Theils der Gesellschaft, und die jüngere ein munteres, rüstiges Mädchen von achtzehn Jahren, die ihrer Figur, dem Anzuge und dem Gesichts- ansdrnck nach, einem Stande anzngehören schien, der mehrere Stufen höher sein mochte, als der aller ihrer Reisegefährten. Der zweite Wagen war mit einem so dichten, tuchenen Plan überzogen, daß man bei der äußersten Sorgfalt nichts von dem Inhalt entdecken konnte. Die übrigen endlich waren mit keinen werthvolleren Effekten beladen, als dem rohen Geräthe, welches Leuten gehören kann, die jeden Augenblick bereit sind, ohne Rücksicht ans Jahreszeit und Entfernung ihren Aufenthalt zu wechseln. Vielleicht war nichts in dem ganzen Zuge, oder im Aufzuge der Leute, was uns nicht täglich ans den Straßen unserer beweglichen Landstriche begegnen mag. Aber die einsame und sonderbare Umgegend, wo Beides so unerwartet znsammentraf, lieh der Gesellschaft einen seltsamen Anstrich von Wildheit und Abenteuerlichkeit. In den kleinen Gründen, auf welche sie, bei der abwechselnden Bildung des Landes, nach jeder Meile stießen, begegneten ihrem Auge auf der einen Seite die allmähligen Erhebungen des Bodens, welche diesen Stellen den oben erwähnten Namen der ,wallenden Steppen' verschaffen, während ans der andern eine dürftige Aussicht ans lange, enge und unfruchtbare Niederungen sich darbot, nur hie und da durch ärmliche Streifen einer selten üppiger werdenden Vegetation unterbrochen. Von den Höhen dieser Erdschwellen oder Wellen herab wurde das Auge ermüdet durch die ewige kalte und trübe Einförmigkeit der Landschaft. Die Erde glich dem Qcean, wenn seine rastlosen Wogen, nach der überstandenen Wuth des Sturmes, in regelmäßigerHöhe schwer aufseufzen und niederfallen. Hier dieselbe regelmäßige Wellenbildnng, dieselbe Abwesenheit jedes 8 fremden Gegenstandes, und dieselbe gränzenlose Weite der Aussicht. Ja, die Aehnlichkeit zwischen Wasser und Land war so schlagend, daß, wie auch der Geologe über eine so einfache Theorie lächeln möchte, es dem Dichter doch schwer fallen würde, nicht anznnehmen, daß die Formation des einen Elementes durch die weichende Herrschaft des andern gebildet worden. Hier und dort schoß ein schlanker Baum aus der Tiefe seine matten Aeste hervor, wie irgend ein einsames Schiff; und um die Täuschung ganz zu vollenden, blitzten in der weitesten Ferne zwei oder drei Waldwipfel hervor, in dem nebligten Horizonte wie Inseln ans der Tiefe des Meeres vorschimmernd. Ich brauche nicht erst dem unterrichteten Leser zu sagen, daß die Einförmigkeit der Oberfläche und der niedrige Standpunkt der Zuschauer die Entfernung vergrößerte; aber indem Welle ans Welle folgte, und Eiland auf Eiland, da sprach sich die traurige Gewißheit aus: daß lange und scheinbar unbegränzte Landstriche durchzogen werden müßten, ehe die Wünsche auch des demüthigsten Landmannes in Erfüllung gehen könnten. Noch immer verfolgte der Anführer dieser Auswanderer seinen Weg, selbst von keinem andern Führer, als der Sonne, geleitet, indem er seinen Rücken entschlossen den Wohnstätten der Civilisation zukehrte, und bei jedem Schritte immer tiefer, wo nicht gar ohne Möglichkeit des Rücktritts, in die Wildnisse versank, wo bisher nur Barbaren und Wilde hausten. Als sich der Tag seinem Ende näherte, begann indessen doch sein Sinn, der vielleicht unfähig war, irgend Etwas zu nähren, was mit einem Borausbedenken anders verwandt war, als durch die Sorge für die augenblickliche Noth- durft, ein wenig von der Frage beunruhigt zu werden: was man bei der nahenden Dunkelheit zu thnn habe. Als er die Spitze einer Erdwelle, die etwas höher als die übrigen war, erstiegen hatte, verweilteereine Minute, und warf einen halb neugierigen Blick nach beiden Seiten, die wohlbekannten Zeichen aufzusuchen, welche einen Platz ankündigten, wo man 9 die drei Hanptbedürfniffe: Wasser, Feuerstoff und Futter, zusammen antreffen möchte. Es gewann den Anschein, als sei sein Suchen fruchtlos; denn nach einigen Augenblicken einer stummen und ruhigen Prüfung ließ er seinen gewaltigen Körper den sanften Abhang ungefähr so verdrossen hinunter steigen, wie ein übervoll gemästetes Schlachtvieh auf des Treibers Peitsche hinabschreiten würde. Schweigend folgten die klebrigen seinem Beispiel; doch zeigten die jungen Männer vorher weit mehr Antheil, wo nicht Bestürzung, als er, bei der kurzen Prüfung, die jeder von ihnen nach der Reihe, als sie auf dieselbe Stelle der Aussicht gekommen waren, anstellte. Aus der lässigen Bewegung von Thier und Mensch war es jetzt klar, daß die Zeit, wo sie ruhen müßten, nicht mehr fern sei. Das verschlungene Gras des niedern Bodens zeigte Hindernisse, welche die Müdigkeit furchtbar zu machen anfing, und die Peitsche wurde schon nöthig, um die zaudernden Gespanne zur Arbeit anzutreiben. In diesem Augenblicke, wo, mit Ausnahme des Anführers, eine allgemeine Mattigkeit sich der Reisenden bemächtigte, und jedes Auge, wie auf gemeinschaftlichen Antrieb, nach vorwärts gerichtet war, wurde die ganze Gesellschaft mit Einemmale durch einen eben so plötzlichen als unerwarteten Anblick zum Stillstehen gebracht. Die Sonne war hinter dem Kamm einer der nächsten Erdwellen untergegangcn, ein reiches und glühendes Abendroth zurück- laffend. Mitten in dieser lichten Glut erschien eine menschliche Gestalt, scharf abgränzend gegen den goldenen Hintergrund, so erkennbar und anscheinend so nahe, als brauche man nur die Hand auszustrecken, um sie zu greifen. Es war eine kolossale Gestalt; ihre Stellung war nachdenkend und schwermüthig, und gerade dem Wege zngekehrt, de» die Fremden kommen mußten. Aber wegen des blendenden Lichtes, das sie umstrahlte, war es unmöglich, etwas Näheres über ihren Eigentümer zu entdecken. 10 Die Wirkung dieses Anblicks war mächtig. Der Anführer der Answanderer hielt plötzlich still, und blickte das geheimnißvolle Wesen mit dumpfem Staunen, das aber sehr bald in eine Art abergläubischer Ehrfurcht überging, an. Seine Söhne hielten sich, nachdem das erste Staunen oder Schrecken sich ein wenig gelegt, dicht um den Vater, und als die Führer der Gespanne allmählig ihrem Beispiel folgten, hatte sich die ganze Gesellschaft bald zu einer schweigenden und verwunderten Gruppe gesammelt. Obgleich die Reisenden hier fast Alle so ziemlich von einer übernatürlichen Erscheinung ergriffen schienen, hörte man doch Hähne spannen, und einer oder zwei von den kühnsten unter den Jüngeren senkten ihre Flinten, um, wenn es galt, bereit zu stehen. „Schick' die Jungen rechts hin!" rief die entschlossene Frau und Mutter, mit einer scharfen, mißtönenden Stimme; „ich wette, Asa oder Abner werden schon was von der Kreatur zu erzählen wissen!" „Es wäre immer gut, die Flinte zu probiren," murmelte ein verdrossen vor sich hinblickender Manu, dessen Züge, ihrem ganzen Ausdruck nach, keine geringe Aehnlichkeit mit denen der zuerst Redenden trugen. Er nahm seine Flinte vom Rücken, und brachte sie ohne Aufsehen sich handrecht, indem er dabei seine entschiedene Meinung äußerte: „die Pawnee Loups °^) sollen bei Hunderten hier auf den Feldern jagen, und wenn dem so ist, werden sie auch keinen Einzelnen von ihrem Stamm vermissen." „Halt!" rief eine sanfte, aber von Furcht aufgeregte weibliche Stimme, die von keines Andern, als den zitternden Lippen der jünger» von den beiden Frauen kommen konnte: „wir sind nicht Alle beisammen, es kann ja aucb ein Freund sein!" „Wer geht auf Kundschaft aus?" fragte der Vater, indem er dabei verdrießlich die zufammengedrängte Stellung seiner starken Söhne ansah. „Fort! fort mit der Flinte!" sagte er dann, mit ') Indianer, zwischen den Flüssen Missouri und Platte. 11 einem Riesenfinger und der Miene Eines, dem sich nicht gut Etwas abschlagen läßt, Jenen von seinem Vorhaben abhaltend. „Mein Stück Arbeit ist noch nicht ans; laß uns das Bißchen, was noch übrig ist, in Frieden fertig machen." Der Mann, welcher eine so feindliche Gesinnung an den Tag gelegt, schien des Andern Anspielung zn verstehen, und fügte'sich in die Weisung. Die Söhne wandten sich mit ihren fragenden Blicken an das Mädchen, welches so eifrig gesprochen, um Aufklärung zn erhalten; aber, wie zufrieden mit dem für den Fremden erhaltenen Aufschub, war sie wieder in ihren Sitz zurückgesnnken, und gefiel sich nun in einem jungfräulichen Stillschweigen. Indessen hatte das Abendrots) schon oft seine Farben gewechselt. Statt des, das Auge verblendenden Glanzes, folgte ein mehr graues und matteres Licht, und je mehr Flimmer und Schimmer verschwand, wurden die Verhältnisse der gigantischen Gestalt auch gewöhnlicher, und traten endlich ganz deutlich hervor. Beschämt über das Zandern, jetzt, wo die Wahrheit nicht länger zweifelhaft war, setzte der Anführer der Gesellschaft den Marsch fort, indem er beim Hinanfsteigen ans eine gelinde Anhöhe die Vorsicht gebrauchte, auch seine Flinte in den Arm zu nehmen, und in eine Lage zu bringen, daß sie im Nothfalle ihm zur Hand sei. Es schien indessen wenig Noth zn sein, eine solche Wachsamkeit anzuwenden. Vom ersten Augenblicke an, wo sie so unerwartet zwischen Himmel und Erde erschienen war, hatte die Gestalt des Fremde» sich weder bewegt, noch das geringste Zeichen von feindlicher Absicht gegeben. Ein Körper, welcher die Stürme von mehr als achtzig Wintern ausgehalten, war nicht geeignet, Furcht in der Brust eines so kräftigen Mannes, wie unser Auswanderer, zu erwecken. Ungeachtet der Jahre und der Abmattung, wo nicht gar der Leiden, lag Etwas in Jenem, was zn sagen schien, daß es die Zeit gewesen und nicht die Krankheit, welche ihre Hand schwer auf ihn fallen lassen. Seine Gestalt war welk geworden, aber 12 nicht ganz znsainmengefallen. Sehnen und Muskeln, einst Zeugen gewaltiger Kraft, waren, obgleich zusammengeschrumpft, noch immer sichtbar, und seine ganze Figur sprach von einer Ausdauer, die, stünde nicht die wohlbekannte Gebrechlichkeit alles Menschlichen im Wege, Trotz geboten hätte allen weiteren Fortschritten der Hinfälligkeit. Sein Anzug bestand größtentheils aus Thierfellen, die rauhe Seite nach außen. Jagdtasche und Horn hingen ihm von der Schulter herab, und er lehnte sich auf eine Flinte von un- wöhnlicher Länge, die aber, wie ihr Eigenthümer, von einem langen und scharfen Dienst zeugte. Als die Gesellschaft diesem einsamen Wesen näher kam, so daß man sich gegenseitig hören konnte, tönte ein heiseres Geheul ans dem Grase zu seinen Füßen, und daun erhob sich ein großer, magerer, zahnloser Hund lässig vom Lager, und indem er sich schüttelte, schien es, als wolle er sich dem Näherkommen der Reisenden widersetzen. „Nieder! Hektor, nieder!" rief sein Herr, mit einer schon ein wenig zitternden und vor Alter hohlen Stimme: „was hast du zn schaffen mit Leuten, die in ehrlichem Beruf reisen?" „Fremder, wenn Ihr gehörig bekannt seid hier in der Gegend," sprach der Führer der Emigranten: „so könnt Ihr wohl einem Reisenden sagen, wo er den Nothbedarf für die Nacht findet." „Ist das Land denn schon voll ans der andern Seite des großen Stromes?" fragte der alte Mann feierlich, und ohne scheinbar auf die Frage des Andern zu hören; „oder wcßhalb sehe ich ein Antlitz, von dem ich nie geglaubt, daß ich cs wieder sehen sollte?" „Freilich ist noch Land drüben, aber nur für die, die noch Geld haben, und eben nicht schwierig sind bei der Wahl," ent- gcgnete der Fremde, „aber für meinen Geschmack ist's schon zu voll drüben. Wie weit ist's wohl von hier bis zu dem nächsten Punkt an; großen Flusse hinter uns?" 13 „Ein gejagter Hirsch könnte seinen Leib nicht eher im Missisippi kühlen, bis daß er lange fünfhundert Meilen gelaufen wäre." „Und mit welchem Namen möchtet Ihr die Gegend hier nennen?" „Mit welchem Namen," erwiedertc der alte Mann, bedeutungsvoll nach oben zeigend, „möchtet Ihr den Fleck da nennen, wo Ihr jene Wolke erblickt?" Der Auswanderer sah den Andern an, wie Einer, der seine Meinung nicht verstand, oder halb argwöhnisch würde; er begnügte sich aber doch zu sagen: „Ihr seid auch nur ein neuer Einwohner, so wie ich selbst; ich denke mir's wenigstens so, sonst würdet Ihr doch nicht so ungefällig gegen einen Reisenden sein, wo es nur einen Rath gilt, der so wenig kostet, und doch bisweilen freundschaftliche Berbin- dnngen knüpft." „Ein Rath ist keine Gabe, sondern eine Schuld, die das Alter der Jugend zahlen muß. Was wünscht Ihr zn wissen?" „Wo ich die Nacht lagern mag. Ich mache eben keine Schwierigkeiten, was Bette und Kost anbelangt, aber alle alte Reisende, wie ich, kennen den Vorzug des süßen Wassers und guter junger Sprossen für das Hornvieh." „Kommt den» mit mir, und Ihr sollt Beides finden; und es ist nicht viel mehr, was ich auf dieser hungrigen Wiese anbieten kann." Als der alte Mann so sprach, nahm er seine schwere Flinte über die Schulter, mit einer, für seine Jahre und hinfällige Gestalt merkwürdigen Leichtigkeit, und ohne weitere Worte zu verlieren, führte er die Reisenden den Abhang hinab, in den unten liegenden Grund. 14 Zweites Kapitel. Schlagt auf mein Zelt! Hier lieg' ich diese Nacht. Wo aber morgen? — Das ist Alles eins. Richard HI. Die Reisende» entdeckten bald, daß die gewöhnlichen nnd nie täuschenden Anzeigen jener in ihrer Lage nvthigen Gegenstände nicht fern waren. Ein klarer, mnrmelnder Quell rieselte von Vereinen Seite des Abhangs, nnd indem er sich mit ähnlichen Brünn- lein aus der Nachbarschaft vereinigte, bildeten sie zusammen einen kleinen Bach, de» man leicht mit dem Auge meilenweit ans der Haide verfolgen konnte, da an seinem befeuchteten Rande hie und da etwas Grünes vorschoß. Diesem entlang führte der Fremde, dem das Zugvieh willig folgte, vvm Instinkte belehrt, daß Erfrischung und Ruhe hier zu finden wären. Als er den Flecken erreichte, der ihm angemessen schien, hielt der alte Mann inne, nnd schien mit einem feinen Blick zu fragen, ob der Ort wohl die nöthigen Bequemlichkeiten enthalte. Der Führer der Auswanderer warf seine Angen bedächtig umher, und untersuchte den Play mit dem scharfen Blick Jemandes, der vollkommen auf eine solche Frage zu antworten versteht, obgleich auf die zögernde und prüfende Weise, die ihn niemals einen voreiligen Entschluß fassen ließ. „Ei, das mag gehen," sprach er, als er mit der Prüfung zufrieden war. „Jnngens, ihr habt die Sonne nntergehen sehen, nun frisch auf!" Die jungen Leute zeigten ihre Folgsamkeit gegen die Weisung auf eine eigene Art. Der Befehl — denn ein solcher war es nach Geberde nnd Ton der Stimme — wurde zwar mit Ehrfurcht empfangen, aber das Aeußerste, was geschah, war, daß eine oder zwei Aexte von den Schultern herabfielen, während die Besiher dersclben mit regungslosen Blicken fortfnhren, die Stelle anzngaf- fen. Zugleich machte auch der ältere Reisende, längst vertraut mit der Natur der seine Kinder beherrschenden Antriebe, sich frei 15 von Bogen und Flinte, und, unterstützt von dem Manne, der uns «Hon bekannt ist, und der so geneigt war, auf die Flinte sich zu vr^ifen, ging er ruhig daran, das Lastvieh loszuspannen. Endlich kam auch der älteste von den Söhnen in einige Bewegung, und ohne scheinbare Anstrengung grub er seine Axt tief in das weiche Solz eines Banmwollenbanmes. Einen Augenblick stand er, die Wirkung seines Schlages betrachtend, mit der Art Verachtung, wie etwa ein Riese den kläglichen Widerstand eines Zwerges anschauen könnte, und fällte dann, nachdem er Alles, was ihn hindern konnte, abgeworfcn, mit der Anmnth und Geschicklichkeit, mit welcher ein Fechtmeister seine edlere, wenn auch weniger nützliche Waffe, schwingen würde, schnell den Stamm des Baumes, indem der schlanke Wipfel, in Unterwürfigkeit krachend, sich ihm zu Füßen legte. Seine Kameraden hatten der Arbeit mit träger Neugier zngeschaut, bis sie den hingestürzten Stamm auf dem Boden erblickten. Jetzt, als wäre das Signal zu einem allgemeinen Angriff gegeben, gingen sie gemeinschaftlich an's Werk, und in kurzer Zeit befreiten sie, aber mit einer so netten, geschickten Ausführung, welche einen unwissenden Zuschauer in Erstaunen gesetzt haben würde, einen kleinen behaglichen Fleck von seiner ganzen Waldlast, so daß es den Anschein gewann, als habe ein Wirbelwind den Play geräumt. Der Fremde hatte schweigend, aber aufmerksam, ihre Tätigkeit beobachtet. Als Baum nach Baum pfeifend niedersank, richtete er die Augen nach oben, mit wehmüthigem Blicke die dadurch frcigewordenen Stellen am Horizonte verfolgend, und wandte sich endlich ab, indem er bitter lächelnd Etwas bei sich murmelte, wie Einer, der es verschmähte, noch deutlicher sein Mißvergnügen zu äußern. Indem er sich durch die Gruppe der thätigen und geschäftigen Kinder, welche bereits ein lustiges Feuer angezündet hatten, drängte, beobachtete er nun ernst 16 alle Bewegungen des Führers und seines so wild aussehenden Begleiters. Diese Beiden hatten schon das Hornvieh losgemacht, das eifrig die jungen Zweige und Sprossen von den Kronen der gefällten Bäume abnagte, und waren jetzt bei dem Wagen beschäftigt, von dem wir sagten, daß sein Inhalt mit so ganz besonderer Sorgfalt sei verdeckt gewesen. Obgleich er eben so still und ohne Bewohner z» sein schien, wie die übrigen Fuhrwerke, so strengten doch die Leute ihre ganze Kraft an, und rollten ihn von den anderen entfernt, nach einem trockenen und höheren Fleck dicht am Dickicht. Hier brachten sie mehrere Pfähle herbei, die anscheinend schon lange zu diesem Dienste gebraucht worden, und indem sie die stärkeren Enden fest in den Grund schlugen, wurden die schwächen! an die Reifen befestigt, welche den Plan des Wagens trugen. Dann wurden eine Menge Decken aus dem Fuhrwerk genommen, und nachdem sie über das Ganze ausgebreitet waren, befestigte man sie noch so an die Erde, daß sie ein mäßiges und sehr bequemes Zelt bildeten. Nachdem die Leute ihr Werk mit prüfendem und vielleicht gar neidischem Auge betrachtet, hier eine Falte zurecht gezogen, dort einen Pfahl fester ringeschlagen, wandten sie noch einmal ihre Kräfte auf den Wagen selbst, indem fle ihn an der Deichsel mitten aus der gemachten Deckenhülle hervorzogen, bis er, seiner Bedeckung beraubt, und jeder andern Last als weniger leichter Geräthschaften ledig, im Freien stand. Auch diese wurden augenblicklich abgeladen, und von dem Reisenden sorgfältig selbst in das Zelt getragen, gleich als sei der Eintritt dort ein Vorrecht, das sogar seinem Busenfreunde nicht zukäme. Da die Neugier eine Leidenschaft ist, welche durch die Abgeschiedenheit eher wächst als schwindet, so konnte der alte Bewohner der Steppe diese geheimnißvollen Anordnungen nicht ohne einen leichten Anflug dieses Triebes mit ansehen. Er näherte sich dem 17 Zelt, und war drauf und dran, zwei Falten zurückznschlagen, mit der sehr deutlichen Absicht, näher in den Inhalt hineinzublicken, als der Mann, welcher schon einmal seine Lust zur offenen Feindseligkeit verrathen, ihn beim Arm ergriff, und mit einer etwas rohen Kraftanstrcngnng von dem Flecke znrückriß, den er sich einmal als den geeignetsten zu seinem Zwecke ausersehen hatte. „'s ist ein ehrlich Sprnchwort, Freund," bemerkte der Kerl etwas trocken, aber mit einem Auge, das drohende Blicke schoß, „und zuweilen inag's eine Seele retten, das da heißt: Kümm're Dich um Deine eigenen Sachen." „Die Leute bringen selten Etwas in diese Wüstenei, was verborgen werden soll," erwiederte der alte Mann, als wolle er, und misse doch nicht recht wie, die Freiheit, die er sich eben im Begriff gestanden, zu erlauben, entschuldigen; „und ich meinte Niemand zu kränken, indem ich hineinsah." „Sie bringen überhaupt wohl selten sich selber her," antwortete der Andere rauh; „es sieht wohl ans wie eine alte Gegend, aber sie scheint mir wahrhaftig gerade nicht übermäßig bevölkert." „Das Land ist, glaube ich, so alt wie die anderen Werke des Herrn; aber Ihr sprecht richtig, wenn Ihr die Einwohner meint. Viele Monde sind verstrichen, seit mein Auge znm letzten Male ein Gesicht von meiner eigenen Farbe gesehen. Noch einmal, Freund, ich meinte nichts Böses. Ich dachte nur, es möchte was hinter der Decke stecken, was mich an frühere Zeiten erinnern könnte." Als der Fremde seine einfache Erklärung geendet, ging er langsam weg, wie Jemand, der da tief das Recht empfindet, das Jedermann auf den ruhigen Besitz seines Eigenthnms hat, ohne daß sei» Nachbar ihn darin stören dürfe. Ein gesunder Grundsatz, dessen Richtigkeit er vermuthlich in seinem abgeschiedenen Leben ganz empfunden hatte. Als er znrückging nach dem kleinen Lager der Auswanderer — denn zu einem solchen war der Platz jetzt Die Prairic. 2 18 > geworden — hörte er den Führer laut in seinem rauhen und gebietenden Tone rufen den Namen — ,Ellen Wade!' Das Mädchen, mit welchem der Leser schon bekannt geworden, und die mit anderen ihres Geschlechts »m die Feuer beschäftigt war, sprang bereitwillig auf den Nnf hervor, und indem sie mit der Munterkeit einer jungen Antilope vor dem Fremden vorbeihüpfte, war sie plötzlich hinter den verbotenen Vorhängen des Zeltes verschwunden. Weder dies; ihr schnelles Verschwinden, noch Alles, was vorhin vorgefallen war, erregte die geringste Verwunderung unter den klebrigen. Die jungen Leute, die mit ihrer Arbeit, wo es der Axt bedurfte, fertig waren, beschäftigten sich anderweitig auf ihre gewöhnliche stumme, fast träge Art. Einige schütteten und theilten das Futter unter das Vieh, Andere rührten die Krnle in einem tragbaren Welschkornmörser, und Zwei oder Drei rollten die übrigen Wagen so bei Seite, daß sie eine Art von Anßenwerk für ihr sonst vcrtheidignngslvses Bivonac bildeten. Bald war Alles in Ordnung; und als die Dunkelheit begann die Gegenstände in der Haide umher zu verhüllen, verkündete das große Weib, deren Stimme seit dem ersten Halt unter der jungen Brut vielfältig keifend gehört worden, mit so kreischenden Tönen, daß man sie in einer gefährlichen Entfernung verstehen konnte, daß das Abendessen nur auf die Ankunft der Esser warte. Wie es auch sonst mit den Tugenden eines Gränzbewohners stehe, selten fehlt ihm die der Gastfreiheit. Kaum hörte der Auswanderer den scharfen Ruf seines Weibes, als er nach dem Fremden blickte, um ihm den ersten Platz bei dem groben Mahle anznbieten, zu welchem sie jetzt so unförmlich genöthigt worden. „Ich danke Euch, Freund," erwiederte der alte Mann auf die rauhe Einladung, einen Sitz dicht am dampfenden Kessel einzunehmen. „Herzlichen Dank, aber ich habe heut schon für den Tag gegessen, und gehöre nicht zu Denen, die ihre Gräber mit ihren Zähnen graben. Doch wenn Ihr wünscht, setze ich mich hin, denn ''-.M «s ist lange her, daß ich Leute meiner Farbe ihr täglich Brod essen gesehen." „So seid Ihr wohl ein alter Ansiedler in diesen Gegenden," warf der Auswanderer mehr hin, als daß er es fragte, indem sein Mund fast überfloß von dem köstlichen Welschkornbrei, den sein störriges Weib so geschickt znbereitet hatte. „Sie meinten nuten, wir würden die Ansiedler hier am Wege sehr dünn finden, und ich muß wahrhaftig gestehen, sie haben mich nicht falsch berichtet, denn bis ans die Canadahändler am großen Strome, seid Ihr das erste weiße Gesicht, aus das wir gute fünfhundert Meilen weit gestoßen sind; das heißt, nach Eurer eigne» Rechnung gezählt." „Obgleich ich manche Jahre hier zugebracht, kann ich doch kaum für einen Ansiedler gelten, da ich keinen regelmäßigen Wohnsitz habe, und selten über einen Monat auf demselben Anstand bleibe." „Also ein Jäger?" fuhr der Andere fort, indem er einen Seitenblick auf ihn warf, um die Ausrüstung seines neuen Bekannten zu mustern. „Zn solchem Geschäft ist Euer Apparat nicht mehr der beste." „Wird alt, und wartet, bei Seite gelegt zu werden, gleich wie der Herr," sprach der alte Mann, indem er seine Flinte mit einem Blick, in dem Liebe und Kummer sich mischten, betrachtete. „Es thut auch eigentlich nicht mehr Noth. Ihr irrt Euch, Freund, wenn Ihr mich einen ordentlichen Jäger nennt, ich bin nicht viel besser, als ein Wildsteller." „Wenn Ihr das Eine ordentlich seid, so wette ich auch, Ihr seid etwas vom Andern, denn Beides geht in diesen Gegenden Hand in Hand." „Schande Dem, der jenes noch kann, und von diesem Gebrauch macht," erwiederte der Wildsteller"), wenn cs uns erlaubt ist, ihn *) irspper, als technischer Ausdruck, dem Immer schärfer entgegengesetzt, als die deutsche Sprache es übersetzen kann, bezeichnet einen Mann. der sein Wild durch Schlingen und Fallen zu gewinnen sucht, eine Methode, die vornehmlich gegen den Biber. der zu schlau ist. um sich leicht schießen zu lassen, Anwendung findet. D. U. 20 künftig so zu nennen: „länger als fünfzig Jahre führte ich meine Flinte in der Wildniß, ohne eine Schlinge für den kleinsten Vogel zu legen, der doch in den Lüften fliegt, — geschweige denn einem Thiere, dem die Natur nichts als Beine gegeben." „Da sehe ich doch wenig Unterschied, ob ein Mann sein Pclz- werk durch die Flinte oder durch die Schlinge gewinnt," sprach der bösblickende Gefährte des Auswanderers in seiner rauhen und unfreundlichen Weise. „Die Erde wird nun 'mal für den Menschen geschaffen, und drum sind auch die Kreaturen darauf sein." „Ihr führt wenig Plunder mit Euch, alter Jäger, für Einen, der da in der Fremde herumschweift," unterbrach ihn dreist der Auswanderer, als wünsche er jene Unterhaltung zu unterbrechen. „Ich hoffe, mit den Fellen steht es besser bei Euch." „Kann Beides wenig gebrauchen," erwiederte ruhig der Wildsteller; „in meinem Alter sind Nahrung und Kleidung das einzige, was ich bedarf, und was hülfe mir das, was Ihr Plunder nennt, sonst wohl, als daun und wann ein Horn voll Pulver oder eine Stange Blei einzutauscheu." „Ihr seid also eigentlich nicht aus diesen Gegenden, Freund?" fuhr der Auswanderer fort, indem er au den Einwaud des Andern auf das gleichbedeutende Wort dachte, welches er selbst nach dem Ortsgebrauch statt,Gepäck' und ,Effekten' gebraucht hatte. „Ich ward an der Seeküste geboren, ob ich schon den größten Theil meines Lebens in den Wäldern zubrachte." Die ganze Gesellschaft sah nun auf ihn hin, wie die Leute wohl die Augen auf einen unerwarteten Gegenstand allgemeiner Theiluahme zu richten pflegen. Einige von den jungen Leuten wiederholten das Wort ,Seeküste', und die Frau warf ihm einen höflichen Blick zu, was ihr, die trotz aller Gastfreundschaft wenig daran gewöhnt war, sehr schwer zu werden schien. Aber die Ehre, einen so weit gereisten Gast zu bewirthen, forderte das. Nach einem langen und scheinbar nachdenklichen Schweigen 21 Hub der Auswanderer, der indessen dabei gar keine Nothwendig- keit abgesehen, in der Verrichtung des Kauens inne zu halten, wiederum an: „Es ist eine weite Strecke, wie ich gehört habe, von den Gewässern im Westen bis zur großen See?" „Eine ermüdende gewiß, mein Freund, und viel habe ich gesehen, und auch etwas gelitten, als ich sie wanderte." „Man bekäme also ein gutes Stück mühseligen Weges zu sehen, wenn man sie ganz entlang ginge?" „Fünfnndsicbzig Jahre bin ich auf dem Wege gewesen, und es sind nicht die Hälfte Meilen in der ganzen Entfernung, wenn man den Hudson verlassen, daß ich nicht auf jeder ein Wildpret, von mir selbst erlegt, gekostet habe. Doch, wozu das Gerichte Rühmen! was helfen die früheren Thatcn, wenn die Zeit uns ein Ende vorschreibt!" „Ich traf einmal Jemanden, der auf dem Strome, von dem er spricht, geschifft war," bemerkte einer der Söhne, aber in einem so leisen Tone, als traue er seiner eigenen Kunde nicht, und halte es für klug, in Gegenwart eines Mannes, der so viel gesehen, selbst Mißtrauen zu zeigen. „Nach seiner Rede müßte es ein tüchtiger Strom gewesen sein , und tief genug für ein Schiff von der Spitze des Mastes bis zum Kiel unten!" „Es ist ein breiter und tiefer Wasserstrom, und manche stattliche Städte wachsen an seinen Ufern," erwiederte der Jäger; „und doch ist es eigentlich nur ein Bach gegen die Gewässer des endlosen Flusses!" „Ich nenne nichts einen Strom, wo ein Mann herumreisen kann!" rief der finstere Genosse des Auswanderers. „Ein wahrer Fluß, den muß man kreuzen, nicht umgehen, wie den Bären bei der Treibjagd." „Seid Ihr weit vorgedrungcn gegen Sonnenuntergang," unterbrach ihn wieder der Auswanderer, als wünsche er, so weit es gehe, seinen rauhen Gesellschafter aus dem Gespräch zu bringen. „Dieß sind weite, leere Striche, in die wir gerathen sind." „Uno Ihr könnt noch Wochen reifen und cs immer eben so finden. Ich denke oft, der Herr hat diesen unfruchtbaren Gurt von Haiden hinter die Staaten hingestcllt, um die Leute zu warnen, wozu ihre Thorheit das Land machen könne! Ach, Ihr könnt Wochen, wo nicht Monate in diesen offenen Feldern reisen, ohne auf eine Wohnung fiir Mensch oder Thier zu stoße». Selbst die wilden Thiere laufen Meilen um Meilen, ihre Höhlen zu suchen. Und doch bläst der Wind selten von Osten her, ohne daß ich den Ton von Aexten und das Krachen fallender Bäume höre." Wie der alte Mann mit dem Ernste und der Wurde sprach, die in solchem Greisenalter, auch bei minder ergreifenden Stimmungen, nie den Eindruck verfehlen, wurden seine Zuhörer sehr aufmerksam und still wie das Grab. So blieb cs dem Jäger überlassen, das Gespräch selbst wieder anzufangen, was er denn auch bald that, indem er eine Frage unbestimmt hinwarf, wie die Einwohner der Gränzen dieß zu thun pflegen. „Ihr werdet's nicht leicht gefunden haben, über die Gewässer zu kommen, Freund, und Euren Weg so tief hinein in die Haide mit Pferdegespannen und Heerden von Hornvieh anzutretcn?" „Ich hielt mich immer links am großen Flusse," erwiederte der Auswanderer, „bis ich fand, daß der Strom uns zu weit nach Norden hinaufführte. Da machten wir uns drüber weg, eben ohne großen Verlust. Die Frau hat nun, wcnn's nächstes Jahr an's Scheeren geht, zwei Felle weniger Arbeit, »ud die Mädel brauchen künftig eine Kuh weniger zu melken. Seitdem sind wir tüchtig an's Werk gegangen, und es verstrich kein Tag oder doch keiner um den andern, daß wir nicht eine Brücke oder einen Damm schlugen." »Ihr geht vermuthlich immer weiter nach Westen, bis Ihr in ein Land kommt, was sich besser zur Ansiedelung paßt?" 23 „Bis ick einen Grnnd habe, stille zu stehen oder umzukehren;" rief der Auswanderer derb drein, indem er zugleich aufstand und den Dialog durch eine unwillige Miene und die Schnelligkeit seiner Bewegung abbrach. Der Wildsteller folgte mit den klebrigen seinem Beispiel, und die Reisenden bereiteten nun, ohne eben auf die Gegenwart des Gastes zu achten, Alles zu ihrer Nachtruhe. Mehrere kleine Lauben, oder vielmehr Hutten, waren schon ans den Wipfeln der Bäume, groben Decken und Büffelhänten, ohne andere Rücksichten, als den Schutz für den Augenblick, zusammen geflochten worden. Hier hinein krochen Mutter und Kinder augenblicklich, und es ist sehr wahrscheinlich, daß sie sogleich vom feste» Schlafe eingewiegt wurden. Die Männer jedoch hatten noch einige Kleinigkeiten abznmachen, wie: Alles zur Verteidigung in Stand zu sehen, sorgfältig das Feuer zu verbergen, den Ochsen noch Futter vorznschntten und die Wache anszustellen, welche die Gesellschaft in der tiefen Stunde der Nacht beschützen sollte. Das Erstere geschah, indem man einige Baumstämme in die Zwischenräume der Wagen einfügte, und andere über den offenen Platz zog, zwischen den Wagen und dem Dickicht, an welches, in der militärischen Sprache, das Lager sich lehnte, so daß dieses nunmehr auf drei Seiten durch eine Art spanischer Reiter beschützt war. In diesen engen Gränzen (mit Ausnahme dessen, was das Zelt enthielt) befand sich jetzt Mann und Vieh znsammengedrängt, indem das letztere sich viel zu glücklich fühlte, die müden Glieder ansstrecken zu können, als daß es irgend einen trenen, mit etwas mehr Besinnung begabten Reisegefährten hätte stören sollen. Zwei von den jungen Leuten nahmen ihre Flinten in den Arm, und gingen, nachdem sle frisches Zündpnlver auf die Pfanne gethan,, und sorgfältig die Feuersteine geprüft hatten, mit großer Behutsamkeit der Eine auf die äußerste Seite des Lagers rechts, der Andere links, wo sich Jeder so in den Schatten des Dickichts stellte, daß er seinen Theil der Steppe gut überschauen könne. 24 Der Wildsteller war, nachdem er es abgelehnt, die Streu des Auswanderers zu theilen, umhergeschlendert, und verließ nun langsam, ohne ein Wort des Abschieds, den Ruheplatz. Es war jetzt um die erste Nachtwache, und das bleiche, trügerische Licht eines Neumondes spielte über den endlosen Wellen der Steppe, indem es die Hügel-Ränder oben mit Hellem Glanze und die Tiefen dazwischen mit desto dunklerem Schatten färbte. Gewohnt an einsame Auftritte wie dieser, schritt der alte Mann, als er die Fremden verlassen, allein über die ungeheure Weite, wie ein kühnes Schiff, das aus dem Hafen läuft, um sich den unendlichen Gefilden des Oceans anzuvertrauen. Es schien, als bewege er sich eine Zeit lang weiter, ohne bestimmte Richtung oder wenigstens ohne bestimmtes Bewußtsein, wohin ihn seine Füße tragen würden. Endlich, als er am Fuße einer neuen Landwelle ankam, blieb er stehen, und hier wurde der alte Mann zum ersten Mal, seit er die Gesellschaft verlassen, die solche Fluth von Erinnerungen und Betrachtungen über ihn ausgegossen, nachdenkend über seine gegenwärtige Lage. Auf seine Flinte sich stützend, verlor er sich wieder mehrere Minuten in tiefe Betrachtungen, während welcher Zeit sein Hund sich dicht zu seinen Füßen anschmiegte. Ein tiefes, drohendes Gebell weckte ihn zuerst aus seinem Sinnen. „Was gibt es, mein Hund!" sprach er, ans seinen Gefährten niederblickend, und mit einem innigen Tone, als richte er seine Frage an ein vernünftiges Wesen, das mit ihm ans einer Stufe stehe. „He da, was gibt es, Hektor, was stöberst du auf? Nichts, nichts, mein Hund. Die jungen Hirsche spielen selbst offen vor unseren Augen, ohne sich um solche zwei müde getriebene Hunde, wie du und ich, zu kümmern. Instinkt haben sie, Hektor, und da haben sie gefunden, wie wenig wir Beide zu fürchten sind; — haben's gefunden!" Der Hund hob den Kopf auf, und antwortete auf die Worte 25 seines Herrn durch ein langes, klägliches Gewinsel, das noch fortdauerte, als er den Kopf schon wieder in's Gras gesteckt hatte, gleich als wechsele er verständliche Laute mit Einem, der wohl seine eintönige Unterhaltung zu würdigen wisse. „Das ist ja ein offenbares Warnen, Hektor!" fuhr der Jäger fort, indem er leiser sprach und forschend nmherblickte. „Was gibt cs? he, was gibt es?" Der Hund hatte indessen seine Nase schon auf die Erde gelegt und war still; es schien, als schlafe er. Aber seines Herrn schneller und scharfer Blick erfasste bald eine ferne Gestalt, welche durch das trügerische Licht dieselbe Erdwelle, ans der er stand, entlang zu kommen schien. Schon konnte er sie genauer unterscheiden, und nun war es, als zaudere eine luftige, weibliche Gestalt, wie unschlüssig, ob sie weiter gehen solle. Obgleich die Angen des Hundes offen im Strahl des Mondes glänzten, je nachdem er sie öffnete und wieder schloßt so gab er doch kein weiteres Zeichen des Mißbehagens. „Komm' näher, wir sind Freunde," rief der Wildsteller der Gestalt zu, indem er sich mit seinem vierfüßigen Gefährten aus langer Gewohnheit und gewiß auch des geheimen Bandes wegen, das Einen an den Andern hielt, zusammenrechnete. „Wir sind deine Freunde. Es wird dir Keiner etwas thnn." Ermuthigt durch die milden Töne seiner Stimme, und vielleicht auch durch den Ernst ihres Vorsatzes geleitet, näherte sich das weibliche Wesen, bis sie dicht neben ihm stand. Da erkannte der alte Mann das junge Mädchen, welches der Leser bereits unter dem Namen Ellen Wade kennt. „Ich glaubte, Ihr wäret schon fort," sprach sie, ängstlich und scheu umherblickend. „Sie sagten, Ihr wäret fort, und wir würden Euch nie wieder sehen. Ich glaubte nicht, daß Ihr es wäret." „Es gibt nicht viele Leute in diesen leeren Gefilden," entgegnete 26 der Wildfänger, „und ich hoffe zn Gott, ob ich schon lange nur mit den Thieren des Waldes nmgegangen, daß ich doch noch wir Einer ans meinem Geschlecht anssehe." „O, ich wußte, daß Ihr ei» Mensch wäret, und ich glaubte auch das Winseln Eures Hundes zu erkennen," antwortete fle hastig, als wolle sie irgend Etwas ausdrücken, und wisse doch nicht was, und hielt dann plötzlich inne, als fürchte sie, schon zn viel gesagt zu haben. „Ich sah keine Hunde bei den Gespannen Eures Vaters," bemerkte der Wildsteller trocken. „Vater?" rief das Mädchen nicht ohne Bewegung ans. „Ich habe keinen Vater! Fast hätte ich gesagt, ich habe keinen Freund!" Der alte Mann wandte sich hier zn ihr, mit einem Blick voll Güte und Theilnahme, der weit milder war, als der gewöhnliche, wohlwollende, doch ernste Ausdruck seines Gesichtes, das alle Stürme erduldet hatte. „Warum wagt Ihr Euch aber an einen Ort, wo nur der Starke hinkommen sollte?" fragte er. „Wußtet Ihr nicht, als Ihr über den großen Fluß setztet, daß Ihr einen Freund hinter Euch ließet, der immer verpflichtet ist, auf die Jungen und Schwachen, wie Ihr seid, zn blicken." „Wen meint Ihr?" „Das Gesetz. — Schlimm, daß man es haben muß, aber zuweilen, denke ich, es ist noch schlimmer, wo es gar nicht gefunden wird. Ja — ja, das Gesetz ist nöthig, wo es solche zu schützen gilt, denen die Gabe der Kraft und Weisheit abgeht, und Alter und Gebrechlichkeit lassen mich gleichfalls bisweilen diese " Schwäche fühlen. Ich hoffe, junges Mädchen, wenn Ihr keinen Vater habt, habt Ihr doch wenigstens einen Bruder." Das Mädchen fühlte den heimlichen Vorwurf in'der versteckten Frage, und blieb einen Angenblick verwirrt und schweigend. Aber als sie die milden und ernsten Züge des Anderen gewahr ward, 27 indem er sie mit dauernder Theilnahme ansah, erwiederte sie fest und ans eine Art, die ihm keinen Zweifel ließ, daß sie seine Meinung verstehe: „Wolle der Himmel nicht, daß einer von Denen, die Ihr seht, mein Bruder oder sonst für mich ein theures Wesen sei. Aber sagt mir, alter Mann, lebt Ihr denn wirklich ganz allein in dieser Einöde? — Ist hier wirklich Niemand anßer Euch?" „Ihrer Hunderte, ja Tausende von den rechtmäßigen Eigen- thümern des Landes streifen umher ans den Feldern; aber Wenige von meiner Farbe." „Und stießet Ihr auf keine Weiße, als uns?" unterbrach ihn das Mädchen, ungeduldig die langsame Erklärung erwartend, die sein Alter und Nachdenken vorbereitete. „Seit langen Tagen nicht. — He, Hektor, he," setzte er auf ein leises, fast unverständliches Knurren seines Hundes hinzu. „Der Hund riecht Unrichtiges im Winde. Die schwarzen Bären kommen zuweilen von den Bergen bis hieher und noch weiter hinab. Bei harmlosem Wilde schlägt das Thier fast gar nicht an. Freilich bin ich nicht mehr so bei Wege mit der Flinte, wie wohl sonst, wo ich zu meiner Zeit das wildeste Thier auf der Haide erlegte, aber habt darum keine Sorge, junges Mädchen!" Das Mädchen schlug ihre Augen auf, in der gewöhnlichen Weise derer ihres Geschlechts, indem sie zuerst den Boden zu ihren Füßen betrachten, und dainit enden, Alles umher anznschanen, so weit der menschliche Blick reicht. Aber es schien, als fühle sie mehr Ungeduld wie Besorgniß. Ein neues kurzes Anschlägen des Hundes gab Beider Blicken indessen bald eine neue Richtung, und nun erblickte man unten in der Ferne den Gegenstand seiner zweiten Warnung. 28 Drittes Kapitel. Ha. ja! Du bist in deinem Zorn ein so hitziger Bursch, als einer in ganz Italien; eben so ungestüm in deinem Zorne, und eben so zornig in deinem Ungestüm. Romeo und Julie. Obgleich der Wildsteller einiges Erstaunen verricth, als er eine andere menschliche Gestalt, ihnen näher kommend, gewahrte, und das noch dazu von einer, dem Lagerplätze des Auswanderers ganz entgegengesetzten Seite, so geschah dieß doch mit der Festigkeit eines Mannes, der längst an gefährliche Auftritte gewöhnt war. «Dieß ist ein Mann," sprach er, „und einer mit weißem Blut , in den Adern, oder sein Tritt wäre leichter. Es ist gut, aufs Schlimmste gefaßt sein, da alle die Mischlinge"'), welche Einem in diesen entfernten Strichen begegnen, weit barbarischer sind, als die wirklichen Wilden." Während er das sprach, hob er die Flinte ans, und pruste mit dem Finger den Stein und das Zündpnlvcr. Aber sein Arm wurde, gerade während er anlegen wollte, von den ängstlichen und zitternden Händen seiner Gefährtin zuriickgehaltcn. „Um Gotteswillen nicht zu schnell," sprach sie, „es mag ein Freund sein, ein Bekannter, ein Nachbar." „Ein Freund?" wiederholte der alte Mann, indem er sich nachdenklich von ihrem Anfaffen losmachte. „Freunde sind selten in jedem Lande, und hier vielleicht seltener als irgend wo; auch macht die spärliche Nachbarschaft ringsum cs nicht wahrscheinlich, daß der, der da auf uns znkommt, selbst nur ein Bekannter ist." „Wär's auch ein Fremder, weßhalb sein Blut?" Der Wildsteller blickte eine Weile ans ihre ängstlichen und erschreckten Zuge, und setzte dann seine Flinte ans den Boden, wie Einer, der seinen Vorsatz plötzlich geändert hat. *) Die Mestizen. Sprößlinae indianischer Mütter und weißer Väter, haben viel von der Verderbtheit der Civilisation, ohne die guten Eigenschaften der Wilden. „Nein," sagte er, mehr zu sich, als zu seiner furchtsamen Gefährtin, „sie hat recht; es braucht kein Blut, um Eines Leben zu retten, der nicht mehr dafür taugt und bald abgernfen wird. Laß ihn herankommen. Laß ihn kommen; meine Felle, meine Schlingen und selbst meine Flinte soll ihm gehören, wenn er es werth hält, sie zu fordern." „Er wird sie nicht fordern, er braucht sie nicht," erwiederte das Mädchen; „als ein ehrlicher Mann ist er mit der eigenen zufrieden, und verlangt keines Fremden Eigenthum." Der Wildsteller hatte keine Zeit, sein Erstaunen über so unzusammenhängende und sich widersprechende Reden anszndrücken, denn der Mann war so nahe gekommen, daß er nur noch fünfzig Schritte von ihnen entfernt stand. — Inzwischen hatte Hektor keinen gleichgültigen Zeugen des Vorfalls abgegeben. Beim Schall der fernen Fußtritte war er von dem warmen Lager zu den Füßen seines Herrn aufgesprungen, und schlich, als der Fremde ihnen frei entgegen kam, langsam auf ihn zn, indem er sich auf die Erde schmiegte, wie der Panther, der seinen Sprung thnn will. „Ruft Euren Hund zurück!" rief eine feste, tiefe, männliche Stimme, mehr im Tone der Freundschaft, als der Drohung. „Ich liebe die Hunde, und es sollte mir leid thnn, müßte ich dem Thiere was zufügen." „Hörst du, mein Hund, was er von dir sagt?" sprach der Wildsteller, „komm' her, Narr. Sein Knurren und Klaffen, das ist Alles, was ihm übrig geblieben. Kommt nur näher, Freund, der Hund hat keine Zähne." Der Fremde benuyte sogleich die Nachricht. Eilig sprang er heran, und stand im nächsten Augenblick an Ellen Wade's Seite. Nachdem er sich durch einen schnellen, scharfen Blick überzeugt, daß sie es sei, wandte er sich mit einer Schnelle und Ungeduld, die von seinem Interesse dabei zeugte, zu einer ähnlichen Prüfung ihres Gefährten. 3 « „Aus welcher Wolke seid Ihr, mein guter alter Mann, herabgefallen," sagte er iu einer so offenen, treuherzigen Weise, die nicht erlogen sein konnte. „Oder lebt Ihr wirklich hier in den Haiden?" „Ich habe lange ans Erden gelebt, und niemals, hoffe ich, dem Himmel näher, als in diesem Augenblick," erwiederte der Wildstellcr. „Meine Wohnung, wenn man das eine Wohnung nennen kann, ist nicht weit entfernt. Kann ich mir nun auch die Freiheit gegen Euch erlauben, die Ihr Euch so offen gegen Andere genommen habt? Wo kommt Ihr her, und wo ist Eure Heimath?" „Sachte, sachte; wenn ich mit meinem Katechismus zu Ende bin, wird es Zeit sein, mit dem Euren anznfangen. Wonach jagt Ihr, mein guter Mann, bei Mvndenlicht? Zn einer solchen Stunde geht es doch nicht ans die Büffel los?" „Ich komme, wie Ihr seht, ans einem Lager von Reisenden, welches dort oberhalb jener Landwelle liegt, und gehe nach meiner Hütte. Daran thne ich Niemand Unrecht." „Alles schön und wahr. Und Ihr nähmet dieses junge Mädchen, Euch den Weg zu zeigen, weil sie ihn so gut kennt, und Ihr so wenig davon wisset?" „Ich traf sie, so wie Euch, durch Zufall. Denn zehn mühevolle Jahre habe ich auf diese» offenen Feldern gewohnt, und nie vor diesem Abend stieß ich auf menschliche Wesen mit weißer Haut zu solcher Stunde. Stört meine Anwesenheit hier, so thut es mir leid, und ich will meines Weges gehen. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß wenn Eure junge Freundin ihre Geschichte erzählt hat, Ihr der meinigen besser glauben werdet." „Freund!" sprach der Jüngling, indem er eine Pelzmütze abzog, und mit den Fingern langsam durch die dichten, schwarzen Locken fuhr, „wenn ich jemals vor dieser Nacht das Mädchen sah, so will ich . . . ." 31 „Du hast schon genug gesagt, Paul," unterbrach ihn das Mädchen, indem sie ihm mit einer Vertraulichkeit die Hand auf den Mund legte, welche ihn fast geradezu wegen seiner Behauptung der Luge zeihte. „Unser Geheimniß ist sicher bei diesem ehrlichen, alten Manne. Das sehe ich aus seinen Blicken und gütigen Worten." „Unser Geheimniß! Ellen, hast du vergessen —" „Nichts. Ich habe nichts von dem vergessen, woran ich denken sollte. Und doch sage ich, wir laufen keine Gefahr bei diesem ehrlichen Wildsteller." „Wildsteller! Ein Wildsteller also? Dann Eure Hand, Vater. Unsere Gewerbe sollten uns zusammenbringen." „Das würde sich wenig passen," erwicderte der Andere, indem er die athletische und kräftige Gestalt des jungen Mannes prüfte, wie er sich sorglos und nicht unanmnthig ans seine Flinte lehnte. „Die Kunst, Gottes Geschöpfe in Schlingen und Netzen zu fangen, erfordert mehr Schlauheit als Kräfte, und nur mein Alter zwingt mich, sie anszuübcn! Aber für Jemand, wie Ihr seid, schickte es sich besser, ein Geschäft für Eure Jahre und Euren Muth zu treiben." „Für mich? Ich habe in meinem Leben nicht einmal einen schleichenden Wiesel oder eine Moschusratze in der Falle gefangen, ob ich schon gestehen muß, daß ich ein paar Mal auf diese schwarzhäutigen Tenfelchen losgepfeffert habe, wo es besser gewesen wäre, ich hätte das Pulver im Horn und das Schrot im Beutel gespart. Ich bin der Mann nicht, alter Herr; nicht was ans der Erde kriecht, ist meine Jagd." „Was für ein Leben führt Ihr denn aber, Freund? Denn hier in den Gegenden gibt es wenig zu verdienen, wenn Jemand sein ihm gesetzlich zustehendes Recht auf die Thiere des Feldes aufgibt." „Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Wenn mir ein Bär über den Weg gelaufen kommt, so ist er bald kein Bär mehr. Der Hirsch fängt schon an, mich zu wittern, und was die Büffet betrifft, alter Freund, da habe ich ihrer mehr umgebracht, als der größte Schlächter in ganz Kentucky." „Ihr könnt also schießen!" fragte der Wildsteller, indem es in seinen kleinen, tiefliegenden Augen aufgläuzte. „Ist Eure Hand fest, Euer Blick schnell?" „Meine Hand ist wie ein Stahldrücker, und mein Auge schießt wie der Rehbock. Ich wünschte, alter Papa, es wäre jetzt heißer Mittag, und es zöge über unfern Köpfen ein Schwarm eurer weißen Schwäne oder schwarzfedriger Enten gen Süden, Ihr und Ellen solltet das schmuckeste Thier daraus wählen, und meine Ehre gegen ein Horn voll Pulver, der Vogel käme köpfliugs in fünf Minuten herab, und das noch dazu auf eine einzige Kugel. Ich mag nichts mit Schrot zu thun haben, und es soll mir 'mal Einer sagen, ich hätte eine Schrotflinte geführt." „Ein tüchtiger Bursch! das sehe ich nun wohl klar," sprach der Wildsteller, sich offen zu Ellen wendend, als wolle er ihr Muth machen. „Ich will es auf mich nehmen, wenn ich sage, es ist nichts Unrechtes darin, daß ihr euch hier trefft. Sage mir noch, mein Junge, trafst du je einen Rehbock im Laufe zwischen dem Geweih? — Hektar, still Hund, still; der Name .Wildpret' allein treibt dem alten Thiere das Blut durch die Adern. Sagt, traft Ihr je ein Thier so im Sprunge?" „Ihr könnt mich eben so gut fragen: ,habt Ihr jemals gegessen?' In jeder Lage, alter Freund, haben die Hirsche meine Hand gefühlt, außer wenn sie schliefen." „O, Ihr habt ein langes und ein glückliches und ein rechtliches Leben vor Euch! Ich bin alt und, ich möchte sagen, abgetrieben und zu Nickis mehr nutz. Doch, wäre mir die Wahl gelassen, — Zeit und Ort, — noch einmal — obgleich so Etwas nie in des Menschen Willen gegeben ist und gegeben sein darf — wäre mir nun aber 'mal solche Wahl gelassen, ich würde sagen: 33 noch zwanzig Jahr und die Wildniß! Aber, sagt' mal: was macht Ihr mit dem Pelzwerk?" „Mit dem Pelzwerk! Nie in meinem Leben zog ich das Fell vom Rehbock, noch einen Kiel aus der Gans! Dann und wann schieße ich sie nieder um einen Braten, und mitunter auch nur um die Uebnng nicht zu verlieren. Aber,, wenn der Hunger vorüber ist, kriegen die Haidewölfe das klebrige. Nein — nein — ich halte mich an meinen Berns, der mich besser bezahlt, als alles Pelzwerk, was ich auf jener Seite des großen Flusses verkaufen könnte." Der alte Mann schien ein wenig nachzudenken; aber indem er den Kopf schüttelte, fuhr er bald nachdenklich fort: „Ich kenne nur ein Geschäft, dem man hier mit Vortheil nachgehen könnte . . . ." Er wurde von dem jungen Manne unterbrochen, der eine kleine um seinen Hals hängende Zinnbüchse vor des Andern Angen aufnahm und den Deckel öffnete, woraus der köstliche Honiggeruch dem Wildsteller entgegen duftete. „Ein Bienenjäger!" bemerkte der Letztere mit einer Schnelligkeit, die bewies, daß er die Natur seiner Beschäftigung sogleich verstanden, jedoch nicht ohne einiges Erstaunen anszudrücken, wie ein so kühn gesinnter Mann sich mit einer so niedrigen Beschäftigung begnügen könne. „Es mag sich wohl an den Gränzen der Ansiedelung verlohnen; hier in den offenen Strichen möchte ich es doch aber einen zweifelhaften Handel nennen." „Ihr meint, ein Baum sei vonnöthen, wenn ein Schwarm ansetzen will. Ich weiß es aber anders, und so bin ich ein paar hundert Meilen weiter nach Westen gezogen, um euren Honig z» kosten. Doch jetzt, nachdem ich Eure Neugier befriedigt, werdet Ihr Euch wohl ein wenig seitwärts begeben, während ich meine andere Geschichte dem jungen Frauenzimmer auserzähle." - „Es ist nicht nöthig, gewiß es ist nicht nöthig, daß er uns Die Prairie. g verläßt," sagte Ellen mit einer Hastigkeit, welche verrieth, daß sie hier die Seltsamkeit, wo nicht gar die Unschicklichkeit seiner Fordernng fühlte. „Dn kannst Nichts mir zu sagen haben, was nicht die ganze Welt hören dürfte." „So will ich doch von Hummeln zu Tode gestöcken werden, wenn ick die Launen und Einfälle eines Weibes verstehe! Was mich betrifft, Ellen, so kümmre ick mich um Nichts und Niemand, und bin eben so bereit, mit dir hinunter zu gehn, da wo dein Oheim — wenn du den Oheim nennen kannst, mit dem du, ich möchte es schwören, nicht einmal verwandt bist — seine Pferde gekoppelt hat, und will dem alten Manne Alles vertrauen, wie es erst in einem Jahre geschehen sollte. Du hast nur ein einzig Wort zu sagen und es ist geschehen, mag's ihm gefallen oder nicht." „Du bist immer so auffahrend und stürmisch, Paul Hover, daß ich selten weiß, ob ich mit dir sicher bin. Wie kannst du, da du die Gefahr kennst, wenn man uns zusammen sieht, nur davon sprechen, daß ich mit dir zum Onkel und seinen Söhnen gehen soll?" „Hat er Etwas gethan, wovor er sich zu sckämen hat?" fragte der Wildsteller, der keinen Zoll von seinem früher inne gehabten Platze gewichen war. „Der Himmel behüte! Aber cs sind Gründe, wcßhalb er gerade jetzt sich nicht sehen lassen darf. Es brächte ihm keine Schande . . . . es darf aber nicht gesagt werden.... Und wenn Ihr nur ein wenig warten wollt, alter Vater, bei jenem Weidenbusch, bis ich angehört, was mir Paul etwa sagen kann, so komme ich gewiß nach, und wünsche Euch gute Nacht, ehe ich in unser Lager zurückkehre." Der Wildsteller ging langsam bei Seite, zufrieden mit den etwas unznsammenhängenden Gründen, die Ellen dafür angeführt, daß er sich zurückziehen solle. Als er vollkommen so weit entfernt war, daß er nichts von dem ernsten und eiligen Gespräch, was 35 sogleich zwischen den Beiden begann, anhören konnte, hielt der alte Mann still, und wartete ruhig auf den Augenblick, wo er seine Unterhaltung mit Wesen wieder anknüpfen könnte, an denen, wie er suhlte, seine Theilnahme wuchs, nicht sowohl wegen des geheimnißvollen Charakters dieser Zusammenkunft, als wegen eines natürlichen Mitgefühls für zwei so junge, und, wie er in der Einfalt seines Herzens gern glaubte, für zwei so gute Leute. Sein träger, doch unerschütterlich treuer Hund begleitete ihn, und schlug abermals sein Lager zu Füßen seines Herrn auf, wo er bald, wie gewöhnlich, den Kopf dicht in das Haidekraut versteckt, schlummernd lag. Es war für den Wildsteller ein so neues Schauspiel, eine menschliche Gestalt in der Einöde, in welcher er weilte, zu sehen, daß er seine Angen auf den dunkeln Gestalten seiner neuen Bekannten mit Gefühlen ruhen ließ, die ihm lange fremd gewesen. Ihre Gegenwart weckte Erinnerungen und eine Stimmung in ihm auf, denen sein störriger, doch ehrlicher Sinn in letzter Zeit nur wenig nachgehangcn, und seine Gedanken fingen an, über die verschiedenen Bilder eines Lebens hinznfliegen, das, rauh und trübe, mit Auftritten wilder und besonderer Lust seltsam vermischt gewesen. Sein Gedankenzug hatte ihn schon weit in eine ideelle Welt hinausgeführt, mls er auf einmal in die Wirklichkeit dicht um ihn durch die Bewegung seines treuen Hundes zurückgerufen wurde. Der Hund, welcher, nach seinen Jahren und seiner Schwachheit, eine so entschiedene Neigung zum Schlafe bewiesen, sprang jetzt auf und trat aus dem von der hohen Gestalt seines Herrn geworfenen Schatten hinaus, und schaute sich um auf der Haide, als verkünde ihm sein Instinkt die Gegenwart noch eines andern Besuchers. Daun kehrte er, wie zufrieden mit seiner Wahrnehmung, an seinen ruhigen Platz zurück, und streckte seine müden Glieder mit der Berechnung und Sorgfalt Jemandes hin, der kein Neuling in der Kunst der Selbsterhaltung war. 3 '. „Was wieder, Hektar?" sprach der Wildsteller mit beschwichtigender Stimme, jedoch vorsichtig mit unterdrücktem Tone. „Was gibt es, Hund? Sag' deinem Herrn, was gibt cs?" Hektar antwortete durch neues Knurren, begnügte sich aber, in seinem Lager zu bleiben. Dieß war ein Zeichen, daß er etwas merke und nicht recht traue, worauf ein so erfahrener Jäger wie der Wildsteller nicht unaufmerksam bleiben durfte. Er sprach wieder zum Hunde und ermunterte ihn durch ein leises Pfeifen zur Wachsamkeit. Das Thier indessen, als sei cs sich bewußt, seine Pflicht schon gethan zu haben, verweigerte hartnäckig, den Kopf wieder vom Grase aufzuheben. „Ein Wink von solchem Freunde ist weit besser, als der Rath eines Mannes!" murmelte der Wildsteller, als er sich behutsam dem jungen Paare näherte, das eben zu ernstlich von dem eigenen Gespräche gefesselt wurde, um seine Annäherung zu merken. „Und es mochte wohl Niemand, der sich nicht wie ein thörichter Ansiedler sicher dünkt, ihn vernehmen, ohne nach Gebühr darauf zu achten. Kinder," setzte er hinzu, als er nahe genug war seine Gefährten anznredeiu „wir sind nicht allein auf diesem gefährlichen Felde. Es regt sich irgend was, und dcßhalb, zur Schande unseres Geschlechts sei es gesagt! Gefahr ist nahe." „Sollte einer von den Söhnen des Gränzwanderers Jsmael sich aus seinem Nachtlager hcrausstehlen," sprach der junge Bienenjäger mit großer Lebhaftigkeit und mit einem Tone, der fast wie eine Drohung klang, „so möchte seine Reise mit einem Mal ein Ende haben, schneller als er und sein Vater es berechnet haben!" „Mein Leben darauf, sie sind alle bei den Gespannen," antwortete schnell das Mädchen. „Ich sah sie selbst alle schlafen, bis auf die zwei auf Wache, und ihre Natur müßte sich ganz geändert haben, wenn auch sie nicht in diesem Augenblick von einer wilden Hühnerjagd oder sonst einem lustigen Strauß träumen." „Irgend ein Thier mit starkem Geruch, Vater, mag zwischen Wind und Hund dnrchgestreift sein, und das verdrießt den Hund; oder vielleicht träumt er auch. Ich hatte Euch einen Hund in Kentucky, der sprang auch nach der längsten Jagd aus tiefem Schlafe auf, und auf nichts als einen bloßen,Traum. Geh' hin und kneipe ihn in's Ohr, daß das Thier sein Leben fühlt." „Nicht so — nicht so," erwiederte der Wildsteller und schüttelte den Kopf, als verstehe er sich besser auf die Eigenschaften seines Hundes. „Junge schlafen; ja, und träumen auch, aber das Alter ist immer wachsam. Dem Thiere kommt nie was Falsches in die Nase, und eine lange Erfahrung lehrt mich, auf seine Warnungen zn achten." „Schicket Ihr ihn je auf die Spur von Aas?" „Ich muß sagen, die Raubthicre haben mich manchmal versucht ihn loszulassen, denn zu ihrer Zeit sind sie so gierig, wie die Menschen nach Wildpret; aber dann wußte ich auch, das verständige Thier würde schon seinen Weg finden. — Nein — nein, Hektor ist ein Thier, das die Wege der Menschen kennt, und wird nie auf eine falsche Spur gerathcn, wo er einer richtigen nachgehen kann." „Nun, da haben wir ja das Geheimnis;; Ihr habt das Thier auf eine Wolfsfährte geschickt, und seine Nase hat ein besseres Ge- dächtniß als sein Herr!" sagte lachend der Bienenjäger. „Ich habe die Kreatur Stunden lang schlafen gesehen, und sie liefen zu Rudel an ihm vorüber. Ein Wolf konnte ans seinem Trog essen, und er knurrte nicht, es wäre denn Mangel cinge- treten; denn dann hätte Hektor freilich auf sein Recht bestanden." „Es sind Panther herabgekommen von den Bergen; ich sah bei Sonnenuntergang einen davon auf einen kranken Hirsch losschießen. Geht rnhig, Vater, zum Hunde zurück, »nd sagt ihm die Wahrheit, in einer Minute will ich —" Hier ward er durch ein langes, lautes und klägliches Geheul des Hundes unterbrochen. Es klang in der Abendluft, als ob irgend ein Geist der Haide Klagetöne ausstieße, und verlor sich 38 weiter in die Steppen, bald lauter, bald leiser wogend, ungefähr- wie die Oberfläche der Haide selbst. Der Wildstetler ward stumm und horchte aufmerksam zu. Selbst der unachtsame Bieueujäger wurde bei diesen klagenden, wilden Tönen doch betroffen. Nach einer kurzen Pause pfiff der Erstere den Hund zu sich, und sprach dann zum Jüngeren gewandt, mit dem Ernste, welchen seiner Meinung nach, die Gelegenheit erforderte: „Die da denken, der Mensch erfreue sich aller Kenntniß der Kreaturen Gottes, möchten sich getäuscht finden, wenn sie, wie ich, achtzig volle Jahre erreicht hätten. Ich will's nicht auf mich nehmen, zu sagen, daß ein Unglück bevorsteht; auch will ich gar- nicht sagen, daß der Hund selbst so viel weiß: aber daß ein Uebel nahe ist, und daß die Klugheit uns auffordert, es zu vermeiden, das habe ich ans dem Munde Eines gehört, der niemals lügt. Ich glaubte auch, der Hnnd hätte die Fußtritte der Menschen verlernt, und mir Eure Gegenwart mache ihn mißtrauisch, aber seine Nase hat schon den ganzen Abend geschnüffelt, und was ich fälschlich für die Nachricht von Eurer Ankunft hielt, hat etwas weit Ernsteres zu bedeuten. Haltet Ihr es daher werth, ans den Rath eines alten Mannes zu horchen, so geht schnell, Kinder, und verschiedenen Weges zu Euren Lagerplätzen." „Wenn ich Ellen in solchem Augenblick verlasse," rief der Jüngling, „so will ich niemals . . „Du hast genug gesprochen!" unterbrach ihn das Mädchen, indem sie ihm wiederum eine Hand anflegte, welche ihres feinen Baues ünd ihrer zarten Farbe wegen, auch ein Frauenzimmer von weit höherem Stande im Leben geziert hätte. „Meine Zeit ist aus, wir müssen scheiden in allen Fällen. — So denn gute Nacht, Paul — Vater — gute Nacht!" „Stillst* sprach der Jüngling, ihren Arm ergreifend, als sie eben von ihm fortspringen wollte: „Still! Hörst du nichts? Das sind Büffel, die treiben nicht allzuweit von hier ihr Spiel. Das schlägt gegen die Erde, als ob eine Heerde Teufel toll und blind darauf hernmstampfte!" Die beiden Anderen horchten mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es wohl natürlich war in einem Falle, wo so schreckende Warnungen vorhergegangen waren. Man hörte jetzt ganz deutlich den ungewöhnlichen Schall, obgleich von sehr weit her. Der junge Mann und das Mädchen hatten verschiedene Bermuthungen über den Grund des Geräusches ausgesprochen, als bei einem Luftzüge das Trampeln so deutlich wurde, daß jedes Mißverständlich weichen mußte. „Ich habe recht," sagte der Bienenjäger, „ein Panther treibt eine Heerde vor sich; oder es kann auch dort ein Kampf unter den Thieren selbst sein." „Eure Ohren betrügen Euch," sagte der Alte, welcher vom ersten Augenblick, wo er den fernen Ton vernommen, wie eine Säule in stummer Aufmerksamkeit dagestanden. „Die Sätze sind zu weit ausholend und regelmäßig für gejagte Büffel. Still, jetzt sind sie im Grunde, wo das Gras hoch steht und der Laut erstirbt. — Nun wieder auf harter Erde. Und nun die Anhöhe herauf — unser Tod! — Sie sind hier, eh' ihr einen Schlupfwinkel suchen könnt." „Komm, Ellen," rief der Jüngling, das Mädchen bei der Hand ergreifend, „wir wollen versuchen, nach dem Lager zu kommen." „Zn spät! — zu spät!" rief der Wildsteller. „Sie sind schon offenbar vor uns - eine blutige Bande verdammter Sioux — tch seh's an ihrem diebischen Blick und ihrer ungeschickten Art, zu reiten." „Sioux oder Teufel, sie sollen uns als Männer finden!" sprach der Bienenjäger mit einer so feurigen Miene, als sei er Führer einer stärkeren Anzahl, wo Jeder so muthig als er. „Ihr habt eine Flinte, alter Mann, und könnt doch einen Drücker losschnellen, für ein so hilfloses Christenmädchen?" „Nieder, nieder in's Gras, nieder ihr Beide," flüsterte der Wildstetter, indem er ihnen ein Zeichen gab, hinunter zu kriechen in das hohe Haidekraut, was dichter als anderwärts nahe bei ihnen wuchs. „Ihr habt weder Zeit zum Fliehen, noch genug Leute, um zu fechten, thörichter Bursche. Nieder in's Gras, wenn Euch das junge Mädchen wcrth ist, oder Euer eigenes Leben." Seine Vorstellung fand keinen Widerstand, da er sie durch eine kräftige Handlung begleitete, und der Befehl nach den Umständen durchaus uöthig schien. Der Mond war hinter dünnen Lämmerwolken verschwunden, die so den ganzen Horizont bedeckten, daß nur ein schwaches, ungewisses Licht übrig blieb, um die Gegenstände zu unterscheiden. Indem der Wildstetter die Art Einfluß über seine Gefährten ausübte, welcher der Erfahrung und Sicherheit im Handeln niemals abgeht, wo cs in der Noth plötzlich gilt, war es ihm gelungen, sie gut im dichten Grase zu verstecken, und jetzt mochte er bei den schwachen Strahlen des Mon- denlichts den unordentlichen Schwarm beobachten, der, wie eben so viel Tolle, gerade auf ihn zuritt. Eine Bande von Geschöpfen, die Teufeln ähnlicher sah, als Menschen, zu nächtlicher Lust über die schwarze Haide jagend, kam in der That näher, auf so furchtbare Weise und in einer Richtung, daß wenig Hoffnung übrig blieb, daß nicht mindestens Einer von Allen über den Ort sprengen würde, wo der Wildstetter und seine Gefährten lagen. In Zwischenräumen brachte diesen der Nachtwind ganz deutlich schallenden Hufschlag entgegen, und dann wurde cs wieder still, als Jene in unheimlicher Schnette durch den Nebel des herbstlichen Grases fortrauschteu. Ihr Anblick gewann dadurch immer mehr etwas Gespenstiges. Der Wildstetter kniete jetzt, nachdem er den Hund herangerufen und ihn neben sich niedergelegt, selbst in's Gras, bewachte aber doch mit scharfem Blick die Richtung, welche die Bande einschlug. Dabei suchte er die Furcht des Mädchens zu beschwichtigen, und die Ungeduld des Jünglings zu bändigen. „Auf Einen von uns kommen dreißig von den Teufeln!" setzte er in einer Art Episode seinen leise hingeffüstertcn Befehlen hinzu. „Sieh, steh, sie biegen um nach dem Fluß. — Still, Hund, still. — Nein, hier den Weg kommen sie nicht mehr. — Die Diebe scheinen ihren eigenen Weg zu kennen! — Wären wir nur unser Sechs, Junge, wie lustig wollten wir auf sie losblasen, gerade von hier aus — nein, nein, mein Junge, — duck' unter oder sie sehen deinen Kopf. — Zudem, ich bin nicht 'mal sicher, ob es auch wohl recht sein wurde, da sie uns ja Nichts gethan haben. — Da biegen sie wieder um nach dem Fluß, — nein — sie kommen die Erdschwelle herauf; — jetzt gilt es still liegen, als hätte der Athem seine Schuldigkeit abgethan, und wäre abgeschieden vom Körper!" Während er dieß sprach, versank die Gestalt des alten Mannes in's Gras, als wäre die Trennung zwischen Körper und Seele, von der er sprach, wirklich erfolgt, und im nächsten Augenblick wirbelte auch ein Schwarm wilder Reiter mit einer so geräuschlosen Schnelligkeit an ihnen vorüber, daß man sie für einen Trupp Geister hätte halten mögen. Die dunkeln, hurtigen Gestalten waren schon verschwunden, als der Wildsteller es wieder wagte, den Kopf so weit aufzurichten, daß er in gleicher Höhe mit den Halmen des Haidekrautes war, indem er zugleich seinen Gefährten zuflüsterte, sich nicht von der Stelle zu rühren. „Sie reiten den Hügel hinab, nach dem Lager zu," fuhr er in seiner früheren behutsamen Weise fort. „Nein, sic halten im Grunde und besprechen sich, wie die Hirsche, wenn sie Rath halten. Herr Gott, sie kehren wieder um, und wir haben's noch 'mal mit den Geschöpfen zu thun." Noch einmal duckte er unter, in das günstige Haidekraut, und im nächsten Augenblick sah man die schwarze Truppe in Unordnung auf den Gipfel der kleinen Erhöhung selbst reiten. Es wurde 42 jetzt bald klar, daß fle znrückgekehrt waren, um die Höhe einzu- nehmen, von wo aus sie den dunkeluUmkreis genauer mustern könnten. Einige stiegen ab, während Andere hi» und her ritten, wie Leute, welche mit einer örtlichen Nachsuchnng von vieler Bedeutung beschäftigt waren. Glücklicher Weise schützte die Drei das hohe Gras, in welchem sie verborgen lagen, nicht allein vor den Blicken der Wilde», sondern auch vor den Pferden, welche nicht weniger roh und ungezügelt als ihre Reiter waren, daß sie nickt von deren Hufen zerstampft wurden. Endlich rief ein athletischer und finster blickender Indianer, der nach seiner gebietenden Miene der Anführer schien, die andern Häupter um sich her zu einem Rathe, den sie beritten abhielten. Diese Versammlung fand dicht am Rande der Haidekrautbüsche statt, wo die Geängstigten lagen. Als der junge Mann aufblickte, und den drohenden und wilden Anblick der Gruppe bemerkte, die mit jedem Augenblick durch ein neues noch fürchterlicheres Gesicht als die vorigen sich verstärkte, zog er aus sehr natürlichem Antriebe seine Flinte unter sich hervor, und fing an, sie znm sofortigen Gebrauch in Stand zu setzen. Das Mädchen neben ihm begrub ihr Gesicht in's Gras, ans einem ihrem Geschlechte nnd ihren Gewohnheiten eben so natürlichen Antriebe, während sie ihn dem Drange seines heißen Blutes folgen ließ. Doch flüsterte sein alter und kluger Rathgeber ihm ernst in's Ohr: »Das Knacken deines Hahns ist den Schurken eben so bekannt, als der Trompetenstoß dem Soldaten! Leg' nieder die Flinte, nieder die Flinte! — Fiele ein Mondstrahl auf den Lauf, müßten's die Teufel sehen, deren Blick schärfer ist, als der schwärzesten Schlange ihrer! Nur ein bischen sich geregt, und es zischt ein Pfeil her." Der Bieneiljäger gehorchte insoweit, daß er still und regungslos verblieb. Aber es war noch immer so viel Licht da, daß sein Gefährte aus den zusammengezogeuen Brauen und dem drohen- 43 den Blick des jungen Mannes entnehmen konnte, daß der Entdeckung kein blutloser Sieg der Wilden Nachfolgen dürfte. Als er seinen Rath nicht beachtet sah, nahm auch der Wildsteller seine Maßregeln, und erwartete mit einer ihm scheinbaren Ruhe und Ergebung den Ausgang. Indessen hatten die Sioux (denn der alte Mann hatte sich nicht im Charakter seiner gefährlichen Besucher getäuscht), ihren ,Rath geschloffen, und sich abermals über den Hügelrücken zerstreut, als ob sie nach irgend etwas Verborgenem suchten. „Die Kobolde haben den Hund gehört!" flüsterte der Wildsteller, „und ihre Ohren sind zu scharf, als daß sie auch in der größten Entfernung etwas täuschen könnte. Mehr nieder, nieder, Junge, nieder mit der Nase bis ans die Erde selbst, wie ein schlafender Hund." „Lieber auf die Füße und unserer Manueskraft vertraut!" erwiderte der ungeduldige Freund. Er würde forigefahren habe», aber plötzlich fühlte er den rauhen Griff einer Hand auf seiner Schulter. Als er sich umdrehte, sah er de» dunkeln und grimmigen Blick eines Indianers stier auf ihn gerichtet. Trotz des Erstaunens und seiner ungünstigen Lage, war der Jüngling keineswegs geneigt, sich sogleich zu ergeben. Schneller als der Blitz aus der Flinte sprang er auf seine Füße und schüttelte seinen Gegner mit einer Kraft, die bald den Streit geendet haben würde, als er sich plötzlich von den Armen des Wildstellers umschlungen fühlte, der alle seine Anstrengungen mit einer der seinigen nicht viel geringer» Kraft fruchtlos machte. Ehe er Zeit gewann, seinen Kameraden für diesen scheinbaren Verrath zu schelten, standen schon ein Dutzend Sioux um ihn, und das ganze Kleeblatt mußte sich gefangen ergeben. Viertes Kapitel. -Mit viel stärkerem Bangen Sei)' ich de» Kampf, als die ihn eingegangen. Kaufmann von Venedig. Aer unglückliche Bienenjäger und seine Gefährten wurden Gefangene eines Volkes, welches ohne Uebertrcibnng die Jsmaeliten der amerikanischen Wüsten genannt werden könnte. Seit undenklichen Zeiten lagen die Hände der Sioux schwer auf ihren Nachbarn in den Haidesteppen, und selbst noch heute, wo Einfluß und Autorität einer civilisirten Regierung rund um sie her anfängt, gefühlt zu werden, betrachtet man sie als einen gefährlichen und verrätherischen Atamm. Zur Zeit unserer Geschichte war dieß noch viel schlimmer, indem sich selten Weiße in die fernen und unbeschützten Gegenden, wo solch' ein falsches Geschlecht hausete, getrauten. Trotz der friedlichen Unterwerfung des Wildstellers, kannte er doch sehr wohl den Charakter der Bande, in deren Hände er gefallen. Schwer würde es jedoch auch dem geschicktesten Richter fallen, zu entscheiden, ob mehr die Furcht, Politik oder Ergebung den geheimen Beweggrund des alten Mannes gebildet, als er sich ohne Murren den Plünderern hingab. Weit entfernt, irgend gegen die rohe und heftige Art, wie seine Ueberwinder ihr gewöhnliches Geschäft abthaten, Widerspruch einzulegen, kam er sogar ihrer Begier entgegen, indem er den Anführern solche Gegenstände selbst darreichte, von denen er glauben konnte, daß sie ihnen die angenehmsten sein müßten. Paul Hover dagegen, der buchstäblich ein geraubter Mann war, zeigte den größten Widerwillen, sich der heftigen Freiheit zu unterwerfen, die man mit seiner Person und seinem Eigenthum sich erlaubte. Er machte sogar mehrere außerordentlich deutliche Demonstrationen seines Mißbehagens während 45 des kurzen Prozesses, und wurde mehr als einmal in offenen und verzweiflungsvollen Widerstand ansgebrychen sein, hätte» ihn nicht die dringenden Bitten des zitternden und an seiner Seite hängenden Mädchens abgchalten, die ihm zu verstehen gab, das; ihre ganze Hoffnung nicht allein von seiner Ergebung, sondern auch von seiner Neigung, ihr gefällig zu sein, abhinge. Die Indianer hatten indessen ihre Gefangenen kgnm der Waffen und Munition beraubt und wenige Kleidungsstücke, die ihnen von geringem Nutzen und vielleicht von noch geringerem Werthe waren, denselben ansgezogen, als sie geneigt schienen, einige Ruhe ihnen zu gewähren. Ein Geschäft von größerer Wichtigkeit drängte sie, und forderte ihre ganze Aufmerksamkeit. Abermals versammelten sich die Führer, und es war ans dem Ernst und der heftigen Weise der Wenigen, welche sprachen, klar, daß die Krieger den jetzigen Erfolg noch für sehr unbedeutend hielten. „Es wird gut sein," finsterte der Wildsteller, der genug von der Sprache wußte, um den Gegenstand ihrer Berathnng zu verstehen, „wenn die Reisenden dort in der Weidenniedernug nicht aus ihrem Schlafe durch einen Besuch dieser Teufel aufgeweckt werden. Sie sind zu klug, um zu glauben, daß ein Weib von den gleichen Gesichtern" so weit von den Ansiedelungen sollte gefunden werden, ohne daß weiße Männer mit den Lebensbeqnemlich- keitcn in der Nähe wären." „Wenn sic nur wollten den Stamm des wandernden Jsmael zu den Rocky-Mountains Hinauftreiben," sagte der Bienenjäger lachend und mit einer Art bitterer Lust, „so wollte ich cs den Schurken vergeben." „Paul, Paul!" rief seine Gefährtin in rügendem Tone, „du vergißt Alles! Denk' an die schrecklichen Folgen." „Ach, ick habe ja schon an das, was du Folgen nennst, gedacht, Ellen, als ich die Sache nicht aufs Aeußerste mit jenen rothen Teufeln trieb, daß es zum tüchtigen Klopfen und Garaus ge- kommen märe! Alter Wildsteller, die Sünde deiner schuftigen Feigheit lastet ans deinem. Rücken, aber ich glaube, es liegt in deinem täglichen Beruf, Menschen so gut als Vieh, in deinen Schlingen zu fangen." „Ich bitte dich, Paul, sei ruhig — geduldig." „Nun gut, wenn es dein Wunsch ist, Ellen," crwiederte der Jüngling, indem er »ersuchte, seinen Unmnth fortzntreiben, „ich will's versuchen, ob du wohl missen solltest, daß es zur Kentncky- schen Religion gehört, im Unglück ein wenig zornig zu werden." „Ich fürchte, Eure Freunde drüben werden den Augen der Kobolde nicht entgehen!" fuhr der Wildsteller so ruhig fort, als hätte er keine Sylbe des Gesprächs gehört. „Sie riechen Beute, und es würde eben so schwer halten, einen Hund von seinem Wilde abzntreiben, als dieses Geschmeiß von einer Fährte." „Kann man da Nichts thun!" fragte Ellen so dringend, daß es ihre aufrichtige Besorgnis! verrieth. „Es würde leicht angehen. Man brauchte nur plötzlich so laut zu schreien, bis der alte Jsmacl träumte, die Wölfe wären unter seiner Heerde," warf Paul hin. „Auf offenem Felde schreie ich allein, daß man es eine Meile weit hört, und sein Lager ist eine knappe Viertelmeile von hier." „Um dafür auf den Kopf geklopft zu werden," crwiederte der Wildsteller. „Nein, nein, Schlauheit mit Schlauheit, oder die Hunde ermorden die ganze Familie." „Mord! Nein, — kein Mord. Jsmacl liebt das Reisen gar sehr, und es wäre gar nichts Schlimmes dabei, müßte er 'mal hinüber blicken nach der andern See; aber der alte Kerl würde übel dran sein, beider allerletzten Reise! da wollt' ich selbst mein Schloß probiren, eh' er ganz umgebracht würde." „Sein Haufe ist stark an Zahl nnd gut bewaffnet. MeintJhr, daß sie fechten werden?" „Sieh 'mal, alter Wildsteller — es gibt Niemand, der den 47 Jsmael Busch und seine sieben Schlagetodts von Söhnen weniger liebt, als Paul Hover; aber verflucht, wenn ich mir erlaube, über eine Tenesseffinte zu lästern. Es ist so viel wahrhaftiger Muth in ihnen, wie je in einer Familie, die aus Kentucky anfbrach. Eine Brut mit gewaltigen Knochen und Gliedmaßen; und hört 'mal, wer einen von ihnen will am Boden liegen sehen, der muß ein guter Boxer sein." „Still! die Wilden sind fertig, und wollen nun ihre verfluchte» Beschlüsse ansführen. Ruhig und geduldig; es mag doch noch etwas unseren Freunden helfen können." „Freunden! Nenne mir keinen von Denen dort einen Freund, Wildsteller, wenn du die geringste Achtung für meine Freundschaft hast! Was ich zu ihren Gunsten sage, ist weniger aus Liebe, als aus Rechtschaffenheit." „Ich glaubte nicht anders, als das junge Mädchen wäre aus der Verwandtschaft," erwiederte der Andere ein wenig trocken. „Aber, was nicht bös gemeint ist, muß man nicht bös aufnehmen." Pauls Mund wurde wiederum durch Ellens Hand verschlossen, die cs über sich nahm, mit ihrer sanften und versöhnenden Stimme zu antworten. „Wir sollten Alle von Einer Familie sein, wenn es in unserer Macht steht, einander zu dienen. Wir verlassen uns ganz ans Eure Klugheit, ehrlicher alter Mann, Mittel aus- zusinnen, wie wir unseren Freunden ihre Gefahr melden." „Dazu wird grade Zeit sein," murmelte der Bienenjägcr lachend, „wenn die Bursche mit den Rothhäntcn handgemein werden!" Er ward durch eine allgemeine unter der Truppe stattfindende Bewegung unterbrochen. Die Indianer stiegen von den Pferden, und gaben diese Dreien oder Vieren von ihrer Gesellschaft, denen auch die Wache der Gefangenen anvertrant wurde, zur Verwahrung. Dann schlossen sie einen Kreis um einen Krieger, der das Hanptansehen zu besitzen schien; und auf ein gegebenes Zeichen bewegte sich der ganze Zug langsam und vorsichtig, zuerst geradeaus, und dann in verschiedenen Richtungen. Die meisten der dunkel» Gestalten verschwanden bald ans der braunen Haide, obgleich die Gefangenen, welche alle Bewegungen ihrer Feinde mit wachsamem Auge verfolgten, dann und wann eine menschliche Gestalt gegen den freien Himmel erkennen konnten, wenn Einer oder der Andere, eifriger als die klebrigen, sich hoch ans die Fußspitzen hob, um möglichst weit anszuschauen. Bald hörte aber auch dieses flüchtige Hervorschimmern ans dem sich immer fortbewegenden und mehr ansdehnenden Kreise ans, und Ungewißheit und Vermuthungen rermehrten nunmehr nur die Besorgniß. So verstrichen manche peinvolle Minuten, während welcher die Zuhörer jeden Augenblick erwarteten, das Jauchzen der Angreifenden und das Geschrei der Angegriffenen durch die Stille der Nacht zu vernehmen. Aber es wollte den Anschein gewinnen, als chliebe alles Nachsuchen ohne Erfolg, denn nach-ungefähr einer halben Stunde kehrten Alle einzeln von der Bande zurück, verdrossen und ärgerlich, wie Leute, denen Etwas fehlgeschlagen war. „Jetzt kommen wir dran," bemerkte der Wildsteller, der jeden kleinen Umstand oder die geringste Anzeige einer feindlichen Gesinnung unter den Wilden auffaßte. „Man wird uns nun ausfragen, und verstehe ich irgend etwas von unserer Lage, möchte ich sagen, es wäre klug, wenn wir Einen von uns answählten, der das Gespräch allein führte, damit unsere Aussagen sich nicht widersprächen. Und ferner, wenn die Meinung Eines, der so alt und unbedeutend ist, als ein achtzigjähriger Jäger, gelten soll, so möcht' ich sagen, daß dieser Eine etwas vom Wesen und Treiben der Indianer wissen müßte, und auch etwas von ihrer Sprache. — Kennt Ihr, Freund, die Sprache der Sioux?" „Laßt Eure eigenen Bienen schwärmen," erwiederte der unzufriedene Bienenjäger. „Wenn Ihr auch zu sonst nichts taugt, das Summen und Brummen versteht Ihr trefflich, alter Wildsteller." „Es ist die Gabe der Jugend, auffahrend und vorschnell zu 49 sein," entgegnete ruhig der Wildstetter. „Es war wohl einmal ein Tag, wo mein Blut dem deinen glich, zu schnell und zu heiß, um ruhig in den Adern zu rinnen. Was Hilst es aber, zu sprechen vom thörichten Uebermnth der Jugend, bei meinen Jahren! Ein graues Haupt soll aber ein vernünftig Hirn bedecken, und nicht die Zunge eines Prahlers in sich schließen." „Wahr, wahr," flüsterte Ellen, „und wir müssen jetzt auf andere Dinge Acht haben! Da kommt der Indianer, uns auszufragen." Das Mädchen, deren Furcht ihre Ahnungsgäbe gestärkt hatte, täuschte sich nicht. Sie sprach noch, als ein hoher, halbnackter Wilder sich ihnen näherte. Nachdem er die Gruppe, so viel es das ungewisse Licht erlaubte, genau ungefähr eine Minute stillschweigend gemustert, begrüßte er sie auf gewöhnliche Art in den rauhen Kehllauten seiner Sprache. Der Wildsteller antwortete so gut er konnte, und wurde, wie es schien, vollkommen verstanden. Allem Vorwurf der Pedanterie zu entgehen, wollen wir den Inhalt, und, so gut es geht, auch zugleich dieForm desDialogs in unserer Sprache mittheilen. „Haben die bleichen Gesichter ihre eigenen Büffel aufgegeffen, und die Häute aller ihrer eigenen Biber abgezogen," fuhr der Wilde fort, nachdem er die übliche Pause, welche dem ersten Gruße folgen muß, verstreichen lassen, „daß sie nun kommen, um zu zählen, wie viel bei den Pawnee's übrig geblieben?" „Einige von uns sind hier, um einzukaufen, und Andere um zu verkaufen," erwiederte der Wildsteller; „aber keiner wird uns Nachkommen, wenn sie hören, es ist nicht gut nahe kommen den Wohnungen eines Sioux!" „Die Sioux," entgegnete der Wilde, „sind Diebe, und sie leben im Schnee. „Was geht uns ein Volk an, das so fern wohnt, da wir im Lande der Pawnee's sind?" „Wenn den Pawnee's dieß Land gehört, dann haben Weiße und Rothe gleiches Recht." „Haben denn die weißen Gesichter nicht genug gestohlen von Die Prairie. 4 50 den rothen Leuten, daß Ihr so weit kommt, um eine Lüge zu sagen? Ich habe gesagt, dieß ist ein Jagdplatz meines Stammes." „Mein Recht, hier zu sein, ist so gut als Eures," fügte der Wildsteller mit kalter Ruhe hinzu. „Ich spreche nicht, wie ich wohl konnte. Es ist besser, stille sein. Die Pawnee's und die Weißen sind Brüder, aber ein Sionx darf sein Antlitz nicht zeigen in den Dörfern der Lonps." „Die Dahcotahs sind Männer!" rief der Wilde feurig ans, die angenommene Rolle vergessend, indem er den Namen gebrauchte, auf welchen sein Volk am stolzesten ist. „Die Dahcotahs haben keine Furcht! Sprich, was führt Euch so fern ab von den Dörfern der bleichen Gesichter?" „Ich habe die Sonne anfgehen sehen und niedcrsinken auf manche Berathungen, und habe nur die Worte weiser Männer gehört. Laßt Eure Häuptlinge kommen, und mein Mund wird nicht verschlossen bleiben." „Ich bin ein Ober-Häuptling," sagte der Wilde, eine Miene beleidigter Würde annehmend. „Hältst du mich für einen Assini- boine! Weucha ist ein Krieger, dessen Name genannt wird, und dem man glaubt." „Bin ich denn solch' ein Narr, daß ich einen blauen Dunst machenden Teton nicht erkennen sollte?" fragte der Wildsteller mit einer Beharrlichkeit, die seinen Nerven Ehre machte. „Geh', es ist finster, und du siehst nicht, daß mein Haupt grau ist!" Der Indianer schien nun überzeugt, daß er einen zu schalen Kunstgriff angewandt, einen Mann zu betrügen, der so wohlbekannt mit diesem Treiben schien, und er überdachte nun, was erneu erdichten solle, um zum Zwecke zu kommen, als eine kleine Bewegung unter der Bande allen seinen Entwürfen ein Ende machte. Seine Augen nach rückwärts wendend, als fürchte er, plötzlich unterbrochen zu werde», sagte er mit einer weit weniger anmaßlichen Stimme als vorhin: 51 „Gib Wencha die Milch der Lang-Messer, und er wird singen deinen Namen in die Ohren der großen Männer seines Stammes." „Geh," sagte der Wildsteller, indem er ihn verächtlich fortwies. „Eure jungen Leute sprechen den Namen Mahtoree. Meine Worte sind mir für die Ohren eines Häuptlings." Der Wilde warf ans ihn einen Blick, der, trotz des schwachen Lichtes, sehr deutlich eine unversöhnliche Feindschaft verkündete. Dann stahl er sich fort unter seine Gefährten, besorgt, seine Anmaßung sowohl, als die verrätherische Absicht auf eine ungleiche Theilnng der Beute, vor dem Manne zu verbergen, welchen der Wildsteller genannt, und von dem er wußte, daß er sich jetzt nähere, indem Mahtoree's Name eben von Munde zu Munde ging. Kanin war Wencha fort, als ein Krieger von gewaltiger Gestalt ans dem dunkeln Kreise heraustrat, und sich vor die Gefangenen hinstellte mit der hohen und stolzen Haltung, die einen vornehmen Indianer immer bezeichnet. Sein Gefolge begleitete ihn, und ordnete sich hinter seiner Person in tiefem und ehrfurchtsvollem Schweigen. „Die Erde ist sehr groß," fing der Häuptling nach einer Pause voll jener wahren Würde an, die sein Abbild so kläglich sich an- znlegen versucht hatte; „warum können die Kinder meines großen weißen Vaters niemals Raum darauf finden?" „Einige von ihnen hörten, daß ihre Freunde in den Prairien mancher Dinge bedürften," erwicderte der Wildsteller, „und sie kommen nun, um zu sehen, ob es wahr ist. Einige brauchen wiederum das, was die rothcn Leute gern verkaufen mögen, und sie kommen, ihre Freunde reich zu machen, mit Pulver und wollenen Decken." „Reisen Handelsleute über den großen Fluß mit leeren Händen?" „Unsere Hände sind leer, weil Eure jungen Leute dachten, wir seien müde, und sie uns unsere Last erleichtert haben. Sie haben sich geirrt, sie dachten, ich wäre alt, aber ich bin stark." 4 * 52 „Das kann nicht sein, Ihr habt Eure Last in den Prairien abgelegt. Zeige meinen jungen Leuten den Ort, daß sie sie auf- ladcn mögen, ehe sie die Pawnee's finden." „Der Pfad dahin ist gefährlich, und es ist jetzt Nacht. Die Stunde znm Schlafen ist gekommen," sagte der Wildsteller mit völliger Fassung. „Laß deine Krieger über jenen Hügel gehen; da ist Wasser und da ist Holz; laß sie ihre Feuer anzünden und mit warmen Füßen schlafen. Wenn die Sonne wieder aufgeht, will ich Euch wieder sprechen." Ein leises Gemurmel, das aber die große Unzufriedenheit deutlich aussprach, ging durch die aufmerksame Versammlung, und diente nur den alten Mann zn unterrichten, daß er nicht vorsichtig genug bei einem Vorschläge gewesen, der eigentlich dahin ging, die Reisenden in der Niederung von der Anwesenheit ihrer gefährlichen Nachbarn zu unterrichten. Mahtoree indessen fuhr, ohne im geringsten etwas von der Unruhe seiner Gefährten zn verrathcn, auf dieselbe hochartige Weise im Gespräche fort. „Ich weiß, daß mein Freund reich ist," sagte er, „daß er manche Krieger nicht weit von hier liegen hat, und daß er mehr Pferde mit sich führt, als die r.othen Leute Hunde besitzen." „Hier seht Ihr meine Krieger und meine Pferde." „Was? Hat das Weib die Füße einer Dahcotah, daß sie dreißig Nächte über die Prairie gehen kann, und nicht fällt? Ich weiß, die rothen Waldmänner machen lange Märsche zn Fuß, aber wir, die wir leben, wo das Auge nicht von einer Wohnung zur andern sehen kann, lieben unsere Pferde." Der Wildsteller zauderte jetzt. Er war vollkommen überzeugt, daß jeder Betrug, wenn man ihn entdeckte, gefährlich anssallen würde, und auch seinem Charakcr und Treiben nach, war ihm jede Abweichung von der Wahrheit peinlich. Da er aber bedachte, daß es nicht sowohl sein eigenes, sondern auch das Wohl und Weh Anderer gelte, entschloß er sich schnell, die Sache ihren Gang 53 gehen zu lassen, und dem Dahcotah-Häuptling es zu überlassen, ob er sich selbst betrügen wolle. „Die Frauen der Sioux und der Weißen sind nicht aus demselben Wigwam," erwiederte er ausweichend. „Würde ein Teton- krieger sein Weib größer machen wollen, als er selbst ist? Gewiß nicht, und doch haben meine Ohren gehört, daß es Länder gibt, wo die Berathungen von Weibern abgehalten werden." Eine abermalige leichte Bewegung in dem dunkeln Kreise lehrte den Wildsteller, daß seine Erklärung nicht ohne Erstaunen, und fast ohne Mißtrauen angehört wurde. Nur der Häuptling schien unbewegt, und nicht im geringsten geneigt, etwas von seiner Kühnheit oder seinem Stolze nachzulassen. „Meine weißen Väter, die an den großen See'n leben, haben erklärt," sagte er, „daß ihre Brüder gegen den Aufgang zu keine Menschen wären, und jetzt sehe ich, sie logen nicht! „Geh' — was ist ein Volk, dessen Häuptling ein Weib ist! Seid Ihr der Hund, und nicht der Gatte dieses Weibes?" „Keines von Beiden. Nie habe ich sie gesehen vor heute. Sie kam in die Prairie, weil man ihr gesagt, hier lebe ein großes und edles Volk, Dahcotahs genannt, und sie wünschte Mensche» zu sehen. Die Frauen der bleichen Gesichter öffnen, gleich den Frauen der Sioux, ihre Augen nach Neuigkeiten; aber sie ist arm, wie ich selbst, und sie wird weder Korn noch Büffelflcisch haben, wenn Ihr das Wenige ihr wcgnehmt, was sie und ihrFreund noch besitzen." „Wie viele schändliche Lügen hören jetzt meine Ohren!" rief der Tetonkrieger mit einer so gewaltigen Stimme, daß selbst seine rothen Zuhörer znrückschraken. „Bin ich ein Weib! Hat Dahco- tah keine Augen! Sage mir, weißer Jäger, wer sind die Leute Eurer Farbe, die neben den gefällten Bäumen schlafen?" Während er sprach, zeigte der beleidigte Häuptling in der Richtung nach Jsmaels Lager, indem'er dem Wildsteller keinen Zweifel ließ, daß dem größer» Scharfblick dieses Mannes eine 54 Entdeckung gelungen, die der Nachsnchung der andern Gesellschaft entgangen war. Trotz seines Verdrusses über eine Begebenheit, welche so schlimm für die Schläfer aussallen mochte, und eines kleinen Aergers, daß er sich so ganz überlistet sah, behielt doch der alte Mann seine frühere Ruhe bei. „Es mag wahr sein," antwortete er, „daß weiße Leute in der Prairie schlafen. Wenn mein Bruder es sagt, so ist es wahr; wer aber die Leute sind, die so ans die Großmnth der Tetons vertrauen, das kann ich nicht sagen. Wenn da Fremde schlafen, so schickt Eure jungen Leute ans, sie zu wecken, und laßt sie fragen, warum sie hier sind; jedes bleiche Gesicht hat auch eine Zunge." Der Häuptling schüttelte den Kopf mit einem !wilden und feurigen Lächeln, indem er sich schnell abwcudete und, die Unterredung schließend kurz entgegnete: „Die Dahcotahs sind ein kluger Stamm, und Mahtoree ist ihr Häuptling! Er wird die Fremden nicht anschreien, daß sie aufstehen und zu ihm mit ihren Karabinern sprechen. Leise wird er ihnen in's Ohr flüstern. Dann laßt die Leute ihrer eigenen Farbe kommen und sie wecken!" Als er sich bei diesen Worten ans seinen Haken umdrchte, ging ein leises Beifallsgelächtcr um den dunkeln Kreis, der augenblicklich auseinander fuhr, und ihm nach einem Standpunkt, etwas entfernt von den Gefangenen, folgte, wo Diejenigen, welche es wagen konnten, ihre Meinungen mit einem so großen Krieger zu tauschen, sich wieder um ihn zur Berathnug versammelten. Weucha benutzte die Gelegenheit, sein Andringen zu erneuern; aber der Wildsteller, der jetzt wußte, wie seine Macht nur ein Schatten war, wies ihn unwillig von sich. Dem Andringen dieses boshaften Wilden wurde indessen bald durch einen Befehl an den ganzen Trupp, Thier und Menschen, ihre Stellung zu verwechseln, ans wirksamere Art ein Ziel gesetzt. Der Aufbruch erfolgte in Todten- stille und in einer Ordnung, welche auch gebildeteren Stämmen 55 Ehre gebracht hätte. Bald jedoch wurde wieder Halt gemacht, und als die Gefaugenen Zeit gewannen, sich nmzublicken, sahen sie vor sich den dunkeln Rand des nieder» Gebüsches, an welchem Jsmaels schlummernde Horde lag. Hier fand noch eine, aber eine sehr ernsthafte Berathung Statt. Die Pferde, wie solcher heimlichen und versteckten Angriffe gewohnt, wurden noch einmal der Sorge Derer anvertraut, denen wie vorhin die Bewachung der Gefangenen oblag. Der Mißmuth des Wildstellcrs fand neue Nahrung, als er bemerkte, daß Weucha ihm zunächst stand, und, wie ans einem trinmphirenden Blicke und der Autorität, die er annahm, hervorzngehen schien, als Anführer der Wache. Der Wilde, der ohne Zweifel seine geheimen Befehle hatte, begnügte sich indessen für den Augenblick, eine bedeutungsvolle Bewegung mit seinem Tomahawk zu machen, mdem er Ellen den Tod drohte. Nachdem er auf diese Weise seine männlichen Gefangenen an das Schicksal erinnerte, welches unausbleiblich ihre weibliche Gefährtin beim geringsten Laut Eines von ihnen treffen würde, war er zufrieden, während der folgenden Scene ein strenges tiefes Schweigen zu beobachten. Dieses unerwartete Benehmen befähigte den Wildsteller und dessen zwei Gefährten, ihre unge- theilte Aufmerksamkeit auf das zu wenden, was bei dem geringen Lichte von den nächstfolgenden interessanten Auftritten in ihrer Nähe zu sehen war. Mahtoree ordnete Alles nach eigenem Gutdünken an. Er be- zeichnete jedem Einzelnen genau die Stellung, welche er einnehmen solle, als Einer, der die Eigenschaften eines jeden unter seinem Gefolge kannte, und man gehorchte ihm mit der Achtung und Genauigkeit, mit welcher jeder indianische Krieger, wenn es gilt, den Anordnungen seines Häuptlings nachkommt. Einige schickte er rechts, Andere links. Alle begaben sich nun so geräuschlosen und schnellen Schrittes fort, wie es jenem Stamme eigen ist, bis ein Jeder seine angewiesene Stellung eingenommen, mit Ausnahme 56 zweier besonders dazu auserlesener Krieger, die um die Person ihres Führers verblieben. Als die Andern fort waren, wandte sich Mahtoree zu diesen Erwählten, und machte ihnen durch ein Zeichen deutlich, daß der entscheidende Moment, wo die Unternehmung ausgeführt werden müsse, herangekommen sei. Jeder legte nun die leichte Vogelflinte, die er unter dem Namen eines Karabiners, eigentlich nur zu Ehren seines Ranges, mit sich führte, ab, und stand bald, indem er sich jedes Umhäng- sels, das ihn drücken konnte, entledigte, ähnlich einer finstern und wilden Statue, in der Stellung und fast auch in der Kleidung der Natur. Mahtoree versicherte sich, daß er den Tomahawk handrecht fasse, fühlte sein Messer sicher in der Scheide, band seinen Wampumgürtel fester, und prüfte, ob die buntgeschmückte Schürze ihn in keiner seiner Bewegungen hindere. So in allen Punkten vorbereitet und zum verzweifelten Unternehmen gerüstet, gab der Te- tonhänptling den Beiden das Zeichen znm Aufbruch. Neben einander näherten sich die Drei so weit dem Lager der Reisenden, bis ihre dunklen Gestalten bei dem ungewissen Lichte fast ganz den Augen der Gefangenen verschwunden waren. Hier hielten sie inne, und blickten lange um sich, wie Leute, die Etwas berathen, und die weiteren Folgen voraus erwäge», ehe sic den verzweifelten Schritt thun. Dann wieder zusammensinkend, verloren sie sich im hohen Haidckraut. Es kann nicht schwer fallen, sich das Mißbehagen und die Angst der drei Zuschauer dieser drohenden Bewegungen, welche von so gewichtigen Folgen sein konnten, auszumalen. Was auch immer der Grund sein mochte, daß Ellen keine besondere Neigung für die Familie empfand, in der sie der Leser zuerst erblickte, genug, ihr weibliches Mitleiden, und vielleicht auch ein Rest von Wohlwollen, konnte diese Neigung nicht ganz in ihrer Brust erstickt haben. Mehr als einmal fühlte sie sich gedrängt, der furchtbaren und augenblicklichen Gefahr zu trotzen, und ihre schwache 57 und in Wahrheit ohnmächtige Stimme zur Warnung erschallen zu lassen. Ja, dieser Drang war so stark und so natürlich, daß sie ihm gewiß wurde nachgegeben haben, hätte ihr nicht Paul Hover eben so oft als dringend die Thorheit des Beginnens vorgestellt. In der Brust des jungen Bienenjägers selbst herrschte eine seltsame Mischung von Gefühlen. Seine erste und Hauptsorge betraf gewiß seine zarte, abhängige Gefährtin; aber in der Brust des unruhigen Waidmaunes verband sich das Gefühl ihrer Gefahr mit einem stolzen, wilden und nichts weniger als unangenehmen Antrieb zum Kampfe. Obgleich er mit den Auswanderern durch Bande von weit geringerer Kraft als Ellen vereint war, verlangte ihn doch, das Krachen ihrer Flinten zu hören, und er wäre, hätte es irgend die Gelegenheit erlaubt, unter den Ersten gewesen, zu ihrer Hilfe herbei zu stürzen. Auch er hatte Augenblicke, wo er einen fast unwiderstehlichen Drang fühlte, vorzuspringen, und die unwissenden Schläfer zu erwecken. Aber ein Blick auf Ellen genügte, ihn zur Ueberlegnng zu bringen, und auf die Folgen aufmerksam zu machen. Nur der Wildsteller blieb ein ruhiger Beobachter, als ereigne sich nichts, was sein persönliches Wohl und Heil gefährde. Sein immer gespanntes Auge bewachte jede Bewegung mit der Ruhe eines Mannes, der, unter gefährlichen Auftritten grau geworden, nicht so leicht die Besonnenheit verlor, und mit einem Ausdruck kalter Entschlossenheit', welcher die Absicht verrieth, von der geringsten Nachlässigkeit der Hüter Vortheil zu ziehen. Inzwischen waren die Tetonkrieger nicht müssig gewesen. Den thauigen Dunst auf dem Haidegrnnde benutzend, waren sie über das Gras hingekrochen, wie vcrrätherische Schlangen, die ans ihre Beute losfahren, bis der Punkt gewonnen war, wo sie die Behutsamkeit bei ihren weiteren Fortschritten verdoppeln mußten. Mah- toree allein hatte ab und zu sein finsteres, grimmiges Gesicht über das Haidekrant erhoben, seine Auge» anstrengend, die Dunkelheit um das Lager unten zu durchdringen. Bei diesen kurzen 58 Hinblicken gewann er gelingende Keuntniß, nni, nach der schon beim früheren Spähen eingezvgeuen Kunde, vollkommen über die Lage nnd Stellung seiner erwählten Schlachtopfer gewiß zu sein, wiewohl er über ihre Anzahl nnd die Mittel ihrer Vertheidigung noch in völliger Unwissenheit schwebte. Alle Anstrengungen indessen, sich auch über diese beiden so wesentlichen Punkte Auskunft zu verschaffen, wurden durch die Stille im Lager, das in der Thal schon wie ein Feld des Todes dalag, vereitelt. Zn klug nnd mißtrauisch, um in einer so zweifelhaften Lage sich ans irgend einen Andern, der weniger stark nnd verschmitzt als er selbst war, zu verlassen, befahl der Dahcotah seinen Gefährten , dort zu bleiben, wo sie lagen, nnd machte sich allein ans den Weg. Mahtoree schlich sich nun leise nnd langsam fort, und die Art, wie es geschah, würde für jeden nicht darin Geübten zu den beschwerlichsten gehört haben. Aber die listige Schlange selbst kann sich nicht sicherer und geräuschloser fvrtbewegen. Fuß um Fuß schleifte er sich durch das niedergedrückte Gras, jeden Augenblick inne haltend, um den geringsten Laut aufzufassen, der ihm irgend Etwas über die nahen Wanderer verrathen könnte. Es gelang ihm endlich, sich aus dem Mondenschimmer binaus und in den Schatten der Niederung hinein zu ziehen, wo nicht allein seine eigene schwarze Gestalt der Gefahr, gesehen zu werden, weniger ausge- seyt war, sondern auch die Gegenstände ringsum ihm deutlicher in's Auge fielen. Hier blieb der Teton lange liege», um, ehe er weiter schliche, seine Beobachtungen anznstellen. Seine Lage erlaubte es ihm, das, ganze Lager mit dem Zelt, den Wagen und Hütten, zwar dunkel, aber doch deutlich zu unterscheiden, und der geprüfte Krieger konnte daraus so ziemlich auf den Widerstand, der ihm begegnen dürfte, schließen. Noch immer herrschte ein unnatürliches Schweigen am Orte, als ob die Leute drinnen sogar das ruhige Aufathmen 59 des Schlafes unterdrückten, um ihre Sorglosigkeit noch deutlicher zu bekunden. Der Häuptling legte das Ohr auf die Erde, und horchte aufmerksam. Schon wollte er, getäuscht, sich wieder anf- richtcu, als der lauggezogene und zitternde Athem eines nicht ruhig Schlummernden sein Ohr traf. Der Indianer war zu geschickt in allen Künsten des Betruges, um das Opfer irgend eines gewöhnlichen Kunstgriffes zu werden. Er fand den Ton ganz natürlich, und nun zauderte er nicht länger. Ein Mann, dessen Nerven weniger gestählt gewesen wären, als die des unternehmenden Mahtoree, würde wohl das Wagestück gefühlt haben, was dieser so furchtlos unternahm. Der Ruf der hartnäckigen und dreisten weißen Abenteurer, welche so oft die von seinem Volke bewohnten Wildnisse durchdrungen, war ihm wohl bekannt: aber während er mit der Achtung und Vorsicht, die ein wackerer Feind niemals cinzuflößen verfehlt, näher kam, geschah es doch mit der wilden Rachsucht eines Rothen, der mit neidischem Ingrimm der räuberischen Anfälle der Fremdlinge gedachte. Sich abwendend von seiner frühem Richtung, schob sich der Teton gerade längs dem Rande des Dickichts hin. Als dieß glücklich ansgeführt mar, richtete er sich auf, und übersah noch einmal von oben die ganze Lage. Ein einziger Blick genügte, ihm zu zeigen, wo der arglose Schläfer lag. Ebenso wird der Leser schnell gefaßt haben,/daß es dem Wilden geglückt war, gefahrbringend in die Nähe eines der schläfrigen Sohne Jsmaels zu kommen, denen von ihrem Vater die Bewachung des einsam liegenden Lagers übertragen worden. Als er sich versichert, daß er nnentdeckt geblieben, erhob sich der Dahcotah abermals, und vorn über gebeugt, bewegte er sein finstres Gesicht über das Antlitz des Schläfers ans dieselbe schadenfrohe Weise, wie die Schlange so häufig um ihr Opfer spielt, ehe sic ihm den Todesbiß versetzt. Endlich völlig unterrichtet, nicht allein von der Person, sondern auch von der anderweitigen Be- schaffenheit des Fremdlings, wollte Mahtoree eben seinen Kopf fortziehen, als eine leichte Bewegung von Seiten des Schläfers dessen wiedererwachendes Bewußtsein ankundigte. Der Wilde ergriff das an seinem Gürtel hängende Messer, und im Augenblick zuckte es über der Brust des jungen Auswanderers. Plötzlich aber wechselte er den Vorsatz. Schnell, wie der dämmernde Gedanke selbst, senkte er sich wieder hinter den Stamm des nmgestürzten Baumes zurück, woran der Andere gelehnt lag, und blieb in dessen Schatten liegen, so finster, bewegungslos und anscheinend ohne Gefühl, wie das Holz selbst. Die träge Schildwachc schlug ihre schweren Angenlieder auf, und nachdem sie einen Augenblick in den dunkeln Himmel hinaufgeschaut, rüttelte sic sich gewaltsam, und der Riesenbau erhob sich von dem Stamm, an welchen er gelehnt war. Darauf schaute er sich mit einer Art Wachsamkeit um, d. h. indem seine stieren Blicke über die dunkeln Punkte des Lagers fortschweiften, und sich endlich im Halbdunkel der offenen Steppe verloren. Da er aber auf gar nichts stieß, als die ununterbrochenen Wellungen der Haide, veränderte er zugleich dergestalt seine Lage, daß er seinem gefährlichen Nachbar den Rücken ganz und gar zukehrte, und seinen Körper . wieder in die vorige ruhende Stellung schlaftrunken zurücksinken ließ. Eine lange, und von Seiten des Teton eine peinvoll ängstliche Stille erfolgte, ehe das tiefe Aufathmen des Reisenden sein abermaliges Einschlummern verkündete. Der Wilde war indessen viel zu mißtrauisch vor einem Betrüge, als daß er sogleich an einen wahren Schlaf geglaubt hätte. Aber die Ermattung eines Tages voll ungewöhnlicher Anstrengung lag zu schwer auf der Schildwache, um den Andern länger in Zweifel zu lassen. Doch war immer noch Mahtoree's Bewegung, als er sich wieder auf seine Kniee anfrichtete, so geräuschlos und behutsam, daß selbst ein wachsamer Beobachter hätte zweifeln können, ob er sich wirklich rege. Endlich war es jedoch geschehen, und der Dahcotahhäuptling 61 beugte sich wieder über seinen Feind, ohne ein lauteres Geräusch, als das welke Laub des Banmwollenbanmes, das in die nächtliche Luft hinschwebte. Jetzt sah Mahtoree das Schicksal des Schläfers in seine Hand gegeben. Zur selben Zeit, wo er die gewaltigen und athletischen Glieder des Jünglings mit einer Bewunderung prüfte, welche physische Auszeichnung fast immer in der Brust eines Wilden erregt, bereitete er sich zugleich sehr kalt, die Lebensflammc, welche diese Glieder allein furchtbar machen konnte, ansznlöschen. Nachdem er sich der Stelle des Herzens vergewissert, indem er sachte die Falten des Kleides dazwischen fortgestreift, erhob er seine scharfe Waffe, und wollte eben Kraft und Geschicklichkeit in dem einen Stoße vereinen, als der junge Mann seinen gebräunten Arm nachlässig zurückwarf, bei dieser Handlung im Schlaf die ganze Kraft seiner Muskeln entfaltend. Der scharfsinnige und schlaue Wilde hielt innc. Es i'ibcrkam ihn plötzlich die Ueberzengnng, daß ihm in dem Angenblicke der Schlaf minder gefährlich, als der Tod selbst werden könne. Das geringste Geräusch, das Tvdesröcheln, womit eine solche Kraftgestalt doch vermuthlich vom Leben Abschied nehmen mußte, standen ihm plötzlich vor Angen, und der Gedanke zeigte ihm die Folgen. Er blickte noch einmal zurück nach dem Lager, dann in das Gebüsch, und endlich flogen seine feurigen Angen über die wilde und todtenstille Haide. Hierauf wiederum sich über das verschonte Opfer beugend, überzeugte er sich bald, daß es fest schlafe, und gab dann, den Einflüsterungen einer reifer» Politik folgend, sein unmittelbares Vorhaben ans. Mahtoree's Rückzug war eben so still und behutsam > als seine Annäherung. Er stahl sich nun den Rand des Gebüsches entlang, um einen Schlupfwinkel zu haben, wohinein er beim geringsten Allarm entweichen könne. Er kam nun der Wohnung näher, ganz nahe, untersuchte die leinene Außenwand, horchte mit peinlicher 62 Aufmerksamkeit, ob sein Ohr etwas herausbriugen könne, und nun wagte der Wilde, die Tnchdeckei, nuten am Rande etwas aufznheben und sein dunkles Gesicht durchzustecken. Es mochte eine Minute gedauert haben, ehe der Tetonhänptling den Kopf znrückzog, und sich außerhalb des Zeltes niedersehte. Hier saß er, wie in tiefe Betrachtungen versunken, mehrere Augenblicke lang in starrem Nichtsthnn. Dann legte er sich wieder in seine gekrümmte Stellung, und steckte noch einmal sein Gesicht unter die Deckenwand. Sein zweites Beschauen des Innern war länger, und, wo möglich, noch nnheildrohender als das erste. Aber es hatte, wie Alles ans der Erde, sein Ende, und der Wilde zog seine glänzenden Augen wieder von den Geheimnissen des Ortes zurück. Mahtoree hatte seinen Leib wieder mehrere Ellen von der Stelle fortgerutscht, steuerte langsam den verschiedenen Gegenständen zu, welche die Mitte des Lagers einnahmen, und hielt wiederum inne. Es folgte eine neue Panse; er blickte ans die einsam stehende Hütte zurück, um die er gekrochen war, als sei er unschlüssig, ob er nicht abermals dahin znrückkehren solle. Aber die spanischen Reiter von Aesten und Zweigen, die, kaum armweit von ihm, jene Mitte umgaben, und die Vorsichtsmaßregeln, die in deren Erscheinung lagen, und von dem Werth der Gegenstände drinnen sprachen, reizten seine Begierde doch stärker, und trieben ihn weiter. Während der Wilde sich durch das biegsame Reisig und Laubwerk der Baumwollcnbänme hindnrchwand, verursachte er kein stärkeres Geräusch, als das von kriechendem Gewürm, dessen Laute er auch täuschend dabei nachznahmen verstand. Als er aber seinen Zweck erreicht, und mit der Beschaffenheit aller Gegenstände innerhalb des Verhaues sich bekannt gemacht, brauchte der Teton die Vorsicht, sich einen Weg zu öffnen, durch den er mit weniger Hinderniß seinen Rückzug eilig ergreifen könne. Wieder gerade anfstehend, schritt er durch das Lager wie der Böse, und suchte, 63 wen und was er zuerst seiner Heimtücke opfern solle. Schon hatte er den Inhalt der Hütte erspäht, in welcher die Fran nnd ihre jungen Kinder lagen, und war bei mehreren gigantischen Gestalten, die auf Haufen Laubwerk lagen, vorübergekommen — glücklich für ihn lagen Alle in bewußtloser Unbeholfenheit — als er endlich dahin gelangte, wo Jsmael selbst schlief. Einem so scharfblickenden Manü wie Mahtoree konnte es nicht entgehen, daß jetzt der Vorzüglichste der Reisenden in seine Macht gegeben war. Lange stand er, oder schwebte vielmehr, über der ruhenden herkulischen Gestalt des Auswanderers, scharf bei sich alle möglichen Folgen erwägend, so wie die wirkungsvollsten Mittel zur reichsten Ernte. Er hatte das Messer wieder in die Sebeide gesteckt, welches ein fieberhafter Andrang der Gedanken ihn zu ziehen getrieben, und ging weiter, als Jsmael sich nmdrehte, nnd rauh fragte, wer es sei, der da, halb Schatten, vor seinen wenig geöffneten Augen sich bewege. Die ganze Schlauheit und Fertigkeit eines Wilden konnte allein hier die Krisis abwenden. Die dumpfen nnd fast nnverständlichen Töne, die er hörte, nachahmend, warf sich Mahtoree länglings auf die Erde nieder, als wolle er schlafen. Obgleich Jsmael, schlaftrunken, die ganze Bewegung wohl sah, so war doch das Kunststück zu kühn nnd zu bewunderungswürdig ansgcführt, um seine Wirkung zu verfehlen. Der schlaftrunkene Vater schloß seine Augen, nnd lag bald wieder in tiefem Schlummer, während der Verräthcr mitte» im Schooße seiner Familie weilte. Es war für den Teton nöthig, die Stellung, die er angenommen, mehrere Minuten lang beiznbehalten, um sich zu versichern, daß er nicht mehr beachtet würde. Sein thätiger Geist theilte die regungslose Ruhe des Körpers nicht. In ihm reifte ein feiner Plan, welcher, wie er hoffte, das ganze Lager, mit Sachen und Menschen, ganz ihm in die Hände spielen sollte. Sobald er sicher an's Werk gehen konnte, war der unermüdliche Wilde auch schon wieder auf den Beinen. Er wandte sich zuerst nach dem kleinen Stalle, wo die Hausthiere eingesperrt waren, indem er auf die früher angegebene Weise dahin kroch. Das erste Thier, auf das er stieß, veranlaßte ihn zu einem langen und gefährlichen Verzüge. Das müde Geschöpf, vielleicht durch seinen geheimen Instinkt belehrt, daß in diesen endlosen Wildnissen der Mensch sein sicherster Beschützer sei, war so außerordentlich unterwürfig, daß es sich der genauen Prüfung von der Hand des Teton willig unterwarf. Unter der weichen Bedeckung fühlte dieser mit unermüdlicher Neugier den zartem Fleisch- und Gliederbau des feinen Thieres heraus. Zuletzt aber ließ er es wieder los, da er es nicht für nutzvoll zu seiner Beuteexpedition erfand, und es auch sonst seinem Gaumen zu wenig zusprach. Sobald er sich aber unter den Lastthieren fand, fühlte er sich ungemein befriedigt, und kaum unterdrückte er die eigen- thümlichen Ausbrüche der Lust, welche mehr als einmal ihm schon auf den Lippen schwebten. Hier vergaß er alle Fährlichkci- ten und Wagnisse, durch welche er bis zu dieser gefährlichen Stelle gedrungen war, und die Wachsamkeit des schlauen und lange geübten Kriegers war für den Augenblick über den Jubel des Wilden vergessen. Fünftes Kapitel. Was, würd'ger Vater, könnten wir verlieren? — Das Gesetz Beschützt uns nicht. Weg zarte Rücksicht dann, Wenn solche rohe Masse Fleisch uns drohen darf! Sei Richter und Vollstrecker. Cymbeline. Während der Tetoukrieger auf diese Art sein Werk ansführte, unterbrach auch kein einziger Laut von der umgebenden Haide die Stille. Die ganze Bande lag auf ihren Posten, mit der wohlbekannten Geduld ihrer Landsleute auf das Zeichen znm allgemeinen 65 Aufbruch harrend. Die Augen der ängstlichen und so eng bethei- , ligten Gefangenen sahen, von ihrem schon beschriebenen Standpunkte auf der kleinen Anhöhe herab, nichts als das feierliche Bild einer, nur halb von den ans einer Wolke vordämmernden Strahle» des Mondes erhellten Wüste. Der Platz, wo das Lager sich befand, war durch ein noch tieferes Dunkel bezeichnet, als welches ringsumher die Gründe beschattete, deren Höhenstreifen doch hie und da lichter glänzten. Sonst rings in weiter Ferne die tiefe, durch nichts gestörte Ruhe einer Einöde. Für die aber, welche wußten, was unter diesem Mantel der Stille und der Nacht brütete, war es ein Auftritt der gewaltigsten Aufregung. Ihre Spannung wuchs immer,, als Minute nach Minute verstrich, und nicht der geringste Ton des Lebens aus der ruhigen Finsterniß um das Gebüsch hervorbrach. Paul athmete immer lauter und tiefer, und mehr als einmal schreckte Ellen zusammen, wenn sie, sich an seinen Arm hängend, die kräftige Gestalt zittern fühlte. Wie es mit Wencha's Redlichkeit und Beständigkeit beschaffen war, davon ist schon gesprochen worden. Der Leser wird daher nicht erstaunen, wenn er hört, daß er der Erste war, welcher die Regeln, die er sich selbst anferlegt hatte, auch übertrat. Es war gerade in dem Augenblick, wo wir Mahtoree, kaum sein mächtiges Entzücken beim Anblick der Anzahl und Trefflichkeit der Lastthiere des Jsmael unterdrückend, verließen, als der Man», den er zur Bewachung der Gefangenen ersehen, zu seinem boshaften Vergnügen cs vorzog, die zu martern, die es seine Pflicht war, zu beschützen. Den Kopf dicht an die Ohren des Wildstellers gehalten, murmelte der Wilde mehr, als daß er flüsterte, hinein: „Wenn die Tetons ihren großen Häuptling von den Händen der Lang-Messer verlieren, stirbt Alt wie Jung." „Leben ist ein Geschenk des Wahcondah," klang die ruhige Antwort; „der tattowirte Kriegsmann muß sich seinen Gesetzen so Die Prairie. 5 66 gut, als Gottes andere Kinder unterwerfen. Die Menschen sterben nur, wenn Er es will, und kein Dahcotah kann die Stunde ändern." „Sieh!" erwiederte der Wilde, indem er den Stahl seines Messer dicht vor das Gesicht des Gefangenen hielt, — „Weucha ist der Wahcondah eines Hundes." Der alte Mann erhob seine Augen zu dem grimmigen Gesicht seines Peinigers, und zuerst brach aus den tiefen Höhlen ein Blick der Verachtung und redlichen Zorns hervor; aber augenblicklich ging er in einen Ausdruck des Erbarmens, wo nicht des Kummers, über. „Was sollte Einer, der zu Gottes Ebenbild erschaffen ist, zürnen über ein vernnnftloses Geschöpf," sagte er auf englisch, und in Tönen, viel lauter als die, in welchen Weucha die Unterredung fortzusehen wünschte. Der Letztere zog aus der unabsichtlichen Beleidigung seines Gefangenen Vorthcil, und indem er ihn bei den dünnen, grauen Locken, die aus seiner Mühe hervorblickten, ergriff, war er eben daran, in boshafter Freude mit der Messerschneide sie vom Schädel zu trennen, als ein langes, gellendes Geschrei erdröhnte, dem ein hundertfältiger Wicderhall aus der Wüste ringsum folgte, als hätten tausend Dämonen zugleich auf Einen Ruf ihre Kehlen erhoben. Weucha ließ los und schrie in wilder Freude auf. „Jetzt!" rief Paul aus, unfähig, seine Geduld länger z» halten, „jetzt, alter Jsmael, gilt es, das Blut von Kentucky zu zeigen! Feuert los, Jungens! Längs dem Boden gezielt, denn die Rothhäute sitzen in der Erde selbst." Sein Ruf ging indessen verloren, oder blieb doch unbeachtet, mitten in dem Geschrei, Gekreisch und Getöse, das mittlerweile aus fünfzig Kehlen ihm zu jeder Seite ausbrach. Die Posten zu beiden Seiten der Gefangenen blieben stehen, aber wie unwillige Rosse, wenn sle das Zeichen erwarten zum Losbrechen. Sie stießen ihre Waffen wild in der Luft zusammen, und sprangen wie jubelnde 67 Kinder auf und nieder, und hörten nicht auf, sich in wildem und schrankenlosem Geschrei zu ergötzen. Mitten in diesem Tumulte hörte man einen Ton, ähnlich dem, wie wenn man den Anzug einer Heerde Büffel erwartet, und dann sah man plötzlich alles Vieh Jsmacls in wilder Unordnung und Angst ausbrechen. „Sie haben den Jsmael, den Squatter*), seines Viehs beraubt," sagte der aufmerksame Wildsteller. „Die Schlangen haben ihn ganz huflos wie einen Biber zurückgelaffen!" Er sprach noch, als die ganze Masse der erschrockenen Thiere den kleinen Abhang erstieg, und am Platze, wo er stand, vorbeifegte, von einer Bande finsterer, dämonartigcr Gestalten dicht hinter ihnen verfolgt. Der Drang theilte sich den Tetonpferdcn mit, die immer gewohnt waren, die ungezügelten Leidenschaften ihrer Eigenthümer zu theilen, und nur mit Mühe konnten ihre Wächter sie zurück- haltcn. In diesem Augenblick, wo Aller Augen auf den vorüber- streifendcn Wirbelwind von Thier und Menschen gerichtet waren, entriß der Wildstcller das Messer den Händen seines unaufmerksamen Hüters mit einer Kraft, die seinem Alter nicht eigen schien, und trennte mit einem einzigen Schnitt den ledernen Riemen, mit welchem sie znsammengekoppelt waren. Die wilden Thiere wieherten vor Freude und Schrecken, und die Erde weit mit ihren Hufe» anfschlcuderud, stoben sie hinweg in tausend Richtungen, in die weite Haide hinein. Weucha wandte sich gegen seinen Angreifer mit der Wildheit und Behendigkeit eines Tigers. Er fühlte nach der Waffe, die ihm so plötzlich entrissen war, griff mit nnkräftiger Hast nach dem Stiel seines Tomahawk, und blickte doch in selbem Moment mit aller Gier eines westlichen Indianers nach dem fliehenden Hornvieh. Der Kampf zwischen dem Durst nach Rache und der Begier ') Die Benennung Squatter bezeichnet einen Landbeuter. einen Mann, der sich ohne- Erlaubuiß der Staaten anzustedeln sucht. 5 * 68 war kurz, aber schwer. Die letztere siegte schnell in einem Busen, dessen Leidenschaften, wie man sagt, zu den kriechenden gehörten, und kaum verstrich ein Moment zwischen der Flucht der Thiere und dem schnellen Nachsehen aller Wächter. Der Wildsteller hatte nnunterbrvchen nach seiner kühnen That dem unschlüssigen Feinde ruhig in's Gesicht gesehen, und zeigte jetzt, wo Wcncha mit seinen Gefährten verschwunden war, nach dem dunkeln Zuge hin, indem er mit tiefem, fast lautlosem Lachen sagte: „Rothe Natur ist rothe Natur, sei's in der Wüste, sei's im Walde! Ein Schlag ans den Kopf wäre die geringste Bestrafung für den, der sich solche Freiheit mit einer christlichen Schildmache nähme, aber da geht der Teton seinen Pferden nach, als ob bei solchem Laufe zwei Beine dasselbe thätcn als viere. Und doch werden die Kobolde jeden Huf haben, che der Tag anbricht, denn da ist Vernunft gegen Instinkt. Du arme Vernunft, und doch hat der Indianer eine große Portion davon. Ja, ja! die Röthhäute vom Delaware, die warcn's, auf welche Amerika stolz sein konnte, aber wie gering und zersplittert ist jetzt das mächtige Volk! — Unserem Wanderer bleibt nichts übrig, als hier seinen Stab einzustecken-, er hat genug des Wassers, aber die Natur versagte ihm das Vergnügen, auf gesetzlose Weise die Erde ihrer Bäume zu berauben. Er hat das letzte seiner vierfüßigen Thiere gesehen, oder ich kenne nicht die Schlauheit eines Sioux." „Sollten wir nicht mit Jsmaels Leuten znsammenhalten?" sagte der Bienenjäger. „Denn es muß ein ordentliches Gefecht geben, oder der alte Kerl ist auf einmal kleinmüthig geworden." „Nein — nein — nein," rief hastig Ellen. Der Wildsteller unterbrach sie, indem er sanft die Hand auf ihren Mund legte, und sprach: „Still! — still! unsere Stimmen möchten uns in Gefahr bringen. Ist Euer Freund," setzte er gegen Paul Hinz» — „ein Mann von hinlänglichem Muth. . ." 69 „Nennt den Kerl nicht wieder meinen Freund," unterbrach ihn der Jüngling. „Ich schloß noch mit Niemanden Frenndschaft, der nicht Brief und Siegel für das Land anfweisen konnte, das ihn ernährte." „Gut, gut. So nennt ihn Euren Bekannten. Ist er genug Mannes, um, was sein eigen, mit Pulver und Blei zu vertheidigen?" „Sein Eigenes! Ei freilich, und auch das, was nicht sein Eigenes ist. Wie kannst du nur fragen, alter Wildstellcr, da cr's ja war, der die Flinte hielt, die dem Offizier des Sheriffs das Lebenslicht ansblics, als dieser die ungesetzlichen Ansiedler, die sich im Büffelschlage in Alt-Kentucky gesammelt hatten, austreiben wollte! Ich war denselben Tag einem prächtigen Schwarm in einer abgestorbenen hohlen Buche nachgezvgen, und da lag der Leute ihr Offizier an den Wurzeln des Baums; das Loch war grade durch die,Gottes Gnadeist, die er dicht über dem Herzen in der Brusttasche trug, gegangen, als ob er meinte, ein bischen Kalbsleder sei ein Brustharnisch gegen solch' eines Kerls Kugel. — Still, still, Ellen, du brauchst nicht ängstlich zu sein, es wurde ja vertuscht. — Und da waren noch fünfzig Andere, die alle i» der Nachbarschaft ringsum sasieu, und keiner mit bessern! Recht als er." Das arme Mädchen schauderte, und kämpfte mit aller Gewalt, den Seufzer zu, unterdrücken, der, trotz der Anstrengung, aus dem tiefsten Herzen aufsteigeu wollte. Der alte Mann schien mit der Auskunft, welche er durch Pauls kurze, doch verständliche Rede über den Charakter jener Auswanderer erhalten, vollkommen zufrieden, und fragte nun nicht weiter, ob Jsmael bereit sein würde, das erlittene Unrecht zu rächen, sondern folgte lieber den Gedanken, welche sich, der Natur der Sache nach, bei diesem Vorfall in ihm erhoben. „Jedermann kennt die Bande am besten, welche ihn an seine Nebcnmenschen knüpfen," antwortete er; „obgleich cs sehr zu beklagen ist, daß Farbe, Eigenthnm, Sprache und Kenntnisse einen 70 solchen großen Unterschied bei denen machen, die alle mir Kinder- des einen Vaters sind. Indessen," fnhr er, einen etwas seltsamen und den Mann charaktcrissrenden Uebergang machend, fort, „da dieß hier ein Vorfall ist, wo es weit wahrscheinlicher ist, daß ein Gefecht nöthig sein möchte, als eine Predigt, so wäre cs wohl am besten, sich ans alle Folgen vorznbereiten. — Halt! da regt sich's unten! Man mag uns leicht gesehen haben." „Die Familie ist auf den Beinen," schrie Ellen mit zitternder Stimme, die beinahe ebenso viel Furcht bei der Annäherung ihrer Freunde verrieth, als sie zuvor bei der Gegenwart ihrer Feinde an den Tag gelegt hatte. — „Geh', Paul, verlaß mich. Du wenigstens darfst nicht gesehen werden." „Wenn ich dich, Ellen, in dieser Wildniß verlasse, ehe ich dich wenigstens sicher in der Obhut des alten Jsmael weiß, so will ich nie mehr das Summen einer Biene hören, oder, was noch schlimmer ist, das Gluck soll mich beim Bienenfang verlassen." „Du vergißt diesen alten Mann. Er wird mich nicht verlassen. Und trennten wir uns nicht oft, Paul, wo mehr als diese Wildniß war?" „Auf keinen Fall! Die Indianer können mit ihrem Todesgeheul wiederkommen, und dann, wo wärst du! Halben Wegs nach den Rocky-Mountains, eh' daß Jemand auf die Spur eures Bleibens kommen kann. Was meint Ihr, alter Wildsteller? Wie lange wird's dauern, ehe diese Tetons, wie Ihr sie nennt, zuriickkom- men werden, um zu holen, was sie Jsmael dießmal noch gelassen?" „Seid unbesorgt," erwiederte der alte Mann, wiederum auf seine eigenthiimliche, stille Weise lachend. „Die Teufel schwärmen Euch wenigstens an die sechs Stunden ihrem Vieh nach! Horch, da sind sie im Weidengrnnde grade jetzt. Das Vieh der Sioux wird schon ausreißen, wie ebenso viel langschenklige Elennthiere — Husch! in's Gras nieder, nieder ihr Beide. So wahr ich von Staub bin, da spannt Einer seinen Flintenhahn!" 71 Der Wildsteller ließ seinen Gefährten kaum Zeit zu zaudern; Beide riß er mit sich nieder, und begrub sich tief im Dunst der Haide, während er sprach. Es war glücklich, daß die Sinne des alten Jägers so scharf geblieben, und daß dem schnellen Entschluß die Ausführung auch eben so schnell bei ihm folgte. Kanin lagen die Drei im Grund, als ihre Ohren einen Gruß bekamen von wohlbekannten, scharfen, vaterländischen Flintenschüssen, und gleich darauf pfiff das Blei in gefährlicher Nähe über ihre Köpfe hinweg. „Wohlgethan, ihr jungen Zweige, wohlgethan, alter Stamm!" flüsterte Paul, dessen Mnthwille in keiner noch so gefährlichen Lage erstarb. „Eine so lustige Flintenmusik, wie nur ein Mensch sie wünschen kann. Aufgepaßt, Wildsteller! Hier möchte es leicht einen dreifachen Krieg geben. Soll ich ihnen ihre Spendage zn- rückschicken?" „Nichts, als gute Worte," erwiederte der Andere hastig, „oder ihr seid Beide verloren." „Weiß doch wahrhaftig nicht, ob's besser würde, wenn ich, statt mit der Flinte, mit der Zunge redete," sagte Paul, halb lustig, halb bitter. „Um Himmels Willen, verrathe dich nicht," rief Ellen. „Geh', Paul, geh'. Du kommst noch leicht fort!" Mehrere Schüsse folgten kurz auf einander, jeder immer näher, als der vorhergehende. Ihr Gespräch erstarb wohl eben aus Vorsicht, wie ans Furcht. „Das geht nicht länger!" sagte endlich der Wildsteller, mit Würde anfstehend; ein ernster Entschluß sprach sich in seinen Mienen aus. „Ich weiß nicht, Kinder, warum ihr die fürchten müßt, die ihr Beide lieben und ehren solltet; aber es muß Etwas geschehen, um euch zu retten. Wenig Stunden mehr oder weniger schlagen bei Einem, der schon so viele Tage verlebt, wenig an. Darum will ich vor. Ihr bleibt! Hier ist ein guter Platz für euch. Seid vorsichtig, und Gott möge Jeden von euch, wie ihr es verdient, segnen." Ohne auf Antwort zu warten, stieg der Wildstetter unverzagt den Abhang vor sich hinunter, grade auf das Lager zu, indem die Furcht seine Schritte weder beschleunigte, noch verzögerte. Das Mondlicht beleuchtete einen Augenblick seine hohe, magere Gestalt, und diente, die Auswanderer von seiner Annäherung zu benachrichtigen. Unbekümmert um diesen für ihn nachtheiligen Umstand, ging er seines Weges, immer nach dem Gebüsche zu, bis eine rauhe, drohende Stimme ihm entgegen klang: „Wer kommt, Freund oder Feind?" „Freund! Einer, der allzulange gelebt, um noch den Rest durch Unfrieden stören zu wollen!" „Aber nicht zu lange, um die Schliche seiner Jugend vergessen zu haben," sagte Jsmael, indem seine ungeheure Gestalt sich hinter dem Versteck eines niedrigen Busches erhob. Und nun, Antliy gegen Antlitz gekehrt, sprach er znm Wildsteller: „Alter Mann, du hast diesen Stamm rother Teufel ans uns losgeführt, und morgen willst du ihre Beute theilen." „Was habt Ihr verloren?" fragte ruhig der Wildsteller. „Acht so gute Mähren, als je in einem Geschirre gingen, und ein Füllen, das dreißig der schönsten Mexikaner, alle mit dem Gesicht des Königs von Spanien, werth ist. Der Frau bleibt kein gespaltener Huf, keine Kuh zu einem einzigen Zuber Milch; und ich glaube gar, unsere Schweine beackern mit ihren wunden Füßen die Prairie. Und nun, Fremder," fügte er hinzu, mit einer Heftigkeit und einem Anfbransen, die einen minder Beherzten zittern gemacht hätte, die Flintenkolbe auf den Boden stampfend, „wie viele davon fallen dir zu bei der Theilung?" „Pferde habe ich nie verlangt, und nie gebraucht, obgleich wohl Wenige über weitere Strecken Amerika's gereist sind, als ich, so alt und schwach ich auch scheine. Aber ein Pferd nützte 73 da wenig in den Hageln and Wäldern von Jork") — das heißt wie Jork war, aber wie ich sehr fürchte, daß Jork nicht mehr ist. — Auch frage ich nach keiner wollenen Kleidung oder Kuhmilch, das ist alles weibisch. Die Thiere der Wildniß geben mir Nahrung und Bedeckung. Nein, ich bedarf keines bessern Rockes, als einer Haut vom Hirsch, und keines bessern Mahles, als seines Fleisches." Der aufrichtige Ton des Wildstellers in dieser schlichten Rechtfertigung blieb nicht ganz ohne Wirkung bei dem Auswanderer, dessen innerer Grimm sich allmählig zu einer Flamme angefacht hatte, die leicht in gefährlicher Heftigkeit herausgebrochen wäre. Wie zweifelnd horchte er, und wartete ans Ucberzeugnng. Zwischen den Zähnen murmelte er die Beschuldigung, auf die er, wenige Augenblicke zuvor, fest entschlossen war zur unverzüglichen Rache zu schreiten. „Schöne Reden," brummte er zuletzt, „aber wie mich bedünkt, gar zu advokatenartig für einen ordentlichen Jäger, der ans nichts zu achten hat, als auf schlecht und gut Wetter." „Ich will ja nichts mehr sein, als ein Wildsteller," unterbrach ihn sanft der Andere. „Jäger öder Wildsteller, das ist ein geringer Unterschied. Ich kam in diese Gegenden, alter Mann, weil ich fand, daß mir das Gesetz zu dicht ans den Nägeln saß, und ich liebe eben nicht allzusehr solche Nachbarn, die keinen Streit ausmachen können, ohne einen Richter und zwölf Männer zu inkommodiren. Aber ich bin auch nicht gekommen, daß man mir meinen Plunder abnimmt, und ich noch dazu sagen soll: danke schön!" „Wer sich so weit in die Prairie wagt, muß sich mit ihren Eigenthümern vertragen." „Eigenthümer?" rief der Andere wild. „Ich bin ein eben so rechtmäßiger Eigenthümer von dem Lande, wo ich stehe, als ') D. h. von New-Iork. 74 irgend ei» Gouverneur in allen Vereinigten Staaten. Kannst du mir sagen, Fremder, mo das Gesetz, oder nur ein vernünftiger Grund zu finden, daß ein Mensch einen ganzen Strich, oder eine Stadt, oder vielleicht ein ganzes Land zu seinem Nutzen haben soll, und ein anderer Mensch um einen Flecken betteln muß, sein Grab darin zu graben? Das ist nicht Natur, und ich sage, das ist auch nicht Gesetz. Das ist euer gesetzliches Gesetz." „Ich kann nicht sagen, daß Ihr unrecht habt," eutgegnete der Wildsteller, dessen Ansichten über diesen wichtigen Gegenstand, obgleich ans sehr verschiedene Voraussetzungen gebaut, auf seltsame Weise mit denen seines Gefährten übereinstimmten, „und ich habe oft darüber nachgedacht, und darüber gesprochen, wo ich nur immer glauben konnte, gehört zu werden. Aber Euer Vieh ist von denen gestohlen, die da meinen, Herren von Allem zu sein, was sie in der Wüste finden." „Sie sollten über dergleichen mit Niemanden'streiten, der es besser versteht," sagte der Andere in etwas anmaßlichem Tone, und er hisste dabei sehr tief aus. „Ich glaube, selbst ein guter Handelsmann zu sein, und messe mit dem Maaß, wie mir gemessen wird. Ihr saht die Indianer ?" „Freilich, — sie hielten mich gefangen, während sie in Euer Lager schlichen." „Ihr hättet wahrhaftig besser wie ein Weißer und ein Christ gehandelt, hättet Jhr's mich zu rechter Zeit wissen lassen," er- wiederte Jsmael, noch einen gefährlichen Blick auf de» Wildsteller werfend, als dächte er noch immer daran, ihm etwas Uebles anzuhängen. „Ich pflege eben nicht Jedermann, dem ich auf der Straße begegne, meinen Gevatter zu nennen, aber die Farbe sollte doch etwas machen, wenn Christen an einem Orte, wie hier, Zusammentreffen. Aber was geschehen, ist geschehen, und Worte machen's nicht anders. Kommt vor aus eurem Versteck,'Jungens! hier ist Niemand, als der alte Mann. Er hat von meinem Brod gegessen, und sollte ein Freund sein, obgleich Grund genug da ist, zu vermnthen, er halte es mit meinen Feinden." Der Wildsteller antwortete gar nichts auf den argen Verdacht, den der Andere so ohne Umstände anssprach, trotz der Erklärungen und Erläuterungen, die eben stattgcsnnden. Ans den Ruf des Vaters lief es von allen Seiten herzu. Vier oder fünf seiner Söhne krochen augenblicklich ans ihren Verstecken hervor, wo sie in der Vermnthnng gelegen, daß die von ihnen ans der nächsten Erdwelle gesehenen Gestalten zu den Sioux gehörten. Sobald Jeder von ihnen sich näherte, seine Flinte ruhig im Arme haltend, warf er einen forschenden Blick ans den Fremden, wiewohl keiner die geringste Neugier ansdrückte, von wo er gekommen, oder weß- halb er da sei. Dieses seltsame Benehmen entstand znm Theil aus der trägen Kälte ihres Temperaments, denn eine lange Erfahrung in ähnlichen Auftritten hatte sie auch die Tugend der Zurückhaltung gelehrt. Der Wildsteller ertrug ihre stumme Musterung mit der Festigkeit eines Mannes, der nicht minder als sie selbst erprüft war, und mit der vollkommenen Ruhe der Unschuld. Zufrieden mit' dem Resultate der Prüfung, wandte sich der Aelteste aus der Gruppe, der kein Anderer als die nachlässige Schildwache war, deren Mangel an Wachsamkeit der schlaue Mahtoree sich so geschickt zu Nutzen gemacht hatte, zum Vater, und sagte dreist: „Ist der Mann der einzige, der von den Leuten, die ich da oben sah, übrig geblieben, so haben wir nicht umsonst unser Pulver verschossen." „Asa hat recht," sagte der Vater, indem er sich plötzlich zum Wildsteller nmdrehte, als kehre ein verlorener Gedanke plötzlich bei dem Winke seines schläfrigen Sohnes zurück. „Wie ist das, Fremder? Es waren ja eben noch eurer Drei, oder man könnte nichts bei Mondlicht sehen." „Hättet Ihr die Tetons über die Haide hinwcgjagen gesehen, wie eben so viele schwarze Teufel, hinter Eurem Vieh, mein 76 Freund, Ihr hättet eben so leicht glauben können, es wären ihrer Tausend." „Ja, ein Junge, der in der Stadt anfgehätschelt, oder ein Weib, — das glaub' ich; aber da ist meine alte Esther. Sie fürchtet sich nicht mehr vor den Rothhänten, als vor einem Bären oder Wolf. Wären Enre stehlenden Teufel bei Hellem Sonnenlichte angckommen, Ihr hättet die gute Frau mitten unter ihnen sehen sollen, und sie hätte die Sioux auch kein Schnittchen Käse oder Butter nehmen lassen, ohne das; es sie was gekostet hätte. Aber es wird schon eine Zeit kommen, Fremder, und das recht bald, wo die Gerechtigkeit ihr Werk thun wird, und noch dazu ohne Hilfe dessen, was sie Gesetz nennen. Wir sind langsam und träge, das mag sein, man hat es uns oft gesagt, aber wer langsam geht, geht sicher, und es leben Wenige, die da sagen könnten, sie hätten 'mal einen Schlag ansgetheilt, den sie nicht wenigstens eben so derb von Jsmael Busch wieder bekommen hätten." „Dann folgte Jsmael Busch mehr dem Instinkte der Thiere, als dem Geiste, der allen Wesen seiner Gattung angehört," er- wiederte der unerschrockene Wildsteller. „Ich habe selbst manchen Schlag verseht, aber ich empfand nie den frohen Muth, wie ein Mann, der nach der Vernunft gehandelt hat, wenn ich, sci's auch nur ein Hirschkalb, erschossen, ohne daß ich seines Fleisches oder Felles bedurft hätte, oder wenn ich einen Mingo nnbeerdigt in den Wäldern liegen lassen, mit dem ich in ehrlicher Fehde an einander gcrathen war." „Was, seid Ihr ein Soldat gewesen, Wildsteller? Ich habe auch wohl einen oder zwei Streifzüge unter den Cherokees mitgemacht, als ich noch ein Junge war, und ich folgte eines Sommers einmal dem tollen Anthony") durch die Wälder; aber dabei war '> Anthony Wayne, ein im Revolutionskriege und später im Kampfe gegen die westlichen Indianer ausgezeichneter Pennsylvanier. benahm sich als General so wagehalsig , daß er von seinen Leuten nur der tolle Anthony genannt wurde. General Wayne war der Sohn dieses durch ,Wests Leben' wohlbekannten Mannes, in dessen Regiment er seine Schule machte. 77 mir zu viel Taktik und Reguläres unter seinen Truppen, darum ließ ich sie wieder laufen, ohne mich dem Zahlmeister weiter zu verdingen, obgleich Esther sich nachher rühmte, sie märe mit den Zahlungszetteln sv umgespruugen, daß die Staaten dabei nicht viel gewonnen hätten. Ihr müßt ja auch wohl von dem tollen Anthony gehört haben, wenn Ihr lange unter den Soldaten wäret." „Ich will cs meinen, focht ich doch meine letzte Schlacht unter ihm," erwiederte der Wildsteller, indem ein Strahl Sonnenschein aus seinen dunkeln Angen Vorschuß, gleich als erinnere er sich mit Lust der Zeit. Dann aber folgte gleich darauf ein Schatten des Kummers, als überkomme ihn eine geheime Warnung, nicht bei den heftigen Auftritten zu verweilen, in denen er so oft thätig gewesen. „Ich wanderte grade von den Uferstaaten in diese fernen Gegenden, als ich ans den Nachtrab seiner Leute stieß, und ich zog mit als Zuschauer: aber als es zum Gefecht kam, da hörte man auch meine Flinte krache», obgleich ich zu meiner Schande gestehen muß, daß ich nie erfahren, auf welcher Seite das Recht mar, da > es doch wohl einem Manne von siebzig Jahren znkäme, den Grund seiner Handlung zu wissen, ehe er ein Menschenleben nimmt, ein Geschenk, das er nie wieder geben kann." „Komm, Fremder," sagte der Anowanderer, ein gut Theil sanfter, als er fand, daß sie Beide in demselben Kriege im Westen gefochten, „'s liegt immer nicht viel zum Grunde bei solchem Streit zwischen den Christen und den Wilden. Morgen werden wir mehr von diesem Pferdedicbstahl hören; über Nacht können wir nichts Gescheidteres und Besseres thun, als schlafen." Mit diesen Worte» wandte sich Jsmael wieder nach dem beraubten Lager, und führte den Mann, dessen Leben noch wenige Minuten vorher von ihm gefährdet war, selbst zu seiner Familie. Hier benachrichtigte er mit wenigen Worten, vermischt mit einigen Drohungen gegen die Plünderer, sein Weib von dem Zustande der Dinge draußen ans der Haide, und kündigte dann seinen eigenen Snffdjtuf; an, ftrt) fiiv feine unterbrodjene Stube gn entfdjäbigen, unb bie übrige fltadjt bem ©djlafe gu wibmett. Ser SBilbftelter willigte gern in biefe Dtafiregel, unb lagerte feinen biirren Körper auf bie if>m attgewiefeue ©lätferftreu, mit bet Stube, bereit ein fierrfdjcr mitten in feiner ftdjeten £aupfftabf, unb umgeben non ben bemaffneten Sefdjitbern, im ©djlafe ge* niefjeu bann. Snbcffeit fdjloß bet alte SOTann nidjf eher bie Singen, alb Mb er fid) perfidjerf batte, baß Gelten ffiabc fid) wieber unter ben wciblidjen 5D?ifg(icbern ber gamilie beftnbe, unb baß ihr SSemaitbfer ober Siebbaber, »er er and) fein modjfe, bie 23orfidjf gebraudjt, fid) nid)t blieben gu laffen. Sann erft fdjlief er ein, jebodj and) jeßt nid)t ebne bie Sßadjfamfeit, bie Einer, ber ihrer gemobut ift, and) mitten im ©djlummer ber tiefen Stadjf nie gang bei ©eite feßt. (Sechstes Äajntcl. @t ift ju Biel gejiett, ju gefudjt unk ju feltfam, Um auf Steifen ju getyen. Sfjafcfpearc. jPer 2tnglo=2lmeritaner barf fid), unb nid)t ebne fd)einbaren ©runb, rühmen, baß feine Station einer ebrctipollern Slbfunft ge* nießt, alb irgenb ein SSdIE, beffeu ©cfdjidjte »erbiirgt ift. SBeldje @d)»äd)cn bie erften Äolonißeit and)-gehabt, ihre Sugenben finb feiten bejtritten worben. SBaren fie abergläubig, fo »aren fie and) wahrhaft fromm, unb bemnädjft reblid). Sie Stbfömmlinge biefeb einfadieu unb einfältigen SKenfdjenfdjlageb »ermarfen bie gewöhn* (idjen unb fiinftlidjen Mittel, burd) weldje iit ber gamilic bie ©taafbeljre fortbauert, inbem fie bafür eine ©fanbarte aufpflangten, weldje jcbeit Einzelnen wieber nufer bab ©evidjt bet öffenflidjen Meinung gutiieftuff, unb fid) wenig rot beucn neigt, weldje ihnen porangegangen finb. Siefe Enfbaltfamteif, biefe ©elbjtperläugitung, 79 * biefet Sinn fiit-’ö ©emeinwofjt, ober wie mau eS fottß nennen will, bat bei- Station ben ©orwurf jugejogen, fte fei miebten UrfprungS. ©erlohnte es fid) einet 9tad)forfd)ung, fo würbe man ftnbctt, baß eine nnoerhälfnißmiißig große Slnjahl bet berühmten Stameit beö SDtuttertanbeS nod) bis beute in ihren ehemaligen .Kolonien gefunben wirb. ©benfo ifl eS £baffad)e — ben Scnigen, mcld)e eine f;tn= länglid)e 3eit barauf oerfdjwenbet haben, bic Senntniß eines fo nnwidßigen ©cgcußanbeS $u ermerben, fefjr mohl befannt — baß bie ?lbfömmlinge in geraber Sinie oon mand)et auSgcftorbenen gamilte, welche ©ngtanbS gjolifif burd) Seitenoerwanbte fovtlebeit ju laßen für gut ftnbet, jetjt nid)t mehr uub nidit weniger finb, a(S einfadje ©ärger im Sdjooß unfercr Stepublif. Ser ©icnenßocf ift ruhig flehen geblieben, ititb bie ba um baS ebrmiirbigc @e= bäube hcrumßaffetu, pßegen ben leeren ©orgitg beS 211tertf)umS angurufeu, ohne webet bie ©ebredßidßeit ihrer ©ehaufung, nod) bie Sufi ber gahtreidjen unb fräftigen Sdßoiirme gu bead)ten, bie ba £onig fangen ans ben frifdjeu ©liithen ber jungfränlidieit Seif. Sod) ba bieß ein mehr für ben fJSolitifer unb §>ißorifer geeigneter ©egenßanb iß, a(S für ben bemiifljigen ©rjähler oon ©orfällen, bie um uns gefdfehen, fo mäßen wir fd)on unfere ©ctradßuugen auf foldje ©egenßänbc befdjränfen, weldjc unmit« telbar mit unfercr ©efd)id)te in ©etbittbung ßehen. Sie and) ber ©ärger ber bereinigten Staaten auf alte 2lb= funft ein wohlgegriinbefeS 3ted)t h«t, iß er bod) feiueSmegS oon ber Strafe ausgenommen, bie auf feinem gefundenen @efd)led)te haftet. @leid)e Urfadjen bringen, wie befannt, gleiche Sirfungen heroor. Ser Tribut, welchen, wie cS fd)eint, alle ©ölfer burd) einen fdjwicrigeu fjkobebieitß um ben Stltar ber dereS Rollen mäßen, che fte ber oMlen ©miß ber ©bttiu gewürbigt werben, wirb ge« wißermaßen in Slmerifa oon ben Sitfeln, ßatt oon ben Uroätern, eingeforbert. SaS Seiterriicfen unferer Sioilifafion geht einen feltfam analogen ©attg mit allen fominenben ©reignißett, bie 80 bekanntlich .ihren Schatten nach vorwärts werfen'. Die Abstufungen des gesellschaftlichen Lebens, von dem Stande, den man gebildet nennt, bis zu dem hinab, welcher sich so weit der Barbarei nähert, als die Verbindung mit einem unterrichteten Volke dieß zuläßt, muß man verfolgen, eben von dem Mittelpunkte jener Staaten an, in welchen Reichthnm, Luxus und die Künste anfzu- blnhen anfangen, bis zu jenen fernen, immer weiter znrückwei- chenden Gränzen, welche, wie der dem Tagesanbruch vorhergehende, bewegliche Nebel, den Beginn des Volkes bezeichnen. Hier, und nur hier, findet man in weiter Ausbreitung, wiewohl nicht zahlreich, jene Menschenklasse, welche sich noch mit den Vorvätern vergleichen läßt, die zuerst de» Weg für die geistigen Fortschritte der Nation i» der alten Welt gebahnt haben. Die Aehn- lichkeit*) zwischen dem amerikanischen Gränzbewohner.und seinem europäischen Verbilde ist bemerkenswerth, wiewohl nicht überall ganz übereinstimmend. Beide möchte man unbeschränkt nennen, indem der Eine über, der Andere außer dem Gesetze stand, — beherzt, weil sie in Gefahr ergraut, — stolz, weil sie unabhängig waren, und rachsüchtig, weil Jeder das ihm angethane Unrecht selbst rächen mußte. Es würde für unfern Gränzbewohner ungerecht sein, wollten wir die Vergleichung weiter ziehe». Er ist ohne Religion, weil er von seinen Vätern die Ueberzengung ererbt hat, die Religion lebe nicht in Formen, und seine Vernunft sich gegen ein. Gaukelspiel sträubt, das sein Gewisse» nicht billigt. Er ist kein Ritter, weil er nicht die Macht besitzt, Ehren auszntheilen, und diese Macht fehlt ihm, weil er der Abkömmling und nicht der Vater eines Systems ist. Ans welche Art diese verschiedenen Eigenschaften bei Solchen hervortreten, welche am eigenthümlichsten unter dieser Klasse erscheinen, wird man im Lause der folgenden Erzählung sehen. Jsmael Busch hatte ei» ganzes Leben von mehr als fünfzig Jahren an den Gränzen einer geselligen Einrichtung verbracht. Er ÜV D. u. 81 rühmte sich, nirgend gewohnt zu haben, wo er nicht ungestört jeden Baum fällen gekonnt, den er von seiner Schwelle aus habe sehen können; daß es dem Gesetz selten gelungen, bis zu seinem Gehöfte zu dringen, und daß seine Ohren niemals willig den Ton einer Kirchthnrmglvcke vernommen. Was er that, geschah nur für das Bedürsniß, das niemals das Allgemeine seines Standes überschritt, »nd daher auch selten ohne Befriedigung blieb. Alle wissenschaftlichen Kenntnisse waren ihm, mit Ausnahme der Wnndarznei- kunst, und hierin besonders des Aderlasses »nd dergleichen — verhaßt; den» er war gegen alle Dinge, die nicht mit den Sinnen in Verbindung standen, gleichgültig. Seine Achtung für jenen besonderen Zweig der Heilkunde hatte ihn das Anliegen eines Mediziners geneigt anhören lassen, der, voll Durst nach Erweiterung seiner natnrhistorischen Kenntnisse, von der Wanderlust des Ansiedlers Vortheil zu ziehen gewünscht hatte. Herzlich hatte er diesen Herrn in seine Familie ausgenommen, oder vielmehr unter seinen Schutz, und sie waren nun so weit durch die Prairie» in völliger Eintracht gereiset; indem Jsmael gegen die Frau häufig sein Glück pries, einen Reisegefährten gewonnen zu haben, der ihnen in ihrem künftigen Wohnsitze, wo er nun anch sein mochte, bis zu ihrer gänzlichen Acclimatisirnng von so gutem Nutzen werden könnte. Indessen führten die Streiszüge des Botanikers ihn häufig Tage lang von der geraden Linie ab, welche die Caravane, selten einem andern Führer, als der Sonne folgend, einschlng. Wie viele würden sich aber nicht glücklich geschäht haben, während des gefährlichen Einbruchs der Sioux entfernt gewesen zu sein, wie dieß bei Obed Bat oder (wie er sich lieber nennen hörte) ,Bat- tins -tl. v. und Mitglied verschiedener cisatlantischer Gesellschaften' — obbemeldetem abenteuerlichen Gelehrten der Fall gewesen. Wiewohl Jsmaels schläfrige Natur nicht völlig aufgeweckt worden, fand er sich doch sehr bitter durch die Freiheit gestachelt, welche man sich mit seinem Eigenthum genommen. Er schlief Die Prairie. 6 82 wieder ein, weil es die Stunde war, die er sich zur Ruhe einmal bestimmt hatte, und weil er ciusah, wie vergeblich jeder Versuch ausfalleu muffe, mitten in der Dunkelheit der Nacht sein Geraubtes wiederzuerwerbeu. Auch kannte er zu wohl die Gefährlichkeit seiner gegenwärtigen Lage, um das, was ihm übrig geblieben, im Verfolgen des Verlornen auf's Spiel zn sehen. Trotz der Vorliebe der Haidebewohner für Pferde, war doch ihre Neigung auch zn manchen anderen, noch im Besitz der Reisenden befindlichen Gegenständen, genügend bekannt. Es war ein gewöhnlicher Kunstgriff, die Heerden zn zerstreuen, um ans der Verwirrung Vortheil zu ziehen. Aber Mahtoree schien den scharfe» Blick des Mannes, den er überfallen, nicht gewürdigt zn haben. Man hat bereits das Phlegma, mit welchem Jsmacl seinen Verlust ertrug, kenne» gelernt, und es bleibt nun nur übrig, von seinen reiferen Entschließungen zu sprechen. Obgleich das Lager manches Auge umfaßte, das lange Zeit »»geschloffen blieb, und manches Ohr, das auf das kleinste Geräusch achtete, so blieb es doch in tiefer Ruhe während des übrigen Theiles der Nacht. Schweigen und Mattigkeit thaten zuletzt ihre gewöhnliche Pflicht, und vor dem Morgengrauen lag schon wieder Alles, bis auf die Schildwachcn, in tiefem Schlafe begraben. In wie fern diese trägen Wächter nack dem Ueberfall ihrer Verpflichtung nachkamen, ist nie bekannt geworden, indem nichts vorfiel, was eine Probe ihrer folgenden Wachsamkeit abgegeben hätte. Sobald indessen der Tag zu dämmern begann, und ein graues Licht vom Himmel herab auf die noch trüben Gegenstände der Haide fiel, erhob sich Ellen Wade mitten ans dem Gewimmel der Kinder, unter die sie sich bei ihrer verstohlenen Rückkehr in's Lager gebettet hatte. Mit Vorsicht aufstehend, schritt sie behenden Fußes über die ruhenden Körper, und ging mit derselben Vorsicht bis zu den äußersten Gränzen von Jsmaels Vertheidigungsanstalten. 83 Hier horchte sie, als zweifle sie an der Schicklichkeit, sich weiter zu wagen. Das war jedoch nur das Werk eines Moments, und lange zuvor, ehe die müden Augen der Schildwache, dje den Platz, wo sie stand, überschaute, Zeit gewonnen, ihre Gestalt zu entdecken, war sie den Grnn d entlang gehüpft und stand auf der Spitze der nächsten Anhöhe. Lange und aufmerksam horchte Elle» hier, ob kein anderer Laut, als das Athmen der Morgenluft, die leise mit den herbstlichen Blättern zu ihren Füßen spielte, sich hören lasse. Schon wollte sie, getäuscht in ihrer Erwartung, sich abwendcn, als der Ton menschlicher Fußtritte durch das niedrige Gras herschallend, ihr Ohr traf. Eifrig vorspringend, entdeckte sie bald die Umrisse einer von unten her sich nähernden Gestalt, als hätte diese die ihrige gegen den Horizont erkannt. Schon schwebte der Name Paul auf ihren Lippen, und sie wollte ihn mit der Lebhaftigkeit aussprechen, mit der weibliche Neigung wohl zuweilen einen Freund begrüßt, als das junge Mädchen, plötzlich zurückschreckend und bitter getäuscht, ihrem Gruße kalt die Worte hinznfügte: „Ich glaubte nicht, Herr Doktor, Sie z» dieser ungewöhnlichen Stunde anzntreffen." „Alle Stunden und Jahreszeiten sind gleich, meine gute Ellen, für einen echten Freund der Natur," entgegnete ein kleiner, magerer, leichtfüßiger, aber ganz rüstiger Mann, in einer ans Tuch und Fellen seltsam zusammengesetzten Kleidung, und etwas über die mittleren Jahre hinaus, indem er sich mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten ihr zur Seite stellte. „Wer da nichts zu finden und zu bewundern weiß, bei diesem grauen Lichte, der weiß anch nichts von einem großen Theil der Segnungen, deren er sich erfreut." „Sehr wahr," crwiederte Ellen, indem ihr plötzlich die Noth- wendigkeit einfiel, auch über ihre eigene auffallende Entfernung zu einer so ungewöhnlichen Stunde Rechenschaft zu geben. „Auch 6 * weiß ich. Manche, die der Meinung sind, die Erde sehe eigentlich weit wohlgefälliger in der Nacht aus, als beim Hellesten Sonnenschein." „Oh! deren Gestchtsorgane müssen zn convex gebildet sein. Aber wer die eigentliche Natur der Katzenrasse oder die der Varietss liominis Albino zu studiren wünscht, der muß zn dieser Stunde auf sein. Ich wage es, zn sagen, es gibt Leute, die cs selbst vorziehen, die Gegenstände bei Zwielicht zn betrachten, blos weil sie zu dieser Tageszeit besser sehen können." „Und aus diesem Grunde schweiften Sie wohl so viel in der Nacht um?" „Ich bin in der Nacht ans, mein gutes Mädchen, weil die Erde bei ihrem täglichen Umschwünge, nur zur halben Zeit das Sonnenlicht auf jeden gegebenen Meridian haften läßt, und weil, was ich zu thnn habe, sich nicht in zwölf oder fünfzehn ans einander folgenden Stunden abthun läßt. Jetzt bin ich nn» zwei Tage von der Familie entfernt gewesen, nach einer Pflanze zn suchen, welche um den Platte wächst, ohne daß ich doch auch nur einen Grashalm gefunden, der nicht schon längst anfgezählt und klassifizirt wäre." „Sie waren unglücklich, Doktor, aber . ." „Unglücklich!" wiederholte der kleine Mann, näher herantretend, indem er seine Schreibtafel mit einer Miene hervorzog, in welcher der Jubel der Lust seltsam mit einer erzwungenen Demnth stritt. „Nein, nein, Ellen, ich bin alles andere, nur nicht unglücklich. Wenn man nicht etwa einen Mann unglücklich nennen will, dessen Glück gemacht ist, dessen Ruf vielleicht für immer begründet ist, dessen Name hinab auf alle Nachkommenschaft mit dem Namen Büffons gehen wird—-Büffon! ein bloßer Compilator zwar; Einer, der sich bläht auf den Grund von anderer Leute Anstrengungen. Nein, pari passn mit Solander, der diese Wissenschaft mit Mühe und Aufopferung erkauft hat." „Haben Sie eine Mine entdeckt, Doktor Batt?" 85 „Mehr als eine Mine; einen geprägten Schatz, und sogleich zn gebrauchen. Mädchen, horche! Ich machte einen Winkel, der nöthig mar, nm die Linie von deines Oheims Marsch nach meinem fruchtlosen Suchen wieder zn treffen, als ich Töne vernahm, wie hervorgebracht durch das Losfeuern von Schießgewehren . . »Ja, ja," rief Ellen eifrig aus, „es gab hier Allarm . . „Ich hielt mich nur für verirrt," fuhr der wissenschaftliche Mann fort, zu sehr mit seinen Ideen beschäftigt, nm die Unterbrechung zn hören. „Denn Gefahr ahnete ich nicht. Ich setzte mir meine eigene Basis fest, wußte die perpendikuläre Länge durch Berechnung, und zog die Hypotenuse, um meinen Winkel vollständig zu machen. Ich glaubte, die Flinten wären zu meinen Gunsten abgefeuert, und änderte daher meine Richtung nach den Schüssen; nicht, daß ich etwa dächte, die Sinne wären schärfer, oder auch nur so genau wie eine mathematische Berechnung, aber ich fürchtete, eines von den Kindern möchte meiner Hilfe bedürfen." „Sie sind alle glücklich . . ." „Hör' zn," unterbrach sie der Gelehrte, indem er bereits die Vorgeschichte Besorgnis; für seine Kranken bei der größer» Wichtigkeit seines Gegenstandes vergessen. „Ich hatte wieder einen großen Haidestrich gekreuzt — denn der Schall wird, wo keine Gegenstände ihn hindern, weit getragen, als ich das Trampeln von Hufen hörte, als stampften Büffel die Erde. Darauf faßte ich plötzlich starr in's Auge eine Heerde vierfüßiger Thiere, die die Erdwellen auf und ab rannten, — Thiere, die ganz unbekannt und unbeschrieben geblieben wären, wäre nicht ein höchst glücklicher Zufall dazwischen getreten. Eines, und eine schöne Probe vom Ganzen, rannte ein wenig abwärts von den anderen. Die Heerde wandte sich nun gegen mich zu, das schöne Thier mit, und cs kam ungefähr fünfzig Ellen von dem Orte, wo ich stand. Sogleich benutze ich die Gelegenheit, und mit Hilfe meines Feuerzeugs und Wachssiocks trage ich das Thier auf der Stelle in meine Brief- 86 tasche ein. Tausend Thaler, Ellen, hätte ich gegeben für einen einzigen Schuß ans das Thier ans der Flinte eines nnsererBurschen." „Sie führen ja eine Pistole, Doktor, warum brauchten Sie die nicht?" sagte das nur halb Achtung gebende Mädchen, indem sie ängstlich die Haide musterte, aber immer ans demselben Fleck stehen blieb, und alle Willfährigkeit vcrrieth, sich hier noch länger fest- halten zu lassen. „Bah! die ist ja nur mit ganz kleinen Stückchen Blei geladen, nur zur Zerstörung der größeren Insekten und Würmer bestimmt. Nein, ich handelte besser, als daß ich einen Krieg gewagt hätte, in dem ich nicht Sieger geblieben wäre. Ich trug mir den ganzen Vorfall ein, jeden kleinen Umstand mit der der Wissenschaft so nöthi- gen Präcision aufmerkend. Ellen, Sie sollen hören, denn Sie sind ein gutes, gescheidtes Mädchen, und indem Sie wohl anffassen und behalten, was Sie ans diesem Wege lernen, mögen Sie der Wissenschaft noch große Dienste leisten, wenn mir irgend etwas widerführe. Wahrhaftig, trefflichste Ellen, mein Geschäft hat so gut seine Gefahren, als das eines Kriegers. Ist nicht in dieser selben Nacht," fuhr er fort, dabei seine Augen unwillkürlich hinter sich werfend, „in dieser verhängnißvollen Nacht, mein Lebensnrstoff selbst in großer Gefahr gewesen, ganz zerstört zu werden?" „Wodurch?" „Durch das Ungeheuer, das ich entdeckte. Es näherte sich mir oft, und immer, wenn ich znrückwich, kam es mir nach. Ich glaube, nichts als die kleine Lampe, die ich bei mir führte, war mein Beschützer. Ich hielt sie zwischen uns hin, während ich Alles niederschrieb, indem ich so doppelten Nutzen von derselben, nämlich den eines Lichtes und eines Schildes, zog. Aber Sie sollen den Charakter des Thieres erfahren, und dann über die Gefahr nrtheilen, die wir Förderer der Wissenschaft, der Menschheit wegen, laufen." Der Naturforscher erhob nun seine Schreibtafel gegen den Himmel, und schickte sich an, so gut es ging beim schwachen 1 87 Dämmerschcin, der bis jetzt die Ebenen erhellte, zu lesen, doch sagte er vorher: „Hören Sic, liebes Mädchen, und Sie werden erstaunen, mit welchem Schatze es mir gelungen, die Seiten der Naturgeschichte zu bereichern." „Also ein Geschöpf aus Jhrer eigenen Fabrik?" sagte Ellen, indem sie sich von ihrer fruchtlosen Prüfung nmwandte, mit einem so Hellen ausdrucksvolle» Blicke ihrer blauen Angen, der wohl verrieth, daß sie mit der Schwäche ihres gelehrten Gefährten zu spielen verstehe. „Ist cs in die Macht des Menschen gegeben, leblosen Dingen Leben einzuhanchen? Ich wünschte, es wäre so. Ihr solltet bald eine liistoria imturalis runoricann erblicken, welche die lächerlichen Nachahmer des Franzosen de Bnffon beschämen dürfte. Vor Allem sollte eine große Verbesserung bei der Formation der vierfüßigcn Thiere eintreten, besonders bei den schnellfüßigen. Zwei der unteren Glieder sollten eine Art Hebel werden, Räder vielleicht, wie ' man sie jetzt bildet, obgleich ich mich noch nicht entschieden, ob diese Verbesserung lieber an den Hinter- oder Vordergliedern an- znbringen sei, nämlich, indem ich noch lernen muß, ob ziehen oder schieben den größten Aufwand der Muskularkräfte erfordert. Die natürliche Ausdünstung des Thieres würde der Friktion Vorbeugen, i und dadurch wäre viel gewonnen. Aber das Alles ist ein frommer Wunsch — wenigstens für den Augenblick," fügte er mit einem leichten Seufzer hinzu, seine Tafel wieder gegen das Licht haltend und laut lesend. „Am sechsten Oktober 1805 j — das ist das bloße Datum, was Sie vielleicht besser kennen, als ich. — »ein. Oua!lrupeuus äomssticus!" rief der Doktor, so tief anfsenfzend, als wäre er dem Ersticken nahe gewesen; da ist gar kein Zweifel am xenus; »nd ich will's gegen männiglich behaupten, daß das Thier nicht zur Species equu8 gehört. — Unzweifelhaft, unlängbar, es ist der ssimis selbst; aber dieß, Ellen Wade, ist auch nicht jener Vespertilio Iwrribilis der Prairien! Sehr verschiedene Thiere, das kann ich Euch versichern, junges Mädchen, und sehr verschieden in allen bedeutenden Einzelnheite» charakterisirt. Jener ist: — Fleisch fressend," indem er noch immer auf seine offene Schreibtafel blickte, „und unserer frißt nur Körner. G ew ohnhcit, feurig, gefährlich; — Gewohnheit, geduldig, enthaltsam. Ohren, treten nicht recht hervor; — Ohren, sehr lang. Hörner, nach beiden Seiten gereckt; — Hörner, sind gar nicht vorhanden!" Noch einmal unterbrach ihn Ellens lautschallcndes Gelächter, was indessen nur dazu diente, ihn wieder zn sich selbst zn bringen. „Ja, das Bild des Ve8,wrkMo stand aber nur einmal vor meiner Retina," bemerkte der betroffene Forscher in die Geheimnisse der Natur, als sollte dieß wie eine Entschuldigung gelten, „und ich war thöricht genug, mein eigenes treues Thier für das Ungeheuer zu halten. Obgleich ich mich auch jetzt noch verwundere, das Thier so weit hernmlanfen zu sehen." Ellen erzählte ihm nunmehr in gehörigem Verlaufe, was sich diese Nacht zugetragen. Sie beschrieb ihm mit einer Genauigkeit, welche bei einem weniger arglosen Zuhörer, als er, Verdacht über ihr eigenes Hiersein erregt hätte, die Art, wie die Thiere aus dem 91 Lager heransgestürzt wären, und die entsetzliche Eile, mit der sie sich über die Haide zerstreut hätten. Obgleich sie sich wohl hütete, so etwas in bestimmten Worten anszudrückcn, so konnte und mußte doch der Zuhörer ans ihrer Rede entnehmen, daß er, aller Wahrscheinlichkeit nach, die ans- und fortgeschreckten Gespanne fälschlich für die wilden Thiere gehalten; endlich schloß sie ihre Erzählung mit einer Klage über den Verlust, und mit einigen sehr natürlichen Bemerkungen über die hilflose Lage, in welcher sich nun die Familie befinde. Der Naturforscher horchte in stummer Verwunderung, weder ihre Erzählung unterbrechend, noch den geringsten Ausbruch des Erstaunens von sich gebend. Dem scharfen Blicke des Mädchens konnte es indessen nicht entgehen, daß, während sie sprach, das wichtige Blatt aus der Schreibtafel ansgerissen wurde, und zwar auf eine Art, welche keinen Zweifel übrig ließ, daß der Eigenthümer endlich seine Selbsttäuschung eingesehen. Seit diesem Augenblick hat die Welt nichts mehr von dem Vespertilio lior- ridilis .tmerieamis vernommen, und die Naturgeschichte hat unwiederbringlich ein wichtiges Glied in der großen belebten Kette verloren, die, wie man sagt, Erde und Himmel verbindet, und in welcher der Mensch so nahe mit dem Affen verwandt gedacht wird. Als Doktor Batt sich von allen Vorfällen bei dem Einbruch unterrichtet sah, nahm seine Besorgnis; eine ganz andere Richtung. Er hatte unterschiedliche Foliomappen und mehrere Büchsen voll botanischer und animalischer Schätze Jsmaels Sorge zurückgelassen, und augenblicklich durchfuhr den scharfsinnigen Doktor der entsetzliche Gedanke, daß so feine, schnüffelnde Plünderer, wie die Sioux, nicht die Gelegenheit würden haben verstreichen lassen, ihn dieser Schätze zu berauben. Nichts, was Ellen dagegen sagen konnte, beruhigte ihn in seiner Angst; sie trennten sich also, er, Furcht und Zweifel los zu werden, und sie, um so schnell und still, wie sic vorhin heransgekommen, wieder in ihr stilles und einsames Zelt hineinzuschlüpfen. 92 Siebentes Kapitel. Was? fünfzig meiner Ritter auf einmai! Lear. Der Tag war jetzt auf der anscheinend ganz endlosen Prairie völlig angebrochen. Obeds Eintritt in's Lager konnte zu dieser Tageszeit, und begleitet von so entsetzlichen Jammertöncn über seinen vermnthlichen Verlust nicht anders als die verschlafenen Familienmitglieder anfwecken. Jsmael, seine Sohne und der sauertöpfische Bruder seiner Frau standen schnell ans den Beinen, und wurden nun, als die Sonne ihr Licht über das Lager aus- gofi, allmählig ihren ganzen Verlust inne. Jsmael schaute mit znsammengepreßten Zahnen auf die regungslosen, schwer beladenen Fuhrwerke rund umher, warf dann einen Blick auf die erstaunt und hilflos dicht um ihre, in finsterer Verzweiflung dasitzende Mutter, niedergekanerten kleinen Kinder, und schritt dann hinaus in's Freie, als wäre die Luft im Lager für ihn zu beklommen. Mehrere folgten ihm mit aufmerksamen Blicken, indem sie den finstern Ausdruck seiner Angen als Richtschnur seines eigenen Benehmens für die Zukunft bewachten. Alle zusammen schritten in tiefem und verdrossenem Schweigen bis auf die allernächste Anhöhe vor, von wo sie eine fast endlose Aussicht auf die nackten Ebenen hatten. Hier war nichts zu sehen, als ein einsamer Büffel, der seine dürftige Nahrung nicht fern von ihnen unter den kläglichen Kräutern der Haide nagte, und der Esel des Arztes, der seine Freiheit sich zu Nutze machte, um ein reicheres Mahl als gewöhnlich einzunehmen. „Da haben die Schurken ein Stück Vieh uns znrückgelassen, um uns zu foppen," sagte Jsmael, auf den letzten, blickend: „und noch dazu das schlechteste von allen. Das ist ein schlimmes Land, 93 um darin zu etwas zu kommen, Jungen, und doch müssen wir was aufsuchen, um so manchen hungrigen Mund zu füllen." „Da ist die Flinte besser als der Spaten, an solchem Orte," erwiederte der älteste von den Söhnen, voll verächtlichen Zorns mit dem Fuße auf den dürftigen Boden stampfend. „Für Die mag's gut sein, die lieber Bettlers Bohnen essen, als Welschkornbrei. Eine Krähe würde Thränen vergießen, müßte sic über solchen Landstrich fortfliegen." „Was meinst Du, Wildstellcr," erwiederte der Vater, indem er auf die schwachen Fußstapfe» zeigte, welche er so eben in dem festen Erdreich eingedrückt hatte, und dabei mit schrecklicher Wildheit lachte. „Ist dieß das Land, das ein Mann sich answählen möchte, der da niemals den Amtsschreibcr mit Federzügen quält?" „In den Gründen unten ist der Boden besser," erwiederte ruhig der alte Mann. „Und Ihr seid über Millionen Hufe» fortgezogen, in diese traurige Oedc; über Aecker, wo, wer die Bearbeitung der Erde liebt, für die Metze, ohne daß es ihm zu sauer würde, den Scheffel einerntet. Seid Ihr gekommen, um Land zu suchen, so seid Ihr Hunderte von Meilen zu weit gereift, oder eben so viele Meilen noch zu wenig." „Es wäre also besser dort, nach dem andern Ocean zu?" fragte der Siedler, indem er nach dem stillen Meere hinwies. „Gewiß, ich habe es selbst gesehen," lautete des Andern Antwort, indem er seine Flinte zu Boden setzte und sich drauf stützte, als wolle er sich der Auftritte erinnern, deren Zeuge er einst mit wehmüthiger Lust gewesen. „Ich habe die Wogen beider Meere erblickt. An dem Strande des einen ward ich geboren und anf- erzogen zn einem Burschen wie jener dort. Amerika, ihr Männer, ist seit den Tagen meiner Jugend gewachsen zn einem Lande, größer, als ich einst glaubte, daß die Welt selber cs sei. Fast siebzig Jahre wohnte ich in Jork, Staat und Stadt zusammen — Ihr seid doch in Jork gewesen, — 's ist gleich?" 94 „Ich nickt — ich nicht. Ich bin nie in Städte gegangen; hörte aber »ft von dem Ort, den Ihr da nennt, 's ist eine weite, waldlose Gegend ringsum, mein' ich —" „Zn weit! zn weit! Sie schlagen die Erde selbst mit ihren Aexten. Was habe ich für Hügel und Jagdgründe gesehen, wo sie ohne Scheu und Schande die Gottes-Gaben wegfällten. Ich verweilte so lange, bis von den Streichen der Holzfäller die Wälder leer geworden und die Mäuler meiner Hunde verstummt waren, und dann ging ich nach Westen, um Ruhe zn finden. Es war eine beschwerliche Reise. Schwer, über und zwischen krachenden Baumstämmen fort zu wandern, durch die dicke Luft der Waldbrände! Und schwach und alt, und immer schwächer und älter! 's ist ein weiter Strich, vom Staate von Jork bis hiehcr!" „Ich glaube, er liegt drüben an der andern Seite von Kentucky; obgleich ich so eigentlich über die Entfernung nie recht was erfahren habe." „Die Nothgans würde zweitausend Meilen in der Luft fliegen müssen, um nach der östlichen See zn kommen, und doch läßt es sich für einen Jäger leicht abthnn, wenn Schatten und Wild in Fülle da sind! Es gab eine Zeit, wo ich dem Hirsch in den Bergen des Delaware und Hudson folgte, und den Biber fing, an den Strömen der See'n droben zur selben Jahreszeit; aber mein Auge war schnell und sicher wie der Tag, und meine Glieder waren wie die Schenkel des Mnsethiers"). Mein alter Hektor," fügte er hinzu, mit freundlichem Mitleiden ans den alten zu seinen Füßen hingekancrten Hund niederblickend, „war damals ein frisches Thier und flink auf den Beinen, sobald er etwas witterte. Manche Sorge hat er mir zwar gemacht, der alte Kerl, manche Mühe und Nvth!" „Ener Hund ist alt, Fremder, und ein Schlag ans den Kopf möchte noch Barmherzigkeit gegen das Thier sein." „Der Hund ist wie sein Herr," erwiedcrte der Wildsteller, *) Große, amerikanische Hirsche mit breiten Geweihen. 95 ohne daß er auf den barbarischen Vorschlag des Andern zn achten schien, „nnd er wird seine Tage zählen, wenn sein Werk bei der Jagd vorüber ist, nnd eher nicht. Meinem Ange scheinen alle Dinge in dieser Schöpfnng mit einander in Verbindnng zu sein. Es ist nicht immer der schnellste Hirsch, der den Hunden entläuft, und nicht der stärkste Arm, der die sicherste Flinte fuhrt. Schaut Euch um, Leute; was werden die Jankee-Holzschläger sagen, wenn sie ihren Weg vom Ostmeer nach dem Wcstmeer znrückgelegt haben, nnd finden, daß eine Hand, welche die Erde ans einen Schlag so blank und bloß machen kann, vor ihnen hier gewesen, nnd ihrer Kläglichkeit zn höhnen, über das Land weggcfahren ist. Sie werden umkchren, und wie der Fuchs Sätze machen, und dann soll der Geruch ihrer Fußtritte ihnen die Thorheit ihrer Verwüstung zeigen. Indessen, das sind auch wohl nur Gedanken, mehr geeignet, in Eines Kopfe anfznsteigen, der die Thorheit von achtzig Jahren gesehen, als Klugheit zu lehren den Leuten, die noch immer ihrer Lust nachgehen. Ihr müßt Euch regen und rüsten, denkt Ihr der Kraft nnd dem Haß der Indianer zu entgehen. Sie behaupten, gesetzliche Eigenthümer des Landes zu sein, und lassen einem Weißen selten mehr, als die weiße Haut, auf die er stolz ist, wenn sie einmal die Macht haben, ihm Böses anznthnn; denn der Wille dazu fehlt ihnen niemals." „Alter Mann," sagte Jsmael mit strengem Tone, „zn welchem Volke gehört Ihr? Ihr habt Farbe nnd Sprache eines Christen, während es Euer Herz doch mit tcn Rothhänten zn halten scheint!" „Für mich gibt cs wenig Unterschied der Völkerschaften. Das Volk, das ich am meisten liebte, ist zerstreut, wie der Sand der trockenen Flnßbette vor dem Orkane zerstiebt, nnd das Leben ist zu kurz, um mit Fremden so vertrant zn werden, wie Einer es wünscht, der Jahre lang unter Freunden gelebt. Noch immer bin ich ein Mann, in dem kein indianisch Blut rinnt, nnd was ein Kriegsmann seinem Volke schuldig ist, das bin ich dem Volke der 96 Staaten schuldig; obgleich sie mit ihrer Kriegsmacht und ihren bewaffneten Schiffen nicht des einzelnen Arms eines Achtzigers bedürfen." „Da Ihr also doch Eure Abkunft anerkennt, so kann ich auch eine einfache Frage thun. Wo sind die Sioux, die mein Vieh gestohlen haben?" „Wo ist die Büffelheerde," sagte der Wildsteller, „die erst gestern Morgen von einem Panther über die Ebenen gejagt wurde! Es ist eben so schwer . . . „Freund!" sagte der Doktor Battius, der bisher aufmerksam zugehorcht hatte, jetzt aber einen plötzlichen Drang fühlte, sich in das Gespräch zu mischen. „Es thnt mir leid, wenn ich einen Jäger oder Waidmann von Eurer Erfahrung und Euren Beobachtungen finde, der einem so gewöhnlichen Jrrthnm folgt. Das Thier, das Ihr erwähnt, ist in Wahrheit eine Species des dos Perus oder dos sxlvestris (wie ihn die Dichter nicht ungeschickt nennen), aber, obgleich nahe verwandt, doch nicht zu verwechseln mit dem gewöhnlichen dudulus. Bison*) ist das bessere Wort, und ich würde sehr darauf dringen, es künftig zu gebrauchen, wenn Ihr Gelegenheit habt, diese Species zu nennen." „Bison oder Büffel, macht keinen Unterschied. Die Kreatur ist dieselbe, nennt sie wie Ihr wollt . . ." „Verzeihung, verehrter Jäger. Da die Classification die wahre Seele der Naturgeschichte ist, so muß auch das Thier oder die Vegetabilie nothweudig nach den Eigenheiten ihrer Species charak- terislrt werden, und diese bezeichnet immer der Name." „Freund," sagte der Wildsteller, „gäbe der Schweif eines Bibers ein schlechteres Mahl ab, wenn Ihr es ein Wiesel nenntet, oder würdet Ihr Wolfsfleisch mit Vergnügen essen, wenn irgend ein Gelehrter ihm den Namen Wildpret gegeben?" Da diese Fragen mit nicht wenig Ernst und etwas scharf *) Bison, Bisonochs, Auerochs mit dem Höcker. hingestellt wurden, so war es sehr wahrscheinlich, daß eine heiße Erörterung zwischen den Beiden erfolgt wäre, von denen der Eine so ganz praktisch, der Andere so ganz theoretisch war, hätte nicht Jsmael den Streit enden wollen, indem er einen Gegenstand vorbrachte, der für sein unmittelbares Interesse von weit größerer Wichtigkeit war. „Biberschweife und Wieselfleisch, darüber läßt sich weit besser und ruhiger am Feuerherd sprechen," unterbrach der Auswanderer, ohne im geringsten ans die Gefühle der Streitenden zu achten z „aber jetzt ist etwas mehr nöthig als fremde Worte, und überhaupt als alle und jede Worte. Sag' mir, Wildsteller, wo verkriechen sich deine Sioux?" „Es würde eben so leicht sein, dir die Farben des Raubvogels zu beschreiben, der unter jener weißen Wolke fliegt! Wenn ein Rother seinen Streich ausgeführt hat, so wartet er nicht so lange, bis man ihm mit Blei seine böse That bezahlt." „Werden die bettelhaften Wilden glauben, sie hätten genug, wenn sie sich zu Herren unseres ganzen Viehstandes gemacht haben?" „Die Natur bleibt immer dieselbe, von welcher Haut sie auch bedeckt sein mag. Verlangt Euch etwa weniger, reich zu werden, nach einer guten Ernte, als ehe Ihr auch nur ein Korn Getreide besaßet? Ist das bei Euch der Fall, dann freilich weicht Ihr von Allem ab, was ich nach langer Erfahrung als die Natur des Menschen kennen lernte." „Sprich deutlich, alter Fremder!" sprach der Auswanderer, und ließ seine Flintenkolbe schwer auf die Erde fallen, denn seine Geistesgaben waren nicht von der Art, daß ihm die Fortführung des Gespräches in so dnnkelen Anspielungen gefallen hätte. „Ich habe eine einfache Frage gethan, und eine, von der ich weiß, daß Ihr sic gut beantworten könnt." „Ihr habt recht, Ihr habt recht. Ich kann antworten, denn ich habe allzuoft unsere Neigung, etwas mißzuverstehen, bemerkt, Die Prairie. 7 98 wenn sich das Bose regt. Wenn die Sioux ihre Thiere werden eingefangen haben, und gewiß sind, daß Ihr ihnen nicht auf de» Hacken seid, so werden sie bald wieder hier sein, wie hungrige Wölfe, das zu holen, was sie znrückgclassen. Oder vielleicht zeigen sie sich wie die großen Bären, die man in den Wasserfällen des Long-River findet. Die schlagen mit der Tatze zu, ohne mit der Nase ihre Beute zu beschnüffeln." „So habt Ihr wohl die Thiere gesehen, die Ihr eben erwähnt!" rief Doktor Battins, der schon so lange ans der Unterhaltung hinanstzewiesen worden, als es seine Geduld irgend ertragen konnte, und der jetzt wieder loslegen wollte, indem er seine Schreibtafel öffnete, als gelte es, hierauf sich zu berufen. „Könnt Ihr mir sagen, ob die Thiere, denen Ihr begegnetet, zur Species urs»8 üorribilis gehörten, — mit den Ohren gerundet — Stirn in Bogenform — Augen ohne bemerkliches ergänzendes Augenlid — mit sechs Schneidezähnen, worunter ein falscher und vier vollkommene Mahlzähn e." „Wildstcllcr, weiter," unterbrach ihn Jsmael; „Ihr glaubt also, wir werden noch mehr von den Räubern sehen?" „Nein — nein — ich nenne sie nicht Räuber, denn es ist die Sitte ihres Volkes, und was man haideländisches Gesetz nennen möchte." „Ich bin fünfhundert Meilen gekommen, um einen Ort zu finden, wo Niemand mit dem Wort Gesetz mir das Ohr belästigen soll," sagte Jsmael wild, „und habe keine Lust, ruhig vor den Schranken zu stehen, während eine Rothhaut zu Gericht sitzt. Ich sage Euch, Wildstellcr, wenn wir noch einen Sioux um mein Lager schleichen sehen, wo es auch sei, er soll fühlen, was eine alte Kentuckyflinte enthält," wobei er die seinige in einer Art, die kein Mißvcrständniß so leicht zn- ließ, faßte; „und trüge er selbst die Medaille von Washing- 99 ton"). Den Menschen nenne ich einen Räuber, der das nimmt, was nicht sein ist." «Der Teton und der Pawnee und derKonza, undMänner von einem Dutzend anderer Stämme, nennen diese nackten Felder ihr Eigenthum." „Aber die Natur straft sie Lugen. Luft, Wasser und Erdboden sind Alles freie Dinge, die jedem Menschen zustehen, und keiner hat die Macht, sie in kleine Stucke zu zertheilen. Der Mensch muß trinken, athmen, gehen — und darum hat Jeder ein Recht auf sein Antheil Erde. Warum stellen denn die Regierer der Staaten nicht ihre Kompasse, und ziehen ihre Linien über unsere Köpfe so gut als unter unseren Fußen? Warum bedecken sie nicht ihre glatten Kalbsfelle mit großen Buchstaben, die jedem Gutsbesitzer — oder man sollte lieber sagen, Lnftbesitzer — eben so viel Ruthen am Himmel anmeisen? Warum bestimmen sie nicht Sterne zu Gränzsteinen, und Wolken zum Mühlendrehen?" Dabei lachte der Mann vor wildem Hohn bis tief in die Brust hinein. Und das Hohngelächter ging vom Munde eines seiner gewaltigen Sohne zum Munde des andern über, bis es in der ganzen Familie die Runde gemacht. „Kein Wildsteller," fuhr dann Jsmael in einem launigen Tone fort, wie ein Manu, der seinen Triumph empfindet; „keiner von uns Beiden, mein' ich, hat jemals viel mit Besitztiteln und Amtsschreibern und dergleichen zu thun gehabt. Warum also Worte vergeude» über solche Thorheiten? Ihr seid ein Manu, der sich lauge in diesen freien Gegenden umgetrieben, und darum frage ich Euch jetzt um Eure Meinung, Aug' in Auge, ohne Furcht oder Gunst, was Ihr au meiner Stelle thun würdet?" Der alte Manu zauderte, und schien den verlangten Rath nur mit augenscheinlichem Widerstreben zu erthcilen. Da indessen Aller *) Die amerikanische Negierung ernennt Häuptlinge unter den westlichen Stämmen. und dekorirt sie mit silbernen Medaillen, die das Brustbild des jeweiligen Präsidenten tragen. Die mit Washingtons Bild gezierte wird am meisten geschätzt. 100 Augen auf ihn gerichtetwaren, und, wo er auch sein Gesicht hiuwaudte, ihm Blicke begegneten, die von seiner eigenen Miene den Ansdruck hernahmen, so antwortete er in leisem melancholischem Tone: „Ich sah allzuviel Menschenblnt bei thöricbten Streitigkeiten vergießen, als daß ich noch einmal einen Flintenknall hören mochte. Zehn mühevolle Jahre bin ich allein über diese nackten Ebenen gewandert, wartend bis meine Stunde käme, und nicht einen Schlag habe ich gegen einen Feind gcthan, der gesitteter gewesen wäre als der grimmige Bär." „Ursus Iwrnbilw," murmelte der Doktor. Der Sprecher hielt, wie erwartungsvoll, inne; als er aber fand, daß es nichts weiter als ein bloßer Ausruf sei, fuhr er fort: „Gesitteter als der grimmige Bär, oder der Panther von den Rocky-Mvnntains, mit Ausnahme des Bibers, der ein weises und verständiges Thier ist. Was soll ich erst sprechen? Selbst der weibliche Büffel ficht für sein Junges!" „Dann soll auch nie gesagt werden, daß Jsmael Busch weniger Liebe für seine Kinder habe, als die Bärin für ihre Jungen!" „Und doch ist das ein sehr nackter Fleck für ein Dutzend Leute, um sich gegen fünfhundert zu vertheidigen." „Freilich," erwiederte der Auswanderer, mit dem Auge sein Lager drunten messend, „aber c's läßt sich, doch was thnn mit den Wagen und den Banmwollenbäumen." Der Wildsteller sclmttelte ungläubig den Kopf, und wies über die wellende Ebene nach Westen, als er antwortete: „Eine Flinte, von diesem Hügel herabgeschickt, könnte ihre Kugel geradezu in Eure Schlafhüttc senden, ja ein Pfeilregen aus dem Dickicht hinter dem Lager Euch wie eben so viel Haidehunde niederstrecken und begraben. Es geht nicht, es geht nicht. Aber drei lange Meilen von hier ist ein Ort, wo ich schon oft, wenn ich über die Wüste'strich, gedacht, ob sich nicht für Tage, ja für 101 Wochen ein Lager anfschlagen ließe, wenn Herzen und Hände bereit wären zn solchem blutigen Werke." Ein leises spöttisches Lachen lief wiederum unter den jungen Leuten um, genugsam ihre Bereitwilligkeit, auch noch schwierigere Dinge zn unternehmen, bezeugend. Der Siedler selbst ergriff mit Eifer den Wink, welcher dem Wildstcller mit solchem Widerstreben erpreßt war, denn er mochte sich ans irgend eine Weise überredet haben, daß es seine Pflicht sei, hier ganz neutral zu bleiben. Es bedurfte nur noch der Einziehung einiger Nachrichten durch mehrere ans einander folgende Fragen, um die in Vorschlag gebrachte Bewegung zn machen, und nun setzte sie Jsmael, der in dringenden Fällen eben so energisch anftrat, als er gewöhnlich langsam schien, ohne den geringsten Verzug in's Werk. Trotz Fleiß und Eifer, wie er von allen Seiten sich regte, war es kein kleines Unternehmen. Die schwer beladenen Fuhrwerke mußte man mit den Armen über weite Haidestrecken ziehen, und das ohne alle Beihilfe und Führung, als daß der Wildsteller die Hauptpunkte der Richtung nach seiner Kenntnis; anzeigte. Bei dieser Arbeit wurden die gigantischen Kräfte der Männer auf's Höchste angestrengt, und auch den Frauen und Kindern ward ihr gehöriger Antheil au der allgemeinen Arbeit. Während sich die Söhne in die schwerbeladcuen Wagen theilten, und sie mit verdoppelter Anstrengung die nächste Anhöhe hinaufzogen, folgten ihnen langsam die Mutter und Ellen, und rund um Beide der bestürzte Hanfe der kleineren Kinder, Alle fast erdrückt von der Last der verschiedenartigen Gegenstände, welche unter sie nach ihren Kräften verthcilt waren. Jsmael selbst übersah und ordnete das Ganze, dann und wann mit seiner kolossalen Schulter sich gegen einen Wagen stemmend, bis er sah, daß die Hanptschwierigkeit überwunden, und der ebene Weg gewonnen war. Dann zeigte er ihnen die gerade Richtung, und wies die Söhne an, sich dergestalt dabei zu benehmen, daß sie 102 den durch so gewaltige Anstrengung gewonnenen Vortheil nicht verlieren möchten; und nun, seinem Schwager winkend, gingen Beide in das leere Lager zurück. Während dieser ganzen Bewegung, welche ungefähr eine Stunde mochte gedauert haben, stand der Wildstcller, ein stummer, doch aufmerksamer Beobachter des Vorgangs, seitwärts auf die Flinte gelehnt, und der alte Hund schlummernd ihm zur Seite. Gelegentlich zuckte ein Lächeln über seine rauhen, muskulösen, doch ermatteten Gestchtszüge, gleich dem Sonnenstrahl, der über nackte Ruinen dahinsährt, und verrieth die momentane Lust, die er fühlte, wenn er-von Zeit zu Zeit die ungeheure Kraft der jungen Leute bemerkte. Dann aber, als der Zug langsam ans der Höhe fortfuhr, beschattete ihn wieder eine Wolke trüber Gedanken, und sein Gesicht wurde wieder so kalt und melancholisch-ernst wie zuvor. Seine Aufmerksamkeit wuchs, als Fuhrwerk nach Fuhrwerk das Lager verließ, ohne daß er dabei ein einzig Mal das kleine Zelt aus dem Auge verlor, welches mit dessen eigenem Wagen, einsam wie zuvor znrückblieb. Jsmaels Wink zu seinem finstern Gefährten betraf indessen, wie es schien, diesen bisher vergessenen Theil der Effekten. Nachdem sie vorsichtige und spähende Blicke nach allen Seiten geworfen, schritten beide Männer zu dem kleinen Wagen, und schoben ihn in die Reife des Ueberplanes hinein, auf dieselbe Weise, wie sie ihn Abends zuvor hcransgezogen hatten. Dann verschwanden Beide hinter den Decken, und mehrere erwartungsvolle Minuten verstrichen, während deren der alte Mann, heimlich von einem brennenden Verlangen getrieben, die Absicht dieses Geheimnisses zu erfahren, unvermerkt dem Platze näher kam, bis er nur wenige Ellen von dem Ort entfernt stand. Die Bewegungen des Tuches verriethen die Art der Beschäftigung der Leute drinnen, obgleich sie ihr Werk mit der größten Stille förderten. ES schien, als habe eine lange Uebnng jeden von Beiden genau mit seinem 103 besonder» Geschäfte bekannt gemacht, denn es bedurfte weder eines Zeichens, noch irgend einer Anweisung von Seiten Jsmaels, um seinen verdrossenen Gefährten zu lehren, wie er handeln solle. In weit geringerer Zeit, als wir zur Beschreibung gebraucht, war innen Alles fest und wohl geordnet, und die Männer traten wieder aus dem Zelte heraus. Zu geschäftig, um die Gegenwart des Wildstellers zu bemerken, begann Zsmael jetzt die Tuchdecken vom Boden loszumachen, und sie so über und um den Wagen anzufügen, daß sie von allen Seiten ihn deckend herabhingen. Das Bogendach zitterte bei der gelegentlichen Bewegung des leichten Wagens, welcher nun augenscheinlich wieder seine geheime Last anfgelaven enthielt. Gerade als Alles fertig war, bemerkte Jsmaels schielender Gefährte die Gestalt des aufmerksamen Beobachters ihrer Bewegungen. Die Deichsel fallen lassend, die er schon aufgehoben hatte, um einen Platz einzunehmen, der gewöhnlich von einem weniger überlegenden, vielleicht aber auch weniger gefährlichen Thiere, als er selbst, ausgefüllt wurde, rief er polternd ans: „So will ich doch ein Thor sein, wie Ihr oft gesagt! Aber seht Euch vor! Wenn der Kerl nicht ein Feind ist, Schande über Vater und Mutter, und ich will mich einen Indianer nennen und mit den Sioux jagen gehen!" Die dicht gedrängte Wolke, die de» Blitz entladen soll, ist nicht finsterer und drohender, als der Blick war, mit welchem Jsmael hier den Nahestehenden begrüßte. Er wandte sich um nach allen Seiten, als suche er irgend ein Werkzeug, schrecklich genug, um den Wildsteller auf einen Schlag zu vernichten, zwang sich doch aber sogleich — vermuthlich gedenkend, wie er bald seines Rathes werde bedürfen — mit einer Art Mäßigung, die ihm selbst, indem er sie gebrauchte, wehe that, und sagte: „Fremder! ich meinte, dies; Schleichen und Schielen um fremde Angelegenheiten sei das Geschäft der Weiber in den Städten und Niederlassungen, und nicht die Art, wie Männer, die da gewohnt 104 sind zu leben, wo Jeder für sich Platz findet, mit den Geheimnissen ihrer Nachbarn verfahren. Welchem Advokaten oder Sheriff denkt Ihr Eure Neuigkeiten mitzutheilen?" „Ich halte nur wenig Verkehr, außer mit Einem, und dann betrifft es immer nur meine eigenen Angelegenheiten," erwiederte der alte Mann, ohne im geringsten Furcht merken zu lassen. Dabei zeigte er nach oben: „Ein Richter, und der Richter über Alle! Er braucht nicht erst durch mich Nachricht einzuziehen, und wenig wird Euer Wnnsch helfen, etwas vor ihm, selbst in dieser Wüste, geheim zu halten." Die einfache, feierliche Weise des Windstellers schlug den schwellenden Zorn seiner Zuhörer nieder. Jsmael stand verdrossen und voller Gedanken, während sein Gefährte einen heimlichen und unwillkürlichen Blick auf den ruhigen Himmel warf, der sich so weit und blau über ihren Häuptern hinzog, als erwarte er, daß des Allmächtigen Auge selbst ans dem Himmelsgewölbe vorblicken werde. Aber Eindrücke so ernster Art haften selten lange ans Gemüthern, die der Trägheit und Vergeßlichkeit gehuldigt haben. Das Zandern des Auswanderers war daher nur von sehr kurzer Dauer. Die Sprache sowohl, als das feste, gesetzte Wesen des Sprechers hatte indessen alle Ausbrüche des Unwillens und der Heftigkeit verhindert. „Es würde sich mehr für einen freundlichen Kameraden schicken," erwiederte Jsmael in einem so trüben Tone, daß er seine Laune verrieth, obgleich er durchaus nicht mehr drohend war, „hättet Ihr Eure Schulter hinten in's Rad eines jener Wagen gestemmt, als hier Euch herum zu stehlen, wo Niemand nöthig ist, als der eingeladen wird." „Die wenige Kraft, die mir übrig geblieben," entgegnete der Wildsteller, „kann ich hier eben so gut als bei Euren anderen Lastwagen gebrauchen." „Haltet Ihr uns für Kinder!" rief Jsmael, halb im seiner Wildheit, halb vor Spott lachend, indem er zugleich seine ganze 105 Kraft an den kleinen Wagen legte, der »nn über das Gras hinrollte, anscheinend mit eben solcher Leichtigkeit, als würde er von seinem gewöhnlichen Gespanne gezogen. Der Wildsteller blieb zurück, und folgte dem abziehcnden Wagen mit dem Ange, nachsinnend, was denn wohl darin verborgen sein konnte, bis derselbe die Höhe gewonnen hatte, und nun auch hinter der Landwellc verschwunden war. Dann wandte er seinen Blick wieder ans die verlassene Scene rund umher. Die Abwesenheit menschlicher Wesen würde kaum im Busen eines Mannes, der so lauge an Einsamkeit gewöhnt war, Gefühle erregt haben, hätte nickt das eben verlassene Lager die Erinnerung an seine kaum davon geschiedenen Besucher erweckt, und, wie es der alte Man» bald genug empfand, auch an die von ihnen ausgegangene Verwüstung. Er richtete sein Auge nach oben mit bedeutungsvollem Kopfschütteln, als er Alles über sich so leer fand, wo kaum »och tausend Aeste und Zweige von den Bäumen herabgeschattet hatten, die nun, ihres Grüns beraubt, als werthlose, zurückge- laffene Holzblöcke zu seinen Füsien lagen. „Ach," murmelte er bei sich, „ich hätte es wissen sollen, ich hätte es wissen sollen! Oft sah ich ja schon dasselbe Schauspiel, und doch führte ich sie selbst dahin, und habe sie jetzt zudem einzigen Orte hingewicsen weit umher, wo sie Leuten von ihrer Gattung nahe sind. — Das ist des Menschen Wunsch, sein Stolz, sein Vcr- hcerungsgeist, seine Sünde! Er zähmt die Thierc des Feldes seiner thörichten Bedürfnisse wegen, und wenn er ihnen ihr natürlich Futter geraubt, so zwingt er sie, den Bäumen ihr Laub und ihre Rinde zu rauben, um ihren Hunger zu stillen." Ein Rascheln in den niedrigen Gebüschen, die in einiger Entfernung und am Rande des Dickichts wuchsen, an das sich Jsmaels Lager gelehnt hatte, traf plötzlich sein Ohr, und kürzte sein Selbstgespräch ab. Sv manche in der Wildnis; verlebte Jahre ließe» ihn instinktartig die Flinte mit der Rüstigkeit der Jugend in wagcrechte 106 Lage bringen. Bald aber sich besinnend, ließ er sie wieder in den Arm fallen, nnd nahm das trübe, sich selbst vergessende Wesen wieder an. „Komm heraus, komm heraus!" sprach er laut, „Vogel oder Wild, — Ihr seid sicher vor diese» alten Händen. Ich habe gegessen nnd habe getrunken. Wcßhalb sollte ich Leben rauben, wo mein Bedürfnis; kein solches Opfer fordert. Es wird nicht lange dauern, bis die Vogel nach den Augen picken, die sie nicht mehr sehen sollen, und sich vielleicht auf meinen Gebeinen schaukeln werden; denn wenn diese Dinge mir gemacht sind, um zu vergehen, was habe ich für ein Recht zu erwarten, das; ich ewig lebe. Heraus! heraus! Euch droht nichts von diesen welken Händen!" „Dank für den guten Gruß, alter Wildsteller," sprach Paul Hover, zugleich aus seinem Versteck hervorspringend. „Es lag Etwas in Eurer Miene, als Ihr die Mündung der Flinte so vorstrecktet, was mir nicht gefiel, denn es schien mir zu sagen, Ihr könntet ihre übrigen Bewegungen fortsetzen." „Ihr habt recht! Ihr habt recht!" rief der Wildsteller, lachend mit innerer Lust, indem er seiner früheren Geschicklichkeit gedachte. „Der Tag ist dahin, wo Wenige die Tugenden einer langen Flinte, wie diese, so gut kannten, als ich, so alt nnd unnütz ich jetzt auch scheine. Ihr habt recht, junger Mann; und es gab eine Zeit, wo es gefährlich war, nur ein Blatt zu berühren, daß mein Ohr es hören konnte, oder," setzte er mit gedämpfterem Ton und ernsterem Blicke hinzu, „für einen rothen Mingo auch nur den Augapfel aus seinem Versteck heraus sehen zu lassen. Ihr habt doch von den rothen Mingo's gehört?" „O ja, von den Minks") habe ich gehört," sagte Paul, den Alten beim Arme fassend, und ihn sanft, während er sprach, in's Dicki cht ziehe nd, während er zugleich schnell vorsichtige Blicke ') Wiefel. 107 hinter sich warf, um gewiß zu sein, daß er nicht beobachtet wurde. „Von Euren gemeine» schwarzen Minks, aber von keinen, die eine andere Farbe hatten?" „Ei! Ei!" fuhr der Wildstellcr fort, den Kopf schüttelnd, und noch immer auf seine ruhige Weise innerlich lachend, „verwechselt mir der da gar das Thier mit dem Menschen! obgleich eigentlich ein Mingo wenig besser ist, als ein Thier; ja, eigentlich ist er noch schlimmer, wenn Rum oder sonst etwas seine Angen benebelt. Da war der verwünschte Hnrouc von den oberen See'n, den ich niedcrpustete in seinem Hinterhalt, dort zwischen den Felsen .. in den Hügeln . .. ans der Rückseite des Hori. . . —" Seine Stimme verlor sich im Dickicht, wohinein er während des Sprechens von Paul sich führen ließ, allzusehr mit seinen Gedanken an Auftritte und Vorfälle beschäftigt, welche vor einem halben Jahrhundert in der Geschichte seines Landes stattgefnnden, um Jenem irgend Widerstand zu leisten. Achtes Kapitel. Nun dreschen und prügeln sie auf einander los; ich will hingehen und zusehen, Der heuchlerische abscheuliche Bube Diomed hat des vernarrten albernen trojanischen Gelbschnabels Aermel auf seinen Helm gesteckt. Troilus und Cressida. Es ist nothwendig, damit der Faden der Erzählung sich nicht zu einer Länge ausspinne, welche den Leser endlich ermüden könnte, daß er einmal eine Woche zwischen der letzten Scene des vorigen Kapitels und den Begebenheiten, mit deren Erzählung wir dieses beginnen wollen, in Gedanken überspringe. Die Jahreszeit mar auf dem Punkte, einen andern Charakter anznnehmen; schon wich das Grün des Sommers schneller und schneller dem Braun und den mannigfaltigen Schattirungen des Herbstes. Regenwolken deckten den Himmel, bald dichter und "dichter über einander ge- 108 drängt, von heftigen Windstößen so gewaltsam getrieben, daß man durch ihre Oeffnnngen auf kurze Augenblicke de» herrlichen Glanz des ewigen Himmels entdecken konnte, so groß und ewig, daß alle Anstrengungen der atmosphärischen Welt nichts dagegen vermögen. Unten fegte der Wind über die wilden und nackten Haidesteppen mit einer Heftigkeit, wie man sie selten in einem minder offenen Himmelsstrich des Festlandes kennt. Zur Fabelzeit würde man leicht ans den Schluß gekommen sein, der Gott der Winde habe seinen Untergebenen erlaubt, ans ihren Höhlen her- anszufahren, und mit Ausgelassenheit über Wildnisse zu stürmen, wo ihrem Spiele weder Baum, noch Menschenwerk, noch Berge, noch irgend sonst etwas sich entgegensehe. Obgleich Nacktheit das vorzügliche Kennzeichen des Orts war, wohin wir jetzt den Auftritt unserer Erzählung verlegen müssen, so war er doch nicht ganz ohne Zeichen des menschlichen Lebens. Mitten ans dem eintönigen Anschwellen und Niedcrslnken der Prairie erhob sich ein einsamer, nackter und abgerissener Fels am Rande eines kleinen Bächleins, welches, nachdem es sich weithin durch die Ebenen geschlängelt, endlich seinen Weg zu einem der tributpflichtigen Ströme des .Vaters der Flüsse' fand. Ein Strich ebenen Landes lag in der Nähe des Abhangs, und da der Fleck noch immer eingesänmt war von einem dichten Erlen- und Snmach- Gebüsch, so konnte man glauben, der Boden habe einst hier einem kleinen Walde Nahrung gewährt. Die Baume selbst waren in der Folge ans den Gipfel und die Klippen der benachbarten Felsen verpflanzt worden. Ans dieser kleinen Erhöhung fand man die Spuren der Menschen, worauf vom Wildsteller oben angespielt worden. Von unten ans betrachtet, war da nicht mehr zu sehen, als eine Brustwehr von Holzstämmen und Steinen, so znsammcnge- hänft, wie es am wenigsten Arbeit machte; wenige niedrige Dächer, ans Rinde und Zweigen geflochten; hie und da Erdanfwürfe, wie 109 die Brustwehren oben am Gipfel, au solchen Stellen des Abhangs errichtet, wo das Hinanfklimmen leichter schien, als an den übrigen Theilen des Felsens. Endlich sah man noch ein kleines Zelt von Leinen oben auf der äußersten Spitze einer kleinen.Felspyramide angenestelt, deren weißes Dach weithin glänzte wie ein Flöckchen Schnee — oder um das Gleichniß mehr mit dem Ganzen in Einklang zu bringen, wie eine sorgfältig bewachte Standarte, die mit dem Herzblut Derer vcrtheidigt werden mußte, welche die Citadelle unten besetzt hielten. Branchen wir noch hinznznfngen, daß diese rohe und seltsame Festung der Ort war, wo Jsmael Busch, nachdem er seines Viehs beraubt war, seinen Zufluchtsort genommen ? An einem der Tage, bis zu welchem die Erzählung nun schon gedrungen sein muß, stand der Auswanderer dicht am Fuße dieses Felsens, auf die Flinte gelehnt und den unfruchtbaren Boden unter sich betrachtend, mit einem Blicke, der zugleich Verachtung und getäuschte Hoffnung ansdrückte. „'s ist Zeit, unsere Natur zn verändern," bemerkte er gegen den Schwager, der selten weit von ihm entfernt stand, „und wiederkäuende Thiere zn werden, anstatt Christen und freie Menschen. Ich meine, Abiram, du könntest eine gute Heuschrecke werden, bist ein lustiger Mann, und möchtest lustiger als Alle zusammen hupfen." „Dks Land taugt nicht für uns," erwiederte der Andere, der nur wenig in den erzwungenen Humor des Verwandten einging, „und man muß nicht vergessen, daß ein fauler Wanderer immer eine lange Reise hat." „Willst du, daß ich einen Karren hinter mir her ziehe über die Wüste, und das Wochen, ja Monate lang!" erwiederte Jsmael, der, wie Alle seines Standes, wenn es Noth that, mit unglaublicher Anstrengung arbeiten konnte; der aber in seinem Fleiße nicht die Ausdauer besaß, um auf einen Vorschlag, der so wenig Ruhe verhieß, einzngehen. „Für Euch, die Ihr in Niederlassungen lebt, mag das passen, nach Enren Häusern zu 110 eilen. Aber, dem Himmel sei Dank, mein Pachthvf ist zn groß, als daß der Eigenthümer je einen Rnheplap entbehren sollte!" „Nnn, wenn Euch die Anpflanzung gefällt, braucht Ihr nur Eure Ernte zn machen!" „Ist leichter gesagt als gethan in diesem Erdwinkel. Ich sage Euch, Abiram, es thnt Noth, sich zn regen, ans mehr als Einem Grunde. Ihr wißt, ich bin Einer, der selten eine Wette macht, der aber, was er versprochen, besser hält, als Ihr Anderen, die Ihr Euch mit den Kontrakten aus Papierfctzen besaßt. Eben so gut, wie auf Eine Meile, könnt Ihr auf hundert rechnen. Ihr habt mein Ehrenwort." Als er dies; sprach, blickte der Auswanderer hinauf nach dem kleinen leinenen Zelte, das oben ans dem höchsten Gipfel der Festung stand. Der Wink ward von dem Andern verstanden und beantwortet, und diente, durch irgend einen geheimen Einfluß, sei es ans ihren gemeinsamen Vortheil oder gemeinsame Gefühle gebaut, die Harmonie zwischen ihnen wieder herznstellen, die allerdings in diesem Augenblick etwas auf dem Spiele stand. Abiram entgegnete: „Ich weiß es, und fühle es in jedem Miede. Aber ich denke zu sehr an den Grund, weßhalb ich mich zn dieser verwünschten Reise ans den Weg gemacht, als daß ich die so große Entfernung vergessen sollte. Weder Ihr noch ich werden Vortheil ans dem ziehen, was wir gethan, bis wir durchaus beenden, was wir einmal angefangen haben. Das gilt wohl, mein' ich, in der ganzen Welt. Hört' ich doch 'mal einen reisenden Prediger, der vor langer Zeit den Ohio entlang zog, die Worte sprechen: Wenn ein Mann hundert Jahre im Glauben lebte, und dann einen einzigen Tag abfiele, so würde er finden, daß ihm die Rechnung allein nach dem Abfall gemacht, und daß alles Schlechte und nichts vom Guten ihm würde angerechnet werden." 111 „Und Ihr glaubtet, was der hungrige Heuchler predigte?" „Wer sagt, daß ick es glaubte," cutgeguete Abiram mit wildem Blick, der da bekundete, mit wie großer Furcht er bei dem Gedanken verweilte, den er sich jetzt Mühe gab, zu verachten. „Heißt das Glaube, was ein schurkiscker..., und doch, Jsmael, der Manu möchte am Ende doch ehrlich gewesen sein! Er sagte uns, die ganze Welt wäre eigentlich nicht besser als eine große Wüste, und es gebe nur Eine Hand, welche die allergelehrtesten Leute durch alle ihre Windungen des Guten und Bösen führen könne. Wenn das nun von der ganzen Welt wahr ist, so könnte es auch von einem Theil wahr sein." „Abiram, fort mit den Bedenklichkeiten; wie ein Mann!" unterbrach ihn der Auswanderer mit einem heisern Hohngclächter. „Du wirst noch ein Betbruder. Aber zu was Nutzen ist es, nach deiner eigenen Lehre, Gott fünf Minuten und dem Teufel eine Stunde zu dienen? Höre, Freund; ich habe nicht viel von einem guten Landwirth, aber das weiß ich doch: »in eine gute Ernte zu machen, dazu gehört auch beim fruchtbarsten Boden vorher eine saure Arbeit, und Eure Schnüffler vergleichen häufig die Erde mit einem Kornfelde, und die Leute, die darauf leben, mit den Früchten. Nun sag' ich dir, Abiram, daß du nicht besser bist, als eine Distel oder das Wollkraut, ja du bist ein Hollnnderge- wächs, das nicht 'mal zum Br.'nnen taugt!" Der boshafte Blick aus Abirams schielenden Angen zeugte von dem in ihm lodernden Ingrimm. Aber wie er vor dem unbeweglich festen Ausdruck in Jsmaels Antlitz fast eben so schnell und wirkungslos zurückprallte, als er verstohlen herausgekommen, so verrieth er auch, wie der kühne Geist des Letztem über den Schleichenden die Oberherrschaft behauptete. Zufrieden mit seiner Uebermacht, die zu augenscheinlich war, und sich zu oft bei ähnlichen Vorfällen bekundet hatte, um ihn über ihren Wirkungskreis in Zweifel zu lassen, setzte Jsmael ruhig 112 das Gespräch fort, indem er sich bestimmter zu seinen künftigen Planen wandte. „Du wirst doch das Vergeltnngsrecht anerkennen," sagte er. „Man hat mir mein Vieh geraubt, und nun habe ich mir einen Plan gemacht, wieder so reich als vorhin zn werden, indem ich Hnf nm Huf fortnehme. „Und wenn ein Mann nach zwei Seiten hin handeln muß, so märe er ein Thor, wenn er sich nicht von beiden Theilen Provision zahlen ließe." Als Jsmael diese Erklärung in einem lauten und entschiedenen Tone von sich gab, die noch durch die frische Aufregung heftiger erschien, kamen vier oder fünf seiner Söhne, welche sich gegen den Fuß des Felsens gelehnt hatte», mit der der ganzen Familie so eigenen Lässigkeit hervor. „Ich habe Ellen Wade zngcrufen, die oben ans dem Felsen steht, nm Wache zn halten," bemerkte der älteste der jungen Leute, „damit wir erfahren, ob sich irgend was sehen läßt; sie schüttelt mit dem Kopf zur Antwort, und ist, für ein Weib, sehr sparsam mit den Worten. Man könnte sie wohl Sitten lehren, ohne dadurch einen ihrer freundlichen Blicke einznbüßcn." Jsmael richtete sein Auge nach oben, wo das Mädchen, welches, dessen unbewußt, zur Rüge Anlaß gegeben, ängstlich Wache hielt. Sie saß am Rande des äußersten Felsstücks, neben dem kleinen Zelt, und wenigstens einhundert Fuß oberhalb der Ebene. Von der Entfernung ans war wenig mehr von ihr als der Umriß ihrer Gestalt zn unterscheiden, indem ihr schönes Haar von den Windstößen ihr über die Schultern geweht wurde, und ihr Blick Unverwandt nach irgend einem fernen Punkt der Haide gerichtet schien. „Was gibt es, Nell!" rief Jsmael, seine gewaltige Stimme ein wenig über das tobende Element erhebend. „Hast du irgend was gesehen, was größer ist, als Wolf oder wilder Hund?" Die Lippen des aufmerksamen Mädchens öffneten sich, sie erhob sich, so weit ihre Größe es erlaubte, indem sie immer nach dem 113 unbekannten Gegenstand hinzublicken schien; aber ihre Stimme, wenn sie überhaupt sprach, war nicht laut genug, um den Wind zu überschreien. „Es ist gewiß, das.Kind sieht nichts Ungewöhnlicheres als einen Büffel oder einen Prairie-Hund," fuhr Jsmael fort. „He da, Nell, Mädchen, bist du taub? Ellen sage ich-Fast sollte ich meinen, 's sei ein Heer Nothhänte im Anzuge; wie herzlich gern möchte ich ihnen ihre Güte unter dem Schutz dieser Stämme und Felsen bezahlen!" Während der Auswanderer so sprach und die Rede durch gehörige Bewegungen begleitete, indem er sich unter seinen ebenso viel Muth oerrathenden Söhnen umblickte, hatte er deren Aufmerksamkeit von Ellen auf sich selbst abgewandt. Jetzt aber, als sie sich wieder hinwandten, die folgenden Bewegungen ihrer weiblichen Schildwache zu beobachten, war der Ort, wo sie noch eben gestanden, plötzlich leer. „So wahr ich ein Sünder bin," rief Asa, gewöhnlich sonst einer der trägsten unter Allen, mit dem Tone heftiger Aufregung, „das Mädchen ist vom Winde weggcblasen!" Eine Regung, die einem Gefühle nicht ganz unähnlich sah, sprach sich bei ihm ans, und man hätte daraus schließen können, daß die lachenden blauen Angen, das Flachshaar und Ellens blühende Wangen auf die verstockten Naturen der jungen Leute nicht ganz ohne Einfluß geblieben seien, denn Blicke stumpfer Verwunderung und Betroffenheit gingen von Einem znm Andern, indem sie nach dem nackten Felsen oben hinaufstarrten. „Es könnte wohl sein," sagte der Zweite, „sie saß auf einem abschüssigen Steine, und ich habe schon vor mehr als einer Stunde d'ran gedacht, ihr zu sagen, daß sie in Gefahr sei." „Ist das ein Band vom Mädchen, was da von jener Ecke des Steines herabhängt?" rief Jsmael; „he, wer regt sich da um das Zelt? Habe ich euch nicht Allen gesagt . . ." Die Prairlc. 8 114 „Ellen! 's ist Ellen!" unterbrach ihn die ganze Schaar der Söhne in Einem Athem, und im selben Augenblick kam sie auch schon wieder zum Vorschein, allen ihren Vermuthnngen ein Ende zu machen, und mehr als eine jener verdrossenen Naturen aus ihrem Zustande der Spannung zu erlösen. Als Ellen aus dem Zelte heranstrat, ging sie mit leichten und furchtlosen Schritten nach ihrem vorigen gefährlichen Standpunkt, und wies nach der Haide hin, indem sie mit eifriger und heftiger Stimme mit irgend einem unsichtbaren Zuhörer zu sprechen schien. „Nell ist toll!" — sagte Asa halb verächtlich, doch nicht ohne alle Besorgnis'. — „Das Mädchen träumt mit offenen Augen, und denkt, sie fleht eins von den grimmigen Geschöpfen mit schwer ans- zusprechenden Namen, mit denen der Doktor ihr die Ohren anfüllt." „Könnte wohl sein, daß das Kind einen Späher der Sioux anfgefunden," sagte Jsmael, den Blick nach den Ebenen gekehrt; aber ein leises, bedeutungsvolles Flüstern Abirams zog seine Angen wieder nach oben, wo sic gerade zu rechter Zeit ankamen, noch zu bemerken, daß das Tuch des Zeltes von Etwas bewegt wurde, was durchaus nicht der Wind sein konnte. „Laß sie,.... wenn fle's wagt!" murmelte der Auswanderer zwischen den Zähnen. „Abiram, sie kennen mein Gemüth zu gut, um mit mir zu spielen!" „Seht selbst hin! Wenn die Decke nicht gelüftet ist, will ich nicht besser sehen, als eine Eule bei Tage." Jsmael stampfte mit der Flinte heftig auf den Boden, und rief mit einer Stimme, welche leicht von Ellen hätte verstanden werden müssen, wäre nicht ihre Aufmerksamkeit noch immer von dem Gegenstände gefesselt gewesen, der auf so merkwürdige Weise ihre Augen in die Ferne zog. „Nell!" fuhr der Auswanderer fort. „Zurück mit der Närrin. Soll ich dir auf den Kopf fahren? Was, Nell! — hat sie ihre Muttersprache vergessen; so wollen wir 'mal seh'n, ob sie eine andere Sprache versteht." 115 Jsmael warf die Flinte auf die Schulter, und im nächsten Augenblick war sie hinauf nach der Spitze des Felsens gerichtet. Ehe noch ein Wort des Widerspruchs geäußert werden konnte, krachte sie los, und der Inhalt fuhr mit einem Flammenstrahl in die Höhe. Ellen schrak wie die getroffene Gemse zusammen; sie stürzte mit einem durchdringenden Geschrei in das Zelt, und mit einer Schnelligkeit, die es ungewiß ließ, ob sie nur durch den Schreck, oder durch eine wirkliche Verletzung für ihr leichtes Vergehen gestraft worden. Die That war zu plötzlich und so ganz unerwartet ausgeführt, daß cs nicht möglich gewesen, ihr zuvorzukommen; aber kaum daß sie geschehen, als auch die Söhne des Thäters auf ganz unzweideutige Weise die Stimmung bekundeten, welche dieser verzweifelte Schritt in ihnen hervvrgebracht. Es wurden wilde und zornige Blicke gewechselt, und ein mißbilligendes Gemurmel lief durch die Umstehenden. „Was hat Ellen gethan, Vater!" sagte Asa mit einer Art aufgeregten Muthes, der um so auffallender schien, je seltener er sich anssprach, „daß sie wie der erste beste Hirsch, oder wie ein hungriger Wolf erschossen werden soll?" „Uebles!" crwiederte der Auswanderer nachdenklich, doch mit einer Kälte und Ruhe, die es verriethcn, wie wenig er durch den zu Tage liegenden Unwillen seiner Kinder bewegt war. „Uebles, Bursch, Uebles! Sorge, daß die Unordnung nicht überhand nimmt." „Man sollte doch einen Unterschied machen mit einem Mann und jenem schreienden Mädchen!" „Asa, du bist ein Mann, wie dn dich oft gerühmt hast; aber denke, ich bin dein Vater und dein Vorgesetzter." „Ich weiß das wohl; aber was für eine Art Vater!" „Höre, Bursch. Ich glaube mehr als zur Hälfte, daß deine Verschlafenhcit die Sioux hereingelassen. Sei bescheiden in deiner Rede, mein wachsamer Sohn, oder du könntest noch eine 8 - 116 Antwort für das Neble erhalten, was deine eigene schlechte Aufführung über uns gebracht hat." „Ich will nicht länger wie ein kleines Kind am Gängelbande geführt werden. Ihr sprecht vom Gesetze, als ob Ihr keines kenntet, und doch haltet Ihr mich nieder, als hätte ich nicht für mein Leben und meine Bedürfnisse zu sorgen. Ich will nicht länger hier bleiben, um wie Euer schlechtestes Vieh behandelt zn werden." „Die Welt ist weit, mein stattlicher Bursch, und es gibt darauf manche schöne Anpflanzung ohne Besitzer. Geh', du hast Besltz- titek, unterzeichnet und untersiegelt, zur Hand. Wenig Väter theilen so gut mit ihren Kindern, wie Jsmael Busch; du wirst mir das wenigstens nachsagen, wenn du an's Ende deiner Reise kommst." „Seht, Vater! seht!" riefen verschiedene Stimmen mit einem Mal, als ergriffen sie mit Begier eine Gelegenheit, ein Gespräch zu unterbrechen, das noch heftiger zn werden drohte. „Seht!" wiederholte auch Abiram mit einer dumpf und warnend klingenden Stimme, „wenn Ihr Zeit zn 'was Anderem als zum Zanke habt!" Der Auswanderer wandte sich langsam von dem sich auflehnenden Sohne ab, und richtete sein Auge, in dem noch immer der Zorn glühte, nach oben. Kaum aber, daß er den Gegenstand, der setzt die Aufmerksamkeit Aller zugleich fesselte, gewahr ward, so änderte sich auch jener Ansdruck in den des Staunens und des Unwillens. Ein weibliches Wesen stand ans dem Fleck, von wo Ellen so schrecklich vertrieben worden. Ihre Gestalt war so fein und zart, wie cs sich nur mit der Schönheit vertragen konnte, und wie Dichter und Künstler das Ideal weiblicher Lieblichkeit gepriesen haben. Ihr Anzug war von dnnkelm, glänzendem Seidenzeng, und wallte um ihren Wuchs wie das feine Gewebe, das man den fliegenden Sommer nennt. Reiche Flechten des lockigen Haares, 117 schwärzer und glänzender noch als das Kleid, fielen bald über ihre Schultern, den Hals und die Brust mit ihren Ringeln verhüllend, oder wurden bald vom Winde weit abgeweht. Die Höhe, auf der sie stand, untersagte jede nähere Prüfung der Züge ihres Gesichtes. Nur so viel war deutlich zu seh'n; sie war jung, bewegte die Lippen, und wurde im Augenblick ihrer unerwarteten Erscheinung mächtig durch irgend Etwas aufgeregt. So überaus jung schien dieses schone und zarte Wesen, daß man hätte zweifeln können, ob sie schon ans den Kinderschuhen herausgetreten. Die eine kleine und außerordentlich schön geformte Hand war an ihr Herz gedrückt, während sie mit der andern eine Bewegung machte, als wolle sie Jsmael bitten, wenn er in seiner Wnth fortfahre, sie gegen ihre Brust zu wenden- Die schweigende Verwunderung, womit die Gruppe der Auswanderer dieses außerordentliche Schauspiel anstannte, wurde erst durch Ellen unterbrochen, welche mit alle» Zeichen der Angst aus dem Zelte zum Vorschein kam, im Kampfe mit sich, und eben so sehr von der Furcht für sich selbst, als von der Vorstellung, daß ihrer Gefährtin eine Gefahr drohen könne, im Zurückbleiben und Vortreten geängstigt. Sie sprach, aber ihre Worte wurden von Denen unten überhört, und von Der, an welche sie gerichtet waren, nicht beachtet. Diese indessen, wie beruhigt durch die Vorstellung, daß sie sich selbst Jsmael als Opfer seiner Rachsucht angeboten, zog sich jetzt ruhig zurück, und der Ort, wo sie kaum gestanden, wurde wieder leer. Bei den Zuschauern unten ließ sie aber ein solches Staunen zurück, daß man hätte glauben können, sie hätten wirklich eine überirdische Erscheinung gesehen. Mehr als eine Minute des allertiefsten Schweigens trat jetzt ein, während dessen Jsmaels Söhne noch immer in stummer Verwunderung nach dem nackten Felsen hinaufschauten. Indem Jeder so den Andern ansah, begegnete die Frage der Frage, und so viel ergab sich aus dem Ausdruck in Aller Gesichtern, daß die Erscheinung V dieser außerordentlichen Inwohnerin des Zeltes ihnen eben so unerwartet als unbegreiflich sei. Endlich übernahm es Asa, auf das Recht seiner Erstgeburt trotzend, und noch immer von der Kampflust des kaum beseitigten Streites angeregt, zu fragen. Statt aber den Zorn seines Vaters anfznreizen, dessen wilde Natur, wenn sie einmal aufgeregt war, er zu oft Gelegenheit gehabt, empfindlich kennen zu lernen, nm ihn ohne Noth aufzubringen, wandte er sich an den schielenden Abiram, indem er mit höhnischem Lächeln bemerkte: „Dieß ist also das Thier, was Ihr in die Prairie brachtet, zum Locken! Ich weiß, Ihr seid ein Mann, der die Wahrheit selten inkommodirt, wenn sich irgend sonst wie antworten läßt; aber daß Ihr Euch je so nbcrboten hättet, das habe ich nie geglaubt. Die Zeitungen von Kentucky nannten Euch hundertmal einen Händler mit schwarzem Fleisch, aber sie glaubten wohl nicht, daß Ihr auch mit weißer Waare Handel triebt." „Wer ist ein Seelenverkäufer?" fragte Abiram mit allen Anzeichen des Ingrimms. „Muß ich Rechenschaft geben für jede Lüge,, die sie in den Staaten drucken lassen? Sieh' ans deine eigene Familie, sieh' ans dich selbst, Junge. Alle Baumstümpfe in Kentucky und Tennessee schreien gegen Euch an. Heda, mein beredter Herr, ich habe Vater und Mutter und drei Kinder, und dich drunter, angeschlagen gesehen an den Warnnngspfählen und Banmstämmeir der Niederlassungen, und Thalcr drunter zur Belohnung, genug um einen ehrlichen Mann reich zu machen, Dem, der Euch . . Ein heftiger Schlag mit der umgekehrten Hand auf seinen Mund unterbrach ihn dergestalt, daß er schwankte, und ihm das Blut aus den unter dem heftigen Druck geschwollenen Lippen heranstrat. „Asa!" rief der Vater, mit einem Theile jener Würde vortretend, mit welcher die Natur den väterlichen Charakter ein- für allemal scheint begabt zu haben. „Du hast den Bnrder deiner Mutter geschlagen." 119 „Ich habe den Beschimpfer unserer ganzen Familie geschlagen," erwiederte der grimmige Bursch, „und wenn er nicht seine Zunge eine klügere Sprache lehrt, so wäre es besser, der Unruhestifter . trennte sich ganz und gar von uns. Ich liebe eben nicht, viel mit dem Messer zu verkehren, aber wenn es zum Aeußersten kommt, so könnte ich einen Scsiandbn . . . „Junge! Zweimal hast du dich heut' vergessen. Nimm dich in Acht, daß es nicht znm dritten Male geschieht. Wenn das Gesetz des Landes schwach ist, sollte das Gesetz der Natur stark sein. Du verstehst mich, Asa! und du kennst mich! Was Euch betrifft, Abiram! der Junge that Euch Unrecht, und es ist mein Geschäft, Euch wieder znm Recht zu verhelfen. Verstehet mich, ich sage, es soll Gerechtigkeit werden; das ist genug. Aber Ihr habt arge Dinge gegen mich und meine Familie geredet. Wenn die Hunde des Gesetzes in den Lichtungen ihre Plakate an die Bäume und Banmpfvsten geschlagen haben, so geschah's um nichts Unehrliches, wie Ihr wißt, sondern weil wir am Satze halten, daß die Erde Allen gemein ist. Nein, Abiram, konnte ich meine Hände eben so leicht rein waschen von dem, was auf deinen Rath geschah, als von dem, was ich auf Einflüsterung des Teufels ge- than, würde Nachts mein Schlaf ruhiger sein, und Niemand, der meinen Namen führt, brauchte roth zu werden, wenn er ihn Hort. Friede, Asa, und auch Ihr; es ist genug gesprochen worden. Laßt uns das Beste denken, eh' noch 'was dazu stoßt, das die schlimme Sache nur noch schlimmer machen könnte." Jsmael schwenkte den Arm gebieterisch, als er endete, und wandte sich voll sicherer Ueberzeugnng ab, daß Die, an welche er seine Rede gerichtet, nicht die Verwegenheit haben würden, gegen seine Befehle zu streiten. Asa kämpfte augenscheinlich mit sich, dem verlangten Gehorsam nachzukommen, doch verfiel seine schwerfällige Natur bald in die gewöhnliche Ruhe, und er schien auch bald wieder das Wesen zu werden, was er in der That war, 120 gefährlich nur in Momenten, und von zu trägem Blute, um dauernd wild zu bleiben. So stand es nicht mit Abiram. So lange es den Anschein hatte, als könne es zu einem persönlichen Kampfe kommen, nämlich , zwischen ihm und seinem kolossalen Neffen, malte sich augenscheinlich die Furcht in seinen Gesichtszügen; jetzt aber, wo die Autorität und die gigantische Kraft des Vaters sich zwischen ihn und den Angreifer gestellt, ging sein Gesicht von der Todtenblässe in ein Blauroth über, welches ansdrückte, wie tief ihn in der Brust die zugefügte Beleidigung wurme. Er schwieg jedoch eben so gut, als Asa auf die Entscheidung des Auswanderers, und es schien, als wäre die Eintracht unter einem Häuflein Geschöpfe wieder hcrge- stellt, welche durch keine mächtigere Verpflichtungen zusammengehalten wurden, als das schwache Gewebe der Autorität, mit welcher es Jsmael gelungen, seine unruhigen Söhne zu umspinnen. Eine Wirkung hatte doch der Zank gehabt; er hatte die Gedanken der jungen Leute von der neuen Erscheinung abgelenkt. Mit dem ans das Verschwinden der schönen Fremden erfolgenden Streite schien auch jede Erinnerung an ihr Dasein verschwunden. Freilich wurden einige geheime Berathungen hie und da gehalten, wo die Richtung der Augen aller Sprechenden genugsam den Gegenstand verriethen; aber diese drohenden Anzeichen verschwanden bald genug, und die Gesellschaft zersplitterte sich wieder in ihre gewöhnliche träge und verdrossen schweigende Gruppen. „Ich will auf den Fels steigen, Burschen, und nach den Wilden ausschauen," sagte Jsmael kurz darauf, indem er sich zu den Söhnen mit einer Miene wandte, welche, trotz ihrer Entschlossenheit, zugleich wie zur Versöhnung stimmend gelten sollte. „Wenn Nichts zu fürchten ist, so wollen wir in's Freie hinaus; der Tag ist zu gut, um ihn mit Worten zu verlieren, wie Stadtweiber beim Thee und Zuckerkuchen." Ohne auf ihre Zustimmung oder Einwürfe zu warten, schritt 121 der Auswanderer dem Fuße des Felsens zu, welcher eine Art senkrechten Wall, ungefähr zwanzig Fuß hoch, um die ganze Höhe bildete. Er nahm besonders seine Richtung nach einem Punkt hin, wo man durch eine enge Schlucht hinaufgehcn konnte, welche er aber sorgfältig mit einer Brustwehr von Stämmen des Baumwollenbaumes oerschanzt hatte, und die wiederum durch spanische Reiter aus demselben Material geschirmt wurde. Hier stand beständig ein Bewaffneter, da dieser Ort den Schlüssel zur ganzen Position bildete, und auch jetzt lehnte sich hier Einer der jungen Leute nachlässig gegen den Felsen, bereit, den Paß zu oertheidigen, wenn es nöthig sei, bis die ganze Mannschaft auf den verschiedenen Pnnkten zur Vertheidigung ausgestellt wäre. Aber auch von hier aus war der weitere Ausweg noch immer schwierig, theils von Natur, theils durch künstliche Hindernisse, bis man eine Art Terrasse, oder, um genauer zu reden, die eigentliche Feldebene, erreicht hatte, wo die Hütten für die ganze Familie aufgeschlagen waren, wie schon erwähnt, Hütten von der Gattung, wie mau sie häufig an den Gränzen findet, und wie sie der Kindheit der Architektur augehören, indem sie nur aus Holzblöcken, Pfählen und Rinde bestanden. Der Raum, wo sie standen, faßte mehrere hundert Quadratfuß, und war genügend hoch über die Haide, um die Gefahr von indianischen Pfeilen zu verringern, wo nicht gar ganz zu benehmen. Hier, glaubte Jsmael, könne er seine Kinder in ziemlicher Sicherheit unter dem Schutz ihrer beherzten Mutter zurücklassen, und hier fand er schon seine Esther mit ihren gewöhnlichen häuslichen Verrichtungen beschäftigt. Ihre Töchter standen um sie, und sie, die Hausfrau, erhob ihre gewaltige Stimme, um ihren Tadel mit gehörigem Nachdruck hier und dort, wo mau es ihr nicht recht that, vernehmen zu lassen, wobei es denn sehr erklärlich wurde, daß sie beim Sturm ihrer eigenen Worte nichts von der heftigen Scene, die unten vorgefallen war, vernommen hatte. „Einen hiibsch windigen Platz hast dn znm Lager gewählt, Jsmael!" fing sie an, oder besser, fnhr sie fort, indem sie nur ihr Belfern von einem schluchzenden zehnjährigen Mädchen, das neben ihr stand, ab- und gegen ihren Mann hinwandte. „Wahrhaftig, als ob ich nicht alle zehn Minuten Nachsehen mußte, daß mir die Krabben nicht fortfliegen und unter Eulen und Habichte gerathen. Was lagert ihr hier um den Felsen, wie die Schlangen im Frühling, wenn der Himmel anfängt lebendig zn werden von Vögeln, heda! Denkt ihr, man kann den Mund füllen, und den Hunger stillen mit Schlafen und Maulaufsperren?" „Nein, du sollst auch noch freies Reden haben, Esther," sagte der Ehemann, indem er den Namen in der eigcnthümlich amerikanischen Mundart aussprach, und die lärmenden Weiber mit einem Blicke ansah, der mehr eine zur Gewohnheit gewordene Duldsamkeit als Zuneigung mrrieth. „Aber die Vögel sollst dn haben, wenn deine eigene Stimme sie mir nicht zu hoch aufscheucht. Ei, Frau," fnhr er fort, indem er mittlerweile dieselbe Stelle erstiegen, von wo er Ellen so rauh fortgeschencht hatte, „und auch Büffel, wenn mein Auge das Thier in der Entfernung einer spanischen Meile entdecken kann." „Komm 'runter, komm 'runter, und thne 'was, statt zu schwatzen. Ein plaudernder Mann ist nicht viel besser als ein bellender Hund. Nell soll das Tuch aufstecken, wenn sich welche von den Rothhänten blicken lassen, um euch bei Zeiten Nachricht zn geben. Aber, Jsmael, was mußtest du denn vorhin todtschießen; denn es war deine Flinte, die ich vor ein paar Minuten hörte, oder ich müßte alles Gehör verloren haben?" „Pah! 's war nur, um deu Habicht fortzuscheuchen, der da über den Felsen schwebt." „Habicht! Wahrhaftig, ein Mann in Jahren, und nach Habichten und Weihen zu schießen, wo achtzehn Mäuler zu füttern sind. Sieh' auf die Bienen und den Biber, und schau, mein guter 123 Mann, wie man sich vorsehen muß. Was, Jsmael, ich glaube wahrhaftig," fuhr sie fort, indem sie den Hanf, den sie um den Spinnrocken wand, zurückhielt, „der Mann steckt wieder in dem Zelte. Mehr als die halbe Zeit verbringt er mit dem unnützen, zu Nichts guten..." Das plötzliche Wiederauftreten ihres Mannes schloß den Mund des Weibes, und als Ersterer wieder zur Stelle, wo Esther an ihr Geschäft gegangen, herabgekvmmen, begnügte sie sich damit, ihren Unwillen zwischen den Zähnen zu murmeln, statt ihn in deutlichen Tönen laut werden zu lassen. Das Gespräch, welches jetzt zwischen dem liebenden Ehepaar stattfand, war gedrängt und ausdrucksvoll. Die Antworten des Weibes waren Anfangs kurz und mürrisch, aber die Sorge für ihre Familie machte sie bald gefälliger. Da die Unterhaltung sich nur darum drehte, daß den ganzen Tag gejagt werden solle, um den Hanptbedarf des Lebens herbeiznschaffcn, so wollen wir sie nicht erst wiederholen. Mit diesem Entschluß stieg Jsmael hinab, und theilte seine Macht in zwei Häuflein, deren eins in der Festung Zurückbleiben, das andere ihn in's Feld begleiten sollte. Sehr klug wählte er Asa und Abiram zu seiner Begleitung, indem er wohl wußte, daß keine Autorität, außer seiner eigenen, das heftige Temperament seines Sohnes, wenn es einmal gereizt war, zurückhalten könne. Als alles Dieß abgethan war, zogen die Jäger aus, indem sie sich gar nicht weit vom Felsen trennten, von wo ans sie nun einen Kreis um die fernen Büffelheerden Hilden wollten. 124 Neuntes Kapitel. Und wird auch Priscian etwas zerfetzet. Was schadet's? Verlorene Liebesmüh. Nachdem wir den Leser mit der Art und Weise bekannt gemacht, wie Jsmael Busch in seiner Familie Ordnung gestiftet, unter Umständen, die für Viele sonst sehr beunruhigend gewesen wären, wolle» wir den Auftritt wieder um einige Meilen von dem zuletzt beschriebenen Ort verlegen, ohne jedoch die natürliche Zeitfolge zu verrücken. Im selben Momente, wo der Auswanderer und seine Söhne, im vorigen Kapitel, anszogen, waren zwei Männer ans einer der Anhöhen in der Nähe eines kleinen Bächleins, etwa eine Kanonenschußweite von dem Lagerplatze, in eifrigem Gespräch begriffen über den Geschmack eines saftvollen Bisonhöckers, welcher mit äußerster Sorgfalt und Beachtung aller Regeln bei dieser Art von Kost für ihre Gaumen znbereitet worden. Dieser Leckerbissen war mit vieler Umsicht von dem Rücken des Thieres abgelöset; cingewickelt in sein haariges Fell, war der Braten ans herkömmliche Art in dem gegrabenen Erbosen geröstet worden, und lag jetzt in allem Küchenglanz der Prairicn vor seinen Eigenthümern. Was Saftigkeit, Nahrhaftigkeit und den Wildpretgeschmack betraf, hätte das Fleisch einen entschiedenen Vorzug über alle verderbliche Kochkünste und Zurichtungen der berühmtesten Restaurateure verdient, wiewohl dieser wilde Leckerbissen ans eine durchaus nicht kunstvolle Art znbereitet worden. Uebrigens schien es auch, als wenn die beiden glücklichen Sterblichen, die sich eines Mahls erfreuten, wo Gesundheit und Hunger der nahrhaftesten Kost aus den amerikanische» Wüsten eine so treffliche Würze verlieh, ganz und gar nicht unempfindlich des ihnen gewordenen Glückes wären. Der Eine, dessen Erfahrenheit in der Kochkunst der Andere dießmal sein Bankett zu danken hatte, schien unter Beiden am wenigsten geneigt, seiner Geschicklichkeit sich ganz zu erfreuen. Er 125 aß, das ist wahr, und auch mit Lust; aber es geschah doch immer mit der Mäßigung, womit das Alter den Appetit zu würzen pflegt. Solche Hemmketten schien sein Gefährte nicht zu keuneu. In der Blüthe seiner Tage und in der vollsten Manneskraft war die Achtung, welche er dem Werke aus der Hand seines ältern Freundes zollte, von der allerumfassendsten Art. Während ein köstlicher Bissen dem andern folgte, ließ er die Augen nach seinem Gefährten Hinüberstreifen, und schien in Blicken der freundlichsten Art den Dank anszndrücken, den er keine Worte fand ansznsprechen. „Schneidet tiefer in's Herz hinein, mein Junge," sagte der Wildsteller, denn dieser ehrwürdige Bewohner der Wüsten war es, der dem Bienenjäger das oben bemeldete Bankett angerichtet, „schneidet mehr ans der Mitte heraus; da findet Ihr.die wahre Saftigkeit und Kraft, und das ohne alles Gewürz oder beißenden Senf, um dem Fleisch einen fremden Geschmack z» geben." „Hätte ich nur einen Schluck Meth," sagte Paul, indem er inne hielt, um nothdürftig wieder Athem zu schöpfen, „so wollte ich schwören, dieß sei das kräftigste Mahl, das je einem Manne vorgesetzt wurde." »Ja, ja, kräftig mögt Jhr's nennen," erwiederte der Andere, ans seine gewöhnliche Weise lachend, indem er mit innerer Ge- nugthnnng der unendlichen Zufriedenheit seines Gefährten znsah. „Stark ist cs, und stark macht cs Den, der davon ißt! Hier Hektor!" und dabei warf er seinem geduldigen Hunde, der sein Auge unablässig bewachte, eine gute Portion Fleisch hin. „Du brauchst auch Kraft, mein Freund, in deinen alten Tagen, so gut als dein Herr. Sieh, Bursch, das ist ein Hund, der besser und weiser gegessen und geschlafen hat, ja, ja, dem reichere Kost an Speise und Schlaf geworden ist, als einem König! Und warum? weil er sie gebraucht hat, und nicht gemißbrancht, die Gaben seines Schöpfers. Er wurde ein Hund, und wie ein Hund hat er gelebt. Menschen aber schuf Gott zu Menschen, und sie haben wie hungrige Wölfe gefressen! Hektor hat sich wie ein guter und kluger Hund bewiesen, und nie habe ich einen seiner Rasse falsch gefunden, in der Nase oder in der Freundschaft. Kennt Ihr den Unterschied zwischen der Kochkunst der Wildnis; und der in den Ansiedelungen? — Nein, ich sehe, Ihr kennt ihn nicht; au Eurem Appetit sehe ich's. So will ich's Euch sagen. Die eine folgt dem Menschen, die andere der Natur. Die eine denkt, sie kann noch 'was zuthun zu den Gaben des Schöpfers, wahrend die andere sich demüthig ihrer freut. Darin liegt das Geheimniß." „Ich will Euch was sagen, Wildsteller," sagte Paul, der nur wenig über die Moral erbaut war, mit welcher sein Tischgenoffe das Mahl zu würzen geneigt schien. „Alle Tage, daß wir hier zusammen sind, und es möchten wohl noch manche sein, will ich einen Büffel schießen, und Ihr sollt mir den Höcker braten." „Nein, nein, nein, da stimme ich nicht bei. Das Thier ist gut; faßt es an, von welcher Seite Ihr wollt, und es ward überall zur Nahrung für den Menschen geschaffen. Aber ich will weder Zeuge noch Gehilfe sein, täglich eines in der Wüste um- znbringen." „Den Teufel sollen sie nmkommcn, alter Mann! Wenn sie alle so gut sind, wie dieser, will ich mich anheischig machen, sie allein aufznessen bis an die Hufen .... Sieh, wer kommt da? Einer mit einer feinen Nase, will ich schwören, und Einer, der einen guten Geruch gehabt hat, wenn er der Spur eines Mittagessens nachgeht." Das Individuum, welches die Unterhaltung unterbrochen und Pauls Bemerkung entlockt hatte, näherte sich jetzt, den Rand des Baches entlang, bedächtigen Schrittes und in grader Richtung auf die Beiden zu. Da nichts Erschreckendes und Feindliches in seiner Erscheinung lag, vermehrte der Bienenjägcr, statt im Essen' aufzuhören, nur seine Anstrengungen dabei, und das auf eine Weise, daß er jetzt selbst zweifelte, ob der Höcker noch 127 zur Befriedigung Aller genügen würde, welche mit ihm an dem köstlichen Mahle Theil nehmen möchten. Mit dem Wildsteller verhielt es sich aber ganz anders. Sein gemäßigterer Appetit war schon vollkommen gestillt, und er sah dem Ankömmlinge mit einem herzlichen Blicke entgegen, der deutlich sprach, wie gelegen ihn seine Ankunft dünke. „Kommt her, Freund," sprach er, mit der Hand winkend, als er sah, daß der Fremde einen Augenblick, wie zweifelhaft, inne hielt. „Kommt her, sage ich, wenn der Hunger Euer Führer ist, so hat er Euch an die rechte Stelle gebracht. Hier ist Essen, und der Junge hier kann Euch Salz dazu geben, so lange getrocknet, daß es weißer ist, als der Schnee auf den Bergen. Frisch heran, ohne Furcht! Wir sind keine wilden Thiere, die einander auffressen, sondern Christen, die dankbar Alles empfangen, was dem Herrn gefallen, ihnen zu geben." „Verehrnugswürdiger Jäger," erwiederte der Doktor, denn es war Niemand anders, als der Naturforscher, der auf einem seiner täglichen Botanisirzüge sich näherte. „Ich freue mich herzlich über dieß glückliche Zusammentreffen. Wir lieben dasselbe Treiben und sollten Freunde sein." „Herr! Herr!" sagte der alte Mann, ohne sich eben viel an die Regeln des Dccorums zu kehren, dem Philosophen geradezu in's Gesicht lachend. „Das ist ja der Mann, der da mich wollte glauben machen, daß ein bloßer Name die Natur eines Thieres verändern könnte! Kommt, Freund, Ihr seid willkommen, obgleich Eure Kenntniß durch zu vieles Bücherlesen ein wenig verkehrt worden ist. Seht Euch nieder, und wenn Ihr den Bissen gegessen, sagt mir, ob Ihr den Namen des Geschöpfes kennt, das Euch sein Fleisch zum Essen geliefert hat." Doktor Battius' Augen (denn wir halten es für schicklich, dem Manne den Namen zu geben, den er am meisten liebt), also Doktor Battius' Augen bekundeten genugsam die Zufriedenheit, womit er 128 auf diesen Vorschlag einging. Seine heutige Wanderung und der scharfe Wind hatten den Hunger mächtig angeregt, und kaum konnte Paul besser aufgelegt gewesen sein, der Küche des Wild- ftellers Ehre anzuthun, als dieser Freund der Natur, sobald die angenehme Einladung ihm in die Ohren klang. Mit einem unterdrückten Lächeln, was eben dieses Zwanges wegen sehr einfältig heranskam, nahm er den angewiesenen Sitz beim Wildsteller ei», und begann an das Essen zu gehen, ohne alle weitere Förmlichkeiten. „Ich müßte mich meines Berufes schämen," sagte er, einen köstlichen Bissen hernnterschlingcnd, wiewohl er dabei insgeheim versuchte, die Eigenthümlichkeitcn der gerösteten, ganz unkennbar gewordenen Haut zu untersuchen, „ich müßte mich ja meines Berufes schämen, wenn da ein Thier oder Vogel ans dem amerikanischen Festlande lebte, das ich nicht an einem der mancherlei Kennzeichen, so die Natur der Wissenschaft wegen angebracht, erkennen sollte. — Dieß... dieß... das Fleisch ist nahrhaft und schmackhaft... einen Mund voll von Eurem Salze, Freund, wenn es Euch gefällig!" Paul, der mit vermehrtem Fleiße zu essen fortfnhr, und dabei quer über sah, ungefähr wie ein Hund, der mit der nämlichen edlen Arbeit beschäftigt ist, warf ihm den Beutel zu, ohne es für nöthig zu erachten, in seinem eigenen Tagewerk irgend wie inne zu halten. „Ihr sagtet, Freund, Ihr wüßtet verschiedene Kennzeichen, das Thier zu nennen?" bemerkte der aufmerksame Wildsteller. „Manche, freilich manche, und ganz untrügliche. Die fleischfressenden Thiere sind nämlich kenntlich an ihren incisores. „Was, ihren . .. ?" fragte der Wildsteller. „Das sind nämlich die Zähne, womit die Natur selbige ausgerüstet, zu ihrer Vertheidignng, und um ihre Nahrung zu zerreißen. Nämlich ..." „So seht doch ans den Zahn dieser Kreatur," unterbrach ihn der Wildsteller, der geneigt schien, einen Mann, der sich angemaßt 129 mit ihm in Dingen, welche der Wildniß angehörten, zn streiten, seiner groben Unwissenheit zn überführen. „Dreht das Stück um, und findet Eure inseits Ohren." Der Doktor that cs, jedoch ohne Erfolg, obgleich er bei der Gelegenheit noch einen fruchtlosen Blick auf die znsammenge- schrnmpfte Haut warf. - „Nun, Freund, findet Ihr die nvthigen Zeichen, um mir zu sagen, ob das Ding ein Lachs oder eine Ente ist?" „Ich merke, daß das Thier nicht ganz hier ist." „Das könnt Ihr wohl ohne Gefahr sagen," rief Paul, ver jetzt ans reiner Uebersättigung anfhvrte. „Für ein paar Pfund des feisten Burschen, nach dem allerschwersten Gewicht abgewogen, will ich aufkommeu. Indessen könnt Ihr noch immer Seele und Leib mit dem, was übrig ist, Zusammenhalten," indem er dabei nicht ohne Ueberwiudung auf ein gewaltiges Stück, groß genug, um zwanzig Menschen zn speisen, hinblickte, was die Sättigung ihn zwang zurückzulaffen. „Schneidet näher an's Herz, wie der alte Mann sagt, und Ihr werdet das Vortrefflichste finden." „Das Herz!" rief der Doktor, innerlich entzückt, daß solch' ein charakteristischer Theil des Körpers seiner Ocularinspection gelassen worden. „Laßt mich nur die Organe sehen, — so bin ich mit eins mit dem Charakter des Thieres aufs Reine — Dieß, nein, dieß ist nicht das Herz — ja wahrhaftig, es ist es doch. — Das Thier muß orilinis delluse sein, von wegen der fetten und fleischigen Theile." Er ward durch ein langes und herzliches, aber nicht schallendes Gelächter von Seiten des Wildstcllers unterbrochen, welches dem Naturforscher so unzcitig schien und ihn so verdroß, daß seine Rede augenblicklich stockte, wo nicht gar selbst seine Gedanken stehen blieben. „Nun soll das Thier ordentlich bellen und keinen rechten Charakter haben," rief der alte Mann, von der Verwirrung seines Die Prairic. ll 130 Gegners belustigt; „und dann sagt er, es sei nicht das Herz. Was, Mann, Ihr seid ja weiter von der Wahrheit ab, als von den letzten Niederlassungen, bei aller Eurer Biichergelehrsamkeit und schweren Worten. Was Ihr sagt, kann ein- für allemal von keinem östlichen Stamme oder Völkerschaft der Rocky-Monntains verstanden werden. Ob sie nun ordentlich bellen oder 'nen bösen Charakter haben, das weiß ich nicht, aber die Thiere, wie dieses, laufen auf der Prairie umher, zu Zehntansenden, und was Ihr da in der Hand habt, ist das Herz eines so saftigen Büffelhöckers, als je ein Magen verlangte. „Mein alter Gefährte," sagte Obed, seinen anfsteigenden Zorn mit Mühe unterdrückend, von dem er fand, daß er sich schlecht mit der Würde, die er zu behaupten liebte, vertragen mochte, „Ener System ist falsch, von den Prämissen bis zur Conclnsion, und Eure Classification so falsch, daß alle Unterschiede der Wissenschaft dadurch znsammenfallen. Der Büffel hat überall keinen Höcker, auch ist sein Fleisch nicht wohlschmeckend und gesund, wie ich doch gestehen muß, daß der vor uns liegende Gegenstand zu nennen ist." „So bin ich Euer Widerpart auf Leben und Tod, und unsers Wildstellers Freund," unterbrach ihn Panl Hover. „Der Mann, welcher läugnet, daß Büffelfleisch gut ist, der sollte es auch nicht essen")." Der Doktor, welcher den Bienenjäger bisher nur sehr flüchtig beobachtet, starrte plötzlich mit einem Blick auf, der nach einer Art von Wiedererkennung aussah. „Mit der Haupt-Charakteristik Eures Antlitzes, Freund," sagte er, bin ich vertraut: entweder Ihr oder sonst eine Species Eurer Klaffe ist mir bekannt." ') ES ist kaum nöthig. zu bemerken, daß das in dieser Schrift österS unter dem Namen Büffel ausgesührte Thier nichts anderes als der Bison ist. Daher die vielen Widersprüche zwischen den Gelehrten und den Bewohnern der Prairie. 131 „Ich bin der Mann, den Ihr in den Wäldern östlich vom großen Flnsse antraft, und den Ihr überreden wolltet, eine gelbe Hornist zn verfolgen, als ob mein Auge mich so sehr hätte trügen können, um am Hellen Tage irgend ein solches Thier für eine Honigbiene anznsehen. Wir streiften eine Woche zusammen, wie Ihr Euch erinnern werdet, Ihr nach Euren Kröten und Eidexen, und ich nach meinen hohlen Bäumen und Stöcken. Und wir machten Beide gute Beute. Ich füllte meine Büchsen mit dem süßesten Honig, den ich je nach den Niederlassungen gesandt, und brachte außerdem noch ein Dutzend Schwärme ein, und Euer Buckel brach fast unter Eurem kribbelnden und krabbelnden Museum. Ich mochte Euch niemals in's Gesicht darum fragen, Fremder, aber ich meine Ihr seid ein Cnriositätenhändler")." „Ist das nicht wieder eine eitle Thorheit der Menschen!" rief der Wildsteller. „Sie tödten den Hirschbock und das Musethier und die wilde Katze und alle Thiere im Walde, und wenn sie sie mit Werg und Lumpen ausgestopft, und Glasaugen ihnen in die Köpfe gesteckt, stellen sie sie hin, daß man sie anstarrt, und.nennen sie des Herrn Geschöpfe, als ob irgend eine menschliche Ausstopfung den Werken Seiner Hand gleich käme." „Ich kenne Euch wohl," erwiederte der Doktor, auf den die Klage des alten Mannes keinen besonder!! Eindruck znrückgelassen. „Ich kenne Euch wohl," indem er Paul freundschaftlich die Hand drückte. „Es war eine ergiebige Woche. O, ich erinnere mich Eurer wohl, junger Mann. Ihr seid von der Klasse msinmslis, Ordnung Primates, Genus Immo, Species Kentucky." Dann, *) Die Bienenjaad ist eine an den Gränzen des amerikanischen Staatenverbandes nicht seltene Beschäftigung, die indeß hier etwas poetisch dargestellt wird. Wenn die Dienen ihren Honig aus den Blumen saugen, sucht sich der Jäger einiger davon zu bemächtigen. Er wählt sich dann eine passende Stelle und läßt eine los, die dann unfehlbar ihrem Stocke zustiegt. Nach den Umständen läßt man dann in größerer oder geringerer Entfernung wieder eine fliegen. Aus dem Winkel, welchen die Flugrichtungen dieser beiden Insekten bilden, läßt sich dann der Schwarm auffinden. 9 - nachdem er einen Augenblick in selbstgefälligem Lächeln inne gehalten, fuhr der Naturforscher fort: „Seit unserer Trennung bin ich weit gereist, indem ich in ein conmselum, eine» gegenseitigen Pakt oder Vertrag eingegangen, mit einem gewissen Manne, Namens Jsmael . .." „Busch!" unterbrach ihn der ungeduldige.Paul. „Beim Himmel, Wildsteller, das ist der Aderlaffer, von dem Ellen mir sagte!" „So hat mir Nelly nicht Recht widerfahren lassen," sagte der Doktor, „denn ich gehöre gar nicht zur Schule der Aderlasser, indem ich die Methode der Blntreinignng weit mehr jener des Blntlaffens vorziehe." „Es war nur ein Versehen von meiner Seite, guter Fremder, das Mädchen nannte Euch einen geschickten Mann." „Da hat sie meine Verdienste überschätzt," fuhr Doktor Battins fort, sich tief verbeugend. „Aber Ellen ist ein gutes, liebes und auch ein mnthiges Mädchen. Wahrhaftig, ich habe Nelly Wade immer nur als ein freundliches und süßes Mädchen gefunden." „Den Teufel dafür," rief Paul, mit Widerstreben den Bissen köstlichen Höckers, zu dem er eben wieder gegriffen, fortlcgcnd und einen milden Blick gerade auf den Mund des seiner Verschuldung unbewußten Arztes werfend. „Habt Ihr etwa Lust, Ellen auch anf Euren Rücken zu laden?" „Die Reichthümer der ganzen vegetabilischen und animalischen Welt könnten mich nicht versuchen, ihr auch nur ein Haar zu krümmen. Ich liebe das Kind, mit was man sagen möchte, amor imturali8 — oder vielmehr pnteruus, — väterliche Zuneigung." „Ah so, das schickt sich freilich besser für Eure Jahre," setzte Paul ruhig hinzu, indem er wieder gemächlich nach dem fortgelegten Bissen langte. „Bei Euren Jahren wärt Ihr nicht besser als eine Drohne bei einem jungen Schwarm." „Ja, da ist Vernunft, weil Natur in dem ist, was er sagt" 133 bemerkte der Wildstetter. „Aber Freund, Ihr sagtet, daß Ihr im Lager eines gewissen Jsmael Busch wohntet." „Allerdings, so ist es, und zwar in Folge meines com,,not!..." „Freilich," sagte der Wildsteller, „Ihr seid noch kompakt. Geist und Leib, Fleisch und Haut hält noch zusammen. Mit meiner Kompaktheit hat cs anfgehört. Sagt einmal, ich war Augenzeuge, wie die Sioux in Euer Lager brachen, und Euch das Vieh forttrieben, dem armen Jsmael Alles, was Hufe hat, bis zu den gespaltenen Klanen hinab, raubend . . ." „Den .Sirius ausgenommen," murmelte der Doktor, der mittlerweile wieder ruhig an seine Portion Braten gegangen war, völlig dessen wissenschaftliche An- und Kennzeichen vergessend: „den ^8>nu8 äome8iicu8 nmericanuo ausgenommen." „Das freut mich doch, daß noch so viele gerettet sind, ob ich schon den Werth der Thiere, die Ihr so eben nanntet, nicht kenne; was übrigens gar nichts Außerordentliches ist, wenn ich bedenke, wie lange ich ans den Niederlassungen fort bin. Könnt Ihr mir aber sagen, Freund, was der Reisende unter der weißen Decke verbirgt, die er niit so scharfen Zähnen hütet, wie ein Wolf, der sich um das vom Jäger znrückgelaffcne Aas streitet?" „Habt Ihr davon gehört!" rief der Andere, indem er in gewaltigem Erstaunen den Bissen, den er eben zum Munde führte, fallen ließ. „Nein, ich habe nichts gehört; aber ich habe das Tuch gesehen, und wäre beinahe gebissen worden — um nichts anderes, als weil ich zu wissen wünschte, was dahinter sei." „Gebissen! So muß cs also wohl ein fleischfressendes Thier sein. Es ist zu ruhig für den Crsuo Iiorrillus; wäre es der Csnio Islrans, müßte durchaus die Stimme es verrathen. Auch würde Nelly Wade nicht so vertraut mit irgend einem Wesen von dem Conus k'erne sein. Verchrungswerthe Jäger! dieses seltsame Thier, bei Tage im Wagen gefahren, Nachts im Zelte eingeschlossen, hat 134 mir mehr Verwirrung erregt, als der ganze Katalog aller Vierfüßler. Und das allein deßhalb, ich wnßtc nicht, wie es zir klassificiren." „Ihr haltet cs für ein reißendes Thier?" „Ich weiß, es ist ein Vierfüßler; und die Gefahr, die Ench selbst bedrohte, spricht dafür, daß es ein fleischfressendes ist." Während dieser Erklärnng in abgebrochenen Reden hatte Pan Hover still und nachdenkend dagesessen, jeden der beiden Sprechenden mit tiefer Aufmerksamkeit betrachtend. Aber, wie plötzlich bewegt durch die zntranensvolle Art des Doktors, hatte dieser kaum Zeit, seine bestimmte Zusicherung anszusprcchen, als der junge Man» vorschnell fragte: „Und, Freund, was nennt Ihr denn eigentlich einen Vierfüßler?" „Eine Abschweifung der Natur, worin sie weniger ihre unendliche Weisheit als anderwärts an den Tag gelegt. Konnten runde Hebel ganz nach der Verbesserung, die ich in meiner neuen Ordnung plislsnxs crura, welches sich mit .Hcbelbeineress am verständlichsten übersehen ließe, angedentet habe, für die zwei Pfoten substitnirt werden, so würde eine wahre Vollkommenheit und Harmonie daraus erwachsen. Da aber der Vierfüßler jetzt einmal fertig ist, so nenne ich ihn eine reine Abschweifung der Natur — einen Auswuchs, puren Auswuchs." „Halt, Fremder! in Kentucky verstehen wir wenig von Dictio- narien. Auswuchs ist eben so schwer zu verstehen, als Vierfüßler." „Ein Vierfüßler ist ein Thier mit vier Füßen — eine Bestie —" „Was, eine Bestie! Meint Ihr, daß Jsmael Busch mit einer Bestie in dem kleinen Wagen reift?" „Ich weiß ja, Freund, — leiht mir Euer Ohr — nicht buchstäblich verstanden," sagte der Doktor, indem er bemerkte, daß Paul ihn anstarre und verwundert aufblicke! „nur figürlich, vermöge seiner Funktionen. Ich habe schon gesagt, wie ich vermöge eines tlompseti mit vorbemeldetem Jsmael Busch reise; aber wiewohl 135 ich gebunden bin, während der Reise gewisse Pflichten zu erfüllen, so ist doch dabei keine Bedingung, welche feststellt, daß diese Reise solle immer dauernd oder ewig sein. Nun ist — wiewohl man kaum annehmen kann, daß diese Gegend irgend ein begründetes Interesse für die Wissenschaft haben solle, indem sie in jeder Rücksicht für den Natnrhistoriker ein jungfräuliches Gebiet bildet — selbige doch bekanntlich der Schätze ans dem Reiche der Vegeta- bilien entbehrend. Ich hätte deßhalb einige hundert Meilen mehr nach Osten zu Zurückbleiben sollen, wäre es nicht der innere Drang gewesen, der mich lockte, das besprochene Thier mit Angen zu schauen, um es genügend zu beschreiben und zu klassificiren. Deßhalb," fuhr er fort, mit unterdrückter Stimme, als betreffe es ein wichtiges Geheimniß, „bin ich nicht ohne Hoffnung, Jsmael zu überreden, daß er es mich seciren läßt." „Habt Ihr das Geschöpf gesehen?" „Nicht mit den Organen des Gesichts: aber mit weit untrüglicheren Visionsinstrumenten, nämlich den Schlüssen der Vernunft in den Dcdnetionen aus scientiflschen Prämissen. Ich habe die Sitten und Gewohnheiten des Thieres bewacht, junger Mann, und kann ohne Furcht sagen, aus solchen Judicien, die von gewöhnlichen Beobachtern würden unberücksichtigt gelassen werden, daß cs von gewaltigen Dimensionen ist, unthätig, vermnthlich ganz träge, von reißendem Hunger, und, wie ans dem Zengniß dieses verehrnngswcrthen Jägers hervorgeht, wild und fleischfressend!" „Es würde mir lieber sein, Fremder," sagte Paul, auf den des Doktors Beschreibung einen merkwürdigen Eindruck gemacht zu haben schien, „zu wissen, ob das Geschöpf überhaupt ei» Thier sei." „Was das betrifft, so habe ich, falls mir sonst der Beweis fehlte, welcher für mich indessen genugsam ans den Angewohnheiten des Thieres geführt ist, Jsmaels Wort selbst dafür. Ich bin dafür vollkommen mit Gründen versorgt. Junger Mann, eine gewöhnliche eitle Neugier kann mich nicht plagen, aber all' mein 136 wissenschaftliches Streben geht, wie ich demüthig glaube, zuerst dahin, meine Kenntniß zu erweitern, und zweitens das Beste meiner Mitgeschöpfe zu befördern. Im Geheimen verlangte mich erstaunlich, den Inhalt des Zeltes zu erfahren, welches Jsmael so sorgfältig bewachte, und dessenwcgen er mich genöthigt hatte, zu schwören — fur.ire per Neos — selbigem auf einem gewissen Umkreis von Ellen nicht näher zu kommen, und zwar während einer bestimmten Zeit. Ein äusjuranäum oder Eid ist eine sehr ernste Angelegenheit,,und man darf damit nicht leicht umspringen: da aber mein ganzes Unternehmen von dieser Nachgiebigkeit abhing, so willigte ich ein, indem ich mir die Freiheit vvrbehielt, von ferne zu beobachten. Es mögen seht zehn Tage her sein, seit Jsmael, meinen traurigen Zustand bei meiner Wißbegier bemerkend, mir denn endlich mittheilte, daß ans dem Wagen eine Bestie lebe, die er in die Prairie mitnehme, um mit selbigem Exemplar andere von demselben llenus, wo nicht gar von derselben 8pecies anzulockcn. Seitdem ist es mein einziges Bestreben gewesen, die Sitten des Thicres zu beobachten, und was ich bemerke, äufzu- notiren. Sobald wir eine bestimmte Entfernung erreichen, wo diese Thiere'rn Menge sollen vorhanden sein, soll ich die völlig freie Prüfung dieses 8peeiminis haben." Paul fuhr fort, mit dem allertiefstcn Schweigen znznhorchen, bis der Doktor seine seltsame, doch charakteristische Erklärung schloß. Dann schüttelte der ungläubige Bienenjäger de» Kopf, und schien zu widersprechen geneigt, indem er sagte: „Fremder, der alte Jsmael hat Euch tief in einen hohlen Baum gesteckt, wo Eure Augen nicht mehr nutz sind als ein Drohnenstachel. Auch ich weiß etwas von demselben Wagen, und darf versichern, daß ich den Kerl der offenbaren Lüge zeihen kann. Seht 'mal, Freund, meint Ihr wohl, daß ein Mädchen wie Elle» Wade bei einer wilden Bestie es aushalten könnte?" „Weßhalb nicht! Weßhalb nicht?" entgegnete der Naturforscher. 137 „Nelly hat Luft zum Lernen, und horcht mit Vergnügen auf die Schätze, die ich mich oft gedrungen fühle, selbst in dieser Wüste auszufchütten. Weßhalb sollte sie nicht die Gewohnheiten auch eines Thieres studiren wollen, und wäre es auch ein Rhinoceros." „Sacht', sacht'," erwiederte auf gleich bestimmte Weise der, obgleich weit weniger gelehrte, doch hierin gewiß besser belehrte, Bieneujägcr. „Ellen ist ein Mädchen von Geist, und eine, die wohl weiß, was sie will, oder ich bin ganz im Jrrthum; aber bei allem ihrem Muthe und ihren kecken Blicken ist sie doch immer ein Mädchen. Habe ich nicht oft das Mädchen weinen hören.. „Ihr seid also bekannt mit Nelly." „Ich sollte meinen, ein bischen. Aber ein Weib ist ein Weib, und alle Bücher von Kentucky könnten Ellen Wade nicht bewegen, allein in ein Zelt zu gehen, wo ein reißendes Thier drinnen ist." „Es scheint mir," bemerkte ruhig der Wildsteller, „daß hier etwas Dunkles und Geheimes im Spiele ist. Ich kann bezeugen, daß der Reisende Niemand in's Zelt sehen läßt, und ich habe eine weit sichrere Probe, als Einer von euch Beiden, daß der Wagen keinen Thierkäfig enthält. Hier mein Hektor hat eine so gute Nase, wie irgend einer seiner Raffe, die der Allmächtige geschaffen hat, und wäre da ein Thier drinnen, der Hund würde das längst seinem Herrn erzählt haben." „Was, einen Hund gegen einen Mann! Brutalität gegen Wissenschaft! Instinkt gegen Vernunft!" rief der Doktor in einiger Hitze. „In welcher Art kann ein Hund Sitten, die Species oder- gar das Keims eines Thieres unterscheiden, wie ein mit Vernunft begabter, unterrichteter, wissenschaftlich gebildeter, seines Sieges gewisser Mann ?" „In welcher Art?" erwiederte ruhig der alte Waidmaun. „Gebt Achtung; und wenn Ihr glaubt, daß ein Schulmeister etwas schneller begreiflich macht, als der Schöpfer, so sollt Ihr sehen, wie sehr Ihr im Jrrthum seid. Bewegt sich da nicht 'was 138 im Gebüsch? Es hat schon an zehn Minuten in den Zweigen ge- raschelt. Nun sagt mir, was das für eine Kreatur ist?" »Ich hoffe, nichts Wildes!" rief der Doktor auffahrend, denn der Eindruck seines Zusammentreffens mit dem VespertMo Narri- bilis war ihm noch zu lebendig. „Ihr habt Flinten, Freund, wäre es nicht gut, wenn Ihr sie in Bereitschaft setztet, denn ans meine Vogelflinte ist wenig Verlaß!" „Was er da sagt, mag nicht ganz unrecht sein," erwiederte lächelnd der Wildsteller, indem er so weit dem Wunsche folgte, daß er die Flinte von dem Flecke, wo sic während des Essens gelegen, anfnahm, und die Mündung in die Luft erhob. „Nun sagt mir den Namen der Kreatur?" „Das überschreitet die Gränzen irdischer Wissenschaft! Büffon selbst hätte nicht sagen können, ob das Thier ein Vierfüßler oder von der Ordnung: Lerpens sei! Ob ein Schaf oder ein Tiger!" „Dann war Euer Büffon ein Narr gegen meinen Hektor! Hier, Hund! Was ist das, Hund? Sollen wir's angreifen, oder es vorbeilassen.?" Der Hund, welcher dem erfahrenen Wildsteller bereits durch eine zitternde Bewegung der Ohren angezeigt, daß er ein fremdes Thier in der Nähe wittere, hob jetzt den Kopf von den Vorderklanen auf, öffnete leicht die Lippen, wie um die Stümpfe seiner Zähne zu zeigen. Aber plötzlich seinen feindlichen Vorsatz fahren lassend, schnüffelte er einen Augenblick Luft, athmete schwer, schüttelte sich, und legte sich dann friedlich in seine frühere ruhende Stellung nieder. „Nun, Doktor," rief der Wildsteller trinmphirend, „nun bin ich überzeugt, daß da weder Wild noch reißende Thiere im Dickicht sind, und ich halte das als genugsam erwiesen für einen Manu, der zu alt ist, um sich auf seine Kräfte zu verlassen, und doch eben so wenig wünscht, der Fraß eines Panthers zu werden." 139 Der Hund unterbrach seinen Herrn durch ein lautes Knurren, hielt aber immer den Kopf ruhig an der Erde. „Es ist ein Mann!" rief der Wildsteller, sich erhebend. „Es ist ein Mann, wenn ich mich noch auf das Thier verlassen kann. Wir haben zwar nicht eben viel mit einander gesprochen, aber selten, das; mir einen Schnitzer begehen." Paul Hover sprang wie ein Blitz ans die Füße, und indem er die Flinte anslegte, rief er mit drohender Stimme; „Heran, wenn Ihr ein Freund seid; seid Ihr ein Feind, so macht Euch aufs Aergste gefaßt." „Ein Freund, ein Weißer, und ich hoffe auch ein Christ," erwicderte eine Stimme ans dem Dickicht, das sich im selben Momente öffnete, und im nächsten trat, der die Worte gesprochen, selbst hervor. Zehntes Kapitel. — Adam, bei Seit', und du sollst hören, Wie er mich schütteln wird. Wie es Euch gefällt. Es ist bekannt, daß lange zuvor, ehe die ungeheuren Landstriche Lonisiana's ihren Herrn znm zweiten Mal, und, wie man hoffen darf, auch znm letzten Male wechselten, dieses nnbeschützte Land keineswegs vor den Einbrüche» der weißen Abenteurer sicher gewesen. Die halb barbarischen Jäger ans den Canada's, dieselbe Art Leute, nur wenig höher stehend in ihrer Bildung, ans den Vereinigten Staaten, und die jenes Zwittergcschlechts, das nocb immer zu den Weißen gerechnet werde» will, zerstreuten sich unter die verschiedenen indianischen Stämme, oder führten ein einsames Leben fort zwischen den Schlupfwinkeln des Bibers und des Bisons, oder — um nach dem dortigen Landesgebrauch zu reden — des Büffels *). *) Mit aller Achtung für vi. Battiuö' Distinktionen müssen wir noch anführen, 140 Es war deßhalb nickt gerade etwas Ungewöhnliches, daß Fremde sich in den endlosen Miste» des Westens begegneten. Ans Anzeigen, die ein ungeübtes Ange ganz nnbeacktet gelassen hätte, wußte der Gränzbewohncr, wenn Jemand seinesgleichen in der Nahe war, und er mied oder näherte sich dem Andern, wie sich dieß am besten mit seinen Launen oder seinem Vortheil vertrug. Größtentheils ging es bei diesen Zusammenkünften friedlich her; denn die Weißen hatten einen gemeinschaftlichen Feind in den alten und vielleicht berechtigteren Einwohnern dieser Gegenden zu furchten; jedoch war cs auch gar nicht selten, daß Eifersucht und Habgier diese Zusammenkünfte in Schlachtfelder des Verraths und der Ruchlosigkeit verwandelten. Wenn daher zwei Jäger in der amerikanischen Wüste, wie wir auch zuweilen diese Gegend nennen mögen, sich begegneten, so geschah dieß auf die argwöhnische und vorsichtige Weife, wie zwei Fahrzeuge in einem durch Piraten unflchern Meere Zusammenstößen. Während keiner von Beiden durch gezeigtes Mißtrauen seine Schwäche verrathen will, will doch auch keiner irgend einen zutraulichen Schritt thnn, von dem der Rückschritt schwer werden möchte. In dieser Weise erfolgte auch die gegenwärtige Zusammenkunft. Der Fremde kam bedachtsam näher, indem er seine Augen fest ans die Bewegungen der Anderen gerichtet hielt, während er mit Absicht kleine Schwierigkeiten anfsnchte, eine zu hastige Annäherung zu vermeiden. Von der andern Seite stand Paul, und spielte mit seinem Flintenriem, viel zn stolz, um irgend Anschein zu geben, daß drei Menschen sich vor einem Einzelnen fürchten könnten, und doch zn klug, um gänzlich die nöthigen Vorsichtsmaßregeln außer Acht zn lassen. Der Hauptgrund, westhalb die beiden berechtigten Eigcnthümer des Schmauses einen so merklichen .daß Bison und Büffel sich auch in der Art unterscheiden, daß das Fleisch der ersteren zu der schmackhaftesten und nahrungsreichsten Kost gehört, während das der letzteren kaum eßbar ist. 14t Unterschied in der Aufnahme ihrer beiden Gäste machten, lag in dem dnrchans verschiedenen äußern Erscheinen derselben. Während Alles beim Naturforscher entschieden ans Frieden dentete, nm nicht zu sagen auf völlige Abgeschiedenheit von dieser Welt, trat der neue Gast weit kräftiger ans, und Haltung und Tritt ließen keinen Zweifel, daß er einst Soldat gewesen. Er trug eine Fvnriermütze von feinem blauen Tuche, von der eine schmutzige Goldtrvddel herabhing, und die fast begraben war in einer Masse krausen, schwarzen Haares. Um den Hals hatte er ein dichtes, schwarzseidcnes Halstuch geschlungen. Ein Jagd- Hemde von dunklem Grün, mit gelbe» Fransen und solchen Zierrathen eingefaßt, wie man sie zuweilen unter den Gränztruppen der Vereinigten Staaten findet, umgab seinen >Leib. Darunter blickte die Jacke von derselben Farbe und demselben Tuche wie die Mütze vor. Seine Schenkel waren durch bockslederne Hosen und seine Füße durch gewöhnliche indianische Mokasinen geschützt. Ein reich gezierter und gefährlicher gerader Dolch steckte in einem Gürtel von rother netzartig gehäkelter Seide. Ein anderer Gürtel, oder besser der Leibgurt, trug in sehr niedlich gearbciteren Halstern ein paar zierliche Pistolen, und über seine Schulter war eine kurze, schwere, militärische Flinte gehängt, während sein Pnl- vcrhorn und Beutel wie gewöhnlich unter den Armen hing. Ans dem Rücken trug er einen Tornister, gezeichnet mit den wohlbekannten Anfangsbuchstaben U. 8., welche seitdem der Regierung der Vereinigten Staaten (k'nitecl 8t«tes) den launigen »nd wohl- bekannten Beinamen des knele Sam zngezogen haben. „Ich komme in Freundschaft," sagte der Fremde, zu sehr an den Anblick von Waffen gewöhnt, um von der lächerlich kriegerischen Stellung, welche es dem Doktor Battins anzunehmen gefallen, erschreckt zu werden. „Ich komme als Freund, und meine Wünsche und meine Absichten streiten gar nicht mit Euren." „Heda, Freund," sagte Paul Hover vorlaut, „versteht Ihr 142 Euch darauf, eine Biene aus diesem offene» Felde iu einen Wald, etwa ein Dutzend Meilen von hier, zu verfolgen?" »Die Biene ist ein Vogel, den es mich noch nie getrieben auf- zusnchen," erwiederte lachend der Andere, „obgleich ich wohl auch zuweilen zu meiner Zeit eine Art Vogelsteller war." „So Hab' ich mir's gedacht," rief Paul, indem er frei seine Hand ausstreckte, und mit der echten Freiheit der Sitten sprach, welche einen amerikanischen Gränzbewohner charakterislrt. „Laß uns die Hände kreuzen. Ihr und ich, wir streiten uns nie um eine Zelle, da Ihr so wenig den Honig zu schätzen wißt. Und nun, wenn in Eurem Magen ein leerer Winkel ist, und Ihr einen Thautropfen zu schätzen wißt, wenn er Euch in den Mund fällt, so liegt da der Bissen, thut ihn 'nein. Versucht's, Fremder, und wenn Jhr's versucht habt, und 's nicht gesteht, daß es ein so schmucker Happen als Ihr je.. . Apropos, wie lange seid Ihr von den Niederlassungen fort?" „Schon manche Wochen, und es könnten noch manche dazu kommen, ehe ich zurnckkehrcn durfte. Indessen nehme ich gern Eure Einsadung an, denn ich habe seit dem gestrigen Sonnenaufgang gefastet, und ich weiß zu gut einen Bisonhöcker zu schätzen, um solche Nahrung anszuschlagen." „Ab, Ihr versteht die Kost. Gut, nun da habt Ihr beim Angriff vor mir den Vorzug, obgleich ich dächte, wir könnten sagen, daß wir auf gleichem Boden stehen. Ich wurde der glücklichste Kerl sein zwischen Kentucky und den Rocky-Mountains, wenn ich nur ein hübsches Kämmerlein hätte in der Nähe eines alten Waldes, der mit hohlen Bäumen angefüllt wäre, dann solchen Bisouhöcker jeden Tag znm Mittagbrod, frisches Stroh für meine Bienenkörbe, und die kleine El. . „Kleine, was?" fragte der Fremde, sichtbar belustigt über die mittheilende Laune des Bicncnjägers. „Etwas, das ich eines Tages noch besitzen werde, und was 143 Niemand mehr angeht, als mich selbst," erwiederte Paul, am Flintensteine hämmernd, und so obenhin eine an den Gewässern des Mississippi wohlbekannte Melodie pfeifend. Während dieses vorläufige» Gespräches hatte sich der Fremde neben dem Bisonhöckcr niedergesetzt und begann schon einen ernstlichen Einfall in seine Reste. Nr. Battins bewachte indessen seine Bewegungen mit einer Eifersucht, die um so mehr hervortrat, je wohlwollender der offenherzige Paul ihn empfangen hatte. Aber die Zweifel oder vielmehr die Besorgnisse des Naturforschers waren von ganz verschiedener Art mit dem Zutrauen des Bieuenjägers. Er war darüber betroffen, daß der Fremde den rechtmäßigen und nicht den fälschlich gebrauchten Namen des Thieres nannte, das eben seine Mahlzeit ausmachte. Da er sich selbst unter den Allerersten befunden, die die Wegräumung der Hindernisse benutzt, welche die spanische Politik allen Reisenden nach ihren transatlantischen Besitzungen in de» Weg gestellt, sei es nun des Handels, oder, wie bei ihm der Fall war, der Erweiterung der Wissenschaften wegen, so hatte er so viele Philosophie, um zu wissen, daß dieselben Beweggründe, welche ihn selbst so mächtig zur gegenwärtigen Unternehmung getrieben, auch gleiche Wirkung auf die Gcmüther anderer Naturforscher ausüben könnten. Hier gab es also die Aussicht auf eine gefährliche Nebenbuhlerschaft, die ihn wenigstens um die Hälfte des gerechten Lohnes für alle seine Arbeiten, Entbehrungen und Gefahren bringen konnte. Betrachtet man das Ding von dieser Seite, so ist es gar nicht zu verwundern, daß der Naturforscher bei seiner natürlichen Schwachheit ein wenig aufgeregt wurde, und daß er dem Treiben des Andern mit einer Wachsamkeit znsah, welche er am geeignetsten hielt, seine ihm Nachtheil drohenden Plane zu entdecken. „Das ist wahrhaftig eine köstliche Mahlzeit," bemerkte der so etwas nicht ahnende jnnge Fremde, denn man konnte ihn mit Fug und Recht sowohl jung als schön nennen. „Entweder hat der Hunger dem Fleische eine besondere Würze gegeben, oder der Bison konnte dreist behaupten, zu den besten ans der ganzen Ochsen- familie zu gehören." „Naturalisten, Herr, mögen wohl, wenn sle schlechtweg reden, der Kuh den Namen des ganzen Uenns beilegen," sagte Doktor Battins, indem sein inneres Mißtrauen schwoll, und er sich die Kehle durch Räuspern, ehe er wieder anfing, reinigte, gleich wie der Duellant die Spitze seines Degens prüft, den er in den Leib seines Gegners bohren will; „das Bild ist vollständig, indem der Las, nämlich als Ochs, sein Geschlecht nicht fortpflanzen kann, und der Las in seiner ansgedchntern Bedeutung, oder die Vacco, das edlere Thier unter den Beiden ist." Der Doktor äußerte diese Meinung mit einer Sicherheit, die nach seiner Absicht zeigen sollte, wie bereit er sei, mit einem Male ans einen der zahlreichen Controverspnnkte, die zwischen ihnen in Anregung kommen dürften, einzngehen; und jetzt erwartete er den Ausfall seines Gegners mit dem Vorsatz, daß sein nächster Stoß noch bei weitem stärker sein solle. Aber der junge Fremde schien weit geneigter, sich an die gute Mahlzeit, die ihm so reichlich oorgesetzt worden, zu halten, als den Fehdehandschuh znm hadernden Disput über wissenschaftliche Kleinigkeiten aufznnehmen. „Ich kann wohl sagen, Ihr habt sehr recht, mein Herr," er- wiederte er mit einer höchst beleidigenden Gleichgültigkeit für die Wichtigkeit der Gegenstände, die er cinränmte. „Ich muß zugestehen, Ihr seid ganz ans rechtem Wege; und Vaccn würde gewiß der richtigere Ausdruck gewesen sein." „Um Vergebung, mein Herr, Sie konstrniren meine Sprache sehr falsch, wenn Sie annchmen, daß ich ohne mancherlei und sehr besondere Bedingungen den Libulus ^.moric-wns unter der Familie der Vaoea mitbegreife. Denn, wie sie wohl wissen, mein Herr, oder, wie ich wohl besser sagen sollte, mein Herr Doktor... Sie haben doch ohne Zweifel das medicinische Diplom?" 145 „Sie ertheilten mir da eine Ehre, auf die ich keinen Anspruch habe," unterbrach der Andere. „Also nntergraduirt! — oder erhielten Sie vielleicht Ihre Wurde in irgend einer andern der freien Knuste?" „Auch das nicht, ich versichere Sie." „Aber gewiß, junger Mann, haben Sie sich doch nicht an dieses wichtige, ich mochte sagen, ehrfurchtgebictende Geschäft gemacht, ohne irgend Proben Ihres Berufes aufweisen zu können; irgend einen Auftrag, aus welchem Sie Ihre Berechtigung herleiten können, oder vermöge dessen Sie sich einer Verwandtschaft mit Ihren Mitarbeitern an demselben wohlthätigen Werke rühmen möchten!" „Ich weis; nicht, mit welchen Mitteln oder aus welchem Grunde Sie sich über meine Absichten und meine Plane zum Herrn machen!" rief der Jüngling hochroth und mit einer Schnelligkeit aufspringend, welche bekundete, wie wenig er der rohern Eßlust nachgehe, wenn ein seinem Herzen näherer Gegenstand hervortrat. „Halten Sie ein, mein Herr, Ihre Sprache ist unverständlich. Das Werk, dem, wäre es ein anderes, der Beiname eines wohlthätigen wohl zukäme, ist für mich eine theure und geheiligte Pflicht, obgleich ich gestehen muß, daß ich nicht begreife, wie dazu ein besonderer Auftrag gefordert werden könne oder nöthig sei." „Es ist doch herkömmlich, daß man dazu mit solchem Dokumente versehen ist," erwiederte der Doktor feierlich, „und es bei allen geeigneten Gelegenheiten hervorzieht, damit geistesverwandte und befreundete Gemüther mit einem Male jeden unwürdigen Verdacht fahren lassen, und schnell von dem, was man die Einleitung der Unterhaltung nennt, zu jenen Punkten übergehen können, was für Beide als Osmilerata anznsehen sind." „Eine seltsame Forvernng!" murmelte der Jüngling, indem er sein schwarzes, finstres Auge von Einem znm Andern rollen ließ, als gelte es, den Charakter seiner Gefährten zu prüfen und dann ihre physischen Kräfte zu messen. Dann, mit der Hand in den Die Prairie. 10 146 Busen fahrend, zog er ein kleines Futteral heraus, und es »nt Wurde dem Doktor entgegenhaltend, fuhr er fort: «Hier werde» Sie finden, mein Herr, daß ich einiges Recht habe, in einer Gegend zn reisen, die jetzt das rechtmäßige Eigenthnm der amerikanischen Staaten ist." „Was gibt es hier?" rief der Naturforscher, indem er ein Pergamentblatt ans einander rollte. „Wie, dies; ist das Handzeichen des Philosophen Jefferson! Das Staatssiegel! Gcgcnge- zeichnet vom Kriegsminister! Das ist ja ein Diplom, den Duncall Uncas Middleton zum Hanptmann der Artillerie ernennend!" „Wen, wen?" rief hier der Wildsteller, der während des ganzen Gesprächs den Fremden mit Angen angeblickt, welche ihn Zug vor Zug zn verschlingen schienen. — „Wie ist der Name? Nanntet Ihr ihn nicht Uncas?... Uncas! War's nicht Uncas?" „So lautet mein Name," erwicderte der Jüngling etwas stolz. „Der Name eines gebornen Häuptlings, den mein Oheim und ich mit Stolz führen; denn er ist das Andenken eines wichtigen Dienstes, der meiner Familie in de» alten Kriegen der Provinze» von einem Kriegsmann erwiesen wurde." „Uncas! Nanntet Ihr ihn Uncas?" wiederholte der Wildstellcr, indem er sich dem Jüngling näherte, und ihm die schwarzen, über die breite Stirn hcrabhängcnden Locken, ohne den geringsten Widerstand von Seiten ihres erstaunten Eigenthümers, anS einander strich. Ach, meine Augen sind alt, und nicht so scharf als dazumal, wo ich selbst noch ein Krieger war; aber doch kann ich den Blick des Vaters im Sohne wiedererkcnnen! Ich sah es gleich, als Ihr herankamet. Seit jenen Zeiten aber ist so Manches geschehen, mein Gesicht ist trübe geworden, ich konnte mich daher des Orts nicht gleich entsinnen, wo ich Euer Ebenbild angetroffen. Sage mir, Junge, wie nannte man deinen Vater?" „Er war ein Offizier der Vereinigten Staaten im Revolntions- kriege, und führte meinen Namen; mein Oheim, der Bruder meiner Mutter, hieß Duncan Uncas Heyward." 147 „Immer noch Uncas! Immer noch Uncas!" swiederholte ,der Andere, vor Eifer zitternd. — „Und sein Vater?" „Hieß ebenso, ohne den Beinamen des landesgebornen Häuptlings. Ihm nämlich und meiner Großmutter wurde der Dienst, von dem ich eben gesprochen, erwiesen." „Ich wußte es! Ich wußte es!" jauchzte der alte Mann mit zitternder Stimme, indem seine starren Zuge gewaltig bebten, als erweckten die von dem Andern genannten Namen einige längst entschlafene Gefühle aus Begebenheiten früherer Jahre. „Ich wußte es; Sohn oder Enkel, alles dasselbe. Es ist das Blut, und cs ist der Blick! Sagt mir, ob der, den sie Duncan nannten, ohne den Zusatz Uncas, — noch am Leben ist?" Der junge Mann schüttelte traurig den Kopf, als er die Frage verneinend beantwortete: „Er starb in der Fülle der Jahre und Ehren; beliebt, glücklich, und Andere glücklich machend." „Fülle der Jahre!" wiederholte der Wildsteller, indem er auf seine magern, doch »och immer muskulösen Hände niedersah. „Ach ja, er lebte in den Niederlassungen, und war weise, doch nach dortiger Art. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, und Ihr hörtet ihn reden von Uncas und der Wildnis;?" „Oft; er war dazumal ein Offizier des Königs, aber als der Krieg zwischen der Krone und ihren Kolonien stattfand, vergaß mein Großvater seinen Geburtsort nicht. All' die leeren Titel warf er ab, war treu seinem Vaterlande und focht für die Freiheit." „Da war doch Vernunft drin, und, was besser, auch Natur! Kommt, setzt Euch nieder neben mich, mein Junge; niedergesetzt, und sagt mir, wovon der Großpapa sprach, wenn sein Geist sich der Wunderdinge aus der Wildnis; erinnerte." Der Jüngling lächelte, nicht weniger über den Ungestüm, als über die von dem alten Manne gezeigte Theilnahme; denn sobald 10 » er gefunden, daß kein Gedanke sei an irgend etwas Heimtückisches oder Schlechtes, gab er sich ohne Rückhalt hin. „Gebt's hübsch allmählig dem Wildsteller, und mit recht verblümten Redensarten," sagte Paul, indem er sehr ruhig seinen Platz an der andern Seite des jungen Soldaten einnahm. „Es ist einmal die Mode des Alters, sich an solchen verjährten Traditionen zn ergötzen, und was das betrifft, muß ich sagen, liebe ich es auch ganz erstaunlich, darauf zu horchen." Middleton lächelte wieder und vielleicht mit einer Art Spott; aber gutmüthig sich znm Wildsteller wendend, fuhr er fort: „Es ist eine lange und könnte vielleicht eine traurige Geschichte werden; Blutvergießen und alle die Schrecken der indianischen Grausamkeit sind furchtbar in die Geschichte vermengt." „Nun, immer frisch heraus, Fremder," fuhr Paul fort; „daran sind wir in Kentucky gewöhnt, und ich muß gesteh'n, für mich wird eine Geschichte deßhalb nicht schlechter, weil ein paar Skal- pirnngen darin Vorkommen." „Aber er erzählte Euch von Uncas, nicht wahr?" fing der Wildsteller wieder an, ohne sich um die kleinen Unterbrechungen des Bienenjägers zu kümmern, die nur hie und da unbedeutende Episoden bildeten. „Und was dachte und sprach er von ihm . .. so in seinem Zimmer, mit allen Bequemlichkeiten und aller Wohlhabenheit der Ansiedelungen zur Hand?" „Ei, er sprach wohl gerade so, wie er in den Wäldern würde gesprochen haben, wenn er sich dort mit seinem Freunde zusam- mengefnnden hätte . . ." „Nannte er den Wilden seinen Freund? Den armen, nackten, gemalten Krieger! Und er war nicht zn stolz, den Indianer seinen Freund zn nennen?" „Ei, er rühmte sich sogar der Verbindung, und gab, wie Ihr schon gehört habt, seinem Erstgebornen einen Namen, der wie ein Erbstück auf alle seine Nachkommen übergehen soll." 149 „Das ist gut gehandelt! wie ein Mann! Ach, und wie ein Christ dazu! Pflegte er nicht zu sagen, der Delaware sei schnellfüßig — erinnerte er sich nicht dessen?" „Schnell wie die Antilope. Wahrhaftig, so sprach er oft von ihm, und nannte ihn dann le Oerk sgile, ein Name, den er seiner Behendigkeit wegen erhalten." „Und kühn und ohne Furcht, Junge!" fuhr der Wildsteller fort, indem er in die Augen seines Gefährten mit einer Miene blickte, die sein Entzücken über das Lob vcrrieth, welches einem Manne ertheilt ward, den er augenscheinlich einst zärtlich geliebt hatte. „Brav, wie ein Streithund! Ohne Furcht! Er nannte immer Uncas und dessen Vater, der seiner Weisheit wegen den Beinamen der großen Schlange führte, Vorbilder des Heldenmuthes und der Standhaftigkeit." „Er war gerecht gegen sie! Gerecht! Treuere Leute konnte man nicht finden, in keinem Stamm oder in keiner Nation, welche Farbe auch ihre Haut haben mochte. Ich sehe, Euer Großvater war gerecht und that seine Pflicht, das sehe ich an seinem Abkömmling. Es war eine gefährliche Zeit damals, bei jenen Hügeln, und er zog sich herrlich heraus. Sag' mir aber, mein Junge, — oder Offizier, sollte ich sagen, da Ihr doch Offizier seid, — war dieß Alles?" „Gewiß nicht; es war, wie ich gesagt habe, eine furchtbare Geschichte, voll rührender Zufälle, und die Gedächtnisse meines Großvaters und meiner Großmutter. . „Ach!" rief der Wildsteller, indem er den Arm in die Höhe hielt, als durchzucke es ihn freudig bei der bloßen Erwähnung der Leistern. „Sie nannten sie Alice! Elsie oder Alice, das ist alles eins. Ein lachendes, munteres Kind, als sie noch glücklich war, und weich und weinend im Unglück! Ihr Haar war glänzend und gelb, wie das Fell des jungen Reh's, und ihre Haut reiner, als das 15 » reinste Wasser, das vom Felsen tränst. Ich erinnere mich ihrer noch ganz gnt. Sehr gut erinnere ich mich ihrer!" Des Jünglings Lippe verzog sich hier ein wenig, und er sah den alten Mann mit einem Blicke an, ans dem man ungefähr eine Erklärung heranslesen konnte des Inhalts: daß er eben nicht dieselbe Erinnerung von seiner ehrwürdigen und chrenwerthen Vorfahrin habe, obgleich er es nicht für nvthig achtete, dieß auch in Worten ansznsprechen. Er begnügte sich zn antworten: „Beide hatten zn lebendige Eindrücke der Gefahren, welche sie überstanden, um die Erinnerung irgend eines ihrer damaligen Gefährten zn verlieren." Der Wildsteller blickte beiseite, und schien mit irgend einem tiefen Gefühle zn kämpfen; dann fuhr er, wieder znm Andern gewendet, fort, wiewohl seine ehrlichen Angen nicht länger mit derselben offenen Theilnahine, wie zuvor, ans dem Antlitz des jungen Mannes ruhten: — „Erzählte er Euch denn von jenen Allen? Waren sie Alle Rothhäute, bis auf ihn und Mnnro's Tochter?" „Nein. Es war auch ein weißer Mann bei den Delawaren; ein Kundschafter der englischen Armee, aber ans den Provinzen gebürtig." „Ein trunkener, unnützer Vagabond, wie die meisten seiner Farbe, die einmal unter den Wilden leben, nicht wahr?" „Alter Mann, Euer graues Haar sollte Euch doch vorsichtig machen vor der Verleumdung. Der Mann, von dem ich spreche, war einfachen Sinnes, aber großen Werthes. Unähnlich den meisten von denen, die an den Gränzen leben, vereinigte er die besseren Eigenschaften der beiden Völker, statt ihrer schlechten. Er hatte von der Natur die seltenste und vielleicht die höchste Gabe erhalten, er konnte das Gute vom Bösen unterscheiden. Seine Tugenden entsprangen alle ans seinen einfachen Sitten, und nur ans derselben edlen Quelle kamen seine Vorurtheile. Im Mnthe 15k stand er nicht nnter seinen rothen Gefährten) in kriegerischen Nebnngen, seiner bessern Erziehung wegen, über ihnen. ,Kurz, er war ein edler Schößling von dem großen Stamme der menschliche» Natur, der nur ans dem Grunde niemals seine wahre Höhe und Ausdehnung erreichen konnte, weil er unter den Stämmen des Waldes stand? Das waren die eigenen Worte meines Großvaters, alter Jäger, wenn er von dem Manne sprach, den Ihr Euch so schlecht vvrstellt." Die Angen des Wildstellers waren zu Boden gesunken, als der Fremde im feurigen Tone der Jugend so den Charakter des Mannes, von dem sie redeten, beschrieb. Er spielte mit den Ohren seines Hundes, strich und knöpfte an seiner rauhen Kleidung, öffnete und schloß die Pfanne seiner Flinte mit so zitternden Händen, daß sle durchaus unfähig gewesen mären, die Waffe zu gebrauchen. Als der Andere geendet, versetzte er mit klangloser Stimme: „Euer Großvater vergaß also nicht ganz den weißen Mann!" „Davon war er weit entfernt; es sind sogar drei unter uns, die schon einen Namen nach diesem Kundschafter führen." „Einen Namen, sagtet Ihr!" fuhr der alte Mann auf. „Was, den Namen des verlassenen, ungelehrten Jägers! Führen wirklich die Großen und die Reichen und die Hochgeehrten, — und was besser als alles Dies; — die Gerechten diesen selben ächten Namen?" „Mein Bruder und zwei meiner Vettern sind schon darauf getauft, und der Name kommt zn allen Titeln hinzu, die sie noch erlangen mögen." „Meint Ihr denn de» Namen selbst, mit denselben Buchstaben buchstabirt, mit einem N anfangend und endend mit einem L?" „Ganz derselbe," erwiederte lächelnd der Jüngling. »Nein, nein, wir haben nichts vergessen, was ihm gehörte. Ich habe jetzt eben einen Hund, welcher nicht weit von hier einem Hirsch nachspürt, und' der von einem Hunde abstammt, den derselbe Kundschafter als ein Geschenk seinen Freunden nachsendete, von derselben 152 Rasse, die er selbst immer mit sich führte. Eine zuverlässigere Brut in Nase und Fuß findet sich in der weiten Union nicht." „Hcktor," sagte der alte Mann, eine Bewegung zu unterdrücken suchend, die ihn fast überwältigte, und mit seinem Hunde wie mit einem Kinde redend. „Hörst du es, Hund? Dein Geschlecht und Blut sind in der Prairie. Ein Name — cs ist wunderbar — sehr wunderbar." Die Natur konnte fick nicht länger halten. Ueberwältigt durch eine Flut ungewöhnlicher und außerordentlicher Gefühle, und angeregt von sanften Erinnerungen, die so lange geschlafen, und nun so seltsam und unerwartet auflebten, behielt der alte Mann kaum so viel Macht über sich, mit einer, durch die Anstrengung, die er machte, Herr über sich zu bleiben, hohl und unnatürlich klingenden Stimme hinzuzufügen: „Knabe, ich bin jener Kundschafter; einst ein Kriegsmann, jetzt ein kläglicher Wildsteller!" Da brachen aber die Thränen hervor, und strömten ans so lange trocken gebliebenen Quellen über seine gefurchten Wangen. Das Gesicht auf das Knie legend, verhüllte er es in seine lederne Kleidung und schluchzte laut. Dieses Schauspiel brachte ähnliche Bewegungen bei seinen Gefährten hervor. Paul Hover hatte jede Sylbe des Gespräches, wie es brockenweise hier und dort hervorkam, verschlungen, indem seine Empfindungen gleichen Schritt hielten mit dem vermehrten Interesse. Ungewohnt solcher heftigen Gefühle, hatte er sein Gesicht bald hier bald dorthin gewendet, um — er wußte eigentlich nicht was — zu vermeiden, bis er die Thränen sah und die Seufzer des alten Mannes hörte. Da sprang er rasch auf und faßte heftig seinen Gast bei der Kehle, indem er ihn fragte, mit welchem Recht er seinen alten Gefährten zum Weinen gebracht. Indem aber eine plötzliche Besinnung in demselben Augenblicke ihn überkam, ließ er sogleich wieder los, streckte aber den Arm im nämlichen Moment, getrieben von seltsamem Drange, seiner innern Freude Luft zu 153 machen, nach dem Haare des Doktors, welches sofort seine künstliche Formation bekundete) — denn die Perücke blieb in Panls Hand, und der Doktor stand mit kahler Glatze da." „Was denkt Ihr davon, Meister Wanzensammler?" jauchzte er, mehr als daß er es schrie. „Ist das nickst eine seltene Biene, ein schöner, seltener Fund?" „Sehr seltsam! wunderbar! erbaulich!" erwiederte der Freund der Natur, indem'er mit guter Laune und blinzelnden Augen sich die Perücke wieder anfstülpte. „'s ist seltsam," kicherte er dann fort, „und sehr merkwürdig. Obgleich ich gar nicht an der regelrechten Folge zwischen Ursach und Wirkung zweifle." Mit diesem plötzlichen Ausbruch endete die geräuschvolle Bewegung, und die drei Zuschauer drängten sich mit einer stillen Rührung um den Wildsteller, als sie die Thränen des so hochbejahrten Mannes entdeckten. „So muß es sein, denn wie könnte er sonst mit einer Geschichte so vertraut sein, die wenig über unsere eigene Familie hinaus bekannt ist," bemerkte endlich der Jüngling, der sich gar nicht schämte, die eigene Rührung zu zeigen, indem er vor Aller Blicken seine Augen trocknete. „Wahrhaftig," fuhr Paul jetzt auf, „wenn Ihr noch irgend einen Beweis mehr verlangt, so will ich darauf schwören. Ich weiß, jedes Wort davon ist so wahr als das Evangelium!" „Und doch glaubten wir ihn schon lange todt!" fuhr der Soldat fort. „Mein Großvater hat seine Tage mit Ehren vollendet, und mir glaubten, er sei der Jüngere von den Beiden gewesen." „Es geschieht nicht oft, daß die Jugend so herabblicken kann auf die Schwäche des AlterS!" bemerkte der Wildsteller, seinen Kopf erhebend und mit würdiger Ruhe umherblickend. „Daß ich noch immer hier verweile, ist der Wille des Herrn, der mich aufgespart hat, bis ich achtzig lange und arbeitvolle Jahre geschaut, zu seinen geheimen Zwecken. Daß ich der Mann bin, 15ßl von dem ich rede, braucht Ihr nicht zu bezweifeln, denn weßhalb sollte ich mit einer so großen Lüge in's Grab fahren?" „Ich zweifle auch gar nicht mehr; ich wnndre mich nur, daß es so ist! Doch weßhalb muß ich Euch, ehrwürdiger und trefflicher Freund meiner Eltern, in dieser Wüste finden, so weit ab von allen Bequemlichkeiten und von der Sicherheit, welche das Land unten darbietet!" „Ich bin in diese Wüsten gekommen, um dem Klange der Axt zu entgehen, denn hieher folgt mir wahrhaftig nicht der Holzschlager! Aber ich kann dieselbe Frage >011 Euch richten. Gehört Ihr zu denen, welche die Staaten in ihren neuen Ankauf gesandt, um zu sehen, was sie eigentlich eingehandelt haben?" „Ich nicht. Lewis zieht seines Weges den Strom entlang, einige hundert Meilen von hier. Ich bin auf einem Privatabenteuer." „Obgleich es gar nichts Wunderbares ist, daß ein Man», dessen Kräfte und Augen nicht mehr zur edlen Jagd taugen, in der Nähe der Biberbauten g-sehen wird, die Schlinge statt der Flinte in der Hand, so ist es doch seltsam, daß ein so junger und glücklicher Mann, der noch dazu ein Patent vom Großen Vater hat, in den Prairien umherstreift, ohne daß ein einziges Wesen von seiner Farbe ihn begleitet." „Ihr würdet meine Gründe für zulänglich halten, wenn Ihr sie kenntet, und Ihr sollt sie erfahren, wenn Ihr geneigt seid, auf meine Geschichte zn Horen. Ich halte Euch Alle für ehrlich und für Leute, die Jemandem, der bei einem edlen Geschäfte ist, lieber helfe», als ihn betrügen wollen." „Kommt denn, und erzählt uns nach Lust," sagte der Wildsteller, indem er sich niedersehte, und den jungen Mann seinem Beispiel zn folgen einlud. Der Letztere gehorchte gern, und nachdem Paul und der Doktor sich nach Belieben um ihn gelagert hatten, begann der neue Ankömmling seine Erzählung der seltsamen Gründe, welche ihn so weit in die Wüste geführt hatten. 155 Eilstes Kapitel. Solch' trüben Himmel klärt ein Sturm nur auf. König Johann. ^Elährend dessen setzten die betriebsamen Stunden — die eilenden, welche Niemand zurnckrnft — ihre Arbeit fort. Die Sonne, welche den Tag über mit Massen Dunstes gekämpft hatte, senkte sich jetzt allmählig in einen Streif weniger belegten Horizontes, und versank dann hinter den dusteren Steppen, wie sie gewohnt ist, in die Gewässer des Oceans zu tauche». Die Heerde», welche auf den wilden Weiden der Prairie gegrast hatten, verschwanden allmählig, und die endlosen Schwärme der Wasseroögel, die ihre gewöhnliche Jahresreise von den jungfräulichen See'n des Nordens nach dem Golf von Mexiko machten, fächelten nicht mehr mit ihren Schwingen die Luft an, welche jetzt mit Thau und Dunst beschwert wurde. Kurz, die Schatten der Nacht fielen nieder auf den Felsen, den Mantel der Finsterniß über die schon traurige Gestalt des ganzen Ortes breitend. Als es anfing dunkel zn werden, rief Esther ihre kleineren Kinder zusammen, und indem sie sich auf einen Vorsprung ihrer inselartigen Festung niedersetzte, erwartete sie dort geduldig die Rückkehr der Jäger. Ellen Wade befand sich nicht weit davon, indem sie sich jedoch, gleichsam um den Unterschied, der zwischen ihnen obwaltete, anzudeuten, immer etwas abseits von dem erwartungsvollen Kreise hielt. „Euer Oheim ist ein schlechter Rechner, und wird es immer bleiben, Nell," bemerkte die Mutter nach einer langen Panse, welche der Unterhaltung über die Arbeit des Tages gefolgt war. „Allzeit träge, wenn's gilt 'was vorausbedenken und sich vorzn- stellen, ist der Jsmael Busch! Da saß er nun hierauf dem Felsen, und that nichts von Tagesanbruch bis Mittag, that gar nichts, nichts — als träumen — träumen — träumen — mit sieben so stattlichen Burschen ihm zur Hand, als je die Frau einem Manne gebar. Und was kam 'raus? He! Die Nacht bricht au, und das Atternöthigste ist noch nicht gethan." „Es ist gewiß nicht klug gehandelt, Base," crwiederte Ellen, ohne daß sie eigentlich zu wissen schien, was sie sagte. „Und das heißt doch immer den Söhnen ein schlechtes Beispiel gegeben!" „Holter die Polter! Meinst du, Mädchen? Willst über ältere Leute richten! nun, fleh 'mal, und noch dazu die besser sind als sie! Möchte doch einen Mann suchen auf der ganzen Gränze, der seinen Kindern ein ehrbareres Beispiel gibt, als dieser nämliche Jsmael Busch. Heda, weise mir doch auch, meine Miß Fchler- finder, aber nicht Fehleroerbesserer, noch einen Hansen so prächtiger Burschen, die, wenn's Noth thnt, schneller einen Fleck umhauen, einzäunen, nmpflügen, beackern, als meine Kinder? Freilich wär's besser, ich wäre still darüber, da ich die Mutter bin. Aber wo gibt es einen Schnitter, der es so verstünde, seine Leute in's Waizenfeld hineinznführen, daß kaum die Stoppeln übrig bleiben, wie mein guter Mann. Und dann als Vater, welch' ein prächtiger Herr er ist! Seine Söhne brauchen nur einen Fleck nennen, wo sie sich niederlassen möchten, und angenblickS stellt er ihnen eine Urkunde daüber ans, und für's Patent brauchen sie keinen rothen Heller zu zahlen!" Die Frau schloß mit einem schallenden, höhnischen Gelächter, das sein Echo fand in den Stimmen aller der kleinen Krabben, die die Mutter zu dem rastlosen und gesetzlosen Leben aufzog, welches sie selbst führte, das aber, aller Unsicherheit und Mühseligkeit ungeachtet, doch nicht ohne geheimen Reiz war. „Holla, alte Esther!" grüßte sie die wohlbekannte Stimme ihres Gatten von der Ebene herauf. „Nascht ihr da oben aus der Speisekammer, indessen wir euch Wildpret nnd Büffelfleisch bringen! Herab, herab, altes Mütterchen, mit allen deinen Kleinen, 157 und helft uns das Fleisch 'raufbringen. — He, wie bist du da oben so laut und lustig! Herab, herab! Die Jnngens sind zur Hand, und wir haben hier genug zu thun für euch Alle, und wenn ihr doppelt so viel wäret." Jsmael hätte seine Lunge schonen können, weil alle seine Anstrengung, gehört zu werden, vergebens war. Denn kaum hatte er den Namen seiner Frau ansgernfen, als der ganze Kreis um diese sich mit einem Male erhob, und Alle Einer über den Andern kreiselnd und taumelnd, sich ungeduldig, ohne ans einen Befehl zu hören, durch die gefährlichen Schluchten des Felsens hinabstürzten. Esther folgte dem jungen Schwarm mit mehr gemessenen Schritten; auch hielt es Ellen nicht für klug, oder vielmehr für schicklich, znrückzubleiben. Augenblicklich war daher die ganze Gesellschaft unten vor ihrer Citadelle ans offenem Felde versammelt. Hier sah man zuerst den Squatter unter der Last eines stattlich feisten Rehbocks heranscülottern, neben ihm ein oder zwei seiner jüngeren Söhne. Bald erschien auch Abiram, und bevor einige Minuten verstrichen waren, kamen auch die übrigen Jäger heran, einzeln und in Paaren, indem jeder einige Früchte seiner Geschicklichkeit herbeitrng. „Die Ebene ist frei von Rothhänten, wenigstens heut Nacht," sagte Jsmael, nachdem der erste Wirrwarr des Empfangs vorüber war. „Denn ich habe die Prairie viele Meilen weit mit meinen Füßen durchstreift, und ich meine es zu verstehen, wo indianische Mokaslns hingctretcn haben. Nun, Alte, kannst du uns ein paar Bissen Wildpret anrichten, und dann wollen wir nach unserer Tagesarbcit schlafen." „Ich wollte nicht darauf schwören, daß doch Wilde in der Nähe seien," sagte Abiram. „Ich weiß auch etwas von den Rothhänten zu erzählen, und möchte es eidlich erhärten, wenn nicht etwa meine Augen geschwächt sind, daß die Indianer in der Nähe sind. Aber wartet nur, bis Asa herankommt. Er ging 158 über de» Ort hinaus, wo ich Spuren fand, und der Junge weiß auch etwas von dergleichen Dingen." „Ach, der Junge weiß zu viel von mancherlei Dingen," er- wiederte Jsmael finster. „Es wurde besser für ihn sein, wenn er dächte, er wisse weniger. Wie dem aber auch sei, nnd wenn alle Sionxstämme westlich vom großen Fluß nur eine Meile von uns ständen, — sie sollten es nicht leicht finden, diesen Felsen zu erklimmen, wo zehn kühne Männer ihnen gegenüber stehen." „Nenne uns unserer Zwölfe, Jsmael, frisch Zwölfe!" rief das keifende Weib. „Denn wenn Euer Freund, der Mottensammler, der immer Böcke schießt, als Mann gelten soll, so komme ich gewiß gut für ihrer Zwei ans. Ich will ihm den Rücken nicht zukehren mit der Muskete und der Schrotflinte; und was die Courage anlangt — poh Veltchen! der Jährling von der Kuh, den uns die schuftige» Teufel, die Tetons, stahlen, war der feigste Schuft von uns Allen, nnd nach ihm kam Euer verwünschter Doktor! Ach, Jsmael, Ihr habt nie einen ordentlichen Handel geschlossen, ohne daß Ihr dabei verloren hättet, nnd jener Mann, mein' ich, ist die schlimmste Waare, die Ihr jemals eintauschtet. Kannst du dir's denken, der Kerl verordnet mir ein Ziehpflaster rings um den Mund, weil ich Fnßrcißcn hatte." „'s ist Jammer nnd Schade, Esther," antwortete ganz ruhig ihr Ehemann, „daß du es nicht nahmst. Ich meine, es würde dir recht geholfen haben. Aber, Jnngens, wenn es sich wirklich so verhalten sollte, wie Abiram meint, daß Indianer uns nahe sind, so möchten wir uns lieber auf den Felsen hinanfmachen, unser Abcndbrod einznnehmen. D'rnm wollen wir nur unser Wildpret sichern, und von den Necepten unseres Doktors reden, wann wir nichts Besseres zu thnn haben werden." Man folgte der Weisung, und in wenigen Minuten war der einem Angriff leicht ansgesehte Ort von der Familie mit der sichern Stelle auf dem Felsen vertauscht. Hier ging nun Esthers 159 Geschäft los, indem sie abwechselnd schalt nnd arbeitete, bis das Abendessen fertig war, worauf sie ihren Mann mit einer so tönenden Stimme zum Verzehren herbcirief, wie nur ein Jman die Gläubigen zu einer wichtigem »nd heiliger» Pflicht. Als Jeder seinen herkömmlichen Platz um den rauchenden Fleischkessel eingenommen, ging der Sgnatter mit gntenr Beispiel voran, indem er ein köstliches Stück Wildpret zerlegte, das wie der Rücken eines Bisons nnd mit einer.Geschicklichkeit, die eher den Wohlgeschmack vergrößerte, als verringerte, znbereitct war. Ein Maler würde de» Moment gern aufgefaßt haben, diese wilde nnd charakteristische Scene ans die Leinwand zn bringen. Erinnern wird sich der Leser, daß Jsmacls Citadelle wie eine Felseninsel, einsam »nd abgerissen, und fast unersteigbar, dastand. Das glänzende, weit anfflackernde Feuer, welches mitten ans seiner Höhe brannte, und um welches die geschäftige Gruppe gelagert war, lieh ihm den Anschein irgend eines stattlichen Pharus, mitten in der Wüste dastehend, den Abenteurern zn leuchte», welche über die breiten Steppen wandcrtcn. Die Flamme beleuchtete bald dieses, bald jenes von der Sonne verbrannte Antlitz, indem sie den aller- verschiedenartigsten Ansdruck zeigte, von der jugendlichen Einfalt der Kinder, schon vermischt mit einer Schattirung der ihrem halb barbarische» Leben eigenthümlichen Wildheit, an, bis zn der dumpfen nnd unbeweglichen Theilnahmlosigkcit, die, wenn kein besonderer Reiz obwaltete, in de» Züge» des Squatters sich aussprach. Gelegentlich fachte ein Windstoß die Glut an, und wenn dann ein hellerer Lichtstrahl auflodcrte, erblickte man das kleine Zelt, wie es droben in der Dunkelheit der nächtlichen Luft einsam dalag. Alles rundum war sonst, wie gewöhnlich in dieser Stunde, in undurchdringliche Finsternis; eingehüllt. „Es ist unbegreiflich, daß Asa zu einer Stunde, wie diese, vom Wege abwärts geht," bemerkte Esther verdrießlich. „Wenn Alles fertig und abgeräumt ist, wird der Junge heraufkommen und nach seinem Essen verlangen, so hnngrig, wie ein Bär nach seinem Winterschlaf. Sein Magen geht so gnt, wie die beste Uhr in Kentucky, und selten braucht er, wie die, erst aufgezogen zu werden, um die Zeit anzusagen, ob's bei Tage ist oder bei Nacht. Essen kann Asa immer, und nun gar, wenn er ausgehungert ist!" Jsmael blickte ernst im Kreise seiner schweigenden Söhne umher, ob einer von ihnen es übernehmen möchte, etwas zu Gunsten des abwesenden Verbrechers zu sagen. Jetzt aber, wo kein besonderer Grund vorhanden war, ihr schlummerndes Temperament aufzuregen, schien cs doch zu viel verlangt, daß sie ihren rebellischen Bruder vertheidigen sollten. Abiram indessen, der seit der Aussöhnung eine edlere Theiluahme für den, welcher noch vor Kurzem sein Gegner gewesen, entweder wirklich fühlte, oder doch zu fühle» vorgab, schien eine Besorgnis; ansdrückeu zu wollen, welche den Anderen ganz fremd war. „Wenn nur der Junge den Tctons entwischt ist," murmelte er. „Es würde mich wahrhaftig grämen, wenn Asa, der doch einer unsrer Wackersten ist, was Herz und Hand anbetrifft, wenn der in die Hände der rothcn Teufel gefallen wäre." „Kümmere dich, Abiram, um dich allein, und spare deine Lunge," sagte der Squatter: „anstatt damit die Weiber zu schrecken und ihre Mädels. Ellen Wade's Gesicht ist schon ganz weis; geworden. Sieht sie nicht so bleich aus, als starrte sic eben auf die Indianer selbst, die Ihr erwähnt, oder wie vorhin, als ich zu ihr mit der Flinte sprechen mußte, weil meine Worte nicht bis zu ihr hindrangen. Wie war es, Nell? Du hast noch immer keinen rechten Grund angegeben, woher du so taub warst?" Die Farbe auf Ellens Wangen änderte sich eben so plötzlich, als die Flinte des Squatters vorhin losgegangeu war, indem das glühende Roth ihr Gesicht überzog, bis sogar Hals und Brust damit übcrfärbt waren. Sie senkte den Kopf, schien aber ihm zu antworten nicht für nöthig zu erachten." 161 Jsmael, viel zu träge, das Gespräch fortzuführen, oder auch schon mit der bloßen Anspielung zufrieden, stand von seinem Stein- sitze ans nnd kündete, indem er seine gewaltige Gestalt wie ein wohlgemästeter Ochse ansstreckte, seine Absicht zu schlafen an. Unter Leuten, die hauptsächlich nur lebten, um ihren Natnrbedürf- nissen nachznkommen, mußte solche Erklärung gleiche Gefühle erregen. Einer verschwand nach dem Andern, indem Jeder seine rauhe Schlafstelle aufsnchte, nnd in wenigen Minuten befand sich Esther, welche indeß die jüngere Brut zur Ruhe gebracht hatte, wenn wir den gewöhnlichen Wächter unten abrechnen, im alleinigen nnd einsamen Besitz des nackten Felsens. Welche minder schätzenswerthe Gewohnheiten auch in diesem ungebildeten Weibe ihr nnstätes Umherschweifen hervörgebracht —der Hanptgrundsay jeder weiblichen Natur hatte zu tief gewurzelt, um je ganz herausgerissen zu werden. Bei einem gewaltigen, um nickt zu sagen wilden, Temperamente waren auch ihre Leidenschaften heftiger Art, und schwer zu besänftigen. Wie sie aber auch sonst von den Freiheiten ihrer Lage Gebrauch machen mochte, die Liebe zu ihren Kindern, wie lange sie zuweilen wohl schlummern mochte, konnte niemals als ganz erloschen gelten. Ihr gefiel Asa's lange Abwesenheit nicht. Zn furchtlos, um, was sie betraf, unreinen Augenblick zu zaudern, über die dunkle Wüste zu gehen, in die sie jetzt mit verlangenden Blicken hinabschaute, so begann doch ihre geschäftige Einbildungskraft, jenem unauslöschlichen Gefühle gehorchend, namenlose Uebcl heraufznbeschwören, welche ihrem Sohne begegnet sein könnten. Es konnte wahr sein, was Abiram an- gedentet, daß er der Gefangene irgend eines der Stämme geworden, welche in der Nachbarschaft auf der Büffeljagd waren; auch konnte ein weit größeres Uebel ihn befallen haben. So dachte die Mutter, während die Dunkelheit nnd die Stille ringsum jene Gefühle noch mächtiger werden ließen. Dieses Sinnen und Grübeln machte allen Schlaf bei ihr un- Die Prairje. kl 162 möglich. Sie verharrte auf ihrem Posten, und horchte mit der Art von Instinkt, welche den an Bildung nur wenige Stufen unter ihr stehenden Thieren eigen ist, auf jedes kleine Geräusch, welches die Annäherung von Fußtritten verkünden mochte. Zuletzt schienen ihre Wünsche in Erfüllung zu gehen; denn die lang ersehnten Töne waren deutlich zu hören, und jetzt unterschied sie dicht am Fuße des Felsen die dunkle Gestalt eines Mannes. „Nun, Asa, heut verdienst du 'mal mit vollem Recht, die ganze liebe Nacht ans der Evde zu liegen!" fing die Frau an zu murmeln, mit einer plötzlichen Umwandlung ihrer Gefühle, welche allen mit den Widersprüchen im menschlichen Charakter Vertrauten nicht befremdend sein kann. „Und ich wünschte dir, sie wäre recht hart! He da, Abncr! Abner! Hörst du! Abner, schläfst du? Daß du dich nicht unterstehst, den Schlagbanm zu öffnen, bis ich runter bin! Ich will wissen, wer es ist, der eine friedliche, eine ehrliche Familie dazu, in ihrer Ruhe stört, und in solcher Nacht, wie diese!" „Weib!" entgegnete unten eine Stimme, die etwas polterte und prahlen wollte, während doch der Sprecher offenbar zugleich an die möglichen Übeln Folgen dachte. „Weib, ich verbiete Euch im Namen des Gesetzes, irgend eines Eurer feindlichen Wurfgeräthe hcrabzusenden. Ich bin ein Bürger und ein Freisaß, und graduirt auf zwei Universitäten, und bestehe ans meine Rechte! Hütet Euch vor Schaden aus Vorbedacht, vor imputirtem und kasuellem, und vor Todtschlag. Ich bin cs ja, Ich, Euer Linien«, ein Freund und Mitcinsaß, Ich — Doktor Obed Battins." „Was!" fragte Esther mit einer Stimme, die kaum ansrcichte, ihre Worte bis zu den Ohren des aufmerksamen Lauschers unten hinabzutragen. „Sagtet Ihr, es sei nicht Asa?" „Nein; ich bin weder Asa, noch Absalom, noch ein anderer von den hebräischen Prinzen, sondern Obed, die Wurzel und der Stamm von ihnen allen. Weib, habe ich Euch denn nicht gesagt, 163 daß Jemand wartend vor Euch steht, der zu friedlichem und ehrenvollem Einlaß berechtigt ist. Haltet Ihr mich für ein Thier aus der Klasse der Amphibien, und daß ich mit meinen Lungen wie ein Hufschmied mit seinen Blasebälgen spielen kann!" Der Naturforscher hätte indessen noch lange eben diese Lungen anstrengen können, ohne erwünschten Erfolg, wäre Esther seine einzige Znhörerin geblieben. Getäuscht und mißmuthig hatte die Frau schon ihr Lager gesucht, und bereitete sich mit einer Art ver- zweiflungsvoller Gleichgültigkeit zum Schlafe. Abner aber, welcher unten Schildwache stand, war durch das Geschrei aus einer sehr zweideutigen Lage anfgeschreckt worden; als er jetzt hinlänglich zum Bewußtsein gekommen war, um die Stimme des Arztes wieder zu erkennen, wurde der Letztere mit der möglichst geringen Verzögerung eingelassen. Doktor Battins arbeitete sich durch den engen Eingang mit einer seltsamen Art von Ungeduld, und begann schon die schwierige Anhöhe zu ersteigen. Als er aber einen Blick auf den Thürsteher warf, hielt er inne, und mit einer Miene, welche seiner Vorstellung nach von aller Autorität begleitet sein sollte, ihm zu bemerken zu geben: „Abner, es sind da gefährliche Symptvme von Schlafsucht bei dir! Das zeigt sich besonders deutlich in deiner Neigung zu gähnen, und mag nicht allein für dich, sondern auch für deines Vaters Familie gefährlich ansfallen!" „Da irrt Ihr Euch doch ganz gewaltig, Doktor," erwiederte der Bursch, indem er wie ein träger Löwe gähnte. „Ich habe kein Symptom von der Krankheit, die Ihr da nennt, an irgend einem Theile meines Leibes, und was Vater und Kinder anbetrifft, so meine ich, sind sie schon seit langen Monaten mit den Blattern und den Masern fertig geworden." Mit seiner kurzen Ermahnung selbst völlig zufrieden, hatte der Naturforscher schon zur Hälfte die Schwierigkeiten des Hinanfstei- gens überwunden, ehe der bedächtige Abner seine Rechtfertigung 11 " 164 beendete. Aber auf der Höhe erwartete Obed nicht anders, als daß er Esther begegnen würde, von deren Zungenfertigkeit er nur zu oft bittere Proben erfahren hatte, und vor der er sich immer in scheuer Entfernung hielt, so daß ihn keineswegs nach einer Wiederholung ihres Angriffs verlangte. Der Leser ahnet, daß ersieh hier angenehm täuschte. Mit leisem Schritt und immer furchtsam über die Schulter blickend, als fürchte er sich vor irgend etwas, das noch schrecklicher als Worte wäre, ging der Doktor auf den Ort los, der ihm bei der allgemeinen Anstheilnng der Schlafstellen als die seinige angewiesen war. Statt zu schlafen, blieb aber der würdige Naturforscher aufrecht sitzen, und sann über Alles nach, was er an dem Tage gesehen und gehört, bis ein Geräusch ans Esthers Verschlag, welche seine nächste Nachbarin war, ihn von dem machen Zustande der Einwohnerin benachrichtigte. Da er die Nothwendigkeit bemerkte, irgend etwas zu thnn, was diesen weiblichen Cerberus cinschläfern könnte, ehe er sein eigentliches Vorhaben ansführe, fand sich der Doktor, so ungern er auch mit ihrer Zunge in Collision kommen mochte, doch getrieben, zuerst ein Gespräch anznfangen. „Ihr scheint nicht zu schlafen, meine sehr liebe und würdige Mistreß Busch," sagte er, ihrer Eigenliebe durch dieses Wortpflaster schmeichelnd. „Ihr scheint schlecht zu ruhen, meine trefflichste Wirthin. Kann ich vielleicht Eurem Uebelbefinden mit Etwas beispringen?" „Was wollt Ihr mir denn geben?" brummte Esther. „Etwa spanisches Fliegenpflaster, um mich in Schlaf zu bringen!" „Kein Pflaster, oder wie ich lieber höre: Kataplasm. Wenn Ihr aber Schmerzen habt, hier sind einige herzstärkende Tropfen, die mit einem Glase von meinem Cognac eingenommen, Euch Ruhe geben werden, wenn ich irgend etwas von der Täterin meilica verstehe." Der Doktor hatte, wie er wohl wußte, Esther von der schwachen 165 Seite angegriffen, und da er gar nicht zweifelte, daß sie sein Verschriebenes annehmen werde, ging er selbst an's Werk, um die Medicin ohne allen Verzug zu bereiten. Als er ihr den Trank anbot, wurde dieser zwar mit einer verdrießlichen, abstoßenden Miene angenommen, aber so im Umsehen hinnntergeschluckt, daß es sich genugsam erwies, wie sehr die Patientin danach verlangt habe. Das Weib murmelte ihren Dank, und ihr Arzt setzte sich schweigend nieder, um die Wirkung seiner Dosts zu betrachten. In weniger als einer halben Stunde wurde Esthers Athemholen immer tiefer, und, wie der Doktor selbst es genannt haben möchte, so sehr abstrakt, daß, hätte er nicht gewußt, wie natürlich es sei, diesen Anfall von Schläfrigkeit der mächtigen Dosis Opium zuzuschreiben, womit er den Branntwein versetzt hatte, er am Ende in sein eigenes Recept Mißtrauen hätte setzen müssen. Mit dem Schlafe dieser sonst so wachen Frau wurde die tiefe Stille ringsum ganz allgemein. Da hielt es Doktor Battins für gelegene Zeit, sich zu erheben, und, mit der Stille und Vorsicht eines nächtlichen Räubers, sich aus seiner Kammer — oder besser gesprochen, seinem Loche, denn einen bessern Namen verdiente es nicht — hinaus, nach den Lagerstätten nebenbei hinzustehlcn. Hier nahm er sich Zeit, um sich zu versichern, daß alle seine Nachbarn in tiefem Schlafe begraben lagen. Davon versichert, zauderte er nun nicht länger, sondern machte sich auf den halsbrechenden Weg nach der höhern Felsenplatte. So vorsichtig er ging, geschah es doch nicht ohne Geräusch. Während er sich schon Glück wünschte, seine Absicht vollkommen ansgeführt zu haben, und den Fuß bereits oben auf den höchsten Rand setzen wollte, faßte ihn ganz unerwartet eine Hand an seinem Rockzipfel, was so mit Eineinmale allem Fortschreiten ein Ende machte, als hätte ihn Jsmaels gigantische Kraft selbst an die Erde gefesselt. «Ist im Zelte Jemand krank," lispelte ihm eine sanfte Stimme in's Ohr, „daß Doktor Battins zu dieser Stunde gerufen wird?" Sobald das Herz des Naturforschers von dem hastigen Vordringen bis in seine Kehle znrückgekehrt mar — denn so würde ein in der animalischen Formation minder bewanderter Gelehrter, als Obcd Battins, die außerordentliche Regung vielleicht in Worten ansgedrückt haben, welche unseres Gelehrten bei dieser überraschenden Unterbrechung sich bemeisterte, — fand er wieder Kraft und Entschluß zu einer Antwort, wobei er jedoch, eben sowohl aus Klugheit, als aus Furcht, nur vorsichtigen Gebrauch von seiner Stimme machte. „Meine würdige Nelly! Ich bin höchlich erfreut, daß es Niemand sonst ist, als du! Still, Kind, still! Sollte Jsmacl etwas von unseren Planen erfahren, würde er keinen Augenblick ansteh'n, uns Beide vom Felsen hinabzustürzen. Still, Nelly, still!" Der Doktor sprach dies; in abgebrochenen Sätzen und immer weiter schreitend. Jetzt aber, wo die Rede zu Ende war, hatten er und seine Znhörerm die oberste Höhe gewonnen. „Und jetzt, Doktor Battins," fragte sehr ernst das Mädchen, „darf ich den Grund wissen, meßhalb Ihr Euch der Gefahr preisgebt, von dieser Höhe hinabzufliegen, ohne Flügel und sicherlich wohl auf Kosten Eures Nackens?" ' „Nichts soll dir verborgen bleiben, meine würdige und treue Nelly, — aber bist du anch gewiß, daß Jsmael nicht aufwacht?" „Habt keine Angst vor dem. Der schläft, bis die Sonne seine Angenlieder senkt. Von meiner Tante allein ist Gefahr." „Esther schläft," erwiederte der Doktor bedeutungsvoll. „Ellen, Ihr habt heute ans diesem Felsen die Wache gehabt?". „So war es mir befohlen." „Und Ihr habt den Bison gesehen, und die Antilope und den Wolf und den Hirsch, wie gewöhnlich; die Thierc der Orüines: pecors, belluas und kerne?" „Ja, ich habe die Geschöpfe gesehen, die Ihr auf Englisch nanntet; aber von der indianischen Sprache verstehe ich nichts." 167 „Da ist aber doch noch ein ganz verschiedener oräo, welchen Ihr ebenfalls gesehen habt. Der primsteo — nicht wahr?" „Ich kann das nicht sagen. Ich kenne kein Thier dieses Namens." „Nicht, Ellen? Ihr sprecht mit einem Freunde. — Von dem gemm: domo, mein Kind?" „Was ich auch sonst mag gesehen haben, so sah ich doch nicht den vespertilio Iiorribi ..." „Halt, Ellen, deine Lebhaftigkeit wird uns noch verrathen. Sage mir, Mädchen, sahst du nicht gewisse dipelles, genannt Menschen, in den Prairieu umherwandern?" „Allerdings. Mein Oheim und seine Söhne waren auf der Biiffeljagd, seit die Sonne anfing, sich zu senken." „Ich muß schon in liugua vernacula reden, um verstanden zu werden! Ellen, ich wollte sagen, von der specie8 Kentucky." Obgleich Ellen wie eine Rose roth ward, wurde dieß Erröthen doch von der Dunkelheit verborgen. Sie zauderte einen Augenblick, sammelte den gehörigen Mnth, und sprach in entschiedenem Tone: „Wenn Ihr in Gleichnissen zu sprechen wünscht, Doktor Battius, so müßt Ihr Euch nach einem andern Zuhörer nmsehen. Fragt in reinem Englisch, und ich will Euch redlich in derselben Sprache antworten." „Ich reifte in dieser Wüste, Nelly, wie du weißt, um Thiere aufzusuchen, die bisher vor den Augen der Wissenschaft verborgen geblieben. Unter andern entdeckte ich einen Primate von dem Aenus: Immo, der 8pecie8: Kentucky, von mir benamset, Paul..." „Still, um des Himmels willen!" unterbrach ihn Ellen. „Leiser, leiser, Doktor, oder mir sind verloren." „Paul Hover, seinem Gewerbe nach ein Sammler von gpidu8 oder Bienen," fuhr der Andere fort. „Ich gebrauche doch jetzt das rein englische Wort... und werde verstanden?" „Vollkommen, vollkommen," erwiederte das aufgeregte Mädchen, 168 indem sie in ihrer Verwirrung kaum aufathmete. „Aber was gibt es? Sagte er Euch, Ihr solltet aus diesen Felsen steigen? — Er weiß ja selber nichts; denn der Eid, den ich meinem Oheim leistete, verschloß meinen Mund." „Ei, da ist aber Jemand, der keinen Eid geleistet und Alles entdeckt hat. Ich wünschte, daß der Mantel, welcher um die Geheimnisse der Natur geschlungen ist, eben so wirkungsreich von ihren verborgenen Schaßen abgezogen würde! Ellen, Ellen! Der Mann, mit welchem ich unwissentlich ein Compactuni oder eine Vereinigung abgeschlossen, hat alle Verpflichtungen der Ehrbarkeit schnöde vergessen! Dein Oheim, Kind..." „Ihr meint Jsmael Busch, der meines Vaterbruders Wittwe zur Frau hat," erwiederte das beleidigte Mädchen ein wenig stolz. „Wahrhaftig, wahrhaftig, es ist doch grausam, mich eines Bandes wegen zu tadeln, welches der Zufall geknüpft, und welches ich herzlich gern für immer bräche!" Die gedemüthigte Ellen konnte nicht mehr herausbringen, sondern niedersinkend aus eine Felsbank, begann sie ans eine Weise zu schluchzen, welche ihre Lage doppelt mißlich machte. Der Doktor murmelte wenige Worte, die Entschuldigung und Erklärung zugleich sein sollten; aber ehe er Zeit gewonnen, seine Rechtfertigung zu vollenden, stand sie wieder auf, und sprach mit großer Festigkeit: „Ich kam nicht her, um meine Zeit in thörichten Thränen zu vergeuden, noch Ihr, um zu versuchen, wie mau sie stillen kann. Was also brachte Euch her?" „Ich muß das dieses Zelt bewohnende Wesen sehen." „So kennt Ihr den Inhalt?" „Ich sollte glauben, davon unterrichtet zu sein; ich bringe einen Brief, den ich eigenhändig übergeben muß. Ist das Wesen ein gusürupes, so ist Jsmael ein pflichtgetreuer Mann; ist es aber ein bipes, mit oder ohne Flügel, das gilt mir gleich, so ist er falsch, und unser Compactum zu Ende." 169 Ellen gab dem Doktor ein Zeichen, still, wo er stand, zu verharren. Dann schlüpfte sie in's Zelt, wo sic mehrere Minuten.blieb. Dem Harrenden draußen kam es ungemein peinlich und lange vor; als sie endlich znrückgckehrt war, faßte sie ihn beim Arm, und Beide traten zusammen in die gcheimnißvolle Hütte. Zwölftes Kapitel. Gott gebe, daß sich Herzog Jork entschuldigt! König Heinrich VI. 2. Theil. Als am folgenden Morgen sich die Familie wieder versammelte, blieb Alles still, finster und mürrisch. Dem Frühstück fehlte die unharmonische Begleitung, womit Esther sonst nicht ermangelte, die aufgetragene Kost zu begleiten; denn das einschläfernde Mittel, welches ihr der Doktor beigebracht hatte, verfehlte seine Wirkung nicht; ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit war betäubt. Die Söhne brüteten schweigend über den abwesenden Bruder. Jsmaels zu- sammengedrückte Augenbrauen gaben ihm ein ernstes, nachdenkendes Ansehen. Er schweifte mit finstern Blicken von dem Einen zum Andern, gleich Einem, der sich darauf vorbereitet, einen erwarteten ' Angriff auf sein väterliches Ansehen ausznhalten und znrückzu- schlagen. Mitten in diesem gegenseitigen Mißtrauen nahmen Ellen und ihr mitternächtlicher Begleiter die gewöhnlichen Plätze bei den Kindern ein, ohne Verdacht zu erregen oder Bemerkungen zu veranlassen. Die einzigen anscheinenden Zeichen ihres Abenteuers waren ab und zu, von Seiten des Doktors, wie von ungefähr in die Höhe gerichtete Blicke, welche bei den Uebrigen für wissenschaftliche Beobachtungen des Himmels galten, in der That aber nichts anderes waren, als ein verstohlenes Hinschielen nach den flatternden Seiten des verbotenen Zeltes. Endlich entschloß sich der Landbenter'), nachdem er vergeblich *) 5as Auge des Bienenjägers, ohne seine blühende Begleiterin ans der Acht zu lasse», blickte wild und aufgebracht von der Seite, mehr mit dem Blick des finstern, sich zurückziehenden Bären, als mit dem eines sich der Gegenliebe bewußten Liebhabers. Obed und Lsinus machten den Schluß; der Erstere seinen Gefährten mit demjenigen Grade von Zärtlichkeit führend, welcher schwerlich von einem der Anderen überboten werden konnte. Nur war sein Herankommen bei weitem nicht so rasch, als das der Uebrigen. Seinen Beinen sah man es an, daß sie sich eben so wenig zum Fortschreitcn, als zum Stehcnbleiben entschließen konnten, so daß seine ganze Stellung dem Sarge Ma- homets nicht unähnlich schien"), nur mit dem Unterschiede, daß ihn die abstoßende mehr als die anziehende Kraft im schwebenden Ruhestand erhielt. Jene schien sichtbar die Oberhand zu gewinnen, *) Es wird behauptet, Mahomets eiserner Sarg in Mecca werde von zwei ober, und unterhalb ihn anziehenden großen Magneten, in der Mitte der Moschee schwebend. erhalten. 304 und es entstand hier (wie er sie selbst bezeichnet haben würde) die mit allen physischen Prinzipien im Gegensatz stehende Ausnahme, daß, je weiter er sich vom abstoßenden Punkte entfernte, desto stärker dieser auf ihn einwirkte. Und da seine Augen nicht ans den Weg gerichtet waren, den er ging, sondern ans den, woher er kam, so dienten sie Denen, die den ganzen, sich bewegenden Haufen beobachteten, ebenfalls zur Richtschnur, und zugleich dazu, ihnen das Geheimniß anfzudecken, welches ein so unerwartetes Hervorkommen aus dem Versteck veranlaßt hatte. Eine zweite Gruppe stattlich bewaffneter Mäuuer wurde nämlich in nicht weiter Entfernung gesehen, gerade wie sie sich um einen Bogen des Dickichts schlug, und auf dem kürzesten Wege, aber mit Behutsamkeit, auf den Punkt zuging, wo die Sioux standen, ungefähr wie ein Geschwader von Kreuzern quer über's Meer steuert, um sich einer reichen, aber wohlbeschüyten Convoi zu bemächtigen. Mit einem Worte/ es war die ganze Familie des Squatters, oder wenigstens alle Waffenfähigen derselben, welche auf der Prairie aurückten, offenbar um an den Räubern ihres Eigenthnms Rache zu nehmen. Sobald Mahtorce und seine Leute merkten, daß die Fremden ans sie zukamen, zogen sie sich auf eine Erdhöhe zurück, von welcher sie eine ungehinderte Uebersicht auf die ganze Strecke der offenen Gefilde, worauf sie standen, haben konnten. Hier schien der Dahcotah Posto fassen, und seine Einrichtungen treffen zu wollen. Er hatte, wie sich's denken läßt, nicht ermangelt, ans dem Rückzuge den Wildsteller mitznnehmen. Middleton mit seiner Partei folgte in beobachtender Weite, und hielt ebenfalls auf der Anhöhe Stand, auf einem Punkte, wo er sich den kriegerischen Sioux verständlich machen konnte. Die Squattersamilie suchte gleichfalls eine günstige Stellung, wiewohl in weit größerer Entfernung. Jetzt glichen die drei Gruppen eben so viel Flotten zur See, mit ausgelcgten Topsegeln und der gehörigen Vorsicht, um 305 zu rekognosciren, wer von den gegenüberliegenden zu Freund oder Feind gerechnet werden könne. In diesem schwebenden Augenblick rollte Mahtoree's dunkles, drohendes Auge von einer Partei zur andern, ihre Bewegungen schnell und kühn untersuchend; dann warf er es verächtlich und trocken auf den Alten, und sprach mit tiefem, bittern Hohn: „Die Lang-Meffer sind Thoren! Es ist noch leichter, den Kaguar schlafend zu überfallen, als einen blinden Dahcotah zu Puden. Dachte der Graukopf auf dem Pferde eines Sioux zu reiten?" Der Wildsteller hatte inzwischen Zeit zur Besinnung und Sammlung gewonnen; schnell wieder zu sich gebracht, erklärte er sich die Sache. Middlcton nämlich war den nacheilenden Jsmael und seinen Trupp gewahr geworden; lieber als sich der Behandlung und Rache des Squatters auszusehen, hatte er sich der Gastlichkeit der Wilden anvertrauen wollen. Aus eben diesem Grunde bereitete der alte Jäger die Bahn zum freundschaftlichen Empfang der Seinigen, denn (dachte er) diese an sich unnatürliche Verbindung ist der einzige Ausweg, ihnen die Freiheit und vielleicht das Leben zu erhalten. „Ist mein Bruder auf den Kriegspfad gegangen gegen mein Volk?" fragte er mit ruhiger Stimme den unwilligen Häuptling, der immer darauf zu warten schien, daß Jener zuerst spräche. Die finstere Miene des Tetons verlor in diesem Augenblick so viel von ihrer Strenge und Härte, daß ihre Wildheit sogar in einen Zug des Triumphs und der Freude überging. Er schlug mit dem Arme einen vollständigen Kreis um sich, und gab zur Antwort: „Wo ist der Stamm, wo ist die Nation, welche die Streiche der Dahcotahs nicht gefühlt hätte? Mahtoree ist ihr Anführer." „Hat Mahtoree die Lang-Meffer als Weiber, oder hat er sie als Männer behinden?" Eine Menge wilder Leidenschaften schienen, im Kampf mit einander, sich auf dem rothdraunen Angesichte des Indianers zu Die Prairie. 2V 306 entwickeln, als er die Frage vernahm. Im ersten Augenblicke zeigte sich ein unanslöschlicher Haß, als wolle dieser die Oberhand behaupten; bald aber erfvlgte ein edlerer Ausdruck: ein besseres Abbild des Charakters eines wahren, tapfern Kriegers bemeisterte sich seiner Zuge, und blieb ans ihnen zuriick, als er das leichte Gewand der bemalte» Hirschknhhant znrückschlagend, und ans die Narbe einer Bajonettwunde ans der Brust hinweisend, sagte: „Sie ward zugleich gegeben und empfangen, Mann gegen Mann." „Genug. Mein Bruder ist ein tapferer Häuptling, aber nun sei er auch ein einsichtsvoller. Schau er her; ist jene Gestalt ein Krieger der Bleich-Gesichter? War es solch'Eine, die den großen Dahcotah verwundete?" Die Augen Mahtorce's folgten der Richtung des Armes, welchen der alte Jäger ansgestreckt hatte, und so gelangten sie auf die schmachtende Figur der Juez. Der Blick des Tetous heftete sich lange und bewundernd auf die schöne Gestalt. Dem des jungen Pawnee ähnlich, war es mehr der Blick eines Sterblichen, auf ein himmlisches Bild gerichtet, als ein gewöhnliches Zeichen der Bewunderung, mit welcher ein Mann den Reizen einer schönen Frau zu huldigen pflegt. Plötzlich erwachend, wie Jemand, der sich seines Selbstvergeffens bewußt wird, wendete der Häuptling den Blick von Jncz auf Ellen, hier länger und mit einem verständlicher» Ausdruck der Bewunderung verweilend. Von da gleiteten dann seine Augen weiter ab, und hielten über dem männlichen Theil des Trupps genaue Heerschau. „Mein Bruder sieht, daß meine Zunge nicht gespalten ist," fuhr der Wildsteller fort, den Bewegungen des Andern mit einer Wachsamkeit folgend, welche dem Scharfblick Jenes nicht nachgab. „Die Lang-Messer senden ihre Weiber nicht in den Krieg. Ich bin überzeugt, der Dahcotah wird mit diesen Fremden rauchen." „Mahtorcc ist ein großer Anführer. Die Lang-Messer sind ihm willkommen," sagte der Teton, die Hand auf die Brust legend, 307 mit einer Art leichter Höflichkeit, welche jedem Stande im geselligen Leben Ehre machen würde. „Die Pfeile meiner jnngen Männer bleiben in ihren Köchern zurück." Jetzt winkte der Jäger Middletvn zn, näher zn kommen, und in wenig Momenten waren beide Parteien in Eine geschmolzen. Die Männer wechselten die Hände nach Art der Krieger in den Prairien. Aber dieses wechselseitigen freundschaftlichen Empfangs ungeachtet, ließ der Dahcotah die Vorsicht nicht ans den Augen, stets nach der zweiten, entferntem Gruppe der Weißen hinzuschauen, als besorge er eine arge Kriegslist, oder sei ans eine nähere Erklärung begierig. Dies; entging dem Wildsteller nicht; er sah die Nothwendigkeit ein, weitere Aufschlüsse zn geben, um des kleinen, noch nnansgemachten Vortheils, den er errungen hatte, nicht verlustig zn gehen. Er gab sich dabei Muhe, den Hansen genauer zn untersuchen, welcher noch immer die Anfangs genommene Stellung behauptete; ihm war Alles daran gelegen, den Geist anfzu- finden, der in demselben vorznwalten schien; das Resultat seiner Beobachtungen ergab, daß Jsmael darauf bedacht war, eine feindliche Stellung anznnehmen, und sich ans einen unverzüglichen Angriff vorzubereiten. Dieses erste Resultat mußte ein zweites zur Folge haben. Der Znstammenstoß in offenem Felde zwischen zwölf entschlossenen Gränzmännern und einem Hansen halbbewaffneter Indianer, selbst von ihm und seinen Begleitern unterstützt, war in den Angen des alten Erfahrenen ein Handel, dessen Ansgang ungewiß und mißlich war. Ohne für seine Person sich dem Kampfe entziehen zu wollen, hielt er es doch seinen Jahren und seiner Gemüthsart für angemessener, das Treffen zn vermeiden, als es herbeiznführen. Eben diese Gründe mußten Paul und Middletvn zu einem ähnlichen Schluß führen, besonders, da diese noch obenein zn bedenken hatten, daß ihnen ein Leben zn erhalten und zn beschützen oblag, thcnrer als das ihrige. In diesem Dilemma be- riethen sich die drei über die Mittel, den schauderhaften Folgen 20 - 308 zu entgehen, welche der erste Ausbruch der Feindseligkeiten von Seiten der Gränzmänner haben könnte. Zugleich aber suchte veralte Jäger dieser Berathnng, die das wachsame Auge so vieler Zeugen ans sich ziehen mußte, durch äußere Zeichen den Anschein zu geben, als beziehe sie sich blos ans die Frage, was diese männlichen und weiblichen Reisenden so tief in die Prairie gebracht haben könne? „Ich weiß," sagte der Wildsteller, sich nach Beendigung der Berathnng wieder an Mahtoree wendend, „ich weiß, daß die Dahcotahs ein weises und großes Volk sind; ist aber unter ihnen ihrem Häuptlinge kein schlechter Einzelner bekannt?" Mahtoree's Auge durchlief stolz die ganze Bande, weilte einen Augenblick, wie mit sich selbst im Streit, ans Weucha, und gab dann znr Antwort: „Der Herr und Gebieter des Lebens hat Häuptlinge, gemeine Krieger und Weiber geschaffen," zu erkennen gebend, daß er dadurch alle Stufen menschlicher Vortrefflichkeit, von der höchsten bis zur niedrigsten, umfasse. „Aber der Herr des Lebens hat auch Bleich-Gcsichter erschaffen, welche schlecht sind. Von dieser Art sind Jene, welche mein Bruder drüben sieht." „Gehen sie zu Fuß, um Böses zn thun?" fragte der Teton, aber mit einem Blick, welcher deutlich zu erkenne» gab, wie bekannt ihm die Ursache sei, weßwegen sie Fußgänger waren. „Ihre Thiere sind dahin. Aber ihr Pulver, ihr Blei und ihr Gepäckc ist noch da." „Führen sie ihre Habe mit sich, wie die erbärmlichen Konzas? Oder sind sie brav, und lassen sie bei den Weibern zurück, wie Männer, welche wissen, wie fle das Verlorne wieder erlangen?" „Sieht mein Bruder den Klanen Fleck quer über der Prairie? So eben leuchtet die untergehende Sonne darauf." „Mahtoree ist kein blinder Maulwurf." 309 „Der Fleck ist ein Fels, und auf dem Felsen liegen die Güter der Lang-Messer." Ein Ausdruck wilder Freude schoß aus den funkelnden Augen des Tetons, als er die Worte hörte. Schnell sich zum Alten hinkehrend, als wolle er in seiner Seele lesen, ob er betrüge, ließ er dann den Blick von ihm abgleiten, überschaute den Trupp Jsmaels und zählte die Köpfe. „Es fehlt ein Krieger," sagte er. „Sieht mein Bruder die Bußaare dort neben dem Dickicht? Hier liegt der Krieger begraben. Sah mein Bruder Blut in der Prairie? Es war das Blut des Kriegers." „Genug; Mahtoree ist ein kluges Oberhaupt. Bringt Eure Weiber hinten ans die Pferde der Dahcotahs; wir wollen weiter sehen, denn unsere Augen sind weit offen." Der Wildsteller verlor keine Zeit in unnöthigen Worten und weiteren Erklärungen. Mit der Raschheit im Handeln der Eingeborenen vertraut, theilte er sogleich den Entschluß des Häuptlings den Seinigen mit. In einem Moment war Paul zu Pferde, und Ellen hinter ihm. Middleton hatte einige Sekunden mehr nöthig, seiner Jnez zu einem bequemen Sitze zu verhelfen. Während der Besorgung kam Mahtoree dazu, als Jnez schon saß, und Middleton eben aufsteigen wollte. Das Pferd war Mahtoree's; der Häuptling schickte sich an, sich ebenfalls anfzuschwingen. Aber der junge Krieger riß den Zügel an sich, und es erfolgten von beiden Seiten furchtbar stolze und hohe Blicke. Keiner wollte weichen. „Niemand," rief Middleton ernst und entschlossen auf englisch, „kommt auf dieses Pferd als ich!" „Mahtoree ist das Oberhaupt," siel der Wilde ein, obschon er nickt verstand, sondern nur errieth, was Jener gesagt hatte. „Der Dahcotah wird zu spät eintreffen," wisperte ihm der Alte in's Ohr. „Siehst du die Lang-Messer nicht? Sie merken 'was, und werden gleich ausreißen." 310 Der Teton folgte der Warnung, überließ das Pferd dem Fremden, warf sich auf ein anderes, und befahl seinen jungen Leuten, ein Pferd für de» Wildsteller zu besorgen. Die abgeseffe- nen Krieger sprangen ihren Brüdern hintenanf. Doktor Battins bestieg seinen .Xsinns, und der kurzen Unterbrechung »»erachtet, saß Alles in weniger Zeit ans, als wir zur Beschreibung nöthig gehabt haben, und war znm Aufbruch bereit. Mahtoree gab das Zeichen. Einige der Bestberittcnen, den Häuptling an der Spitze, machten eine Frontbewcgung, als sei ihre Absicht, anzngreifen. Der Squatter, welcher schon langsamen Abzug begonnen hatte, kehrte nun auch um, und machte Fronte. Anstatt aber sich der Nähe der gefährlichen Flinten der Weißen ansznsetzen, machten die schlauen Wilden eine Seitenschwenkung, ritten im Halbkreise um den Feind, ihn immer in der Erwartung eines nahen Angriffs lassend. Dann aber, ihrer Sache gewiß, erhoben die Tetons ein lautes Geschrei, und schossen über die Prairie in gerader Linie ans den Felsen zu, ans dem kürzesten Weg und fast mit der Schnelligkeit des Pfeiles, der von dem Bogen abschnellt. Einundzwanzigstcs Kapitel. Lass' die Götter aus'm Spiel; mach', daß du gehst! Zähmung einer Widerfpenft. Akt iv. Sc. 4. Aanm hatte Mahtoree die erste leise Andeutung seines Plans gegeben, als schon eine Gcneralsalve der Gränzmänner bewies, wie gut sie ihn begriffen hatten. Jedoch war die Entfernung so groß, und die Schwenkung so schnell, daß ihr Feuer ohne Wirkung blieb. Znm Beweise, wie wenig sich der Dahcotah-Hänptling vor der feindlichen Artillerie fürchtete, beantwortete er sie mit einem lauten Jubel, schwenkte seinen Karabiner um den Kopf, und nmkreisete die Ebene, gefolgt von seinen ausgesuchtesten Kriegern, als Zeichen 4 /, 311 der Verspottung der nnmächtigcn Versuche des Gegners. Während das Hanptkorps in gerader Linie die verabredete Richtung befolgte, schloß sich jenes Elitenkorps, nachdem es dem Feinde diesen Trotz geboten, mit einer Fertigkeit und einer Taktik, welche einem kriegerischen Uebnngsmanövre glich, als Nachtrab wieder an. Salven folgten ans Salven, bis der wüthende Squatter wider Willen den Gedanken anfgab, mit den unzulänglichen Mitteln seinem Feinde Schaden znznfügen. Er schlug nun einen andern Weg ein, verfolgte die Sioux mit möglichster Eile, ab und zu eine Flinte abfenernd, um die Besatzung, welche er dieses Mal unter die Befehle der furchtbaren Esther gestellt hatte, gehörig zu allarmiren. Ans diese Weise dauerte die Jagd einige Minuten, doch so, daß die Reiter allmählig einen Vorsprung gewannen, obschon ihre Verfolger zu Fuß mit unglaublicher Kraft ihnen auf den Fersen zu bleiben sich anstrengten. Schon sammelten sich die Abendncbel am östlichen Saume der Prairie, und ehe noch die Sioux die Hälfte des Weges erreicht hatten > waren die deutlichen Umrisse des Felsens in den Dunst der Niederungen gesunken. Dieser Umstand war dem Häuptling um so gleichgültiger, da er seinen Plan mehr zu begünstigen, als zu hindern schien. Er ritt nun an der Spitze der Schaar, gleich dem Hunde, der die Witterung nicht verlieren will; nur daß er weniger eilte, weil seine Pferde und Reiter nicht in Reih' und Glied geblieben waren. Jetzt schien dem alten Manne der Augenblick gekommen zu sein, seinen Entwurf zur Reife zu bringen. Er ritt an Middleton heran, und sprach auf englisch zu ihm: „Es läuft hier ans ein diebisches Geschäft hinaus, woran ich nicht gern Thcil nehmen möchte." „Was ist aber zu thun?" versetzte Middleton in derselben Sprache. „Es würde uns übel bekommen, die Flucht zn versuchen; wir würden in den Nachzng und in die Hände der Verruchten fallen." 312 „Fort, aus den Händen der Verruchten, der Rothe» und der Weißen.... Sieh' dich nicht um, schau' gleichgültig vor dich, stell' dich, als sprächen wir von Diesem und Jenem, von unseren Zauberärzten; oder noch lieber von den Pferden der Tetons. Die Schelme hören es gar zu gern, wenn man ihre Thiere lobt, fast eben so gern, als die thörichte Mutter in den Niederlassungen ihre eigensinnigen Krabben lobpreisen hört. So! klatsche dein Pferd; betrachte den Krimskrams, mit welchem die Rothhäute seine Mähne verziert haben; laß dein Auge Eines sprechen, und deinen Geist ein Anderes. Hör' an; wenn wir es nur klug anfangen, so gibt's ein Mittel, mit Einbruch der Nacht sich davon zu machen." „Ein herrlicher Gedanke!" rief Middleton, der es nicht vergessen konnte, daß Mahtoree seine Jncz mit Augen der Bewunderung betrachtet, und sich sogar derselben als Mitreiter und Beschützer hatte ansdringen wollen. „O Gott, o Gott!" sagte der Wildsteller, „was für ein schwaches Geschöpf ist der Mensch, wenn sich seine Naturgcben in Bücherkram und weibische Sitten erweichen und auflösen! Noch ein solcher zweideutiger Ausruf würde den Kobolden, die rechts und links um uns reiten, deutlich sagen, daß wir ein Komplott machen; eben so deutlich, als wenn wir es ihnen in ihrer eigenen Sprache in die Ohren bliesen. Ei! ei! ich kenne die Teufelskerle ! sie scheinen so unschuldig und unerfahren, als das jüngste Reh; aber es ist Keiner unter ihnen, der nicht sein Auge wie ein Fernrohr aus uns gerichtet hielte, und unsere geringsten Bewegungen beobachtete. Was also geschehen soll, muß mit der größten Vorsicht und Klugheit geschehen, wenn wir ihre Schlauheit täuschen wollen_ So recht, streichle des Pferdes Nacken; lächle, als ob du es lobtest, und neige dein Ohr, daß es keines meiner Worte verfehle. Sei auch darauf bedacht, das Thier nicht zu sehr anzustrengen, denn, obschon wenig mit Pferden bekannt, sagt mir die bloße Vernunft, daß man zu einem weiten, schnellen Ritt ihre Lungen schonen muß. 313 und daß müde Schenkel einen schlechten Renner machen. Paß auf das Signal, wenn du meinen Hektor wirst heulen hören. Das erste Mal bedeutet: Mach' dich fertig! Das zweite: Schiebe dich aus dem Trupp! Das dritte: Fort! . . . Hast du mich verstanden?" „Vollkommen, vollkommen!" antwortete Middleton, vor Ungeduld zitternd, den Plan auszuführen, und den kleinen Arm, der sich um ihn schloß, an sein Herz drückend. „Vollkommen! Nur geschwind! nur geschwind!" „Ei, das Thier ist anch nichts weniger als faul," fuhr der Jäger in der Tetonsprache fort, als ob die ganze Zeit von dem Pferde die Rede gewesen wäre, und zugleich durchschnitt er allgemach den düsteru Haufen, bis er sich an die Seite Pauls gestohlen hatte. Diesem theilte er den Entwurf eben so fein und behutsam mit, als es früher geschehen war. Der lebhafte, unerschrockene Biencnjägcr empfing den Bortrag mit Entzücken, und erklärte sich überdieß bereit, cs mit der ganzen Bande der Wilden aufzunehmen, sollte ein Kampf nöthig sein, zum Ziele zu gelangen; und als nun auch dieses abgemacht war, verließ er den zweiten Verbündeten, und sah sich nach dem dritten Reiter, dem Doktor, um. Dieser, mit unendlicher Anstrengung seiner selbst und seines Hsinus, mar im Mittelpunkt der Sioux geblieben, so lange er besorgen konnte, daß ihn die Kugel» dcr Jsmaeliten erreichen möchten. Sobald aber diese Gefahr abgenommen hatte, oder vielmehr ganz verschwunden war, lebte sein Muth in dem Grade wieder auf, als der seines Langohrs abnahm. Diesem gleichzeitigen, obschon sehr' folgereichen Wechsel war es zuzuschreiben, daß der Reiter und das Reitthier sich jetzt in demjenigen Theile der Bande befanden, welcher eine Art von Nachtrab ausmachte. Dahin lenkte nun der Wildsteller sein Pferd, doch ohne bemerkbare Absicht, und so ganz von ungefähr, um jedem Verdacht zu entgehen. „Freund," sagte er zum Doktor, als er das Gespräch auf eine 314 günstige Weise anspinnen konnte, „würdet Ihr wohl gern ein Dutzend Jahre unter den Wilde» mit geschornem Kopfe und bemalter Haut zubringen, und vielleicht mit einem paar Weibern und fünf oder sechs unerzogenen Kindern auf dem Halse, welche Euch ihren Vater nennten?" „Unmöglich!" rief der erschrockene Naturforscher. „Ich bin im Allgemeinen dem ehelichen Leben abhold, und doppelt abhold jeder Vermischung mit einer Varietät der Speckes, welcbe blos dazu dient, die Schönheit der Natur zu beeinträchtigen, und die Harmonie derselben zu unterbrechen. Ueberdieß sind dergleichen Varietäten eine mühsame und peinliche Neuerung in der Ordnung unserer Nomcnclatnren." „Ei! ei! das sind der Gründe mehr als zu viel, um Euch ein solches Leben zu verleihen. Nähmen Euch aber die Sioux in ihr Dorf auf, so könntet Ihr, so wahr Gott die Sonne auf- und nnter- gehen läßt, von Glück sagen, wenn dieses Eure Bestimmung würde." „Was? mir ein Weib zur Ehe geben, welches nicht mit den Reizen ihrer Speckes geschmückt märe!" erwiederte der Doktor. „Was für ein Verbrechen habe ich denn begangen, um so hart bestraft zu werden? Einen Mann gegen den Trieb seines Willens in das Ehejoch zwingen, heißt der menschlichen Natur Gewalt anthun." „Nun, da ich Euch einmal von Natur reden höre," versetzte der alte Mann, mit einer Bewegung in de» Winkeln seiner tiefliegenden Augen, die er zu verbergen suchte, obschon sie verrieth, daß er in gewissen Fällen guter Laune sein konnte, „so habe ich noch Hoffnung, daß nicht alle Vernunft ans Eurem Gehirn gewichen ist. Aber, um wieder auf die Sioux zu kommen, so werden sie, als ein absonderliches Zeichen ihrer Geneigtheit, und da sie Euch gewiß vorzugsweise Wohlwollen, Euch nicht ein oder zwei, sondern fünf bis zehn Weiber znlegen. O, ich habe zu meiner Zeit Häuptlinge gekannt, die darum der höchsten Achtung genossen, weil sie einen ganzen Harem hatten. 315 „Aber weßwegcn sollten sie diese Rache an mir üben?" fragte der Doktor, dessen Haar sich zn sträuben anfing, und an dessen Leibe jede Fiber zuckte. „Was Hab' ich den Lcnten zn Leide gethan?" „Gar Nichts; im Gegentheil wäre es ein Beweis ihres Wohlwollens. Erfahren sie vollends erst, daß Ihr ein großer, berühmter Medicns seid, so nehmen sie Ench gar in ihren Stamm ans; einer ihrer mächtigsten Oberhäupter gibt Euch seinen Namen, vielleicht auch seine Tochter, vielleicht auch gar eines oder zwei seiner verlassenen Weiber, mit denen er lange gelebt hat, und über deren Eigenschaften er ans Erfahrung Richter ist." „Wolle mich der Regierer und Urheber der Natnrharmonie in seinen allcrgnädigsten Schutz nehmen!" rief der Doktor ans. „Ich mag nicht einmal mit einem einzigen Exemplar eines Ehegespvnses in Verbindung treten; weit weniger mit einem Duplikat, ja Tri- plikat der ganzen Klasse! Lieber will ich Alles versuchen, selbst eine dereinstige Flucht, als daß ich mich der Gefahr einer so gewaltsamen Conjnnetivn anssctze!" „Es liegt Vernunft in dem, was Ihr sagt. Flucht, ja doch, aber warum dereinstige, warum nicht augenblickliche?" Der Naturforscher blickte um sich, als sei er wirklich bedacht, den verzweifelten Entschluß ans der Stelle ansznfnhren; dann aber sah er die dunkeln Gestalten, die um ihn ritten, in seiner Phantasie sich verdoppeln und verdreifachen, und die Nacht, welche sich schon über die Prairie hinzog, verwandelte sich in seinen Angen in den allerhellsten Mittag. „Die Flucht," sagte er, „wäre zn voreilig und schlechterdings vernunftwidrig. Ueberlaßt mich, ehrwürdiger Venator, dem Con- cilinm meiner Gedanken, und sobald meine Pläne hinreichend klas- sificirt sind, will ich Euch das Endresultat mittheilen." „Resultat? Endresultat?" wiederholte der alte Mann, sein Haupt eübas verächtlich schüttelnd, seinem Pferde den Zügel schießen und es in den Trupp der Wilden hinein lassend. „Resolution 316 ist ein besser Wort, als jene. Man spricht davon in den Niederlassungen, nnd bringt es an der Gränze zn Stande." Sich hierauf in der Landessprache an einen finstern Krieger wendend, und zugleich mit dem Ellenbogen nach dem Doktor nnd dem bescheidenen Lsinus hinwinkend, sagte er: „Kennt mein Bruder das Thier, welches das Bleich-Gesicht reitet?" Der Teton sah eine Minute ans den Esel, verschmähte es aber, auf irgend eine Weise nur den kleinsten Theil der Verwunderung, welche der Anblick des seltenen Thieres in ihm nnd seinen Gefährten erregt hatte, lautbar werden zn lassen. Dem Jäger aber war es wohl bewnfit, daß Esel und Maulthiere zwar in den zunächst nach Mexiko gelegenen Stämmen anfingen einheimisch zn werden, aber so weit nördlich, als die La Platte fließt, höchst selten gesehen wurden. Er zog ans diesem Umstande sowohl, als aus dem Bestreben des Wilden, ein Befremden zn verheimlichen, welches das feine Auge des Alten dennoch deutlich in dessen anscheinend gleichgültigen Zügen las, den besten Vortheil, und traf seine Maßregeln darnach. „Hält mein Bruder den Reiter dort für einen Krieger der Bleich-Gesichter?" fragte er, als er glaubte, der Sioux habe gehörig Zeit gehabt, die friedfertigen Züge des Naturforschers zu betrachten. Beim schwachen Sternenlicht wurde der verächtliche Blick, womit der Teton die Frage beantwortete, wie eine aufffackernde Flamme sichtbar. Er rief aus: „Ist der Dahcotah ein Narr?" „Die Dahcotahs sind eine weise Nation. Ihre Angen sind nie geschlossen; um so mehr nimmt es mich Wunder, daß sie den größten Medicns der Lang-Meffer nicht aufgefunden haben." „Wagh!" — brach der Wilde ans; denn länger konnte sich sein Erstaunen nicht halten, und seine ganze mühsam erzwungene 317 Fassung wich der plötzlichen Ueberraschnng, wie ein Blitz die mitternächtliche Wolke zertheilt. „Der Dahcotah weiß," fuhr der alte Schlankopf fort, „daß meine Zunge nicht gespalten ist; mache mein Bruder seine Angen mir weit ans, und er wird einen sehr großen Arzt erblicken." Das wenige Licht des Himmels war nicht erforderlich, dem Wilden die Züge einer so außerordentlichen Gestalt wieder in Erinnerung zu bringen. Den Doktor Battius, seinen An- und Aufzug, sein seltsames Kostüm, hatte gleich Jeder im ersten Augenblick weg. Der Krieger hatte es nicht nur mit seiner Bande, sondern mit allen Indianern gemein, ohne im Aenßern die geringste Neugierde zu verrathen, kein Unterscheidungszeichen, keinen Cha- raktcrzng eines Fremden, wodurch sich Etwas näher bezeichnen ließ, sich entgehen zu lassen. Er hatte das Wesen, den Wuchs, die Tracht, die Züge, die Farbe der Augen und des Haars aller Lang-Messer, welche diesen Abend zu den Sioux gekommen waren, so genau anfgefaßt, daß er schon das Nachgrübcln der Ursache damit verband, welche wohl das Zusammentreffen der so verschiedenartigen Fremden unter sich, und ihr tiefes Eindringen in den Aufenthalt der rothen Bewohner dieser Wildnisse veranlaßt haben konnte. Sckon hatte er die physischen Kräfte und Eigenschaften der Reisenden abgewogen, und ihre körperlichen Fähigkeiten mit ihren muthmaßlichen Absichten verglichen. Krieger wären es nicht (dachte er), denn die Lang-Messer ließen, wie die Sioux, ihre Weiber in den Dörfern zurück, wenn sie auf den Kricgspfad ans- gingcn. Eben diesen Einwnrf machte er sich, sobald er sie für Jäger hätte halten mögen; und selbst als Händler konnte er sich ihre Zusammensetzung nicht erklären. Hiemit waren alle Verhältnisse erschöpft, welche die Weißen bis in die Dörfer der Rothen bringen konnten. Er hatte von einem großen Verein, von einer Versammlung, einer Zusammenkunft gehört, wo die Menahashah oder Lang-Messer der Freistaaten mit den Washfheomantiqua oder Spaniern gebraucht hätten nnd übercingekommen wären, daß die Letzteren ihre unbegreiflichen Rechte über die weitläufigen Strecken nnd Ländereien, in welchen sein Volk so viele Geschlechter und Zeitalter hindurch frei gehaust nnd gelebt hatte, den Erstercn abgetreten hätten. Sein einfacher, beschränkter Geist konnte die Gründe nicht fassen, wodurch sich ein Volk für berechtigt hielt, sich die Oberherrschaft über die Besitzungen eines andern anzn- maßen, nnd sobald der Wink des Wildstcllers an ihn gelangte, war er nicht abgeneigt, zu glauben, auch hier mische irgend eine Zauberkraft sich ein; denn von einer solchen überhaupt war er so ganz überzeugt, daß er sie sogar in dieser Unterredung spürte. Er ließ folglich, im tiefen Gefühle seiner Unwissenheit, alle übrige Bedenklichkeiten fahren, schloß sich dem alten Manne fest an, streckte die Arme nach ihm ans, als ergäbe er sich ihm auf Gnade und Ungnade, nnd sprach: „Lasse mein Vater seine Blicke ans mich fallen. Ich bin ein wildes Kind der Prairie; mein Körper ist nackt, meine Hände sind leer, meine Haut roth. Ich habe die Pawnee's, die Kvnza's, die Omahaw's, die Osage's nnd selbst die Lang-Mcsser geschlagen. Ich bin ein Mann unter den Kriegern, aber ein Weib unter den Zauberern nnd Beschwörern. Mein Vater spreche: die Ohren des Tetons sind offen. Er horcht wie ein Neh ans den Tritt des Kagnar." „Also sind die weisen nnd unersorschlichen Wege ves Einzigen beschaffen, welcher Gutes vom Bösen unterscheiden kann!" rief der Jäger ans englisch ans. „Den Einen erthcilt er Verschlagenheit nnd List, den Anderen Mannhaftigkeit nnd Kraft. Ist es nicht demiithigend, ist es nicht betrübend, ein so edles Geschöpf, wie dieses, welches so manchen blutigen Kampf gesuchten, zu sehen, wie es vor dem Götzen des Aberglaubens kriecht, wie ein Bettler, welcher um Knochen fleht, die man nur Hunden vorwerfen möchte? Verzeihe mir Gott, wenn ich mit der Unwissenheit des Wilden 319 mein Spiel treibe. Er weiß, daß ich cs nicht thne, nm des Armen zn spotten, oder mich selbst zn erheben; sondern nm Menschenleben zn retten, nm den Unterdrückten Recht zn verschaffen, nnd die Teufeleien des Bösen zn Schande zn machen t — Teton (sich wieder ans indianisch an den Teton wendend), ich frage dich noch einmal, ist Jener da nicht ein wnndcrvvller Zanberarzt? Thnn die Dahcotahs nicht wohl nnd weislich daran, wenn sie dieselbe Luft mit ihm nicht einathmc», wenn sie sein Gewand nickst berühren? Wisse» sic nicht, daß der Wahconshecheh (der böse Geist) seine Ander in Schlitz nimmt, nnd denen nicht wohl will, die ihnen Uebles thnn?" Der alte Mann sprach diese Worte mit einem so ominösen nnd sententiösen Tone, daß sie den tiefsten Eindruck machen mußten. Dann ritt er etwas ab, als habe er genug gesagt. Der Erfolg bewies, daß er seinen Zweck nicht verfehlt hatte. Der Krieger, dem er die geheimen Winke gegeben, siinmte nicht, sie dem übrigen Haufen des Nachtrabes mitzntheilen, so daß in wenig Augenblicken Alles ans den Doktvr mit Aufmerksamkeit nd Ehrerbietung hinsah. Der Wildstellcr, dem es bewußt war, daß die Indianer vor Allem suchen, den bösen Geist zn besänftigen, nnd ihn sich günstig zn machen, wartete mit der Ruhe nnd Kaltblütigkeit eines ganz Gleichgültigen den Erfolg seiner List ab. Er brauchte nicht lange zu warten; eine schwarze Gestalt nach der andern trieb ihr Pferd an, eilte in vollem Galopp nach dem Mittelpunkt der Bande, nnd zuletzt befand sich nur noch Wencha nnd er selbst in der Nähe des Doktors. Jenen hielt nur noch die stumpfsinnige, träge Bewunderung, womit er ans den vermeinten Wundcrarzt nnd Zauberer blickte, zurück, nnd machte ihn znm letzten Hindernis;, welches dem Wildsteller wegznränmen übrig blieb. Er kannte seinen Mann aus dem Grunde, und verlor keine Zeit, seiner los zn werden. An ihn heran reitend, flüsterte er ihm in's Ohr: 320 „HatWeucha heute von der Milch der Lang-Messer getrunken?" „Wagh!" — rief der bestürzte Wilde, welchen die Frage plötzlich aus seiner Dumpfheit schüttelte, und vom Himmel auf die Erde zurückbrachte. „Es ist mir," fuhr der Alte fort, „weil der große Anführer seines Volks, welcher an der Spitze reitet, eine Kuh hat, welche nie trocken steht. Ich bin gewiß, es vergehen keine zwei Minuten, so wird er rufen: Sind keine meiner Brüder durstig?" Kaum waren die Worte heraus, als schon Wcncha auf und davon war, um nicht der Letzte zu sein, und sich Hem dunkeln, langsamer reitenden Trupp vor ihm anschloß. Der Jäger aber, dem es nicht unbewußt war, wie schnell wandelbar das Gemüth des Wilden ist, verlor keinen Augenblick, seinen Vorthcil zu benutzen. Er ließ die Zügel schießen, und war sogleich wieder beim Doktor. „Seht Ihr," sagte er, „den funkelnden Stern dort, ungefähr vier Flinten hoch über dem Horizont der Prairie, hier herum, nach Norden?" „Ja doch, in der Constellation. . . ." „Geht mir mit Euren Stellatiouen, und sagt mir auf gut englisch, mit Ja oder Nein, seht Ihr den Stern, den ich meine?" „Ja." „Nun, so Hort weiter. Im Augenblick, wo ich Euch den Rücken kehre, haltet Euren Esel an, bis Euch die Wilden aus den Augen sind. Dann überlaßt Euch der Gnade Gottes, und der Leitung des Sterns. Weicht weder zur Rechten noch zur Linke», verliert keinen Augenblick; Ihr wißt, Euer Thier ist keines von den Fleißigsten, und jeder Zollbreit der Prairie, den Ihr hinter Euch laßt, ist ein Gewinn für Eure Freiheit und für Euer Leben." Ohne die Frage abzuwarten, die der Naturforscher schon auf der Zunge hatte, jagte der alte Waidmann davon, und war in einem Augenblick mitten unter den Reitern in der Fronte. 321 „ObedBatt war mm allein mit seinem Esel. Das Thier gehorchte dem Zügel, den sein Herr, mehr ans Desperation, als nm die Weisung, die er von dem Alten erhalten nnd kaum verstanden hatte, zu befolgen, anhielt. Es ging also nur Schritt, nnd da die Tetons im kurzen Galopp vorwärts ritten, so waren ein paar Minuten hinreichend, sie dem Doktor ans dem Gesichte zu bringen. Das Erste, was dieser that, als er wieder zur Besinnung kam, war, nachzusehen, ob die Bündel nnd Packete, welche die armseligen Reste seiner Sammlungen nnd Aufzeichnungen enthielten nnd hinten im Sattel lagen, noch da wären; dann drehte er, ohne andern Plan nnd Gedanken, als seinen gefährlichen Nachbarn zu entkommen, sein Thier nach der besprochenen Richtung hin, nnd nun stieß er cs, mit einer Art blinder Wnth, in die Rippen, nm seine Flucht so sehr als möglich zu beschleunigen. Kaum hatte er aber so viel Zeit gewonnen, als nöthig war, eine Anhöhe hinab, und die folgende hinanfznjagen, als er mehr als zwanzig Tetvnskehlen seinen Namen ans gut Englisch rufen hörte, oder zu hören glaubte. Die Täuschung verdoppelte die Kraft und die Takte seiner Fersen, so daß kein Professor der edeln Tanzkunst bessere Chafföes mit den Beinen hätte machen können, als unser Naturforscher mit den Rippen seines ^sinns. Der Tanz dauerte mehrere Minuten ohne Unterbrechung, nnd würde vielleicht, allem Anschein nach, bis ans diesen Augenblick gedauert haben, hätte nicht das weniger aufgeregte Becst die Behandlung unziemlich gefunden. Bon der Art nnd Weise, wie sein Herr die Bewegungen seines Innern äußerte, entlehnte das Thier den Gedanken, auch seine Beine in Bewegung zn sehen, nur ans eine andere Art nnd Weise. Er hob nämlich beide Hinterfüße zugleich, die Handlung mit einem kräftigen Schrei begleitend, in die Höhe, ein Entrechat, das den Streit ganz zn seinem Vortheil entschied. Obed, aus dem Sattel gehoben, konnte sich nicht schwebend in der Luft erhalten; verließ aber im Stürzen die ihm vorgeschriebene Richtung nicht, während der Lsinus, wie Die Prairie. 21 322 ein Sieger und Eroberer, das Schlachtfeld behauptete, und zum Beweise seines Triumphs das dürre Gras zu weiden anfiug. Kaum war Doktor Battius wieder auf den Beinen, »ud im Besitz seines Kopfes, welcher durch die schleunige Veränderung seiner gewöhnlichen Lage in ziemliche Verwirrung gerathen war, als er nach seinen Sammlungen und seinem Esel suchte, ^sinus zeigte sich grosimüthig, ließ allen Groll fahren, den Doktor wieder aufsitzeu, und Beide setzten die Reise fort, Letzterer mit eben so großer Betriebsamkeit, aber mit weniger Hitze und Fersenbe- rcdsamkcit. Inzwischen hatte der alte Jäger keine der wichtigen Bewegungen, deren Uebersicht er auf sich genommen, aus der Acht gelassen. Obed Batt hatte nicht ganz Unrecht gehabt, als er zu vernehmen glaubte, er werde vermißt und gesucht, obschou seine erhitzte Einbildungskraft gewisse Schrcitöne der Wilden in seinen schönen latinisirten Namen Medieus Battius nmgeschaffen hatte. Die Wahrheit war diese: Die Krieger im Nachtrabe hatten die Krieger in der Fronte von dem mysteriösen Charakter benachrichtigt, welchen es dem Wildsteller beliebte, dem nichts davon ahnenden Doktor beizulcgen. Eben die dumme Bewunderung, welche Jene von hinten nach vorne zu getrieben hatte, trieb nun Diese von vorne nach hinten. Sic fanden den Doktor nicht mehr, und ihr Lärmen nnd Schreien war nichts anders, als das wilde Geheul nnd Jauchzen der in ihrer Erwartung Betrogenen. Aber Mahtorce's Ansehen kam schnell dem einen Ausweg suchenden Wildstellcr. zu Hilfe, und machte dem gefährlich werdenden Geschrei ein Ende. Nach wiedcrhcrgestellter Ordnung, nnd als der Häuptling erfahren hatte, weßwcgen seine jungen Leute sich so laut und ungebührlich betragen hatten, las der Alte, der ihm jetzt zur Seite ritt, mit Besorgnis; den Ausdruck des Mißtrauens in seinen flammenden Blicken. „Wo ist Euer Beschwörer?" fragte Mahtoree, sich kurz und schnell zu dem Jäger wendend, in einem Tone, der ihn verantwortlich machen sollte. „Kann ich meinem Bruder die Anzahl der Sterne angebcn? Die Wege eines großen Arztes sind nicht wie die Wege anderer Menschen." „Gib Acht, alter Kopf, ans meine Worte, und zähle jedes derselben," fuhr Jener fort, sich über seinen großen Sattel biegend, wie ein wohlerzogener Ritter, aber dabei im hohen Tone der unbeschränkten Gewalt sprechend: „Die Dahcotahs haben kein Weib zu ihrem Führer gewählt. Wenn Mahtvree die Macht eines großen Arztes fühlen wird, wird er zittern, nicht eher; bis dahin aber will ich ihn mit Angen sehen, »nd nicht höre», was ein Bleich-Gesicht von ihm spricht. Ist Euer Beschwörer nicht morgen früh mit seinen Freunden hier, so sollen ihn meine jungen Leute aufsnchen. Eure Ohren sind offen. Genug dann!" Dem Wildsteller mar die gegebene längere Frist nicht unlieb. Er hatte schon früher Gelegenheit gefunden, zu bemerken, daß der Tetou-Chef einer von Denen war, deren kühner Geist die Schranken überspringt, welche Gewohnheit und Erziehung den Meinungen der Menschen in jedem Stande des geselligen Lebens entgegenstellen. Die Rede des Häuptlings bestätigte ihn von Neuem in dieser Vermuthung, so daß er voranssah, er würde einen schwerer» Stand mit ihm zu bestehen haben, als mit seinen Begleitern, und nicht so leichten Kaufs von ihm abkommen. Aber das plötzliche Sichtbarwerden des Felsens, welcher mitten durch die Finsternis; sich in seiner schroffen holprigen Gestalt zeigte, machte dem peinlichen Verhör mit Einemmalc ein Ende. Mahtvree überließ sich von nun an ganz der Ausführung seiner Anschläge auf die übrige fahrende Habe des Squatters. Ein freudiges Gemurmel durchlief die Reihen, sobald sie die erste Ansicht des erwünschten Zieles erhielten; dann erstarb das Geräusch, und die leisen Tritte auf dem Grase war Alles, was sich hören ließ. 324 Dennoch konnte Esthers Wachsamkeit nicht getäuscht werden. Schon lange hatte sie ans den verdächtigen Schall gehorcht, der von der Wildnisi her dem Felsen näher kam; auch mar das plötzliche Gemnrmel bei Entdeckung des Felsens den äußern Schildwachen nicht entgangen. Den Wilden, welche in einer kleinen Entfernung abgestiegen waren, blieb nicht so viel Zeit übrig,, ans ihre gewohnte leise, stumme, lauernde Weise den Fuß des Felsens zu umgehen, als schon die Stimme der Amazone die Stille des Orts unterbrach, und unerschrocken rief: „Wer ist unten? Antwort! oder es gilt euer Leben. Sioux oder Teufel, gleichviel; ich furchte euch nicht!" Ans diesen Aufruf erfolgte keine Antwort. Jeder Krieger blieb unbeweglich anf seiner Stelle, in der Gewißheit, daß er sich in das Dunkel des Gefildes verliere. Diesen Moment wählte und bestimmte der Wildsteller zur Flucht. Er und seine Begleiter waren der Aufsicht Derer anvertrant morden, welche die Pferde zu bewachen hatten, und da die fünf Fremden nicht abgestiegen waren, schien der Augenblick günstig. Die Aufmerksamkeit der Hüter mar auf den Felsen gerichtet, und überdies; verdeckte ein dunkles Gewölk, das über sie hinzog, das schwache Sternenlicht. Sich vorn überlegend, murmelte der alte Mann vom Pferde herab die Worte: „Hund! wo ist mein Hund? mein Hektor? wo bist du, Alter?" Der Hund vernahm die wohlbekannten Laute, und beantwortete sie mit freundlichem Gewinsel, woraus beinahe ein durchdringender Laut entstanden wäre. Als sich der Wildsteller nach diesem ersten Signal wieder in die Höhe hob, fühlte er Weucha's Arm, der ihn bei der Gurgel griff, als wolle er kurzen Prozeß mit Dem machen, der das nothwendige Schweigen unterbräche, und ihm die Kehle zuschnüren. Diesen Umstand benutzend, gab der Alte einen zweiten leisen Ton von sich, wie Einer, der nicht schreien, nur athmen wollte; auch dieser Ton wurde vom getreuen Hunde winselnd beantwortet. Jetzt sprang Weucha von dem Alten ab, nm an dem Hunde volle Rache zn üben. Aber eben ljetzt auch wurde Esthers Stimme von Neuem vernommen, und Weucha lies; Hektvr'n los, nm zu hvrchen. „Mögt ihr doch," rief Esther mit schallendem, verächtlichen Lachen, „heulen und winseln und eure Stimme verstellen, ihr Nachtkobolde; ich kenne euch! Wartet; ihr sollt bald Licht haben, und eure Höllenthat beleuchtet sehen. Kohlen her, Phöbe, Kohlen her; Vater und die Jungen sollen sehen, das; man sie zu Hause begehrt, ihre Gäste zu empfangen!" Noch sprach sie, als ein starker Lichtpunkt, gleich einem glänzenden Stern, auf der höchsten Spitze des Felsens sichtbar wurde. Bald entwickelte er sich zu einer gespaltenen Flamme, welche in Einem Augenblick das ringsum ansgestapelte dürre Dtranchwerk ergriff, dann wie eine dichte Feuerwaffe sich hin und her wogend emporloderte, und einen so Hellen Glanz von sich warf, daß alle Gegenstände in der Nähe davon beleuchtet wurden. Ein Hohngelächter ließ sich von der Platte hören, in welches die kleinsten Kinder mit einfielen, wie in einem Triumph über die Entdeckung der Anschläge der Tetons. Der alte Jäger sah sich um, damit er sich von der Lage und Achtsamkeit seiner Gefährten überzeuge. Den Signalen getreu, hielten Middleton und Panl etwas abseits, und machten sich fertig, beim dritten gegebene» Zeichen die Flucht anzutreten. Hcktor, der sich von seinem Würger losgeinacht hatte, lag wieder unter den Füßen des Pferdes bei seinem Herrn. Indessen hatte der Feuerkreis an Kraft und Ausdehnung zugenommen, und der alte Mann, dessen Auge und Verstand ihn so selten im Stich ließen, wartete auf einen günstigen Augenblick für das mißliche Unternehmen. „Ans! Jsmael, ans! mein Mann! jetzt ist es Zeit, wenn Auge und Arm noch immer die alten sind, jetzt ist es Zeit, dich über die Rothhänte herzumachen, und die Schelme zn bearbeiten, die dich 326 deiner ganzen Habe, deines Weibes und deiner Kinder berauben wollen! Jetzt, mein guter, lieber Mann, zeige, wer du bist, und was du vermagst!" Ein fernes Geschrei ließ sich in der Richtung hören, von wannen die Familie des Squatters erwartet wurde, und gab der weiblichen Besatzung die Gewißheit des baldigen Entsatzes. Esther beantwortete den Zuruf mit einem gellenden Schrei, und bog sich zugleich, den Freunden ihre Gestalt bemerkbar zu machen, und im Selbstvergessen der Freude, über die äußerste Felsenspitze weg, so daß sie allen Sioux unten sichtbar wurde. Damit nicht zufrieden, daß sie ihre Person in augenscheinliche Gefahr brachte, druckte sie zugleich den nahen Triumph mit ausgestrecktcn, znsammenschlagenden Armen ans, als plötzlich Mahtoree's dunkler Koloß zwischen dem Feuer und ihr hervorschoß, sic ergriff, und ihr die Arme hinten zusammenschnürte. Die Gestalten dreier anderer Krieger glitten quer über die Terrasse hin, eben so vielen nackten Teufeln gleich, welche in den Wolken flattern. Sie rissen die Feuerbrände auseinander, dämpften die Flamme, und es erfolgte eine Dunkelheit, nicht unähnlich der, wenn die letzten Strahlen der erblassenden Sonne von der vorgeschobenen Mondscheibe der Erde entzogen werden. Jetzt erhoben die Wilden ein Siegsgeschrei, auf welches ein lautes Geschrei Hektors erfolgte. Im selben Augenblick war auch schon der Wildsteller zwischen Paul und Middleton, und griff zugleich nach beiden Zügeln, um der Ungeduld der Reiter zu wehren. „Sachte, sachte!" flüsterte er. „Für eine Minute sind ihre Angen wunderbar geschlossen, als hätte der Herr sie mit Blindheit geschlagen, aber ihre Ohren sind offen. Sachte, sachte! Fünfzig Ruthen lang sachte geritten, wenigstens nur Schritt!" Die folgenden fünf Minuten schienen Allen, nur nicht dem Jäger, eine Ewigkeit. Inzwischen schien es ihnen, als ob das Dunkel sich verzöge, und es erfolgte eine Helle, wie am vollen 327 Mittage. Jetzt ließ der Alte zu, daß die Pferde allmählig sich schneller entfernten, bis sie die Mitte eines der Prairie-Gründe erreicht hatten. Dann aber, auf seine ruhige Weise in sich lachend, ließ er ihnen die Zügel los und sagte: „Nun laßt die Pferde laufen, Alles, was sic können; reitet aber immer auf trockenem Grase, damit wir nicht gehört werden." Man kann sich verstellen, wie gern sie dem Rathe folgten. Nach wenigen Minuten hatten sie die Höhe der ersten Erdwelle erstiegen nnd hinter sich gelassen, worauf es im gestreckten Galopp weiter ging, doch so, daß sie den vorgezeichneten Stern so wenig aus den Angen ließe», als die von Wind und Wellen geängstigte Barke, welche dem Lenchtthnrme znstcnert, der sie in den sichern Hafen einführen soll. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Sonne Glanz, der Wolken Schatten, Die einst sein Haupt umkreiset hatten. Verbargen sich dem nächtlich stillen Blick, Nnd ließen keine Hpur von ihrer Flucht zurück. Montgomery. Die Flüchtlinge beobachteten die tiefste Stille, derjenigen gleich, welche auf den finsteren Gefilden herrschte, auf welchen sie forteilten, nnd horchten, ob sie vielleicht etwas ans der Gegend, die sie verlassen hatten, vernehmen möchten. Vergebens strengte der alte Jäger seine ganze Aufmerksamkeit und alle seine Geisteskräfte an, um eines oder das andere Zeichen anfzufassen. Insonderheit war ihm daran gelegen, irgend ein Geräusch zu entdecken, zum Beweise, daß die Sioux mit den Söhnen Jsmaels handgemein geworden. Aber die Pferde hatten sie schon so weit gebracht, daß kein Schall an sie gelangen konnte. Mißvergnügt über das Ausbleiben aller Belehrung, drückte der Wildsteller zwar durch leises Gemurmel den Zustand seines Gemüths ans, doch nur in so fern, 328 als seine Aengstlichkeit die Besorgniß der Einholung zu erkennen geben, und dazu dienen sollte, die Flucht je mehr und mehr zu beschleunigen. Unterwegs hatte er seine Gefährten ans die wüste Stelle aufmerksam gemacht, welche der Familie des Squatters, in der ersten Nacht, die sic mit dem Leser bekannt gemacht, zur Lagerstätte gedient hatte. Von da an aber beobachtete er ein ominöses Schweigen, ominös, denn cs bewies den Anderen, die mit seiner Gemüthsart bekannt waren, das; sein Geist arbeitete und das; folglich die Umstände, die seine Ruhe störten, kritischer Art sein müßten. Middleton war der Erste, der ihn nach Verlang einiger Stunden anredete. Die Besorgniß, verlange, ungewohnte Ritt möchte seine Jnez und Ellen zu stark angreifen, bewog ihn dazu. „Ich dächte, wir hätten des Guten genug gethan. Wir sind scharf geritten, und haben eine gute Strecke Weges gemacht. Wäre es nickt Zeit, einen Ruheplatz zu suchen?" „Ja, den müßt Ihr im Himmel suchen, wenn Euch die Kräfte zu einem längeren Marsche ansgehen," murmelte der Alte. „Wäre es zwischen den Sioux und dem Squatter zum Gefecht gekommen, wie Alles im gewöhnlichen Lause der Dinge es so mit sich zu bringen schien, so würden wir uns vielleicht nach einer stillen Lagerstätte Umsehen, und diesen Tag nicht nur für einen der wichtigsten und gefährlichsten, sondern für einen der glücklichsten unseres Lebens anschen können; so aber, wie die Sachen stehen, würde ich ans gewissen Tod oder ewige Sklaverei rechnen, wenn wir unsere Angen znm Schlafe schließen wollten, ehe unsere Köpfe hinlänglich geborgen wären." „Ich sollte nickt meinen," erwiederte der ungeduldige Jüngling , mehr auf die Leiden des zarten und gebrechlichen Wesens bedacht, das sich ihm anvertrant hatte, als auf die Erfahrung des Alten etwas gebend. „Ich sollte nicht meinen. Wir sind so manche Meile geritten; ich sehe nicht den mindesten Anschein von 329 Gefahr, und wenn Ihr, guter Freund, für Euch selbst besorgt seid, so erlaubt mir, Euch zu sagen, daß Ihr ohne Noth . . . ." „Wäre Euer Großvater am Leben, und hier," unterbrach ihn der alte Mann, die rechte Hand ansstreckend, und den Zeigefinger auf Middlctons Schulter legend, „er würde nicht also gesprochen haben. Er hatte einigen Grund, zu glauben, daß im Frühling meiner Tage, mit Angen schärfer als das Falkenange, mit Beinen so schnell, als die des Damhirsches, ich mich nie mit Eifer und Liebe an das Leben geklammert habe. Warum sollte ich denn jetzt eine kindische Neigung für Etwas hegen, was ich für eitel erkenne, und für den Gefährten der Mühe und Sorge ansehe? Laß die Tctons ihr Aenßerstcs thn»; sie werden nicht finden, daß der in Elend und Mühseligkeiten abgenutzte Wildsteller der Mann ist, der am lautesten klagen und beben wird." „Verzeihung, mein würdiger, mein unschätzbarer Freund," rief der reuevolle junge Mann aus, seine Hand ergreifend, welche Jener sich schon anfchickte, znrückznzichen; „ich wußte nicht, was ich sprach, oder besser zu sagen, ich dachte nur an die, der die ganze Zärtlichkeit meines Herzens gehört." „Genug; das ist Natur, und auch recht. In diesem Punkt würde Euer Großvater eben so gehandelt haben. Ach! Ach! wie viele Jahre sind in Hitze und Kälte, in Dürre und Nässe, über meinen alten Kopf vorübergervllt, seit der Zeit, wo wir unter den rothen Hnronen der großen See'n, und dann in den schroffen Gebirgen des alten Jork mit einander gelebt haben! Seitdem ist mancher edle Bock von meiner Hand gefallen, ach, und mancher diebische Mingo dazu! Sagt mir doch, hat der General — denn General hat er gewiß sein und werden müssen — hat er Euch von dem Hirsch erzählt, den wir in der Nacht fingen, als die Aufpasser des verfluchten Stammes uns verfolgten, und in die Höhlen der Insel trieben, und wie wir da aßen und tranken und geborgen waren?" 330 „O ja, oft habe ich ihn von der Nvth dieser Nacht erzählen gehört, die Ihr im Sinne habt; aber . . . ." „Und der Psalmensänger David, und seine immer offene Kehle, und seine Liederklänge mährend des Gefechts," fuhr der alte Mann fort, freudig und innerlich über die Stärke seines Gedächtnisses lachend. „Alles, Alles! er ließ keinen Umstand, selbst nicht den kleinsten, ans. — Solltet Ihr nicht . . „Was? auch vom Kobold erzählte er Euch, hinter dem Baumstamm? Und vom verfluchten Teufel am Wasserfall? und vom armen Teufel, der au der Eiche hing?" „Alles, Alles im kleinsten Detail") — Ich sollte meinen_" »Ja," fuhr der alte Mann in einem Tone fort, welcher ver- rieth, wie tief sein Geist den Eindruck der Ereignisse nach einer so laugen Zeit bewahrt hatte, „ja, ich bin siebzig Jahr ein Wald- und Wildniß-Bcwohner gewesen, und wenn Jemand behaupten kann, die Welt zu kennen, oder sich auf die Narben der Zeit zu verstehen, so bin ich's. Aber nie, weder vor- noch nachher, habe ich einen sterblichen Menschen in einer so verzweifelten Lage gesehen, als jenen Wilden! und doch verschmähte er, ein Wort, einen Laut, einen Schrei von sich zu geben, und überfein nahes, unvermeidliches Verderben zn jammern! Dicß ist nun einmal die Gabe der Wilden, und jener behauptete edclmnthig seine Natur!" „Hört, alter Wildsteller," unterbrach ihn Paul, welcher bis dahin in der Freude darüber, daß Ellens Arm sich um ihn schlang, gegen seine Gewohnheit schweigend fvrtgeritten war; „bei Tage sind meine Augen so scharf, sicher und fein, wie die eines Honigsaugers; aber bei Sternenlicht taugen sie nichts. Sagt mir, ist, was da auf dem Boden liegt und sich bewegt, ') Wer den letzten Mohikan. wo der alte Wildsteller als Jäger und Kundschafter austritt, gelesen hat, wird diese Anspielungen leicht verstehen. 331 ein kranker Büffel oder ein Stück Vieh, das sich von den Wilden verlaufen hat?" Der ganze Trupp lenkte ein, den bezeickneten Gegenstand näher zu betrachten. Bis dahin waren sie größtentheils längs der schmalen Niederungen geritten, um besser verborgen zu bleiben; eben jetzt hatten sie zufällig eine Anhöhe erreicht, von der Paul'» das unbekannte Wesen sichtbar geworden war. „Kommt mit mir herab," sagte Middleton, „sei es Thier oder Mensch; wir sind stark genug, und brauchen uns nicht zu fürchten." „Wäre es nicht eine moralische Unmöglichkeit," rief der Alte, der sich hier im Worte vergriff, „wäre es nicht eine mora- ralischc Unmöglichkeit, so würde ich den Klumpen dort für den Mann halte», der auf die Schlangen- und Jnsektenjagd ansgeht, für unser» Mitreisenden, den Doktor." „Warum eine Unmöglichkeit? Habt Ihr selbst ihm nicht die Richtung angegeben, in welcher er uns treffen sott?" „Ja, aber ich habe ihn nicht heißen können, mit einem Esel schneller zu jagen, als mit einem Pferde. Doch, Ihr habt recht, ganz recht," setzte der Wildstetter, sich selbst unterbrechend, hinzu, als sie dem Gegenstände immer näher kamen, und er jetzt deutlich sah, daß es kein Anderer war, als Obcd und sein .^sinus. „Ihr habt vollkommen recht, aber das Ding steht aus wie ein Wunder. Guter Gott, was für ein mächtiger Hebel ist die Furcht! Freund! Freund!" rief er dem Doktor von Weitem zu. „Ihr seid ein Tausendkünstler! Solch' einen weiten Weg in so kurzer Zeit zu Esel! Ihr und Euer Esel seid ein paar Wunderthicre." „ tsinus ist überjagt," erwiederte der Naturforscher mit trauriger Stimme. „Das arme Thier ist nichts weniger als faul gewesen, seitdem wir uns getrennt haben; jetzt aber will und kann es nicht von der Stelle, ich mag noch so viel bitten und flehen. Wir haben doch diesen Augenblick nichts von den Wilden zu besorgen?" „Das kann ich nicht sagen; nichts weniger als das; es steht 332 nicht mit dem Squatter und den Tetons, wie es sollte, und ich möchte nicht behaupten, daß unsere Scheitel vor dem Skalpiren geborgen sind. Doch wieder auf den Esel zu komme»; dem armen Thiere sind ja alle Knochen wie zerschlagen! Ihr habt cs über seine Kräfte getrieben; nun liegt cs da, wie ein halb gewürgter Hund. In allen Dingen muß man Ziel und Maaß halten, und das Mitleid nicht aus den Augen sehen, selbst wenn es einen Ritt auf Leben und Tod gilt." „Ihr habt mir ja den Stern als Richtung angegeben; ich dachte, der Weisung nicht schnell und nicht weit genug folgen zn können." „Wolltet Ihr denn in den Stern selbst hineinrcite» ? Geht mir! geht! Ihr sprecht so zuversichtlich und gelehrt über Gottes Geschöpfe, und ich sehe klar, daß Ihr i» Allem, was die Kräfte, Fähigkeiten und Instinkte derselben betrifft, ein Kind seid. Ich möchte Eure Lage sehen, wenn cs jetzt Nvth thäte, uns auf die Behendigkeit der Füße unserer Thiere zu verlassen." „Der Fehler," sagte Obed, dessen geduldiger Geist anfing, sich bei so vielem und ärgerlichem Gerede zn regen, „der Fehler liegt an der Bildung der Gattung. Hätten diese Vierfüßler von der Natur an zwei ihrer Beine cirknlarische Hebel erhalten, so würden sie beim Laufen das Dimidinm der Anstrengung und Ermüdung gespart haben, item, erstlich weil . . . ." „Bleibt mir mit Euren Cirkeln, Dimiden und Ideen vom Leibe; ein abgejagter Esel ist einmal ein abgejagter Esel, und wer es längnen wollte, ist sein Bruder. Nun, Kapitän, es bleibt uns nur übrig, unter zweien Uebeln das kleinste zu wählen. Entweder müssen wir den Mann im Stich lassen, der doch langexmit uns Gutes und Böses getheilt hat, und cs nicht verdient, verstoßen zn werden, oder wir müssen einen Ort finden, wo sein Thier ansruhen und wieder zn Kräften kommen kann." „Ehrwürdiger Jäger," rief der erschrockene Obed, „ich beschwöre 333 Euch bei alter geheimen Sympathie unserer gemeinschaftlichen Na- tnr, bei allen verborgenen . . . „O weh! Angst und Furcht haben ihn halb und halb zur Vernunft gebracht! Nein, wahrlich, die Natur lehrt uns nicht, den Bruder in der Noth stecken zu lassen, und Gott weiß, daß ich nie der schändlichen Handlung mich schuldig gemacht habe. Ihr habt recht, Freund; ihr habt recht mit Encrm verborgenen. Wir müssen uns Alle verbergen, und das je eher, je lieber. Aber was fangen wir mit dem Esel an? Freund Doktor, ist Euch in der Thal an seinem Leben so viel gelegen?" „Er ist ein alter, treuer Diener," erwiederte der trostlose Obed, „und es wurde mir in der Seele weh thun, wenn ihm ein Leides geschähe. Bindet ihm die Hinterfüße, laßt ihn hier ans einem Grashanfen ruhen. Ich steh' dafür, morgen früh findet Ihr ihn auf derselben Stelle wieder." „Und die Sioux! Was würde aus dem armen Thiere werden, bekäme nur ein einziger von den rothen Teufeln den Zipfel eines der Ohren, die wie ein paar Wollkrantspiyen über dem Grase hervorragen, in die Angen! Sie würden ihn mit ihren Pfeilen wie ein Nadelkissen bespicken, und sich dann einbilden, ein schönes Stück Arbeit gemacht zu haben. Und kämen vollends die Kaninchen daher, das vermeintliche Wollkraut abzunagen, so würden sie bei dem ersten Mundvoll den Jrrthnm merken." Middleton fing an, über das viele Hin- und Hcrreden nnrnhig und ungeduldig zu werde». Er legte sich in's Mittel, und da er, seines Ranges wegen, die erste Person vorstellte, so fügte man sich bald in seinen Vorschlag zur Befriedigung aller Theile. Der de- müthige Esel, zu schwach von Natur, und besonders der Kräfte zum Widerstande ermangelnd, wurde gebunden in einen Hansen dürres Gras gelegt, und dort von seinem Herrn in der vollen Zuversicht znrnckgelaffen, daß er ihn nach wenigen Stunden ausgernht und neugeboren wiederfinden werde. Der Alte wollte zwar noch 334 ein paar Mal dieser Maßregel widersprechen, nnd meinte, ein guter Messerstich in den Hals sei besser, als ein Strick um die Beine; aber Obeds Bitten nnd Vorstellungen siegten über den Widerstand des Wildstellers, dessen Herz insgeheim vielleicht noch beredter zum Besten des Thieres sprach, als dessen Herr. Als Lsinus geborgen war, ging der ganze Trupp dahin ans, einen Platz anfzufinden, wo Alle ruhen könnten, wahrend das Thier sich erholen sollte. Nach der Berechnung des alten Mannes waren sie, seit dem ersten Augenblick der Flucht, zwanzig Meilen geritten. Die zarte Juez fing an, der Anstrengung zu erliegen, selbst die stärkere Ellen fühlte sich nachgerade dem rastlosen Ritte nicht länger gewachsen. Auch Middletou sehnte sich nach einem Rnhcpnnkte, und Paul gestand, ein wenig Rast werde ihm wohlthnn. Nur der Alte schien gegen die Anforderung der Natur taub und gefühllos. Obschon weniger als die Anderen des Reitens gewohnt, hätte man glauben sollen, diese Uebnug sei eine alltägliche, so sehr setzte er den Schwächen der menschlichen Natur einen unerschütterlichen Mnth entgegen. In seinem Alter, und der Auflösung der sterblichen Natur so nahe, stand sein geschwächter Körperbau wie der Stamm einer bejahrten verwitterten Eiche, dürr, landlos, aber noch immer unbezwnngen, und anscheinend zum Steine erhärtet, auf unerschütterlichen Wurzeln. Er gab endlich nach, nahm die Mühe, nach einer Rnhcstelle zu suchen, ans sich, und unterzog sich dein Geschäft mit aller Kraft der Jugend, ermäßigt durch Besonnenheit nnd Erfahrung des Alters. Längs der Grasebenc, auf welcher der Doktor war gefunden worden, nnd wo man seinen Esel gebettet halte, wurde, unter Anleitung des Wildstellers, eine Zeitlang fortgeritten, dann die erste Anhöhe erstiegen, von welcher aus sich die Prairie in einen weiten stachen Grund verlor, der meilenweit von Einer Gattung dürren Grases überdeckt war. 335 „Hier wird's gehen," rief der Alte einmal über's andere, als sie an den Rand dieses zn natürlichem Hen gewordenen Grasplatzes angclangt waren, „hier wird's gehen; hier habe ich manches liebe Mal in verborgenen Tiefe» gernht, wahrend die Wilden in höheren Strichen mit der Büffeljagd beschäftigt waren. Wir müssen aber beim Eintritt ans der Hnt sein, nnd Einer hinter dem Andern reiten; eine breite Fährte würde den Indianern nicht entgehen, denn Nengier ist ein gefährlicher Nachbar, nnd sie würden uns bald ans der Spur sein." Er führte die klebrigen nun an, und gelangte zn einer Stelle, wo das ansgctrocknete lange Gras hoch aufstand, stark nnd dicht wie ein emporstrebendes Schilfbctt. Hier drangen sie ein, wie gesagt, einzeln, nur einen schmalen Fußsteig bildend. Nachdem sie auf diese Weise ein- bis zweihundert Schritt znrückgelcgt hatten, nnd sich immer mehr in die Halme vergruben, trug der Wildsteller seinen Gefährten auf, in einer bestimmten Richtung weiter zu gehen, während er selbst absticg, nnd bis an den Rand der dichtbewachsenen Wiese znrückging. Er brachte mehrere Minuten damit zn, das eingeknickte nnd zertretene Gras wieder in die Höhe zn bringen, um so viel als möglich die Spuren ihres Durchgangs zu verwischen. Unterdessen hatten die Andern ihren Weg nicht ohne Mühe, folglich auch nicht gar schnell nnd weit fortgesetzt, und mochten kaum eine Meile cingcdrungen sein. Hier fanden sie einen für die Umstände geeigneten Platz, wo sie von den Pferden stiegen, nnd sich anschickten, den übrigen Theil der Nacht znznbringen. Auch der Wildsteller hatte sich nun wieder cingefnndcn, nnd schloß sich ihnen an, die Einrichtung zum Nachtlager zn treffe». Es wurde nun Gras und Kraut ausgerisse», nnd eine schickliche Ruhestätte geebnet. In einer Art von kleiner Vertiefung bereiteten Paul nnd Middleton ein Lager für Ellen nnd Jnez, das für sie die besten Daunenbetten ersetzen sollte. Nachdem sich die erschöpften Frauen mit etwas Speise erholt hatten, welche Paul und der Alte mit sich führten, gaben sie sich der sehnlicü erwünschten Ruhe hin, nnd überließen es ihren kräftigeren Begleitern, für sich zn sorgen. Middleton »nd Paul folgten dem Beispiel ihrer beiden Freundinnen, nnd ließen den Jäger und den Doktor bei einem schmackhaften Stück kalten Bisonfleisches allein. Den Doktor Battius hinderte eine ungewohnte Wallung im Blute am Schlafe; der Wildsteller war, seit geraumer Zeit, durch Uebnng nnd Nothwendigkeit so sehr Herr über seine Bedürfnisse nnd Entbehrungen geworden, daß sie sich, sobald es ihm sonst nur daran gelegen war, seinem Willen fügen mußten. Und sogeschal) es denn, daß in diesem Augenblick Beide das Wachen dem Schlafe vorzogen. „Wenn doch," sagte Obed nach einigen Minnten des, als Middleton sich entfernt hatte, cingetretenen Stillschweigens, „wenn doch die Kinder des Wohlstandes und der Behaglichkeit wüßten, was die Natnrbeflissenen ihretwegen für Mühseligkeiten und Gefahren ansznstehen haben, sie würden hinter ihnen her silberne Denkfaulen nnd eherne Standbilder errichten, als ewige Monumente ihres Ruhms." „Ich dächte nicht, ich dächte nicht," antwortete sein Gefährte; „Silber ist in der Wildniß selten, und ,ihr sollt euch kein Bildlich machen von Erz', heißt es in den zehn Geboten." „Das ist freilich wohl die Meinung des großen Gesetzgebers der Inden, aber die Aegypter und Chaldäer, die Griechen und Römer hatten die Sitte, ihre Dankbarkeit durch körperliche Abbildungen ihrer Wohlthäter der Nachwelt zn erkennen z» geben. Und in der That haben die berühmtesten Meister des Alterthnms, mit Hilfe der Kunst und Wissenschaft, sogar die Werke der Natur übertroffen, nnd in die menschliche Gestalt einen Grad von Schönheit und Vollkommenheit gebracht, welche die lebenden Exemplare aller Speckes des Genus Ilonio Mühe zu erreichen haben." „Können eure Menschen von Eisen und Stein gehen nnd 337 sprechen? Oder ist in ihnen die herrliche Gabe der Vernunft befindlich?" fragte der Wildsteller mit einigem Unwillen in dem Tone. „Obschon ich nur wenig Gelegenheit gehabt, in das Geräusch und in das Geschnatter der Niederlassung zu kommen, so bin ich doch auch in meinem Leben bisweilen in Städten gewesen, um für mein Pelzwerk Pulver und Blei einzntanschen, und habe daselbst eure Wachspuppen mit ihrem Flitterstaat und ihren Glasaugen gesehen." „Wachspuppen?" unterbrach Obed. „Die reinen Meisterwerke und Muster des Alterthnms mit den elenden Machwerken der Wachsarbeiter vergleichen, hieße die Künste entheiligen." „Nein, die Werke und das Machwerk der Geschöpfe mit der Macht Seiner Hände vergleichen wollen, hieße den Schöpfer entheiligen, und sich an ihm versündigen." „EhrwürdigerJäger," Hub der Doktor wieder an, sich räuspernd wie Einer, dem es Ernst ist zu reden, laßt uns die Sache vernünftig und freundschaftlich abhandeln. Ihr sprecht von der Hefe der Unwissenheit, während ich an jene köstlichen Juwelen zurückdenke, welche ehedem unter den unschätzbaren Herrlichkeiten der alten Welt mit Augen gesehen zu haben, ich meinem guten Glücke verdanke." „Alte Welt! die alte Welt!" erwiederte der Wildsteller, „ist das nicht das ewige alte Geschrei der halb verhungerten Schufte, welche seit meinen Knabenjahren in dieses glückliche Land herübergekommen sind? Sie führen nur das Wort ,Alte Welt' im Munde, erzählen uns nur von der ,Alten Welt', als wenn Gott der Herr nicht die Macht und den Willen gehabt hätte, an Einem Tage ,Himmel und Erde' zu erschaffen; als hätte er nicht seine Gaben überall mit gleicher Hand vertheilt, obschon diese Gaben nicht mit gleichem Gemüth und gleicher Weisheit empfangen worden sind! Wenn diese Leute doch ihre alte Welt lieber die abgenutzte, die verrückte, die gotteslästerliche nennen wollten, sie thäten besser daran, und würden sich nicht so weit von der Wahrheit entfernen!" Die Prairie. 22 338 Doktor Battius, der es für ein eben so schweres Stück Arbeit hielt, sich über einen seiner Lieblingsgegenstände mit einem so wenig schnlgerechten Gegner einznlassen, als er es seinen Kräften angemessen gefnnden hätte, mit einem Ringer ans dem Westen einen Faust- oder Arm-Kampf anznheben, begnügte sich damit, ein paar Hm Hms ansznstoßen; und hierauf, sich den Vortheil zu Nutze machend, den ihm die Abweichung des Alten von der eigentlichen Streitfrage gegeben, lenkte er ebenfalls davon ab, und nahm das Wort: „Durch die Ausdrücke ,Alte und Nene Welt', mein vortrefflicher Freund," sagte er, „muß man nicht verstehen wollen, daß die Hügel, die Thälcr, die Felsen, die Flüsse unserer Halbkugel, physisch betrachtet, nicht eben so alt seien, als die Stelle, woraus man die Erde zu,den Steinen gezogen, welche znm Thurmbau von Babel gedient haben. Mau will blos damit sagen, daß die moralische Existenz beider Theile mit der physischen oder geologischen nicht Schritt gehalten hat." „Nun, und dann?" fragte der Alte mit einem forschenden Blick. „Ich will damit nur sagen, daß dieser Welttheil nicht so früh moralisch ansgebildet worden, als die übrigen christlichen Länder." „Desto besser, desto besser. Ich bin eben kein Freund eurer alten Moral und Moralität, wie Ihr es nennt, denn ich habe immer gefunden, daß eure alte Moral keine der besten ist, und dabei immer gerade so gelebt, wie man im eigentlichen Herze» der Natur leben kann. Menschen drehen und wenden die Grundgesetze Gottes, um ihrer eigenen Schlechtigkeit Vorschub zu leisten, sobald ihre teuflische Schlauheit nur so viel Zeit gewonnen hat, als nvthig ist, mit Gottes Geboten ihr Spiel zu treiben." „Nein, ehrwürdiger Mann, Ihr habt mich noch nicht recht verstanden. Unter Moral denke ich mir hier nicht den gewöhnlichen, beschränkten, buchstäblichen Sinn des Worts, insofern es mit M o- ralität gleichlautend ist, sondern die Handlungen der Menschen 339 als Folge ihrer geselligen Verhältnisse, ihres täglichen Umgangs, ihrer Einrichtungen, ihrer Gesetze." „Das ist ja eben, was ich baaren Unsinn und platte Verstandesleere nenne," unterbrach der halsstarrige Gegner. „Wohl, es mag sein," erwiederte der Doktor, und ließ die Definition der moralischen Welt in seiner halben Verzweiflung fahren. Doch setzte er gleich hinzu, als entdecke er durch einen Spalt das glimmende Streitfünkchen eines neuen Arguments, welches sich wieder anblasen ließe: „Vielleicht habe ich Euch aber zu viel eingeränmt, wenn ich gesagt und zugegeben habe, daß diese Halbkugel in ihrer Bildung buchstäblich so alt ist, als die, welche die übrigen ehrwürdigen Welttheile, Europa, Asien und Afrika in sich schließt." „Dies; ist eben so bald gesagt, als daß ein Erlenbanm nicht so groß ist wie eine Fichte. Wie wollt Ihr es aber beweisen? Könnt Ihr den Grund zu einem so thörichtcn Wahn angeben?" „Der Gründe gibt es viele und triftige," versetzte der Doktor, dem diese einladende Frage sehr willkommen war. „Betrachtet nur die Strecken von Aegypten und Arabien; die sandigen Wüsten beider Länder sind mit den Denkmälern ihres Alterthums be- schwängert und befruchtet; ferner haben wir nnläugbare Urkunden ihres alte» Ruhms; die Beweise für ihre ehemalige Größe erhalten ein doppeltes Gewicht dadurch, daß diese Länder jetzt ihre ganze Fruchtbarkeit verloren haben. Dagegen mangelte es uns schlechterdings an Spuren und Kennzeichen, daß Amerika jemals die höchste Stufe der Ausbildung erreicht habe; eben so wenig gelingt es uns, den Weg aufzufinden, anf welchem es, von dieser Bildungsstufe hcrabgcstiegen, zum gegenwärtigen Stand einer zweiten Kindheit des geselligen Zustandes gelangt ist." „Und was seht und folgert Ihr aus diesem Allen?" fragte der Wildsteller, welcher, Anfangs ein wenig irre gemacht durch die von einem Gegner eingestrenten hohen Worte, dennoch den Faden seiner Rede »nd seiner Ideen richtig aufgefaßt hatte. „Eine Demonstration meines Problems, daß die Natur eine so ungeheure Strecke nicht geschaffen hat, damit sie so viele Jahrtausende hindurch unbewohnt bliebe. Dieses ist einzig und allein der moralische Gesichtspunkt, die Moral des Gegenstandes; denn was den genauen geologischen betrifft, so . . . „Kommt Ihr schon wieder mit Eurer Moral angestiegen?" rief der alte Mann. „Bleibt mir damit vom Leibe; ich habe mehr als zuviel davon. Eure Moral ist in meinen Augen nichts anders, als der Stolz der Thor heit. Ich bin zwar wenig in den Fabeln deß, was Ihr die ,alte Welt' nennt, bewandert, weil ich den größten Theil meines Lebens darauf verwandt habe, der Natur in die Angen zu schauen, und über das nachzndenken, was ich in ihr aufgefunden und gesehen, nicht, was ich von anderen, auf dem Wege der Tradition, gehört habe; doch habe ich nie meine Ohren vor den Worten des guten Buchs* *) verschlossen, und manchen langen Winterabend in den Wigwams der Delawaren damit zugebracht, auf die Vorträge der guten mährischen Bruder zu horchen, wenn sie das Volk von Lenape von der älteren Geschichte und der ältern Zeit des Landes unterhielten. Es war mir eine Wonne und eine Erholung, nach einer beschwerlichen Jagd den weisen Reden zuznhören. Großes Vergnügen fand ich daran, und wie oft besprach ich mich nicht über die abgehandeltcn Gegenstände mit der großen Schlange der Delawaren **), in den friedlichen Stunden unserer Nachtwachen im Walde, mochten wir nun einem Trupp Mingo's oder einem Damhirsch von Jork auf der Spur sein. Ich erinnere mich, ab und zu gehört zu haben, daß das gesegnete Land***) ehemals eben so fruchtbar gewesen, als die '1 Bibel. *) Mit dem Mohikan Chingachgook. Am Ohio. Thäler am Missisippi, »nd unter der Last seiner Körner und Früchte seufzte; daß aber seitdem ein schweres Verhängnis; es betroffen hat, und es jetzt mehr durch seine Unfruchtbarkeit, als durch andere ausgezeichnete Eigenschaften bemerkenswerth ist." „Das ist wahr: aber Aegypten und selbst ein großer Theil von Afrika stellt uns noch schlagendere Beweise dieser Erschöpfung der Natur ans." „Sagt mir doch," unterbrach der alte Jäger, „ist es eine ausgemachte Wahrheit, daß es im Lande dev Pharaonen Gebäude von Menschenhänden gibt, welche in ihrer Höhe und stn ihrem Umfang natürlichen Erdhügeln gleichen?" „Dieß ist eben so wahr, als daß der Klasse Animal Illammslia, kenus Itoma, von der Natur die Schneidezähne nie vorenthalten worden sind." „Sonderbar! wunderbar! und ein Beweis, wie groß Der sein muß, dessen schwache, armselige Geschöpfe solche Werke Hervorbringen können! Wie viele Menschen sind aber nicht dazu erfordert worden, einen solchen Ban anznlegen und zu vollenden; Menschen, zugleich mit Kraft und Geist begabt! Bringt das Land noch immer dergleichen hervor?" „Nichts weniger. Das Land liegt größtentheils wüste, und durchströmte es nicht ein mächtiger Fluß, ganz Aegypten würde eine Wüste sein." „Ja, die Flüsse, die Flüsse! sie sind eine Wohlthat, ein Segen für den Landbaner. Man sehe nur die Strecken von den Rocky- Mountains bis zum Missisippi. Erklärt mir aber einmal diese Wechsel ans der Oberfläche der Erde, diesen Verfall der Völker, ihr Gelehrten und Männer der Schulen und hohen Schulen!" „Man schreibt sie moralischen Ur." „Ganz recht, moralischen Ursachen zu, das heißt, dem, was die Menschen ihre moralischen Handlungen nennen, ihrer Schlechtigkeit, ihrem Stolze und vor Allem ihrem Zerstörungstriebe! Nun hqrcht aber auf das, was Erfahrung einem Greise gelehrt hat! Ich habe lange gelebt: dieß beweisen diese grauen Haare und diese gerunzelten Hände, sollte es auch meiner Zunge an Weisheit meiner Jahre fehlen. Ich habe Vieles von den menschlichen Thor- heiten gesehen; denn des Menschen Natur ist dieselbe, er sei geboren in der Wildnis-, oder er sei geboren in Städten. Meinem schwachen Urtheile ist es immer so vorgekommcn, als seien seine Kräfte seinen Wünschen nicht angemessen. Daß er, mit allen seinen Ungebilden beladen, himmelan steigen möchte, wenn er nur den Weg dahin kennte, wird Niemand abstreiten wollen, der sich seiner eigenen bittcrn, angestrengten Bestrebungen ans Erden bewußt ist. Kommt des Menschen Machtvermögen seinem Willen nicht gleich, so ist es einzig und allein, weil die göttliche Weisheit seinem bösen Wirken Schranken gesetzt hat." „Es ist, leider! nur zu wahr, daß gewisse Thatsachen zu einer Theorie fuhren, woraus die natürliche Verderbtheit des Komm Homo gefolgert werden muß; könnte es aber so weit kommen, daß die Wissenschaft zum Beispiel nur eine ganze Species unterstützte, so würde es der Erziehung möglich werden, das böse Princip auszurotten." „Für Eure Erziehung gebe ich keinen Farthing! Es hat eine Zeit gegeben, wo ich cs für möglich hielt, mir ein Thier zum Gefährten ziehen zu können. Wie viel junge Füchse und Bären, wie viel gesprenkelte Reh- und Hirschkälber und anderes Wild habe ich mit diesen alten Händen erzogen, weil ich mir eiubildete, ich würde sie umformen und vernünftiger machen können! Wozu hat's mir geholfen? Der junge Bär biß, das junge Reh lief davon, trotz meinem thörichten Bestreben, eine Natur ändern zu wollen, welche der Herr selbst in die Thiere gelegt hat. Ist nun der Mensch in seiner Thorheit so verblendet, daß er von Jahrhundert zu Jahrhundert Anderen, und vor Allem sich selbst, Schaden zufügt, so läßt sich mit Recht daraus schließen, daß er hier 343 sowohl, als in eurer alten Welt von jeher ein Werkzeug zum Bösen gewesen ist. Schau' um dich, Mann; wo sind Alle geblieben, welche ehedem diese Prairie bewohnt haben? die Könige mit ihren Palästen? die Reichen und Mächtigen dieser Wüstenei?" „Wo sind aber die Monumente und Ruinen, woraus sich die Wahrheit einer so unbestimmten Theorie ableiten ließe?" „Ich weiß nicht, was Ihr unter Monument versteht." „Monumente, Denkmäler, sind Werke von Menschenhand. Zum Beispiel: die preiswürdigen Rudera von Theben und Balbec, die Säulen, Katacomben, Pyramiden, welche mitten in den Sand- wüsten des Morgenlandes dastehen, wie Schiffstrümmer an einer Felsenküste, um von den Stürmen der Jahrhunderte Zengniß ab- zn legen!" „Sie sind dahin, längst dahin. Die Zeit ist ihnen zu lang geworden. Und warum? Die Zeit ist von Gott gemacht. Jenes ist Menschenwerk. Diese mit Rohr und Gras bewachsene Stelle, auf welcher wir sitzen, ist vielleicht vor langer, langer Zeit der Garten eines Königs gewesen. Es ist das Schicksal aller Dinge, zu reifen und abzunehmen. Der Baum blüht, trägt seine Früchte; diese fallen ab, faulen, vertrocknen, und selbst Per Samen geht verloren. Geht und zählt die Ringe der Eiche und des wilden Feigenbaums; sie liegen in Kreisen einer um den andern; aber Euer Auge erblindet über dem Versuch, die einzelnen von einander zu unterscheiden und die Zahl heransznbringen; und doch vergeht ein ganzes Jahr, ehe der Stamm den einen neuen kleinen Ring um die andern und um sich selbst gewunden hat, wie der Büffel sein Kleid und der Hirsch seine Hörner wechselt. Und was will dies; Alles sagen? Nimmt nicht der edle Baum, luftiger, großartiger, reicher, und schwerer nachzuahmen, als eure erbärmlichen Säulen, tausend Jahre seine Stelle im Walde ein, ehe die Zeit, die sein Schöpfer ihm gegeben und angewiesen, abgelaufen ist? Dann kommen die Winde, die Ihr nicht sehen könnt, und spalten 344 seine Rinde; — die Regengüsse, und weichen sein Holz auf; — die Fäulniß, die wir Alle kennen und Niemand erklären kann, und macht seinen Stolz zu Schanden. Weg ist seine Schönheit. Er liegt andere hundert Jahre da, ein modernder Klotz, dann ein Hügel von Moos und Erde, das traurige Abbild eines Menschengrabes. Dieser Baum ist eines eurer lichtesten Denkmale, obschon von einer andern Macht errichtet, als deren sich eure geleckte und geschniegelte Baukunst rühmen kann. Und am Ende würde die ganze Dahcotah-Nation mit aller ihrer Schlauheit und Späher- kunst sich ihr Lebelang vergebliche Mühe geben, nachznsnchen, wo der Baum gestanden hat und wo er gefallen ist, und die Stelle eben so wenig mit endlich ermüdeten und trüben, als mit Anfangs scharfen und offenen Augen auffindcn. Als wenn das hier Gesagte nicht hinreichend wäre, den Menschen von seiner Unwissenheit zu überzeugen! Als wüchse nicht, dem sogenannten Weisen znm Spott und zur Verwirrung, ans und zwischen den Wurzeln der Eiche ein Fichtenflamm hervor, gerade wie auf Fruchtbarkeit Unfruchtbarkeit folgt, und wie sich Wüsteneien über eine Gegend ausstrecken, welche anfänglich zum Garten geschaffen ward! Sagt mir nicht von euren Welttheilen, daß sie alt sind! Es heißt Gott lästern, wenn man auf diese Weise den Werken des Allmächtigen Zeit und Ziel setzen und von ihren Jahren sprechen will, wie die Mutter von den Jahren und Monaten ihrer kleinen Kinder!" „Freund Jäger oder Wildsteller," erwiederte der Naturforscher mit einem ,Hm!' welches seine durch den kräftigen Angriff des Alten etwas in Verwirrung gerathene Kehle wieder stimmen sollte: „sollten Eure Dednctionen von der Welt angenommen werden, so würde dieß den Anstrengungen der Vernunft und dem Umfange der menschlichen Kenntnisse sehr enge Gränzen sehen." „Desto besser, desto besser! denn ich habe allezeit gefunden, daß ein Grübler nie stillsteht, nie zufrieden ist. Dieß bedarf nicht einmal eines Beweises. Warum haben wir nicht die Flügel der 345 Tauben, nicht die Augen des Adlers, nicht die Schnellfüße der Maus, wenn es die Absicht der Natur wäre, das- der Mensch Alles, was er wünscht, erreichen soll?" „Es gibt, ehrwürdiger Wildsteller, gewisse physische Mängel und Defekte, bei welchen ich stets geneigt wäre, anzunehmen, daß ihnen ans eine gute und glückliche Weise abgcholfen werden könnte. So z. B. in meiner eigenen Ordnung von I'lmlangacrn . . . „Ja, eigen nnd kurios genug wurde eine Ordnung ausfallen, welche aus so armseligen Händen gekommen wäre, wie die Eurigen. Das Berühren mit Einem Eurer fünf Finger sollte wohl hingereicht haben, meint Ihr, die lächerliche Häßlichkeit eines Affen wcgznzaubern? Geht, geht! es bedarf nicht der menschlichen Thor- heit, die großen Absichten und Rathschläge der Gottheit zu Stande zu bringen. Es gibt weder Gestalt, noch Schönheit, noch Ebcn- maaß, noch Farben, welche zur Zierde des menschlichen Geschlechts beitragen könnten, und nicht schon auf dasselbe angewandt wären." „Ihr berührt hier eine zweite, große nnd bestrittene Frage," sagte der Doktor, der, wie man sieht, immer fertig nnd bereit war, jede deutliche Idee anfzufassen, die der feurige und etwas dogmatische alte Mann auf's Tapet brachte, nnd ihm zum Besten gab. Er unterhielt dabei die eitle Hoffnung, ans diesem Wege endlich in eine logische Erörterung eingehen zu können, um vermittelst derselben seine Batterie von Syllogismen anznbringen und die ungelehrten Anßenwerke seines Gegners in Grund und Boden zu schießen. Es gehört aber nicht in unsere Erzählung, die weitschweifige Unterredung, welche jetzt erfolgte, zu berichten. Der alte Jäger wich den weitausholenden Streichen seines Widersachers aus, wie der leichtbewaffnete Streiter gewohnt ist, den Anstrengungen seines schwer bepanzertcn Feindes zu entschlüpfen, und ihn trotz des ungleichen Streites zu ermüden. Eine Stunde verfloß, ohne daß Beide über einen einzigen der vielen vorgcbrachten Streitpunkte 346 zu einem befriedigenden Resultat gelaugt wären. Gleichwohl wirkten seine eigenen Grunde ans das Nervensystem des Doktors, gleich beschwichtigenden Schlafmitteln, tief ein, nnd auch sein alter Gefährte fand es zuletzt vernünftiger, sein Haupt auf das Reisebündel zu legen. Der Doktor folgte diesem Beispiel. Der geistige Kampf, in welchem er nicht zweifelte, den Sieg davon getragen zn haben, hatte ihn in einen'Zustand versetzt, der in einen ruhigen, körperlichen Schlaf überging, worin ihn kein Alp in der G estalt von Teton-Kriegcrn mit blutigen Tomahawks drückte. Drciundzwanzigstes Kapitel. Rettet Euch, Herr! Shakespeare. Der Schlaf der flüchtigen Partei dauerte mehrere Stunden. Der Wildsteller war der Erste, der sich dessen Armen entzog, so wie er der Letzte gewesen war, sich in seine Arme zu werfen. Gerade in dem Augenblick erwachend, als das graue Tageslicht anfing, den Theil des östlichen Himmels zn erhellen, der sich auf die Prairie herabsenktc, weckte der Alte seine Gefährten ans ihren warmen Lagern, und zeigte ihnen, wie dringend es sei, sich auf- znmachen nnd weiter zn eile». Während Middleton mit der Besorgung der kleinen Dienste um Jncz nnd Ellen beschäftigt war, ihnen die lange, schwere bevorstehende Tagereise zu erleichtern, bereitete der Alte mit Paul Hover das Frühstück; denn Jener, der auf Alles bedacht war, wollte durchaus nicht, das; sie nüchtern die Pferde bestiegen. Die Vorkehrungen nahmen nur wenig Zeit weg, nnd bald saß die kleine Gruppe um das Mahl, welches zwar keinen der Leckerbissen darbot, woran Middletons zarte Braut ehemals gewöhnt war, dem es jedoch nicht an Saft und Kraft und an nährenden Stoffen gebrach. 347 Der Wildstcller lies; es an keiner Aufmerksamkeit fehlen. Er legte ans ein fein gearbeitetes hörnernes Tellerchen, dessen er sich zu bedienen pssegte, ein Stück schmackhaftes Wildpret, und reichte es der schönen Jnez hin. Zugleich sagte er: „Kommen wir erst tiefer hinein in die Jagdreviere der Pawnee's, so finden wir die Büffel fetter, süßer und zarter, Hirsche und Rehe in größerer Menge, und alle Gaben des Herrn reichlicher und im größten Ueberfluß. Vielleicht gelingt es uns sogar, eines Bibers habhaft zu werden, und den Leckerbissen seines Schwanzes zu kosten*)." „Welchen Weg gedenkt Ihr einzuschlagen," fragte Middleton, „wenn wir das Glück gehabt haben, die Bluthunde von unserer Fährte abznziehcn?" „Hätte ich einen Rath zu geben," sagte Paul, „so würden wir suchen, uns so bald wie möglich dem Wasser zu nähern und dem Strome abwärts zu folgen. Laßt uns nur einen Baumwollenwald erreichen, und ich stehe Euch dafür, ich höhle in Zeit von vierund- zwanzig Stunden ein Canoe ans, um uns Alle, den Müsset, Esel ausgenommen, fortznschaffen. Ellen hier zum Beispiel ist ein liebenswürdiges Mädchen, aber keine gute Reiterin. Ich sollte denken, es wäre weit bequemer, ein sechs- bis achthundert Meilen zn Wasser machen, als uns wie die Elennthiere in den Prämien nmherzutrcibcn. Ueberdieß läßt das Wasser keine Spur zurück." „DaS möchte ich eben nicht sagen," unterbrach der Wildsteller; „ich bin oft der Meinung gewesen, das Auge der Rothhäute finde die Vogclspur in der Luft auf." „Sieh' doch, Middleton," ries hier Jnez, in einem plötzlichen Ausbruch jugendlicher Freude, der sie ihre Lage für den Augenblick vergesse» ließ: „sieh'doch, wie prächtig macht sich der Himmel! ein Vorbote glücklicherer Zeiten!" „Ja wohl, herrlich und prächtig!" erwiedertc ihr Gatte. *) Die amerikanischen Jäger hatten den Schwanz des Bibers für die höchste Delikateste. 348 „Himmlisch schön ist die ganze hochrothe Strecke im Morgen, »nd besonders der Karmoisinstrich in der Mitte. Selten oder nie ist die Sonne mir so farbenreich anfgegangen." „Die Sonne?" wiederholte der alte Mann langsam, und sich von seinem Sitze erhebend. „Die Sonne?" wiederholte er nochmals mit gepreßter nnd langsamer Stimme, während seine Augen starr und unverwandt ans die wechselnden und wirklich schönen Tinten, die den östlichen Himmelsbogen färbten, geheftet waren. „Die Sonne? Das nennt ihr Sonnenaufgang? Ich liebe solchen Aufgang nicht." — Dann mit dem Ausrufe: „O weh! die Kobolde haben uns mit ihrer Rache erreicht und umzingelt. Die Prairie steht in Flammen!" „Gott im Himmel schütze uns!" schrie Middlcto», und riß Jnez an seine Brust, als wolle er selbst sie in der dringenden Gefahr schützen. „Da ist kein Augenblick zu verlieren, Alter! Laßt uns fliehen!" „Wohin?" fragte der Wildstcllcr, und winkte ihm mit Ruhe und Würde, zu bleiben. „In dieser Gras- nnd Rohr-Wildniß seid Ihr wie ein Schiff in den großen See'n ohne Kompaß. Ein einziger Schritt nach der Unrechten Seite könnte uns Alle verderben. Selten ist eine Gefahr so nahe und dringend, die der Vernunft nicht Zeit ließe, Vorkehrungen zu treffen. Junger Mann, laßt uns ihre Stimme und ihren Rath abwarten." „Was mich betrifft," sagte Paul, mit deutlichen Zeichen innerer Unruhe um sich blickend, „so muß ich zngeben, daß, wenn das Feuer dieses dürre Pflanzenbeet ergreifen sollte, sogar eine Biene höher als gewöhnlich anffliegen müßte, um sich die Flügel nicht zu verbrennen. Folglich, Alter, bin ich der Meinung des Kapitäns: Aufsitzen und davoneilen!" „Falsch! falsch! Ein Mensch ist keine Biene, kein Thier, daß er der Gabe des Instinkts folge, sich durch einen Lichtstreifen, durch einen Schall bestimmen lasse; er muß sehen, überlegen und sich 349 entschließen. Kommt mit mir etwas links, wo sich der Boden etwas hebt; dort wollen wir rekognosciren." Der alte Mann machte eine gebietende Bewegung mit der Hand, und ging ohne Weiteres voran, der angezeigten Stelle zu; ihm folgten die ängstlichen Gefährten. Ein weniger geübtes Auge als seines würde Mühe gehabt haben, die kleine Anhöhe zu entdecken, welche sich von der übrigen Strecke ans nur als hoher gewachsene Vegetation kund that. Als sie aber dahin gelangt waren, gab die dünnere Begrasnng zu erkennen, daß hier der Boden fester, und nicht, wie der größte Theil der Umgebung, durch Zufluß von Feuchtigkeit üppig bewachsen und überwachsen war; ein neuer Beweis, wie scharfsinnig und richtig der Alte die Natur der ganzen Fläche bcnrtheilt hatte. Hier verlor man einige Minuten damit, die Spitzen des Rohrgrases, welches bis über die Köpfe Pauls und Middletons reichte, abznbrechen, um sich eine freiere Aussicht auf das umgebende Flammenmeer zu versckaffen. Der schauderhafte Anblick war nichts weniger als geeignet, Denen, die sich in dieser schrecklichen Lage befanden, Mnth ein- znflößen. Ohngeachtet es zu tagen anfing, blieb die Farbe des Himmels dunkel und trübe wie zuvor, als liege das furchtbare Element des Feuers mit dem wohlthätigen des Lichts im wüthen- den Streite. Leuchtende Flammenstreifen schossen hier und da vom Saume des Gefildes hervor, dem schnellen Anfflackern des Nordlichts ähnlich, aber weit feuriger und drohender in Farbe und Abwechslung. Die Aengstlichkeit ans den Gesichtszügen des Wildstellers grub sich sichtbarlich immer tiefer und tiefer ein, je unzweifelhafter ihm dieser Brand wurde, welcher sich wie ein breiter Gürtel um ihren Zufluchtsort ausdehnte, und bald den ganzen Horizont umspannte. Nachdem er noch einmal nach der Richtung hingesehen, wo die Gefahr am nächsten und am schnellsten heranzurücken schien, sagte der alte Mann, den Kopf schüttelnd: 350 „Also habe» wir »ns doch in der Hoffnung betrogen, die Tetons von unserer Spnr nbgebracht zn haben. Hier ist Beweises genug, daß sie nicht allein wissen, wo wir liegen, sondern die Absicht haben, uns wie die Ranbthiere in ihre» Schlupfwinkeln zn verbrennen und zu ersticken. Seht; die Teufel haben in demselben Augenblick das Feuer ringsum angelegt, und uns mit Flammen, wie in einer Insel, umzingelt." „Ans, zn Pferde, und davon!" rief Middlclon, „ist das Leben nicht einen letzten Versuch werth?" „Aber wohin wollt Ihr? Ist ein Tetonpferd ein Salamander, welcher unverletzt durch die Flammen zieht; »der schmeichelt Ihr Euch, der Herr werde ein Wunder für Euch thnn, wie zn alten Zeiten, und Euch sicher durch den Fenerofen fuhren, den Ihr unterm Himmel glühen seht? Und dann die Sioux, die mit ihren Pfeilen und Messern den Flammenkreis von außen besetzt halten, oder ich müßte ihre Mordteufeleien nicht kennen!" „Wir wollen uns ans den größten Haufen stürzen," rief der stolze junge Mann, „und ihre ganze Mannhaftigkeit ans die Probe stellen." „Ei, ei! Worte, die gut klingen; aber was würde herans- kommen, wenn's zum Handeln käme? Hier ist ein Bienenjäger, der Euch in einer Sache, wie diese, belehren kann." „Nein," sagte Paul, sich in seiner athletischen Gestalt erhebend, wie ein Bullenbeißer, der seine ganze Kraft entwickelt, „nein, alter Jäger, in diesem Stücke halte ich's mit dem Kapitän, und bin dafür, daß wir über das Feuer wegsetzen, sollte unser Weg uns auch gerade in ein Tetondorf führen. Hier ist Ellen; sie ist meiner . . . ." „Was will euer Muth, euer Trotz, all' euer Durchfahren mit dem Kopfe sagen, hier, wo es nicht auf den Sieg über Eure Nebenmenschen, sondern ans den Kampf mit den Elementen des Herrn ankommt? Schaut um euch, Freunde; der Ranch und Dampf, der ringsum anfgeht, sagt euch deutlich, daß von diesem 351 Fleck kein Ausweg ist, ohne einen Flammengürtel zu durchbrechen. Seht selbst, liebe Leute; seht selbst hin, und wenn ihr noch eine Oeffnnng findet, so bin ich bereit, mit Euch z» gehen." Seine Gefährten sahen sich nun im Kreise nach allen Seiten um, und fanden, daß der Alte recht hatte, und diese traurige Ueberzengnng machte in ihren Angen ihre Lage nur noch verzweifelter. Dichte Rauchwolken rollten die Ebene entlang, und sammelten sich in dichten Massen um den Horizont. Die rothe Glut, welche hinter den ungeheuren Säulen vorschimmerte, gab ihnen bald die Gestalt eines brennenden Gebäudes, bald sprang sie von einem Punkt zum andern über, und verdunkelte jenen, wenn die Flamme den Boden entlang fvrtlief, um eine neue Strecke anzu- zünden. Dieses abwechselnde Schauspiel sprach lauter, als in Worten, den Charakter der furchtbar sich nähernden, drohenden Gefahr ans. „Es ist entschlich!" rief Middleton, seine zitternde Jnez an das Herz drückend. „Zn dieser Zeit und ans diese Art!" „Die Thore des Himmels stehen offen allen Denen, die an Ihn glauben und auf Ihn hoffen," murmelte der fromme Alte kaum vernehmlich. „Eine solche Ergebung ist Raserei! Wir sind Männer; kommt, laßt uns eine Anstrengung machen; es gilt unser Leben! Höre mich, tapferer, mnthiger Freund, höre mich au! Solle» wir auf- sitzen und durch die Flammen jagen, oder hier stehen bleiben, und Die, welche wir lieben, auf diese schreckliche Weise ohne alle Rettungsversuche umkommen sehen?" „Ich bin für's Schwärmen, für die Flucht, che der Korb zu heiß wird," sagte der Bienenjäger, an welchen, wie man wohl errathen haben wird, der halb außer sich gesetzte Middleton sich gewendet hatte. „Kommt, alter Wildsteller, und gesteht frei, daß wir ans Eurem Wege der Gefahr zu spät entrinnen würden. Verweilen wir hier länger, so geht es uns wie den Bienen, deren Stock man des Honigs wegen angczündet hat, und die todt auf dem verbrannten Stroh liegen. Hört Ihr nicht schon das Geräusch und Blasen um uns, und wißt Ihr nicht, daß wenn das Gras in der Prairie einmal Feuer gefangen, man kein Faulthier sein muß, will man der Flamme entfliehen?" „Denkt Ihr denn, Ihr," erwiederte der alte Mann, auf die sie umgebenden Stellen dürren und verwitterten Grases höhnisch hinweisend, „daß Menschenfüße schnell genug mären, auf solchem Wege dem Brande zu entfliehen? — Wüßte ich mir jetzt, auf welcher Seite sich die Hunde gelagert haben und lauern!" „Was sagt Ihr dazu, Doktor," rief der wild gewordene Paul, sich in seiner äußersten Roth an Battius wendend, wie sich der Starke in der halben Verzweiflung beim Schwachen Raths erholt, wenn die menschliche Kraft einer höhern Gewalt nachgeben muß. „Was sagt Ihr dazu? Habt Ihr in diesem Fall, wo es auf Leben und Tod ankommt, keinen Vorschlag zu thnn?" Der Naturforscher stand die ganze Zeit über mit seiner Schreibtafel in der Hand da, und beobachtete den Brand eben so bedächtig, ruhig und kalt, als sei die Prairie nur deßwegcn angezündet worden, um ihm Gelegenheit zu geben, ein wissenschaftliches Problem zu lösen. Die Anrede des Biencnjägers weckte ihn ans vertiefen Betrachtung. Anstatt aber ihm Antwort zu geben, wendete er sich zu seinem ebenfalls — nur ans verschiedenen Gründen — ruhigen und gefaßten Gefährten, dem Wildstellcr, und fragte ihn mit einer in solcher Gefahr empörenden Gleichgültigkeit: „Ehrwürdiger Jäger, Ihr habt ohne Zweifel oft ähnliche Prismatische Experimente gemacht. . . ." Ihn unterbrach hier Paul, schlug ihm die Schreibtafel mit einem rohen Ungestüm aus den Händen, der sich nur durch die unerwartete Kaltblütigkeit erklären und entschuldigen ließ, welche den heftigen, dem Wahnsinne nahen, jungen Mann ganz außer sich gesetzt hatte. Noch ehe ihm die rasche, gewaltsame Handlung 353 verwiesen werden konnte, war der Wildsteller, welcher die Zeit über mehr bestürzt als ängstlich, doch wie Einer dagestanden hatte, der nicht ein noch aus weiß, plötzlich wieder zu sich gekommen, und nahm ein entschiedenes Wesen an, nicht länger sich besinnend und den in seinen Angen unfehlbar zum Ziel führenden Ausweg cinschlagend. „Jetzt ist es Zeit znm Handeln," sagte er, den sich zwischen dem Naturforscher und dem Bienenjäger entspinnenden Streit unterbrechend; „es ist Zeit, Bücher und Klagen wegzulegen und zu handeln!" Middleton rief ihm zu: „Guter Alter, Ihr seid zu spät zur Besinnung gekommen; die Flammen stehen kaum eine Viertelmeile von uns; der Wind weht sie mit schrecklicher Schnelle gerade auf uns zu." „Ei was! die Flammen! Was kümmern mich die Flammen? Wüßte ich nur eben so gut die Schlauheit der Tetons zu überlisten, als ich weiß, wie ich dem Feuer seinen Raub entreißen kann, so bliebe uns nichts übrig, als dem Herrn für unsere Rettung zu danken. Nennt Ihr das ein Feuer? Erst dann, wenn Ihr sähet, was ich auf den Eastern-Hills erlebt habe, wo mächtige Berge wie Feueressen in vollem Brande standen, erst dann würdet Ihr wissen, was es heißt, sich vor Feuer fürchten, und Gott danken, wenn Er Ench ans solcher Gefahr erlöset hätte! Kommt, Kinder, kommt! Hand an's Werk, und keine Worte! Denn dort rollt sich die kräuselnde Flamme in der That wie ein Mußthier in vollem Laufe daher. Hand an's Werk! Reißt mir das trockene kurze Gras der kleinen Anhöhe aus, damit wir auf bloßer Erde zu stehen kommen." „Gedenkt Ihr mit so kleinen Kinder-Mitteln dem Feuer seine Opfer zu entreißen?" rief Middleton ans. Ein schwaches, doch feierliches Lächeln verbreitete sich über die Züge des alten Mannes, als er antwortete: „Euer Großvater würde hier gesprochen haben: Wenn der Die Prairie. 23 354 Feind nahe ist, hat der Soldat nichts Besseres zu thnn, als zu gehorchen!" Der Kapitän fühlte den Vorwurf, und folgte unverzüglich dem Beispiele Pauls, welcher schon — seine Nachgiebigkeit war Helle Verzweiflung — eifrig beschäftigt mar, das dürre Unkraut auszureißen. Anch Ellen machte sich an die Arbeit, und Jnez blieb nicht zurück, obfchon Niemand eigentlich wußte, warum und weßwegen? Wenn's aber auf Leib und Leben ankommt, geht ein Werk schnell von den Händen. Ein paar Augenblicke reichten zu, einen Platz von einigen zwanzig Fuß im Durchmesser kahl zu machen. Der Wildsteller brachte nun die Frauen an das eine Ende der kleinen Fläche, und hieß Middleton und Paul sie mit Allem zu bedecken, was ihre leichten Gewänder vor dem Fenerfangen bewahren könnte. Er selbst begab sich an das andere Ende, an den Rand des hohen Grases, welches die Area im drohenden Kreise umgab. Hier las er eine Handvoll des dürrsten ans, umgab damit die Pfanne seiner Flinte, drückte ab, und der leicht zündende Büschel fing Feuer. Er warf ihn brennend in das nächste hohe Grummet, und zog sich dann in den Mittelpunkt des Ringes zurück, den Erfolg ruhig abwartend. Das subtile Element durchlief mit gieriger Schnelle den neuen dargebotenenZnnder. In einem Augenblick leckten gespaltene Flammen das Gras, wie man die Zunge wiederkäuender Thiere sieht im Futter hin- und herwühlen, in der Absicht, das Beste zuerst zu finden. „Nun," sagte der alte Mann, einen Finger in die Höhe haltend, und ans seine Weise innerlich lachend, „nun sollt Ihr sehen, wie Feuer das Feuer bekriegt! Oho! wie oft habe ich mir, zum Scherz, und wenn ich es müde war, mich durch verwachsenes Gras durchznwinden, auf diese Art einen Fußsteig gebahnt!" „Ist aber das Mittel nicht ärger, als das Nebel?" rief der bestürzte Middleton. „Ihr bringt ja den Feind gerade auf uns zu, anstatt ihn zn entfernen!" 355 „Verbrennt Ihr so leicht? Euer Großvater hatte eine zähere Haut. Aber nnr ein wenig Geduld! nur ein kleines Bischen!" Der Wildsteller wußte wohl, was er gethan hatte; das Experiment bewährte sich. Das Feuer gewann Raum, und dehnte sich, von dem erhitzten Punkt, wo cs angelegt worden, rechts und links ans, und verschonte die kahl gemachte Mitte, wo es keinen Zunder fand. Bald war die ihnen gegenüberliegende Stelle schwarz, rauchend und nackt, als sei sie abgemäht, und da sich die Area von beiden Seiten erweiterte, so wurde dadurch die Gefahr des seitwärts brennenden Grases von den Bedrohten abgewandt; denn indem sie der alte Mann allmählig auf die äußerste Brandstelle vorrücken ließ, entgingen sie sogar der Hitze. In wenig Augenblicken zogen sich die Flammen tiefer in chie beiden Flügel hinein, und ließen zwar die Area und ihre Eingeschlvfsenen in eine Rauchwolke gehüllt, stellten sie aber vor den Fenerströmen sicher, welche sich immer vorwärts rollten, und ihnen schon in den Rücken gekommen waren. Die Gefährten des Wildstellers zeigten bei dem einfachen Mittel, dessen er sich bedient hatte, eben die Verwunderung, mit welcher die Hofleute Ferdinands des Katholischen die Kunst Colombo's augestaunt hatten, als dieser sei Ei zum Stehen brachte; nur daß damals der Neid, jetzt die Freude vorwaltetc. „Wunderbar! Höchst wunderbar!" rief Middleton, als ihm der ganze Erfolg des Mittels sichtbar wurde, der ihn und Alle von einer unvermeidlichen Gefahr gerettet hatte. „Der Gedanke ist Euch vom Himmel eingegebcn worden, und die Hand, die ihn ausgeführt, verdiente unsterblich zu sein." „Alter Jäger," rief Paul, sich in den Haaren wühlend, „ich bin mancher eintragenden Biene in die Höhle gefolgt, und verstehe etwas vom Wald und Waldleben; aber Euer Kunststück steht doch noch höher, als die Aufgabe, einer Horniß den Stachel abzuneh- mcn, ohne sie zu berühren." 23 " 356 „Nun wird's gehen! nun wird's gehen!" erwiederte der alte Mann, welcher nach dem ersten Erfolge nicht mehr an das Geschehene zu denken schien. „Haltet die Pferde in Bereitschaft. Laßt die Flamme noch eine kleine halbe Stunde wütheu; daun sitzen wir auf. Diese Zeit müssen wir schon verstreichen lassen, denn die nnbeschlagencn Tetonbeester haben einen eben so zarten Huf, als ein baarfüßiges junges Mädchen." Middleton und Paul, welche diese unvorhergesehene Rettung als eine Art von Auferstehung von den Tobten ansahen, warteten die von dem Alten gegebene Frist mit erneuertem Zutrauen in die Einsichten des Mannes ab. Der Doktor suchte und fand seine Schreibtafel, welche in's Gras gefallen, und etwas vom Brande beschädigt war; er tröstete sich über das kleine Unglück damit, daß er die mannigfachen Abwechselungen vvn Licht und Schatten, die ihm aufgefallen waren, in dieselbe aufzeichnete. Unser Veteran benutzte die Zeit besser; seine Erfahrung war Allen zu nöthig und zu heilsam, um ihn nicht zu neuen Beobachtungen zu veranlassen. Er strengte seine Augen an, um durch die Oeffnuugen, die der Wind zufällig in die ungeheuren Rauchwolken brachte, welche noch immer wie Berge auf allen Seiten der Prairie lagen, die entfernteren Gegenstände aufzufaffen. „Kommt mir zu Hilfe," sagte er nach langem Forschen, „Ihr jungen Leute mit jungen zuverlässigeren Augen, als meine alten. Es hat eine Zeit gegeben, wo ein weises und tapferes Volk mich für einen trefflichen Fernseher hielt; aber die Zeit ist vorüber, und mancher treue und erprobte Freund ist mit ihr dahin. Ach, ich Armer! könnte ich in der Ordnung der göttlichen Vorsehung eine Abänderung wünschen — aber das kau» ich nicht, denn es würde eine Gotteslästerung sein, es nur zu versuchen, da ich sehe, daß Alles i» der Welt durch einen weifern Geist regiert wird, als den schwachen menschlichen — könnte ich aber, wie gesagt, eine solche Abänderung treffen, so würde es diese sei», daß es Denjenigen^ 357 welche lange in Freundschaft und Herzensverhältniffen mit einander gelebt und durch manches Leiden und Wagen bewiesen haben, daß sie für einander gemacht waren, freistchen müßte, zu solchen Zeiten, wo der Tod des Einen dem Andern wenig Lust und Liebe zum Leben znrückläßt, daraus scheiden zu dürfen." „Ist es ein Indianer, den Ihr dort seht?" fragte der ungeduldige Middlcton. „Rothhaut oder Weißhaut gilt hier einerlei. Freundschaft und Gewohnheit können Menschen eben so fest an einander binden in den Wäldern, wie in den Städten — und in jenen vielleicht noch fester. Betrachten wir die jungen Krieger der Prairie». Wie oft sondern sie sich paarweise ab, und setzen ihr Leben den Pflichten der Freundschaft znm Pfände; was sie einander versprochen haben, halten sie ehrlich und treu- Der Todesstreich, der auf das eine Haupt fällt, ist gewöhnlich auch für das andere tödtlich. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in der Einsamkeit zugebracht, — wenn von einem Manne, der siebzig Jahre im tiefsten Schooß der Natur gelebt hat, wo er alle Augenblicke sein Herz vor Gott ausschütten konnte, ohne sich von den Sorgen und Schlechtigkeiten der Niederlassungen losmachen zu dürfen, gesagt werden kann, — er lebe in der Einsamkeit. Nun ja, wenn dieses der Fall ist, so bin ich ein einsam Lebender, eine Art von Einsiedler gewesen; und dennoch habe ich stets gefunden, daß der Umgang mit meinen Bekannten mir angenehm war, und daß, vorausgesetzt, daß mein Gefährte ein tüchtiger, ehrlicher Mensch gewesen, es mir wehe that, mich von ihm zu trennen. Tüchtig mußte er sein, denn ein morscher Begleiter in den Wäldern," hier warf er unwillkürlich einen Seitenblick auf den abstrakten Naturforscher, „ist geeignet, einen kurzen Weg zu einem langen zu machen; ehrlich, insofern Verschlagenheit und Umschweife mehr ein Instinkt der Thiere, als eine Eigenschaft sind, deren sich die menschliche Vernunft zu bedienen hat." 358 „Aber der Gegenstand, den Ihr seht, ist es ein Sioux?.. „Gott und Gott allein weiß, was noch Alles aus der amerikanischen Welt wird, und wo und wie die Umtriebe und Schwindeleien dieser Völker endigen. Ich habe in meiner Jugend den Häuptling gekannt, der in der scinigen den ersten Christen gesehen, der seinen unseligen Fuß auf den Boden von Ijork gesetzt hat. Wie hat sich die Schönheit unserer Waldungen und Wildnisse in zwei kurzen Lebensaltern cntstaltct! Meine Augen sahen das Tageslicht zuerst an den Küsten des östlichen Meeres, und ich erinnere mich, wie von heute her, des ersten Schusses, den ich mit der ersten Flinte that, die ich trug, beim ersten Marsche von meines Vaters Thür nach dem Walde, wenn man das einen Marsch nennen kann, was ein kleiner Knirps vom Morgen bis zum Abend vollbringt, und daß dieser Schuß gethan wurde, blos, um die Flinte zu versuchen, und ohne den Rechten und Vortheilen irgend Jemandes zu schaden, der sich früher zum Eigenthümer der Thiere auf dem Felde gemacht hat. Damals lag die Natur in ihrer ganzen Pracht längs der Seeküste, und überließ einen schmalen Streif zwischen den Wäldern und dem Ocean den Ansiedlern zur freien Benutzung. Und wo bin ich jetzt? Hätte ich Adlersflügel, sie würden ermüden, noch ehe sie den zehnten Theil des Zwischenraumes durchschnitten hätten, der mich von jenen Gestaden trennt; und in diesem Zwischenräume liegen Städte, Dörfer, einzelne Höfe, Landstraßen, Kirchen und Schulen, kurz alle Erfindungen und Teufeleien der Menschen zerstreut, und übersäen die ganze ungeheure Strecke. Ich erinnere mich gar wohl noch der Zeit, wo ein kleines Häufchen Rothhäute, längs den Gränzen hiustreichend, durch ihr Geschrei ganze Bezirke in Furcht und Fieberangst versetzte. Da mußten alle Männer zu den Waffen greifen; da mußten Truppen aus entlegenen Gegenden zur Hilfe eilen; da beteten die Geistlichen, die Weiber zitterten und zagten, und nur Wenige schliefen ruhig in ihren Betten, wenn die Irokesen auf ihrem 359 Kriegspfad waren, und der verfluchte Mingo mit dem Tomahawk bewaffnet erschien. Wie ist es aber jetzt? Das Land sendete seine Schiffe weit hin in fremde Gegenden, nm Krieg zn führen; es gibt mehr Kanonen, als es damals Flinten gab; es fehlt nicht an Fußvolk in Reih' und Glied; sie treten bei Zehntansenden auf, sobald der Waffenruf erschallt, und ihre Dienste verlangt werden. Dieses ist der Unterschied zwischen einem Bezirk und einem Staate, meine Freunde; und ich armes, elendes, halb abgestorbenes Wesen, wie ihr mich seht, habe leben müssen, um das Alles zn erleben!" »Daß Ihr manchen Baumfällen gesehen haben mögt, der den Rahm von der Milch der Erde abgeschöpft, und manchen Ansiedler, der den wahren Honig der Natur gestohlen, alter Wildsteller, daran wird und kann wohl kein vernünftiger Mann zweifeln," sagte Paul. „Hier ist aber Ellen, voller Unruhe über die verzweifelten Sioux; und jetzt, da Ihr über Euren Lieblingsgegenstand Eure Meinung von Euch gegeben habt, würde es gut sein, wenn Ihr uns die Richtung vorschriebet, der wir zu folgen haben, damit wir sicher schwärmen mögen." „Was?" „Ich sage, Ellen ist unruhig, und da der Rauch die Ebene verläßt, so würde es der Klugheit gemäß sein, einen andern Weg zur Flucht einznschlagcn." „Der Jnnge ist vernünftig. Ich hatte es wirklich ganz vergessen, daß wir mitten in einem wüthenden Flammenmeere waren, und daß uns die Sioux umschweben, wie hungrige Wölfe, die einer Büffelheerde auflanern. Aber wenn mein Gedächtuiß im alten Gehirn spukt, und ich in vergangene Zeiten znrückgehe, daun ist kein Halten, und die Gegenwart geht darüber verloren. Ihr habt recht, Kinder, es ist Zeit, uns zu rühren, und sogar hohe Zeit, denn unsere Lage ist kitzlicher als je. Einer Fenermasse aus dem Wege zu gehen, ist leicht Werk, denn das Feuer ist nur ein 360 wüthendes Element; auch ist es nicht viel schwerer, einen gesprenkelten Bären von der Fährte abzubringen, denn das Wild wird eben so leicht von seinem Instinkt geleitet, als irre geführt; aber die Augen eines wachenden Tetons zu blenden, ja dazu gehört schon mehr Verstand und Ueberlegung, insofern die verschlagene Vernunft in ihm seinen Teufeleien zu Hilfe kommt." Während der alte Mann die Schwierigkeiten des Unternehmens einsah und zu erkennen gab, setzte er die Versuche, der Gefahr zu entgehen, mit seiner gewöhnlichen Beharrlichkeit und Lebhaftigkeit fort. Und als er mit der Untersuchung und dem Ueberblick der Gegend fertig mar, welche die melancholischen Wanderungen seines Geistes in die Vergangenheit eine Zeitlang unterbrochen hatten, gab er seinen Gefährten das Zeichen zum Aufsitzen und Aufbruch. Die Pferde, welche während des Brandes zitternd und unbeweglich auf einer Stelle geblieben waren, nahmen ihre Lasten mit einer so sichtbaren Freude auf, daß man sich eines schnellen Vorrückens von ihrer Seite versehen konnte. Der Wildsteller bot sein Pferd dem Doktor an, entschlossen, zu Fuß zu gehe». „Ich bin der fremden Füße wenig gewohnt," setzte er als einen Grund hinzu, „und meine Hüften sind vom Nichtsthun müde. Sollten wir überdieß auf einen Hinterhalt stoße», so können die Pferde mit einem Reiter schneller laufen, als mit zweie». WaS mich selbst betrifft, so kümmert's mich wenig, eine Handvoll Tage mehr oder weniger zu zählen. Laßt die Tetons mir meine Schä- delhant ablösen, wenn es Gottes Wille ist; sie werden sie mit grauen Haaren besetzt finden, und ich fordere den abgefeimtesten Menschen heraus, mir die Erfahrung und die Kenntnisse zu rauben, die mir ihr Weißwerden verschafft hat." Keiner der ungeduldigen Zuhörer wollte anderer Meinung sein, und somit billigte ihr Schweigen die Rede des Alten. Obschon der Doktor einige mürrische Klagen über den Verlust seines ^sinus halblaut werden ließ, war er doch im Ganzen so sehr damit 361 zufrieden, durch vier Beine seine eigenen zwei ersetzt zu sehen, daß seine Elegie bald verstummte; und in wenig Augenblicken rief der Bienenjäger, dessen Stimme bei solchen Gelegenheiten nie saumselig war, hell und klar aus: sie wären sämmtlich fertig und bereit. „Haltet euch immer abwärts hin nach Osten," sagte der alte Mann, indem er sich an die Spitze des Zuges stellte, und ihn quer über die noch immer rauchende Ebene führte, „immer abwärts nach Osten geschaut! Frieren wird euch nicht ans dem gesengten Grase; immer nach Osten geschaut, und wenn ihr durch die Ranchwirbel einen weißen glänzenden Streifen entdeckt, blank wie ein silbernes neugeschlagenes Geräth, so denkt nur, es sei Wasser. Denn hier herum muß ein breiter Strom fließen, und mich dünkt, ich habe ihn schon einmal hervorblicken sehen; aber andere Gedanken sind in mir aufgestiegen, und ich habe ihn aus der Acht gelassen. Es ist ein breiter, schneller Strom, so wie der Herr manche seinesgleichen in dieser Wildniß geschaffen hat. Denn hier ist die Natur in ihrem ganzen Reichthnm zu erschauen, den einzigen Mangel an Bäumen abgerechnet. Bäume sind der Erde, was Früchte dem Garten sind; ohne sie kann nichts durchaus angenehm oder nutzbringend sein. Nun aber seid Alle wachsam, schaut um euch her, forscht mit offenen Augen nach dem glänzenden Waffcrstreis; denn uns ist nicht eher geholfen, als bis er zwischen uns und den mit scharfen Augen bewaffneten Sioux liegt." Der letzte Zusatz war hinreichend, der ganzen Truppe Blick dem so erwünschten Strome zuznkehren, ob sie ihn nicht bald entdecken würden. Das Auge immer nach Osten geheftet, zogen sie schweigend fort, denn der Alte hatte sie vor jeder geräuschvollen Bewegung gewarnt, sobald sie wieder in die Rauchwolken eindringen würden, welche noch immer über die Ebene hinrollten, und zwar mit doppelter Stärke an den Stellen, wo es Pfützen stehenden Wassers gab. 362 So hatten sie ungefähr eine Stunde zurückgelegt, ohne vom ersehnten Strome die geringste Spur zu entdecken. Noch immer wüthete die Flamme in einer gewissen Entfernung/ und so wie der Wind kaum den ersten Rauch des Brandes zerstreut hatte, wurde er von neuen kräuselnden Dampfwolken ersetzt, die den Gesichtskreis beengten. Endlich blieb der alte Mann, dem es anfing, unheimlich zu werden, und von dem seine Gefährten besorgten, er möchte in diesem Qualmmeere den Weg verfehlen, plötzlich stehen, stieß seine Flinte auf den Boden, und schien Etwas, das ihm vor den Füßen lag, genau und sorgfältig zu beschauen. Middleton und die Anderen kamen ihm näher und fragten nach der Ursache des Stillstehens. „Seht doch her," rief ihnen der Wildsteller zu, indem er auf ein Pferdegerippe hinzeigte, welches halb verbrannt in einer Vertiefung lag/ „seht her, und macht euch einen Begriff von einem Prairiebrande. Der Boden ist hier feucht, und das Gras stund höher als gewöhnlich. Das arme Thier ist in seinem Lager von den Flammen erreicht worden. Ihr seht seine Knochen, die geborstene und verbrannte Haut, die entblößten Zähne. Tausend Winter könnten ein Thier nicht so weit verwittern, als das Feuer in einer Minute." „Und dieses würde auch der Fall mit uns gewesen sein," sagte Middleton, „wenn die Flammen uns im Schlafe überrascht hätten." „Nein, das will ich nicht sagen; das nicht. Freilich brennt der Mensch so gut als Holz; aber da er mehr Vernunft hat, als ein Pferd, so versteht er auch besser, der Gefahr zu entgehen." „Vielleicht war dieses auch nur ein todtes Gerippe, denn sonst würde das Thier wohl davon gelaufen sein." „Sieh' da die Spuren im feuchten Boden! Seht! Hier die Hufe des Pferdes, und dort der Fnßstapfe eines Mokassins, so wahr ich lebe. Der Herr des Thieres hat es sortschleppen wollen! aber der Instinkt der Pferde macht sie beim Feuer stetig und unbeweglich." „Darin habt Ihr vollkommen recht. War aber ein Reiter da, wo ist er geblieben?" „Ja, das fragt sich," erwicderte der Wildsteller, zugleich bemüht, die Spuren sorgfältiger zu untersuchen. „Ja, ja, je mehr ich cs betrachte, desto mehr finde ich, daß zwischen Mensch und Thier ein langer Streit gewesen ist. Der Mann hat versucht, sein Pferd zu retten, und das Feuer muß rasch gewesen sein, sonst wäre es ihm, dem Anschein nach, gelungen." „Schau hin, alter Jäger!" unterbrach hier Paul, und wies mit der Hand nach einer nicht entfernten Stelle hin, wo der Boden trocknen war, und folglich das Gras nicht so hoch gestanden haben mochte. — Sprich nicht ein Pferd; sprich zwei! Dort liegt das zweite." „Der Junge hat recht. Kann sein, daß sich die Tetons in ihre eigenen Schlingen verwickelt haben! So Etwas trägt sich wohl zu, und ist eine Warnung für Alle, welche Böses beginnen. Schaut aber hieher; ein Stück Eisen, nach Art der Weißen gearbeitet; gewiß ein Sattclschmuck des gefallenen Viehes. — Ja, ja, so wird's sein; ein Thcil der Sioux hat sich in Kreisen um uns bewegt, uns aufznfangen, während ihre Freunde die Prairie in Brand steckten. Und seht nun, wie's ihnen ergangen? Sie haben ihre Pferde verloren, und können von Glück sagen, wenn ihre Seelen in diesem Augenblicke nicht auf dem Pfade Herumschweifen, der zu dem Himmel der Indianer führt." „Konnten sie sich denn nicht auf eben diese Weise retten, als Ihr uns?" versetzte Middleton, indem er mit den Anderen sich der zweiten Masse langsam näherte. „Das möchte ich nicht behaupten. Nicht jeder Wilde führt ein Feuerzeug mit sich, oder hat eine so gute Flinte, als du, mein gutes Rohr, mein guter, alter Freund, bist. Es ist ein langsam Ding, mit Aneinanderreiben zweier Stöcke Feuer anmachen, und es wäre ihnen nicht viel Zeit dazu gelassen worden; denn seht nur jenen Strich dort, wo die Flamme vor dem Winde herläuft, als würde ein Lanfpnlver angezündet. Es sind nicht viel Minuten vorüber, seitdem das Feuer hier gehauset, und ich rathe 364 euch, die Flinten in Bereitschaft zu halten; nicht daß ich Lust hätte, mich mit den Sioux einznlassen, Gott bewahre! nein, sondern weil es bei jedem Gefechte, wenn solches einmal noth- wendig ist, Vortheil bringt, den ersten Schuß zu thun." „Das muß ein seltsam Thier gewesen sein," sagte Paul, der den Zügel oder vielmehr die Halfter seines Pferdes anqehalten hatte, um das zweite Gerippe näher zn beschauen, während die Anderen eiliger waren als er, „das ist mir ein Pferd ganz neuer Art; es hat weder Kopf noch Hufe." „Ei was? das Feuer räumt schnell auf," erwiederte der Wildsteller, ohne hinznsehen, und beschäftigt, durch den wirbelnden Ranch ab und zn eine hellere Stelle am Horizonte anfznsnchen. „Feuer ist im Stande, einen Büffel zu einer unförmlichen Masse zusammen zu backen, und Hufe und Hörner in weiße Asche zn begraben. — Aber pfui, alter Hektor, pfui! Dem jungen Hunde des Kapitäns will ich's verzeihen, wenn er seinen Mangel an Erfahrung, und vielleicht auch, mit Erlanbniß! seinen Mangel an Abrichtnng zeigen sollte; aber du, ein Hund, der so viele Jahre im Walde durchlebt, che du in die Prairie gekommen bist, du, alter Hektor, solltest dich schämen, beim Anblick eines gerösteten Pferdes die Zähne zu weisen und zn knurren, als wolltest du deinem Herrn damit sagen, du ständest vor einem Bären!" „Ich sage Euch aber noch 'mal, alter Jäger, das da ist kein Pferd; es hat weder Hufe, noch Kopf, noch Haut." „Wa_? kein Pferd? Eure Augen mögen gut sein, Freund, wenn es darauf ankommt, Bienen in hohlen Bäumen zn finden. — Das da kein.... Aber wahrhaftig, der Mann hat recht. — Wie in aller Welt konnte ich eine gesengte und znsammengedörrte Büffelshant für ein Pferdegerippe halten. O, ich armer Stümper, wie weit ist es mit mir gekommen! Es war eine Zeit, wo ich Euch ein Thier angeben konnte, sobald es am Horizonte aufduckte, 365 und niä't nur den Namen desThieres, sondern auch alles Eigen- thümliche, Farbe, Alter und Geschlecht." „Was Ihr da, ehrwürdiger Jäger, für einen unschätzbaren Vorzug vor so Vielen voraus hattet," bemerkte der aufhorchende Doktor Battins. „Der Mann, der in der Wildniß eine solche Gabe besitzt, und so wesentliche Unterschiede in der Ferne machen kann, spart viele Schritte und Untersuchungen, deren Resultate nur zu oft falsch sind. Sagt mir doch, alter Frennd, erstreckte sich die Vortrefflichkeit Eures Gesichtes so weit, daß Ihr die vrclo oder das llenns des Thicres entdecken konntet?" „Ich weiß nicht, was Ihr mit Euren Orden und Euren Gemuffen sagen wollt." Mit einem auf den Jäger gerichteten Blick, der etwas Verächtliches mit sich führte, wandte sich der Bienensncher zu dem Alten, und sprach: „Lieber Wildsteller, Ihr gebt da eine zu große Unbekanntschaft mit der englischen Sprache kund; eine Unwissenheit, die ich bei einem Manne von Eurer Erfahrung und Eurem Verstände nicht gesucht hätte. Wenn Euer Frennd von Oräa spricht, so will er Euch fragen, ob Ihr unterscheiden konntet, in welcher Ordnung das entfernte Vieh sich bewegte, ob wild und bunt durch einander, wie ein Bienenschwarm, der seiner Königin folgt, oder in langen Reihen, wie Ihr die Büffel ruhig über die Prairie gehen seht. Und was das Wort Genius betrifft, so ist dieses Wort, wie ich gewiß bin, ein allgemein bekanntes und in Jeder- ' manns Munde. Da ist znm Beispiel der Kongreßmann in unserm Bezirk, und das kleine dicke Männchen mit der geläufigen Zunge, der die Avisen in unserer Grafschaft schreibt; Beide werden G eines genannt, weil Beide muntere, lebhafte Köpfe sind. Das will auch, insofern ich seine Meinung verstehe, der Doktor sagen; denn selten spricht er ohne eine besondere Absicht." Als Paul diesen in der That allerliebsten Kommentar von sich gegeben hatte, sah er sich nach allen Seiten um, als wollte 366 er damit sagen: „Da seht ihr, obschon ich mich nicht oft mit dergleichen Dingen abgebe, daß ich kein Holzkopf bin!" Ellen bemnndertc ihren Panl in vielen Stücken, mir nicht um seiner Schnlkenntnisse wegen. In seinem Charakter lag so viel Biedersinn, Freimuts), Unerschrockenheit und Männlichkeit, verbunden mit einem sehr anziehenden Aenßern, daß sie ihn wohl lieb gewinnen konnte, aber ohne von seinen erlernten Gaben bezaubert zu sei». Das arme Mädchen crröthctc wie eine Rose; ihre lieblichen Finger spielten mit dem Gürtel, der um sie geschnallt war und sie ans dem Pferde festhielt. Dann fiel sie ein, als darauf bedacht, die Aufmerksamkeit der Uebrigen von einer Schwäche abzuziehcn, die sich ihr Geliebter zu Schulden kommen lassen, und welche sie selbst so gerne überhört hätte, — und fragte: „Ist denn, was da liegt, überhaupt kein Pferd?" „Es ist nichts mehr und nichts weniger als eine Bnffclhant," antwortete der Wildsteller, den die Erklärung des Biencnjägers nicht weniger verblüfft hatte, als die Frage des Naturforschers. „Das Haar ist unten, das Feuer ist darüber hingelanfcn; doch da, wie ihr seht, die Haut frisch abgezogen ist, so hat die Flamme nicht haften können. Das Thier ist erst vor Kurzem geschlachtet; vielleicht findet sich noch ein Theil des Fleisches unter dem Felle." „Heb' einen Zipfel ans, alter Jäger!" rief Panl ihm zn, mit dem Tone eines Mannes, der das Recht erworben zn haben glaubte, hinfort bei allen Berathnnge» mitznreden. „Vielleicht finden wir ein Stück vom Höcker; das wollen wir kochen und uns gut schmecken lassen." Der alte Mann lachte ans seine Weise herzlich über den Einfall seines jungen Gefährten. Als er die Haut mit dem Fuße wegschieben wollte, fing sie an, sich zu bewegen, flog dann mit einem Male ans die Seite, und — auf sprang ans seinem Versteck ein indianischer Krieger, mit einer Leichtigkeit nnd Hast, welche bewies, wie dringend ihm der Augenblick schien, sich zu entdecken. 367 Vierundzwanzigstes Kapitel- Ich wollte. Heinz. es wäre Schlafengehenszeit. Und Alles stände gut. * Shakespeare. Ein zweiter Blick reichte hin, um die ganze erschreckte Gesell- . schaft davon zn überzeugen, daß der junge Pawnee, dem sie schon einmal begegnet waren, wieder vor ihnen stehe. Die Verwunderung machte beide Theile stumm, und mehr als eine Minute verging, während Jeder ans den Andern mit Erstaunen, wo nicht gar mit Argwohn, hinblickte. Die Verwunderung des jungen Kriegers trug indessen einen weit größer« Anstrich von Würde, als die seiner christlichen Bekannten. Während auch Middleton und Paul etwas von dem Schrecken, welcher die ihrem Schutz anbefohlencn Gefährten erfaßte, in dem schnellern Lauf ihres Blutes fühlten, rollte des Indianers feuriges Auge von dem Einen zu dem Andern, als könne es auch bei dem drohendsten Angriffe nicht scheu werden. Nachdem er alle Gesichter der Reihe nach angeschant, haftete sein Blick stolz und fest auf den unerschütterlichen, ruhigen Zügen des Wildstellers. Erst Doktor Battins unterbrach das Schweigen, indem er ansrief: „Ordnung, Primates; Genus, üoina; Species, von der Prairie." „Sielst da, das Geheimniß ist heraus," sagte der alte Jäger, indem er den Kopf so wohlgefällig schüttelte, als habe er den Knoten eines sehr tiefen und verwickelten Geheimnisses gelöst. — „Der Bursch hat sich in's Gras niedergelegt, da ist im Schlaf das Feuer über ihn hergekommen, und nachdem er sein Pferd verloren, hat er sich unter der frischen Haut eines Büffels verborgen- Keine schlechte Erfindung, wo es an Pulver und Flintcnstein fehlt, um sich, wie wir, zn helfen. Ich wette, er ist ein braver Bursch, 368 mit dem wir reckt gut zusammen reisen könnten. Ich will freundlich mit ihm reden, denn Aerger macht unsere Lage nicht besser. Mein Bruder ist nochmals willkommen," sagte er, indem er sich der Sprache bediente, welche der Andere oerstand — „die Tetons haben ihn geräuchert, als wäre er ein Rakun*)." Das Auge des jungen Pawnee schweifte rings umher, als prüfe er noch einmal die schreckliche Gefahr, welcher er kaum entronnen: aber er verschmähte es, dabei die geringste Besorgniß zn verrathen. Seine Stirne runzelte sich, als er folgendermaßen auf die Bemerkung des Wildstellers antwortete: „Ein Teton ist ein Hund. Wenn das Kriegsgeschrei der Paw- nee's in ihre Ohren gellt, heult das ganze Volk." „Das ist wahr. Die Teufel sind hinter uns, und mich freut's, einen Krieger anzntreffen mit dem Tomahawk in der Hand, der sie nicht liebt. Will mein Bruder wohl meine Kinder in sein Dorf fuhren? Sollten die Sioux uns folgen, so werden meine jungen Leute ihm helfen, sie abwehren." Der junge Pawneekrieger wandte seine Angen scharf prüfend von dem einen zn dem andern Fremden, ehe er es für gerathen hielt, auf eine so wichtige Frage zu antworten. Die Prüfung der Männer fiel kurz aus, und war offenbar befriedigend. Aber lange und mit derselben Bewunderung, wie bei ihrer früheren Zusammenkunft, haftete sein Blick auf der ungewöhnlichen Schönheit eines so seltenen Wesens wie Jnez. Wenn auch sein Auge zuweilen die obgleich für ihn ebenfalls außerordentlichen, aber weniger auffallenden Reize der jungen Ellen betrachtete, kehrte er doch immer wieder zur Musterung eines Geschöpfes zurück, welches für den jungen unerfahrenen Wilden mit aller der Vollendung gebildet war, die nur ein Dichter den Schöpfungen seiner glühenden Phantasie leiht. Nie war ihm in den Prairien etwas so Schönes, so Ideales begegnet, etwas so durchaus Würdiges, um den Mnth ') Ein amerikanischer Dachs mit dem Schwanz eines Fuchses. und die Huldigung eines Kriegers zu belohnen, und der wackere Bursche schien in der That von dem Anblick eines so seltenen Musterbildes weiblicher Liebenswürdigkeit ganz ergriffen. Sobald er jedoch bemerkte, daß sein staunender Blick dem Gegenstände seiner Bewunderung nicht angenehm sei, wendete er die Augen ab und antwortete, die Hand auf die Brust legend, in bescheidenem Tone: „Mein Vater wird willkommen sein. Die jungen Leute meines Volkes sollen mit seinen Söhnen jagen, die Häuptlinge werden mit dem Graukopf rauchen. Die Mädchen der Pawnee's sollen in die Ohren seiner Töchter singen." „Und wenn wir auf die Tetons stoßen?" fragte der Wildsteller, welcher gern genauer die Hauptbedingungen dieses neuen Bündnisses zu erfahren wünschte. „Die Feinde der Lang-Messer sollen die Faust der Pawnee's fühlen." „So ist es gut. Jetzt, mein Bruder, laßt uns zusammen Rath halten, daß wir auf keinen schiefen Pfad gerathen, sondern daß unser Weg in Euer Dorf so geradeaus sei, wie die Flucht der Tauben." Der junge Pawnee gab ein Zeichen des Beifalls, und trat mit dem Andern etwas abseits, um weder von Pauls Unruhe, noch von der Gelehrtheit des Naturforschers unterbrochen zu werden. Ihre Berathung war nur von kurzer Dauer, da sie aber auf die ausdrucksvolle Weise der Eingeborenen erfolgte, so hatte jeder von beiden Theilen alsbald erfahren, was ihm zu wissen Nvth that. Als sie zu ihren Gefährten getreten, konnte der alte Mann einen Theil von dem, was zwischen ihnen vorgefallen war, in folgenden Worten wiedererzählen. „Nein, ich habe mich nicht geirrt," sprach er; „dieser junge Krieger vertraute mir mit der guten Miene — denn er hat eine gute Miene und eine edle Miene, wenn er auch ein wenig schrecklich aussieht mit seinen Malereien, — also mit der guten Miene an, daß er auf Kundschaft gegen eben dieselben Tetons aussei. Die Proirie. 24 370 Sein Trupp war nicht stark genug, um die Teufels zu schlagen, die in großer Anzahl von ihren Flecken zur Büffeljagd herabgekommen sind, und es sind nun Andere znrnckgeschickt in die Pawnee- Dörfer, um Hilfe zu holen. Der junge Bursch scheint wohl ein dreister Bursch zu sein, denn ganz allein ist er um sie herum geschlichen, bis er, wie wir, sich in's Gras hat niederducken muffen. Aber, meine Kinder, er erzählt mir noch mehr, und was ich sehr ungern höre, nämlich, daß der schlaue Mahtorce, statt sich über den Squatter herznmachen, sein Freund geworden, und daß Beider Brut, Rothe und Weiße, uns ans den Hacken sind, und rings um diesen abgesengten Fleck liegen, uns anfznfangen." „Wie kann er denn dicß Alles erfahren haben?" fragte Middleton. „Warum nicht?" „Durch welche Mittel weiß er, daß dieß Alles sich so verhält?" „Durch welche Mittel? Meint Ihr, Zeitungen und Stadtans- rufer seien nöthig, um einem Kundschafter das zu sagen, was in diesen Steppen geschieht, als wäre es mitten im Busen der Staaten? Keine Klätscherinnen, die von Hans zu Hans fliegen, Anderen Böses nachznsagen, können mit ihren Zungen die Nachrichten so schnell verbreiten, als dieses Volk durch ganz besondere Zeichen und Merkmale sich unter einander verständigt. Das sind ihre Kenntnisse, und, was das Beste bei der Sache, Alles haben sie unter freiem Himmel und in keinen vier Schnlwänden erlernt. Wahrhaftig, Kapitän, Alles, was er sagt, ist wahr." „Wenn es so ist," sagte Paul, „so bin ich bereit, darauf zu schwören. Es ist vernünftig, und deßhalb muß cs auch wahr sein." „Und das kannst du mit gutem Gewissen, mein Junge. Er hat mir ferner ebenfalls erklärt, daß meine alten Angen mich abermals nicht im Stich gelassen haben, und daß der Fluß hier in der Nähe, ungefähr eine halbe Meile entfernt, liegt. Ihr seht, das Feuer hat vorzüglich in jenem Striche gewüthet, und unser 371 Pfad dahin ist von dem Manche bedeckt. Auch hält er dafür, es sei nöthig, daß unsere Spnr im Wasser verschwinde. Ja, wir muffen den Fluß zwischen uns und den Sioux haben, und dann mögen wir unter Gottes Beistand, und wenn wir selbst das Unsere hinzuthnn, das Dorf der Loups erreichen." „Worte bringen uns nicht um einen Schritt weiter," sagte Middleton, „daher frisch vorwärts!" Der alte Mann stimmte ein, und die Gesellschaft machte sich wieder auf den Weg. Der Pawnee warf die Büffelhant über die Schulter, und führte nun den Zug an, indem er jedoch zuweilen verstohlen znrückblickte, um sich dann und wann an Jnez außerordentlicher Schönheit und ihm unerklärlichen Lieblichkeit zu weiden. Eine Stunde verging, bis die Flüchtlinge das Ufer des Stromes erreichten, der zu den hundert Flüssen gehörte, welche, in den ungeheuren Missouri und Misfisippi hineinströmend, die Gewässer jener ausgedehnten und noch immer öden Gegend in den Ocean leiten. Der Fluß war nicht tief aber sein Strom reißend und trübe. Die Flammen hatten die Erde bis an seinen Rand versengt, und da der wärmere Dampf des Flusses in der kühleren Morgenluft sich mit dem Rauch der noch ringsum flackernden Gegenstände vermischte, war fast die ganze Oberfläche des Wassers in Dunst eingehüllt. Dieß bemerkte der Wildsteller mit Vergnügen, indem er, zugleich Jnez beim Herabsteigen am Wasserrande helfend, sagte: „Die Schurken haben sich selbst überlistet. Ich weiß nicht, ob ich nicht selbst die Prairie angesteckt haben würde, um diesen Dunst und Rauch hcrvorzubringen, der unsere Bewegungen so trefflich verbirgt, wenn nicht die herzlosen Tenfelskinder uns die Mühe erspart hätten. So was geschah wohl in meinen jungen Tagen, und mit Erfolg. Kommt, Lady, setzt Euren zarten Fuß hier nieder; es mag eine schreckliche Anstrengung für eine feine Dame von solchem Stande, wie Ihr, gewesen sein. Ach Gott, was habe ich nicht zu meiner Zeit gesehen, was junge, fein ge- 24 * 372 bildete, tugendhafte und bescheidene Frauen dulden und thnn mußten, damals in den wilden und gräßlichen Kriegen bei den Indianern. Kommt, 's ist nur eine kurze Viertelmeile nach drüben, und dann haben sie hoffentlich unsere Spur verloren." Paul hatte indessen Ellen beim Absteigen geholfen, und stand jetzt mit traurigen Blicken an de» nackten Ufern des Flusses. Weder Baum noch Busch wuchs am Rande, mit Ausnahme weniger niedriger Gesträncher, ans denen es nicht einmal leicht gewesen wäre mir ein Dutzend Zweige sich auszuschneiden, die einigermaßen zu gewöhnlichen Spazierstöcken getaugt hätten. „Ei, alter Wildsteller," rief der Biencnjäger verdrießlich ans, „es läßt sich recht hübsch sprechen von der anderen Seite dieses Flüßchens oder Bächleins, oder wie Ihr es nennen wollt, aber ich meine, es gehöre eine scharfe Flinte dazu, die ihr Blei da hinüber senden könnte — das sonst eigentlich für Indianer oder Hirsche bestimmt ist." „Gewiß, gewiß, obgleich ich hier eine Flinte führe, die in den Zeiten der Noth das ihrige gethan hat, und ans weite Entfernung." „Und meint Ihr 'etwa, Ellen und des Kapitäns Frau hinüber zu schießen, oder glaubt Ihr etwa, sie werden nach Forellen-Manier mit den Köpfen unterm Wasser hinüber spazieren?" „Gibt es hier keine Fuhrt im Flusse?" fragte Middleton, der jetzt ebenso, wie Paul, die Unmöglichkeit einsah, die nach jenseits hinüber zu schaffen, deren Rettung ihm mehr als die eigene am Herzen lag. „Wenn das Bergwaffer abfließt," sagte der Jäger, „so schwillt der Fluß, wie Ihr seht, zu einem reißenden Strome an. Und doch bin ich sonst wohl durch sein sandiges Bett gewatet, obne mir auch nur das Knie zu netzen. Aber wir haben ja die Sionxpferde, und ich wette, diese ungeschlachten Kobolde werden wie Hirsche schwimmen." „Alter Jäger," sagte Paul, indem er den Finger an den ver- 373 zogenen Mund brachte, wie er zn thun pflegte, wenn ihm Etwas aufstieß, was er nicht gleich zn reimen wußte, „ich bin wie ein Zisch zu meiner Zeit geschwommen, und ich kann es wieder, wenn «s Noth thnt, auch kümmert mich das Wetter dabei nicht im geringsten : aber, ich frage, wird Nelly sich auch zu Pferde halten, mit diesem Wafferwirbel rund um sie, wie ein Mühlrad. Außerdem ist's klar, daß sich auch so das Ding nicht von den Pferden ohne Schwimmen abthun läßt." „Ja, der Bursch hat recht. Nun gilt es, 'was ersinnen, oder wir kommen nicht über den Fluß." Dann schnell abbrechend, wandte sich der Alte an den Pawnee und erklärte ihm die Schwierigkeit, die hinsichts der Frauen ihnen cntgegentrete. Der junge Krieger horchte ernsthaft zn, warf schnell die Büffelhaut von der Schulter herab, und ging dann sogleich, unter Beihilfe des alten, darin wohlerfahrenen Mannes, an's Werk, um alles zu diesem Zweck Nvthige zn bereiten. Die Haut wurde alsbald in einen umgekehrten Regenschirm nmgeformt, und mit Riemen von Hirschfellen, mit denen beide Arbeiter wohl versorgt waren, verfestigt. Wenige leichte Stäbe dienten zu verhindern, daß die entgegengesetzten Seiten zusammenklappten oder einfielen. Als dieses höchst einfache Werkzeug fertig war, setzte man cs ans das Wasser, indem der Indianer andeutete, daß es bereit stehe, seine zarte Bürde anfznnehmen. Aber Jnez und Ellen zauderten, sich einem so gebrechlich scheinenden Fahrzeuge anznvertranen, und eben so wenig wollten Middleton und Paul zngcben, daß sie es thäten, bis jeder von Beiden durch eigenen Versuch sich überzeugt hatte, daß der neue Kahn auch eine weit schwerere Last anfznnehmen und zn tragen im Stande sei. Jetzt waren alle ihre Besorgnisse überwunden, und das Fell sollte seine köstliche Bürde empfangen. „Jetzt soll unser Pawnee der Pilot sein," sagte der Wildsteller, „meine Hand ist nicht mehr so fest, als sonst, aber seine Glieder 374 sind stark und kräftig wie der zäheste Wallimßbaum. Ueberlaßt nur Alles der Klugheit des Pawuee." Ehemann und Liebhaber konnten auch füglich nicht anders thun, und sie wurden zwar lebhaft betheiligte, dabei aber ganz unthätige Zuschauer dieser Ueberfahrt nach der frühen Weise der menschlichen Kindheit. Der Pawuee wählte unter den Pferden Mahtoree's Thier, und zwar mit einer Schnelligkeit, welche bekundete, wie er die Eigenschaften dieses edlen Thicres wohl zu schätzen wußte; und indem er sich selbst auf den Rücke» schwang, ritt er in den Fluß hinein. Er steckte das eine Lanzenende in die Haut, nnd zog das leichte Schiffchen nach dem Strome; so gelangte er bald, sein Roß antreibend, in die Strömung. Middle- ton und Paul folgten, indem sie sich, so nahe es die Klugheit erlaubte, an die Barke hielten. So bngslrte der junge Krieger seine kostbare Last mit völliger Sicherheit hinüber, ohne daß den Schiffenden der geringste Unfall begegnet wäre, und mit einer Schnelligkeit und Gewandtheit, welche bewies, daß Roß nnd Reiter in solchem Geschäfte geübt waren. Als das andere Ufer erreicht war, verrichtete der junge Indianer wieder seine eigene Arbeit. Er warf das Fell über die Schulter, nahm die Stäbe unter den Arm, und ritt, ohne ein Wort zu verlieren, durch den Fluß zurück, um den Rest der Gesellschaft auf ähnliche Weise nach der Seite, welche als die sichere angesehen wurde, herüber zu holen. »Jetzt, Freund Doktor," sagte der alte Mann, als er den Indianer zum zweiten Mal sich in das Wasser stürzen sah, „sehe ich, daß da Treu und Glauben bei der Rothhant ist. Er sieht gut nnd ehrlich ans, der Bursch, aber die Winde des Himmels sind nicht trügerischer als diese Wilden, wenn der Teufel einmal über sie kommt. Wäre der Pawnee ein Teton gewesen, oder einer von jenen herzlosen Mingo's, die vor Zeiten — das mag aber wohl schon an sechzig Jahre her sein — in den Wäldern von Jork plünderten, so würde er uns jetzt den Rücken, und nicht das Gesicht . 375 zugedreht haben. Ich hatte so meine eigenen Gefühle, als ich ihn das beste Pferd answählen sah, denn er hätte uns mit dem Thiere eben so leicht auf und davon gehen können, wie eine zarte Taube die Gesellschaft der lärmenden und schwergefiedcrtcn Krähen verläßt. Doch Ihr seht, cs ist Treu und Glauben in dem Jungen, und hast dn einmal eine solche Rothhaut dir znm Freund erworben, so bleibt er dir's so lange, als dn ehrlich mit ihm umgehst." „Wie viel mag wohl die Entfernung bis zu der Quelle des Gießbaches betragen?" fragte Doktor Battius, dessen Angen über die wirbelnde Flut des Stromes mit dem Ausdruck eines Gefühls, das noch etwas stärker als Zweifel schien, dahin rollten. „Wie weit hätte ich wohl bis zu diesen Quellen zu gehen?" „Das hängt von Umständen ab. Ich glaube, Eure Schenkel sollten Euch weh thnn, bis Ihr sein Bett in den Rocky-Mvun- tains aufgefunden; aber zu andern Zeiten konnte es geschehen, ohne daß Ihr den Fuß netztet." „Und in welchen besonderen Jahresabtheilnngen treten diese periodischen Zeiten ein?" „Wer wenige Monate früher als wir, hier vorbeikommt, findet statt dieser schäumenden Wasserflut eine trockene Sandwüste." Der Naturforscher versank in tiefes Nachdenken. Wie so manche Andere, die nicht grade überflüssig mit physischer Stärke ausgerüstet sind, hatte der würdige Mann die Gefahr, die beim Uebersetzen über den Fluß bei der so erstaunlich einfachen Weise eintreten konnte, entdeckt, und sie mit seiner Einbildungskraft so schnell vergrößert, daß, als das Wagestück bald unternommen werden sollte, er in der That an die Möglichkeit einer außerordentlichen Anstrengung dachte, nämlich den Fluß zu umgehen, um nur nicht hinüber zu schiffen. Brauche ich noch ein Wort darüber zu verlieren, wie Furcht und Schrecken die allergeistreichsten Gründe eiugeben? Der würdige Obed hatte mit lobens- werthcm Fleiß Alles überdacht, und war eben zu dem tröstenden Schluffe gekommen, daß fast gleich viel Ruhm dabei wäre, die entfernten Quellen eines so beträchtlichen Stromes zu entdecken, wie eine neue Pflanze oder ein neues Insekt in die Listen der Gelehrten einznrangiren, als der Pawnee zum zweiten Male das Ufer erreichte. Der alte Mann nahm nun mit vieler Bedächtigkeit seinen Sitz in dem ledernen Schiffe, sobald es nur wieder etwas zu seiner Aufnahme eingerichtet war, ein, und nachdem er Hektor sorgsam zwischen den Beinen eingeschichtet, bat er seinen Gefährten, den dritten Platz einzunehmen. Der Naturforscher setzte den einen Fuß in das gebrechliche Fahrzeug, wie etwa ein Elephant eine Brücke versucht, oder ein Pferd häufig ähnliche Versuche anstcllt, ehe es den ganzen Schatz seines Körpers dem trügerischen Boden anvertrant, und dann zog er ihn plötzlich zurück, eben als der Alte glaubte, er werde sich niederseyen. „Verehrungswerther Jäger," sagte er traurig, „dicß ist eine gegen alle Regeln erbaute Barke. Es mahnt mich innerlich, der Sicherheit drinnen nicht zu trauen!" „Frisch dran!" sagte der Alte, indem er die Ohren seines Hundes strich, wie ein Vater etwa sein Kind liebkosen würde. „Ich neige mich gar nicht zu dieser unregelmäßigen Weise, das Wasser zu probiren. Das Schiff hat weder eine bestimmte Form, noch bestimmte Verhältnisse." „Freilich ist's nicht so schmuck, wie manches Canoe von Birkenrinde, aber in der Noth läßt sich's eben so gut in einer Hütte, als in einem Palast wohnen." „Es ist ganz unmöglich, daß ein nach aller Wissenschaft widerstreitenden Grundsätzen erbautes Schiff sicher sein könne. Die Wanne, verchrtester Jäger, erreicht niemals in Sicherheit das jenseitige Ufer." „Ihr habt aber doch selbst gesehen, was schon geschehen ist." „Das war aber auch eine wahre Anomalie im Glück. Will man erst Ausnahmen als Regeln nehmen, im Gange der mensch- 377 lichen Dinge, so würde das Menschengeschlecht alsbald in die Tiefe der Unwissenheit versinken. Verehrungswürdiger Wildsteller, das Ding, dem Ihr Eure Sicherheit anvertrauen wollt, ist in den Annalen der regelmäßigen Erfindungen, was man einen luons ns- turae in den Listen der Naturgeschichte nennen möchte, — ein Ungeheuer!" Wie lange Doktor Battins sich würde aufgelegt gefühlt haben, das Gespräch fortznsetzen, ist schwer zu sagen; denn zu den mächtigen persönlichen Rücksichten, die ihn bestimmten, ein Unternehmen, welches gewiß nicht ohne seine Gefahr war, anfzuschicben, kam noch der Stolz der Vernunft, der ihn, in dieser Erörterung sein Recht zu behalten, anfeuerte. Aber damit die Geduld des alten Mannes nicht noch länger geprüft werde, so erhob sich, grade als der Naturforscher sein letztes Wort gesprochen, ein Geräusch in der Luft, das eine Art übernatürlichen Echo's des ausgesprochenen Gedankens schien. Der junge Pawnee, der das Ende dieser unverständlichen Diskussion mit eigenthümlicher Ruhe und Ernst erwartet hatte, hob den Kopf auf und horchte auf das unbekannte Geschrei wie ein Hirsch, der die Fußtritte der fernen Hunde im Winde mit mysteriöser Kraft erlauscht. Wildsteller und Doktor waren indessen nicht so ganz unnnterrichtet von der Natur dieser außerordentlichen Töne. Der Letztere erkannte in ihnen die wohl- bekannte Stimme seines eigenen Thieres, und er wollte eben wieder das kleine Gestade am Strome hinanfspringen, als der Loinus selbst offen heransprengte, gar nicht mehr weit, und durch den ungeduldigen und rohen Weucha, der ihn ritt, angcspornt. Die Augen des Tetvns und die der Flüchtlinge begegneten sich. Jener erhob ein langes, lautes und gellendes Geschrei, wo Jnbel- und Aufruftöne sich schrecklich vereinigten. Indessen diente doch das Signal dazu, um der Discnssivn über die Verdienste der Barke ein Ende zu machen, indem der Doktor so schnell in dieselbe und an die Seite des Alten sprang, als wäre, wie durch 378 ein Wunder, der Nebel von seinen geistigen Angen gefallen. Im nächsten Augenblick kämpfte schon das Roß des jungen PawneeS gewaltig mit der Strömung. Es bedurfte einer außerordentlichen Kraftanstrengnng des Pferdes, um die Flüchtlinge außerhalb des Bereichs der Pfeile zu bringen, welche im selben Augenblick durch die Luft sausten. Weu- cha's Geschrei hatte fünfzig seiner Kameraden an's Ufer gelockt; glücklicher Weise war aber unter ihnen allen kein einziger, dessen Rang ihn bemächtigt hätte, eine Flinte zu führen. Kaum aber hatten Jene die Mitte des Stromes erreicht, als Mahtoree's.Gestalt selbst am Gestade erschien, und eine wirkungslose Salve von Fenergewehren verkündete die Wnth »nd den Aerger des Häuptlings. Mehr als einmal hatte der alte Jäger seine Flinte aufgehoben, um ihre Kraft an dem Feinde zu versuchen, doch eben so oft legte er sie, ohne zu feuern, wieder nieder. Des jnngen Pamnee's Angen glänzten, wie die eines Kaguars beim Anblick so vieler Männer aus einem befeindeten Stamme, und er antwortete . der wirkungslosen Anstrengung ihres Häuptlings, indem er eine Hand verachtungsvoll in die Luft streckte, und das Kriegsgcschrei seiner Nation anhob. Dies; war eine zu schmähliche Herausforderung. Die Tetons fuhren alle mit einem Male in den Fluß, und ringsum wimmelte es von den finstern Gestalten der Thiere und ihrer Reiter im Wasser. Nun galt es einen entsetzlichen Kampf, das befreundete Ufer zu erreichen. Da die DahcotahS ans Pferden ritten, welche nicht wie das des Pawnee's ihre Kräfte bei früheren Anstrengungen vergeudet hatten, und sie überdieß von keiner andern Last als ihren Reitern beschwert wurden, so übertraf die Eile der Verfolger bei weitem die der Flüchtlinge. Der Wildsteller, welcher die ganze Gefahr ihrer Lage wohl übersah, wandte rnhig die Augen von den Tetons zu seinem jungen indianischen Gefährten, um zu sehen, ob bei Letzterem die Entschlossenheit Nachlasse, je näher Jene kamen. 379 Statt indessen Furcht zn verrathen, oder auch mir eine Betroffenheit, welche in einer so kritischen Lage wohl erklärlich gewesen wäre, rnnzelten sich die Branen des jungen Kriegers zn einem Blick, der Todfeindschaft verkündete. „Schätzt Ihr sehr das Leben, Frennd Doktor?" fragte der Alte mit einer Art philosophischer Ruhe, welche den Gefährten zwiefach die Schrecken des Todes empfinden ließ. „Nicht an und für sich," cntgegnete der Naturforscher, indem er mit der hohlen Hand etwas Flnßwasser einschlnckte, seine Kehle wieder anznfrischen. „Nicht an und für sich, sondern nur insofern, als die Naturgeschichte ein bedeutendes Interesse an meiner Erhaltung hat. Deßhalb . . . ." „Ach!" entgegnetc der Andere, mit zn ernsten Gedanken beschäftigt, um die des Doktors auf ihren lächerlichen Grund, wie er es pflegte, znrückzuführcn. „Ja, ja, eine schone Geschichte der Natur, und ein niedriges, elendes Gefühl oben ein! Seht diesen jungen Pawnee. Sein Leben ist ihm eben so kostbar, als einem Staaten-Gonvcrnenr; er könnte es retten, oder wenigstens einen Versuch dazu anstelle,!, wenn er uns dem Strome überließe. Seht aber, wie männlich treu er anshält, ganz wie ei» indianischer Krieger. Was mich betrifft, ich bin alt, und bereit, auf den Ruf des Herrn zu Horen, und ich glaube auch nicht, daß Ihr eben von größerem Nutzen für die Menschheit seid, — ist es aber nicht Schani und Schande, wo nicht gar Sünde, daß ein so hübscher Junge wie der da, um zwei Wesen, die so wenig werth sind, als wir Beide, skalpirt werden soll? Ich bin daher Willens, vorausgesetzt, daß Ihr nichts dagegen habt, dem Burschen zn sagen, daß er sich, so schnell es geht, auf den Weg mache und uns der Gnade der Tctons überlasse." „Dagegen protestire ich, da es wider die Natur streitet und Verrath an der Wissenschaft wäre!" rief der geängstete Naturforscher. „Wir schreiten ja wunderbar vor, und da dieses staunens- 380 werth ersonnene Fahrzeug mit unglaublicher Leichtigkeit sich bewegt, so sind wir in wenigen Minuten ans festem Boden." Der alte Mann sah ihn einen Augenblick aufmerksam an, und indem er den Kopf schüttelte, sprach er: „Himmel, welch' ein schreckliches Ding ist doch die Furcht! Sie verwandelt des Herrn Geschöpfe und den Verstand des Mannes, indem sie das Häßliche uns schön vormalt, und das Schöne häßlich! Himmel, Himmel, was für ein Ding ist die Furcht!" Dieser Zwist wurde jedoch bald durch die steigende Theilnahme an dem Ansgange der seltsamen Jagd beendet. Die Pferde der Dahcotahs hatten schon die Mitte des Stroms erreicht, und ihre Reiter erfüllten die Luft mit Triumphgeschrei. In diesem Augenblick erschienen Middleton und Paul, nachdem sie die Frauen in ein kleines Gebüsch gebracht, am Rande des Stromes und drohten ihren Feinden mit der Flinte. „Anfgesticgen, anfgestiegen," rief der Alte, als er sie erblickte, „anfgestiegen und schnell geflohen, wenn euch die was gelten, die jetzt ans euren Schutz rechnen! Ans, ans; und überlaßt uns dem Herrn!" „Hinunter mit dem Kopf, alter Wildsteller," erwiedcrte Pauls Stimme. „Nieder geduckt, ihr Beide! Der Tctvnteufcl ist grade hinter euch,nieder mit denKöpfcn; machtPlatz für eine Kentnckykngel." Der Alte drehte sich um und sah wirklich, daß der eifrige Mahtoree, etwas seinen Leuten voran, grade in Einer Linie mit der Barke und dem Bienenjäger sich befand, welcher bereit stand, seine feindliche Drohung anszuführen. Indem er sich niedcrbengte, ging die Flinte los, und das schnelle Blei pfiff über ihn weg auf seinen entfernten Verfolger. Aber das Auge des Tetonhänptlings war nicht minder schnell und sicher als das seines Feindes. Im Moment des Schusses stürzte er sich von seinem Pferde hinab und sank in's Wasser. Das verwundete Thier schnaubte vor Schrecken, indem es in verzweiflnngsvvllem Sprunge den halben Leib aus 381 dem Wasser herauswarf. Dann wurde es vom Strome fortgerissen, und färbte die trüben Fluten mit seinem Blute. Der Tetonhäuptling erschien jedoch bald wieder oben auf demWas- ser, und da er seinen Verlust inne ward, schwamm er mit gewaltiger Anstrengung nach dem nächsten derjenigen Männer, welcher, als verstehe sich das von selbst, seinRoß einem so berühmtenKrieger überließ. Indessen verursachte dieser Umstand doch eine Verwirrung unter der Dahcotahbande, welche ans den Befehl ihres Führers zu warten schien, ehe sie ihre Anstrengungen, die Küste wieverzugewinnen, erneuerte. Mittlerweile hatte aber der Kahn von Leder das Land erreicht, und noch einmal waren die Flüchtlinge am Rande des Ufers vereinigt. Die Wilden schwammen jetzt in unbestimmter Richtung, wie man wohl oft einen Schwarm Tauben wild flattern fleht, nachdem ein tüchtiger Schuß in ihren Vorderschwarm gefallen, und Alle zauderten augenscheinlich, ein so fürchterlich vertheidigtes Ufer zu erstürmen. Die wohlbekannte Vorsicht der Indianer bei ihrer Kriegführung waltete auch jetzt vor, und Mahtoree, belehrt durch den neuen Unfall, führte seine Krieger nach dem Ufer, von dem sie eben gekommen, zurück, znrErholnng ihrer schon unruhig werdendenThiere. „Jetzt steigt ihr mit den zarten Geschöpfen auf, und reitet nach jenem Hügel," sagte der alte Jäger. „Dahinter findet ihr noch einen Strom, in den müßt ihr ebenfalls hinein, und indem ihr euch nach der Sonne richtet, mußt ihr seinem Laufe eine Meile weit folgen, bis ihr eine sandige hohe Ebene erreicht; dort treffe ich euch. Frisch anfgcstiegen; dieser junge Pawnee und ich, und mein stattlicher Freund von Arzt, der ein ganz verzweiflnngsvoller Krieger ist, sind unser genug, den Strand zu vcrtheidigen, indem es weniger der That als des Scheins bedarf." Middleton und Paul sahen nicht ab, weßhalb sie gegen diesen Vorschlag sich müde reden sollten. Froh, zu wissen, daß ihr Rückzug gedeckt war, wenn auch schon unvollkommen, setzten sie schnell ihre Pferde in Bewegung, und verschwanden alsbald auf dem an- 382 gegebenen Wege. Einige zwanzig oder dreißig Minnten folgten, ehe die Tetons ans der anderen Seite zn irgend einem nenen Unternehmen geneigt schienen. Man konnte Mahtorce in der Mitte seiner Krieger sehen, wie er Befehle anstheilte »nd seinen Dnrst nacb Rache ansdrückte, indem er zuweilen den Arm in der Richtung nach den Flüchtlingen ansstreckte. Aber sonst geschah nichts, was auf eine Fortsetzung der Feindseligkeiten hätte deuten können. Plötzlich aber erhob sich ein Geschrei unter de» Wilden, welches irgend einen neue» Vorfall bedeutete. Man sah Jsmael und seine verdrossenen Söhne in einiger Entfernung, und bald bewegte sich die ganze vereinigte Macht nach dem Strome. Der Squatter schaute sich mit seiner gewöhnlichen Ruhe und Kälte nach der Stellung der Feinde um, und sandte, als wolle er die Stärke seiner Flinte probiren, eine Kugel unter sie, und das mit einer Kraft, welche selbst in dieser Entfernung einen von den Dreien hätte treffen können. „Jetzt laßt uns gehen!" rief Obed, indem sein Auge der Kugel nachsah, die, wie er glaubte, vor seinem Ohr vorbeigesanst war. „Wir haben wacker »nd männlich lange genug den Strand gehalten, und man kann ja eben so viel militärische Geschicklichkeit bei einem Rückmarsch als beim Vordringen entfalten." Der Alte blickte hinter sich, und als er sah, daß seine Reiter schon hinter einem Hügel waren, so hatte er nichts dagegen cin- znwenden. Das dritte Pferd ward dem Doktor gegeben, mit der Anweisung, dem von Middleton und Paul eingeschlagcnen Weg zu folgen. Als der Naturforscher anfgestiegen und schon in vollem Rückzüge war, stahlen sich der Jäger und der junge Pawnee aus solche Weise von dem Orte hinweg, daß sie ihre Feinde einige Zeit über ihre Bewegungen in Zweifel ließen. Statt indessen über die Ebene nach dem Hügel vvrznschreitcn, ein Weg, wo sie durchaus wären gesehen worden, nahmen sie einen kürzeren Pfad, der größtentheils von den Erhöhungen des Bodens gedeckt wurde, und durchschnitten das zweite Gewässer gerade da, wo Middleton an- 383 gewiesen worden war, hindurch zn gehen. Der Doktor war so eilig bei seinem Rückzüge gewesen, daß er die Freunde schon eingeholt hatte, und so waren alle Flüchtlinge bald abermals beisammen. Der Wildsteller sah sich jetzt nach einem geeigneten Platze um, wo die ganze Gesellschaft fünf oder sechs Stunden, wie er sich ausdrückte, anhalten könnte. „Anhalten!" rief der Doktor, als der drohende Vorschlag in seine Ohren tönte. „Verehrungswerther Wildsteller, es möchte im Gegcntheil gut scheinen, daß man mehrcreTage in ununterbrochener Flucht znbrächte." Middleton und Paul waren beide dieser Meinung, und jeder drückte sie auf eigene Weise aus. Der alte Mann hörte sie ruhig an, schüttelte aber den Kopf, wie Jemand, der nicht überzeugt war, und beantwortete dann alle ihre Gründe durch folgende Rede. „Weßhalb sollen wir fliehen?" fragte er. „Können die Füße sterblicher Männer flüchtige Pferde überbieten! Denkt ihr, die Tetons werden liegen bleiben und schlafen? werden sie nicht über das Wasser gehen und unsere Spur suchen? Dank dem Himmel, daß sie in diesem zweiten Strome abgewaschen ist, und daß, wenn wir den Platz mit aller Vorsicht verlassen, wir die Sioux vielleicht noch täuschen können. Aber eine Prairie ist kein Wald. Dort kann ein Mann lange reisen, um nichts bekümmert, als um die Tritte seiner Mokasins, die er hinter sich läßt, wogegen in diesen offenen Strichen man z. B. von jenem Hügel herab nach allen Seiten Hinschauen kann, gleich dem Habicht, der auf seine Beute lauert. Nein, nein, die Nacht muß kommen, und die Finsterniß uns verhüllen, ehe wir diesen Ort verlassen. Doch', wir wollen auf die Worte des Pawnee hören; der Junge hat Verstand, und ich wette, er hat schon manchmal mit den Sioux einen Wettlauf angestellt. Glaubt mein Bruder," wandte er sich an den Indianer in dessen Sprache, „daß unsere Spur schwer genug zu finden ist?" 384 „Ist ein Teton ein Fisch, daß er sie im Flusse entdeckt?" „Aber meine jungen Leute meinen, mir sollten sie noch weiter dehnen, bis über die Prairie hinüber." „Mahtoree hat Angen; er wird es sehen." „Was riith mein Bruder?" Der junge Mann blickte einen Augenblick den Himmel an, und schien zu zaudern. So sann er eine Weile nach, bis er, als wäre seine Meinung unwiderruflich fest, erwiederte: „Die Dahcotahs schlafen nicht. Wir müssen uns in's Gras niedcrlegen." „Der Junge hat meine Ansicht," sagte der Alte, indem er die Meinung seines Gefährten in der Kürze den weißen Freunden mittheilte. Middleton mußte sich fügen, und da es offenbar gefährlich war, wenn sie ans ihren Füßen stehen blieben, so machten sich Alle an's Werk, sich zu lagern, und so gut es ging, zu verstecken. Jnez und Ellen wurden schnell unter der warmen und nicht unbequemen Hülle der Büffelhaut verborgen, indem man langes Gras darüber hinzog, so daß ein gewöhnliches Auge nichts entdecken konnte. Paul und der Pawnee knebelten die Thiere und warfen sie zu Boden, wo man sie ebenfalls, im Haidengras wohl geschützt und mit Nahrung versehen, zurückließ. Dann, als alles Dieß geschehen, verlor man keine Zeit, sondern Jeder suchte, so gut es ging, für sich selbst einen Versteck, und die Ebene umher schien nun wieder so verlassen als je. Der Alte batte seine Gefährten von der unerläßlichen Noth- wendigkeit, mehrere Stunden lang so verborgen zu bleiben, unterrichtet. Alle ihre Hoffnungen des Entkommens beruhten auf dem Erfolge dieses Kunststückes. Ueberlisteten sie ans diese einfache und deßhalb wenig Verdacht erregende Weise ihre Verfolger, so konnten sie mit Anbruch des Abends ihre Flucht fortsetzen, und die glückliche Aussicht wurde, wenn Jene eine falsche Richtung einschlugen, immer größer. Von diesen Betrachtungen geleitet, lag 385 die ganze Gesellschaft sinnend im Grase, bis auch das Denkvermögen schwächer wurde, und der Schlaf Einen nach dem Andern überkam. Das allertiefste Schweigen herrschte während mehrerer Stunden, als das scharfe Gehör des Wildstellers und des Pawnee plötzlich einen leisen Schrei des Entsetzens ans Jnez' Munde vernahm. Aufspringend, wie Leute, die einen Kampf um's Leben beginnen wollen, fanden sie die weite Ebene, mit ihre» An- und Abhöhen, den kleinen Hügel und die Gesträuche ringsum alle zusammen in eine blendend weiße Schneedecke eingehüllt. „Der Himmel stehe euch Allen bei!" rief der Alte, unruhig umhcrblickend. „Jetzt, Pawnee, weiß ich, weßhalb du so genau die Wolken studirtest; aber es ist zu spät; jetzt ist es zu spät! Ein Eichkätzchen würde auf dieser leichten Decke seine Spur zu- rückläffen. Ha, da kommen die Teufels, so wahr ich lebe! Nieder Alle, nieder! Freilich habt ihr wenig Hoffnung; aber was ihr noch habt, muß nicht unnütz.fortgeschlendert werden." Alle lagen augenblicklich wieder versteckt, obgleich mancher ängstlich verstohlene Blick durch die Grasspitzen hinaus auf die Bewegungen der Feinde gerichtet wurde. Ungefähr in der Entfernung einer halben Meile sah man die Tetonbande in weitem Kreise reiten, der immer enger gezogen wurde, und mehr und mehr dem Orte sich näherte, wo die Flüchtlinge lagen. Es mar eben nicht schwierig, den Grund dieser ahnungsvollen Bewegung zu entziffern. Der Schnee war so zeitig gefallen, daß sie nicht zweifeln konnten, die, welche sie suchten, müßten innerhalb ihres Bereiches sich befinden, und jetzt waren sie mit der unermüdlichen Ansdauer und Geduld indianischer Krieger beschäftigt, die gewissen Gränzen des Verstecks enger und enger zu umschließen. Jede Minute vergrößerte die Gefahr der Flüchtlinge. Paul und Middleton legten bedächtig ihre Flinten bereit, und als Die Prairie. 25 386 Mahtoree endlich in seinem Eifer sich ihnen bis ans fünfzig Schritte näherte, die Augen immer ans das Gras gerichtet, durch welches er ritt, legten sie Beide zugleich an und drückten los. Es hatte aber keine andere Wirkung, als daß die Hähne abschnappten. „Genug," sagte der Alte, mit Würde sich erhebend. „Ich habe das Zündpulver weggeschüttet, denn der gewisse Tod würde unserer Raschheit folgen. Laßt uns jetzt wie Männer nnserm Schicksal begegnen. Kriechen und Klagen setzt uns in den Augen der Indianer nur herab." Ein wildes Geschrei begrüßte ihn, das sich weit und weiter über die Ebene ergoß, und im nächsten Augenblick ritte» an hundert Wilde wie toll und blind heran. Mahtoree empfing seine Gefangenen mit leidenschaftsloser Haltung, aber ein einziger Strahl wilder Freude, der unter seinen dnnkelen Brauen hervorschoß, war genügend, Middletons Herz kalt zu machen. Denn des Häuptlings Auge starrte auf die beinahe regungslose, aber noch immer liebliche Jnez. Die Freude über die weißen Gefangenen war so groß, daß man eine Zeitlang den jungen Indianer, der finster und unbeweglich dastand, ganz vergaß. Abseits von den Anderen, verschmähte er es, seine Feinde nur anznsehen, und in dieser regungslosen und würdigen Stellung schien er erfroren oder zu Stein geworden. Nach einiger Zeit zog aber auch er die Aufmerksamkeit der Tetons aus sich. Jetzt erst erfuhr der Wildsteller ans dem Triumphgeschrei und dem lauten, lange währenden Jubel, der zugleich ans hundert Kehlen herausströmte, und der mit einem fürchterlichen Namen die Luft erfüllte, daß sein junger Freund kein Anderer war, als der hochbcrühmte und bis dahin unbesiegte Krieger, der mächtige Hart-Herz. 387 Fünfundzwanzigftes Kapitel. Was? seid ihr, du und der alte Pistol, Freunde? Shakespeare. Der Vorhang unseres unvollständigen Dramsss muß nieder- fallcn, um bei seinem Aufzug eine neue Scene zu zeigen. Mehrere Tage sind verstrichen, während welcher die Lage der Mitspieler sich bedeutend verändert hat. Es ist seht um Mittag, und der Ort, wo wir uns befinden, ist eine hohe Fläche, welche sich an dieser Stelle etwas jäh von dem fruchtbaren Grunde erhebt, der sich längs dem Ufer eines der zahllosen Gewässer jener Gegend hiustreckt. Dieser Fluß, am Fuße der Rocky-Mountains entsprungen, vermischte, nachdem er fernhin eine weite Ebene bespült, seine Fluten mit einem noch weit großem Strome, um endlich im reißenden Missouri sich ganz zu verlieren. Die Gegend war hier offenbar verbessert, obwohl die Hand, welche dem Landstrich ringsum den Charakter der Wüste gegeben, auch diesem Flecken zum Theil ihren Stempel aufgedrückt hatte. Was die Vegetation betraf, so war die Aussicht hier nicht so entmuthigend, als in den unfruchtbaren Wüsteneien der übrigen Prairie. Baumgruppeu standen, und zwar nicht sparsam, ringsum, und im Norden sah man weithin einen ordentlichen Forst sich ausdehnen- Hier und dort konnte man auch auf dem Boden die Beweise finden, daß man in hastiger und unvollkommener Kultur solche einheimische Gewächse angepfiauzt habe, die schnell in die Höhe schießen, und bekanntlich ohne Pflege im tiefen angeschwemmten Boden gedeihen. Dicht am Rande dieses, wir möchten sagen, Tafellandes waren die hundert Hütten einer Horde wandernder Sioux anfgerichtet. Ein leichter Bau, und dabei nicht die geringste Anordnung. Jeder schien, als man sich hier niederließ, nichts berücksichtigt zu haben, als die Nähe des Wassers, aber selbst diese wichtige Rücksicht waltete nicht ohne Ausnahme ob. Während die meisten Hütten am Rande der Ebene standen, lagen doch auch 25 - 388 andere in größerer Entfernung abwärts, wo gerade die Laune ihre Besitzer angetrieben, den Wohnsitz aufzuschlagen. Das Lager hatte auch durchaus nichts Militärisches an sich, und weder seine Lage, noch sonst getroffene Maßregeln konnten es im geringsten vor einem plötzlichen Ueberfalle schützen. Es war offen von jeder Seite, und so zugänglich wie jeder andere Punkt in diesen Wüsten, wenn man das unvollständige und von der Natur gegebene Bollwerk, den Fluß, abrechnet. Kurz, der Anblick des Platzes verleitete zu der Annahme, daß er von seinen Einwohnern länger bewohnt worden, als ihre ursprüngliche Absicht gewesen, während Alles anzeigte, daß man zu einem hastigen, oder, wenn es sich träfe, auch zu einem durch Zwang bewirkten Aufbruch bereit sei. Dieß war das dermalige Lager desjenigen Volkstheiles, welches lange Zeit unter Mahtoree's Anführung ans dem Grund und Boden gejagt hatte, der die festeren Wohnsitze der Nation von den kriegerischen Stämmen der Pawnee's trennt. Die Wohnungen waren sämmtlich Zelte von Fellen, hoch, kegelförmig und von der einfachsten, ursprünglichen Bauart. Schild, Köcher, Lanze und Bogen ihres Herrn waren an einem leichten Pfosten vor der Oeffnung oder Thür eines jeden Zeltes ausgehängt. Die verschiedenen Hausgeräthschaften seiner einen, oder seiner zwei oder gar drei Weiber — je nachdem sein Ruhm geringer oder bedeutender war — lagen, wie es kam, daneben, und hier und dort blickte geduldig das runde, volle Gesicht eines Kindes aus seiner eben nicht sehr bequemen Wiege von Rinde hervor, welche, mit Lederriemen an dem Waffenpfosten hangend, sich in der freien Luft schaukelte. Größere Kinder rangen und tummelten sich, indem die männlichen schon in diesem frühen Alter sich durch jenes herrische Wesen auszeichneten, welches späterhin einen so gewaltigen Unterschied zwischen beiden Geschlechtern hervorbringt. Die Jünglinge schwangen sich unten im Grunde ans die Pferde ihrer Väter, sie zu bändigen, während hier und dort eine träge Dirne 389 sich von dev Arbeit fovtstahl, um ihre kühnen Wagestücke zu bewundern. Wir haben bis jetzt nur das tägliche ruhige Treiben in diesem Lager geschildert. Aber unmittelbar vor den Hütten versammelten sich Hansen, die ans irgend etwas Außerordentliches zu deuten schienen. Einige welke Männer der alten Zeit drängten sich zusammen, und flüsterten unter einander, wie bereit, ihre grausame Stimme, wenn es nöthig wäre, hören zu lassen, um ihre Abkömmlinge zu einem Werke aufzumuntern, wonach ihre entartete Natur verlangte. Und klingt dieß so unnatürlich, wenn weit gebildetere Wese» an kaum minder schrecklichen Schauspielen ihre ganze Lust finden? Die Männer standen in Gruppen vertheilt, gesondert nach den Thaten und dem Rufe der Einzelnen, welche zu jedem derselben gehörten. Diejenigen, welche ihrem Alter nach wohl schon an der Jagdlust Thcil nahmen, dagegen aber noch nicht zum eigentlichen Kriege zngelassen wurden, bildeten von fern die aufmerksamsten Zuhörer, indem sie den kräftigen Vorbildern, die sie jetzt anstaunten, den Ernst, die Ruhe und die Festigkeit absahen, welche einst die Hanptzüge ihres eigenen Charakters werden sollten. Einige Wenige, die etwas älter waren, und wohl bereits selbst den Kriegsrnf vernommen, wagten sich schon weiter, und stellten sich näher an die Häuptlinge, obgleich auch sie noch weit von der Anmaßung entfernt waren, sich in ihre Berathungen mischen zu wollen, indem sie vollkommen zufrieden waren, daß man ihnen vergönnte, von so ehrwürdigen Lippen strömende Weisheit zu hören. Die gemeinen Krieger der Bande waren schon weit weniger zaghaft, und standen gar nicht an, sich unter die Häuptlinge von geringerer Bedeutung zu mischen, obgleich sie keineswegs ein Recht sich aumaßten, die Aeußerungen eines anerkannten Helden zu bestreiten, oder die Klugheit der Maßregeln in 390 Zweifel zn ziehen, welche von einem der bewährten Rathgeber des Volks in Vorschlag gebracht wurden. Auch die Häuptlinge selbst unterschieden sich sehr im Aeußern. Man konnte sie in zwei Klaffen theilen; in die, welche ihren Einfluß lediglich physischen Ursachen oder ihren Waffcnthaten verdankten, und in die, welche mehr ihrer Weisheit als ihrer Dienste im Felde wegen ausgezeichnet waren. Jene waren die zahlreicheren und weit angeseheneren; Alle stattlich, groß und von kräftigem Gestchtsansdruck, welcher häufig durch wirkliche Zeichen bewiesenen Muthes in den tiefen und nnvertilgbaren Narben, durch Feindes Hand erhalten, noch Ehrfurcht gebietender erschien. Deren, welche ihren Einfluß geistigen Vorzügen verdankten, waren nur sehr wenige. Man konnte sie an dem schnellen, lebhaften Ausdruck der Angen, dem Mißtrauen, das sieb in ihren Bewegungen kund that, und zuweilen auch an der Heftigkeit erkennen, mit der sie dann und wann ihre Vorschläge und die plötzlich sie überkommenden Einfälle vortrngen. In der Mitte des von diesen erwählten Rathgebern gebildeten Ringes fast) man die hohe Gestalt des rastlosen und doch scheinbar sehr rnhigcn Mahtoree. In seiner Person und seinem Charakter fanden sich alle Eigenschaften der Anderen vereinigt wieder. Sein geistiges sowohl als körperliches Uebergewicht hatte dazu beigetragen, sein Ansehen zn begründen. Seine Narben waren so zahlreich und tief, als die des greisesten Hauptes in seinem Volke; seine Glieder waren in voller Stärke, sein Mnth unübertroffen. Begabt zugleich mit einem seltenen moralischen und physischen Einflüsse, konnte er darauf rechnen, daß auch das kühnste Auge in der Versammlung vor seinem drohenden Blicke znrücksuhr. Mnth und Schlauheit hatten zuerst sein Uebergewicht begründet, aber fast war es schon durch die Zeit geheiligt. Er verstand es, die Gewalt der Vernunft mit der der Stärke so wohl zn verbinden, daß der Te- tonhäuptling in einem gebildeten Staate, wo er mehr Raum zur 391 Entwickelung seiner Mittel gefunden hätte, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Eroberer oder ein Despot geworden wäre. Ein wenig abwärts von dieser Volksversammlung gewahrte man ein Häuflein von ganz verschiedenem Ursprung. Größer und weit muskulöser in ihrer Gestalt zeigten sie noch immer die letzten Spuren ihrer sächsischen und normännischen Abkunft, wie sehr auch ihre braunen Gesichter von der amerikanischen Sonne gestempelt waren. Es wäre keine uninteressante Untersuchung für einen in dergleichen erprüften Forscher, alle Unterscheidungszeichen nachzuweisen, welche zwischen den äußersten West-Europäern und den entferntesten Asiaten obwalten, jetzt, wo, nach den Revolutionen des Erdkreises, Beide in ihren Sitten, ihrem Wohnort und auch nicht wenig in ihren Charakteren sich nähern. Die Gruppe, von der wir reden, bestand ans der Familie des Squatters. Verdrossen und nnthätig wie gewöhnlich, wenn nichts Besonderes ihre schlafenden Kräfte erweckte, standen sie zusammen da vor vier oder fünf Wohnungen von Thierhänten, welche sie der Gastfreundschaft ihrer Verbündeten, der Tetons, verdankten. Die Bedingungen ihres merkwürdigen Bündnisses gaben sich zur Genüge kund in der Gegenwart ihrer Pferde und Hausthiere, welche ruhig unten im Grunde graseten, eifrig bewacht von der jungen Judith scharfen Blicken. Ihre Wagen waren um die Wohnungen herum aufgestellt, und bildeten eine Art unregelmäßiger Barriere, die zugleich bekundete, daß das Zutrauen noch nicht gänzlich wieder hergestellt worden, während doch von der andern Seite Faulheit und Klugheit zugleich dafür sorgten, das; sie ihr Mißtrauen nicht offen verriethen. Seltsam sprach sich auf dem Gesichte eines Jeden die ruhige Lust der Erwartung und stumpfe Neugier aus, mährend er, auf seine Flinte gestützt, den Bewegungen der Sioux znsah. Und doch entfuhr auch dem Jüngsten unter ihnen kein Ausruf lebendigerer Theilnahme und Ungeduld; vielmehr schienen Alle den Phlegmatischsten unter ihren wilden Verbündeten in Ausübung der rüh- menswerthen Tugend der Geduld uachzuahmen. Selten sprachen sie, und wenn es geschah, war es eine kurze, verächtliche Bemerkung, welche nur dazu diente, das physische Uebergewicht eines Weißen über einen Indianer in das gehörige Licht zu setzen. Kurz, die Glieder von Jsmaels Familie schienen jetzt in vollem Genuß eines ruhigen Zustandes, dessen Unthätigkeit ihnen behagte, in den sich aber doch die Ahnung einer Zukunft mischte, die nicht ohne Gefahr für ihre Sicherheit durch einen verrätherischen Einbruch der Tetons war. Nur Abiram bildete eine Ausnahme in diesem Zustande zweideutiger Ruhe. Während eines Lebens, unter tausend schändlichen und niederträchtigen Handlungen verbracht, war der Sinn des Seelenverkäufers endlich verhärtet und stark genug geworden, das verzweiflungsvolle Abenteuer zu wagen, womit wir im Läufe unserer Erzählung den Leser bekannt gemacht haben. Sein Einfluß über Jsmaels kühnern, aber weniger thätigen Geist war keineswegs bedeutend, und wäre der Letztere nicht plötzlich von einem fruchtbaren Grund und Boden vertrieben worden, den er mit der Absicht, ihn zu behalten, aber ohne die gesetzlichen Formen zn beachten, in Besitz genommen, so würde Jener nie den Mann seiner Schwester zu einem Unternehmen bethört haben, welches so viel Entschlossenheit und Vorausüberlegung erforderte. Wir kennen den frühen, glücklichen Erfolg und das darauf folgende Umschlagen, und jetzt saß Abiram abseits, bei sich überschlagend, wie er die Vortheile eines Unternehmens sich sichern könne, welches, das sah er wohl ein, jeden Augenblick ungewisser wurde, indem Mahtoree's Bewunderung für den unglücklichen Gegenstand seines Raubes mit jedem Augenblicke wuchs. Doch lassen wir ihn grübeln und sinnen, und gehen dafür zur Beschreibung gewisser anderer Personen unseres Drama's über. Hauptsächlich muß hier ein Winkel des Gemäldes bemerkt werden. Auf einer kleinen Bank an der äußersten Rechten der 393 Hütten lagen Middleto» nnd Paul. Ihre Glieder waren sorgsam mit Riemen und Büffelhaut zusammengebunden, während man sie mit erfinderischer Grausamkeit so hingclegt hatte, daß Jeder ein Bild des eigenen Elends in dem seines Nachbars sehen konnte. Ungefähr ein Dutzend Ellen davon war ein Pfahl fest in den Grund gerammt, nnd daran die stattliche, einem Apollo gleiche Gestalt des Hart-Herz gebunden. Zwischen Beiden stand der Wildsteller, seiner Flinte, des Schrvtbentels und Pulverhorns beraubt, sonst aber in einer Art verächtlicher Freiheit gelassen. Einige fünf oder sechs junge Krieger indessen, welche mit Köchern auf dem Rücken und langen Bogen auf den Schultern nicht weit davon ernste Wache hielten, zeigten zur Genüge, wie fruchtlos jeder Versuch des alten nnd schwachen Mannes, die Flucht zu ergreifen, ansfallen müsse. Nicht stumm, wie die Zuschauer der wichtigen Be- rathung, die in der Nähe vorging, pflogen die Gefangenen ein Gespräch, das für sie von eigenem Interesse war. „Kapitän," sagte der Bienenjäger mit einem Ausdruck komischer Betrübnis;, da kein Unglück in ihm die Laune ganz unterdrücken konnte, „schneidet Euch denn auch der verwünschte lederne Riemen so in die Schultern, oder kitzelt's mich nur so in meinem Arm?" „Wo der Geist so tief leidet, empfindet der Körper nicht die Pein," erwiederte der feinere, aber nicht eben so gelaunte Middle- ton. „Wollte doch der Himmel, daß ein paar meiner treuen Artilleristen in dieß verwünschte Lager einfielen!" „Ihr könntet eben so gut wünschen, daß diese Tetonshütten eben so viele Hvrnißnester wären, und daß die Thierlein herauskämen und mit den halbnackten Wilden sich in einen Streit einließen." Lachend über seinen eigenen Einfall, wandte sich darauf der Bienenjäger von seinem Gefährten ab, und suchte einen augenblicklichen Trost für sein Elend, indem er sich die Vorstellung als wirklich dachte und weiter ausmalte, wie ein solcher Angriff doch endlich auch die geprüfte Geduld eines Indianers ermüden müßte. 394 Middleton war zufrieden, daß er schweige» konnte; aber der alte Mann, der ihnen zugehört hatte, kam etwas näher und fuhr fort: „Hier wird es nun wohl an ein unbarmherziges und höllisches Werk gehen!" sprach er, indem er den Kopf ans eine Art schüttelte, welche andentcn sollte, daß er selbst bei seiner Erfahrung kein Mittel dagegen ausfindig machen könne. „Unser Freund Pawnee ist bereits zur Tortur an den Pfahl gebunden, und an dem Auge und der ganzen Haltung des großen Sioux sehe ich es wohl, daß er sei» Volk noch zu weiteren Greuelthateu anfmuntert." „Hört 'mal, alter Jäger," sagte Paul, iudcm er sich bemühte, das trübselige Gesicht des Auderu auf eine» Augenblick in's Auge zu fassen, Ihr versteht doch etwas von den indianischen Sprachen, und wißt auch etwas von den indianischen Teufeleien. Geht Ihr in den Rath, und sagt den Häuptlingen in meinem Namen, das ist, im Namen Paul Hövers aus dem Staate von Kentucky, daß, vorausgesetzt, sie gewähren einer gewissen Ellen Wade sichere Rückkehr in die Staaten, sie ihn immerhin skalpiren könnten, wann cs ihnen gefällig wäre, und wie es ihnen am meisten Vergnügen machen würde; oder sind ihnen diese Bedingungen noch nicht genug, so könnten sie mich vorher noch ein oder zwei Stunden foltern, um den Handel für ihren verdammten Geschmack annehmlicher zu machen." „Ach, lieber Junge, auf solch' ein Anerbieten würden sie weniger Acht geben, da sie wohl wissen, daß du schon, wie der Bär in der Schlinge, eben so wenig fechten als fliehen kannst. Aber sei nicht ganz verzagt, denn die Farbe des Weißen ist unter diesen entlegenen Stämmen von Wilden zuweilen für ihn sein Todesurtheil, und zuweilen sein Schild. Obgleich sie uns nicht lieben, bindet ihnen doch oft die Schlauheit die Hände. Ginge es nach dem Willen der rothen Völker, so würden Bäume bald wieder da wachsen, wo jetzt Amerika's Boden beackert wird, und die Wälder würden weiß werden von christlichen Gebeinen. Daran 395 kann Niemand zweifeln, der die Liebe kennt, welche die Rothhänte für die Bleich-Gesichter hegen; aber sie haben unsere Volksmenge so weit gezählt, als ihnen das Gedächtniß reicht, und sie sind gar nicht ohne Politik. Deßhalb ist unser Schicksal immer noch nicht bestimmt ansgemacht; nur fürchte ich, daß für den armen Pawnee keine Hoffnung übrig ist." Als der alte Mann schloß, ging er langsam zu Dem, von welchem er zuletzt gesprochen, und stellte sich nicht weit von ihm hin. Hier stand er still, indem er solch' ein ehrfurchtsvolles Schweigen beobachtete, wie es sich in Gegenwart eines Häuptlings, und noch dazu eines in der Lage, wie sein gefangener Genosse, schickte. Aber Hart-Herz's Auge war ans die Ferne gerichtet, und sein Blick verrieth, daß seine Gedanken weit vom gegenwärtigen Auftritt entfernt waren. „Die Sivux halten Rath über meinen Bruder," bemerkte der Wildsteller zuletzt, als er fand, daß er nur durch Sprechen die Aufmerksamkeit des Anderen anziehen könne. Der junge Krieger wandte den Kopf um, indem er mit ruhigem Lächeln antwortete: „Sie zählen die Skalpe über Hart-Herz's Wohnung!" „Gewiß, gewiß, sie werden warm, wenn sie an die Zahl der Tetons denken, die Ihr erschlagen, und besser wäre es jetzt für Euch, wenn Ihr Eure Tage mehr ans die Jagd der Hirsche, als aus den Krieg verwendet hättet. Dann möchte Euch irgend eine kinderlose Mutter dieses Stammes an Sohnes Statt annehmen, und Ihr könntet Eure Tage in Frieden verleben." „Glaubt mein Vater, daß ein Krieger jemals sterben könne! Der Herr des Lebens öffnet seine Hand nicht, um seine Gaben wieder hinweg zu nehmen. Wenn derselbe seiner jungen Leute bedarf, so ruft er sie, und sie gehen. Aber der Rothe, der einmal gelebt hat, lebt für immer." „Ach, das ist ein trostreicherer und demüthigerer Glaube, als 396 diese herzlosen Tetons haben! — Es ist doch etwas in diesen Loups, was inein innerstes Herz ihnen anfschließt; sie scheinen etwas von dem Mnthe, nnd anch von der Ehrlichkeit der Dela- waren von den Bergen zn haben. Und dieser Bursch — es ist merkwürdig, es ist sehr merkwürdig — aber Alter nnd Ange und Glieder sind, als wären er und jener Delaware") Brüder. Sagt mir, Sohn, habt Ihr in Euren Ueberliefcrungen jemals von einem mächtigen Volke gehört, das einst an dem salzigen See, dicht bei der ausgehenden Sonne, gelebt?" „Die Erde ist weiß von dem Volke, das die Farbe meines Vaters trägt." „Nein, nein, ich spreche nicht von Einwanderern, die sich in's Land geschlichen haben, die rechtmäßigen Eigenthümer ihres Ge- bnrtsrechts zn berauben, sondern von einem Volke, das da ist — oder vielmehr war, theils von Natur, theils durch Malerei roth wie die Brombeeren." „Ich hörte von den alten Leuten sagen, dort hätten Banden gelebt, die sich in die Wälder gegen Sonnenuntergang verkrochen, weil sie nicht wagten, sich in den offenen Prairien mit Männern zu treffen." „Sagen Eure Ueberliefernngen Euch nichts von der größten, der tapfersten nnd der weisesten Nation der Rothhäute, auf die Wahcondah je hinabgeschant?" Hart-Herz erhob den Kopf mit einer hohen Würde, der selbst die Fesseln keinen Eintrag thaten, als er antwortete: „Hat denn das Alter meinen Vater blind gemacht, oder sieht er so viele Sioux, daß er nicht mehr an die Pawnee's glaubt?" „Ach, da ist wieder Eitelkeit nnd Stoz der Erdenkinder!" rief der bestürzte Alte auf Englisch. „Die Natur ist eben so stark in einer Rothhant, wie in der Brust eines Weißen. Würde sich nicht ein Delaware eben so für kräftiger als ein Pawnee halten, ') Uncas, der letzte Mohikan. 397 wie der Pawnee sich über alle Fürsten der Erde erhebt? So ging's ja auch mit den Franzmännern in den Canada's, und den roth- röckigen Engländern, die der König in die Staaten zu senden Pflegte, damals als sie noch keine Staaten waren, sondern Provinzen, die da Klagen erhoben und petitionirten. Sie fochten und fochten mit einander, und wie erstaunlich rühmten sie sich vor der Welt über ihren Mnth und ihre Siege; indessen doch beide Theilc den schlichten Soldaten aus dem Lande selbst zu nennen vergaßen, der den wahren Dienst verrichtete, aber, weil es ihm nicht vergönnt mar, am großen Berathungsfeuer der Nation mitzurauchen, selten seine Thaten erwähnen hörte, wenn sie einmal vorüber waren." Während so der Alte seinem eingeschlnmmerten, aber lange noch nicht erstickten militärischen Stolz Luft gemacht, und dabei in denselben Fehler verfallen war, den er eben gerügt hatte, wurde sein Auge, das noch eben von Jngendfeuer gestrahlt, sanfter, und er richtete wieder seine theilnehmenden Blicke ans das Todesopfer, welches ebenfalls in seine frühere Ruhe und ernstes Nachsinnen versunken war. „Junger Krieger," fuhr er mit einer Stimme fort, die zitternd wurde, „ich war nie Vater und Bruder. Der Wahcondah schuf mich zum Alleinleben. Nie band er mein Herz an Haus oder Feld durch die Bande, womit die Leute meines Stammes an ihren Wohnungen gefesselt sind. Hätte er es gethan, wäre ich nicht so weit gereift, und hätte nicht so viel gesehen. Aber ich verweilte lange Zeit unter einem Volke, das in den Wäldern lebte, von denen Ihr gesprochen, und ich fand Grund genug, ihrem Mnthc nachzuahmen und ihre Rechtlichkeit zu lieben. Der Herr des Lebens schuf uns Alle, mein Pawnee, mit einer Zuneigung für unser Geschlecht. Ich war niemals Vater, aber ich weiß, was Baterliebe sagen will. Ihr gleicht einem jungen Manne, den ich sehr geschätzt habe, und eben überkam mich der Gedanke, daß wohl etwas 398 von seinem Blnte in Euren Adern rinnen möchte. Aber was thnt das! Ihr seid gewiß ein Mann, das habe ich damals gesehen, wie Ihr Euer Wort gehalten habt, und Rechtlichkeit ist eine Gabe, die zu selten ist, als daß man sie wieder vergessen sollte. Mein Herz jammert um dich, Kind, und gern that' ich dir etwas Liebes." Der junge Krieger horchte auf die Worte, welche dem Munde des Andern mit einer ihre Aufrichtigkeit bekundenden Kraft und Einfalt entströmten, und beugte dann den Kopf nieder ans seine nackte Brust, seine Achtung für die Theilnahme zu bezeugen. Indem er darauf sein schwarzes Auge weit über die Ebene streifen ließ, schien er abermals in der Betrachtung von Dingen, die über alle persönliche Rücksichten hinansgehen, verloren. Der Wildsteller, wohl wissend, wie hoch der Stolz eines Kriegers in solchen Momenten wuchs, die er für seine letzten hielt, erwartete nun mit einer Sanftmuth und Geduld, die er nur im langen Umgänge mit diesem merkwürdigen Geschlecht konnte erworben haben, was seinem jungen Freunde sonst gefällig sein könne. Endlich lös'tc sich der starre Blick des Pawnee, und nun sckante er schnell hier und dort hin, jetzt ans das Gesicht des alten Mannes, jetzt ans die Luft, und von der Luft wieder auf die tiefen Züge des Alten, als ob der Geist in ihm unruhig würde. „Vater," antwortete endlich der junge Mann im zntrauens- vollen und freundlichen Tone, „ich hörte wohl Eure Worte. Sie drangen ein in meine Ohren, und sind nun in mir. Das weißhaarige Lang-Messer hat keinen Sohn. Hart-Herz von den Paw- nee's ist noch jung, aber er ist schon der Aelteste seiner Familie. Er fand die Gebeine seines Vaters auf dem Jagdboden der Osager, und legte sie in die Prairicn der guten GeisterOhne Zweifel hat der große Häuptling, sein Vater, sie gesehen, und weiß, was ihm davon gehört. Aber der Wahcondah wird uns Beide bald ") Er begrub sie. 399 rufen: Euch, weil Ihr Alles gesehen, was in diesem Lande zu sehen ist, mich, Hart-Herz, weil er eines Kriegers bedarf, der noch jung ist. Da ist es also nicht möglich, daß der Pawnee dem Blcich-Gestcht die Pflichten erweist, die ein Sohn dem Vater schuldig ist." „Alt, wie ich bin, und kläglich und hilflos, wie ich dastche, gegen das, was ich einst war, mag ich doch noch leben, um zu sehen, wie die Sonne in der Prairie untergeht. Erwartet mein Sohn, noch einmal die Nacht zu sehen?" „Die Tetons zählen die Haarhänte über meiner Wohnung!" erwiederte der junge Häuptling mit einem Lächeln, wo die Schwermut!) durch einen Strahl des Triumphes erhellt wurde. „Und sie finden ihrer Viele. Viel zu viel für die Sicherheit ihres Eigenthümers, während er unter ihren rachsüchtigen Händen ist. Mein Sohn ist kein Weib, er schaut mit festem Auge auf den Pfad, den er gehen muß. Hat er nichts in die Ohren seines Volks zu flüstern, ehe er von dannen geht? Diese Lenden sind welk und alt, aber noch mögen sie mich hintragen nach dem Loupflnsse." „Sagt ihnen, daß Hart-Herz einen Knoten in seinen Wampum geknüpft für jeden Teton!" brach es von den Lippen des Gefangenen mit einer Heftigkeit, wie die plötzlich uns überkommende Leidenschaft wohl zuweilen durch alle Schranken und Hemmketten, die ihr künstlich gelegt wurden, hindnrchbricht. „Wenn Hart-Herz Einen von ihnen Allen in der weiten Prairie des Herrn des Lebens antrifft, soll sein Herz zum Sioux werden!" „Ach, solch' ein Gefühl wäre ein übler Reisegefährte für einen weißen Mann, wenn er anfbricht nach jenem feierlichen Lande," murmelte der Alte auf englisch. „Das ist es nicht! was die guten mährischen Brüder den Rathsversammlnngen der Delaware» sagten, noch was den Weißhänten so oft in den Ansiedelungen gepredigt wird, obgleich, zur Schande unserer Farbe sei's gesagt, man sich so wenig daran kehrt. Pawnee, ich liebe dich, da ich aber ein Christ bin, kann ich keine solche Botschaft überbringen." „Fürchtet sich mein Vater, daß die Tetons es hören könnten, so mag er es ganz sachte unser» Alten znflüstern." „Furcht, junger Krieger, schändet das Bleichgesicht nicht minder, als die Rothhant. Der Wahcondah lehrt uns, das Leben, das er uns geschenkt, zu lieben; aber so wie Männer die Jagd lieben und ihre Hunoe und ihre Karabiner, und nicht so wie Mütter ihre Kinder verhätscheln. Wenn der Herr des Lebens meinen Namen nennt, will er nicht haben, daß ich zweimal laut sprechen soll. Ich bin jetzt so bereit zur Antwort, wie ich es morgen sein werde, oder zu jeder Zeit, wo es seinem mächtigen Willen gefällig ist. Aber was wäre ein Krieger ohne seinen Glauben, und der meine verbietet mir, Eure Worte zu überbringen." Der Häuptling gab durch eine würdige Bewegung seine Zustimmung zu erkennen, doch war jetzt große Gefahr vorhanden, daß das gegenseitige Vertrauen, welches eben so seltsam erweckt worden, schnell wieder schwinden könnte. Allein das Herz des Alten war zu stark gerührt worden, durch lange schlummernde, aber noch immer lebende Erinnerungen, um so plötzlich alle Mittheilungen abzubrechen. Er sann eine Minute nach, und fuhr dann, mit unverwandtem Blick auf den jungen Gefährten, weiter fort: „Jeder Krieger muß nach seinen Anlagen gerichtet werden. Ich habe meinem Sohne gesagt, was ich nicht kann; jetzt aber öffne er seine Ohren auch für das, was ich kann. Ein Elenn- thier soll die Prairie nicht schneller dnrchmessen, als diese alten Beine, wen» der Pawnee mir eine Botschaft auftragen will, die ein Weißer überbringen kann." „So laß das Bleich-Gesicht horchen," erwiederte der Andere, indem er einen Augenblick zauderte, wie noch verstimmt durch die vorhergehende Täuschung. „Er wird hier bleiben, bis die Sioux die Kopfhäute ihrer todten Feinde gezählt haben. Er wird so lange 40 l warten, bis sie versucht haben, die Häupter von achtzehn Tetons mit der Haut eines einzigen Pawnee zu bedecken; er wird dann seine Angen weit anfschlagen, um den Ort zu sehen, wo sie die Gebeine des Kriegers beerdigen." „Alles Dies; will und werde ich thun, mein edler Junge." „Er wird den Fleck sich merken, daß er ihn nachher kenne." „Seid ohne Sorgen, ohne Sorgen, daß ich den Platz vergesse," unterbrach der Andere, dessen Stärke bei dem Anblick solcher Ruhe und Festigkeit zu weichen begann. „Dann weiß ich auch, daß mein Vater zu meinem Volke gehen wird. Sein Haupt ist grau, und seine Worte werden nicht wie der Ranch verwehen. In meine Wohnung soll er gehen und Hart-Herz's Namen laut ansrnfcn. Kein Pawnee wird taub sein. Dann soll mein Vater nach dem jungen Fullen fragen, das nie geritten worden, das aber glatter ist als der Rehbock, und geschwinder als das Elennthier." „Ich verstehe Euch, Sohn, ich verstehe Euch," unterbrach ihn der aufmerksame Alte, „und was Ihr sagt, soll ansgerichtet werden, und gut ansgerichtet, oder ich müßte mich wenig ans die Wünsche eines sterbenden Indianers verstehen." „Und wenn meine jungen Leute meinem Vater die Halfter des Füllens in die Hand gegeben, will er es dann auf versteckten Pfaden nach Hart-Herz's Grabe führen?" „Ob er cs will! Freilich will ich das, mein mackerer Jüngling, wenn auch der Winter diese Ebenen in Schnee einhüllt, und die Sonne bei Tag und Nacht verborgen ist. Bis an de» geweihten Fleck will ich das Thier führen, und es dann hinstellen, die Augen der untergehenden Sonne zu gerichtet." „Und mein Vater wird zu ihm reden, und ihm sagen, daß der Herr, der es ernährte von der Muttermilch ans, jetzt seiner bedarf." „Freilich; (für sich) obgleich Gott weiß, wie ich es anfangen soll, mit einem Pferde, in der thörichten Vorstellung, daß es Die Prairie. 26 402 meine Worte verstehe, ein Gespräch zu fuhren. Ich will's lediglich thun, dem indianischen Aberglauben nachznkommen. Hektor, was denkst du, mein Hund, davon, das; ich mit einem Pferde reden soll?" „Laßt den Graubart in der Sprache der Pawnce's zu ihm reden," unterbrach ihn der Indianer, dem es anfficlp das; sein Gefährte sich vorhin einer ihm unverständlichen Sprache bedient hatte. „Meines Sohnes Wille geschehe. — Und mit diesen alten Händen, die nie mehr, wie ich hoffte, Blut vergießen sollten, weder der Menschen, noch der Thiere, will ich das Thier auf Eurem Grabe schlachten!" „Das ist gut," erwicderte der Andere, indem ein Strahl der Freude über seine ernsten Züge zuckte. „Hart-Herz wird sein Ros; besteigen nach den gesegneten Prairien jenseits, und er wird wie ein Häuptling erscheinen vor dein Herrn des Lebens!" Die plötzliche und auffallende Verwandlung, die sich in den Zügen des Indianers kund that, veranlasse den Waidmann, sich nmznsehen, und er bemerkte, daß die Versammlung der Sioux geendet habe, und Mahtoree in Begleitung zweier ausgezeichneter Krieger sich bedächtig seinem erkorenen Schlachtopfer nähere. Tetons inne, und ihr Führer gab dem Alten ein Zeichen heran- znkommen. Der Wildsteller gehorchte, indem er den jungen Pawnee Sechsundzwanzigstes Kapitel. Ich Pflege nicht nach uns'rer Frauen Art In Thronen auszubrechen — — Ü)och einen ehrenwerthen Schmerz Heg' ich im Busen. der zu heftig brennt, Als daß ihn Thränen stillten. Shakespeare. zwanzig Schritt von den Gefangenen hielten die 403 mit einem bedeutungsvolle» Blicke verließ, den dieser, wie er auch gemeint war, als Pfand annahm, daß er nie sein Versprechen vergessen werde. Als Mahtoree fand, daß der Andere ihm nahe genug gekommen war, streckte er seinen Arm ans, und indem creme Hand auf die Schulter des aufmerksamen Alten legte, betrachtete er ihn ungefähr eine Minute lang mit Angen, die bereit schienen, bis in seine geheimsten Gedanken zu dringen. „Ist ei» Bleich-Gesicht mit zwei Zungen geschaffen?" fragte er, als er fand, daß der Alte wie gewöhnlich weder durch seine gerunzelte Stirn noch durch die Furcht vor dem, was kommen mochte, in Angst gesetzt war. „Redlichkeit liegt tiefer als die Haut." „So ist es. Jetzt höre mich mein Vater an. Mahtoree hat nur Eine Zunge, der Grankvpf hat ihrer mehrere. Sie mögen auch alle grade sein, und keine gespalten. Ein Sioux ist nicht mehr als ein Sivnx, aber ein Bleich-Gesicht kann Alles und Jedes sein! Er kann zum Pawnee reden und zum Konza und zum Omahaw, und zu seinem eigenen Volke." „Oh, es gibt Sprachgelehrte in den Ansiedlnngen, die noch weit mehr können. Aber was macht das aus? Der Herr des Lebens hat ein Ohr für jede Sprache!" „Der Grankopf hat Unrecht gethan. Er hat Etwas gesagt, und etwas Anderes gemeint. Er hat mit seinen Angen vor sich geblickt, und mit seinem Geiste hinter sich. Er hat das Pferd eines Sioux zu scharf geritten; er war der Freund eines Pawnee's und der Feind meines Volkes." „Teton, ich bin Euer Gefangener. Obgleich meine Worte die eines Weißen sind, sollt Ihr keine Klage hören. Handelt nach Eurem Willen." „Nein. Mahtoree will kein weißes Haar roth machen. Mein Vater ist frei. Die Prairie ist für ihn offen nach allen Seiten hin. Aber ehe der Grankopf den Sioux den Rücken kehrt, mag 26 - er sie wohl betrachten, damit er seinem eigenen Häuptling sagen könne: Wie groß ist ein Dahcotah!" „Ich bin nicht eilig ans meinem Wege. Ihr seht einen Mann mit einem weißen Kopf nnd kein Weib, Teton. Dcßhalb will ich mich nicht anßer Athem bringen, den Völkern der Prairie zu erzählen, was die Sioux thun." „Es ist gut. Mein Vater hat mit den Häuptlingen bei mancher Berathnng seine Pfeife geraucht," erwiederte Mahtoree, der sich jetzt der Gunst des Andern genug versichert hielt, um bestimmter auf seine Absicht loszustener». „Mahtoree wird mit der Zunge seines thenren Freundes und Vaters reden. Ein junges Bleich-Gesicht wird horchen, wenn ein alter Mann seines Volkes den Mund öffnet. So wird denn mein Vater auch das, was ein armer Indianer sagt, für ein weißes Ohr einrichten." „Sprich laut!" sagte der Waidmann, der sehr gut die bildliche Weise verstand, in welcher der Teton sein Verlangen ausdrückte, daß er seine Worte in's Englische übersetzen sollte. „Sprich denn, meine jungen Leute hören. Jetzt, Kapitän, und auch Ihr, Freund Bienenjäger, bereitet euch, den Teufeleien dieses Wilden mit dem stolzen Muthe weißer Krieger zu begegnen. Findet ihr euch so schwach, seinen Drohungen nachzngeben, so blickt ans jenen stolz vor sich hinschauenden Pawnee, dessen Zeit so spärlich mit einer Hand gemessen ist, wie die des Krämers, welcher in den Städten Zoll um Zoll die Früchte seines Herrn abmißt, um seinen Geiz zu befriedigen. Ein einziger Blick ans den Burschen wird euch stark machen." „Mein Bruder hat seine Angen nach einer falschen Richtung gewandt," unterbrach Mahtoree mit einer Ruhe, welche zu erkennen gab, wie ungern er seinen zukünftigen Dolmetscher beleidigen mochte. „Wird der Dahcotah zu meinen jungen Leuten reden?" „Nachdem er der Blume der Bleich-Gesichter in die Ohren gesungen." „Der Himmel verzeihe dem verfluchten Schurken!" rief der 405 alte Mann englisch ans. „Nichts, sei es noch so zart, jnng oder unschuldig, das seinem wilde» Verlangen entginge. Aber harte Worte und verächtliche Blicke machen nichts ans, d'rum ist es gut, höflich mit ihm zu thnn." Indianisch: „So öffne denn Mahtoree seinen Mund." „Will denn mein Vater so schreien, daß die Franen und Kinder die Weisheit der Häuptlinge vernehmen? Wir wollen hineingehen und dort flüstern." Als der Tcton hier endete, wies er bedeutungsvoll auf ein Zelt, welches in die Angen fallend mit der Geschichte einer seiner kühnsten und gerühmtesten Thaten ansstafflrt war, und ein wenig seitwärts stand, um dadurch anznzeigen, daß es der Wohnsitz eines Anserwählten der Bande war. Schild und Köcher vor dem Eingänge waren reicher als die gewöhnlichen, und daß eine Flinte darüber hing, deutete durchaus ans die Würde seines Eigenthümers. In jeder andern Rücksicht zeichnete es sich mehr durch Armuth als durch Reichthum aus. Das Hansgeräthe war der Anzahl nach geringer, und der Form nach einfacher, als man es durch die Oeffnungen in den gemeineren Wohnungen sah; auch fand sich daselbst kein einziges der sonst hochgeschätzten Gcräthschaften des gebildeten Lebens, die gelegentlich von den Krämern zu sehr theuren Preisen für die unwissenden Indianer eingetanscht wurden. Alle dergleichen Stücke waren gleich nach ihrer Erwerbung von dem großmüthigen Häuptlinge seinen Untergebenen überlassen worden, um damit einen Einfluß zu erkaufen, welcher ihn zum Gebieter über ihr Leben und ihre Personen machte. Gewiß ein Reichthum, der an und für sich edler, und bei seinem Ehrgeiz weit schätzens- werther erschien! Der Alte wußte sehr wohl, daß dieß Mahtoree's Wohnung war, und er ging, gehorsam dem Winke des Häuptlings, mit langsam zögerndem Schritte darauf los. Aber cs waren dort auch Andere gegenwärtig, welche eben so sehr bei der bevorstehenden 406 Zusammenkunft bctheiligt waren, und deren Befürchtungen sich nicht so leicht beschwichtigen ließen. Middletons wachsame Augen und eifersüchtige Ohren hatten ihm genug vertraut, um seine Seele mit den allerschrecklichsten Ahnungen zu erfüllen. Mit unglaublicher Anstrengung suchte er ans die Füße zu kommen, und rief dem fortgehenden Wildsteller nach: „Ich beschwöre Euch, alter Mann, wenn die Liebe, die Ihr für meine Eltern hegtet, in mehr als Worten bestand, oder wenn Eure Liebe zu Gott die eines wahrhaften Christen ist, so sprecht keine Sylbe, die da irgend beleidigen könnte das Ohr der unschuldigen..." Erschöpften Geistes und mit gefesselten Gliedern fiel er daraus wie ein lebloser Kloh zu Boden, wo er ganz wie todt liegen blieb. Paul aber setzte die ermahnende Rede ans seine eigenthümliche Weise fort: „Hört'mal, alter Jäger, schrie er, indem er dabei sich umsonst bemühte, eine drohende Bewegung mit der Hand zu machen, „wenn Ihr mir den Dolmetscher spielen wollt, so redet solche Worte in die Ohren des verdammten Wilden, wie's sich ziemt, daß ein weißer Mann sie spricht und ein Heide sie anhört. Sagt ihm von mir, daß wenn er irgend etwas Nnziemendes dem Mädchen Namens Nelly Wade thnt oder sagt, so will ich ihn mit meinem letzten Athemznge verfluchen; ich will auch zu allen guten Christen in Kentucky beten, daß sie ihn verfluchen, sitzend und stehend, essend und trinkend, fechtend, betend oder bei Wettrennen, innerhalb der Häuser »der draußen, im Sommer oder Winter, oder im Monat März, kurz ich will — um es mit Einem Worte heranszusagen — um ihn spuken, wenn es je der Geist eines Bleich-Gesichtes vermag, sich ans dem Grabe, das ihm die Hände einer Rothhaut bereitet, heraus zu arbeiten." Nachdem er so die schrecklichsten Drohungen, die er nur anf- finden konnte, losgelassen, und darunter die eine, von welcher der ehrliche Bienenjäger glaubte, daß es ihm wohl noch am ehesten 407 möglich werden wurde, sie zu erfüllen, sah er sich gcnöthigt, die Fruchte davon mit all' der ruhigen Ergebung zu erwarten, die man von Einem Gränzbewvhner im Westen erwarten konnte, dem sich eine Aussicht wie diese eröffnete, und der überdies;, wie Paul, in Banden lag. Wir wolle» unsere Erzählung nicht mit Anführung aller der Spruche in die Länge ziehen, durch welche er zunächst die Lebensgeister seines reizbaren Gefährten aufrecht zu erhalten versuchte, oder aller der frommen Segenswünsche, die er gelegentlich über alle Dahcotahbanden ansschüttete, wobei er zuerst diejenigen bedachte, die er des Diebstahls oder Mordes an den Gestaden des fernen Missisippi anklagte, und beim Tetonstamme, natürlich hier mit den allcrkräftigsten Ausdrücken, endete. Mehr als einmal empfingen die Letzteren von seinen Lippen so gehaltreiche und zusammengesetzte Verwünschungen, wie jenes berühmte Anathema der Kirche, für dessen Bekanntmachung alle ungelehrten Protestanten den frommen Nachsnchnngen des würdigen Tristram Shandy so sehr verschuldet sind. Als sich aber Middleton erholte, hielt es für ihn schwer, den Gefährten von seinem wilden Toben abzubringen, indem er ihn an die Thorheit solcher herausfordernden Reden erinnerte, und wie diese gerade das Uebel, vor dem er sich fürchte, schneller herbeiführen könnten, wenn nämlich dadurch das Rachegefühl eines Stammes geweckt würde, der selbst in der friedlichsten Stimmung wild und gesetzlos handle. Mittlerweile waren der Wildsteller und der Siouxhänptling in das Zelt getreten. Jener batte mit ängstlicher Theilnahme den Ausdruck von Mahtoree's Auge bewacht, während Middletons und Pauls Worte ihnen nachschallten; aber die Miene des Indianers war zu sehr unter der Herrschaft des Geistes, als das; die geringste seiner inneren Regung sich da ansgcdrückt hätte, wo man gewöhnlich die Stürme im menschlichen Vulkane zu .lesen pflegt. Sein Blick mar auf das kleine Zelt gerichtet, dem sic sich näherten; 408 und für den Augenblick schienen seine Gedanken allein über die Anträge bei diesem außergewöhnlichen Besuche zu brüten. Das Innere der Wohnung entsprach ihrem Aenßern. Sie war größer als die meisten anderen, sorgfältiger ansgebant und von feineren Stoffen, aber damit hörten die Vorzüge dieser Wohnung ans. Nichts konnte einfacher und republikanischer sein, als die Lebensweise, welche der ehrgeizige und mächtige Teton vor den Augen seines Volkes aus eigener Wahl führte. Eine tüchtige Auswahl von Waffen für die Jagd, etwa drei oder vier Medaillen, die ihm die Krämer oder politischen Agenten der Canada's, entweder als Hnldignngszeichen oder auch nur als Anerkennung seines Ranges gegeben, mit wenigen der allernöthigste» Gegenstände zu persönlichen Bequemlichkeiten, bildeten die ganze Ausschmückung. Weder Wildpret noch Bisonfleisch ans der Prairie war im Ueber- fluß hier vorhanden, indem der schlaue Herr des Hauses wohl berechnet hatte, daß die Freigebigkeit des Einzelnen reichlich durch die täglichen Gaben der ganzen Bande würde vergolten werden. Obgleich er in der Jagd eben so ausgezeichnet war als im Kriege, kam doch weder Hirsch noch Büffel jemals ganz in seine Hütte. Dagegen ward aber auch selten ein Thier in das Lager gebracht, wovon nicht Mahtoree's Familie ihr gutes Theil erhielt. Aber die Politik des Häuptlings erlaubte ihm selten, mehr zu behalten, als gerade für den Tag nöthig war, indem er vollkommen überzeugt war, daß Alle zusammen leiden müßten, ehe der Hunger — der Fluch des Lebens bei den Wilden — sich an ein so wichtiges Opfer machen dürfe. Unmittelbar unter dem Lieblingsbogen des Häuptlings und umschlossen von einer Art magischen Ringes von Sperren, Schilden, Lanzen und Pfeilen, die insgesammt zu ihrer Zeit gute Dienste gethan, hing der geheimnißvolle und geheiligte Zauberbcntel. Er war in einem Wampumgürtel sorgsam eingewirkt und überflüssig mit Perlen, Knöpfen und Stachelschweinstachcln mit aller indianischen 409 Erfindungskraft ausgeschmückt. Mahtoree's Freigeistern in religiösen Angelegenheiten war nicht selten zur Sprache gekommen, und es schien, als habe er in seltsamem Geiste des Widerspruchs seine ganze Aufmerksamkeit ans dieses Symbol übernatürlicher Einwirkungen, seiner innersten Ueberzengung ganz entgegen, verwandt. Ahmte doch der Sioux hier dem Treiben der Pharisäer nach: ,anf daß' sie von den Leuten gesehen würden'. Indessen war das Zelt von dessen Eigcnthümer seit seiner Rückkehr vom letzten Streifznge nicht betreten worden. Wie der Leser schon geahnet haben wird — war es zn Jnez's und Ellens Gefängniß umgewandelt worden. Middletons Braut saß ans einem einfachen Lager von süßduftenden Kräutern, worüber Felle gedeckt waren. Sie hatte schon während der kurzen Zeit ihrer Gefangenschaft so viel gelitten, und war Zeugin so mancher wilden, unerwarteten Begebenheiten gewesen, daß jedes Unglück, was noch hinzukam, nur mit immer verminderter Kraft auf ihr scheinbar dem Mißgeschick geweihtes Haupt traf. Ihre Wangen waren ohne Blut; ihr dunkles und gewöhnlich sehr lebhaftes Auge drückte jetzt den tief liegenden Kummer aus, und ihre ganze Gestalt schien immer mehr zn schwinden und zn verkommen. Aber mitten unter diesen Anzeichen natürlicher Schwäche glänzte ihr Auge zuweilen in frommer Ergebung, und Strahlen einer schwachen aber heiligen Hoffnung leuchteten auf, so daß es zweifelhaft blieb, ob die unglückliche Gefangene mehr ein Gegenstand des Mitleids oder der Bewunderung sei. Alle Vorschriften des Pater Ignatius kamen ihr zurück in's GedäAituiß, und nicht weniger lebten seine frommen Visionen in ihrer erhitzten Einbildungskraft wieder auf. Bo» solchen heiligen Entschließungen aufrecht erhalten, beugte das milde, geduldige und vertrauende Mädchen ihr Haupt diesem neuen Schlage der Vorsehung mit derselbe» Sanftmnth, mit der sie jeder andern Strafe für ihre Sünden sich würde unterworfen haben, obgleich die Natur zuweilen mächtig gegen eine solche crzwungeneDemnth ankämpfte. 410 Elle» dagegen bewies sich weit mehr als Weib, und vcrrieth demiiach auch weit mehr weltliche Gefühle. Sie hatte geweint, bis ihre Angen roth angeschwollen waren. Ihre Wangen glühten vor Aerger, und Kränkung und Unmnth athmeten im ganzen Ansdruck ihres Gesichtes, worin sich aber auch zugleich Furcht und Besorgnis; für die Zukunft abspiegelten. Mit einem Worte, das ganze Wesen von Pauls Braut vcrrieth, daß wenn glücklichere Zeiten kämen, und die Treue des Bienenjägcrs einst ihren Lohn fände, er in ihr eine Lebensgefährtin erhalten würde, die in jeder Art für seine leichte, mnthwillige Sinnesweise sich eignete. Es gab indessen noch eine dritte Gestalt in diesem kleinen weiblichen Kreise. Es war dies; die jüngste, die allcrbcgabteste nnd bis dahin die geliebteste nnter den Franc» des Teton. Ihre Reize hatten mächtig auf die Augen ihres Gatten gewirkt, bis diese ganz unerwartet sich noch weiter öffneten vor der Lieblichkeit eines Weibes unter den Bleich-Gesichtern. Von diesem unglücklichen Momente an konnten Anmnth, Zuneigung und Treue der jungen Indianerin ihn nicht länger fesseln. Tachechana's Gestalt und Wesen, obgleich freilich weniger blendend, als das ihrer Nebenbuhlerin, war für Eine ihres Stammes frisch und anmuthig. Ihr nußbraunes Auge war so sanft nnd beweglich wie das der Antilope; ihre Stimme voll Anmnth und munter wie der Gesang des Zaunkönigs, und ihr frohes Gelächter tönte melodisch durch die Wälder. Vor allen Sionxmädchen war Tachechana (die Hindin benannt) die beglückteste und beneidetste. Ihr Vater war ein ausgezeichneter Krieger gewesen, nnd ihre Brüder hatten ihre Gebeine bereits ans einem fernen, schrecklichen Kriegsznge znrückgclassen. Zahllos waren die Krieger, welche Geschenke gesandt in die Wohnung ihrer Eltern, aber ans keinen achtete mau, bis ein Bote vom großen Mahtoree kam. Freilich war sie schon sein drittes Weib, gewiß aber die bcgün- stigste von ihnen allen. Nur zwei kurze Jahre hatte ihre Verbindung gedauert, deren Früchte jetzt schlafend zu ihren Füßen lagen, -L11 cingchüllt in die herkömmlichen Riemen von Fellen und Rinde, welche die Windeln eines indianischen Kindes ansmachten. Als Mahtoree und der Wildsteller in die Thüröffnnng traten, saß das junge Siouxweib eben anfeinem einfachen Stuhle, indem sie ihre sanften Angen mit Blicken, die zwischen den Regungen der Liebe und Bewunderung getheilt waren, von dem unschuldigen Kinde zu beiden seltenen Geschöpfen hinwaudte, die ihr jugendliches Gemüth mit solcher staunenden Verwunderung erfüllt hatten. Obgleich sie Juez und Ellen schon einen ganzen Tag betrachtet, schien es doch, als wachse ihre Neugier, so oft sie wieder zu ihnen Hinblicke. Sie betrachtete sie als Wesen von ganz verschiedener Natur und Beschaffenheit, als alle Weiber in der Prairie. Sogar das Geheimnißvolle ihres zusammengesetzten Anzuges übte einen großen Einfluß aus ans ihren einfachen Geist, wiewohl es doch eigentlich der Reiz und die Aumuth, die ans Jedermann und jedes Volk wirken, war, welche auch hier vor Allem ihre Aufmerksamkeit gefesselt hielt. Doch während ihr offenes Gemnth willig die Vorzüge der Fremden über die minderen Reize der Daheotahmädchcn anerkannte, hatte sie keinen Grund gefunden, ihnen diese Vorzüge zu mißgönnen. Der Besuch, welchen sie jetzt empfangen sollte, war der erste, welchen ihr Gatte seit der Rückkehr vom letzten Streifznge in dem Zelte machte, und er schwebte ihr noch immer als der glückliche Krieger vor, der zu Zeiten der Ruhe sich nicht scheute, den sanfteren Gefühlen eines Vaters und Gatten Luft zu machen. Wir haben uns überall bemüht, zu zeigen, wie Mahtoree, obgleich in allen wesentlichen Stücken ein echter Krieger der Prairien, doch seinem Volke in allen Künsten und Fertigkeiten, welche man als das Morgengrauen der Civilisation ansehen kann, weit voraus war. Häufig war er mit den Krämern und Streifpartien ans den Cauada'S zusammcngckommen, und sein Verkehr mit diesen hatte manche jener wilde» und rohen Ansichten, die ihm 412 von Geburt angestammt waren, entwurzelt, ohne dafür eben andere von bestimmterem Werthe einzupffanze». Im Argumentiren war er eher spitzfindig als wahr, und seine philosophischen Schlüsse konnte man eher verwegen als tief eindringend nennen. Wie bei tausend erleuchteteren Wesen, die sich einbilden, durch alle Prüfungen des menschlichen Lebens ohne andere Stühe, als ihre eigenen Gefühle dringen zu können, war auch seine Sittenlehre den Umständen angepaßt, und das Triebrad seiner Handlungen war die Selbstsucht. Alles, was wir hier gesagt, muß man durchaus nur auf die indianischen Verhältnisse beziehen, obgleich es uns eben nicht schwer fallen sollte, Vergleichungen mit Leuten anznstellen, welche in der That dieselben natürlichen Anlagen besitzen, wie auch die verschiedenen Verhältnisse sie anders gestaltet haben mögen. Trotz Jnez's und Ellenö Gegenwart trat der Tetonhäuptling doch in die Wohnung seines Lieblingsweibes mit dem stolzen Schritt und der Miene eines Herrn. Geräuschlos war zwar der Tritt seiner Mokasins, aber das Rasseln seiner Armbänder und der Silberzierrath seiner Schenkel genügte, seine Nähe zu verkünden, als er den Vorhang ans Fellen, der vor der Thüre hing, bei Seite schob, und nun vor den Inwohnern dastand. Ein sanfter Schrei der Lust brach von Tachechana's Lippen, aber die Aufwallung der freudigen Ueberraschnng wurde sogleich unterdrückt, und in das demüthige Wesen umgemandelt, welches einer Matrone ihres Stammes znkam. Statt den verstohlenen Blick seines jugendlichen, innerlich entzückten Weibes zu erwiedern, nahte sich Mah- toree dem Lager der Gefangenen, und stellte sich vor sie hin, in der hochaufgerichteten stolzen Stellung eines indianischen Häuptlings. Der alte Mann war hinter ihm hergekommcn, und hatte ebenfalls eine Stellung eingenommen, welche sich mit dem zu verrichtenden Dienste am besten vertrug. Schweigend, fast athemlos, bliebe» die Frauen für den ersten Augenblick. Obgleich an den Anblick der wilden Krieger in ihrem 413 vollen schrecklichen Waffenlchmnck gewöhnt, lag doch etwas so Entsetzliches in dem Eintritt, und etwas so Verwegenes in dem Blicke des Siegers, daß Beider Angen unter den Gefühlen des Schreckens und der Verwirrung zu Boden sanken. Jnez erholte sich zuerst, und fragte den Wildsteller mit der Würde einer beleidigten Edeldame, und doch ohne ihre natürliche Anmnth zu verlängnen, welchem Umstande sie diesen außerordentlichen und unerwarteten Besuch znznschreibcn habe. Der alte Mann stockte, aber indem er sich räusperte, wie Jemand, der sich zu einer Anstrengung, an die er nicht gewöhnt war, vorbereitete, fing er folgendcrgestalt an: „Lady," sagte er, „ein Wilder ist ein Wilder, und Ihr könnt in einer traurigen, vom Sturm durchfegten Prairie Euch nicht nach den Gebräuchen und Sitten der Niederlassungen nmsehen. Diese Indianer würden sagen, Mode und Höflichkeit seien so leichte Dinge, daß sie selber wohl fortwehen könnten. Was mich betrifft, obgleich ich ein Mann des Waldes bin, habe ich zu meiner Zeit die Wege der Großen auch gesehen, und ich brauche nicht erst zu lernen, daß sie abwcichen von den Wegen der Niedrigen. Lange habe ich in meiner Jugend gedient, nickt etwa wie eure dienst- thnendcn Geschöpfe in den HauSwirthschaften, sondern als Dicnst- mann unter meinen Oberen im Walde, und wohl weiß ich, wie man sich dem Weibe eines Kapitäns zu nähern hat. Wäre mir die ganze Anordnung dieses Besuchs übertragen worden, ich würde zuerst laut an der Thüre mich geräuspert haben, damit Ihr erführet, daß Fremde sich näherten; dann hätte ich . . „Die Art und Weise ist gleichgültig," unterbrach ihn Jnez, viel zu gespannt, um die weitschweifigen Erklärungen des Alten anshvren zu können. „Was bezweckt der Besuch?" „Das wird der Wilde selbst sagen. (Indianisch:) Die Töchter der Blcich-Gesichter wünschen zu wissen, wcßhalb der große Teton in ihre Wohnung gekommen?" Mahtoree blickte den Fragenden mit einem Erstaunen an, das 414 vcrricth, wie seltsam ihm die Frage überhaupt dünke. Dann antwortete er, eine gefälligere Stellung einnehmend, nach kurzem Besinnen: „Singe in die Ohren des Schwarz-Auges. Sage ihr, Mah- toree's Wolmnng ist sehr groß und sie ist nicht voll. Sie wird Raum darin finden, nnd Keine soll großer sein, als sie selbst. Sage der Blonden, daß anch sie in der Wohnung eines Tapfern sitze» könne nnd von seinem Wildpret essen. Mahtorce ist ein großer Häuptling. Seine Hand ist niemals verschlossen." „Teton," crwiederte der Waidmann, indem er als Zeichen des Unwillens, mit welchem er diese Sprache hörte, den Kopf schüttelte, „die Sprache einer Nothhant muß erst weiß gefärbt werden, ehe sie Musik wird in den Ohren eines Bleich-Gesichtes. Spräche ich Eure Worte nach, würden meine Töchter ihre Ohren schließen, nnd Mahtoree würde in ihren Angen ein Handelsmann scheinen. Höre nun, was von einem grauen Haupte ansgcht, nnd dann sprich deine Meinung ans. Mein Volk ist ein mächtiges Volk. Die Sonne geht ans an ihrer östlichen, und geht unter an ihrer westlichen Gränze. Das Land ist angesüllt mit schönängigen nnd lachenden Mädchen, gleich denen, welche du hier siehst — nein, Teton, ich sage keine Lüge (indem er einen mißtrauischen Blick bei seinem Zuhörer bemerkte) — schönängig und lustig anzublickcn, wie diese vor dir." „Hat mein Vater ein hundert Weiber?" unterbrach ihn der Wilde, und legte seinen Finger auf die Schulter des Waidmanns, indem er seine Neugier verrieth. „Nein, Dahcotah. Der Herr des Lebens hat zu mir gesagt: Lebe allein! Deine Wohnung soll der Wald sein, das Dach deiner Hütte die Wolke». Doch obgleich ich niemals von den geheimen Banden der Treue gefesselt war, welche in nnscrm Volke einen Mann an ein Weib knüpfen, war ich doch oft Zeuge, wie die Neigung Beide znsammenbrachte. Gehe in die Gauen meines Volkes; du wirst die Tochter des Landes sehen, hüpfend durch die Städte, wie eben so viele bunte und muntere Vögel zur Blüthe- zeit. Du wirst sie treffen, singend und froh an den großen Straßen des Landes, und du wirst hören ihr schallendes Gelächter in den Wäldern. Es ist eine Pracht, sie anzusehen, und die jnngen Männer finden eine wahre Lust dran." „Hngh!" rief der aufmerksame Mahtoree aus. „Wahrhaftig, du magst es mir glauben, was du hörst, denn es ist keine Luge. Aber wenn ein Jüngling ein junges Mädchen gefunden, das ihm gefällt, spricht er zu ihr mit einer so sanften Stimme, daß es Niemand sonst hören kann. Er sagt nicht, meine Wohnung ist weit, und darin ist noch Raum für Jemand, sondern: Soll ich bauen, und will die Jungfrau mir zeigen, bei welcher Quelle sie wohnen möchte? Seine Stimme ist süßer als der Honig der Locnste, und trillert so sanft in's Ohr, wie der Gesang des Zaunkönigs. Wenn deßhalb mein Bruder wünscht, daß seine Worte gehört werden, muß er mit einer weißen Zunge reden." Mahtoree versank in tiefes Sinnen, und, was noch wunderbarer war, er versuchte nicht, dieß zu verbergen. Es war gegen alle Ordnung der Geselligkeit, und nach seinen ererbten Grundsätzen ganz der Würde eines Häuptlings entgegen, daß ein Krieger sich vor einem Weibe erniedrigen solle. Aber als Jnez so vor ihm saß in würdiger Ruhe, völlig nnknndig und ganz ohne Argwohn, was wohl diesen Besuch könne veranlaßt haben, fühlte doch der Wilde den Einfluß einer Sitte, an die er ganz und gar nicht gewöhnt war. Den Kopf beugend, als erkenne er seinen Jrrthnm an, trat er ein wenig zurück, und indem er sich mit anmnthiger Würde hinstellte, begann er mit solcher Sicherheit zu reden, wie wenn er sich durch seine Beredsamkeit bisher nicht minder ausgezeichnet hätte, als durch seine Waffenthaten. Die Augen auf Midd- letons Braut gerichtet, begann er abermals in folgenden Worten: „Ich bin ein Mann mit rother Haut, aber meine Angen sind schwarz. Sie waren offen seit manchem Schnee. Sie haben LI 6 manche Dinge geschaut, lind missen einen Braven von einem Feigen zu unterscheiden. Als ich noch ein Knabe war, sah ich nichts als den Bison und den Hirsch. Nun kam ich ans die Jagd und sah den Kaguar und den Bären. Das machte Mahtvree zum Mauue. Er sprach nicht mehr mit seiner Mutter. Seine Ohren waren offen für die Weisheit der alten Leute. Sie erzählten ihm Alles, sie sagten ihm auch von den Lang-Mcssern. Nun zog er mit auf den Kriegspfad. Damals war er der Letzte; jetzt ist er der Erste. Welcher Dahcotah wagt es zu sagen, er wolle vor Mahtorce in die Jagdgründe der Pawuee's ziehen! Die Häuptlinge kamen ihm vor ihren Thüren entgegen, und sie sagten: mein Sohn ist ohne eigen Haus. Sie gaben ihm ihre Wohnung, sie gaben ihm ihre Reichthümer, und sie gaben ihm ihre Tochter. Da wurde Mahtoree ein Häuptling, wie cs auch sein Vater gewesen. Er schlug die Krieger aller Völker, und auswählen konnte er sich Weiber von den Pawuee's, den Omahaw's und deu Kouza's; aber er sah auf die Jagdgrüude und nicht auf sein Dorf. Erhielt ein Pferd für angenehmer als ein Dahcotahmädchen. Aber er fand eine Blume in der Prairie, und er pflückte sie und brachte sie in seine Wohnung. Er vergißt nun, daß ihm auch nur ein einziges Pferd gehört; er gibt sie alle den Fremden, denn Mahtorce ist kein Dieb; er will nur die Blume behalten, die er auf der Prairie fand. Ihre Füße sind sehr zart. Sie kann nicht bis zur Thüre ihres Vaters gehen, sie wird für immer in der Wohnung eines tapfer» Kriegers bleiben." Als er diese seltsame Anrede geendet, erwartete der Tcton die Uebersetzuug derselben mit der Miene eines Bewerbers, der keine «utmuthigcudeu Zweifel über den glücklichen Ausgang hegt. Der Wildsteller hatte keine Sylbc der Rede verloren, und bereitete sich nun, sie aus eine Weise iu's Englische zu übertragen, welche den Hauptgedanken wo möglich noch dunkler als in der Ursprache ließe. Aber als seine widerstrebenden Lippen sich öffnen wollten, LI 7 hob Ellen eine» Finger ans »nd unterbrach ihn, indem sie mit einem raschen Blick auf die noch immer aufmerksame Jnez deutete: „Schone deine Lunge," sagte sie, „alles, was ein Wilder sagt, darf nicht vor einer christlichen Frau wiederholt werden." Jnez fuhr zusammen, wurde roth und neigte sich mit einer Art Zurückhaltung, indem sie kühl dem alten Mann für feine Absicht dankte, und bemerkte, daß sie jetzt wünsche, allein zu sein. „Meine Töchter bedürfen der Ohren nicht, um zu verstehen, was ein großer Dahcotah sagt," erwiederte der Alte, zu dem erwartungsvoll horchenden Mahtoree gewandt. „Sein Blick und seine Zeichen genügen schon. Sie verstehen ihn, sie wünschen über seine Worte nachzndenken; denn die Kinder wackerer Väter, und das sind sie, thun nichts ohne Ueberlegnng." Mit dieser für den energischen Ansdruck seiner Beredsamkeit so schmeichelhaften, und seinen Hoffnungen so zusagenden Erklärung war der Teton durchaus zufrieden. Er drückte seine Zustimmung durch den herkömmlichen Laut aus, und schickte sich an, umzu- kehreu. Die Frauen grüßend in der kalten aber würdigen Weise seines Volkes, schlug er sein Kleid um sich, und trat von dem Flecke ab, wo er den triumphirenden Stolz kaum zu verbergen vermocht. Aber es hatte noch Jemand, obgleich bewegungslos und unbemerkt, dem vorigen Auftritt zugehört, deren Gefühle dabei in ganz verschiedener Art angeregt wurden. Keine Sylbe war von den Lippen des lange und ängstlich erwarteten Gatten gefallen, die nicht seinem harmlosen Weibe tief in's Herz gedrungen wäre. Grade auf dieselbe Weise hatte er um sie, in der Wohnung ihres Vaters, gefreit, und um ähnliche Schilderungen von dem Ruhme und den Thaten des Tapfersten ihres Stammes anznhören, hatte sie die Ohren vor den sanfteren Erzählungen so manchen Siouxjünglings geschloffen. Als der Teton auf die eben erwähnte Art sich umkehrte, die Die Prairie. 27 418 Wohnung zu verlassen, bemerkte er erst dieses unerwartete und halb vergessene Wesen. Sie stand so demiithig und verschämt, wie es die Art der indianischen Mädchen ist, das Pfand ihrer früheren Liebe im Arme, ihm gerade im Wege. Einen Augenblick fuhr er'znsammen; gleich darauf gewann er aber wieder den marmorartigen Gleichmuts), welcher, sei es von Natur oder durch Kunst, in seinen Gesichtszügen lag, und deutete ihr gebieterisch an, Platz zu machen. „Ist nicht Tachechana die Tochter eines Häuptlings?" fragte sie mit unterdrückter Stimme, in welcher der Stolz gewaltig mit der Furcht kämpfte. „Waren nicht ihre Brüder Helden?" „Geh! die Männer rufen ihr Oberhaupt. Er hat kein Ohr für ein Weib." „Nein," erwiederte die Flehende, „es ist nicht Tachechana's Stimme, die du hörst; dieser Knabe hier spricht durch die Zunge seiner Mutter. Er ist der Sohn eines Häuptlings und seine Worte werden hinanfschallen zu den Ohren seines Vaters. Höre, was er spricht. Wann war Mahtoree hungrig und Tachechana hatte keine Nahrung für ihn? Wann ging er der Spur der Pawnee's nach und fand Alles leer, — und meine Mutter hätte nicht geweint? Wann kehrte er heim mit Zeichen der Schlacht, und sie hätte nicht gesungen? Welches Siouxmädchcn schenkte einem Helden einen Sohn wie ich? Sieh mich gut an, daß du mich auch kennen mögest. Meine Angen sind Adleraugen. Ich blicke in die Sonne und lache. Ein wenig Zeit und die Dahcotah's werden mir zur Jagd folgen und in den Krieg. Weßhalb wendet mein Vater die Augen ab von dem Weibe, das mir Milch gibt? Warum hat er so bald die Tochter eines mächtigen Sioux vergessen?" Es war ein kurzer Moment, wo das kalte Auge des Vaters mit Lust auf dem Antlitz des lachenden Buben verweilte und des Tetons starrer Sinn gerührt schien. Doch schnell überwand er diese edlere Regung, weil sie zugleich peinvvll für ihn war, faßte ruhig den Arm seines Weibes, und führte sie gerade vor Jnez hin. Hinweisend ans das liebliche Gesicht der Dame, welche gerade mit zärtlichem Mitleidcn das der Indianerin anblickte, hielt er inne und uberließ es seinem Weibe, eine Schönheit zu betrachten, die ihrem eigenen Geiste eben so ausgezeichnet dünkte, als sie für den Charakter ihres treulosen Gatten gefährlich geworden. Als er dafür hielt, daß sie ihre Nebenbuhlerin, damit der Gegensatz recht schlagend wirke, lange genug angesehen, zog er plötzlich einen kleinen Spiegel hervor, der an ihrer Brust hing, ein Schmuck, den er ihr selbst, in einer zärtlichen Stunde, ihrer Schönheit schmeichelnd, geschenkt, und zeigte der Armen darin ihr eigenes, dunkeles Gesicht. Dann winkte der Tetvn, sein Kleid fester anziehend, dem Jäger, ihm zu folgen. Während er mit stolzem Schritt hinanstrat, murmelte er bei sich: „Mahtoree ist sehr weise! Welche Nation hat einen so großen Häuptling, als die Dahcotahs?" Tachechana stand einen Augenblick lang, als wäre sie zn einer Statue der Demnth eingefroren. Drinnen in dem milden und sonst so fröhlichen Wesen arbeitete es, als solle das Band zwischen ihrer Seele und der Hälfte, deren Aussehen ihr jetzt zur unerträglichen Bürde geworden, ans immer getrennt werden. Jnez nnd Ellen wußten durchaus nicht, was zwischen ihr und ihrem Gatten vorgefallen, wenn auch der Scharfblick der Letzter» zu einem Verdacht führte, dessen Jnez »»schuldige Seele ganz unfähig war. Beide wollten der jungen Indianerin indessen ihre zärtliche Theil- nahme zn erkennen geben, wie es die weibliche schöne Seele überall mit sich bringt, als mit einemmale alle Ursache dazu verschwunden schien. Die krampfhaften Bewegungen im Gesichte der jungen Frau hörten plötzlich auf, ihr Gesicht wurde ruhig und starr, wie ein gemeißelter Stein. Nichts blieb, als ein Ausdruck unterdrückter Angst, nnd das auf einem Gesichte, welches selten zuvor etwas von Kummer wußte. Und dieser Ausdruck blieb, trotz dem Wechsel 420 in langen Jahren von Hitze und Kälte, Gluck und Unglück, den sie bei der Unbeständigkeit des traurigen Zustandes aller Weiber unter den Wilden von nun an zu erdulden, vom Schicksal vernr- theilt war. Ist es nicht aber eben so bei der Pflanze? Wie sie auch nachher wachse und gedeihe, wo der Mehlthau einmal und früher gewesen, bleiben die Spuren in Ewigkeit. Zuerst beraubte sich Tachechana aller der rohen, doch hoch geschätzten Zierrathe, mit welchen einst ihres Gatten Freigebigkeit sie überhäuft hatte; und das geschah nicht mit Ungestüm, ja selbst ohne Murren, als gelte es nur, um Jnez's Ucberlegcnheit anzncr- kennen. Sie zog die Armbänder von ihren Handgelenken, die verschlungenen Kugelkränze von ihren Schenkeln, und das breite Silberband von der Stirn. Dann hielt sie lange und schmerzlich inne. Ja, es schien, daß der einmal genommene Entschluß von keinem zarteren Gefühle, und sei es noch so natürlich und dringend, könne überwunden werden; denn den Knaben selbst legte sie ihrer mnthmaßlichen Nebenbuhlerin zu Füßen, und wohl konnte die so durch sich selbst erniedrigte Tetonfran mit Recht glauben, nun sei ihr Opfer ganz vollbracht. Während Jnez und Ellen mit verwunderten Angen diese seltsamen Bewegungen betrachteten, sprach eine leise, sanfte, musikalische Stimme in einer für sie unverständlichen Sprache: „Eine fremde Zunge wird meinen Knaben lehren, wie er ein Mann werden soll. Er wird neue Laute hören, aber er wird sie lernen und die Stimme seiner Mutter vergessen. Es ist der Wille des Wahcondah, und ein Siouxmädchen soll nicht klagen. Sprich sacht zu ihm, denn seine Ohren sind sehr klein; wenn er groß sein wird, dann kannst du lauter reden. Laß ihn ja nicht ein Mädchen sein, denn das Leben der Frauen ist sehr traurig. Lehre ihn Acht haben auf die Männer. Zeige ihm, wie er Die strafen muß, die ihm Unrecht thun, und laß ihn nie vergessen, Schlag um Schlag zu versetzen. Wenn er zur Jagd geht, so muß ihm die 421 Blume der Bleich - Gesichter" — hier benutzte sie, den bitter» Gefühlen nachgebend, das von ihrem Gatten vorhin gebrauchte Bild — „sanft in die Ohren flüstern, das; die Haut seiner Mutter roth war, und daß sie einst die ,Hindin' der Dahcotahs gewesen." Tachechana drückte einen Kuß auf die Lippen ihres Sohnes, und ging dann tiefer in die Wohnung hinein. Hier zog sie ihr leichtes Calicokleid über den Kopf, und setzte sich, um ihre De- muth anzuzeigen, auf die nackte Erde nieder. Alle Bemühungen der beiden Anderen, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, waren fruchtlos. Sie hörte weder auf ihre Vorstellungen, noch fühlte sie ihre zarte Berührung. Ein- oder zweimal erhob sich ihre Stimme in einer Art Klaggesang unter ihrem zitternden Gewände, nie aber ging sie über in die eigenthümliche Wildheit der Musik ihres Volkes. So blieb sie mehrere Stunden verdeckt, indessen draußen Dinge vergingen, die nicht allein auf ihr eigenes Schicksal bedeutend einwirkten, sondern auch auf die künftigen Bewegungen dieses wandernden Sionxstammes vom größten Einfluß waren. Siebenundzwanzigftes Kapitel. Ich will keine Renommisten, ich bin in gutem Renommee bei den allerbesten Leuten. — Schließt die Thür zu — wir lassen keine Renommisten herein; ich habe eS nicht so weit in der Welt gebracht, uni mir vorrenommiren zu lassen.— Schließt die Thür zu, ich bitte Euch. Shakespeare (Heinrich IV. Th. 2.). ^klahtoree traf vor seiner Schwelle Jsmael, Abiram und Esther. Sein erster Blick auf das ernste und drohende Antlitz des gewaltigen Squatters verkündete dem schlauen Teton, daß der verriitherische Waffenstillstand, welchen er mit diesen, seinen größeren Geistesgaben untergeordneten Leuten abgeschlossen, in Gefahr sei, gewaltsam zu enden. 422 „Merkst du hier, alter Graubart," sagte Jsmael, indem er den Wildsteller erfaßte, und ihn so leicht an seine Seite schwenkte, als wäre er nichts weiter wie ein behendes Spielzeug, „daß ich es müde bin, ein Gespräch noch länger mit den Fingern und dem Daumen, statt mit der Zunge zu führen. Du sollst mir den Sprachmeister spielen, und frischweg meine Wort in's Indianische übersetzen, ohne gerade drauf zu sehen, ob sie für den Magen einer Rothhaut sind oder nicht." „Sprecht, Freund!" erwiederte ruhig der alte Jäger, „gerade so, wie Ihr die Worte anssprecht, werde ich sie ihm wiedergeben." „Freund?" 'erwiederte ruhig der Squatter, indem er den Andern einige Augenblicke mit einem nicht leicht zu deutenden Ansdruck anblickte. „Aber im Grunde ist dieses nicht mehr als ein Wort, und ein Wortschall bricht keine Rippen, und es handelt sich um keine Pachtung. Sage diesem diebischen Sioux denn, daß ich jetzt gekommen bin, die Bedingungen nnsers feierlichen Vertrages einzufordern, den wir am Fuß des. Felsens abschlossen." Als der Wildstetter den Sinn der Rede in die Sionxsprache übersetzt, fragte Mahtoree mit dem Ansdruck des Erstaunens: „Friert meinen Bruder? Büffelhänte sind hier im Ueberflnß. — Ist er hungrig? So sotten meine jungen Leute ihm Wildpret in's Hans bringen." Der Auswanderer hob drohend seine geballte Faust und paukte damit heftig auf die flache Hand, um hierdurch seiner Antwort mehr Nachdruck zu geben. „Sage dem betrügerischen Lügner, ich sei nicht wie ein Bettler gekommen, von dem Seinigen zu nagen, sondern wie ein freier Mann, der nach dem Eigenen fragt; und ich will es haben. Und mehr noch, sage ihm, ich fordere auch, daß d», so ein kläglicher Sünder dn bist, in die Hände der Gerechtigkeit gegeben wirst. Da ist kein Mißverständnis Meine Gefangene, meine Nichte und 423 Du. Ich fordere alle Drei von ihm, nach dem beschworenen Uebereinkommen." Der durch Nichts zu erschütternde Alte lächelte, und sein Lächeln deutete an, daß er mehr misse, indem er antwortete: „Freund Squatter, Ihr verlangt, was Wenige Euch zugestehen würden. Ihr wollt zuerst die Zunge aus dem Munde des Tetvns schneiden, und dann das Herz aus seiner Brust." „Jsmacl Busch kümmert sich wenig darum, wer und was dabei Schaden leidet, wenn er sein Eigenthum fordert. AberMer- seht nur grade in's Indianische meine Forderungen, und wenn Ihr von Euch selbst redet, macht solche Zeichen, daß ein weißer Mann es versteht, und ich wissen kann, daß kein falsches Spiel dabei los ist." Der Wildsteller lachte in seiner stummen Art und murmelte etwas für sich, ehe er den Häuptling anredete. „Möge der Dahcvtah weit seine Ohren aussperren," sagte er dann, „die schweren, großen Worte wollen Raum haben, einzugehen. Sein Freund, das Lang-Meffer, kommt mit einer leeren Hand, und er sagt, daß der Teton sic füllen müsse." „Wagh! Mahtvree ist ein reicher Häuptling. Er ist der Herr der Prairie." „Er soll das Schwarzhaar herausgeben." Die Brauen des Häuptlings zogen sich bös zusammen, und seine Augen drohten augenblickliche Vernichtung dem kühnen Squatter, aber schnell seiner Klugheit eingedenk, erwiederte, er ausdrucksvoll mit einem verrätherischen Lächeln: „Ein Mädchen ist zu leicht für die Hand solches Tapfern. Ich will sie mit Büffeln anfüllen." „Auch sagt er, er bedürfe deßgleichen der Blondhaarigen, die sein Blut in den Adern führt." „Sie soll Mahtoree's Weib werden; dann wird das Lang- Meffer Vater eines Häuptlings." 424 „Und auch mich," fuhr der Alte fort, indem er in der Zeichensprache, welche den Eingebornen hier fast eben so geliinfig ist, als die artikulirte, zugleich so ausdrucksvoll redete, daß auch der Landbenter, gegen den er sich dabei wandte, es verstehen mußte, „auch mich verlangt er, den kläglichen, abgelebten Wildsteller." Der Dahcotah legte seinen Arm um die Schulter des Alten, mit der Miene herzlicher Theilnahme, ehe er auf diese dritte und letzte Forderung erwiederte. „Mein Freund ist alt," sprach er, „und kann nicht weit reisen. Er wird bei den Tetons bleiben, daß sie Weisheit lernen können aus seinen Worten. Welcher Sioux hat eine Stimme, wie mein Vater! Er lasse seine Worte sanft tönen, aber recht deutlich. Mahtvree wird Felle geben und Büffel. Den jungen Leuten von den Bleich-Gesichtern wird er Weiber geben, aber er kann Niemand fortgcben, der schon in seiner Wohnung lebt." Vollkommen selbstzufrieden mit seiner lakonischen Erwiederung schritt der Häuptling jetzt ans die seiner harrenden Rathsversammlung zu, als er sich plötzlich wieder umdrehte, und den Waidmann bei der Uebersetzung, mit der er beschäftigt war, folgendermaßen unterbrach: „Sage dem großen Büffel (denn so hatten die Tetons Jsmael Busch auf ihre Art getauft), daß Mahtvree eine Hand hat, welche immer offen ist. Sieh'," fügte er hinzu, indem er auf das herbe und runzlige Gesicht der aufmerksamen Esther deutete, „sein Weib ist zu alt für solchen großen Häuptling. Er soll sie aus seinem Hause weisen. Mahtvree liebt ihn, wie seinen Bruder. Er ist sein Bruder. Er soll das jüngste Weib der Tetons haben. Ta- chechana, der Stolz der Siouxmädchcn soll sein Wildpret kochen, und mancher Tapfere wird aus ihn mit verlangendem Blicke schauen. Sieh', ein Dahcotah ist großmüthig." Die seltsame kalte Ruhe, mit welcher der Teton seinen kühnen Vorschlag beschlossen, verwirrte selbst den erfahrenen Wildsteller. 425 Ec starrte dem fortgehcnden Indianer mit einem Erstaunen, das er nicht verbergen konnte, nach, und fuhr in seinem Dolmetscheramte nicht eher fort, als bis Mahtvree's Gestalt sich unter dem Kriegerhanfen, der schon so lange und mit einer eigenthümlichcn Geduld seine Rückkehr erwartet, verloren hatte. „Der Tetonhäuptling hat sehr ausführlich gesprochen," fuhr der alte Mann fort, „er will Euch die Dame nicht wiedergebcn, an welche Ihr, der Herr des Himmels weiß es, kein Recht habt, außer wie der Wolf am Lamme. Er will Euch auch nicht das Kind heransgeben, das Ihr Eure Nichte nennt, und ich möchte wetten, daß er hier ein nicht viel schlimmeres Recht auf seiner Seite hat. Und überdies;, Nachbar Squatter, schlägt er mich Euch geradezu ab, wie kläglich und werthlos ich auch bin; und ich halte ihn wahrhaftig deßhalb nicht für unklug, indem der Mann wohl einsieht, daß ich manche besondere Gründe habe, weßhalb ich eben nicht weit in Eurer Gesellschaft reisen möchte. Aber er macht Euch ein Anerbieten, welches Ihr nach Recht und Billigkeit prüfen sollt. Der Teton sagt Euch durch mich, der ich ja nichts anders bin, als ein Paar Lippen, durch die er spricht, und deßhalb gar nicht verantwortlich für seine sündigen Worte, aber er sagt nun einmal, da diese gute Frau über die angenehmen Jahre hinaus ist, so wäre es vernünftig, daß Ihr Euch losmachtet von solch' einem Weibe. Er räth Euch deßhalb, sie ans Eurem Hause zu schaffen, und wenn es leer ist, will er Euch sein eigenes Lieblingsweib, oder vielmehr, die sein Lieblingsweib gewesen, senden, nämlich die hüpfende Hindin, wie die Sioux sie nennen, um ihren Platz auszufüllen. Ihr seht, Nachbar, obgleich die Rothhant im Sinne hat, Euer Eigenthnm zu behalten, so rst sie doch gern bereit, Euch 'was zur Entschädigung zu geben." Jsmael hörte die Antwort ans seine Forderungen mit dem steigenden Unwillen an, welcher bei deix verdrossensten Gemüthern den Uebergang zur Raserei der Wuth bildet. Er bemühte sich 426 sogar zu lachen, bei der Vorstellung, das; er seine langerprnfte Esther mit der geschmeidiger» Stühe der jungen Tachechana vertauschen solle, doch klang über der" Anstrengung dazu seine Stimme hohl und unnatürlich. Aber Esther war weit davon entfernt, den Vorschlag so lustig anfznnehmen. In gewöhnlich kreischender Weise brach sie heraus, nachdem sie, wie Jemand, der eben der Gefahr des Strangnlirens entronnen, Athem geschöpft, und es ertönte: „Holter die Polter! Was? Will mir ein nackter Indianer die Rechte verheiratheter Frauen kränken und verschenken? Denkt er, ein Weib ist ein Thier in der Prairie, daß man sie vom Dorfe fortjagcn kann mit Flinten und Hunden? Sie soll mir doch kommen, die Beherzteste von ihnen allen, und sich rühmen, was sie gethan, und mir zeigen, ob sie solche Schlingel aufgezogen. Ein niederträchtiger Tyrann ist die diebische Rothhant, und ein verfluchter Schurke, mein' ich. Er möchte gern Hanptmann sein drinnen und draußen. Ist denn ein ehrliches Weib in seinen Augen ein Haderwisch? Und du, Jsmael Busch, Vater von sieben Söhnen und eben so viel hübschen Töchtern, kannst du deinen sündigen Mund anfthnn, anders, als ihm zu fluchen! Willst du deine Farbe in Unehre bringe», deine Familie und Nation? Willst du weißes Blut mit rothcm vermischen, und willst du Vater einer Rasse von Bastarden sein? Oft hat dich der Teufel schon versucht, mein guter Mann, aber nie zuvor hat er eine so schlaue Schlinge wie diese gestellt. Geh' zurück zu deinen Kindern, Freund, geh' und erinnere dich, daß du kein Bär bist, sondern ein Christ, und danke auch Gott, daß du ein geseylicher Ehemann bist." Der kluge Wildsteller hatte Esther's Austoben geahnet. Bor- aussehend, daß ihr sanftes Temperament bei einem so schmählichen Vorschläge, wie diese Verstoßung, sogleich in Feuer und Flamme auffahren würde, benutzte er geschickt den ersten Sturm, und zog sich nach einem Orte zurück, wo er wenigstens vor jeder unmittelbaren Thätlichkeit ihres zwar weniger gereizten, aber nicht minder gefährlichen Ehemanns sicher war. Jsmael, der vorhin seine Forderungen mit dem festen Entschlüsse, sie zu ertrotzen, ausgesprochen, wurde jetzt, gleich manchem hartnäckigen Ehemann, durch den unerwarteten Sturmwind von seinem Vorhaben abgebracht, und um eine Eifersucht, die der Wnth einer ihre Jungen verthei- digenden Bärin glich, zu beschwichtigen, entfernte er sich etwas von der Hütte, welche bekanntlich den nnschnldige» Gegenstand des plötzlichen Aufruhrs enthielt. „Lasst sie doch 'ransspaziren, deine kupferne Jesabel, lasst sie zeigen ihre lohfarbene Schönheit vor dem Gesichte eines Weibes, die mehr als eine Kirchglocke gehört, und eine ordentliche Mächt gesehen hat," rief Esther, die Hand im Triumph schwingend, indem sie Jsmael und Abiram wie zwei verdrossene Schnlknaben vor sich her ihrem Lager zntricb. „Wahrhaftig, wahrhaftig, hier ist eine, die sie bald niedcrdonnern wollte! — Was, wollt ihr euch hier auf die Bärenhaut strecken, Leute? Denkt mir nickt dran, ein Auge zu schließen im Lager, durch welches der Teufel so offen aus- »nd eingeht, als märe er ein Edelmann und immer willkommen. Heda, Abncr, Enoch, Jesse, wo seid ihr hin? Heran, heran! Wenn der schwachköpfige, feige Mann, euer Vater, wieder in dieser Nachbarschaft ißt oder trinkt, so werden wir ihn von der List der Nothhänte vergiftet sehen. Nicht, daß ich mich darum bekümmere — nicht ich, — wer in meine Stelle kommt, wenn sie einmal gesetzlich leer ist, aber nie, Jsmael, hätte ich gedacht, daß du, der du einmal ein Weib mit weißer Haut gehabt, Lnst finden würdest an so einem Knpfergesicht — denn Kupfer ist sie, so wahr ich lebe; längnc es, wenn du kannst! — Kupfer, und Erz noch oben ein!" Der erfahrene Ehemann ließ ihren gekränkten weiblichen Stolz ruhig anfsieden, ohne etwas Anderes zu thnn, als daß er einmal gelegentlich einen Ausruf that, welchem eine einfache Bethenernng seiner Unschuld folgen sollte. Aber die Wnth des Weibes war 428 »licht zu beschwichtigen. Sie hörte auf nichts, als ihre eigene Stimme, und demgemäß ward auch nichts gehört, als ihr Befehl zum Aufbruch. Der Squatter hatte schon sein Vieh zusammengehalteu und seine Wagen geladen, als Vorsichtsmaßregel, ehe er zum Aeußer- sten, »vas er im Sinne trug, schritt. Esther fand somit Alles ihren Wünschen angemessen. Die jungen Leute blickten sich fragend an, als sie die außerordentliche Aufregung ihrer Mutter bemerkten, zeigten aber wenig Antheil an einer Begebenheit, welche nicht die einzige ihrer Art gewesen. Auf Befehl ihres Vaters wurden auch die Zelte schnell in den Wagen geworfen, als eine Art Wiedervergeltung für die geringe, von ihrem neuen Verbündeten ihnen erwiesene Treue, und dann verließ der Troß auf seine gewöhnliche stumme und verdrossene Weise den Play. Da eine furchtbare Nachhut wohlbewaffneter Gränzleute die Abziehenden hinten deckte, sahen die Sioux diese Bewegung, ohne im geringsten Erstaunen oder ein Gefühl der Rache zu verrathen. Der Wilde macht, gleich dem Tiger, selten einen Angriff auf einen Feind, der ihn erwartet, und wenn die Tetonkrieger irgend an eine Feindseligkeit dachten, geschah es in der ruhigen Weise, mit der alle katzenartigen Thiere den Moment absehen, wo ihre Opfer sich der Sorglosigkeit überlassen, um dann ihres Streiches gewiß zu sein. Mahtoree's Beschlüsse aber, von denen eigentlich alle Politik seiner Nation abhing, lagen tief in seinen» Gedankcnschrein verschlossen. Vielleicht freute er sich, ans so leichte Weise so beschwerlicher Anforderungen quitt zu werden; vielleicht erwartete er eine günstigere Zeit, seine Macht z» zeigen, oder es mochten ihn Gegenstände von solcher Wichtigkeit drängen, daß sein Geist keine Muße gewann, an so gleichgültige Begebenheiten zu denken. Doch wollte es den Anschein gewinnen, als sei Jsinael, während er Esther's erweckten Gefühlen so viel zngestand, weit davon entfernt, so leicht von seinen ursprünglichen Absichten zu lassen. Sei» Zug folgte dem Laufe längs des Flusses ungefähr eine Meile, und dann machte er wieder auf einer Höhe und an einem Orte, der alles Nöthige gewährte, Halt. Hier pflockte er abermals seine Zelte ein, spannte die Thiere aus, trieb sie hinunter in den Grund, kurz, er machte alle üblichen Vorbereitungen, hier die Nacht zuzubringen, und das mit derselben Ruhe und Ueberlegung, als wäre die Herausforderung, die er kaum seinen gefährlichen Nachbarn so zu sagen in die Zähne geblasen, gar nicht vorgefallen. Indessen schritten die Tetons zu dem eigentlichen Geschäft des Tages. Eine wilde Fenerlvst hatte feit dem Augenblick im Lager geherrscht, wo es ihnen bekannt wurde, daß ihr Häuptling mit dem lange gefürchteten und gehaßten Feindeshelden znrückkehre. Stunden lang waren die hochbetagten Weiber des Stammes von Wohnung zu Wohnung umhergegangcn, um die Gemüther der Krieger so zu stimmen, daß das Mitleid keinen Anwalt fände. Zu dem Einen sprachen sie von dem Sohn, dessen Schädelhaut in dem Rauch einer Pawneehntte dörre. Einem Anderen zählten sie seine eigenen Narben und sein Unglück auf; einen Dritten befragten sie nach seinem Verlust an Fellen und Rossen, und ein Vierter wurde durch eine bedeutungsvolle Frage über irgend eine noch frische Begebenheit, in der er eben nur der leidende Theil gewesen, an die Vergeltung erinnert. Durch diese Mittel waren die Männer wenigstens so weit in Harnisch gebracht, daß sie auf oben beschriebene Weise, sich versammelten, obgleich es noch immer zweifelhaft blieb, wie weit sie in ihrer Rache gehen würden. Die Meinungen, ob es klug sei, ihre Gefangenen hinznrichten, waren sehr getheilt, und Mahtoree hatte die Verhandlungen unterbrochen, um sich indessen zn vergewissern, wie weit diese Maßregel ihn seinen eigenen Absichten näher bringen oder davon entfernen könne. Bis dahin waren die Beraihnngen nur vorläufige zu nennen gewesen, damit jeder Häuptling im Voraus berechnen könne, wie viel Stimmen er wohl für 430 sich bei der angeregten Frage erhalten möge, wenn der wichtige Gegenstand wirklich vor die feierliche Versammlung des Stammes kommen würde. Diese letztere sollte jetzt vor sich gehen, nnd alle Vorbereitungen dazu waren mit einer Würde nnd Feierlichkeit, die dem wichtigen Interesse der Gelegenheit ziemte, getroffen. Mit einer ausgesuchten Grausamkeit, die nur in dem Hirn eines Indianers entspringen konnte, war der Ort zu dieser ernsten Berathnng dicht um den Pfosten erwählt, an welchem der wichtigste Gegenstand derselben gebunden stand. Middleton nnd Paul wurden in ihren Banden herbeigetragcn, nnd zu den Füßen des Pawnee niedergelegt; nnd dann nahmen alle Männer, gemäß den verschiedenen Ansprüchen ans Auszeichnung, ihre Plätze ein. Als Krieger um Krieger herzutrat, setzte er sich in dem weiten Kreise mit einer so sinnenden und gedankenvollen Miene nieder, als gelte cs wirklich, das Amt der Gerechtigkeit zu verwalten, nnd als fordere zugleich das Mitleid einen regen Antheil. Für drei oder vier der ausgezeichnetsten Häuptlinge wurde ein Platz aufgehoben, nnd einige der ältesten Frauen, so welk, wie nur das Alter, nnd alle erfahrenen Drangsale bei den Leidenschaften, welchen die wilden Völker unterworfen sind, sie machen kann, drängten sich selbst in den vordersten Kreis, mit einer Verwegenheit, deren Quelle ihr unersättlicher Durst nach Grausamkeit war, und deren Entschuldigung nur in ihren Jahren und in ihrer lang erprnftcn Treue gegen ihre Nation lag. Alle, bis auf die erwähnten Häuptlinge, waren jetzt an Ort und Stelle. Diese hatten in der vergeblichen Hoffnung gezögert, daß ihre eigene Einmüthigkeit den Weg zu der ihrer Anhänger bahnen könne; denn trotz Mahtoree's höherem Einfluß konnte er seine Macht doch nur durch fortwährende Berufung an die Meinungen seiner Untergebenen erhalten. Als diese wichtigen Männer nnn endlich zusammen in den Kreis traten, verkündeten ihre trüben Blicke und wolkigen Stirnen, so viel Zeit sie auch auf die Be- rathnng verwendet hatten, zur Genüge, welche Unzufriedenheit unter ihnen herrsche. Mahtoree's Auge weckselte im Ansdruck; jetzt schossen plötzliche Strahlen hervor, die Feuer zu fangen schienen an seiner glühenden Brust, und jetzt wurden sie wieder so kalt und fest, wie er meinte, daß sie sich für einen Häuptling bei der Berathung schickten. Er nahm seine» Sitz mit der erkünstelten Einfachheit eines Demagogen ein, obgleich der scharfe und blitzartige Blick, mit dem er sogleich die schweigende Versammlung musterte, die weit mehr vorherrschende tyrannische Lust bekundete. Als nun Alle zugegen waren, zündete ein alter Krieger die große Pfeife des Volkes an, und blies den Rauch nach den vier Himmelsgegenden. Sobald diese Opferung geschehen, reichte er die Pfeife Mahtvree dar, welcher aber voll angenommener De- mnth sie zu einem grauköpfigen Häuptling an seiner Seite vor- nbergehen ließ. Nachdem so der herkömmliche Ritus von Allen durchgemacht war, erfolgte ein tiefes Schweigen, als sei ein Jeder nicht allein dazu aufgelegt, sondern sinne auch wirklich tief über die vorliegenden Angelegenheiten nach. Dann stand ein alter Indianer auf und sprach folgendermaßen: „Nach vielen Wintern lag der Adler an den Fällen des endlosen Stromes noch in seinem Ei, als schon meine Hand einen Pawuee erlegt hatte. Was meine Zunge spricht, haben meine Augen gesehen. Bohrecheena ist sehr alt. Die Hügel haben länger auf ihren Plätzen gestanden, als er in seinem Stamme gewesen, und die Strome waren voll und leer, ehe daß er geboren worden; aber wo ist der Sioux, der das außer ihm weiß? Was er sagt, sollen sie hören. Wenn irgend eines seiner Worte zu Boden fällt, werden sie es auflangen und in ihren Ohren behalten. Wenn der Wind irgend eines davon fortbläst, werden meine jungen Männer, die so gewandt sind, es wieder auffangen. Jetzt hört. Seitdem Wasser rann und Bäume wuchsen, haben die Sioux die Pawnee's ans ihrem Kriegspfad gefunden. So wie der Kaguar die Antilope 432 liebt, liebt der Dahcotah seinen Feind. Wenn der Wolf das Hirschkalb findet, bleibt er da liegen nnd schläft? Wenn der Panther das Reh am Qnell sieht, schließt er dann die Augen? Ihr wißt, daß er es nicht thut. Er trinke aber Blut! Ein Sionx ist ein springender Panther, ein Pawnee ist ein zitternder Hirsch. Mögen meine Kinder mich hören. Sie werden meineWorte gut finden. Ich habe gesprochen." Lauter Beifall brach aus den Lippen aller Anhänger Mahtoree's hervor, als sie diesen blutigen Rath ans dem Munde Eines vernahmen, der gewiß zu den ältesten der Nation gehörte. Der eingewurzelten Rachsucht, die einen Hanptzug in ihrem Charakter bildete, wurde durch diese metaphorische Anspielung geschmeichelt, und der Häuptling hoffte ans den glücklichen Ausgang seiner Entwürfe ans der Zahl der Beifälligen, welche sich so laut für den Rath seines Freundes ausgesprochen. Aber an Einstimmigkeit war noch immer nicht zu denken. Eine lange anständige Panse ließ man den Worten des ersten Sprechers folgen, damit ein Jeder gehörig über ihre Weisheit brüten möge, ehe ein anderer Häuptling es übernähme, ihn zu widerlegen. Der zweite Redner, obwohl über die Blüthe seiner Jahre hinaus, war doch weit jünger als sein Vorgänger. Er fühlte wohl, daß ihm dieser Umstand im Wege war, und versuchte mm durch Uebermaaß von Dcmuth, so weit es ging, diesen Uebelstand abznwenden. „Ich bin nur ein Kind," begann er, indem er verstohlen umherblickte, um zu entdecken, wie weit sein durch Klugheit nnd Tapferkeit wohlbegründeter Rnf seiner Anführung widerspreche. „Ich lebte unterWeibern, seit mein Vater ein Mann geworden. Wenn meinHaupt anfängt grau zu werden, so ist das nicht, weil ich alt bin. Etwas von dem Schnee, der darauf gefallen ist, während ich ans meinem Kriegspfade schlief, ist darauf angefroren, und die heiße Sonne in der Nähe der Osage-Dörfer war nicht stark genug, ihn fortznschmelzen." Ein leises Gemurmel deutete die Bewunderung an, welche man der Erwähnung von Diensten zollen mußte, auf die er so schlau 433 anspielte. Der Redner wartete bescheiden, bis die allgemeine Bewegung etwas nachgelassen, und dann fuhr er mit steigender Kraft, und wie heimlich durch ihren Beifall ermuthigt, fort: „Aber die Augen eines jungen Tapfer» sind gut. Er kann sehr weit sehen. Er ist ein Luchs. Blicket auf mich. Ich will mich umwenden, daß ihr mich von beiden Seiten sehen könnt. Jetzt wißt ihr, ich bin euer Freund, denn ihr seht einen Rücken, den ein Pawnee niemals zu sehen bekommen. Jetzt blickt mir in's Gesicht; nicht in diese Narbe; denn dadurch können eure Augen nie in meinen Geist schauen. Sie ist nur eine Höhlung, die ein Konza eindrückte. Aber hier ist eine Qeffnung, vom Wahcondah selbst gemacht, durch die ihr bis in die Seele schaut. Was bin ich? Ein Dahcotah innen und außen. Ihr wißt es. Deßhalb hört mich. Das Blut einer jeden Kreatur in der Prairie ist roth; wer kann den Fleck unterscheiden, wo ein Pawnee erschlagen ward, von dem, wo unsere jungen Leute einen Bison trafen? Er ist von derselben Farbe. Der Herr des Lebens schuf die Einen und die Anderen. Er machte sie einander gleich. Aber wird das Gras grün werden, wo ein bleiches Gesicht erschlagen ist? Meine jungen Leute müssen nicht denken, jenes Volk sei so zahlreich, daß es sich nicht kümmere um einen umgebrachten Krieger. Sie überzählen sie oft, und sagen: wo sind meine Söhne? Wenn sie Einen vermissen, werden sie in die Prairie senden, nach ihm zu sehen. Wenn sie ihn nicht finden können, werden sie ihren Kriegern sagen, sie sollen ihn suchen unter den Sioux. Meine Brüder, die Lang-Messer sind keine Thoren. Es ist ein gewaltiger Zauberarzt ihres Volkes jetzt unter uns; wer kann sagen, wie laut seine Stimme ist, oder wie lang sein Arm?" Hier wurde der Redner, der mit mehr Wärme in seinen Gegenstand einzudringen schien, kurz von dem ungeduldigen Mahtoree unterbrochen, der plötzlich aufstand und mit einer Stimme, in der Die Prairie. W 434 Autorität und Verachtung sich mischte, und die gegen das Ende sehr ironisch tönte, ausrief: „Laßt meine jungen Leute den bösen Geist der bleichen Gesichter in den Rath führen. Mein Bruder soll seinen Beschwörer von Angesicht zu Angesicht schauen!" Eine todtenähnliche, feierliche Stille folgte dieser außerordentlichen Unterbrechung. Sie war nicht allein eine schwere Beleidigung gegen die geheiligten Gebräuche bei den Verhandlungen, sondern der letzte Befehl war offenbare Herausforderung der unbekannten Macht eines jener unbegreiflichen Wesen, die wenige Indianer dazumal ohne die allerheiligste Scheu anblicktcn, und denen sie noch viel weniger zu trotzen wagten. Die Dienenden gehorchten indessen, und Obed ward ans seiner Wohnung heransgelassen, mit aller Cercmonie und in vollem Staate ans seinen Esel gesetzt, was allerdings wohl in spöttischer Absicht geschah, aber nichts desto weniger mit großer Angst ausgerichtet wurde. Als sie in den Kreis traten, warf Mahtoree, der dem Einflüsse des Doktors dadurch, daß er seine Person verächtlich machte, Vorbeugen wollte, sein Auge rings umher, um in den finstern, ihn umgebenden Gesichtern, den Eindruck zu lesen. In der That hatte Natur und Kunst sich vereinigt, ans der Gestalt des Naturforschers ein Wesen zu erschaffen, wie es an jedem Orte ein Gegenstand der Verwunderung geworden wäre. Sein Kopf nämlich war nach der neuesten Sionxmode geschoren worden. Ein stattlicher Haarbüschel, den man ohne Zweifel, auch wenn der Doktor dabei zu Rathe gezogen worden wäre, geschont hätte, mar Alles, was von einem üppigen und zumal in jener Jahreszeit gar nicht unangenehmen Haarwuchs übrig geblieben. Dafür hatte man die Farbe recht dick ans de» nackten Kopf aufgelegt, und in dieser charakteristischen Malerei war man bis um die Angen und den Mund fortgeschritten, wodurch der natürlich scharfe Ausdruck der ersteren eine ganz besondere Art von Schlauheit, der dogmatische 435 Mund aber den Anstrich einer grimmigen Nekromantie gewann. Die oberen Kleider waren ihm abgezogen worden, und statt deren hatte man seinen Leib vor der Kälte genügend dnrch ein phantastisch bemaltes Gewand aus znbereiteten Hirschsellen geschuht. Wie zur Verspottung seines Gewerbes waren verschiedene Kröte», Frösche, Eidechsen, Schmetterlinge n. s. w., alle von ihm sorgfältig zubereitet, um dereinst in seinem Privatkabinet aufgestellt zu werden, an dem übrig gebliebenen Haarbüschel, an seinen Ohren, und wo sonst Theile seiner Person besonders heraustratcn, befestigt worden. Fügen wir noch zu der Wirkung, welche schon dieser seltsame Aufzug machen musste, die Blicke des Zweifels und Entsetzens hinzu, welche seinem Gesichte einen doppelt bitter» Anstrich verliehen und des würdigen Obeds ganzes Mißgeschick verkündeten, als er seine persönliche Würde so verspottet sah, und, was in seinen Angen von weit größerer Wichtigkeit war, sich znm Opfer bei irgend einem heidnischen Gottesdienste bestimmt dachte, so wird der Leser gerne zngeben, daß sein Erscheinen eine Art heiliger Scheu bei einer Bande verursachen musste, welche schon vorher mehr als zur Hälfte geneigt war, ihn als einen mächtigen Agenten des bösen Geistes anzusehen. Weucha führte den Esel gerade in die Mitte des Kreises, und indem er Reiter und Thier zusammenließ (denn die Schenkel des Naturforschers waren dergestalt an dem Esel befestigt, daß beide Geschöpfe wirklich inkorporirt schienen, um eine neue Gattung zu bilde»), eilte er wieder nach seinem Platze, mit einer staunenden Verwunderung auf den Verschwörer blickend, wie sie solchem kriechenden Geschöpfe wohl zukam. Das Erstaunen schien aber gegenseitig zwischen den Zuschauern und dem Helden dieses seltsamen Schauspiels. Während die Tetons mit Scheu und Furcht die geheimnißvollen Attribute des Doktors betrachteten, sah sich dieser nach allen Seiten mit einer Mischung eben derselben außerordentlichen Empfindungen um, unter denen die W* 436 letztere von beiden, die Furcht, indessen den größeren Bestandtheik bildete. Ueberall schienen seine Augen, die gerade damals die ge- heimnißvolle Eigenschaft hatten, Alles zu vergrößern, auf mehreren schwarzen, wilden und ganz besonders verhärteten Gesichtern zugleich zu haften, aus deren keinem ihm ein einziger Blick des Mitgefühls oder Erbarmens entgegcnstrahlte. Endlich fiel sein wandernder Blick auf die ernsten und gesetzten Zuge des Wildstellers, der an dem einen Ende des Kreises stand, mit Hektor zu seinen Füßen, und auf jene Flinte, die man ihm, als einem Freunde, wieder zugestanden hatte. Er sann offenbar über die Begebenheiten, welche aller Wahrscheinlichkeit nach einer Berathnng folgen mußten, die sich durch so seltsame Ceremonien auszeichnete. „Verehrungswürdiger Waidmann, Jäger oder Wildsteller," sagte der ganz trostlose Obed, „wie sehr freut es mich, Euch wieder anzutreffen! Ich fürchte, daß die kostbare, mir zngestandcne Zeit, um eine mächtige Arbeit zu vollenden, sich einem allznfrühen Schluffe nähert, und herzlich gern möchte ich mein Herz gegen Jemand entlasten, welcher, wenn er auch kein Zögling der Wissenschaften ist, doch wenigstens etwas von den Kenntnissen besitzt, welche in civilisirten Ländern beinahe schon das liebe Vieh haben muß. Zweifelsohne werden mancherlei und sehr ernste Nachforschungen nach meinem Schicksal von den gelehrten Gesellschaften der Welt erfolgen, und vielleicht sendet man Expeditionen in diese Gegenden, um alle Zweifel, die über einen so wichtigen Gegenstand sich erheben möchten, zu lösen. Ich schätze mich glücklich, daß Jemand, der unsere Muttersprache redet, gegenwärtig ist, um die Geschichte meines Endes anfznmerken. Er wird aussagen, wie ich nach einem wohlverbrachten und rnhmwürdigen Leben als Märtyrer der Wissenschaft und als Opfer geistiger Finsterniß umgekommen. Da ich besonders ruhig und vom Irdischen abgekehrt in meinen letzten Momenten zu sein hoffe, so würde, wenn Ihr einige wenige Umstände, die Festigkeit und gelehrte Würde betreffend, mit der ich -cm Tode begegnet bin, hinzugefüget, dieß vielleicht künftige Aspiranten zu ähnlicher Ehre anspornen, und sicherlich Niemand beleidigen. Und jetzt, Freund Wildsteller, will ich, der Pflicht eingedenk, die ich der menschlichen Natur schuldig bin, mit der Frage schließen; ob mich denn alle Hoffnung verlassen soll, oder ob wohl noch irgend Mittel existiren, durch welche so schätzbare Nachrichten vor dem Geist der Unwissenheit geschützt und den Annalen der Naturgeschichte aufbewahrt werden können." Der alte Mann horchte aufmerksam auf die melancholische Klage, und überschlug augenscheinlich nach allen Seiten diese wichtige Frage, che er sich zu antworten getraute. „Ich halte dafür, Freund Doktor," erwiederte er zuletzt sehr ernst, daß Leben und Tod in dem Falle, wo Ihr Euch befindet, lediglich von dem Willen der Vorsehung abhängig sind, wie diese sich nun auch in den verfluchten Krümmungen indianischer Schlauheit kund thnn will. Was mich betrifft, so sehe ich eigentlich nicht ab, was dabei zu gewinnen ist, da doch eigentlich Niemand 'was davon hat, Ihr selbst ausgenommen, ob Ihr lebt oder sterbt." „Würdet Ihr den Fall eines Ecksteins aus der Basis des Lehrgebäudes als einen gleichgültigen Gegenstand für Mitwelt und Nachwelt ansehen?" unterbrach ihn heftig der entrüstete Obed. „Außerdem, mein bejahrter Genoß," fügte er tadelnd hinzu, „ist das Interesse, das Jemand an seiner eigenen Existenz hat, keineswegs unbedeutend, wie sehr es auch durch seine Verehrung für allgemeinere und mehr philantropische Gefühle mag verdunkelt werden." „Was ich sagen wollte, ist dieß," hob der Alte abermals an, der weit davon entfernt war, die subtilen Unterscheidungen, mit denen sein gelehrterer Gefährte die Unterhaltung so oft würzte, zu verstehen. „Alle Dinge können nur einmal geboren werden und nur einmal sterben, seien es nun Hunde oder Hirsche, Rothhäute oder Weiße. Beides steht in den Händen des Herrn, indem cs für den Menschen eben so widerrechtlich ist, seine Geburt beschleunigen, 438 als unmöglich, seinen Tod hinausschieben zn wollen. Doch will ich damit nicht sagen, das; Nichts gethan werde» könnte, die letzten Augenblicke — wenigstens auf kurze Zeit — zu verzögern, und deßhalb ist es eine Frage, die Jeder an sein eigen Gewissen zu thun hat, wie weit er darin gehen will, und wie viel er dulden mag, damit er eine Zeit um einige Spannen verlängere, die vielleicht schon zu lange gedauert hat. Mancher rauhe Winter und sengende Sommer ist vergangen, seit ich mich zur Rechten und zur Linken gewandt habe, um eine Stunde dem Leben hinzuzufügen, das schon über achtzig Jahre gedauert hat. Ich bin immer so bereit, auf meinen Namen zu antworten, als der Soldat Abends beim Appell. Wenn Euer Schicksal der Gemüthsstimmnng der Indianer überlassen bleibt, so wird, nach meinem Urtheil, die Politik des großen Sioux sein Volk dahin stimmen, euch Alle zn opfern! auch gebe ich nicht viel auf seine scheinbare Liebe zu mir. Deßhalb ist die Frage recht an der Zeit, ob Ihr zu solch' einer Reise bereit seid? und ob, wenn Ihr bereit seid, dieß nicht eine eben so gute Zeit zum Abreisen ist, als jede andere. Sollte man mich nach meiner Meinung fragen, würde ich sie so weit zn Euren Gunsten ertheilen, daß ich spräche: meines Erachtens sei Euer Leben unschuldig genug, was nämlich Uebelthaten betrifft, die Ihr könntet begangen haben, obgleich die Wahrheit mich zugleich antreibe» würde, hinzuzusetzen, daß Alles zusammcngenommen, was Ihr auf die Rechnung Eurer Handlungen setzen konntet, kaum des Namens werth sei, bei der großen Abrechnung." Obed blickte kläglich ans das ruhige, philosophische Gesicht des Andern, indem dieser ihm einen so entmuthigenden Bericht über seine Lage mitthcilte. Er räusperte sich, um die entsetzliche Betroffenheit zu verbergen, die alle seine Kräfte gelähmt hatte, und doch verlängnete er dabei nicht jenen Stolz, welcher selten die arme menschliche Natur, selbst in ihren größten Nöthen, verläßt. „Ich meine, verehrungswürdiger Jäger," crwiederte er, „wenn 439 wir jene Frage in allen ihren verschiedenen Bedentungen auffaffen, und annehmen, daß Eure Theorie richtig ist, so würde der Schluß der richtigste sein, daß ich zu einer so hastigen Abreise nicht vorbereitet bin, und daß man folglich zu Maßregeln der Vorsicht greifen müßte." „Nun wohl," erwiederte nachdenklich der Wildsteller, „ich will für Euch handeln, wie ich für mich selbst thun würde. Doch da die Zeit mit Euch schon bergab rennt, möchte ich Euch rathen, schnell zuzusehen, denn es könnte geschehen, daß Euer Name in einem Augenblick gerufen würde, wo Ihr nicht besser auf die Antwort vorbereitet wäret als jetzt." Mit diesem freundlichen Winke zog sich der alte Mann wieder in den Kreis, wo er über das nachdachte, was ihm jetzt zu thun obliege, und in seinem Wesen zeigte sich die seltsame Mischung zwischen Entschlossenheit und Ergebung, die beide ihren Grund in seiner Lebensart und Demuth hatten, und in ihrer Verbindung einen Charakter bildeten, in welchem außerordentliche Energie und die nachgiebigste Unterwerfung unter den Willen der Vorsehung sich wunderbar genug zusammen vertrugen. Achtundzwanzigstes Kapitel. Die Hei' in Smiethfield soll zu Asche brennen. Und ihr drei Andern sollt am Galgen baumeln. Shakespeare. Die Sioux hatten den Ausgang des vorigen Gesprächs mit lobcnswerther Geduld angehört. Die meisten in der Bande wurden durch die geheime Ehrfurcht, mit welcher sie Obeds mysteriösen Charakter betrachteten, znrückgehalten, während einige einsichtsvollere Häuptlinge gern die Gelegenheit benutzten, ihre Gedanken zu dem Redekampf im Voraus zu ordnen, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, jetzt anheben mußte. Mahtoree, von keinem dieser MO Gefühle bewegt, war zufrieden, dem Wildsteller zu zeigen, wie viel er ihm zu Gefallen thue, und als der alte Mann in dem Gespräch inne hielt, warf ihm der Häuptling einen Blick zu, der ihn an die Geduld erinnern sollte, mit welcher er seinen Bewegungen zugesehen. Eine tiefe Todtenstille folgte der kurzen Unterbrechung. Dann stand Mahtvree auf, augenscheinlich zum Sprechen vorbereitet. Indem er zuerst eine würdige Stellung einnahm, warf er einen festen und strengen Blick auf die ganze Versammlung. Der Ausdruck seines Auges blieb jedoch nicht derselbe, als er die verschiedenen Geslchtszüge seiner Anhänger und seiner Gegner musterte. Obgleich immer ernst, drohte sein Blick den Ersteren doch nicht, wogegen er den Letzteren alle Gefahr anzudeuten schien, welche sie nothwendig liefen, wenn sie es wagten, der Rache eines so mächtigen Mannes zu trotzen. Doch auch mitten unter dipsem Stolz und dieser Zuversicht verließen Scharfsinn und Schlauheit den Teton nicht. Als er auf diese Weise, so zu sagen, seinen Handschuh dem ganzen Stamme zugeworfen, und genugsam seinen Anspruch auf die Oberherrschaft zu erkennen gegeben hatte, wurde seine Miene sanfter und sein Blick weniger furchtbar. Jetzt erhob er seine Stimme mitten in der todtenähnlichen Stille, indem er, so wie es die in seiner Rede gebrauchten Bilder mit sich brachten, die Stimme sinken ließ oder erhob. „Was ist ein Sioux?" begann der Häuptling mit Schlauheit. „Er ist der Herrscher in den Prairien und der Herr ihres Wildes. Die Fische in dem ,Strome der getrübten Wellen' kennen ihn, und kommen auf seinen Ruf. Er ist ein Fuchs im Rathe, ein Adler im Gesicht, ein grimmiger Bär im Streit. Ein Dahcotah ist ein Mann!" Nachdem er gewartet, bis das leise Beifallsgemnrmel, welches diesem schmeichelhaften Bilde seiner Nation folgte, sich gelegt fuhr der Teton fort: „Was ist ein Pawnee? Ein Dieb, der nur Weiber bestiehlt; eine Rothhaut, die nicht tapfer ist; ein Jäger, der um Wildpret bettelt. Im Rath ist er eine Eichkahe, von einem Ort zum andern hüpfend; er ist eine Eule, die bei Nachtzeit in die Haiden schleicht; im Kampf ist er ein Elennthier, dessen Schenkel flüchtig sind. Ein Pawnee ist ein Weib." Es folgte wiederum eine Panse, während welcher ein Jnbcl- geschrei ans vielen Lippen heransbrach, und man forderte, die beleidigenden Worte sollten dem unglücklichen Gegenstände ihrer bittern Verachtung überseht werden. Der alte Mann gehorchte dem Winke, welchen ihm Mahtvree deßhalb gegeben. Ernst horchte Hart-Herz auf, und richtete dann wieder, als erinnere er sich, daß für ihn die Zeit zum Reden noch nicht gekommen sei, den Blick hinaus in die freie Luft. Der Redner bewachte sein Antlitz mit einem Ausdruck, der zur Genüge bewies, welchen unauslöschlichen Haß er gegen den einzigen Häuptling nah und fern hege, dessen Ruhm mit seinem eigenen zu dessen Nachtheil könnte gemessen werden. Obgleich er sich darin getäuscht sah, daß er den Stolz Jemandes, den er kaum für wichtiger als einen Knaben hielt, nicht gedemüthigt hatte, so fuhr er doch in dem Geschäft, welches er als weit wichtiger betrachtete, fort, nämlich die Gemüther der Männer seines eigenen Stammes aufzureizen, damit sie bereit wären, sein wildes Vorhaben dnrchzusetzen. „Wenn die Erde mit Ratten bedeckt wäre, die zu Nichts gut sind," sagte er, „so wäre kein Raum für die Büffel, die doch dem Indianer Nahrung und Kleidung liefern. Wären die Prairien mit Pawnce's bedeckt, so gäbe es keinen Raum für den Fuß eines Dahcotah. Ein Loup ist eine Ratte, ein Sioux aber ein starker Büffel; laßt nun die Büffel auf die Ratten treten und sich selbst Platz verschaffen." „Meine Brüder," fuhr er fort, „ein kleines Kind hat zu euch gesprochen. Es sagt euch — sein Haar ist nicht grau, sondern gefroren — daß kein Gras wachse, wo ein Bleich-Gesicht -442 gestorben. Kennt er die Farbe des Blutes eines Lang-Meffers? Nein! Ich weiß, er kennt sie nicht; er hat es nie gesehen. Wel« eher Dahcotah, bis ans Mahtoree, erschlug je ein Bleich-Gesicht? Keiner. Aber Mahtoree muß schweigen. Jeder Teton wurde seine Ohren schließen, wenn er spräche. Die Hirnhäute über seiner Wohnung wurden von Weibern genommen. Sie wurden von Mahtoree genommen, und er ist ein Weib. Sein Mund ist geschloffen; er wartet ans die Feste, um unter den Mädchen zu singen!" Trotz aller Aufregungen des Unwillens und der Empörung, die auf eine so selbsterniedrigende Erklärung folgten, nahm der Häuptling doch seinen Sitz ein, um nicht mehr zu sprechen. Aber als das Gemurmel lauter und allgemeiner wurde, und drohende Anzeichen verriethen, daß die Rathsversammlung sich in völliger Verwirrung auflösen würde, stand er wieder auf, und begann abermals, indem jedoch sein Ton wild und stürmisch wurde, wie bei einem Krieger, der nach Rache dürstet. „Laßt doch meine jungen Leute nach Tetao suchen," rief er, „sie werden seine Hirnhaut finden, trocknend im Rauche der Paw- nee's. Wo ist Bohrecheena's Sohn? Seine Gebeine sind weißer als die Gesichter seiner Mörder. Schläft Mahhah in seiner Wohnung? Ihr wißt, manche Monden sind vergangen, seit er hinauszog in die Prairien. Wäre er doch hier, um zu sagen, von welcher Farbe die Hand war, die seinen Skalp nahm!" So fuhr der arglistige Häuptling mehrere Minuten fort, indem er die Krieger bei Namen nannte, von denen es bekannt war, daß sie den Tod im Kampf mit den Pawnee's gesunden, oder in einer jener gesetzlosen Fehden, welche so oft zwischen den Siouxbanden und einer Klasse von Weißen stattfanden, die, was die Civilisation betrifft, nur wenig über ihnen stand. Zeit war nicht, um über Verdienst, oder besser Nichtverdienst, aller der Einzelnen, auf welche er anspielte, nachzusinnen, denn er rannte zu schnell über die Namen hinweg, aber er wußte so schlau Alles abzupassen, ^3 und so mächtig, unterstützt von seiner metallreichen, tonenden Stimme, zu klagen und anznfener», daß er jedesmal ans einen Wiederhall in der Brust eines seiner Zuhörer stieß. Er war mitten in einer seiner feurigsten Redeffoskeln, als ein Mann, so alt, daß er kaum mit der größten Muhe ging, in den Mittelpunkt des Kreises trat, und sich dicht vor den Sprecher hin- stcllte. Ein sehr geschärftes Ohr hätte wohl entdecken können, daß die Töne des Redners ein wenig schwanken, als sein irrender Blick zuerst ans diesen unerwarteten Gegenstand fiel, obgleich dieß so unbedeutend war, daß nur, wer die Parteien ganz kannte, die Bewegung gewahr werden konnte. Der Fremde hatte sich einst durch seine Schönheit und Gestalt eben so ausgezeichnet, als sein Adlerauge durch einen unwiderstehlichen und schrecklichen Glanz. Jetzt aber war seine Haut gerunzelt, und sei» Gesicht so mit Narben gefurcht, daß er vor ungefähr einem halben Jahrhundert deßhalb von den Franzosen in den Canada's einen Namen erhalten, der schon von manchem ausgezeichneten französischen Helden geführt wurde, und welcher nun auch in die Sprache der wilde» Horde, von der wir schreiben, übergegangen war, als der ansdruckvollste für die Thaten ihres eigenen Helden. Das Gemurmel: Le Ba- lafrv, welches durch die Versammlung, als er anftrat, umhcrging, kündigte nicht allein seinen Namen an und die hohe Achtung, welche man für seinen Charakter hegte, sondern auch für wie bedeutungsvoll man sein Erscheinen ansehe. Als er weder sprach, noch sich bewegte, beruhigte man sich indessen bald wieder, und jedes Auge war von Neuem auf den Sprecher gerichtet, und jedes Ohr trank noch einmal von dem süßen Rausch, den seine gewaltigen Bilder und Töne erregten. Es wäre leicht gewesen, Mahtoree's Triumph im Wiederstrahl der Gesichter seiner Zuhörer zu verfolgen. Bald sah man überall wilde, rachedürstende Blicke ans dem grimmigen Antlitz der meisten Krieger, und so oft er abermals voll Kraft auf die Klugheit 444 der Seinen, ihre Feinde zu vertilgen, anspielte, folgte ein neues Jnbelgeschrei der Zustimmung. Als sein Triumph den höchsten Gipfel erreicht hatte, schloß der Teton plötzlich, indem er noch einmal den Stolz und den Mnth seines Vaterlandes aufrief, und »ahm dann schnell wieder seinen Sitz ein. Mitten unter dem rauschenden Beifall, welcher nothwendig einer solchen außerordentlichen Anstrengung der Beredsamkeit folgen mußte, wurde eine leise, schwache und hohle Stimme vernehmbar, als rolle sie hervor ans den innersten Höhlungen der menschlichen Brust, und sammle erst Kraft und Stärke, sobald sie an die Luft kam. Eine feierliche Stille folgte den Tönen, und dann erst sah man die Lippen des alten Mannes sich bewegen. „Le Balafrö's Tag ist seinem Ende nahe," waren die ersten Worte, welche man verständlich hörte. „Er ist wie der Büffel, an dem das Haar nicht mehr wachsen will. Bald wird er bereit sein, die alte Wohnung zu verlassen; um eine andere zu suchen, die weit entfernt liegt von den Wohnungen der Sioux. Was er daher zu sprechen hat, betrifft nicht ihn, sondern die, so er hinter sich zurückläßt. Seine Worte sind wie die Früchte am Baume, reif und fertig, daß man sie den Häuptlingen geben kann. „Mancher Schnee ist gefallen, seit Le Balafrö ans dem Kriegs- pfad gefunden wurde. Sein Blut ist sehr heiß gewesen, aber es hat Zeit gehabt, sich abznkühlen. Der Wahcondah gibt ihm nicht länger Kriegsträumc; er sieht, daß es besser ist, in Frieden zu leben. „Meine Brüder, ein Fuß steht schon auf den glücklichen Jägertriften, der andere wird bald folgen, und dann wird ein alter Häuptling ausschanen nach den Tritten von seines Vaters Moka- sins, daß er nicht irre gehen möge, sondern gewiß sei, vor den Herrn des Lebens zu kommen ans demselben Pfade, den schon so manche gute Indianer gereist sind. Aber wer wird folgen? Le Balafre hat keinen Sohn. Sein ältester ist nach manchen Pawnee- ^5 Pferden ausgeritten; die Gebeine des jüngsten sind von Konza- Hunden benagt! Le Balafro ist gekommen, nach einem jungen Arm sich umzusehen, auf den er sich stutzen könne, und einen Sohn zu finden, damit, wenn er fvrtgegangen, seine Wohnung nicht leer stehe. Tachechana, die hüpfende Hindin der Tetons, ist zu schwach, einen Krieger zu stützen, der alt ist. Sie blickt vor sich, nicht hinter sich. Ihr Geist ist in der Wohnung ihres Gatten." Der Vortrag des alten Kriegers war ruhig, aber klar und entschieden gewesen. Schweigend war seine Erklärung ausgenommen worden, und obgleich verschiedene Häuptlinge, die mitMahtoree einverstanden waren, auf diesen ihre Blicke richteten, maßte sich doch Niemand an, einem so alten und ehrwürdigen Helden in einem Entschluß Widerstand zu leisten, der den Gebräuchen der Nation völlig gemäß war. Mahtoree selbst war ganz zufrieden, den Beschluß mit anscheinender Rnhe abzuwarten, obgleich wilde Blicke, die zuweilen aus seinem Auge schossen, die Natur der Gefühle ver- riethen, mit denen er einem Verfahren zusah, das ihm aller Wahrscheinlichkeit nach das gehaßteste seiner Opfer entreißen konnte. Mittlerweile bewegte sich Le Balafro langsam mühsamen Schrittes zu den Gefangenen. Vor Hart-Herz hielt er still, dessen fehlerlose Gestalt, dessen festes Auge und kühne Miene er lange mit hoher und offenkundiger Zufriedenheit betrachtete. Nun machte er eine gebietende Bewegung, und wartete, bis sein Befehl ansgeführt, und der junge Mann durch einen Schnitt mit dem Messer von dem Pfosten und seinen Banden losgemacht war. Als der junge Krieger näher vor sein erblindendes Auge geführt wurde, begann die Prüfung von Neuem mit der größten Genauigkeit und einer Bewunderung, welche physische Vollkommenheit in der Brust eines Wilden niemals zn erregen verfehlt. „Es ist gut," murmelte der bedächtige Alte, als er bei aller Vorsicht keinen Fehl an dem Krieger entdecken konnte. „Das ist ein springender Panther! Spricht mein Sohn die Sprache der Tetons?" Es leuchtete ans den Angcn des Gefangenen, wie gnt er die Sprache verstand; aber er war viel zn stolz, seine Gedanken vermittelst einer Sprache anszudrücken, die einem feindlichen Volke zngehörte. Einige der umstehenden Krieger erklärten dem alten Häuptling, daß der Gefangene ein Pawnee-Lonp sei. „Mein Sohn öffnete seine Angcn an den Gewässern der Wölfe," sagte Le Balafrö in der Sprache dieser Nation, „aber er wird sie wieder schließen an den Krümmungen des Flusses ,mit der unruhigen Strömung*. Er war als Pawnce geboren, aber er wird sterben als Dahcotah. Blicke auf mich! Ich war ein reich- belaubter wilder Feigenbaum, und bedeckte einst Viele mit meinem Schatten. Das Laub ist abgefallen und die Zweige senken sich. Aber nur eine einzige Sprosse springt hervor ans meinen Wurzeln; eine einzige kleine Rebe; sie muß sich um einen Baum winden, der grün ist. Lange sah ich mich nach einem solchen um, der neben mir wachsen möchte. Jetzt habe ich ihn gefunden. Le Ba- lafrv ist nicht länger ohne einen Sohn; sein Name wird nicht vergessen sein, wenn er dahingegangen! Männer der Tetons, ich nehme diesen Jüngling in meine Wohnung." Niemand war kühn genug, ein Recht zu bestreiten, das schon so oft von Kriegern ausgeübt war, welche ihrem Range nach weit unter dem gegenwärtigen Sprecher standen; und mit einem ernsten, ehrerbietigen Schweigen horchte man auf die Adoption. Le Balafrö nahm seinen erwählten Sohn beim Arm, und indem er ihn in die Mitte des Kreises führte, trat er mit trinmphirender Miene ab, damit die Zuschauer seine Wahl billigen möchten. Mahtoree verrieth nichts von dem, was er beabsichtigte, sondern schien vielmehr den günstigen Augenblick abwarten zn wollen, wo seine Klugheit besser ihre Kräfte entwickeln könne. Die erfahreneren und scharfsichtigeren Häuptlinge sahen wohl voraus, wie es 447 durchaus unmöglich sei, daß zwei so berühmte Kampfhelden, die so lange, um den Ruhm kämpfend, sich feindlich einander gegenübergestanden, wie ihr Gefangener und ihr angeborener Führer, friedlich in demselben Stamme ausdanern sollten. Doch war Le Balafrö's Charakter noch immer so Ehrfurcht einffvßend, und das Herkommen, worauf er sich berufen, so geheiligt, daß Niemand auch nur seine Stimme gegen diese Maßregel zu erheben wagte. Sie warteten ans den Ansgang mit steigendem Interesse, aber im Aeußern mit einer Kälte, welche ihre innere Unruhe verbergen sollte. Ans.diesem Zustande der Verwickelung und, wie man sich auch denken mag, einiger Spaltung, wurde der Stamm durch den entscheidenden Entschluß eines der beim glücklichen Ausgang der Pläne des alten Häuptlings am allermeisten Betheiligten ganz unerwartet gerissen. Während des ganzen vorhergehenden Auftrittes würde es schwer gehalten haben, auch nur ans eine innere Bewegung des Gefangenen ans seinen Zügen zu schließen. Die Erklärung seiner Freiheit hatte er mit derselben Gleichgültigkeit als den Befehl an- gchvrt, ihn an den Pfahl zu binden. Jetzt aber, wo der Moment erschienen war, wo er seine Wahl erklären sollte, sprach er dergestalt, daß er bewies, die Tapferkeit, welche ihm einen so ausgezeichneten Namen erworben, habe ihn in keiner Art verlassen. „Mein Vater ist sehr alt, aber Alles hat er noch nicht gesehen," sprach Hart-Herz mit so deutlicher Stimme, daß Alle umher es hören mußten. „Er sah noch nie einen Büffel sich in eine Fledermaus verwandeln. Nie wird er sehen, daß ein Pawnee ein Sioux wird!" Er sprach dieß zugleich mit einer Schnelle und Ruhe ans, welche die meisten Zuhörer sogleich davon überzeugte, daß sein Entschluß unveränderlich fest stehe. Le Balafre's Herz schlug indessen ganz für den Jüngling, und so leicht ließ sich die einmal erzeugte Zuneigung des Alten nicht wieder zurückweisen. Er 4 musterte mit tadelndem Blicke die Versammlung, welche zugleich in laute Bewunderung über die Kühnheit des Pawnee's ausbrach, und sich auf's Neue der Hoffnung überließ, Rache an ihm zu nehmen: hierauf redete er abermals sein angenommenes Kind an, als könne er von seinem Vorschläge nicht abstehen. „Es ist gut," sagte er: „das sind die Worte, die ein Tapferer brauchen soll, damit die Krieger sein Herz sehen können. Es gab einmal einen Tag, wo Le Balafrü's Stimme am lautesten erscholl unter den Wohnungen der Konza's. Aber die Wurzel des weißen Haares ist Weisheit. Mein Sohn wird den Tetons zeigen, daß er tapfer ist, indem er ihre Feinde schlagt. Männer der Dahco- tahs, dieß ist mein Sohn!" Der Pawnee zauderte einen Augenblick; dann, gerade vor den Häuptling hintretend, ergriff er seine harte und runzlige Hand, und legte sie mit Ehrfurcht ans sein Haupt, als wolle er dadurch seine ganze Verpflichtung andenten. Dann aber, einen Schritt znrücktretend, erhob er seine Gestalt wieder zu ihrer größten Höhe, und blickte ans die ihn umgebende feindliche Bande mit kühner, verächtlicher Miene, indem er dabei laut in der Sprache der Sioux redete: „Hart-Herz hat auf sich geblickt von innen und außen. Er hat an Alles gedacht, was er ans den Jagden und in den Kriegen gethan. Ueberall ist er derselbe. Da ist kein Wechsel. Er ist in Allem ein Pawnee. Er hat so manche Tetons erschlagen, daß er nie in ihren Wohnungen essen könnte. Seine Pfeile würden rückwärts fliegen; die Spihe seiner Lanze würde ans dem falschen Ende haften; ihre Freunde würden weinen, so oft er sein Kriegsgeschrei erhöbe; ihre Feinde würden lachen. Kennen die Tetons einen Loup! Nun, so mögen sie auf ihn blicken! Sein Haupt ist gemalt, sein Arm ist Fleisch, aber sein Herz ist Fels. Nur alsdann, wenn die Tetons die Sonne sehen werden von den Rock»- Monntains Herkommen und hinüberziehen nach dem Lande der 449 Bleich-Gesichter, nur dann wird Hart-Herz weich werden und sein Geist ein Sioux; bis dahin wird er leben und sterben als ein Pawnee." Ein Jnbelgeschrei, in welchem Bewunderung und Wildheit schrecklich gemischt waren, unterbrach den Sprecher, und deutete nur zu klar das auf ihn wartende Schicksal an. Der Gefangene schwieg einen Augenblick, bis die Bewegung sich gelegt hatte: dann wieder zu Le Balafrü gewandt, fuhr er fort, und zwar in weit sanfteren und freundlicheren Tönen, als fühle er die Schicklichkeit, seine abschlägige Antwort etwas zu versüßen, und nicht den Stolz eines Mannes, der so gern sein Wohlthiiter geworden wäre, zu verwunden. „Möge mein Vater sich stärker lehnen auf die Hindin der Dahcotahs," sprach er. „Jetzt ist sie schwach, aber sobald ihre Wohnung mit Jungen sich füllt, wird sie stärker werden. Sieh'," setzte er hinzu, indem er dem Andern das ernste Gesicht des aufmerksamen Wildstellers zeigte: „Hart-Herz ist nicht ohne ein graues Haupt, ihm den Pfad in die seligen Prairien zu weisen. Wenn er je einen andern Vater hat, so muß es jener gerechte Krieger sein." Getäuscht wandte sich Le Balafro von dem Jünglinge ab, und nahte sich dem Fremden, welcher ihm in seinem Vorhaben zuvorgekommen war. Die gegenseitige Prüfung zwischen diesen beiden alten Leuten währte lange, und war seltsamer Art. Es war nicht leicht, den wirklichen Charakter des Wildstellers durch die Maske heraus zu entdecken, welche die Strapazen so vieler Jahre über seine Züge gebreitet, besonders wenn man seinen wilden und auffallenden Aufzug hinzunahm. Einige Momente verstrichen, ehe der Teton sprach, »nd dann, als er sprach, war es zweifelhaft, ob er sich selbst anrede, oder einen Wanderer jenes Geschlechts, welches sich, wie er gehört, gleich hungrigen Heuschrecke» über das Land ansbreitete. „Das Haupt meines Bruders ist sehr weiß," sagte er, „aber Die Prairie. 29 Le Balafrö's Auge ist nicht mehr wie das des Adlers. Von welcher Farbe ist seine Haut?" „Der Wahcondah schuf mich Jenen gleich, die Ihr warten sehet ans ein Dahcotahurtheil. Aber die gute und böse Zeit hat mich dunkler gefärbt, als die Haut eines Fuchses. Was macht das aus! Ist auch die Rinde verwittert und gespalten, das Herz des Baumes ist gesund!" „Mein Bruder ist ein Lang-Messer! Blicke er ans die nnter- gehende Sonne, und öffne er seine Augen. Sieht er die salzige Sec jenseits der Berge?" „Es war eine Zeit, Tcton, wo Wenige das Weiß an des Adlers Kopf weiter als ich sehen-konnten, aber der Schnee von siebenundachtzig Wintern hat meine Augen trübe gemacht, und ich kann mich wenig in meinen letzten Tagen meines Gesichtes rühmen; denkt der Sioux, das Bleich-Gesicht sei ein Gott, daß er durch Berge schaue!" „So möge mein Bruder ans mich sehen. Ich bin ihm nahe, und er kann sehen, daß ich nur ein thörichter Rothmann bin. Weßhalb kann sein Volk nicht Alles sehen, da es doch Alles verlangt?" „Ich verstehe Euch, Häuptling, auck will ich Euren Worten nicht widersprechen, da ich sehe, daß sie allzusehr in der Wahrheit begründet sind. Doch obgleich ich in dem Stamm geboren bin, den Ihr so wenig liebt, möchte doch selbst mein ärgster Feind, ja nicht einmal ein lügenhafter Mingv, zu behaupten wagen, daß ich je meine Hand an fremdes Gut gelegt, ausgenommen solches, was in ehrlicher und offener Fehde genommen wurde, oder jemals mehr Grund und Boden eingenommen, als der Herr für Jedermann bestimmt hat." „Und doch ist mein Bruder unter die Rothhäute gekommen, um einen Sohn zu finden?" Der Wildsteller legte einen Finger auf Le Balafrö's nackte 451 Schulter, und blickte zutraulich in sein narbenvolles Gesicht, als er antwortete: „Ja, aber es geschah nur, um dem Jungen Gutes zu thun. Wenn Ihr, Dahcotah, denkt, daß ich den Jüngling an Kindes Statt annahm, um mein Alter zu stützen, so seid Ihr eben so ungerecht gegen meinen guten Willen, als Ihr wenig von dem erbarmungslosen Vorsatz Eures eigenen Volkes zu wissen scheint. Ich habe ihn zu meinem Sohn gemacht, damit er wisse, daß Einer hinter ihm zurückbleibe_Still, Hektar, still! Ist das anständig, Hund, wenn Granköpfe Rath pflegen, ihr Gespräch zu unterbrechen mit hündischem Gewinsel! Der Hund ist alt, Teton, und ob er gleich weiß, was Respekt heißt, so fängt er doch an, mein' ich, etwas von der Zucht der Jugend zu verlernen." Das weitere Gespräch zwischen diesen Veteranen wurde durch ein gellendes Geschrei unterbrochen, welches in dem Augenblicke den Lippen von eben den zwölf verwelkten alten Weibern entströmte, die, wie bereits gemeldet, sich vorn in dem Kreise Allen sichtbar einen Platz ertrotzt hatten. Dieses Geschrei wurde durch einen plötzlichen Wechsel in Hart-Herz's Miene verursacht. Denn als beide Alten sich nach dem Jüngling nmblickten, sahen sie ihn in der Mitte des Kreises stehen, das Haupt aufgerichtet, mit dem Auge in's leere Blanc hinstarrend, ein Bein vorwärts und einen Arm ein wenig aufgehoben, als brauche er alle seine Kräfte zum Horchen. Ein Lächeln zuckte für den Augenblick über seine Züge, dann aber versank der junge Mann wieder in seine frühere Würde und Ruhe, als habe er sich schnell besonnen, daß es hier Selbstbeherrschung gelte. Hierbei drückte er aber solche Verachtung aus, daß selbst die Häuptlinge sich gereizt fühlten. Unfähig ihre Wnth zu halten, brachen die Weiber alle zugleich in den Kreis, und begannen damit ihren Angriff, daß sie den Gefangenen mit den bittersten Schmähungen überhäuften. Sie rühmten sich aller der Unternehmungen, in welchen ihre Söhne znm Schaden der verschiedenen Pawneestämme 29 "" 452 sich hervorgethan. Sie schmähten seinen eigenen Rnf, nnd sagten ihm, er solle ans Mahtoree blicken, wenn er noch keinen Krieger gesehen. Sie beschnldigten ihn, er sei anfgesängt von einem Rehkalbe, und habe Feigheit mit der Muttermilch eingesogen. Kurz, sie übergoffen ihren felsenfesten Gefangenen mit einem Strome rachsüchtiger Schmähreden, in denen die Frauen der Wilden bekanntlich so viel leisten können, die aber schon allzu oft beschrieben sind, als daß es hier einer Wiederholung bedürfte. Die Wirkung dieses Ausbruchs war nicht zn vermeiden. Getäuscht wandte sich Le Balafrä ab, und verbarg sich unter die Menge, indessen der Wildsteller, dessen Gesichtszüge mit der innern Bewegung kämpften, sich näher an seinen jungen Freund machte, wie man ja oft die Freunde eines Verbrechers, welche durch so enge Bande an ihn geknüpft sind, daß die Meinung der Menschen dagegen kein Gewicht hat, dicht um den Platz seiner Hinrichtung stehen fleht, ihn in seinen letzten Augenblicken zn trösten. Bald regte es sich auch unter den Kriegern zweiter Ordnung, obgleich sich die Häuptlinge noch immer enthielten, das Signal zn geben, welche das Opfer ihrer Wuth übergab. Mahtoree, der »nr diese Bewegung unter seinen Kriegsgenoffen, in der klugen Absicht, seinen eigenen eifersüchtigen Haß darunter zn verbergen, abgewartet hatte, wurde bald des Aufschubs überdrüssig, und ein Blick von ihm munterte die Quäler auf, an ihr Werk zn gehen. Weucha, welcher, erpicht auf diese Erlaubnis;, schon lange unverwandt auf den Häuptling gesehen, sprang auf das Zeichen vor, wie ein losgekoppelter Bluthund. Indem er mitten unter die alten Weiber fuhr, die schon von Schimpfreden zn Thätlichkeiten übergingen, tadelte er ihre Ungeduld, und hieß sie warten, bis ein Krieger das Quälen begonnen, und dann sollten sie ihr Opfer Thränen vergießen sehen, wie nur ein Weib. Der bcrzlose Wilde fing seine Arbeit damit an, daß er den Tomahawk über das Haupt des Gefangenen schwang, daß Alle 453 glauben mußten, der erste Streich werde die ganze Waffe im Fleisch begraben, indessen sie doch so geschickt regiert wurde, daß sie nicht die Haut berührte. Gegen diesen herkömmlichen Kunstgriff war Hart-Herz völlig gleichgültig. Sei» Auge starrte unverwandt und fest in die Luft, obgleich die flimmernde Axt in ihren Schwingungen einen Hellen Lichtstrahl vor seinem Gesicht beschrieb. Jetzt machte der schlaue Wilde einen zweiten Versuch. Er legte die kalte Schärfe ans das bloße Haupt seines Opfers, und fing an, die verschiedenen Arten und Weisen zu beschreiben, wie ein Gefangener geschunden werden könne. Die Weiber begleiteten höhnend seine Grausamkeiten, und versuchten ans den unbeweglichen Gesichtszügen des Pawnee's doch irgend einen Ansdruck der Natur hervor zu suchen. Aber augenscheinlich sparte er sich für die Häuptlinge und die Momente der letzten Angst ans, wo die Kühnheit seines Geistes sich ans eine, seinem hohen unbefleckten Rufe mehr zuträgliche Weise darthun könne. Die Angen des Wildstellers folgten jeder Bewegung des Tomahawks, als wäre er des Pawnee's achter Vater, bis er zuletzt, unfähig seiner Entrüstung länger zu gebieten, ansrief: „Mein Sohn hat seine Klugheit vergessen. Dieß ist ein niedrig gesinnter Indianer, der leicht zu einer Thorhcit gebracht werden kann. Ich kann es nicht selbst thnn, denn meine Glaubenslehre verbietet, daß ein sterbender Krieger seine Verfolger schmähe, aber mit einer Rothhant ist dieß anders. Möge doch der Pawnee bittere Worte sprechen, und damit einen leichten Tod erkaufen. Ich will für den Erfolg stehen, vorausgesetzt, daß er gleich spricht, che die ernsten Männer ihre Weisheit brauchen, um die Narrheit dieses Thoren zu hemmen." Der wilde Sioux, welcher diese Worte hörte, ohne ihren Sinn zu verstehen, wandte sich gegen den Sprecher, und drohte ihm augenblicklichen Tod für seine Frechheit. „Frisch darauf, wie du willst!" sagte der alte Mann, ohne zu zucken. „Ich bin jetzt so bereit, wie ich's morgen sein werde. Obgleich es wohl eigentlich ei» Tod ist, den ein ehrlicher Mann nicht zu sterben wünscht. Sich' ans den edlen Pawnee, Teton, und sieh', was aus einer Rothhaut werden mag, die den Herr» des Lebens furchtet und seinen Gesetzen folgt. Wie Viele eures Volkes hat er iik die fernen Prairien gesandt," fuhr er fort in einer Art frommen Betruges, indem er dachte, daß, während die Gefahr ihm selbst drohe, wohl keine Sünde dabei sei, die Verdienste eines Andern zu erheben. „So manchen heulenden Sioux hat er erschlagen, wie ein Krieger im offenen Felde, während Pfeile in der Lust schnellte», dichter als die Flocken des fallenden Schnee's. Geh'! Darf Weucha den Namen eines Feindes aussprechen, den er noch nie getroffen?" „Hart-Herz!" schrie der Sioux, indem er wüthend sich nm- drehte, und zu einem Todesschlag auf das Haupt seines Opfers ausholte. Sein Arm fiel aber i» die Höhlung der Hand des Gefangenen. Einen Augenblick standen Beide wie verzückt in dieser Stellung, Weucha, durch den unerwarteten Widerstand gelähmt, der Pawnee, den Kopf senkend, um nicht den Tod zn finden, und doch dabei auf's Gespannteste Achtung gebend. Die Weiber kreischten im Triumph, denn sie glaubten, die Kraft des Gefangenen habe ihn endlich verlassen. Der Wildsteller zitterte für die Ehre seines Freundes, und Hektor, wie bewußt dessen, was vorging, streckte die Nase auf in die Luft, und heulte kläglich. Aber der Pawnee zauderte nur für einen Augenblick. Die andere Hand erhebend, ergriff er wie ein Blitz den Tomahawk, schwang ihn in die Luft, und Weucha sank nieder, den Kopf bis über die Stirn gespalten. Dann mit der blutigen Waffe sich einen Weg hauend, schoß er durch die von den erschreckten Weibern gelassene Oeffnung hindurch, und schien mit einem Satz den Abhang hinunter zu springen. Wäre ein Donnerkeil vom Himmel herab in die Tetonbande ^55 geschossen, es wurde keine größere Verwirrung verursacht haben, als diese Handlung verzweiflnngsvoller Kühnheit. Ein gellendes Klagegeschrei brach von den Lippen aller Weiber, und es war ein Augenblick, wo selbst die ältesten Krieger ihre Besinnung verloren zu haben schienen. Dieses stumme Erstaunen dauerte jedoch unreinen Augenblick. Ein Geschrei der Nachsucht folgte darauf aus hundert Kehlen, während eben so viele Krieger dabei vorsprangen, zur blutigsten Vergeltung entschlossen. Aber ein mächtiger und gebietender Ruf aus Mahtoree's Munde hielt sie zurück. Der Häuptling, in dessen Antlitz Täuschung und Wuth mit dem Verlangen, gefaßt zu erscheinen, stritten, streckte einen Arm gegen den Fluß ans, und das ganze Geheimniß war erklärt. Hart-Herz hatte fast schon die Hälfte des Grundes erreicht, der zwischen dem Abhang und dem Wasser lag. In demselben Augenblicke kam eine Bande bewaffneter und berittener Pawnee's hinter einer der Höhlen hervor, und galopirte dem Rande des Stromes zu, in den, wie man deutlich hörte, der Flüchtling sich jetzt hinabstürzte. Wenige Minuten genügten für seinen kräftigen Arm, um hinüber zu schwimmen, und dann verkündete das Freu- dengeschrei von der entgegengesetzten Seite den gedemüthigten Tetons de» ganzen Triumph ihrer Gegner. Neunundzwanzigftes Kapitel. Wenn der Schäfer nicht in Banden liegt, so laß ihn fliehen; der Fluch über ihn, die Foltern, die er fühlen wird, brechen den Rücken eines Mannes, das Herz eines Ungeheuers. Shakespeare. ^Uan wird leicht einschen, daß die oben erzählte Begebenheit ein gewaltiges Aufsehen unter den Sioux erregte. Als Mahtoree die Jäger der Bande zu ihrem Lager znrückgeführt hatte, war von ihm keine der gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln der indianischen Klugheit verabsäumt worden, damit seine Spur den Augen seiner Feinde verschwinden mochte. Es gewann indessen den Anschein, als hätten die Pawnee's nicht allein die Entdeckung seines Aufenthalts gemacht, sondern als wären sie auch mit größter Kunst und List bis dicht an die einzige Seite gekommen, wo man es für nnnöthig hielt, die üblichen Schildwachtreihcn ausznstellen. Die Wachen, längs der verschiedenen Höhenzügc rings um die Wohnungen vertheilt, waren die Allerletzten, welche etwas von der Gefahr erfuhren. In solchem Moment der Entscheidung war wenig Zeit zur Berathung. Dadurch, daß er in ähnlichen schwierigen Fällen seine Geistesgegenwart und Kraft sogleich an den Tag gelegt, hatte Mahtoree sich ein so festes Ansehen unter seinem Volke erworben, und es war auch nicht wahrscheinlich, daß er es in diesem Augenblicke verlieren würde, indem er durchaus nichts von Unentschlossenheit verrieth. Mitten unter dem Aufschreien der Jugend, dem Gekreisch der Weiber und dem wilden Geheul der alten Hexen, die an sich schon hinreichend gewesen wären, ein Chaos in den Gedanken des Mannes zu erzeugen, der weniger gewohnt war, in plötzlichen Nothfällen zu handeln, bekundete er sein volles Ansehen, indem er mit der Ruhe eiges ergrauten Kriegsmannes seine Befehle austheilte. Während die Krieger sich bewaffneten, mußten die Knaben hinunter in den Grund nach den Pferden. Die Zelte wurden hastig von den Weibern eingerissen, nnd ans diejenigen von den Lastthieren gelegt, mit denen man sich nicht in den Kampf wagen konnte. Die Säuglinge wurden ans den Rücken ihrer Mütter gepackt, und die Kinder, welche schon groß genug zum Marschiren waren, trieb man wie eine Heerde unvernünftiger Thiere in einen Zug zusammen. Wiewohl diese verschiedenen Bewegungen unter- lautem Geschrei und einem Getöse erfolgten, der einem andern Bauplatz von Babel glich, wurden sie doch mit unglaublicher Rüstigkeit und Einsicht ausgeführt. ^57 Indessen versäumte Mahtvrec keine Pflicht, die ihm bei der Verantwortlichkeit seiner Stellnng oblag. Von der Höhe, auf der er stand, konnte er vollkommen die Stärke und die Bewegungen der feindlichen Partei überschauen. Ein grinsendes Lächeln zuckte über sein Gesicht, als er fand, das;, was die Anzahl betraf, seine eigene Bande die andere bei weitem übertraf. Ungeachtet dieses Vortheils waren doch noch ungleiche Punkte, welche den Ansgang in dem bevorstehenden Kampfe sehr zweifelhaft machten. Sein Volk gehörte zu den Einwohnern einer nördlichen und weit unfreundlicher» Gegend, als ihre Feinde, und war keineswegs reich in der Art Eigenthnm, welche die eigentliche Wohlhabenheit der westlichen Indianer bildet, nämlich in den hochgeschätzten Pferden und Waffen. Die Bande ihm gegenüber war bis auf den letzten Mann beritten, und er konnte nicht anders glauben, da sie gekommen, ihren größten Helden zu befreien und zu rächen, als daß sie ans lauter Tapferen bestände. Andrerseits waren Manche ans seinem Gefolge weit besser auf der Jagd, als im Kampfe: Männer, sehr geschickt, die Aufmerksamkeit des Feindes zu täuschen, von denen er aber wenig in einem verzweifelten Dienste erwarten konnte. Auch die Pawnee's gegenüber verricthen, da sie so unerwartet glücklich in ihrem Hauptzweck gewesen, keine Absicht, die Sache aufs Aenßerste zu treiben. Der Fluß bildete eine gefährliche Barriere, wollte man ihn im Angesicht eines entschlossenen Feindes passiven, und es würde sich jetzt vollkommen mit ihrer vorsichtigen Klugheit vertragen haben, wenn sie sich in diesem Augenblicke zurückgezogen hätten, um ihren Angriff in der Dunkelheit, und anscheinend mit sicherem Erfolge zu machen. Aber in ihrem Häuptlinge lebte ein Geist, der ihn in dem Augenblicke weit über den gewöhnlichen Rang des Kriegers unter den Wilden erhob. Sein Inneres brannte vor Verlangen, die Schmach, die er eben erduldet, ansznwehcn; es ist auch möglich, daß er daran 458 dachte, wie das Lager der Sioux, weiches jetzt im. Aufbrechen war, eine» Schatz enthalte, der iu seinen Angen aiifing, einen Werth zu bekommen, der den von fünfzig Tetonbüscheln weit überstieg. Mag dem min sein, wie ihm wolle, kaum hatte Hart- Herz die kurzen Glückwünsche seiner Bande erhalten, und das Nöthigste, was sie wissen mußten, den Häuptlingen mitgetheilt, als er sich bereitete, in dem nahen Streite so anfzntreten, wie es seinem wohlerworbenen Ruhme znkam, und seine geheimen Wünsche es verlangten. Ein Pferd, das lange schon bei den Jagden sich erprüft gezeigt, war mitgcsührt worden, um seinen Herrn zu empfangen, obgleich nur geringe Hoffnung genährt wurde, daß er seiner Dienste je wieder in diesem Leben bedürfen würde. Mit besonders zarter Rücksicht, welche bewies, wie sehr des Jünglings edle Eigenschaften zu den Gefühlen seines Volkes gesprochen, hatte man einen Bogen, eine Lanze und einen Köcher über das Thier geworfen, um es damit ans dem Grabe des jungen Helden zu opfern, eine Art Sorgfalt, welche den Wildstcller seiner übernommenen frommen Verpflichtung würde enthoben haben. Obwohl Hart-Herz vollkommen dieses Wohlwollen seiner Krieger zu schätzen wußte, und der Meinung war, daß ein Häuptling, auf solche Weise ansgestattet, mit aller Achtung nach den fernen Jagdgründen des Herrn des Lebens anfbrechen könne, so schien er doch sehr geneigt, zu glauben, daß diese Geräthschastcn noch eben so nützlich im wirklichen Leben sein möchten. Ein Strahl ernster Freude zuckte über sein Gesicht, als er die Schwungkraft des Bogens probirte und den Speer schwang. Flüchtiger und mehr gleichgültig war der Blick, welchen er dem Schilde schenkte; aber der Jubel, mit welchem er sich ans den Rücke» seines geliebten Kriegsrosses warf, war so groß, daß er alle Formen der indianischen Zurückhaltung durchbrach. Er ritt hin und her unter seinen kaum weniger entzückten Kriegern, indem er sein Thier mit einer An- mnth und Geschicklichkeit regierte, welche durch keine künstliche ^59 Regeln ersetzt werden kann, dann und wann seine Lanze hin und her schwenkte, als wolle er sich selbst vergewissern, daß er fest- sstze, und endlich auch sorgsam den Zustand seiner Flinte prüfte, mit der man ihn ebenfalls versehen, und Alles dieß mit der seligen Lust Jemandes, der durch irgend ein Wunder wieder in den Besitz von Schätzen gesetzt worden, die von je an seinen Stolz und sein Glück ausgemacht. Gerade in diesem Augenblicke war es, wo Mahtoree, nachdem er alle vorläufigen Anordnungen vollständig getroffen, sich bereitete, eine entscheidende Bewegung zu machen. Der Tcton hatte keine geringe Schwierigkeit in der Unterbringung der Gefangenen gefunden. Noch sah man die Zelte des Sqnatters, und die Schlauheit des Mannes sagte ihm, daß er eben so nöthig habe, sich gegen einen Angriff von jener Seite zu schützen, als er die Bewegungen der offeneren und thätigercn Feinde bewachen müsse. Sein erster Gedanke war gewesen, durch den Tomahawk sich der Männer zu entledigen, und die Frauen demselben Schutz zu übergeben, wie die übrigen Weiber seiner Bande. Aber die Art, wie so manche seiner tapfersten Streiter noch immer den Arzt der Lang-Messer betrachteten, warnte ihn vor der Gefahr eines so gefährlichen Versuches kurz vor einer Schlacht. Man hätte vielleicht daraus das Omen der Niederlage entnommen. In dieser Verlegenheit winkte er einem sehr alten Krieger, dem er dje Sorge über die Nichtstreiter anvertraut hatte, und indem er ihn bei Seite führte, legte er einen Finger bedeutungsvoll auf seine Schulter, indem er in einem Tone sprach, in welchem die Autorität durch das Vertrauen gemäßigt wurde: „Wenn meine jungen Leute mit den Pawnee's handgemein sind, dann gib den Weibern Messer. Genug; mein Vater ist sehr- alt, er braucht die Weisheit nicht erst von einem Knaben zu hören." Der grimmige alte Wilde antwortete durch einen fürchterlichen Blick der Zustimmung; und jetzt schien der Häuptling über diesen 460 wichtigen Punkt beruhigt. Von diesem Augenblick an lebte er nur dem Gedanken an Rache, und wie er seinen Kriegerruf bewähren könnte. Sich ans sein Pferd werfend, gab er mit der Miene eines Fürsten seinem Gefolge ein Zeichen, das; sie ihm Nachfolgen sollten, indem er ohne alle Umstände die Kricgsgesänge und die feierlichen Gebräuche unterbrach, durch welche nicht Wenige unter ihnen ihre Geister zu kühnen Thaten anspornten. Als Alles in Ordnung war, bewegte sich die ganze Masse mit großer Festigkeit und Ruhe nach dem Ufer des Flusses. Die feindlichen Schaaren waren jetzt nur noch durch das Wasser von einander getrennt. Die Breite des Stromes war zu groß, als daß man sich hätte mit Erfolg der gewöhnlichen indianischen Wurfgeschosse bedienen sollen; auch wenige, ebenfalls nutzlose Schüsse wurden aus den Flinten der Häuptlinge getauscht, mehr ans Prahlerei, als irgend in der Erwartung, daß sie wirken könnten. Da einige Weile in gegenseitigen Demonstrationen und mißlungenen Versuchen verstrich, wollen wir sie während dessen verlassen, um zu denen von unfern nähern Bekannten zu- rnckznkehren, welche in den Händen der Wilden geblieben sind. Wir würden viele Tinte umsonst verbraucht, und manches Buch Papier umsonst beschrieben haben, die wohl hätten besser verwandt werden mögen, wenn es jetzt noch nöthig wäre, zu sagen, daß wenige der vorgegangenen Bewegungen dem beobachtenden Blick des erfahrenen Wildstellcrs entgangen seien. Eben so gut als die Andern war er erstaunt über Hart-Herz's rasche That, und es gab einen Augenblick, wo er sogar eine Art Kummer und Verdruß empfand, trotz seinem Verlangen, das Leben des Jünglings zu retten. Der einfache und wohlmeinende Alte würde, wenn er Zeuge der Schwäche eines Kriegers geworden wäre, der seine ganze Theilnahme in Anspruch genommen, beinahe dieselbe Art Kummer gefühlt haben, welche christliche Eltern empfinden würden, wenn sie dem letzten Todeskampfe eines un- 461 gcrathenen Kindes zusähen. Als er aber, statt eines unmächtigen und unmännlichen Kampfes um die Existenz, fand, daß sein Freund sich mit der gewöhnlichen und würdigen Ergebung eines indianischen Kriegers betragen habe, bis die Gelegenheit sich ihm darbot, zu entkommen, und daß er dann den Geist und die Entschlossenheit des Allertapfersten verrathen, da wurde sein Entzücken fast zu mächtig, um länger perborgen zu bleiben. Mitten in den Klagen und den Bewegungen, welche Weneba's Tode und der Flucht des Gefangenen folgten, stellte er sich in die Nähe seiner weißen Genossen, mit dem Entschluß, sich ihrer auf jede Gefahr hi» anzunehmen, sollte die Wnth der Wilden sich ans sie richten. Die Erscheinung der feindlichen Bande ersparte ihm indessen eine so oerzweiflnngsvolle und vermuthlich auch fruchtlose Anstrengung, und er konnte wieder ganz seinen Beobachtungen leben, und seine Pläne nach Lust ausbrüten. Er bemerkte besonders, daß, während der größere Theil der Weiber und alle Kinder mit allen Habseligkeiten der Gesellschaft in einen Nachzng znsammengcdrängt wurden, vermuthlich mit dem Befehl, sich in einem der nahen Wälder zn verberge», Mahtoree's Zelt selbst stehen, und Alles darin ebenfalls unberührt blieb. Zwei anserwählte Pferde standen jedoch nahe dabei, von ein paar Burschen gehalten, die zn jung waren, um in den Streit zn gehen, und doch alt genug, um die Behandlung der Pferde zn kennen. Der alte Jäger erkannte in dieser Anordnung Mahtoree's Widerstreben, seine vor Kurzem erst gefundenen ,Blumen' aus den Augen zu lassen, und zn gleicher Zeit seine Vorsorge, wenn irgend das Glück Umschlagen sollte. Eben so wenig war ihm die Art, wie der Teton dem alte» Wilden seinen Auftrag ertheilte, noch die wilde Lust, mit der der Letztere den Blntbefehl anfnahm, entgangen. Ans allen diesen geheimnißvollen Bewegungen schloß der alte Mann, daß die Entscheidung heranrücke, und er rief alle Erfahrung und Kenntnis; auf, die er in einem so langen Leben erworben, um ihm 462 in der verzweiflungsvollcn Lage zn helfe». Während er so über die zn ergreifenden Mittel nachsann, zog wiedcrnm der Doktor seine Aufmerksamkeit an sich, welcher kläglich um Beistand flehte. „Verehrnngswürdiger Jäger, oder wie ich Euch besser nennen mag, Befreier," begann der von Schmerz geplagte Obed; „es scheint beinahe, als sei jetzt endlich die rechte Zeit angckommen, um die unnatürliche und zugleich unregelmäßige Verbindung, so zwischen meinen unteren Gliedern und dem Körper dieses.ksimis existirt, zu trennen. Vielleicht daß, falls ein solcher Theil meiner Glieder loskäme, der mich zum Herrn der übrigen machte, und diese günstige Gelegenheit gehörig benutzt würde, indem man einen schnellen Marsch nach den Niederlassungen anträtc, vielleicht daß — sage ich — alle Hoffnung, die Schätze der Wissenschaften zn erhalten, deren unwürdige Herberge ich gegenwärtig bin, alsdann nicht verloren wäre. Die Wichtigkeit eines solchen Ausgangs lohnt wenigstens die Gefahr eines solchen Experiments." „Ich weiß nicht, ich weiß nicht," crwiederte bedenklich der alte Mann. „Die Würmer und Käfer, die Ihr da um Euch tragt, waren vom Schöpfer nur für die Prairien bestimmt, und ich sehe das Gute darin nicht ab, wenn man sie in Gegenden schickt, die nicht für ihre Natur gemacht sind. Und überdies; mögt Ihr von großem und ganz besonderem Nutzen sein, wie Ihr da auf dem Esel sitzt, obgleich es mich gar nicht verwundert, zn bemerken, daß Ihr es selbst nicht wißt, indem ich wohl sehe, daß Nützlichkeit ein ganz neuer Name für einen solchen Bücherwurm ist." „Von welchem Nutzen kann ich in dieser entsetzlichen Sklaverei sein, in welcher alle thierischen Funktionen suspendirt sind, und die geistige» oder intellektuellen von der geheimen Sympathie zwischen Geist und Materie verdunkelt werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Blut vergossen werden zwischen jenen feindlichen Heeren von Heiden, und obgleich mich eben wenig nach dem Geschäft verlangt, würde es doch besser sein, wenn ich mich jetzt mit chirurgischen Versuche» beschäftigte, als so die köstlichen Momente zu vergeuden, indem ich Seele und Körper zugleich quäle." „Eine Rothhaut schiert sich wenig um einen Wundarzt für seine Wunde, so lange das Kriegsgeschrei ihm in die Ohren gellt. Geduld ist eine Tugend beim Indianer, und bringt einem christlichen Weißen keine Schande. Blicke ans die alten Hexen, Freund Doktor; ich müßte gar nichts von wilden Gemüthsarten verstehen, wenn sie nicht Alle höchst blutig gestimmt sind und bereit, ihre verfluchte Lust an uns Allen ansznlafsen. Jetzt, so lange Ihr auf dem Esel bleibt, und den feurigen Blick beibehaltet, der übrigens sich wenig mit Eurer sonstigen Natur verträgt, mag die Furcht vor einem so gewaltigen Mcdicus noch etwas ihre Wnth zurückhalten. Ich bin hierher gestellt, wie ein General beim Beginn einer Schlacht, nnd es ist meine Pflicht geworden, alle meine Kräfte so zu gebrauchen, wie es nach meinem Urtheit sich am besten machen läßt. Da ich all' die kleinen Umstände kenne, von denen hier Alles abhängt, so seid Ihr gerade hier durch jede Eurer Bewegungen mehr ersprießlich, als da mitten drinnen, wo es gilt." „Höre, alter Wildsteller," schrie Paul, dessen Geduld sich nicht länger unter den berechnenden nnd weitschweifigen Erklärungen des Andern halten konnte, „ich meine, du schnittest zwei Dinge, die ich dir nenne, jetzt kurz ab. Nämlich deine Unterhaltung, die angenehm genug klingt, wenn es einen wohl ansgedämpftcn Büffel- rückcn gilt, nnd dann die verdammten Lederriemcn, die, nach meiner Erfahrung, nirgends angenehm sind. Ein einziger Schnitt deines Messers würde jetzt gerade mehr nützen, als die längste Rede, welche je in einem Gerichtshöfe von Kentucky gehalten worden." „Ach, Gerichtshöfe sind die glückseligen Jagdgründe, wie die Rothhäntc sagen würden, für alle Die, welche mit keinen besseren Gaben versehen sind, als die in der Zunge liegen. Ich wurde selbst einmal in eine jener gesetzlosen Höhlen geschleppt, und das ganze Ding, warum es sich stritt, war nicht mehr werth, als die Hant eines Hirsches. Der Herr vergebe es ihnen! Der Herr vergebe es ihnen! Sie wissen's nicht besser, sie handelten nach ihrem schwachen Verstände, nnd nm so mehr sind sie zn bedanern; und doch war es ein feierlicher Anblick, einen alten Mann, der immer in der freien Luft gelebt, nnn in Hals- nnd Fnßschellen vom Gesetz gelegt zu sehen, nnd wie er zum Spektakel werden mußte für Frauen nnd Kinder einer großen Ansiedelung, daß sie mit Fingern auf ihn wiesen!" 'ch „Wenn Ihr so treffliche Ansichten über Verhaftungen habt, mein ehrlicher Freund, so solltet Ihr sie lieber deutlicher dadurch anssprechen, daß Ihr uns so schnell wie möglich in Freiheit setztet," sagte Middleton, der, wie sein Gefährte, auch anfing, die Verzögerung seines oft erprüften alten Gefährten eben so seltsam zu finden, als sie ihm unangenehm war. „Ich würde sehr gern so thnn, vorzüglich Euretwegen, Kapitän, der Ihr als Soldat nicht allein Eure Lust, sondern auch Euren Nutzen dabei finden würdet, ganz nach Bequemlichkeit die Wendungen nnd Kriegslisten eines indianischen Gefechts zu prüfen. Was Euren Freund betrifft, so kommt wohl wenig darauf an, wie viel er von dieser Sache durch Selbstprüfung erfährt, oder wie wenig, indem man über eine Biene immer ans andere Art Herr wird als über einen Indianer." „Alter Mann, dieser Scherz mit unseren Elende ist sehr unüberlegt, nm ihm keinen strengcrn Namen zn geben." „Ja, ja; Euer Großvater war von sehr heißem nnd wildem Temperamente, nnd man muß nicht erwarten, daß das Junge eines Panthers in der Erde wühlen soll wie ein junges Stachelschwein. Haltet euch Beide ruhig, und was ich euch jetzt sagen will, muß den Anschein haben, als gelte es blos dem, was dort im Grunde vorgeht; es wird dann die Wachsamkeit in den Schlaf wiegen und In den „Ansiedlern". 465 die argwöhnischen Augen Derer schließen, welche sie selten schließen, wo es was Verruchtes und Grausames gibt. Für's Erste, so müßt Ihr wissen, daß ich allen Grnnd habe, zu glauben, jener verrätherische Teton habe einen Befehl zurückgelaffen, uns Alle zu Tode zu bringen, sobald er denkt, daß die That im Geheimen und ohne Aufsehen geschehen kann." „Großer Himmel! willst du uns hinschlachten lassen wie wehrlose Schafe?" „Still, Kapitän, still! ein heißes Temperament ist nicht das beste, wo Schlauheit mehr Noth thut, als Schwertschläge. Ach, der Pawnee ist ein wackerer Junge! Es würde Euch Lust machen, zu sehen, wie er sich vom Flusse zurückzieht, um seine Feinde ein- znladen, daß sie ihn pafferen sollen; und doch, wenn mein Auge mich nicht täuscht, sind ihrer dochffiur Einer gegen Zwei! Aber, wie ich sagte, Hastigkeit und Gedankenlosigkeit bringt niemals was Gutes. Die Sache ist so klar, daß jedes Kind die Einsicht hat. Die Wilden sind nicht einig, wie sie uns behandeln sollen. Einige fürchten uns wegen unserer Farbe, und würden uns herzlich gern laufen lassen, und Andere mochten uns die Gnade erweisen, die der hungrige Wolf dem Reh erzeigt. Wenn erst Uneinigkeit und Widerstand sich in die Berathungen eines Stammes einschleichen, so ist die Menschlichkeit selten die gewinnende Partei. Seht jetzt diese runzligen und grausamen Hexen an — doch nein, Ihr könnt sie im Liegen nicht sehen, aber dessen ungeachtet sind sie hier, bereit und willig, wie eben so viele grimmige Bärinnen, ihre Lust an uns zu kühlen, sobald die gehörige Zeit dazu gekommen." „Sagt 'mal, alter Herr Jäger," unterbrach ihn Paul auf seine gewohnte, etwas bittere Weise, „erzählt Ihr uns das Alles zu unserem oder zu Eurem Vergnügen! Weun's blos zu uusrigem ist, so könnt Ihr Euch immer den Athem sparen zu Eurem nächsten Wettrennen, da ich beinahe an den Possen schon erstickt bin." „Still," sagte der Wildsteller, indem er mit großer Geschick- Dlc Prairie. 3l> 466 lichkeit und Schnelle den Riemen, der einen von Pauls Armen an seinen Leib befestigte, durchschnitt, und zugleich sein Messer in die Nähe der nun befreiten Hand fallen ließ. „Pst, 3»nge, pst! das war ein glücklicher Moment! Das Geschrei vom Grunde herauf zog so eben die Augen der Blutegel dahin, und von unS ab, und so weit sind wir sicher. Nun brauche gut den Vortheil, aber hüte dich, damit, was du thust, nicht gesehen werde." „Dank für die kleine Gunst, du alte Ueberlegnng," murmelte der Bienenjäger, „obgleich sie etwas außer der Jahreszeit, wie der Schnee im Mai, kommt." „Thörichter Junge!" rief tadelnd der Waidmann, der sich ein wenig abwärts von seinen Freunden begeben, und sehr aufmerksam die Bewegungen der feindlichen Heere zu betrachten schien, „wirst du denn nie die Weisheit der Geduld erkennen lernen? Und auch Ihr, Kapitän, seid, wie ich sehe, obgleich ich mich eben nicht um eitle Launen quäle, stumm und still, weil Ihr es verschmäht, von Einem Etwas zu erbitten, den Ihr für zu langsam haltet, um cs zu gewähren. Ohne Zweifel seid ihr Beide jung und voll Stolz über eure Kraft und Männlichkeit, und ich wage es wohl, zu sagen, ihr glaubtet, es sei weiter nichts nö- thig, als eure Riemen dnrchzuschnciden, um euch gleich zu Herren von Grund und Boden zu machen. Aber wer viel gesehen hat, ist auch geneigt, viel zu denken. Wäre ich wie ein geschäftiges Weib umhergerannt, euch die Freiheit zu verschaffen, so hätten ja diese Siouxhexen mein Treiben gleich bemerkt, und wo würdet ihr euch Beide dann befunden haben! Unter dem Tomahawk und dem Messer, wie hilflose und schreiende Kinder, obgleich mit dem Antlitz und den Bärten von Männern. Fragt Euren Freund, den Bienenjäger, ob er wohl jetzt, nachdem er so manche Stunde eng gebunden gewesen, im Stande wäre, nur mit Einem Tetonjungen zu kämpfen, wie viel weniger mit einem Dutzend blutdürstiger, unerbittlicher Hexen: 467 „Wahrhaftig, alter Jäger," erwiederte Paul, seine Glieder ausstreckend, welche jetzt ganz frei und ledig waren, und indem er den Versuch machte, den so lange gehemmten Blutlaus wieder hervorzubringen, „Ihr habt doch einige Lichtblicke in diesen Angelegenheiten. Jetzt bin ich hier, Paul Hover, ein Mann, der, wenirs znm Boxen oder in den Wettlauf ginge, beinahe so hilflos dastände, als an dem Tage, wo ich meinen ersten Besuch in dem Hanse des alten Paul abstattete, der jetzt todt ist, und dahin ausgewandert, wo der Herr ihm jeden kleinen Fehlschuß vergeben mag, den er gethan, so lange er sich in Kentucky aufhielt: Jetzt steht mein Fuß auf dem Boden, wofern mich mein Auge nicht trügt, und doch würde cs mich nicht viel kosten, zu schwören, daß ich noch sechs Zoll ab von der Erde sei. Ich sage, ehrlicher Freund, da Ihr schon so viel gethan, habt die Güte und haltet mir diese verdammten Weibsbilder, von denen Ihr so viele interessante Dinge zu erzählen wißt, ein wenig vom Leibe, bis ich das Blut dieses Armes in Bewegung gesetzt, und bereit bin, sie anständig zu empfangen." Der Wildsteller machte ein Zeichen, daß er vollkommen einsehe, wie dringend der Fall-sei; er ging daher einige Schritte auf den hochbejahrten Wilden zu, welcher bereits die Absicht verrieth, sein angewiesenes Geschäft in's Werk zu sehen, und ließ den Bienenjäger hinter sich, damit er, so gut es ginge, wieder Herr seiner Gliedmaßen werde, und auch Middleton in eine ähnliche Lage, sich zu verthcidigen, versetze. Mahtoree hatte sich gar nicht versehen, als er diesen Einen auswählte, um sein blutiges Werk anszuführen. Er hatte einen jener ruchlosen Wilden dazu ernannt, von denen sich mehr oder weniger in jedem Stamm finden, welche eine Art militärischen Rnhmes durch eine Härte sich erworben, deren Quelle indessen nur die angeborne Liebe zur Grausamkeit ist. Entgegengesetzt dem hohen und ritterlichen Gefühle, welches unter den Indianern der 30 » 468 Prairien die größere Ehre darin seht, die Siegestrophäen einem gefallenen Feinde abzustreifen, als ihn zu erschlagen, hatte er immer das Vergnügen, welches ihm das Ermorden gewährte, dem Ruhme vorgezogen, die Todten zu skalpiren. Während die der Gefahr trotzenden Tapferen darauf bedacht waren, persönlichen Ruhm zu erwerben, hatte man ihn immer hinter irgend einem günstigen Versteck lauernd gesehen, um die Verwundeten der Lebenshoffnung zu berauben, und das zu beenden, was ein edlerer Krieger begonnen. Bei allen Greuelthaten seines Stammes war er imme.r vorne gewesen, und kein Sioux befand sich so durchaus, wie er, im Rathe auf Seiten der Unbarmherzigen. Er hatte mit einer Ungeduld, welche selbst durch die so lange geübte Kunst der Zurückhaltung nur mit Mühe dießmal vor plötzlichem Ausbruch gehindert wurde, den Augenblick erwartet, wo er die Wünsche des großen Häuptlings ausführen könnte, ohne dessen Billigung und mächtigen Schuh er übrigens einen Schritt nicht gewagt haben würde, der so manche Gegner im Volke fand. Aber jetzt eilte es schon zwischen beiden feindlichen Theilcu zur Entscheidung, und die Zeit war, zu seiner heimlichen und boshaften Freude, so weit gediehen, daß er sich ganz seinem Willen überlassen konnte. Der Wildsteller fand ihn, wie er Messer unter die wilden Hexen austheilte. Diese empfingen sie freudig, indem sie dabei einen leisen und sehr eintönigen Gesang anstimmten, der sie an die Verluste ihres Volkes in verschiedenen Treffen mit den Weißen erinnerte, und die Lnst und den Ruhm der Rache hoch pries. Die Erscheinung einer solchen Gruppe hätte an sich genügt, Jemand, der weniger als der Alte an dergleichen Auftritte gewöhnt war, vor der Gefahr zu warnen, sich nicht in den Kreis ihrer wilden, entsetzlichen Gebräuche zu drängen. Jede von den Alten begann, sobald sie die Waffe erhalten, einen langsamen und gemessenen, aber ungeschlachten Schritt um den Wilden, bis Alle ihn in einer Art magischen Tanzes umkreisten. Die Schritte standen im Einklang mit gewissen Modulationen in den Worten ihrer Gesänge, eben so wie ihre übrigen Bewegungen mit ihren Gedanken. Wenn sie von ihren eigenen Verlusten redeten, warfen sie ihre langen grauen Locken in die Luft, oder ließen sie wieder in Unordnung auf ihren verwelkten Nacken herab- fallen. Wenn aber Eine von ihnen die süße Lust berührte, Schlag mit Schlag zu vergelten, so antwortete ein gemeinsamer Heulst,or, wozu sie solche Geberden machten, die genugsam Art und Weise ansdrückten, wie sie sich selbst anfregten und in den nöthi- gen Zustand der Wuth setzten. Der Wildsteller stand jetzt mitten im Kreise dieser anscheinenden Dämonen, mit derselben Ruhe und Aufmerksamkeit, als wäre er in irgend einem Kirchdorse nmhergewandelt. Seine Erscheinung bewirkte übrigens auch gar keine Veränderung, als daß sie ihre drohenden Geberden erneuerten, mit, wo möglich, noch unzwei- dentigerm Ausdruck ihrer unwandelbar festen Absicht. Indem er ihnen ein Zeichen gab, aufznhören, fragte der alte Mann: „Warum singen die Mütter der Tetons mit so bitteren Zungen? Die Pawnee-Gefangenen sind noch nicht in ihrem Dorfe, ihre jungen Männer sind noch nicht zurückgekchrt, mit Schädel- Häuten beladen." Ein allgemeines Geheul antwortete ihm, und einige unter den kühnsten dieser Furien wagten sogar, sich ihm zu nähern, indem sie ihre Messer mit seinen Angen in eine äußerst gefährliche Nachbarschaft brachten. „Es ist ein Krieger, den ihr vor euch seht, und kein Auszügler von den Lang-Messern, dessen Gesicht bleicher wird beim Anblick eines Tomahawk," crwiederte der Waidmann, ohne auch nur eine Muskel zu bewegen. „Mögen die Siouxweiber bedenke», wenn eine Weißhaut stirbt, stehen ein Hundert da ans, wo sie gefallen ist." Noch immer gaben die Hexen keine andere Antwort, als daß 470 sie immer schneller im Kreise umherliefc», und gelegentlich ihre» drohenden Gesang immer lanter nnd verständlicher ertönen ließen. Plötzlich aber brach eine der ältesten und wildesten ans dem Kreise heraus, und huschte fort nach den Schlachtopfern hin, gleich einem Raubvogel, welcher, nachdem er sich im Kreise lange genug nm- hergedreht, um sich seines Gegenstandes zu versichern, endlich auf seine Beute losschießt. Die Anderen folgten, eine unordentliche und kreischende Heerde, Alle von der Furcht getrieben, sie könnten zu spät zu dem blutigen Vergnügen kommen. „Du mächtiger Medicus meines Volkes!" rief der alte Mann in der Tetonsprache, „erhebe deine Stimme nnd sprich, auf daß die Siouxnation dich höre." War es nun, daß unser ^8im>s neulich so viel Kenntniß erlangt hatte, um den Werth seiner tönenden Stimme ganz zu schätzen, oder daß das seltsame Schauspiel, wie ein Dutzend Hexen an ihm vorüberrauschten, die Luft mit Tönen erfüllend, welche selbst einem Esel unangenehm sein mußten — sein ganzes Gemüth aufregte, — gewiß ist es, daß das Thier gerade das that, wozu Obed aufgernfen wurde, und vermnthlich mit weit größerer Wirkung, als wenn der Naturforscher sicsi aus allen Kräften bemüht hätte, gehört zu werden. Es war das erste Mal, daß dieses fremde Thier, seit seiner Ankunft in dem Lager, gesprochen. Von einem so fürchterlichen Rufe gemahnt, zerstreuten sich die Hexen gleich Geiern, die von ihrer Beute fortgeschreckt worden, noch immer kreischend und nur halb von ihrem Vorhaben abgebracht. Mittlerweile hatte die plötzliche nnd drohende Nähe der Gefahr das Blut mehr durch Pauls und Middletons Adern gejagt, als alle ihre künstlichen Reibungen und physischen Anstrengungen. Der Erstere war wirklich auf seine Füße gekommen, und nahm eine Stellung ein, die vielleicht mehr drohte, als der würdige Bienenjäger fähig war, auszuführen, und auch der Letztere war auf den Knieen, und zeigte sich bereit, für sein Leben zu streiten. Die 471 unerklärliche Lösung der Gefangenen von ihren Banden wurde von den Hexen den Zaubersprüchen des Medicus zugeschrieben, und dieses Mißverständniß war zweifelsohne von eben so vielem Nutzen als die wunderbare und so recht zur gelegenen Zeit kommende Einmischung unseres -tsinns zu ihren Gunsten. „Jetzt ist es Zeit, ans unserem Hinterhalt hervorzudringen," rief der Alte, indem er sich beeilte, sich seinen Freunden anzn- schließen, und einen offenen und männlichen Krieg zu beginnen. „Es würde zwar politischer gewesen sein, so lange mit dem Fechten zu warten, bis der Kapitän in besserem Stande wäre, sich mit uns zu vereinigen: da wir aber unsere Batterie aufgedeckt haben, so muffen wir auch unfern Grund behaupten." Er ward unterbrochen, indem er plötzlich eine gigantische Hand auf seiner Schulter fühlte. Wie er sich umkehrte, doch wirklich etwas verwirrt, als sei hier Hexerei im Werke, fand er, daß er sich in der Hand eines nicht weniger gefährlichen und mächtigen Zauberers des Jsmael Busch, befinde. Seine wohlbcwaffneten Söhne, die, Einer nach dem Andern, hinter Mahtoree's noch immer aufgestelltem Zelte hcrvorkamen, erklärten ihm mit Einemmale nicht allein, wie er umgangen morden, während seine ganze Aufmerksamkeit ans die Dinge vor ihm gerichtet war, sondern auch die ganze Unmöglichkeit des Widerstandes. Weder Jsmael noch seine Söhne hielten es für nöthig, sich auf ausführliche Erklärungen einznlassen. Middleton und Panl wurden wieder gebunden, mit außerordentlicher Stille und Eilfertigkeit, und dießmal war selbst der alte Wildsteller nicht ausgenommen. Das Zelt ward abgebrochen, die Weiber setzte man auf Pferde, und Alle waren auf dem Wege nach des Squatters Lager, mit einer Schnelle, welche den Gedanken der Zauberei lebendig erhalten konnte. Während alles Dieß mit der äußersten Eile und Geschicklichkeit in's Werk gesetzt wurde, sah man Mahtoree's Beauftragten und 472 seine unempfindlichen Gefährtinnen über die Ebene fliehen, dahin, wo die Familie ihren Rückzug genommen, und als Jsmael den Fleck mit seinen Gefangenen und seiner Beute verliest, war der noch kaum von dem Wirrwarr und dem bunten Leben eines indianischen Lagers so lebendige Grund und Boden so still und leer geworden, wie irgend sonst ein Fleck in diesen ausgebreiteten Wüsten. Dreißigstes Kapitel. Ist dieß Verfahren recht und chrenwerth? Shakespeare. Eährend diest auf der Anhöhe vorging, waren die Krieger unten im Grunde nicht müssig gewesen. Wir verließen die feindlichen Banden, wie sie sich von den entgegengesetzten Ufern des Stromes beobachteten, indem jeder seinen Feind durch Hohn und Schmähreden zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten suchte. Aber der Pawneehäuptling entdeckte bald, daß sein schlauer Gegner nicht abgeneigt war, die Zeit so zwecklos und, wie beide Theile es bisher bewiesen hatten, in so unnützen Unternehmungen zu vergeuden. Er änderte deßhalb seinen Plan, und zog sich, wie wir schon aus dem Munde des Wildstellers erfahren haben, vom Ufer zurück, um das zahlreichere Heer der Sioux zum Uebergang zu verleiten. Die Ausforderung ward nicht angenommen, und die Lonps waren gezwungen, etwas Neues zu ersinnen, um ihren Zweck zu erreichen. Statt länger die köstlichen Augenblicke in fruchtlosen Versuchen, den Feind herüberzulocken, zu vergeuden, führte der junge Held derPawnee's seine Truppen in schnellem Galop längs dem Strande hin, um irgend einen günstigen Ort anzutreffen, wo er plötzlich und ohne Verlust seine Schaar übersetzen könne. Sobald seine Absicht erkannt wurde, nahm jeder berittene Teton einen Fußmann hinter sich aufs Pferd, und so war Mahtoree fähig, seine ganze Macht gegen den Angriff zu verwenden. Als Hart-Herz merkte, daß man seiner Absicht zuvorkam, fand er nicht dienlich, seine Pferde durch 473 einen Lauf anzustrengen, der sie späterhin zum Dienste untauglich machen könnte, wenn sie auch die schwerer belasteten Thiere der Sioux hinter sich gelassen hätten, sondern er ließ wieder am Rande des Stromes halten. Da die Gegend viel zu offen war für irgend eine der gewöhnlichen Listen im Kriege bei den Wilden, und die Zeit ihn drängte, entschloß sich der ritterliche Pawnee, die Entscheidung durch eines der kühnen Wagestücke zu erzwingen, in denen die indianischen Helden sich so auszeichnen, und durch welche sie oft ihren höchsten und theuersten Ruhm erkaufen. Der von ihm erwählte Fleck war zu seinem Vorhaben günstig. Der Fluß, welcher meist tief und reißend war, hatte sich dort zu mehr als doppelter Breite ausgedehnt, und das Kräuseln des Wassers verrieth, daß er über ein seichtes Bette dahinfloß. In der Mitte des Stromes befand sich eine weite nackte Sandbank, nur wenig über die Oberfläche des Wassers heraustretend, und von einer Farbe und Dichtheit, daß ein geübtes Auge dort ans festen und sichern Boden zum Stehen rechnen konnte. Dorthin wandte forschend der Held seinen Blick, und die Entscheidung folgte sehr bald. Nachdem er zu seinen Kriegern geredet, und sie mit seinen Absichten bekannt gemacht hatte, warf er sich in den Strom, und erreichte, mit Hilfe seines bald schwimmenden, bald schreitenden Rosses, glücklich das Eiland. Hart-Herz's Erfahrung hatte ihn nicht getäuscht. Als sein schnaubendes Roß ans dem Wasser vorkam, fand er sich auf einer angeschwemmten, dichten und festen Sandbank, auf der sein Thier vollkommen gut seine Kräfte und Geschicklichkeit zeigen konnte. Das Roß schien auch diesen Vortheil selbst einzusehen, und trug seinen kriegerischen Reiter mit einer Behendigkeit und einer Kraft, die auch dem vortrefflichsten Streitroß zur Ehre gereicht haben würden, dahin. Das Blut des Häuptlings pulsirte schneller beim Gedanken an seine eigene Lage. Er saß auf dem Thiere, als wisse 474 er, daß die Augen zweier Stämme auf seine Bewegungen gerichtet waren, und daß, so wie nichts seinen eigenen Leuten angenehmer, als je mehr Mnth und natürliche Anmnth er entfaltete, so auch für die Feinde nichts schmähender und kränkender sein könne. Der plötzlichen Erscheinung des Pawnee's auf dem Sande folgte von Seiten der Tetons ei» allgemeines Geschrei ihres wilden Unmnthes. Alles rauschte nach dem Ufer, und an fünfzig Pfeile und mehrere Flintenschüsse wurden auf ihn gerichtet. Auch verrietheu mehrere Tapfere ihre offenbare Lust, sich in's Wasser zu stürzen, um die Verwegenheit ihres tollkühnen Feindes zu züchtigen. Allein Mahtoree's Ruf und Befehl zügelte die fast nicht mehr zu bändigende Wnth seiner Bande. Weit davon entfernt, daß er zugegeben hätte, daß auch nur ein einziger Fuß in's Wasser trete, oder noch ein Schuß völlig unnütz gegen den Feind verschwendet werde, erhielt vielmehr die ganze Schaar den Befehl, sich vom Strande zurückznziehcn, während er selbst seine Absichten Zweien oder Dreien seiner Vertrauten mittheilte. Als die Pawnee's den ersten Andrang ihrer Feinde sahen, ritten zwanzig Krieger in den Strom, sobald sie aber den Rückzug der Tetons bemerkten, kehrten auch sie Alle zurück, den jungen Häuptling seiner eigenen oft erprüften Geschicklichkeit und seinem Heldenmuts) überlassend. Hart-Herz's Anordnungen, als er sich von den Seinen trennte, waren seines unternehmenden Charakters und des Helden, der sich selbst gern aufopferte, völlig würdig. So lange als einzelne Krieger auf ihn loskämen, solle nur Wahcondah und sein eigener Arm ihn beschützen; wenn aber mehrere Sioux anstürmteu, sollten die Seinen Mann um Mann, bis allenfalls endlich seine ganze Macht, herbeikommen. Genau wurden die hochherzigen Anordnungen befolgt, und obgleich so manche Herzen in der Truppe voll Verlangen, an Ruhm und Gefahr ihres Borfechters Theil zu nehmen, schlugen, fand sich doch auch kein einziger Krieger unter Allen, der nicht gewußt hätte, seine Ungeduld unter der gewöhnlichen Maske indianischer Selbstbeherrschung zu verbergen. Schnellen und eifrigen Blickes wachten sie ans den Ansgang, und kein einziger Ausruf des Staunens entschlüpfte ihnen, als sie sahen, wie sich bald darthnn wird, daß ihres Häuptlings Unternehmen eben so leicht zum Frieden als zum Kriege führen konnte. Mahtoree brauchte eben nicht lange Zeit, um seine Pläne den Vertrauten mitzntheilen, welche er schnell wieder zu den Uebrigen hinsandte. Der Teton trat etwas in den Strom hinein, und hielt still. Hier erhob er die Hand mehrere Male, die Fläche nach auswärts, und machte verschiedene vvn den Zeichen, die als Pfand freundlicher Gesinnungen unter den Einwohnern dieser Gegenden gelten. Dann, als wolle er seine Aufrichtigkeit dadurch bekunden, warf er die Flinte zurück an's Ufer, und ritt wieder tiefer in's Wasser, wo er abermals stehen blieb, um zu sehen, wie der Pawnee seinen Friedensantrag annehmen würde. Der schlaue Sioux hatte seine Berechnungen auf die edle und ehrliche Natur seines jüngern Rivals nicht falsch angelegt. Hart- Herz war fortwährend ans der Sandbank hin und her galopirt, so lange die Feinde schossen und mit einem Angriff drohten, und zwar mit denselben stolzen und sicheren Mienen, womit er zuerst der Gefahr entgegengetreten war. Als er die wohlbekannte Gestalt des Tetonhelden zuerst den Fluß betreten sah, streckte er die Hand trinmphirend in die Höhe, und schwenkte die Lanze; dann erhob er das gellende Kriegsgeschrei seines Volkes, wie eine Aufforderung, daß er herankommen solle. Als er aber die Zeichen des Waffenstillstandes sah, verschmähte er es, ob auch wohl kundig aller Ver- räthereieu, die bei den Kämpfen der Wilden stattfinden, weniger männliches Vertrauen ans die eigene Kraft zu beweisen, als die, welche der Gegner vor seinen Augen zur Schau trug. Nach dem entferntesten Ende der Sandbank reitend, warf er die Flinte dort ab, und kehrte dann auf den vorigen Stand zurück. 476 Beide Häuptlinge waren jetzt gleich bewaffnet. Jeder hatte seinen Speer, seinen Bogen, Köcher, seine kleine Streitaxt und sein Messer; dergleichen ein Schild von Häuten, das zur Vertheidigung gegen einen Anfall mit diesen Waffen dienen mochte. Der Sioux zauderte nun nicht länger, sondern ging tiefer in den Strom hinein, und landete ans einem Punkt des Eilandes, welches sein höflicher Gegner deßhalb freigelasscn. Wäre Jemand da gewesen, um Mah- toree's Gesicht zu bewachen, während er das ihn von dem furchtbarsten und verhaßtesten aller Gegner trennende Wasser kreuzte, hätte er wohl den Strahl einer geheimen Freude entdeckt, die durch die Wolke brach, welche Schlauheit und herzlose Verrätherei überfein dunkles Antlitz verbreitete. Und doch gab cs Momente, wo er hätte glauben mögen, daß die Blitze in des Tetons Angen, und das Schnauben seiner Nüstern ihren Ursprung einem edlern und eines indianischen Häuptlings würdigern Gefühle verdankten. Der Pawnee hatte sich ans seine Seite der Sandbank zurückgezogen, wo er mit Ruhe und Würde die Ankunft des Gegners erwartete. Der Teton kreiste ein- oder zweimal ans dem festen Boden, die Ungeduld seines Rosses zu zügeln und seinen Sitz wieder ordentlich einznnehmen, und dann ritt er in die Mitte des Platzes, und nöthigte den Andern durch eine höfliche Bewegung, sich zu nähern. Hart-Herz kam heran, bis er sich in gehöriger Entfernung fand, um eben gleich vorthcilhaft Vorgehen oder nmkehrcn zu können. Hier hielt er an, und blickte nun fest in das Auge des Gegners. Eine lange und ernste Panse folgte dieser Bewegung, während welcher beide ausgezeichnete Helden, die hier zum ersten Male, Stirn gegen Stirn und die Waffen in der Hand, sich trafen, ruhig ans ihren Pferden saßen, und sich gegenseitig wie zwei Krieger anschanten, die es wohl verstanden, die Verdienste eines edlen, wenn auch verhaßten Feindes zu würdigen. Aber Mahtoree's Gesicht war weit weniger ernst und kriegerisch, als das des Helden der Loups. Sein Schild über die Schulter werfend, gleichwie um das Zutrauen des 477 Andern zu erwecken, machte er eine grüßende Bewegung, und fing zuerst an, zu sprechen. „Mögen die Pawnee's auf die Hügel steigen," sprach er, „und ausschauen von der Morgcnsonnc nach der Abendsonne, von den Schnecländcrn bis zu den Ländern, wo viele Blumen blühen, und fle werden sehen, daß die Erde sehr groß ist. Warum sollen die rothen Leute darauf nicht Raum finden für alle ihre Dörfer?" „Sah der Teton je einen Krieger der Lonps nach seinen Orten kommen, um Platz zu betteln für seine Wohnung?" erwiederte der junge Held mit einem Blicke, in welchem er den Stolz und die Verachtung keineswegs zu verbergen suchte. „Wenn die Pawnee's jagen, senden sie da Läufer voraus, um Mahtoree zu fragen, ob keine Sioux auf den Prairien sind?" „Wenn Hunger in der Wohnung eines Kriegers ist, so schaut er ans nach dem Büffel, der ihm zur Nahrung bestimmt ist," fuhr der Teton fort, den Zorn, welchen die verächtliche Rede des Andern hervorgerufen, nur mit Mühe niederkämpfend. „Der Wahcondah hat ihrer mehr geschaffen, als er Indianer schuf. Er hat nicht gesagt: dieser Büffel soll für einen Pawnee sein, und der für einen Dahcotah; dieser Biber für einen Konza, und der für den Omahaw. Nein, er sagte: es sind ihrer genug. Ich liebe meine rothen Kinder, und ich habe ihnen große Reichthümer geschenkt. Das schnellste Pferd soll nicht von den Dörfern der Tetons zu den Dörfern der Lonps rennen, während die Sonne scheint und wieder scheint. Es ist .weit von den Orten der Pawnee's bis zum Flusse der Osages. Da ist Raum für Alle, die ich liebe. Weßhalb denn sollte ein Rother seinen Bruder erschlagen?" Hart-Herz stieß das eine Ende seiner Lanze in die Erde, und indem er deßgleichen den Schild über die Schulter geworfen, lehnte er sich im Sitzen leicht auf seine Waffe, während er mit einem Lächeln, welches keine zweifelhafte Deutung znließ, antwortete: „Sind die Tetons der Jagd und des Krieges müde? Wünschen 478 sie blos das Wildpret zu kochen, und nicht es zu tödten? Wollen sie das Haar so dicht wachsen lassen über ihren Köpfen, daß ihre Feinde nicht wissen, wo sie die Schädelhant finden sollen? Geh', ein Pawneekrieger wird niemals wie ein Weib unter die Sionxweiber treten!" Ein fürchterlich wilder Blick schoß hervor ans des Dahcotah Antlitz, als er auf diesen beißenden Hohn horchte, aber schnell wußte er das Bittere zu überwinden, und einen andern Ansdruck anfzufin- den, der sich besser für sein gegenwärtiges Vorhaben schickte. „Das ist die Art, wie ein junger Häuptling vom Kriege sprechen sollte," antwortete er mit merkwürdiger Fassung. „Aber Mahtoree hat das Elend von weit mehr Wintern gesehen, als sein Bruder. Wenn die Nächte lang waren, und die Finsterniß in seiner Hütte wohnte, und die jungen Leute schliefen, hat er nachgedacht über das harte Loos seines Volkes. Er sprach zu sich: Teton, zähle die Skalpe in deinem Rauche. Sie sind alle roth bis auf zwei! Vernichtet der Wolf den Wolf, oder die Klapperschlange ihre Schwester? Ihr wißt es, das thnn sie nicht. Deßhalb, Teton, handelst du unrecht, aus einer Spur zu gehen, die dich in das Dorf einer Rothhant führt, und mit dem Tomahawk in der Hand." „Wie? der Sioux wollte dem Krieger seinen Ruhm rauben? Er wollte zu seinen jungen Leuten sprechen: Gehet, grabt Wurzeln aus in den Prairien, und sucht Hohlen, eure Tomahawks darin zu vergraben, denn ihr seid keine tapferen Männer mehr?" „Wenn Mahtoree's Zunge jemals dieß spricht," erwiederte der schlaue Häuptling mit allem Anschein der Entrüstung, „so mögen seine Frauen sie ansschneiden, und sie verbrennen mit dem Abfall vom Büffel. Nein," fügte er hinzu, um einige Schritte sich dem unbeweglich dastehenden Hart-Herz nähernd, als wolle er dadurch die Reinheit seiner Gesinnung bekunden, „die rothen Leute bedürfen gar keiner neuen Feinde; sie haben deren mehr als das Laub der Bäume, mehr als die Vögel unterm Himmel, oder die Büffel in 479 den Prairien. Mache mein Bruder seine Angen weit auf. Sieht er nirgends einen Feind, den er schlagen möchte?" „Wie lange ist es her, daß der Teton die Skalpe seiner Kriegsmänner zählte, die in dem Ranch der Pawneehütten dörren? Die Hand, die sie ablösete, ist hier, und bereit, ans achtzehn zwanzig zu machen." „Gehe doch nicht der Geist meines Bruders auf einem Abwege. Wenn eine Rothhant immerfort die andere tödtet, wer soll dann am Ende Herr in den Prairien bleiben, wenn kein Krieger übrig geblieben, um zu sprechen: Siegehören mir. — Höre er doch auf die Stimmen der alten Leute. Sie berichte» uns, zu ihren Zeiten wären manche Indianer ans den Wäldern im Aufgange der Sonne hervorgekommen, und sie hätten die Prairien mit ihren Klagen über die Räubereien der Lang-Mefser angefüllt. Wo ein Bleich-Gesicht hinkommt, da kann ein rvther Mann nicht weilen. Das Land ist ihm zu eng. Sie sind immer hungrig. Sieh', hier sind sic schon!" Als der Teto» sprach, zeigte er anfJsmaels Zelte, die deutlich vor ihren Augen lagen, und hielt dann inne, um die Wirkung seiner Worte auf den Geist seines arglosen Feindes abzuwarten. Hart-Herz horchte, wie Jemand, dem eine ganze neue Gedankenreihc durch die Schlußfolgerungen eines Andern eröffnet worden. So sann er ungefähr eine Minute, ehe er fragte: „Was meinen die weisen Häuptlinge der Sioux, daß geschehen müsse?" „Sie halten dafür, man müsse den Mokastns jedes Bleich-Gesich- tes eben so folgen, als der Spur des Bären; die Lang-Messer, die in die Prairien kommen, müssen nie umkehren: offen müsse der Weg für Alle sein, welche kommen, und verschlossen Denen, welche gehen wollen. Dort sind ihrer Biele. Sie haben Pferde und Flinten. Sie sind reich, aber wir sind arm. Wollen die Pawnee's mit den Tetons Rath pflegen; dann werden sie sagen, sobald die 480 Sonne hinter den Rocky-Mountains untergegangen: dieß ist für einen Lonp, und dieß für einen Sioux." „Teton — nein! Hart-Herz überfiel nie den Fremden. Sie komme» in seine Hütte und essen, und sie gehen sicher wieder hinaus. Ein mächtiger Häuptling ist ihr Freund! Wenn mein Volk die jungen Leute anfruft, den Kriegspfad zu betreten, ist Hart-Herz's Mokasin immer der letzte; ist aber einmal sein Dorf, von Bäumen bedeckt, hinter ihm, dann ist sein Mokasin immer der erste. Nein, Teton; sein Arm wird sich nie gegen den Fremden erheben." „Thor! so stirb mit leeren Händen!" rief Mahtoree, indem er einen Pfeil an seinen Bogen legte, und ihn plötzlich in tödtlicher Richtung gerade auf die nackte Brust seines großen und arglosen Feindes losschnellte. Der verrätherische Teton hatte allzurasch gehandelt, und den Augenblick zu gut gewählt, als daß der Pawnee irgend eines der gewöhnlichen Vertheidigungsmittel hätte anwenden können. Sein Schild hing von der Schulter herab, und sogar der Pfeil war von seinem Platze fortgeglitten, und lag in der hohlen Hand, mit welcher er den Bogen festhielt. Aber das schnelle Auge des Tapfer» hatte noch Zeit genug gewonnen, die Bewegung zu bemerken, und seine Besinnung verließ ihn nicht. Durch einen gewaltigen und scharfen Ruck am Zügel bäumte sich sein Roß, indem es die Vorderschenkel weit in die Lust erhob. Während nun der Reiter den Leib seitwärts niederbog, diente das Pferd selbst ihm zum Schilde gegen die Gefahr. Indessen war so gut gezielt, und der Schuß so stark, daß der Pfeil den Nacken des Thieres seitwärts traf, und durch die Haut fuhr. Schneller als der Gedanke flog Hart-Herz's antwortender Pfeil dahin. Der Schild des Teton war durchbohrt, aber seine Person unberührt. Einige Augenblicke wechselte unablässig das Klingen des Bogens und das Schwirren der Pfeile, obgleich die Kämpfer sich genöthigt sahen, einen großen Theil der Sorgfalt ans die ^81 eigenen Vertheidigungsmittel zu verwenden. Bald waren die Köcher erschöpft, und obgleich Blut geflossen, war es doch nicht genug, um den Ingrimm des Kampfes zu schwächen. Jetzt begannen reißend schnelle und meisterhaft geführte Ausfälle und Angriffe mit den Pferden. Jetzt drehten sie sich im Kreise, prallten plötzlich an, drangen angreifend vor, sprangen seitwärts, und wichen dann wieder im Bogenlauf, als schwirrten Schwalbenflüge im Kreise. Man stieß und schlug sich mit der Lanze, der Sand wurde in die Luft geschlendert, und oft schienen die Stöße den Tod unvermeidlich zur Folge zu haben. Aber noch immer hielt jeder Theil sich in seinem Sitze, und Beider Zügel wurden mit fester Hand geführt. Endlich aber ward der Teton genöthigt, sich von seinem Pferde herabzuwerfen, um einem offenbaren Todesstoße zu entgehen. Des Pawnee's Lanze drang durch das Thier, während er selbst vorbeigalopirend laut aufjubelte. Sich umwendend, war er jetzt drauf und dran, den Vortheil zu benutzen, als auch sein eigenes erschöpftes Thier stolperte und unter einer Last hinsank, die es unfähig war, länger zu tragen. Mahtoree antwortete nun mit einem voreiligen Siegsgeschrei, und fuhr mit Messer und Tomahawk auf den noch verstrickten Jüngling los. Hart-Herz's äußerster Behendigkeit war es noch nicht gelungen, sich bei Zeiten von dem gestürzten Thiere losznmachen. Er sah, seine Lage war vcrzweiflungsvoll. Jetzt, nach seinem Messer greifend, faßte er den Stahl zwischen einem Finger und dem Daumen, und schleuderte ihn mit bewunderungswürdiger Ruhe auf seinen nahenden Feind. Die scharfe Waffe schwirrte einige Augenblicke in der Luft, dann traf die Spitze die nackte Brust des ungestümen Sioux, und der Stahl fuhr hinein bis an den hörnernen Schaft. Mahtoree legte die Hand an die Waffe und schien zu zaudern, ob er sie ausziehen solle oder nicht. Einen Augenblick bewölkte sein Gesicht der unauslöschliche Haß und die furchtbare Wildheit, dann, wie innerlich gemahnt, daß er nur wenige Zeit zu verlieren Die Prairie. Zl 482 habe, wankte er an den Rand der Sandbank nnd trat in's Wasser. Schlauheit und Arglist, die so lange die glänzenderen und edleren Zuge seines Charakters verdunkelt hatten, gingen dießmal in dem unauslöschlichen Gefühl des Stolzes, das ihm in der Jugend eingeflößt worden, unter. „Knabe von den Lonps!" sprach er lächelnd in grimmiger Lust, „der Schädel eines mächtigen Dahcotah soll nie »m Pawneeranche trocknen!" DaS Messer aus der Wunde ziehend, schleuderte er es verächtlich seinem Feinde hin. Er sctzüttelte den Arm gegen den glücklichen Ueberwinder, nnd sein von finsterm Grimm angeschwollenes Gesicht schien mit dem Haß nnd der Verachtung zu ringen, die er mit der Zunge nicht anssprechen konnte. Dann warf er sich köpflings in eine der reißendsten Strömungen, indem er noch lange die Hand triumphirend emporhielt, selbst nachdem sein Körper für immer in die Flut versunken war. Indessen war Hart-Herz frei geworden. Das Schweigen, welches bis dahin , unter beiden Schaaren geherrscht, wurde plötzlich durch ein allgemeines tnmnltnarisches Geschrei unterbrochen. Fünfzig Krieger von den entgegengesetzten Parteien waren schon im Flusse, eilend, den Sieger entweder tödtlich zu überfallen oder zu vertheidigen, nnd der Streit war eher am Ausgang seines Anfangs, als seinem Ende nahe. Aber der junge Sieger blieb bei allen diesen Zeichen von Gefahr kalt und unbeweglich. Er sprang nach seinem Messer, und schoß dann mit dem Fuß einer Antilope die Sandbank entlang, der weichenden Flut nachblickend, die seine Beute verbarg. Ein finsterer, blutiger Fleck zeigte den Ort an; mit dem Messer bewaffnet, stürzte er sich in den Strom, entschlossen, in der Flut zu sterben oder mit seiner Trophäe umznkehren. Mittlerweile wurde dieselbe Sandbank der Schauplatz neuen Blutvergießens. Besser beritten und vielleicht auch feuriger, hatten die Pawnee's indessen früher den Ort in gehöriger Anzahl 483 erreicht, um ihre Feinde zum Rückzüge zu zwingen. Die Sieger verfolgten ihr Glück bis an das jenseitige Ufer, nnd gewannen mitten im Gefechte festen Grnnd und Boden. Hier trafen sie aber ans alle unberittcnen Tetons, und mußten nun auch ihrerseits weichen. Jetzt wurde der Streit zusammenhängender und umfassender. Als die heiße V^fth, welche beide Theile getrieben, den tödtlichen Kampf zu beginnen, nachgelassen, waren die Häuptlinge fähig, ihren Einfluß zu brauchen und die gegenseitigen Anfälle mit Klugheit zu leiten und zu mäßigen. In Folge der Ermahnung ihrer Anführer suchten die Sioux einzelne Verstecke auf, entweder hinter dem hohen Grase, oder wo sich hier und da ein Busch oder eine kleine Unebenheit des Bodens zu ihren Gunsten zeigte, und die Schüsse der Pawneekrieger wurden demgemäß auch behutsamer und wirkten weniger. Auf diese Weise dauerte der Kampf mit abwechselndem Erfolge und ohne viel Verlust fort. Den Sioux war wenigstens das gelungen, daß sie sich in ein dichtes, verschlungenes Gras geworfen, wo die Pferde ihrer Feinde nicht eindringen konnten, oder wo sie, wenn es ihnen gelang, durchaus unnütz wurden. Jetzt wurde es nöthig, die Tetons aus diesem Verstecke fortzutreiben, oder den ganzen Kampf aufzugeben. Verschiedene verzweifelte Angriffe waren schon zurückgetrieben, und die entmnthigten Pawnee's dachten bereits an Rückzug, als Hart-Herz's wohlbekanntes Kriegsgeschrei nahebei gehört wurde, und im nächsten Augenblick der Häuptling in ihrer Mitte erschien, die Schädelhaut des großen Sioux wie ein Banner, das nothwendig znm Siege führen müsse, schwenkend. Ein Jnbelgeschrei begrüßte ihn, nnd so folgte man ihm in das Versteck mit einem Ungestüm, welcher für den Augenblick Alles vor sich Hintrieb. Aber die blutige Trophäe in der Hand des Helden diente eben so, die Angegriffenen als die Angreifenden zu befeuern. Mahtoree hatte manchen kühnen Helden in seinem 31 * 484 Stamme hinterlassen, und der Redner, welcher in den Tagesdebatten so friedliche Gesinnungen verrathen, bewies jetzt die alleredelste Hingebung, um die Reliquie eines Mannes, den er nie geliebt, den Händen der offenkundigen Feinde seines Volkes zu entreißen. Der Erfolg entschied sich für die größere Zahl der Streiter. Nach einem heftigen Kampfe, in welchem alle Häuptlinge an persönlichem Muthe und persönlicher Geschicklichkeit Außerordentliches leisteten, sahen sich die Pawnee's genöthigt, in's offene Feld zurückzuweichen, dicht von den Sioux gedrängt, die nicht verfehlten, jeden Fuß breit Landes, den ihnen ihre Feinde ließen, zu besetze». Hätten die Tetons sich am Rande des hohen Grases gehalten, so wäre die Ehre des Tages aller Wahrscheinlichkeit nach die ihre geblieben, trotz des unersetzlichen Verlustes, den sie durch Mahtoree's Tod erlitten. Aber die kühnern Helden der Bande machten sich eines Versehens schuldig, welches das Glück der Schlacht gänzlich wendete, und sie plötzlich aller mühsam errungenen Vortheile beraubte. Ein Pawneehänptling war unter zahllosen Wnnden gefallen; er sank dahin — ein Ziel für ein Dutzend Pfeile — in dem hintersten Zuge seiner znrückwcichenden Partei. Ohne daran zu denken, ihren Feinden weiter Schaden zuznfügen, und der Verwegenheit eines solchen Unternehmens nneingedenk, sprang jeder Siouxheld sogleich mit gellendem Siegsgeschrei herzu, Alle vom Wunsch entbrannt, den Leichnam des Tobten zu skalpiren, so den höchsten Kriegsrnhm einerntend. Da überfiel sie Hart-Herz mit wenigen auserwählten Kriegern, die alle ebenso von der Begier brannten, die Ehre ihrer Nation von einer so bösen Beschimpfung zu retten. Es war jetzt ein wahres Handgemenge, und Blut fing an stärker zu fließen. Als die Pawnee's sich mit dem geretteten Leichnam zurückgezogen, folgten ihnen die Sioux ans dem Fuße, und endlich brachen die Letzteren insgesammt ans ihrem Versteck hervor, mit einem allgemeinen Geschrei, und blos physische Uebermacht schien allen Widerstand unnütz zu machen. 485 Hart-Herz's Schicksal und das der Seinigen, die alle lieber gestorben wären, als daß sie von ihrem Vorhaben gelassen, hätte sich jetzt vielleicht schnell entschieden, wäre nicht ein mächtiger und unberechneter Umstand zu ihren Gunsten eingetretcn. Ans einem kleinen Gebüsch links ertönte ein lautes Hurrah, und gleich darauf folgte eine Ladung ans den verhängnißvollen europäischen Flinten. Fünf oder sechs Sioux stürzten tödtlich verwundet, und jeder Arm sank plötzlich unthätig nieder, als hätte es ans den Wolken geblitzt, um die Sache der Loups zu unterstützen. Dann kamen Jsmael und seine stämmige» Söhne zum Vorschein, über ihre verrätherischen Feinde herfallend, und mit Blicken und Stimmen, die genugsam die Absicht ihres Erscheinens verkündeten. Das war zu viel für die Tapferkeit der Tetons. Mehrere ihrer beherztesten Häuptlinge waren schon gefallen, und die übrig bleibenden wurden sogleich von dem großen Haufen verlassen. Wenige der allerverzweifeltsten Helden verweilten noch immer neben dem verhängnißvollen Symbol ihrer Ehre, und fanden dort ruhmvoll ihren Tod unter den Streichen der neu ermuthigtcn Pawnee's. Eine zweite Ladung aus den Flinten des Squatters und der Seinen vollendete indessen den Sieg. Man sah nun die Sioux nach entfernteren Verstecken fliehen, mit demselben Eifer und derselben Verzweiflung, wie sie sich vor wenigen Minuten in's Gefecht gestürzt. Die trinmphirendcn Pawnee's setzten jetzt an zur Jagd, wie eben so viel hitzige, wohlab- gerichtete Hunde. Von allen Seiten hörte man Siegesjubel oder das gellende Geschrei nach Rache. Einige Flüchtlinge versuchte» die Leichen ihrer gefallenen Krieger fortzubringen, aber die heiße Verfolgung zwang sie sehr bald, die Erschlagenen hinter sich zu- rückzulaffen, um nur die Lebenden zu retten. Unter allen ver- zweiflungsvollen Anstrengungen, welche bei der Gelegenheit verfielen, um die Ehre der Sioux von dem Flecken zu retten, welcher nach ihrer besonderen Meinung mit dem Verlust des Schädels 486 eines gefallenen Helden znsainmenhing, war mir eine einzige von einem glückliche» Erfolge begleitet. Des Widerstandes, welchen ein einziger Häuptling den feindlichen Vorkehrungen im Rathe von heut Morgen entgegensetzte, ist bereits Erwähnung geschehen- Aber nachdem er seine Stimme vergeblich erhoben, um Frieden zu stiften, war sein Arm keineswegs lässig im Dienste des Krieges. Seiner Kühnheit ist schon gedacht worden, und es war vorzüglich sein Mnth und sein Beispiel, welche die Tetons zu den heroischen Anstrengungen anfeuerten, als Mahtoree's Tod bekannt geworden. Dieser Krieger, welcher in der figürlichen Sprache seines Volkes ,dcr schießende Adler' genannt worden, war der allerletzte gewesen, die Hoffnungen auf den Sieg aufzugeben. Als er fand, daß das Knallen der fürchterlichen Flinten seiner Bande ihre schwer errungene» Vortheile geraubt, kehrte er sich plötzlich unter einem Schauer von Geschossen nach dem geheimen Fleck, wo er sein Pferd unter dem dichtesten Grase versteckt hatte. Hier fand er einen neuen und ganz unerwarteten Mitbewerber, bereit, sich mit ihm in einen Streit über den Besitz des Thieres einzulaffen. Es war Bohreechenea, Mahtoree's alter Freund, derselbe, dessen Stimme seinem weiseren Rathe entgegengeschallt hatte; von einem Pfeile durchbohrt, kämpfte er augenscheinlich bereits mit den Schmerzen des herannahenden Todes. „Ich bin auf meinem letzten Kriegspfade gewesen," sagte der grimmige alte Krieger, als er den wahren Eigenthümer des Thieres kommen sah, um sein Recht geltend zu machen. „Soll ein Pawnee die weißen Haare eines Sioux in sein Dorf schleppen, damit sie Weibern und Kindern'zum Gespött werden?" Der Andere ergriff seine Hand, indem er auf die Bitte mit dem festen Blicke eines unbeugsamen Entschlusses antwortete. Mit diesem schweigenden Unterpfands half er dem-verwundeten Manne aufs Pferd. Sobald er dieses außerhalb dem Bereich des Grasfleckes geführt, schwang er sich selbst auf dessen Rücken, und indem 487 er den Gefährten an seinen Gart festband, jagte er hinaus auf das offene Feld, der wohlbekannten Schnellfüßigkeit des Thieres ganz ihre beiderseitige Rettung anvertrauend. Die Pawnee's hatten kaum beide Flüchtlinge in's Auge gefaßt, als auch schon Mehrere ihre Rosse zur Verfolgung umlenkten. So ging es ungefähr eine Meile fort, ohne daß dem Dulder auch nur ein Laut entfahren wäre, obgleich zu der Todesqual, in der sein wunder Körper sich befand, sich noch die Pein gesellte, daß er die Feinde bei jedem Hnfschlag hinter sich erblickte. „Halt!" rief er, den schwachen Arm anfhebend, um die Eile seines Gefährten zurückzuhaltsn. „Der Adler meines Stammes muß seine Fittiche weiter ausbreiten. Möge er die weißen Haare eines alten Kriegers in das Dorf der Tetons bringen!" Es bedurfte nur weniger Worte zwischen Männern, welche von denselben Gefühlenssür den Ruhm geleitet wurden, und welche von den Grundsätzen einer romantischen Ehre so durchdrungen waren. Der,schießende Adler" schwang sich vom Pferde herab, und half dem Andern heruntersteigen. Der alte Mann warf sich mit dem schwankenden Körper auf die Kniee und streckte dann, nachdem er noch einen Blick hinauf in das Gesicht seines Landsmannes geworfen, als wolle er ihm Lebewohl sagen, den Nacken aus, um den Todesschlag zu empfangen, um den er selbst gebeten. Wenige Streiche mit dem Tomahawk und ein Rnndschnitt des Messers waren hinlänglich, den Kopf vom Rumpfe zu trennen. Der Teton stieg wieder auf, zeitig genug, um einer Flucht von Pfeilen zu entgehen, die der Eifer seiner getäuschten Verfolger ihm nachsendete. Das grimmige und blutige Haupt schwenkend, schoß er mit Triumphgeschrei von dem Orte hinweg, und fegte über die Ebene, als würde er in der That von den Flügeln des mächtigen Vogels getragen, von dessen Eigenschaften er den schmeichelhaften Namen erhalten hatte. Der ,schießende Adler" erreichte glücklich sein Dorf. Er gehörte zu den wenigen Sioux, L88 welche dem Gemetzel dieses vcrhängnißvollen Tages glücklich entgingen, und lange Zeit hindurch war er unter den Geretteten allein fähig, in den Berathungen seiner Nation seine Stimme wieder zu erheben, ohne an Zutrauen verloren zu haben. Das Messer und die Lanze verkürzte den Rückzug des großem Theils unter den Besiegten. Sogar. der Haufe der Weiber und Kinder, welche sich zurückgezogen, wurde von den Siegern auseinander gesprengt, und lange schon war die Sonne hinter den Anhöhen gegen Westen nntergcgangcn, ehe das fürchterliche Schlachtgeschäft dieser traurigen Niederlage ganz beendet war. Einunddreißigstes Kapitel. Wer ist der Kaufmann hier, und wer der Jude? Shakespeare. (Kaufmann von Venedig.) Ä>m folgenden Tage beleuchtete der grauende Morgen ein ruhigeres Schauspiel. Das blutige Werk hatte gänzlich aufgehört, und als sich die Sonne erhob, ergoß sich ihr Licht über ein weites Gefilde der Ruhe und Einsamkeit. Jsmaels Zelte standen noch, wo wir sie zuletzt gesehen, aber keine andere Spur eines menschlichen Daseins ließ sich irgendwo sonst in der Wüste auffinden. Hier und dort flogen Schaaren Raubvögel kreischend über die Orte, wo irgend ein schwerfüßiger Teton den Tod gefunden. Sonst aber war jedes Zeichen des jüngsten Kampfes verschwunden. Man konnte dem Flusse, vermöge seines gekrümmten und rauchenden Bettes, weit durch die endlosen Wiesen folgen, und die kleinen Silberwölkchen leichtern Dunstes, die über den Sümpfen und Quellen hingen, schmolzen schon in der Luft, als sie die Wärme empfanden, die dem glühenden Himmel entströmend, ihren sanfteren Einfluß jedem Gegenstände der weiten und schattenlosen Gegend 489 mittheilte. Die Prairie glich einem Wolkenhimmel nach einem dunkeln Wolkenbrnche, Alles sanft, ruhig und still. So stand Alles rundum, als die Familie des Squatters zu- sammentrat, um einen endlichen Beschluß hinsichts der verschiedenen Individuen zu fassen, welche durch die vorhin erzählten Vor- und Zufälle in ihre Gewalt gerathen waren. Alles, was von ihr Leben und Freiheit besaß, war schon von dem ersten Tagesgranen an auf den Beinen, und selbst das jüngste Wesen dieser wandernden Brut schien es vollkommen zu wissen, daß ein Moment erschienen sei, wo Umstände an's Tageslicht kommen würden, welche ' einen bedeutenden Eindruck auf sie, bei dem ihnen gefallenen Loose einer halben Barbarei machen mußten. Jsmael schritt durch sein kleines Lager mit dem Ernste eines Mannes, dem unerwartet Dinge von einer Wichtigkeit, die weit über die gewöhnlichen Begebenheiten seines nnstäten Lebens hinans- gingen, zur Entscheidung zngcsallen waren. Seine Söhne indessen, welche so oft Gelegenheit gefunden, die unerbittliche Strenge in ihres Vaters Charakter zu erprüfen, sahen in seiner finstern Miene und seinem kalten Auge, weit mehr die Entscheidung, bei seinen Beschlüssen zu verharren — die er gewöhnlich eben so hartnäckig durchsetzte, wie er sie starrsinnig gefaßt — als irgend Spuren von Schwanken und Zweifel. Selbst Esther war merklich durch die wichtigen, so schwer ans dem Wohl ihrer Familie lastenden Ange- ^ legenheiten aufgeregt. Während sie nichts von den häuslichen Verrichtungen vernachlässigte, die sie unter allen denkbaren Verhältnissen würde ansgesührt haben — gerade wie der Erdball sich umschwingt, auch wenn Erdbeben seine Rinde spalten und Vulkane seine Eingeweide verzehren — so war doch offenbar ihre Stimme gedämpfter und etwas weniger keifend 'als gewöhnlich, und wie oft sie auch ihre Kinder schalt, so geschah dieß doch mit weit mehr Mäßigung und Berücksichtigung der Würde und des Ansehens, die ihr als Mutter an und für sich zukamen. 490 Abiram schien, wie gewöhnlich, am meisten dem Zweifel und der Sorge hingegeben. In den Blicken, die er häufig auf Jsmaels unwandelbar festes Gesicht warf, lag manches von Scheelsucht, woraus Jeder entnehmen konnte, wie wenig von ihrem frühem Zutrauen und guten Vernehmen noch zwischen ihnen übrig war. Diese Blicke schienen seltsam zwischen Furcht nnd Hoffnung zu schwanken. Zuweilen strahlte, sein Gesicht über nnd über von einer bösen Lust, wenn er das Auge ans das Zelt richtete, in welchem seine wieder errungene Gefangene sich befand, und gleich darauf schien dieser Eindruck, ohne daß man wußte wie, durch irgend eine innere aufsteigende Angst wieder verjagt. Wenn dieses letztere Gefühl vorwaltcte, verfehlte sein Auge niemals, im Gesichte seines finstern und undurchdringlichen Verwandten nachznforschcn. Hier aber fand er eher neue Ursache zur Besorgniß, als Gründe, Muth zn fassen; denn der ganze Geslchtsausdruck des Squatters sprach die fürchterliche Wahrheit aus, daß er sich ganz von dem Einfluß des Seelenverkäufers losgemacht habe, nnd daß er jetzt lediglich nur das brüte, was sein eigener starrer Geist ihm eingab. So stand es hier, als Jsmaels Söhne, einem Befehl ihres Vaters zn Folge, alle die Personen, über welche er bei sich Be- rathnng gepflogen, aus ihren verschiedenen Verhaftplätzen hinaus in's Freie führten. Kein einziger war hierbei ausgenommen. Middleton und Jnez, Paul und Ellen, Obed nnd der Wildsteller wurden sämmtlich hörausgebracht und so hingestellt, wie man es für schicklich hielt, daß sie den Urtelsspruch ihres nach Willkür sprechenden Richters empfangen könnten. Die jüngeren Kinder sammelten sich um den Fleck, voll einer Neugier, die, wenn auch nur vom Augenblick aufgeregt, doch im Steigen blieb; selbst Esther ließ ihre Töpfe stehen, und kam her, um zu horchen. Von seiner ganzen Bande war Hart-Herz allein zugegen, um Zeuge dieses neuen und ganz und gar nicht unwichtigen Schauspiels zn sein. Ernst stand er da, auf seine Lanze gelehnt, während das rauchende Pferd, das iii der Nähe grasete, bewies, daß er weit und scharf geritten, um ein Zuschauer bei diesem Vorgänge zu werden. Jsmael hatte seinen neuen Verbündeten mit einer Kälte empfangen, die von einer gänzlichen Unempfindlichkeit für die Artigkeit des jungen Häuptlings zeugte, der ganz allein gekommen war, damit die Gegenwart seiner Krieger kein Unbehagen oder Mißtrauen erzeugen möge. Er bemühte sich weder um ihren Beistand, noch fürchtete er ihre Feindschaft, und schritt jetzt an sein Tagewerk mit der ruhigen Fassung, als wäre die Art patriarchalischer Macht, die er jetzt wirklich ansübte, eine allgemein anerkannte. Im Besitze jeder Autorität liegt etwas Erhebendes, wie man sie auch mißbrauchen möge. Der Geist findet sich zu Anstrengungen aufgelegt, um zu beweisen, wie ihr Eigenthümer die hier nöthigen Eigenschaften ansfülle, obgleich eben diese Anstrengungen oft fehlgehe», und das lächerlich machen, was vorher nur gehässig war. So war es aber nicht bei Jsmael Busch der Fall. Ernst in seiner äußern Erscheinung, mürrischen Temperamentes, furchtbar durch seine physischen Kräfte, und gefährlich durch seine Auflehnung gegen die Gesetze, erregte sein selbst errichtetes Tribunal eine Art ehrfurchtsvoller Scheu, von der selbst der gebildete Middleton nicht ganz frei blieb. Es war diesem indessen wenig Zeit gelassen, seine Gedanken in Ordnung zu bringen, denn der Squatter, obwohl sonst nicht eben hastig, war jetzt, da er schon mit sich selbst ganz einig, wenig geneigt, hier durch Aufschub seine Zeit zu vergeuden. Als er sah, daß Alle auf ihren Plätzen standen, überschaute er finster alle Gefangenen, und wandte sich dann an den Kapitän, als den vornehmsten unter seinen Delinquenten. „Ich bin heut zu dem Dienste berufen, den Ihr in den Niederlassungen den Richtern anvertrant, die besonders angestellt sind, über die Streitigkeiten zu entscheiden, die zwischen Mann und Mann entstehen. Ich kenne nur wenig von der Art und Weise der Gerichtshöfe, obgleich da eine Regel gilt, die Allen bekannt 492 ist, und die da heißt: Auge um Auge und Zahn um Zahn! Ich Hause eben nicht gern in den Gerichts- und Gemeindehäusern; am allerwenigsten gefällt mir das Leben in einer Ansiedlnng, die der Sheriff schon in sein Register eingetragen hat; und doch liegt Vernunft in solchem Gesetze, die es räthlich macht, dabei zu verharren, und deßhalb sei es hier heilig gelobt, daß ich heut daran festhalten, und Allen und Jedem das geben werde, was ihm znkommt, und nicht mehr." Nachdem Jsmael sich soweit Luft gemacht hatte, hielt er inne und sah sich um, als wolle er die Wirkungen seiner Rede in den Gesichtern seiner Zuhörer lesen. Als sein Auge auf Middleton traf, antwortete ihm dieser: „Wenn der Uebelthäter bestraft werden soll, und Der, welcher Niemand beleidigt, gehen kann, wohin er will, so müßt Ihr mit mir die Plätze vertauschen, und Gefangener werden, statt Richter zu sein." „Ihr wollt damit sagen, ich hätte Euch Unrecht gethan, indem ich die Lady ans ihres Vaters Hanse fortnahm, und sie gegen ihren Willen so weit in diese wilden Gegenden geführt habe," erwiederte der unerschütterlich feste Mann, indem er dabei eben so wenig Kränkung als Rene verrieth. „Ich will eine dunkle That mit keiner Lüge schwärzer färben und Eure Anführung bestreiten. Seit es einmal zwischen uns so weit gekommen, habe ich Zeit gefunden, über die Sache ganz mit Muße nachzndenken, nnd obschon ich keiner von enern schnellen Denkern bin, die die Natur aller Dinge sehe» können, indem sie nur das Auge umzn- drehen brauchen — oder es doch wenigstens vorgeben — so bin ich doch ein Mann, der gegen Vernunft nicht die Ohren znhält, und, wenn es an der Zeit ist, nicht die Wahrheit verläugnet. Deßhalb bin ich jetzt vollkommen mit mir einig geworden, daß cs ein Fehltritt gewesen, ein Kind von seinen Eltern fortznneh- men, und die Lady soll dahin wieder zurückgebracht werden, von woher sie mitgenommen, so anständig und sicher als dieß Jemand thun kann." „Wahrhaftig," fügte Esther hinzu, „der Mann hat recht. Armuth und Arbeit lasteten schwer auf ihm, besonders weil die Beamten der Grafschaft schwierig wurden, und in einem schwachen Augenblicke that er die schlechte Handlung, aber er hat auf meine Worte gehorcht, und sein Herz ist wieder auf dem rechten, ehrlichen Fleck. Es ist ein schweres und gefährliches Ding, die Töchter von anderen Leuten in eine friedliche und ordentliche Familie einzubringen!" „Und wer wird Euch denn das noch danken, nach dem, was seitdem geschehen ist?" murmelte Abiram mit grinsendem Lächeln, in welchem der Unmuth über das Fehlschlagen seiner Hoffnung mit Bosheit und Schrecken sich widrig aussprachen. „Wenn der Teufel einmal seine Rechnung gemacht hat, so zahlt Euch Niemand dafür voll aus, als er allein." „Friede!" rief Jsmael, indem er seine schwere Rechte dem Verwandten in einer Art entgegenstreckte, welche den Sprecher augenblicklich stumm machte. — „Eure Stimme klingt mir in den Ohren wie die des Raben. Hättet Ihr nie gesprochen, so hätte ich mir diese Schmach erspart." „Wenn Ihr denn aufangt, Euren Jrrthum einzusehen und die Wahrheit zu erkennen," sprach Middleton, „so thut Nichts halb, sondern erkauft Euch durch Euer edles Benehmen Freunde, die Euch von Nuhen sein können, wenn es gilt, irgend eine künftige Gefahr, die vom Gesetze Euch droht, von Euch abzuwehren ...." „Junger Mann," unterbrach der Squatter mit gerunzelter Stirn, „Ihr habt ebenfalls genug gesprochen. Hätte Furcht vor Gesetzen mich überkommen, so wäret Ihr hier nicht als Zeuge der Art und Weise, wie Jsmael Busch Gerechtigkeit pflegt." „Unterdrückt nicht Eure guten Vorsätze, und bedenkt, wenn Ihr Einem unter uns Gewalt authun wollt, daß eben der Arm 494 des Gesetzes, den Ihr verachten zu wollen scheint, sehr weit reicht. Wenn anch seine Bewegnngen zuweilen langsam sind, sind sie doch deßhalb nicht minder sicher." ' „Da liegt sehr viel Wahrheit in den Worten, Sqnatter!" sagte der Wildsteller, vor dessen gespannt aufmerksamem Ohre selten eine einmal ansgesprochene Sylbe unbeachtet vorüber ging. „Ein Mann mit unruhigem Leib und Geist findet das hier oft bewährt, in diesem Lande von Amerika; wo, wie sie doch sagen, der Mensch, im Vergleich mit anderen Ländern, ganz sich selbst und seinen eigenen Wünschen überlassen ist; und wahrhaftig, er ist darum nicht weniger männlich und kräftig »nd ehrlich wegen dieses Vorrechts! Wißt ihr wohl, meine Freunde, daß es Länder gibt, wo das Gesetz so geschäftig ist, daß es uns bestimmt: ans die Weise sollst du leben, ans die Weise sollst dn sterben, und gerade ans die und die Art deinen Abschied von der Welt nehmen, um dann vor Gottes Richterstnhl gesandt zu werden! — Das ist ein schlechtes Verfahren und ein häßliches Einmische» in das große Geschäft des Einen, der seine Geschöpfe nicht gemacht hat, daß sic wie Ochsen eingepfercht werden sollen, und von Feld zu Felde geschleppt, wie ihre eigennützigen und bethörtcn Hüter cs ihrer Bequemlichkeit und ihrem Vortheil für angemessen halten. Das muß ein klägliches Land sein, wo sie den Geist eben so wie den Leib fesseln, und wo Gottes Geschöpfe, die als seine Kinder geboren wurden, so eingezwängt gehalten werden durch die schlechten Anstalten von Mensctzen, die das Amt des großen Regierers unser Aller über sich genommen haben!" Während der alte Jäger seine Meinung in dieser sehr schluß- gerechten Folgerung von sich gab, begnügte sich Jsmael, ganz rnhig zn bleiben, obgleich sein auf dem Sprecher haftender Blick jedes andere Gefühl eher ansdrückte, als das der Freundschaft. Als der Alte geendet, wandte Jener sich wieder zn Middleton, und fuhr fort, wo ihn der Wildsteller unterbrochen. ' „Was Euch betrifft, mein junger Kapitän, so war Unrecht 495 auf beiden Seiten. Wenn ich Euch arg mitgespielt habe, indem ich Euch Euer Weib genommen mit der ehrlichen Absicht, sie Euch wieder zu geben, sobald die Plane jenes eingefleischten Teufels abgelaufen wären, so seid Ihr doch dafür in mein Lager gebrochen, und habt in unrechtmäßiger Selbsthilfe, wie sie es nennen, was aber noch sehr mild ausgedrückt ist, mein Eigenthum zerstört." „Was ich that, geschah nur zur Befreiung . . . ." „Die Sache zwischen uns ist abgemacht," unterbrach ihn Js- mael, wie Jemand, der, nachdem er einmal seine Meinung über eine entscheidende Streitigkeit ausgesprochen, sich wenig um die der Andern kümmert. „Ihr und Euer Weib könnt frei stehen und gehen, wann und wohin cs euch gefällt. Abuer, mache den Kapitän los. Wollt ihr verweilen, bis ist' bereit bin, näher an die Niederlassungen zu ziehen, so sollt ihr Beide so lange einen Wagen haben; wo nicht, so sagt niemals, daß es euch an einem freundlichen Anerbieten gefehlt." „Möge mich der Stärkere unterdrücken, und schwer sollen meine Sünden auf meinem Haupte lasten, vergesse ich je Euer ehren- werthes Benehmen, wie lange es auch gedauert, ehe ich es zu sehen bekam," rief Middleton, indem er zu seiner weinenden Jnez eilte, sobald er frei geworden. „Freund, bei der Ehre eines Soldaten, Alles, was Ihr selbst dabei gethan, soll vergessen sein, ich mag auch Schritte thun, welche ich will, sobald ich einen Platz erreiche, wo der Arm eines Gouverneurs Kraft hat." Das dumpfe Lächeln, womit der Auswanderer diese Betheurung beantwortete, zeigte, wie wenig er auf eine Versicherung gab, welche der junge Mann im ersten Aufwallen der dankbaren Gefühle gethan. „Weder Furcht noch Gunst, sondern was ich Gerechtigkeit nenne, bewog mich zu dem Urtheil," sagte er. „Thnt Ihr das, was Ihr in Euren Augen für Recht haltet, und glaubt, daß die Welt weit genug ist für uns Beide, ohne daß unsere Wege sich 496 begegnen müßten! Seid Ihr zufrieden, gut; seid Ihr nicht zufrieden, so sucht Euch auf Eure eigene Weise zufrieden zu stellen. Ich verlange nicht in Eurer Achtung zu steigen, wenn Ihr mich einmal sinken zu lassen für gut befindet. Und jetzt, Doktor, bin ich zu Eurem Blatt in meinen Rechnungen gekommen. Jetzt ist es Zeit, die kleine Rechnung zusammen zu snmmiren, die seit einiger Zeit zwischen uns ausgelaufen. Offen und ehrlich habe ich mit Euch gehandelt: wie habt Ihr das vergolten?" Jsmael hatte mit besonderem Glück die Verantwortlichkeit für Alles, was vorgefallen, von seinen Schultern auf die seiner Gefangenen gewälzt. Diese standen nun in der That, da eine philosophische und logische Prüfung hier nicht eben zu erwarten war, etwas verwirrt da, als sie ganz unerwartet für ein Benehmen Rede stehen sollten, welches, ihrem einfachen Sinne nach, sie für gerecht halten mußten. Obeds Leben war so ganz der Theorie gewidmet gewesen; er wußte sich daher in einer Lage durchaus nicht zu lassen und zu finden, die für ihn eben nicht so außerordentlich gewesen wäre, hätte er sich nur ein wenig mehr auf den Wegen dieser Welt ergangen. Der ehrwürdige Naturforscher war nicht der Erste, welcher in dem Augenblicke, wo er volles Lob erwartete, Tadel einerntete, und nun für eben die Aufführung, auf welche er alle seine Ansprüche gründete, Rede stehen sollte. Obgleich nicht wenig gekränkt und betroffen über die unerwartete Wendung ihres Vertrages, suchte er doch die Umstände, so gut es ging, zu benutzen, und Alles zu seiner Rechtfertigung vorzn- bringen, was ihm bei seiner Verwirrung zuerst in den Sinn kam. „Daß da zuerst ein gewisses Compactum oder eine Bereinigung zwischen Obed Batt, U. 0., und Jsmael Busch, dem reisenden oder wandernden Landwirth, stattgefunden," sagte er, indem er jede Beleidigung in dem Gebrauch der Ausdrücke zu vermeiden suchte, „bin ich gar nicht Willens zu längnen. Zugeben will ich ferner, daß darin bedingt oder stipulirt worden, daß eine gewisse L97 Reise zusammen solle zurückgelegt werden, oder in Gesellschaft, bis so und so viel Tage verstrichen wären. Aber da besagte Zeit vollständig abgelaufen, so wage ich es, geradezu ausznsprechen, daß man den Vertrag jetzt als verjährt ansehen könne?' „Jsmael!" unterbrach ihn die ungeduldige Esther, „verliere keine Worte mit dem Kerl, der deine Knochen eben so leicht zerbrechen kann, als er sie wieder ansetzt, und lasst mir den Teufel und Giftmischer laufen! Mit Schachteln und Flaschen ist er ein Betrüger. Gib ihm die Hälfte der Prairie und behalte die Andere für dich. Er ist mir der rechte Acclimator! Ich wollte mir ja die Bengels in einer Woche ans jedem Fieber acclimatiren, und ich wollte kein Wort dabei brauchen, nichts mehr und minder als die Rinde vom Kirschbanm, und vielleicht dazu ein Tropfen oder zwei Herzstärknng aus dem Westen. Eines ist gewiß, Jsmael, ich liebe keinen Reisegefährten, der ein ehrliches Weib so mir nichts dir nichts zu Aerger und Schmerzen bringen kann, und das ganz, ohne sich zu bekümmern, ob Eines Wirthschaft dabei in Ordnung ist oder nicht." Das tiefe Dunkel, welches über des Squatters Stirn gelagert war, wurde für den Augenblick durch einen Anstrich von Laune verscheucht, und er antwortete: „Andere Leute möchten wohl anders nrtheilen, Esther, über die Verdienste von des Mannes Kunst. Aber wenn's dein Wille ist, daß er von uns ziehe, so will ich auch nicht die Prairie pflügen, damit's ein schwererer Weg wird. Freund, Ihr habt volle Freiheit, in die Niederlassungen zu ziehen, und da würde ich Euch rathen, zu verweilen, weil Leute wie ich, die nur wenige Kontrakte schließen, sie auch nicht eben gern brechen sehen." „Und nun, Jsmael," erwiederte sein siegendes Weib, „um unsere Familie ruhig zu halten, und Alles, was hier lodert und im Herzen kocht, zur Ruhe zu bringen, zeige jener Rothhaut und seiner Tochter," indem sie dabei auf den alten Le Balafre und die Die Prairie. 32 498 verwittwete Tachechana zeigte, „den Weg in ihr Dorf, und lass uns in Einem Athem zn ihnen sagen: Gott zum Grnß, und Gott befohlen!" „Sie sind die Gefangenen des Pawnee's nach den Regeln des indianischen Krieges, und ich darf nicht in seine Rechte greifen." „Hüte dich vor'm Teufel, mein Mann! Er ist ein Betrüger und Versucher, und Niemand kann sagen, daß er sicher sei, so lange er ihm vor den Augen etwas vorspiegelt. Nimm den Rath von Einer an, die deines Namens Ehre im Herzen trägt, und schick' mir die kupferfarbige Jesabel fort." Der Squatter legte seine breite Hand auf ihre Schulter, und indem er ihr fest in's Auge blickte, antwortete er in eben so ernsten als feierlichen Tonen: „Weib, mir haben etwas vor uns, was unsere Gedanken auf andere Dinge lenkt, als auf die Thorheit, die du meinst. Denke an das, was kommt, und laß deine jämmerliche Eifersucht schlafen." „'s ist wahr, 's ist wahr," murmelte sein Weib, indem sie sich zu ihren Töchtern zurück begab. „Gott verzeih' mir, daß ich's vergessen sollte." „Und jetzt, junger Mann, Ihr, der Ihr so oft in meinen Bereich gekommen, unter dem Vorwand, die Bienen in ihren Hohlen anfzusnchen," fing Jsmael nach einer momentanen Panse an, um wieder die vorige Ruhe zn gewinnen, „mit Euch habe ich eine schwierige Rechnung abznschließcn. Nicht zufrieden, mein Lager geplündert zu haben, habt Ihr auch ein Mädchen gestohlen, die mit meiner Frau verwandt ist, und die einmal, wie ich gedacht, meine Tochter werden sollte." Diese Frage war von weit größerem Eindruck, als alle vorhergehenden. Alle jungen Leute richteten neugierig ihre Blicke auf Paul und Ellen, von denen Jener in keiner geringen geistigen Verwirrung schien, während Diese verschämt ihr Gesicht auf der Brust ruhen ließ. 499 „Hört 'mal., Freund Jsmael Busch," erwiederte der Bienen- jäger, als er sah, daß man von ihm Antwort erwarte, auf die Anklage wegen nächtlichen Einbruchs und Entführung, „daß ich mit Euren Kannen und Krügen eben nicht zum höflichsten verfuhr, das will ich nicht gerade bestreiten. Wenn Ihr mir den Werth von der ganzen Geräthschaft angeben wollt, ist es möglich, daß wir uns ganz in Frieden ausgleichen, und alles Nebel ist dann vergessen. Ich war gerade nicht in der Stimmung, wie zum in die Kirche gehen, als wir oben auf den Felsen kamen, und es ist wohl möglich, daß cs unter Euren Maaren da etwas Krächzen und Krachen gab, aber das Loch, auch in des besten Mannes Rock kann mit Gelde geflickt werden. Was aber Ellen Wade betrifft, so läßt sich darüber nicht so leicht Weggehen. Verschiedene Leute haben auch verschiedene Meinungen über die Ehe. Einige meinen, es wäre genug, ja und nein zu sagen auf die Frage der Obrigkeit oder des Pfarrers, wenn Einer gerade zur Hand ist, um einen glücklichen Hausstand zu machen; aber ich meine, wo die Seele eines jungen Mädchens Lust hat hinzugchen, da wäre es auch gut, man ließe ihren Körper Nachfolgen. Nicht, daß ich damit sagen wollte, Ellen wäre nicht zu dem gezwungen worden, was sie that, und deßhalb ist sie hierin gerade so unschuldig, wie jener Esel da, der sie tragen mußte, und wahrhaftig auch sehr gegen seinen Willen, wie ich Stein und Bein behaupten will, daß er es selbst sagen würde, wenn er so laut sprechen könnte, als er schreit." „Nclly," Hub der Squatter wieder an, der nur wenig Aufmerksamkeit auf das gerichtet, was Paul für eine sehr eindringende und geistreiche Rechtfertigung hielt, „Nclly, dieß ist eine weite und schlechte Welt, in die du dich mit solcher Hast gestürzt hast. Du hast ein Jahr laug in meinem Lager gegessen und geschlafen, und ich hoffte, dir wäre die freie Luft an der Gränze so bekommen, daß du gewünscht hättest, länger bei uns zu bleiben." 32 " „Lass doch dem Mädchen ihren Willen," murmelte von hinten Esther. „Der Einzige, der sie hätte überreden können, zn bleiben, schläft ans der kalten und nackten Prairie, und es bleibt wenig Hoffnung, daß sie ihre Laune ändern wird. Ueberdieß weißt du ja, jedes Weib hat ihren Willen und läßt sich nicht leicht von ihrem Eigensinn abbringen, wie du wohl selbst erfahren, mein guter Mann, oder ich wäre hier nicht die Mutter von deinen Söhnen und Töchtern." Der Squatter schien eben nicht geneigt, seine Absichten auf das verschämte Mädchen so leichten Kaufes aufzugeben. Ehe er auf die Mahnung seines Weibes antwortete, überblickte er noch einmal mit gewohnter Ruhe die gesammten Gesichter seiner Söhne, als sähe er sich um, ob auch kein einziger darunter sei, der die Stelle des Verstorbenen einnehmen könne. Paul hatte schnell genug diese Bewegung bemerkt, und indem er dem geheimen Gedanken des Andern näher als gewöhnlich kam, glaubte er die Auskunft gefunden zn haben, welche jede Schwierigkeit entfernte. „Es ist ganz klar, Freund Busch," sagte er, „daß es über diese Angelegenheit zwei Meinungen gibt, Eure, zn Gunsten Eurer Söhne, und meine, zu meinem Besten. Ich sehe nur Einen gütlichen Weg, diesen Streit auszngleichen, und das ist dieser: Wählt unter Euren Söhnen einen aus, welchen Ihr wollt, und dann wollen wir Beide einen Gang zusammen in die Prairie hinein, einige Meilen weit thnn. Der nun, der dort znrück- bleibt, wird nie im Leben Jemand mehr belästigen, und der da zurückkommt, der mag es allein auf sich nehmen, wie er das junge Mädchen sich geneigt macht." „Paul!" rief Ellen rügend, aber mit sanfter Stimme. „Fürchte nichts, Nelly," flüsterte ihr der Biencnjäger zn, der keinen andern Grund ihres Unbehagens in seiner einfachen Denkweise anfznflnden glaubte, als daß sie für ihn Sorge trüge; „ich habe sie mir Alle wohl gemessen, und du kannst auf ein Auge 501 vertrauen, das so manche Biene schon in ihrem Loche aufgefunden hat." „Ich will mich gar nicht dazu aufwerfen, die Neigungen zu regieren," bemerkte der Squatter. „Wenn des Mädchens Herz wahrhaft an den Niederlassungen hängt, so kann sie es ja erklären. Ich werde nichts dagegen thun, oder es hindern. Sprich, Nelly, und sage deine Wunsche grade 'raus, ohne Furcht und Scheu. Möchtest du uns verlassen, und mit diesem jungen Mann in die Niederlassungen znrückgehn, oder willst du hier bleiben, und das Wenige, was wir geben können und dir herzlich gern geben, mit uns theilen?" So aufgefordert zu entscheiden, konnte Ellen nicht länger zaudern. Der Blick ihres Auges war zuerst scheu und verstohlen. Als aber plötzlich ein dunkleres Roth ihr Gesicht färbte, und ihr Athem heftiger wurde, war es klar, daß der natürliche Math des Mädchens über die Verschämtheit ihres Geschlechts den Sieg davon trug. „Ihr habt mich als vaterlose, verarmte und freundlose Waise ausgenommen," sagte sie in innerem Kampfe mit der Sprache, „als Andere, die so leben, daß man wohl, mit Eurem Vermögen verglichen, es im Ueberffnß nennen kann, mich ganz vergaßen, und möge Euch der Himmel in seiner Güte dafür segnen! Das Wenige, was ich Euch gethan, wird Euch niemals für die eine gütige That belohnen. Ich liebe nicht Eure Art zu leben, sie ist gar zu verschieden von der, worin ich auferzogen ward, und weicht ganz ab von meinen Wünschen. Und doch, hättet Ihr nicht diese sanfte, harmlose Lady von ihrem Freunde fvrtgeführt, ich würde Euch nie verlassen haben, bis daß Ihr selbst gesagt hättet: Geh', und Gottes Segen mit dir." „Das war keine kluge Handlung, aber sie ist genug bereut, und so weit es mit Sicherheit geschehen kann, soll sie auch wieder 502 gut gemacht werden. Jetzt sprich frei heraus. Willst du bleiben oder gehen?" „Ich habe der Lady versprochen/' sagte Ellen, die Augen immer noch auf den Boden gerichtet, „sie nicht zu verlassen, und da sie so viel Uebles von uns erfahren, kann sie doch auch wohl fordern, daß ich mein Wort halte." „Nimm die Stricke von dem jungen Manne fort," sagte Js- mael. Als dieß geschehen, winkte er alle seine Söhne heran, und stellte sie in einer Reihe vor Ellen hin: „Nun, allen Scherz und Ausrede bei Seite, laß dein Herz sprechen. Hier ist Alles, was ich anbietcn kann, außer einem herzlichen Willkommen." Das bekümmerte junge Mädchen wandte ihren verschämten Blick vom Gesichte des eine» jungen Mannes auf das des Andern, bis er zuletzt auf Pauls unruhvolle Züge stieß. Da siegte die Natur über alle Rücksichten. Sie warf sich in die Arme des Bienenjägers und verkündete zur Genüge ihre Wahl, indem sie laut aufsenfzte. Jsmael winkte seinen Söhnen jetzt, sich zurück zu ziehen, und, wiewohl mit Verdruß, doch ohne eigentlich in seiner Erwartung getäuscht zu sein, zauderte er nun nicht länger. „Nimm sie, Freund," sagte er, „und gehe ehrlich und gut mit ihr um. Das Mädchen hat das an sich, was sie für Jedermanns Haus angenehm macht, und es würde mir leid thun, hörte ich, daß es ihr jemals übel ginge. Und jetzt habe ich mich mit euch Allen auf Bedingungen auseinander gesetzt, die Ihr hoffentlich nicht hart findet, sondern im Gegentheil gerecht und männlich. Ich habe nur noch Eine Frage, und die ist an den Kapitän. Wollt Ihr von meinen Gespannen Gebrauch machen, um in die Niederlassungen zurückzukehren oder nicht?" „Ich höre, daß einige meiner Soldaten in der Nähe der Paw- needörfer nach mir suchen," sagte Middleton, „und ich denke diesen Häuptling zu begleiten, um meine Leute zu treffen." „Dann heißt es, je eher je besser geschieden. Pferde stehen unten im Grunde in Menge. Geht, wählt Euch aus, und verlaßt uns in Frieden." „Das ist unmöglich, während der alte Mann, der beinahe ein halbes Jahrhundert hindurch ein Freund meiner Familie gewesen, hier als Gefangener znrückbleibt. Was hat er denn verbrochen, daß er nicht auch frei gelassen wird?" „Thnt keine Fragen, die zu schlimmen Antworten fuhren," erwiederte dumpf der Squatter. „Mit diesem Manne habe ich so meine eigenen Sachen zu verhandeln, wo es sich nicht schickt, daß ein Offizier der Staaten darum wisse. Geht, indessen Euer Weg offen ist." „Der Mann mag Euch vielleicht jetzt einen sehr guten Rath geben, auf den ihr Alle insgesammt horchen mochtet," bemerkte der alte Gefangene, der sich gar nicht unbehaglich in seiner seltsamen Lage zn fühlen schien. „Die Sioux sind ein sehr zahlreicher und blutdürstiger Stamm, und Niemand kann wissen, wie lange es dauern wird, bis sie wieder vorbrechen und der Rachespur nachgehen. Deßhalb sage auch ich zn euch, macht euch auf den Weg und nehmt euch besonders in Acht, wenn ihr die Gründe passirt, daß ihr nicht wieder in's Feuer euch verstrickt, denn die ehrlichen Jäger zünden oft um diese Jahreszeit das Gras an, damit die Büffel eine süßere und grünere Waide im Frühling finden." „Ich würde nicht allein meine Dankbarkeit vergessen, sondern auch meine Pflicht gegen die Gesetze, wenn ich diesen Gefangenen, selbst nach seinem Willen, in Euren Händen ließe, ohne daß ich einmal die Natur seines Verbrechens kenne, bei dem wir Alle seine unschuldigen Genossen sind." „Ist Euch das genug, wenn Ihr erfahrt, daß er alles das verdient, was er erhalten wird?" „Es würde wenigstens meine Meinung über seinen Charakter ändern." 504 „Seht denn dieß hier," sagte Jsmael, indem er dem Kapitän die Kugel vorhielt, die in Asa's todtem Körper gefunden worden. „Mit diesem Stück Blei streckte er einen so trefflichen Burschen nieder, als je einer seines Vaters Augen erfreute!" „Ich kann nicht glauben, daß er dieß gethan, außer nm sich selbst zu verthcidigen, oder vielleicht, weil er furchtbar gereizt worden. Daß er um den Tod Eures Sohnes wußte, muß ich bekennen, denn er zeigte uns das Gestrüpp, worin der Körper lag, aber daß er ihm mit Unrecht das Leben geraubt, davon kann mich nichts überzeugen, als wenn er selbst es eingesteht." „Ich habe lange gelebt," begann der Wildsteller, als er bei dem allgemeinen Stillschweigen fand, daß man erwarte, er werde sich gegen die schwere Anschuldigung verthcidigen, „und habe viel Böses in meinen Tagen gesehen. Manche heulende Bären und springende Panther habe ich angetroffcn, die nm den Bissen kämpften, der ihnen in den Weg geworfen war, und ich habe auch manche vernünftige Menschen gesehen, die mit einander bis aufs Blut kämpften, damit doch menschliche Thorheit auch ihr Recht behielte. Was mich anlangt, so hoffe ich, daß man das nicht als Prahlerei wird anslegen, wenn ich sage, obgleich ich manchmal meine Hand im Spiel hatte, wo es galt, gegen Schlechtigkeit und Unterdrückung anzukämpfen, daß ich doch nie einen Schlag gethan, vor dem der Thäter sich schämen müßte, wenn er ihn einst bei einer Abrechnung hört, die gewaltiger ist als diese." „Wenn mein Vater das Leben Jemandes von seinem Stamm genommen," sagte der junge Pawnee, dessen scharfes Auge das, was hier vorging, ans der Kugel und der Miene der Anderen schnell errathen, „so möge er sich immerhin selbst wie ein Krieger den Freunden des Todten ergeben. Er ist viel zu gerecht, als daß es der Stricke bedürfte, ihn zum Gericht zu schleppen." „Junger Mann, du läffest mir nur Gerechtigkeit widerfahren. Hätte ich die schlechte That gethan, deren sie mich beschuldigen, 505 so hätte ich genug männlichen Mnthes, zn kommen und mein Haupt hinznhalten dem Streiche der Rache, wie dieß alle gute und ehrliche rothe Leute thun." Indem er hierauf seinem besorgten indianischen Freunde einen Blick zuwarf, ihn nochmals von seiner Unschuld zn versichern, wandte er sich zu den übrigen aufmerksamen und mehr betheiligten Zuhörern, und fuhr englisch fort: „Ich habe nur eine kurze Erzählung zu berichten, und wer sie glaubt, der glaubt der Wahrheit, und wer sie nicht glaubt, der führt sich selbst irre und vielleicht auch seinen Nachbar. Wir lagen Alle rund um Euer Lager, Freund Squatter, weil, wie Ihr jetzt wohl argwöhnen mögt, wir fanden, daß eine mit Unrecht gefangene Dame darin verschlossen sei, und hatten dabei keine bessere oder schlechtere Absicht, als sie in die Freiheit zu versehen, die ihr von Natur znkam. Als sie sahen, daß ich mehr geschickt im Forschen war, als die Anderen, wurde ich, während sie noch im Versteck blieben, ausgeschickt ans die Prairie, um zn rekognvsciren. Ihr dachtet wohl wenig daran, daß Einer so nahe war, der Alles, was bei Eurer Jagd vorging, mit ansah, aber das war ich. Zuweilen lag ich flach hinter einem Busch ausgcstreckt, oder hinter Grasbüscheln, dann rollte ich mich wieder einmal den Hügel hinab in den Grund und Ihr träumtet nicht, daß alle Eure Bewegungen so bewacht waren, wie vom Panther, der den trinkenden Hirsch beschleicht. Beim Himmel, Jsmael Busch, als ich in meiner vollen Kraft war, habe ich geradezu in's Zelt des Feindes geblickt, und sie schliefen und träumten, als wären sie Wunder wie tief in Ruhe und Frieden! Ich wünschte nur, ich hätte Zeit, Euch das ausführlicher zn erzählen." „Weiter, weiter, in Euren Aufschlüssen," unterbrach ihn der ungeduldige Middleton. „Ach, und es war ein blutiger und kläglicher Anblick! Da lag ich tief unten im Grase, als zwei von den Jägern sich begegneten. Es war gar nichts Herzliches in ihrem Zusammentreffen, und gar 506 nicht so wie Leute, die sich in einer Wüste treffen, es doch thn» sollten. Aber icd dachte doch, sie würde» in Frieden wieder scheiden, bis ich sah, daß Einer die Flinte ans des Andern Rücken anlegte, und das that, was ich einen hinterlistigen und sündlichen Mord nenne. Es war ein edler nnd männlicher Jüngling, den es traf! — Obgleich das Pulver sein Kleid sengte, stand er doch noch eine Minute nach dem Schuß, che er fiel. Dann sank er auf die Kniee, schleppte sich aber männlich und verzweifelt nach dem Strauchwerk hin, wie ein verwundeter Bär, der ein Versteck sucht.» „Und weßhalb, im Namen des himmlischen Richters, verbargt Ihr dieß?" schrie Middleton. „Wie! Denkt Ihr, Kapitän, daß ein Mann, der mehr als sechzig Jahre in der Wüste verlebt, nicht die Tugend der Verschwiegenheit und Zurückhaltung erlernt hat? Welcher rothe Krieger läuft toll und blind umher, um Alles zu erzählen, was er gesehen, bis die gelegene Zeit dazu kommt? Ich führte den Doktor hin, um zu scheu, ob seine Geschicklichkeit nicht da noch nützlich werden könne, und unser Freund, der Bienenjäger, der in der Nähe war, weiß von dem Umstande, daß der Leichnam in den Sträuchern lag." „Freilich, das ist wahr," sagte Paul. „Da ich aber nicht wußte, was für besondere Gründe den alten Wildsteller bewögen, die Sache so zu vertuschen, sprach ich davon so wenig als möglich ; was eben so viel war als gar Nichts." „Und wer war der Vollbringer der That? fragte Middleton. „Wenn Ihr unter einem Vollbringer den versteht, der Etwas gethan hat, so steht hier der Mann; nnd es ist eine Schande nnd eine Schmach unserem Geschlecht, daß er vom Blut und von der Familie des Todten ist." „Er lügt! Er lügt!" schrie Abiram. „Ich habe ihn nicht ermordet, ich versetzte nur Schlag um Schlag." 507 Jsmaels Stimme klang tief und furchtbar, als er antwortete: „Es ist genug. Laßt den alten Mann gehen. Jungen, stellt den Bruder eurer Mutter an seine Stelle!" „Rührt mich nickt an!" schrie Abiram. „Ick will Gott an- rnfen, euch zu verfluchen, wenn ihr es thut!" Der wilde und irre Strahl seines Auges verführte die jungen Leute zuerst, scheu inne zu halten, aber als Almer, älter und entschlossener als die Uebrigen, mit einer Miene, die von seiner feindlichen Gesinnung Kunde gab, gerade auf ihn losging, wandte sich entsetzt der Angeschuldigte um, und fiel, indem er eine unzeitige Anstrengung zn entfliehen machte, so mit dem Gesicht auf die Erde, daß es den Anschein gewann, als sei er vollkommen todt. Während der leisen Ausrufungen des Schreckens, welche hierauf folgten, befahl Jsmael durch ein Zeichen, den Körper in das Zelt zu tragen. „Jetzt," sprach er, indem er sich zn Denen umwandte, die als Fremde im Lager waren, „bleibt Nichts zu thun übrig, als daß Jeder seines Weges gehe. Ich wünsche euch alles Gute, und zu dir, Ellen, sage ich, ob du gleich die Gabe nicht zu schätzen weißt: Gott segne dich!" Middleton, ergriffen von dem, was ihm wie ein offenbares Urtheil des Himmels erschien, machte weiter keine Einwendungen, sondern bereitete sich zum Aufbruch. Alle Anordnungen waren kurz und bald fertig. Als Alle bereit waren, nahmen sie einen kurzen und schweigenden Abschied von dem Squatter und seiner Familie, und dann sah man die ganze, so seltsam gebildete Gesellschaft langsam und still dem siegreichen Pawnee nach seinen fernen Dörfern folgen. 508 Zweiunddreißigstcs Kapitel. Und ich ersuch' Euch, Laßt einmal das Gesetz sich Eurem Anselm fügen. Um großes Recht zu thun. thut kleines Unrecht. Shakespeare (Kaufmann von Venedig). ^smael wartete lange und geduldig, bis der bunte Zug, welchen Hart-Herz anführte, sich verlor. Als seine Kundschafter ihm berichteten, daß von allen Indianern, welche sich ihrem Häuptlinge anschlossen, sobald er sich in einer hinreichenden Entfernung von der Lagerstelle befand, wo ihre große Zahl keinen Argwohn erregen konnte, auch der letzte hinter der entferntesten Anhöhe der Prairie verschwunden war, gab er Befehl, seine Zelte abzubrechen. Das Vieh stand schon eingespannt, und alle beweglichen Gegenstände lagen bald auf ihrem gewöhnlichen Platze in den verschiedenen Fuhrwerken. Nachdem dieß Alles besorgt war, zog man auch den kleinen Wagen, der so lange zu Jnez's Verhaft gedient hatte, vor das Zelt, in welches man des Seelenverkäufers fühllosen Körper getragen, und setzte Alles in Bereitschaft, den neuen Gefangenen darin aufzunehmen. Da zuerst wurden die jüngeren Glieder der Familie, als Abiram bleich, erschreckt unter der Last seiner entdeckten Schuld an allen Gliedern zitternd, zum Vorschein kam, unterrichtet, daß er noch zu den Lebenden gehöre. Es hatte sich eine abergläubische Vorstellung unter Allen verbreitet, daß sein Verbrechen durch eine unmittelbare schreckliche Vergeltung vom Himmel heimgesucht worden, und sie blickten jetzt ans ihn, wie auf ein Wesen, das eher einer andern Welt angehöre, als daß es noch, sterblich wie sie, den letzten Todeskampf zu »verstehen habe, ehe die große Kette, welche die menschliche Existenz bildet, gebrochen wäre. Der Verbrecher selbst befand sich in einem Zustande, wo die äußerste Angst und das entsetzlichste Gefühl des 509 Schreckens seltsam mit einer gänzlichen physischen Apathie verbunden war. Während der körperliche Fall ihn. ganz übernommen hatte, erhielt doch sein Geist ihn mach und empfänglich für die immer erneuten Eindrücke der Angst und der Selbstqnal. Als er sich in freier Luft befand, blickte er um sich, um, wo möglich, aus den Gesichtern der Leute um ihn, sein künftiges Schicksal zu entziffern. Da er überall zwar ernste aber ruhige Züge und in keinem Auge einen Ausdruck bemerkte, welcher unmittelbare Heftigkeit drohte, begann der klägliche Mann wieder aufzuleben. Während man ihn in den Wagen brachte, beschäftigte sich der Arglistige sogleich damit, ans Mittel zu sinnen, wie er die gerechte Rache seines Verwandten abwenden, oder wenn diese fehlschlagen sollten, Mittel anffinden könne, einer Strafe zu entgehen, welche, wie seine Ahnung ihm sagte, schrecklich sein müsse. Während aller dieser Vorkehrungen hatte Jsmael fast gar nicht gesprochen. Eine Bewegung oder ein Blick seines Auges zeigte seinen Söhnen, was sie thun sollten, und alle Theile schienen mit dieser einfachen Art der Mitthcilnng vollkommen zufrieden. Als das Zeichen zum Aufbruch gegeben war, warf der Squatter seine Flinte in den Arm und die Axt über die Schulter, indem er wie gewöhnlich anführte. Esther hatte sich tief in den Wagen begraben, der ihre Töchter ausgenommen; die jungen Leute nahmen ihre gewöhnlichen Plätze ein zwischen dem Zugvieh oder neben den Gespannen, und Alles ging nun in gewohnter, verdrossener Weise seines Weges. Zum ersten Mal seit so langer Zeit wandte der Squatter der untergehenden Sonne den Rücken. Die Richtung, die er einschlng, ging den bebauten Landstrichen zu, und die Art, in welcher er sich bewegte, sagte seinen Kindern, die gelernt hatten, ihres Vaters Entschlüsse in seiner Miene zu lesen, daß ihre Reise in den Prai- rien nächstens ein Ende nehmen werde. Dennoch geschah während langer Stunden gar nichts, was die Wirklichkeit einer so gemalt- 510 samen Umwälzung von Jsmaels Vorsätzen und Gefühlen angekündigt hätte. Während dieser ganzen Zeit marschirte er allein, indem er sich ein paar hundert Schritte von den Gespannen hielt, selten ein Zeichen außerordentlicher Aufregung von sich gebend. Ein- oder zweimal sah man in der That, wie seine gewaltige Figur auf dem Gipfel einer der fernen Erdwellen stand, den Kopf gegen die Erde gesenkt, indem er sich ans seine Flinte lehnte. Aber diese dem Nachsinnen geschenkten Augenblicke waren selten und von kurzer Dauer. Der Zug hatte lange schon seinen Schatten gegen Osten zu geworfen, ehe irgend eine wesentliche Verän- dernng in der Anordnung ihres Marsches getroffen wurde. Man durchwatete Wasserbäche, durchstreifte Ebenen, ging die schwellenden Höhen hinan, um wieder herabzusteigen, ohne daß dieß den geringsten Wechsel hervorbrachte. Lange geübt in den Schwierigkeiten dieser besonderen Art zu reisen, vermied der Squatter die allerschwierigsten Hindernisse der Reisetour durch eine Art Instinkt, indem er bald rechts, bald links ansbog, gerade wie die Formation des Landes, ferne Banm- grnppen, oder die Anzeichen von Flüssen ihm die Nothwendigkeit solcher Bewegungen eingaben. Endlich nahte die Stunde, wo Erbarmen für Menschen und Vieh verlangte, daß man von der Anstrengung einige Zeit ruhe. Jsmael erwählte sich mit seinem gewohnten Scharfblick einen Fleck dazu. Die regelmäßige Formation des Landes, wie wir sie auf den früheren Seiten unseres Buches geschildert, hatte einer andern Platz gemacht, wo die Erdoberfläche bei weitem unebener und mit tiefen Brüchen erschien. Im Allgemeinen fand man freilich dieselben ausgedehnten und leeren Strecken wieder, dieselben reichen und ansgebreiteten Gründe, und auch jene wilde und seltsame Verbindung üppiger Gefilde und furchtbarer Nacktheit, die jener Gegend den Anstrich eines alten Landes gibt, welches unerklärlicher Weise seiner Bewohner und Wohnungen beraubt worden. 511 Aber diese unterscheidenden Kennzeichen der schwellenden Prairien waren, wie gesagt, unterbrochen worden durch unregelmäßige Hügel, ab und zu aussteigende Felsmassen und breite Waldgürtel. Jsmael wählte eine Quelle, die am Fuße eines ungefähr vierzig oder fünfzig Fuß hohen Felsens hervorrieselte, als einen für die Bedürfnisse seines Viehes wohl geeigneten Platz. Das Wasser befeuchtete unten eine kleine Erdwelle, die zur Vergeltung für die erquickende Gabe einiges Gras hervorbrachte. Eine einsame Weide hatte in der angeschwemmten Erde Wurzel gefaßt, und da ihr kein anderer Baum den alleinigen Besitz des fruchtbaren Bodens streitig machte, war der Stamm des Baumes neben und bis zur Höhe des Felsens eingeschossen, dessen gezackter Gipfel einst von den Weidenzweigen beschattet worden, aber seine Lieblichkeit war dahingegangen mit der Lebensader. Wie zum Spott für das dürftige Grün, welches der Fleck darbot, blieb er stehen, als ein edles und feierliches Monument der früher» Fruchtbarkeit. Die größeren, seltsam gerissenen und gereckten Neste breiteten sich noch immer weit aus, während der greise, weiße Stamm unten nackt und verwittert dastand. Kein Blatt, keine Spur von Vegetation war rings nmher zu sehen. Der Baum schien durchaus ein trauriges Bild der Gebrechlichkeit alles Daseins, und ein Beweis, wie Jedes, was da lebt, sich auch überleben könne. Hier warf Jsmael, nachdem er den Andern ein Zeichen gegeben, den Zug zu dieser Stelle zu führen, sich auf die Erde, und schien über seine Lage, die ihn einer so schweren Verantwortlichkeit anssetzte, nachzudenken. Seine Söhne kamen ihm sehr bald nach, denn kaum, daß ihr Vieh Futter und Wasser witterte, so drängte Alles eilig vor, und das gewöhnliche Geräusch und die Unrnhe eines Lagerplatzes traten ein. Der Eindruck, den der Auftritt von diesem Morgen auf die Kinder Jsmaels und der Esther gemacht, war nicht so tief und von keiner so dauernden Art gewesen, daß sie deßhalb die Bedürft 512 nisse der Natur hätten vergessen sollen. Aber während die Söhne unter ihrem Vorrath nach etwas Derbem suchten, zur Stillung des Hungers, und die kleine Brut sich um die noch leeren Näpfe drängte, waren die Aeltern dieser noch ungesättigten Familie auf ganz andere Art beschäftigt. Als der Squatter sah, daß Alle, und sogar der wieder auflebende Abiram, daran gingen, ihrem Hunger abzuhelfen, winkte er seiner niedergeschlagenen Ehehälfte und stieg auf eine ferne Landmelle, welche gegen Osten zu lag. Die Zusammenkunft des Ehepaars auf diesem nackten Fleck schien wie ein Zusammentreffen auf dem Grabe ihres ermordeten Sohnes. Jsmael gab seinem Weibe ein Zeichen, Platz neben ihm auf einem Felsstücke zu nehmen, und dann folgte eine lange Zwischenzeit, während deren Niemand zu sprechen geneigt schien. „Wir sind lange zusammen gereist, durch Gutes und Schlechtes," fing Jsmael zuletzt au, „manche Versuchung und Prüfung haben wir zu überstchcn gehabt, und manchen bittcrn Trank haben wir ansschlürfen müssen, mein Weib, aber niemals ist mir so Etwas wie Dieses begegnet." „'s ist ein schweres Kreuz, für ein armes, verleitetes, sündiges Weib zu tragen!" erwiedcrte Esther, indem sie den Kopf nie- derbengte, und theilweise das Gesicht in ihrem Rock verbarg. „Eine schwere, schwere Last, auf die Schultern einer Schwester und einer Mutter gelegt!" „Ja, darin liegt ja eben das ganze Uebel. Zur Bestrafung jenes obdachlosen Jägers hatte ich mich ohne große Ueberwindung vorbereitet, denn der Mann hatte mir wenig Gutes gethan, und Gott verzeihe mir, wenn ich ihm Unrechter Weise so viel Böses zutraute! Das heißt indessen nur, Schande zu der einen Thür meiner Kammer 'rein bringen, um sie zu der andern wieder hinaus zu treiben. Aber soll, wer meinen Sohn ermordet, ruhig und leer ausgehen? Der Junge würde niemals Ruhe haben!" 513 „Ach, Jsmael, wir trieben die Sache zu weit. Wäre weniger gesagt worden, wäre es wohl klüger gewesen! Dann wäre unser Gewissen ruhig geblieben." „Esther," sagte der Gatte, indem er sich tadelnd, doch in seiner dumpfen Weise zu ihr umkehrte, „es gab eine Stunde, mein Weib, wo du dachtest, es sei eine andere Hand, welche dieses verruchte Werk gethan?" „Freilich, freilich! Der Herr gab es mir ein, als Strafe für meine Sünden! Aber seine Gnade blieb nicht lange aus, als der Schleier gelüftet worden. Ich sah in's Buch, Jsmael, und da fand ich Worte des Trostes." „Hast du das Buch zur Hand, Frau? Es könnte uns doch Rath geben bei einem so schrecklichen Geschäft." Esther suchte in der Tasche, und brachte bald das Fragment einer Bibel znm Vorschein, die so räuchrig und vergriffen war, daß die Schrift kaum mehr lesbar schien. Es war unter dem gesammten Gepäck des Squatters das einzige, was einem Buche einigermaßen ähnlich sah, und war von der Frau als melancholisches Ueberbleibsel glücklicherer und wahrscheinlich auch fleckenloserer Tage anfbewahrt worden. Lange war es ihre Gewohnheit gewesen, darin nachzuschlagen, wenn die Umstände so drückten, daß menschliche Hilfe nicht leicht war, obgleich ihr Geist und ihre Entschlossenheit sehr selten Trost darin suchten, so lange noch irgend eines der gewöhnlichen Mittel unversucht geblieben. Ans dieseWeise hatte Esther eine Art bequemen Bündnisses mit Gottes Wort geschloffen, indem sie es selten um Rath fragte, das heißt nur dann, wenn ihre eigene Unfähigkeit, ein Uebel abzuwenden, allzuklar am Tage lag. Casuisten mögen entscheiden, wie weit sie in diesem Stücke anderen Gläubigen ähnlich war ; wir wollen in unserem Thema weiter fortgehen. „Es gibt manche furchtbare Stellen in diesen Seiten, Jsmael," sagte sie, als sie den Band öffnete, und die Blätter sich langsam Die Prairie. 33 unter ihrem Finger nmschlugen; „und einige lehren auch die Gebote von der Bestrafung." Ihr Gatte gab ihr durch Zeichen zu verstehen, daß er auf einen dieser kurzen Sprüche und Lehren begierig sei, die unter allen christlichen Nationen als die unmittelbaren Gebote des Schöpfers gelten, und die man so gerecht gefunden, daß selbst die, welche ihren göttlichen Ursprung längnen, ihre Weisheit znlassen. Jsmael horchte mit ernster Aufmerksamkeit, als seine Genossin alle Stellen las, die das Gedächtnis; ihr an die Hand gab, als für die Lage passend, in der sie sich befanden. Er ließ sich von ihr die Worte selbst zeigen, die er mit einer Art heiliger Scheu betrachtete. Aber ein einmal gefaßter Entschluß war gewöhnlich bei einem Manne, der so selten dazu zu bringen war, unwiderruflich. Er legte seine Hand auf's Buch, und machte es selbst wieder zu, um seinem Weibe dadurch zu zeigen, daß er befriedigt sei. Esther, die seinen Charakter so gut kannte, zitterte dabei, und indem sie einen Blick auf sein festes, aber znsammengezogenes Auge warf, sprach sie: „Jsmael! Jsmael! rinnt nicht mein Blut und das Blut meiner Kinder in seinen Adern! Kann denn keine Gnade gezeigt werden?" „Weib!" entgegnete er ernst, „als wir glaubten, der klägliche, alte Wildsteller habe cs gethan, da wurde nichts von Gnade gesprochen." Esther antwortete nicht, sondern saß, die Arme auf der Brust gefaltet, schweigend und gedankenvoll mehrere Minuten lang da. Dann blickte sie noch einmal ängstlich auf das Gesicht ihres Gatten, wo sie alle Leidenschaft und Sorge anscheinend unter der kältesten Gleichgültigkeit begraben fand. Ueberzeugt, daß das Schicksal ihres Bruders nun besiegelt worden, und wohl bewußt, wie sehr er die Strafe verdiente, die man über ihn verhängte, dachte sie auch nicht weiter an Vermittelung. Sonst fielen keine Worte zwischen ihnen vor. Ihre Augen begegneten sich einen Augenblick, und dann standen Beide auf, und gingen in tiefem Schweigen dem Lager zu. 515 Der Auswanderer fand seine Kinder ihn erwartend, aber auf dieselbe stumme und träge Weise, wie sie allen zukünftigen Ereignissen entgegen sahen. Das Rindvieh war bereits wieder zusam- mengekoppelt, und die Pferde standen in ihrem Gespann, damit Alles anfbrechen könne, sobald er seinen Willen dahin äußern sollte. Auch die jüngeren Kinder befanden sich schon in ihrem eigenen Wagen; kurz, Nichts hatte den Aufbruch verzögert, als die Abwesenheit der Eltern dieser wilden Brnt.I „Abner," sagte der Vater, mit der Bedächtigkeit, welche sich in allen seinen Handlungen anssprach, „nimm den Bruder deiner Mutter vom Wagen herab, und laß ihn auf der Erde stehen." Abiram kam aus seinem Verschlag hervor, zwar zitternd, aber weit davon entfernt, daß er alle Hoffnungen hätte fahren lassen, da er immer noch hoffte, den gerechten Zorn seines Verwandten zu beschwichtigen. Nachdem er sich mit dem vergeblichen Wunsche umgeblickt, ein einziges Gesicht mit einem einzigen Strahl von Mitleiden zu finden, versuchte er die Angst, welche mit aller ursprünglichen Kraft wieder anflebte, niederzukämpfen, indem er eine Art freundlicher Mittheilnng zwischen sich und dem Auswanderer zu erzwingen suchte. „Die Thiere werden recht schachmatt, Bruder," sagte er, „und da wir schon einen so guten Marsch gemacht haben, wär's da nicht Zeit, ein Lager aufzuschlagen? Meines Erachtens könnt Ihr noch weit gehen, ehe Ihr einen bessern Platz, als den hier, findet, um die Nacht zuzubringen." „Gut, wenn er Euch gefällt. Ihr möchtet hier lange verweilen dürfen. Meine Söhne, kommt näher und horcht. Abiram White," sagte er dann, die Mühe abnehmend, und indem er mit einer Feierlichkeit und Festigkeit sprach, die selbst seiner trägen Miene ein chrfnrchtgebietendes Ansehen lieh: „Ihr habt meinen Erstgeborenen erschlagen, und nach Gottes und der Menschen Gesehen müßt Ihr sterben!" 33 - Der Seelenverkäufer schrak bei diesem furchtbaren und plötzlichen Urtheil so zusammen, wie etwa Jemand, der sich unerwartet in den Klauen eines Ungeheuers findet, aus denen keine Flucht und Rettung möglich ist. Obwohl von einer sehr ernste» Ahnung dessen, was ihm begegnen möchte, erfüllt, hatte doch sein Muth nicht ausgereicht, der Gefahr in's Auge zu blicken, und mit demjenigen Tröste, womit feige Gemüther ihre vcrzweiflungsvolle Lage vor sich selbst zu verbergen geneigt sind, hatte er mehr daran gedacht, wie seine Schlauheit ihm durchhelfcu möchte, als daß er sich auf das Uebclstc vorbereitet hätte. „Sterben?" wiederholte er mit einer Stimme, welche sich kaum ans der Brust heraus Luft machte. „Der Mensch ist doch sonst sicher unter seinen Freunden!" „So dachte mein Sohn auch!" erwiedcrtc der Squatter, indem er dem Gespann, worin sein Weib und seine Töchter sich befanden, das Zeichen znm Aufbruch gab, und prüfte dabei sehr gelassen das Zündpulver seiner Flinte. „Mit der Flinte habt Ihr meinen Sohn getödtet, und es ist nicht mehr als billig, daß Ihr nun vermittelst derselben Waffe Euren Tod findet." Abiram starrte um sich mit einem Blicke, der von seiner Geistesverwirrung, und wie er noch zu keinem Entschlüsse gekommen, Zeugniß ablegte. Er lachte sogar, als wolle er nicht allein sich selbst, sondern auch die Anderen überreden, daß das, was er höre, irgend ein Spaß sei, um seine Nerven zu probiren. Aber seine entsetzliche Lust fand nirgend ein antwortendes Echo. Alles rundum war feierlich und still. Freilich zeugten die Gesichter seiner Neffen von Aufregung, aber gegen ihn waren sie kalt, und auf dem seines früheren Verbündeten las er eine entsetzliche Entschlossenheit. Diese Festigkeit der Miene war tausendmal drohender und hoffnungsloser, als jede Heftigkeit gewesen wäre. Diese hätte vielleicht seinen Geist aufgeregt, und ihn zum Widerstande erweckt, aber jene verwies ihn durchaus auf die schwache Hilfe, die er in sich selbst fand. 517 „Bruder," sagte er in unnatürlich hastigem Geflüster, „hörte ich Euch?" „Meine Worte sind klar, Abiram White; Ihr habt einen Mord begangen, und deßhalb müßt Ihr sterben!" „Wo ist Esther? Schwester, Schwester, willst du mich verlassen? Ach, Schwester, hörst du nicht meinen Ruf?" „Ich höre Einen ans dem Grabe reden," antwortete Esther dumpf, als der Wagen an dem Ort, wo der Sträfling stand, vorüberfnhr. „Es ist die Stimme meines Erstgeborenen, die laut nach Gerechtigkeit ruft! Gott habe Gnade, Gott habe Gnade mit deiner Seele!" Der Wagen fuhr langsam des Weges, und der verlassene Abiram sah sich jetzt auch der letzten Hoffnung beraubt. Doch konnte er noch immer nicht die Stärke sammeln, nm dem Tode zu begegnen, und hätten ihm nicht seine Glieder jeden Beistand versagt, würde er noch immer versucht haben, zu fliehen. Dann, in plötzlicher Umwandlung von der Hoffnung zur gänzlichen Verzweiflung, sank er ans seine Kniee, und begann ein Gebet, in welchem die Bitten nm Gnade, zu Gott und seinem Verwandten, wild und lästerlich wechselten. Jsmaels Söhne wandten sich vor Abscheu von diesem fürchterlichen Schauspiel ab, und selbst des Squatters feste Natur wurde doch auch von diesem Bilde des Elends ergriffen. „Möge Euch das gewährt werden, warum Ihr bittet," sagte er, „aber ein Vater kann ein ermordetes Kind niemals vergessen." Winselnd flehte der Unglückliche wenigstens um Aufschub. Eine Woche, einen Tag, zuletzt eine Stunde; darum flehte er stufenweise und mit dem ihrem Werthe angemessenen Ernst, sobald das ganze Leben in ihre kurze Dauer znsammengedrängt ist. Der Squatter schwankte, und zuletzt willigte er theilweise in die Bitten des Verbrechers. Sein Hanptvorsatz war jedoch nicht geändert, obgleich er in den Mitteln eine Abänderung traf. „Abner," sagte 518 er, „steig' auf den Felsen, und steh' dich nm, ob wir sicher sind, daß uns Niemand nahe kommt." Während sein Neffe diesem Befehl nachkam, schossen Strahlen der wieder anflebenden Hoffnung über die zitternden Gestchtszüge des Seelenverkänsers. Der Bericht fiel günstig aus; es zeigte sich nichts Lebendes, bis auf die abziehenden Gespanne. Ein Bote kam indessen von den letzteren in augenscheinlicher Hast heran. Jsmael erwartete seine Ankunft. Er empfing ans den Händen eines der verwunderten und erschreckten Mädchen ein Fragment jenes Buches, welches Esther mit so großer Sorgfalt aufbewahrt hatte. Der Vater schickte das Kind fort, und gab nun die Blätter in die Hände des Verbrechers. „Esther hat Euch dieß gesendet," sagte er, „damit Ihr Euch Gottes in Euren letzten Stunden erinnern möchtet." „Segen silber sic, Segen über sie! Eine gute und freundliche Schwester war sie mir! Aber ich muß Zeit haben, daß ich lesen kann. Zeit, mein Bruder, Zeit!" „Zeit soll Euch nicht fehlen. Ihr sollt Euer eigener Henker sein; dieses bejammernswerthe Amt will ich aus meinen Händen geben." — Jsmael ging daran, seinen neuen Entschluß iu's Werk zu setzen. Die unmittelbare Besorgniß des Seelenverkäufers ward durch die Vorspiegelung, daß er vielleicht noch Tage lang leben möchte, obgleich seine Bestrafung unvermeidlich sei, beschwichtigt. Bei einem so kläglichen und elenden Menschen, wie Abiram, brachte ein solcher Aufschub dieselben Wirkungen hervor, wie eine völlige Begnadigung. Er zeigte sich sogar ganz besonders thätig, bei den schrecklichen Vorrichtungen zu helfe», und unter allen Handelnden bei jener feierlichen Tragödie war die Stimme allein gesprächig und sogar scherzhaft. Ein schmaler Sims des Felsens trat dicht unter einem der höheren Weidenästc hervor. Er stand mehrere Fuß vom Boden 519 ab, »nd war ganz zu dem Vorhaben geeignet, welches indessen auch eben erst durch seine Ansicht angeregt worden war. Auf diese kleine Platsorm wurde der Verbrecher hingcstellt, die Arme hinten an de» Ellenbogen zusammengebnnden, so daß kein Gedanke an Freiwerden blieb, indes; ein zweiter Strick von seinem Nacken oben an den Baumast führte. Dieß war so eingerichtet, daß, wenn sich der Körper herabschwang, er mit den Füßen den Grund und Boden nicht erreichen konnte. Die Stücke der Bibel gab man ihm in die Hände, und nun überließ man es ihm, seinen Trost ans den Blättern zu suchen, so gut er könne. „Und jetzt, Abiram White," sagte der Squatter, als seine Söhne, mit der Arbeit fertig, hcrabgesticgen waren, „thne ich Euch die letzte, feierliche Frage. Der Tod steht vor Euch in zwei Gestalten. Mit dieser Flinte kann Euer Elend kurz abgemacht werden, oder Ihr findet an jenem Strick früher oder später Euer Ende." „Laßt mich jetzt nur leben! O, Jsmael, Ihr wißt nicht, wie süß das Leben ist, wenn die letzten Momente so nahe kommen!" „So sei es denn," sagte der Squatter, indem er seinen Mitgehilfen winkte, den Heerden und Gespannen zu folgen. „Und jetzt, du bedaneruswerther Mann, vergebe ich dir, damit es deinem Ende zum Tröste gereichen möge, das Böse, was du mir angethan, und überlasse dich deinem Gotte." Jsmael wandte sich demnächst um, und schlug den Weg über die Ebene in seinem gewöhnlichen schlendernden Gang mit gewichtigen Tritten ein. Obgleich den Kopf ein wenig zur Erde hinab gesenkt, ward er doch nicht versucht, sich umzudrehen. Einmal glaubte er jedoch, seinen Namen in gedämpften Tönen rufen zu hören, aber auch dieß vermochte nicht, ihn znm Jnnchalten zu bewegen. An dem Orte, wo er mit Esther vorhin zusammen gesprochen, war der Felsen hinter ihnen nur noch am Horizonte sichtbar. Hier 520 hielt er still, und wagte nun einen Blick nach dem verlassenen Platz zurück. Die Sonne war im Untergeben fast gerade dahinter, und ihre letzten Strahlen beleuchteten die nackten Aeste der Weide. In scharfen Linien trat Alles ans dem glühenden Abendroth heraus, und des Squatters geübtes Auge bemerkte sogar noch die Gestalt des Elenden, den er dort seinem Unglück überlassen. Indem er nun die Erdfchwelle Hinabstieg, überkam es ihn, als hätte er sich plötzlich und mit Gewalt von einem kaum noch enge Verbündeten auf immer getrennt. Ungefähr nach einer Meile holte der Squatter die Gespanne ein. Seine Söhne hatte einen Platz für das Nachtlager ausfindig gemacht, und erwarteten nur seine Ankunft, damit er ihre Wahl bestätigen möge. Mit wenigen Worten gab er seine Beistimmung. In allen Dingen herrschte nun ein Schweigen, was seltsam gegen sonst abstach. Man hörte Esther nicht unter den Kindern schelten, oder wenn es geschah, klang cs mehr wie eine sanfte Ermahnung als wie Eifern und Keifen. Keine Fragen und Erklärungen zwischen dem Ehemanne und seinem Weibe. Nur als diese sich zum Schlafen unter ihre Kleinen zurückzog, bemerkte Jener, wie sie einen verstohlenen Blick auf die Zündpfanne seiner Flinte warf. Jsmacl hieß seine Söhne zur Ruhe gehen, indem er selbst diese Nacht für die Sicherheit des Lagers wachen wolle. Als Alles still war, ging er hinaus auf die Haide; der Athem war ihm heute innerhalb der Zelte nicht frei genug; ein solches Gefühl schien ihn wenigstens zu leiten. Die Nacht war ganz geeignet, alle die Gefühle stärker aufznregen, welche von den Ereignissen des Tages erzeugt worden waren. Der Wind hatte sich mit dem Monde erhoben, und strich zuweilen über die Haide. Wie sollte es der einsamen Schildwache schwer geworden sein, in dem Säuseln und Pfeifen seltsame, überirdische Töne zu entdecken? Nicht frei von einer Empfindung, welche bei einem minder Beherzten ein Grauen hätte genannt 521 werden können, blickte er um sich. Aber Alles schlief ruhig und sicher, und nun schritt er ans die schon erwähnte Landschwelle zu. Hier erreichte der Squatter einen Punkt, von wo ans er gleich weit nach Osten und Westen blicken konnte. Leichte Lämmerwol- ken umschleiertcn den Mond, der kalt und wässerig glänzte. Doch gab es Momente, wo seine ruhigen Strahlen aus klaren, blauen Räumen vorschossen, mit ihrem sanften Lichte den Gegenständen ringsum ein mildes Ansehen schenkend. Zum ersten Male in einem Leben so voll wilder Begebenheiten empfand Jsmael, daß er einsam dastehe. Die nackten Prai- rien wurden für ihn nnbegränzte, traurige Wüsten, und das Rauschen des Windes klang wie die Stimmen der Tobten. Jetzt dünkte es ihn auch, der Wind bringe ein Geschrei hervor. Es klang nicht wie ein irdischer Ruf, sondern strich gräßlich durch die obere Luft, von dem hohlen Stöhnen des Windes begleitet. Die Zähne des Squatters waren znsammengcpreßt, und seine mächtige Hand griff nach der Flinte, als wolle er das Metall wie Papier zusammendrücken. Nun noch einmal, und ein neuer Windstoß und ein lautes Gewimmer, als wäre es dicht vor seinen Ohren ansgestoßen. Eine Art Echo brach unwillkürlich ans seinen Lippen hervor, wie ja die Leute oft bei unnatürlichen Anregungen aufschreien, und, die Flinte über die Schultern werfend, ging er mit Gigantenschritten auf den Felsen los. Es geschah nicht häufig, daß das Blut in Jsmaels Adern so rasch strömte, wie mehrentheils in denen anderer Menschen, aber jetzt war es ihm, als wolle cs aus'allen Poren seines Körpers heraus. Seine thierische Natur war aufgeregt wie nie, seine lang schlummernden Kräfte erwachten. Je weiter er vorschritt, um so mehr hörte er das Schreien; zuweilen schien es über ihm in den Wolken zu ertönen, zuweilen kam es ihm so nahe, als streife es über die Erde zn seinen Füßen. Endlich ein lauter Aufschrei, wo keine Täuschung möglich war; die Einbildungskraft konnte zu dem 522 wirklichen Entsetzen Nichts hinznthnn. Jedes Lüftchen schien von den grausen Tönen erfüllt, wie so oft der sichtbare Horizont von der elektrischen Flut zückender Blitze. Man hörte Gottes Namen ganz deutlich, aber er war schrecklich und lästerlich mit anderen Namen vermischt, die besser nicht wiederholt werden. Der Squatter blieb stehen, und hielt sich beide Ohren mit den Händen zu. Als er diese endlich znrückzog, fragte ihn leise eine dumpfe Stimme neben ihm: „Jsmael, mein Mann, hörtest du Nichts?" „Still," erwiedertc der Ehemann, indem er mächtig mit dem Arme Esther» ergriff, ohne das geringste Erstaunen über das unerwartete Erscheinen seines Weibes zu verrathen. „Still, Weib, wenn du den Himmel fürchtest, sei still!" Ein tiefes Schweigen trat nun ein. Der Wind kam und rauschte vorüber wie zuvor, aber nichts mehr darin von den schrecklichen Tönen. Alles feierlich und ruhig, aber es war die Feierlichkeit und Majestät der Natur in ihrer Einsamkeit. „Laß uus daun gehen," sagte Esther, „'s ist Alles vorbei." „Weib, was brachte dich her?" fragte ihr Gatte, dessen Blut in seine früheren Pulse wieder schlug, und dessen Gedanken schon von ihrem gespannten Zustande etwas verloren hatten. „Jsmael, er mordete unser» Erstgebornen, aber cs ziemt sich nicht, daß der Sohn meiner Mutter auf freiem Felde liegen bleibe, wie das Aas eines Hundes." „So komm' denn," sagte der Squatter, wieder nach der Flinte greifend; und sie gingen auf den Felsen los. Die Entfernung war noch immer beträchtlich, und ihre Schritte wurden immer langsamer und kürzer, je mehr sie sich dem Orte der Hinrichtung näherten. Mehrere Minuten verstrichen so, che sie einen Punkt erreichten, wo man die Umrisse der dunklen Gegenstände entdecken konnte. „Wo ist die Stelle? führe mich hin," flüsterte Esther. „Hier 523 ist Hacke und Spaten, daß mein Bruder doch in dem Busen der Erde schlafen möge!" Da brach der Mond zwischen einer Wolkenmasse hervor, und das Auge des Weibes konnte Jsmaels Finger folgen. Er zeigte aus eine menschliche Gestalt, die unter dem dürren Aste der Weide vom Winde hin und her geweht wurde. Esther beugte ihr Haupt und hielt sich das Gesicht vor dem Anblick zu. Aber Jsmael ging näher, und betrachtete lange in stillem Ernst, doch ohne Gewissensbisse, sein Werk. Die Blätter des heiligen Buches waren auf dem Boden umher zerstreut, und sogar ein Stück von dem Fclsensims war von dem Secleuhäudler in seiner Angst abgerissen worden. Aber überall herrschte seht die Stille des Todes. Das grimmige und verzerrte Gesicht des Opfers glänzte zuweilen im vollen Mondschein, und dann wurde es wieder dunkel, wenn der Wind es umkehrte, oder der Schatten des Strickes über das Helle Antlitz fuhr. Der Squatter hob die Flinte auf, zielte scharf und feuerte. Der Strick zerriß und der Körper fiel herab, eine schwere, gefühllose Masse. So lauge hatte Esther weder sich geregt noch gesprochen. Aber jetzt war sie nicht säumig, als cs an das Werk ging. Bald war das Grab gegraben. Es erwartete nun seinen bejammerns- wcrthcn Bewohner. Als aber die leblose Gestalt hinabsank, blickte Esther, die ihr den Kopf hielt, in das Gesicht ihres Gatten mit einem Ausdrucke der Angst, und sprach: „Jsmael, mein Mann, es ist sehr schrecklich! Ich kann sie nicht küssen die Leiche von meines Vaters Kinde!" Der Squatter legte seine breite Hand auf die Brust des Tobten und sprach: „Abiram White, wir Alle bedürfen der Gnade. Ich vergebe dir von Herzen! Möge Gott im Himmel Gnade haben mit deinen Sünden!" Die Frau neigte ihren Kopf und drückte ihre Lippen lang' und 524 heftig auf die bleiche Stirn ihres Bruders. Nun wurde die Erde hinabgeschaufelt, und die feierlichen Töne bei Ausfüllung eines Grabes felgten darauf. Esther blieb auf den Knieen liegen, und Jsmael stand mit bloßem Haupte daneben, indessen sein Weib ein Gebet murmelte. Dann war Alles abgethan. Am andern Morgen verfolgten die Gespanne und Hecrden des Squatters ihren Weg nach den Niederlassungen. Als sie den Gränzen sich näherten, wo das gesellige Leben beginnt, verlor sich der Zug unter tausend ähnlichen. Obgleich einige von den zahlreichen Abkömmlingen dieses seltsamen Paares von ihrem gesetzlosen und halb wilden Leben abgebracht wurden, hörte man doch nie wieder von den Häuptern der Familie selbst. Dreiunddreißigstes Kapitel. — Von Abschied Nichts, denn ich will reiten. So weit der Boden reicht, zu euren Seiten. Shakespeare. Aer Weg des Pawnee nach seinem Dorfe wurde durch keinen blutigen Vorfall unterbrochen. Seine Rache war so vollständig als schnell in's Werk gesetzt. Er traf nicht einmal aus einen einzelnen Spion der Sioux, der etwa auf den Jagdgrnnden zurückgeblieben wäre, und die ganze Reise Middletous und der Seiui- gen war daher so friedlich, als geschähe sie mitten in den Vereinigten Staaten. Die Märsche wurden übrigens sehr kurz eingerichtet aus Schonung für die Frauen. Kurz, die Sieger schienen nach diesem Erfolg jede Spur von Wildheit verloren zu haben, und ganz geneigt, auch den geringsten Forderungen der Weißen nachzugeben, die sich täglich vermehrten, täglich in die Rechte der rothen Leute des Westens griffen, und sie aus ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit in die Lage von Flüchtlingen und irrenden Wanderern versetzten. 525 Unser Raum erlaubt uns nicht, den trinmphirenden Einzug der Sieger genau zu beschreiben. Der Jubel des Stammes stand ganz im Verhältniß mit der früher» Verzweiflung. Mutter priesen sich selig wegen des ehrenvollen Todes ihrer Söhne; Gattinnen zeigten auf die Narben ihrer Gatten, als theilten sie damit die Ehre, und indianische Mädchen belohnten die jungen Helden dnrch ihre Triumphgesänge. Die Trophäen, ihren gefallenen Feinden abgezogen, wurden so ausgestellt, wie in mehr civilisirtcn Gegenden eroberte Standarten. Die Thateu der Krieger von ehedem wurden von alten Leuten wiedcrerzählt, und doch meinte man, sie wurden vom Ruhme dieses Sieges verdunkelt. Hart-Herz selbst aber — schon sonst wegen seiner Thaten von der Knabenzeit an bis zu dieser Stunde so ausgezeichnet — wurde einstimmig immer wieder und wieder für den würdigsten Häuptling und den stattlichsten Helden erklärt, welchen der Wahcondah jemals unter seine geliebtesten Kinder, die Pawnee-Loups, gesendet. Trotz der verglcichungsweise großen Sicherheit, in welcher Mtddletvn seinen wicdergewonnenen Schatz erblickte, war es ihm doch angenehm, als er in den wilden Schwarm trat, seine treuen und gewiegten Artilleristen in ihrer Mitte stehn zu sehen, und ihren kriegerischen Gruß und einhelligen Jubel über seine Rückkehr zu vernehmen. Die Gegenwart dieser Macht, so klein sie auch war, verscheuchte aus seinem Geiste jeden Schatten von Unbehaglichkeit. Sie machte ihn zum Herrn seiner Bewegungen, gab ihm Würde und Wichtigkeit in den Augen seiner neuen Freunde, und setzte ihn in den Stand, alle Hindernisse der weiten Landstriche zu überwinden, welche noch immer zwischen dem Dorfe der Pawnee's und dem nächsten festen Platze seiner Landsleute lagen. Eine Hütte wurde zum ausschließlichen Besitz für Jnez und Ellen eiugeräumt. Als Paul eine bewaffnete Schildwache in der Uniform der Staaten davor auf- und abschrciten sah, begnügte er sich, in die Hütten der Rothhäute zu kriechen, indem er ohne eben sehr viel '526 Zartgefühl ihre häusliche Einrichtung durchstöberte, und, was er vorfand, bald spaßhaft, bald ernst, immer aber mit großem Freimuts) besprach, oder sich den verwunderten Frauen verständlich zu machen suchte, wenn er ihnen so klar als möglich bezeichnete, wie Alles bei den Weißen besser sei als bei ihnen. Dieser spähende, unruhige Geist fand keine Nachahmer unter den Indianern. Hart-Herz's Zartgefühl und Zurückhaltung herrschte auch bei den Seinigen. Als sie den Fremden alle Aufmerksamkeit erwiesen und sie mit Allem versehen hatten, was sie bei ihrer einfachen Lebensweise und ihre» geringen Bedürfnisse» leisten konnten, betrat kein Fuß mehr die Schwelle der den Weißen eingcränmten Gemächer. Man ließ sie ihre Ruhe suchen, wie es sich am besten mit ihren Sitten und Neigungen vertrug. Die Gesänge und der Jubel des Stammes dauerte indessen weit in die Nacht hinein, und man hörte mehr als einen Krieger bis tief um Mitternacht von der Decke seiner Wohnung herab die Thaten seines Volkes und den Ruhm ihrer Siege hererzählen. Alles, was Leben hatte, war, trotz des Schwärmens in der Nacht, mit Sonnenaufgang wieder ans den Beinen. Der Ausdruck jubelnder Freude, der noch vor kurzem ans jedem Gesichte gestrahlt, hatte einem andern, der sich besser mit diesem Augenblicke vertrug, Platz gemacht. Alle wußten, daß die Bleich-Gesichter, die mit ihrem Häuptling einen Freundschaftsbnnd geschloffen, sich anschickten, von dem Stamme Abschied zu nehmen. Middletons Soldaten hatten, in Erwartung seiner Ankunft, mit einem Handelsmann, der hier nicht sein Glück gemacht, einen Handel wegen des Gebrauchs seines Bootes, das ans Ladung im Strome lag, abgeschlossen, nnd Alles war jetzt zu der großen Reise fertig. Middleton sah diesen Moment nicht ohne einiges Mißtrauen sich nähern. Die Bewunderung, mit welcher Hart-Herz seine Jnez betrachtet hatte, war seinem eifersüchtigen Auge nicht entgangen, und hatte ihn fast mehr als Mahtoree's widerrechtliche Wünsche 527 beunruhigt. Er musste, wie geschickt ein Wilder seine Absichten verbergen kann, und er fühlte, daß es eine schuldvolle Schwache sein würde, wenn er sich nicht ans das Schlimmste vorbereitet hielte. Heimliche Befehle wurden deßhalb seinen Leuten ertheilt, während er ihre Anstalten unter dem Scheine verbarg, daß sie mit einer kriegerischen Parade feierlich abziehen sollten. Das Gewissen des jungen Soldaten tadelte ihn, als er sah, wie der ganze Stamm ihn und die Seinigen bis znm Stromufer ohne Waffen und mit traurigen Gesichtern begleitete. Sie sammelten sich in einem Kreise um die Fremden und ihren Häuptling, und wurden nicht allein friedliche, sondern innig theilnchmende Zuschauer alles Dessen, was vorging. Als es augenscheinlich mnrde, daß Hart- Herz zu reden wünsche, hielten die Abziehenden inne, und zeigten ihre Bereitwilligkeit zu hören, indem der Wildsteller den Dienst des Dolmetschers verrichtete. Hierauf redete der junge Häuptling sein Volk in der gewöhnlichen bilderreichen Sprache der Indianer an. Er begann damit, auf das Alterthum und den Ruhm seiner eigenen Ration anznspielen. Er sprach von ihrem Glück auf den Jagden lind im Krieges von der Art und Weise, wie sie immer gemußt, ihre Rechte zu vertheidigen und ihre Feinde zu züchtigen. Nachdem er genug gesprochen, um seinen Stolz auf die Größe der Lonps darzuthun, und das Gefühl seines Volks zu befriedigen, ging er plötzlich zu dem Stamme über, dessen Glieder die Fremden waren. Er verglich ihre unzählbare Menge mit den Flügen der wandernden Vögel zur Blüthenzeit oder im Herbste. Mit einer Zartheit, wie nur ein indianischer Krieger sich ihrer zu bedienen weiß, erwähnte er nicht geradezu ihres Hanges zum gewaltsamen Raube, welcher sich häufig in ihren Verhandlungen mit den rothen Leuten darge- than. Da er wohl fühlte, daß der Argwohn zu tief in den Gemächern seines Stammes eingewurzelt sei, suchte er lieber, was irgend in ihnen auflodern möchte, durch mittelbare Entschuldigungen zu beschwichtigen. Er erinnerte seine Zuhörer, daß auch 528 die Pamnee-Lonps genöthigt gewesen, manche schlechte Individuen ans ihren Dörfern fortzujagen. Manchmal verhüllte der Wahcondah sein Antlitz vor einem rvthen Mann. Ohne Zweifel blicke auch der große Geist der Bleich-Gesichter oft finster ans eines seiner Kinder. Die, welche dem Geiste des Bösen einmal überlassen wären, könnten nie wacker und tugendhaft sein, wie auch die Farbe ihrer Haut märe. Er hieß seine jungen Leute in die Hände der Lang-Meffer blicken. Sie wären nicht leer wie die hungriger Bettler. Auch wären sie nicht so mit Gütern angefüllt wie die schurkischer Krämer. Sie wären, eben so gut als sie selbst, Krieger, und sie führten Waffen, die sie wohl zu brauchen verständen — sie wären würdig, Brüder genannt zu werden! Dann richtete er Aller Aufmerksamkeit auf den Häuptling der Fremden. Er war ein Sohn ihres großen weißen Vaters. Er war in die Prairien gekommen, die Büffel von ihrer Waide zu vertreiben, oder das Wild der Indianer zu suchen. Schlechte Leute hätten ihm eins seiner Weiber geraubt, ohne Zweifel war sie die gehorsamste, sanfteste, lieblichste von allen. Sie brauchten nur ihr Auge aufznschließen, um zu sehen, daß er wahr rede. Jetzt, da der weiße Häuptling sein Weib gefunden, kehre er in Frieden zu seinem Volke zurück. Er wolle ihm sagen, daß die Pawnee's gerecht wären, und es solle zwischen beiden Nationen ein Wampnm ausgetanscht werden. Alles Volk solle den Fremden eine glückliche Heimkehr in ihre Städte wünschen. Die Krieger der Loups verstünden eben so gut ihre Feinde zu empfangen, als die Dornen ans dem Wege ihrer Freunde fortzuräumen. Middletons Herz hatte heftiger geschlagen, als der junge Held auf Jnez's Reize anspielte, und in diesem Moment sah er sich ungeduldig nach seinen aufmarschirten Artilleristen um; aber von dem Augenblick an schien der Häuptling vergessen zn haben, daß er je das schöne Wesen erblickt. Seine Gefühle, wenn sie wirklich dort weilten, waren hinter der kalten Maske indianischer 529 Selbstoerlängnnng verhüllt. Er faßte jeden Krieger bei der Hand, selbst den geringsten Solvaten dabei nicht übergehend, aber sein kaltes, festes Ange manderte anch nicht einen Angenblick zn einer der Frauen hin. Zn ihrer Bequemlichkeit hatte man Alles mit einer verschwenderischen Aufmerksamkeit eingerichtet, welche auch unter seinen jungen Leuten einige Verwunderung erregt hatte, aber sonst verrieth er persönlich anch nicht die geringste Aufmerksamkeit für beide Individuen des schwächer» Geschlechts, wodurch erden männlichen Stolz der Seinen hätte kränken können. Das Abschiednehmen war allgemein, und der Anblick erhebend. Jeder männliche Pawnee unterließ es nicht, jedem der fremden Krieger einzeln seine Aufmerksamkeit zn beweisen, und die Ceremonie nahm daher einige Zeit ein. Nur eine Ausnahme, doch nicht allgemein, fand Hinsichts des Doktor Battins Statt. Nicht wenigen der jungen Männer, das ist wahr, schien es sehr gleichgültig, Höflichkeiten mit einem Manne eines so zweifelhaften Gewerbes zn wechseln, aber der würdige Naturforscher fand dagegen einige» Trost i» der mehr besonnenen Höflichkeit der alten Leute, die da meinten, daß, wenn er auch im Kriege nicht von großem Nüyen sei, die Dienste des Mcdicns dieser Lang-Meffer doch im Frieden ganz an ihrer Stelle sein könnten. Als Middletons Leute alle eingeschifft waren, hob der Wildsteller ein kleines Bündel, welches während dieser Vorgänge zu seinen Füßen gelegen, ans, und, indem er Hektor zu sich pfiff, war er der letzte, welcher seinen Sitz einnahm. Die Artilleristen gaben ihr gewöhnliches Abschiedssignal, woraus ein lauter Ruf des Stammes antwortete, und dann wurde das Boot in den Strom gestoßen, und begann sanft hinab zu gleiten. Ein langes, dumpfes, wo nicht gar melancholisches Schweigen folgte der Abfahrt. Der Wildsteller unterbrach es zuerst, dessen Kummer in seinem trübe gesenkten Auge sich aussprach. „Das war ein ehrlicher und kräftiger Stamm," sagte er, „und Die Prairie. Z4 530 das will ich kühn zu ihren Gunsten behaupten. Ich stelle sie gleich hinter das einst mächtige und jetzt zerstreute Volk der Delawaren von den Berge». Ach, Kapitän, hättet Ihr so viel Gutes und Böses wie ich in diesen Volksstämmen der Rothhäute gesehen, Ihr würdet wissen, von welchem Werthe ein wackerer, schlichtgesinn- ter Krieger ist. Ich weis;, es gibt Leute, die da sagen und denken, daß ein Indianer nicht viel besser sei, als die Thiere auf diesen nackten Prairien. Aber man sei erst selbst ehrlich, wenn man einen guten Richter über Anderer Ehrlichkeit abgeben will. Gewiß, gewiß, sie kennen ihre Feinde, und kümmern sich eben nicht darum, ihnen großes Vertrauen oder Liebe zu erweisen." „Die ächte Natur des Menschen!" erwiederte der Kapitän, „und wahrscheinlich fehlt es ihnen an keiner einzigen seiner natürlichen Eigenschaften." „Nein, nein, es ist nur wenig, was ihnen fehlt von dem, was die Natur vertheilt. Aber der weiß eben so wenig vom Temperament einer Rothhant, der nur Einen Indianer oder nur Einen ihrer Stämme gesehen, als der etwas von der Farbe der Federn weiß, der nur Eine Krähe gesehen. Jetzt, Freund Steuermann, lenkt dahin das Boot nach jenem niedrigen Sandfleck; und es soll Euch nicht gereuen." „Weßhalb?" fragte Middleton, „wir sind gerade mitten im schnellsten Strome, und wenn wir an den Strand treiben, wird es schwer halten, ihn wieder zu gewinnen." „Ihr sollt nicht zu lange warten," erwiederte der alte Mann, indem er mit seiner Hand selbst thätig war, das zu bewirken, was er wünschte. Die Ruderer hatten zu viel von dem Einfluß gesehen, den er über ihren Führer ansübte, um seinen Wünschen jetzt entgegen zu sein, und ehe er noch Zeit gelassen, weiter darüber zu verhandeln, hatte die Spitze des Bootes bereits das Land berührt. „Kapitän," fing der Alte wieder an, indem er seinen kleinen Quersack mit großer Bedächtigkeit losband, und mit einer Miene, 531 die genugsam »erriech, daß ihm an Eile nichts gelegen sei, „ich wünschte Euch einen kleinen Handel anzubieten. Nichts Großes, wahrhaftig nicht, aber immer noch das Beste, was Jemand, mit dessen Schützenknnst es zu Ende gegangen, und der nun nicht mehr als ein kläglicher Wildsteller geworden, anbieten kann, ehe wir scheiden." „Scheiden?" riefen einstimmig Alle, die seit kurzem mit ihm die Gefahren getheilt, und von seiner Umsicht Nahen gezogen." »Was Teufel, alter Kamerad, denkt Ihr zu Fuß nach den Niederlassungen hinauf zu stapeln, indessen hier ein Boot ist, was die Entfernung in der Hälfte Zeit zurücklegt, die der Esel, welchen der Doktor den Pamnee's zurückgelassen, im besten Trott und Trabe brauchen würde!" „Niederlassungen, Knabe? Es ist lange her, seit ich Abschied nahm von dem Gewühl und der Schlechtigkeit der Niederlassungen und der Dörfer. Wenn ich hier in einem wüsten Raum lebe, so ist das Einer, den der Herr selbst gemacht hat, und ich bekomme, wenn ich darüber nachdenke, keine Kopfschmerzen; aber nie will ich wieder mit freiem Willen dahin laufen, wo Unrecht und Sittenlosigkeit mir überall in's Gehege treten." „Ich hatte nicht an's Scheiden gedacht," sagte Middleton, indem er aus den Gesichtern seiner gleichgestimmten Freunde einigen Trost für das Unbehagen, welches ihm die Nachricht verursachte, zu ziehen suchte. „Im Gegentheil hatte ich gehofft und geglaubt, Ihr würdet uns unten hin begleiten, wo es Euch, ich setze mein heiliges Wort darauf, an Nichts mangeln soll, um Eure Tage angenehm zu machen." „Ja, mein Junge, ja; du würdest das Deinige thun. Was hilft aber des Menschen Ringen und Streben gegen das Wirke» des Teufels! Ei, hätten es freundliche Anerbietungen und fromme Wünsche gethan, so hätte ich schon vor Jahren ein Kvngreßmann oder vielleicht ein Gouverneur werden mögen. Euer Großvater wünschte das nämliche, und es mögen noch immer Leute in den 34 " 532 Otsegobergen leben, die mir gern, hoffe ich, einen Palast znr Wohnung anmiesen. Was aber Hilst Reichthnm ohne Zufriedenheit? Meine Zeit ist jedenfalls nur noch kurz, und ich hoffe, es ist keine große Sünde für Einen, der fast neunzig Winter und Sommer sich ehrlich dnrchgebracht, wenn er nun wünscht, die wenigen Stunden, die ihm noch übrig sind, ruhig znznbringen. Meint Ihr, ich hätte vielleicht deßhalb unrecht, daß ich so weit mit Euch gegangen, um Euch wieder zu verlassen, Kapitän, so will ich ganz ohne Scheu und Rückhalt Euch den Grund sagen. Obgleich ich so viel von der Wüste gesehen habe, so leidet es doch keinen Zweifel, daß meine Gefühle sowohl als meine Haut weiß sind. Und nun würde es eben kein schickliches Schauspiel gewesen sein, wenn jene Pawnee-Loups die Schwäche eines alten Mannes gesehen hätten, das heißt, wenn er Schwäche beim Scheiden ans immer von denen zeigen sollte, die er lieben muß, , ob er schon nicht so an ihnen hängt, daß er in ihrer Gesellschaft bis in die Niederlassungen ginge." „Hört 'mal, alter Wildsteller," sagte Paul, indem er sich unter einer gewaltigen Anstrengung die Kehle rein machte, als wolle er durchaus seiner Stimme einen freien Ansgang verschaffen — „ich hätte wohl Lust, einen Handel zu machen, da Ihr gerade davon sprecht, und das ist kein anderer, als dieser. Meinerseits biete ich Ench die Hälfte von meinem Krimskrams an, auch soll mich's nicht kümmern, ob Ihr die größte wählet, den süßesten und reinsten Saft, der nur ans den wilden Locusten gepreßt wird; immer genug zu essen, dann und wann einen Mundvoll Wildpret, oder statt dessen ein Stück vom Büffelhöcker, indem ich meine Bekanntschaft mit dem Thiere fortznsetzen gedenke, und alles das so gut gekocht, oder geröstet nnh gebraten, wie es Eklen Wade hier prästiren kann, die bald nicht mehr Ellen Wade sein wird, und dazu eine so gute Behandlung, wie sie ein Ehrenmann von seinem besten Freunde erwarten kann, oder nm's kürzer auszudrücken, wie 533 «in Ehrenmann seinen Vater behandeln würde. Dafür gebt aber Ihr uns, wenn wir Langeweile haben, etwas von Euren Erzählungen alter Zeit znm Besten, vielleicht dazu bei Gelegenheit etwas von Eurem guten Rathe, aber immer recht kurz gefaßt, und so viel von Eurer angenehmen Gesellschaft, als Euch gefällig ist." „Es ist gut — es ist gut, mein Junge," erwiederte der alte Mann, indem er an seinem Bündpl nestelte, „ehrbar angeboten, und gar nicht undankbar abgelehnt — aber es kann nicht sein, kann nie sein." „Verehrungswerther Jäger," sagte Doktor Battius, „da sind doch Verpflichtungen, so Jedermann der Geselligkeit und der menschlichen Natur schuldig ist. Es ist Zeit, daß Ihr zu Euren Landsleuten zurückkehrt, ihnen einige von den Schätzen Eurer Erfahrung abzuliefern, die Ihr doch zweifelsohne während eines so langen Aufenthaltes in den Wildnissen erworben habt. Wie diese auch durch vorgefaßte Meinungen entstellt sein mögen, werden sie Denen doch immer äußerst erwünscht kommen, welche Ihr, wie Ihr sagt, bald für immer verlassen werdet." „Freund Physicus," erwiederte der Alte, indem er dem Andern geradezu in's Gesicht schaute, „eben so wenig als man über das Temperament einer Klapperschlange nrtheilen kann, nachdem man die Eigenschaften eines Hirsches erforscht hat, kann man über die Nutzbarkeit des einen Mannes reden, wenn man zu viel über die Thaten eines andern nachdenkt. Ihr habt Eure Gaben, glaube ich, so gut als ein Anderer, und ich verlange gar nicht, Euch darin zu stören. Was mich aber betrifft, so schuf mich unser Herr einmal nicht zum Schwatzen, sondern zum Händeln, und deßhalb halte ich es für keine Beleidigung, wenn ich meine Ohren vor Eurer Einladung verschließe." „Es ist genug," unterbrach Middleton. „Ich habe zu viel von diesem außerordentlichen Manne gesehen und'gehört, um nicht zu wissen, daß keine Ueberredmrg, ihn von seinen Vorsätzen zu- rückbringt. Zuerst wollen wir Euer Begehren hören, mein Freund, und dann sehen, was sich am besten zu Eurem Vortheii thnn laßt." „Es ist nur wenig, Kapitän," crwiederte der Alte, welcher endlich glücklich sein Bündel geöffnet hatte. „Es ist herzlich wenig, und kaum der Rede werth gegen das, was ich sonst beim Tausche anbieten konnte. Jetzt aber ist cs das Beste, was ich habe, und deßhalb nicht zu verachten. Hier sind vier Häute von Bibern, die ich, ungefähr einen Monat ehe wir znsammentrafen, fing, und hier noch eine Dachshaut, an der wahrhaftig nichts gelegen, die aber bei nnserm Handel immerhin als Zugabe gelten mag." „Und was habt Ihr vor, damit zu thnn?" „Ich biete sie Euch zu einem rechtlichen Tausche an. Die Schurken, die Sioux — der Herr verzeihe mir, daß ich sie je für Konza's hielt — haben mir meine besten Schlingen gestohlen, und nun bin ich genöthigt, mich so dnrchznhelfen, wie stch's gerade thnn läßt, was mir vielleicht einen schlimmen Winter prophezeit, wenn ich ihn erleben sollte. Ich wünsche daher, daß Ihr die Häute nehmt, und sie einem der Wildsteller übergebt, ans die Ihr da unten stoßen müßt, der mir dafür Schlingen unter meinem Namen in das Pawncedorf bringe. Aber macht auch sorgfältig mein Zeichen darauf: den Buchstaben N. mit einem Hnndsohr und einem Flintenhahn. Keine Rothhant wird dann mein Recht daran abstreiten. Für alle diese Bemühungen habe ich Euch freilich wenig mehr anznbiete», als meinen Dank, wenn nicht mein Freund, der Bienenjäger hier, die Dachshaut annehmen, und dafür die Besorgung ganz über sich nehmen will." „Wenn ich das thue, so will ich doch ... ." Pauls Mund wnrde hier durch Ellens zarte Hand verschlossen, und er sah sich genöthigt, den Rest seiner Bethcurnng hinunterznschlncken, was er mit einer gewissen Bewegung that, die einer Art von Berschlicke- rnng nicht ungleich war. „Gut, gut," erwiederte sanft der Alte, „ich hoffe, es lag doch 535 keine schwere Beleidigung in dem Anerbieten. Ich weiß, die Haut eines Dachses ist nicht viel werth, aber es war ja auch keine große Arbeit, die ich dafür verlangte." „Ihr versteht unser» Freund ganz falsch," unterbrach Middle- ton, der wohl merkte, daß der Bienenjäger überall hinblickte, nur nicht dahin, wo er sollte, und daß er gänzlich unfähig war, sich selbst zn rechtfertigen. „Er meinte ja damit nicht, daß er Euer Anerbieten ablehne, sondern nur, daß er alle Belohnung dafür ausschlage. Es ist übrigens unnöthig, mehr davon zu sprechen, mein Amt soll es sein, darauf zn sehen, daß unsere Schuld der Dankbarkeit gehörig abgetragen, und daß für alle Eure Bedürfnisse gesorgt werden soll." „Wie das!" rief der Alte, indem er fragend in das Gesicht des Andern blickte, als wünsche er eine Erklärung. „Es soll Alles geschehen, wie Ihr es wünschet. Legt nur die Felle auf mein Gepäck. Wir wollen für Euch handeln, wie für uns." „Herzlichen Dank, herzlichen Dank, Kapitän; Euer Großvater war ein Mann von freier und edler Gemüthsart. Das ging so weit, daß das gerechte Volk, die Delawaren, ihn die,offene Hand" nannten. Ick wünschte nur, ich wäre wie sonst, daß ich der Lady ein paar köstliche Marderfelle zn ihren Palatinen und Pelzröcken schicken könnte, um doch auch zn zeigen, wie ich Höflichkeit mit Höflichkeit vergelten kann. Aber das erwartet nicht von mir, denn ich bin zn alt, um noch ein Versprechen zu geben. Alles wird so geschehen, wie es der Herr will. Euch darf ich nichts anbieten, denn ich habe nicht so lange in der Wildniß gelebt, um nicht die Bedenklichkeiten eines vornehmen Herrn zn kennen." „Höre einmal, Alter," rief der Bienenjäger, indem er seine Hand in die offene ihm hingehaltene Hand des Andern legte, und das mit einem solchen Druck, als wenn eine Flinte losschnappte, „ich habe nur zweierlei zu sagen. Erstlich, daß der Kapitän dir meine Meinung besser gesagt hat, als ich es selbst kann, und zweitens. 536 wenn dir ein Fell abgeht, entweder zn deinem eigenen Gebranch, oder nm es weiter zn spediren, so steht dir eines ganz zu Diensten, und zwar das eines gewissen Paul Hofer." Der alte Mann cntgegnete den empfangenen Druck, und öffnete den Mund mächtig wie nie, nm still in sich zn lachen: „Du hättest nicht so quetschen und drucken können, als die Tetonweibern dicht nm dich mit ihren Messern standen!" sprach er. „Freilich, Ihr seid noch in Eurem Frühling und in Eurer Kraft und Eurem Glück, wenn Ehrbarkeit ans Eurem Wege liegt." Dann verwandelte sich plötzlich der Ausdruck seines Gesichts, er wurde ernst und nachdenkend. „Komm her, Junge," sprach er, indem erden Bienenjäger am Rockknopfe an's Land führte, und nun zn ihm im herzlichen Tone der Ermahnung und der Zutraulichkeit redete: „Wir haben viel zusammen gesprochen über die Lust und die Achtbarkeit des Lebens in den Wälder» oder an der Gränze. Ich bin nicht gesonnen, zn sagen, daß, was du gehört hast, nicht wahr sei, aber verschiedene Temperamente verlangen auch verschiedenartige Beschäftigungen. Du hast da ein gutes und hübsches Kind an's Herz genommen, und es ist deine Pflicht geworden, eben so wohl sie als dich selbst zn beachten, wenn du in's Leben hineingehst. Du liebst es so, an den Gränzen der Niederlassungen nmherzustreifen, aber, nach meinem schlichten Urtheil, würde sich das Mädchen als eine blühende Blume besser ansnehmen und befinden in den sonnenhellen und offenen Niederlassnngsorten, als in den windigen Prairien. Deßhalb vergiß nun Alles, was du von mir gehört hast, — was dessen ungeachtet wahr ist, — und wende dich mit deinem Geist nach den Pfaden und Geleisen des inner» Landes." Paul konnte nur mit einem neuen Händedruck antworten, der Thränen ans den Augen der Meisten hervorgelockt hätte, der aber keine andere Wirkung ans die abgehärteten Muskeln des Alten hervorbrachte, als daß er lachte und den Kopf schüttelte. Er wollte damit sagen, er empfange diesen Druck als Unterpfand, daß der 537 Bienenjäger seines Rathes wolle eingedenk bleiben. Darauf wandte sich der Wildsteller von der rohen, guten Seele ab, rief Hektor aus dem Boote Hera», schien aber noch immer ängstlich, indem er einige Worte an den Kapitän zu richten hatte. „Kapitän," begann er endlich, „ich weiß, wenn ein armer Mann von Kredit redet, so braucht er da, nach Rer Mode der Welt, ein sehr zartes und peinliches Wort; und wenn ein alter Mann oon Leben redet, so spricht er von dem, was er vielleicht nicht mehr sehen soll. Dessen ungeachtet will ich hier etwas sagen, und das geschieht nicht sowohl meinetwegen, als um Anderer willen. Hier ist Hektor, ein guter und treuer Hund, der schon weit das Alter einer gewöhnlichen Dogge überlebt hat; gleich seinem Herrn, sieht er sich jetzt mehr nach Ruhe um, als nach den Thaten der Jagd. Aber die Kreatur hat ihre Gefühle so gut als irgend ein Christ. Er hat sich neuerdings mit Eurem jungen Cumpan da znsammengesellt, so daß er an seinem Umgänge viel Vergnügen gefunden, und ich muß gestehen, eS thnt mir herzlich weh, dieß gute Paar so bald zu trennen. Wenn Ihr für Euren Hund einen Preis bestimmen wollt, so will ich versuchen, ob ich ihn Euch im Frühjahr schicken kann, besonders wenn ich wieder gute Schlingen zur Hand habe; oder wenn Ihr Euch nicht ganz von dem Thiere trennen mögt, so frage ich Euch nur, was Ihr zur Miethe den Winter hindurch verlangt. Ich denke so, mein Hund wird nicht bis über diese Zeit ausdanern, denn ich habe so mein Ur- tbeil in diesen Dingen, da ich so manchen Freund, Hund und Rothhaut, während meines Lebens habe dahingehen sehen, wiewohl es dem Herrn noch nicht gefallen hat, seine Engel auszusenden und meinen Namen zu rufen. „Nehmt ihn, nehmt ihn," rief Middleton, „ihn und Alles, was Euch gefällt." Der alte Mann pfiff den jüngern Hund zu sich an s Land, und dann ging er an das letzte Abschiednehmen. Von beiden Seiten 538 wurde wenig gesprochen. Der Wiidsteller ergriff Jeden feierlich bei der Hand, und sagte Allen ein freundliches Wort. Middleton war sprachlos geworden, und suchte durch irgend ein Geschäft beim Gepäck seine Rührung zu verbergen. Paul pfiff ans allen Kräften, und Obed selbst nahm mit einer Miene Abschied, welche den Stempel eines gewaltsamen philosophischen Entschlusses an sich trug. Als der alte Mann ans diese Weise seine Runde gemacht hatte, schob er selbst das Boot in den Fluß, indem er Allen eine schnelle Reise wünschte. Kein Wort wurde gesprochen, es erfolgte kein Rnderschlag, bis die Reisenden um einen Uferhügel getrieben worden, welcher ihrem Auge den Alte» verbarg. Zuletzt sah man ihn noch ans dem flachen Ufer stehen, ans seine Flinte gelehnt, Hektar zu seinen Füßen gekauert, indessen der jüngere Hund längs dem Strande in Fülle der Jugend und Kraft spielte. Vierunddreissigstes Kapitel. Mich dünkt, ich hörte eine Stimme. Shakespeare. Die Flüsse hatten volles Wasser, und das Boot flog den schnellen Strom entlang, wie ein Vogel. Die Reise förderte sich eben so, als sic glücklich war. In weniger als dem Drittheil der Zeit, welche nöthig gewesen wäre zur selben Reise, wenn sie zu Lande gemacht würde, ward sie ans der reißenden Strombahn zurückgelegt. Ans einem Fluß in den ander» fallend — die, wie die Adern des menschlichen Körpers mit den größeren Kanälen des Lebens, nnter einander in Verbindung stehen — betraten sie bald die große Arterie aller westlichen Gewässer, und landeten glücklich an der Thüre von Jnez's Vater. Don Augustins Freude und die Verlegenheit des würdigen Paters Ignatius läßt sich leicht denken. Der Erstcre weinte, und dankte dem Himmel, der Letztere dankte ebenfalls, und weinte nicht. 539 Die dortigen stillen Bewohner waren zn bequem, um irgend Fragen über die besonderen Umstände der glücklichen Wiederanknnft zu thiin, und durch eine Art gemeinsamer Uebereinkunft nahm man bald dafür an, daß Middletons Braut durch irgend einen Schurken gestohlen, und ihren Freunden durch menschliche Anstrengungen wieder gewonnen sei. Es gab zwar allerdings einige Skeptiker; sie behielten aber ihre besonderen Meinungen und Zweifel für sich, mit jener Art verschlossener Genngthnnng, die ein Geizhals empfindet, wenn er seine immer wachsenden aber unnützen Schätze anstannt. Um jedoch dem würdigen Priester irgend eine Beschäftigung für seinen Geist zn geben, machte Middleton ihn znm Instrument, Paul und Ellen zn verbinden. Der Erstere willigte in die Cere- mvnie, weil er fand, daß alle seine Freunde großes Gewicht darauf legten, aber bald darauf führte er seine junge Frau in die Ebenen von Kentucky, unter dem Vorwände, dort mehrere herkömmliche Besuche bei verschiedenen Mitgliedern der Familie Hover abznstatten. Dort aber ergriff er alsbald Gelegenheit, die Ehe durch einen Friedensrichter seiner Bekanntschaft, in dessen Fähigkeit, die Eheketten zn schmieden, er weit mehr Vertrauen setzte, als in irgend einen Priester der römischen Kirche, feierlich bestätigen zu lasse». Ellen, die wohl merken mochte, daß außerordentliche Vorkehrungen nöthig mären, um Jemand mit einem so un- stäten Gemüthe, als ihr Gcspons, innerhalb der ehelichen Gränzen fest zu erhalten, erhob gegen diese doppelte Verbindung keine Einwendungen, und somit waren alle Theile zufrieden. Die örtliche Bedeutung, welche Middleton durch seine Verbindung mit der Tochter eines so reichen Grundbesitzers als Don Augustin erworben, zusammengenommen mit seinen persönlichen Verdiensten, zog die Aufmerksamkeit der Regierung an. Bald sah er sich in verschiedenen höchstmichtigen Lagen beschäftigt, die volles Vertrauen erforderten, und Beides diente, sein Ansehen in der öffentlichen Meinung immer höher zn stellen, nnd ihm die Mittel zn leihen, nm selbst als Gönner und Beschützer aufzntre- ten. Der Bienenjäger gehörte zn den Ersten, ans die er sein Ansehen erstreckte. Es hielt gar nicht schwer, Stellen ausfindig zn machen, die sich mit Pauls Fähigkeiten vertrugen, das heißt, bei einem Zustande der Geselligkeit, wie er vor dreinnd- zwanzig Jahren in jenen Regionen existirte. Middletons und Jnez's Bemühungen »m Ellens Gatten fanden bei dieser eine eifrige nnd verständige Unterstützung. Dieß bewirkte, daß in Pauls Charakter mit der Zeit eine große »nd wohlthätige Veränderung vorging. Zuerst wurde er ein Grundbesitzer, dann ein glücklicher Bebauer des Bodens, nnd bald nachher ein Stadtbeamter. Durch diese allmählige Steigerung im Glücke, die man in unserer Republik merkwürdiger Weise so häufig mit einer Steigerung in Erwerbung von Kenntnissen nnd innerer Würde Schritt halten sieht, kam er weiter und weiter, bis sein Weib endlich sich der Mut- terfrendc ganz überlassen durste, daß ihre Kinder nicht mehr in jenen Zustand znrückkehrcn konnten, ans welchem beide Eltern hervorgegangen waren. Paul ist in der That in diesem Augenblicke Mitglied eines untern Zweiges der Gesetzgebung in dem Staate, in welchem er so lange verweilt hat, nnd ist sogar dafür bekannt, daß er Reden hält, welche den löblichen Zweck haben, jene berathende Körperschaft in guter Laune zn erhalten. Und da sic überdieß auf eine große praktische Kenntniß der Oert- lichkeiten jener Landstriche basirt sind, besitzen sie ein Verdienst, welches man in vielen weit delikateren und feiner ansgcsponnenen Theorien vermißt, die in ähnlichen Versammlungen täglich den Lippen gewisser begeisterter Politiker entströmen. Aber alle diese glücklichen Früchte waren erst die Ausbeute großen Fleißes und einer langen Reihe von Jahren. Middleton, welcher, seiner höhern Erziehung gemäß, auch einen Sitz in einem weit höhern Zweige der Legislatur ansfüllt, Ö41 ist die Quelle,, aus der wir die meisten zur Eutwerfung unserer Geschichte erforderlichen Nachrichten geschöpft haben. Zn dem, was er über Pauls Glückseligkeit und seine eigene berichtet, hat er noch die kurze Erzählung eines bald darauf stattgehabten Besuches in den Prairien hinzngefügt. Damit halten auch wir es für geeignet, unsere gegenwärtige Arbeit zu beenden, indem dadurch alle ansgesponnenen Begebenheiten zu einem wirklichen Schluffe gedeihen. In dem aus die Begebenheiten, welche wir vorgetragcn haben, nächstfolgenden Herbste befand sich der junge Mann, der damals noch in Militärdiensten seines Vaterlandes stand, an den Gewässern des Missouri in einem nicht weit oon den Pawneedörfern entfernten Striche. Gerade frei von jeder unmittelbaren Verpflichtung, und von Paul, der sich in seiner Gesellschaft befand, heftig bedrängt, entschloß er sich, Pferde zu besteigen, und, das Land kreuzend, einen. Besuch bei dem Pawneehclden abzustatten, um nach dem Schicksal seines Freundes, des Wildstellers, sich zu erkundigen. Da sein Gefolge seinem Range und seinen Verrichtungen gemäß war, ging die Fahrt, wenn auch nicht ohne die gewöhnlichen Entbehrungen und Mühseligkeiten, die nothwendig mit jeder Reise in einer wilden Gegend verbunden sind, doch ohne die Gefahren und Unruhen vor sich, welche seine frühere Wanderung durch dieselben Gegenden bezeichnet, hatte. In der gehörigen Entfernung sandte er einen indianischen Läufer ab, der zu einem befreundeten Stamme gehörte, um seine und der Seinigen Nähe zu melden, indem er langsam folgte, damit, wie es üblich, die Meldung seiner Ankunft dieser selbst vvrangehe. Zum Erstaunen der Reisenden blieb ihre Botschaft unbeantwortet. Stunde folgte auf Stunde und Meile verstrich um Meile, ohne daß irgend etwas kam, was eine ehren- werthe Aufnahme verkündete, oder sonst ans freundschaftlichere Weise die Gäste eines Willkommens versicherte. Endlich senkte sich die Cavalcade, an deren Spitze Middleton und Paul ritten, 542 von einer Fläche, auf der sie lange gereist waren, in einen fruchtbaren Grund hinab, welche mit dem Dorfe der Lonps gleich tief lag. Die Sonne war eben im Untergehen, und das goldene Abendlicht war aber die ruhige Ebene ansgebreitet. Alles glühte und glänzte darin, und die Phantasie konnte sich die erhabensten Scenen daraus bilden. Noch dauerte das Grün des Jahres, und Heerden von Pferden und Mauleseln grafete» friedlich auf dem ansgebreiteten natürlichen Anger unter dem wachsamen Auge von Pawneeknaben. Paul fand darunter bald die wohlbekannte Gestalt des ^sinus heraus, fett, glatt und behaglich, in der Zufriedenheit der Fülle schwelgend. Mit herabhangenden Ohren und geschloffenen Augenlidern stand er da, hochvergnügt, wie es schien, über seine gegenwärtige köstliche Lage, die im Nichtsthnn ihre beste Nahrung fand. Ihr Weg führte die Gesellschaft nicht allzuweit von einem der wachsamen Jünglinge vorüber, deren Sorgfalt nichts Geringeres als die Sicherheit des Stammes anvertraut war. Er hörte das Stampfen der Pferde, und wandte sein Auge zu den Kommenden, aber anstatt Neugier oder Unruhe zu verrathcn, kehrte der Blick sogleich wieder dahin zurück, von wo er nur für einen Moment sich abgewandt, nämlich nach der Gegend, wo das Dorf stehen mußte. „Darin liegt etwas Seltsames," murmelte Middleton, halb über das beleidigt, was er nicht allein als eine Kränkung gegen seinen Rang ansah, sondern auch als ihm persönlich zu nahe tretend. „Jener Bursche weiß schon von unserer Ankunft, sonst würde er nicht verfehlen, sie sogleich seinem Stamme anznkündigen, und doch würdigt er uns kaum eines Blickes. Seht auf eure Waffen, Leute, es könnte nöthig werden, diese» Wilden unsere Kraft zu zeigen." „Darin, Kapitän, mein' ich, seid Ihr in einem Jrrthnm," erwiederte Paul. „Wenn überhaupt Biederkeit in den Prairien zu Hanse ist, so ist sie vor Allem bei unserm alten Frennde 543 Hart-Herz zu finden; auch muß man keinen Indianer nach den Regeln, die bei den Weißen gelten, beurtheilen. Seht, wir find doch nicht ganz vernachlässigt, denn hier kommt uns wenigstens ein kleiner Haufe entgegen, ob es zwar schon nur ein dürftiger ist, was Anzahl und äußern Prunk betrifft." Paul hatte in Beidem recht. Sie sahen endlich eine Gruppe Reiter sich um ein kleines Gebüsch wenden, und über die Ebene gerade auf sie zu kommen. Die Annäherung erfolgte langsam und mit Würde. Als sie heran waren, sah man den Helden der Loups an der Spitze von ungefähr zwölf jüngeren Männern seines Stammes. Alle waren unbewaffnet, auch trugen sie nicht einmal um ihren Körper etwas von dem Schmuck oder den Federn, die sonst bei ihnen als Kennzeichen der Achtung für den Fremden gelten, welchen ein Indianer empfängt, und die sich nach dessen Rang und Wichtigkeit richten. Die Zusammenkunft war freundlicher Art, obwohl nicht ohne einige Zurückhaltung von beiden Seiten. Middleton, der für seine Person sowohl, als um der Autorität seiner Regierung willen, mehr Aufmerksamkeit fordern zu können glaubte, vermnthete irgend einen heimlichen Einfluß von Seiten der Agenten ans den Canada's, und da er entschlossen war, der Autorität, als deren Stellvertreter er hier anftrat, durchaus nichts zu vergeben, glaubte er sich genöthigt, ein an Stolz gränzendes Wesen anzunehmen, das seiner Sinnesart sonst ganz fremd war. Nicht so leicht wurde es, die Beweggründe zu entdecken, welche die Pawnee's leiteten. Ruhig, würdig, und doch weit davon entfernt, sich irgend beleidigend oder auch nur znrückstoßend zu benehmen, stellte er ein merkwürdiges Beispiel von Artigkeit, verbunden mit Zurückhaltung, auf, welches mancher Diplomat des feinsten Hofes nachzuahmen vergeblich würde gestrebt haben. Ans diese Weise setzten beide Theile ihren Weg nach dem Flecken fort. Middleton hatte vollkommen Zeit, während des übrige» Rittes alle möglichen Gründe zn erwägen, die mir sein Scharfsinn für dieß seltsame Benehmen ansfindig machen konnte. Obgleich er von einem angcstellten Dolmetscher begleitet mar, erfolgten die Grüße der Häuptlinge auf eine Art, welche dessen Dienste ganz unnütz machten. Hundertmal betrachtete der Kapitän seinen ehemaligen Freund, indem er versuchte, de» wahren Ausdruck seiner verschlossenen Züge zu entziffern. Hart-Herz's Auge war fest, gesetzt, nur etwas ängstlich; weiter ließ sich Nichts ans seinen Zügen lesen. Er sprach weder selbst, noch schien er geneigt, seine Gäste zum Reden anfznsordern; Middleton hielt es daher für zweckmäßig, so geduldig wie seine Gefährten zn bleiben, und auf den Ausgang zu warten, welcher dieß seltsame Benehmen am besten erklären werde. Als sie das Dorf betraten, sah man alle Einwohner auf einem offenen Platze versammelt, wo sie, wie dort üblich, nach Alter und Würden gesondert standen. Alle bildeten einen weiten Kreis, in »essen Mitte sich ungefähr ein Dutzend der ersten Häuptlinge befanden. Hart-Herz winkte, als er sich näherte, mit der Hand. Der Haufe wich zurück, und er ritt, von allen seinen Gefährten begleitet, hindurch. Hier stiegen sie ab, und als man die Pferde bei Seite geführt, fanden sich die Fremde» von tausend ernsten, gesetzten, aber doch bekümmerten Gesichtern umringt. Middletons Betroffenheit wuchs immer mehr, als er sich hier umblickte. Kein Geschrei, kein Gesang, kein Jnbelrnf bewillkommnete ihn unter einem Volke, von dem er sich erst vor kurzer Zeit mit Kummer getrennt hatte. Seine Unbehaglichkeit, um nicht zu sagen, seine Befürchtungen, thcilten sich auch seinen Gefährten mit. Ein fester Entschluß nahm bei Allen die Stelle der Ungewißheit und des bange» Zweifels ein; Jeder fühlte in der Stille nach seinen Waffen, und versicherte sich ihres ungehinderten Gebrauchs, falls es znm Aeußcrsten kommen sollte. Aber unter der Schaar ihrer Wirthe zeigte sich nicht das Geringste von Feindseligkeit. Hart-Herz bat Middleton und Paul, ihm zu folgen, indem er sie zu der Gruppe 545 führte, welche die Mitte des Kreises einnahm. Hier fanden die Besucher die genügende Erklärung für ein Benehmen, welches ihnen so vielen Grund zn Vermnthungen gegeben. Der alte Wildsteller war auf eine rohe Art von Stuhl oder Lager hingeseht, den man mit besonderer Sorgfalt so verfertigt hatte, daß sein Körper aufrecht und bequem darin ruhen konnte. Der erste Blick sagte den Kommenden, daß der Greis nun endlich doch auch berufen worden, der Natur den letzten Zoll zu entrichten. Sein Auge war dem Anschein nach gläsern; ihm fehlte ebenso die Sehkraft als der Ausdruck. Seine Züge waren etwas mehr eingesunken, lagen schärfer und tiefer, als früher; aber sonst war auch gar keine Verwandlung, so weit man nach dem Aeußern schließen konnte, eingetreten. Sein nahendes Ende konnte man keiner bestimmten Krankheit zuschreiben, sondern es war ein all- mähliger, milder Abfall seiner physischen Kräfte. Noch weilte zwar das Leben in ihm, aber zuweilen schien es, als wolle es durchaus abscheiden, und dann wieder, als durchhauche es noch einmal die zusammensinkende Gestalt, wie unwillig, den Besitz einer Wohnung aufzugeben, die nie von Lastern untergraben, noch von Krankheiten zerrüttet war. Es hätte eben keine gewaltige Phantasie dazu gehört, sich vorzustellcn, daß der Geist noch imme um die ruhigen Lippen des alten Waldmannes schwebe, ungern aus einer Hülle abscheidend, die ihm so lange ein ehrenwerthes Obdach gewährt hatte. Sein Körper war so hingelcgt, daß das Licht der untergehenden Sonne seine feierlichen Züge ganz bestrahlte. Sein Haupt war bloß, die langen, dünnen, grauen Locken flatterten leicht im Abendhauche. Seine Flinte lag auf seinen Knieen, und die anderen Jagdgeräthschaften waren ihm zur Seite hiugestellt, daß er sie mit der Hand fassen konnte. Zwischen seinen Füßen lag die Gestalt eines Hundes, den Kopf auf der Erde, als ob er schliefe, Die Prinrie. 35 546 und so natürlich und leicht war seine Lage, daß es eines zweiten Blicks bedurfte, Middleton zu überzeugen, er sehe nur Hektars Haut, mit indianischem Zartgefühl und Fleiß so ansgestopft, daß man ein lebendes Thier zu sehen glaubte. Sein eigener Hund spielte in einiger Entfernung mit Tachechana's und Mahtoree's Kinde. Die Mutter selbst stand dabei, in ihren Armen einen zweiten Sprößling haltend, der sich keiner minder ehrenwerthen Vaterschaft rühmen konnte, als worauf ein Sohn von Hart-Herz Anspruch machen konnte. Le Balafro saß neben dem sterbenden Wildsteller mit allen Anzeichen, daß auch seine Stunde bald schlagen müsse. Auch die Uebrigen von dem innern Kreise waren alte Männer, welche offenbar deßhalb herangekommen waren, um zu sehen, wie ein gerechter und furchtloser Krieger die größte seiner Reisen antrete. Der alte Mann erntete die Früchte eines Lebens, das seiner Mäßigung und Thätigkeit wegen merkwürdig war, in einem ruhigen freundlichen Tode. Gewissermaßen hatte seine Kraft bis zu seinem letzten Ende gedauert. Der Hinfall war, als er eintrat, reißend, aber frei von aller Pein. Er hatte mit dem Stamme im Frühling gejagt, und sogar noch während des größten Theiles des Sommers, als seine Glieder ihm plötzlich ihre Dienste versagten. Eine Schwäche bemächtigte sich ebenso aller seiner Fähigkeiten, und die Pawnec's fühlten, daß sie auf eine überraschende Art einen Weisen und einen Rathgeber verlieren würden, den sie zu lieben und zu achten angefangen. Aber, wie wir schon gesagt, der unsterbliche Einwohner schien unwillig, seine Behausung zu verlassen. Die Lebenslampe flackerte noch, ohne ausgelöscht zu werden. Am Morgen desselben Tages, an welchem Middleton «»kam, waren mit einem Male alle Kräfte des alten Mannes wieder aufgelebt.' Man börte ihn noch ganze Sätze sprechen, und sein Auge erkannte von Zeit zu Zeit die Ge- 547 stalten seiner Freunde. Es bewies sich aber, daß es nur ein kurzer Zwischenverkehr mit der Welt sein sollte, da er geistig schon als für immer geschieden von seinen Freunden mar angesehen morden. Als Hart-Herz seine Gäste vor den Sterbenden hingestellt, beugte er sich, nacsi einer eben so gut vom Kummer als vom Anstande herrührenden Pause, ein wenig vorwärts, und fragte: „Hort mein Vater die Worte seines Sohnes?" „Sprich," erwiederte der Wildsteller in Tonen, die aus der innersten Brust hervorkamen, welche aber grauenhaft deutlich wurden durch die ringsum herrschende Todtenstille. „Ich muß jetzt von dem Dorfe des Loups scheiden, und nicht mehr weit hin wird mir Eure Stimme nachtöncn." „Der weise Häuptling darf um seine Reise keine Sorge tragen," fuhr Hart-Herz mit einem Eifer fort, der ihn für den Augenblick vergessen ließ, daß Andere ebenfalls warteten, um seinen Adoptivvater anzureden, „ein hundert Loups werden seinen Pfad von Dornen reinigen." „Pawnee, ich sterbe, wie ich gelebt, als ein Christ," erwiederte der Wildsteller mit einer Kraft in seiner Stimme, welche auf seine Hörer dieselbe Wirkung hervorbrachte, als wenn eine lange verstopft gewesene Trompete, nach anfänglich dumpfen und hohlen Lauten, plötzlich in Helle und klare Töne ausbricht. „Wie ich in's Leben gekommen, will ich es auch verlassen. Pferde und Waffen brauche ich nicht, um zu stehen vor dem großen Geiste meines Volkes. Er kennt meine Farbe und wird nach meinen Gaben auch meine Thaten beurtheilen." „Mein Vater muß erst meinen jungen Leuten erzählen, wie viele Mingo's er erschlagen, und welche Thaten der Tapferkeit und Gerechtigkeit er verrichtet, daß sie wissen, wie sie ihm nachahmen sollen." 35 » 548 „Die Stimme eines Prahlers darf man nie in dem Himmel eines weißen Mannes hören!" erwiederte feierlich der Alte. „Was ich gethan, das hat Er gesehen. Seine Augen sind immer offen. Das, was wohl.gethan, dessen wird er sich erinnern; worin ich gefehlt, wird er nicht vergessen zu bestrafen, wiewohl er dabei gnädig verfahren wird. Nein, mein Sohn, ein Bleich-Gestcht soll nicht sein eigenes Lob singen, und hoffen, daß es vor Gott angenehm sei." Etwas in seiner Erwartung getäuscht, trat der junge Held einige Schritte bescheiden zurück, indem er den Hinznkommenden Platz machte, hinzntreten. Middleton ergriff eine der mageren Hände des Sterbenden, und, kaum Herr seiner Stimme, gelang es ihm doch, ihn von seiner Gegenwart zu nnterrichten. Der alte Mann horchte wie Jemand, dessen Gedanken bei einem sehr- fernen Gegenstände weilen, aber als es dem Andern gelungen war, sich verständlich zu machen, daß Er hier sei, drückte sich bald eine freudige Wiedererkennung in seinen matten Zügen ans. „Ich hoffe, Ihr habt die nicht so bald vergessen, denen Jhr einst so wesentliche Dienste leistetet," sagte Middleton. „Es würde mich schmerzen, müßte ich glauben, daß mein Gedächtniß nicht eben so gut bei Euch anfbewahrt sei." „Wenig von dem, was ich je gesehen, ist vergessen," erwiederte der Wildsteller. „Ich bin nun am Schluß mancher mühseligen Tage, aber da ist doch auch kein Einziger darunter, ans desi ich nicht gern zurückblickte. Ich erinnere mich Eurer wohl, und Aller, die mit Euch waren; ach, und auch Eures Großvaters, der vor Euch kam. Es freut mich, daß Ihr wieder ans diese Ebenen gekommen, denn mich verlangte nach Einem, der Englisch spricht, da man auf die Tauschhändler in diesen Landstrichen hier wenig Vertrauen setzen kann. Wollt Ihr, junger Mann einem alten und sterbenden Manne einen Dienst erweisen?" „Nenne ihn/' sprach Middleton, „er soll geleistet werden." „Es ist eine weite Reise, um solche Kleinigkeit dahin zn senden;" Hub der Alte wieder an, der in kurzen Zwischenräumen, wie Kraft und Athen; cs zuließen, spraci)-. „Eine weite und schwierige Reise ist es, aber Freundschaft und Wohlwollen sind Dinge, die man nicht vergessen sollte. Da ist eine Ansiedelung an den Otsegohügeln . . ." „Ich kenne den Ort," unterbrach ihn Middleton, indem er bemerkte, daß dem Alten das Sprechen immer schwerer wurde. „Nur weiter; was soll ich thun?" „Nehmt denn diese Flinte, den Beutel und das Horn, und sendet sie an die Person, deren Name unten an der Kolbe steht. Ein Händler schnitt die Buchstaben mit seinem Messer ein. Ach, cs ist schon lange her, daß ich ihm dieses Unterpfand meiner Liebe znsenden wollen." „So sott cs geschehen. Habt Ihr noch mehr zn wünschen?" „Weiter wüßte ich nichts, was hier abzuthun wäre. Meine Schlinge» gebe ich meinem indianischen Sohne, denn ehrlich und redlich hat er an mir gehalten. Lass' ihn vor mir stehen." Middleton erklärte dem Häuptling, was der Wildsteller gesagt, und überließ ihm seinen bisherigen Platz. „Pawnee," fuhr der alte Mann fort, immer jedoch die Sprache wechselnd, nach den Personen, die vor ihm standen, und nicht selten auch nach den Gedanken, die er ausdrückte, „es ist eine Gewohnheit meines Volkes, daß der Vater seinem Sohne den Segen hinterläßt, ehe er die Augen für immer schließt. Diesen Segen gebe ich dir. Aimm ihn hin, denn das Gebet eines Christen wird den Pfad eines gerechten Kriegers nach den gesegneten Prairien hin weder länger noch schlimmer machen. Möge der Gott der Weißen mit freundlichen Augen ans deine Thaten blicken, und mögest du nie etwas begehen, das ihn nöthigt, sein Gesicht 550 zu verhüllen. Ich weiß nicht, ob wir uns je wieder sehen. Es gibt mancherlei Überlieferungen hinsichts des Aufenthalts der guten Geister. Mir ziemt es wenig, fo alt und erfahren ich auch bin, meine Meinungen gegen die einer ganzen Nation anszusprechen. Ihr glaubt an die gesegneten Prairien, und ich glaube an die Sagen meiner Väter. Wenn beide wahr sind, so ist unsere Trennung für immer; aber sollte es sich darthnn, daß dieselbe Meinung nur in verschiedene Worte gekleidet ist, so werden wir noch zusammenstehen, Pawnee, vor dem Antlitz Eures Wahcondah, der dann Niemand anders sein wird, als mein Gott. Es läßt sich viel sagen zu Gunsten beider Religionen; jede scheint für ihr Volk besonders geeignet, und ohne Zweifel war auch so die Absicht. Ich fürchte nur, ich habe die Gaben, die Leuten meiner Farbe verliehen wurden, nicht ganz benutzt, da es mir sehr schwer fällt, den Gebrauch der Flinte und die Lust der Jagd für immer anfzugeben. Aber dann war es mein eigener Fehler, denn ich fühle', daß es nicht Deiner, o Höchster, kann gewesen sein. Ach, Hektor," fnhr er fort, indem er sich ein wenig nach vorwärts beugte, und die Ohren des Thieres befühlte, „jetzt ist auch unser Scheiden daran gekommen, und wir werden eine lange Jagd haben. Du warst ein ehrlicher, ein muthiger und ein treuer Hund. Pawnee, du darfst nicht den Hund auf meinem Grabe erschlagen, denn wo ein christlicher Hund niederfällt, da bleibt er für immer liegen; aber du kannst freundlich gegen ihn sein, wenn ich dahin gegangen, — aus Liebe zu seinem Herrn." „Die Worte meines Vaters tönen in meinen Ohren," erwie- derte der junge Kampfheld, indem er ernst und ehrfurchtsvoll durch Zeichen seine Bereitwilligkeit aussprach. „Hörst du, was der Häuptling versprochen hat, mein Hund?" fragte der Wildsteller, indem er versuchte, die Aufmerksamkeit des unbeweglichen Abbildes seines Hundes auf sich zu ziehen. Als er 551 keinen Blick und auch kein freundliches Gewinsel znr Antwort erhielt, griff der alte Mann nach dem Mnnde, und versuchte, seine Hand zwischen dessen kalte Lippen zu schieben. Da erst ging ihm die Wahrheit auf, ob er gleich noch weit davon entfernt war, die ganze Ausdehnung des Betruges inne zu werden. Znrücksinkend in seinen Stuhl, hing er den Kopf, wie Jemand, der einen schweren und unerwarteten Stoß erhalten. Diese momentane Vergessenheit benutzend, brachten zwei jnnge Indianer die leblose Hülle mit demselben Zartgefühl hinweg, welches sie zuvor veran- laßte, den frommen Betrug zu veranstalten. „Der Hund ist todt!" murmelte der Wildstetter nach einer Panse von mehreren Minuten. „Ein Hund hat so gut seine Zeit wie ein Mensch, und er hat seine Tage gut verbracht! Kapitän," fügte er hinzu, indem er Middleton zu sich heran zu winken versuchte, „es freut mich, daß Ihr gekommen seid, denn wie diese Indianer auch gntmüthig sind, und es so wohlmeinen, wie man es von ihrer Farbe erwarten darf, so sind sie doch nicht die Leute, den Kopf eines weißen Mannes in's Grab zn legen. Ich habe aber auch an den Hund hier zu meinen Füßen gedacht; es schickt sich wohl nicht, nur so etwas ausznsprechen, als könne ein Christ erwarten, seinen Hund wieder anzutreffen, aber es ist doch nichts Böses dabei, wenn man die Reste eines so treuen Dieners neben die Gebeine seines Herrn legt." „Nicht im geringsten; cS sott Alles geschehen, wie Ihr es wünscht." „Es freut mich, daß Ihr darin mit mir gleich denkt. Nm denn Arbeit zu sparen, so legt mir den Hund zu Füßen, oder besser, gerade mir zur Seite. Ein Jäger braucht sich nie zu schämen, wenn er in Gesellschaft seines Hundes gefunden wird." „Ich wiltts besorgen, wie Ihr es wünschet." 552 Dann machte der Alte eine lange Panse, worin er offenbar Betrachtungen anstellte. Zuweilen erhob er sein Auge, als wolle er abermals Middleton anreden, aber irgend ein inneres Gefühl schien die Worte wieder zu unterdrücken. Der Andere, welcher wohl sein Stocken merkte, fragte ihn nun ans ermunternde Weise, ob noch sonst Etwas sei, was für ihn gethan werden könne. „Ich stehe ganz allein in der weiten Welt!" antwortete der Wildsteller; „wenn ich dahin gegangen, so stirbt mein ganzes Geschlecht aus. Wir waren niemals Häuptlinge, aber ehrenwertst und nützlich ans unsere Weise; das, hoffe ich, wird uns Niemand abstrciten. Mein Vater liegt nahe an der See begraben, und die Gebeine'seines Sohnes werden ans den Prairien bleichen." „Nennet den Ort, und Euer Leib soll zur Seite Eures Vaters beerdigt werden," unterbrach ihn Middleton. „Nicht so, nicht so, Kapitän. Laßt mich schlafen, wo ich gelebt habe, außerhalb des Geräusches der Niederlassungen. Doch sehe ich nickt ab, warum das Grab eines ehrlichen Mannes solle so versteckt werden, wie das einer Rothhaut in irgend einem verwachsenen Winkel. In den Niederlassungen habe ich einen Mann bezahlt, daß er mir einen Grabstein machen und über meines Vaters letzte Ruhestätte setzen mußte. Der Stein war an zwölf Biberfelle werth, und sehr geschickt und trefflich gehauen! Zu Allen, die vorübergingen, sollte er sagen, daß der Leib eines Christen darunter liege, und von dessen Lebensweise, dessen Jahren und dessen Rechtschaffenheit sprechen. Als wir cs mit den Franzmännern in dem letzten Kriege abgethan, reiste ich hin nach dem Orte, um zu sehen, daß Alles recht ausgeführt sei, und ich kann sagen, der Werkmeister hatte treu und revlich Alles ausgeführt." „Und solchen Stein wünscht Ihr auf Eurem Grabe?" „Ich, nein, nein, ich habe keinen andern Sohn als Hart-Herz, und ein Indianer versteht wenig von den Sitten und Gebräuchen der Weißen. Außerdem bin ick auch schon sein Schuldner, da es so wenig ist, was ich gethan habe, seit ich in seinem Stamme lebe. Die Flinte mochte cs wohl einbringen, was solch' ein Ding werth ist — überdieß weiß ich auch, es würde dem Jnngen Vergnügen machen, die Flinte unter seinem Dache aufznhängen, denn er hat manchen Hirsch und manchen Vogel davon bluten gesehen. Aber, nein, die Flinte muß dem gesandt werden, dessen Name darunter eingegraben steht!" „Aber hier steht Jemand, der Euch gern seine Liebe ans die Weise, wie Ihr es wünschet, darthun möchte; eben der, welcher Euch nicht allein seine eigene Befreiung aus so manchen Gefahren verdankt, sondern auch eine schwere Schuld der Dankbarkeit von seinem Vorfahren geerbt hat. Der Stein soll auf Euer Grab kommen." Der alte Mann streckte die magere Hand aus und schüttelte sie dankbar dem Andern. „Ich dachte wohl, daß Ihr es gern thun würdet, aber ich mochte Euch nicht um die Gunst bitten," sagte er, „da Ihr doch nicht von meinem Blute seid. Seht aber keine prahlerischen Worte drauf, sondern nur den Namen, das Alter und die Zeit meines Todes, mit einem Spruch aus der heiligen Schrift. Weiter nichts, weiter nichts. Dann wird doch mein Name nicht ganz ans der Erde verloren sein; weiter verlange ich aber nichts, gar nichts." Middleton wiederholte ihm, wie er zu Allem bereit sei, und dann folgte eine Panse, welche nur durch einzelne Reden des Sterbenden, die ohne Zusammenhang hepauskamen, unterbrochen wurde. Er schien jetzt seine Rechnung mit der Welt abgeschlossen zu haben und nur ans den letzten Ruf zu warten, um sie ganz zu verlassen. Middleton und Hart-Herz setzten sich ihm gegenüber auf denselben Sitz, und bewachten mit trüber Emsigkeit die Ver- änderungen seiner Geflchtszüge. Zwei Stunden lang war keine merkliche Verwandlung. In seinen ausgelebten Zügen drückte sich noch immer eine würdige Ruhe aus. Von Zeit zu Zeit sprach er einige Worte; bald war's eine Lehre, ein Rath, eine kurze Weisung; bald waren's einfache Fragen über die, an deren Schicksal er noch immer eine freundliche Theilnahme zeigt. Während dieser ganzen feierlichen und ängstlichen Zeit verharrte Jeder aus dem Stamme an seinem Platze mit der größten Geduld. Sobald der Alte sprach, neigte Jeder den Kopf, um zu horchen, und wenn er ausgesprochen, schien Jeder die Weisheit und den Nutzen der Worte zu erwägen. Als das Lämpchen sich immer mehr dem Erlöschen näherte, verhallte seine Stimme, und es gab Momente, wo die um ihn Stehenden zweifelten, ob er noch zu den Lebenden gehöre. Midd- leton, der jede leise Regung auf seinem verwitterten Antlitz mit der Theilnahme eines Psychologen und doch zugleich mit der zärtern eines Befreundeten bewachte, bildete sich ein, in seinen markirten Gesichtszügen die Lebensthätigkeit des Alten zu lesen. Vielleicht, daß, was der aufgeklärte Soldat nur für ein Spiel der irre geleiteten Einbildungskraft nahm, ihm wirklich begegnete, denn wer ist je ans der unbekannten Welt zurückgekehrt, um zn ^erklären, auf welche Weise er in die ehrfurchtgebietenden Vorhallen der Ewigkeit eintrat. Ohne das aufklären zu wollen, was dem Lebenden für immer ein Geheimniß bleiben wird, wollen wir nur noch das wirklich Vorgegangene einfach erzählen. Der Wildsteller hatte ungefähr eine Stunde so ohne Bewegung gelegen. Nur seine Augen hatten sich zuweilen geöffnet und geschloffen. Wenn sie offen waren, schien sein Blick auf die Wolken gerichtet, die um den westlichen Horizont hingen, im vollen Farbenwiederstrahl und in der ganzen seltsamen Gestalt, Anmuth und Pracht eines amerikanischen Sonnenuntergangs. Die Stunde, 555 die ruhige Schönheit der Jahreszeit, die Gelegenheit, Alles verband sich, die Zuschauer mit feierlicher Ehrfurcht zu erfüllen. Plötzlich, während er über die merkwürdige Lage, in der er sich befand, nachsann, fühlte Middleton, wie die Hand, die er in der seinen hielt, diese letztere mit unglaublicher Kraft drückte, und der alte Mann, auf beiden Seiten von seinen Freunden gestützt, erhob sich, und stand gerade auf seinen Füßen. Einen einzigen Augenblick sah er sich um, als wolle er Alle, die um ihn standen, auffordern, auf ihn zu horchen (das letzte Ueberbleibsel menschlicher Gebrechlichkeit!), und dann rief er, wie ein stattlicher Kriegsmann den Kopf erhebend, und mit einer Stimme, die überall in der zahlreichen Versammlung gehört werden mußte, das feierliche Wort: „Hier!!« Eine so unerwartete Bewegung, und seine Miene voll Hoheit und Demnth, die sich so seltsam zugleich auf einem und demselben Gesichte aussprachcn, zusammen mit der klaren und ungewöhnlichen Kraft des Ausdrucks, verursachten kurze Zeit durch bei allen Gegenwärtigen eine eigene Bewegung. Als Middleton und Hart-Herz, welche Beide unwillkührlich eine Hand ausgestreckt hatten, den Leib des Allen zu halten, ihn wieder anblickten, fanden sie, daß der Gegenstand ihrer Theilnahme, ihrer Sorge nicht mehr bedürfe. Trauernd legten sie den Körper wieder auf das Lager, und Le Balafro stand auf, den Schluß dieses Auftritts dem Stamme anzukündigen. Die Stimme des alten Indianers schien eine ArckEcho ans jener unsichtbaren Welt, in welche der Geist des ehrlichen Jägers gerade heimgekehrt war. „Ein kräftiger, ein gerechter und ein weiser Krieger ist hingegangen auf dem Pfade, der ihn zu den gesegneten Gründen seines Volkes führe» wird!" sprach er. „Als die Stimme des Wah- condah ihn rief, war er bereit, zu antworten! Geht, meine Kinder, » 556 !L, gedenket des gerechten Häuptlings der Bleich-Gesichter, »nd räumt die Dornen aus eurem eigenen Wege fort!" Das Grab wurde unter dem Schatten einiger edlen Eichen gegraben. Es ist bis zu dieser Stunde von den Hawnee's am Loup sorgfältig gehütet worden, und wird dem Reisenden und dem Händler häufig gezeigt, als ein Fleck, wo ein gerechter Weißer ruhe. Zu seiner Zeit wurde auch der Stein darauf gelegt mit der einfachen Inschrift, welche der Wildsteller selbst erbeten hatte. Middleton nahm sich jedoch die Freiheit, hinzuzufügen: „Möge keine muthwilligc Hand jemals seine Gebeine stören." - Druck von C. Hoffmann in Stuttgart.