163
nachdenklich; doch zeigte sie noch immer ein freundliches Lächeln fürBetts und wenn sie gleich keine Ahnung hatte über die Natur einesArgwohns, welchen sie wohl kaum verziehen haben würde, so wares doch ihr sehnlicher Wunsch, keinen andern Schatten zwischen sichund Betts zurückzulaffen, als den sie bereits aus Pflichtgefühl zwischensich und ihn geworfen hatte. Daher war ihre Antwort offen undeinfach, wiewohl sic im Verlauf ihrer Eröffnungen eine tiefe Rüh-rung nicht unterdrücken konnte.
„Dieses Tuch/' erwiederte dis junge Französin, „ist ein alterBekannter, der mir einige der peinlichsten Scenen eines Lebens zu-rückruft, das des Sonnenscheines nie viel gehabt hat. Sie erinnernsich wohl, Mr. Shoreham, wie ich einigemalc von einer Groß-mutter zu Ihnen sprach, welche sich meiner als einer verlassenenWaise annahm und später in meinen Armen starb. Dieses Tuchstickte ich, um ihr in der letzten Krankheit Unterhalt zu verschaffen,und diese Spitzen — ja diese schönen Spitzen waren ein Theil derBrautgabe der geliebten Großmutter. Ich habe sie dahin ge-setzt, wo Sie sie nunmehr sehen, um den Werth meiner Arbeit zuerhöhen.'/
„Ich sehe Alles, Alles!" rief Betts Shoreham voll bittererReue; „ich verstehe jetzt Ihre Gefühle, theuerste, angebetete Mlle.Hennequin! Ich hoffe, diese ausgezeichnete, vom feinsten Geschmackzeugende Arbeit gewährte Ihnen all den Lohn und Trost, den Siemit vollem Rechte davon erwarten durften?"
Ein Schatten von Angst flog bei diesen Worten über Adrienne'SZüge — denn sie und keine Andere war es, welche mich anstarrteund sich dabei die ganze Geschichte ihres Leidens und ihrer Bedräng-nisse zurückrief. Erst jetzt erkannte auch ich sie wieder, denn dieZeit, mein schlechtes Gedächtniß und die vollere Entwicklung ihrerGestalt hatten mich das Bild des lieblichen Wesens vergessen lassen,dem ich so ziemlich Alles verdanke, was ich bin; ein einziger Blick,