UI_6 vüLssIcioi'f ->-0495 0 ^ I. F. Cooper's Amerikanische Romane, ,»e u aus dem Englischen übertragen. Siebzehnter Vand. Ned Myers. Die franzöfische Erzieherin. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesch ing- 1845 . Aus dem Leben eines Vorkastellmatrosen. Herausgegeben ^ von James Fenimore Cooper. Aus dem Englischen von Eduard Manch. ' 5 ' Vergangenheit — Du unerbittlicher Tyrann! Stark sind die Schranken, die Dein Reich umgeben, Und schwere Ketten fesseln AlliS, was entrann In Deinen festen Zwinger — kalt und ohne Leben! Brpant. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieschin g. 184 8 . Es ist schon oft ausgesprochen worden, daß eines jeden Menschen Leben, würden seine Begebnisse treu geschildert werden können, anziehend und lehrreich für die Mehrzahl der Leser sein müßte. Ueberzeugt von der unumstößlichen Wahrheit dieses Satzes, Hai der Schreiber dieser Zeilen unternommen, die Kreuz- und Ouerzüge, Lebensrctlungen und Ansichten eines seiner ehemaligen Schiffsgenossen dem Papiere anzuvcrtrauen, als ein sicheres Vehikel, der Lesewelt ci» treues Bild von der Laufbahn eines gemeinen Seemannes vorzuführen. Manchem Leser wird es Unterhaltung gewähren , einem Vorkastell. Matrosen in seinen gefahrvollen Wanderungen zur See zu folgen, und nebenbei üben vielleicht auch MpcrS' Erfahrungen und innere Umwandlung einen heilsamen Einfluß auf die Gemüther von Solchen, deren Schicksale oder Aussichten sie in eine Reihe mit unserer alten Thcerjacke stellen. Der Leser wird ein erklärbares Verlange» empfinden, zu erfahren, in wie weit der Herausgeber für die Wahrheit des hier Nicdergeschricbenen einstehcn kann: welche Verkettung von Umständen ihn mit der Person zusammcngcbracht haben, deren Lebensgang den Stoff dieses kleinen Buches bildet: so möge über diese beiden Punkte soviel hier stehen, als für ei» gehöriges Verständnis erforderlich ist. Zuerst daron, was der Herausgeber selber von der Laufbahn des Helden seines Büchleins weiß. ES war im Zahr 1LÜ6, als Erstercr, damals ein junger Mensch, eben von Vale kommend und für den Seedienst bestimmt, auf VI einem Kauffahrer seinen ersten Ausflug machte —um seinen Beruf einigermaßen Praktisch kennen zu lernen. So wollte eS die damalige Sitte, deren Zweckmäßigkeit — die Sache im Ganzen angesehen — man übrigens sehr bezweifeln kann. Die Reise war eine ungewöhnlich lange, sofern sic Wohl sechs bis acht Fahrten in sich schloß und nahezu bis an das Ende des Jahres 1807 dauerte. Am Bord desselben Schiffes befand sich unser Mvcrs, welcher dem Kapitän als Zögling beigegeben war. Ned — so nannte man ihn allgemein — war in demselben Alter mit dem Herausgeber; so bildete sich zwischen Beiden schnell jene Vertraulichkeit, welche das Schiffsleben mit sich zu bringen pflegt. Ned war übrigens der Jüngere: ihm blieben damals alle die Mühseligkeiten und schweren Dienstleistungen erspart, denen sich der Herausgeber zu unterziehen hatte. Nur einmal, nachdem sich die Mannschaft des fraglichen Schiffs zerstreut hatte, trafen Ned und der Herausgeber wieder zusammen, und zwar bloß auf ganz kurze Zeit. Dieß war im Jahr IMS. Viernndzwanzig Jahre später, 1833, waren Beide eine halbe Stunde lang am Bord ein und desselben Schiffs, ohne von einander zu wißen. Wenige Monate darauf schrieb Ned, von der richtigen Vermuthung geleitet, der Verfaßer des Loolsen müße sein alter Schiffsgcnoße sein — einen Brief an den Herausgeber, um sich der Wahrheit zu versichern. Der hierauf folgende Briefwechsel führte zu einer Zusammenkunft, diese zu einem Besuch NcdS bei dem Herausgeber, und die Mittheilungen, die Letzterer bei diesem Besuche erhielt, riesen den Entschluß hervor, das vorliegende Buch zu veröffentlichen. WaS die Absicht des wirklichen VerfaßerS betrifft, so hegt der Herausgeber alles Vertrauen zu NedS Erzählung. Sollte er sich in der That nirgends geirrt haben, so müßte er als eine Ausnahme von der überall giltigen Regel angesehen werden, die auf alle Ansichten und Erinnerungen der übrigen großen Menschenfamilie ihre Anwendung findet. Dessenungeachtet hat der Herausgeber Sorge getragen, nichts wicderzugeben, was ihm irgend Mistrauen einslößtc. An wenigen Stellen hat er feine eigene größere Wcltcrfah- rnng und Menschenkenntnis an der Stelle von NedS beschränkter Anschauungsweise reden laßen; übrigens nur mit großer Vorsicht und einzig in Fällen, wo cS am Tage lag, daß der Erzähler durch den trügerischen Schein getäuscht worden war oder aus Unwißenheit gefehlt hatte — woraus der Leser übrigens nicht entnehme» möge, daß NcdS Bildungsgrad nur der eines gewöhnlichen Vorkastcllmatrosen gewesen sei — ein Schluß, der sehr irrig wäre. Schon VI l als der Herausgeber ihn zuerst kennen lernte, gingen seine Kenntnisse wesentlich über die des gewöhnlichen Schlags seiner BerufSgenoßen hinaus: man erkannte deutlich die Spuren eines Umgangs mit Männern, die in ihrer gesellschaftlichen Stellung, wenn sie auch nicht wirkliche Gentlemen waren, doch nahezu eben so hoch geachtet werden durften. Mit einem Wort, der Umfang von NcdS Wißen im Allgemeinen war ei» solcher, daß man am Bord eines Schiffs füglich auf ihn aufmerksani werden konnte. Vergeudete er auch offenkundig einen großen Thcil seines später» Lebens, so gab es doch Abschnitte darin, die für seine Bildung nicht verloren gingen, so daß Ned seiner Zeit als ein Mann von glücklicher Auffassungsgabe, ziemlich umfangreichen Kennt- nissen und vor allem von höchst eigenthümlichem Urtheile gelten durfte. Nehmen wir dazu die gesunden, scharf ausgeprägten sittlichen Grundsätze, die jetzt in seinen Reden wie in seinem Thun gleicherweise sichtbar sind, so wird ihm Niemand das Recht, seine Sache selbst zu führen, absprechcn wollen: einzig die Ungewohntheit, seine Gedanken schriftlich auszudrücken, wird einige Nachsicht verdienen. So hat sich denn der Herausgeber bestrebt, der Ausdrucksweise seines Schützlings überall so nahe als immer möglich zu bleiben, und gar oft mußte er sich überzeugen, wie wenig der Sache mit einer kunstvollen Nachhilfe gedient gewesen sehn würde. Die Frage über den eigentlichen Stand des Mannes, von dem Ned als einem seiner Pathen spricht, wird ohne Zweifel mancherlei Bedenken erwecken : der Herausgeber hat hierüber nur die Bemerkung, daß MherS' Bericht in dem vorliegenden Büchlein !m Wesentlichen ganz derselbe ist, den ihm Ned vor nahezu vierzig Jahren gab, in einem Alter und unter Verhältnissen, die jeden Gedanken an eine absichtliche Täuschung verbieten. Zudem wird die Erzählung von seiner Schwester, dem ältesten der beiden Kinder, bekräftigt; ihr blieb, gleich Ned selber, eine bestimmte Erinnerung von dem Fürsten. Der Herausgeber vermuthct, daß die beiden Waisen nicht in einer gesetzmäßigen Ehe geboren wurden, ohne gleichwohl unmittelbare Beweise dafür in Händen zu haben, und im klebrigen liegt durchaus nichts Ungewöhnliches darin, wenn ein Großer vom höchsten Range, den des Regenten natürlich ausgenommen — zu Gunsten des Kindes eines Untergebenen am Taufstein erscheint. In der That wird z. B. selbst ein Glied der Königlichen Familie eine solche Gunst eher Dem erweisen, von welchem cs nach Geburt wie Rang Vttl durch eine große Kluft getrennt ist. als dem höherstehenden Adeligen, welchem eS cinfallcn konnte, Ansprüche auf die ihm erwiesene Huld zu gründen. Es bleibt uns noch übrig, die Erklärung zu wiederholen, daß nach unserm persönlichen Eindrücke die ganze Geschichte, wie sie hier vorliegt, auf Wahrheit ruht. Neds Gedächtnis mag ihn zuweilen trügen, seine Ansichten irrig sein; aber nach des Schreibers vollster Ueberzcugung wollte die alte Theerjacke weder irgend etwas berichten, was er nicht für wirkliche und wahre Begeben, heil hielt, noch irgendwie eine tadelnswertste Empfindung äußern. Seine Sinnesänderung — so weit man den Baum an seinen Früchten erkennt — ist durchaus lauter und aufrichtig; Sprache, Benehmen, Gewohnheiten, Gleich. Mäßigkeit des Auftretens, alles zeigt bei dem ehrlichen alten Seemanne den heitern, glaubensfreurigen Christen, der gleich fern von leerem Wortgcpränge wie von krankhafter Uebertreibung ist. Gerade darin ist Ned ein lebendiges Beispiel von der Kraft wahren Glaubens, wie von der Allgewalt LcS Heiligen Geistes, auch den verfinstertsten Sinn zu erleuchten und das verhärtetste Genüßen zu wecken. Oktober 1?t3. Erstes Kapitel. Indem ich mich dazu verstehe, die Erfahrungen eines gemeinen Seemanns und argen Sünders — leider muß ich dieß beifügen, denn unser Beruf ist nur allzu geeignet, den Menschen hiezu zu «, stempeln —^ssor Augen zu legen, lebt in mir das zuversichtliche Bewußtseyn, daß kein Gefühl von Eitelkeit einen ungebührlichen Einfluß dabei ausübt. Ich liebe die See und es macht mir Ver- gnügen, mich von dieser meiner alten Bekannten, von den Auftrit- tcn, die ich in verschiedenen Theilen der Welt erlebt, von den Gefahre», die ich auf ihrem Wellenspiegel bestanden, mit Anderen zu unterhalten. Einer meiner ehmaligen Schiffsgenofsen hat sich gegen mich erboten, die Thatsachen, welche ich ihm mittheilen würde, in die geeignete Form einzuleiten, und da ich der Ansicht bin, daß meine Erzählung für manche unter meinen Kameraden, welche demselben Berufe folgen, dem ich so viele Jahre obgelegcn — von Nutzen sehn dürfte, so vermag ich in dem Entschlüsse, den ich hier ausführe, nichts Schlimmes zu entdecken, möchte mich vielmehr in aller Demuth dem Glauben überlassen, daß er den Samen zu manchen guten Früchte» enthalten könnte. Gott gebe, daß die Schilderung, welche ich von meiner früheren Entartung und meinen vielfältigen Fehltritten zu entwerfen mich veranlaßt fühlen werde, gerade durch ihren Kontrast mit meinem jetzigen Glück und meinen Hoffnungen wenigstens einige meiner Leser bestimmen möge, die ausschweifende LebenS- Ncd MverS. 1 2 weise, wie sie unter Seeleuten so gewöhnlich ist, aufzugebe» und ihre Blicke auf jene grasten Wahrheiten zu richten, welche so mächtig auf Neberzeugung und Besserung hinwirken, sobald man sie in Demuth und mit dem richtigen Vewußtsehn unserer eigenen Schwäche in'S Auge faßt. Von meiner Familie besitze ich, außer meinen eigenen Jugend- erinnernngen und den Erzählungen meiner Schwester, keine weitere Kenntniß. Meines Vaters kann ich mich noch oberflächlich erinnern; non meiner Mutter, welche in meiner frühesten Jugend gestorben sehn muß, ist mir dagegen kein deutliches Bild in der Seele zurückgeblieben. Ersteren durste ich bis zu meinem fünften oder sechsten Jahre sehr oft sehen; er diente in des Königs von Großbritannien dreiundzwanzigstem Infanterie-Regiment;* der vierte Sohn dieses Monarchen, Prinz Edward, wie er damals genannt wurde (später führte er den Titel eines Herzogs von Kent), kommandirte das Korps und begleitete es in die britisch-amerikanischen Kolonien, wo es lange Zeit stationirt war. Ich wurde zu Quebec zwischen den Jahren 1792 und 1794 — wahrscheinlich anno 1793 — geboren. Welchen Rang mein Baker in seinem Regimente bekleidete, vermag ich nicht anzugeben, glaube aber mit ziemlicher Gewißheit, daß er wirklicher Offizier war. Er befand sich viel um den Prinzen und ich erinnere mich, daß er auf der Parade, wo ich ihn oft gesehen habe, häufig von dem Prinzen zu der Mannschaft zu gehen pflegte — ein Umstand, der meinen alten Schiffskameraden zu der Meinung veranlaßt, er sey der Adjutant des Prinzen gewesen. Mein Vater war, wie ich immer sagen hörte, ein geborener Hannoveraner und Sohn eines Geistlichen aus jenem Lande; auch ' Der Verfasser ließ früher die Nummer dieses Regiments in seinem Tagebuche »nauSgefüllt und ergänzt sic erst jetzt aus dem Gedächtnis: es ist daher leicht möglich, daß er sich irren könnte. Anm. d. Herausgebers. 3 meine Mutter soll eine Deutsche gewesen sehn; doch weiß Keines von der Familie viel davon zu erzählen. Nach der Schilderung, die man mir von ihr entworfen hat, lebte sie sehr einsam, war viel mit Dingen beschäftigt, welche dem Amte meines Vaters gänzlich fremd blieben und konnte überhaupt das Soldatenlebcn nicht leiden. Ich wurde in der anglikanischen Konfession getauft und von meiner frühesten Knabenzelt an gab man mir zu verstehen, Seine königliche Hoheit, Prinz Edward, der Vater der Königin Victoria, habe mich aus der Taufe gehoben, Major Walter desselben Regiments sey der zweite Pathe, und MrS. Walter, seine Gemahlin, meine Taufpathin gewesen. Meine wahren Namen sind: Edward Robert Mhers — die beiden ersteren wurden mir von meinen Taufpathen nach ihren eigenen gegeben. Diese Taufe, wie meine Geburt fand zu Quebec Statt. Seit ich aber zur See ging, nannte ich mich immer blos Edward oder Ned MyerS. Noch ehe ich alt genug war, um dauernde Eindrücke in meine Erinnerung aufzunehmen, wurde das Regiment nach Halifax versetzt. Mein Vater begleitete dasselbe, und seine beiden Kinder, meine Schwester Harriet^ und ich, wurden natürlich gleichfalls nach Neuschottland mitgenommen. Mein Leben in Halifax, besonders die späteren Jahre meines dortigen Aufenthalts, habe ich noch ziemlich deutlich im Gedächtnis;: der Prinz und mein Vater blieben beide eine geraume Zeit bei ihrem Regiment, verließen aber Halifax um mehrere Jahre früher, als ich selbst von der Stadt Abschied nahm. Des Prinzen Edward kann ich mich noch ganz genau erinnern. Er wohnte zuweilen etwas außerhalb der Stadt, in einem Hause, welches „Lodge" genannt wurde; ich wurde oft dahin geführt, um ihn zu besuchen, auch hatte er eine Wohnung in der Stadt selbst. Ich war sehr gut bei ihm angeschrieben, denn er nahm ' Henriette. " Kleines Landgut. mich häufig auf dcn Arm, um mich zu küssen. So oft er an unserem Hause vorüberging, lief ich ihm entgegen, und er pflegte mich dann selbst durch die Straßen zu führen. Mehr als einmal nahm er mich mit und ließ den Regimentsschneider rufen, der mir daun eine» Anzug nach des Prinzen eigenem Geschmaeke anfertigen mußte. Er war ein stattlicher Mann von gebietendem Aeußereu und trug häufig einen Stern auf der Brust. Er hieß damals noch nicht Herzog von Kent, sondern bloß Prinz Edward oder der Prinz. Eine Dame wohnte bei ihm auf der Lodge; wer sie aber war, weiß ich nicht. Meine Mutter muß um diese Zeit schon todt gewesen seyn, denn ihrer kann ich mich gar nicht mehr entsinnen. Ich glaube, mein Vater verließ Halifax ziemlich lange vor dem Prinzen; auch Major Walter ging nach England und ließ Mrs. Walter für einige Zeit in Neuscholtland zurück. Ob mein Vater mit einem Theile seines Regiments abgiug oder nicht, vermag ich nicht anzugeben; ich habe nur noch eine Unterredung zwischen dem Prinzen, dem Major und Mrs. Walter, im Gedächtniß, worin von dem Verluste eines Transportes die Rede war, wobei Myers einige Leute gerettet haben sollte. Dieß muß nm dieselbe Zeit gewesen seyn, da mein Vater Neuschottland verließ, wohin er, glaube ich, nie mehr zurückkehrte, denn weder meine Schwester noch ich haben ihn später je wieder gesehen. Man gab uns zu verstehen, er sey in der Schlacht gefallen, ohne daß man uns Ort oder Zeit dieses Unglücks genannt hätte. Mein alter Schiffsgenoffe, der Herausgeber, meint, dieß müsse in Canada geschehen seyn, denn nachdem ich Neuschottland verlassen hatte, trafen Briefe von einem Freunde aus Quebec ein, worin sich dieser nach uns Kindern erkundigte und dabei auseinander setzte, daß meines Vaters Effekten sich in jener Stadt befänden und als unser Eigenthum betrachtet werden sollten. Dieser Brief gab meiner Schwester die erste Nachricht von 5 unsers Vaters Tod, war aber nicht an sie, sondern an Diejenigen adressirt, in deren Obhnt sie zurückgclaffen worden war. Jenes Besitzthum bekamen wir niemals auSgeliefert; mein Schiffskamerad, der diesen Bericht verfaßt, ist der Ansicht, daß gesetzliche Hindernisse in den Weg getreten sepn mögen. Ehe mein Vater Neuschottland verließ, hatte er Harriet und mich bei einem Mr. Marchinton, einem Geistlichen, in Kost gegeben, der seine wirkliche Pfarrei besaß, sondern in einer eigenen Kapelle predigte. Dieser schickte uns beide in die Schule und trug auch sonst Sorge für uns. Wann der Prinz Halifax verließ, weiß ich nicht mehr genau anzugeben: es muß in meinem fünften oder sechsten Jahre — wahrscheinlich um's Jahr 1798 oder 1789 geschehen sepn.* Von jener Zeit an bis zum Jahr 1803 blieb ich bei Mr. Marchinton, besuchte die Schule und vertrieb mir die Zeit, wie dieß bei Knaben jenes Alters gewöhnlich ist. Ich fürchte, ich war von Natur zur Trägheit und zum Müßiggang geneigt, denn unter den ZwangSmaßregeln des SchullebrerS und meines Erziehers wurde ich immer starrköpfiger und ungeduldiger. Daß ich gerechte Ursache hatte, mich über Mr. Marchinton zu beklagen, wüßte ich eben nicht, nur wollte mir seine strenge Zucht nicht behagen, vornehmlich deß- halb — wie ich jetzt zu glauben geneigt bin — weil es mir nicht angenehm dünkte, unter drückendem, geistigem Zwange gehalten zu werden. Ich glaube nicht, daß ich sonderlich verdorben war, und weiß gewiß, daß ich nichts weniger als ein cholerisches Temperament * Edward, Herzog von Stent, wurde am 2. November 1762 geboren und> ward den «3. April 1729, also etwas über 31 Jahre alt, zum Peer er-, hoben. Diese Ernennung fand wahrscheinlich bei seiner Rückkehr nach' England statt, nachdem er sechs bis acht Jahre in Amerika und Westindien zugcbracht hatte. Während seines Aufenthalts in jener Hemisphäre diente er mit großer Auszeichnung in Westindicn. Anmerk, des Herausgebers. 0 besaß; aber ich wollte mein eigener Herr seyn und haßte vornehmlich Alles, was einer priesterlichen Beaufsichligung ähnlich sah. Mr. Marchinto» ließ mich überdies; fast niemals auf die Straße, während mich doch mein vorherrschender Hang zum Müßiggänge und zu den Spielen anderer Knaben hinzog. Es mag wohl seyn, daß er für einen Jungen von meinem Temperament etwas zn streng war. doch fürchte ich auch meiner Seits, daß die Natur mir einen unstäten, verändernngssüchtigen Geist gegeben hatte. Die englischen Kreuzer schickten um jene Zeit viele amerikanischen Prisen in den Hafen und da unser Haus nahe am Wasser stand und Mr. Marchinton in jenem Theile der Stadt beträchtliche Grundstücke besaß, so bestanden meine Liebhabereien darin, auf den Werften herumzuschlendern, so oft sich eine Gelegenheit dazu darbot. Auf dem „Cambrian," einer Fregatte, befand sich ein Midship- man, der nur wenig älter als ich selbst und ein Schnlgenosse von mir war. Der Bursche hieß Bowen und war als angeblicher Prisenmeister einer mit Kaffee befrachteten Brigg in den Hafen beordert worden. Kaum hatte ich Wind von der Sache bekommen, als ich ihn auch alsbald heimsuchte. Der junge Bowen bot Allem auf, um mich in dem nunmehr erwachenden Wunsche, Seemann zu werden, zu bestärken; mit gespannter Neugierde horchte ich auf die Erzählung seiner Abenteuer und auch ich verspürte den gewöhnlichen, knabenhaften Drang der Nacheiferung. Mr. Marchinton schien meinem Plane, mich diesem Stande zu widmen, abgeneigt zu seyn; ich durfte daher meine häufigen Besuche nur verstohlen abstatten, und in demselben Verhältnis!, als die Erfüllung meiner Wünsche schwierig zu werden schien, steigerten sie sich auch an Kraft und Heftigkeit. Ich lernte bald an der Tackelage der Brigg bis zn den Mastenspitzen emporklettern. Eines Tags gewahrte mich Mr. Marchinton ganz oben am Flaggenknopf des Hauptmastes; er rief 7 mich herab und endete damit, daß er mich für meine Geschicklichkeit und meinen Unternehmungsgeist tüchtig durchpeitschte. Es geschieht häufig, daß eine Züchtigung gerade die entgegengesetzte Wirkung von dem hervorbringt, was sie eigentlich beabsichtigte — so ging'S auch in dem vorliegenden Falle. Mein Wunsch, Seemann zu werden, wurde durch jene Strafe nur noch verstärkt und ich begann jetzt ernstlich an Flucht zu denken, uni endlich auf ein Schiff zu kommen und jener Einschränkung am Lande, die mir gänzlich unvernünftig vorkam, zu entrinnen. Eine zweite Prise, das Amsterdamer Packetboot, nach Philadelphia gehörend, war, glaube ich. von der Kleopatra, Kapital« Sir Robert Laurie, aufgebracht worden. Am Bord dieses Schiffes dienten zwei amerikanische Schiffsjungen, mit denen ich bald auf sehr vertrautem Fuße stand; ihre Schilderungen von der See, ihre Berichte über die vereinigten Staaten, verbunden mit dem Zwange, den ich zu erdulden glaubte, stachelten meinen Wunsch, Matrose zu werden und ihr Vaterland zu sehen, immer heftiger auf. Sie hatten wenig zu thu», genoßen großer Freiheit, kamen und gingen fast ganz wie's ihnen beliebte — und dieses müßige Leben erschien mir als der Gipfel der Glückseligkeit; durfte ich doch nicht oft wagen, die Schule zu schwänzen, die mir mit jedem Tage verhaßter wurde. Dieser Wunsch nach einer Veränderung muß mich, soweit ich mich entsinnen kann, beinahe ein volles Jahr beschäftigt haben. Mit jedem neuen Schiffe, das ich vor meinen Augen kommen oder abgehen sah, erhielt meine Sehnsucht wieder neue Nahrung, bis ich ernstlich darauf dachte, den Plan zur Flucht zur Reife zu bringen. Im Sommer 1805 — in einem Alter von höchstens eilf Jahren — brachte ich endlich mein Vorhaben zur Ausführung. Ich befand mich eines Tages auf dem Marktplatze und hörte einige gefangene amerikanische Matrosen von einem Schooner erzählen, der im Begriffe stand, Halifax zu verlassen, um nach New- Dork auszulaufen. Das Schiff gehörte nach Nordkarolina und war 8 vor einiger Zeit von dem „Driver" gefangen, aber durch einen Spruch des AdmiralitätsgerichteS wieder freigegeben worden. Die Männer, die ich darüber sprechen hörte, beabsichtigten die Neber- fahrt in ihr Vaterland auf diesem Fahrzeug zu bewerkstelligen. Dieß schien mir eine günstige Gelegenheit zur Ausführung meiner Absicht, »nd unverzüglich begab ich mich von dem Marktplatze nach dem Schooner. Der Steuermann allein war am Bord; ich faßte mir ein Herz und fragte ihn, ob er nicht einen Schiffsjungen brauche. ^ Mein Anzug wie mein ganzes Aeußere sprachen beide gegen mich, da man sogleich daraus entnehmen konnte, daß ich ber bessern Klaffe der Stadtkinder angehörte und nicht an Handarbeit gewöhnt war. Der Steuermann fing an mich anszulachen und meinen Wunsch, zur See zu gehen, zu verspotten, indem er mich nach meinen Kenntnissen befragte. Ich zeigte mich zu Allem willig und bereit; da ich aber merkte, daß dieß nur wenig Eindruck auf ihn machte, so nahm ich endlich meine Zuflucht zur Bestechung. Prinz Edward hatte mir vor seinem Abgänge von Halifax eine schöne kleine Vogelflinte zum Geschenk gemacht, die nun in meinem Besitze war; ich ließ gegen den Steuermann ein Wörtchen davon fallen, daß ich Eigcnthümer eines so kostbaren Artikels sch nnd ihm die Flinte überlassen werde, wenn er sich dazu verstehen wollte, mich auf dem Schooner zu verstecken und nach New-Nork nberzuführen. Dieser Köder wirkte: der Steuermann hieß mich die Vogcl- siinte an Bord bringen, nm sie vorerst beaugenscheinigen zu können. Noch in derselben Nacht trug ich die Flinte hinüber, der Mann war vollkommen damit zufrieden und der Handel wurde auf der Stelle abgeschlossen.; dann kehrte ich nach Haus zurück, um mir einige Kleidungsstücke zusammen zu packen. Ich wußte, daß meine Schwester Harriet eben damals Hemden für mich anfertigte; ich stahl mich in ihr Zimmer und nahm zwei 9 davon mit — das war nämlich Alles, was ich erwischen konnte. Meine Garderobe war nicht sehr reichhaltig, als ich das Haus verließ; gleichwohl brauchte ich die Vorsicht, dieselbe Stück für Stück wegzutragen und einstweilen in einer leeren Tonne im Hofe zu verstecken. Sobald ich genug Kleidungsstücke zu haben glaubte, knüpfte ich sie in einen Bündel zusammen und trug sie nach dem Schooner hinab. Der Steuermann räumte in der Kajüte einen Schrank ans, worin Kartoffeln aufbewahrt wurden und sagte mir, ich müsse mich entschließen, einige Stunden in diesem engen Behältnisse zuzubringen. Zu gedankenlos, um Einwendungen zu machen, gab ich mit Freuden meine Einwilligung und verabschiedete mich mit dem Versprechen, daß ich früh am nächsten Morgen an Bord kommen wollte. Vor Bettgehen befahl ich noch einem schwarzen Diener in Mr. Marchinton's Hause, mich gegen Tagesanbruch zu Wecken, da ich ausgehen und Erdbeeren pflücken wolle. Dieß geschah; ich stand auf und war bereits angezogen, noch ehe sich irgend Jemand im Hause rührte, worauf ich, ohne Zeit zu verlieren, meine seitherige Wohnung verließ und mich vorsichtig nach dem Schooner hinabschlich. Dort war noch Niemand auf uud ich sah mich demnach ge- nüthigt, den Steuermann selbst zu wecken; der aber schien nunmehr geneigt, den Handel rückgängig zu machen und ich mußte große Beredsamkeit aufbiete», bis ich ihn bewog, endlich doch noch Wort zu halten. Die Vogelstinte mochte er nicht wieder herausgeben; dagegen schien er zu glauben, sie ehrlich verdient zu haben, wenn er mich von meinem Entweichungsversuche abbrächtc. Endlich gab er nach — ich schlüpfte in den Schrank und ließ mich mit Kartoffeln zudecken. Ich befand mich eine gute Weile in dieser unbehaglichen Lage, bis nur das geringste Zeichen von einem Auslaufen des Schiffes bemerkbar wurde; der Drang nach Veränderung erwachte bei mir 10 in einer neuen Gestalt und ich fing an, meiner Gefangenschaft herzlich müde zu werden, denn die Kartoffeln lasteten schwer auf mir und die eingcpreßte Luft machte meinen Käfig fast unerträglich. Schon stand ich auf dem Punkt, den Schrank zu verlassen, als das Geräusch auf dem Verdeck mir die tröstliche Versicherung gab, daß die Mannschaft am Bord eingetroffcn und der Schooner zu Abfahrt bereit war. Ich konnte die Unterhaltung der Leute mitanhoren und nach einer Pause, welche mir ein ganzes Jahrhundert dünkte, durste ich nicht länger zweifeln, daß sich der Schooner wirklich unter Wegs befand. Während wir aus dem Hafen hinausfuhren, vernahm ich das Anrufen aus einem der Foris; nicht lange nachher begegnete uns der „Driver", dieselbe Kriegsschaluppe, welche unser Schiff aufgebracht hatte und die nun ihre Prise natürlich wieder anrufen mußte. Dies Alles konnte ich in meinem Gefängnisse unterscheiden, so daß ich mich nach und nach mit meiner Einsperrung wieder aussöhnte. Nachdem unsere Papiere richtig befunden waren, wurden wir von der Schaluppe nicht länger aufgehalten, sondern erhielten die Er- laubniß weiterzufahren. Schon war es Mittag, als ich endlich erlöst wurde. Sobald ich aus'S Verdeck herauf kam, gewahrte ich, daß der Schooner bereits die offene See erreicht hatte: außer ein paar wohlbekannten Thürmen war von Halifax nichts Weiteres mehr zu entdecken. Ich muß gestehen, daß ich den Schritt, den ich gethan hatte, nunmehr zu bereuen anfing: hätte ich das Land wieder erreichen können, so würde mein Hang zu einem unstäten Leben wahrscheinlich eine sehr heilsame Erschütterung erfahren haben jetzt aber war es zu spät und ich sah mich genöthigt, auf dem schwierigen dornenvollen Pfade auszuharrcn, den ich so unbedachtsamcr Weise betreten hatte. Ich blicke oft auf diesen Augenblick zurück und suche mir vorzustellen, wie sich wohl mein Schicksal ohne diesen unglückseligen Schritt gestaltet haben würde. Was der Prinz für mich gethan 11 hätte, läßt sich »»möglich bestimmen; wahrscheinlich wäre ich nach dem Tode meines Vaters in Vergessenheit gerathen, wie dieß auch bet meiner Schwester der Fall gewesen zu seyn scheint, welche in dem Hause, in dem sie lebte, anfänglich als ein Glied der Familie betrachtet und behandelt, später aber zu einer Art bevorzugter Dienerin dcgradirt wurde. Ich habe später erfahren, daß Mr. Marchinton meinethalben genaue Nachforschung anstellen ließ; er glaubte, ich wäre ertrunken, weßhalb an verschiedenen Stellen des Hafens nach meinem Leichnam gefahndet wurde. Diese Ansicht erhielt sich so lange, bis die Nachricht von meiner Anwesenheit in New-Vork seine Familie erreichte. Mein Erscheinen auf dem Verdeck gab Veranlassung zu vielen Scherzen zwischen dem Kapitän des SchoonerS und seinem Steuermann: ich wurde tüchtig ausgelacht, im Ganzen aber nicht übel behandelt. Ich hatte das Amt des Kochs zu übernehmen — auf diesem Fahrzeug keineswegs eine schwierige Aufgabe, da die Com- büse* nur aus einem Heerd mit zwei Topfen bestand und die Gerichte überhaupt sehr einfach waren. In der Kajüte vertrat der Sassafras die Stelle des TheeS, während gekochtes Nind- und Schweinefleisch das Mittagessen bildete. Am ersten Tage wurde ich meiner Dienstverrichtungen enthoben, weil ich seekrank wurde; am andern Morgen aber machte ich mich alles Ernstes an die Arbeit. Mir hatten eine lange Fahrt und meine Lage war nicht sehr erfreulich, da der Schooner sehr feucht war, und die Wellen, die zuweilen über ihn hcreinschlugen, mir häufig das Feuer auslöschten. Auf dem Deck befand sich eine Ladung Schindeln und ich hatte bald entdeckt, daß diese zum Anzünden vortrefflich geeignet seyn müßten; aber es war gegen die Schiffsregeln, von der Ladung etwas zu verbrennen, und mein Freund, der Steuermann, mußte mich erst durch allerhand Püffe über diesen Schiffsküche. D. U. 12 Unterschied belehren. Sonst hatte ich'S ziemlich gut, bis wir nach Derfluß von ungefähr zehn Tagen Sandy Hook" erreichten. So war meine erste Seefahrt, deren ich mich noch genau erinnern kann, beschaffen; meine allererste mochte sie wohl nicht seyn, da man mir gesagt hatte, daß wir auch von Quebec aus zu Wasser nach Halifax gebracht worden seyen. So sehr man auch in meinem damaligen Alter geneigt ist, die Eindrücke ebenso leicht, als man sie empfängt, auch wieder zu verlieren, so war ich doch durch diesen Versuch noch keineswegs von meiner Wanderlust geheilt. Wie sorglos und unwissend ich in solchen Dingen war, davon kann sich der Leser einen Begriff machen, wenn er erfährt, daß ich, so viel ich mich entsinne, nicht einmal den Namen des Schiffes kannte, auf welchem ich Neuschottland verlassen hatte. Abwechslung, Abenteuer — das war'S, was ich suchte, und es fiel mir niemals ein, mich nach einer Sache zu erkundigen, welche einem Jungen von meiner Sinnesart so unwesentlich erscheinen mußte— so daß mir jener Name bis auf die heutige Stunde noch unbekannt ist. Der Schooner lief die Bay hinauf und begann Fly-Market"" gegenüber einzuhalen; er legte übrigens nicht dicht an der Werste an, sondern ging an deren Endpunkte hinter zwei bis drei anderen Schiffen auf kurze Zeit vor Anker. Dies geschah nicht lange nach dem Frühstück, während ich mit den Vorbereitungen zum Mittagessen, das wie gewöhnlich um zwölf Uhr fertig seyn mußte, beschäftigt war. Sv lange die Mannschaft am Essen saß, hatte ich nichts zu thun; als ich daher eine Knabenschaar auf der Werste gewahrte, trat ich an'S Ufer und landete zum ersten Male in meinem neuen Vaterlande. Ich war ohne Hut, ohne Nock und Schuhe: meine Füße waren von den Schindeln, auf denen ich immer herumlaufen mußte, * Zu deutsch „Sandhacken", wie die eine Landzunge des New-Uorker Hafens genannt wird. " Fliegen-Markt. D. U. 13 1 völlig wund geworden. Ich fand die Knaben damit beschäftigt, aus einigen umherstehenden Fässern Syrup zu lecken und machte mich gleichfalls mit großem Eifer an diese Arbeit. So mochte ich mich eine Stunde und drüber umhergetummelt und mit den Knaben »uterhalten haben, als mir plötzlich mein Dienst auf dem Schovner einfiel: wie ich mich aber nach ihm umschaute, da war er verschwunden! Die Mannschaft hatte mich ohne Zweifel im Kielraume geglaubt, und so war das Schiff, ohne daß man mich vermißte, nach einem andern Ankerplätze gesteuert — aber wohin? das wußte ich nicht; ich fand es nirgends und habe es auch nie wieder zu Gesicht bekommen. So war ich denn plötzlich auf einen neuen Schauplatz versetzt. Wäre ich nur so gescheit gewesen, weiter aufwärts längs der Werste hinzuwandern, so hätte ich ohne Zweifel das Schiff wieder finden müssen; so aber zog ich es vor, nach kurzer Nachforschung zu den Knaben und dem Syrup zurückzukehren. Daß ich darüber bestürzt war, mich ohne einen Heller in der Tasche, ohne Hut, Rock oder Schuhe an einem fremden Orte zu befinden, wird wohl Niemand bezweifeln; aber wunderbar war cs doch, wie wenig ich mir daraus machte — denn ich kannte noch nichts und wußte darum auch nichts von Besorgnissen wegen der Zukunft. Während ich den Syrup schlürfte, schilderte ich den Knaben meine Lage und erregte dadurch viel Mitgefühl unter ihnen; von Munde zu Munde lies die Nachricht, „wie ein armer englischer Knabe sein Schiff verloren habe und nicht wisse, wo er die Nacht zubringen solle." Einer der Jungen versprach mir ein Abendessen und was das Nachtlager betraf, so schien die allgemeine Meinung dahin zu gehen, daß ich unter einer der Fleischerbudcn des naheliegenden Marktes ein paffendes Obdach finden würde. Ich aber hatte ganz andere Pläne für mich im Kopfe. Es wohnte damals zu New-Dork eine Familie, Namens Clark, die ich von Halifax her kannte; ich erinnerte mich, wie meine Schwester 14 Harrict, kurz bevor ich die Heimath verließ, von ihnen gesprochen und mir gesagt hatte, daß sie auf dem Fly Market oder in dessen Nähe wohnten; daß wir uns aber auf Fly-Market befanden, wußte ich und dieser Name hatte mich eben an jene Familie erinnert. Ich erkundigte mich, ob einer der Knaben von einer Familie dieses Namens wüßte — bekam aber keine befriedigende Antwort: die Clarks waren Fremde, welche Niemand kannte. Es war nicht mehr lange bis Sonnenuntergang und ich beschloß deßhalb, die Leute in eigener Person aufzusuchen. Unverzüglich machte ich mich an die Ausführung meines Vorhabens und ging den Markt hinauf, bis ich Maiden-Laue* erreichte. Während ich so die Straße hinschlcndertc, hörte ich Plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir rufen: „Herr Gott! da unten geht Edward Mhers im ärmlichsten Aufzug!» Gleich darauf kam Susann« Clark, eine von den Töchtern, aus die Straße herab und einen Augenblick später stand ich in ihrem Hause, umringt von der ganzen Familie. Natürlich wurde ich nun auf's Genaueste ansgcfragt und erzählte auch alsbald die volle Wahrheit. Die Clarks bezeugten sich äußerst freundlich gegen mich, boten mir Kleider an und wollten mich bei sich behalten; ich konnte aber die Familie nicht leiden, denn mit den Knaben war ich früher in fortwährendem Hader gelegen und der Vater, der mir immer sehr streng vorkam, hatte mich, trotz meiner Unschuld — in Halifax des Obstdiebstahls beschuldigt, weßhalb ich Mr. Clark seither immer als eine Art von Feind zu betrachten pflegte. Ich hatte hauptsächlich deßhalb nach dieser Familie gefragt, um von ihr zu erfahren, wo ein gewisser vr. Heizer** wohnte. » Jungfernstieg. D. II. So lautet Ned'S Aussprache, welche aber wahrscheinlich unrichtig ist. Ncd gehl ziemlich wiMiihrlich mit Namen UNI, und mag ohne Zweifel manche falsch buchstabircn. D. HcrauSg. 15 Es war dies ein Deutscher, der früher in der Armee gedient hatte und sich, wie ich wußte, in New-Dort aufhielt; zu ihm hatte ich mehr Vertrauen, als zu den Clark'S, und ich war fest entschlossen, mich ganz seiner Güte in die Arme zu werfen. Zch lehnte also alle Anerbietungen ab, ließ mir vr. Heizers Adresse geben und machte mich ganz so, wie ich war, auf den Weg, um seine Wohnung aufzusuchen. Draußen war Mondschein nnd mit kindischer Zuversicht wanderte ich durch die Straßen. Mein Weg führte Broadway^ hinauf, gegen die Ecke dieser und der Hefter Street, nahe bei der Canalstraße, welche anno 1805 beinahe noch außer der Stadt lag. Man hatte mich angewiesen, mich auf Broadway nach einer Brücke umzusehen, die mir bei meiner neuen Schifffahrt als Landmarks dienen sollte; sie war auch leicht zu finden und als ich mich an einem Hause nach meiner Adresse erkundigte, erfuhr ich, daß die Familie, welche ich suchte, neben an wohnte. Die Heizers waren durch mein Erscheinen höchlich überrascht; ich wurde natürlich ausgefragt und erzählte ihnen die reine Wahrheit, denn ich wußte, daß ein Geheimhalten unnütz seyn würde, war trotz des Schrittes, den ich vor Kurzem gethan hatte, von Natur gleichwohl höchst offenherzig, nnd fing jetzt an, den Mangel an Freunden schmerzlich zu empfinden. Man gab mir zu essen und noch denselben Abend führten mich vr. Heizer und seine Frau in einen Laden unterhalb Broadway und kauften mir einen neuen hübschen Anzug. Eine Woche später ging ich wieder regelmäßig in die Schule. Welche Schritte vr. Heizer wegen meiner Ankunft unternahm, habe ich nie erfahren; es läßt sich wohl vermuthen, daß er Mr. Marchinton, den er ganz gut kannte, die näheren Umstände mittheilte, obwohl Harriet mir sagt, daß sic die erste Nachricht um vieles später und aus ganz anderer Quelle erhalten habe. Dem mag nun seyn wie ihm wolle — ich für meine Person wurde freundlich behandelt und lebte in jeder Hinsicht, wie wenn ich ein Glied der ' Der breite Weg. D. II. 16 Familie wäre. Die Heizers hatten keinen Sahn und schienen mich alle als einen solchen zu betrachten. So verweilte ich in diesem Hause vom Herbste 1805 bis zum Frühjahr 1806. Bald aber hatte ich das Lernen satt und begann wieder die Schule zu schwänzen, wogegen ich auf den Werften herumschlenderte und mir die Schisse betrachtete. l>r. Heizer kam bald dahinter und je mehr er mich beobachtete, desto deutlicher wurde ihm meine Vorliebe für die See. Er und seine Fran nahmen mich jetzt bei Seite und suchten mich zur Rückkehr nach Halifax zu überreden: ich war aber diesem Rückschritte mehr und mehr abgeneigt geworden. Ehrlich gestanden hegte ich schlimme Besorgnisse vor Mr. Marchinton's Peitsche und fürchtete eine lange Reihe harter Bußtage. Bei manchen Menschen mögen strenge Maßregeln allerdings am Platze seyn: dagegen gibt cS aber auch andere, für welche sie mir weniger paffend erscheinen. Ich gehörte zu letzterer Klasse, und bin, glaub' ich, weit leichter zu leiten als anzutreiben; jedenfalls konnte ich nur mit Abscheu an jene Heimkehr denken und weigerte mich geradezu, den Vorschlag anzunehmen. Nach langem Hin- und Herrcden und vielen NeberredungS- versuchen willigte endlich v>. Heizer ein, mich von New-Jork aus auf die See gehen zu lassen — vielleicht daß er sich auch bloß so stellte: ich habe dies nie genau erfahren. Der „Leander," Miranda's Admiralschiff bei seinem mißlungenen Versuche, das spanische Amerika zu revolutioniren, lag eben damals im Hasen vor Anker; vr. Heizer war mit einem Herrn bekannt, der mit dem Schiffe in Verbindung stand und wußte mich daselbst unter der Bedingung unterzubringen, daß ich mit demselben nach Holland übersegeln sollte. Den Tag über befand ich mich am Bord des Schiffes; zum Essen und Schlafen aber kehrte ich in das Haus meines neuen , Dienstherrn zurück. Diese Lebensweise mochte etwa vierzehn Tage gedauert haben, 17 als sie mir bereits herzlich entleibet war. Neben meinem Herrn und Gebieter hatte ich nun auch noch eine Gebieterin, welche mich zu einer Art von Küchenjungen verwendete und mich zum Reinigen von Messern, Stiefeln, Leuchtern und ähnlichen Verrichtungen anhielt, gegen welche mein Stolz sich höchlichst empörte. Ich habe seither manchmal gedacht, es könnte auch geschehen sepn, um mir den Seedienst zu entleiben und mich zur Rückkehr nach Mr. Mar- chinton's Hanse zu veranlassen — jedenfalls aber hatte es eine ganz andere Wirkung, denn mein Wunsch, Seemann zu werden, blieb fortwährend unverändert. Eines Sonntags war ich auch wieder auf dem Schiffe gewesen und hatte dem Steuermann im Aufziehen der Flaggen am Fock- und Bcsanmast geholfen, worauf ich zu gehöriger Zeit nach HauS zurückkehrte. Hier empfieng mich meine Herrin mit dem Befehl, augenblicklich eine doppelte Portion Messer zu putzen. Ich pro- testirte gegen alle derartige Arbeit und geriet!) in heftigen Streit mit ihr; endlich zwang sie mich aber doch, die Messer zu reinigen — doch nicht zu ihrem Besten, denn über die Hälfte flog über den Zaun in den anstoßenden Hof; was übrig blieb, wurde gesäubert, worauf ich meinen Hut ergriff und wieder zu vi. Heizer zurückkehrte, um den Leander und meine Gebieterin mit keinem Auge mehr zu erblicken. Zweites Kapitel. Dies führte natürlich eine Erklärung herbei: vr. Heizer und seine Frau machten mir Vorwürfe wegen meines Benehmens und versuchten nochmals, mich zur Rückkehr in Mr. Marchinton's Haus zu überreden. Die freundlichen Gesinnungen jenes Herrn, sowie , die Aussichten, welche mir der Schutz und die Gönnerschaft meines Pathen, des Herzogs von Kent, darböten, wurden des Langen und Breiten besprochen. Ned MyerS. r 2 18 Ich kann jetzt nicht umhin zu glauben, daß ich die Gunst, deren ich in jener frühen Periode meines Lebens genoß, zum größten Theil dem Umstande verdankte, daß der Prinz mich aus der Taufe gehoben hatte. Er war ein strenger Befehlshaber — ja ich erinnere mich sogar gehört zu haben, daß seine Strenge mehr als einmal zur Meuterei Veranlassung gab; mein Vater stammte aus Deutschland — einem Lande, wo die militärische Subordination bis zum Uebermaße gehandhabt wird, und so ist es höchst wahrscheinlich, daß jene Ehre aus einer Aehnlichkcit des Geschmacks, welche zwischen Beiden herrschen mochte, hervorging. Ich kümmerte mich jedoch im Zahre 1805 noch sehr wenig um alle diese Rücksichten und dachte weit seltener an den Schutz, der mir von einem Prinzen königlichen Geblütes in Aussicht gestellt war, als an meinen Plan, zur See zu gehen, vornehmlich aber daran, Mr. Marchinton'S Zuchtruthe zu entrinnen. Ilr. Heizer erkannte endlich die Fruchtlosigkeit seiner Vorstellungen und schickte mich wieder in die Schule, wo ich abermals ein Paar Monate ansdauerte. Diese ganze Zeit über war meine Vorliebe für die Schiffe eher im Zu- als im Abnehmen begriffen, denn ich benützte jede Gelegenheit, um ans die Werste zu kommen, wo ich mir die verschiedenen Fahrzeuge betrachtete und die Einrichtung der Tackelage kennen zu lernen suchte. Eines Tages sah ich eine brittische Flagge und während ich sie mit tiefem Widerwillen betrachtete, hörte ich mich bei'm Namen rufen. Mein erster Blick sagte mir, daß ich von einem Manne aus Halifax erkannt seyn mußte und in der Angst, er möchte Mittel finden, mich zu ergreifen und dorthin znrückzubringen — lief ich spornstreichs davon. Meine Besorgnis; in diesem Punkte war nun einmal angeregt und um sie zu vollenden, vernahm ich auch noch am selben Tage von einer der jungen Damen des Hauses die Worte „Edward" und „Halifax^, welche sie in traurigem Tone aussprach. Die Mädchen 10 waren auf Martinique geboren und sprachen nur wenig englisch, dagegen plauderten sie viel französisch und sahen dabei gelegentlich auf mich, wie wenn ich der Gegenstand ihres Gespräches wäre. Meine Furcht mochte wohl durch meine Gewissensbisse angeregt sehn; jedenfalls hatte sie sich in Kurzem dermaßen gesteigert, daß sie mich abermals zu dem Entschlüsse veranlasse, mich nach einem Schiffe umzuschen, und auf diese Art die Flucht zu ergreifen. In dieser Absicht verließ ich den Neger, der mit mir aus den Markt geschickt worden war, unter dem Vorwand, ich wolle in die Schule gehen und wandte mich dafür nach der Werste, wo ich hin und her wunderte, bis ich ei» Schiff entdeckte, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es hieß der „Sterling", und auf seinem Verdeck gewahrte ich einen äußerst gutmüthig aussehenden Steuermann mit Namen Irish, der aus Nautucket gebürtig war. Befehlshaber des Schiffes war Kapitän John Johnston aus WiScasset im Staate Maine, welcher gemeinschaftlich mit seinem Vater das Fahrzeug als Eigenthum besaß. Ich ging an Bord des Sterling und nachdem ich mich eine Weile daselbst umgesehen hatte, faßte ich mir ein Herz und bot Mr. Irish meine Dienste als Schiffsjunge an. Er begann natürlich alsbald mich auszufragen; ich suchte aber jeder genauen Antwort auszuweichen. Nach einer Weile kam Kapitän Johnston an Bord und Mr. Irish theilte ihm alsbald mein Gesuch mit, worauf es abermals zu einem noch viel schärferen Verhöre kam, so daß ich mich geuölhigt sah, um meine Absicht zu erreichen, auf Erdichtungen abzugieren s. Während meines Verkehrs mit verschiedenen Schiffsjungen zu Halifar hatte ich die näheren Umstände der Gefangennahme der „Klcopatra" von zweiunddreißig Kanonen durch die französische Fregatte „Ville äo Milan" von achtunddreißig und die Wieder- Eroberuug dieser beiden Schiffe durch den „Leander", eine Fregatte " D. h. Erdichtungen zu ersinne». D. II. 20 von fünfzig Geschützen in Erfahrung gebracht. Ich erzählte nun, mein Vater sey Sergeant in der Marine gewesen und bei jener Affairc getödtet worden; nachdem die Schiffe in den Hafen cinge- laufen, seh ich selbst auf und davon gegangen und wünsche jetzt bei einem amerikanischen Schiffsherrn in Dienste zu treten, um mich zu einem tüchtigen Seemannc heranzubilden. Kapitän Johnston ließ stch durch meine Mährchen wenigstens in so weit täuschen, daß er sich entschloß, meine Vorschläge anzu- hörcn und sie sogar theilweise anzunehmen; ich wurde mit dem Bescheide entlassen, daß ich meine Kleider holen und dann nach dem Schiffe zurückkommen sollte. Es war Mittags zwölf Uhr, als ich zu vn. Heizer'S zurückkehrte. Meine erste Sorge war, meine Kleider eines nach dem andern in den Hof hinunterzuschaffen: dann setzte ich mich mit der Familie zu Tisch. Sobald das Essen beendigt war, schlich ich mich mit meinem Bündel davon und ließ die guten Leute in dem Glauben, ich sey wieder in die Schule gegangen. — Ich habe sie nie wieder gesehen; denn als ich einige Jahre später nach New-Dork zurückkehrte, erfuhr ich, daß sie inSgesammt nach Martinique übergestedelt waren. Ich hätte auch gewiß diese vortreffliche Familie nicht wie der Dieb in der Nacht verlassen, wenn ich nicht durch de» Gedanken beunruhigt gewesen wäre, daß man mich nach Halifax — einen Ort, den ich jetzt aus tiefster Seele haßte — zurückschicken wolle. Kapitän Johnston empfing mich freundlich und ließ mir in seiner eigenen Wohnung zu Old Slip im alten Kaffeehause Nachtessen und Lagerstätte anweisen; er schien Gefallen an mir zu finden und auch ich war ganz von ihm entzückt. Am andern Tag führte er mich in eine Matrosenbnde, ließ mich wie einen Seemann auftackeln und schickte mich dann in die Kajüte, wo ich nun meinen Dienst in aller Ordnung antreten sollte. Auf dem Schiffe befand sich ein Knabe, Namens Daniel Mac Coy, der die letzte Seereise nach Rußland als Kajütenjunge mitgemacht hatte; er sollte nun aus das Vorderkastell versetzt werde» und mich in dem Dienste, in welchem ich ihn ablöste, instruiren. Ich fühlte mich nun vcrgleichuugSwcise glücklich; mein sehnlichster Wunsch war, unwiderruflich in Kapitän Johnston'S Dienste zu treten und endlich einmal in die See auszulanfen, was ich eigentlich noch höher anschlug. Der Sterling hatte eine gute altmodische Kajüte, wie sie anno 1806 in der Regel beschaffen waren; ich rannte im Staatszimmer umher, rumorte in Kasten und Schubladen, lief die Kajütentreppe auf und ab und war so seelenvergnügt, wie wenn dies Alles zu einem Pallaste gehört hätte. Daniel Mac Coy war jede» Tag am Bord und die Bequemlichkeiten des Schiffs blieben so ziemlich uns ganz allein überlassen. Zwei bis drei Tage später wurde von Kapitän Iohnston im Beisepn von Gerichtspersonen ein regelmäßiger Kontrakt mit mir abgeschlossen, welcher mich bis zum einundzwanzigsten Jahr zu seinem Dienst verpflichtete. Jetzt erst hatte ich mehr Vertrauen zu meiner Lage, da ich wußte, daß vr. Heizer kein gesetzliches Recht über mich besaß. Das Amt, das ich zu besorgen hatte, konnte meine Würde keineswegs beeinträchtigen, denn ich hatte bloS am Bord zu arbeiten, wie dies dem Dienste des Kajütenjungen ziemte. Der Sterling begann bald darauf seine Ladung einzunehmen, welche in einer Fracht Mehl bestand, die auf den Markt nach CoweS bestimmt war. Nicht allein der Kielraum, auch StaatSzimmcr und Kajüte wurden vollgepfropft, so daß man »nr mit knapper Noth über die Tonnen klettern konnte, wenn man seine Hängematte erreichen wollte; hinter der Kajütenthüre wurde noch ein Plätzchen zur Mittagstafel frei gelassen. Passagiere waren damals äußerst selten, wogegen der Handel aufs Schwunghafteste betrieben wurde. Wir waren eben im Begriff, die Segel zu beschlagen, als der Spediteur mit einem andern Kaufmann auf das Schiff kam; Beide wurden von einem Jüngling begleitet, der, wie mau erfuhr, gleichfalls Schiffsdienste zu nehmen wünschte; er führte de» Namen Cooper und wurde auf dem Schiffe nie anders genannt. Kapitän Johnston nahm ihn mit, ließ ihn die Schiffs-Artikel unterzeichnen, worauf er am folgenden Tage in der Matrosenjacke zn uns stieß. Er kam nie in die Kajüte, sondern wurde sogleich auf dem Vorkastell zn solchen Diensten verwendet, wie sie seine» Kräften angemessen waren; später erfuhren wir, daß er für die Marine bestimmt seh. Der Tag, an welchem Cooper auf's Schiff gelangte, war für mich selbst ein Tag der Schande. Man schaffte nämlich die kleinen Vorräthe für die Kajüte an Bord, und Dan Mac Coy überredete mich, von einer Flasche herrlich duftenden Kirscheuwaffers zu kosten: ich trank nicht viel, doch selbst das Wenige, was ich verschluckte, machte mich völlig betrunken. Es war das erste, wollte Gott, ich dürfte auch sagen, das letzte Mal, daß ich mich in diesem jämmerlichen, schmachvollen Zustande befand, und nur der Gedanke gereicht mir zu einigem Tröste, daß es wenigstens auf mehrere Jahre für das Letzte galt. Ich danke meinem Schöpfer, daß ich endlich die Stunde erlebt habe, wo berauschende Getränke keine Herrschaft mehr über mich ausüben und überhaupt nie wieder über meine Lippe» kommen werden! Kapitän Johnston wollte mich für meine Thorheit nicht durchpeitschen, sondern zupfte mich nur etwas Weniges bei den Ohren und gab mir einen scharfen Verweis; er sowohl wie Mr. Irish schienen zu begreifen, daß die Schwäche meines Kopfes einzig und allein an meinem Zustande Schuld war: Dan dagegen hatte die Hauptstrafe zu leiden, und bekam für seine Mühe das Tauende zu kosten, wie er's denn wirklich nicht besser verdiente. Am andern Tag brachten die Stauer" das Schiff in den Strom und die Mannschaft kam jetzt an Bord. Der Zustand, in welchem damals die Bemannung eines Kauf- sahrers znsammenkam, gewährte immer einen traurige» Anblick: die Leute trugen Alle die Zeichen der Ausschweifungen an sich, ' Güterpackcr. D. II. deren sie sich am Lande schuldig gemacht hatten — die Einen regungslos, in thierischer Stumpfheit, Andere gegen die Wirkung des übermäßig genossenen Getränkes ankämpfend, und wieder Andere in jenem schrecklichen Zustand, welchen die Matrosen selbst die „Schauer" nennen. Unsere Mannschaft war weder schlimmer noch besser als die der andern Schiffe — eine wahre Musterkarte der verschiedensten Nationen, wie sie alle amerikanischen Fahrzeuge in der Regel dar- bvten, so lange sich der neutrale Handelsverkehr auf seinem damaligen Höhepunkt erhielt. Der Kapitän, der Oberstcuermann, der Koch nebst vieren von den Vorkastell-Matrosen waren geborene Amerikaner; der Untcrsteuermann ein Portugiese, von den Schiffsjungen der eine ein Schotte, der andere ein Kanadier; außerdem befand sich noch ein Spanier, ein Preuße, ein Däne und ein Engländer auf dem Vorkastell. Ein zweiter Engländer, ein Küfer, der aus einem Wallfischfänger Schiffbruch gelitten, hatte unter der Bedingung freier Ueberfahrt Dienste bei uns genommen. Mit Dan Mac Cop zählte das Vorkastell ohne den Koch zehn, die Back dagegen fünf Mann, worunter auch den Rheder eines zweiten gestrandeten Engländers, den wir als Passagier Mitnahmen. Noch am selben Nachmittag lichteten wir die Anker und fuhren den Strom hinab, bis wir dem Stadlhaltcreiland gegenüber kamen, wo wir aufs Neue anlegten. Den Morgen darauf wurden sämmt- liche Matrosen aufgerufcn, um endlich unsere Abfahrt zu bewerkstelligen; sobald der Anker aufgewunde» war, gab der Steuermann Cooper'n und mir den Befehl, am Fockmast hinaufzuklettern und das Vormarssegel los zu lassen. Kaum hatte ich mich auf dem einen, Covper auf dem andern Raaarm niedergelassen, als der Untersteuermann heranfkam und uns lachend sein „Stopp"* in die Ohren schrie. Cooper war eben im » Dieser Ruf bedeutet, daß ein Tau vor dem Addieren gestoppt werden soll. besten Arbeiten an seinen „Raabanden" und hätte wohl bald die eine Hälfte des Segels im Mars unten gehabt, wenn er nicht auf diese Art gestört worden wäre; ich selbst nahm die Bcschlagseisinge von der Raa ab, um sie pünktlich aufs Verdeck hcrabzunehmen, wo ich sie am besten geborgen glaubte. Zum Glück für uns waren die Uebrigcn zu emsig an der Ankerwinde oder mit den Nachwehen ihrer Trunkenheit beschäftigt, um ein scharfes Auge auf uns zu richten. So entgingen wir dem Gelächter der Andern;* eine Woche später verstanden wir's schon besser und brauchten den Spott der Matrosen nicht mehr zu fürchten. Das Schiff gelangte an jenem Tage nicht weiter, als bis zu dem Quarantainegebiet; erst am nächsten Morgen liefen wir in die offene See. Unsere Ucberfahrt war stürmisch und langwierig: das Schiff lief die meiste Zeit an den Boleinen** und wir waren fast vierzig Tage unterwegs; doch fiel nichts Außergewöhnliches vor und wir bekamen endlich die Spitze von Portland zu Gesicht. Das Wetter wurde immer ungünstiger, doch trafen wir noch einen Loot- sen, der uns auf die Nhede von St. Helena*** führte, wo wir vor Anker gingen. Der Kapitän stieg mit vieren seiner Matrosen in's Boot und ruderte an's Land, um sich zu Cowes nach den nüthigen Befehlen umzusehen. Gegen Nachmittag hellte sich der"Himmel wieder auf und bald hatten wir in der Nähe der Rhede einen Lootsen ausfindig gemacht. Mit Sonnenuntergang legte ein Kriegskutter bei uns an und Mr. * Hätte nämlich Coover sein Tau nicht .gesteppt", so wäre dasselbe durchgelaufen und daS Segel in den Mars herabgefalicn. Die Beschlagseistnge mitzunehmen, war vollends ganz unnölhig, da diese immer uni den Naa- armgeschlungcn werden. ** Die Taue, welche die Mitte der Naascgel feilhaltcn, um diese steif beim Wind zu halten, wenn derselbe in schiefer ungünstiger Richtung die Segel trifft. »»» Hjer ist nicht der berühmte Felsen gleiches Namens, sondern die Ostspitze der Insel Wight gemeint. D. U. Irish erhielt Befehl, seine Mannschaft «»treten zu lassen. Der englische Lieutenant, der ziemlich erträglich aufgetackelt war, setzte sich hinter den Tisch der Kajüte, während die Leute die Treppe herabkanien und sich zur Besichtigung auf dem Gange zur Back aufstellten. Die meisten Ausländer hatte der Kapitän in seinem Boote mitgenommen; von den Amerikanern waren aber zwei zurückgeblieben, Beide ausnehmend hübsche Bursche und vortreffliche Matrosen. Der Eine, mit Namen Thomas Cook, maß seine volle sechs Fuß und hatte ganz das Aussehen eines vollendeten Seehunds; er fiel dem Lieutenant stark in'S Auge, der ihm endlich ganz kaltblütig befahl, sein Bündel zu packe», da er seiner bedürfe. Cook wies seinen Paß vor, der Lieutenant aber gab zur Antwort: „Pah, das Zeug da will nichts heißen — für zwei Dollar kann ich'S Jedem in New-Dork verschaffen. Ihr seyd ein Engländer und der König verlangt Eure Dienste." Jetzt zog Cook ein von Sir John BereSford unterzeichnetes Attestat aus der Tasche, worin ihm bezeugt wurde, daß er nach langem Scedienste von Sr. Majestät Schiffe „dem Cambrian" entlassen worden sey, weil er zur Genüge dargethan hatte, daß er ein geborener Amerikaner war. Dieses Dokument konnte der Lieutenant nicht wohl umstoßen und mußte also Cook, wenn auch noch so ungerne, loslaffen, wobei er aber seinen Schutzbrief in Händen behielt. Jetzt kam die Reihe an Isaak GaineS, aus New-Vork gebürtig — ein Mann, dessen Vater und Freunde dem Kapital» persönlich bekannt waren, der aber keinen Freibrief wie Cook aufzuweisen hatte, so daß der arme Bursche genöthigt war, seine Habseligkeiten zusammenzuraffcn und auf den Kutter überzutretcn. Er that es mit Thränen in den Augen und zum größten Bedauern aller seiner Kameraden, denen er als einer der besten Matrosen des Schiffes bekannt war. Wir fragten die Mannschaft des Kutters, zu welchem Schiffe 26 sie gehörten und sie nannten uns einen Vierundsechzigcr, der in der See draußen kreuzte; als sie uns aber verließen, bemerkten wir, daß sie ihre Richtung nach einem andern Schiffe einschlugen. Von Jsaac Gaincs habe ich seit der Zeit nichts mehr gehört, noch gesehen. Cook blieb bei nnS; als er sich aber eines Tags, während wir uns zu London befanden, in CooperS Begleitung in Somersethonse meldete, um dort sein Prisengeld, wozu er laut seines Abschieds durch seinen Dienst auf dem Cambrian berechtigt war, angewiesen zu erhalten, befahl ihm der Sekretär, sein Attestat so lange bet ihm zu deponiren, bis er den Betrag der Summe ausfindig gemacht hätte; in ein paar Tagen sollte er wieder vorsprechen. Kaum war dicß geschehen, als Cook auf dem Heimweg nach seinem Schiffe ohne Barmherzigkeit gepreßt wurde, da er jetzt weder Attestat noch Schutzbrief aufzuweisen hatte. — Auch von ihm haben wir nichts mehr gehört. Solche Vorfälle waren damals keineswegs selten, und häufig konnte es geschehen, daß man heute mit einem Matrosen zusammen diente, um morgen für immer von ihm getrennt zu werden. Kapitän Johnston kehrte erst nach vierundzwanzig Stunden nach dem Schiffe zurück; er hatte in der Hauptstadt die Ordre vorge- fnnden, mit dem Sterling nach London hinaufzusegeln, und da eben eine frische Brise wehte, so machten wir uns auf den Weg und stachen so bald als möglich in die See. Am nächsten Morgen befanden wir uns in der Meerenge von Dover; der Wind war nur »och schwach, aber gleichwohl günstig. In jenem Augenblicke hatte sich ganz England gegen den beabsichtigten Einfall der Franzosen in Waffen erhoben. Als der Morgen anbrach, konnten wir von unserem Schiffe ans etliche vierzig Kriegsschiffe zählen, welche zur Verhütung eines Neberfalls die Nacht über in dem schmalen Kanäle gekreuzt hatten. Wir arbeiteten uns mit Hülfe der Fluih nach London hinauf und fuhren in die London-Docks ein, wo wir ausluden. 27 Es war zwar das erste Mal, daß ich dem modernen Babylon meinen Besuch abstattete; gleichwohl hatte ich wenig Gelegenheit, mich daselbst umzusehen. Unser Cooper, der sich bald in jenen Gewässern zum „patcntisirtcn Lootsen" gualificirt hatte, nahm mich an einigen SonntagsauSflügen in's Schlepptau und wir besahen uns die Parks und das Westende der Riesenstadt; doch war ich selbst, noch zu jung, um ans diesen Beobachtungen viel Nutzen zu ziehen. Die Meisten von uns wandelten nach dem Monument, ^ der St. Paulskirche und zu den Löwen; Cooper allein vertraute sich einem der Beefsteakfreffer an und besichtigte die Arsenale, die AlterthumS- sammlungen und die Kabinette mit Kostbarkeiten. Er hatte dabei in seiner SecmannStakelage Tag und Nacht herumzulaufen, brachte dafür aber auch, seinem eigenen Berichte zu Folge, den ganzen Kopf voll Geschnatters zurück. Kapitän Johnston bekam bald eine neue Fracht für sein Schiff und wir steuerten jetzt den Dockpforten gegenüber in den Strom, um unfern Singelnballast 22 einzunehmen. Der Preuße, der Däne, unser Nntersteuermann und der englische Küfer verließen uns zu London: dafür trat ein Philadelphier, ein Bursche aus Maine, der aber erst von einem englischen Linienschiffe entlassen worden war, nebst einem Irländer in unsere Dienste. Im Januar segelten wir ab und suchten so rasch wie möglich, die Meerenge von Gibraltar zu gewinnen. Die Ileberfahrt war stürmisch -— die Bai von BiScaya besonders gab uns einen Vorschmack ihrer bekannten schlimmen Eigenschaften — doch weiß ich mich dabei nur zweier außergewöhnlichen Vorfälle zu erinnern. Während wir längs der portugiesischen Küste, im Angesichte des Landes, hinabsegelten, bekamen wir eines Tags windwärts hinter unserem Spiegel eine bewaffnete Felucke zu Gesicht, die auf uns " Dis Denksäule zur Erinnerung a» den großen Vrand von tssk. Singeln sind kleinere Steine, welche oben auf den schweren Ballast zu liegen kommen. D. II. Jagd machte. Dem Kapitän wollte das Aeußcre des Fremdlings nicht recht gefallen und nm ihm auszuweichen, ließ er alle Segel einsetzen. Der Himmel war trüb, der Wind wehte frisch und zuweilen in heftigen Stoßen: so oft er nachließ, näherte sich uns die Felucke, wogegen wir bei den gelegentlichen Windstößen wenigstens einigen Bortheil über sie gewannen. Endlich begann die Felucke auf uns zu feuern und da Kapitän Johnston bemerkte, daß die Kugeln uns sehr nahe kamen und sein eigenes Schiff zu schwer war, so hielt er'S für'S Beste beizndrehen; zehn Minuten später war unser großes Marssegel back gelegt, die Felucke kam dicht unter unser Lee, rief uns an und befahl uns ein Boot mit unseren Schiffspapicren an Bord zu schicken. Nie hat wohl ein spitzbübischer aussehendes Fahrzeug einem unbewaffneten Kauffahrer einen ähnlichen Befehl gegeben. Während unser Sterling von einer Woge emporgetragen wurde, sank die Felucke in eine Mellenschlncht hinab; so konnten wir gerade aus ihr Verdeck sehen und uns einen ungefähren Begriff von dem machen, was unser wartete, falls der Unbekannte unser Schiff in Besitz nahm. .Seine Mannschaft trug rothe Hemden und eben solche Mützen, schien überhaupt aus dem Auswurfe drr berüchtigten Orte Gibraltar, Cadir und Lissabon zusammengesetzt zu sehn. Die Felucke führte zehn lange Kanonen und ihr Verdeck starrte von Picken, Flinten und Pistolen. Auf jeder ihrer lateinischen Naaen sah man Ausgucker ausgestellt, welche ihre Blicke manchmal zu uns herüber wandten, als ob sie die Nachlese, die ihnen an unserem Bord in Aussicht stand, zum Voraus berechnen wollten. Daß wir ausgeplündert werden wurden — stand zu erwarten; auch war es ziemlich wahrscheinlich, daß wir uns sogar persönlicher Mißhandlung unterwerfen mußten. Sobald wir beigedreht hatten, übergab mir Kapitän Jokmston sein bestes Teleskop, mit dem Befehl, es Cooper einzuhändigen, der es unter dem Singlenballast verstecken sollte. Dieß geschah, und wir wußten noch überdieß ein Säckchen mit Guineen so geschickt in der Kajüte zu verstecke», daß wir's hernach, als alles vorüber war, selber nicht mehr finden konnten. Wegen der rauhen Witterung, die wir schon bei unserer Abfahrt erwartet hatten, war die Jolle in das Langboot gestaut worden und es mußten zuvor Taljen an die Kreuzraa angelaffen werden, ehe mau das Boot auShiffen konnte — was immerhin einige Zeit in Anspruch nahm. Die Felucke, welche uns mit dieser Arbeit beschäftigt sah, blieb ruhig in der eben eingetretenen Windstille liegen und wartete geduldig, bis wir das Boot über Bord geschafft und inS Wasser gelassen hatten. Cooper, Dan Mac Coy, der große Dan und der spanische Joe stiegen ein; der Kapitän hatte bereits sein Schreibpult in das Boot Hinabgelaffen und stand eben auf der RegelingK, um selbst hinunter zu klettern, als das Schiff von einem plötzlichen Windstoße getroffen wurde, so daß man die Leute augenblicklich zum Einreffen der Marssegel aus dem Boot rufen mußte; so verstrich eine Viertelstunde mit Vorkehrungen gegen abermalige Windstöße. Bald hatte die Bö nachgelassen, auch der Himmel begann sich etwas aufzuhellcn und wir sahen die Felucke immer noch ruhig daliegen und unser Boot erwarten. Unsere Mannschaft stieg abermals widerstrebend in die Jolle — da plötzlich winkte uus der Kommandant der Felucke mit der Hand, sein Schiff füllte die Segel, fiel luvwärts ab und schwamm mit ausgebreiteten Doppelschwingen, der Ente gleich, gegen die Küste. Voll Verwunderung starrten wir das Räthsel an und wußten nicht was wir aus dem Manöver machen sollten, als — bum! — auf unserer Wetterseite ein schweres Geschütz sich vernehmen ließ. Die Kugel durchkreuzte unser Kielwasser — wir hatten nämlich unser Marssegel gleichfalls gefüllt — und tanzte von Woge zu Woge gegen die Felucke heran. » Gallerle oder Geländer, welches das Schiff rings umgibt. D. U. 30 Als wir uns in der Richtung des Schusses umschauten, sahen wir eine Fregatte mit eingesetzten Leesegeln unsere Felucke mit solcher Hast verfolgen, daß der Schaum bis an ihre KlüSgaten hinaufspritzte. Als sie hinter Misere,n Spiegel vorüberkam, zeigte sie eine englische Flagge, nahm aber sonst keine Notiz von uns, sondern folgte unablässig der Felucke, indem sie ihren Abstand von Zeit zu Zeit durch Schüsse abmaß. Beide Schisse verschwanden bald in dem Nebel, wiewohl das Kanoniren noch eine Zeit lang fortdauerte. Wir selbst steuerten in unserem Kurse weiter und wünschten dem Engländer viel Glück zu seiner Jagd aus die Felucke, welche den ganzen Tag keine Flagge hatte sehen lassen. Einige Wochen später fanden wir auch unsere Guineen wieder in einem Brodkorb, nachdem wir uns bis zu ihnen durchgegessen hatten. Bald nachdem wir dem Seeräuber — denn dieß war die Felucke schon dem Ansehen und höchst wahrscheinlich auch ihrem Gewerbe nach, ob sie nun ein wirkliches Patent aufweisen mochte oder nicht —- mit knapper Noth entronnen waren, begegnete uns ein zweites Abenteuer. Die ncbliche Witterung mit ihren Stürmen aus Westen hielt an, bis wir die Meerenge von Gibraltar paffirt hatten. In der Nacht, da wir uns dem Kap Trafalgar gegenüber befanden, kam der Kapitän um die Zeit der Mittelwache auf's Verdeck und ertheilte der Mannschaft auf dem Vorkastell den lauten Befehl, ein scharfes Auge auf ihre Umgebung zu richten, da wir nächstens durch Lord Collingwoods Flotte komme» müßten. „Segel, ho!" rief der spanische Joe, kaum nachdem der Kapitän den Mund geschloffen hatte. Wer war's? — Die englische Flotte in einer langen Linie und in solcher Richtung gegen uns hcranziehend, daß sie zwischen dem Fock- und großen Mast an unser Schiff anzurcnnen drohte. Der Kapitän befahl das Steuer hart aufzurichten und schrie nach Cooper, dem er die Kajütenlaterne heraufzubringen befahl. Dieser war mit einem Sprung die Leiter hinab, kletterte dann behend wie et» Eichhörnchen an der Takelage empor nnd stand in einer halben Minute auf dem Besanmars, die Laterne in der Hand. Dies rettete »ns. Der Engländer war uns schon so nahe, daß wir den Offizier auf dem Deck ganz deutlich seinem eigenen Quartiermeister zurufen hörten: „Backbord — hart Backbord — hart Backbord gehalten! oder der Teufel soll Euch holen!" Hart Backbord standen wir in der That, denn im nächsten Augenblick kam ein Zweidecker so nahe an unserer Wetterseite vor- beigeschoffen, daß die Mündung seiner Kanonen unsere Rcgeling beinahe einstoßen zu Wüllen schien, als er non einer hohen Woge emporgehoben wurde. Der Sterling hielt sich dießmal gar nicht gut, denn während er windwärts abgierte, schien er geneigt, geraden Wegs auf den Engländer einzurennen, ehe dieser sein Steuer anders zu stellen vermochte. Der Zweidecker rief uns an, wir gaben unsere Antwort und der Offizier bemerkte dann spitzig, wir ständen „Bord an Bord neben einander." Der Wind wehte zu stark, um Boote auszusetzen und so durften wir ohne weitere Untersuchung weiter pasfiren. Unser Schiff fuhr hierauf nach Carthagena und sobald wir daselbst eingelaufen waren, wurden wir auf mehrere Tage unter Quarantaiue gestellt. Der Hasen wimmelte von großen Kriegsschiffen, darunter mehrere Dreidecker: ein frisch aus London an- kommendcs Schiff wie das unsrige, mußte also große Sensation erregen. Wir erhielten auch verschiedene Besuche von Offizieren, ohne daß ich übrigens wüßte, was ihr Zweck gewesen seyn mochte. Von Carthagena wurden wir die Küste abwärts nach einem Städtchen Aguilas geschickt, wo wir eine Ladung spanischer Soda einzunehmen anfingen. Nachts warfen wir — gegen das dortige Hafengesetz — unser» Singelnballast über Bord und den Tag über waren wir mit Einladen unserer Fracht beschäftigt. Das Wasser 32 war übrigens so klar, daß unser nächtliches Werk am nächsten Morgen recht leicht gerade unter unserem Kiel gesehen werden konnte: da wir aber auf der äußeren Nhcde lagen und nur wenige Schiffe den Hafen berührten, so hatte es wenig zu bedeuten. Während unseres dortigen Aufenthalts gab'S einmal einen Allarm: man fürchtete nämlich den Angriff eines englischen Linienschiffs, das in der See draußen bemerkt wurde, und alsbald zogen ganze Schaaren von Priestern aus, um die schutzlose Stadt zu vertheidigcn. Wir nahmen über die Hälfte unserer Fracht in diesem kleinen Hafen ein und fuhren dann nach Almeria, einer alten maurischen Stadt, dicht unter dem Kap de Gatts gelegen, um dort vollends den Rest unserer Fracht an Bord zu schaffen, wozu wir aber mehrere Wochen Zeit bedurften. Ich ging fast jeden Tag auf den Markt und fand so Gelegenheit, das Leben und Treiben der Spanier in der Nähe zu betrachten. Unser Schiff lag eine ziemliche Strecke vom Ufer entfernt und wir landeten an einer Quarantainestation, welche wenigstens eine halbe Meile von dem Wafferthor entfernt war, zu welchem wir jedesmal am Strande hinabwandern mußten. Einer meiner Ausflüge in die Stadt verwickelte mich in ein kleines Abenteuer. Der Kapitän hatte Cooper'n befohlen, in der Kombüse eine Portion Pech zu siede»; der Kessel wurde durch einen Zufall umgeworfen und das Schiff kam in Gefahr einer Feuersbrunst. Man verschaffte sich jetzt einen neuen Kessel, und Cooper wurde mit Daniel Mac Coy nach der Quarantainestation geschickt, um das Pech am Bord zu kochen. Der Strand war ohne Werste, weßhalb man mitten durch die Brandung an'S Ufer waten mußte; überdies bildet die Bai bloß einen Ellenbogen, so daß die Hälfte des Winds, der in der See draußen weht, auch hier hereindringt — lauter Umstände, welche das Landen zuweilen sehr kitzlich machen und viele Gewandtheit in Anspruch nehmen. Ich ging mit den beiden andern an'S Land und wanderte in die Stadt, um meine Geschäfte zu besorgen, während die beiden Jungen ein Feuer anzündeten und ihr Pech abkochten. Kaum waren sie damit fertig, als wir die Bemerkung machten, daß die Brandung sehr hoch ging und äußerst stürmisch aussah. Für solche Fälle lautete unser Befehl immer: „rasch und ohne zu warten abgestoßcn", denn ei» Aufschub macht die Sachen iu der Regel nur noch schlimmer. Wir stiegen also ins Boot und stießen vom Land. Ein paar Minuten lang ging Alles gut; plötzlich aber wurde» die Buge unserer Jolle von einer der Deiningen erfaßt und umgedreht, so daß das Boot mit einem Mal den Kiel gen Himmel streckte. Wie man bei solchen Gelegenheiten aus der Patsche kömmt, das weiß wohl Keiner anzugeben — genug, wir erreichten das Land, das Unterste zu oberst, Kessel, Ruder, Boot und Mannschaft, Alles unter einander. Der Kessel und ein paar nagelneue Schuhe, die mir gehörten, blieben verloren, worauf wir unfern Versuch von Neuem — und genau mit demselben Erfolge begannen. Erst beim dritten Male brachten wir das Boot durch die Brandung und gelangten endlich glücklich zu unserem Schiffe. Solche Scenen gerade sind cs, welche junge Bursche abhärtcn und ihnen den rechten Geschmack an Gefahren beibringen. Ich konnte keine Armslänge weit schwimmen und wäre ohne Gnade ertrunken, wenn nicht das Meer ein Leben, das jedem Andern außer mir so werthlos war, verschmäht und mich an'S Land geworfen hätte. Nach einem mehrwöchcntlichen Aufenthalte zu Almena machte sich unser Schiff wieder aus den Rückweg nach England. Wir hatten längere Zeit frischen Westwind und wurden zwischen Europa und Afrika hin und hergeworfen, bis sich endlich aus Osten eine starke Brise erhob, welche uns mit furchtbarer Schnelligkeit in den atlantischen Ocean Hinaustrieb. In der Meerenge von Gibraltar kamen wir an einem Geschwader portugiesischer Fregatten vorüber, das gegen die algierischen Korsaren kreuzen wollte. Diese Flotte hatte sich'S zur Regel gemacht, unter den Felsen von Gibraltar so lange liegen zu bleiben, bis der Ostwind heftig genug war, um Sied Myrrs. 3 34 die Schiffe durch die Meerenge zu jagen; dann lichteten sie die Anker, steuerten in die See hinaus, bis der Wind wieder umsprang, so daß sie auf diese Art daS atlantische Meer gegen ihre Feinde, das mittelländische aber gegen ihre eigenen Schiffe blokirten. Wir hatten eine lange Fahrt und litten bereits Mangel an Pöckelsieisch, als wir znm Glück in der Bai von BiScaya einem Nordamerikaner begegneten, von welchem wir eine Tonne mit Ochsen- fieisch einhandelten. Wir befanden uns schon in der Nähe des Canals, da wurde bei leichtem Südwind in unserem Kielwasser ein Segel entdeckt, das sich Hand über Hand * unserem Schiffe näherte. Es machte immer zwei Schritte, bis wir einen zurücklegten, denn der Sterling wurde von seiner Sodaladung in's Wasser niedergezogen und war besonders bei leichtem Winde äußerst schwerfällig. Als der Fremde uns nahe genug kam, konnten wir bemerken, daß er mit Pumpen beschäftigt war, während das Wasser unaufhörlich in Strömen durch seine Speigaten herausschoß: dies dauerte fort, so lange er uns im Gesichte blieb, was mehrere Stunden währte. Das Schiff — ein englischer Zweidecker — zog auf Kabellänge an uns vorüber, ohne aber irgend Notiz von uns zu nehmen, gerade als ob wir ein Meilenzeiger gewesen wären; dabei konnten wir die Gesichter der Matrosen ganz gut unterscheiden, während diese ans der Kühl versammelt standen, um nach der Anstrengung des PumpenS wieder Athem zu schöpfen. Der Engländer ließ einen KlüSeimer in's Wasser fallen, den wir einhißten, nachdem uns das Schiff eine halbe Meile vorangecilt war: er war mit dem großen Pfeil bezeichnet — ein Zollbeamter, der ihn später zu Gesicht bekam, zeigte große Lust, ihn als gute Prise einzustecken. Den Namen des Schiffs konnten wir niemals erfahren, doch * Bedeutet in der Seemannssprache: „nach und nach, allmächtig" und ist von der Arbeit beim Aufhissen der Taue entlehnt, wo zur Verstärkung der Ziehkraft die Hand des einen Matrosen immer dicht über die des andern zu liegen kommt. D. U. 35 lag in der ganze» Art, wie cs seiner üble» Lage z»m Trotz an uns vorüberzog, ohne uns auch nur eines Anrufs zu würdigen, ein Anstrich ungemeinen Stolzes und großer Standhaftigkeit. Wir hätten ihm freilich auch nicht viel helfen können und seine Absicht war ohne Zweifel, bald möglichst ein Dock zu erreichen, wo es seine Schäden, die vielleicht, wie einige von uns vcrmutheten, von einem hitzigen Kampfe herrührten, ausbefsern konnte, was auf der See selbst nicht möglich gewesen war. Bald nachdem wir dieses Schiff aus den Augen verloren hatten, erhielten wir einen deutlichen Beweis davon, wie schwer sich die Größe eines Fahrzeugs auf der See beurtheilen läßt. Gerade vor uns in ziemlicher Entfernung wurde abermals ein Schiff sichtbar. Mr. Irish erklärte es für eine Kriegsschaluppe: eine halbe Stunde später wurde sie zur Fregatte und als sie dwarsab an uns vorüberzog, zeigte sie drei Reihen Stückpforten. Er war ein Neunziger; auch er fuhr an uns vorbei, ohne uns seiner Beachtung Werth zu halten. Drittes Kapitel. Del schönem Wetter und günstigem Winde segelten wir um das Cap LandS-End; statt aber den Canal hinaufzusteucrn, wurde unser Schiff nach dem Lande eingehalt. Cooper stand am Steuer und der Kapitän fragte ihn, ob er unter den Matrosen nicht einen kenne, der schon in Falmouth gewesen sey. Er erhielt zur Antwort, der Philadelphier Bill habe vom Vorkastell aus die verschiedenen Vorgebirge alle mit Namen bezeichnet und seinem eigenen Bericht zufolge lange Zeit an der englischen Küste Dienste gethan. Dieser Bill war ein Mann in den Fünfzigen, von festem, ruhigem, zuverläßigem Charakter und stand auf dem ganzen Schiffe in der größten Achtung. Er zeigte für Cooper eine besondere Vorliebe, hatte ihn im Stechen und Splissen von Taue», sowie in den übrigen Details seines Berufes unterrichtet, wofür dieser ihn häufig mit sich an's Land nahm und mit historischen Anekdoten über die Punkte, die wir besuchten, unterhielt. Kurz, die Freundschaft zwischen Beiden war so innig, als sie bei ihrer Verschiedenheit in Alter und Erziehung nur immer sepu konnte; doch selbst bei Cooper hatte sich Bill immer für einen Philadelphier ausgegeben, wie er denn auch im Neuster» vorzugsweise jenem Menschenschläge glich, den wir in Amerika unter dem Namen Uankees begreifen. Bill wurde alsbald herbeigerufcn und ausgesragt. Trotz seiner auffallenden Unruhe mußte er zugebcn, daß er das Schiff nach Falmouth zu steuern verstehe; außer einem Felsen, der sich Pendennis- Castle gegenüber erhob, stand »ns nichts weiter im Wege, und auch ihm konnte man ohne Schwierigkeit auSweichen. Wir erfuhren jetzt, daß der Kapitän im Sinne habe, in Falmouth einzulaufen und die für alle aus dem Mittelmeerc cinlaufendeu Schiffe vorgeschriebene Quarantäne daselbst zu bestehen. Bill führte uns sicher in den Hafen, worauf wir einige Meilen oberhalb der Stadt in eine Bai beordert wurden, wo sich die Schiffe in Quarantäne zu legen pflegten. Den Tag darauf kam ein Boot mit einem Hafenarzte an, und wir erhielten Befehl, auf dem Verdeck zu erscheinen und unsere Glieder zu rühren, um die Aufsichtsbehörde zu überzeugen, daß wir noch am Leben und bei guter Gesundheit waren. In dem Boote befanden sich vier Männer und unser Bill wurde augenblicklich von ihnen erkannt, denn sein eigentlicher Geburtsort lag nur wenige Meilen von unserem Ankerplätze entfernt und er besaß sogar ein Weib, das in weit größerer Nähe von ihm wohnie, als er in der That wünschen mochte. Eben dieses Weib — ein wahrer Drache — hatte den armen Teufel vor zwanzig Jahren nach Amerika getrieben und verdarb ihm alle Lust zu einem Aufenthalte in seinem Vaterland. Bill wußte sich durch geheime Mittel mit den Leuten im Boot zu verständigen und ihr Versprechen zu 37 erlangen, daß sie ihn nicht verrathen wollten, was Alles durch bloße Zeichen bewerkstelligt wurde, da das Sprechen uns durchaus verboten war. Wir mußten fast vierzehn Tage in Quarantäne bleiben; dann endlich durfte unser Schiff der Stadt gegenüber vor Anker gehen. Dies geschah an einem Samstag; am andern Morgen erhielt ein Theil der Mannschaft, darunter auch Bill, die Erlaubnis; an'S Land zu gehen: bei der Rückkehr gestand Letzterer, er sey durch den Anblick seiner Vaterstadt so aufgeregt worden, daß er sich Unvorsichtigkeiten habe zu Schulden kommen kaffen. Dieß versetzte ihn die Nacht über in eine höchst unbehagliche Stimmung, ob sich gleich nichts Außergewöhnliches ereignete, was einen von uns belästigt hätte und am Montag früh Alles in bester Ordnung schien; Bill begann sich von seiner Unruhe zu erholen und wünschte nur zu wiederholten Malen, daß das Schiff den Anker lichten und den Hafen verlassen möchte. Wir machten uns bald an die Arbeit und fingen an, unter einer leichten Brise gegen die Mündung des Hafens hinabzusteuern; so bald wir an den Landzungen oder Vorgebirgen vorbeilavirt hatten, segelten wir bei gutem Wind den Kanal aufwärts. Der Sterling luvte mit niedergehaltcnem Steuer unterhalb Pendennis und der Kapitän hatte Befehl gegeben, die Vorraacn zu schwajen^; Bill und Cooper waren mit Anziehen der Vormarssegelbraffen beschäftigt, als sich ganz dicht neben uns ein Flintenschuß vernehmen ließ. „Ich bin verloren!" rief Bill, weiß wie ein Segeltuch, indem er die Brasse losließ. Die Leute glaubten anfänglich, er sey von der Kugel getroffen; er aber deutete nach dem Boote, welches gefeuert hatte und dieser Wink erklärte Alles, denn wir erhielten alsbald Befehl, die Vor- braffen zu belegen^ und erwarteten schweigend den Ausgang. - Umzudrehen. " Fest zn stellen.. D. U. D. U. 38 Der Preßgang* stand bald am Bord des Sterling. Der Offizier verlangte unsere Mannschaft zu mustern. Wir mußten diesem demülhigenden Befehle Folge leisten und alle Matrosen auf'S Hinterdeck berufen. Der Offizier schien die Sache ganz leicht zu nehmen, bis die Reihe an den armen Bill kam. „WaS für ein Landsmann seyd Ihr?" fragte er. „Ein Amerikaner — aus Philadelphia," gab Bill zur Antwort. „Ihr seyd ein Engländer." „Nein, Sir; ich stamme aus-" „Dem Dorfe dort drüben über der Bai," fiel der Offizier mit kaltem Lächeln ein, „wo Euer geliebtes Weib noch in diesem Augenblicke wohnt. Ihr heißt — — und seyd in Falmouth wohlgekannt. Packt Eure Kleider zusammen und macht Euch fertig, unser Boot zu besteigen." Damit war die Sache abgemacht. Kapitän Johnston zahlte Bill seine Löhnung aus, seine Kiste wurde in's Boot hinabgelassen und der arme Teufel nahm gerührten Abschied von seinen Schiffskameraden. Gegen seine Umgebung äußerte er, sein Loos sey nun besiegelt; er sey zu alt, um den jetzigen, anscheinend endlosen Krieg zu überleben und an's Land würde man ihn ohnedies nicht mehr lassen. „Mein Fuß wird nie wieder den Erdboden berühren," sagte er zu Covper, während er seinem jungen Freunde die Hand schüttelte; „das Schiff wird mein Gefängnis, in welchem ich abzusterben habe." Bill's Verlust ging uns allen sehr nahe, aber was war zu machen? Wir liefen in die offene See und vierten dann wieder zum Einlaufen in die Themse. Vor London angekommen wurde bei Limehouse ausgeladen, wo wir eine Zeit lang unter lauter amerikanischen Schiffen vor Anker lagen; dann nahmen wir etwas Ballast ein und legten uns noch einmal den Dockpforten gegenüber, * Dieß ist der Name für die zum Pressen bestiminlen Abtheilmigeu. um auf der Deptsord-Seite auf die Werste zu laufen und unser Schiff zu säubern, welches sofort in das Dockbccken eintrat und dort seine Mehlfracht auszuladen begann. Hier lag das Schiff einen Theil des Mai's, den ganzen Juni und den größten Theil des Juli, um eine Rückladung nach Philadelphia, wie sie sich eben darbot, einzunehmen; dabei hatten aber unsere Leute viel freie Zeit und wir durften ans Land gehen, so oft man unserer nicht bedurfte. Cooper nahm mich nunmehr in's Schlepptau und ich machte mit ihm und Dan Mac Cop manchen Ausflug nach der St. Paulskirche, nach den Parks, den Palästen und der Westminster-Abtei. Ein kleines Abenteuer, das ich eben damals erlebte, fesselte mich ungemein an Cooper's Person, so daß ich von da an am liebsten in seiner Gesellschaft kreuzen mochte. Ich war eines Sonntags allein auf dem Verdeck, als ich an Bord eines andern Schiffes, das neben uns, aber auswärts im Docke lag, ein Hündchen umherspringen sah, das an einem Band um den Hals ein Sechspencestück trug, worein Jemand ein Loch gemacht und das Band durchgeschlungen hatte. Ich war der Meinung, der Sechspence ließe sich zweckmäßiger zum Ankauf von Kirschen — meiner Licblingsnäscherei — verwenden und alsbald wurde auf das Thierchen Jagd gemacht. Als ich eben mit dem Hund unter'm Arm auf den Sterling zurückkehren wollte, fiel ich zwischen den beiden Schiffen in's Wasser: ich konnte keinen Arm breit schwimmen und fing also an, mörderisch um Hülfe zu schreien. Zum guten Glück kam Cooper im nämlichen Augenblick an Bord, sprang auf meinen Schrei sogleich in's Wasser und es gelang ihm auch, mich vom Ertrinken zu erretten: ich hatte mich schon verloren gegeben, weßhalb auch meine Lage einen Eindruck auf mich machte, den ich nie mehr vergessen werde. Ohne Cooper'S zeitgemäße Dazwischen- kunst wäre Ncd Myer'S Garn schon mit diesem Paragraphen ab- gelausen, wobei ich noch bemerken muß, daß der Hund mit dem 40 Sirpence davonschwamm und so der Preis meiner Jagd mir überdies verloren ging. Noch ein ander Mal während unseres Aufenthaltes in den Docks war ich nur mit knapper Noth dem Tode des Ertrinkens entronnen. Ich hatte einen Versuch gemackt, das Faltboot von der Stelle zu wricken ^ und war dabei über Bord gefallen; ich weiß nicht mehr wie ich gerettet wurde, obwohl ich damals wenigstens Boot und Nndcr hatte, an denen ich mich festhalten konnte. Erst später wird man sehen, welcher schrecklichen Lektion eS bedurfte, um mir endlich das Schwimmen bcizubringen. Als wir uns eines Sonntags um den St. Jamcsvalast hcrum- trieben, erzählte ich Cooper, daß der Herzog von Kent mein Pathe seh. Er sachte mich zu einem Besuche bei meinem früheren Gönner zu überreden und sagte, ich könne nicht wohl weniger thun, als dem Prinzen ans diese Art meinen Respekt zu bezeugen. Halb und halb hatte ich wohl Lust, mein Glück bei einem solchen Besuch zu erproben, war aber dennoch zu scheu und furchtsam, um diesen Plan auSzusühren. Hätte ich Cooper's dringenden Ermahnungen gefolgt, wer weiß, welche Folgen dieß gehabt — wie vielleicht mein ganzes Schicksal sich anders gestaltet hätte. Eines Tags begegnete uns Mr. Irish voll triumphirender Freude; er hatte nämlich von Kapitän Jvhnston die Botschaft erhalten, daß Letzterer — der Kapitän — gepreßt worden sey! Er pflegte bei seinen Ausflügen aufs Land einen langen blauen Oberrock, dunkelbraune Beinkleider nnd Stulpenstiefeln zu tragen. „Er glaubte, er werde für einen Edelmann gellen," rief » Mit einem einzigen Ruber bewegen. D. II. " Ich kann mich weht noch erinnern, wie ich Ned diesen Plan auSmalte, obwohl ich keineswegs, wie der Zunge zu glauben schien, erwartete, daß er Zutritt erhalten würde. E» war mehr Schelmerei von meiner Seite, genährt von dem geheimen Wunsche, daS Innere des Palastes auf diese Art zu Gesicht zu bekommen. D. HcrauSg. 41 Mr. Irish lachend, „aber die Presser, diese Teufelskerls müssen die Theerjacke sogar aus seinen Stiefeln herausgerochen haben!" Cooper wurde mit des Kapitäns Portefeuille und Papieren nach dem bestimmten Orte der Zusammenkunft geschickt und Letzterer bald darauf freigelaffen. Wir hatten den Kapitän Alle sehr lieb, da er sämmtliche Matrosen sehr freundlich und schonend behandelte; aber der Spaß war doch gar zu köstlich, daß man „den alten Burschen" — so wurde nämlich der Kapitän trotz seiner achtundzwanzig Jahre unter uns genannt — in eigener Person hatte Pressen wollen. Gegen Ende Juli's verließen wir London und machten uns auf den Heimweg, nachdem mit unserer Schiffsmannschaft verschiedene Veränderungen vorgegangen waren. Für Jim Ruffel, der uns verließ, halten wir einen neuen Untersteuermann, aus Neu- England gebürtig, erhalten; Bill hatten wir durch das Preß- kvmmando verloren; ein Namensbruder von ihm, ein mürrischer Irländer, hatte uns gleichfalls verlassen und war nach Spanien gegangen. Unsere Bemannung bestand jetzt blos noch aus dem spanischen Joe, dem großen und kleinen Dan, einem Matrosen, Namens Stephen von Kennebnnk, aus Cooper, einem Schweden, den wir in London cngagirt hatten, einem weiteren-Manne, dessen Namen ich vergessen habe, und einem Jüngling, der Davis genannt wurde, eigentlich aber — — hieß und ein Sohn des Lootsen war, der uns jedesmal, so oft wir die Themse hinab und hinauf fuhren, den Weg gewiesen hatte. Dieser Davis hatte auf einem Küstenfahrer gedient, der seinem Vater gehörte, war aber gepreßt und zu Sir Home PophamS südamerikanischem Geschwader geschickt worden: dort hatte man ihn als Midshipman angestellt, er aber wollte nichts vom Seedienste wissen und beschloß nach Amerika zu gehen. Wir mußten ihn dem Preßgange aus den Zähnen schaffen und aus dem Lande schmuggeln, 42 wcßhalb er auch erst, nachdem wir den Strom eine Strecke hinab- gefahren waren, ganz unvermuthet des Nachts am Bord anlangte. Die Bemannung des Sterling war, wie wir eben gesehen haben, sehr unvollzählig, so daß wir für jede Wache btvS vier Matrosen verwenden konnten; nichts destoweniger hatten wir oft mehr als einmal aus und ein zu reffen, wobei Cooper und der kleine Dan, welche beide fast noch Knaben waren, dieselben Dienste wie erwachsene Matrosen versehen mußten. Unsere beiden Steuermänner pflegten das Geschäft auf den Marsen zu leiten; beide waren sehr thätig und von großer Körperkraft: auch der Koch bewährte sich bei der Arbeit als ein prächtiger Bursche. In unseren Zeiten der Verzärtelung, wo zwei bis drei ununterbrochene Wachen einen ganzen Haufen junger Leute völlig erschöpfen würden, darf man mit Stolz auf eine Fahrt wie unsere damalige zurückblickcn, auf welcher vierzehn Mann — worunter vier Knaben — ein wohlbeleibtes Schiff über den Ocean führten, fast in jeder Wache zu reffen und manche» Sturm zu bestehen hatten, ohne sich sonderlich viel daraus zu machen. Ich glaube sogar, im Nothfalle würde die Hälfte genügt haben, um den Sterling in die Heimath zu bringen. Einer der vier Jungen, deren ich erwähnte, hieß John Pugh — ein kleiner Bursche, welchen der Kapitän in London als Lehrling angenommen hatte und der nun zum ersten Male in seinem Leben eine Seereise mitmachtc. Unsere Nebersahrt dauerte lange; jeden Zoll breit unseres Weges bis zu den Dünen mußten wir den Jluthen abkämpfen. Vor den Dünen blieben wir mehrere Tage liegen, um günstigen Wind abzuwarten, der damals den halben Sommer über steif aus Südwest wehte, wcßhalb der Kapitän unter solchen Aussichten nicht aus- laufen wollte. Wir waren rings mit Kriegsschiffen — meist zur Canalflotte gehörend — umgeben, welche gleich uns vor Anker lagen, was die Rhede äußerst belebt machte, so daß Musik und Begrüßungssalven 43 fortwährend mit einander abwechselten. Eines Tags wurden alle Matrosen auf die Naacn gerufen, die Schiffe feuerten mit allen Steuerbord- und Backbordbatterien, bis man bloS noch einige Mastenspitzen unterscheiden konnte: was dies Alles zu bedeuten hatte, konnte ich niemals erfahren, aber cs gab jedenfalls einen merkwürdigen Rauch und machte einen furchtbaren Lärm. Später lief eine Fregatte ein und ging gerade vor unserem Gallion vor Anker. Sie setzte ein Boot aus und ließ uns durch einen Neffer benachrichtigen, daß Seiner Majestät Fregatte- vor uns stehe, welche bis auf den Wurfanker alle ihre Anker verloren und voraussichtlich eine starke Abtrift zu besorgen habe, wcß- halb sie uns rathe, ihr aus dem Weg zu gehen. Der Kapitän blieb jedoch an jenen. Tag auf der Stelle liegen: am andern Morgen kam aber die Fregatte in der That aus uns zugetrieben, und es gelang den beiden Schiffen nur mit größter Mühe klar zu werden, weßhalb wir für's Beste hielten, unfern Ankerplatz zu wechseln. Nachdem wir einmal gelichtet hatten, wollte der Kapitän die Dünen lieber ganz verlassen: dies thaten wir denn auch und steuerten die Meerenge hinab, bis wir mit Eintritt der Fluth unterhalb Dungeneß vor Anker gingen, wo wir bis zu Sonnenuntergang blieben, nm sogleich nach Beginn der Ebbe abermals unter Segel zu gehen. Unser Springinsfeld von Kapitän schien entschlossen, lieber bis zum Cap Lands-End hinab zu lavireu, als noch länger müßig liegen zu bleiben. Ein paar Meilen seitwärts gegen die Küste hin lag eine Kriegsschaluppe, welche in dem Augenblicke, da wir von dem Lande abzu- kommen suchten, mit einer Signalstation an der Küste telegraphische Zeichen zu wechseln anfing, worauf sie ebenfalls lichtete und gleich uns auslief. Um die Mittelwache kamen wir in entgegengesetzter Richtung an der Schaluppe vorüber und erfuhren, daß ein Embargo auf alle Schiffe gelegt worden war und daß wir unserer eigenen Beschlagnahme nur »m zehn bis fünfzehn Minuten znvorgekommen sehen. 44 Durch diese Maßregel wollte man nämlich verhindern, daß die Dänen von der Expedition nach Copenhagen Wind erhielten. Ilm selben Tage kamen wir an einem Convoi von Transportschiffen vorüber, welche eine Brigade vom Schlosse Pendennis nach Darmouth zur Hauptflotte führten. Eine Kanvnenbrigg brachte uns auf und hätte beinahe unfern Schweden unter dem Borwande gepreßt, daß England als seines Königs Verbündeter ein Recht auf seine Dienste besitze. Wäre der Bursche nicht halsstarrig wie ein Bullvchse gewesen — wir hätten ihn sicherlich wieder verloren; so aber weigerte er sich auf's Bestimmteste, uns zu verlassen und so oft sie ihm auch befahlen, zu England überzutrcten, so schwor er immer wieder, nicht von der Stelle gehen zu wollen. Cooper zankte sich gleichfalls ein Bischen mit dem fremden Offizier und mußte durch unfern Kapitän zum Schweigen gebracht werden. Nach den von der Kriegsschaluppe eingezogenen Nachrichten kann mau sich leicht denken, daß wir an der englischen Küste nicht mehr vor Anker zn gehen wagten: so mußten wir uns im Kanäle, meistens in der Nachbarschaft der Insel Wight umhertrciben, da wir durch die Fluth jedesmal wieder so viel von unserer Wegestrecke cinbüßten, als wir durch die Ebbe gewonnen hatten, bis es uns endlich gelang, mit dem Gallion scharf nach Süden gestellt, in den atlantischen Occan hinauszusteuern. Selbst nachdem wir einmal klar geworden waren, hatten wir immer noch eine langwierige Fahrt und wurden von den Winden bis znr Insel Corvo verschlagen, welche wir umsegeln und uns dann abermals nordwärts wenden mußten. Ein einziges Mal halten wir einen schweren Sturm zu bestehen, der uns zum Lcnffen ^ nöthigte, da der Sterling bei einer Stürzsee gar zu leicht Wasser faßte. » Lenssen nennt man die Bewegung eines Schiffs, wenn es gerade ror dem Sturme herläust, und muß van solchen Fahrzeugen geschehen, welche sich dem Kampfe gegen die vor- und seitwärts anprallcndeu Woge» nicht gewachsen glauben. D. U. 43 In der Nähe der amerikanischen Küste sprachen wir eine englische Brigg an, welche uns den Kampf zwischen dem Leopard und dem Chesapeakc erzählte, obwohl die Engländer ihre Landsleute nicht als überwunden angabcn. Mr. Irish brach in die bittersten Schmähungen aus, als er hinterdrein von dem Lootsen den wahren Hergang der Sache erfuhr. Der Sterling blieb auch diesmal seinem guten Sterne getreu und fuhr ungefährdet die Bai nnd den Fluß hinauf, bis er glücklich an der Werste von Philadelphia vor Anker ging. Hier lief natürlich unsere Schiffsmannschaft aus einander und mit Ausnahme von Coopcr und meinem Nebenlehrling, Jack Pugh, habe ich später nie wieder eine Seele von ihnen allen zu Gesicht bekommen. Die Meisten gingen nach New-Dork, wo sie sich unter dem großen Strudel der dortigen Seeleute verloren; Mr. Irish starb, wie ich hörte, auf seiner nächsten Reise als Obersteuermann eines Jndien- fahrerS — er war ein ausgezeichneter Seemann, der sich sogar zum Kommando eines Schiffes geeignet hätte. Dies war meine erste eigentliche Seereise, denn die Neberfahrt von Halifax nach New-Vork kann ich füglich nicht als solche rechnen. Mein Amt hatte sich allerdings auf die Kajüte beschränkt, doch waren wir sammt und sonders tüchtig in Anspruch genommen worden; wir hatten den Sterling wohl gegen hundert Mal vor Anker zu legen und wieder statt zu machen, und was das Vieren, Halsen, Eulenfangen ^ und Umlegen betrifft, so hatten wir durch die Canalpiloten so genug davon bekommen, daß unser altes Gehäuse kaum mehr wußte, mit welchem Ende es voransteuerte. Damals konnte ein Schiff nicht ohne manche Schwierigkeiten von den Vvrlanden nach London gelangen und wir beneideten die * Mit diesem sonderbaren Ausdruck bezeichnet der Seemann diejenige Lage des Schiffs, wo dieses gegen eine von vor» kommende Bö so scharf wenden muß, daß cs auf der andere» Seite wieder bei'm Wind liegt. D. U. -16 Kohlenschiffs ungemein um ihre schweren Blöcke und ihre leichte Tackelage, welche der Mannschaft so sehr in die Hände arbeiteten. Als wir den Fluß zum zweiten Male hinauffuhren, vereinfachten wir unser Tauwerk so viel wie möglich —- zur großen Bequemlichkeit unserer Matrosen. Eine Art von GraSschooten, die wir in Spanien kauften, wurden mit der Zeit an unserem Borde sehr beliebt, kosteten uns aber endlich einen der brauchbarsten Matrosen, der sein Leben darüber einbüßte. Kapitän Johnston beschloß nunmehr, mich nach WiScasset in die Schule zu schicken. Die „Clariffa", ein Schooner von da, war aus Westindisn mit einer Ladung in Philadelphia eingelaufen und stand im Begriff, mit bloßem Ballast nach Hans zu segeln; ich wurde als Passagier daselbst untergebracht und etwa eine Woche, nachdem wir von London zurück waren, segelten wir nach unserem Bestimmungsorte ab, so daß nur Jack Pugh auf unserem alten Schisse blieb, welches alsbald wieder eine Ladung nach Irland einnehmen sollte. Am Bord der Clariffa machte ich die Bekanntschaft eines ge- bornen Philadelphiers, Namens Jack Mallet, der bei dem Herrn des SchoonerS als Schiffsjunge in Diensten stand und etwas älter als ich war: wir wurden bald die vertrautesten Freunde und sollten später manche sonderbare Abenteuer mit einander erleben. Die Clariffa segelte durch den Vinepard Sound ^ und die Shoals^ und lief in den Hafen von Boston ein, wo sie einige Maaren landete und dann nach Wiscasset weiterfuhr, das wir erst nach ziemlich langer Fahrt erreichten. Ich wurde von Kapitän Johnstvn'S Familie sehr freundlich ausgenommen und unverzüglich in die Schule geschickt. Bald darauf verbreitete sich die Nachricht von dem eingetretenen Embargo; die Klarifsa ward abgetackelt und Jack Mallet wurde einer meiner Schnlgenvffen. Kurze Zeit später ' Weinberg-Echo. " Die Untiefen. D. U. erfuhren wir, daß auch der Sterling nicht hatte auslaufen können, und cs dauerte nicht lange, bis Jack Pugh uns gleichfalls Gesellschaft leistete. Etwas später langte auch Kapitän Johnston an, um mit de» Nebligen in die Handels-Quarantäne zu treten. Dies war das lange Embargo, wie die Seeleute es nennen, welches anno 1809 nach dem Abschlüsse von Lord ErSkine'S Vertrag zu Ende ging. Diese ganze Zeit über blieb ich zu Wiscaffet in der Schule, wo ich sehr gut und fast mit zu großer Nachsicht behandelt wurde; ich zählte jetzt sechzehn Jahre und war beinahe ganz herangewachsen; neben mir waren noch Jack Pugh, Jack Mallet und Bill Swett, —- dieser etwas älter als ich und des Kapitäns Neffe. Letzterer selbst blieb während der Quarantaine-- periode zu Hause und da er nichts anderes zu thun hatte, so benützte er die Zeit, um sich nach einer Fran umzusehen. Sobald das Embargo ausgehoben war, brach Kapitän John- ston mit Swett nach Philadelphia auf, um sein Schiff nach New- Dork herüberzuführen; von dort wollte er nach Liverpool segeln, wohin wir, nämlich Jack Pugh und ich, auf dem Schiffe Columbia gleichfalls abgehen sollten. Der Plan änderte sich übrigens dahin ab, daß wir Beide zur See nach New-Jork überfuhren und den Sterling in demselben Hafen erreichten, wo ich ihn das erste Mal getroffen hatte. Es waren jetzt beinahe drei Jahre verflossen, seit ich die Hei- zer'sche Familie auf so unhöfliche Weise verlassen hatte, und ich fühlte mich jetzt gedrungen, mich zu New-Vork nach ihnen umzusehen, wo ich denn von ihren ehemaligen Nachbarn erfuhr, daß sie etwa vor einem Jahr nach Martinique abgegangen scpcn. Dies ist die letzte Nachricht, die mir seither von ihnen zu Öhren kam. Bill Swett bekam nun den Dienst in der Kajüte, Jack Pugh und ich selbst wurde zum regelmäßigen Vormast-Dienst verwendet; wir erhielten Kajütenkost, schliefen aber mit den übrigen ans dem Zwischendeck und wurden überhaupt als wirkliche Vormarsgasten 48 behandelt. Unsere Fracht bestand im unteren Kielraum aus Weizen, auf dem Zwischendeck aus Mehl und auf dem oberen Deck aus Baumwolle, so daß das Schiff sehr tief im Wasser ging: die Bemannung schien gut, aber unsere beiden Steuermänner waren Ausländer. Unsere Fahrt ging trefflich von Statten, bis wir uns der englischen Küste näherten, wo wir von einem heftigen Sturme aus Südwest und Westen überfallen wurden: mit dicht gerefftem MarS- und Focksegel schoß unser Schiff, verfolgt von den nachstürzenden Wogen, vor dem Winde daher. Die Nacht war eben eingebrochen, als ein gewisser Preuße, Namens Heinrich, nach dem Abendessen auf's Deck heraufkam, um seinen Kameraden an der Ruderpinne abzulösen; während er sich nach dem Hinterdeck wandte, gerieth er in ein Schlingern^, bis er zuerst gegen das Langboot und von da gegen unsere Voischote von spanischem Gras vor Anker zu liegen kam. Dieses Tau, das seit unserer Londoner Fahrt bei uns sehr beliebt geworden, war als Laufstag über die Ladung des Oberdecks gespannt und riß nun bei seinem zerfanlten Zustande entzwei, als der Preuße darauf trat, so daß dieser in die See hinabstürzte. Mir konnten nicht weiter thun, als ihm den ziemlich breiten Bagdeckel zuzuwerfen: da aber das Schiff von den schäumenden Wogen fortgeriffen wurde, so blieb der arme Teufel mitten in dem zischenden Elemente seinem Schicksale überlassen. Einige von unfern Leuten meinten den unglücklichen Heinrich ans dem Bagdeckel zu sehen; dies konnte ihm aber in diesem Wellengelose nur wenig helfen, da man ebensowenig das Schiff beizudrehen, als ein Boot anSzusetzen wagen durfte. Dies war der erste Mensch, den ich auf der See ertrinken sah, und trotz der.Heftigkeit des Sturmes und der Gefahr, in welcher sich das Schiff selbst befand, ging uns allen der Verlust des trefflichen » D. I). er stolperte. D. U. ** DaS Dach über dem CompaßhäuScheii. D. U. 49 Burschen sehr zu Herzen. Auch dem Kapitän fiel er sehr schwer, wie man ihm wvhl ansehen konnte — aber die Sache war nun einmal nicht mehr zu ändern. Wir hatten schon am Nachmittag die Segel zu verkürzen an- gefangen — Harrh'S Verschwinden fiel in die erste Hundswache — als, einen Augenblick später die Vorschote am Backbord entzwei riß nnd das Segel in Fetzen ging: alle Matrosen wurden aufgcboten, um die Lappen aufzurollen und die Beschlagseisingen durchzuziehen. Das Schiff begann jetzt sehr schwerfällig zu arbeiten und bekam bald darauf einen Leck; auch ging die See so hoch, daß wir nicht wagen konnten, in den Wind zu kommen; dazu kam noch, daß die Wogen vornemlich bei den großen Puttingcn eindrangen, über dem Bord zusammenprallten und mit einer Heftigkeit über die Büge hinausstürzten, daß sie Alles, was irgend beweglich war, in hohem Grade gefährdeten. Wir Knaben wurden an die Pumpen festgebunden nnd mußten aus allen Kräften arbeiten. Doch nicht genug, es sollte noch schlimmer kommen — der Walzen im unteren Kielraum fing an in den Pumpensood einzudringen,* und oben an'den Masten zerriß bald darauf das große Marssegel, so daß auf dem ganzen Schiffe kein Fetzen von Leinwand ausgesetzt blieb. Der Sterling hatte selbst bei gemäßigter Witterung einen tiefen Gang; oft schon hatte ich ihn das Wasser in die Speigaten des Quarterdecks spülen sehen und bei'm Eintauchen war Niemand rascher als er; jetzt, da er so gar tief einsank und die Ladung von den Wogen weggeschwemmt wurde, war cs Zeit, an ein Erleichtern des Schiffes zu denken. Wir warfen also die Baumwolle, so schnell wir konnten, über Bord — was wir nicht wegschafften, das nahm die See mit. Nach einiger Zeit sahen wir das Schiff merklich erleichtert und das war gut, denn der Waizen * Die tiefste Stelle dieses Raums, wo die Pumpen untergebracht sind. D. U. Ned MherS. 4 50 verstopfte so oft unsere Pumpen, daß wir nur wenig von dem eingedrungenen Wasser hinanSznschaffen vermochten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, um welche Stunde eS war, als uns Kapitän Johnston in jener furchtbaren Nacht „auS- zugucken" und „anzuhalen" befahl. Der Sterling wurde beige- drcht und zu allem Glück in einem sehr günstigen Augenblick, so daß wir nunmehr weit leichtere Arbeit auf dem Verdecke hatten, da das Schiff auch in seinem lecken Zustande noch immer gut bei- zulegcn vermochte. Das Kreuzstagsegel wurde nun auögesetzt, damit das Schiff nicht so leicht in die Wellenschluchten hinabsinke» möchte. Der Wind heulte immer noch so heftig wie zuvor; ein Segel nach dem andern wurde los, so daß wir nur mit größter Mühe die Leinwand an den Raaen festhalten konnte». Ei» heftiges Schlingern — und die Vorstenge war entzwei; ihr folgte bald die große, sammt der Kreuzbramstenge — meiner Ansicht nach eine Folge des Em- bargo's, da die Takelage durch das lange Trockenliegen des Schiffs Schaden gelitten habe» mußte. Die ganze Nacht waren wir damit beschäftigt, das Wrack klar zu machen; der Sturm äußerte sich in seiner Wirkung beinahe wie ein harter Körper, denn nach der Aussage derer, welche das Beil handhabten, fühlten sie ihr Instrument öfter so heftig in der Han» umgedreht, daß sie statt mit der Schneide jedesmal mit dem Rücken dreinschlagen mußte». Wir verlebten eine furchtbare Nacht an den Pumpen, indem wir mit Leibeskräften für das Schiff zu sorgen bemüht waren. Am nächsten Morgen ließ der Sturm ein wenig nach; der Sterling wurde vor den Wind gebracht, da dieser in der günstigsten Richtung wehte. Segel konnten wir nur wenig führen; doch wurden statt der Stengen wenigstens Bramstengen aufgesetzt, sobald der Zustand der See uns dies erlaubte. Ilm vier Uhr etwa kam mir das Land zu Gesicht und ich machte alsbald den Steuermann darauf aufmerksam. Es war Kap 51 Clear, auf das wir in möglichst gerader Linie abhielten; das Schiff mußte aufhalen, um das Kap zu klarsten und in den irischen Kanal einzulaufen. An der Kanalmündung und in deren Nähe war eine große Masse von Schiffen versammelt, welche sämmtlich an einem bestimmten, zur Eröffnung des Handels gesetzlich bestellten Tage in Liverpool ein- laufen wollten — die Zerstörung, welche der Sturm unter ihnen angerichtet hatte, war großartig. Ich kann mich nicht mehr genau der Zahl der Schiffe entsinnen, die ich damals beisammen sah, es müssen aber mehr als hundert gewesen seyn; später erfuhr man, daß beinahe fünfzig derselben an der irischen Küste Schiffbruch gelitten hätten. Fast jedes Fahrzeug, dem wir begegneten, war mehr oder weniger entmastet; ein Schiss, das den Namen „Freiheit" führte, sollte gar mit Mann und Maus untergegangen seyn. Das Wetter gestaltete sich indeß wieder günstiger und mit Aufbietung aller Kräfte gelang es uns, Liverpool zu erreichen. Wir mußten eine Zeit lang im Flusse liegen bleiben, ehe wir in das Dock gelangen konnten, welches der Sterling, von seinem Glückssterne begünstigt, endlich erreichte. Beim Ausladen der Fracht fanden wir, daß diese, besonders der Walzen, bedeutenden Schaden gelitten hatte; letzterer war so sehr erhitzt, daß man nicht mit dem Fuß darauf treten konnte. In wenig Tagen war Alles ausgeladen; dann legten wir unser Schiff auf die Werste und ließen es ausbefsern. Der Aufenthalt zu Liverpool trieb unsere Mannschaft, gleich dem Wellenschaum bei Windstößen, nach allen Richtungen auseinander. Die meisten wurden gepreßt: was verschont blieb, lief davon — außer uns Knaben war nur ein einziger Matrose dem Schiffe treu geblieben. Der Obersteuermann —ein Ausländer, doch woher? das konnte ich nie entdecken — wohnte in einem Hause, welches einer schönen Mithin gehörte. Aus Gefälligkeit für die Dame befahl er William Swett und mir, zwei Schöpfeimer mit Salz in deren Wohnung zu tragen. Das Salz kam aus unserer Proviantkammer und wir trugen es ganz offen an'S Land, als plötzlich ein Zollbeamter uns anhielt und unser Schiff in Beschlag zu nehmen drohte. Solcher Strafe setzte man sich aus, wenn mau zu Liverpool zwei Eimer Liverpool-Salz an'S Land schaffen wollte! Kapitän Johnston brachte die Sache in Ordnung und entlieh den Steuermann, worauf dieser am andern Tag nebst dem llnter- steuermann gepreßt wurde. Letzteren, einen geborenen Schweden, wußten wir wieder frei zu machen und auch dem Obcrsteuermann gelang eS endlich, zu entwischen und nach New-Uvrk zurückzukehren. Unter den Gepreßten befand sich auch JackPugh; der Kapitän gab sich alle erdenkliche Mühe, um ihn zu befreien; da aber der arme Junge schon früher in London einen Contrakt eingegangcn hatte, so wagte Johnston nicht, dessen Papiere vorzuzeigen und so blieb alles Bitten vergeblich. Ich habe den armen Jack nie wieder gesehen, erfuhr aber später, daß er aus dem Marktbovt deS Wacht- schiffes entkam, und nach WiScaffet zurückgclangte, wo er sich nach längerem Aufenthalte wieder einschiffte und später auf der See verscholl. Viertes Kapitel. Endlich brachten wir eine neue Bemannung für de» Sterling zusammen und segelten in die Heimath zurück. Wir führten mehrere amerikanische Schiffsrheder als Passagiere an Bord, welche zwar für ihre Person zurückkehren, ihre Schiffe aber nicht mitnehmen durften, weil sie sich verschiedene Gesctzübertretungen hatten zu Schulden kommen lassen, wcßhalb sie nur die „Embargo-Kapitäns» genannt wurden. Einer von ihnen, ein Kapitän B —übernahm Kapitän Johnston's Dienst und wußte sich dessen Gunst und Vertrauen in so hohem Grade zu erwerben, daß Letzterer ihm endlich das Schiff förmlich übergab. 53 Die Heimfahrt war stürmisch und langwierig, ohne irgend ein bemerkenswertheS Ereigniß. Während unserer Abwesenheit war ein Nichteinfuhrgesetz erlassen worden, dem zufolge unser Schiff wegen seiner Ladung von englischein Salz zu New-Dork mit Beschlag belegt wurde; da wir aber die Vorsicht gebraucht und unser Salz zu Liverpool klarirt, auch vor dem im Gesetz festgesetzten Tage eingeschifft hatten, so wurde der Sterling nach zweimonatlicher Beschlagnahme wieder freigegcben. In der Zwischenzeit waren die Salzpreise dermaßen gestiegen, daß dieser unfreiwillige Aufschub für die Eigenthümer der Ladung höchst vortheilhaft ausfiel. Schon außerhalb der Batterie und noch ehe unser Schiff nach seiner Rückkehr von dieser Reise in den Hafen eingelaufen war, stieß ein Boot mit einem jungen Manne in Seeoffiziersuniform zu uns — es war Cooper. Er hatte unsere Masten erkannt, während er über die Bai nach seinem eigenen Schiffe hinruderte und wollte uns einen Besuch abstatten. Dieß war bis zum Jahre 1843, d. h. vierunddreißig volle Jahre lang das letzte Mai, daß wir mit einander zusammentrafen. Wir nahmen nun eine Ladung mit Schiffszeräthschaften ein und gingen abermals nach Liverpool in See. Bill Swctt machte diese Reise nicht mit und der Koch mußte diesmal auch das Amt des Proviantmeisters versehen. Unsere Hin- und Rückfahrt ging glücklich und ohne Unfall und Aufenthalt von Statten. Im Frühjahr 18l0 übergab Kapitän Johnston unser Schiff an Kapitän B-, der uns zum dritten Male nach Liverpool führte. Auch von dieser Reise ist nichts Bemerkenswerthes zu erzählen und nachdem der Sterling nach kurzem Aufenthalte zurückgekehrt, wurde alsbald wieder eine Holzladung nach Limmerick eingeschifft. Noch im Angesichte des Hooks wurden wir von dem „Indian", einer Kriegsschaluppe aus dem zahlreiche» Geschwader der Halisarischen Kreuzer, angehalten. Zu gleicher Zeit mit uns waren noch einige, andere Schiffe, darunter mehrere für den französischen Handel 54 beschäftigte Kipper ausgelaufen. Der „Amiable" die „Matilda", und der „Colt" steuerten luvwärts an dein Engländer vorüber, als ob dieser vor Anker gelegen wäre. Der Tameahmeah aber verwickelte seine Raaen in die Stags des Engländers, während er ganz dicht an dessen Borde vorüber fuhr und wurde gefangen. Wir mußten dieß alles mit anschen und konnten uns natürlich des Unmuths nicht erwehren, wie solche Gewaltthätigkeiten sogar vor der Mündung unseres Hafens ihn wohl billig in uns Hervorrufen mußten. Die Fahrt hin und zurück war ganz angenehm; das einzige außergewöhnliche Ereigniß, das mir begegnete, wurde durch ein Preßkommando veranlaßt, welchem ich zu Limmerik in die Hände fiel und das mich auch weggekapert hätte, wenn nicht ein Haufen Irländer die Bursche mit einem Angriff bedroht und ste dadurch dermaßen erschreckt hätte, daß ste mich wieder laufen ließen. Schon zu Liverpool war ich einmal in den Klauen dieses Gezüchtes gesteckt, Kapitän Johnston hatte mich aber durch Vorzeigen meines Lehrbriefes ihren Händen wieder entrissen. Nach unserer Reise — ich hatte dieselbe als Untersteuermann gemacht — wurde unser Schiff nach Charlestown beordert, um laut Kontrakts eine Ladung Rothtannen daselbst einzunehmen. Kapitän B — führte noch immer das Kommando, während Kapitän Johnston, mein früherer Herr, zu Hause mit Erbauung eines neuen Schiffes beschäftigt war. Ich sah diesen freundlichen, gutherzigen und nachsichtigen Seemann erst im Jahre t812 wieder, wo ich ausdrücklich zu diesem Zweck nach Wiscaffet reiste. Kapitän B— und ich waren nicht sonderlich gut Freund zusammen; gar häufig fühlte ich mich geneigt, mich gegen sein herrisches Wesen aufzulehnen, wiewohl ich dem Sterling noch immer getreu blieb. Wir segelten ohne Unfall nach Charlestown und trafen die ' Der „Liebenswürdige.' " Das »Füllen." D. U. 53 nöthigen Vorkehrungen zur Aufnahme unserer Fracht. Zwei französische Kaper kreuzten zn jener Zeit an der Südküste, und unser Handel hatte viel durch sie zu leiden; der eine drang in Savan- nah ^ xjn und wurde für seine Mühe verbrannt; der andere zeigte sich zu Charlestown und entging mit knapper Noth demselben Schicksale. Es hatte sich nämlich zu diesem Zweck ein Haufen Volks gesammelt, der ein Feuerstoß baute und auch zu unserem Schiffe kam, um sich etwas Theer dazu auszubitten. Ich selbst war trotz meiner damaligen Stellung als Dicky 2* jedem Scherze aufgelegt, und setzte ihrem Ansinnen durchaus keinen Widerstand entgegen. Bill Swett war ans einem Schiffe, das den Namen der „vereinigten Staaten" führte, gleichfalls in den Hafen gekommen und befand sich gerade bei mir aus Besuch; wir öffneten also unverzüglich die Lucken und schafften eine Theertonne auf das Verdeck, die wir den Floßleuten mit unfern besten Wünschen für das Gelingen ihres Unternehmens verabreichten. Gesetzlich genommen war dies Alles zwar sehr unrecht; wenn man aber die Sache aus dem moralischen Gesichtspunkte betrachtete, so glaube ich noch immer, daß wir wenigstens den Kapern gegenüber Recht hatten. Der Versuch schlug übrigens fehl und die Betheiligten wurden weit schärfer getadelt, als dies der Fall gewesen wäre, wenn sie dem Franzmann die Augbolzen niedergebrannt hätten. ES ist schon schlimm genug, wenn ein gesetzmäßiges Unternehmen mißglückt; bei einem ungesetzlichen Vorhaben aber ist das Gelingen unumgänglich nöthig, wenn man Verzeihung erlangen will. Mit Kapitän B— und dem Steuermann gab'S noch am selben Abend einen tüchtigen Sturm, sobald die Beiden erfuhren, daß ich Theer zu dem Unternehmen abgegeben hatte; sie schlossen ihre Predigt mit der Drohung, mich waidlich dafür durchzuwalken: Bill * Hanptstavt des Staates Georgien. D. U. " Untcrsteuermami. D. Herausg. 56 Swett siand daneben und bekam gleichfalls seinen Antheil an der Dosis. Als wir Beide allein waren, Hielien wir einen KriegSraih über unser ferneres Verfahren. Die Schiffsmannschaft war wie gewöhnliche bis auf den Koch, sammt nnd sonders nach CharleStown gelaufen und so wurde Letzterer als Nathgeber zu der Versammlung beigezvgen. Seiner Erzählung nach wollte er gehört haben, wie sich der Kapitän mit dem Obersteuermaun darüber besprach, daß sie mich, so bald ich mich in meine Hängematte verfügt haben würde, nach Herzenslust kielholen wollten und Bill schlug deshalb vor, ich sollte von dem Schiffe desertiren, was er selbst früher auch gethan hatte. Bald war der Plan dazu entworfen: Bill zog an'S Land, brachte ein Boot bis dicht unter die Büge des Schiffs, ich ging über'S Dorkastell, schaffte mein Gepäck hinunter und verließ den Sterling für immer, ohne ihn jemals wieder zu betreten. Später sah ich ihn ein- oder zweimal aus der Ferne und er schaute immer wie meine zweite Heimath zu mir herüber; er blieb Kapitän John- ston's Eigenthum und scheiterte nachmals an der östlichen Küste, während sich eben sein Schiffsherr —- doch nur als Passagier — am Bord befand. Mehrere Ausflüge von einem Hafen zum andern nicht gerechnet, hatte ich zwölf große Reisen auf diesem Schiffe gemacht; jeder Nagel in seinem Baue war mir bekannt und ich fühlte mich daselbst so heimisch, daß man sich nicht wundern darf, wenn ich ihn mit größerm Herzcleidc verließ, als ich es früher bei meiner Flucht aus Halifax empfunden hatte. Diese Desertion war der dritte große Fehltritt meines Lebens — den ersten hatte ich begangen, als ich den von meinem Nater bestellten Pflegeeltern entlief — den zweiten, da ich meine guten Freunde, die Heizer'sche Familie, verließ — den dritten, indem ich dem Sterling Lebewohl sagte. Wäre Kapitän Johnston noch Schiffskommandant gewesen — ich würde nicht im Traume an'S Davonlaufen gedacht haben: er war stets so freundlich gegen mich. 57 und wenn er je einen Fehler an mir beging, so war es der, daß er mir zu viele Nachsicht bewies. In seinen Diensten hätte sich meine Laufbahn ohne Zweifel ganz anders gestaltet, als dieß seitdem der Fall war, wie ich denn eine von den schlimmen Gewohnheiten, welche später meinem Glücke in den Weg traten, höchst wahrscheinlich jener Handlung zuzuschreiben habe. Doch läßt sich auch zu meiner Entschuldigung anführcn, daß ich erst neunzehn Jahre zählte, auf Abenteuer sehr erpicht war und Kapitän B— aus tiefster Seele verabscheute. Nach vollbrachter Heldenthat hielt ich mich mit meinem Kameraden eine Weile in der Stadt verborgen; Swett schiffte sich sodann auf dem Präsident, ich selbst aber auf der „Tontine" ein, worauf wir Beide nach Ncw-Vork unter Segel gingen, und kurz nach einander daselbst anlangtcn. Von hieraus verdingten wir uns auf die „Johanna," die nach Limmerik bestimmt war und sich gegen Ende des Jahres dahin auf den Weg machte. Unsere Hinreise war von den fürchterlichsten Stürmen begleitet und unsere Mannschaft wurde mehreremal von schwerem Unglück betroffen. Unweit der Mündung des irischen Canals mußte unser Schiff beidrehen; Bill Swett stand eben am Steuer, als die Johanna mit eingesetztem Fock- und großem Marssegel vor dem Winde zu lens- sen begann. Die Wachs rannte auf's Verdeck, holte ohne allen Befehl das Focksegel an, um das Schiff bei seinen rechtwinklich gestellten Raacn nicht mit dem Spiegel nach vorn laufen zu lassen. Während dasselbe herumschwenkte, brach eine Stürzsee über den Steuerbord herein und warf de» armen Bill leewärts unter einen Haufen von Waffertvnnen und Dielen, welche ihm zwei Rippen einstießen; auch die beiden Steuermänner wurden beschädigt, so daß sie mehrere Wochen lang dienstuntüchtig blieben. Der Schand- deckel wurde von hinten bis gegen die Mitte des Schiffs so scharf abgerissen, als ob die Zimmerleute ihn weggehauen hätten; wir 58 konnten bis ans die Jnhölzer hinabsehcn, nicht anders, als hätte das Schiff eben erst aus der Werste gelegen. Die Leute braßten die Hinterraaen auf, worauf das Schiff mit dicht gerefftem Marssegel beilegte und sich von da an ziemlich gut hielt. Wir schafften nun die Trümmer in den Kielraum, spannten getheerteS Segeltuch über die Jnhölzer und so gelang cs uns endlich das Wasser auf diese Art abzuhalten. Am anderen Tag brachen wir nach unserem Hafen auf. Bei dem heftigen Winde war es nicht möglich einen Lootsen zu erhalten, so daß wir in eine an der Mündung des Shannon gelegene Rhede cinlaufen und unsere beiden Wurfanker auSwersen mußten, bis der Sturm vorüber war und wir nach Limmerik gelangen konnten. Die Verwundeten genasen hier wieder und wurden nach kurzer Zeit dienstfähig; so segelte unser Schiff zu gehöriger Zeit wieder mit Ballast in die Heimath ab. Am Hook angekommen, wurden wir von einem Kanonenboot angerufen, welches uns die Nachricht mittheilte, daß der „kleine Embargo" seinen Anfang genommen habe. Bill und ich begannen nun ernstlich die Frage zu berathen, was wir wohl am besten thun könnten: ich stimmte dafür, nach dem Beispiele des verlorenen Sohnes nach WiScasset znrückzukehren, unsere Fehler zu bekennen und Besserung zu versuchen; Bill aber war andrer Ansicht. Er hielt es für männlicher, wenn wir selbst unsere Kraft aufböten und für uns Sorge trügen, da wir nun doch einmal ohne Beschäftigung ans Land geworfen wären. Bill hatte einen Oheim, der als Kapitän in der Artillerie diente und aus Governor'S Island stationirt war: ihn suchten wir nun vor Allem in unfern Rath zu ziehen. Er behandelte uns sehr freundlich und behielt uns zwei Tage lang ans der Insel bei sich; da er seinen Neffen entschlossen sah, selbst für sich zu Handel», so gab er uns ein Empfehlungsschreiben an den Marinelieutenant Trcnchard, der uns auch beide für den Seedienst anwarb. Swett wurde sogleich als Untersteuermann angestellt; auch mir bot man 59 denselben Posten an, doch war ich zu ängstlich und bescheiden, um das Anerbieten anzunehmen, und so trat ich zum ersten Mal als gemeiner Matrose in die Marine. Kurze Zeit daraus wurde der Krieg erklärt und es mußte für die New-Dorker Station ein starkes Geschwader von Kanonenbooten ausgerüstet werden. Bill kam auf Nr. 112., ich selbst auf Nr. 107. Segelmeister Costigan. Bald nachher wurden wir zur Instandsetzung des „Esser" verwendet und während wir damit beschäftigt waren, traf die Kriegserklärung ein. Bei dieser Veranlassung geschah es denn, daß ich zum zweiten Mal in meinem Leben betrunken wurde. Man hatte nämlich eine Masse Whiskey in eine Tonne geschüttet, und alle Matrosen tranken nun auf den glücklichen Ausgang des neuen Kampfes — ich konnte noch gar wenig vertragen und würde überhaupt gar nicht getrunken haben, wenn nicht einige meiner Bekannnten aus Wiöcaffet, von denen sich mehrere auf dem Schiffe befanden, mir unaufhörlich zugesprochen hätten. Ich rathe allen jungen Leuten, welche nicht das Bedürfniß zu trinken fühlen, doch ja ihrer eigenen Neigung zu folgen und nicht Seele und Leib dem gedankenlosen Zureden Anderer hinzugeben. Der Umstand, daß man Rum und Whiskey bis zum Ueber- maaße mit einander hinabstürzt, ist noch keineswegs zur Begründung guter Kameradschaft geeignet — hat man aber einmal Geschmack an diesem Laster bekommen, so ist es sehr schwer, dasselbe wieder abzulegcn. Ich habe mich nie dem unmäßigen Trünke ergeben, aber eine geringe Portion schon erfüllte mich mit dem Gelüste, Unheil anzustiftcn und diente dazu, mich während der werthvolleren Jahre meines Lebens nicderzudrücken — werthvoll nenne ich sie nämlich bloS in sofern, als sie mir zur Förderung meiner weltlichen Interessen dienen konnten, denn das wahre Leben eines Christen, zur Ehre Gottes und zur Erfüllung Seiner Absichten, so 60 wie es der Kreatur geziemt, hat bei mir erst i,.'. Jahre 1839 seinen Anfang genommen. Nachdem der „Esser" ausgerüstet war, erhielt die Flottille Befehl im Sund zn kreuzen und die Gewässer um New-Vork im Auge zu behalten. Es war gegen das Ende des Sommers, während unser Boot mit mehreren andern dem „Uard" gerade gegenüber lag, als der Befehl anlangte, uns bei Kapitän Chauncey, dem Kommandanten des Dard, auf der Werste zu versammeln, wo dieser Offizier uns mitiheilte, daß er zu einer Expedition auf dem Ontariosee beordert sey und als Kommandant derselben Jeden, der freiwillig beizutreten wünsche, zur Theilnahme auffordere. Diese Nachricht kam uns allen höchst erwünscht, denn die Kanonenboote waren uns verhaßt und wir wären überall hingcgan- gen, nur um ihrer los zu werden — so kam es, daß Alle zusammen, Matrosen und Schiffsjungen, sich als Freiwillige meldeten. Wir erhielten vier und zwanzig Stunden Urlaub, nebst einigen Thalern an Geld; sobald wir damit fertig waren, kehrten wir wieder zurück und wurden auf einer Schaluppe nach Albany eingeschifft. Unser Fahrzeug faßte nahe an hundert und vierzig Mann und wurde von Mr. Mir befehligt, der damals noch Segelmeister war, vor einigen Jahren aber als Schiffskommandant starb. Außerdem zählten wir noch die HH. Osgood und Mallaby, die beiden Midshipmen Sands und LivingSton, und zwei Untersteuermänncr, Namens BogarduS und Emory: Mr. Osgood ist jetzt Kommodore, was aber aus Mr. LivingSton geworden, habe ich niemals erfahren. Nach unserer Ankunft zn Albany machten wir dem Statthalter unfern Besuch und brachten ihm drei Cheers, wofür er uns vor seinem Hause gut bewirthen und sodann jede Back* auf einen -Back— dasselbe was in den Landarmem die Ko rvoral schäften — nennt inan eine Anzahl Matrosen, die gemeinschaftlichen Tisch mit einander haben. D. U. 61 Wagen stauen ließ, wcrauf die Landfahrt angetreten wurde, welche sehr fröhlich für unS ausfiel. Am ersten Tage gelangten wir nach einem Orte, Namens Sncchectady, wo die Offiziere ein leeres Haus vorfandcn, in welchem sie uns inSgesammi unterbrachten, und dann dis Thüren verschlossen. Dieß wollte mit unseren Ansichten von einer Kreuzfahrt am Lande gar nicht übereinstimmen und wir begannen alshald heftig zu murren. Wir hatten unter uns einen Hochbootsmann, Namens Mae Nally — einen verteufelt trotzigen Kerl, der schon lange in Diensten stand und ein achter Kriegsschiffmatrose war. Er hatte unserer vierundzwanzig Mann um sich gesammelt, die er seine Schüler nannte und worunter auch ich mich befand, wie ich zu meiner Schande gestehen muß. Mac Nally rief alle Matrosen auf dem Oberdeck, wie er'S nannte, d. h. auf dem Dachboden zusammen, wo er eine Rede an uns hielt und uns bemerkte, daß dies keineswegs die Art sey, wie man Freiwillige behandeln dürfe, und mit dem Vorschläge endigte, wir sollten „das Sonnendeck ^ abnchmcn." Alsbald wurden Hebel aufgetackelt, und unter dem Rufe „Auf- geyaßt da unten" polterte die eine Hälfte des Daches auf die Slraße, die andere in den Garten hinab. Drei laute Cheers verkündeten unfern Triumph — die Offiziere kamen herbei, und zankten uns tüchtig aus; wir wußten uns aber so gut zu vertheidigen, daß man »ns wieder bis zum nächsten Morgen frei ließ, wo wir dann alle zurückkehrten und auf unsere Wagen vertheilt wurden. So zogen wir unter Scherzen und Lachen durch's Land, indem wir uns alle Sonderbarkeiten bemerkten, die uns auf unserem Kurse aufstießen. Wir waren, glaub' ich, zehn bis zwölf Tage unterwegs, bis wir den Oswego erreichten. Auf dem Onondago-See wurden * Mac Nally vergleicht hier das Dach mit einem Sonnendeck, d. h. einem Stücke Segeltuche, das bei großer Hitze über Hütte und Schanze gezogen wird, um den Matrosen Schatten zu gewähren. D. II. 62 wir auf Boote gesetzt, die uns jedenfalls weit besser als die seitherige Fahrt in den Wagen behagtcn. In einem am Seeufer gelegenen Dorfe fanden wir die Leute sehr bitter gegen uns gestimmt, so daß es mehrere Unannehmlichkeiten absetzte: eS hieß damals unter uns, cs setzen Schotten aus den Kanada'S, doch weiß ich dieß nicht genau. Als wir aber am Morgen vernahmen, daß die Mehrzahl unserer Offiziere sich in der Hölle* befinde, da zogen wir aus, den Hügel hinauf und drohten mit Mord »nd Brand, wenn sie nicht unverzüglich frei gegeben würden. — Dieß wirkte: Mr. Mir stand mit den übrigen Herren alsbald wieder in unserer Mitte, wodurch weiterem Unglück vorgebeugt wurde und unser Abmarsch angetreten werden konnte, ohne daß es znm Kampfe gekommen wäre. Bald wurden wir von heftigen! Regen überfallen und trafen endlich in den Wäldern ein einsam stehendes Haus, wo wir ein Unterkommen suchten, aber nicht fanden, indem man uns anwicS, uns selbst nach einem Obdach umzusehen. Dies thaten wir denn auch, bis wir uns ganz beguem in einer großen Scheune zusam- mengestaut hatten. Nachts kam der Eigenthümer mit einer Laterne und wollte die Scheune in Brand stecken; wir ergriffen ihn aber, banden ihn bis zum andern Morgen in einem Boote fest, damit der Regen allen Brennstoff an ihm abwaschen möchte. An demselben Tage erreichten wir noch die Oswegofälle, wo ein Theil von uns bleiben mußte, um die Boote hinaufzuschaffen und die Vorräthe über den Tragplatz zu bringen. Nachdem sämmt- licheS Material nach OSwcgo tranSportirt war, wurden alle Matrosen zur Ausrüstung einiger Seefahrzeuge — kleiner Schvoner von sechzig bis achtzig Tonnen Last — ansgeboten, welche ausdrücklich für diesen Dienst angekauft worden waren; zu Oswego selbst hatten wir sonst nichts zu thun, als diese Fahrzeuge — im Ganzen * D. h. GefLnginß. D. U. etwa sechs bis acht — zu befrachten und auf dem See von Stapel zu lassen. Ich selbst lief mit einem der ersten Schiffe, der „schönen Amerikanerin"— aus. Da wir ohne Waffen waren, so segelten wir bei Nacht, um John Bull's Kreuzern auSzuweichen, von denen sich damals mehrere aus dem See befanden. Nicht weit von Sackett'S Harbour in der Nähe einiger Inseln trafen wir das Oneida-Lang- boot, das zu gleicher Zeit Ruder- und Segelschiff war und jedesmal bei Nacht auf dem See kreuzte. Bill Swett befand sich darauf und dies war das erste Mal, daß wir uns auf süßem Wasser begegneten. Ich erfuhr von ihm, daß auch Jack Maltet, den ich seit unserer ersten Abfahrt von Wiscaffet vor mehr als drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu der Station gehöre — und traf ihn auch wirklich vierzehn Tage später als Hochbootsmann der „Julia," Segelmcister Trant — ein Fahrzeug, das ich mein ganzes Leben hindurch nicht mehr aus dem Gedächtniß verlieren werde. Den Tag, nachdem ich den Hafen erreichte, wurde ich an Bord des „Scourge"* beordert. Dieses Schiff war englischen Ursprungs, hatte früher Lord Nelson geheißen und war schon vor dem Ausbruche des Krieges von dem Oneida — einem Sechzeh- uer, dem einzigen Kreuzer, den wir damals unter Lieutenant Wool- scy'S Kommando auf dem See hatten — wegen einer Verletzung der Mauthgesetzs gekapert worden. Das Fahrzeug galt zwar als dienstuntauglich: da aber die Zeit drängte und wir nichts Besseres fanden,- so waren bereits Schanzen darauf errichtet und auf beiden Breitseiten regelmäßige Batterien von je vier Sechspfündern aufge- pffanzt worden. Die Schooten, sowie die ganze innere Einrichtung zeigte sich als ausnehmend schlecht, dabei bewies sich der Bursche so empfindlich, daß wir in einem Sturm fast gar nichts mit ihm anzufangcn wußten. Man hatte uns mehr als einmal prophezeit, daß das Schiff noch unser Sarg werden würde. Neben Mr. * „Geißel." D. It. 64 > Osgood, dem Kommandanten, hatten wir noch Mr. Bogardus nnd Mr. Livingston als Schiffsoffiziere. Die Mannschaft mochte, Alles in Allem, ungefähr fünfundvicrzig Köpfe zählen. Zum guten Glück durfte der Schooncr in diesem Jahr noch nicht auslaufen und als daher der Kommodore anlangle und eine Expedition gegen Kingston vorbereitet wurde, ließ sich ein Theil von uns, darunter auch ich, als Freiwillige vom „Scourge" auf den „Oneida" versetzen. Dies geschah im November — einer Jahreszeit, welche auf diesen Wassern zum Secdienst fast allzu vorgerückt erscheinen möchte. Unsere Brigg verließ den Hafen in Gesellschaft der Schooner „Conquest,"* „Hamilton," „Governor Tompkins," „Pert," ** „Julia" und „Growler"^^ — lauter ehemaliger Kauffahrer, die, meistens ohne Windviering-f, zu dem Dienste, für welchen sie verwendet wurden, kaum tauglich waren. Der „Oneida," eine gut eingerichtete kleine Brigg mit sechzehn Vierundzwanzigpfünder Car- ronaden, war eigentlich zum Kreuzen vor den amerikanischen Häfen erbaut, aber so schwer, wie ein Transportschiff, und windwärts , ganz unlenksam. Seewärts von den False Ducks-ff bekamen wir den „Royal George," ein englisches Schiff zu Gesicht, das vor zwei bis drei Jahren ausdrücklich zur Bekämpfung des Oneida erbaut worden war und uns auch so groß vorkam, als ob es uns sammt und sonders hätte verschlingen können. Seine Offiziere gehörten übrigens nicht zur königlichen Marine, und als wir mit unserer Schoonerflotte ' -Eroberung." ** „Verlust." „Brummbär." st- So heiß! der Theil der Außenseite der Schiffe, das sich in der Höhe der ^ großen Puttinge» von diesen an bis zum Spiegel erstreckt. D. II. -ff Auf deutsch: „Falsche Schätzchen" wahrscheinlich ein Felscnriß im See. D. U. 65 daher kamen, hielt der George für gerathen, trotz dem, daß auch er ein paar Schiffe mit sich führte, uns lieber auSzuwcichen, als uns stehenden Fußes zu erwarten. Wir jagten ihn in die Quintä- bai, wo wir ihn Lei der Dunkelheit ans den Augen verloren. Kaum sahen wir ihn am andern Morgen in dem nach Kingston führenden Kanäle vor Anker liegen, als eine allgemeine Jagd auf ihn begann; wir steuerten inSgesammt in die Bai und suchten auf Schiff und Batterien ein heftiges Feuer zu richten, das ebenso scharf erwiedert wurde und ziemlich lange anhiclt. Ich war als Unterkonstabler bei einer Kanone postirt und viel zn eifrig mit meinem Amte beschäftigt, als daß ich von dem, was vorging, Vieler hätte wahrnehmen können; ich weiß nur so viel, daß wir unser Geschütz so rasch und anhaltend, als wir nur immer im Stande waren, darauf losdonnern ließen. Wir trieben den Royal George von seinem zweiten Ankerplätze bis dicht in die Nähe der Stadt, ja es hieß sogar, die Mannschaft habe das Schiff mit einem Male gänzlich verlassen. Aus unserem Geschütz wurde er nur mit Vollkugeln begrüßt, doch die gaben wir ihm auch von ganzem Herzen; so oft wir aber das Ufer berücksichtigen konnten, wurde noch eine Ladung Kartätschen beigefügt. Ueber den Verlust des Feindes ist mir nichts Näheres bekannt geworden: so viel ich sehen konnte, hatten wir den Sieg davon getragen und wären wir nicht durch das Wetter zum Aufholen gezwungen gewesen, so hätte unsere Expedition zu ernsthaften Resultaten führen können — so aber mußten wir mit flatternden Wimpeln auSziehen und einige Meilen vor dem Leuchtthurme vor Anker gehen. Dies war der erste Schuß gewesen, den ich im Ernste hatte abfenern sehen. Unsere Brigg zählte einen Tobten und drei Verwundete; auch war die obere Tackelage etwas beschädigt: — eine Kugel hatte sogar neben meiner Kanone eingeschlagen, die Hängmattentücher zerrissen und sonst noch allerlei Unheil angerichtet. Ned MherS. ö Außer dieser einen Gefahr war mir an jenem Tage keine weitere aufgestoßen und im Ganzen konnte man sagen, daß wir noch recht gut davon kamen. Nachdem wir in den Hafen zurückgekehrt waren, mußten die zehn Mann, welche von der Bemannung des Scourge der Expedition als Freiwillige angewohnt hatten, wieder auf oben genannten Schooner eintrcten. Verwundet war keiner, wohl aber Alle halb erstarrt vor Kälte, da der See mit dem Eintritte des Fastens sich sogleich mit Eis überzogen hatte. Bald darauf wurden von beiden kriegführenden Partheien die Winterquartiere bezogen und unverzüglich mit der Ausrüstung weiterer Schiffe begonnen. Ein neues Fahrzeug, der „Madison" wurde damals vom Stapel gelassen und zu einem andern, Namens „Pike," sah ich den Kiel legen. Was John Bull mittlerweile that, ist mehr als ich zu sagen vermag — doch zeigte sich'S bald im nächsten Jahr, daß auch er nicht gefeiert hatte. Erst mit deni Monat Dezember wurde die Schifffahrt völlig eingestellt! unsere Schiffe lagen im Hafen vor Anker und waren natürlich ganz eingefroren, doch hatte man, , um ein Entern von Seiten des Feindes zu verhüten, rings um jedes der Fahrzeuge eine Art von Graben in das Eis eingehauen. Zur Vertheidigung des Madison wurden regelmäßige Detachements beordert; den Tag über arbeiteten wir dann truppweise an seiner und des PikeS Takelage; unsere Backbordkanonen hatten wir an's Land geschafft und in einem Vlockhause ausgestellt, während die Stcuerbordbatterie und dabei auch ich, als Oberkanonier der einen von den Kanonen, am Bord des Scourge zurückblieb. Der Winter dauerte über vier Monate und war für uns eine fröhliche Zeit; wir mußten oft Holz im Walde holen und dabei gelang es uns denn auch manchmal, ein Wild zu erlegen. Auf dem See hatten wir eine Schießstätte errichtet, auf der wir uns einübten und zu tüchtigen Kanonieren heranbildeten. Hie und da 67 gab'S wohl auch falschen Allarm, doch kann ich mich keines ernstlichen Versuches erinnern, den der Feind zu unserer Belästigung gewagt hätte. Gegen die Mitte Aprils war der See wieder für die Schifffahrt offen. Um den zwanzigsten* aber wurde eine Masse von Soldaten, gegen 1700 Mann, eingeschifft; der Scourge mußte eine Kompagnie an Bord nehmen, welche alle Räume bis zu den obersten Lucken voll Propste. Bald fing es an zu stürmen und wir sahen uns genöthigt, die armen Burschen bei unserem großen Mangel an Raum fast die ganze Zeit über auf dem Verdeck zu lassen, wo fie Sturm und Regen ausgesetzt waren. Am fünfundzwanzigste» liefen wir aus, ein Schiff, eine Brigg und zwölf Schooner, im Ganzen also vierzehn Segel — eine glänzende Streitmacht, die aber gleichwohl bei der geringen Größe der Fahrzeuge nicht von sonderlicher Bedeutung war. Die Nacht über segelten wir mit frischen Wind und befanden uns am nächsten Morgen schon jenseits Little Uork, wo wir Alle auf eine Meile vom Strande vor Anker gingen. Ich meldete mich freiwillig auf ein Boot, welches Soldaten an'S Land zu führen hatte; jeder von uns nahm noch zwei solcher Boote in'S Schlepptau, wobei übrigens bei der schwankenden Brise, welche eben herrschte, eines derselben verloren ging, worauf ich in dasjenige einstieg, welches übrig geblieben war und mit der Hälfte unserer Soldaten dem Strande entgegen ruderte. Beim Landen selbst herrschte wenig oder gar keine Ordnung; jedes Boot ruderte so rasch es konnte; die Engländer beschossen uns aus einem Walde, in welchem fie versteckt lagen, was unsere Leute von den Booten aus durch ein hitziges Feuer erwiedertcn, Nie habe ich mich bei Beurtheilung von Männern mehr getäuscht, als bei diesen Soldaten. Es waren meistens hochgewachsene, bleich aussehende Vankees, halb todt von der Seekrankheit und dem schlechten Wetter, so daß über die Hälfte nicht einmal ' Am Lasten. D. Hcrausg. 68 ihren Grog trinken mochte, was ich unterdessen als ein schlimmes Zeichen anzusehen gelernt hatte. Kaum waren sie aber dem Feinde nahe gekommen, als sie plötzlich munter wurden; sie zeigten sich gegenseitig die Punkte, auf welche sie zielen wollten, ja viele von ihnen sprangen sogar in'S Wasser, um früher das Ufer zu erreichen. Man konnte sich nicht tapferer benehmen, als diese jungen Krieger, denn ich muß offen gestehen, ich selbst fand keinen sonderlichen Gefallen an der Sache. Es ist kein Spaß, unter heftigem Gewehrfeucr gegen das Land zu rudern, während man den Feind schon im Rücken hat und nichts als ein Ruder zur eigenen Belustigung besitzt. Die Kugeln flogen hageldicht und zersplitterten zwei unserer Ruder, wiewohl wir nur Jufanteriefeuer gegen uns hatten, da bis jetzt kein schweres Geschütz in Anwendung gekommen war. So landete ich zweimal unter Mr. LivingSton's Befehl, doch hatten wir eigentlich bloS beim ersten Mal besondere Gefahr auS- zustehen; auch am Strande kam es zum Gefecht, in welches wir aber nicht verwickelt wurden. Als wir nach dem Schooncr zurückkchrten, fanden wir ihn im Begriff die Anker zu lichten; von den kleineren Fahrzeugen wurden mehrere die Bai hinauf beordert, um gegen die näher bei der Stadt gelegenen Batterien ihr Feuer zu eröffnen. Unsre Brigg war in der Vorhut das dritte Schiff; die ganze Flottille ging auf Kartätschenschußweite vom Lande vor Anker; eben als wir beilegten, hörten wir ein Pulvermagazin in die Luft stiegen und drei freudige Cheers ertönten auf unserer Flotille. Jetzt begann ein heftiger Kampf gegen die Batterien, welche ein anhaltendes Feuer gegen uns unterhielten. Der Schoouer vor uns mußte die Masten kappen und seine Stellung auf unserem Flügel nehmen; der vordere Schooner hielt aber aus und behauptete unerschütterlich seinen Ehrenplatz. Mitten in diesem Kanonendonner hörten wir plötzlich lebhafte Cheers an der ganzen Linie herunter schallen; im nächsten Augenblick sahen wir den Kommo- 69 dvre, der in seinem Gig unter den'Schiffen herumruderte und endlich zu uns an Bord kam, wo wir ihn mit dreimaligem Hurrah begrüßten. Während er auf dem Quarterdeck stand» traf eine glühende Kugel den Oberiheil des Spiegels, riß alle Enterhacken vom Gik- baume los, und verwundete einen Mann, Namens Lemnel Bryant, der von seinem Posten herabsprang und zu meinen Füßen niederstürzte. Seine Kleider standen in vollen Flammen, während er herab fiel, und nachdem wir den Brand gelöscht hatten, befahl mir der Kommodore in eigener Person, den Verwundeten hinunter zu schaffen. Der alte Mann richtete ermuthigende Worte an uns, und bald wurde seine Aufmerksamkeit durch ein kleines Ercigniß gerade auf meine Mannschaft gerichtet. An der Kanone, welche wir bedienten, waren zwei Näder abgeschoffen und ich beschloß, ohne Verzug die gegenüber stehende an deren Stelle zu Pflanzen; meine Mannschaft bestand aus fünf Negern — kräftigen Burschen und stark wie Maulesel. Die demontirte Kanone, welche den Namen „Black Joke" * führte, wurde sogleich bei Seite geschafft, meine Bursche liefen dann rasch über's Deck, hackten das Anhalttau und die Geschütz- taljcn aus, hoben das Stück vom Verdeck und stellten es in die leeren Stückpforten. „Ah, bravo, das nenne ich rasche Arbeit, meine Jungen!" so rief der Kommodore in lobendem Tone. In weniger als drei Minuten — darauf kann ich schwören — ließ ich meine frische Kanone bereits gegen den Feind spielen.** Der alte Mann ruderte mit einer Kaltblütigkeit unter dem Geschützfeuer umher, als ob es nicht Kugeln, sondern Schneeballen wären, was ihm um die Ohren sauste, obwohl an jenem Tage * Der schwarze Spaßvogel. D. u. " Das glaube, wer nichts davon versteht? Mr. MpcrS kann, scheint cs, auch mit Ausschneiden umgehen. D. U. 70 mancher Bursche seine Tischnuminer auf den Booten für immer verlor. Ais der Kommodore uns verließ, sandten wir ihm noch drei jubelnde CheerS nach. Gleich darauf ließ sich am Ufer eine furchtbare Erdlosion vernehmen. Steine, so dick wie meine beiden Fäuste, fielen auf unser Schiff, ohne daß übrigens Jemand dadurch verwundet worden wäre. Wir glaubten, den Feind habe irgend ein schweres Unglück getroffen und jubelten auf's Nene. Bald nach der Erplosion hatte das Feuern ein Ende — eine einzige englische Kanone setzte den Kampf am Ufer noch eine Weile länger fort. Fünftes Kapitel. Erst nach dem Aushörcn des Feuers erfuhren wir die Ursache der letzten Erplosion. Ich hatte eine furchtbare, schwarze Wolke und dunkle Gegenstände, die ich für Menschen hielt, in der Luft wahrgenommen, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß die Erplosion uns so theuer zu stehen kommen könnte. Unser Schooner lag auf dem HauptlandungSplatze und Mr. Osgood rief, so bald wir uns von dem glücklichen AuSgange des Kampfes überzeugt hatten, seine Bootsmannschast zusammen, um sich an'S Land zu begeben — da ich gleichfalls darunter gehörte, so hatte ich frühzeitig Gelegenheit, die Stadt zu betreten. Wir fanden sie verlassen, und trafen außer unfern Leuten nur ein einziges lebendiges Wesen, nämlich ein altes Weib, das ich in dem Regierungsgebäude in einem Kartoffelbehältniß versteckt fand: die Eier standen auf gedeckten Tischen in den Taffen, aber nirgends war ein Einwohner zu sehen. Wir hatten den strengsten Befehl nicht zu plündern und wagten nicht einmal einen Bissen Speise zu berühren — das Getränk aber war für unsere schwachen Naturen zu verführerisch: ein Theil 71 unserer Mannschaft hatte bereits in einer besseren Art von Speze- reigewölbe zu löschen * angefangen, als einige Offiziere dazu kamen, und die Fässer vor ihren Augen einschlugen. Ich ging unter Segel und verließ jenen Haufen: die Armee war mit Ausnahme weniger Bnchsenschützen zur Verfolgung des Feindes aufgebrochen; Letztere sahen sich nunmehr gänzlich frei und konnten ohne Mühe in den Platz eindringen. Ich habe nunmehr einen Vorfall zu berichten, dessen ich mich billiger Weise schämen sollte und den ich aus tiefster Seele bereue; ich darf ihn übrigens nicht verschweigen, denn wenn ich die Wahrheit verhehlen wollte, so bekäme ich ja eben dadurch wieder neue gerechte Ursache, beschämt zu werden. Wir hatten jenen ganzen Tag über die Hauptbraffen frei genug gesplißt'^ und der Schluck, welchen ich in der Spezereihandlung zu mir genommen, hatte mich zu jedem linheile reif gemacht. Als wir uns wieder am Bord des SchoonerS befanden, trafen wir ein Canoe,, das von den Klüsen dwarSab getrieben hatte und auf unser Schiff gebracht worden war. Meine Bedienungsmannschaft, die „Black Joker'S" genannt, hätte in der Stadt gern für sich noch einen Spaß getrieben und schlug mir vor, eine abermalige Kreuzfahrt an's Land zu machen. Offiziere hatten wir wenige am Bord und der Hochbvotsmann, der eigentlich blos Hochbootsmannsmate war, bewilligte uns abermaligen Urlaub. Wir bestiegen Alle das aufgefundene Canoe und hatten bald die nächste Werfte erreicht, wo wir neben einem großen Magazine an's Land stiegen. Als wir dort zu einem Fenster hinein sahen, erblickten wir einen Mann, der im Schlummer da saß und in der Höhlung des Armes eine Flinte hielt, während sein Kops auf dem Zahltische ruhte, auf welchem eine Lampe brannte. Einer der Schwarzen kletterte sogleich durch's Fenster und " D. h. die Ladung angebrochen. D. U. ** d. h. dem Grog schon ziemlich stark zugesprochcn. D. U. 72 stand im nächsten Augenblicke neben dem Schlummernden; wir andern folgten nach, und der Fremde war nun unser Gefangener. Der arme Teufel behauptete, er sey gekommen, um nach seinem Eigenthume zu sehen; wir versicherten ihn, daß ihm von Niemand ein Leid geschehen werde. Meine Schwarzen fingen mittlerweile an, sich umzusehen und Alles einzusacken, was sie nölhig zu haben glaubten; ich selbst nahm mir, wie ich nicht leugnen kann, etwas Thee und Zucker und befand mich überhaupt <— zu meiner Schande sey'S gestanden — in einem Zustande, der mich das Ganze nur als einen köstlichen Spaß betrachten ließ. Wir führten in unserem Canoe eine volle Ladung auf's Schiff und kehrten sogar noch einmal zurück, um eine zweite abzuholen. Natürlich ließ sich ein solcher Streich nicht Wohl ausführen, ohne die ganze Schiffsmannschaft in unser Geheimniß einzuweihen; auch war'S an einer Bootsladung noch lange nicht genug. Die Neger fingen an sich zu betrinken und so nüchtern war ich denn doch, um die Folgen cinzusehen, welche ein längeres Verweilen dieser Bursche am Land nach sich ziehen mußte. Als vollends einige Büchsenschützen zu unserem Haufen stießen, bot ich Allem auf, um meine „schwarzen Spaßvögel" auf's Schiff zurückzubringen, was mir auch endlich, wiewohl nicht ohne Mühe, gelang. Das sorglose Wesen der Matrosen ist recht deutlich an unserem Benehmen zu erkennen. Der ganze Ertrag unserer Plünderung betrug bei unserer Rückkehr in den Hafen höchstens acht bis zehn Gallonen Whiskey* und dafür hatten wir uns der Gefahr auSgc- setzt, durch die ganze Flotte gepeitscht zu werden! Wir betrachteten das Ganze als ein keckes Stückchen und das gab uns genügende Entschuldigung, um gegen die gegebenen Befehle zu handeln, ja sogar ein Verbrechen zu begehen. Ich selbst ließ mich mehr durch meine Lust, Unheil anzustiften, sowie durch den eitlen Wunsch, bei * Nach unserem Maaße etwa Lü Flaschen. D. U. 73 einer solchen Heldenthat als der Erste genannt zu werden, als durch die Hoffnung auf Gewinn zu jenem Vergehen verleiten. Trotz der bestehenden strengen Ordnung und mehrerer schweren Strafen, welche der Kommodore zum warnenden Beispiele verhängt hatte, waren die Black Joker's gleichwohl nicht die einzigen Plünderer, die in jener Nacht am Lande ihr Wesen getrieben hatten. Einem SteuermannSmate wurden die Knöpfe vom Nock geschnitten, weil er ein Federbett gestohlen hatte, das er überdieß wieder zurückgeben mußte — mit seiner Untersteuermannsstelle hatte es natürlich auch ein Ende. So lange dieses Geschwader im Hafen blieb, kam ich jeden Tag an's Land; unser Schooner blieb von Anfang an auf derselben Stelle liegen, welche er während des Gefechts eingenommen hatte, so daß wir uns ziemlich weit oben in der Bai befanden. Ich unterließ nicht, der Kanone, welche uns so viel zu schaffen gemacht hatte und erst ganz zuletzt verstummt war, da sie in der Nähe des Landungsplatzes unter einem Uservorsprung gestanden — meinen Besuch abzustatten: es war ein langer französischer Achtzehnpfünder, der sich an jenem Tage durch seine Bravour vor allen Geschützen John Bulls ausgezeichnet und uns, glaub' ich, mehrere Kugeln in den Rumpf gejagt hatte. Ich kam auch über die Stelle, wo die Erploston Statt gefunden hatte; sie bot einen schauderhaften Anblick dar: die Todten waren alle so verstümmelt, daß man kaum noch ihre Farben zu unterscheiden Vermochte, und Flintenläufe fanden wir, die beinahe zweimal umgebogen waren. Nur wenige Minuten vor der Erploston saben wir, glaub' ich, Sir Roger Sheafe, den brittischen General, ganz allein übcr'S Feld hin galoppiren: jedenfalls war'S ein berittener Offizier, auf den wir Feuer gaben. Er sprengte nach dem Negierungsgebäude, stieg ab, trat ein, kehrte nach kurzer Zeit zurück und jagte sodann aus der Stadt. Dies Alles habe ich mit eigenen Augen gesehen: 74 die alte Frau in dem Kartoffelbehälter erzählte auch, der General sey kurze Zeit vor unserer Landung noch im Hause gewesen. Ihr Bericht stimmte mit dem Acußern jenes Offiziers vollkommen überein, obgleich ich nicht mit unumstößlicher Gewißheit behaupten will, daß es General Sheafe gewesen. Noch muß ich der Freundlichkeit erwähnen, welche der Kommodore gegen die Armen von Uork au den Tag legte. Da die meisten Einwohner am folgenden Tage in die- Stadt zurückkchrten, so ergab sich's bald, daß die Armen an Nahrung Mangel litten und unsere Leute wurden deßhalb angewiesen, ihnen aus den NcgierungSmagazinen, welche uns in die Hände gefallen waren, ganze Fässer mit Brod und gesalzenem Fleisch vor die Häuser zu transportiren. Die eroberten Vorräthe beliefen sich in's Ungeheure, und wir konnten blvS einen Thcil davon mitnehmen: von den Kanonen wurden viele im See versenkt und das Pulver halte bereits für sich selbst Sorge getragen. Unter unserer Beute befand sich auch der Leichnam eines englischen Offiziers, eines General Brock, wie man sagte, der in Rum ausbewahrt worden war. Ich sah, wie er in Sachett's Harbour aus dem „Herzog von Glouccster" — so hieß nämlich die Kriegsbrigg, die wir eroberten — ausgehißt und in einen neuen Sarg gelegt wurde, wobei einige unserer Matrosen nicht übel Lust bezeugten, den alten Rum auSzutrinken, wie ich zu meiner Beschämung gestehen muß. Eine große Eorvette, welche beinahe bis zum Stapellaufen fertig war, steckten wir in Brand und thaten dem Feind noch sonst beträchtlichen Schaden. Die Einwohner, welche zurückgekehrt waren, zeigten sich für das, was sie empfangen hatten, sehr dankbar und unterwürfig: den Mann jedoch, dessen Waarenlager von uns auSge- lcert worden war, bekam ich nach jener Nacht, in welcher die Plünderung vor sich gegangen war, nicht mehr zu Gesicht und der ganze Streich blieb überhaupt zu unserem Glücke völlig unbeachtet. Unsere Truppen Hutten mit Einschluß der Verwundeten nahe an dreihundert Mann verloren, und da eine große Zahl der Rekruten in Folge der üblen Witterung und der Strapazen krank geworden war, so sah das Korps seine Streitmacht bedeutend geschwächt; die Truppen wurden am 1. Mai an Bord genommen — wegen eines ausgebrochenen Sturmes konnten wir aber erst am achten absegeln, wodurch die Sache nur noch schlimmer wurde. Wir steuerten quer über den See und unsere Soldaten wurden wenige Meilen östlich vom Fort Niagara an'S Land gesetzt. Unser Schooner kehrte nunmehr mit dem Kommodore in den Hafen zurück; einige unserer Fahrzeuge mußten jedoch nahe bei dem ober» Ende des Sees Zurückbleiben. Nachdem wir hier einen zweiten Transport Soldaten eingeschifft hatten, segelten wir, mit zwei großen offenen Booten im Schlepptau, zur Armee zurück: die Hin - und Herfahrt war sehr vom Wetter begünstigt und hatte nur wenige Tage Zeit erfordert. Während wir »och im Hafen lagen, ließ mich Bill Swett durch einen Boten zu sich entbieten: ich war aber damals außer Stande ihn zu besuchen, und der arme Bursche starb, wie ich hörte, an einer in Dort empfangenen Wunde, wiewohl ich in dieser Sache nie recht hinter die Wahrheit kommen konnte. Den 27. Mai bestieg die Armee, in zwei Divisionen getheilt, von Neuem unsere Boote und wir fingen an, gegen die Mündung des Niagara vorzurudern. Es war ein neblichier Morgen; ein leichter Wind hatte sich eingestellt: unsere Schiffe gingen gleichfalls unter Segel und begleiteten die Bovtenlinie etwas außerhalb der Flanke. Die Schooner standen dem Ufer zunächst; einige eröffneten ihr Feuer gegen das Fort George, während andere an der Küste hinzogen und den Strand mit -einem wahren Hagel von Kartätschen überschütteten. Der Scourge ging eine kleine Strecke oberhalb der zur Landung auserlesenen Stellen vor Anker und richtete seine vollen 76 Ladungen gegen das Ufer; wir unterhielten ein lebhaftes Kartätschenfeuer gegen die Engländer, bis unsere Truppen gelandet hatten und mit dem Feinde handgemein geworden waren, worauf wir den Feind über die Köpfe unserer eigenen Leute hinweg mit Vollkugeln beschossen. Sobald Obrist Scott am Lande war, wendeten wir unsere Breitseite gegen eine Batterie von zwei Geschützen, welche unfern Truppen viel zu schaffen machte, von unserem Schoo- ner aber bald zum Schweigen gebracht wurde. Was unsere Betheiligung bei dieser Affaire betrifft, so konnte dieselbe mit jener bei Dort durchaus nicht verglichen werden, dagegen sollen die näher am Flusse postirten Schiffe einen wärmeren Posten gefunden haben. Wir zählte» keinen einzigen Verwundeten und hatten nur eine oder zwei Kugeln in'S Holz und unter die Takelage bekommen, im Ganzen nur eine Kleinigkeit, verglichen mit dem, was der alte Black Joke einen Monat früher am gleichen Tage erlebt hatte. Am Ufer setzte es noch ein hitziges Scharmützel, das aber nicht lange dauerte, da unser Korps, sobald es nur erst festen Fuß gefaßt hatte, dem Feinde allzu überlegen war. Gleich nachdem wir vor Anker gegangen, wurde Mr. Bogar- dus auf den Mars beordert, um sich zu überzeugen, ob sich nirgends etwas vom Feinde blicken lasse. Anfangs konnte er nichts entdecken; nach einer kleinen Weile aber befahl er mir meine Kanone gegen ein kleines Gehölz abzufeuern, das an einem Abhange nahe am Wasser gelegen war. Mr. Osgood kam selbst herbei und richtete die Kanone, die ich sodann abfeuerte. Wir hatten uns—- als nachdem deutlichsten Zeichen von dem Vorhandenseyn von Soldaten — nach dem Blinken von Gewehren umgesehen, und in dem Augenblick, da wir unfern Kartätschcnhagel in jene Büsche schleuderten, wurde uns von dort aus mit einer Salve erwiedert, als ob tausend Musketen darin gesteckt hätten. Wir gaben den Burschen den Rest unserer Breitseite und pfefferten das Gehölz dermaßen ein. 77 daß die daselbst aufgestelllen Truppen nicht ohne schweren Schaden davon kamen. Der Wind blies vom Lande her und wurde immer stärker; der Kommodore befahl den Booten durch ein Signal, an's Land zu gehen und auf die Kähne Acht zu haben, die von der Brandung hin und her geschleudert wurden; die Bootsmannschaft sollte den klebrigen im Transvorte der Verwundeten Hülle leisten. Ich ging natürlich mit meinem Boote, das von Mr. BogarduS befehligt wurde, ganz in demselben Aufzuge, wie wir eben von den Kanonen kamen, Gesicht und Arme von Pulver geschwärzt, bloS mit unfern Hemden und Matrosenhosen bekleidet, über die wir übrigens der Vorsicht halber unsere Entergürtel schnürten, worin jeder ein großes Messer und ein Paar Pistolen stecken hatte. Sobald wir gelandet hatten, war cS unser erstes Geschäft, die Boote einzuholen und sooann einige Todte und Verwundete, welche darin lagen, zu entfernen und am Strande niederzulegen. Wir erhielten nunmehr Befehl, uns zn drei und drei in Trüpp- chen zu thetlen, und überall auf dem ganzen Schlachtfelde die Verwundeten zusammen zu lesen, welche sofort in ein großes HanS geschafft werden sollten, das man zum Hospital auserlesen hatte. Meine Rotte bestand aus Bill Southard, Simeon Grant und mir selbst — sämmtlich zu derselben Back gehörend. Der erste Verwundete, den wir trafen, war ein junger englischer Krieger, der ganz nahe am See an den Damm gelehnt saß; er war schwer getroffen und hatte den Kopf auf die Hände gestützt. Er bat uns um Wasser; ich nahm ihm seinen Hut vom Kopf, füllte ihn mit Seewasser und gab ihm zu trinken, worauf ich ihm auch das Gesteht abwusch. Dies belebte ihn wieder auf'S Neue und er bot uns dafür seine zinnerne Feldflasche, welche trefflichen Jamaikarum enthielt. Armen Teufeln, wie uns, welche nichts Besseres als Whiskey gewohnt waren, mußte dieß einen seltenen Genuß gewähren und der Uebcrrest war leer, ohne daß einer zwei- 78 mal anzusetzcn brauchte. Nachdem die Rumflasche geleert war, führten wir den Verwundeten in'S Lazareth, wv wir die Zimmer bereits mit Hilfsbedürftigen gefüllt und die englischen und amerikanischen Aerzte, denen auch wir nun unfern Patienten überantworteten, in voller Arbeit fanden. Als wir das Hospital verließen, machten wir mit einander aus, daß sich jeder eine Feldflasche nehmen und aus den Vorräthen der Tobten mit Jamaikarum füllen sollte. Wir waren noch nicht zum dritten Theile mit diesem Geschäfte fertig, als wir unter einem Apfelbaume einen jungen amerikanischen Büchsenschüßen trafen, der eine schwere Kopfwunde hatte und in den letzten Zügen da lag. Wir waren alle drei über die äußere Erscheinung des jungen Mannes betroffen, denn ich kann mich nicht leicht erinnern, jemals einen hübscheren jungen Mann gesehen zu haben als jener blefsirte Schütze war. Seine Wunde blutete nicht, doch glaubte ich, sein Gehirn hervorguellen zu sehen, und fühlte so viel Mitleid mit seinem Zustand, daß ich ihm seine Wunde mit Rum auswusch, was Alles mit dem besten Willen von der Welt geschah, dem armen Burschen aber, wie ich fürchte, sehr Weh gethan haben muß. Bill Southard verließ uns, um einen Wundarzt aufzusuchen, von welchen mehrere auf dem Felde beschäftigt waren: der junge Mann flüsterte ein „Umsonst" und sprach noch die Worte „Vater und Mutter," — „Vermont," wie auch die Namen seiner Eltern, welche mir jedoch später nicht mehr beistelen, da ich von dem vielen Rum zu sehr „im Wind" war. Wir mochten etwa eine halbe Stunde um den jungen Mann beschäftigt gewesen seyn, als er noch einige Worte murmelte, mich mit dem süßesten Lächeln, das ich jemals auf einem Männerantlitze gesehen hatte, anschaute und dann kein Lebenzeichen mehr von sich gab. Ich fuhr gleichwohl mit meinen Bemühungen fort, bis Bill mit dem Doktor anlangte, der den Verwundeten auf den ersten Blick für todt erklärte und kaltblütig von dannen ging. Auf dem Schlachtfeld befand sich eine Brücke, welche über eine Art von Sumpf führte; wir hatten während des Gefechts längere Zeit unser Feuer gegen diesen Punkt gerichtet und begaben uns nun nach jener Stelle, um die Wirkung unseres Geschützes zu untersuchen: wir fanden viele Todte, worunter auch einige im Sumpf versunkene Pferde — nirgends aber einen Verwundeten. Während wir so auf dem Kampfplatze weiter gingen, leerten wir überall den Todten ihre Feldflaschen aus, bis unsere eigenen nichts mehr zu fassen vermochten. Auf dem Rückweg von der Brücke nahmen wir unsere Richtung gegen einen Bach, wo wir unseren Jamaika etwas verdünnen wollten, und überdies einen freien Blick nach dem Wasser gewannen, aber o Schrecken! -— nicht ein einziges Segel war rings mehr zu entdecken: alle hatten die Anker gelichtet und waren verschwunden. Diese Entdeckung schmetterte uns völlig darnieder; wir wußten nicht, was wir anfangen sollten, kamen aber endlich dahin überein, durch das benachbarte Gehölz zu gehen und uns in die Stadt zu begeben, wo wir — so viel war uns bewußt — die Armee antreffen und Nachrichten von der Flotte einziehen konnten. Es war schon ziemlich spät am Tag, das Schlachtfeld schien fast gänzlich verödet und wir Drei hatten, ehrlich gestanden, sammt und sonders „zwei Schooten im Wind."* Gleichwohl ist mir Alles noch voltkommen gegenwärtig, denn meine Constitution ließ mich niemals zur völlig thierischen Trunkenheit herabsinken, und mein Magen hatte sich noch jedesmal gegen ein Nebermaaß von Trinken gekränkt. Während wir durch die lichte Fichtenwaldung hinschlender- ten, sahen wir quer über den Weg einen todten Offizier am Boden liegen, dessen einer Fuß auf dem gleichfalls getödteten Pferde ruhte. Ich näherte mich der Leiche, drehte sie um und wollte nach * D. h. waren sehr stark betrunken. D. u. 80 seiner Feldflasche sehen; da ich aber nichts fand, so begnügten wir uns mit einigen müßigen Bemerkungen und setzten unser» Weg weiter fort. Kaum hatten wir ein kleines Dickicht erreicht, als ich, der den klebrigen voranging, in der Nähe eine weibliche Stimme vernahm: dies machte mich stutzig und beim Umsehen gewahrte ich ein weißes Frauengewand, welches einer Person angehörte, die sich offenbar vor uns zu verbergen suchte. Ich war für den Augenblick allein und ging auf das Dickicht zu, wo ich zwei Frauen antraf: die eine in Tracht und Haltung eine Dame von Stand, die andere ihre Dienerin, wie ich seiiher immer vermuthete; elftere trug ein weißes, die andere ein schwarzes Cattunkleid, Beide schienen, ihrem Aeußeren nach zu urtheilen, noch unter Dreißig und die Vornehmere war dabei ausnehmend hübsch. Sic befanden sich in großer Angst, und als ich mich ihnen näherte, fragte mich die Dame, ob ich ihnen etwas zu Leid thun wollte. Ich er- wiedertc — nein, und fügte noch bei, so lange sie bei uns verweile, habe sie von Niemand eine Kränkung zu befürchte». Dies beruhigte sie sehr, so daß sie bald im Stande war, mir den Grund mitzutheilen, welcher sie auf das Schlachtfeld herauSgeführt hatte. Halb betrunken und die Gesichter noch vom Pulverdampfe geschwärzt — so war's wohl kein Wunder, wenn wir den Frauen Angst einflößten; doch glaube ich kaum, daß einer von uns Dreien gezaudert hätte, ein weibliches Wesen, welches wir auf diese Art auf offenem Felde weinend angetroffen, gegen jede klnbill zu vcrtheidigen. Simeon Grant und Svuthard wollten sich zwar anfänglich unanständige Reden gegen das Mädchen erlauben, so daß diese laut aufzuschreien anfing; ich brachte aber Beide zur Ruhe, worauf sie ihr Bedauern ausdrückten und mir versprachen, mich zum Schutze der Frauen überall hin begleiten zu wollen. Meine beiden Kameraden glaubten nämlich im Anfang, gewöhnliche Soldatendirnen vor sich zu sehen: ich selbst aber war in meinen Knabenjahren zu viel mit OffizierSfraucn umgegange», um nicht zu wissen, daß unsere Dame zu dieser Klaffe gehörte. Nachdem sie sich einigermaßen erholt hatte, zögerte sie nicht länger, uns ihre Geschichte zu erzählen. Sie war so eben — nur wenige Stunden nach Beendigung des Gefechts, von Kingston angelangt, um ihren Gatten zu besuchen; dort hatte sie vernommen, daß er verwundet auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben sey und war in der Hoffnung, ihn aufzufinden, auf den Kampfplatz herausgeeilt: sie beschrieb ihren Gatten als einen berittenen Offizier mit eigenihümlicher Uniform und fragte uns dann, ob wir nicht eine ähnliche Person auf dem Schlachtfelde getroffen hätten. Wir erzählten ihr von dem Reitersmanne, den wir so eben verlassen hatten und führten sie nach jener Stelle zurück. Kaum hatte die Dame den Leichnam dort gesehen, als sie sich über ihn herwarf und so heftig zu weinen und zu klagen anfing, daß eS einen Stein hätte erbarmen mögen; auch das Mädchen gebärdete sich fast eben so verzweifelt, wie ihre Herrin, so daß wir trotz des genossenen Rums unsere Rührung nicht unterdrücken konnten und, ich glaube gar, samrnt und sonders in Thränen auSbra- chen. Wir suchten die Trauernde so gut wir konnten zu trösten und schwuren, ihr unsere Hilfe nicht zu entziehen, bis sie sich wieder im Kreise ihrer Freunde in Sicherheit befände. Es kostete große Mühe, die Wittwe zu überreden, mit uns die Leiche ihres Gatten zu verlassen. Sie löste ein Miniaturporträt von seinem Nacken; ich zog ihm Uhr und Börse aus der Tasche, um sie der Dame einzuhändigen; sie wollte durchaus, ich solle die Börse behalten, was wir aber alle drei standhaft verweigerten: wir hatten unsere „männlichen Halsen an Bord gehalt" und waren fest entschlossen, nicht zu plündern, trotz dem, daß sogar das Mädchen in uns drang, das Geld zu behalten, womit wir aber nichts zu schaffen haben wollten. Ich werde meine Fehler stets offen gestehen und hoffe deßhalb auch Glauben zu Ned MycrS. 6 82 finden, wenn ich Thaisachen erzähle, welche beweisen, daß ich nicht alles richtigen Gefühls ermangle. Der Offizier war in der Gegend der Hüfte verwundet und sein Pferd schien durch eine Kartätschenkngel aus derselben Kanone getödtet worden zu seyn. Wir brachten den Körper des Todten in eine solche Lage, daß man ihn genau besichtigen konnte, ohne übrigens seinen andern Fuß unter dem Pferde hervvrznziehen. ^ » Als Myers dieses Umstands erwähnte, fiel mir bei, daß ein Obristlicu- tenant MyerS in dem Gefechte bei Fort George so ziemlich auf die oben beschriebene Weise umgckommen war. Beim Nachschlagcn des offiziellen amerikanischen Berichts ergab sich, daß mein Gedächtniß mich nicht betrogen hatte, da wirklich ei» Obcistlieutenant Myers als verwundet und gefangen aufgezählt war. Nun erinnerte ich mich weiter, wie ich bei einer Unterredung zwischen Generalmajor Lewis und Major Bäcker, seinem ersten Adjutanten, welcher ich kurz nach jenem Treffen beiwohnte, die Frage aufwersen hörte, ob wohl — wie der Major behauptete, der General aber in Abrede zog — Obrist Myers von derselben Kugel gefallen sev, welche auch sein Pferd getödtet habe. Als ich mich auf jenen offiziellen Bericht berief, wonach jener Offizier blos als verwundet aufgeführt war, sagte man mir, dies seh ein Jrrthum, denn der erwähnte Offizier sey wirklich getödtet worden. Und nun einen Blick auf die Wahrscheinlichkeiten, die sich hieraus ergeben. Ned sowohl als seine Schwester wissen bloS so viel, daß ihr Vater um diese Zeit ans dem Schlachtfelde gefallen sey. Ned meinte, dies sey zu Waterloo geschehe», seine Schwester war anderer Ansicht und sprach von Briefen, welche mit Bezug auf ihres Vaters Verlassenschaft aus Qucbek eingetroffen sey» sollen. Beiden Geschwistern ist der Grund meiner Nachforschung unbekannt — ein sonderbares Zusammentreffen wäre es aber doch, wenn Ned auf so außergewöhnliche Weise die Leiche seines eigenen VaterS auf dem Schlachtfelde gefunden hätte. Ich will nicht geradezu behaupten, daß die Sache sich so verhalte, aber man wird wenigstens zugeben, daß sie große Wahrscheinlichkeit für sich hat. Jene Dame mochte Mr. Myers' Gattin seyn, die er zwischen den Jahren 1796 und 1813 geheirathet hatte, als er zu höherem Range cmporgesticgen war. Ned erzählte diesen Umstand ohne die geringste Ahnung von den Folgerungen, welche ich hier daraus ableite. D. HerauSg. 83 Nachdem es uns gelungen war, die Dame zu überreden, die Leiche ihres Gatten zu «erlassen, änderten wir unser» Kurs uud schlugen die Richtung nach dem Leuchtthurme ein. Als wir uns den Ufern des Niagara näherten, gewahrten wir die Mastentops unserer Flotte -— für uns Theerjacken ein freudiger Anblick! Das Leuchtthurmhäuschen war leer, doch hörten wir aus dem Keller herauf eine weibliche Stimme erschallen, welche auf mein Rufen Antwort gab: es war eine alte Frau, welche im Kielraum Schutz gefunden hatte, nachdem ihre übrige Familie davon gelaufen war. Wir verschafften hier unserer Dame ein wenig Milch zur Erquickung; sie aber weinte fortwährend und es schien kaum möglich, ihrem Jammer Einhalt zu thun, der nur zuweilen verstummte, wenn sich Mißtrauen gegen uns in ihrer Brust zu regen schien, wiewohl wir im Ganzen recht gut mit einander auskamen. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde bei dem Leuchtthurme verweilt hatten, brachen wir nach der Stadt auf, wo ich die Dame, wie ich ihr gleich anfangs vorgeschlagen, unter den Schutz einiger unserer Offiziere stellen wollte. Ich gab ihr die Versicherung, sobald der Commodore von dem Vorfälle Kenntniß erhalte, werde ihr Gemahl mit allen Krieggehren beerdigt werden, und suchte sie überhaupt so gut zu trösten, als dies für einen Mann, der so nahe „beim Wind gesegelt" hatte, nur immer möglich war. Einen Theil des Abenteuers habe ich übrigens zu erzählen vergessen. Noch ehe wir den Wald hinter uns hatten, stießen wir auf vier von Forsyth's Jägern, welche in der ganzen Armee als das roheste, wildeste Korps bekannt waren. Sie begannen alsbald sich auf Kosten der beiden Frauen in ihren gewohnten Scherzen auSzulaffen, so daß wir uns beinahe in die Haare gerathen wären. Als wir von unfern Pistolen sprachen und unfern Entschluß kund gaben, stieber davon Gebrauch zu machen, als unseren Begleiterinnen ein Leid zufügen zu lassen — da lachten die Schlingel über unsere Schlüsselbüchsen und meinten, auch sie könnten mit ächten 84 Büchsen cmfwarten. Dies war nun freilich richtig und wäre es wirklich zu einigen Salven gekommen, so bin ich fest überzeugt: wir wären wie lauter Schnepfen niedergeschofsen worden. Ich sing also an, den Burschen vorzustellen, wie unziemlich es wäre, wenn sie ehrbare Frauen beleidigen wollten, bis endlich einer von ihnen, der so etwas wie einen Korporal oder dergleichen vorstellte, mir vollkommen Recht gab und uns mit biederem Händedruck seine und seiner Kameraden Freundschaft anbot. So splißten wir die großen Brassen und gingen von dannen — zur großen Freude der Dame, welche sich sehr erleichtert fühlte, als sie der Bursche so leichten Kaufes los wurde. Bei solchen Auftritten pflegte sie wohl ihre Thräncn zurückzuhalten, welche aber immer wieder auf's Neue zu fließen begannen, sobald die Umstände sich wieder beruhigender gestaltet hatten. Nachdem wir den Leuchtthurm verlassen, suchten wir die Stadt so rasch wie möglich zu erreichen. Eben als wir daselbst anlangten, begegneten wir einigen Offizieren der Landarmee, deren Obhut wir die Damen nebst ihrer Dienerin übergaben. Die Herren lobten uns wegen unseres Benehmens und wir verabschiedeten uns von unseren seitherigen Begleiterinnen, ohne daß ich später je wieder etwas von ihnen gehört und gesehen hätte. Mittlerweile war es beinahe völlig Nacht geworden und Bill Southard und ich singen nun an, uns endlich nach dem „Scourge" umzusehen: er war mit dem Reste der Flotte im Flusse vor Anker gegangen und wir begaben uns auf die Werste, um ein Boot durch ein Zeichen herbeizurufen. Unterwegs stießen wir vor einem Uhrmacherladen auf einen Haufen der Forsythischen Schützen, unter denen wir eine arme Frau bemerkten, welche heftig schrie und weinte, weil die Bursche, wie wir später erfuhren, ihr mit Ausplünderung ihres Ladens gedroht hatten. Wir hatten uns nun schon einmal zu Vertheidigern des anderen Geschlechts aufgeworfen und wollten auch diese Frau in ihrer Noth nicht verlassen, sondern gelobten, ihr alsbald Beistand zu leisten. Es hätte, glaub' ich, ein tüchtiges Scharmützel abgesetzt, wenn die Jäger nicht von weitem einige ihrer Offiziere bemerkt hätten und alsbald unter Segel gegangen wären. «Aha, schon wieder einige unserer Taugenichtse!" riefen die Offiziere, als wir die Frau zu ihnen führten; einer darunter meinte, es möchte wohl am Besten scpn, die zerstreuten Hausen zusammcnzurufen, und noch ehe wir das Wasser erreichten, vernahmen wir das Horn, welches den Appell verkündigte. Am Bord des SchoonerS hatte man uns schon völlig aufgegeben: das Gerücht behauptete, es hätten sich einige Indianer blicken lassen, und so wurden wir von Alten als skalpirt angesehen. Dem war aber nicht so und ich habe mir Gott sey Dank noch alte Haare auf dem Kopfe bewahrt; so arg auch mein ganzer Rumpf zusam- mengeschüttelt und meine Jnhölzer beschädigt wurden, mein Haupthaar hat sich bis auf riesen Augenblick noch völlig so schwarz wie ein Rabensittig erhalten. Mein ehemaliger SchiffSgenoffe, der «dieses Garn hier loggt," will darin einen Beweis erkennen, daß meine Mutter aus dem französischen Kanada abstammen müsse, obwohl dies, nach Allem, was ich hierüber erfahren habe, durchaus nicht der Fall war. Die obenerwähnten Scharfschützen schienen in der That leibhaftige Teufel zu seyn. Auf unserem Weg nach der Werste sahen wir eine Schildwache vor einem kasernenartigen Gebäude auf- und abgehen; als wir näher kamen und sie befragten, was da drinnen vorgehc, erhielten wir zur Antwort, wir hätten nichts am Lande zu schaffen und brauchten uns nicht in ihre Scherze zu mischen, wir könnten übrigens zu einem Fenster hineinschauen, eintreten aber dürften wir nicht. Wir »ahmen den Burschen beim Wort und erblickten bald eine höchst komische Scene: sie hatten die Bagage der englischen Offiziere erbrochen und ein Theil des Korps stolzierte in Uniformsröcken und Federhüten umher. Wir hielten sür'S Beste, diese Wagehälse nach ihrem Belieben gewähren zu lassen und uns nach der Werste zurückzuziehen, denn auf dem Schlachtfelde war weder Freund noch Feind vor ihren Gewaltthätigkeiten gesichert. Auf der Wcrfte begegneten wir einer starken Abtheilung Marinetruppen, die unter Major Smith's Kommando nach der Stadt marschirten, um die Bewohner vor weiterem Unheil zu schützen. Mr. Osgood war hoch erfreut, uns wieder zu sehen und unser Benehmen gegen die Frauen erntete reichliches Lob. Unsere Feldflaschen waren bald geleert, da wir die BoolSmannschaft, welche uns abgeholt hatte, davon regalircn mußten —- die Stadt habe ich nach jener Nacht nicht mehr betreten. Wir blieben eine Zeit lang in dem Niagaraflnsse liegen; der Commodore hatte sich zur Ausrüstung dcS „Pike" in den Hafen begeben, Kapitän Crane führte den Rest der Flotte nach Kingston, wo der Commodore wieder zu uns stieß und abennals mit »ns nach dem Niagara absegelte. Hier schiffte sich Obrist Scott mit einem Truppendetaschemcnt ein, worauf wir in die Burlington Bai steuerten, um die dortigen Höhen wegzunehmen, welche aber zu stark erfunden wurden, so daß unsere Leute nach der Landung alsbald wieder auf die Schiffs zurückkehren mußten. Von dort aus wandte» wir uns wieder gegen Vork, nahmen den Ort zum zweiten Mal in Besitz, zerstörten verschiedene Boote und Magazine, steckten die Kaserne in Brand, und thaten dem Feind noch sonst bedeutenden Schaden. Nachdem dies geschehen war, verließen wir den Platz, fuhren zwei oder drei Tage später von Neuem über den See und setzten unsere Soldaten zum dritten Mal beim Fort Niagara an'S Land. Zu Anfang Augusts lief Sir James Deo mit zwei großen Schiffen, zwei Briggs und eben so viel Schoonern in den Fluß, den wir noch immer mit dreizehn Segeln besetzt hielten, nach des Feindes Ankunft aber augenblicklich verließen und luvwärts manö- vrirten. Die feindlichen Schiffe waren sämmtlich mit Schanzen versehen und schienen überhaupt tüchtige Fahrzeuge zu seyn. 87 Unser Geschwader segelte sehr ungleich; einige von den Schoonern zeigten sich recht flink, andere dagegen so langsam wie Transportschiffe, und überdies waren wir bis jetzt erst bis zur Hälfte ausgerüstet. Die einzige Brefocke*, welche wir am Bord des Scourge besaßen, war aus einem englischen Sonnendache gefertigt, das wir bei unserem ersten Besuche zu Uvrk weggenommen hatten. Auch muß ich noch erwähnen, daß wir zu Vork zwei kleine messingene Kanonen, Vierpfünder glaub' ich, auftrieben, welche Mr. Osgood an den übrigen Stückpforten des Gallions auspflanzen ließ, so daß wir nunmehr im Ganzen zehn Geschütze, ans Sechs - und Vierpfündern bestehend, zählten. Ich kann mich noch recht gut erinnern, wie uns Jack Maltet über den Lärm, den wir im Kampf gegen die englischen Batterien mit unseren Schlüffelbüchsen, wie er'S nannte, anstellten, herzlich auslachte und behauptete, wir hätten ebenso gut unser Pulver ganz sparen können, da wir mit unserem Kanoniken ja doch nichts auSgerichtct hätten. Er diente auf der „Julia," welche vorne einen langen Zweinnddreißigpfünder, die „alte Sau" genannt, führte, hinten aber mit einem tüchtigen Achtzehnpfünder und in der Kühl mit zwei Sechspfündern bewaffnet war, welch letztere sie immer zu gebrauchen verschmähten. Während unseres letzten Aufenthaltes in dem erwähnten Hafen ging ein Theil unserer Leute mit Mr. Mir, Mr. Osgoods Schwager, in einem Boote auf die Jagd nach dem schwarzen Flusse. Die beiden Herren stiegen an's Land, und wie wir den Fluß hinabfuhren, sahen wir etwas im Wasser schwimmen, das wir bei näherer Besichtigung als einen Bären erkannten. Wir hatten keine Waffen bei uns, ruderten aber dennoch auf die Bestie los, mit der wir einen förmlichen Sqüawkampf zu bestehen hatten. Wir brauchten eine volle Stunde zur endlichen Ucberwälti- » Ein viereckiges Segel, das auf Reineren Fahrzeugen vorkommt und an der Bagicnraa des großen Mastes befestigt ist. D. U. 88 gung des Thiers, und es hätte wenig gefehlt, so wären wir gar i'i» Kampfe unterlegen. Ich schlug dem Bären fünfzig Mal mit einer eisernen Ruderpinne auf die Nase, er aber wußte die Streiche wie ein Borer zu pariren, zerbrach uns den Bootshacken und war ein paar Mal nahe daran, uns selber zu entern. Endlich bekamen wir von einem Holzboote eine Art, mit der wir die Bestie tödtetcn; Mr. Osgood ließ dem Burschen das Fell abziehen und sagte, er wolle es seiner Familie schicken — wenn er'S gethan hat, so war es jedenfalls eines der letzten Erinnerungszeichen, welches diese von ihm erhielt. Sechstes Kapitel. Dch habe im vorhergehenden Kapitel die beiden Flotten in dem Augenblicke verlassen, da sie einander eben den Wind abzumanö- vriren suchten. Gegen neun Uhr legte sich der „Pike" dwarS ab vom „Wolf", Sir James Veo's eigenem Schiffe, hißte seine Flagge auf und feuerte einige Schüsse ab, um die Entfernung darnach zu bemessen — eS fand sich aber, daß sie noch zu groß war, um den Kampf beginnen zu können. Unsere hintersten Schiffe waren noch zwei Meilen entfernt, weßhalb der Commodore rund herum vierte und auf der andern Seite aufholte. Der Feind folgte seinem Beispiel; da er aber bemerkte, daß unsere vorderen Schiffe ihm wahrscheinlich die Luvseite abgcwinnen würden, so vierte er abermals und hielt nun gegen Norden ab. Im nächsten Augenblick wurde auch bei uns gewendet und Jagd auf ihn gemacht; doch der Wind fing bald an nachzu- laffen und gegen Sonnenuntergang herrschte völlige Windstille. Der „Scourge" hatte den ganzen Tag über alle Kräfte auf- geboten, um seine Stellung zu behaupten. Der alte „Oneida" dagegen war nie an seiner Stelle und vermochte bloS in weiter Ent- 89 fernung nachzukommen. Wir mußten zu verschiedenen Malen ganze Stunden lang die Ruder gebrauchen, was gegen Abend auch alle leichten Fahrzeuge thun mußten, um gegen den Commodore aufzuschließen und dicht beisammen zu bleiben, damit es dem Feinde nicht gelänge, während der Nacht eines oder das andere unserer kleineren Schiffe abzuschneiden. Noch vor Eintritt der Dunkelheit hatte sich die ganze Linie wieder formirt; nur der Oneida fehlte, dessen Stelle eigentlich dicht neben dem Commodore gewesen wäre, der aber bis jetzt nicht so weit gelangen konnte und immer noch im Schlepptau hinten nachfolgte. Kurz vor Sonnenuntergang gab Mr. Osgood den Befehl, die Riemen einzuziehen und eine Zeit lang zu rasten: es war ein lieblicher Abend, nirgends ein Wölkchen zu sehen und der See so glatt, wie ein Spiegel. Die englische Flotte stand nur eine kleine Strecke nördlich und war uns in der That so nahe, daß wir fast die Slückpforten ihrer Fahrzeuge zu zählen vermochten. Sie litten wie wir selbst an der eingetretenen Windstille und lagen ziemlich zerstreut vor unserer Linie. Dem erhaltenen Befehle gemäß, strichen wir unsere Ruder ein und legten sie quer über'S Deck, um sie jeden Augenblick wieder in Bereitschaft zu haben; die Schiffe vor und hinter uns standen säst durchgängig auf Anrufweite von einander. Eben als die Sonne in den See hinabsank, kam unser Konstabler, ein Schwede, Namens Georg Turnblatt, auf dem Verdeck zu mir her uud sagte, er halte für gut, unsere Stückpforten zu schließen: wir hatten nämlich den ganzen Tag über klarirt und die Mannschaft war kampfbereit auf ihren Posten gestanden. Diese Kampfbereitschaft dauerte zwar dem Namen nach noch fort; doch hatte der Unterstab* Erlaubniß erhalten, dey Posten zu verlassen, » Darunter ist das gcsammte niedere Dienstpersonal mit Auinabme der gemeinen Matrosen begriffen. D. U. 90 und auch der Mannschaft war so viel Freiheit, als sie bedurfte, cingeräumt worden. Ich gab zur Antwort, ich wolle gerne meine Kanone bergen, wenn er einen Befehl dazu auswirken könne, da wir aber noch immer auf unsere Posten beordert sehen und John Bull mir vor der Nase liege, so wäre es wohl auch möglich, daß wir ihm heute Nacht eine Schlappe beibrächten. Der Konstabler bemerkte darauf, er wolle aus'S Hinterdeck gehen und sich mit Mr. Osgood über die Sache besprechen. — Dies that er denn mich, traf aber den Kapitän (so wurde nämlich Mr. Osgood immer von uns genannt) schon am Anbruch * deS Quarterdecks. AIS Georg seinen Wunsch vortrug, blickte der Kapitän gen Himmel und bemerkte, die Nacht sey so ruhig, daß eS ziemlich nutzlos wäre, die Kanonen zu bergen, zumal da die Engländer uns so nahe ständen, daß für den Fall einer eintretendcn Brise einem Gefechte mit Gewißheit entgegengesehen werden dürfe; die Leute müßten natürlich auf ihren Posten schlafe», sehen also jeden Augenblick bereit für die Geschütze zu sorgen, und es genüge vollkommen, wenn die Seitentackelläufer einmal um den Stoß** der Kanonen geschlungen würben. Dann befahl er noch dem Hvchbootsmann, alle Matrosen an die Treppe des Quarterdecks zusammen zu berufen. „Ihr müßt sehr ermüdet sehn, ihr Leute," begann Mr. Osgood, sobald die Mannschaft sich versammelt hatte; „wir werden aber noch eine harte Nachtarbeit bekommen; ich wünsche daher, daß ihr jetzt euer Abendessen einnehmt und euch dann neben euren Kanonen, so lange als dies angehen wird, dem Schlafe überlasset." Nach diesen Worten befahl er noch dem Unterproviantmeister, die großen Brassen zu splissen — dies waren die letzten Worte, die ich jemals aus Mr. Osgood'S Munde vernahm. Sobald er * Anfang, A»,tritt. D. tl. " Hintertheil, sonst auch Kopf ober Tranbe genannt. D. U. 91 den Befehl eitheilt hatte, verfügte er sich in seine Kajüte, indem er Mr. Bogardus die Aufsicht aus dem Verdeck übertieß. Mr. Livingsto» und Simeon Grant ausgenommen, befand sich unsere gesammte alte Mannschaft am Bord des Scourge; Jener war anders wohin kommandirt worden und Grant, welcher nebst Bill Southard mit mir an jener Kreuzfahrt über das Schlachtfeld von Fort George Antheil nahm, hatte während unseres letzten Aufenthalts im Hafen in einer Sägmühle die eine Hand verloren, weßhalb er im Spital zurückgeblieben war. Ein Lootse, der sich am Bord befand, besorgte gelegentlich das Ausgucken, während der Hochbootsmann von Zeit zu Zeit die Wache übernahm. Der Schooner hatte unterdessen das große Segel, den Klüver und das Vormarssegel eingesetzt; das Focksegel war oben ge- geit, unten gestoppt, der oberste Klüver aber gestaut; keine der Fallen war gekreuzt und alle Schooten noch ungestoppcrt. — Dies war eine Vorsicht, welche wir bei der Gebrechlichkeit unseres Fahrzeugs jedesmal beobachten mußten. Zuerst wurde nun die große Brasse gesplißt und dann das Nachtessen eingenommen, was, wie jede Mahlzeit, in der Regel neben den Kanonen vor sich ging. Während wir so an unserem Abendessen saßen, sagte ich zu Tom Goldsmith, einem meiner Tischkameraden, der das mir zunächst stehende Geschütz kommandirte: — * „Tom, schaffe einmal die Wolkendecke herauf, die du in Klein- Nork aufgegabelt hast; ich denke, wenn wir uns darunter stauen, könnte sie uns treffliche Dienste leisten." Tom ging und holte die Decke, ein prächtiges Lagergeräthe, das er sich irgendwie zu verschaffen gewußt hatte und das uns sehr gut zu statten kam. Da wir alle zusammen sehr ermüdet waren, legten * Die Engländer nennen einen solchen Geschützkommandantcn »Kapitän seiner Kanone," wie überhaupt dieser Titel Jedem, dem die Leitung eines besonderen Dicnstzweiges übertragen ist, ertbeilt wird, wie z. B. «Kapitän des Fock, des großen Mars, der Schanze oder des Vorkastells re." D. U. 92 wir uns alsbald zur Ruhe nieder, stützten das Haupt auf einige Kugelkisten und waren bald in tiefen Schlaf versunken. Bei Auszählung der Segel hätte ich auch über den Zustand unserer Decks ein Wörtchen sagen satten. Die Kanonen hatten, wie schau erwähnt, die Settentaljcn umgeschlungen; neben jeder stand eine Kiste mit Traubenkugcln, eine zweite mit Kartätschenpatronen und außerdem war noch von beiden Seiten ein Reserve- vorrath unter den Schteßgesteltcn angehäuft: diese selbst waren mit Vollkugeln angefüllt, welche man überdteß noch neben jeder Kanone in besonderen Körben ausgestellt hatte. Die Bedienungsmannschaft lag theils neben dem Geschütz diesem gegenüber, so daß die Leute auf beiden Seiten des Decks ziemlich gleich vertheilt waren; jeder blieb auf seinem Posten, die Mannschaft des Unterdecks auf ihren betreffenden Backs. Da die Nacht ziemlich kühl war, wie dieß auf fließenden Gewässern immer der Fall ist, so halte ich für wahrscheinlich, daß sich mehrere Matrosen vom Oberdeck in dem untern Raum schlichen, ui» dort eine wärmere Lagerstätte zu suchen — eine Pflichtverletzung, welche sich auf einem Fahrzeuge, wie das unsere, das nur zwei eigentliche Offiziere an Bord führte, da der HochbootSmann und der Konstabler kaum einen höheren Rang als wir selbst bekleideten — nur allzuletcht ausführen ließ. Ich selbst schlief bald so fest und gesund, als ob ich in eines Königs Bette gelegen hätte. Wie lange mein Schlummer dauerte und was während dieses Zeitraums vorfiel, weiß ich nicht anzugeben; ich erinnere mich nur so viel, daß ich durch große Regentropfen, die mir in'S Gesicht schlugen, geweckt wurde, und daß auch Tom Goldsmith >m selben Augenblicke erwachte. Als ich die Augen öffnete, war alles so finster, daß ich nicht einmal das Deck der Länge nach übersehen konnte. Ich stand auf und sagte Tom, es fange an zu regnen, ich wolle deshalb hinunter gehen, um aus einem Reservefläschchen, das in der Kiste bei unserem 93 Tischgerät!) steckte, einen Schluck zu thun; wenn er Lust habe, wolle ich die Flasche heraufbringen. „Ei bewahre, das ist für nichts," gab Tom znr Antwort; „wir sind ja weder Pfeffer noch Salz." Einer unserer Schwarzen bat mich jedoch, die Flasche mit heraufzunehmen und ihn auch ein Bischen davon kosten zu lassen. Dies Alles mochte etwa eine halbe Minute Zeit wegnehmen. Ich erinnere mich jetzt, während ich mich nach der vorderen Lucke wendete, von der Luvseite herüber ein sonderbares Geräusch gehört zu haben, was aber in jenem Augenblicke keinen Eindruck auf mich machte. Wir hatten unser Lager zwischen den Steuerbordkanonen aufgeschlagen, welche auf der Luvseite des Schiffes standen, wenn überhaupt in einem Augenblick, wo kein Lüftchen sich regte und das Wasser spiegelglatt vor uns lag, von einer Luvseite die Rede seyn konnte; ich tappte am Backbord weiter, um die Leiter aufzufinden, welche von dort auf das zweite Deck hinahführte. Die Lucke war so eng, daß man dieselbe nicht zu zweien passiren konnte, und ich erreichte sie endlich ohne mich sonderlich zu übereilen. Schon hatte ich eine Hand auf den BätingShölzern, mein Fuß stand bereits auf der Leiter — als ein blendender Blitzstrahl auf mich herabzuckte; im nächsten Augenblicke folgte der Donner, mit ihm erhob sich eine Windsbraut, welche den furchtbaren Schlag beinahe übertönte. Sobald ich bemerkte, daß die Bö sich ausgemacht hatte, sprang ich nach der Klüverschote, welche ich als Kapitän des Vorkastells sogleich zu finden und auf einen Ruck von der Naa zu lösen wußte. Ich stieß dabei auf Leonard Lewis, einen Matrosen, den ich um seinen Beistand anrief, woraus ich alsbald die Backbord- oder Lec- marssegelschoote aufstach, das Geitau derselben anhielt und mit Lewis Hilfe sein Horn* halb aufbrachte, indem ich dem Mann an ' So heißt der untere Theil der niederen Segel. D. U. 94 der Ruderpinne fortwährend mit lauter Stimme zurief, sein Steuer „hart nieder" zu stellen. Das Wasser ging mir schon bis an die Brust und ich sah Wohl, daß der Schooner überstürzen mußte. Lewis hatte bis jetzt kein Wort gesprochen, ich rief ihm aber zu, er möchte loszukommen suchen, während ich selbst das Geitau splißte und mich vorwärts gegen den Fockmast hinholte, wobei ich von der Klüverschote einen Schlag erhielt, der mir den linken Arm beinahe zerschmettert hätte. Ich fühlte zwar in jenem Augenblicke nichts davon, mußte mir aber später den Arm operiren lassen, um eine Geschwulst wegzu- Lringen, welche durch jene Verletzung herbcigesührt worden war. Dies Astes hatte keine volle Minute weggcnommen, während Blitz auf Blitz am Himmel emporleuchietc und unsere Decks ganz unter Feuer stellte, was mich dermaßen blendete, daß ich keinen Stich vor mich hinzusehen vermochte. Weder Anruf noch Kommando ließ sich auf dem Schooner vernehmen; dagegen wiederhallte er von dem Schreien und Jammern der auf der Leeseite gelagerten Mannschaft, welche zwischen Kanonen, Munitionskisten, Kugeln und anderen schweren Gegenständen eingeklemmt lag, welche beim Umlegen des Schiffes sammt und sonders auf stc hereingefallen waren. Die zweite Steuerbordkanone hatte sich förmlich überstürzt und kam geraden Wegs gegen die Vorderlucke herabgervllt: in demselben Augenblick fiel mir ein Mann in's Auge, der aus asten Kräften daran vorbeizukoinmcn bemüht war. Die Furcht vor dieser Kanone hatte mich eben veranlaßt, mich nach vorn übcrzuhalen, wo ich jenen heftigen Stoß am Arm davon trug. Endlich gelang mir'S, mich windwärts zu schaukeln und die Fockrusten des SchoonerS zu erreichen. Hier traf ich William Deer, den HochbvotSmann, mit einem schwarzen Knaben, Namens Philips, der bei unserem Geschütze als Pulverjunge* diente. * Dieser hat die Munition aus den Äuzclkistcn hcrbeizuschleppcn. D. U. 95 „Er ist verloren, Dcer!" ries ich dem HochbootSmann zu, der mir aber keine Antwort gab, sondern ans der Focktackclage gegen den Top hinaufklctterte: ihm mochte wohl eine unbestimmte Ahnung sagen, die Masten des SchovnerS würden noch über'm Wasser bleiben, auch wenn dieser selbst nntergegangen wäre, weßhalb er diesen Kurs als den sichersten betrachten mochte — der Knabe befand sich in den Puttingcn, als ich ihn zum letzten Male wahr nahm. Mitten unter dem furchtbaren, höllischen Brüllen dcS Donners, unter dem Aechzen und Kreischen der Menschen und dem Zucken der Blitze, während die ganze Zeit über eine wahre Windsbraut über mir hinstürmte, kroch ich an der oberen Stelle der Bollwerke nach dem Hintcrtheil, bis ich die Stückpforte meines eigenen Geschützes erreichte, das aber mit allen übrigen leewärts überkollert war. Kaum hatte ich, in der Meinung auf die Mündung der Kanone zu treten, einen Fuß aufgesetzt, als ich die Stückpforte hinabstürzte und mich nur noch mit den Armen aufrecht erhalten konnte. Ich arbeitete mich wieder empor und suchte mich immer von neuem nach hinten durchzudrängen. Als ich dem Hauptmast gegenüber stand, sah ich, daß Jemand die Fallen loSgelafsen hatte: ich erreichte bald die Niemenstruppen und fand vier Ruder darin: plötzlich kam mir der Gedanke, eines der Nuder zu mir zu nehmen und mich damit flott zu erhalten, da ich keinen Strich schwimmen konnte.* Ich zerrte also an. den Struppen, um die Riemen loSzukriegen, die Struppe aber riß ab, die Schaufeln der vier Ruder rollten in'S Wasser, die Handhaben glitten ans und im nächsten Augenblick waren sie mir aus den Augen verschwunden. Jetzt brach ich auf, und krabbelte noch weiter rückwärts bis zu den Randsomhölzern, ** wo ich Mr. Osgood mit Kopf und Schul- ' An einem Matrosen, der sich schon seit Z—8 Jahren auf der See befindet, ist diesi doch kaum erklärlich. D. U. »» Diese bilden mit den beiden Ausläufern (Auslaugern) des Heckbalkcnr den hintersten Theil (den Spiegel) dcS Schiffs. D. U. 96 tern zwischen einem der Kajütenfenster stecken und ängstlich zappeln sah, während er hinauszuschlüpfen suchte. Er kann höchstens sechs Fuß von mir entfernt gewesen sehn; ich sah ihn einen Augenblick lang, eben als ein Blitzstrahl an mir vorüberfuhr, und glaube, daß auch er mich bemerkte. Zu derselben Zeit wurde an dem Ende des GiekbaumeS ein anderer Mann sichtbar, der sich am Horn des großen Segels festhielt; wer er war, weiß ich nicht, doch muß er mich wohl gesehen haben, wie ich mich eben zum Hinausspringen anschickte, denn er rief mir zu: „Springt nicht über Bord — springt nicht über Bord! Der Schooner kommt schon wieder herauf." Ich befand mich keineswegs in einer Gemüthsstimmung, um lange über irgend etwas nachzusinnen; noch waren kaum drei bis vier Minuten seit dem ersten LoSbrcchen des Sturmes verflossen und ich stand schon an des Schiffes Windvierung mehr von der Vorsehung, als durch eigene Gedanken geleitet. Da fiel mir bei, daß der Schooner, der nun ganz mit Wasser gefüllt war, sobald er sich wieder anfrichte, nothwcndig unterstnkcn müsse und vielleicht auch mich in den Wirbel hinabziehen könne. So that ich denn einen Sprung und stürzte mehrere Fuß von der Stelle, wo ich gestanden hatte, in's Wasser. Ich glaube, in demselben Augenblicks ging auch der Schooner unter; ich versank selbst eine Strecke tief, und als ich wieder über's Wasser kam, fing ich an, zum ersten Mal in meinem Leben aus Leibeskräften zu schwimmen. Ich war, glaub' ich, einige Armslängen weit geschwommen (doch kann ich dies natürlich in einem solchen Augenblicke nicht mit Gewißheit behaupten) — als ich fühlte, wie meine Hand an etwas Hartes anstieß. Ich holte noch einmal aus und jetzt glitten meine Finger über einen Gegenstand, den ich augenblicklich für ein klinkerartig* gebautes Boot erkannte. Ich * So nennt man die Bauart, wo die Seitenplanken, wie die Ziegeln eines Daches, mit den Kante» über einander gelegt werden. D. U. selbst gehörte zu diesem Bvot und erinnerte mich nun, daß es am Spiegel im Schlepptau gehangen hatte; bis zu diesem Augenblicke hatte ich nicht daran gedacht, bis ich endlich im Dunkeln daraufstoßen und dadurch das beste Mittel zur Rettung meines Lebens in die Hand bekommen mußte. Ich griff nach dem Schanddcck und erfaßte es an der Spicgelschote: wäre ich einen Schritt weiter geschwommen, so hätte ich's verfehlt und wäre darüber hinansgekom- men! Hineinzugelangen machte mir nicht die geringste Schwierigkeit, denn ich befand mich in großer Aufregung und hatte alle meine Kräfte zusammengerafft. Mein erster Blick suchte den Schooner — er war verschwunden und mochte wohl eben auf dem Grunde der Tiefe angekommen sepn: es regnete, als hätten alle Wafferpforten des Himmels sich geöffnet, und dazwischen kamen wieder fürchterliche Blitzschläge; dabei war auch nicht der leiseste Lusthauch zu verspüren — die Wasserfläche schien regungslos und nur von den Regentropfen gekräuselt. Dies Alles überschaute ich gleichsam mit Einem Blick: meine hauptsächlichste Sorge blieb aber auf die Rettung meines Lebens gerichtet. Ich war Oberbootsmann desselben Fahrzeugs, auf dem ich jetzt eben schwamm, hatte es noch an demselben Nachmittag mit einem ganzen Umschlag und zwei Halbstichen an die Fangleine des Hackbords befestigt und erwartete jetzt natürlich, der Schooner würde das Boot mit sich hinabziehen, da ich kein Messer hatte, um die Fangleine damit zu kappen. Vorn und hinten im Boot befanden sich Laufplanken und sie, dachte ich, könnten mich vielleicht flott erhalten, bis ein Fahrzeug der Flotte mich auffischen würde; mein erstes Geschäft ging also dahin, die Lausplankc loszumachen, und in's Wasser zu schaffen. Ich ging deshalb nach vorn, um die lockere Fangleine, die an einem Ende aufgeschossen war, abzuwerfen, als ich zufällig das Schlepptau in die Hand bekam — ein Ruck, und Sied MyerS. 7 98 ich hatte mich überzeugt, daß es ganz klar war. Ich kannte mir nicht anders denken, als daß Einer am Bard das Tan aufgebun- den habe, und dann durch irgend einen Unfall die Möglichkeit Verlar, das Boot zu erreichen — ans alle Fälle war ich selbst gerettet, und erst jetzt kannie ich'S wagen, mich mit Muße umzuschaucn. Die Blitze, welche fortwährend die Nacht erhellten, mich aber beinahe geblendet hätten, machten mir'S allein möglich, in der Dunkelheit etwas zu erkennen: ich hatte die Laufvlanke in's Wasser geworfen und rief nun meinen Kameraden zu, sie sollten Muth fassen, da ich mich bereits in dem Boote befinde. Rings um mich her hörte ich Stimmen laut werden und gewahrte auch zuweilen die Köpfe der Schwimmenden; da ich aber nirgends eine geeignete Stelle zum Einwricken ^ fand, so steckte ich eines der Niemenblätter in die Hintere Nvjeklampe, und es gelang mir auch wirklich, auf diese Art eine Strecke weit hinaus zu rudern. Bald sah ich einen Menschen dem Boot ganz nahe kommen; augenblicklich holte ich mein Ruder ein, sprang in die Mitte des Fahrzeugs und faßte den armen Teufel gerade noch am Kragen. Er war dem Tode nahe und ich hatte große Mühe, ihn über das Schanddeck hereinzubringen, wobei unser beiderseitiges Gewicht das Boot dermaßen aus die Seite zog, daß eine ganze Wafferfluth über Bord drang. Der Gerettete war Leonard Lewis, der junge Mann, der mir beim Aufbinden des Vormarssegels geholfen hatte: er konnte nicht mehr aufrecht stehen und vermochte nur mit Mühe eine Sylbe von sich zu geben, weßhalb ich ihm anbefahl, ans dem Wasser zu kriechen und sich in's Hinteriheil zu verfügen, wo er sich endlich auf der Sternschote niederlegte. Von Neuem mich »msehend hörte ich bald einen Zweiten, und als ich mich über das Schanddeck vorbeugte, erkannte ich einen Mann, der ganz nahe am Boot um sein Leben kämpfte: auch ihn ' Ei» Boot mit einem Ruder bewegen. D. II. 99 bekam ich an der Schulter und mußte ihn fast ebenso mühsam Witz Lewis zu mir hereinzichen. Es war Lemuel Behaut, derselbe, der, wie ich schau oben erzählte, während des Kommodore'S Anwesenheit auf dem Scourge zu Dork von einer glühenden Kugel gestreift worden war; er schien zwar weniger erschöpft als Lewis, allein seine Wunde war noch nicht geheilt und dieß machte ihn unfähig mir Beistand zu leisten, weßhalb er sich, sobald er dies vermochte, auf den Boden des Fahrzeuges niederlegen mußte. Einige Minuten war nun nichts mehr im Wasser zu hören: ich begann daher abermals weiter zu rudern und mußte meiner Berechnung zufolge nach einigen Niemenstreichen die Stelle erreicht haben, wo der Schooner untergesunkcu war, als ich plötzlich beim Leuchten der Blitze viele Köpfe von Schwimmenden gewahrte, welche sich in großer Verwirrung und auf's Gerathewohl durch einander bewegten. Kein Laut ließ sich vernehmen: die furchtbare Stille wurde einzig und allein durch das angstvolle Ringen der armen Schwimmer unterbrochen: es regnete noch immer, die Bitze wurden aber all- mählig weniger grell und kamen auch seltener. Auf dem Geschwader wurde mir später erzählt, es habe fürchterlich gedonnert; ich kann aber nicht behaupten, nach meinem Sprung in's Wasser noch einen weiteren Schlag gehört zu haben. Der nächste Schiffbrüchige, der sich rettete, vermochte das Boot allein zu erreichen; es war ein Mulatte aus Martinique, früher Mr. Osgoods Proviantmeister, dem ich alsbald hereinhalf. Er war ein trefflicher Schwimmer, schien aber gleichwohl sehr abgemattet, da die Angst ihn beinahe seiner ganzen Stärke beraubt hatte. „O, Maffer Ned! — o Master Red!" war Alles, was er herausbrachte, worauf er sich gleich den beiden Andern auf den Boden warf, wo ich ihn der Vorsicht halber nach der Backbordseite hinschob, um unser kleines Fahrzeug im Gleichgewicht zu erhalten. Ich fuhr indessen fort, die Schwimmenden mit lauter Stimme zu ermuthigen, und hörte auch alsbald eine Stimme, welche mir zurief: „Hier bin ich, Ned, dicht neben dir." Es war Tom Goldsmith, mein Tischgenosse, unter dessen Wolldecke ich vor kurzer Zeit auf dem Posten geschlafen hatte: er bedurfte nur geringer Hülfe und konnte fast ganz allein hereinklettern. Ich fragte ihn, ob er im Stande sch, mir Beistand zu leisten. „Ja, Ned", gab er mir zur Antwort; „bis zum letzten Athem- zug will ich bei Dir aushalten: was habe ich zu thun?" „Nimm deine Presenning " und schöpfe das Boot aus, das bis auf ein Drittel mit Wasser gefüllt ist." Dies that er denn auch, während ich wieder eine Strecke weiter ruderte. „Er ist mit flatternder Wimpel hinuntergegangen, Ned," bemerkte Tom. „Die Flagge wollte sich schon ganz um meinen Körper wickeln und mich hinunterziehen. Davy^ hat diesmal sein Maul weit aufgesperrt und hätte beinahe auch uns erwischt — aber beinahe ist nicht ganz." Dies war die Act, wie dieser gedankenlose Mensch sich, nachdem er kaum zuvor den Krallen des Todes entronnen war, über seine glückliche Rettung äußerte. Als ich gleich darauf wieder etwas über'm Wasser erblickte, bat ich Tom, mein Ruder zu nehmen und sprang nach dem Schand- deck, wo ich Mr. BogarduS, den zweiten Lieutenant, erwischte, während er sich eben an eines der Riemenblätter anklammerte. Ich holte ihn ein und er sagte mir, er glaube, es habe noch ein Zweiter das andere Ende des Ruders gefaßt, was wir bei der tiefen Finsterniß freilich nicht sehen konnten. Der Riemen wurde eingeholt und siehe, cs war wirklich der Schiffskoch, Ebenezer Duffy, gleichfalls ein * GethcerteS Segeltuch, das die Matrosen häufig als Leibbinde tragen. D. U. David — Beiname des Teufels. D. U. Mulatte, der keinen Strich schwimmen konnte und dem Untcrsinken sehr nahe war. Ich mußte ihn ganz allein hereinziehen, denn Tom hatte fortwährend auszuschöpfcn, damit das Boot, das ohnedies so klein war, am Ende nicht auch noch versinken möchte. Im Wciterfahren erreichten wir abermals einen Schwimmer, unser» Lootsen, der am See geboren war und den ganzen Sommer bei uns zugebracht hatte, dessen Namen ich aber niemals erfahren konnte. Das Boot war so klein und ging schon so tief, daß ich nicht wagen konnie, ihn in die Mitte hereinzuschaffen; nachdem ich ihn also beim Kopfe gefaßt hatte, zog ich ihn gegen das Vordertheil und holte ihn über den Bug herein, wo er sich ganz erschöpft und ohne ein Wort zu sprechen, niederlegte, wie die klebrigen, mit Ausnahme Tom's, — bis jetzt alle gethan hatten. Wir hatten nun gerade so viele Menschen an Bord, als das Boot zu fassen vermochte, und Tom wie ich hielten nicht für reichlich, noch ferner Jemand aufzunehmen; freilich sahen wir auch Niemand mehr und ringsum herrschte eine Todtenstille, welche nur von dem Rieseln des Regens unterbrochen wurde. Tom machte sich wieder an'S Ausschöpfen und ich erneute meine Mahnungsrufe, während ich einige Minuten lang forlruderte; fände sich noch ein Lebender, dachte ich, so könnte ich ihm ja ein Tau zuwersen, oder auch einen und den andern noch ins Boot einnehmen, wenn erst einmal das Wasser auSgeschöpft wäre — aber eS fand sich Niemand. Da ich nirgends einen Laut vernahm, der mich leiten konnte, so mochte ich mich wohl, ohne es zu wissen, von der Stelle der Gefahr entfernt haben; doch mußte um diese Zeit die ganze übrige Mannschaft des Scourge wirklich untergegangen seyn, da ich später nie wieder von einem derselben gehört habe. Tom Goldsmith und ich beriethen uns jetzt mit einander, welchen Kurs wir zunächst einschlagen wollten. Wir fürchteten Beide, dem Feind in die Hände zu fallen, denn dieser konnte recht leicht anfgebrochen und bis in unsere Höhe herabgesteuert seyn; dagegen hielten wir die Entfernung zwischen beiden Geschwadern auch wiederum für zn groß, nm einen solchen Streich für wahrscheinlich zu achten — jedenfalls aber mußte auf unserer Seite irgend ein Entschluß gefaßt werden. Wir begannen demnach weiter zu rudern, ohne zu wissen, welche Richtung wir cingeschlagen hatten; cs herrschte vollkommene Windstille, der Regen goß fortwährend in Strömen herab, das Blitzen aber wiederholte sich nur in beträchtlichen Zwischenräumen und der Sturm hatte sich offenbar gegen die breiteren Theile des SceS hingezogen. Während wir so fortruderten und uns über die Möglichkeit besprachen, den Feinden in die Hände zu fallen, rief Tom plötzlich: „Das Ruder gestoppt!" Er hatte nämlich beim Leuchten des Blitzes ein Schiff bemerkt, welches er der Grüße nach für ein englisches hielt; da er aber von einem Schooner sprach, so dachte ich, es müsse eines unserer Fahrzeuge sehn; ich ließ mir nun von ihm die Richtung bezeichnen, erkannte auch beim nächsten Wetterleuchten mit großer Freude, daß ich mich in der That nicht getäuscht hatte. „Boot, ahoy!" wurden wir alsbald angerufen, noch ehe wir weiter zu rudern angefangen hatten. Zch gab sogleich Antwort. „Wenn ihr noch einen Strich weiter rudert, werde ich Feuer auf euch geben lassen" — lautete die Erwiederung — „was für ein Boot? Ruder beigelegt oder ich lasse auf euch feuern." Man hielt uns offenbar für ein feindliches Fahrzeug; ich fragte deßhalb, was für einen Schooner wir vor uns hätten. — Keine Antwort; nur die Drohung, beim nächsten Niemenschlag Feuer zn geben, wurde wiederholt. „Die Stimme ist mir bekannt — eS ist der alte Trant," bemerkte ich gegen Tom. „Ei bewahre, wir sind ganz auf die falsche Fährte gerathen," meinte dieser. 103 „Das ist des Scourge'S Boot" — rief ich jetzt nun zu den Andern hinüber — „unser ' Schooner ist zu Grund gegangen und wir möchten gern zu euch hinüber kommen." „Bist du's, Ned?" hörte ich eine Stimme aus dem Schooner herüber rufen, an der ich augenblicklich meinen ehemaligen Schulkameraden und Schisfsgenofsen Jack Mailet erkannte, der als Hoch- bootsmann auf der „Julia" diente, einem Schooner, welchen Segelmeister James Trant, ein sonderbares Original der Flotte, befehligte, bei dem man ebenso gut auf Schläge wie auf Worte gefaßt sehn mußte. In der That, sobald ich seine Stimme erkannt und seine Drohung auf uns zu feuern, vernommen hatte — fühlte ich mich von größerer Angst beklommen, als bei Allem, was mir in dieser fürchterlichen Nacht zugestoßen war. „Oho," hörte ich jetzt Mr. Trant ausrufen — „gebt Raum, ihr Jungen, und kommt nur herbei, ihr da drüben." Dies thaten wir denn auch; mit einigen Ruderstreichen befanden wir uns neben der Julia, auf der wir uns mit der äußersten Freundlichkeit ausgenommen sahen. Unsere regungslosen Leidensgefährten wurden ans dem Boote an Bord gebracht, während ich selbst Mr. Trant die Vorfälle dieser Nacht auf's genaueste berichten mußte. Nach einigen Minuten war meine Erzählung beendigt und Mr. Trant befragte mich nun, in welcher Richtung der untergegangene Scourge liege; sobald ich ihm dies, so gut ich's selber vermochte, angegeben hatte, rief er Jack Mallet zu: „Oho, Mallet — nehmt vier Matrosen in Euer Boot und seht zu, was Ihr noch zu thun im Stande seid — nehmt eine Laterne mit, ich will gleichfalls ein Licht am Wafferrande aüs- setzen, woran Ihr mich erkennen werdet." Mallet that, wie ihm befohlen worden und noch waren keine drei Minuten seit unserer Ankunft verstrichen, als er mit seinem Boote bereits in See stach. Mr. Trant, ein Mann voller Launen, hatte eben damals keinen 104 Offizier am Bord der Julia, wenn man nicht Maltet als solchen bezeichnen wollte; er war von Geburt ein Irländer, hatte seit der Revolution in der amerikanischen Marine gedient und starb als Schiffslieutenant ein paar Jahre nach dem Krieg, den ich eben erzähle. Vielleicht gab es in der ganzen Marine keinen Mann, der allgemeiner bekannt war, wegen seiner Sonderbarkeiten mehr verlacht, dagegen aber auch um seines MuthcS willen mehr geachtet wurde; er war mit dem Kommodore, der große Stücke auf ihn hielt, auf den See gekommen und hatte an allen Gefechten und Scharmützeln, welche bis jetzt stattgefundcn hatten, thätigen Antheil genommen — Haß gegen die Engländer war bei ihm zur Gewiffens- sache geworden. Mr. Trant rief die „Seourge'S" nunmehr nach dem Hintertheil und erkundigte sich nach den näheren Umständen unseres Unfalls; dann ließ er jedem von uns ein Glas Grog reichen und seine Mannschaft mußte die Hauptbraffe spließen; * auch trockene Kleider bot man uns an und mir wurde durch Jack Reilly, einen meiner früheren Tischkamcraden, mit dem ich immer auf gutem Fuße gestanden hatte, aus der Noth geholfen. Der Regen ließ allmählig nach; wir zogen aber gleichwohl vor, die Kleider unten am Küchenfeuer zu wechseln. Kaum stand ich wieder auf dem Verdeck, als ich auch schon das Boot zurückkehren hörte, das bald darauf beilegte und noch vier weitere Männer überbrachte, die man auf Rudern und Gitterwerk schwimmend angetroffen hatte. Bei näherer Nachfrage ergab sich'S, daß alle vier zu dem Schovner „Hamilton," Lieutenant Winter, gehörten, der in derselben Bö, wie unser Scourge, seinen Untergang gefunden hatte; sie waren gleichfalls sehr erschöpft und wurden auf das Unterdeck gebracht, wo man uns alle zur Ruhe gehen hieß. Ich war durch die eben erlebten Scenen dermaßen aufgeregt und durch den Genuß des Grogs so sehr überreizt, daß ich bis ' D. h. uns freundlich willkommen heißen. D. U. 105 dahin von der auf solche Ereignisse folgenden Abspannung der Kräfte noch wenig verspürt hatte; ich genoß sogar die Nacht über eines sehr gesunden Schlafes, aus dem ich erst Morgens um sechs Uhr erwachte. Eine leichte Brise wehte, als ich aufs Deck herauf kam; es war ein wuuderlieblicher Tag und die See lag spiegelglatt vor meinen Blicken. Unsere Flotte war in ziemlich gedrängter Ordnung in Linie aufgezogen, nur der „General Tompkins," Lieutenant Tom Brown, stand etwas zu weit leewärts, hatte aber einen ganzen Wald von Segeln aufgehißt, um . gleichfalls auf den Kommodore aufschließen zu können. Beim Vvrbeisegeln bemerkte Mr. Trant, daß der Tompkins uns zu sprechen wünschte und ließ deßhalb sein Focksegel aufgeien, so dag ihr Luv dicht unter unserem Lee beilegen konnte. „Zwei unserer Schooner, der Hamilton nnd der Scourge, sind heute Nacht zu Grund gegangen," rief Mr. Brown herüber; „ich habe vier von den Hamiltons aufgefischt." „Oho!" gab Mr. Trant zur Antwort, „das ist gar nichts Neues! ich habe deren zwölf aufgegabelt, acht von den Scourge'S, vier von den Hamilton'S, da drüben hinter der Fockschoote!" Das also war Alles, was von der Bemannung der beiden Schooner übrig geblieben war, welche im Ganzen nahe an hundert Köpfe an Bord geführt hatten! Beide Kommandanten, Mr. Osgood und Mr. Winter hatten den Tod gefunden; mit letzteren waren noch einige Midshipmen ertrunken. Unser Geschwader konnte von der Zeit jener Katastrophe an bis zu dem Augenblick, da ich auf's Verdeck trat, nicht weit von der Stelle gekommen seyn, oder wir mußten gewendet und zweimal denselben Weg gemacht haben, denn wir begegneten nun einer Masse von Trümmern, welche von den beiden versunkenen Schiffen herrührten und jetzt auf dem Wasser herumschwammen. Kanonenwischer, Kästen, Hüte, Ruder — Alles kam bunt durch einander; einen der Hüte, der, wie Mr. Trant sagte, dem Lieutenant Winter 106 angehört haben mußte, befahl er im Vorübcrsegeln aufznfangen: es gelang aber eben so wenig als mit anderen Artikeln, welche man hatte an Bord schaffen wollen. Ein tüchtiger AuSgucker war aufgestellt, der sich nach der vermißten Schiffsmannschaft Umsehen sollte, ohne daß von den zwei Fahrzeugen ein weiterer Matrose aufgesunden wurde: der See hatte Alle verschlungen und der Scourge war, wie man ihm oft prophezeit hatte, für einen großen Theil seiner Bemannung in Wahrheit zum Sarge geworden. Bon den beiden Flotten wurde an diesem Tage viel und lange hin und her manövrirt: auch waren einige Versuche zu einem Kampfe zu bemerken, doch fühlte ich mich, ehrlich gestanden, durch den Verlust so vieler Schiffsgefährten so schwermüthig gestimmt, daß ich von dem, was um mich vorging, nicht sonderlich viel Notiz nahm: meine Black Jokers ^ mit denen ich den ganzen vorigen Sommer verlebt hatte, alle ertrunken, Bill Soulhard nebst den übrigen Tischgenoffen — Tom Goldsmith und Lemuel Bryant allein ausgenommen — auf immer für mich verloren, von Mannschaft und Fahrzeug nichts übrig als ich und meine Unglücksgefährten — eS machte in der That einen tiefen, eigenthümliche» Eindruck auf mich, der aber, Dank seh eS meine» neuen Schiffskameraden, welche zum Theil schon auf anderen Fahrzeugen mit mir gedient hatten und mich jetzt durch Grog aufzuheitern suchten — nicht allzu lange dauerte, so daß ich in Kurzem nicht mehr an das Vorgefallene dachte. So kam es, daß ich in den letzten fünf Jahren weit öfter der Gnade des Himmels gedacht haben mag, welcher mir bei jenem furchtbaren Auftritte das Leben rettete, als dies in de» fünf und zwanzig Jahren, welche jenen Ereignissen unmittelbar folgten, der Fall war. Die Flotte segelte wieder gegen die Mündung des Niagara zurück und ging daselbst vor Anker: Mr. Trant musterte die übrig gebliebenen ScourgeS, wobei er uns mittheilte, daß er gerade so vieler Matrosen, als wir eben Ware», für sein eigenes Schiff bcnöthigt " Etwa: „Schwarze Kumpane." 107 sey und sich deßhalb den Befehl zu unserer Versetzung auf die Julia auszuwirken gedenke; bis dahin wolle er uns vorderhand zum Dienst verwenden und für unsere Verpflegung Sorge tragen. Ich wurde an den Brassen angestellt und erhielt den Posten als zweiter Lader bei dem langen Zweiunddreißigpfünder. Die Julia führte außer Letzterem noch einen Achtzehnpfünder auf Bolzlaffetten und zwei Sechspfünder in der Kühl, welche aber, wie ich schon oben erwähnte, nur selten gebraucht wurden. Der Schvoner war zwar klein, aber ein guter Schnellsegler, mit ungefähr vierzig Köpfen Bemannung und trotzdem, daß er weniger Kanonen führte und außer einer niedrigen, mit einem Setzbord versehenen Negeling keine höheren Quartierwände hatte, mußte ihm dennoch, tm Vergleich mit dem Scourge, unbedingt der Vorzug zuerkannt werden. Siebentes Kapitel. Was aus den vier Hamiltons geworden, „welche das Boot der Julia aufgefangen hatte, habe ich niemals erkunden können: doch vermuthe ich, daß sie mit ihren anderen geretteten Kameraden auf irgend einem Fahrzeuge der Flotte untergcbracht wurden; überhaupt habe ich über den Untergang jenes Schooners weiter nichts in Erfahrung gebracht, als daß seine Vormacssegelschooten gestoppt und seine Fallen gekreuzt waren. So viel die vier Geretteten, die an Bord der Julia gebracht worden waren, davon erzählten, hatte er sich in jeder Hinsicht in der vollkommensten Kampfbereitschaft befunden, was auf der Flotte abwechslungsweise bald getadelt und bald gebilligt wurde, nach meiner Ansicht aber in einem Windstoß, wie er uns beide überfiel, nur wenig Unterschied machen konnte. Das Merkwürdigste an der ganzen Sache war übrigens, daß die Julia, welche in jenem Augenblicke von dem Scourge nicht sehr entfernt sehn konnte, kaum ein Bischen Wind verspürte und bloS aufznluven brauchte, um mit einer leichten Erschütterung der Segel davonzukommen! Unser Geschwader blieb nur eine Nacht vor der Mündung deS Niagara liegen und lichtete am nächsten Morgen die Anker, um zur Verfolgung der Engländer auszulaufen. Das Wetter war höchst veränderlich und wir konnten Sir. JameS den ganze» Tag nicht auf Schußweite erreichen. Wir zählten jetzt den 9. August; der Scourge war in der Nacht des siebenten oder am Morgen des achten — genau weiß ich's nicht — zu Grund gegangen. Am zehnten in der Früh, als wir eben dem nördlichen Ufer gegenüber und luvwärts von John Bull standen, nahm der Kommodore die Asp, * der „Madison" dagegen die „schöne Amerikanerin" in'S Schlepptau und ließ, in der sichern Erwartung einer allgemeinen Seeschlacht, au das gesammte Geschwader den Befehl zum Abhalten ergehen. Plötzlich aber schlug der Wind um und brachte die Engländer windwärts; der Nachmittag blieb ruhig oder von wechselnden Luftströmungen unterbrochen und gegen Sonnenuntergang lag der Feind, von der Windstille zurückgehalten, am amerikanischen Ufer. Mit einemmal trat eine Brise aus Süden ein ; wir schloffen alsbald auf und formirten gegen sechs Uhr Abends unsere Schlachtlinie: so verharrten wir bis gegen sieben, als wiederum ein frischer Südwestwind einfiel und John^ abermals windwärts führte. Was nunmehr folgte, weiß ich kaum mit Genauigkeit anzugeben, so viel wurde hin und her manüvrirt und so oft die Stellung geändert. Beide Geschwader hatten sich guer über den See ausgebreitet, der Feind wind- und etwas rückwärts von unserer eigenen Linie. Wir fuhren sofort auf Anrusweite an dem Kommodore vorüber, der uns den Befehl ertheilte, eine neue Schlachtlinie zu bilden, was auf folgende Art ausgeführt wurde. Eine Linie aus den kleinsten Schoonern bestehend, formirte sich luvwärts, während sich leewärts eine zweite, aus den Fregatten, » Sspe. D. U. der Brigg und den beiden grüßten Schoonern bestehend, in Schlachtordnung aufstelite. Wir nahmen den äußersten Flügel der Luvlinie ein und hatten den „Growler," Lieutenant Deacon, zunächst hinter uns. So viel konnte ich von der Sache wahrnehmen, ohne übrigens den Plan des Kommodore zu begreifen, der, wie ich jetzt erst erfahren habe, darauf hinausging, daß die Luvlinie den Feind angreifen sollte, um sodann abzuhalten und den Gegner gegen die Leelinie heranzulocken, welche unsere Hauptstärke ansmachte. Diesem Befehle gemäß hätten wir eigentlich, sobald die Engländer das Feuer begannen, luvwärts abhalten und diese gegen den Kommodore heranziehen sollen — doch unser Schooner zog es vor, wie man sogleich sehen wird, einen ganz anderen Kurs zu verfolgen. Es mochte schon gegen Mitternacht gehen, als die Engländer die „schone Amerikanerin," das hinterste Schiff unserer Luvlinie, zu beschießen anfingen, während wir selbst eine ziemliche Strecke voraus waren und noch einige Zeit lang keinen Antheil an dem Gefechte nehmen konnten. Die Kanonade hinten wurde ziemlich hitzig; da aber der Feind noch nicht nahe genug vor uns stand, so verhielten wir uns ruhig, ohne zu feuern. Nach einer Weile begannen die vier hintersten Schiffe unserer Linie dem Befehle gemäß abzuhalten; die Julia und der Growler aber blieben stehen, während die Engländer, wie der Kommodore es erwartet hatte, vermuthlich zu derselben Zeit abviertcn. Wie dem auch sey, so gefiel es uns jedenfalls so gut dem Feinde gegenüber, daß Mr. Trant, anstatt die Julia unter den Wind zu stellen, vielmehr gerade durch die Brise wendete, welchem Beispiele der Growler folgte, welcher dicht in unserem Kielwasser verharrte. Wir begannen jetzt unser Feuer gegen die vordersten Schiffe des Feindes zu richten, welche gegen uns herankamen und um die wir so geschickt herumsegelten, daß wir bald deren Luvseite erreicht hatten. Sobald wir John Bulls Luvlinie gegenüber standen, gelten wir unser Focksegel auf und gaben ihm in ganz hübscher Entfernung NO mehrere Salven hinter einander; der Feind beantwortete dieselbe» und schien Von jenem Augenblicke an alle Gedanken an die leewärts von ihm stehenden Schiffe aufgegeben zu haben und seine ganze Aufmerksamkeit ans die Julia und den Growler zu verwenden. Die englische Flotte behielt ibre Windvierung bei, bis sie sich zwischen uns und unsere Linie hineingedrängt hatte, worauf sie augenblicklich Jagd auf uns zu machen anfing. Wir mußten nun allmählig kurz ab nach der Luvseite beidrehen; der Feind aber theilte sich alsbalo und bildete einen weiten Bogen, um uns zu verhindern, an ihm vorbeiznkommen, va wir auf diese Art seine Linie umgehen und ihm leewärts entkommen konnten. Unser Schiff windwärts zu halten, machte uns gar keine Schwierigkeit; wir geiten von Zeit zu Zeit unser Focksegel und gierlen auch hie und da ab, um unser Feuer desto wirksamer zu mache». Die Julia war bei gemäßigtem Winde der beste Schnelliegler im ganzen amerikanischen Geschwader, die „Dame vom See" allein ausgenommen; auch der Growler gehörte keineswegs zu den schwerfälligen Fahrzeugen und hätte es uns nicht an Raum gemangelt, so zweifle ich keinen Augenblick, daß wir John Bull, mit Hülfe unserer langen schweren Geschütze, die ihn von Zeit zu Zeit in paffende» Augenblicken begrüßten, mit größter Leichtigkeit von uns abgchalten hätten. Ich habe mir oft gedacht, Mr. Trant müsse ganz vergessen haben, daß wir auf der einen Seite vom Land.und auf der andern vom Feinde eingeschloffen waren; er mochte wohl glauben, er befinde sich auf offener See, denn es war eben ein mondheller Morgen und wir konnten nichts vom Lande gewahren, obwohl sich'S ergab, daß es uns weit näher lag, als wir eigentlich gewünscht hätten. Alle Matrosen wurden nun auf der Luvseite versammelt, während die beiden Schooner fortwährend abgierten und gelegentlich ihr Feuer erneuerten; die feindlichen Kugeln flogen weit über uns hinaus, thaken »ns übrigens doch einigen Schaden, der aber sogleich wieder auSgebeffert ward; so wurde die Gaffelfall deS Hauptmastes, ferner das Horn des großen Segels vom Bord der Julia abge- schoffen — wahrscheinlich hatte der Feind spater wegen der Nähe deS Landes seine Luvrichtuug nicht bcibehalten. Unsere beiden Schooner blieben fortwährend dicht beisammen, so daß bald der eine, bald der andere weiter windwärts stand ; eben als der Growler eine kleine Strecke aus unserer Luvseite voraus war, kam der Augenblick, wo wir zum Erstenmal die eigentliche Gefahr unserer Lage erkannten, denn Lieutenant Deacon ließ unverzüglich „Steuer auf" nehmen und kam auf Anrussweite herbeigerannt, um Mr. Trant zu melden, daß er so eben auf zwei Faden sondirt und Lichter am Ufer entdeckt habe, welche, wie er glaube, von Indianern herrühren müßten, die in großer Anzahl in der Nähe versammelt seien, so daß wir auf alle Fälle das Land vermeiden mußten. „Was haltet ihr in diesem Falle für's Beste?" fragte Lieutenant Deacon. „Gaffenlaufen," rief Mr. Trant. „Sehr wohl, Sir: wer geht voran?" „Ich werde den Vortrab bilden," gab Mr. Trant zur Antwort und damit war die Sache abgemacht. Alsbald nahmen wir das Steuer auf und fuhren auf eine in der britischen Schlachtordnung sichtbare Lücke loS; der Feind schien uns zu erwarten, denn er formirte sich jetzt in zwei Linien, welche uns gerade den nöthigeu Raum zum Einlaufen gewährten. Doch selbst unter diesen kritischen Umständen war Mr. Trant nicht davon abzubringen, die Julia mit aufgehißtem VormarS-, Klüver-, Obcrkluver-, Fock- und großem Segel abhalten zu lassen, Raa- und Leesegel hatten wir ohnedies nicht an Bord, so unvollständig war die Ausrüstung dieser kleinen Fahrzeuge, wie ich denn, den Scourge allein ausgenommen, auf keinem der Schooner jemals ein Leesegel gesehen habe. So rannten wir denn mit vollen Segeln gegen den Feind, die Julia auf halbe Kabellänge vor dem Growler voraus. Als wir zwischen seine beiden Linien geriethen, faßten uns die Engländer auf kurze Kartätschenentfernung und pfefferten uns tüchtig auf beiden Seiten ein. Die beide» englischen Fregatten standen leewärts, jede an der Spitze einer Linie, so daß wir die Brigg und drei große regelmäßige Linienschooner zu passiren und dann immer noch die Gewißheit vor uns hatten, auch wenn wir an diesen vier Fahrzeugen glücklich vorüber gekommen wären, dem Wolfe und Nopal George geradezu in die Hände zu fallen. Unsere beiden Schiffe unterhielten ein heftiges Feuer aus allen Geschützen, welche jedesmal gedreht wurden, so daß keines unthätig blieb; als wir uns aber den großen Schiffen näherten, erwiesen wir ihnen die Aufmerksamkeit, ihnen all unser schweres Geschoß ins Gesicht zu schleudern, wie dies ihrem Rang und ihrer Größe von Rechts wegen gebührte. Ein Paar Minuten lang erging es uns ganz gut: kaum waren wir aber zwischen beide Linien gerathen, als wir's heiß und schwer zu verdauen bekamen; unsere Takelage sing bald an, uns auf die Köpfe zu fallen, eine Kugel flog nur wenige Fuß über uns weg, rieß unsere Marssegelschooten entzwei und splißte ein Stück Holz, so dick wie eine Zweiunddrcißigpfünderkugel, aus dem Fockmast. Ich stieg selbst an der Seite hinauf, um eine der Schooten wieder festzubinden, als ich von oben den Schaden erblickte, den unsere Spiere erlitten hatte. Kurz darauf fing der Hals des großen Segels Feuer an dem Pfropf einer der englischen Kanonen, denn so nahe standen wir in der That vor den Batterien, und ich glaube wahrhaftig, daß wir'S nur der Nähe des Feindes verdankten, wenn unsere Decks nicht rein abgefegt wurden. Große und kleine Kugeln flogen wie eine Hagelwolke über unfern Häuptern weg und das Focksegel hing wörtlich in Fetzen herunter; da die Fallen abgeschossen waren, kam das große Segel die Halse herab und der Klüver senkte sich, so tief cr konnte; die Marssegelraa ruhte auf dem Eselshaupt und der Schooner steuerte jetzt gegen den Wind. Diese ganze Zeit über hatten unsere Kanonen keinen Augenblick gerastet: unser alter Kommandant lief von einem Geschütz zum andern und richtete jedes eigenhändig, so wie es geladen war. Er stand eben am Achtzchnpsündcr, als unsere Lage ihrem schlimmsten Wendepunkt nahe war. „Füllt ihn — füllt ihn bis an die Mündung!" rief Mr. Trant, während er sich von dem Geschütz entfernte. Gleich darauf näherte er sich unserem Zweiunddreißiger, der bereits mit einer Vollkugcl, einem Traubengeschoß und einer vollen Kartätschenladung gefüllt war — ich weiß dies ganz genau, da ich eines nach dem andern mit eigenen Händen eingeführt hatte. Die feindliche Brigg, der „Melville" genannt, stand eben dicht vor uns und feuerte vom Vormars auf unsere Decks herab; sie näherte sich unserer Backbordschanze, während ein großer Schooner in raschem Lauf unserem Steuerbord nahe kam. Mr. Trant richtete unsere Kanone gerade auf das Vorkastell der Brigg. „Jetzt ist's Zeit, meine Jungen," rief er dann; „feuert auf die Schufte! nur frisch auf sie gefeuert!" Aber nirgends war eine Lunte zu finden: eS mußte Jemand beide über Bord geworfen haben. Die Brigg streckte mittlerwelle ihren Klüverbaum bereits über unser Hinterdeck — die Engländer fingen an zu entern und auf unfern Bord zu springen: ringsum waren wir von Feinden eingeschlossen und auch der „Wolfe" stand auf Anrufweite vor uns, ohne einen Augenblick sein Feuer zu unterbrechen. Der Letzte, den ich von unseren Leuten zu Gesicht bekam, war Maltet, der nach dem Vorderdeck eilte: ich selbst setzte mich mürrisch, wie ein rechter Brummbär, auf die Trave s des Zweiunddreißigpfün- ders. Zwei oder drei von den Engländern stürmten an mir vorüber, * LafeUe. D. II. Ned Myers. 8 ohne ein Wort zu sprechen: selbst jetzt noch sandte der Vormars der Brigg einen Hagel von Kugeln auf unser Deck, welche rings um mich her Iheils auf die Planken, theils auf die Kanone niederpraffeltcn. „Was hast du hier zu schaffen, du Vankee?" schnaubte mich ein englischer Offizier an, der sich mir in diesem Augenblicke näherte. »Ich sehe euren Narren zu, wie sie ihre eigenen Leute nicder- schießen," gab ich in meiner damaligen, ausnehmend wilden Stimmung zur Antwort. „Nimm das für deinen Spott" — mit diesen Worten versetzte er mir einen Stoß mit seinem Degen, dessen Spitze neben meinem Hüftbeine eindrang und mir einen schmerzlichen Fleischriß beibrachte. Die Wunde war nicht gefährlich, blutete aber stark und bedurfte mehrerer Wochen zu ihrer gänzlichen Heilung. Ich stand sofort auf, um mich nach der Ambulance zu verfüge», als ich von einem der Schiffe her —- dem Wolfe, wie es mir schien, einen Anruf vernahm. „Habt Ihr geentert?" hörte ich Jemand fragen. „Feuert nicht auf uns, Sir," erwiedcrte der Offizier, der mich verwundet hatte, „ich bin am Bord und habe die Prise bereits in Besitz genommen." „Ist Jemand am feindlichen Bord am Leben geblieben?" erkundigte sich der Offizier des Wolfe herüber. „Weiß nicht, Sir," gab der Prisenosfizier zur Antwort; „bis jetzt habe ich blos Einen wahrgenommen." Ich verfügte mich nun in den Kielraum, verband zuerst meine Wunde, um das Blut zu stillen und benützte dann die Gelegenheit, um mich nach meiner Umgebung umzuschauen. Da sah ich denn einen Haufen Engländer, im Verein mit einigen unserer eigenen Leute, beschäftigt, zwei WhiSkeyfäfsern den Boden einzuschlagen; Fleisch- und Brodkörbe wurden herbeigeschafft und alle Matrosen ohne Unterschied des Landes setzten sich nieder, um sich mit diesen Schätzen gütlich zu thun. Einige fingen sogar an zu singen und die gute 113 Kameradschaft unter den Trinkern hätte sich selbst bei einer ländlichen Festlichkeit nicht auffallender kundgeben können. Wenige Minuten später kam der Offizier, der mich mit seinem Degen verwundet hatte, mitten unter uns herabgesprungcn. „Halloh! da haben wir ja ,die große Welt im unteren Stock/" schrie er beim ersten Blick, den er auf diese Scene warf, und forderte einen andern Offizier auf, ebenfalls herabzukommen und den Spaß mitanzusehen. „Kerzen weg," rief einer von uns — alle Lichter wurden ausgelöscht, die beiden Offiziere nahmen den Whiskey in Beschlag, die meisten Engländer rannten die vordere Lucke hinauf, wir von der Julia aber blieben unten sitzen. Noch war keine Stunde verflossen, als wir uns schon auf den feindlichen Schiffen vertheilt sahen: ich wurde auf den Royal George, Mr. Trant aber an Bord des Wolfe'S tranSportirt. Der Growler hatte sein Bugspriet eingebüßt, war auch sonst stark beschädigt und hatte deßhalb gleichfalls die Flagge streichen müssen. Er zählte einen Todten und mehrere Verwundete;^ bei uns war außer mir nicht ein Einziger zu Schaden gekommen. Wie durch ein Wunder schienen wir gerettet, denn jedes der feindlichen Schiffe hatte uns einen Puff beigebracht: eine Zeit lang waren wir ihnen sogar auf Pistolenschußweite nahe gestanden und blieben überdies ihrem ganzen Geschützhagel bloSgestellt, da wir keine Bollwerke besaßen, weßhalb sich unsere Rettung bloS dadurch erklären läßt, daß der Feind zu hoch gefeuert hatte. " Anspielung auf ein bekanntes englisches Lustspiel, das denselben Titel führt. D. II. " Kapitän Dcaeon starb vor mehreren Jahren vermuthlich in Folge einer am Bord des Growler in jener Nacht erhaltenen Verletzung. Dicht »eben ihm hatte nämlich eine Kugel in die große Spiere eingeschlagen und seit dieser Zeit klagte er fortwährend über Ohrenschmcrzen; nach seinem Todr fand man auch jene Seite des Kopfes sehr krankhaft und aufgeschwollen. D. Herausg. 116 Im Juli, als ich noch auf dem Scourge diente, war ich unter Mr. Bogardus' Kommando mit einem Boote an Bord einer englischen Waffenstillstandsflagge geschickt worden, welche in unserem Hafen eingelaufen war; während wir uns auf diesem Schiffe befanden, hatte unsere Mannschaft mit den Engländern Brüderschaft gemacht und wir waren gegenseitig übereingekommen, für einander sorgen zu wollen, wenn einer oder der Andere in feindliche Gefangenschaft geriethe. So befand ich mich noch gar nicht lange am Bord des Royal George, als zwei dieser Männer mit etwas Grog und Speise auf mich zukamen, worauf sie mich auch am nächsten Morgen mit Nahrungsmitteln versorgten; von dort an bis zu dem Augenblicke, wo wir das Schiff verließen, war nichts weiter von ihnen zu sehen: da aber kamen sie an die Falireepstreppe und schüttelten uns zum Abschiede noch herzlich die Hand. Am andern Morgen nach dem Frühstück wurden wir, einer nach dem andern, in die große Kajüte hinabgerufen: dort wollte man mich über die Stärke der Amerikaner, die Benennung ihrer Schiffe, über die Zahl ihrer Bemannung und die Namen der Schiffskommandanten auspumpen; ich gab aber ziemlich mürrische Antworten und wurde bald wieder aus der Kajüte gewiesen. , Eben als ich zur Thüre hinaus wollte, wurde ich von einem der Lieutenants zurückgerufen, dessen Aeußeres mir gleich zn Anfänge nicht recht gefallen wollte und in welchem ich, trotz dem, daß ich schon seit acht Jahren von Halifax abwesend war und wir beide uns stark verändert hatten, Mr. Bowen, den Midshipman der Kleo- patra, zu erkennen glaubte, der mein Schulkamerad gewesen war und dessen Bekanntschaft ich an Bord der früher erwähnten Prisenbrigg erneuert hatte. Dieser Offizier fragte mich, wo ich geboren sey — ich nannte New-Dork. Er sagte, er wisse es besser und fragte mich nach meinem Namen: ich berief mich auf den, welchen er auf der Schiffsliste fand und den ich seither geführt hatte. Er meinte wieder, er 117 wisse es besser und ich werde später noch mehr davon zu hören bekommen. — War er wirklich mein ehemaliger Schulkamerad, so mußte er freilich wissen, daß ich immer Edward Robert MyerS geheißen, wogegen ich vorgezogcn hatte, den mittleren Namen ganz zu streichen und mich ganz einfach nur Myers zu nennen; doch ist es auch leicht möglich, daß er nicht der war, für den ich ihn hielt und daß er mich für Jemand anders ansah — jedenfalls fand ich später nicht mehr Gelegenheit, etwas Weiteres von ihm zu erfahren. Wir liefen in Klein-Vork ein und wurden noch am selben Abend an's Land geschickt. Von unserem Geschwader weiß ich nichts anzugeben, da man mich auf dem Royal George die ganze Zeit über nicht aus dem Kielraum Heraufgelaffen hatte; ob wir dem Feinde in der Nacht, da wir gefangen wurden, Schaden zufügten oder nicht, konnte ich nie in Erfahrung bringen, erinnere mich aber neben der Fallreepstreppe des Royal George eine Achtundsechzig- pfündsr-Karronade gesehen zu haben, welche in der Nacht, da ich auf das Schiff kam, demontirt worden war und ganz so aussah, als ob die Laffettenräver abgeschoffen wären. Daß das Schiff mehr als gewöhnlich verwahrt war, mußte mir gleich anfangs auffallen; warum dies aber geschehen, vermag ich nicht mit Bestimmtheit anzugeben. Zu Vork wurden wir in's Gefängniß gesteckt, wo wir drei Wochen eingesperrt blieben; unsere Behandlung war in jeder Hinsicht schlecht; der einzige Trost, der uns blieb, war der, daß wir nicht gar zu dicht auf einander gepfropft waren. Mit der Nahrung sah es vollends schlimm aus: während der ganzen Dauer meiner Gefangenschaft wurden wir immer „sechs auf vier" gehalten*; * Ned meint damit, sechs Mann hätten mit der gewöhnlichen Portion von vieren auSkommen müssen, da man zwischen Denen, die im Dienst und Solchen, die nicht im Dienst waren, einen bedeutenden Unterschied machte. UebrigenS erhalten Gefangene in der Regel die Erlaubnis, sich auf jede beliebige Art einen Nebenverdienst zu verschaffen. D. HerauSg. 118 bas Brod war schlecht, und das Fleisch nicht viel besser. Auch geschah es einmal, daß ein Haufen betrunkener Indianer im Vorüber- gehen eine Salve in unser Gefängniß abseuerte, welche aber zum Glück Niemand verwundete. Nach Verlauf von drei Wochen bekam jeder von uns einen Tornister und Lebensmittel auf zwei Tage: die Kleider wurden uns abgenommen mit der Weisung, wir würden sie nach unserer Rückkehr znrückerhalten, was aber, glaub' ich, nur sehr wenigen von uns begegnet ist. Ich hatte glücklicher Weise nichts zu verlieren, da meine Habseligkeiten mit dem Sconrge versunken waren; mein ganzes Besttzthum auf Erden bestand aus einem Hemd, zwei Taschentüchern und einem alten niedergekrempten Hut, den man mir statt einer schottischen Mütze, welche ich auf der Julia erhalten hatte, auf den Weg mitgab; ich war ohne Schuhe und mußte in diesem Zustande bis Halifax fortwandern. Dies Alles machte mir gar wenig Sorgen, denn ich besaß einen sehr elastischen Geist unö war von der frohesten Laune beseelt. Meine größte Besorgniß war die, der oben erwähnte Offizier möchte sich meiner noch näher erinnern und endlich ein Erkennen meiner Persönlichkeit herbeiführen. Unter der Leitung einer Kompagnie Glengarianer * und einer Abtheilung Indianer traten wir nun unfern Marsch nach Kingston an; wir waren im Ganzen gegen achtzig Gefangene und wurden zu zwei und zwei rangirt; die Indianer bildeten das Seitenkorps und hatten, wie man uns zu verstehen gab, die Erlaubnis Jeden, der ans Reih' und Glied träte, niederznschießen und zu skalpiren. Die ersten paar Tage'kam es uns sehr sauer an, denn unser Weg war nichts anderes als ein indianischer Jagdpfad, so daß stich meine Füße bald in einem sehr schlimmen Zustand befanden; dabei mußten wir unter freiem Himmel kampircn und unsere einzige Nahrung bestand aus rohem Fleisch, da nirgends ein Kochgeschirr zu » Ein schottisches Korps. D. U. haben war. Den Soldaten ging'S nicht besser als uns selbst, nur hatten sie wenigstens volle Nationen. Unser Muuvvorrath wurde wahrscheinlich zu Wasser transportirt und an bestimmten Punkten ausgeschifft, venn je von zwei zu zwei Tagen berührten wir auf unserem Marsche das Seeufer, wo wir die Lebensmittel ohne Wache und sonstige Bedeckung am Strande vorräthig fanden und Mitnahmen, was während des ganzen Marsches auf diese Art fortgesetzt wurde. Im Depot angekommen, fand Mr. BogarduS und der Lootse ein Boot, dessen sie sich auch wirklich bemächtigten, um damit ihre Flucht auf dem See zu versuchen. Nach einer Abwesenheit von vierundzwanzig Stunden wurden sie aber durch einen Sturm an'S Land getrieben, wo sie einer Abtheilung Dragoner in die Hände sielen, welche Sir George Prcvost am Seeufcr hinab eskortirten. Wir fanden sie in einer Art von Schenke, wo der englische Gouverneur mit seiner Eskorte abgestiegen war und sie mußten nebst zwei Offizieren der amerikanischen Landarmee, welche die Indianer gefangen genommen hatten, abermals in unsere Reihen eintreten: der eine von diesen Offizieren hatte eine Wunde am Arme und Beide waren auf das Abscheulichste behandelt worden. Am Abend des Tags, da wir mit Sir George Prevost zusammengetroffen waren, kamen wir durch einen Weiler, in dessen Nähe das Nachtquartier aufgeschlagen wurde. Beim Eintritte rn's Dorf spielte die Wache den „Uankee-Dudel,* welchem als Schluß der „Spitzbubenmarsch" folgte. Während wir durch den Ort mar- schirten, erhielt ich Erlaubniß in ein Haus zu treten und dort um etwas Milch zu bitten. Die Frau des Hauses sagte mir, sie hätten uns schon seit zwei Tagen erwartet und ihre Milch ausdrücklich für uns aufgespart. Ich bekam so viel, als ich wollte, und noch obendrein einen kleinen Laib Brod; mehrere meiner Kameraden wurden auf gleiche Weise beschenkt. Die Einwohner schienen den Amerikanern * Ein Marsch, welchen der Spott der Engländer den Nordamerikanern als Nationalhymne andichrete, D. U. 120 sehr geneigt zu sehn, wie schon aus der sreundlichen Behandlung hervorging, welche sie uns zu Theil werden ließen, wie wir denn auch die Nacht auf der Flur einer Scheune zubringen durften. Der Schimpf, den man uns durch das Aufspielen des Spitz- LubenmarscheS angethan, hatte uns höchlich geärgert; Jack Reilly und ich entwarfen einen Plan, wie wir uns im Wiederholungsfälle dafür rächen wollten. Zwei oder drei Tage später, als wir wieder durch.eine Ortschaft marschirten, ging der Tanz von neuem los; ich, nicht faul, ergreife ein paar große Steine, renne damit auf den kleinen Tambour los und schlage ihm beide Trommelfelle ein, noch ehe er merkte, was ich eigentlich mit ihm Vorhalts. Jack reißt dem andern Knaben die Pfeife aus der Faust, welche rasch von Hand zu Hand weiter geht, bis einer von uns sie über ein Brücken- Geländer hinabwirft. — Von da an blieben wir mit aller und jeder Musik verschont nnd ich glaube in der That, daß die Offiziere sich über sich selber schämten, da mit keinem von uns ein Wort über die Sache gesprochen wurde. Nach einem mehrtägigen Marsche erreichten wir einen Weiler nicht fern von Kingston, wo ich eine große Menge Gänse erblickte, welche das Gelüste in mir erweckten, eine derselben zum Nachtessen zu haben, und ich schlug Maltet vor, wenn er die Gans braten wolle, so sep ich bereit, eine aus dem Haufen herauszufischen. Die Sache war sogleich abgemacht; ich nehme einen Prügel vom Boden auf, werfe ihn unter die Heerde, packe die getroffene Gans und laufe davon. Da höre ich meine Mitgefangenen mir zurufen, ich solle mich niederducken: ich, ohne zu wisse», woher mir Gefahr drohe, bücke mich rasch hinter einen Baumklotz und hatte in der That wohl daran gethan, denn zwei von den Indianern gaben Feuer auf mich — die eine Kugel schlug in den Baumklotz, die andere flog dicht über meinem Kopfe weg. Ein Milizoffizier kam nun herbeigaloppirt und trieb die Indianer zurück, welche schon auf mich zuliefen, vcrmuthlich um nach 121 meinem Skalpe zu sehen. Der Offizier verwies mir meine Handlungsweise, sprach aber dennoch mild und sogar freundlich mit mir. Ich stellte ihm vor, ich sey hungrig und müsse auch einmal wieder warme Speise haben. „Ihr begeht aber einen Raub," bemerkte er mir. „Nun wenn auch, so beraube ich jedenfalls einen Feind." „Das könnt Ihr nicht wissen — ebensowohl kaim'S auch ein Freund scyn," war seine bedeutungsvolle Antwort. „Desto besser," erwiederte ich, „dann wird er mir um einer GanS willen nicht gram werden." Als der Offizier das hörte, lachte er und fragte mich, wie ich die GanS zu braten gedächte. Ich sagte ihm, einer meiner Kameraden habe mir versprochen, dies Geschäft für mich zu besorgen. Er hieß mich nun mit der GanS wieder in Reih' und Glied treten und bei unserem nächsten Nachtmahl zu ihm kommen. Dies that ich und erhielt von ihm eine Pfanne, einige Kartoffeln, Zwiebeln u. s. w., woraus wir uns das erste — und ich darf wohl sagen auch das letzte — gute und wirklich schmackhafte Mahl bereiteten, das wir auf unserem ganzen Marsche bis Halifar in einem Zeitraum von mehreren Wochen zu genießen bekamen. Während Jack Maltet mit dem Braten der GanS beschäftigt war, trat ich, von einem wachhabenden Soldaten begleitet, hinter einen Bretterhaufen, auf dessen oberem Rande ich ein elfenbeinernes Lineal mit fünfzehn Pence * daneben liegen sah — in Feindes Land betrachtete ich dies als eine gesetzmäßige Prise und steckte daher beides zu mir. Für das Geld kauften wir uns etwas Brod; das Lineal wurde um eine halbe Gallone Rum verhandelt, so daß wir Alles zusammengerechnet eine recht lustige Nacht davon hatten. Zu Kingston wurde nicht Halt gemacht; nur die Indianer verließen unsere Eskorte. Der Marsch ging jetzt durch ein wohlgebautes Land; Milizen versahen den Dienst der Wachen: unsere " Fünfundvierzig Kreuzer nach unserem Geldc. D. u. 122 Lage wurde nun weit besser als zuvor. Die Einwohner des Landes behandelten uns sehr freundlich. Als wir in die Nähe der tausend Inseln gelangten, machte Mr. Bogardus mit dem Lootsen einen zweiten Entweichungsversuch, welcher diesmal auch wirklich glückte: wie sie es bewerkstelligten, weiß ich nicht, nur so viel ist mir bekannt, daß sie entkamen und mir später nie mehr begegneten. Uebrigens waren sie die Einzigen von uns allen, denen die Flucht wirklich gelang. Bei'm Long Sault^ wurden wir auf Booten eingeschifft, welche je mit zwei kanadischen Lootsen versehen waren: die Miliz blieb am Ufer zurück und wir flogen, wie die Lootsen behaupteten, mit einer Geschwindigkeit von neun Meilen in einer Viertelstunde, den Fluß hinunter. Am Fuß der Wasserfälle trafen wir eine neue Bedeckung, was ohne Zweifel zu unserer und zur Rettung der früheren geschehen war, damals aber als eine sehr grausame Maßregel von uns betrachtet wurde, da es uns vorkam, als ob sic uns einer Gefahr ausgesetzt hätten, welcher sie selbst ausweichen wollten. Seitdem habe ich erfahren, daß sogar reisende Damen diese furchtbaren Stromschnellen auf demselben Pfade zu passiren pflegen, was unter der Leitung geschickter Lootsen wenig oder gar keine Gefahr haben soll. Bei unserer Ankunft zu Montreal wurden wir in ein Gefäng« niß eingesperrt, wo wir drei Wochen lang blieben. In demselben Gebäude befand sich auch eine gefangene Amerikanerin, die aber größerer Freiheit als wir genoß und uns mannigfache Unterstützung angedcihen ließ, wie sie uns denn Seife und dergleichen, mir selbst Verbandzeug für meine Wunde schenkte und uns manchmal auch etwas zu essen überschickte. Ich konnte ihren Namen niemals erfahren und hörte blos, daß sie zwei Sühne in der amerikanischen Armee hatte, mit denen sie in Korrespondenz stand, was zuletzt entdeckt worden war. Zu Montreal blieben wir, wie gesagt, zwei bis drei Wochen, worauf wir nach Quebec geschickt und auf die für Gefangene bestimmten * Der obere Fall des Lorenzstromes. D. u. 123 Schiffe gebracht wurden, ich selbst mit dem größten Theil der Bemannung der Julia kam auf den „Lord Cathcart." Was man uns von Lebensmitteln verabreichte, war sehr schlecht, das Brod namentlich kaum zu genießen, so daß bald große Sterblichkeit unter uns einriß; Mr. Trant kam in'S geheim auf Besuch zu uns und brachte uns etwas Salz, damit wir für unsre Speisen wenigstens einige Würze hätten. Jack Maltet fragte ihn, ob nicht einige von uns an Bord eines hinter uns liegenden Transportschiffes gehen und Arbeit daselbst suchen dürften, um sich etwas bessere Nahrung zu verschaffen. Mr. Trant bejahte dies und wir durften nun unserer achte jeden Tag am Bord jenes Fahrzeuges arbeiten, wofür wir Lebensmittel und Grog als Bezahlung erhielten. Mit Sonnenuntergang kehrten wir jedesmal auf den Cathcart zurück und auf diese Art gelang mir's, ein zweites Hemd und ein Paar Beinkleider zu erwerben. So mochten abermals etwa vierzehn Tage verstrichen seyn, als die „Surprise,"* eine Fregatte von zweiunddreißig Kanonen, nebst einer Kriegsschaluppe einlief und nicht weit unterhalb der Stadt vor Anker ging. Beide Fahrzeuge schickten ihre Boote nach den Gefangenenschiffen, um sich daselbst nach frischer Bemannung umzusehen; nachdem sie dieselben untersucht hatten, kamen sie auch an Bord des Transportschiffs und da sie uns munter, wohlgenährt und ziemlich gut bekleidet sahen, erklärten sie uns alle für Engländer und transportirten uns an Bord der Fregatte, sogar ohne uns zu erlauben, von unseren Schiffskameraden Abschied zu nehmen. Die acht Matrosen, welche auf diese Art gepreßt wurden, bestanden aus fünf geborenen Amerikanern, einem Manne aus Mozambique, einem anderen, den ich allerdings für einen englischen llnterthan hielt, der aber schon lange in Amerika ansäßig war, und endlich aus mir selbst, dessen Ursprung dem Leser so gut wie mir selbst bekannt ist. * Die Ueberraschung. D. U. 124 Man fragte uns, ob wir an Bord der „Surprise" Dienste nehmen wollten, was wir sammt und sonders ausschlugen, worauf man uns aus dem Backdeck in enge Haft setzte und eine Schildwache zu unserer Beobachtung aufstcllte. Nach ein paar Tagen ging das Schiff unter Segel und wurde jenseits des Kaps Breton von einem schweren Sturm überfallen, der mit Schnee und Frost verbunden war und von dem die Mannschaft viel zu leiden hatte. Das Schiff wurde nur mit großer Muhe vom Lande abgehalten und wir Gefangenen trugen i»r Ganzen am meisten zur Rettung des Schiffes bei, obgleich ich glaube, daß der Schaden, welchen die Fregatte nahm, urspünglich von einem unserer Leute herrührte. An zweien von den Kanonen waren nämlich die Nnhalttaue abgerissen, so daß die Geschütze triftig wurden, als eben der Sturm seine höchste Höhe erreicht hatte: die ganze Mannschaft befand sich auf dem Verdeck; mit Erlaubniß unserer Schildwache gingen auch wir hinaus und banden die Geschütze mit Hängemattetüchern fest. Wir durften nun auf dem Verdeck umhergehen, dies dauerte aber nicht lange, denn kaum hatte der Sturm etwas nachgelassen, als wir auch sogleich wieder auf unsere Back hinabgeschickt wurden. Nachdem die Fregatte Halifax erreicht hatte, brachte man uns insgesammt au Bord des „Regulus," eines nach Bermuda bestimmten Transportschiffes, wo wir achte unter dem Vorwand, daß wir englische llnterthanen seyen, alsbald in Ketten gelegt wurden. Nach Verfluß von vier und zwanzig Stunden besuchte uns der Kapitän und erbot sich, uns die Ketten abnehmen und Schiffstraktament verabreichen zu lassen, wenn wir ihm Hehülflich seyn wollten, das Schiff nach Bermuda hinüberzubringen. Ich war seither immer der Meinung, daß wir bloß deßhalb in Ketten gelegt wurden, damit man uns diesen Vorschlag machen konnte. Wir berathschlagten zusammen und gaben endlich unsere Einwilligung in der Hoffnung, vielleicht eine Gelegenheit zu finden, 125 wo wir uns des Regulus, der nur einige Kanadier an Bord hatte und von dem Schooner „Pictou" eskortirt wurde, zu bemächtige» wüßten. Alsbald wurden wir nun zum Dienste verwendet und seit dem Untergänge des Scourge war dies das erstemal, daß ich wieder ein paar Schuhe an die Füße bekam. Der Leser kann sich leicht denken, daß ich im Hafen von Halifax dem sehnlichen Wunsche, mich nach dem Schicksale derer zu erkundigen, welche ich in jener Stadt zurückgelassen — nicht widerstehen konnte. Ich scheute nichts mehr, als entdeckt zu werden und fühlte dennoch ein fieberisches Verlangen, an's Land zu gehen. Die Art und Weise, wie ich diesen Wunsch durchsetzt-, so wie die Folgen, welche dies für mich hatte, werden im nächsten Kapitel klar werden. Achtes Kapitel. Hack Maltet wußte schon längst um die Geschichte meines Lebens, denn er war mein Vertrauter, da er ans alle meine Gefühle einging. In der Nacht, da wir auf dem Transportschiff zum Dienst verwendet wurden, gewahrten wir an der Seite des Regulus ein Boot, das uns bei dem dichten Nebel eine gute Gelegenheit zur Erfüllung meines sehnlichen Wunsches zu bieten schien. Jack und ich bcriethen uns mit einander und wir schlichen uns endlich uncntdeckt mit dem Boote davon. Ich ruderte geradenwegs gegen Mr. Marchinton'S Werste und fand mich mit Einemmale wieder in die Heimath versetzt. Die Gefühle, welche mich in jenem Augenblicke bewegten, will ich nicht zu schildern versuchen. Furcht, Unruhe, Hoffnung, natürliche Anhänglichkeit — Alles wogte in buntem Durcheinander. Vor Allem sehnte ich mich, meine Schwester zu sehen und fürchtete mich doch, mich so weit zu wagen. Ich kannte eine Familie, mit Namen Fraser, welche nahe am Strande wohnte, und zu der ich als alter Bekannter großes Ver- 126 trauen hegte; sie lebten in einer sehr achtungswcrthcn Stellung — der Herr des Hauses führte nämlich den Titel eines Richters — und standen mit den MarchintonS auf dem vertrautesten Fuße. An diese beschloß ich mich zu wenden und Jack sollte mir dabei Gesellschaft leisten. lieber die Art des Eintritts gerieth ich einigermaßen in Verlegenheit; klopfte ich an, so war vorauszusehen, daß der Diener mich in meiner gemeinen Matrosenkleidung gar nicht einlaffen würde — so öffnete ich also die Hausthüre ohne weitere Umstände, ging schnurstracks auf das Wohnzimmer zu und ehe noch irgend Jemand Zeit gefunden hatte, mich anzuhalten, war ich schon eingetreten, während Jack sich unter der Thüre vor Anker legte. MrS. Fraser saß mit ihrer Tochter auf einem Kanapee; der Hausherr war an einem Tische mit Lesen beschäftigt; mein plötzliches Erscheinen hatte sie überrascht und alle drei starrten mich schweigend an. „Um'S Himmels Willen, Edward, wo kommt Ihr her?" rief endlich Mr. Fraser. Ich erzählte ihm, ich sey in amerikanischen Diensten gestanden, gehöre aber nunmehr zu einem englischen Transportschiff, das am andern Morgen absegeln wolle und sey so eben an'S Land gekommen, um mich nach allen meinen Bekannten, besonders aber nach meiner Schwester zu erkundigen. Er theilte mir nun mit, meine Schwester habe geheirathet und wohne zu Halisar, Mr. Marchinton sey gestorben und habe sich ob meiner Flucht und meines vermeintlichen Todes, an den alle glaubten, sehr gegrämt. Er gab mir dann manch guten Rath für meine künftige Laufbahn und stellte mir ernstlich vor, wie viel ich durch meine früheren Mißgriffe eingebüßt hatte; besonders lag er mir an, mein adoplirtes Vaterland zu verlassen und in Halifax zu bleiben. Er erbot sich, mir einen Diener mitzugeben, der mir das Haus meiner Schwester zeigen sollte; ich wollte aber meine 127 Anwesenheit nicht allgemein bekannt werden lassen und bat, meinen Besuch geheim zu halten, da ich mich schämte, mich in so ärmlichen Verhältnissen sehen zu lassen. Jack Mallet und ich wurden nun mit Wein, Kuchen und sonstigen feinen Sachen auf's Beste bcwirthet; Mr. Fraser gab mir eine Guinee und seine Frau drückte mir beim Abschied eine Pfundnote in die Hand, indem sie mir zuflüsterte: „Ich weiß, wovor Ihr Euch fürchtet; ich werde aber Harriet von Eurem Besuche erzählen — sie wird ihn sicherlich geheim halten." Ich weilte ungefähr eine Stunde im Kreise dieser trefflichen, achtungSwerthen Familie, welche mich mit Beweisen von Güte überhäufte; beim Abschied ließ ich sie auf dem Glauben, daß wir am nächsten Morgen absegeln würden. Bei unserer Rückkehr fanden wir, daß Niemand um unsere, Abwesenheit wußte; wie denn auch später von der Benützung des Boots niemals ein Wort gesprochen worden ist. Der Regulus lief übrigens erst zwanzig Stunden später in See, ohne daß ich abermals mit dem Ufer in Verkehr getreten wäre; mit uns segelte noch ein zweites Transportschiff — beide unter der Bedeckung des „Pictou." Während der ganzen Ueberfahrt ließen wir acht Gefangene keine Gelegenheit aus den Augen, uns im günstigen Falle des Schiffes zu bemächtigen; wir wurden aber scharf bewacht, denn neben den Kanadiern, dem Steuermann und seinem Mate führten wir noch einen Lieutenant mit seiner Bootsmannschaft an Bord: alle Waffen hatte man versteckt und nicht bas Geringste übrig gelassen, was wir im Falle einer Meuterei hätten benützen können. Wir mochten etwa die Hälfte unserer Fahrt überstanden haben, als sich ein frischer Wind erhob; das Schiff stand unter doppelt gerefften Marssegel», ich selbst am Luvrad, einer der Kanadier an dem der Leeseite, Mallet war auf den Besahnrusten des Luv- d. h. 128 des Backbords beschäftigt und jeden Augenblick zu meinem Beistände bereit. In diesem Augenblick kam der Pictou gegen unser Lee gelaufen und befahl uns, die Nacht über ein Licht auf unserem Schiffe aufznstecken; seine eigenen Masten schwankten dermaßen, daß er selbst keines führen konnte, weßhalb sein Kommandant wünschte, daß wir unser Marslicht brennend erhielten, welchem er sodann nahe bleiben wollte, statt daß wir bisher in seinem Kielwasser gesteuert hatte». Der Schooner kam ganz dicht heran und der Wind blieS heftig, als ich Maltet plötzlich rufen hörte: „Jetzt ist Deine Zeit gekommen, Ned. Steuer auf und frisch hinein. Ein paar tüchtige Wogen und er ist in Grund gesegelt!" Er sagte dies so laut, daß man jedes Wort vernehmen konnte; zum Glück aber hatten alle auf dem Verdeck ihre Aufmerksamkeit auf den Schooner gerichtet und der Kanadier neben mir verstand kein Englisch. So stellte ich also das Steuer hart auf und Maltet sprang inucrbords. Das Schiff fiel rasch ab; doch kaum hatte der Lieutenant, der an unserem Bord die Aufsicht führte und eben in jenem Augenblicke mit seiner Frau auf der Hüttcntreppe stand, meine Wendung bemerkt, als er blitzschnell herbeirannte, mir einen tüchtigen Hieb versetzte und das Steuerruder mit eigener Hand hart niederstellte. Dies rettete den Pictou, doch nicht, ohne daß ein gewaltiges Geschrei an seinem Bord entstanden wäre; auch des Lieutenants Frau kreischte laut auf und eine Minute lang war nach allen Seiten nichts als der fürchterlichste Lärm zu vernehmen. Als der NegnluS beiluffte, streifte sein Klüverbaumende dicht an der Tackelage des Pictou vorüber und man hätte ganz leicht vom Schiff auf den Schooner hinüberspringen können, so dicht legten sich beide Fahrzeuge neben einander — nur noch eine Minute und wir hätten Seiner Majestät Schooner in Grund gesegelt, nicht anders als ob ein Dampswagcn über einen Kürbis hingesaust wäre. 129 Wir wurden alsbald von dem Lieutenant verklagt und sammt und sonders wieder in Ketten gelegt. Ich beschränke mich hier rein auf Erzählung der Thatsachen; die Beurtheiluug der Necht- mäßigkeit unseres Verfahrens will ich anderen überlassen, wobei man sich übrigens erinnern muß, daß Jack^ zu jener Zeit eine tödtliche Feindschaft gegen alle brittischen Kriegsschiffe hegte, welche ihrerseits nur gar zu geneigt waren, Alles, was sie auf hoher See antrafen, ihrer Herrschaft zu unterwerfen. Strenge Moralisten mögen mir allerdings entgegenhalten, wir hätten uns gegen den Kapitän deS Regulus durch einen Vertrag verbindlich gemacht, ihm während der Ueberfahrt nicht feindlich gegenübertreten zu wollen; dagegen aber kann ich erwicdern, daß wir nicht ihn, sondern den Pictou angriffen. Wir hatten freilich — wie ich nicht läugnen will — die Absicht, uns in der Verwirrung des Regulus zu bemächtigen; hätten wir übrigens als Gefangene eine bessere Behandlung erfahren, so wären wir wahrscheinlich nicht so feindselig gesinnt gewesen. Das war'S aber gerade — so bald wir nicht arbeiteten, wurden wir auf's Schlechteste behandelt und wenn einmal ein gemeiner Matrose auf diese Art in die Enge getrieben wird, so Pflegt das Gefühl bei ihm die Stelle des Verstandes zu vertreten. Wir durften auch nicht mehr frei auf dem Regulus umhergehen und daran thaten die Engländer wahrlich sehr wohl, denn Jack Mallet besonders war ein Mann, der seine Schiffskameraden fast zu jeder Unternehmung zu überreden vermochte. Kaum war unser Schiff vor Bermuda vor Anker gegangen, als dem „Goliath," einem rasirten Kriegsschiff, durch ein Signal bedeutet wurde, daß er ein Boot herbei schicken sollte, auf welchem wir nach jenem Schiffe — einem Kreuzer, der am nächsten Morgen auslaufen wollte — transportirt wurden. Man vertheilte uns auf dem Schiffe und befahl uns an die Arbeit zu gehen — Alles offenbar in der Absicht, uns in dem ungeheuren Magen der britischen * Darunter versteht «er Verfasser im Allgemeinen den amerikanischen Matrosen. D. U. Ned Mtzcrs. 9 130 Marine zu begraben. Wir verweigerten aber einstimmig unsere Dienste, denn als geborene Amerikaner waren die Meisten von uns verdammt kecke Bursche. In dieser Lage blieben wir etwa vierzehn Tage, die wir größtentheils mit allerlei Spielen und Possen zubrachten, wobei wir unsere zinnernen Flaschen um den Hals geschlungen hatten, und trieben es mit unserer Hartnäckigkeit so weit, daß die Schiffsmannschaft uns schon als ächte Johnny Raw'S^ auszulachen anfing, was aber die alten Matrosen besser verstanden, die sich u»S auf jede Weise freundlich erzeigten und uns mit Kleidern, Ertragrog u. dgl. unterstützten. Auch die Offiziere behandelten uns im Ganzen ziemlich gut, wie denn keiner von uns je die Peitsche erhielt oder auch nur mit der Laufplanke bedroht wurde. Endlich entschlossen sie sich zu einer Aenderung ihres Planes. Der Hochbootsmann wurde gefragt, ob wir uns bis jetzt zu irgend einem Dienste verstanden hätten und auf seinen verneinenden Bericht wurden wir auf das untere Kanonendeck hinabgeschickt, unter die Obhut einer Schildwache gestellt und von Neuem von „sechs aus vier" gesetzt. Dies dauerte so lange, bis das Schiff nach einer sechswöchigen Kreuzfahrt wieder im Hasen von Bermuda einlies. Der „Goliath," ein alter rafirter Vierundsiebziger, war nicht wohl länger zum Dienste tauglich und wurde auch bald daraus nach England zurückgeschickt. Bon unserer Schotenwand hinter der Osfizierskajüte hörte ich die Herren öfter den Wunsch äußern, auf ein von Kommodore Nogers befehligtes Schiff, den „Präsident" zu stoßen, den sie leicht zu überwältigen hofften. Ob sie dies wirklich vermocht hätten oder nicht, kann ich nicht wohl behaupten; eines Tages aber hörte ich einen ältlichen Herrn recht vernünftig über die Sache sprechen, und dieser, ohne sich über den glücklichen »der unglücklichen Ausgang eines solchen Kampfes auSzulaffen, hielt es seinerseits jedenfalls für'S Beste, wenn sie mit einer so elenden » Brummbären. D. U. Mannschaft, wie der Goliath sie beherbergte, nun und nimmermehr mit einem feindlichen Fahrzeuge zusammenträfen. Auf der Rhede von Bermuda trafen wir den „Namilies," Sir Thomas Hardy. Dieses Schiff sandte ein Boot ab, welches uns an Bord des „Ardcnt",^ eines Vierundscchzigers brachte, der damals als Gefangcnenschiff gebraucht wurde. Eine Woche vor unserer Ankunft war es einem amerikanischen Midshipman gelungen, sich eines Bootes zu bemächtigen und ganz allein von Bermuda nach Kap Henry zu fliehen. ^ In Folge dieses ungewöhnlichen Vorfalls wurde ein scharfes Augenmerk auf alle Boote gerichtet, was unsere Plane, auf dieselbe Art unser Heil in der Flucht zu versuchen, zu Nichte machte. Auf dem Ardent trafen wir nur vier Amerikaner; eine Woche später stießen aber drei weitere Gefangene zu uns, welche sich am Bord englischer Kriegsschiffe als geborene Amerikaner gemeldet hatten. Einer derselben, mit Namen Bailcy, hatte vierzehn Jahre in englischen Diensten gestanden; er war ursprünglich gepreßt und der Paß vor seinen Augen zerrissen worden. Er stammte aus Connecticut, hatte sich beim Beginn des Kriegs als Amerikaner angegeben und drei Dutzend Peitschenhiebe davon getragen; dann kam er auf die Station Halifax, wo er sich abermals meldete und drei weitere Dutzend Hiebe erhielt, worauf man ihm das Hemd über den Rücken zog und ihn ohne Weiteres nach Bermuda herüberschickte. Sein Hemd wie seinen Rücken habe ich mit eigenen Augen gesehen und Bailey sagte, er werde Letzteres aufbewahren und mit sich in's Grab nehmen. — Seinen beiden Kameraden, Bradbury und Patrick, war es beinahe eben so schlimm ergangen, auch ihre zerfleischten Rücken habe ich gesehen und gebe hier ihre Geschichte ganz wie » Des »Glühenden." D. U. " Dieser hinge Offizier hieß King (König). Bei dem Untergänge des von Lieutenant Madison befehligten Lynx fand auch er den Tod in den Wellen. D. Herausg. 132 sie selbst mir sulche erzählten. Wally und Brabbury wurden so zeitig entlassen, daß sie die „Konstitution" noch frühe genug erreichen und die letzte Kreuzfahrt , welche diese im letzten Kriege bestand, daselbst mitmachen konnten; ich traf später wieder mit Bradbury zusammen, welcher dieses Umstandes gegen mich erwähnte. Es ist immerhin gut, derlei Dinge bekannt werden zu lassen, denn ich glaube, daß die englische Nation eine solche Behandlung der Gefangenen keineswegs billigen würde, wenn ihr die Kunde davon zu Ohren käme. Es ist schlimm genug, wenn man gezwungen wird, eines fremden Landes Schlachten zu schlagen — einen Menschen aber vollends zu peitschen, weil er nicht gegen seine eigenen Landsleute fechten will, das ist tyrannisch. Ich selbst zum Beispiel war allerdings von deutschen Eltern ans englischem Gebiete geboren; Amerika war aber von jeher das Land meiner Wahl und fast noch ein Kind entschloß ich mich unter der amerikanischen Flagge zu segeln; hatte mein Vater nun auch ein Recht, dadurch, daß er bei der englischen Krone in Dienste trat, aus seinem Sohn einen Engländer zu machen, so stand mir, glaub' ich, eben so gut die Befugniß zu, Stand und Nation nach Belieben zu wählen, nachdem er mich ohne Rath noch Hülfe ganz allein mir selbst überlassen hatte. Wir hatten drei Wochen auf dem Verdeck zuzubringen, bis wir acht Gefangenen an Bord des Ramilics verseht wurden, um als Engländer, welche gegen ihren König gcfochten hatten, verhört zu werden. Die Untersuchung wurde an Bord der „Asia," eines Flaggenschiffs von vierundflebenzig Kanonen geführt; für die Zeit ihrer Dauer hatte man uns aber auf dem Ramilics eine Unterkunft angewiesen. Sir Thomas Hardy unterhielt sich mehrere Mal mit mir auf dem Quarterdeck, wie er denn überhaupt viel Güte an den Tag legte; er fragte mich, ob ich in Wirklichkeit ein Amerikaner sey, worauf ich ihm, jeder unmittelbaren Antwort ausweichend, erzählte, daß 133 ich in New-Jork bei Mr. Barker in der Lehre gestanden, was in gewissem Sinne auch richtig war, da Mr. Barker der Agent des Sterling gewesen war und um meinen Lehrlingskontrakt wissen mußte. Ich hatte seiner und nicht Kapitän Johnston's erwähnt, weil ich glaubte, daß er Sir Thomas Hardy eher bekannt seyn dürfte, was dieser auch wirklich bestätigte, da ich sogar von einer Verwandtschaft zwischen beiden sprechen hörte. — Dies hieß, wie stch später herausstellte, den Anker nach der Luvseite auswerfen. Das Verhör auf der Asta hatte schon zwei Tage gedauert, bevor ich in die Kajüte gerufen wurde. Ich war sehr erschrocken und wußte kaum, was ich that und sagte; es ist auch grausam, arme Matrosen bei solchen Gelegenheiten ganz ohne Rath zu lasten, obgleich die Offiziere gegen mich, und ich glaube gegen alle meine Kameraden, sehr freundlich und schonend verfuhren. Beim Eintreten gewahrte ich mehrere Offiziere, welche alle in Uniform waren und um einen Tisch herumsaßen; der Herr, welcher den Vorfitz führte, war, wie es hieß, Sir Borlase Warren, der Admiral der Station. ^ Dem sey übrigens wie ihm wolle, jedenfalls mußte er meine Angst bemerkt haben, denn er drehte sich in seinem Stuhle nach mir um und sagte: „Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, mein Mann; wir wissen wer und was Ihr seid: doch kann Eure LehrlingSzeit von großem Nutzen für Euch werden." Dies geschah jedoch erst, nachdem Sir Thomas Hardy die Geschichte meiner Lehrzeit in Jakob Barker'S Diensten vor Allen in der Kajüte wiederholt hatte; darauf wies man mich an, mittelst eines der weiß angestrichenen schwedischen Fahrzeuge, die zwischen New-Bork und * Wenn dies wahr ist, so kan» eS kein Kriegsgericht, sondern bloS ein einfaches Verhör gewesen sehn, da Sir John Borlase Warren als oberster Befehlshaber nicht wohl an einem von ihm selbst niedergesetzten Gerichte Theil nehmen konnte. D. HerauSg. 134 Bermuda hin- und hergingen, eine Abschrift meines Lehrlingskontraktes herbeizuschaffen, was ich noch an demselben Tag besorgte. Ich mochte im Ganzen eine halbe Stunde in der Kajüte der Asia zugebracht haben und fühlte mich nicht wenig erleichtert, als ich die Thüre endlich hinter mir sah. Die Richter hatten noch in meiner Gegenwart beschlossen, mich nebst den übrigen Gefangenen, die auf dem Regulus angekommen waren, wieder an Bord des „Ardent" zu schicken. Nach unserer Rückkunft auf den „RamilieS" hatte ich eine abermalige Unterredung mit Sir Thomas Hardy, dem, wie ich seither immer gedacht habe, meine Geburt, so wie der Umstand, daß ich des Prinzen Edward Pathe war, nicht unbekannt seyn mochte. Allem Anschein nach wünschte er sehr, mich in brittische Dienste übertreten zu sehen, weßhalb er mir sogar die Aussicht auf Beförderung eröffnete; ich aber widerstand muthig allen diesen Lockungen, wie ich aus Pflichtgefühl um meiner selbst willen gestehen muß. Ich glaube kaum, daß Amerika unter allen seinen Dienern ein treueres Herz besaß, als das meine; ja, selbst ein brittischeS Offizierspatent würde mich schwerlich geblendet haben. — Ich bin jetzt ein alter krüppelhafter Vetcrane und habe von diesem Bekenntnisse nichts mehr zu hoffen; da ich aber entschlossen bin in Allem die Wahrheit zu sagen, so soll sie auch gesagt werden, ob sie nun für oder gegen mich sprechen möge. Wir wurden nun auf den Ardent zurückgeschickt, wo wir abermals drei bis vier Wochen zubrachten. Während dieser Zeit langten unsere Papiere aus New-Dork an, worunter sich auch eine Abschrift meines Lehrbriefs nebst einer Summe von zehn Dollars befand, welche Sir Thomas Hardy für mich beigelegt hatte. Bon jetzt an wurde von uns Achten keiner mehr als Engländer betrachtet, vielmehr behandelte man uns alle wie Kriegsgefangene. Unsere Zahl mehrte sich auffallend rasch, bis sie auf vierhundert gestiegen war, so daß ein Theil von uns von dem Ardent auf einen alten Zweidecker von vier und vierzig Kanonen, welcher 135 dcn Namen „alter Nuby" führte, versetzt werden mußte. Die Mehrzahl der Gefangenen bestand aus Kapern; neben dem zählte man einige wenige Soldaten und mehrere Bürgersleute, welche in der Chesapeake Bai anfgefangen worden waren. Ehe wir Bermuda verließen, langte noch die Bemannung einer französischen Fregatte, nahe an vierhundert Köpfe stark an — so daß die ganze Zahl der Ge» sangenen auf dem Ardent sich wohl auf achthundert Mann belaufen mochte, welche alle auf einem Verdeck zusammen gestaut waren — man kann sich denken, wie ich mich freute, als ich endlich diese Häringspreffe verlassen durfte. Bald nach der Ankunft der französischen Gefangenen wurden vierhundert von uns Amerikanern auf Transportschiffe geladen und von dem RamilieS nach Halifax eskortirt. Ein paar Tage nachdem wir ausgelaufen waren, stießen wir auf einen amerikanischen Kaper, einen kecken Burschen, der uns mehrere Tage lang fortwährend umschwärmte, sich öfter bis auf Schußweite heranwagte und Segel und Spieren mit größter Gewandtheit handhabte, so daß Sir Thomas Hatdy, aus Besorgniß, er könnte eines der vier Transportschiffe abfangen, sämmtliche Gefangene auf den RamilieS versetzte, wo wir bis an's Ende unserer Fahrt verblieben. Als der RamilieS zu Halifax einlicf, sah er sich ganz allein, die vier Transportschiffe waren verschwunden; zwei derselben langten später an, die beiden andern mochten wohl von jenem unternehmenden Kapersmann erobert worden seyn. Im Anfang wurde den Gefangenen an Bord des RamilieS große Freiheit «erstattet, denn Sir Thomas Hatdy pflegte die Amerikaner bei jeder Gelegenheit gut zu behandeln; ein Theil seiner Marinetruppen war auf dem Hüttendeck, ein anderer auf dem Vorkastell aufgestellt, auch die Schiffsmannschaft trug Waffen, — dies war aber Alles, was er von Vorsichtsmaßregeln für nöthig hielt. Die gute Gelegenheit verlockte einige unserer Leute zu dem Plan, einen Aufstand anzuzettcln, um sich des Schiffes zu 136 bemächtigen; einige Kaperoffiziere standen an der Spitze des Komplotts, welches unter anderen auch mir gleich Anfangs mitgetheilt wurde. Die meisten Gefangenen wußten um den Plan und jeder schien sich mit dem besten Willen bei der Sache zu betheiligcn. Unsere Absicht ging dahin, am Schluß der zweiten Hundswache loszuschlagen, die Bemannung zu überfallen und das Schiff nach unserer eigenen Küste zu führen; sollte es uns nicht gelingen, die Blokadegeschwader zu durchbrechen, so wollten wir unsere Prise auf den Strand laufen lassen. Die Mannschaft des RamilieS war uns zwar an Zahl fast um die Hälfte überlegen und überdieß mit Waffen versehen; wir rechneten aber auf die Wirkung einer Neber- raschung und einigermaßen auch auf die Stimmung der englischen Matrosen, welche in der Regel froh wären, wenn sie sich nur ihrem eigenen Dienste entziehen konnten. Wäre der Plan zur Ausführung gekommen, so glaube ich nach dem, was ich unter der Mannschaft beobachtete, daß wir es hauptsächlich nur mit den Offizieren und den Marinesoldaten zu thun gehabt hätten. Die Berrätherei eines der Komplottirer ließ übrigens die Verschwörung nicht zum Ausbruch kommen; wir wurden Plötzlich in die Kabelbacks und unter die Waffersäffer gesteckt, wo wir von den auf den Flügeln postirten Schildwachen auf's schärfste beobachtet wurden; später durften wir nur einzeln je unter Begleitung einer Schildwache auf's Verdeck heraufkommen. Als Sir Thomas uns diese Aenderung in seiner Behandlungsweise ankündigte, schalt er uns nicht einmal wegen unseres Vorhabens, sondern sprach mild und vernünftig mit uns und stellte uns die Nothwendigkeit dessen vor, was er gethan hatte. Ich glaube bestimmt, daß er, wenn wir das Schiff erobert hätten, gleichwohl nicht die mindeste Kränkung erfahren haben würde, denn alle unsere Leute priesen ihn wegen der Behandlung, welche er uns, so lange wir unter seinen Befehlen standen, zu Theil werden ließ. Ehe wir in den Kielraum hinabgeschickt wurden, sprach Sir 137 Thomas abermals mit mir über meinen Uebertritt in englische Dienste; es war ihm voller Ernst damit und er machte mir wahrhaft väterliche Vorstellungen. Allein ich war entschlossen, nicht nachzugeben. England liebte ich nicht und hatte mich dagegen mit ganzem Herzen Amerika gewidmet; daß ich zu Quebec geboren worden, war eine Thatsache, welche ich nicht verschuldet hatte, da ich aber einmal unter amerikanischer Flagge in Dienste getreten und Jahre lang derselben treu geblieben war, so konnte ich mich um so weniger entschließen, zum Feinde überzugehen. Zu Halifax wurden unserer fünfzehn bis zwanzig, darunter auch wir acht von der Julia zur Auswechslung auf Lord Anson'S Schiff, den „Centurio" von vier und vierzig Kanonen versetzt. Dort fanden wir etliche dreißig Gefangene, welche, wie wir selbst, zum Austausch bestimmt waren^ sie schienen aber keine Fockmastmatrosen, sondern eher Bürgersleute vom Küstenlands zu seyn. Wir wurden übrigens gut behandelt und hatten freien Laufpaß auf dem ganzen Schiff; zwar waren wir gleich den übrigen Gefangenen auf zwei Drittelsrationeu gesetzt, allein unser eigenes Land versorgte uns mit kleinem Proviant, mit Ertrabrod und Fleisch, so daß wir uns, was Verpflegung betraf, als wahre Könige unter den Matrosen vorkamen. Nach Verfluß von drei Wochen wurden wir acht vom Ontario See nach der Melville Insel, an den eigentlichen Herd der Gefangenen, transportirt. Den Grund dieses Hin- und Hereskortirens vermag ich nicht anzugeben und weiß nur so viel, daß der Schließer beim Zuriegeln des ThoreS uns bemerkte, wir hätten eine Heimath erreicht, welche wir wohl schwerlich vor Beendigung des Kriegs verlassen würden. Die Insel Melville hat mehr als eine Meile im Umfang und ist von niederen, felsigen Ufern eingeschloffen; sie liegt ungefähr drei Meilen von Halifax entfernt, kann aber von dort aus nicht gesehen werden. Mit dem Festlande ist sie durch eine Brücke ver- 138 blinden, welche in einer Breite von etwa einer Viertelmeile über den dortigen McereSarm führt. In der Mitte der Insel erhebt sich eine Anhöhe, welche die ganze Umgegend beherrscht und von einer Garnison, nebst einigen Stücken Geschütz besetzt war; ein zweiter Posten am Festlande hatte gleichfalls die Kaserne der Gefangenen im Auge. Diese Kaserne bestand aus gewöhnlichen hölzernen Gebäuden, welche nach der Insel hin durch eine starke steinerne Mauer, auf der Seite des Festlandes aber durch sehr hohe, offene Pallisaden eingeschloffen und natürlich von einer ziemlich starken Wache besetzt waren. Als ich durch das Thor Paffirte. hieß cs, die Insel beherberge gegen zwölfhundert Amerikaner, worunter auch einige Franzosen, die zuin Theil zu der Mannschaft jenes Schiffes gehörten, welches damals, als ich Halifax zum erstenmal verließ, also vor mehr als acht Jahren, unter dem Namen Ville äo lUilan von den Engländern genommen worden war. Das war allerdings kein sehr erfreulicher Umstand, denn auf diese Art gewann der Ort ganz das Aussehen, als ob er einem armen Teufel, wie mir, auf ewig zum Aufenthalt bestimmt seh. Man fand hier Soldaten, Matrosen, Küstenfahrer, alles durch einander und auch in der Behandlung war kein Unterschied zu bemerken. Diese war für ein Gefängniß gut zu nennen; von England bekamen wir natürlich uur Zweidrittelsrationen, unser Vaterland trug aber Sorge, den Unterschied ebenso wie auf bem Centurio auszugleichen. Man hatte für die Gefangenen eine besondere Tracht eingeführt, nämlich das eine Bein gelb, das andere blau u. s. w.; wir ließen uns dies aber nicht gefallen, sondern wußten es durch unsere Agenten so einzurtchten, daß wir Beinkleider und Jacke von derselben ächten alten Farbe erhielten. Die armen Franzosen nahmen sich in ihrer Kleidung aus, wie Pfauen; wir beneideten sie aber keineswegs um ihren Putz. Ich mochte etwa vierzehn Tage auf der Insel gewesen seyn, als ich durch Jack Mallet erfuhr, daß eine Frau — wie er glaubte, 139 meine Schwester — mich am Thore erwarte. Jack kannte meine ganze Lebensgeschichte und war durch die Aehnlichkeit, welche zwischen mir und der Person, welche nach mir gefragt statte, herrschen sollte, auf diesen Gedanken gerathen. Ich weigerte mich aber an's Thor zu gehen und nach der Besucherin zu sehen; Jack wurde mit dem Aufträge zurückgeschickt, das Frauenzimmer glauben zu machen, daß ich auf Bermuda zurückgeblieben fest; zugleich sollte er einige Winke fallen lassen, daß es besser wäre, wenn sie meinen Namen gar nicht erwähnte und nie mehr zum Besuche hierher käme. Jack that, wie ich ihn gebeten hatte und ich suchte mir ein Plätzchen, von wo ich die Frau beaugenscheinigen konnte. Trotzdem daß sie jetzt schon verheirathet war und einen Knaben bei sich hatte, erkannte ich sie auf den ersten Blick und mein Herz hätte mich beinahe zu einer Schwäche hingerissen, besonders als ich sie gar noch weinen sah. Sie verließ endlich das Thor und wandte sich nach den Wällen, von wo sie in den Hof der Gefangenen herabsehen konnte; dort blieb sie eine ganze Stunde lang, als ob sie sich mit eigenen Augen von der Wahrheit dessen überzeugen wollte, was Jack ihr vorerzählt hatte — allein ich hütete mich wohl, mich vor ihr blicken zu lassen. Da ich wußte, daß nur wenig Hoffnung auf eine Auswechslung der Gefangenen vorhanden war, so begann ich nach und nach auf Mittel zur Flucht zu sinnen. Jack Maltet konnte nicht an'S Schwimmen denken, denn er war zu Bermuda mit knapper Noth dem Waffertode entronnen und hatte Rheumatismus und Krämpfe davon getragen, die ihm eine Theilnahme an unser» Planen unmöglich machten; ich aber hatte seit jener Nacht, wo der Untergang des Scourge mich in Lebensgefahr gebracht, die wichtige Kunst des Schwimmens mit ziemlicher Geläufigkeit gelernt. Zur Beförderung meiner Flucht bedurfte ich aber Geld, und Jack und ich berath- schlagten mit einander, wie ich mir solches verschaffen könnte; die zehn Thaler, die ich von Sir Thomas Hardy erhalten, hatte ich noch immer aufgespart und beschloß nunmehr mich auf Geldoperationen zu legen und einige Dividenden an einem Würfelbrett, einer Pharaobank und einer Quinotascl ^ einzukaufen. Auch verwendeten Jack und ich ein Kapital von drei Thalern zur Etablirung eines Kramladens, worin geräucherte Häringe, Pfeifen, Taback, Cigarren, Sprofsenbier und hie und da auch etwas Jamaikarum verkauft wurde, wenn sich nämlich Gelegenheit zum Einschmuggcln desselben darbot. Die Zahl der Gefangenen wuchs unterdessen »üt jedem Tag, bis das Gefängniß zuletzt ganz überfüllt war und ein Theil davon nach England abgeschickt wurde. Von der Mannschaft der Julia kam übrigens nur einer fort, während alle übrigen auf der Insel Melville beisammen blieben, ohne daß ich mir einen Grund hiefür anzugeben wußte. Ich kann nicht eben sagen, daß wir unser Geld schnell und leicht verdient hätten; von jedem Schilling, der im Würfeln gewonnen wurde, erhielten wir einen Groschen; der gleiche Antheil traf uns bei'm vinxt-et-un, wie bei den übrigen Spielen und erst als neue Karten ankamen, sahen wir unfern Gewinn etwas höher steigen.— Dieß Alles war sehr Unrecht, wie ich jetzt wohl weiß; allein damals machte ich mir darüber sehr wenig Unruhe; jetzt würde ich mich freilich nicht mehr zu solchen Dingen hcrgebcn, selbst wenn ich abermals eine Flucht von der Melville Insel dadurch bewerkstelligen könnte; aber der Mensch kann niemals wissen, wie weit das Unglück ihn zu treiben vermag. Einer von den amerikanischen Gefangenen — ein Soldat soll'S gewesen seyn — begann gar spanische Thaler nachzuprägen, und die meisten von uns waren ihm behülflich, sie in Umlauf zu setzen, wie ich zu meiner Schande gestehen muß. Wir hielten es für kein Unrecht, die Leute in den Schenkbuden zu betrügen, da wir wußten, daß auch sic uns auf jede Art zu prellen suchten. So * Ned meint wahrscheinlich ein Loltospicl. D. u. war die Moralität in den Kriegsgefängniffe» beschaffen; ich unter- lasse jeden Versuch etwas zu ihren Gunsten zu sagen, muß aber gestehen, daß die Theilnahmc an den SpieletabliffementS mein Gewissen weit mehr beunruhigte, als der Vorwurf, daß ich schlechten Rum mit schlechtem Geld bezahle. Das Falschmünzergcschäft fand jedoch bald sein Ende, denn als einige Offiziere die Thaler beim Wetten in die Höhe warfen, zerbrach einer davon und bei weiterer Untersuchung fand sich'S, daß der größere Theil des in Umlauf befindlichen Geldes unächt war. Die Schenkwirthe sollen beim Sturze ihrer Kaffen gegen vierhundert falsche Thaler gefunden haben, von denen viele ihren Weg nach Halifax nahmen. Mein Handel dauerte den ganzen Winter von 1813 auf 1811, bis ich endlich im Merz die Summe von achtzig französischen Kronen gewonnen hatte — auf Dollars hatte ich mich nämlich der Geldverfälschung halber gar nicht eingelassen. Das Eis fing an allmählig zu brechen und einige meiner Kameraden, welche den ganzen Winter über die Sache besprochen hatten, begannen nun ernstliche Plane §ur Flucht zu entwerfen. Meine Mitverschworenen waren ein Mann, Namens Johnson, der auf einem Kaper, „der Snapdragon" * gefangen worden war, ferner ein Irländer, mit Namen Littlefield, und Barnet, der Gefangene aus Mozambique, so daß wir gerade viere zählten. Es war noch zu Anfang des Monats, als wir unfern Versuch machten. Unsere Fenster waren hoch und mit senkrechten, stark verrosteten Eisenstäben ohne Querbarren eingeschloffen; Glasscheiben hatten wir nicht, wohl aber Fensterläden, die wir ganz leicht öffnen konnten. Außen vor dem Hause standen die Schildwachen und von dem Gefängniß bis zum User hatten wir zwei Reihen Pfähle zu pafsiren. Ich band meine Kronenthaler in einem Gürtel um den Leib; ' Schnappdrache. D. U. 142 ein zweiter Gurt oder Schlauch war mit Rum gefüllt, einmal um mich im Wasser flott zu erhalten und dann auch um mir am Lande zur Erquickung zu dienen. Dazumal hielt ich den Rum für eine der wichtigsten GottcSgaben, während ich ihn jetzt als eines der grüßten Nebel betrachte. Meine Begleiter versahen sich gleichermaßen mit Geld und Rum, doch war keiner so reich wie ich; meinen Freund Mallet und Leonard Lewiö hatte ich für den Fall, daß ich entkäme, zu meinen gesetzlichen Erben, wenn ich aber wieder ergriffen würde, zu meinen Verwaltern eingesetzt. Lewis war ein junger Mann von besserer Familie, als die meisten anderen Gefangenen, und, mir schien, daß irgend ein Unglück ihn auf die See getrieben haben mußte; er hatte eine sehr schwächliche Gesundheit und schien nicht zu einem langen Leben bestimmt zu seyn. Er hätte von Herzen gern an unserem Versuche Theil genommen, war aber nicht kräftig genug, um die Anstrengung zu ertragen, die uns, wie wir wohl wußten, bevorstand, bis wir erst klar seyn konnten. Die Nacht, die wir uns zur Flucht auswählten, war so kalt, finster und unheimlich, daß sich alle Posten in ihre Schilderhäuser zurückgezogen hatten, wozu überdieß noch ein heftiger Regen kam. Sobald die Lichter ausgelüscht waren, (was um acht Uhr geschah) schlangen wir die Taljereeps unserer Hängmatten um zwei von den Fcnsterstäben; ein Scheit Holz diente uns als Hebel und ließ sich mit leichter Mühe zwischen die Barren einzwängen, so daß eine Oeffnung entstand, welche uns ohne Schwierigkeit durchzuschlüpfen erlaubte. Jack Mallet und die andern zurückbleibenden Freunde bogen später die Stäbe wieder gerade, weßhalb die Wächter sich nicht zu erklären vermochten, wie wir denn eigentlich entkommen wären. Vom Getängniß bis an'S Wasser gelangten wir, ohne ans ein Hinderniß zu stoßen; die Pfähle durften wir nur aus einander schieben, da wir sie schon bei Tag durchschnitten hatten. Mit 143 einem Wort — zwei bis drei Minuten, nachdem wir von unseren Tischgenoffen Abschied genommen hatten, standen wir vier wohlbehalten am User der Insel. Jetzt kam aber die Hauptschwierigkeit; wir sprangen alle zumal in's Wasser und fingen an zu schwimmen. Ich war nur noch wenige Schritte vom Landungsplätze entfernt, der sich ganz nahe Lei dem Wachthause des Festlandes befand, als Johnson plötzlich laut aufschrie und uns zurief, er sey am Ertrinken; ich hieß ihn stillschweigen — doch umsonst; die Wache auf dem Festlande hörte ihn und gab Feuer, woraus wir natürlich um so eifriger darauf losschwammen. Drei von uns standen bald am Ufer und da ich mit Wegen und Stegen wohl vertraut war, so führte ich sie in solcher Richtung, daß wir den Schilvwachen glücklich entgingen. Bald kamen wir in die Wälder; der arme Johnson dagegen fiel dem Feinde abermals in die Hände, was er durch sein unzeitiges Schreien auch wahrlich verdient hatte, denn unter solchen Umständen ist cS doch gewiß die Pflicht eines Mannes, lieber mit geschloffenem Munde zu sterben, als seine Kameraden durch unbesonnenes Schreien in Gefahr zu bringen. Neuntes Kapitel. Wir drei, die wir glücklich entronnen waren, rannten ungefähr eine Viertelmeile in den Wald hinein, worauf wir vor Anker gingen und einen Trunk zu uns nahmen; da wir keine Schüsse noch sonstigen Lärm mehr hörten, so beriethen wir uns, was wir für die Zukunft anfangen wollten. Vorne an der Bai, ungefähr vier Meilen vom Wachthaus entfernt, befanden sich einige Mühlen und dorthin führte ich meine beiden Begleiter; wir erreichten den Ort gegen Morgen, noch ehe 14L sich Jemand in der Nachbarschaft regte, und versteckten uns in einem Heuschober, wo wir den ganzen Tag ungestört zubrachten. Zum Glück hatten wir etwas Brod und einige Häringe in den Hüten mitgenommen, womit wir jetzt unfern Hunger stillten; der Rum erhielt uns munter und wenn Rum überhaupt jemals gut gethan hat, so glaube ich, daß es bei dieser Gelegenheit geschah. Wir schliefen frisch und gesund, während einer von uns den Ausgucker machte — eine Regel, welche wir die ganze Zeit über beobachteten, so lange wir zusammen waren. Im Laufe des Tages hatte auch der Regen nachgelassen, dafür aber war wieder scharfe Kälte eingetreten. In der nächsten Nacht machten wir uns abermals auf den Weg und wählten eine Richtung, die uns auf drei Meilen von der Stadt vorbeiführte. Auf diesem Marsch kamen wir an des „Prinzen Landhaus" vorüber, wo ich so oft gewesen war, dessen Anblick mich an meine Hcimath und an die Tage meiner Kindheit erinnerte; aber Reue war jetzt umsonst und so zogen wir immer weiter. Meine Begleiter bemerkten meine Betrübniß und fragten mich, was mir sey; ich gab jedoch eine ausweichende Antwort und versicherte sie, daß mir nichts fehle. Eine Meile von der Stadt stand eine Schenke, welche von einem Manne, Namens Grant, gehalten wurde. Littlesield wagte sich hinein, und kaufte einen Laib Brod nebst etwas Käse, worauf er sich wieder entfernte, nicht ohne einigen Argwohn erregt zu haben. Dies gab uns wieder neue Kräfte und wir setzten unfern Marsch fort, so schnell wir nur konnten. Noch vor Tagesanbruch gelangten wir an eine Brücke, auf der eine Schildwache postirt war und hinter welcher wir ein Wacht- haus bemerkten. Um dieser Gefahr auszuweichen, umgingen wir das WachthauS und setzten oberhalb der Brücke über den Fluß, wo wir zwei Indianer antrasen, mit denen wir ein Gespräch anknüpften. Unser Rum war uns diesmal von größerem Nutzen als je zuvor, denn mit ihm erkauften wir uns in der ersten Minute die 145 Dienste der Indianer. Wir sagten ihnen, wir sehen von dem Bul- wark, einem Linienschiff von vier und siebzig Kanonen, desertirt und bäten sie, uns weiter zn helfen. Anfänglich hielten sie uns für Bankers, denen sie von ganzem Herzen abgeneigt zu sehn schienen; allein das Mährchen unserer Desertion bestach sie endlich und machte sie geneigt, uns ihre Hülfe zu leihen. Die beiden Indianer führten uns wieder zu dem Flußbeet hinab und bis unterhalb der Brücke, nach der Seite deS Flusses, wo das Wachthaus stand und wo wir einen Hausen von etliche» dreißig dieser Rothhäute, aus Männern, Weibern und Kindern bestehend, beisammen trafen. Wir blieben hier nicht weniger als drei Tage und fanden uns ausnehmend gut dabei, denn es fehlte uns weder an Brod, Butter, Fischen, noch an den sonst gewöhnliche» Nahrungsmitteln. Das Wetter war sehr schlecht, weßhalb wir keine große Wanderlust empfanden; übrigens glaubten wir auch nach Verfluß einiger Zeit einer weniger strengen Nachforschung auSgesetzt zu sehn. Diese ganze Zeit über waren wir nur wenige Schritte von der Wache entfernt, so daß wir alle halbe Stunden die Schildwachen ihr „AlleSgut" einander zurufen hörten. Wir sparten bei den Wilden weder Rum noch Geld, so weit letzteres räthlich erschien, und keiner von ihnen dachte daran, uns zu verrathen. Mit Einbruch der Nacht verließen wir die Brücke; ei» junger Indianer zeigte uns den Weg und führte uns zwei Meilen am Flusse aufwärts und durch die Stadt Maroon, welche wir bei Nacht paffirten, worauf er uns gegen Morgen verließ, trotzdem, daß wir ihn noch länger bei uns zu behalten wünschten. Nachdem er uns allein gelassen halte, entdeckten wir am Ufer des Flusses ein verlassenes Blockhaus, wo wir uns den Tag über aufhielten. Das Land ringsum war dünn bevölkert und die Häuser, die wir trafen, nur armselig und klein; wir mußten uns nun ungefähr fünf und zwanzig Meilen von Halifax entfernt haben. Unser Plan war, die Landenge zwischen dem atlantischen Ned MperS. lO Occan und der Fundy Bai zu überschreiten und das englische An- napolis zu erreichen, wo wir uns, wenn möglich, um Geld und gute Worte ein Boot zu verschaffen, im Nothfall aber auch ein solches zu stehlen gedachten, um dann an das amerikanische User zu gelangen. Wir hatten noch einen weiten Weg vor uns und nicht ohne Schwierigkeit gelang es, die wahre Richtung ausfindig zu machen; doch waren wir durch die Indianer mit Weisungen versehen worden, die uns nunmehr gute Dienste leisteten, so daß wir die ganze Nacht sehr rasch drauf los marschirten und eine hübsche Strecke zurücklegten. Gegen Morgen zeigte sich das Land bester angebaut und bevölkert und ich vermuthete, daß wir in die Nähe von Harton gelangt seyen, welchen Ort wir unmöglich umgehen konnten; das Wetter fing abermals an, sich zu verschlimmern und wir waren gezwungen Halt zu machen. Wir befanden uns eben in der Nähe eines Blockhauses, in welchem wir nur eine einzige Frau bemerkten und Litllefield wurde alsbald vorausgeschickt, um Erkundigungen cinzuziehen. Der Bericht, den er uns bei der Rückkehr erstattete, lautete sehr günstig; er hatte der Frau weiß gemacht, wir seyen vom Bulwark desertirt und hatte ihr eine hübsche Belohnung versprochen, wenn sie uns den Tag über auf ihrem Grund und Boden beherbergen und auch etwas zu essen geben wolle, worauf sie versprochen hatte, uns in einem Außengebäude die gewünschte Unterkunft zu gewähren und auch die nöthigcn Lebensmittel herbeizuschaffen. Höchlich zufrieden bezogen wir nun unser Nebengebäude, wo die Frau uns besuchte, und nachdem wir ihr etwas Geld gegeben hatten, wieder fortging, um Speise für uns herbeizuholen. Wir waren nicht wenig in Unruhe, so lange sie weg war, doch endlich, nach Verfluß einer Stunde brachte sie uns Fleisch, Eier, Brod und Butter, wir hörten auf uns zu ängstigen und hielten zwei höchst behagliche Mahlzeiten in unserem Außengebäude, wo wir fast bis zum Einbruch des Abends verweilten. 147 Gegen Mittag stand ich auf der Wache und sah einen Mann um'S Haus herumschleichen, was mich nicht wenig erschreckte; der Fremde verweilte jedoch nicht lange und sobald er verschwand, legte ich mich auf eine Weile zum Schlafen nieder. Gegen vier Uhr waren wir alle wieder auf und als einer von uns den Ausgucker machte, gewahrte er denselben Manu, der mit zwei andern in das Haus eintrat. Die Frau hatte uns bereits erzählt, daß eine Abtheiluug Soldaten vorübcrgekommen seh, welche die Vankee-Deserteure verfolgten; eigentlich sehen deren vier aus dem Gefängniß auSgcbrochen, der eine aber sey wieder ergriffen worden, nur der drei anderen habe man noch nicht habhaft werden können. Dies ließ uns kaum mehr daran zweifeln, daß sie wußte, wer wir waren und wir hielten für'S Geratenste, uns sogleich wegzustehlen, denn wir fürchteten, die Männer möchten sich schon in diesem Augenblicke mit ihr berathen, wie sie uns um den gewöhnlichen Kaufpreis, welcher vier Pfund für den Kopf betrug, an die Behörden verhandeln könnten. Das Außengebäude stand in der Nähe des Flusses, dessen Ufer ziemlich dicht mit Gebüsch bewachsen waren, so daß wir uns ungesehen davonschleichen konnten. Wir stiegen bis an den Rand des Wassers hinab und folgten nun dem Laufe des Flusses; noch ehe es dunkel wurde, erblickten wir vor uns eine Brücke, welche von dem Augenblicke an, da wir die Indianer verlassen, das eigentliche Ziel unserer Reise gebildet hatte, unserem größten Leidwesen aber mit einem Schilderhause besetzt war. Alsbald machten wir Halt, um eine Berathung zu pflegen, deren Resultat endlich daraus hinauslies, daß wir den Anbruch der Nacht abwarten und dann den Fluß überschreiten wollten. Dies thaten wir denn auch unterhalb der Brücke, nur daß wir dießmal keine Indianer hatten, die uns speisen und beherbergen konnten. Mr. Marchinton hatte in der Nähe von Cornwallis dicht neben der Bai einen großen Pachthof besessen und daher kam es, daß dieser Theil des Landes mir aus meiner Knabenzeit noch so ziemlich bekannt war. Der Brücke namentlich kannte ich mich recht Wahl erinnern und so war mir auch neben derselben eine Fuhrt im Gedächtniß geblieben, welche man beim Eintritt der Ebbe ganz gut passiren kannte. Die Ebbe zeigte in diesem Theile der Welt eine unglaubliche Ausdehnung, sa daß wir nicht wagen kannten, «in Boot zu stehlen, um nicht in einem der sogenannten Lacher (Nfer- auShöhlungen) welche nach Ablauf der Fluth zu Tage kamen, stecken zu bleiben und dort gefangen zu werden; die Ebbe war jetzt zur Hälfte eingetreten und wir beschlossen, sie vollends abzuwartcn und dann den Nebergang über die Fuhrt zu versuchen. ES war schon ganz finster, als wir die Brücke verließen und wir hatten ein kitzliches Stück Arbeit vor uns; die nackten Niederungen waren sehr ausgedehnt und wir fanden auf unserem Wege keinen anderen Führer, als die vor uns liegende Brücke; ich versank manchmal bis an die Mitte des Leibes in Schlamm und Morast, wiewohl das Wasser nicht sonderlich tief war. Wir müssen Wohl eine Stunde lang in dem Schlamm sortmarschirt seyn, denn wir fanden natürlich die eigentliche Fuhrt nicht auf und im Dunkeln war der Weg ohnedies schwer zu erkennen; unser Hauptaugenmerk blieb immer auf die Brücke gerichtet, denn verloren wir sie aus dem Gesicht, so mußten wir triftig werben und eS war um uns geschehen. Endlich hatten wir festen Boden unter den Füßen, waren aber mit Schmutz bedeckt und fast erstarrt vor Kälte; wir fanden die Straße und das Dorf Harton, in dessen Nähe wir so lange hcr- umstreiften, bis wir es glücklich umgangen hatten; dann hielten wir uns wieder auf der Straße und steuerten die ganze Nacht mit vollen Segeln weiter, indem wir uns jedesmal, so oft wir einen Menschen gewahr wurden, — was übrigens in dieser Nacht nur selten der Fall war — auf's Sorgfältigste versteckten. Am nächsten Morgen gingen wir so lange weiter, bis wir an eine verlassene Sägmühle gelangten, deren ich mich gleichfalls noch erinnern konnte; hier blieben wir den Tag über liegen, ohne von 149 Jemand gestört zu werden, nur Littlefield behauptete, wahrend seiner Wache auf dem Deck einen Mann gesehen zu haben, der mit einer Viehherde vorbeigezogen war. Diesmal sagte ich meinen Gefährten, Wenn wir die Nacht über recht rüstig wären, könnten wir bis CornwalliS gelangen, wo ich wie zu Hause scy. Wir waren freilich sehr ermüdet und bedurften in hohem Grade der Ruhe, denn am Land ist der Matrose ein schlechter Wanderer: aber ich versprach beiden Gefährten ein hübsches, warmes Lager auf Mr. Marchinton's Pachthof. So eilten wir denn immer munter vorwärts, bis wir denn auch wirklich mit Tagesanbruch den Hof erreichten. Ein Neufoundländer, Hunter geheißen, fiel uns ziemlich trotzig an; als ich ihn aber bei'm Namen rief, wurde er wieder ruhig und fing sogar an, mich zu liebkosen und an mir hinaufzuspringcn, so daß ich beinahe glaube» mußte, er habe mich nach so langjähriger Abwesenheit wieder erkannt. Uebrigens war jetzt keine Zeit mit Hunden zu verlieren und wir schlugen alsbald den Weg nach der Scheune ein, waren indessen so vorsichtig, uns nicht in das Heu, sondern auf einen mit Stroh gefüllten Kornboden zu legen, da erstereS den Tag über wahrscheinlich gebraucht wurde. Hier überließen wir uns endlich dem Schlummer, während ein Mann fortwährend Wache hielt und es war dies in den acht bis neun Tagen, seit wir die Insel verlassen hatten, das wärmste und bequemste Ruhelager, das wir irgendwo getroffen hatten. Wir blieben zwei Tage und eine Nacht in der Scheune; die Taglöhner kamen oft herein und blieben manchmal sogar längere Zeit auf der Tcnnenfinr, nie aber schien es ihnen in den Sinn zu kommen, auf unfern Kornboden heraufzusteigen. Der Hund hielt sich häufig in unserer Nähe auf und ich fürchtete sehr, daß er uns am Ende verrathen möchte. Unsere Vorräthe gingen nachgerade auch zu Ende und ich stieg deßhalb in der Nacht, welche wir auf dem Pachthofe zubrachten, mit Barnet von unserem Boden herab 150 und suchte den Weg nach der Speisekammer, wo wir einen Korb mit Brod, Milch, Käse, Butter, Eier und Stockfischen antrafcn und natürlich auch unsere Schläuche mit Milch füllten, während Barnet einen Topf mit saurem Rahm erwischte, worüber er beinahe in ein lautes Halloh ausgebrochen wäre, nachdem er einen Zug daraus gethan hatte. Auf unserem Rückweg nach der Scheune erhoben die Gänse ein schreckliches Geschrei, so daß ich herzlich froh war, als ich sicher und unentdeckt mein Lager wieder erreicht hatte. Am nächsten Tag hörten wir, wie sich die Leute in der Scheune über den verübten Diebstahl besprachen und besonders über die Nutzlosigkeit des Hundes klagten. Außer einem jungen Manne, der heute zum ersten Male erschien und in welchem ich einen früheren Spielkameraden zu erkennen glaubte, war mir von diesen Männern Niemand bekannt und auch jenem konnte ich mich ebensowenig als sonst Jemand auf dem Hofe anvertrauen, so daß der ganze Vorlheil, dessen wir auf dem Pachthofe genoßen, sich auf meine Lokalkenntniß und die Bekanntschaft mit den Gebräuchen der Bewohner beschränkte. Auf der Straße zwischen Halifax und Annapolis war ich in meinem Leben nie weiter als bis Cornwallis gekommen; wie lange wir noch bis zu letzterem Orte zu marschiren hatten, wußte ich nicht »nd nur der von Cornwallis eben dahin führende Weg war mir unter dem Namen der Annapolisstraße bekannt. Es war ein schöner, sternheller Abend, als wir unsere Wanderung mit frischem Muth und neugestärkten Kräften wieder antraten; die Straße führte durch ein wohlbebautes Land, ohne daß wir übrigens unterwegs einem menschlichen Wesen begegnet wären. Am nächsten Morgen faßten wir in einem Walde Post», wo wir, von der warmen freundlichen Witterung begünstigt, wie gewöhnlich ausruhten und erst mit Einbruch der Nacht von Neuem ausbrachen. Littlesield schwor unterwegs, er müsse am andern Tag wieder einmal warme Tafel haben und stahl im Weitergehen drei Hühner, was zu allem Glück nicht entdeckt wurde. 151 Gegen vier Uhr Morgens stießen wir auf einen Fluß und verließen nun die Heerstraße, um das Stromufer eine kurze Strecke weit zu verfolgen. Mittlerweile erhob sich ein heftiger Landwind und eS fing an zu regnen und zu stürmen, so daß wir es unmöglich fanden, uns bei solchem Wetter in einem Boote hinauszuwagen. In unserer Nähe befand sich ein kleiner Hügel, von dichtem Walde umgeben, und dorthin stiegen wir, um den Tag daselbst zuzubringcn. Wir hatten zwei Männer in einem gut aussehenden Boot an'S Land rudern sehen und beschloß«! alsbald, sowie das Unwetter nachließe, uns dieses Bootes zu bemächtigen und den neuen Kurs stromabwärts nach der Bai einzuschlagen. Wir konnten von unserem Hügel aus den Fluß mit der ganzen Umgegend überschauen und sahen, wie die beiden Fischer an'S Land stiegen, Segel und Ruder aus dem Boote nahmen, letzteres aufhalten, umdrehten und Ruder und Segel darunter legten; fie hatten auch «ine Ankerboje bei sich, wie sich denn überhaupt Alles für unsere Zwecke zu fügen schien. Das Fahrzeug hätte uns nicht erwünschter kommen können, denn wir liebten weit mehr, auf dem Flusse fortzurudern, als uns wie bisher am Lande hinzuschlcppen. Die Stadt Annapolis konnten wir nicht sehen, obwohl wir kaum ein paar Meilen davon entfernt sehn konnten, da fie, wie sich später zeigte, stromaufwärts von uns lag. Die Fischer schlugen die Richtung nach der Stadt ein und waren bald verschwunden; wir brauchten jetzt nichts weiter als erträgliche Witterung mit günstigem oder wenigstens nicht so gar stürmischem Winde, denn da dieser unsere beiden Fischer an'S Land getrieben hatte, so hielten wir für'S Beste, uns ihre Erfahrung zu Nutze zu machen. Der Tag verstrich ohne ein bemerkenSwertheS Ereigniß; das Wetter blieb so schlecht wie zuvor, und wir waren — ohne anderen Schutz, als den von blätterlosen Bäumen — dem unaufhörlichen Regen ausgesetzt: doch waren es Fichten und in großer Zahl, die uns mit ihren iu einander geschlungenen Nadel» immerhin einiges Obdach gewährte». 152 Sobald der Abend hereinzudämmern anfing, zündete Littlcfield «in Feuer an und begann seine Hühner daran zu braten; das Abendessen war bald fertig und schmeckte uns allen ausnehmend gut, worauf wir uns unter Barnets Bewachung schlafen legten. Kaum war ich eingeschlummcrt, als ich durch Pferdegetrappel und das Rufen mehrerer Männerstimmen aufgeweckt wurde; ich sprang auf und entdeckte eine Abtheilung von fünf Reitern, welche rasch auf uns zukamcn. „Da sind sie — endlich haben wir sie erwischt!" rief der Eine von ihnen, so daß wir nicht wohl im Zweifel über ihre Abficht bleiben konnten. Blitzschnell sahen wir uns ergriffen, und mit gebundenen Armen hinter die Reiter auf's Pferd gehoben, worauf diese die nämliche Straße cinschlugen, welche wir hergekommen waren und nach einem Marsche von nnr wenigen Meilen mit uns Halt inachten. Die ganze Strecke bis Halifax mußten wir auf diese Art zurücklegen und den ganzen Tag ging'S in scharfem Trabe vorwärts, während wir ohne Steigbügel auf den Mantelsäcken unserer Hüter saßen. Wir ritten nicht über CornwalliS, da dies nicht der nächste Weg zu sehn schien; dagegen kamen wir durch Harton und passirten dieselbe Brücke, unter welcher wir durch den Schlamm hingewatet waren. Zu Harton, wo das Nachtquartier aufgeschlagen wurde, sperrte man uns in ein Blockhaus, eine Art von Gefängniß, das mit Lehm gedeckt war. Unser Lager wollte uns keineswegs behagen und da wir die Balken des Gebäudes ganz verfault fanden, so gelang es uns abermals, den Weg in's Freie zu finden. Littlcfield, in seiner Art der sorgloseste Irländer, der wohl jemals gelebt hat, schwor hoch und theuer, das Gefängniß anzünden zn wollen, was er auch wirklich bewerkstelligte, indem er durch die gemachte Oeffnung zurückkroch und auf dem Speicher, welcher trockenes Brennmaterial in Fülle enthielt, ein lustiges Feuer ansachte. Ohne 153 diese Thorhejt wären wir wahrscheinlich glücklich entkommen; so aber wurden wir, nachdem wir die ganze Nacht marschirt waren, am nächsten Morgen bei der Brücke von Windsor auf's Neue cingefangen. Diesmal wurden wir bedeutend schlechter als bei unserer ersten Ergreifung behandelt; unsere Wächter behielten fortwährend ein scharfes Augenmerk ans uns gerichtet und so gelangten wir ohne weitere Abenteuer abermals nach Halifax. Waren wir schon vorher ermüdet und kraftlos, so wurden wir jetzt auch noch auf zehn Tage bei Wasser und Brod in's schwarze Loch gesteckt, und erst nach Erstehung dieser Strafe, welche gewöhnlich für derlei Vergehen verhängt wurde, zu unfern Kameraden zurückgebracht. Diesen hatte unsere Gefangennehmung gar mancherlei zu sprechen gegeben und sie zu öfterem Tadel unseres Benehmens veranlaßt. Wen» man die Bursche sprechen hörte, so schien nichts leichter als in unserer Lage vollends zu entkommen; ein jeder behauptete, er würde sich klüger benommen haben, obgleich während unserer Abwesenheit nicht ein Einziger davonkam, wohl aber mehrere der Prahler von der Insel desertirt und schon in den ersten paar Tagen wieder eingefangen worden waren. Ueberhaupt kan» ich mich während der ganzen Zeit, die ich im Gefängniß zubrachte, nur eines einzigen Mannes, eines Kapers aus Marblehead^ erinnern, welcher glücklich entschlüpfte; aber auch er war kaum wieder ein paar Tage zur See gewesen, als er auf's Neue gefangen und nach einer Abwesenheit von sechs Wochen abermals auf die Mcl- villeinsel eingelicfert wurde. Wir waren nicht wenig erbost über das Fehlschlagen unserer Flucht und hatten kaum das schwarze Loch verlassen, als wir auch sogleich einen neuen Entweichungsplan zn entwerfen anfingen. Diesmal lautete mein Vorschlag dahin, bei dem neuen Versuche einen andern Kurs einzuschlagen und uns, südwärts der Küste folgend, so rasch wir könnten, gegen Liverpool zu wenden. Wir blieben * Marmorhaupt. D. U. 154 zwar allerdings bei dieser Richtung auf den atlantischen Ocean beschränkt, wollten uns aber auf einem kleinen Kaperschiffe, das den Namen „Liverpool" führte, anwerben lassen und dann wo möglich auf einer seiner beständigen Kreuzfahrten an der amerikanischen Küste in unsere Heimath zu entkommen suchen; da das Fahrzeug ganz klein war und oft nur wenige Matrosen als Bemannung hatte, so mochte es vielleicht gelingen, uns des Schooners ganz und gar zu bemächtigen: dann war auch einige Wahrscheinlichkeit vorhanden, auf einen Küstenfahrer versetzt zu werden und von da aus unsere Flucht zu bewerkstelligen. — Auf alle Fälle schien uns jede andere Möglichkeit besser als die, bis zur Beendigung eines vielleicht noch jahrelangen Krieges und bis wir gar graue Haare bekämen, im Gefängniß zu bleiben, denn ich konnte mich noch recht gut erinnern, wie das Schiff Villa äo Milan, ein paar Jahre ehe ich selbst zur See ging, in Halifax eingebracht wurde, und waren nicht sogar jetzt noch einige Leute von seiner Bemannung auf der Insel Melville zu gewahren? Sodald ich aus dem schwarzen Loch erlöst war, nahm ich meinen Handel von Neuem auf, ohne übrigens den Gedanken zur Flucht auch nur einen Augenblick aufzugeben. Diesmal wurde bloS Leonard Lewis und Jack Mattet in mein Geheimniß eingeweiht. Beide versagten mir ihre Theilnahme, Mattet wegen seiner Furcht vor dem Wasser, und Lewis, weil er die Anstrengung nicht zu überleben dachte; Beide wünschten uns übrigens das beste Glück und waren uns nach Kräften behülflich; Johnston wurde aber nicht wieder in'S Komplott gezogen. Unsere Wächter hatten die Art und Weise, wie wir aus dem Gefängniß entkommen waren, noch immer nicht ausfindig gemacht, obgleich sie die abgeschnittenen Pfosten gesehen haben mußten; diese von Neuem durchzuschneiden konnten wir freilich nicht wagen, dagegen beschloßen wir darüber wegzuklettern. Die Engländer hatten die Pfosten durch Querbalken verstärkt, welche uns von weseut- lichem Nutzen waren und wofür ich hiemit meinen besonderen Dank ausgedrückt haben will. So warteten wir denn eine warme, aber finstere und regnerische Mainacht ab, um unseren Entweichungsversuch zu erneuern; mit Geld waren wir hinlänglich versehen, denn ich hatte noch vierzig Kronen in'S Gefängniß zurnckgcbracht und damit in der Zwischenzeit einen einträglichen Handel getrieben. Aus dieselbe Art und durch dasselbe Fenster wie das erste Mal schlüpften wir auch jetzt durch die Eisenstäbe — dies war der leichteste Theil unserer Aufgabe. Beim Ueberklettern der Pallisaden mußte Littlesteld oder Barnet auf der äußeren Seite zu unvorsichtig auf den Boden gesprungen seyn, denn die Schildwache, die es gehört hatte, rief augenblicklich den Korporal der Wache. Wir waren schon im Wasser, als wir einen Lärm auf der Insel vernahmen, schwammen aber dicht neben der Brücke und unfern des WachthauseS gegen das Festland und es gelang uns, sicher und unentdeckt den Strand zu erreichen. Wie früher flüchteten wir uns auch diesmal in den Wald, wandten uns aber nunmehr nicht nach Westen, sondern nach Süden; unser Weg führte dicht am Wasser vorüber und der Marsch wurde so rasch wie möglich die ganze Nacht über fortgesetzt. Littlesteld wollte den Führer machen, verlor aber die Richtung, so daß wir zwei Tage und zwei Nächte ohne Nahrung im Walde zubringen mußten und uns um keinen Preis zurechtznfinden vermochten. Endlich wagten wir's am Hellen Tage und aufs Gerathewohl, die Heerstraße zu betreten und unser Glücksstern führte uns einen alten irischen Matrosen in die Hände, der jetzt nur noch vom Fischfang lebte und dem wir nach kurzer Einleitung erzählten, daß wir von einem Kriegsschiff desertirt sehen. Der alte Mann schien uns deßhalb nur noch lieber zu gewinnnen, denn er selbst hatte zur See gedient, sein Sohn war früh zum Dienste gepreßt worden und die englische Marine schien bei ihm nicht viel besser als bei uns in Gunst zu stehen. 156 Er führte uns in seine am Strand gelegene Hütte und bereitete uns aus Kartoffel», Fischen und Brod ein äußerst kernhafteS, ergnickendes Mahl; nachdem wir bis Sonnenuntergang in seiner Hütte verweilt und manch nützlichen Rath von ihm erhalten hatten, sagten wir ihm Lebewohl, um unser» Weg Tag und Nacht und mit höchster Vorsicht fortzusetzeu. Wir schliefen immer in den Wäldern und machten blos dann Halt, wenn wir müde waren und einen paffenden Versteck vorfanden; von Lebensmitteln hatten wir zwar aus der Fischerhütte einen kleinen Vvrrath mitgenommen, der aber nicht weit ausreichte, weßhalb wir zu den getrockneten Winterbeeren, die wir am Wege fanden, unsere Zuflucht nehmen mußten. Gegen acht Uhr Abends erreichten wir Liverpool und begaben uns augenblicklich nach dem Stelldichein des Kaperschiffes, wohin uns ein Mädchen gegen einen Shilling Belohnung den Weg zeigte. Der dortige Wirth empfing uns mit Freuden und nahm uns unverzüglich unter seine Schiffsmannschaft auf; jeder von uns erhielt vier Pfund Handgeld, Wohnung und Verköstigung bis zum Einlaufe» des SchoonerS und beide Thcile schienen mit dem Handel höchlich zufrieden. Die Wahrheit zu gestehen, begannen wir nun zu trinken und der folgende Tag wurde gänzlich als blauer Montag gefeiert. Am zweiten Morgen nach dem Frühstück sahen wir unseren Wirth mit einer Zeitung in der Hand plötzlich in unser Zimmer stürzen; er überhäufte uns mit allen Sorten von Schimpfnamen, weil wir uns bei ihm für Deserteure ausgegeben hätten, während wir doch nur flüchtige UankceS sehen ! Ihn beunruhigten die zwölf Pfund Handgeld, welche er uns gegeben hatte und nun wieder zurückforderte; wir lachten ihm aber in'S Gesicht und gaben ihm den Rath, sich ruhig zu verhalten und uns sobald wie möglich aus das Kaperschiff zu befördern. Erst jetzt theilte er uns mit, daß eS hiefür zu spät sey, da die Wache bereits unsere Spur ^verfolge, was sich auch bald darauf als 157 Wahrheit erwies, denn eS dauerte keine Slunbe, bis ein Offizier mit einem Zug Mannschaft uns wieder in Gewahrsam nahm. Einigen Spaß gewährte es uns übrigens, als wir Härten, wie der Offizier unfern Wirth, der noch immer wegen seiner zwölf Pfund wehklagte, tüchtig auszankte und ihm geradezu erklärte, daß ihm vollkommen Recht geschehe, da er Deserteure weiterzuschmuggeln versucht habe. Dies war wohl auch der Grund, warum er uns das fragliche Geld nicht gewaltsam abnehmen ließ, so daß wir — ob nun mit Recht oder mit Unrecht — im Besitze dieser Summe verblieben. Man brachte uns sogleich auf einen Küstenfahrer und schickte uns zu Wasser nach Halifax zurück; wir wurden zwar in Fesseln gelegt, fanden aber sonst eine ziemlich gute Behandlung. Nach unserer Ankunft zu Halifar brachte man uns auf ein paar Stunden auf das Wachthaus der königlichen Marinendocks, wo wir von einer großen Anzahl von Offizieren Besuch erhielten, welche alle höchst begierig waren, unsere Geschichte zu erfahren, die wir ihnen auch ganz offenherzig erzählten. Sie lachten und meinten beinahe durchgängig, wir scpen keineswegs darum zu tadeln, daß wir zu entfliehen versucht hätten, wenn ihre eigenen Schildwachen so nachläßig sehen und uns hinausließen. Auf welche Art wir aus dem Gefängnisse ausgebrochen waren, hatten wir übrigens keiner Seele mitgctheilt. Unter den Offizieren, welche uns besuchten, befand sich auch ein Admiral, Sir Isaak Coffin, ein geborener Amerikaner, der sich damals zu Halifax aufhiclt, um die Mannschaft des „Nantucket," deren Auswechslung er durchgesetzt hatte, nach Haus zu befördern. Sein eigener Neffe soll sich darunter befunden haben, ohne daß er sich für ihn verwenden wollte, da Letzterer auf einem Kaperschiffe gefangen worden war; hätte man ihn auf einem Kriegs- oder Kauffahrteischiffe gekapert, so würde der Oheim seinen ganzen Einfluß zu jenes Gunsten aufgeboten haben, so aber ließ er ihn — wie die Sache in unserem Gefängnisse erzählt wurde — nach Dartmoor tranSportiren. Der alte Herr sprach sehr freundlich mit uns und versicherte sogar, er könne eS nicht tadeln, wenn wir zu entkommen suchten. Von den zwölf Pfunden muß er wohl nichts gehört haben, wiewohl auch die anderen Marineoffiziere dem KaperSmanne diese Strafe von Herzen zu gönnen schienen: wir selbst betrachteten Alle zusammen als unsere Feinde, auf deren Kosten wir in Kriegszeiten mit vollem Rechte leben dürften. Bald wurden wir wieder auf unsere Insel zurückgcschickt und auf's Neue, doch diesmal auf zwanzig Tage, in Arrest gebracht. Als wir wieder in Freiheit gesetzt wurden, erfuhren wir, daß einer der Mitwifsenden die Art und Weise, wie wir unserer Haft entkommen waren, verrathen und daß man jetzt an allen Fenster» Qnerbarren angebracht hatte, wodurch der Ausgang allerdings versperrt und keine Hoffnung mehr vorhanden war, noch einmal auf demselben Wege davonzngelangen. Dafür bildete sich aber eine große Verschwörung, welche der Männer, die unser Gefängniß beherbergte, vollkommen würdig war; der neue Plan ging dahin, die Stadt Halifax selbst in Besitz zu nehmen und triumphirend von dannen zu ziehen. Wir waren im Ganzen unserer achtzehnhundert Gefangene und nur an tüchtigen Offizieren hatten wir Mangel; unserer Fünfzig etwa bildeten anfänglich das Komplott, in welches fast sechs Wochen lang keine Rekruten ausgenommen wurden. Ein Herr Crowninshield aus Salem, der auf einem Kaperschiffe als Offizier gedient hatte, war das Haupt der Verschwörung; außer ihm befanden sich noch ziemlich viele Kaperoffiziere in unserem Gefängniß, sie waren aber im oberen Stockwerk untergebracht und sollten die Nacht über von uns getrennt bleiben, allein wir machten eine Oeffnung in unserer Zimmerdecke und vermittelten dadurch eine Verbindung zwischen beiden Theilen, so daß die Offiziere NachlS zu uns hcrabstiegen und in Gemeinschaft mit uns Hand an's Werk legten. Unser Vorhaben war äußerst einfach und meiner Ansicht nach nichts weniger als schwer auszuführen. Die Arrestlokale befanden 159 sich im untersten Stockwerk und in eines derselben wußten wir zwischen zwei Balken unseres Fußbodens durchzubrechcn; bei Tag verbarg ein großer Speiseschrank die Oeffnung,. des Nachts arbeiteten wir in Abthcilungen von sechs Mann und schafften den ausgegrabenen Schutt in unsere Nachtfässer, welche wir jeden Morgen in die Fluth ausleeren und uns auf solche Weise diese verrätherischen Ueberbleibsel vom Halse schaffen durften. Nach Verlauf von zwei Monaten hatten wir einen Durchgang von zwanzig bis dreißig Schritt Länge und zwei Schritt Breite gegraben und waren schon ganz nahe bis an die Oberfläche gelangt. Jetzt fingen wir an, frische Theilnehmer zu sammeln, welche uns durch einen Eidschwur Treue geloben mußten, und hatten im Ganzen gegen vierhundert Mann zusammengebracht, als unser Plan plötzlich jenem gefährlichen Feinde aller ähnlichen Verschwörungen — der Verrätherei — erlag, welche, wie wir vermutheten, von einem Menschen aus unserer Mitte verübt worden war. Wäre unser Plan gelungen, so würden wir uns vor Allem der die Insel beherrschenden Anhöhe, sowie der daselbst aufgepflanzten Geschütze bemächtigt und dann mit leichter Mühe auch die Wache überwältigt haben; von dort aus wären wir gegen die über Halifax thronende Citadelle Hill vorgerückt, und hätten wir auch diese erobert, so wäre John Bull wohl nicht wenig geängstigt worden, obwohl keiner von uns zu sagen vermochte, wie eigentlich der Schluß des Ganzen ausgefallen seyn würde. Selbst wenn der große Plan fehlgeschlagen hätte,, wäre es doch ganz gewiß Hunderten von Gefangenen gelungen, auf den verschiedenen Fahrzeugen, welche am Hafen lagen, das Weite zu suchen. Wir sollten aber den schönen Plan nicht in Ausführung bringen, denn eines Morgens wurden wir sammt und sonders in'S Freie geführt: ein Hause englischer Land- und Seeoffiziere betrat dag Ge- fängniß und ließ den Speiseschrank wegräumen, um unfern Minengang mit voller Muße zu untersuchen. Eine Ablheilung von sechs- 160 hundert Gefangenen wurde nach an demselben Tage aus dem Gefängnisse abgeführt und nach Dartmoor eingeschifft; so hatte sich gegen Ende der Woche unsere ganze Anzahl auf drei bis vierhundert Köpfe vermindert. Einer von den Matrosen der Julia wurde auch nach Dartmoor versetzt, die übrigen blieben aber in Halifax beisammen und eS schien fast, als ob die Engländer aus irgend einem Grunde ihr besonderes Augenmerk auf uns gerichtet hätten. Ich wollte niemals der Hoffnung auf ein Entkommen entsagen, eine Hoffnung, welche fortwährend eine für Geist und Körper gleich wohlthätige Aufregung bei mir unterhielt; allein wir wurden sehr scharf bewacht und jede Unterhaltung bei Nacht war streng verboten. Die meisten Offiziere waren zudem von uns getrennt und so blieb ich so ziemlich auf meine eigenen HülfSmittel beschränkt. Ich habe zu erwähnen vergessen, daß Lemuel Bryant, der zu Litile-Vork auf das Bodenstück meiner Kanone stürzte und später von mir in das Boot des Scourge aufgenommen wurde, bald nach unserer Ankunft zu Halifax glücklich entkam, so daß er mit dem schon erwähnten Deserteur der zweite Glückliche war, der dem Gefängnisse aus die Dauer Lebewohl gesagt hatte. Seine Flucht war so klug vorbereitet und mit solchem Geschick ausgesührt, daß sie wohl eine Erwähnung verdienen dürfte. Man hatte eines Tags in Folge einer Kapitulation eine Abtheilung von etlichen dreißig Soldaten zur Auswechslung aufgcrufen, worunter sich auch einer, mit Namen Lemuel Bryant befand, der aber inzwischen gestorben war. Unser Bryant hatte diesen Umstand schon zum Voraus ausfindig gemacht und sich nach Soldatenweise aufgetakelt; als nun sein Name abgelesen wurde, gab er sich für den Bezeichneten aus und es gelang ihm wahrscheinlich mittelst dieser Namensverwandtschaft, welche ihn schon vor dem Tode des Soldaten mit diesem in Berührung gebracht hatte, seine Angabe zu bekräftigen — kurz er wurde ohne Schwierigkeit frei gelassen und ich habe ihn seither nie wieder gesehen. Wie ich später horte, soll 161 er roch am Leben seyn und für die zu Uork empfangene Wunde eine Pension beziehen, welche er auch mit vollem Rechte verdient hat, da nicht leicht ein Mann in solcher Todesgefahr wie er geschwebt haben mag. Von jetzt an verstrichen mehrere Monate ohne ein bemerkens- werthes Ereigniß, bis wir eines Abends — es war anno 1815 im Monat März — von Halifax herüber ein großes Jubelgeschrer vernahmen und bald darauf einen Aufseher auf den Wällen gewahrten, der die frohe Kunde mittheilie, daß England und Amerika Frieden mit einander geschlossen hätten! Diese Freudenbotschaft wurde mit drei donnernden CheerS beantwortet und die ganze Nacht im höchsten Triumphe verlebt, wobei es noch mit den Thürschließern einen kleinen Zank absetzte, weil sie uns noch einmal einschloßen, während wir eifersüchtig auf unsere Freiheit waren; wir mußten uns aber dennoch auch in der nächsten Nacht noch einmal einsperren lassen. Zehntes Kapitel. Am folgenden Morgen wurden acht von den Gefangenen, deren Namen zu oberst auf der Gefangenenliste standen — darunter auch ich mit Barnet und Jack Maltet — aufgerufen und befragt, ob wir eine sreigegebene schwedische Brigg nach New-Dork bringen helfen wollten. Unter meinen Kameraden von der Julia war Wilcor, der mit uns nach Bermuda übergesetzt hatte, während der Gefangenschaft gestorben; die vier übrigen blieben auf der Insel zurück. Von Leonard Lewis, von Littlefield und den anderen Burschen habe ich seit meiner Entlassung aus dem Gefängnisse nichts mehr gesehen; Lewis kann meines Erachtens nicht lange gelebt haben und von Littlefield habe ich erfahren, daß er später auf dem Washington, einem Linienschiffe von viernndsiebenzig Kanonen, diente. Ned MyerS. 11 162 Der Schwebe, der den Namen „Venus" führte, lag am äußersten Ende von Marchinton's Werste, mit der ich von meinen Knabenjahren her so wohl vertraut war. Wir stiegen alle an Bord und ich gewahrte mit Freuden, daß es sogleich in den Fluß unter Segel gehen sollte; ich hegte nämlich gegen Halifax eine außerordentliche Abneigung, welche meine neuliche Haft nicht vermindert hatte, und mochte aus dem ganzen Neste keine lebendige Seele vor Augen bekommen. Jack Mallet nahm dagegen die Pflicht auf sich, meiner Schwester einen Besuch abzustatten und ihr zu erzählen, wo ich fortan zu finden sey — Alles gegen meinen Wunsch und ganz ohne mein Wissen, wiewohl ich überzeugt bin, daß er mir einen Dienst damit zu erweisen dachte. Noch an demselben Tag, an welchem wir in den Strom einliefen, kam ein Boot gegen unser Schiff hergerndert, worin ich auf den ersten Blick meine Schwester Harriet erkannte: ich bat sie mit wenigen Worten, nicht an Bord zu kommen und versprach ihr dagegen, sie noch am nämlichen Abend in ihrer Wohnung zu besuchen. Dies that ich denn auch und blieb mehrere Stunden lang bei Harriet, die ich mit ihrem Manne angetroffen hatte; während dieser ganzen Zeit hörte ich sie niemals den Namen meines Vaters erwähnen und auch von meinen anderen Freunden, wenn ich jemals welche besaß, sowie von meiner sonstigen Familie konnte ich durch sie nichts in Erfahrung bringen. Ihr Gatte war ein Schneider, der mich mit einem guten Anzüge versah, wie sich denn beide äußerst liebreich und freundlich gegen mich erwiesen. Es that mir weh, meine Schwester durch das unerklärliche Stillschweigen, welches mein Bater gegen uns Kinder beobachtete, in ihrer gesellschaftlichen Stellung etwas heruntergekommen zu sehen; doch war dies nicht meine Schuld, ging mich überhaupt gar nichts an und was mich selbst betraf, so bekümmerte ich mich um keines Menschen Meinung. Nachdem ich den Abend in dem Familienkreise meiner Schwester zugebracht hatte, kehrte ich wieder an Bord zurück, ohne mich rechts 163 oder links nach einer anderen Seele umzusehen, ja selbst ohne die Fraser'sche Familie zu besuchen— so heftig sträubte ich mich gegen den Gedanken, mit Halisar und dessen Bewohnern noch ferner in Berührung zu kommen. Die „Venus" nahm verschiedene Passagiere an Bord, worunter sich auch drei bis vier Marineoffiziere, namentlich ein Lieutenant Rapp, ein Midshipman mit Namen Randolph, sowie mehrere Eigcnthümer von Kauffahrteischiffen befanden. Zwei Tage, nachdem ich die Brigg betreten hatte, gingen wir unter Segel und erreichten nach einer zehn- bis zwölftägigen bleberfahrt den Ort unserer Bestimmung. Sobald die Venus neben der Werste von New-Vork angelegt hatte- stiegen wir aus und jetzt erst hatte ich abermals meine Freiheit gefunden, nachdem ich neunzehn Monate lang in der Gefangenschaft geschmachtet und für mein ganzes Leben genug daran bekommen hatte. Wir andern, die wir in Diensten der Marine der Vereinigten Staaten standen, meldeten uns am andern Tag bei Kapitän Evans, dem Kommandanten des Brooklyn Pard, welcher uns nach Verzeichnung unserer Namen an Bord des „Epervier" schickte, der eben damals unter Kapitän Downes' Kommando nach dem mittelländischen Meere ausgerüstet wurde. Wir weigerten uns jedoch diesen Vorschlag einzugehcn, da wir uns vorher, ehe wir abermals in die See gingen, ein wenig am Lande Umsehen wollten. Von unserem Standpunkte aus betrachtet, war dieser Entschluß kaum zu rechtfertigen und dennoch durften wir uns Glück dazu wünschen, da der Epervier wenige Monate später auf der Rückfahrt von der Meerenge von Gibraltar mit Mann und Maus zu Grunde ging. Kapitän Evans wies uns sofort an, uns jeden Tag bei ihm zu melden; dies thaten wir denn auch, ohne daß bei der Geschäftsüberhäufung, welche damals zu Washington herrschte, für uns gesorgt werden konnte, so daß wir endlich bei unserer Geldentblößung 164 und dem hohen Stande des Häuergeldcs^ mit Kapitän Evans' Genehmigung beschießen, zunächst in kaufmännischen Diensten eine Reise zu machen und erst bei unserer Rückkehr unsere Rechnung mit dem Marineamt in Ordnung zu bringen. So verdingte ich mich denn nebst Barnet und Jack Maltet aus einer Brigg, welche ebenfalls den Namen „Venus" führte; sie war, wie es hieß, zum Seehnndsfange bestimmt und sollte nach dem Welttheile absegeln, wo diese Thiere im lleberfluffe vorhanden waren. Wir verstanden nichts von der Sache, sonst hätten wir schon aus der Ausrüstung des Schiffs entnehmen müssen, daß man es auf eine Täuschung abgesehen hatte; die Brigg führte nämlich nicht einmal Salz mit sich, wogegen sie mit Kerbsäge», eisernen Klammern, Ketten ». s. w. im Ueberfluß versehen war. Gleichwohl liefen wir aus und durchkreuzten den atlantischen Ocean, als ob wir alles Ernstes blos die ScehundSbeute im Auge hätten. Erst in der Nähe des Kaps Verd ließ uns der Kapitän zusammenrufen und eröffnet- uns, daß er die Jahreszeit zum Seehundsfang bereits für zu weit vorgerückt halte und daher, falls wir damit einverstanden wären, nach St. Domingo steuern und dort mit einigen Wälderbesitzer» einen Kontrakt zur Fällung von Mahagoni-, Gelb-2* und Giiajakholz*^ abschlicßen wolle; an dem Gewinn sollten auch wir niisern Antheil genießen. Nun war das Gchciiniiiß auf einmal verrathen — was sollten wir armen Matrosen aber anfangen? Das Geschäft, zu welchem man unsere Hülfe verlangte, erwies sich später als ungeheuer anstrengend und eben dcßhalb glaube ich auch, daß man uns anfangs getäuscht hatte, da sonst der Ilnternehmer gerade damals keine Mannschaft zu dieser Reise aufgetrieben haben würde. Jetzt freilich waren wir mitten auf dem Ocean und mußten, wohl oder übel, den Vorschlag annchmen, da uns durchaus nichts anderes übrig blieb. » Der den Matrosen bewilligte Lohn. D. u. " Morus tinetoria. »«» Inxnum vitac. D. U. 103 Die Brigg steuerte nunmehr nach St. Domingo und lief zuerst in der Stadt gleiches Namens ein, wo die nöthigen Vorkehrungen getroffen und noch einige Spanier zum Fällen des Holzes gedungen wurden, worauf wir nach einer Bai absegelten, deren Namen ich vergessen habe, wo wir nahe am Ufer vor Anker gingen. Die Bäume mußten zehn Meilen aufwärts am Flusse abgcsägt und bis zu der vor der Mündung gelegenen Sandbank herabgeflößt werden, über welche sie mittelst Leesegeltaueu Herübergehalt und durch die Brandung gezogen wurden, indem einer je zwei Stämme, zu einer Art von Floß mit einander verbunden, zu gleicher Zeit fortzuschaffen hatte. Hayfische gab's im Ueberfluß und wir mußten uns scharf Umsehen, um nicht ein Bein zu verlieren, während wir mit den Baumklötzen beschäftigt waren; auch ich konnte nur mit genauer Noth zweien dieser Bestien entrinnen, während wir vor St. Domingo vor Anker lagen. Es war nämlich Einer in's Wasser gefallen und ich hatte den armen Teufel glücklich herausgezogen; von der Brigg war am Spiegel ein Boot zu unserer Aufnahme Herabgelaffen worden und eben als wir den Mann hereinhalten, kamen zwei Hayfische dicht bis zu uns herangeschwommen. Dieser Vorfall veranlaßte uns zum Trinken, wobei ich veranlaßt wurde, eine starke Portion Punsch zu mir zu nehmen. Der Gedanke, auf der Brigg ausharren zu müssen, hatte mir schon lange nicht gefallen und ich war seit mehreren Tagen daraus bedacht gewesen, wie ich sie verlassen könnte. In unserer Nähe lag ein kleiner, nach Amerika bestimmter Schooner, welchem es an Mannschaft gebrach und dessen Kapitän ich versprochen hatte, noch in dieser Nacht zu ihm stoßen zu wollen. Jack Mallet und die übrigen Kameraden suchten mich zwar von diesem Entschlüsse abzubringen, aber ich hatte zu viel Punsch und Grog zu mir genommen, um noch auf Vernunftgründe zu hören. Als die Mannschaft ihre Hängematten ausgesucht hatte, ließ ich mich in's Wasser hinab und schwamm eine. 166 Kabellänge nach dem Schooner hinüber, wo einer mit einem Tau meiner wartete und mir, sobald ich in die Nähe des SchoonerS gelangt war, das eine Ende zuwarf, um mir an Bord heraufzuhelsen. Kaum hatte ich das Deck erreicht, so wies er mich an, ein wenig hinter mich zu schauen und was sah ich? — ein Nngethüm von einem Hayfisch von sechzehn bis achtzehn'Fnß Länge, das immer um den Schooner hcrumschwamm und mir, wie der Andere erzählte, so lange ich vom Schooner aus gesehen werden konnte, fortwährend Gesellschaft geleistet hatte. Die Wirkung, welche diese Entdeckung auf mich äußerte, läßt sich unmöglich beschreiben. Als ich in's Wasser sprang, hatte ich noch den genossenen Punsch im Kopfe: die Gefahr aber, der ich so eben entronnen, war ganz dazu geeignet, mich in einer Minute und zwar dermaßen nüchtern zu machen, daß ich darauf bestand, unverzüglich in einem Boote nach meiner Brigg zurückgebracht zu werden, was auch geschah. Uebrigens hatte auch der Umstand einigen Einfluß auf meinen Entschluß, daß man mich nicht ganz ohne Widerwillen am Bord des SchoonerS behalten zu wollen schien. Unentdeckt gelangte ich wieder auf die Venus zurück und faßte nun den Entschluß, bis zur Beendigung der Reise meiner seitherigen Brigg treu zu bleiben. Unser Aufenthalt dauerte vier Monate, während der wir unser Schiff unter zahllosen Mühseligkeiten mit Mahagoni vollludcn und sogar noch eine schwere Deckladung von diesem Material ein- uahmcn. Sobald wir damit fertig waren, ging die Brigg nach New-Dork unter Segel. Kaum waren wir eine Woche unterwegs, als wir von einem heftigen Sturme überfallen wurden, der unsere Deckladung nebst Bollwerk und Alles mit sich fortriß. Der Kapitän, der Supercargv, * der Steuermann, der Koch und drei von den Matrosen lagen eben * So heißt auf Kauffahrteischiffen derienigc Beamte, welcher den Verkauf und Umtausch der Maaren an anderen Orten besorgt. D. u. 167 damals am Fieber darnieder, so daß wir drei, Mailet, Barnet und ich, ganz allein zur Besorgung des Schiffes übrig blieben; wir brachten dasselbe wenigstens bis Barnegat, wo wir uns weitere Mannschaft verschafften, mit deren Hülfe die Brigg endlich wohlbehalten auf dem Ouarantänegrund von New-Dvrk vor Anker ging. Sobald wir unsers Dienstes entledigt waren, verließ ich in MalletS und Barncts Gesellschaft die Brigg und verfügte mich in die Stadt, um meine Angelegenheiten zu besorgen. Die Schiffs- cigenthümer hatten jedem von uns dreißig Thaler als einstweilige Abschlagszahlung gegeben; ebenso erfuhren wir, daß unser Wirth von der Negierung den uns gebührenden Solo empfangen und nach Matrosensttte für uns bereit gelegt habe; meinen Antheil an dem Gewinne der Aenuscrpedition verkaufte ich gleichfalls für hundert- undzwanzig Dollars, so daß ich im Ganzen gegen fünfhundert Thaler beisammen hatte — eine Summe, mit der ich gerade fünf bis sechs Wochen ausreichte! Wie wahr ist doch das Sprüchwort, daß „die Matrosen Gelv wie Pferde verdienen und wie Esel verschleudern!" Ich kann nicht einmal sagen, daß diese übermäßige Verschwendung meiner Geldmittel mir einen wesentlichen Genuß gewährte. Ein einziger Tag, mit dessen Verbringung mein Gewissen zufrieden sepn konnte, machte mir mehr wahre, innerliche Freude, als alle die ausschweifenden, unbesonnenen Thorheiten eines ganzen Lebens, denen ich damals, so oft ich am Lande war, nachzuhängcn pflegte. Schon die Art und Weise, wie dieses schwerverdicntc Gold zum Fenster hinausgeworfen wurde, könnte manchen unter meinen Kameraden von den Gefahren zurückschrecken, von denen ich umlagert war und den Leser die wahren Bedürfnisse einer so zahlreichen Klaffe von Nebenmenschcn erkennen lassen. Morgens beim Aufstehen hatte ich jedesmal ein Gefühl, welches sich jenem Zustande näherte, den die Seeleute mit dem Namen „Schauer" 2 bezeichnen, und das dauerte so lange fort, bis ich wieder 168 einige Gläser Rum hinabgestürzt hatte; ich verspürte keinen Appetit beim Frühstück und fristete mein Leben fast ausschließlich mit Getränken; sehr häufig kam'S bei mir nicht einmal zum Mittagessen, und wenn eS auch geschah, so wurde» die Speisen in Grog beinahe ersäuft. Gelegentlich fuhr ich in einer Kutsche oder Gig spazieren und hatte in der Regel noch ertra für angerichteten Schaden zu bezahlen; ja eine dieser Parthien kostete mich sogar vierzig Thaler und ich möchte beinahe glauben, daß man mir absichtlich ein Pferd gegeben hatte, das nach Art der Krebse zu segeln gewohnt schien, um mich desto schneller um mein Geld zu bringen. Abends ging ich gewöhnlich in'S Theater und hielt mich jedesmal für verpflichtet, den Gastwirts) und seine Familie mit Billets und Erfrischungen zu regaliren; wir gingen nicht zu Fuß — ei bewahre, wir fuhren in der Kutsche und das mußte schon eine sehr vernünftige Nacht sehn, wenn sie mich bloS zehn Dollar kosten sollte. Anfangs war ich eine Art von „König unter Bettlern;" nach und nach aber, mit dem Schwinden des Gelds schwand auch Ned'S Einfluß, bis mein tugendsamer Wirth eines Tags äußerte: da ich gerade nüchtern seh, so möchte es wohl gerathen scyn, auch einmal die Rechnung durchzugehen. Und nun begann er mir aus seinen Büchern vorzulesen — zehn Thaler für diesen — zwanzig für jenen — dreißig gar für einen anderen Posten, bis ich der Sache müde wurde und ihn fragte, wie viel mir nach Abzug seines Guthabens noch übrig bleibe — fünfzig Thaler hieß es, sogar mit seiner Kreide gerechnet und da diese Sn,»nie bei einiger Sparsamkeit noch für eine Woche ausreichte, so wollte ich von seinem „item und itom" nichts weiter höre». Diese ganze Zeit über war ich von meinen alten Schiffskameraden getrennt und befand mich vergleichungsweise unter lauter Fremden; Jack Maltet hatte zu Philadelphia einige Freunde besucht und Barnet sich südwärts gewendet, ohne daß ich genau wußte, wohin er gegangen war. Keinen von Beiden habe ich 169 jemals wieder gesehen und auch dies gehört zu dem Loose eines Seemannes, daß man heute die größten Mühen und Gefahren mit einander theilt, um morgen ohne viele Umstände getrennt zu werden und sich nie wieder zu begegnen. Ich war noch jung, zählte kaum zwei und zwanzig Jahre und hätte selbst damals noch mein Ruder einstreichen — endlich einmal Offizier und damit ein gemachter Mann werden können. Da ich wußte, daß ich sogleich nach dem Abschluß meiner Rechnung in See gehen mußte, so fing ich an, meine Aussichten etwas ernstlich in's Auge zu fasten. Mein bisheriges verschwenderisches Leben hatte ich nun herzlich satt und wollte deßhalb eine lange Seereise machen, um nicht abermals auf denselben Weg der Thorheit und des Lasters gerathen zu können. Ich machte mir oft bittere Vorwürfe über meine Aufführung und auch das Eigenthümliche meiner Lage beschäftigte öfter meine Gedanken. Ich konnte wohl sagen, daß ich auf der ganzen weiten Welt weder Freunde noch Verwandte besaß: „hatte ich den Hut auf dem Kobs, so war mein Haus gedeckt." Von meinem Vater wußte ich nichts und habe später erfahren, daß er damals schon gestorben seyn mußte; meine Schwester galt mir wenig und ich erwartete nicht mehr, sie wieder zu sehen. Die Txennung von allen meinen früheren Ontariogenosten that mir freilich leid, denn mit Ausnahme von Tom Goldsmith und Jack Neilly habe ich später, nachdem ich mich von Barnet und Mallet verabschiedet, keinen einzigen mehr zu Gesicht bekommen. Tom begegnete ich nach meiner Rückkehr von Domingo in den Straßen von New-Uork und sprach zwei Stunden lang mit ihm von unseren alten Zeiten; er hatte in der englischen Gefangenschaft viel durchzumachen gehabt und war bis zum Frieden zu Kingston in Obcrkanada festgehalten und sodann mit den übrigen entlassen worden — dies war dar einzige und letzte Mal, daß ich mit Tom Goldsmith zusammentraf. Mit Reilly hatte ich früher in einem Hafen gelebt und werde später noch auf ihn zurück kommen. Von den schon erwähnten Empfindungen getrieben, schiffte ich mich, sobald ich den Blicken meines GastwirlhS anmerkte, daß sich keine Patrone mehr im Protzkasten befinde, auf einem Wallfisch- fängcr mit Namen „Edward," einem kleinen Schiff mit drei Booten ein, das zwei bis drei Jahre in der Südsee zu kreuzen bestimmt war. Von meinem Gastwirth erhielt ich noch eine ziemlich gute Ausstattung, wiewohl die meisten Artikel schon aus zweiter Hand kamen; wir schieden indeß als gute Freunde und ich kehrte mehr als einmal zu ihm zurück, um dasselbe thörichte Spiel wieder von vorne anzufangen. Im Ganzen gehörte er unter unseren Gast- wirthen gewiß nicht zu den schlechtesten und ich zweifle keinen Augenblick, daß er für meine Baarschaft weit besser Sorge trug, als ich selbst gethan haben würde, llebcrhaupt ist diese Mcnschenklasse, einige gewaltige Schurken ausgenommen, bei weitem nicht so schlimm, als sie zu seyn scheint und der ehrbare Matrvseuwirth ist in seiner Art gerade so gut, als man nach Erwägung aller Verhältnisse von ihm erwarten kann. Die Reise, welche ich auf dem Edward milmachte, war ganz ohne Interesse, obwohl das Schiff mit seinem Aufträge ausnehmendes Glück hatte; Behandlung und Lebensweise gefielen mir wohl und der Wallfischfang mußte ebenfalls gut ausgefallen seyn, da wir sonst nicht so frühzeitig zurückgekehrt wären. Wir fuhren um das Kap Horn und fingen unfern ersten Wallfisch zwischen der Küste von Südamerika und der von Neuholland. Im ganzen zählte ich gegen dreißig Wallfische, deren Erlegung ich anwohnte, ohne daß mir ein Unfall begegnet wäre; als Neuling in diesem Geschäft führte ich nämlich ein Mittelruder und hatte fast nichts zu thun, als das Boot von der Leine klar zu erhalten und auf mein Ruder Acht zu geben. Die Reise, die ich damals machte, ist jetzt so etwas Gewöhnliches geworden, die Art und Weise des Wallfischfangs ist dermaßen bekannt, daß ich nicht lange dabei verweilen will. Wir kamen bis 171 an die Küste von Japan, wie man'S nennt, blieben aber eine gute Strecke vom Lande entfernt und segelten an Ncuholland vorüber, ohne eS zu berühren. Die Rückreise wurde sodann über da? Kap der guten Hoffnung und über St. Helena angetreten. Vor Anker gingen wir während der ganzen Reise nur einmal und zwar zu Puna bei der Mündung des GuayaquilfluffeS an der Küste von Chili, wo wir eine Woche lang verweilten; diesen einzigen Fall ausgenommen, war der Edward während der ganzen Reise unausgesetzt, also achtzehn Monate unter Segel gewesen. Eigentlich hatten wir zu St. Helena vor Anker gehen wollen; der Zutritt war uns aber versagt worden, weil Bonaparte damals als Gefangener die Insel bewohnte. Wie wir uns nämlich der Insel näherten, stießen wir auf eine Kriegsbrigg, welche »ns wieder so weit in die See hinausbegleitete, bis die Höhen der Insel unfern Augen entschwanden, ohne daß uns erlaubt wurde, auch nur ein Boot um frische Vorräthe in den Hafen zu schicken. Meinen Neiselohn verkaufte ich für zweihundert und fünfzig Dollars, mit denen ich sogleich meinen Gastwitlh in dcrWaterstreet* aufsuchte. Natürlich wurde ich von allen herzlich bewillkommt, denn an solchen Orte» wird das Ansehen eines Matrosen nach der Länge seiner Reise bemessen; wie man in der Wallstreet^ von „Hundcrttausendthalermännern" spricht, so hört man in der Water- strect von „anderthalb- oder zweijährigen Seefahrern" reden. Da außer Wallfischfängern, Ostindienfahrern und Marin-matrosen sonst Niemand so lange anshalten konnte, bildeten wir inSgesammt zwei bis drei Wochen lang die Kategorie -b. Nr. 1, worunter der Kriegsschiffmatrose, der gewöhnlich drei Jahre ausbleibt, die erste, der glückliche Wallfischfänger die zweite und der Kantonschiffer die dritte Stelle einnimmt. Der „Edward" war ein glückliches Schiff und in sofern war " Die Wasserstraße. D. U. »» Die Mauerstraßc, das Äaufmannsvicrtcl von New-Uerk. D. U. auch ich ein glücklicher Bursche gewesen; übrigens benahm ich mich diesmal weit besser, als bei meiner Rückkehr von St. Domingo, blieb oster nüchtern, verschleuderte mein Geld nicht mehr auf so thörichte Weise wie früher und wartete auch nicht, bis man mich zur Thüre hinaus wies, um mich »ach einer neuen Anstellung umzusehen. Als ich mich abermals einschiffte, konnte ich sogar hundert Dollars in dem Hause meines Gastwirths zurücklaffen — für einen Matrosen in seiner Art ein eben so bemerkenSwertheS Ercigniß als der Umstand, daß ich diese Summe bei meiner nächsten Heimkehr vollständig ausbezahlt erhielt. Die Standhaftigkeit, welche ich diesmal bewies, war größten- theilS folgenden Umständen zuzuschreibeu. Ich war nach meiner Rückkehr vom Walifischfang mit zwei alten Bekannten, die mit mir in der Gefangenschaft gewesen waren, zusammen getroffen; ihr Name war Wilson und Tibbets — Letzterer nicht jener Tibbets, der zugleich mit mir nach Bermuda geschickt worden war, sondern nur ein Namensvetter desselben. Diese beiden hatten auf dem Kaperschiffe „Governor TompkinS" gedient, wofür sie eine beträchtliche Summe' Prisengeld nach Haus gebracht hatte»; mit ihrer Baarschaft waren sie bedachtsam umgegangcn und hatten eine englische Prisenbrigg um geringen Preis angekauft und ausgerüstet. Auf dem TompkinS waren sie als Fockmastmatrosen angestellt—während der Gefangenschaft waren sie meine Tischgenoffen und wohlgelittenen Kameraden gewesen, und da sie mich jetzt nach ihrer ersten Wcst- indienfahrt zu einer zweiten Reise nach Irland auf ihre Brigg einluden und mir manchen guten Rath über die vorsichtige Verwendung meines Geldes ertheiltcn, so wollte ich mir ihre Ermahnungen auch zu Nutze machen, was die oben erwähnte Wirkung bei mir her- »orbrachtc. Die Prisenbrigg, Namens „Susanne," stammte aus einem der kleineren bntlischen Häfen, doch weiß ich nicht mehr aus welchem; sie mochte ungefähr zweihundert und fünfzig Tonnen Ladung fassen. 173 muß über schon damals alt und morsch gewesen scyn. TibbetS war der Schiffsherr und Wilson der oberste Steuermann; ich versah gewissermaßen den Dienst eines NntcrstenermannS und befehligte einen Theil der Wachmannschaft, wohnte aber meinem Wunsche gemäß unter den übrigen Matrosen. Es war, glaube ich, im Januar 1818, als wir nach Belfast unter Segel gingen; wir zählten im Ganzen unserer vierzehn am Bord, wovon die meisten an der Ostküstc der vereinigten Staaten zu Haus waren. Unsere Abfahrt geschah bei einem .heftigen Nordweststurm, der uns beizudrehen nöthigte, da die See zum Lensen zu hoch ging; da aber unser Schiff so schwerfällig arbeitete und überdies einen ziemlich starken Leck bekam, so mußten wir uns wieder zum Abhalten entschließen und das Lensen während des ganzen Sturmes fortsetzen. Im Ganzen zogen wir uns diesmal noch ziemlich gut aus der Affaire und brauchten während der ganzen Reise blos zweimal Höhenmeffungen vorzunehmen, bis wir am drei und zwanzigsten Tage während der Nachmittagsstunden bei dichtem Nebel die Küste von Irland, auf welche wir von dem Weststurme in gerader Linie Hingetrieben wurden ganz nahe vor uns auftauchen sahen. Die Brigg stand unter doppelt gerefften Vormarssegeln und jagte ganz frei vor dem Winde dahin, so daß wir ein Aufhalen der Segel für nöthig erachteten. Erst jetzt konnten wir den wesentlichen Nachthcil alter Segel und abgenutzter Tackelqgen cinsehen lernen, denn das VormarS-, das Fock-, sowie das Vorstengenstagsegel zersplißte im Wind, die Schooten rissen entzwei und nur mit großer Mühe gelang es uns, das Focksegel aufzugeien, indem ich selbst auf die Raa hinaussticg und es so gut als möglich ausbefferte. Es war miitlerweile Nacht geworden und der Wind tobte mit einer Heftigkeit, daß man beinahe „zwei Mann nöthig hatte, um einem das Haar auf dem Kopfe festzuhalten;" gleichwohl kann ich nicht sagen, daß ich viel an unsere Lage dachte, denn meine Haupt- 174 sorge ging dahin, in meine Back hinabgchen und warme, trockene Kleider anlegen zu können. Vom Lande war nach der ersten halben Stunde nichts mehr zu sehen; erst gegen Mitternacht vierte unser Schiff und kam jetzt auf die Backbordseite zu stehen; kaum war dies geschehen, als die Focktalje loSkprang und das Focksegel in Fetzen zerrissen wurde, ohne daß wir sür den Augenblick ein anderes einsetzcn konnten. Von jetzt an begannen sich die Umstände sehr bedenklich zu gestalten, obwohl ich aus mancherlei Gründen keine große Unruhe verspürte. Anders war der Fall mit Tibbets und Wilson, welche vor dem Kap Klear Besorgnisse hegten und mit denen ich kaum vorher beim Halsen einen kleinen Streit gehabt hatte, da ich selbst der Ansicht war, wir hätten auf der Steuerbordseite an dem Kap vorbeiklariren sollen. Dieser Umstand war schuld, daß Beide in jener Nacht selten mit uns sprachen und wir überhaupt nur wenig mit einander verkehrten. In der That, ich bereute es jetzt, daß ich mich auf einem Fahrzeuge hatte einschreiben lassen, dessen Eigen- thümer zu arm waren, um ein Schiff gehörig für die See auS- rüsten zu können und deren Stellung meiner eigenen zu nahe verwandt war, als daß ich besondere Achtung vor ihnen hätte haben können. Man hatte das Vormars- wie auch das Focksegel, so gut es anging, auSgcbessert und frisch eingesetzt; allein gegen zwei Uhr Morgens rissen die Schooten von neuem entzwei und das Segel flatterte am Neefband wie ein Stück Musselin, das von dem Ladenjungen abgerissen wird. Die Brigg führte jetzt blos noch das große Marssegel, dicht gerefft, nnd auch dieses erwartete ich jeden Augenblick seinen andern Kameraden Nachfolge» zn sehen. Es regnete und stürmte fürchterlich und die See brauste beständig in Stürzwogen über uns her. Die Mannschaft war großcntheils ermüdet, einige gingen unter's Deck, während auch diejenigen, welche oben blieben, unthätig waren oder auch nichts thun konnten; 173 dabei herrschte eine solche Finsternis;, daß wir nicht einmal dom Spiegel bis zum Gallion zu sehen vermochten. In dieser Lage ging ich nach dem Hintertheil, um Tibbets mitzu- theilen, daß ich unser Schiff für verloren hielte; er hatte immer noch Hoffnung, da die Bai sehr tief war, und meinte, das Tageslicht könne Hereinbrechen, »och ehe wir bis an die Felsen am Ufer getrieben würden. Ich war ganz anderer Meinung und glaubte, die Brigg werde schon von den Grundwellen hin und her geworfen, wenn ste sich auch noch nicht ganz im Bereiche der Klippen befinde. Diese ganze Zeit über blieb das Schiffsvolk ruhig; niemand versuchte zu trinken, und fast keiner rührte sich von der Stelle. Ungefähr eine Stunde nach jener Unterredung mit Tibbets, als ich mich eben am Wettsrbord befand und die Luvgeitaue des großen Segels in der Hand hielt, gewahrte ich Plötzlich dicht unter unserem Lee eine Reihe von Klippen. „Riffe — Riffe!" schrie ich laut; „jeder mag nun für sich selber sorgen!" Einen Augenblick später wurde die Brigg von einer Woge emporgctragen, im nächsten in die Schlucht hinabgeschleudert und dann blieb sie fest auf den Klippen sitzen. Der Stoß, mit dem dies geschah, war so heftig, daß ich das Gleichgewicht verlor, trotzdem daß ich mich nach innen an das Geitau anklammerte; gleich darauf horte ich das Krachen des Fockmastes, welcher leewärts in die See hinausstnrzte. Die Brigg legte sich auf dis Balkenköpfe über, richtete sich aber mit der nächsten Woge wieder auf, schoß eine Strecke gerade vorwärts und stürzte dann wieder mit einer Heftigkeit zu Boden, welche sie gänzlich zu zertrümmern drohte. Mit einemmal fiel mir der Hauptmast ein und um ihm bei seinem Einsturze aus dem Weg zu gehen, eilte ich vorwärts bis zu den Bätingshölzern und durfte froh sehn, daß ich dies gethan hatte, denn gleich darauf verspürte ich eine Bewegung, als ob die Oberthcile des Schiffs sich von dem unteren Raume ablösen wollten. 176 Ich hatte Niemand in der Nähe und der Letzte, den ich an Bord sah und sprach, war Tibbcts, der auf der Hüttenleiter stand, als ich ihm eine Stunde vor dem Scheitern der Brigg meine Ansicht mittheilte. Von dem Augenblicke, da ich die Winde erreichte, bis zu dem, wo ich eine furchtbar schäumende Sturmfluth über das Schiff Hereinbrechen sah, mochte kaum eine halbe Minute verstrichen seyn und jetzt klammerte ich mich bei jenem unglückverkündenden Anblick instinktartig an die Bätingshölzer fest. Ich kann mich noch erinnern, wie das Wasser über mich herstürzte, auch das schwebt mir noch dunkel vor Augen, daß ich durch eine Masse von Tackelwerk Hindurchkain — damit ist aber mein Gedächtniß zu Ende. Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einer irischen Lehmhütte, wo ich von einer alten Frau und ihrer Tochter gepflegt wurde; mein Kops war verbunden, das Haar auf der Stirne größtentheils abgeschnitten, ich fühlte mich am ganzen Leibe wund und wie gelähmt, und ein Glück war'S noch, daß ich kein Glied gebrochen hatte. Bo» dem, was mit mir vorgegangen war, hörte ich später folgende Schilderung entwerfen: der Mann meiner Pflegerin, ein alter Fischer, der diese Hütte bewohnte, hatte mich nebst einigen andern Personen zwischen zwei Felsspalten auf dem Gesichte liegend angetroffen; in meiner Nähe war nirgends weder Stenge noch Tau zu bemerken. Nicht weit von mir hatte man zwei Schiffsjungen, welche zur Brigg gehörten, beide noch lebend, aber schwer verletzt, den einen gar mit gebrochenem Schenkel, aufgesunden; von der übrigen Mannschaft der Susann« war nirgends eine Spur zu entdecken und nicht einmal ihre Leichen scheint man später aufgefischt zu haben. Tibbets und Wilson waren beide mit ihrer alten Prise zu Grunde gegangen, welche ihren Namen auf diese Art sehr schlecht bewährte. Ich verlor eine gute Ausstattung und befand mich jetzt 177 nach dreiwöchentlicher Dienstleistung nackt und entblößt an der Küste von Irland. Zu meinem Leidwesen muß ich gestehen, daß mein Herz mehr Reue und Verdruß, als Dankbarkeit für meine Rettung empfand; von Religion hatte ich kaum einen Begriff, denn von alledem, was man mir während meiner Kindheit mühsam beigebracht hatte, war säst keine Spur mehr vorhanden. In dieser Gemüthsstimmung hatte ich freilich weit mehr Sinn für die Drangsale, die ich erduldet, als für die göttliche Barmherzigkeit, die sich mir in meiner Rettung dargethan hatte. Ich blicke mit Beschämung auf die Hartherzigkeit zurück, die mich gegen die mannigfachen Beweise von Gnade unempfindlich machte, welche mich so oft schon den Gefahren meines Berufs entrissen hatte. Noch volle drei Tage gingen nach dem Schiffbruche vorüber, bis ich endlich das Bett verlassen konnte. Man kann nirgends eine freundlichere Behandlung erfahren, als sie mir von diesen irischen Fischersleuten erwiesen wurde; sie hatten doch wahrlich keinen andern Lohn vor Augen, als den der Himmel barmherzigen Seelen gewährt und dennoch hätte ich nicht besser verpflegt werden können, auch wenn ich ihr eigener Sohn gewesen wäre; sie nährten, Pflegten und wärmten mich, ohne eine andere Belohnung als den Dank eines armen Schiffbrüchigen davonzutragen. Ich mußte drei Wochen bei ihnen bleiben und konnte wegen meiner Quetschungen nicht einmal etwas für sie arbeiten. Die Susanna war vollkommen zerschellt und von ihren Trümmern ließ sich auch nicht soviel zusammenlesen, daß man ein Boot davon hätte bauen können; ihre Ladung war eben so spurlos wie ihr Rumpf verschwunden, und ehrlich gestanden, wäre eS kaum der Mühe werth gewesen, die Letztere anzubrechen. Die beiden Schiffsjungen waren zwei bis drei Meilen aufwärts an der Küste in einer andern Hütte untergebracht worden; da ich aber keine Schuhe hatte und überdies zu kraftlos war, so konnte ich Ned Myers. 12 178 auf den scharfen Steinen nicht so weit gehen, um sie zu besuchen. Wir schickten uns mehrere Mal Grüße hin und her; sonst habe ich seit dem letzten Blick, den ich damals nach Tibbets und seiner Hüttenleiter geworfen, von der ganzen übrigen Mannschaft der Brigg keine einzige lebende Seele mehr zu Gesicht bekommen. Als endlich mit dem Eintritt ruhigerer Witterung ein Küstenschiff dicht an unserer Hütte vorübcrkam, ruderte mein alter Fischer darauf los, erzählte ihnen meine Geschichte und erhielt für mich einen Platz nach Liverpool. Ich verabschiedete mich sodann von diesen gutherzigen Leuten und gab ihnen Alles was ich hatte — nämlich meinen aufrichtigen Dank, worauf ich mich an Bord der Schaluppe verfügte. Ich fand hier die beste Behandlung, ohne daß es Jemand eingefallen wäre, mir eine Arbeit zumuthen zu wollen. Am zweiten Tage erreichten wir Liverpool, wo ich unverzüglich an'S Land stieg und Molly Hutson aussuchte; so hieß nämlich die Wirthin, bei welcher die Mannschaft des Sterling cingekehrt war, zu der Zeit, da Kapitän B-jenes Schiff befehligt hatte. Die alte Frau nahm mich freundlich auf, verhalf mir zu einigen Kleidern und schien mich wegen meines Unglücks sehr zu bedauern. Da ich aber um keinen Preis länger müßig bleiben wollte, so verdingte ich mich an Bord des „Robert BurnS" und segelte noch in derselben Woche nach New-Vork ab. Ich erhielt zwar kein Handgeld, erfreute mich aber einer trefflichen Behandlung und hatte nur eine sehr kurze Winterfahrt zu bestehen. Kaum drei Monate, nachdem ich meinen alten Gastwirts) verlassen hatte, kehrte ich wieder zu ihm zurück und ließ mir meine hundert Thaler auszahlen, was auch ohne alle Schwierigkeiten geschah. Wir hatten zusammen auf dem Sterling gedient und er schien von jeher eine bessere Meinung von mir zu haben, als Gast- wirthe in der Regel von Matrosen zu hegen pflegen. Unter meinen StandeSgenossen wurde damals viel von den 179 Vortheilen gesprochen, welche eine Reise an die irländische Küste zum Behufe des Tabakschmuggelns haben sollte und ich ließ mich dadurch zu dem Entschlüsse bestimmen, mein Glück auf eigene Rechnung zu versuchen, lieber die Nechtmäßigkeit und llnrechtmäßigkeit des Schmuggeln« habe ich hier nichts zu sagen; ich würde jetzt, so weit ich mich selber kenne, keine solche Reise mehr machen: allein ' arme Matrosen, wie meines gleichen, verstehen in solchen Dingen nicht immer den rechten Unterschied zu machen und die Kansleute dürfen mit vollem Recht einen Theil dieser Schande auf ihre eigenen Schultern nehmen, denn selten wird man einen Kaufherrn und noch seltener einen Seemann treffen, der sich nicht des SchmuggelnS schuldig gemacht hätte ^ — Marineoffiziere sind natürlich hievon ausgenommen. Ich verwendete den größten Theil meiner hundert Dollars auf meine neue Ausstattung und schiffte mich dann auf dem M'Donough, einem kleine», nach Art eines Lootsenboots gebauten Schooner, nach Irland ein, um ehrsame Leute, wie meinen alten Fischermann, mit wohlfeilem Taback zu versehen. Unsere Ladung, ans dem rohen ' Material bestehend, war in kleine Ballen verpackt, welche man in der Hand mit sich forttragcn konnte. Wir waren unserer siebzehn Matrosen auf dem Schiff und führten kein Geschütz, wohl aber Pistolen und dergleichen; unser Schooner segelte mit seinen paar GaffmarSsegeln trotz einer Meernire, und vierzehn Tage, nachdem wir Kap Hook verlassen, hatten wir den Ort unserer Bestimmung, '»Selten eine Herzoginhätte Ned recht wohl ieifiigen dürfen. Die europäischen Gesandtschaftspaquete könnten wohl manches Gcschichtchen von Foulard'S u. s. w. anstischen, die von einem Hof an den andern befördert werden. Der Verfasser ist der Ansicht, daß das Schmuggeln unter den höheren Ständen Amerika'« weit weniger, als unter denen Euro- pa's kultivirt wird; auch sollte man nicht vergessen, daß ein Matrose nicht ) leicht auf ein Schmuggelschiff gehen wird, das nicht von Handelsleuten des Festlandes ausgesendet wäre. D. HerauSg. 180 den Hafen ans der Tvryinsel vor Augen, welche seewärts von der nordwestlichen Küste Jrland's gelegen ist. Es war noch Tag, als wir anlangten nnd wir gaben deshalb ein Signal, das später durch eine Rauchsäule, die sich ans einem der Felsen erhob, beantwortet wurde; dann kam ein großes Boot zu uns heraus, das wir noch am selbigen Abend mit Taback vollluden. Die Nacht über hatten wir bald noch vier bis fünf weitere Boote mit derselben Ladung entsendet; mit Anbruch des Tags mußte aber unser Schooner den Wind anholen und sich wieder vom Lande entfernen. In der nächsten Nacht kehrten wir zuiück und trafen wieder mehrere Boote, worauf wir am andern Morgen wieder wie zuvor in die See zogen und auf diese Art eine volle Woche hindurch Ladung auf Ladung an's Land beförderten, indem einmal bloS ein Boot, ein anderes Mal aber deren drei oder vier, wie's gerade der Zufall gab, bei unserem Schooner ansprachen. So oft wir ein Boot erblickten, wurde es angerufen und befragt: „ob es auswärts bestimmt sey;" gab es dann eine befriedigende Antwort, so gelten wir unser Focksegcl und ließen das Boot neben unserem Schiffe anlegen. So hatten wir am Morgen des sechsten oder siebenten Tages etwa zwei Drittheile unserer Tabackladung ausgeschifft und eben war wieder ein Boot nach dem Lande abgegangen, als wir plötzlich eine Kriegsbrigg um die Torhinsel herumkommen und Jagd auf uns machen sahen. Wir hatten nichts Eiligeres zu thun, als unfern Schooner scharf an den Wind zu Halen, der eben frisch drauf loszublasen anfing. Die Engländer lasten in der Regel nur die besten Schnellsegler auf dieser Station kreuzen und so hatten wir -wahrlich keine Zeit zu verlieren, denn die Brigg segelte sehr rasch und war uns weit überlegen. Unser kleiner Schooner hielt sich aber gleichwohl vortrefflich und lief eine Nacht und zwei Tage mit seinem Gegner in die Weite, bis er endlich, trotz dem, daß sein großes Segel unten gerefft, das einmal gereffte Fock-, sowie das Klüversegel mit einem Bannet * versehen und der fflegende Klüver bordeinwärts gchalt war — mit dem Engländer nicht mehr gleichen Schritt zu halten vermochte. Am zweiten Abend bei Sonnenuntergang stand uns die Brigg so nahe, daß wir die Mannschaft an deren Bord unterscheiden sonnten; dazu kam noch, daß der Wind frischer als jemals wehte und so den Gegner begünstigte, während wir bei gemäßigterem Wetter den Vortheil über ihn davongetragen hätten. Unser Patron fing an unruhig zu werden und beschloß eine Kriegslist zu versuchen. Die Nacht schien finster und regnerisch zu werden und wir hatten nicht sobald die Brigg aus den Augen verloren, als unser Schooner durch den Wind wendete, eine kurze Strecke weiter fuhr, dann alle Segel einhißte und sämmtliche Lichter ausiöschte. In dieser Lage blieben wir drei Stunden stehen; dann steuerten wir mit unserem Fahrzeug wieder schnurstracks auf die Toryinscb los. — Was aus der Brigg geworden ist, weiß ich nicht; vielleicht daß sie ihre Jagd noch immer fortsetzt, denn ich habe nie wieder etwas von ihr zu Gesicht bekommen. Am andern Tag steckten wir wieder unser Signal auf und wie zuvor, sahen wir auch dießmal auf demselben Felsen eine Rauchwolke emporsteigen. Wir brauchten noch volle drei Tage, um unfern Taback vollends an's Land zu schaffen, wo es unterdessen einige Störungen gegeben hatte, wiewohl der ganze Vorrath, wie ich mir später sagen ließ, mit Ausnahme einiger Bootsladungen ganz sicher untergebracht wurde. Kaum war die Ladung ausgeschifft, als wir uns wieder nach New-Vork auf den Weg machten, wo wir nach kurzer Ueberfahrt und einer Abwesenheit von kaum zwei Monaten glücklich wieder anlangten. Meinen Lohn und die erhaltenen Geschenke zusammen- » Baunets sind Streifen Segeltuch, welche zur PerlLngerung der Segel unten angesetzt werden, um letztere mehr Wind fassen zu lasten. D. U. 182 gerechnet hatte mir diese Fahrt gegen hundert Dollars eingetragen; trotzdem mochte ich mich später nie wieder auf den Tabackhandel einlaffen. Elftes Kapitel. Diesmal blieb ich zwei Monate lang am Lande liegen. Ich hatte beschlossen, die Steuermannskunst zu studiren und zu versuchen, ob ich nicht eine höhere Stellung als die des Vorkastellmatrosen gewinnen könnte — ein weiser Vorsatz, in dem ich durch einige verständige Freunde bestärkt wurde. Ich Halts ein junges Mädchen von achtungswerthem Charakter und angenehmem Aeußeren getroffen, in das ich mich, offen gestanden, sterblich verliebt hatte. Ich glanbe, eine Mutter pflegt in solche» Dingen weit mehr als der Vater auf der Hut zu sehn, denn es dauerte nicht lange, bis mir die alte Frau über den Hals kam und mich über meine Absichten hinsichtlich Sarah's ansholte, während der Vater sich hierin viel geduldiger zeigte. Ich gestand ihr geradezu, daß ich ihre Tuchler zu heirathen wünsche; die alte Fran aber meinte, ich sey noch zu wild, — eine Ansicht, welche Sarah keineswegs zu theilen schien. Hätte man uns Beide uns selbst überlassen, ich glaube, wir hätten einander geheirathet, trotz dem, daß ich eigentlich zuvor Offizier werden wollte, ehe ich mich zu einem so wichtigen Schritte entschlösse. Ich habe seither oft gedacht, daß Sarah's Eltern bei meiner abermaligen Anwerbung betheiligt gewesen sehn mußten, denn sie hatten mit dem Kapitän, der mir nunmehr die Stelle eines Untersteuer- manns antrug, von jeher auf sehr vertrautem Fuß gestanden. Es kostete mich keine geringe Neberwindung, den genannten Vorschlag anzunehmen, wiewohl ich im Ganzen cinsah, daß es das Beste war, was ich thun konnte; als nämlich die Zeit der Abreise herankam, wäre ich gar zu gerne bei Sarah geblieben, obgleich ich mir bei 18 Z kaltblütiger Ueberlcgung nichts VortheilhaftereS wünschen konnte, als eben die Stelle, welche ich erhalten hatte. So kam ich denn als Untersteuermann auf eines der Coster'schen Schiffe mit Namen „William und Jane," das nach Holland und Canton bestimmt war. Mein Abschied von Sarah war äußerst zärtlich und die Nothwendigkeit des Scheidens ging uns Beiden, glaub ich', sehr nahe. Auf der Hinfahrt ereignete stch nichts, was Erwähnung verdiente; ich widmete mich mit vollem Eifer meinem Amte, in welches ich schon auf dem Sterling und später noch mehrere Male hinein- gepfnscht hatte. Wir erreichten den Terel, konnten aber hier mit aller Mühe nicht die erforderliche Summe Dollars auftreiben, und mußten deßhalb mit einer Abschlagszahlung von zwanzig Tausenden und mit einer kleinen Portion Wachholderbranntwcin als einziger Rückfracht nach Ncw-Vvrk zurückkehren. Nach einer Abwesenheit von fünf Monaten fand ich meine Sarah noch ebenso hübsch und ebenso treu wie zuvor. Ich blieb übrigens auf meinem seitherigen Schiffe, mußte aber, da meine astronomischen Kenntnisse gar zu beschränkt befunden wurden, um eine Rangstufe herabsteigen, d. h. dritter Steuermann werden. Wir hielten uns einen Monat zu New-Uork auf und es fiel mir äußerst schwer, mit Sarah nicht geradezu auf und davon zu gehen, doch suchte ich mein Schifflein so gut wie möglich von den Klippen entfernt zu halten. Ich schenkte ihr einen silbernen Fingerhut und sagte ihr, sie solle durch einen Silberarbciter unsere beiden Namen verschlungen hineingraviren lassen: dies geschah und der Leser wird später erfahren, welche Folgen dieser Schritt für uns Beide herbeiführte. Ehe wir unter Segel gingen, war auf unserem Schiffe ein kleiner Aufstand ausgebrochen: die Leute hatten sich nämlich geweigert, noch ferner unter dem erst neulich geworbenen HvchbootS- mann zu dienen, und gaben sich nicht eher zufrieden, als bis man 184 vor der Abfahrt einen andern Bootsmann herbeigeschafft hatte. Ich glanbe überhaupt, daß noch nie ein Schiff mit solchen Kvn- traktsbedingungen vom Lande stieß, wie unsere Mannschaft sie sich ertrotzt hatte — drei Quart Wasser täglich, sowie die Erlaubniß, die Vormittagswache unter Deck zuzubringen. Alles dieß Schwarz auf Weiß und trotz dem noch allerhand Unruhen, bevor wir unfern Bestimmungsort erreichten! Unsere Ueberfahrt war sehr langwierig und dauerte im Ganzen zweihundertundzehn Tage. Als wir in die Linie der Paffatwinde gelangten, wurde ein Mast nach dem andern bis zum Jolltau abgetakelt, worauf man Astes überfuhr und neue Takelagenwände über die unteren Marsen spannte; wir brauchten zwar ziemlich lange Zeit dazu, verloren aber wenig oder nichts an Geschwindigkeit, da das Schiff die ganze Zeit über vor dem Winde hersegelte und diejenigen Masten, welche noch aufgetakelt blieben, von oben bis unten in Leinwand gehüllt wurden. Ehe wir zur Musterung unseres Takelwerkes übergingen, waren wir mit einem englischen Schiffe, dem „General Blücher," zusammengetroffen, in dessen Gesellschaft wir volle vierzehn Tage weiter segelten. Während beide Schiffe beisammen waren, kam uns eine fremde Brigg zu Gesicht, welche uns drei bis vier Tage sorgfältig bewachte und von beiden Fahrzeugen für ein Räuberschiff angesehen wurde. Da wir sechs Kanonen nebst einunddreißig kampffähigen Matrosen an Bord hatten und der Blücher zum wenigsten ebenso stark war, so glaubten die beiden Kapitäne, wenn sie zusammen hielten, so würde es ihnen wohl gelingen, den Burschen im Falle eines Angriffes zurückzuschlagen. Die Brigg kam uns häufig so nahe, daß sie uns ganz genau beobachten konnte, segelte dann jedesmal wieder zurück und trieb dieses Spiel mehrere Tage lang fort, bis sie plötzlich den Wind faßte und aus unser» Blicken verschwand. Unser Schiff hätte freilich keine üble Prise abgegeben, da es, wie 185 man sagte, nicht weniger als zweimalhundertundsünfzigtausend spanische Thaler an Bord führte. In einem heftigen Sturm wurden wir von dem Blücher getrennt, worauf unser Schiff gegen Rio steuerte, wo wir uns thcilwcise unseres Ballasts entledigten und unsere Bleiladung umtauschten, so daß unser Schuss leichter wurde und nicht mehr so tief im Wasser ging. Von hier an bis VandiemenS-Land erlebten wir keinerlei be- merkenswerthe Vorfälle. Wir hatten das Land schon zwei Tage im Gesicht, als einer der Schiffsjungen beim Reffen der Leesegelfallen von der Vorbramraa herabstürzte. Ich hatte mich eben nach Beendigung des Mittagessens hinunter verfügt, um meine Wache zu besorgen, als ich den Ruf vernahm: „Ein Mann über Bord!" Ich rannte augenblicklich, wie ich ging und stand, auf'S Verdeck, sprang mit vier Anderen in ein Quartcrboot, das sogleich Hinabgelaffen wurde und als wir um das Schiff herumruderten, hörte ich den armen Jungen mich beim Namen zu seiner Rettung aufrufen. Während ich auf dem Hinterdeck des Schiffes gestanden, hatte ich ihn ganz deutlich hinter dem Spiegel wahrgenommen; sobald aber das Boot im Wasser war, kam er mir gänzlich aus dem Gesicht. Man hatte den Hüttendeckel über Bord geworfen, der nun in unserem Kielwasser nachschwamm, und auf den wir zusteuerten, ohne etwas Weiteres von dem armen Teufel zu sehen noch zu hören. Seinen Hut fanden wir wohl, fischten auch den Hüttendeckel auf, er selbst aber war nirgends zu entdecken: ohne Zweifel war er schon früher untergesunken, noch ehe wir die Stelle erreichten, welche sein Hut als diejenige bezeichnete, wo er umhergeschwommen seyn mußte. Letzteren hatten wir zuerst aufgefangen und da der Junge sich nirgends blicken ließ, so waren wir zu dem ziemlich umfangreichen Hüttendeckel zurückgerudert. Während wir mit Einfischen desselben beschäftigt waren, kam ein Windstoß über unser Boot hergefahren, der uns den Deckel beinahe aus den Händen gerissen hätte: wir hielten unsere ganze Aufmerksamkeit auf dessen Sicherstellung gerichtet, so daß wir keine Zeit zum Umschauen fanden; kaum aber war dieses Geschäft beendigt, als einer unserer Leute ausrief, das Schiff sey nirgends zu sehen! Er hatte wahr gesprochen — unser reicher Kauffahrer war verschwunden und wir saßen in einer sechsrudrigen Pinaffe mitten im weiten Ozean, ohne einen Bissen Mundvorrath, ich selbst ohne Hut, Schuhe, ohne Jacke und Hosen, bloS mit einem Paar Nnter- beinkleidern und einem sianellenen Hemde bekleidet! Das einzige Glück war noch, daß der Kapitän in jedem Boot ein Tönnchen Wasser aufbewahrt hatte; so fanden wir wenigstens einen kleinen Dorrath von diesem Hauptbcdürfnisse, der für uns fünf vielleicht aus zwei bis drei Tage ausreichen mochte. Alle unsere Boote waren mit Segeln versehen, die der Pinaffe aber hatte man kurz zuvor des Trocknens halber über das Quarterdeck gespannt, so daß wir einzig und allein auf unsere Riemen beschränkt blieben. Anfänglich ruderten wir leewärts, bald aber übersiel uns ein so dichter Nebel, daß wir die Gegenstände kaum auf Kabellänge unterscheiden konnten und unser Nachsuchen nach dem Schiffs in dieser Richtung gänzlich erfolglos blieb. Nach ein paar Stunden stellten wir das Rudern ein, um nunmehr gemeinschaftliche Berathung zu halten. Ich schlug vor, in der Richtung des Landes, d. h. windwärts zu rudern; sollte das Schiff uns aufsnchen, so mußten wir'S jedenfalls in jener Region finden, und war es ganz für uns verloren, so bestand unsere einzige Hoffnung darin, die Küste zu erreichen, wo wir doch vielleicht etwas zu essen vorfinden mochten, während hier auf dem Ocean wenig Aussicht dazu vorhanden war. Meinen Kameraden wollte anfangs der Gedanke, den Ort zu verlassen, nicht recht einleuchten, nach einigem Hin- und Herreden entschieden sie sich aber dennoch für meinen Plan. Der Nebel dauerte den Nachmittag, die ganze Nacht und den 187 andern Tag bis zur Mittagsstunde fort; wir waren ohne Kompaß und mußten unfern Kurs nach Wind und Wogen einrichten. Von Zeit zu Zeit hellte sich der Himmel wohl etwas auf, so daß wir ein paar Sterne gewahren und den Tag über auch einige Meilen in der Umgebung des Boots überblicken konnten: von unserem Schiffe aber war nirgends etwas zu sehen. Der Wind wehte so heftig, daß wir meiner Benrthcilung nach nur eine kleine Strecke weiter rückten, da unsere ganze Anstrengung sich darauf beschränkte, das Boot in seinem Onerlaufe durch die Sec zu erhalten. Hätten wir freilich mit vier Rudern arbeiten können, dann wäre der Fall weit günstiger gewesen; so aber durften von einer Wache bis zur andern nur zwei Männer beschäftigt werden, damit die beiden andern unterdessen, von dem Hüttendeckel beschützt, sich wieder etwas erholen konnten. Ich steuerte so lang ich es vermochte, mußte aber von Zeit zu Zeit zum Ruder greifen, um mich nur einigermaßen warm zu erhalten. Auf diese Weise verstrichen sechsundzwanzig der unangenehmste» Stunden meines Lebens, als plötzlich einige von uns den fernen Donner einer Kanone zu hören meinten. Ich wollte es nicht glauben, und mochte in gespannter Erwartung wohl zehn bis fünfzehn Minuten lang gehorcht haben, als sich ohne allen Zweifel auf unserer Leeseite ein zweiter Schuß vernehmen ließ. Dieses Signal äußerte einen merkwürdigen Einfluß auf uns alle: augenblicklich wurden die vier Ruder bemannt und fort ging's nun vor Wind und Wogen, so schnell wir nur immer zu rudern vermochten, während ich selbst nach der Richtung der Kanonenschüsse hinsteuerte, die sich luvwärts von uns von Viertelstunde zu Viertelstunde mit schwerem Donner wiederholten. So hörten wir drei oder vier dieser Schüsse, den einen immer näher wie den andern, was keine kleine Freude bei uns verursachte, bis ich endlich das Schiff ungefähr auf zwei Meilen vor uns stehen sah. Es war auf der Steuerbordseite dicht angchalt, zum Zeichen, 183 daß man uns suchte; nur die Marssegel waren einfach gerefft und die Bramsegel darüber gesetzt. Es lief übrigens rasch an uns vorüber und hätten wir es nicht so zeitig wahrgenvmmen, so wären wir quer durch sein Kielwasser, d. h. zu weit leewärts von ihm gekommen und hätten somit jede Hoffnung auf Rettung verloren. Sobald wir den „William und Jane" erblickten, änderten wir unfern Kurs; doch wie war es möglich, daß unser Boot bei solcher See ein schnellsegelndes Schiff, das mit einer dichten Segelmasse dahin jagte, noch einholen sollte? Unsere Angst war auch von dem Augenblicke an, da wir das Schiff vor uns sahen, vielleicht weit größer als zuvor, denn jetzt erst erkannten wir die Gefahr, welche uns bevorstand. Nie werde ich das Gefühl vergessen, mit dem ich das Schiff seine große Halse auSgapen und das große Marssegel ein- holcn sah! Fock- und Bramsegel folgte, worauf die große Raa sich rund umschwenkte und das große Marssegel backlegte; Alles am ganzen Schiff schien zu fliegen, und wir wußten nun, daß wir gerettet waren. Wenige Minuten später standen wir an Bord unseres Schiffs; das Boot kam an den Penterbalken, das Steuer wurde ausgenommen nnd fort ging's mit der alten Barke, China entgegen. Wir hatten auf unserer Bootscrcursion vom Hunger, von der Anstrengung und dem Wetter viel auSzustehen gehabt und mir besonders war'S unter allen am schlimmsten ergangen, da ich trotz der kühlen Witterung fast kein Kleidungsstück auf dem Leibe trug; hätten wir noch einen Tag länger auf diese Art zubringen müssen, ich glaube, wir wären alle zu Grunde gegangen, wenn wir anders nicht zu der unter Seeleuten so wohl bekannten Alternative unsere Zuflucht genommen hätten. Der Kapitän sowie die ganze Mannschaft waren hoch erfreut, uns wieder in ihrer Mitte zu sehen; sie hatten beschlossen, unter kurzen Halsen luvwärts zu weneen, bis sie das Land erreichen würden. 189 was unter diesen Umständen allerdings das Beste war und uns auch wirklich vom Untergange rettete. Als wir in die Breite von Port Jackson gelangten, beschloß der Kapitän, statt der im Vertrag stipulirten drei — nur noch zwei Quart Wasser per Mann austheilen zu lassen. Dies verursachte eine Meuterei: die Leute wollten keinen Dienst mehr thnn, was in diese» entfernten Theilen der See allerdings höchst fatal war. Der Kapitän wollte aber seinen Willen durchsetzen und sobald daher die Meuterer sich auf das Unterdeck verfugt hatten, nahm Jener seinen Vorthcil wahr und schloß die Springlucke, so daß ste sich sammt und sonders eingesperrt sahen; dann rief er die Mannschaft deS Hinterdecks — im Ganzen sechs Matrosen und drei Schiffsjungen — zusammen und legte uns die Frage vor: ob wir das Schiff lieber geradezu nach Canton führen oder in Port Jackson landen und Wasser daselbst einnehmen wollten? Er gab selbst zu, daß wir noch fünfundsiebeuzig Tagreisen von Canton entfernt scyeu, bestand aber gleichwohl auf seinem Vorhaben, die Reise dahin ohne Unterbrechung fortzusetzcn. Wir sahen alle Schwierigkeiten, welche daraus entstehen mußten, und stellten ste ihm unverhüllt vor Augen. Unten waren zwanzig Mann eingesperrt, welche acht- bis zehntausend Meilen in dieser Lage forttransportirt werden sollten, was im günstigsten Falle höchst lästig war, ja sogar dem einen oder andern von ihnen den Tod znziehen konnte. Wir waren zwar bewaffnet und hatten durchaus keine Furcht vor den Leuten, mochten »ns aber auch nicht dazu hergeben, mit einer so geringen Mannschaft, welche überdies noch zum dritten Theil aus Schiffsjungen bestand, ein Schiff von fünfhundert Tonnen Last eine so weite Strecke allein zu führe». Zu all' dem hatten die Leute das Recht eigentlich auf ihrer Seite, da ihnen im Kontrakt die obige Portion Wasser verwilligt und dieses Wasser eine kurze Strecke windwärts in Fülle zu haben war. Der Kapitän gab unseren Vorstellungen nach und wir steuerten 190 nach Port Jackson, wo wir in drei bis vier Tagen ankamen. Während wir selbst das Schiff mit Wasser versorgten, wurden die Leute als Meuterer in's Gesängniß gebracht, wo sie so lange blieben, bis wir die erforderliche Portion Wasser am Bord hatten, was etwa vierzehn Tage dauerte. Nun entstand aber die Frage, ob wir unserer alten Mannschaft noch länger vertrauen könnten; andere Matrosen waren nicht zu bekommen und so blieb uns keine andere Wahl, als unsere Arrestanten wieder an Bord zu nehmen und sie aufs Neue zum Dienst zu verwenden, sobald das Schiss zur Abfahrt bereit war. Die Bursche machten uns übrigens keine weitere Unruhe, sondern hielten sich vortrefflich, wie dies gewöhnlich bei Leuten der Fall ist, sobald sie nur einmal tüchtig zur Strafe gezogen worden sind. * Eine Meuterei ist nie gefährlich, sobald die Offiziere von deren Existenz unterrichtet und in gehöriger Bereitschaft sind, ihr muthig und entschlossen entgegen zu treten, denn deS „Königs Name ist eine feste Burg."*^ Wir erreichten Canton zu gehöriger Zeit und fanden die neue Ladung schon für uns vorbereitet; wir nahmen diese ein und gingen nach drei Wochen abermals nach dem Level unter Segel. Unsere Rückfahrt nach Europa war durch keinen Unfall unterbrochen, dauerte aber zweihundert und eilf Tage. Jnr Level fand ich zwei Briese aus New-Dork, den einen von Sarah, den andern von einer ihrer Freundinnen. Sarah hatte denselben Silberarbeiter geheirathct, welcher unsere Namen auf " Edler Grundsatz für einen „Sohn der Freiheit" und Diener der nordamerikanischen Republik. D. U. " Wie dieser Spruch aus den vorliegenden Fall Anwendung finden soll, ist schwer zu begreife». Wie in aller Welt kann hier von Meuterer die Rede sehn? Del der ganzen Sache ist Niemand zu tadeln, als der wortbrüchige Kapitän, der einen feierlich stipnlirten Vertrag verletzen wollte — die Mannschaft höchstens darum, daß sie sich die erlittene Mißhandlung so gutwistig gefallen ließ. D. u. .. jenen Fingerhut gravirt hatte! Damals, als sie ihm den unglückseligen Fingerhut überbrachte, halte er sie zum Erstenmal gesehen, hatte sich sogleich in sie verliebt und da er sich in guten Umständen befand, so waren ihre Freunde in sie gedrungen, seine Bewerbung anzunehmen. In ihrem Briefe gestand sie mir, daß sie ihren Fehler bereue und sich höchst unglücklich fühle — die Sache war aber jetzt nicht mehr zu ändern. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, unter diesen Umständen nach New-Vork zurückzukehrcn, und beschloß deßhalb, mein Schiff zu verlassen. Ich erbat mir also meinen Abschied und habe den „William und Jane" nie wieder gesehen. Im Terel lag ein kleines Schiff aus Baltimore, der „Wabash" genannt, das sich zur Abfahrt nach Canton vorbereitete, und auf dem ich mich, diesmal aber wieder als Fockmastmatrose, anwerben ließ. Mein Plan ging dahin, den Wabash zu Canton zu verlassen und nie wieder diesseits des Kaps zurückzukehren; das Fehlschlagen meiner Heiratsabsichten halte mich dermaßen erbittert, daß ich so weit wie möglich von Amerika getrennt sehn wollte. Dies war der Wendepunkt meines ganzen Lebens; er sollte die Stellung bestimmen, welche ich in meinem Berufe einzunehmen hatte. Ich war jetzt sieben und zwanzig Jahre alt und wenn eS bei einem Manne in diesem Alter bereits den Krebsgang nimmt, so muß er wahrlich in einem guten Fahrzeuge segeln, wenn er sich wieder zu seiner eigentlichen Back hindurcharbeiten will. Der Wabash wurde auf der Hinfahrt von Wind und Wetter begünstigt und durch keinerlei Unfall aufgehalten; bei seiner Ankunft in Canton theilte ich dem Kapitän meine Absicht mit und er entließ mich ohne Widerrede. So stand ich denn, mit ein paar hundert Thalern in der Tasche, einige gute Kleider in der Kiste, im weiten kaiserlichen Reiche frei und ledig! So weit war Alles gut und ich fing auch alsbald an, mich nach einer paffenden Unterkunft umzusehen. Wir hatten zu Whampoa ein Schiff der englischostindischen Kompagnie getroffen, welches Opium einschmuggelte, und einige Tage nachdem ich den Wabash verlassen hatte, ließ ich mich als dritter Steuermann an Bord desselben anwerbcn. Dies war das erste und einzige Mal, daß ich unter englischer Flagge segelte, denn bei meinen übrigen Fahrten auf englischen Schiffen läßt sich nicht wohl behaupten, daß ich mich unter ihrer Flagge befand, wenn diese gleich über meinem Haupte wehte. Mein neues Schiff hieß „die Hoffnung," gehörte nach Kalkutta und stand unter Kapitän Kid oder Kyd — das weiß ich nicht mehr so genau; cs war aus Thekaholz gebaut, hatte früher als Fregatte tu portugiesischen Diensten gestanden, war aber nun so alt, daß Niemand mehr wußte, wo cS gezimmert worden war, obwohl es trotzdem mit der Geschwindigkeit einer Wasserhere segelte. Die Bemannung bestand größtentheils aus Lascaren, nebst einigen Europäern und Negern, wie dies auf solchen Fahrzeugen gebräuchlich ist. Der Betrag meiner Löhnung an Thalern war zwar nicht sonderlich bedeutend, dagegen aber Alles so wohlfeil, daß die Rechnung dadurch ausgeglichen wurde; auch hatte ich verschiedene Nebeneinkünfte zu erwarten, welche sich gleichfalls auf eine hübsche Summe beliefen und der Tisch auf unserem Schiffe war ganz vortrefflich. Als ich an Bord der „Hoffnung" angestellt wurde, führte sie einen ziemlichen Vorrath von Opium mit sich, welcher vor unserer Abfahrt noch vollständig eingeschmuggelt werden mußte. Da dieser Handel in neuerer Zeit so großen Lärm veranlaßt hat, so will ich hier erzählen, wie wir unsere Maaren gewöhnlich an den Mann brachten. Zur Vertheidigung der moralischen Seite dieses Handelszweigs weiß ich ebenso wenig anzuführen, als dieß bet meiner Tabackreise der Fall war; allerhöchstcns könnte ich etwa versichern, daß ich, falls man mich nämlich zu einer von beiden Schniuggelarten zwingen wollte, jedenfalls weit lieber die Landsleute 193 meines ehrlichen Fischers mit wohlfeilem Taback versorgen, als die Chinesen in Opium betrunken machen möchte. Unser Opium war in hölzernen Kisten verpackt, welche je vierzig Cylindcr ü zehn Pfund Gewicht enthielten, so daß also jede Kiste gegen vierhundert Pfund schwer war. Die sonstige Ladung bestand dem Hauptinhalte nach aus Baumwolle, Salpeter und Ebenholz, nebenbei aber führten wir auch vierhundert dieser Opiumkisten an Bord. Den Verkauf des Opiums pflegte der Kapitän in eigener Person auf der Faktorei zu besorgen: selten wurden über sechs bis acht, öfter bloS zwei bis drei Kisten auf einmal verhandelt. Der Käufer brachte oder schickte sodann die Anweisung zur Ueberlieferung des OpinmS auf unser Schiff und sorgte auch für die nöthige Anzahl von Säcken. Die Mauihbcamten blieben hier nicht wie in anderen Ländern auf dem Schiff selbst, sondern befanden sich auf einem großen bewaffnete» Boot, das unter dem Namen „Hoppooboot" an unserem Spiegel befestigt war. Diese Einrichtung ließ uns ziemlich freies Spiel auf unserem Schiffe, und kam je einmal einer der Beamten an Bord, so erfuhren wir'S natürlich schon einige Zeit vorher. Als drittem Steuermann lag eS mir ob, die Kisten aus dem Kielraum heraufzuschaffen und das Opium zu überliefern; die Kiste wurde jedesmal geöffnet, die Cylinder abgezählt und in die Säcke verpackt, welche absichtlich von solcher Größe waren, daß man sie noch mit Bequemlichkeit handhaben konnte. Dies Alles geschah auf dem Kauonendecke; der Käufer hatte sein Opium auf unserem Schiffe in Empfang zu nehmen und ein etwaiges Mißlingen seines SchmuggelnS als eigenen Verlust zu tragen. Sobald der Verkäufer sein Opium in den Säcken hatte, stellte er letztere in die Nähe der mittleren Stückpforten, welche geöffnet wurden; dann gab er seinen Leuten am Ufer ein Signal, welche dieses sogleich beantworteten und nun mußte man die Ankunft der Schmuggelboote abwarten. Ned MyerS. 13 19-1 Diese Boote bestehen meistens ans langen, äußerst behenden Fahrzeugen, welche mit einer doppelten Reihe von Ruderbänken versehen sind und öfters bis zu sechzig Mann an Bord führen; dazu sind sie bewaffnet und haben eine pfeilschnelle Bewegung. So wie Alles fertig ist, zeigen sie sich plötzlich auf dem Wasser, -schießen aus das zum Voraus bezeichnet? Schiff loS, wo sie bereits die Taglöhner des Käufers mit ihren Cylindersäcken an den Stückpforten in Bereitschaft finden. Die Säcke werden in's Boot geworfen, der Schmuggler mit seinen Leuten folgt ihnen mit einem Sprunge, und nachdem die ganze Operation kaum ein paar Minuten gedauert hat, sieht man die Boote Wettrennern gleich davon eilen. Kaum hat das Hoppooboot den Vorgang bemerkt, so hört man auch alsbald die Muscheln ertönen, welche einen allgemeinen Allarm erwecken und jetzt sieht man eines der bewaffneten Mauth- amtsboote, welche immer in großer Anzahl herumschwärmen, auf den Schmuggler Jagd machen. Wenn ich eine solche Jagd mit ansah, kam es mir jedesmal vor, als ob die Mauthbeamten vor den Schmugglern Angst hätten und für die Nichtbefolgung ihrer Pflicht von ihnen bezahlt wären. Nie habe ich zwischen Beiden ein Gefecht und noch viel weniger die Wegnahme eines Schmugglers erlebt, was übrigens zuweilen dennoch Vorkommen soll. Vermuth- lich geht'S in China wie in andern Theilen der Welt, daß nämlich die Staatsdiener ihre Pflicht manchmal ganz, öfter aber nur halb oder auch gar nicht erfüllen und so gut die Nachsicht der Mauth- bcamten das Schmuggeln in China rechtfertigt, kann sie auch in London und New-Vork dem Schmuggclhandel zur Entschuldigung dienen. Wir beschränkten uns aber nicht darauf, unsere Ladung nur auszuschmuggeln, sondern gestatteten auch umgekehrt anderen Schmug- gelwaaren den Zutritt auf unserem Schiff. Den Hauptartikel in dieser Beziehung bildete ein gewisses Metall, das in zinn- oder kupferähnlichen Platten verarbeitet war und in großen Massen von 193 uns eingeladen wurde. Es kam mit den Schmugglerbooten herüber und wurde fast eben so zu uns herauf, wie das Opium von uns hinab geworfen, worauf wir es dann im Kielraume über einander stauten. Dies Alles geschah am Hellen Tag, ohne daß ich jemals von einem Diener des Zollamtes gehört hätte, der dem verbotenen Gut bis auf unser Schiff gefolgt wäre, so daß die Platten, sobald sie nur erst bei uns a» Bord waren, als völlig gesichert betrachtet werden konnten. Ebenso und auf dieselbe Weise wußten wir uns auch von ihrem Syceesilber zu verschaffen, dessen Ausfuhr gleichfalls verboten war. Für jede Kiste Opium, die wir verkauften, erhielten die drei Steuermänner zusammen einen chinesischen Dollar als Nebcnbeloh- nung, was meinen Antheil an den vierhundert Kisten auf hundert und drei und dreißig chinesische oder gegen hundert und sechzehn unserer eigenen Thaler brachte. Zu meiner Schande muß ich noch sagen, daß bei alldem noch vielerlei Betrug mit unterlief, da jeder Thcil den andern als Spitzbuben betrachtete und statt so zn handeln, wie er sich selbst behandelt zu sehen wünschte, lieber so verfuhr, wie er glaubte, daß mit ihm verfahren werde. Sobald das Opium bezahlt war, segelte die „Hoffnung" nach einmonatlichem Aufenthalte von Canton ab und hatte Calcutta nach kurzer llebcrfahrt erreicht. Ich fing jetzt au, etwas bengalisch zu lernen und ehe ich noch dieses Gewerbe aufgab, konnte ich ein Schiff ganz gut in dieser Sprache kommandiren. Die Lascaren sah ich oft gleich Affen auf den Marsen herumklettern, dagegen fehlte es ihnen an unserer Körperstärke: denn an einem Marssegel, ^ welches wir zu Sechsen ganz leicht beschlagen hätten, brauchte man beinahe zwanzig von diesen Burschen, was eines Theils der Gewohnheit, andern Theils aber auch ihrer physischen Konstitution zugeschrieben werden mußte; wie sie denn von Gestalt sehr schmächtig waren und beinahe nichts als Reis gcnoßen. 196 Wir hatten eine sonderbare Art sie zu bestrafen, wenn sie sich auf den Masten etwas lässig zeigten. Unsere stehende Takelage war von Gras und rauh genug, um sogar Hände, die daran gewöhnt waren, zu verletzen. Die Webelien griffen hier nicht wie auf unfern Schiffen mittelst Augen in die vorderen und Hinteren Wanten, sondern waren durch einen Nundstich und Nückstopper an die Enden befestigt; wollten wir nun de» braunen Teufeln eine Strafe anthnn, so nahmen wir alle Webeleinen weg und ließen sie ohne dieselben hinaufkletteru. Statt dann das Tauwcrk, wie wir Christen zwischen Waden und Ferse zu bringen, pflegten sie es jedesmal zwischen der großen und der zweiten Zehe zu fassen, was ihnen bald wunde Füße machte, so daß sie demülhig darum baten, die Webeleinen doch wieder an ihre Stelle bringen zu dürfen. Wir zählten auf dem Schiff gegen hundert von diesen Burschen, welche uns übrigen in der Regel alle mögliche Ehrerbietung und Dienstfertigkeit bewiesen und durch einen Hochbootsmann und vier Gehülfen — lauter Landsleuten von ihnen — zur Arbeit ungehalten wurden. Außer ihnen hatten wir mit Einschluß der Europäer oder Christen — wie sie uns nannten — etwa noch dreißig weitere Matrosen an Bord. Zu Caleutta wurde eine Ladung Baumwolle eingenommen und abermals nach Canton abgesegelt, das wir nach kurzer Ileberfahrt erreichten. Diesmal hatten wir kein Opium bei uns, da cs eben außer der Zeit war; dagegen wurden wieder wie früher chinesische Maaren eingeschmuggelt, worauf wir nach einem mehr- wöchentlichen Aufenthalte zu Whampoa wieder nach Caleutta zurückkehrten. Die „Hoffnung" war mittlerweile dermaßen altersschwach geworden, daß Kapitän Kyd anfing zu glauben, wenn er sie nicht begrabe, könnte sie ihn am Ende selbst noch zu Grabe bringen. Als wir zu Canton unsere Baumwolle ausluden, hatten sich ihre Deckbalken bedeutend gesenkt, und ließ sich auch noch kein Leck an 197 dem Schiffe bemerken, so wäre es immerhin höchst gefährlich gewesen, mit demselben bei stürmischem Wetter die offene See halten zu wollen. Ein neues Schiff, tlio llloppinx Oastlo (daS hüpfende Schloß) genannt, war von Kapitän Kpd's Schwiegervater ausdrücklich für ihn gebaut worden; es war ein großes stattliches Fahrzeug, »nd versprach ein guter Segler zu werden. Die Offiziere wurden alle auf das neue Schiff versetzt; von den alten LaScaren versagten uns aber die meiste» ihre Dienste wegen eines Streits, welchen sie mit dem Hochbootsmann gehabt hatten, so daß wir eine frische Truppe dieser Leute anwerben mußten, welche uns großentheils gänzlich fremd waren. In Calcutta besteht ein Gesetz, wonach die Mannschaft eines jeden Schiff's, dem vor dem Auslaufen in See ein Unglück begegnet, den zweimonatlichen Sold, der gewöhnlich vorausbezahlt wird, behalten darf. Diese Einrichtung brachte uns in nicht geringe Verlegenheit. DaS „hüpfende Schloß" ging mit einer leichten Fracht nach Bombay unter Segel; schon waren wir den Fluß hinabgefahren, hatten unfern Lootsen entlassen und wollten eben in die offene See hinauslaufen, als wir plötzlich aus der Unterlucke Feuer Hervorbrechen sahen. Eine Anzahl Grastaue und zwei oder drei Kabel vom selben Material befanden sich eben in jenem Theile des Schiffs und brannten wie Zunder lichterloh zusammen. Ich beeilte mich mit den Offizieren den Pulvervorrath über Bord zu werfen, wogegen wir uns vergeblich bemühten, dem Brand selber Einhalt zu thun. Zum Glück befanden sich noch zwei Lootsenbriggs in unserer Nähe, welche alsbald hcrbeifuhren und unsere Mannschaft aufnahmen. Das hüpfende Schloß brannte bis auf den Wafserrand nieder und bals darauf sahen wir sein Wrack versinken. Für ein so schönes Schiff war dies freilich eine sehr kurze Laufbahn und sein Untergang wurde — mit Ausnahme der LaScaren — von allen auf's tiefste bedauert. Außer einigen Kleidungsstücken, die ich in einem Koffer rettete, hatte ich Alles, was ich auf der Welt mein nannte, mit diesem Schiffe verloren, denn Geld besaß ich wenig oder gar nicht, da Calcutta kein Ort zum Sparen ist und ich in einem Lande, wo es für eine Auszeichnung gilt, ein Christ zu heißen und zu den Weißen zu gehören, die Würde meines Stammes offenbar durch einige Verschwendung aufrecht erhalten mußte. Kapitän Kyd war fest überzeugt, daß die LaScaren sein Schiff in Brand gesteckt hatten; er ließ uns auf der Tigerinsel an'S Land setzen, wo der Serang oder Hochbootsmann es übernahm, der Sache auf die Spur zu kommen. Ich war bei der Prvcedur gegenwärtig und habe das ganze Verfahren mitangesehen, das seiner Merkwürdigkeit halber hier wohl Erwähnung verdienen dürfte. Die Leute wurden in Haufen zu zwanzig und dreißig in Kreise aufgestellt; der HochbootSmaun trat in die Mitte, legte jedem etwas weißes Pulver auf die Hand und befahl ihm dann darauf zu spucken. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, der Unschuldige werde die Weisung ohne alle Schwierigkeiten vollziehen, der Schuldige dagegen aus lauter Gewissensangst einen so trockenen, hülsigen, Mund bekommen, daß er dies nicht zu thun vermöge. Auf alle Fälle wurden zehn Mann durch den Serang als die Schuldigen ausgelesen, und später zu Calcutta einem gerichtlichen Verhör unterworfen, wobei sich auch wirklich ergeben haben soll, daß diese zehn sämmtlich ihre Schuld eingestanden und noch zwei ihrer Kameraden als Mitvcrbrecher angaben, worauf alle zwölf zur Strafe beim Fort William in Ketten aufgehängt wurden. Das gerichtliche Verfahren, so wie die Exekution, sind mir bloS vom Hörensagen bekannt; die Speichelprobe habe ich aber mit eigenen Augen gesehen und ans dem ganzen Benehmen der LaScaren ging deutlich hervor, daß sie die Sache sehr ernsthaft nahmen, denn in meinem ganzen Leben habe ich noch niemals einen Ver- 199 brecher größere Angst vor Gericht verrathen sehen, als diese Bursche an den Tag legten, so lange der Serang mit ihnen beschäftigt war. Jetzt war ich wieder ohne Beschäftigung; Kapitän Kpd bot mir zwar unter Zusicherung großen Lohnes eine Stelle aus einer Jndigopflanzung an: denn da ich mich zur See stets vor dem Trunk hütete und mich sonst geordnet benahm, so hatte ich mir, glaub' ich, sein Vertrauen erworben, so daß er sehr in mich drang, sein Anerbieten auzunehmen; ich wollte aber nichts davon wissen, da ich mich vor dem dort einheimischen, tödtlichen Fieber fürchtete. Es lag eben ein Schiff aus Philadelphia zu Calcutta vor Anker, und dort beschloß ich Dienste zu nehmen. Der Schmerz über die erlittene Täuschung war allmählig milder geworden und hatte dem lebhaften Wunsche Platz gemacht, die Heimath nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen. So ließ ich mich denn auf dem „Benjamin Rush," dem obenerwähnten Schiffe, als Vorkastellmairose anwerben und segelte bald darauf nach Amerika ab. Nach einer angenehmen Reise erreichten wir die Vorgebirge am Dela, Ware und zum Erstenmal seit der Zeit, da ich von meiner Jungfernreise auf dem Sterling zurückgekehrt war, durfte ich wieder in diesen Fluß einlaufen. Sobald ich meine Bezahlung erhalten hatte, machte ich mich nach New-Vork auf den Weg. Da ich sehr schlecht bei Kasse und mein ehemaliger Gastwirth überdies gestorben war, so mußte ich mich alsbald nach einem neuen Schiffe Umsehen. Diesmal kam ich auf eine Brigg, der „Borer" genannt, ein Klipperschiff, welches John Jakob Astor gehörte und nach Canton bestimmt war. Unsere Fahrt war sehr glücklich und angenehm, so weit es wenigstens dar Schiff betraf; ich diente auch hier als Fockmastmatrose und acht Monate, nachdem wir unter Segel gegangen waren, kehrte unsere Brigg nach New-Vork zurück. Mein Geld war bald aufgebraucht und ich sah mich abermals genöthigt, mich auf ein Schiff zu verdingen. Ich wurde nun Unter- sienermann auf dem „Trio," einem alten englischen Prisenschiff, welches David Dnnham gehörte; wir waren nach Batavia bestimmt und gingen im Januar unter Segel. Wir mochten nur wenige Tage unterwegs sepn, als wir unfern ganzen Vorrath an Wasser, mit Ausnahme eines einzigen Fasses, ausgelaufen fanden; an den übrigen waren nämlich alle Reife gesprungen, da das Wasser in der Kälte gefroren war. Dadurch wurde eS nöthig, die täglichen Rationen sehr zu vermindern — eine Entbehrung, welche uns sehr hart ankam und unserem Supercargo, einem jungen Mann ans guter Familie, Namens CroeS, beinahe das Leben gekostet hätte. Die Reise wurde gleichwohl fortgesetzt und wir beabsichtigten in der nächsten Bucht des grünen Vorgebirgs einzulaufen; mittlerweile wurden die Fässer auf's Deck geschafft und wieder auSgebeffert. An der Feuerinsel legten wir zwar an, fanden aber, baß hier kein Wasser zu haben war; einige Ziegen und etwas Früchte waren Alles, was wir bekommen konnten und unverrichteter Dinge mußten wir wieder abziehen. Zum größten Glück kam ein heftiger Regen; wir verstopften alle Speigaten und füllten auf diese leichte Manier alle unsere Fässer; um acht Uhr Abends hatten wir damit angefangen und waren so gegen Morgen vollkommen fertig. Zu Allem hin zeigte sich noch, daß wir treffliches Wasser erhalten hatten, es stand zwar um, versüßte sich aber von selber wieder. Dieser Vorrath reichte aus bis Batavia und hatte sogar dort noch den Preis davon getragen, da es vor jedem anderen Wasser, wie jener Hafen eS darbot, den Vorzug verdiente. Wir liefen zuerst in Batavia ein und löschten das Schiff, bann segelten wir nach einer Rhede ab, welche den Namen Terragall führte und wo eine Ladung Reis eingenommen wurde; das Schiff war nämlich blos mit Ballast hergekommen und hatte das nöthige Geld mitgebracht, um seine Einkäufe damit zu besorgen. Wir schafften unfern Cargo in Booten herbei und segelten dann nach 201 Batavia, um ihn dort zu dcklariren, was Alles in wenigen Wochen abgemacht war. Die zweite Nacht nach unserer Abfahrt von Batavia lief das Schiff beim schönsten Wetter und ganz ruhiger See auf eine Sandbank , auf welcher eS unbeweglich sitzen blieb. Wir suchten eS anfänglich über die Bank wegznbugstrcn, doch dies blieb ohne Erfolg, und als die Ebbe eintrat, senkte sich das Schiff auf sein Flach, so daß sogar das Schanddeck unter Wasser kam. Zu allem Glück blieb es ruhig liegen, obwohl es ziemlich eingestaut war. Der Kapitän nahm nun ein Boot mit vier Mann und ruderte an'S Land zurück, um Prowen^ herbeizuholen, welche das Schiff erleichtern sollte»; wir hatten ans dem Vordertheil bloS acht, hinten gar nur sechs Matrosen, so daß wir nur unser neun an Bord znrückblieben. Die Nacht über ereignete sich nichts BemerkenS- werthes: des Morgens in der Früh aber näherten sich zwei Pira- tenprowen und zeigten nicht übel Lust, uns anzugreisen. Diesmal war es Mr. Croes, welcher das Schiff vom Verderben rettete. Er steckte nämlich Brechstangen und andere dergleichen Werkzeuge in den Boden des Verdecks und setzte ihnen Hüte und Mützen auf, so daß unser Schiff sehr stark bemannt schien; zu gleicher Zeit ließen wir ein paar Sechspfünder gegen die Prowen spielen, was diese in ehrerbietiger Entfernung hielt. Sie umschwärmten uns bis Sonnenuntergang, worauf sie uns verließen und dem Lande zuruderten. Eben als sie sich von uns entfernten, sahen wir siebe» und zwanzig Boote am Horizont heraufkommen. Da das Signal, welches wir ihnen gaben, nicht beantwortet wurde, mußten wir sie gleichfalls für Feinde halten; als sie aber näher kamen, konnten wir unser eigenes Boot unter ihnen erkennen und waren nun überzeugt, daß der Kapitän sich unter ihnen befand. Wir schafften noch in dieser Nacht die ganze Ladung der * So nennt man eine besondere Art inalayischer Segelboote. D. u. Zwischendecks in die Boote, so daß unser Schiff noch vor Anbruch des Morgens flott wurde, worauf wir es vollends von der Sandbank klar machten, den Cargo wieder einluden und abermals nach Batavia unter Segel gingen, weil das „Trio" einen starken Leck hatte und unsere Pumpen tüchtig in Bewegung setzte. Da aber zu Batavia die nöthigen Mittel zur Ausbesserung des Schiffes nicht vorhanden waren, so wurde beschlossen, Ertramannschaft anzuwerben, zwei Handjungen einzuschiffen, und unser Fahrzeug nach Jsle de France zu bringen, um es daselbst kalfatern zu lasse». Die Aussicht auf eine solche Neise wollte mir gar nicht behagen und um mich davon loSzumachen, spielte ich den Invaliden und wußte mir ein Krankheitszcugniß zu verschaffen, das mich ins Spital brachte; das Schiff mußte somit ohne mich abgehen und wurde sofort zu Jsle de France für seeuntüchtig erklärt, da sein Rumpf in der That weit schlimmer daran war als der ineinige, so schwer ich auch „in den Docken lag." Dreizehntes Kapitel. Aaum war das „Trio" fort, als ich mich wieder genesen fühlte. Ich hatte keine Ahnung von der großen Gefahr, der ich mich am Lande aussetzte, sofern nämlich jeder, auch der kürzeste Aufenthalt an der Küste dem Europäer zu dieser Jahreszeit fast den gewissen Tod zuzieht. Noch weit weniger konnte ich vorausschen, was mir ein paar Jahre später in demselben Hospital begegnen und auf wie lange ich einer seiner ernstlich kranken und, so hoffe ich, reumüthigen Bewohner werden sollte. Der Consul erklärte mir rund heraus, ich hätte ein falsches Spiel getrieben, und ich ahmte seine Aufrichtigkeit wenigstens in sofern nach, daß ich ihm hierin vollkommen Recht gab. Ich war der Ansicht, man hätte das alte Trio auf der Sandbank lassen 203 sollen, wohin die Vorsehung es geführt hatte, und wenn auch der Kapitän und der Supcrcargo eine Freude daran fanden, seine Gebeine zur Beerdigung nach Js!e de France zu schleppen, so war ich keineswegs gemeint, ihn so weit zu begleiten und zur würdigen Begehung seines Leichenbegängnisses die Pumpen statt meiner weinen zu lassen. Da der Consul meinen Lohn zurückhielt und mir keinen Heller auszahlen wollte, so mußte ich mich wohl sobald wie möglich auf irgend einem Fahrzeuge einschreiben lassen. Batavia schien mir kein Ort, der für eine amerikanische Konstitution passen mochte und ich war somit herzlich froh, als ich es wieder verlassen konnte. Ich trat auf dem „Clyde", einem kleinen trefflichen Schiffe aus Salem, als Vorkastellmatrose in Dienste und fand daselbst vortreffliche Kost und sehr freundliche Behandlung. Wir segelten unverzüglich, doch immer noch nicht früh genug, ab, um dem Bataviafieber zu entrinnen; zwei von der Mannschaft starben nach Verlauf einer Woche und wurden in der Meerenge von Banca begraben. An demselben Tage, an welchem wir das Vorgebirge von Java aus dem Gesicht verloren,'brach ein heftiger Sturm los, so daß wir den Klüver einnehmcn und die Marssegel doppelt einreffen mußten. Ein Mann, Namens Dap, war auf die Bugsprietwantcn hinabgeklettert, um die Klüverschoten loszumachen, als das Schiff plötzlich in eine Wellenschlucht hinabsank und den Armen von seinem Platze wegriß. Der Untersteuermann und ich bestiegen sogleich ein Boot und wurden darin hiuabgelaffen, sobald das Schiff beigedreht hatte. Die Wogen gingen sehr hoch, aber dennoch gelang es uns, den armen Teufel aufzufinden, der anscheinend mit großer Kraft gegen die Wellen kämpfte. Sein Gesicht war nach dem Boot gewendet und als wir näher kamen, stand ich auf und streckte ihm das Blatt meines Ruders entgegen, indem ich ihm mit lauter Stimme Muth einsprach. 204 In diesem Augenblick sahen wir Day säst seiner ganzen Länge nach aus dem Wasser aufspringen und dann sogleich in die Tiefe versinken. Die Ursache, welche eine so außergewöhnliche Anstrengung und dann dieses plötzliche Nachlassen der Kräfte herbeiführte, konnte niemals aufgeklärt werden. Ich habe manchmal gedacht, ein Hayfisch müsse ihn gepackt haben, obwohl ich weder Fisch noch Blntspuren bemerkte. Der Mgnn war jedenfalls hoffnungslos verloren und wir kehrten in einer Stimmung an Bord zurück, wie sie für Seeleute bei solchen Veranlassungen wohl sehr natürlich ist. Ein paar Tage später starb ein anderer Matrose am Fieber, so daß bloS noch fünf Mann auf dem Vorkastell übrig blieben, während das Schiff noch eine weite Strecke ostwärts vom Kap der guten Hoffnung entfernt war. Noch ehe wir dieses erreichten, wurde ein zweiter Fockmastmatrose verrückt und machte uns während der ganze» Reise, statt uns hülfreiche Hand zu leisten, nur um so mehr zu schaffen, dis er endlich im Wahnsinn starb. So kam es denn, daß auch mit Einschluß der Offiziere nur noch drei Mann auf eine Wache gerechnet werden konnten und das Steuer natürlich von Hand zu Hand ging. Trotzdem ging Alles ganz gut von Statten. Die Fahrt war äußerst günstig, bis wir noch im Januar-die Küste erreichten. Hier wurden wir von einem heftigen Nordweststurme wieder in die See Hinausgetrieben und hatten eine ganze Woche mühsam zu kämpfen, um das Schiff endlich sicher gegen das Hook zu bringen und im East-River 2 vor Anker zu legen. Der „Clyde" muß ein Schiff von ungefähr dreihundert Tonnen gewesen sein und wir hatten ihn zu neun (hiebei ist jede lebende Seele am Bord mitgerechnet) sage zu neun von jenseits des Kaps ohne sonderliche Schwierigkeit bis in den Hafen gebracht. Ich blieb nicht lange am Land, denn mein Geld ging wie in Rauch auf, sondern schiffte mich abermals auf einer nach Belfast » Ost.Fluß. D. U. 203 bestimmten Brigg, Namens „Margaret", ein. Auch dieses Schiff lief i», irischen Kanal auf eine Klippe, wurde aber ahne viele Mühe wieder flott gemacht und erreichte wohlbehalten den Hafen. Die Rückreise war angenehm und ohne allen Unfall. Eine solche Fahrt warf nur geringen Lohn ab und ich mußte mich deßhalb bald nach einem neuen Boot Umsehen. Diesmal kam ich als Untcrsteuermann auf eine Brigg Namens „William Henry", welche zu», Schmuggclhandel an die spanische Küste abgehen sollte. Wir nahmen eine Ladung Taback, Cigarren u. dergl. ein und fuhren dann gegen die Staaten-Jnsel hinab. Hier gerieth ich mit dem Kapitän um eines baumwollenen Dochtes willen in Streit und kündigte ihm meine Dienste auf: wußte ich ja doch, daß es mehr Schiffe als Pfarrkirchen gebe und brauchte keineswegs um eine neue Stelle verlegen zu sein, sobald ich nur erst in der Stadt oben war. Der Betrag meines Vorschusses wurde zurückbezahlt, ich schied als ein ehrlicher Mann aus diesem Schmuggelhandel und hätte nur wünschen mögen, daß diese Willensänderung aus besseren Beweggründen hervorgegangen wäre. Meine nächste Stelle fand ich als gemeiner Matrose am Bord eines kleinen, gar hübschen Schooners, der auf den NamenVJda" getauft war und nach Cura^oa segeln sollte, in der Hoffnung, von dem Gouverneur jener Insel als Dacht angekauft zu werden. Für diesen letzteren Fall hoffte ich, meinen Weg nach dem spanischen Festlands schon für mich selbst auffinden zu können. Wir gingen glücklich unter Segel und liefen an einem Sonntagmorgen in dem bestimmten Hafen ein. Am selben Morgen ging auch eine englische Fregatte und eine Kriegsschaluppe in dem nämlichen Hafen vor Anker und beide gaben NachmilttagS fast ihrer ganzen Mannschaft einen mehrstündigen Urlaub in die Stadt. Wir lagen neben der Werste und gegen Abend machten unsere Leute einen Abstecher in einige Gärten der Vor- 206 städte, wo sich ein Vorfall ereignete, der wohl einer Erwähnung Werth seyn dürfte. Ich saß allein im Garten, in meinen Gedanken mit der Vergangenheit beschäftigt, und mochte Wohl ziemlich trübselig dem Treiben der Nebligen zusehcn, als ich bemerkte, wie ich von einem Matrosen des englischen Kriegsschiffes sehr scharf beobachtet wurde. Nach einer Weile kam er näher und knüpfte ein Gespräch mit mir an, das ich nur mit großer Vorsicht fortsetzte, weil mir das ganze Wesen des Mannes gleich von Anfang an Mißtrauen einflößte. Nachdem er mich eine Zeit lang svndirt hatte, fragte er mich endlich, ob ich auf einem Schiffe angestellt sey, was ich verneinte. Jetzt ging er allmählig immer weiter, bis er Antworten von mir erhielt, welche ihm Vertrauen einstößten, worauf er mir endlich das ganze Geheimniß seines Planes mittheilte. Er sagte mir, er gehöre zur Fregatte und habe Urlaub bis zum nächsten Morgen; er und vier seiner Kameraden befänden sich am Land und hätten beschlossen, den kleinen hübschen Uankeeschooner, der neben dem „Telegraph" an der Werste vor Anker liege, in Besitz zu nehmen und nach Laguayra hinabzusühren: dies Alles sollte heute Nacht geschehen und er wünschte, daß ich gleichfalls daran Theil nähme. Nach dem, was ich aus seinen Reden abneh- men konnte, durfte ich keinen Augenblick zweifeln, daß er aus unserer Jda das Seeräuberhandwerk zu treiben beabsichtige, sobald er ihren jetzigen Mehlvorrath zu Geld gemacht hätte. Ich ermuthigte ihn, weiter fortzufahren; wir tranken zusammen, bis er mich in seinen ganzen Plan eingeweiht hatte. Nachdem die Mannschaft zur Ruhe gegangen wäre, wollte er nämlich an Bord des Schooners kommen, unsere Matrosen im Kielraum einsperren, Fock- und Klüversegel einsetzen und mit der Landbrise Von dannen gehen — ein Plan, der nur allzu leicht ausführbar war, da auf Kauffahrteischiffen, welche an der Werste liegen, keinerlei Nachtwachen üblich find. Nachdem wir Alles des Langen und Breiten besprachen, willigte ich ein, seinen Plan ausführen zu Helsen, und versprach um neun Uhr am Bord deS Telegraphen mit ihm zusammenzutreffen. Letzterer lag außerhalb unsers SchoonerS und war ein Schiff aus Philadelphia, das ganz mit Schwarzen bemannt war und gegen Abend voraussichtlich ziemlich einsam sehn mußte, da sich der größere Theil seiner Mannschaft am Lande befand und über Nacht nicht zurück- sehren sollte. „Die Vankees, welche zum Schooner gehören," bemerkte der Anstifter des Complotts, „befinden sich dort drüben im Garten und werden wohl halb betrunken zurückkehren, so daß sie fest genug schlafen und uns wenig Mühe machen werden." Ich kann mich noch erinnern, wie er versicherte, er wolle uns nichts zu Leide thun, sondern blos mit unserem Schiffe auSlaufen und uns das Fahrzeug gleichsam unter den Füßen verkaufen. Wir schieden endlich im besten Einverständniß über die zu treffenden Maßregeln, welche wir bis ins kleinste Detail mit einander berathen hatten. Ich konnte mir keinen andern Grund denken, warum dieser Mann gerade mich zum Genoffen seines Abenteuers erwählte, als weil ich gerade allein war und vielleicht etwas „unter dem Wetter" ausgesehen haben mochte. Kaum war er aber fort, als ich meinen Schiffsgenoffen nahe zu kommen suchte und einen nach dem andern aus dem Garten abrief. Im Weggehen erzählte ich ihnen Alles, was mir begegnet war und wir beschlossen, den Verschwörern eine Contremine zu legen. Es war beinahe Nacht, als wir den Telegraphen erreichten, wo wir nur zwei von den Schwarzen an Bord trafen, welche in unser Geheimniß eingeweiht wurden und uns mit Herz und Hand beizustehen versprachen. Wir suchten natürlich etwas zu trinken herbeizuschaffen, um uns die Zeit so gut wir konnten zu vertreiben, bis die Stunde zur Sprengung unserer Mine herangekommen wäre. Pünktlich auf die Minute ließe» sich Fußtritte aus dem Quai 208 vernehmen nnd bald darauf sahen wir einen Trupp Menschen neben dem Schisse stehen; wir versteckten uns hinter die Bollwerke und einen Augenblick später kamen die feinen Herrn einer nach dem andern an Bord heraufgestiegen. Unsere Neger waren indessen zu ungeduldig und stürzten sich etwas zu früh auf ihre Beute» so daß wir blos dreier von den Schuften habhaft werden konnten, während die beiden andern auf den Quai zurücksprangen und entkamen. Jedenfalls war uns der Streich nicht übel gelungen, wenn man bedenkt, daß wir hier ganz an der Stelle unserer Kapitäne handelten. Unsere drei Bursche waren Engländer, welche ohne Zweifel sämmtlich zur Fregatte gehörten. Wir banden sie so fest wir konnten: als sie aber bemerkten, daß sich kein Offizier unter uns befand, fingen sie an um Schonung zu bitte»; sie sagten, wenn wir sie aiislieferten, so sey ihr Leben verwirkt und baten uns inständig, ihnen die Freiheit zu schenken. Wir behielten sie ungefähr eine halbe Stunde bei uns, gaben dann aber ihren Bitten nach und ließen sie laufen, wofür sie sich sehr dankbar bezeugten, besonders als ich ihnen sagte, was zwischen mir und dem Manne im Garten verhandelt worden war. Letzterer gehörte zu den beiden Flüchtlingen und hatte ganz das Ansehen eines Menschen, der sich recht wohl zum Anführer von Seeräubern aufwersen konnte. Am andern Tag gingen die beiden Kriegsschiffe wieder unter Segel und führten ohne Zweifel die Seeräuber in sxe mit sich. Wir andern Matrosen erzählten unfern Offizieren nie eine Sylbc von dieser Geschichte, denn ich war nicht recht mit mir selbst zufrieden, seit ich die Schufte hatte entlaufen lassen. Man weiß in solchen Fällen nie recht, was man thun soll: i»a» mag nicht gerade die Schuld auf sich laden, einen seiner Nebenmenschen an den Galgen gebracht zu haben und doch will man einem Spitzbuben auch nicht ohne Weiteres durchhelfen. Zwar verdient ein Seeräuber unter allen Schurken am wenigsten Gnade, und doch kann unser Einer den Gedanken nicht ertragen, in einer solchen Geschichte die Nolle des Henkerknechts zu übernehmen. Käme ich wieder in einen ähnlichen Fall, so würde ich meine Gefangenen wahrscheinlich hübsch bei der Hand behalten. Wir schafften nun unsere Mehlladung ans Land, da aber unser Plan, den Schooncr zu verkaufen, scheiterte, so nahmen wir trockenes Holz ein und kehrten nach New-Vork zurück. Ich machte jetzt einen ernstlichen Versuch, meine Lebensweise zu ändern und an der großen Lebensleiter einige Sprossen höher hinanzuklimmen. Bis daher war mirS ziemlich gleichgültig gewesen, ob ich als Offizier oder als Fockmastmatrose in See stach; nur dieZeit, wo meine HeirathSplane mit Sarah mich beschäftigten, hatte hierin eine Ausnahme gemacht. Jetzt aber näherte ich mich stark den Dreißigen und wenn überhaupt noch etwas für mich geschehen sollte, so mußte eS nunmehr gethan werden. So sah ich mich denn im Hafen um und fand eine Brigg, „HippomeneS" genannt, welche den Weg nach Gibraltar hin und zurück machen sollte. Ich trat als VormarSgast ein, führte aber die Gissing ** und that überhaupt Alles was ich konnte, um mich so gut wie möglich zum Offizier zu qualificircn. Unsere Hinfahrt war eine ächte Wintcrreise, der Herweg dagegen ein sehr angenehmer, ohne daß sich irgend ein bemerkenSwerther Vorfall ergeben hätte. Ich fuhr fort, mich eines ziemlich geordneten Betragens zu befleißigen und schiffte mich nach kurzem Aufenthalt am Lande auf der „Belle Sauvage" wieder ein, welche einer jener Gefangenen aus Halifax kommandirtc, die zu gleicher Zeit mit mir in Freiheit gesetzt wurden und auf dem schwedischen Schiffe in die Hcimath zurückgekehrt waren. Er entschloß sich, mich als ersten Steuermann auf seinem Schiffe anzustellen und so trat ich endlich als Schiffs- osfizier in seine Dienste. * So nennt man die ungefähre Schätzung des Wegs, den ein Schiff zurückgelegt hat; sie wird gewöhnlich mittelst de» Logs und ohne Bei- ziehung der Gestirne angestellt. D. U. " Der .hübschen Wilden." D. U. Sied MherS. 14 210 Die »Belle Sauvage" gehörte unter die regelmäßig nach Cu- rayoa segelnden Kauffahrer, und zehn bis zwölf Tage, nachdem ich auf dem HippomeneS in New-Vvrk eingelaufen, war ich schon nach meinem neuen Bestimmungsorte unter Segel. Unsere Hin - und Herfahrt waren beide gleich sicher und angenehm; ich blieb diesmal auf demselben Schiffe und suchte nach und nach mein leichtsinniges, gedankenloses Leben aufzugeben; doch kann ich nicht sagen, daß ich jetzt schon ernstlich gesonnen war, ein Scherflein für meine alten Tage zurückzulegen — so etwas kam mir noch nicht in den Sinn, da eS förmlich zum Grundsatz bei mir geworden war, stets sorglos in den Tag hineinzuleben. Unsere zweite Fahrt nach Curayoa war angenehm, ohne daß der Belle Sauvage ein ungewöhnliches Ereigniß aufgestoßen wäre. Zu Curayoa hatten wir eine Ladung Mahagoni) einzunehmen, wobei es geschah, daß ein besonders großer Baumstamm den Händen der Einladenden entglitt und mit dem untern Ende an der Seite des Schiffes anstieß. Wir glaubten damals, der Unfall sey ohne Folgen geblieben und fuhren fort, unser Schiff mit verschiedenen Artikeln, namentlich Farbhölzern, Caffec, Cacao u. dergl. vollzuladen; auch einige Passagiere nahmen wir ein, worunter einen jüdischen Handelsmann, der eine beträchtliche Summe Geldes mit sich führte, so daß wir bei der Abfahrt, Passagiere und Mannschaft zusammengercchnet, im Ganzen unserer dreißig Köpfe zählten. Die Belle Sauvage war am ersten Tage bereits an den Inseln vorüber gekommen und verfolgte ihren Curs bei günstigem Wind mit fünf bis sechs Knoten Geschwindigkeit unter einem einzigen Vor- marssegel; Alles schien gut und glücklich ablaufen zu wollen und die Brigg mochte etwa eine Tagreise südwärts von Bermuda stehen. Ich hatte gerade die Wache unten: da ich aber eben erst gefrühstückt hatte, so befand ich mich noch auf dem Verdeck, und wie ich mich denn so ganz unbekümmert umschaule, fiel mir auf, daß das Schiff viel tiefer als gewöhnlich im Wasser ging. Ich wechselte darüber ein paar Warte mit einem Matrosen, welcher auf den Vorderrusten stand und welchem die Sache eben so vorkam; er lehnte sich etwas Vorwärts, um besser nachzusehen und rief plötzlich, er könne deutlich wahrnehmen, daß an einer Bohle das eine Ende losgesprungen sey! Ich sprang unverzüglich zu ihm hinüber, um selbst diesen bedenklichen Schaden zu besichtigen und fand in der Thal, daß gerade unter den Puttingen ein- Planke, und zwar so tief nach dem Kiele zu losgesprungen war, daß wir dem Leck nirgends beizukommen vermochten. Die Oeffuung war zwar blos einen Zoll groß, aber die Planke hatte sich fast auf zwei Fuß Länge von vorn nach hinten abgelöst; wir sondirten sobald als möglich die Pumpen und siehe — die Brigg stand schon bis zur Hälfte voll Wasser. Die ganze Mannschaft wurde jetzt aufgerufen, um beide Boote flott zu machen, wobei wir allerdings keine Zeit mehr zu verlieren hatten, da das Wasser, noch während wir damit beschäftigt waren, schon über den Cajütenboden heraufgestiegen kam. Wir konnten nicht so lange warten, bis die Taljen aufgemacht waren, sondern hieben die Regeling um und zogen das Langboot mit der Hand ins Wasser. Alle Passagiere, Männer, Weiber, Kinder und Dienstboten wurden so schnell als möglich hineingeschafft, worauf wir selbst nachfolgten. Zum Glück hatte eine andere Brigg uns eine Zeit lang Gesellschaft geleistet und befand sich jetzt nicht ganz zwei Meilen voraus, da sie der Belle Sauvage im Segeln etwas überlegen war; wir hatten zum Zeichen unseres Unglücks die Seehülfsflagge mit der UnionSwimpel nach unten aufgehißt und wußten wohl, daß die Brigg, auch wenn sie unser Zeichen nicht gewahrte, uns doch jedenfalls bemerken mußte, wenn das Schiff erst untergesunken war. Unser Signal war ihr aber nicht entgangen, auch mußte es ihr sogleich auffallen, wie die Brigg so vollkommen triftig dahinging, sobald wir ihr Steuer aus der Hand gelassen hatten; aus diesem Grunde hatte sie bereits aufgeholt, noch ehe unser Langboot 212 in die Sec geschafft war. Dadurch wurde uns alle weitere Mühe des EinnehmenS von Wasser und Lebensmitteln erspart und wir waren bald zum Abstoßen bereit. Ich selbst mit drei Mann befand mich auf dem kleinen Boot; wir eutfcrrten uns eine Strecke weit von unserem Schiffe, dessen allmähligcs Nntersinken wir mit traurigen Blicken beobachteten. Sogar das Gold, dieser kostbare Staub, der so manche Seele in das ewige Verderben hinabzicht, war in der Hast, mit welcher Alle ihr Bischen Leben zu retten sich beeilt hatten, zurückgelaffen worden. Die Belle Sauvage versank ganz langsam in den Occan, indem ein Seget nach dem andern unsichtbar wurde; das große Oberbramsegel war das Letzte, das den Everlcinen eines Kriegsbootes ähnlich unter dem Wasser verschwand, und ich muß gestehen, es gewährt in der That einen feierlichen Anblick, ein Fahrzeug ans diese Art von dem unermeßlichen Schlunde des Weltmeers verschlungen werden zu sehe»! Die Brigg, welche auf uns zukam, hieß die „Mary" von New Dort, und war eben von St. Thomas her auf der Heimfahrt begriffen: sie nahm uns freundlich auf und setzte uns sechs Tage später nicht weit von Fulton-Markt ans Land. Als mein Fuß die Werste betrat, konnte ich abermals von mir rühmen, daß mein ganzes Besitzthum unter meinem Hute steckte, denn meine Taschen waren so leer, wie ein Schiff mit frischgekehrtem Kielraume. Auf der Werste selbst bemerkte ich einen Mann, der auf jenem kleinen Schiffe, der „Tontine", mit welcher ich nach meiner ersten Flucht vom Sterling abgcsegelt war, als Untersteuermann gedient hatte. Er war jetzt im Besitze einer Brigg, mit Namen „Mechanik", welche nicht weit von uns eine Ladung nach Trinidad aus Cuba einnahm, und er erbot sich sogleich, nachdem er meine Geschichte vernommen, mich mit neun Thalern Monatsgehalt als Vorkastellmatrosen an Bord zu nehmen. Ich fing jetzt an zu glauben, daß ich nur zum Unglück gebo- 213 ren sey; nackt und hülfloS wie ich war, kümmerte ich mich gar wenig darum, was ferner aus mir werden sollte. Ich besaß nicht die Mittel, um mir eine Steuermannsausrüstung anzuschaffcn, und wenn man mir vielleicht auch Kredit gegeben hätte, so benützte ich ihn nicht, da ich mich in meinem ganzen Leben noch nie mit Schuldenmachen abgegeben hatte. So war demnach mein Fahrzeug znm zweiten Male auf dem Krebsgänge begriffen, und ich mußte eine lange, stürmische Strecke zurücklegcn, um wieder in einen andern Kurs zu gelangen. Der „Mechanic" ging vier oder fünf Tage nach Ankunft der Mary unter Segel; ich hatte nun die alte Straße abermals zu durchwandern und stieß während meiner Fahrt nirgends auf ein außergewöhnliches Ereigniß, bis wir eine Strecke südlich vor Cuba gelangten. Hier aber erkannte ich erst recht, daß mein Unstern mich gerade in dem Augenblicke in den westindischen Handel einführen mußte, da die Seeräuberei, ohne daß ich daran dachte, in diesen Gewässern ihren eigentlichen Höhepunkt erreicht hatte. So kam uns nämlich eines Morgens jenseits der Insel PinoS mit einem Male ein Schooner und eine Schaluppe zu Gesicht, welche sich beide zwischen uns und dem Lande befanden und sogleich auf uns Jagd machten; wir erkannten sie als Seeräuber und hißten alle Segel todt vor den Wind, um ihnen zu entkommen. Der Kapitän beschloß sogar, im Nothfalle bis gegen Jamaica hinabzu- fegeln, wo er einen oder den andern der englischen Kreuzer anzutreffen hoffte. Der Schooner war ein trefflicher Segler und stand schon nahe daran uns einzuholen, als er den Fehler beging, ein fliegendes Marssegel aufzuhiffen. Von diesem Augenblicke an befanden wir uns im Vortheil, denn auf diese Art wurde das kleine Fahrzeug, nach der auf unserer Brigg allgemein herrschenden Ansicht, unter der Last seiner Segel beinahe erdrückt. Die Jagd dauerte den ganzen Tag, welcher gerade ein Sonntag war uns noch während eines 214 TheileS der Nacht; am Morgen aber war von beiden Verfolgern nichts mehr zu sehen. Unser Kapitän — sein Name war Ray — glaubte in dem Kommandanten des Schooners einen seiner Todtfeinde zu erkennen, was uns auf den Glauben brachte, daß die Seeräuber unsere Brigg, welche zu den regelmäßigen Trinidader Kauffahrern gehörte, wohl gekannt hätten. Gerade dies aber machte unfern Kapitän so bedenklich und war auch der Grund, warum wir uns so schnell von ihnen hinweg machten. Sobald wir die Küste sauber fanden, nahmen wir unseren früheren Kars wieder auf und erreichten ohne weitere Belästigung unfern Hafen. Solche Piratenjagden waren etwas so Gewöhnliches, daß im Hafen nicht viel über die Sache gesprochen wurde; wir schafften unsere Ladung ans Land, nahmen neue Fracht dafür ein und stachen bei guter Zeit wieder in See. Wir hatten Sorge getragen, in früher Morgenstunde abzusegeln und überdies ein Boot als Avantgarde vorausgeschickt, um nachzusehen, ob die Küste klar war, ehe wir uns in See begaben: so erreichten wir New-Vork zu gehöriger Zeit und ohne weitere Unterbrechung. Kapitän Ray wünschte sehr, daß ich auf seiner Brigg bleiben möchte; allein ich fühlte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen den Gedanken, abermals nach Trinidad zurückzukchren, ohne daß ich mir übrigens einen Grund dafür anzugeben wußte: das Schiff wie auch den Kapitän hatte ich sehr lieb, an die Seeräuber dachte sch fast gar nicht und dennoch empfand ich ein unerklärliches Widerstreben gegen Ray'S Vorschlag, mich aufs Neue auf seinem Fahrzeuge einzuschiffen. Dieses räthsclhafte Gefühl betrog mich nicht, denn ich habe seitdem erfahren, daß es jenem räuberischen Schooner auf der nächsten Ueberfahrt dennoch gelang, die Brigg zu kapern, wobei vie gesammte Mannschaft niedergcmacht und das Schiff im Angesichte des Hafens verbrannt wurde! Ich rechne seither dieses Entrinnen 215 aus uncrbiitlicher Todesgefahr unter die vielen unverdienten Gnaden- bezcugungen, deren ich von der Vorsehung gewürdigt wurde. Meine nächste Anstellung fand ich als Untcrsteuermann an Bord eines neuerbauten Schiffes, mit Namen „Franklin", das unter die Handelsflotte von Charlcston gehörte. Die Reise dahin ging glücklich von Statten und was als etwas Nagelneues aufflel, war der Umstand, daß ich nicht in den südlichen Hafen einlief, was an jenem Platze zu den größten Seltenheiten gehörte. Die Fahrt auf dem Franklin trug mir blos zwölf Thaler Steuerlohn ein und ich verließ deshalb das Schiff, um mir auf einem andern Kauffahrer, Namens „Foster", der von demselben Kapitän befehligt wurde, welcher auf meiner früheren Reise nach Irland die Jane kommandirt hatte — in derselben Stellung deren zwanzig zu verdienen. Der Foster war nach Belfast bestimmt, welchen Hafen wir auch ohne irgend einen Unfall erreichten. Wir nahmen Salz und ein paar Kisten Leinwand ein, welche zu Norfolk pünktlich abgesetzt wurden, worauf wir den JameS-River hinaufsegelten, um zu City Point eine Tabakfracht einzuladen. Von dort fuhren wir nach Rotterdam, wo unser Schiff eine Ladung Wachholderbranntwein nach New-Vvrk lud, welche, mich in keine kleine Verlegenheit versetzte. Wir hatten nämlich eine schauerliche Heimfahrt — eine der schlimmsten, welche ich jemals zur See erlebt habe. So ging z. B. das Steuerruder los und konnte nur mit Mühe wieder befestigt werden; eben so mußte man zur Rettung der Spieren alle drei Bramstengen einziehen, so daß wir nur noch mit doppelt gerefften Marssegeln steuern konnten. Es war gerade mitten im Winter, wo die Brisen für lange Zeit aus Westen zu wehen pflegen. Der Koch, ein sauertöpfischer Neger, war in seinem Dienste sehr nachlässig und sträubte sich stets, Kartoffelbrei für uns zu machen, obgleich wir Erdäpfel in Fülle an Bord hatten. Die ganze Mannschaft bis auf fünf war dienstuntüchtig, so daß die klebrigen 216 bei den Wachen um sv stärker in Anspruch genommen werden mußten. Wir beschlossen endlich, den verteufelten Schwarten zur Vernunft z» bringen und ich ließ ihn sofort an die Winde anbinden; dann kam jeder von uns mit Ausnahme des Kapitäns, Herz» und versetzte ihm mit einer Latte seine wohlgerathenen drei Streiche, so daß der Schlingel nach altem Schiffsgebrauch in aller Ordnung „gekobbt" war — was für einen Koch offenbar als eine durchaus gesetzliche Strafe gelten konnte. Wir erhielten jetzt unfern gewünschten Kartoffelbrei, aber der Koch schrieb sich Alles, wie man leicht denken kann, wohl hinter die Ohren und war besonders gegen mich aufgebracht, den er für den Rädelsführer bei seiner Exekution ansah. Das Wetter wurde immer schlimmer, die Dienstmannschaft war aufs Höchste erschöpft und wir hatten auf dem Schiffe keinen Grog anzusprechen: endlich konnte ichs nicht länger aushaltcn, ich glaubte wenigstens, es nicht mehr so aushalten zu können, führte also meine Leute aufs Zwischendeck, wo ich ein Fäßchen Wachholder erwischte, die Röhre einer unangerauchten Pfeife in den Spunden steckte, und ganz behaglich an dem Inhalte zu schlürfen anfing. Meine ganze Wachmannschaft rauchte jetzt ganz regelmäßig erst an diesem, später an einem andern Fasse, und dies dauerte so lange, bis wir den Hafen erreicht hatten. Die Backbordwache that dasselbe und ich glaube in der That, daß dieses starke Getränk uns einzig und allein während der Ueberfahrt auf den Beinen erhielt. Das Unglück aber wollte, daß der Koch sein Holz gerade unter diesen Fässern aufgestaut hatte; so kam es, daß wir eines Morgens, als eben der Letzte von uns sein Pfeifchen ausgeklopft hatte, den Wüllenkopf dieses Schlingels durch dieselbe Lucke herabgucken sahen, durch welche wir niedergestiegen waren. Doch wurde kein Wort über die Sache gesprochen, bis eS endlich ans Auszahlen ging, wo denn der schwarze Teufel als Ankläger gegen uns anftrat. Ich gestand AsteS ein und stellte dagegen vor, daß wir das Schiff gar 217 nicht in den Hafen gebracht haben würden, wenn der Wachholderbranntwein uns nicht die Kraft dazu verliehen hätte. Ich glaube, daß es dem Kapitän wie dem Schiffseigenthümer sehr leid that, uns verklagt zu sehen; da dies nun aber einmal geschehen war, so konnten sie die Sache nicht übersehen und so wurden mir fünf und zwanzig Thaler abgezogen, worauf ich sogleich das Schiff verließ. Ich weiß, daß ich Unrecht that und weiß ebenso gut, daß die Eigenthümer vollkommen in ihrem Rechte waren; gleichwohl kann ich nicht umhin zu glauben, daß der Wachholder, so schädlich er auch bei übermäßigem Genüsse seyn mag, auf eine Art wie wir ihn uns zu Gcmüth führten, uns wesentliche Dienste leistete. Man hatte mich übrigens von dem Schiffe nicht weggejagt — im Gegen- thcil, Kapitän wie Kaufherr wünschten sehr, daß ich in ihren Diensten bleibest möchte; allein ich war nun einmal ärgerlich und wollte nichts mehr mit ihnen zu schaffen haben. Daß ich kein schlechtes Zeugniß von jenem Schiffe miinahm, dafür spricht der Umstand, daß ich noch am selben Tage in der nämlichen Eigenschaft wie auf dem vorigen Kauffahrer, nur mit der Zusicherung besseren Lohns auf dem „Washington" angestellt wurde; derselbe war nach London bestimmt und lag gerade neben dem Foster vor Anker. Ich erlangte hier noch den weiteren Vortheil, daß ich einige Einsicht in das Geschäft des PaffagiertranSportes gewann, da das Schiff auf jeder Fahrt mehr oder weniger Reisende an Bord führte. Diese Fahrt brachte mich wieder nach London, das ich seit meinem erste» Besuche auf dem Sterling nicht mehr gesehen hatte; doch waren seit der Zeit zu viele Jahre verstrichen, als daß ich noch alte Bekannte hätte aufsinden können, da ich inzwischen vom Knaben zum Manne herangewachscn war. Auf dem Washington blieb ich ein volles Jahr, während welcher Zeit ich nicht weniger als drei Reisen, die letzte als erster Steuernrann machte. Auf den vier ersten Fahrten durch den ailan- 218 tischen Ocean hatte sich nichts van Bedeutung ereignet; die fünfte aber sollte uns mehr Abwechslung darbieten. Der Washington hatte noch auf jeder meiner Fahrten eine sehr fatale Geneigtheit zum Leckwerden an den Tag gelegt; wir hatten ihn deßhalb zweimal in eines der Londoner Docks gebracht, was ihm sehr gut bekommen war. Auch in der ersten Woche unserer fünften Ueberfahrt hielt sich das Schiff ganz wasserdicht, so lange nämlich noch günstige Witterung herrschte; kaum standen wir aber östlich von den Banks, als sich ein heftiger Wind erhob und das Schiff, das unter dichtgerefftem großem Mars- und Focksegel lensen mußte, so schwerfällig zu arbeiten anfing, daß mir in der That gar nicht wohl zu Muthe wurde; ich wußte, daß es überladen war und fürchtete die Folgen eines etwaigen Sturmes. Ich hatte von jeher die Gewohnheit, immer eine Pumpe zum Sondiren des PumpensodS in Bereitschaft zu halten und vergaß während meiner Wache niemals, fleißig zu sondiren. Eben als der Sturm seine höchste Höhe erreichte, während ich unten die VormittagS- wache zu besorgen hatte, fühlte ich mich plötzlich so unbehaglich, daß ich in den bloßen Unterbeinkleidern auf's Verdeck stieg und abermals zu sondiren anfing, obgleich ich kaum vor zwei Stunden nachgesehen und das Wasser auf dem Saugpunkt gefunden hatte. Aber — o Wunder — diesmal war es bis zu drei Fuß Höhe angesticgen! Diese Aenderung war so bedeutend und unerwartet, daß wir alle glaubten, der Angabe müsse ein Jrrthum zum Grunde liegen. Ich ließ also die Meßruthe wieder hinab, nachdem ich sie zuvor getrocknet und mit Asche bestreut hatte, was im Ganzen nicht mehr als zehn bis fünfzehn Minuten Zeit erforderte — aber auch in diesen, kurzen Zwischenraum war das Wasser schon wieder um mehrere Zoll an Höhe gestiegen! Jetzt sah die Sache sehr bedenklich aus und ich fing an zu glauben, daß auch noch ein drittes Segel unter meinen Füßen ver- finken sollte. Nach kurzer Berathung wurde beschlossen, das Schiff zu erleichtern: das Focksegel wurde gebraßt, die Mannschaft stieg in die Takelage, uni sich vor den hereinstürzenden Wogen zu retten und ich ließ unterdessen das Schiff beidrehen. Dann räumten wir die Satzborde hinter den beiden Lucken weg und begannen die Terpentinfässer auf das Verdeck zu rollen. In meinem ganzen Leben hatte ich mich niemals so kräftig gefühlt und in so kurzer Zeit so viel gearbeitet. Während des ärgsten Treibens ging ich einmal unter'S Deck, um ein klein wenig auSzuruhen; hier goß ich mir ein Untersteuermannsschlückchen Branntwein in mein GlaS, füllte es, wie ich glaubte, mit Wasser auf und trank es in einem Athemzuge hinunter. Da zeigte sich aber, daß ich nicht Wasser, sondern den stärksten Wachholderbranntwein und zwar in einem Maaße dazu getrunken hatte, welches mich unter anderen Umstände» besinnungslos niedergeworfen haben würde, jetzt aber nicht anders auf mich wirkte, als ob ich pures Wasser zu mir genommen hätte. Wir hatten schon die ganze Ladung des Zwischendecks auf's Verdeck herauf geschafft, wo sie von selbst in die See hinabrollte und waren eben im Begriff, auch den tieferen Kielraum zu diesem Zwecke zu öffnen, als der Kapitän uns einzuhallen befahl, da die Pumpen allmählig zu wirken anfingen, wie sie denn auch schon «ine halbe Stunde später ganz tüchtig darauf losjaugten. Dag war in der That eine ganz erfreuliche Botschaft, denn ich hatte eben angefangen, mich dem Glauben hinzugeben, daß wir auf unsere Boote vertrieben werden würden. Unter unserer Ladung befanden sich auch etliche eingepöckelte Kalbsfelle. Als die Gefahr den höchsten Grad erreicht hatte, sah ich den Koch an einem Faß den Boden auSschlagen und einige dieser Häute in einer Tonne verbergen; ich fragte ihn später, warum er dies gethan habe und erhielt zur Antwort, er müsse von diesen 220 schönen Häuten noch einige nach Haus bringen! Das wäre wohl ein großer Schaden gewesen, wenn sie verloren gegangen wären! Sobald die Pumpen wieder angesetzt hatten, wurde das Schiss in den alten Kurs zurückgesteuert und bewies sich auch bald wieder so wasserdicht wie eine Flasche. Acht bis zehn Tage später, als wir eben unter aufgehißten Leesegeln in unserem Kurse sortsteuerten, gewahrten wir vor uns ein großes Schiff, welches gleich uns, aber mit gerefften MarS- und Bramsegeln vor dem Winde daherging und seine Flagge gewippt* hatte. Wir näherten uns natürlich so rasch wir konnten, und als wir neben ihm standen, bemerkten wir, daß bas Schiff von Menschen wimmelte gind seine ganze Mannschaft mit Pumpen und Ausschöpfen beschäftigt war. Wir wußten ihre Lage am besten zu würdigen und legten uns augenblicklich neben sie, um uns nach ihrem Zustande zu erkundigen; sie antworteten uns zuerst mit drei CheerS, worauf sie uns ihre Geschichte erzählten. ES war ein englisches Transportschiff, das eine Anzahl Soldaten nach Neu-Braunschweig bringen sollte, und, wie das unsere, einen Leck bekommen hatte, so daß sie sich nur durch fortwährendes Pumpen und Ausschöpsen flott zu erhalten vermochten und wegen des anhaltenden Westwinds und der großen Entfernung den Rückweg nach England angetreten hatten. Sie baten unfern Kapitän, in ihrer Nähe zu bleiben, weßhalb wir unsere Segel verhältniß- mäßig verkürzen mußten. So steuerten die beiden Schiffe drei Tage und Nächte auf Anrufweite neben einander und unsere Offiziere wurden mit den Passagieren öfter bei ihnen zu Tisch geladen und umgekehrt. Als sich am vierten Tag Wind und Wetter günstig anließen und wir unserer Rechnung nach nicht mehr weit vom Kanal entfernt seyn konnten, sagten wir den Engländern, wir wollten voraussegeln und sobald wir das Land entdeckt hätten, wieder zurückkehren. Mir * Abwärts gestellt, »IN als Nothsignal zu gelten. D. u. 221 hielten uns dabei so lange ans, daß die armen Bursche hintendrein gestanden, sie hätten die Hoffnung auf unsere Rückkehr bereits aufgegeben gehabt; dies lag jedoch keineswegs in unserer Absicht, denn kaum hatten wir das Land vor Augen, als wir auch sogleich beidrehten und ihnen diese Freudenbotschaft überbrachtcn, welche mit lauten Cheers emstfangen wurde, worauf beide Schiffe in Gemeinschaft mit einander weiter segelten. Als wir am nächsten Morgen das Land vor uns sahen und viele Fahrzeuge in der Nähe erblickten, drangen die Engländer in uns, daß wir sie jetzt verlassen sollten, da sie ihr leckes Schiff ganz gut bis Falmouth zu bringen hofften, was wir denn auch thaten und London bei guter Zeit erreichten. Sobald wir nach New-Vork zurückgekehrt waren, wurde der Washington verkauft und ich verlor meinen angenehmen Posten, den ich übrigens in Folge meiner vortheilhaften Zeugnisse mit der gleichen Anstellung auf einem anderem Schiffe vertauschte. Vierzehntes Kapitel. LUein nächstes Fahrzeug war der „CamilluS", der über Charleston nach Greenock segeln sollte, welchen Hafen wir ohne Unfall erreichten und eine Ladung Baumwolle daselbst einnahmen. Das Schiff war bereits segelfertig, als der Kapitän an einem Samstag Abend an'S Land ging und mir sagte, er werde am nächsten Morgen zurück sehn und falls wir günstigen Wind bekämen, unverzüglich mit uns in See stechen. Ich bewilligte den Leuten ihre gewöhnliche sonnabendliche Freinacht und begab mich selbst in die Kajüte, um ein Schlückchen zu mir zu nehmen. Ich leerte ein oder zwei Gläser und bekam auf diese Art allerdings mehr als einem Mann gut ist, obwohl ich nichts weniger als betrunken war — kurz ich hatte zuviel, wiewohl ich im Nothfall noch eine stärkere Ladung hätte führen können. Der Proviantmeister war an'S Land gegangen und da kein Nntcrsteuerinann vorhanden war, so befand ich mich ganz allein an Bord. Unter diesen Umständen vernahm ich plötzlich ein Geräusch und ging auf's Verdeck, um zu erfahren, was es gebe. Mein ehmaligeS Schiff, der Franklin, hatte seinen Ankerplatz geändert und dabei seinen Klüverbaum an unfern Hackbord angerannt. Ich rief sogleich zu ihnen hinüber und stieg dann auf den Hackbord, um unfern Nachbar wegzuschiebcn, als ich aus Unachtsamkeit Häuptlings hinabstürzte, unterwegs noch an dem Schanddeck unseres Boots, das in der Mitte von dem Penterbalken hing, vorbeiflreifte und in'S Wasser fiel. Die Flulh trieb mich fort und trug mich zwilchen die Werste und das hinter uns liegende Schiff, welches zufällig der „William Thompson»" Kapitän Thompson, Schiffsherr Thompson, Steuermann Thompson, kurz Thompson und nichts als Thompson war, wie Mathews oft zu sagen pflegte. Kapitän Thompson war eben am Kajütenfenster mit Lesen beschäftigt und hörte zufällig mein Stöhnen; er machte plötzlich Lärm, ein Boot wurde auSgcsetzt und ich — eingenommen. Es war stockfinster, ich hatte überdies bei dem Falle alles Bewußtsein verloren, und meine Rettung aus dieser abermaligen Gefahr war darum kaum minder merkwürdig, als die aus den Zähnen des Hapfisches in Wcstindien, oder vor Trant'S Kanonen in jener Nacht, da der Scourge zu Grunde ging. Erst nach einigen Stunden kam ich wieder zum Bewußtseyn, und daran war nicht sowohl der Branntwein, als vielmehr jener Fall schuldig, da ich Alles, was vor diesem Sturze vorfiel, noch ganz deutlich im Gedächtniß habe. Gleichwohl muß ich bemerken, daß nichts als das Getränk all' das Unheil angerichtet hatte, denn ich hatte gerade soviel zu mir genommen, daß ich sorglos und unachtsam werden mußte. 223 Am nächsten Morgen fand ich, daß ich meinen linken Arm nicht rühren konnte und ging also zu einem Doktor. Dieser Ehrenmann erklärte mir sogleich, einem Burschen wie mir, sage er nie was ihm fehle, wenn er nicht vorher sein Honorar iu Händen habe. Ich gab ihm einen Dollar und nun erst erfuhr ich sein Geheimnis; — ich hatte das Schlüsselbein gebrochen. „Und nun noch einen weiteren Thaler," meinte er, „dann will ich Euch zusammenflicken." So mußte ich auch noch den zweiten Spanier springen lassen; dafür hielt er aber auch wirklich Wort und legte mir den Verband an. Auf's Schiff zurückzukehren, davon war jetzt nicht mehr die Rede; ich war genölhigt, einen jungen Mann, den ich noch aufge- trieben hatte, an meiner Statt auf den CamilluS zu schicken, während ich selbst zwei bis drei Monate unthätig am Lande liegen blieb und mit der Reise auch meine Steuermannsstclle einbüßtc. Von der Zeit an, da ich auf dem Washington gedient hatte, nahmen meine Angelegenheiten einen erfreulichen Fortgang und hätte ich auf dem CamilluS bleiben können, so glaube ich, daß ich's noch zum Schiffskapitän gebracht haben würde. Ich hatte mir einiges Geld zurückgelegt, und da ich in meiner neuen Stellung auch im Hafen Beschäftigung fand, so hatte ich nach und nach allen Geschmack an den gewöhnlichen Matrosenlustbarkeiten verloren und größere Achtung vor mir selbst bekommen. Jener Sturz vom Hackbord aber wurde nun für mich ein trauriger Rückschritt und mein Lebensschiffchen konnte sich nie wieder von der Abtrift erholen, in welche es dadurch gcrathen war. Ich war länger als zwei Monate am Land und mußte schon meines Armes halber ein vorsichtiges und vernünftiges Benehmen beobachten. Nach Ablauf dieser Zeit ging ich als zweiter Steuermann auf den „Sally," der zwar nach Charleston gehörte, aber gleichfalls nach Greenock bestimmt war und von dort wieder in seinen eigenen Hafen zurückkehren sollte. Die Reise ging ganz glücklich von Statten und mein Arm wurde wieder so stark wie zuvor. Zu Charleston verließ ich dieses Fahrzeug, welches abgetackelt werden sollte, und schiffte mich als erster Steuermann auf einem Schooner gleiches Namens ein, welcher freilich kein sonderlich großes Schiff vorstellte, gleichwohl aber ein festes gesundes Seeboot zu sepn schien und nach St. Domingo bestimmt war. Wir liefen ohne Unfall aus und kamen glücklich zu Kap Henry an, wo wir unsere Fracht ausschifften und dafür ein Quantum Dublonen — vierhundert und achtzig Stück, wie man sagte — einschmuggelten, worauf wir nach der Znsel Cuba absegelten. Dort wollten wir zu Matanzas einlaufen, weshalb wir uns an der Küste hielten und nachdem wir die Luvstraße Passirt hatten, die Insel Cuba auch wirklich erreichten. Während wir bei eingesetzter Brefock*^ weiter steuerten, gewahrten wir am Morgen des dritten Tages nach unserer Abfahrt ein großes Boot mit zwei Segeln, das vom Lande absteuerte und offenbar auf den Schooner Jagd machte. Wir waren unser acht an Bord, nämlich der SchiffSeigen- thümer, ein Franzose, der seinem Vaterlande einst als Dragoner gedient hatte, jetzt aber zwischen siebzig und achtzig Jahren stand, außer ihm der Kapitän, ich, der Schiffsjunge, der Koch und vier weitere Matrosen. *** In dem feindlichen Boot konnten wir neun Mann aufzählen, welche mit Musketen bewaffnet waren, (was wir zwar erst später bemerkten) während wir keine Waffen, nicht einmal Pistolen auf unserem Schooner hatten. Ich hielt die Fremden gleich anfangs für Seeräuber, so wie ich sie unter dem Lande her- * So nennen die Engländer die Straße zwischen Cuba und St. Domingo. D. U. " Heißt das Raasegel der Bagienraa auf kleinen Fahrzeugen. D. U. "» Macht bei gehöriger Zählung nicht acht, sondern neun. D. U. Vorkommen sah, allein der Kapitän beharrte darauf, sie für Schild- kiötensänger anzusehen. Das Baut ruderte mittlerweile immer näher, bis es „Hand über Hand" in gleiche Höhe mit uns kam, worauf die Bursche ein hitziges Feuer gegen uns eröffneten, wodurch sie unsere Mannschaft vom Verdeck verjagen wollten. Diesen Zweck erreichten sie wirklich, denn sämmtliche Matrosen rannten in das Voikastell hinab, der Schiffsjunge stellte sich auf die Kajütentreppe, so daß außer dem Kapitän, dem alten Franzosen und mir selbst keine Seele auf dem Verdeck zurückblieb. Was die Andern am Bord des Schooners thaten, während die Seeräuber neben uns anlegten und zur Belustigung ihr heftiges Feuer gegen uns fortsetzten — weiß ich nicht; ich selbst hielt es für das Gerathcnste, mich hinter dem Fockmaste niederzuducken. Es dauerte übrigens nicht lange, bis die Schurken auf unser Verdeck hcreinsprangen und den Schooner in Besitz nahmen. Einige von ihnen kamen auf's Vorkastell und verschlossen die dortige Lucke, um die Leute unten einzusperren; erst jetzt mochten sie sich als die unbestrittenen Gebieter des Schiffes betrachten. Einer der Bursche zog darauf ein furchtbar aussehendes Instrument, ein langes, schmales, scharfes, glänzendes Messer, mit dem er die Fallen der Brefock entzwei schnitt. Die Leute alle, die ich jetzt an Bord des Schooners erblickte, kamen mir vor wie Engländer oder Amerikamer» welche sich für Spanier auszugeben wünschten. Ganz abgesehen von der Aussprache herrscht übrigens in Größe, Farbe, sowie in der ganzen Erscheinung des Spaniers, gegenüber von den Bewohnern der beiden andern Länder, ein so gewaltiger Unterschied, daß ich mich wohl schwerlich täuschen konnte. Ich gewahrte nur einen einzigen unter diesen Piraten, der mir ein wirklicher Spanier zu sehn schien, obgleich ihre Gesichter der Unkenntlichkeit halber sämmtlich geschwärzt waren, was übrigens nicht hinderte, daß man von dem, was Ned MverS. 15 hie und da von ihrer Haut zu bemerken war, auf ihre wahre Farbe schließen konnte — so fand sich denn auch, daß kein einziger Neger unter ihnen war. Der Bursche, welcher die Brefockfallen durchschnitt, konnte unmöglich ein Spanier seyn; das Segel war nämlich nicht sobald herabgefallcn, als er das Messer am oberen Räume unterhalb des Lcicks* ansetzte, wie wenn er die Leinwand mit möglichst geringer Mühe abschnciden wollte. Ich stand in der Nähe und fragte ihn deshalb, warum er das Segel zerstöre? Wenn er es brauche, warum er es nicht lieber ganz mitnehme? Auf dieses drehte, er sich rasch nach mir um, schwang seinen Arm und versetzte mir einen heftigen Stoß mit seinem furchtbaren Messer. Die Spitze der tüdtlichen Waffe streifte qner an meinem Brustbeine vorüber. Zeh fiel, theils in Folge des heftigen Stoßes, theils aus List, da ich es für das Sicherste hielt, mich geradezu auf den Rücken zu legen. Um seinen wüthcnden Angriff zu vollenden, traktirte mich der Wütherich auch noch mit einigen derben Fußtritten und verschiedenen Flüchen in gebrochenem Spanisch. Ich hatte natürlich Englisch gesprochen und daß er mich verstand, war an dem Ausdruck seiner Mienen, sowie an seiner Handlungsweise deutlich genug wahrzunehmen. Meine Wunde war nicht gefährlich, blutete aber so stark, daß Hemd und Beinkleider ganz mit Blut bedeckt wurden, nicht anders, als ob ich gerade in'S Herz getroffen worden wäre; ein oder zwei Zoll tiefer in der Richtung des Messers würden mich auch sicherlich um'S Leben gebracht haben. Wie dieser Auftritt für mich geendet haben möchte, weiß ich nicht, wenn nicht einer der Seeräuber in diesem entscheidenden Augenblicke herbeigekommen wäre und der Wuth meines Feindes durch » So nennt man das obere Tau, welches ein Segel umspannt und an dem die Kante» des letzteren befestigt find. D. U. eine drohende Gebärde mit dem Finger Einhalt gcthan hätte. Dieser mein Netter war mir von früher bekannt, darauf will ich schworen; ich kan» zwar kaum annehmen, daß ich mich irre, werde aber dennoch, da ich meiner Sache nicht über jeden Zweifel gewiß bin, seinen Namen nicht nennen. Habe ich Recht, so war er ein junger Mann aus Connecticut, welcher auf dem Sterling mit mir eine Reise nach Liverpool machte; ich hatte mit diesem jungen Manne auf sehr vertrautem Fuße gestanden und war öfter als mit jedem Andern unter unserer Mannschaft mit ihm an's Land gegangen. Sein Gesicht war zwar geschwärzt wie die aller seiner Kameraden: doch konnte dies seine Züge und Augen, seine Haltung, Größe und Stimme nicht unkenntlich machen; dabei sprach er ein Rothwälsch von gebrochenem Englisch und gebrochenem Spanisch, wie keiner, der mit einer von beiden Sprachen von Kindheit an vertraut ist, es gebraucht haben würde. Dasselbe galt von Allem, was ich unter den Burschen reden hörte, einen einzigen betagten Matrosen ausgenommen, dessen ich sogleich zu erwähnen Gelegenheit finden werde. Der Mann, den ich für meinen ehmaligen Schiffskameraden hielt, schien auch mich zu erkennen. Ich war zwar noch ein Knabe, als ich den Sterling verließ, doch will man behaupten, daß ich mich im Acußern nicht wesentlich verändert habe; mein Haar ist noch immer schwarz und damals als ich noch in der Blüthe der Jahre stand, muß ich sehr leicht zu erkennen gewesen sehn. Ich war in jenem Augenblick so fest überzeugt, einen alten Bekannten vor mir zu sehen, daß ich schon im Begriffe stand, ihm beim Namen zu rufen, als mir zum Glück noch cinfiel, daß dieses mir gefährlich werden könnte; die Piraten wünschten nämlich Allem nach unerkannt zu bleiben und so war eS wohl am Gescheutesten, sie auf diesem Glauben zu lassen. Mein muthmaßlicher Schiffsgenoffe erwies sich mir übrigens als Freund und ich war keiner persönlichen Mißhandlung mehr aus- 228 gesetzt, seitdem sein Gefährte ein paar Worte mit ihm gewechselt. Ich glaube sogar, daß wir alle ihm die Rettung unseres Lebens verdankten. Er fragte mich, ob wir Geld an Bord führten und als ich dies in Abrede zog, behauptete er, „das wüßten sie besser; der Schooncr führe jetzt blos Ballast, müsse also für die Herfahrt den Preis in Baarem bei sich haben." Ich weigerte mich indessen, mehr anzugeben, worauf er befahl, mich auf ihr Boot zu schaffen, wohin der Kapitän schon vorher gebracht worden war. In seiner ganzen VerfahrungSweise glaubte ich einen Anstrich erzwungener Härte zu erkennen. Dem armen französischen Greise erging cS weit schlimmer. Die Räuber schiene» zu wissen, daß er der SchiffScigenthümer war und mochten wohl glauben, er vermöge die beste Auskunft über das gesuchte Geld zu ertheilen. So wurde er denn auf alle Fälle unbarmherzig durchgepeitscht, hielt aber die Strafe bis auf's Aenßerste aus, ohne den Aufbewahrungsort scjner Dublonen zu vcrrathen. Zunächst nach ihm wurde der Schiffsjunge durch die Drohung ge- ängstigt, er werde über Bord geworfen, wenn er das Geheimniß nicht verrathe; der Junge plauderte und die Dublonen waren bald aufgefundcn. Der Kapitän und ich waren unter einem der Halbdecke des Boots in Verwahrung gebracht worden, wo wir von dem alteiz Spanier bewacht wurden; sobald aber die Bursche das Geld auf- gesunden hatten, riefen sie der über uns stehenden Schildwache zu, sie solle uns nur frei lassen, damit wir ihren Spaß auch mitansehen könnten. Da standen denn die acht Spitzbuben um die Truhe des SchoonerS aufmarschirt und theilten sich in die Dublonen; sobald dies geschehen war, hieß man uns init unserem Boote, auf welchem wir nach dem Piratenschiff gerudert worden waren, an den Schooner herankommen. Der Kapitän stieg an Bord des Sally und ich wurde befehligt, die Schufte alle zumal nach ihrem Fahrzeuge zurückzurudern. Die Schelme waren ausnehmend vergnügt und schienen mit ihrem Fange sehr zufrieden zu sehn; sie machten allerlei schlechte Witze aus unsere Kasten, waren jedoch durch daS Gold so befriedigt, daß sie unsere Brefock zurückließen. Dafür hatten sie indessen die Kajüte ausgeplündert und mir einen Quadranten, eine Uhr und den größten Theil meiner Kleider mitgenommen, ohne übrigens auf dem Vorkastell einzudringen, obgleich unsere Leute daselbst ein Sümmchen von vierhundert Thalern unter einem Haufen Kehricht und alter Taustücke versteckt hatten. Mein mnthmaßlicher Schiffsgenosse gedachte übrigens meiner bis zum letzten Augenblicke. Als wir sein Fahrzeug erreichten, schenkte er mir ein Glas Branntwein ein und forderte mich auf, es anSzutrinken; ich hielt es aber für vergiftet und wollte nichts davon genießen. Er schien mich zu begreifen und trank es selbst mit bedeutungsvollem Blicke hinunter; dies machte mir Muth und ohne Zögern nahm ich das nächste Glas, worauf er mir abzustoßen befahl, was ich auch alsbald that, ohne einen zweiten Befehl hiezu abzuwarten, worauf die Piraten in demselben Angenblicke von dannen ruderten. Wir bildeten ein höchst betrübtes Häuflein, sobald wir uns wieder selbst überlassen waren. Der alte Franzose war in tiefe Trauer versunken, so daß wir alle Mitleid mit ihm hatten; er beklagte sich jedoch nicht über den Schiffsjungen und überhaupt wurde nicht weiter über den geschehenen Raub gesprochen. Meine Wunde war nur unbedeutend; der alte Mann dagegen war dermaßen zerschlagen und übel zugerichtet, daß er kaum mehr aufrecht zu gehen vermochte. Sobald die Brise eintrar, liefen wir in Charleston ein, da wir nicht mehr die Mittel besaßen, um die Ladung einzukaufen, die wir zu MatanzaS cinzunehmen beabsichtigt hatten. Dieß war das Erstemal, daß ich in Wirklichkeit den Seeräubern in die Hände fallen mußte, wiewohl ich mehreremale nur 23 » mit genauer Noth einem solchen Schicksale entronnen war. Gleich zu Anfang meiner Laufbahn hatte mich auf dem Sterling dieselbe Gefahr an der portugiesischen Küste bedroht; später war ich ihr auf dem William und Jane während meiner Fahrt nach Canton gegenüber gestanden; ein drittes Mal auf dem Trio bei jener Sandbank diesseits der Küste von Java, und ein viertes Mal aus dem Mechanic auf der andern Seite von Cuba. Und gleichwohl war es nicht die letzte Affaire, die ich mit ihnen zu bestehen hatte, wie aus dem Verlaufe meiner Geschichte hervorgehen wird. Ich machte auf dem Sally eine zweite Reise nach MatanzaS hin und zurück, ohne daß sich irgendwo ein bemerkcnSwerther Unoder Zwischenfall zugetragen hätte. Sehr gerne wäre ich noch länger auf diesem Schvoner geblieben, da ich mich mit dem Kapitän vortrefflich vertrug, hätte mich nicht einer jener unglücklichen Zufälle weiter getrieben, welche mich schon so oft „dwarS ab von den Klüsen" gebracht hatten. Es war nämlich eben »m die Zeit der Fluth, als wir zu Charleston eine Ladung Zucker, die in sehr schweren Fässern verpackt war, an's Land zu schaffen hatten; da die Regeling höher stand als die Werste, so brauchten wir die Zuckerfäffer blos auf die Regeling zu bringen und von da auf einigen Planken an den Strand Hinabrollen zu lassen, wo schon zwei Neger zur Aufnahme und Beförderung derselben bereit standen. Einer dieser Bursche hatte es in der Gewohnheit, den Fässern auf den Planken entgegen zu springen, statt sich zur Seite zu stellen und dieselben blos an einer Seite anznfassen; ich machte Ihn mehreremale auf die Gefahr aufmerksam, welcher er sich aussetzte, ohne daß er meine Worte beachten zu wollen schien. Endlich sah ich leider meine Warnung .gerechtfertigt; eines der Fässer glitt »nsern Leuten aus den Händen und rollte gerade über den Neger weg, der wie ein Stückchen Teig breit gedrückt wurde. Das war vffeubar ein Zufall und Niemand dachte daran, mir deßhalb eine Schuld beimeffen zu wollen. Allein der Eigenthümer des Schwarzen betrachtete diesen, wie man etwa einen Miethgaul betrachten würde, welchen Einer lahm oder gar todt geritten hat — er kam auf unfern Schooner und als er hörte, daß es um seinen Sklaven geschehen sey, schwor er hoch und theuer, ich sollte denselben bezahlen! Den Kaufpreis eines athletischen „Niggers" zu entrichten, war aber für mich noch weit unmöglicher, als dieß bei dem großen Staate Pennsylvanien- mit Heimzahlung der Interessen seiner Schuld der Fall zu sehn scheint und da ich nichts mit einem Prozesse zu schaffen haben mochte, so brachte ich noch am selben Nachmittag mein bischen Eigenthnm an Bord eines anderen Schiffes, auf welchem ich mich für meine Ueberfahrt nach New-Dork als Untersteuermann verdingte. Das Fahrzeug, an dessen Bord ich nun gerieth, war der „Commodore RodgerS," welcher regelmäßig zwischen beiden Häfen hin- und herging. Am nächsten Morgen fuhren wir ab und das Vormarssegcl mußte dem Niggerbcsitzer meine Antwort geben. Der Bestehder * des Schiffs — ein Mensch, der die Steuermänner sehr grob zu behandeln gewohnt war — befand sich eben an Bord und benahm sich bei dieser Veranlassung so impertinent gegen unfern Hochbootsmann, baß ich diesen laut darob tadelte, weil er sich die Grobheit gefallen ließ. Dies hatte jedoch keine weiteren Folgen, obwohl ich den Charakter eines Mannes, der sich eine solche Sprache erlaubte, unmöglich vergessen konnte. Nach unserer Ankunft zu New-Vork nahm unser erster Steuermann den Abschied, worauf seine Stelle mir angeboten wurde. Es war zwar ziemlich gewagt, nach Charleston zurückzukehren, aber der Lohn war gering, die Geschäfte standen schlecht, zu New-Dork herrschte überdies noch das gelbe Fieber, und ich dachte, mit einiger Vorsicht könnte ich meinem „Niggereigenthümer" schon aus den Augen bleiben, so daß ich mich endlich entschloß, das Anerbieten anzunchmen. » Derjenige, der ein Schiff bauen läßt. D. U. 232 Sobald wir nach Charleston znrückgekehrt waren, legten wir unser Schiff an seine eigene Werste, weßhalb ich von meinem Feinde, der sich oben in der Stadt herumtricb, während wir hier weit unten vor Anker waren, nichts zu sehen bekam. Dafür traf mich aber ein anderes Unglück, welches weit schlimmere Folgen für mich her- beisührte. Unser Schiffsbestehder mit seinem bösen Maul war nämlich wieder geschäftig wie immer, schimpfte und tobte bald da und bald dort und Alles, was wir thaten, war ihm nicht recht. Unsere Ladung war beinahe schon ganz anSgeschifft, als ich wegen einiger Fäßchen Bleiweiß mit dem Grobian in einen Wortwechsel gerieth, wobei er sich tm Verlaufe des Streites nicht entblödete, mich „einen frechen H—cnsohn" zu nennen. DaS war mehr, als ich ertragen konnte; ich faßte den Kerl beim Kragen und warf ihn den Luckengang hinunter. Der Fall war nicht bedeutend, denn in der unteren Lucke lag ein Haufen Hanf, auf welchen der Bursche stürzte; gleichwohl hatte er sein Schlüsselbein gebrochen und fing trotz einem Kantor an zu singen.* Ich hatte aber keine Lust in seine Melodie einzustimmen, sondern warf meine Schiefertafel im höchsten Zorne auf's Verdeck und verließ das Schiff, um mich an'S Land zu begeben. Ich traf den Kapitän ans der Werste, erzählte ihm meine Geschichte, ließ mir von ihm das Versprechen geben, daß er mir meine Kleider nachschicken wolle, und verschwand. Ein paar Stunden später machten fast alle Konstabels von Charleston Jagd auf mich, ohne mich aber zu finden, da ich mich gut versteckt hatte und einige Tage lang „wvhlgeborgen" im Hafen lag. Dieser Zustand konnte jedoch nicht ewig dauern: die Konstabels' waren nicht halb so ingrimmig als sie aussahen, denn einer von ihnen suchte mich selbst fort zu schaffen und mich an Bord des * Die englischen Matrosen nennen eS nämlich »gesungen,' wen» sie sich ihre Kommando's aus eine Weise zuschreien, daß anderen Leuten die Ohre» zerspringen möchten. D. U. 233 „Governor Ruffel", eines Küstenfahrers, zu bringen, wo ich den ersten Steuermann und die gesummte Mannschaft — Alles in einer Person vorstellte. Der „Governor Ruffel" war ein Handelsschiff aus Buford, das mit seinen Frachten nicht weiter als fünfzehn bis zwanzig Meilen ging: es war die kürzeste Reise und das winzigste Fahrzeug, mit welchem ich jemals — Kanonenboote ausgenommen — in meinem ganzen Leben zu thun gehabt hatte. Die Mannschaft bestand aus zwei Negern, den Sklaven des EigenthümerS, während der Kapitän und ich uns hinten befanden. Ob das Fahrzeug überhaupt so viele Personen gefaßt hätte, weiß ich nicht, denn so lange ich an dessen Bord diente, kam mir der Kapitän niemals zu Gesicht. Der Schooner lag drei Meilen unterhalb der Stadt und war insofern sehr gut für mich geeignet, da wohl schwerlich Jemand auf den Gedanken kommen mochte, einen alten Cantonfahrer auf einer solchen Küstcn- schale aufsuchen zu wollen. Wir waren damit beschäftigt, ihn anzustreichen und seine Takelage auSzubeffern, während sich der Schiffs- bestehder mit seinen Myrmidonen daran ergötzte, in der ganzen Stadt nach mir umherzuspüren. So hatte ich drei Tage auf dem Governor Ruffel verlebt, als plötzlich in Acht südlicher Weise eine Bö aus Süden und Westen zugleich über uns hereinbrach: der Sturm kam mit furchtbarer Gewalt daher gerast und man wollte seit vielen Jahren kein solches Unwetter mehr im Hafen erlebt haben. Die meisten Schiffe wurden von den Wersten loSgeriffen und Alles, was vor Anker lag — ein Kriegsschiff und einen Revenuekutter ^ ausgenommen — schleppte seinen Anker oder wurde triftig. Wir selbst lagen nur an einem einzigen Anker und fingen bald an gegen die Barre hinunterzuschwimmen; ich warf den Nothanker aus, welcher aber die Kabeltaue wie Bindfäden auseinander riß und unser Schiffchen leewärts führte. Ein Segel aufz»h>fsen war ' Ein dem Zollamt- gehöriges Fahrzeug. D. u. 234 rein unmöglich, auch wenn diese — was bei den unsrigen nicht der Fall war — angeschlagen gewesen wären; so mußte ich das Ding seinen eigenen Weg gehen lassen. Dies Alles geschah bei Nacht während einer so dichten Fin- sicrniß, daß man in all' dem Wellengischt und Sturm und bei der späten Stunde nicht auf Schiffslänge vor sich hinzusehen vermochte. Ich wußte Wohl, daß eS mit uns dem Oceane znging und den Hauptgegenstand meiner Besorgniß bildete jetzt die Barre oder Mündung des Flusses; den dort befindlichen Kanal herauszufinden — daran war nämlich nicht zu denken, da ich erstens einmal seine Stelle nicht kannte und ihn — auch wenn ich ein patentirter Lvotse gewesen wäre — in der Finsterniß doch nicht gefunden haben würde. In meinem ganzen Leben, weder zu Wasser noch zu Land war ich jemals so vollkommen rathlos gewesen, als während der beiden angstvollen Stunden, da der Schooner, die Breitseite der Strömung zugekehrt, auf dem Flusse dahintrieb, ohne daß ich wußte, wohin — oder wie überhaupt das Ganze enden würde. Die beiden Schwarzen hatten vor lauter Angst den Verstand verloren und waren außer Stand, mir Beistand zu leisten. Endlich spürte ich wie der Kiel an der Sandbank anstrcifte und jetzt wußte ich, daß wir uns an der Barre befanden. Im selben Augenblicke waren wir auch von einem wahren Wirbelwinde von Flugwasser umgeben; rings um uns her war nichts zu sehen als der weiße Schaum der empörten Wogen und die Klippen, die uns entgegenstarrten. Das erste Anprallen auf dem Sand schleuderte beide Masten aus ihren Widerlagen und riß die Decks in beträchtlicher Ausdehnung auseinander; in der nächsten Minute standen wir auf unfern Balkenenden, und die See brauste in mächtigen Wogen über »ns. Alles, was wir thun konnten, war — uns festzuhalten und dies thaten wir denn auch mit großer Mühe und Noth; ich eilte mit den beiden Schwarzen nach dem Luvbord des SchoonerS, wo wir 235 uns mit den Schootcn dis großen Segels festbandcn nnd nur bei einer völligen Zertrümmerung deS Decks weggcschwemmt werden konnten, da das Tau sehr stark und zäh war. — Unser Fahrzeug polterte nur zweimal gegen die Barre »nd trieb dann frei und ungehemmt dem Occan entgegen. Ich wußte nunmehr, daß wir uns auf der See befanden und geraden Wegs von der Küste abstcuerten. Sobald wir in tiefes Wasser gelangten, brachen die Wogen nicht mehr mit so furchtbarem Ungestüm über uns her, obwohl sie noch immer unser Hintertheil überspülten. Die Masten wurden endlich auch abgerissen, was mich aber weit weniger bekümmerte, als der hohe Wafferstand unseres KielraumS, der schon jetzt beinahe ganz angefüllt war. Sinken konnten wir nicht, da das Schiff einen gefischten Kiclraum hatte und größtentheils aus Fichtenholz gebaut war, so daß das Quarterdeck des SchoonerS immer noch gegen fünf Fuß über'm Wasser blieb, während beide Buge fast ganz überschwemmt wurden, was uns hinten durchaus nicht unlieb war. Zum Glück hatte der Sturm bei',» ersten Ausbruche seine Wuth beinahe ganz erschöpft, denn bald nachdem wir die Barre hinter uns hatten, begann der Wind an Heftigkeit nachznlassen, und gegen Morgen war nur noch eine steife Brise zu verspüren. Nirgends ließ sich ein Fleckchen Lands gewahren, obgleich ich an der Farbe des Wassers erkannte, daß wir von der Küste nicht sehr entfernt seyn konnten. Wir waren zur Ebbezeit ausgelaufen und dies hatte uns so weit in die See hinausgeführt: doch kannte ich auch die ganze Südküste als sehr niedrig, wcßhalb sie von der Oberfläche des Meeres aus auf bedeutende Entfernung nur selten zu sehen ist. Der Tag, welcher dieser SchrcckenSnacht folgte, war in hohem Grade traurig und trostlos: das Wetter war schön, die Sonne brannte sogar glühend auf uns herab, aber der Wind wehte immer noch stark vom Lande und trieb uns mit jedem Augenblicke weiter dem Schooßc des Weltmeers entgegen. 236 Unsere einzige Hoffnung beruhte auf der Aussicht, einem Küsten- schiffe in die Hände zu fallen, allein ich fing bereits an zu fürchten, daß wir längst über deren Bereich Hinausgetrieben hätten. Wir waren ohne Lebensmittel, ohne Wasser, halb auf den Negelingen, halb in den Windungen der großen Schootc gelagert und keiner von uns wagte au zenem Tage seine Stellung im Geringsten zu verändern; nur hie und da wurde ein Wörtchen gesprochen, wobei ich mir alle Mühe gab, die Neger zum AuSharren zu ermuthigen, indem ich ihnen immer noch die Hoffnung vorhielt, daß uns noch irgend ein Fahrzeug aufstoßen würde. Ich hatte in diesem Punkte ein Gefühl der Sicherheit, das vielleicht unvernünftig sehn mochte, aber ganz einfach aus meinem sanguinischen Temperamente hervorging, welches mich von je her etwas zu gleichgültig gegen die Zukunft zu machen pflegte. Die Nacht brachte nur insofern eine Aenderung unserer Lage, als der Wind immer mehr an Stärke nachließ. Kurze Zeit vor Sonnenuntergang hörte ich einen der Neger rufen: „Master Ned — John fort." Ich war eben vor den beiden Schwarzen gestanden, ohne gerade auf sic Acht zu haben, mochte wohl auch ein wenig geschlummert haben und als ich nun wirklich emporschante, fand ich in der That, daß einer von den Negern verschwunden war. Wie dies zugegangen, vermag ich nicht anzugeben, denn er schien mir früher gehörig festgebunden zu sehn; vermuthlich hatte er sich selbst losgemacht, war in seiner Erschöpfung in'S Wasser gefallen und untergesunken, noch ehe ich ihn mit einem Blicke bemerkte. Doch war jetzt nichts mehr für den armen Burschen zu thun und sein Verlust brachte mich erst auf den Gedanken, daß unsere Lage doch schlimmer sehn möchte, als sie mir früher erschienen war. Manche meiner Leser — wie ich vermuthe inSgesammt lauter gute Christen — werden wohl begierig sehn zu hören, ob ein Man» in meiner Lage sich nicht zu religiösen Befrachtungen aufgefordert fühlte und ob sein Gewissen ihn nicht an die Möglichkeit der Berdammniß mahnte, da das Verderben ihm so zu sagen in'S Gesicht starrte. Ich muß leider hierauf crwiedern, daß keine solche Gedanken in mir aufstiegen, wie ich mich denn überbaupt nicht erinnern kann, daß ich in irgend einer Noih nnd Gefahr auch nur ein einziges Mal meines Schöpfers gedacht hätte. Ich fühlte wohl etwas wie Angst oder Todesfurcht und den instinktartigen Drang mein Leben zu retten, hatte aber niemals einen Begriff von der Noihwendigkeit, ein höheres Wesen um Rettung meiner Seele an- zurufen. Trotz der Belehrung, die ich in meiner Jugend empfangen hatte, befand ich mich doch so ziemlich in der Lage eines Menschen, der den Namen seines Erlösers niemals aussprcchen gehört hatte. Bet allem Nachdenken über derlei Gegenstände vermochte ich dennoch niemals über den sclbsttrügerischen Glauben hinauSzukommen, daß meine Rettung allein von mir selbst abhänge. Großes Unrecht Hatteich — nach unfern Seemannsbegriffen wenigstens — nicht begangen: ich hatte weder Raub noch Mord verübt, den Codex der seemännischen Sittengcsetze — soweit ich ihn verstand — von jeher streng beobachtet und darum glaubte ich sogar gewissermaßen einen Anspruch auf Gottes Gnade zu besitzen, ohne mich über den künftigen Zustand meiner Seele im Geringsten zu bekümmern. Meine beiden Unglücksgefährten auf dem kleinen Wrack theilten meine Gleichgültigkeit in dieser Beziehung in vollem Maaße: denn kein Gebet, kein Flehen um Gottes Erbarmen ward von einem von uns dreien vernommen, und nichts bewies, daß wir überhaupt nur an so Etwas dachten. Der Hunger peinigte mich wohl ein wenig und während der zweiten Nacht verfiel ich in einen Schlummer und erwachte an dem Traume, daß ich eben einige meiner LieblingS- speiscn verzehre, — ein Traum, der mich auch bei andern Veranlassungen, besonders sobald ich auf kleine Rationen gesetzt war, schon öfter verfolgt hatte. Von den beiden Schwarzen klagte keiner 238 mit einer Sylbe über körperliches Leiben, und der Eine, welcher ertrank, war gleichsam wie eins Kerze erloschen. Am Morgen des zweiten Tags sahen wir die Sonne hell und glänzend am Himmel heraufsteigen; der Wind sprang um diese Zeit zu einer gelinden Südostbrise um, was uns wenigstens einigermaßen ermuthigte, da unser Schooner dadurch wieder in der Richtung des Landes Hingetrieben wurde. Doch ließ sich ringsum noch nirgends etwas bemerken, denn die See ging immer noch ziemlich hoch und da unser Schooner sehr tief im Wasser lief, so war unser Gesichtskreis natürlich sehr beschränkt. ES war schon ziemlich spät Vormittags, als der Neger plötzllich ausrief: „Master Ned — dort ein Schiff!" Fast in demselben Augenblick vernahm ich einige Stimmen, welche uns zuriefen, und als ich mich umsah, gewahrte ich einen kleinen Küstenschooner ganz in unserer Nähe. Er kam gerade vor dem Winde hergegangen, hatte uns offenbar einige Zeit früher entdeckt als wir seiner ansichtig geworden waren und stand nun unter unserem Lee, wo er augenblicklich beiholte. Der Schooner setzte unverzüglich ein Boot aus, in welchem er uns nach seinem Borde abholte; wir konnten uns aber kaum von der Stelle bewegen und ich fand meine Glieder so steif, daß sie mir fast jeden Dienst versagten. Der Schwarze war noch weit schlimmer daran, als ich, und zwölf Stunden später würde man uns wahrscheinlich als Leichen angetroffen haben. Der Schooner, welcher uns ansnahm, war nach Charleston bestimmt und seine Bemannung bestand aus lauter Schwarzen. In dem Augenblicke, da er uns begegnete, mußten wir gegen zwanzig Meilen von der Barre entfernt gewesen sepn, da wir bei günstigem Wind de» ganzen Nachmittag dazu brauchten, um letztere wieder zu erreichen. Wir beiden Geretteten wurden in die Kajüte hinabgeschickt, 239 wo ich sogleich einen Kessel mit gekochtem Reis entdeckte, über den ich mich mit der Gier eines Geiers herstürztc. Die Neger glaubten, ich könnte mir dadurch schaden und wollten mir die Speise aus der Hand nehmen; ich ließ sie aber nicht mehr los und in meinem ganzen Leben genoß ich nie ein köstlicheres Mahl als dieses Reisgericht, von dein ich meinem Gefährten gleichfalls eine hübsche Portion abtrat, ohne daß dieser Genuß üble Folgen für uns gehabt hätte, da wir noch nicht so lange gefastet hatten, daß unser Magen bedeutend geschwächt worden wäre. — Nach diesem herzhaften Mahle legten wir uns beide aus den Kajütenbodcn nieder und überließen uns dem Schlummer. Gegen acht Uhr Abends erreichte» wir die Werfte. Schon bei der Barre war der Schooner von einem Fahrzeuge angerufeu worden, das den „Governor Ruffel" aufzusuchen bestimmt war; die Schwarzen beschrieben der Mannschaft die Stelle, wo das Wrack zu finden sey uno jene liefen sofort in die See hinaus. Ich fühlte mich kräftig genug, um allein nach meiner Herberge zu gehen, wo ich mich abermals „unter Quarantäne" legte. Der „Governor Ruffel" wurde aufgefunde» und am Schlepptau in den Hafen bugfirt, worauf er ausgebeffert ward und wie früher den Handel nach Buford fortsetzte, ohne daß ich weder ihn noch seinen Kapitän wieder zu Gesicht bekommen hätte. Auch von dem Neger, der mit mir gerettet worden war, trennte ich mich auf der Werfte uud habe später nie mehr etwas von ihm gehört — das ist das Leben eines Seemannes. Ich fürchtete mich noch immer vor den KonstabelS, bcruhigte mich aber wieder durch den Gedanken, daß in dem letzten Sturme so manche weit wichtigere Schiffe beschädigt und so viele Menschenleben zu Grunde gegangen waren, daß von der Rettung des „Governor Ruffel" nur wenig gesprochen wurde. UeberdieS kannte man mich auf jenem Schooner nicht bei meinem Taufnamen, und 2L0 damals, als ich de» Schiffsbcstehder die Treppe hinunterwarf, war ich noch Mr. MyerS, während ich jetzt, seitdem ich ans dem Küstcn- boote Schiffbruch gelitten hatte, ganz einfach Ned genannt wurde. Fünfzehntes Kapitel. Zk» unbedeutend auch vergleichungsweise die Rolle war, welche ich in Charleston spielte, so erlaubte meine Sicherheit doch nicht, mich allzu lange an diesem Orte anfzuhalten, und mein sehnlichster Wunsch ging dahin, den Hafen bald verlasse» zu dürfen. Nach dem Sprnchwort „ein Bettler hat nicht lange zu wählen" war ich daher herzlich froh, mich auf dem „Carpenler", ^ einem mit Schiffsholz beladenen Schooner, der nach St. Mary und Philadelphia bestimmt war, als VormarSmatrose einschiffen zu können; ich gelangte auch wirklich uncnldeckt an Bord und ging noch an demselben Tage unter Segel. Bis nach St. Mary ging die Fahrt ganz gut und ohne Unfall von Slatten; erst als wir diesen Hafen verließen, wurden wir von einem sonderbaren Unstern befallen. Wir waren kaum einige Tage unter Segel, als sich ein starker Wind erhob und zu gleicher Zeit die Oberladung so stark auf die Deckbalken drückte, daß diese nach- gabcn und der Schooner sich, so weit seine aus Nothtannen bestehende Fracht dies erlaubte, mit Wasser füllte. Das Unglück kam einzig und allein daher, daß die Neger, welche die Ladung einschifften, die Deckbalken gehörig festzukeilen unterlassen hatten — eine Vorsicht, welche niemals versäumt werden sollte, sobald das Verdeck mit einer solchen Last beschwert wird. Die Nachläßigkeit hatte jedoch keine sehr bedenklichen Folgen, denn cS gelang uns dennoch, das Fahrzeug weiter zu bringen und mit der vollen Ladung zu Philadelphia einzulaufen, ohne daß wir ein Zimmermann. D. U. 241 einziges Stück verloren hätten -— ein Beweis, daß unser Kapitän sich ans die Sache verstand und, was er einmal eingeladen hatte, nicht gerne wieder von sich lassen mochte. Dieser Mann war ein achter Küstenfahrer und schien mit den Johnston'S und mit der Stadt Wiöcaffet überhaupt genau bekannt zu sehn. Er gab sich viele Mühe, mich zu überreden, daß ich als Steuermann auf dem Schvoner bleiben sollte, indem er mir die -Aussicht eröffne!-, mich zu meinen alten Freunden zurückbringen zu wollen — ich hatte aber für alle seine Rathschläge nur taube Ohren, denn , die Wahrheit zu sagen, mochte ich nicht mehr nach Wiscaffet zurückkehren. Meine frühere Desertion von da war nicht wohl zu entschuldigen und dann fürchtete ich noch überdies, die Familie möchte mir auch Bill Swetts Flucht und Tod als meine Schuld beimessen. Letzterer zählte zwar mehr Jahre als ich und wäre ebensogut im Stande gewesen, einen Einfluß auf mich auszuüben, als mir dies bei ihm gelungen war, allein das Gewissen ist ein so empfindliches Ding, daß es bei jedem Fehltritte, den wir begehen, die ganze Schuld nur zu leicht auf unsere eigenen Schultern wälzt. So sagte ich denn dem Carpenter zu Philadelphia Lebewohl, quartierte mich in einer anständigen Herberge ein und verdingte mich auf einer Brigg Namens „Margaret," an deren Bord ich bis zu dem Augenblicke, da sie segelfertig war, als Pack- und Takelmeister arbeitete. Der Eigenthümer der Brigg war, wie ich mir hatte erzählen lassen, in seiner Art ebenso übel berüchtigt wie jener Schiffsbestehder zu CharleSlon und ich war entschlossen, falls er versuchen würde, ebenso, wie er'S der Sage nach bei seinen Steuermännern und sogar bei manchen Kapitäns gemacht hatte, auch auf mir „reiten" zu wollen — ihn wenigstens ein harttrabcndes Roß an mir finden zu lassen. Eines Tags kam die Sache wirklich zum Ausbruch. Der Eigenthümer befand sich zu gleicher Zeit mit mir auf der Werste und solch ein Strom von Schimpfwörtern, wie er ihn über mich Ned MherS. 16 242 auSgoß, war mir in meinem Leben noch niemals oorgekommen. Bald hatte sich ein Haufen von Zuschauern um uns versammelt, was mir das Blut vollends zu Kopf jagte: ich vackte den Mann und stieß ihn von der Werste in'S Wasser, doch so, daß er durch die Nähe einiger Nandpfähle vor jedem ernstlichen Unglücke beschützt war, denn in diesem Punkte war ich sehr vorsichtig und wollte überhaupt nur, daß er tüchtig genetzt werde, was ihm auch wirklich in vollem Maaße zn Theil wurde. Die Zuschauer brachen in lauten Jubel aus, was ich als einen Beweis betrachtete, daß ich nicht so ganz Unrecht haben mochte. Von einer gerichtlichen Klage war diesmal nicht die Rede; ich ging vielmehr von der Werste gerades Wegs ans den „Coromandel," ein Schiff, das ich schon seit mehreren Tagen als meinen Zufluchtsort im Auge behalten hatte. Hier wurde ich als Untersteuermann angenommen, den» die Lektion, die ich jenem berüchtigten Grobian ertheilt hatte, schien mir förmlich als Empfehlung zu dienen. Der Coromandel war nach Cadir bestimmt und sollte von dort um das Kap Horn segeln. Für die Hinreise bestand unsere Fracht in Mehl; welche Häfen wir aber in Südamerika berühren sollten, das blieb mir noch ein Geheimniß; mit Ausnahme der Offiziere war unsere Mannschaft ausschließlich aus Schwarzen gebildet. Bis herwärts vom Kap Trafalgar hatten wir eine glückliche Fahrt; hier aber erhob sich ein solcher Sturm aus Osten, daß wir zwei Tage lang jenseits des Kaps beilegen und dann im Hafen von Gibraltar vor Anker gehen mußten, wo wir etwa vierzehn Tage liegen blieben. Jetzt aber brach ein zweiter Orkan aus Südwesten daher, der eine furchtbare Stürzsee vom atlantischen Meere hereinjagte; er hatte Nachmittags begonnen, mit gleicher Heftigkeit die ganze Nacht über sortgedauert, und seine Wuth steigerte sich nach und nach immer mehr, bis er endlich ganz ernstlich mit den Schiffen zu „reden" begann, welche in großer Anzahl an dem Felsen vor Anker lagen. Am zweiten Tage des Sturmes stampfte der Coromandel mit den Bugen unter, daß das Wasser hinten über den Hackbord strömte, während viele andere Schiffe die Anker schleppten oder auch bereits völlig triftig zu werden anfingen. Unser Anker hing an einem eisernen Kabeltau, dem einzigen, das wir in den ersten vierundzwanzig Stunden gebraucht hatten; als der Sturm immer mehr zunahm, hielt man für nöthig, auch den Pflichtanker auszuwersen, der an einem Hanftaue befestigt wurde. Unsere Ankerkette war, wie man sagte, die erste, deren ein PhiladelphischeS Handelsschiff sich bediente, befand sich aber schon ziemlich lang an unserem Bord und hatte sich auf der vorigen Reise als äußerst zweckmäßig bewährt. Unglücklicherweise war der größere Theil der Kette im Wasser, ehe wir den Pflichtanker „gehen" ließen, so daß das hänfene Tau unmöglich den nöthigen Spielraum finden konnte: an's Ufer zu laufen — daran war kaum zu denken, da der Meeresgrund sich auswärts senkte, so daß der Anker hätte bergan laufen müssen, um endlich wieder an Bord zu kommen.* Auf diese Weise lag der Coromandel zwei Tage und zwei Nächte vor Anker, während die See mit jeder Stunde stürmischer und der Orkan wo möglich noch heftiger wurde. Die Wuth des Letzteren verspürten wir in einigen Windstößen, welche in der That fürchterlich waren. Die Bai wurde indessen immer leerer an Schiffen, da fast alle untergesunken oder an's Ufer geschleudert waren. Ein englisches « Von einem meiner Freunde, einem alten Marineoffizier, der damals als amerikanischer Konsul zn Gibraltar war, erfuhr ich, daß Ned in Betreff des Ankergrundes sich doch einigermaßen täuschte, indem der Coromandel etwas zu weit auswärts und also nicht auf dem besten Platze lag. Der Charakter des Sturmes aber ist, wie derselbe Freund hinzufügt, nichts weniger als übertrieben geschildert, insofern die Zahl der gescheiterten Schiffe mit Einschluß der kleineren Fahrzeuge jeder Gattung die immerhin außerordentliche Summe von dreihundcrtsünsundsechzig Segeln erreichte. D. HerauSg. 244 Paketboot lag etwas mehr als eine Kabellänge vor unS und hatte gleich unserem Schiffe bis jetzt noch immer ausgehalten; der „Governor Brooks" von Boston hatte weiter oben bei Algesiras geankert, wo sich Wind und Wetter etwas brachen, so daß jenes Schiff weniger als wir vom Sturine zu leiden hatte. In der dritten Nacht, gegen acht Uhr Abends, als ich mich eben in der Kajüte befand, hörte ich die Leute auf dem Verdecke rufen, die Ankerkette sey abgerissen; das Schiff halte seine Spriet- segelraa noch nicht lange unter Wasser gestampft und der Orkan war mit erneuter Wuth über uns hereingebrochen. In einem Augenblick waren wir alle auf dem Verdeck und ließen sämmtliche Schooten schießen, so daß wir endlich das Schiff mit seinem Kabel aufbrachten, was uns übrigens nicht eher gelang, als bis wir beinahe senkrecht über denselben zu stehen kamen. Unglücklicherweise stießen wir aber auf Untiefen und solche Stellen, welche durch daö Aushöhlen der Wogen zu Untiefen geworden waren. Es hieß zwar später, wir hätten damals noch fünf Faden Wasser- tiefe gehabt, eine Behauptung, welche ich nicht verbürgen möchte, da mir diese Wasscrtiefe für das, was später erfolgte, noch zu bedeutend vorkommt — unser Anker aber lag in Wirklichkeit sechzehn Faden tief im Wasser. Wir hatten kaum das Kabel laufen lassen, als das Schiff mit einer Gewalt, welche die auf dem Verdeck Befindlichen beinahe zu Boden stürzte, mit plattem Kiel auf den Grund rannte. Diese Stöße wiederholten sich von Zeit zu Zeit in Zwischenräumen von mehreren Minuten und wechselten an Stärke, indem sie bald mehr bald minder heftig wurden. Das englische Paketboot mußte zu gleicher Zeit mit uns triftig geworden sehn, denn es kam jetzt auf uns zu und ließ seinen Anker in solcher Richtung fallen, daß er unser Kabeltau gerade durchkreuzte. Dieses Zerren, verbunden mit dem felsigen Grunde, mochte wohl unser Hanfband aus einander gerissen haben, denn jetzt steuerte 243 auch unser Schiff mit dwarS gekehrter Breitseite dem Strande entgegen, indem es noch fortwährend gegen den Boden stieß, ohne daß jedoch die See in Stürzwogcn darüber hereinbrach. Der alte Coromandel war ein sehr starkes Schiff und fuhr deßhalb fort, sich kräftig nach der Küste durchzuarbeiten, bis er endlich regungslos auf einem guten, festen Lager aufsaß. Wir bemannten unsre Pumpen und so gelang es uns, das Schiff, trotzdem daß sich dasselbe beträchtlich auf die Seite gelegt hatte, so ziemlich frei von Wasser zu erhalten. Das engli'che Paketboot folgte uns bald und strandete mehr in der Nähe der spanischen Linien, nachdem es im Boden einen starken Leck erhalten und mehrere seiner Matrosen eingebüßt hatte. Wir selbst befanden uns auf einem ganz behaglichen Plätzchen, wenn man anders die Art und Meise, wie wir hereingekommcn waren, in's Auge faßte; für unsere persönliche Sicherheit hatten wir nichts zu fürchten, weshalb auch die größte Ordnung an Bord herrschte, indem die Leute sogar ohne Verwilligung eines ErtratrunkS ganz wie gewöhnlich ihre Geschäfte besorgten. In dieser Nacht brach sich der Sturm und hatte schon vor Tagesanbruch bedeutend nachgelassen, worauf alsbald Achterschiffe herbeikamen und unsre Mehlfracht auSzuladen anfingcn. Der Cargo wurde auch in der besten Ordnung ausgeschifft, was nämlich eine Beschädigung durch's Wasser anlangt, denn sonst waren mehrere Kolschwienbolzcn ^ in den Boden der Fässer eingedrungen. Ich scheue mich beinahe, etwas der Art zu erzählen, kann aber die Wahrheit des Gesagten verbürgen, da ich die Fässer mit eigenen Händen wieder loSmachie. Kaum war das Schiff geleert, als es von einer hohen Woge emporgehoben und in das liefe Wasser hinausgetragen wurde, wo sich aber bald ergab, daß es einen so starken Leck hatte, daß wir noch Matrosen von der Küste an unsere Pumpe» stellen mußten, um den * Der Kolschwien iKiellchwem) bildet einen Theil der Kielbalken. D. u. 246 Coromandel stott zu erhalten. Er wurde natürlich zuin Besten seiner Affekuranten verkauft, später aber im Docke gründlich ausgebessert, so daß er abermals die See zu halten vermochte. Unsere Reise hatte natürlich hiedurch eine Unterbrechung erlitten: der Kapitän gab mir den Rath, auf dem „Governor Brooks," dem einzigen amerikanischen Segel, das dem Sturme entronnen war, die Stelle eines Untersteuermannes anzunehmen, was ich auch that. Meine neue Brigg war ein erst kürzlich gebautes, großes Fahrzeug, das ebenfalls um das Kap Horn zu segeln bestimmt war. Ich kenne kein zweites Schiff, das damals gleich dieser Brigg vor dem Felsen von Gibraltar gelegen und trotz des Sturmes vor Anker geblieben wäre, und dies alles mittelst zweier hänfenen Kabeltaue, wobei übrigens die wohlgeschützte Lage auch in Rechnung kam. Ei» Schwede sollte durch irgend ein Taschenspiclerstückchcn hinter den Felsen gelangt und gleichfalls dem Verderben entgangen seyn; ich sah ihn am andern Tage selbst auf seinen Ankerplatz zurückkvmmen. Wie viele Menschen bei jener Veranlassung das Leben verloren, habe ich nicht erfahren: der Verlust an Eigenthum muß aber jedenfalls sehr groß gewesen sehn. Drei Wochen »ach dem Sturm ging der Governor Brooks unter Segel. Die Fahrt um's Kap war mit vielen Schwierigkeiten verknüpft und wir wurden vierzehn Tage lang zwischen der Falklandinsel und dem Fefflande hin- und hergcworfen. Wir waren hundertundvierundvicrzig Tage unter Wegs, ohne irgendwo anzu- kegen, bis wir vor Callao vor Anker gingen. Das Mehl, das unsere Ladung ausmachte, stand damals im Preise von sieben Dollars für das Faß, wobei noch ebensoviel Dollar Zoll hinzukameu. Der Franklin Von vierundstebzig Kanonen und die englische Fregatte Aurora befanden sich damals am gleichen Orte, da das Kastell mit der Bevölkerung des Inlandes im Kriege begriffen war. Unser Mehl wurde asss Land geschafft; was aber daraus geworden — ist mehr, als ich zu erzählen wüßte. 247 Wir nahmen nun Ballast ein und fuhren nach Guayaquil hinab, Iva mir etwas zusticß, was mir von Allem, was ich jemals erlebte, die ernstlichste Neue hätte verursachen können. Unser Proviantmcister war nämlich ein portugiesischer Neger von dem boshaftesten, lasterhaftesten Charakter, so daß die meisten Matrosen und sogar die Offiziere förmlich Angst vor ihm hatten. Eines Abends waren der Kapitän und der Hochbootsmann beide am Land, ich selbst saß müßig auf dem Deck und bekam plötzlich Lust zu einem Glas Grog, weßhalb ich dem Proviantmeister befahl, mir ein solches zu füllen und heraufzubringen. Der Bursche behauptete aber, der Kapitän habe die Schlüssel mitgenommen und es sey also kein Punsch zu haben, — ein Fall, der mir sehr sonderbar vorkam und mich — was wohl sehr natürlich war — nicht wenig ärgerte. Ich war auf dem Fahrzeug niemals betrunken gewesen, gehörte überhaupt—in einem Sinne wenigstens — durchaus nicht zu den Trunkenbolden, da ich nur selten zuviel trank, wenn ich nicht etwa am Lande an einer Lustbarkeit Theil nahm. Während ich so dasaß und über den eingebildeten Schimpf nachbrütete, stieg mir plötzlich der Geruch von Rum in die Nase und als ich durch die Lucke hinabschaute, sah ich den Proviantmcister gerade ein Gesäß vorübertragen, das mit diesem Getränke ange- süllt war. Da übernahm mich der Zorn, ich lief hinunter, packte den Burschen wie er eben aus der Kajüte hcraustrat und stellte ihn sogleich über seine Frechheit zur Rede. Der Teufelskerl führte ein Messer in der Seitentasche; — eine höchst gefährliche Waffe, welche ans der Brigg schon manche Unbehaglichkeit veranlaßt hatte; sobald ich sah, daß er danach griff, hob ich ihn rasch in die Höhe, ohne einen Augenblick mit Streiten zu verlieren nnd warf ihn mit aller Gewalt zu Boden, wobei er gerade auf den Kopf stürzte. Da lag nun der Schlingel wie ein Stück Holz, alle meine 248 Versuche mit Essig und Wasser blieben ohne Wirkung und ich mußte ihn für todt halten, da er gar kein Lebenszeichen von sich gab. Erst jetzt überkam mich die Furcht vor den Folgen; der Satan raunte mir in's Ohr, ich sollte den Leichnam über Bord werfen: dies sey das sicherste Mittel, das Geschehene verborgen zu halten. Der Hofmeister hatte mehr als einmal gedroht, durch Schwimmen vom Bord zu entweichen und war, wenn ich recht weiß, bereits auf einem solchen Versuche ertappt worden; ich dachte mir also, wenn ich die Leiche durch eines der Kajütenfenster hinauswerfen könnte, würde eS den Anschein haben, als ob er bei Ausführung seines Entwurfes ertrunken wäre. Ich versuchte zuvorderst alle Mittel, welche mir zu Gebot standen, um den Proviantmeister wieder in'S Leben zu bringen; da aber alle Mühe vergeblich war, entschloß ich mich in der That, ihn nach dem Hintertheil zu schleppen, um den Körper zu einem der Kajütenfenster hinauszuwerfen. Der Heckbalken war hoch und der Todte sehr schwer, so daß ich ziemlich lange brauchte, bis ich ihn in die gehörige Höhe hinauf geschoben hatte. Eben als ich das Fenster öffnete, stieß der Bursche einen Seufzer aus und ich fühlte eine Erleichterung, wie ich sie noch nie verspürt hatte, denn mir war gerade, als ob ich noch unter dem Galgen begnadigt worden wäre. Ich nahm nun den Proviantmeister wieder herein, setzte ihn auf einen der niederen Heckbalken, wo er sich einige Minuten lang am Kopfe kratzte, während ich ihn die ganze Zeit über aufmerksam beobachtete. Endlich stand er auf und wankte aus der Kajüte; später kam er wieder und legte sich in seine Hängematte, worauf ich bis zum nächsten Tage nichts mehr von ihm zu sehen bekam. So wie die Sache sich gestaltete, hatte sie später nicht allein keine schlimmen, sondern sogar gute Früchte getragen, insofern der Schwarze von der Zeit an gewaltigen Respekt vor mir zeigte. Hatte ich ihm auch nicht den Hals, so hatte ich ihm wenigstens den Eigensinn gebrochen und so oft er sich nicht ganz in der Ordnung benahm, pflegte der Kapitän ihn damit zu bedrohen, daß er mich hinter ihn schicken werde. Letzterem, sowie dem Steuermann hatte ich die ganze Geschichte eingestanden und Beide hatten herzlich über den Vorfall gelacht, obwohl ich mir im innersten Herzen Glück dazu wünschte, daß die Sache nicht schlimmer abgelaufen war. Die Brigg nahm zu Guayaquil eine Ladung Kakao ein und ging dann nach Cadir unter Segel. Die Hinfahrt war sehr schön, da wir in der Mitte des Sommers um das Kap Horn herumkamen und dasselbe sogar mit eingesetzten Bramsegeln umschiffen konnten. Das Wetter blieb so ausnehmend günstig, daß wir uns nahe am Lande hielten, um die dortigen Strömungen zu benützen, nachdem wir, wie mir schien, nur auf eine Meile Entfernung vom Lande gewendet hatten. Uebrigcns dauerte auch die Rückfahrt nach Cadir gegen hundert und ein bis zweiundvierzig Tage, im Ganzen also fast eben so lang wie die Hinreise, von welcher sie sich nur durch die weit günstigere Witterung unterschied. Die Franzosen hatten Cadir eben in Besitz genommen, als wir daselbst einliefen, so daß wir die weiße Flagge von den Thür- mcn wehen sahen. Wir blieben hier einen Monat liegen, und, gingen dann nach Gibraltar, wo wir etwa eine Woche verweilten, um daselbst einige Thaler einzuziehen und sodann mit Ballast nach New-OrleanS zurückzusegeln. Da ich mich auf zwei und zwanzig Thaler des Monats gestanden hatte, so bekam ich ein hübsches Sümmchen zusammen, sobald wir unser» Hafen erreicht hatten, und ich fühlte jetzt eine unwiderstehliche Sehnsucht, dieses Geld erst zu verschwenden, ehe ich wieder zur See ginge. Man wollte mich zwar auf der Brigg behalten, welche dieselbe Reise von Neuem antreten sollte, ich konnte mich aber nicht dazu entschließen, mit einer Tasche voll Geld denselben langen Weg abermals zurückzulegcn. Ich hatte nun so viele 250 Jahre zur See zugebracht, daß mir eine kurze Kreuzfahrt am Lande als Abwechslung höchst willkommen war. Das einzige Fahrzeug, das nach meiner eigenen Breite abging, wo ich mir's nach meiner früheren Weise wieder einmal recht wohl sepn lassen wollte, war ein Schooner von der Ostküste, Namens „James", auf welchem ich mich nun als Steuermann nach Philadelphia einschiffte. In Allem was Ausrüstung betrifft, war dies das elendeste Fahrzeug, das ich in meinem ganzen Leben betreten hatte; das Boot war gar nicht seetüchtig und nicht einmal eine Reservespiere auf dem ganzen Schiffe aufzutreiben. Auf diese Weise schoben wir uns nach Norden , bis wir zwischen Bermuda und Kap Hatteras von einem Nordweststurme überfallen wurden, der uns beizuwcnden nölhigte. In diesem Sturme bekam ich einen deutlichen Beweis von der Wahrheit des SprüchwortS: „wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz seyn." Ich hatte mich nämlich eben über die Ncgeling gelehnt und schaute über des SchoonerS Quarterdeck, als ich einen Gegenstand auf uns zukommen sah, den ich anfangs für eine Planke hielt. Der Gedanke, mich auf einem Fahrzeuge zu befinden, dessen Boden im eigentlichen Sinne auseinander fiel, war nichts weniger als erfreulich und schon gab ich Alles verloren. Ich kann mir das Thörichte meines Benehmens nur dadurch erklären, daß das Glück, mit welchem ich schon so manchem Schiffbruche entronnen war, mir den Gedanke» in den Kopf gesetzt haben mußte, ich werde, was auch den Andern an Bord begegnen möge, für meine Person auch diesmal mit dem Leben davon kommen. Ohne mir irgend Zeit zum Nachdenken zu gönnen, rannte ich eilends hinab, um mich meiner Thaler zu versichern. Aus einer Bettdecke, die ich zerriß, machte ich mir einen Gürtel, in welchem ich nun mein theures Silber, das gegen fünf und zwanzig Pfund wog, um den Leib schnürte, mit der Aussicht vor Augen, zwei bis dreihundert Meilen 231 schwimmen zu müssen, um nur die Küste zu erreichen! Von Booten und Spieren war keine Rede, denn erstcres war unbrauchbar und von letzteren gar nichts vorhanden. Ich kann jetzt nicht anders als mit Verwunderung auf meine damalige Handlungsweise zurückblicken, welche mich in dem blinden Drange, meine elenden Thaler zu retten, meiner ganzen Erfahrung und Schiffskeuntniß vergessen ließ. Damals zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben war ich ein Geizhals, der über seinem Schatze Alles um sich her aus den Augen verlor. Als Steuermann wäre mir eigentlich obgelegen, die Pumpen zu sondiren, doch hielt ich dies nicht länger für nöthig. Sobald die Thaler gesichert oder vielmehr so aufbewahrt waren, daß sie mich unfehlbar auf dem Grunde des Meeres vor Anker bringen mußten, gedachte ich plötzlich meines Kapitäns, welcher, oben schlief und dem ich alsbald, nachdem ich ihn geweckt hatte, unsere ganze Lage unverhüllt vor Augen stellte. Der alle Mann, ein trockener, bedächtiger, kaltblütiger Amerikaner, lachte mir wegen meiner Besorgnisse in's Gesicht und sagte: ich hätte eines der Schirmbrctter gesehen, mit denen er den Kiel seiner Schooners zum Schutze gegen die Würmer zu Campeachy habe verkleiden lassen, so daß ich also wegen dcS Schiffsbodens durchaus nicht in Angst zu sepn brauche. Dies war die einfache Wahrheit und mit dem beschämenden Bewußtseyn, meine Pflicht diesmal gänzlich versäumt zu haben, mußte ich die verdammten Thaler wieder von mir werfen. Vermuthlich haben alle Menschen solche Augenblicke, wo sie nicht ganz „bei sich selber" sind und gegen ihre sonstige Handlungsweise auftreten. Ich hatte mich bei dieser Veranlassung nicht um meinetwillen geängstigt, sondern einzig und allein daran gedacht, daß ich auf diese Weise handeln müsse, um jenen unnützen Plunder zu retten, der so manchen Menschen in'S Verderben lockt — 232 der Geiz hatte mich für die ernsten Erfahrungen meines Berufes blind gemacht. Den ganzen Weg von New-OrleanS bis Philadelphia hatte ich mich mit dem Gedanke» beschäftigt, wie ich meine vierhundert Dollars zu meiner wahren Befriedigung verwenden wollte. Ich lebte denn auch zwei Monate lang ganz anständig, nicht in einer Herberge, sondern im Kreise einer Familie, und hatte sogar angefangen, in die Kirche zu gehen, da meine Hausfrau ein sehr frommes Mitglied der deutsch-reformirten Kirche war, während ihr Mann zu den Nnivcrsalisten gehörte. Ich muß sagen, daß mir des Letzteren Lehr- am Besten gefiel, da sie „für die ganze Kreuzfahrt ruhiges Wasser" gewährte. Ich ging gewöhnlich des Morgens mit dem Manne in die Kirche, was mir freilich jetzt nicht anders vorkommt, als ob ein armer Teufel mit aller Mühe in den Hasen zu steuern suchte und statt dessen zwischen Untiefen gericthe. Von meiner Hausfrau erhielt ich dann noch außerdem manchen guten Rath, was auch in soweit Eindruck auf mich machte, daß ich meine Aufführung in etwas änderte, obgleich ich nicht sagen kann, daß mein Herz wirklich davon berührt ward; ich wurde beträchtlicher in meinem Wesen, erwarb mir bessere Manieren, ohne übrigens meine Sünden übermäßig zu bereuen, und verlebte auf diese Art die beiden Monate, welche ich am Lande zubrachte, weit gesetzter und vernünftiger, als ich dies von der Stunde an, da ich auf dem Sterling davon lief, mir noch jemals nachzurühmen vermochte. Der „James" lag noch immer einiger Ausbesserungen halber zu Philadelphia vor Anker, wo er eine Fracht Mehl erwartete, und als er endlich zum Auslaufen bereit war, schiffte ich mich abermals auf ihm zu einer Reise nach St. Thomas ein. Bei meiner Abfahrt konnte ich neberl dem Gelde, das ich zur See mit mir nahm, noch nahe an hundert Thalern am Lande znrücklassen und dies Alles dankte ich der guten Gesellschaft, welche ich diesmal bei meinem Landaufenthalte gewählt hatte. — Zu St. Thomas luden wir aus f 253 und nahmen Ballast nach Turk'S Island ein, wo wir eine Ladung Salz bekamen und damit nach Philadelphia zurüclkehrtcn. Mein Benehmen an Bord dieses SchooncrS war der Art gewesen, daß der Kommandant, der zugleich Eigenthümer des Schiffes war und Altershalber das Seefahren aufzugeben beschlossen hatte, mich zu überreden suchte, aus dem Fahrzeuge zu bleiben, indem er mir versprach, mich, sobald wir in den Hafen, wohin wir gehörten, cingclaufen wären, zum Kapitän seines Schiffes zu ernennen. Daß ich dieses Anerbieten nicht annahm, halte ich jetzt für einen großen Mißgriff, obgleich ich es bloS aus dem Grunde that, weil ich als ehrlicher Bursche meinen SchiffsahrtSkenntnissen nicht hinlänglich traute. Ich hatte mich nämlich nie so recht auf Astronomie verstanden, so viele Mühe ich mir auch gab, mich darin zu vervollkommnen. Zwar kamen schon damals auf größeren Schiffen die Chronometer in Gebrauch, wonach ich die Zeit berechnen konnte: allein ein Chronometer war ein Instrument, von welchem man auf dem James noch nie etwas gehört hatte. Ferner blieb meine Anhänglichkeit an größere Städte, sowie meine Abneigung gegen kleine Seereise» nicht ohne Einfluß auf diesen meinen Entschluß, wie ich denn auch ziemlich geringschätzend aus Schiffe von solcher Ausrüstung und Takelage herabsah, während ich eine Vorliebe für reiche Eigenthümer hegte, was wahrscheinlich auch ein wenig bei mir in Berechnung kam; kurz und gut — ich lehnte das einzige offene Anerbieten, bas mir jemals zur Führung eines Schiffes gemacht wurde, ab, um in meiner bisherigen Stellung zu verbleiben. Bei meiner Rückkehr nach Philadelphia fand ich die Familie, bei welcher ich das Letztem«! gewohnt hatte, durch Krankheit sehr herabgekommen; ich bekam zwar mein Geld, mußte mich aber nach einer andern Wohnung Umsehen. Die ehrsamen Leute, mit welchen ich früher verkehrt hatte, und bei denen ich der einzige Kostgänger gewesen war, pflegten keine MiethSleute zu sich zu nehmen, weßhalb ich mich in einem gewöhnlichen Seemannskosthause einquartierte. 234 In meiner neuen Wohnung herrschte zwar ein ziemlich aristokratischer Anstrich, da bloS Steuermänner, Unterbeamte und ächte Theerjacken daselbst Zutritt fanden; in sittlicher Hinsicht hieß dies aber gerade ln „Orkan-Breiten" segeln, denn ich kehrte zu allen meinen früheren Gewohnheiten zurück, warf rechts und links mit Thalern um mich und vergaß sogar Alles das, was ich in der Kirche der Universalisten gelernt hatte. Ein Monat in solcher Gesellschaft war wohl geeignet, in meiner Börse gänzlich aufzuräumen: bis auf fünfzehn Thaler, die ich als Nesteier zurücklegte, hatte ich bald jeden Heller von meinem Gelde aufgebraucht und ließ mich sodann auf der „Rebekka Sims", einem nach St. Jago de Cuba mit einer Mehlfracht bestimmten Schiffe als Untersteucrmann anstelle»!. Unsere Reise dauerte vier Monate und hatte außer einer kleinen Affaire, die mich nur persönlich betraf — und mich beinahe meine ganze Löhnung kostete, — nichts sonderlich Bemerkenswertstes. Der Proviantmeifler war nämlich abermals ein schäbiger Neger, der mir eines Tags bei sehr schlechtem Wetter gar nichts Warmes zum Frühstück gab, wofür ich die nächste Gelegenheit benutzte und ihm als Ermahnung für künftige Fälle das Ende der großen Geitaue zu kosten gab. Damit hatte die Sache ein Ende, so lange ich auf dein Schiffe war, denn außer dem Proviantmeister schien die Sache von Allen am Borde gebilligt zu werden; der aber behielt das Ding wohl im Gcdächtniß, und kaum waren wir eingelaufen, als er mir ein ganzes Rudel Rechtsverdreher über den Hals schickte und mir einen Prozeß anhängte, der mich siebzig Thaler Schadenersatz und nebenbei noch eine hübsche Summe für Gerichtssporteln kostete. Ich muß gestehen: dein Gesetz und Thatbestande gemäß geschah mir allerdings vollkommen Recht; eben so fest bin ich aber auch überzeugt, daß es für den genannten Proviantmeister äußerst heilsam gewesen wäre, wenn man ihn jede Woche einmal, meinem Vorgänge folgend, tüchtig durchgewalkt hätte, denn wohlmeinende 255 Leute vermögen oft eben so viel Unheil in der Welt anzurichten, wie übelgesinnte Schurken. Die Philanthropen aus dieser Schule sollten ja nicht vergessen, daß wenn die Farbe auch kein Grund ist, um einen Menschen zu verdammen, sic ebenso wenig die Ursache sehn darf, dem, der sie trägt, jedesmal Recht zu geben. Der Prozeß trieb mich in sehr kurzer Zeit abermals in See, und da ich keinen besseren Posten fand und über die Blindheit der Rechtspflege höchlichst erbittert war, so ließ ich mich auf dem „Superior", einem Ostindienfahrer von vollen achthundert Tonnen Gehalt, als Vormarsmatrose nach Canton einschreibe». Was Wetter und wohl auch Lebensweise anbelangte, war dies die vergnügteste Seefahrt, die ich jemals auf einem Kauffahrteischiffe mitgemacht hatte; auf der Heimreise verloren wir zwar unsere Oberbramstengen, dies war aber auch der einzige Unfall, der uns begegnete. Das Schiff war neun Monate unter WegS; die Ueberfahrt von Whampoa nach dem Kap hatte ein und neunzig Tage gedauert. Bei unserer Rückkehr fand sich, daß die Eigenthümer des Schiffes fallirt hatten, so daß für den Augenblick kein Geld auS- bczahlt werden konnte. Im Hafen zu bleiben und den Prozeß abzuwarten, war langweilig, weßhalb ich einem Anwälte meine Vollmacht zurückließ und mich an Bord eines Schooners, Namens „Sophia", der nach Vera Cruz bestimmt war, aber nnr als Vormarsgast einschiffte. Die „Sophia" war ein Klipperschiff und ging in wenig Tagen unter Segel. Bei unserer Ankunft zu Vera Cruz fanden wir die Stadt beinahe ganz verlassen; unsere Ladung wurde, da sic für alle Klaffen von Käufern eingerichtet war, sehr unregelmäßig, einmal bei Tag, ein andermal bei Nacht an'S Land geschafft und sobald wir damit fertig waren, segelten wir nach Philadelphia zurück, wo wir nach einer Abwesenheit von nur zwei Monaten wieder anlangten. Jetzt erhielt ich auch meinen Lohn für die Cantoner Reise, 256 welcher aber blas auf vierzehn Tage ausrcichte, sv daß ich mich sehr bald wieder in See begeben und mich diesmal auf der „Calc- dvnia", abermals nach Canton, cinschisfen mußte. Die Reise dauerte eilf Monate, hatte aber, wie die meisten Reisen nach China, nichts Erhebliches in ihrem Gefolge; auch diesmal verloren wir unsere Bramsegel, was übrigens jenseits des Kaps keineswegs unter die Seltenheiten gehört, lieber das Schiff oder die darauf übliche Behandlung wüßte ich eben nicht viel Rühmliches zu sagen. Kaum war ich nach Philadelphia zurückgekehrt, als mein Geld wieder auf dem früheren Wege verloren ging; meinen guten religiösen Freunden, bei denen ich früher gewohnt hatte, machte ich Wohl noch gelegentlich einen Besuch, aber ihre Lehren hatten jeden Einfluß auf meine Lebensweise verloren. Sobald ich dazu genöthigt war, nahm ich Dienste auf dem „Delaware", der nach Savannah und Liverpool abgehen sollte. Nach der in den südlichen Ländern herrschenden Weife verließ ich diese» Schiff plötzlich zu Savannah, ohne ihm übrigens etwas schuldig zu seyn, mußte aber dabei meinen Paß in den Händen des Kapitäns zurücklaffen. Ich hatte hiezu keinen anderen Grund als meine Laune, denn die Behandlung war vortrefflich, der Lohn sehr bedeutend — aber ich wollte nun einmal davon laufen. So lange der Delaware im Hafen verweilte, blieb ich hübsch in meinem Versteck; sobald er aber abgesegelt war, zeigte ich mich in „der Welt" und spazierte mit dem Hochmuthe eines SchiffSeigenthümers auf den Werften umher. Ich kam nun an Bord der „Tobacco Plant",* eines nach Liverpool und Philadelphia bestimmten Schiffes; mein Monatssold war hier um zwei Thaler geringer, die Behandlung schlechter und Grog bekamen wir gar nicht — das hatte mir also diese südländische Mode eingetragen! Die Reise verlief übrigens ohne ein be- rnerkenswerthes Ereigniß. » Tabackpffanze. D. U. 257 Nach meiner Ankunft zu Philadelphia beschloß ich „den Ankergrund zu wechseln und einen neuen Kurs zu verfolgen." Ich war jetzt vier und dreißig Jahre alt, und fing an, jeden Gedanken an Beförderung in meinem Stande aufzugeben; so oft ich auch vorwärts gestrebt hatte, war ich doch jedesmal wieder rückwärts gesteuert: ich fand mich jetzt so verlassen in der Welt, daß ich gegen Alles gleichgültig geworden war und mich ganz darauf gefaßt gemacht hatte, die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen. Was dar Geld anbclangt, so hatte ich mir zum Grundsätze gemacht, eS auszugeben wie ich es bekam und mir zur See wieder neues zu erwerbe». „Falt' ich einmal über Bord," so pfiegte ich oft zu mir zu sagen, „so habe ich doch Niemand, der um mich weinte, drum laße ich die Dinge lieber gehen, wie fie gerade gehen wollen." Alle Lust an einem frommen, geregelten Leben, wie fie zu Philadelphia einmal bei mir erwachte, war gänzlich dahin und ich dachte so wenig an Religion und Kirche, als ich nur jemals gethan hatte. Zwar hatte ich mir am Bord des Superior eine Bibel gekauft und pflegte auch zuweilen drin zu lesen; doch waren es vornehmlich die Erzählungen — wie die von Simson und Goliath oder die Geschichte von Jonas und dem Wallfisch, welche mein Interesse erregten und die ich öfter — das Geschichtchen mit JonaS sogar über zwanzig Mal — wieder lesen mochte. Ich kann mich nicht erinnern, daß unter all' den Stellen eine einzige durch fromme Gesinnung, Andacht oder zweckmäßige Belehrung irgend einen Eindruck auf mich gemacht hätte — mit einem Wort, ich las das heilige Buch nicht zur Erleuchtung, sondern zum Zeitvertreib. Ich sehnte mich nach Veränderung und dachte wohl auch daran, der Neuheit halber wieder in die Marine einzutreten. Ich war bis jetzt einmal um die Welt gesegelt, hatte Canton fünfmal gesehen, das Kap der guten Hoffnung eben so oft, das Kap Horn zweimal umschifft, war einmal zu Batavia — in Westindien und auf dem spanischen Festlande zu öfteren Malen gewesen und hatte Ned Mperi. 17 238 den atlantischen Scean so unzählig oft durchfurcht, daß ich gleichsam jeden Meilenstein darauf zu keiinen glaubte. Vom mittelländischen Meere aber hatte ich noch wenig gesehen und dachte mir, eine Kreuzfahrt auf einem Kriegsschiffe könnte mich auch mit jenen Gewässern bekannt machen. Von der Mannschaft des Tobacco Plant hatte sich der größere Thcil zu Philadelphia anwerben kaffen: ich beschloß ihrem Beispiel zu folgen und gleichfalls in die Marine zu treten. Beruht ja doch fast Alles auf der Mode und damals bestand ste gerade darin, daß man den Dienst der Marine aufsuchte. Ich ließ mich von dem jetzigen Commander ^ und damaligen Schiffslieutenant M'Kean, — einem Enkel des ehmali- gcn Statthalters von Pennstlvanien, wie man mir sagte — für den Seedicnst anwcrben. Wir kamen sammt und sonders an Bord der „Cyane", eines englischen Prisenschiffs von zwanzig Kanonen, wo wir ungefähr sechs Wochen lang blieben; dann mußten wir loosen und mehr als hundert von uns wurden auf einer Schaluppe nach Norfolk — auf den „Delaware" von achtzig Kanonen geschickt, der eben damals für das Mittelmeer ausgerüstet wurde. Mir fanden das Schiff neben der Werste des Marinearsenals liegen und kamen am andern Tage an Bord des Zweideckers, nachdem wir die Nacht auf dem „Aufnahmeschiff" zugebracht hatten. Der Delaware lief bald aus und wurde Kapitän Downes übergeben; Letzteren kannte ich schon von früher, denn er war es gewesen, der mich überredet hatte, an Bord jener unglückseligen Brigg, des Epervier, zu gehen. Auf dem Delaware kam ich auf das Vorkastell und wurde bald zum Dienste des zweiten „VorschanzenkapitänS" beordert. Von Lieutenants hatten wir am Bord Mr. Ramage — dieser war erster Lieutenant — dann die HH. Williamson, Ten Eick, Shubrick Byrne, Chauncey, Harris und mehrere Andere, deren Namen ich ' Schiffsbefehlshaber. D. U. 259 vergessen habe. Mr. Na,nage wurde später kasstrt, wie ich mir habe sagen lassen, während die HH. Ten Eick, Shubrick, Chauncey, Harris und Byrne sämmilich zu Commanders vorgerückt sind. Das Schiff segelte im Winter 1828 , im Januar glaub' ich, mit dem Prinzen von Mnsignano und dessen Familie, welche nach Italien gingen, an den Ort seiner Bestimmung ab. Dieser Prinz ist, wie ich mir sagen ließ, Niemand anders als Charles Bonaparte, ältester Sohn des Fürsten Lncian von Canino —- der jetzt selbst diesen Titel führt; er hatte eine Zeit lang in Amerika gelebt und wollte die Ueberfahrt auf unserem Schiffe machen, weil das Reisen auf europäischen Schiffen für einen Mann von seinem Namen und Ursprung mit vielen Schwierigkeiten verknüpft blieb. Er war der erste und einzige Fürst, welchen ich jemals zum Schiffsgenoffen hatte. Fünfzehntes Kapitel. Unsere Hinfahrt auf dem Delaware war höchst beschwerlich, da das Schiff sehr stark schlingerte; es war nämlich zum Erstenmal in See und brauchte ziemlich lange, bis Masten und Segel die für das Steuern vortheilhafteste Lage erhalten hatten, erwies sich dann aber auch als ein treffliches Fahrzeug, das im Segeln behend, im Steuern sehr lenksam war und ausgezeichnet gut See zu halten vermochte. Endlich liefen wir im Hafen von Algestras ein, wo wir uns vier und zwanzig Stunden aufhielten, um von da nach Mahon abzugehen; bald nachdem wir wieder ausgelaufen waren, erhielten wir aber Befehl nach Livorno weiter zu segeln und unsere Passagiere dort an'S Land zu setzen. Man sagte mir später, daß Letzteres der Fürstin von Mustgnano wegen geschah, weil diese eine Tochter des Exkönigs von Spanien war, und man es nicht für zartstnnig hielt, sie auf dem Gebiete des jetzt regierenden Königs an'S Land zu 260 setze». Es soll unseren» Commodore sogar für das bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegte Zartgefühl ein Orden angeboten worden sehn, dessen Annahme er aber natürlich ablehnte. Von der Höhe von Mahon bis nach Livorno hatten wir eine sehr glückliche Fahrt; wir gingen auf der äußeren Nhcde des Hafens vor Anker und landeten unsere Passagiere noch an demselben Nachmittag, an welchem wir eingclaufen waren. In der nämlichen Nacht begann ein heftiger Wind aus Nordost, oder — so viel ich mich erinnere, etwas vom Lande her — auf uns einzustürmen, wobei ich zum Erstenmal Vorkehrungen zum Herablassen der unteren Raaen und zur Sicherstellung der Stengen treffen sah, was ich auf meinen seitherigen Kauffahrteischiffen niemals erlebt hatte, da diese für solche „Lnftsprünge" viel zu schwach bemannt waren. Wir hatten vorne drei, wenn nicht gar vier Anker ausgeworfen, da das Schiff sehr heftig arbeitete, und verloren auf deu Steuerbordrustcn einen Mann, der sich beim Auswerfen eines Nothankers in dem Bojereep fing und wegen der hochgehenden Wogen und in der tiefen Finsterniß, trotz eines angestelltcn Rettungsversuches, nicht mehr eingeholt werden konnte. Am nächsten Tage hellte sich das Wetter etwas auf und wir gingen nach Mahon unter Segel, das wir nach einer höchst angenehmen Fahrt erreichten. In dem dortigen Hafen eingelaufen, verließ uns Kapitän Downes und statt seiner ließ Commodore Crane seine breite Wimpel an unserem Borde aushiffen, worauf das Schiff lange Zeit daselbst vor Anker blieb. Der Commodore segelte in einer unserer Schaluppen ab und war mehrere Monate abwesend; es hieß, er sep mit Entwertung eines Vertrags mit der Türkei beschäftigt, wiewohl wir armen Theerjacken gar wenig von derlei Dingen verstanden. Bei seiner Rückkehr setzte es einen tüchtigen Sturm mit dem ersten Lieutenant, welcher das Schiff verließ, ohne — so viel ich weiß — von irgend Jemand bedauert zu werden; seine Stelle erhielt ein Schwager 26 l Mr. Osgoods, mit Namen Mr. Mir, der uns Matrosen einst an den Ontariosee geführt und bei allen dortigen Expeditionen mit mir gedient hatte. Ich selbst war unterdessen zum ersten Vorschanzenkapitän vorgerückt und bekleidete diesen Posten bis zum Schlüsse unserer Kreuzfahrt. Die Behandlung auf diesem Schiffe war vortrefflich und die glücklichste Zeit, die ich jemals zur See zubrachte, habe ich auf dem Delaware verlebt. Sobald Mr. Ramage'S Stelle durch Mr. Mir ersetzt war, schien Jedermann zufrieden und noch nie ist mir eine Schiffsmannschaft vorgekommen, die sich mit ihren Offizieren und unter sich so gut vertragen hätte. Im dritten Jahre unserer Abwesenheit von Haus kreuzten wir lange dem Kap de Gatta gegenüber und blieben drei volle Monate unter Segel; sogar unsere Vorräthe wurden zur See eingenommen, denn der Zweck war, uns nicht „rostig" werden zu lassen. Den vierten Juli feierten wir als wirklichen Festtag; um vier klhr Morgens stand das Schiff dicht unter dem nördlichen Ufer und wir steuerten vom Lande ab. Dann wurden die Segel verkürzt, Musik ertönte, die Salutirschüsse donnerten und der Mannschaft wurde Grog verabreicht. Wir brachten den Tag sehr heiter zu, ohne daß ich mich eines Handgemenges oder blauer Augen erinnern könnte. Ich meldete mich ' freiwillig zu einer Kreuzfahrt auf dem „Warren" unter Mr. Byrnes Kommando; der jetzige Commodore Kearny befehligte das Schiff und führte uns nach dem Felsen von Gibraltar. Der Grund, warum man Freiwillige zu diesem Dienste aufgerufcn hatte, war folgender: Außer unserer eigenen Flotille hatten sich auch die holländischen und französischen Kriegsschiffe im Hafen von Mahon versammelt; zwischen den Franzosen und unseren Leuten war es mehrere Mal zu Schlägereien gekommen, ohne daß ich wüßte, wer dabei Recht oder Unrecht hatte, da nicht die Mannschaft vom Delaware, sondern 262 die deS „Java" von unserer Seite dabei betheiligt war. Einem der Letzteren war ein Messer durch den Leib gerannt und auch ein französischer Offizier getödtet worden. Es hieß, die Franzosen hätten uns im Verdacht, als ob wir Denjenigen, der ihren Offizier getödtct hatte, wegschicken wollten, weßhalb sie den Warren, der Dienstes halber nach Gibraltar beordert war, anzuhalten beabsichtigten. Mir ist von all dem nur so viel bekannt, daß zwei französische Briggs vor der Mündung des Hafens vor Anker lagen und einige von uns zum freiwilligen Eintreten aufgefordert worden waren, welchem Rufe unser fünf und vierzig zu folgen bereit standen und auch augenblicklich an Bord der Schaluppe übergcschifst wurden. Sobald der Warren unter Wegs war, mußten wir uns auf unsere Posten verfügen und beide Batterien wurden bemannt: auf diese Weise näherten wir uns den beiden französischen Briggs mit beschlagenem Bram- und aufgegeiten großen Segeln, und fuhren geraten Weges zwischen beiden Fahrzeugen durch, während wir auf jedes derselben eine unserer Batterien gerichtet hatten, ohne daß übrigens ein Zeichen von Feindseligkeit von ihrer Seite bemerkt worden wäre. Wir gingen zuerst vor dem Felsen vor Anker, liefen aber am andern Tage nach der spanischen Küste hinüber und kehrten nach kurzem Aufenthalte nach Mahon zurück, wo sämmtliche Freiwillige wieder auf den Delaware versetzt wurden. Die beiden Briggs hatten sich entfernt, doch lag noch immer eine beträchtliche französische Flotte im Hafen, wiewohl jenes Zerwürfniß, soviel ich wenigstens sehen oder hören konnte, keine weiteren Folgen nach sich zog. Im Sommer 1830 lief die „Constellation," Commodore Biddle, in den Hafen ein und unser Schiff mit dessen Commodore wurde abgelöst. Bevor es aber hiezu kam, kreuzten wir noch bis gegen Sicilien und kamen sogar bis in die Höhe von Tripvli, wo ich quer über der Bai ein Wrack bemerkte, welches mir als das Gerippe der Fregatte Philadelphia geschildert wurde; auch zu Livorno verweilten wir mehrere Wochen, da unser Commodvre seiner Gesundheit halber die benachbarten Bäder gebrauchte. Unter anderen Häfen besuchte der Delaware die von Cartha- gena, von Malta und Syrakus: an letzterem Orte lag unser Schiff, wie ich glaube, volle sechs Wochen. Es war zur Zeit unserer Ankunft im mittelländischen Meere und wir hatten hier einen strengen Lehrkursus im Seeerercitinm durchzumachen, der unserer Mannschaft einen hohen Grad von Diöciplin beibrachte. Um vier Uhr Morgens standen wir auf und dann ging'S sogleich an die Arbeit: alle die verschiedenen Manöver des Ankerlichtens, des Einsetzens, des ReefenS, des Beschlagen« und wieder EinlnffenS der Segel wurden durchgemacht, bis unsere Leute an das Jneinandergreifen der Arbeit — dieses große Geheimniß der Wirksamkeit eines Kriegsschiffes — dermaßen gewöhnt waren, daß der Offizier ans dem Verdeck oster sein: „festgemacht!" herauskommandiren mußte, noch ehe die Raaen um einen Fuß gelüftet waren, wenn unsere Leute nicht die Syieren sprengen sollten. Nachdem wir dieses Erercitium durchgcmacht hatten, bezeigte uns der Commodore seine Zufriedenheit und meinte, auf diese Art brauche er sich nicht zu schämen, uns neben irgend einem andern Schiffe sehen zu lassen. Ich will nicht behaupten, daß ich unsere Hin- und Herzüge in der Reihenfolge, wie sie statlfandcn, wieder gebe, und bin auch nicht ganz sicher, in welchem Jahr der Commodore nach Smyrna abging: wenn ich mich recht besinne, so mag's wohl später gewesen seyn, als ich eben angegeben habe. Unser Kreuzen jenseits des Kaps de Gatta war eines unserer letzten Manöver, denn als wir von dort nach Mahon zurnckkehrten, wurde alsbald Proviant zur Rückfahrt nach Amerika eingenommen. Wir traten unfern Heimweg auf der südlichen Straße an und gingen im Winter 1831 auf der Rhede von Hampton vor Anker. Ich glaube wahrhaftig, es that der Mannschaft des Delaware leid, daß die Kreuzfahrt zu Ende war. Es gibt freilich auf jedem 264 Kriegsschiffe eine gewisse Anzahl Küstenmatrosen, welche mit der Disciplin und dem heilsamen Zwange eines solchen Schiffes unzufrieden sind; von alten Theerjacken, wie ich und noch andere, habe ich aber noch nie gehört, daß einer dem Delaware etwas UebleS nachgesagt hätte. Man hatte den Commodore als einen heftigen „Koller" gräulich bei uns verschrieen, so daß wir scharfen Zeiten unter seinem Kommando entgegen gesehen hatten; auch war die Art, wie er das Schiff überahm, durchaus nicht geeignet, uns etwas Gutes erwarten zu lassen. Zu seinem Empfange war nämlich die ganze Mannschaft ans dem Verdeck aufgestellt; die ersten Worte aber, die wir von ihm zu hören bekamen, waren: „Rust alle Matrosen auf, damit sie sehen, wie ich Nachlässigkeit bestrafe!" ES herrschte eine Stille, daß man eine Nadel hätte auf den Boden fallen hören, denn dieser Anfang klang gar zu unheilverkündend. Es handelte sich indessen nur darum, die Brigg zu säubern, denn Kapitän DowneS hatte drei Mann daselbst zurückgelassen, denen er bei seinem Abgänge vom Schiffe ihren Arrest nicht schenken wollte, da ihre Vergehen sehr ernster Art waren und nicht übersehen werden konnten. Die drei Bursche erhielten ihre Strafe, aber außer ihnen weiß ich während meiner ganzen Dienstzeit auf dem Delaware nur einen einzigen Matrosen von der Bemannung des Warren, der später auf die Latten kam. und auch diese Strafe war durch ein Kriegsgericht verhängt worden. Sobald die Brigg geräumt war, erklärte uns der Commodore, wir sollten nach demselben Maaße behandelt werden, nach welchem wir Andere behandeln würden: dann drehte er sich um und begab sich zu den Offizieren. Gleich am andern Tage fanden wir, daß wir unter einem gerechten Regiments standen und waren damit auch vollkommen zufrieden. Die methodisch regelmäßige Zciteintheilung war einer der Hauptgründe für die allgemeine Befriedigung, welche auf dem Schiffe herrschte. Jeder wußte, worauf er in gewöhnlichen Zeiten zählen konnte, so daß er über bestimmte Stunden des Tages frei verfügen durfte. Wie gesagt, die Zeit, die ich auf diesem Schiffe diente, war die glücklichste Periode meines Lebens, wie wohl ich über die Behandlung in der Marine überhaupt durchaus nicht zu klagen habe. Sollte ich überhaupt mein Leben ohne die Hoffnung auf ein selbstständiges Kommando noch einmal von vorn beginnen, so kann ich mit gutem Gewissen versichern, daß ich den Dienst der Marine dem auf Kauffahrteischiffen unbedingt vorziehen würde. Die Kost ist gut, der Dienst ist leichter und die Behandlung besser; sofern sich einer überhaupt gut aufführt, wird weit besser für ihn gesorgt, in Unglücksfällen steht ihm ein Zufluchtshasen offen, er erhält anständige, regelmäßige und — was besonders zu schätzen ist — stets sichere Bezahlung; geht sein Schiff verloren, so verbleibt ihm gleichwohl sein Lohn und wird er invalid, so hat er Pensionirung zu gewarten. Dann darf er auch mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, ächte Gentlemen zu Kommandanten zu haben, was für einen ehrliebenden Menschen schon viel heißen will, während er im unteren Raum seine gute Back und auf Schiffen von der Grüße einer Fregatte, wenigstens bei schlechtem Wetter, eine Decke über den Kopf erhält. Dies ist die ehrliche Meinung eines Mannes, der auf Fahrzeugen jeder Art und Größe, auf Postschiffen, Ostindienfahrern, Küstenseglern, Schmuggelschiffen, Packet- und Wallfischbooten herumgekommen ist, auf einem Linienschiff, zwei Fregatten, drei Kriegs- schaluppcn und verschiedenen kleinern Fahrzeuge gedient und als Resultat der gesammten Erfahrung, die er sich in „Onkel Sam's" Marine erworben, die oben ausgesprochene Ueberzeugung gewonnen hat. Wer auf die See geht, kann nicht immer das schönste Wetter erwarten; so bald sich aber Einer zu benehmen weiß, wird er aus keinem Fahrzeuge der Well ein besseres Leben als auf unseren Kriegsschiffen antreffen. Ich glaube, die amerikanischen Kauffahrer geben besseren Lohn, als man in anderen Diensten zu finden gewöhnt ist und ein amerikanisches Kriegsschiff wird, glaub' ich, in der Regel eine noch bessere Behandlung gewähren, als die amerikanischen Kauffahrieiscgler. Gott segne die Flagge, sag' ich, und dies ganz ohne alle Furcht, gehängt zu werden! Der Delaware blieb noch zwei bis drei Wochen auf der Rhede liegen, ehe er in'S Arsenal hinaufsegelte, wo wir das Schiff abzutakeln «»fingen. Während wir damit beschäftigt waren, wurde UNS mitgetheilt, daß fünf und siebzig Mann von uns, deren Dienstzeit noch nicht völlig abgelaufen war, für den „Brandywine" von vier und vierzig Kanonen gezogen werden würden, der damals zu New-Uork für eine kleine Kreuzfahrt im Golfe ausgerüstet wurde. Dies waren schlimme Nachrichten, da wir uns als ächte Theer- jacken nach einem so langen Seedienste auch gerne wieder sine Zeit lang am Lande erholt hätten: doch mußten wir nun einmal gehorchen und thaten es auch. Wir wurden auf einem Schooner nach New-Uork geschickt, wo wir die Fregatte noch im Arsenale liegen sahen und so lange am Bord des Hudson untergebracht wurden, bis unser neues Schiff zu unserer Aufnahme bereit war und wir auch wirklich darauf versetzt wurden. Kapitän Bollard kommandirte den Brandywine, und unter ihm stand Mr. M'Kenny als erster Lieutenant. Es war ein schönes Schiff, unsere Fregatte; ihren Namen hatte sie von jener Schlacht erhalten, in welcher Lafayette im Dienste unseres Vaterlandes verwundet wurde, und war auch ursprünglich zu dem Zwecke ausgerüstet worden, diesen Helden nach seinem letzten Besuche in Amerika nach Frankreich überznsühren. Sie gehört unter die Fregatten ersten Rangs und führt dreißig lange Zweiunddrcißig- pfündcr; auf einem solchen Schiffe darf sich ein Seemann schon etwas darauf einbildcn, wenn er sich rühmen kann, den Posten 267 eines Vorberschanzenkapitäns begleitet zu haben ; ich wurde ncmlich auf dieser Fregatte zu demselben Dienst wie auf dem Delaware verwendet, mit dem einzigen Unterschied, daß ich auf dem Brandy- wine regelmäßig meine Nnterosfizierslöhnung von achtzehn Dollar monatlich erhielt, wogegen ich auf dem Delaware, trotzdem daß ich zwei volle Jahre lang auf dem Vorkaflell als erster und die ganze übrige Zeit als zweiter Kapitän gedient, nie mehr als Matrosengehalt, d. h. zwölf Thalcr monatlich empfangen hatte. Wie das zuging, weiß ich nicht, schrieb es aber einem Mißverständnisse zu, das sich vielleicht in Folge meiner Versetzung ergeben halte, da ich für meine auf dem Delaware geleisteten Dienste durch den Zahlmeister der Fregatte ausbezahlt worden war. Der Brandywine segelte im März nach dem Golfe von Mexico ab und kreuzte daselbst etwa fünf Monate lang, indem er Vera Cruz, Pensacola und die Havannah berührte. Es schien mir, als ob wir allein ausgeschickt worden wären, da wir nie mit einem Geschwader segelten und auch keine Admiralsflagge zu Gesicht bekamen; doch lief die Kreuzfahrt glücklich ab und wurde durch keinen Unfall gestört. Wir kehrten nach Norfolk zurück und fünf und zwanzig von uns, meistens von der früheren Mannschaft des Delaware, wurden entlassen, da unsere Dienstzeit abgelaufcn war; wir hatten aber alle im Sinn, nachdem wir uns eine Erholungsfrist gegönnt hätlen, sammt und sonders auf die Fregatte zurückzukehren, weßhalb wir auch gemeinschaftlich einen Schovner mictheten, der uns nach Philadelphia bringen sollte, da wir fest entschlossen waren, uns nicht mebr von einander zu trennen. Während unsere Gesellschaft an dem Morgen, da der Schooner unter Segel ging, durch eine von den Straßen Norfolks wandelte und ich voraus ging, sah ich etwas Weißes in der Mitte des Fahrwegs liegen. ES zeigte sich, daß eg unser alter Tischkamerad Jack Dvve war, welcher drei Tage früher seine Entlassung erhalten und uns verlassen hatte, um sich gen Philadelphia aufzumachen, nun 268 aber hier auf der Straße durch König Grog so schmählich vor Anker gelegt worden war. Während wir den armen Burschen, welcher kein Wort herausbrachte, aufrichteten, kam seine Wirthin, um uns zu erzählen, daß er drei Tage lang keinen Bissen gegessen, dagegen aber unaufhörlich getrunken habe; sie bat uns, wir möchten »ns seiner aunehmen, weil er ihr Zureden durchaus nicht beachten wolle. Die ehrliche Frau übergab uns Jacks Löhnung bis auf den letzten Heller, denn ich wußte genau, wie viel jene betragen hatte und wir schossen alsbald zehn Thaler zusammen, um die Wirthin zu befriedigen, da wir berechneten, daß er in drei Tagen wohl so viel vertrunken haben mochte. Wir nahmen sodann den Betrunkenen mit Sack und Pack auf unfern Schooner: allein während der ganzen Neberfahrt wollte er nichts vom Essen hören und schrie immer nur, man solle ihm zu trinken geben. Wir reichten ihm auch einigen Grog in der Meinung, dieser könnte ihn erquicken, aber eS wurde im Gegeutheil immer schlimmer mit ihm und als wir Philadelphia erreichten, mußte er in'S Spital gebracht werden, wo er nach Versluß von mehreren Tagen den Geist aufgab. So viele Erceffe und Thorheiten ich auch in meinem Leben schon begangen hatte, — nie hatte ich's so arg getrieben, nie so im Nebermaaß getrunken, als während meines diesmaligen Aufenthalts zu Philadelphia. Ich war nicht gerade so schlimm daran, wie Jack Dove; doch hatte ich auch bald den Appetit verloren und fristete mein Daseyn ausschließlich durch Trinken. Sobald wir die Nachricht von Jack's Tode vernahmen, beschlossen wir ihm ein Leichenbegängniß zu bereiten, das eines Seemannes würdig seyn sollte, und versammelten uns deshalb zu hundert oder d'rüber in blauen Jacken und weißen Beinkleidern, um alle zusammen nach dem Hospitale abzumarschiren. Ich war einer der Führer des Zugs und nahm überhaupt großen Antheil 269 an der Sache, weil Jack einer meiner Tischgenoffen gewesen war; allein in de», Augenblicke, da ich seinen Sarg erblickte, übelkam mich ein Anfall jener wohlbekannten „Schauer", so daß ich den Ort augenblicklich verlassen mußte und die Straße schnurstracks und mit einer Eile hinabrannte, als ob ich von lauter höllischen Geistern gejagt würde. Zu allem Glück fühlte ich mich genöthigt, an einem Apothekerladen auSzuruhen, dessen Besitzer mich in sein Gewölbe führte, mir etwas Sodawasser zu trinken gab und mir noch obendrein manchen guten Rath ertheilte. Sobald ich wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, machte ich mich auf den Heimweg, sank aber an der HauSthüre besinnungslos nieder und verfiel dann in eine schwere Krankheit, welche mich vierzehn Tage an's Bett fesselte — eine Zeit, während welcher ich die Qualen der Verdammten auSzu- stehen hatte. Ich bin im Verlaufe meines Lebens zwei- bis dreimal von den „Schauern" heimgesucht worden, noch nie hatte ich aber einen solchen Anfall ausgestanden, denn ich war nahe daran, Jack Dove in die Grube nachzufolgcn, doch Gott in seiner Barmherzigkeit wollte mich vor einem solchem Ende bewahren. Wer niemals die Folgen solcher Ercesse in dieser eigenthünr- lichen Form an sich selbst kennen gelernt hat, kann sich unmöglich einen richtigen Begriff davon machen, welche Leiden ich zu ertragen hatte. Unter anderen Fieberphantasieen bildete ich mir plötzlich ein, die Farbe, welche der Theer in der Regel auf den Nägeln gedienter Matrosen znrückläßt, scy ein sicheres Zeichen, daß ich das gelbe Fieber habe — ein Gedanke, der mich Tage lang verfolgte und mich in hohem Grade beunruhigte. Kurz — ich glich einem Menschen, der über einem gähnenden Abgrunde schwebt uud jeden Augenblick hinabzustürzen und in Stücke zerschmettert zu werden erwartet, bei all' dem aber dennoch nicht sterben kann. Noch längere Zeit nach meiner Genesung konnte ich den Geruch des Grogs nicht ertragen; aber schlechte Gesellschaft lockte 270 mich gleichwohl wieder zu meinen alten Gewohnheiten zurück. Ich befand mich bald wieder auf schlimmem Wege und wenn ich nicht abermals in jene fürchterliche Krankheit verfiel, so dankte ich dies einzig und allein dem Umstande, daß ich zur See zurückkehren mußte. Als ich an Bord des Delaware gegangen war, hatte ich meine Uhr, einen Quadranten und gute Kleider, im Werth von nahe an zweihundert Thalern, in den Händen meines nunmehrigen GastwirthS zurückgelaffen, welche er mir nun sicher und wohlbehalten wieder einhändigte. Ich sorgte dafür, meinen Kleidervorrath ansehnlich zu verwehren, so daß ich bei meinem Abgänge zur See das Ganze mit einigem Zuwachs demselben Wirthe zur Verwahrung übergeben konnte. Unser Plan, auf den Brandhwine zurückzukehren, halte sich durch die Umstände einigermaßen geändert und ein Theil von uns trat auf den „Monongahcla", ein Livcrpooler Schiff, das eben von Philadelphia absegeln wollte. Die Kajüte dieses KauffahrcrS war von Mr. Hare Powell und Mr. Edward Burd in Besitz genommen, welche beide mit ihrer Familie nach Europa reisten; sobald der Livcrpooler diese Passagiere an Bord hatte, ging er auch sogleich unter Segel. Ich hatte unterdessen die Hoffnung auf Beförderung so ziemlich aufgegeben und kümmerte mich nur noch wenig darum, ob ich auf dem Vorderdeck als Matrose oder auf dem Hinterdeck als Offizier eintrat; so ließ ich mich nun also auf dem „Mvnongahela" als Vormastsgaste anwerben und war damit eben so zufrieden, wie wenn ich als erster Steuermann eingetreten wäre. Wir verließen den Delawarefiuß im Monat August und wurden kurze Zeit darauf von einem der heftigsten Orkane überfallen, welche ich jemals zur See erlebt hatte: der Sturm kam aus Osten und würde uns unfehlbar an die Küste getrieben haben, wenn er nicht plötzlich nach Südwesten umgesprungen wäre. Das Schiff mußte mit entblößten Masten beilegen und wurde vom Winde so fest auf's 271 Wasser herabgedrückt, daß es fast eben so ruhig wie in einem Flusse dalag; aus demselben Grunde konnte auch das Meer keine hohen Wogen treiben und wir standen so tief, daß unsere unteren Raacn auf der Leeseite das Wasser beinahe berührten. Wir hatten alle Segel eingehißt, denn diese herabzuiasse», war rein unmöglich, da kein einziger Matrose es wagen durfte, nach den oberen Stengen hinaufzuktimmcn. Ich selbst hatte einen Versuch dazu gemacht, vermochte aber nur mit Mühe den Fuß in den Weitesten zu halten und wäre wohl ohne Zweifel vom Mars herabgeschlendert worden, — falls ich nämlich so weit gelangt wäre — wenn ich dort die Handhabe verlassen und mich an irgend eine Arbeit gemacht hätte. Wir waren in Gesellschaft des „Kenstngton", einer dem Kaiser von Rußland gehörenden Corvette abgesegelt und entdeckten auch während des Sturmes in der Ferne ein Schiff, welches der Ken- fington seyn mußte; er war völlig entmastet und mußte zur Ausbesserung nach Philadelphia zurückkehren, während wir nicht ein einziges Tau verloren hatten. Nachdem der Wind umgesprungen war, vermochten wir wiederum den Grund zu svndiren und hielten, da der Sturm noch immer sortdauerte, mit enggerefftem großem und Focksegel vom Lande ab, an welchem wir mit der Schnelligkeit eines Dampfbootes vorüberflogen. Später wurden wir vom Winde begünstigt und konnten den übrigen Theil unserer Fahrt in sehr kurzer Zeit zurücklegen. Wir hielten uns nur wenige Tage zu Liverpool auf und segelten, nachdem wir mehrere Passagiere eingenommen hatten, nach Philadelphia zurück, wo wir nach einer Anwesenheit von nicht ganz zwei Monaten wieder anlangten. Der Bericht, welchen der Ken- singion über den Sturm, sowie über unsere Lage erstattet hatte, mußte in Philadelphia viele Unruhe erregt haben; unsere Hin- und Herfahrt war aber so kurz, daß wir die Nachricht von unserer Rettung in eigener Person nberbringcn konnten. Ich erkundigte mich nun nach dem Brandywine, weil ich wieder 272 an dessen Bord Dienste nehmen wollte; als ich aber erfuhr, dast er nach dem Mittelmeere abgegangen war und ich demnach doch nicht unter seinen Offizieren, die ich nun einmal kannte, segeln konnte, so sah ich mich nach einem andern Kauffahrteischiffe um und fand eine Brigg, Namens „Amalia", welche nach Bordeaux bestimmt war und auf der ich mich als Vorkastell-Jack einschiffte. Wir waren noch im Herbst, allein die Amalia hatte gleichwohl eine schlimme Ausfahrt, da ste einen starken Leck bekam, der uns fast immer an die Pumpen spannte — eine Beschäftigung, welche dem Matrosen nichts weniger als lieb ist, ja, ich glaube sogar, daß es auf der ganzen Welt kein abscheulicheres Geschäft gibt, als ein solches leckes Schiff durch Pumpen stott zu erhalten. Nichts als die Furcht vor dem Ertrinken sollte einen Mann so weit bringen können, doch gibt es auch Manche, die sich zur Rettung ihres EigenthumS dazu entschließen. Ich meinestheils weiß kaum, ob ich eS der Mühe Werth hielte, zur Erhaltung aller Summen, die ich jemals besaß oder später voraussichtlich besitzen werde, auch nur auf vier und zwanzig Stunden eine harte Pumparbeit zu übernehmen. Nach einer langen Ueberfahrt bekamen wir endlich den Cor- douan^ zu Gesicht, konnten aber bei dem heftigen Landwind, der gar nicht aufhöre» wollte, fast vierzehn Tage lang nicht cinlaufen; kein Lootfe mochte sich heraus wagen, und wenn er's auch gethan hätte, so würde es uns nichts genützt haben. Endlich sprang der Wind um, so daß wir in den Fluß ein- laufen und den Hafen von Bordeaux erreichen konnten, wo wir eine Netourfracht von Branntwein einnahmen und dann den Rückweg nach Philadelphia antraten. Auch dieser war stürmisch und langwierig, und als wir endlich die beiden Kap's erreichten, traf uns ein Lootse mit der Nachricht, daß wir zu spät daran sehen, * I,l> war So ctourSu-ln — ein Leuchtthurm auf einer kleinen Insel am Ausguß der Garonne. D. U. 273 indem der Delaware zugefroren scy und wir mit dem eben ein- trctenden Südostwinde »och New-Dork weiter segeln müßten. Dies war schon schlimm genug — es sollte uns aber noch schlimmer ergehen, sobald erst die Nacht hereingebrochen war. Der Sturm nahm immer mehr überhand und blieS uns gerade in die Segelbüge, so daß wir unter enggerefften Mars- und einfach gerefftem Focksegel aufholen mußten, um uns vom Lande fern zu halten. Es herrschte ein dichter Nebel, die Nacht war stockfinster und wir konnten nichts weiter thun als luven, so oft ein Vorsprung am Lande dies nothwendig machte. Wir hatten übrigens fast immer noch fünf Faden Wafferticfe und mußten endlich gerade im Winde wenden, da die Brigg unter so stark verkürzten Segeln nicht vieren wollte und dadurch natürlich viel Grund verlor. Gegen drei Uhr Morgens ließ sich kaum mehr verhehlen, daß es mit uns so ziemlich zu Ende war; schon der Lothgrnnd mochte ein solches Schicksal andeuten und die Amalia schien wirklich auf ihren letzten Beinen zu spazieren: da trat aber die Vorsehung ein und erbarmte sich unser, als wir uns nicht mehr selbst herauSzuhelsen vermochten. Wie auf Kommandowort blies der Wind Plötzlich aus Nordwesten, der Nebel hellte sich auf und wir gewahrten zum Erstenmale die Lichter des Leuchtthurms dicht an unserem Bord. Die Brigg wurde zwar bei dieser neuen Richtung des Windes rückwärts getrieben, allein es gelang uns dennoch, sie herumzubriugcn und nachdem wir die Segel verkürzt hatten, mit dichtgercfftem großem Marssegel beizuwenden. Der Sturm tobte jetzt aus Nordwesten und war vom schlimmsten Wetter begleitet; wir müssen dadurch sehr weit leewärts verschlagen worden seyn, da wir vierzehn Tage lang nicht einlaufen konnten. Die Sec ging sehr hoch und schleuderte unser Boot mit einer Heftigkeit umher, welche uns beinahe die Decks wcggefegt hätte; Rind- und Schweinefleisch waren uyS bereits auSgegange», auch an Brennholz fing es an zu mangeln und das Kompaßhäuschen Ned MyerS. 18 war gleichfalls in den Wind gegangen. Zum guten Glück Hallen wir kurz nach dem Umdrehen des Windes ein Meerschwein gefangen, ein Thier, das wir nun bald gekocht, weit öfter aber bloS roh verzehrten und unser Leben fast ausschließlich auf diese Art über eine Woche lang fristeten. Endlich bekamen wir anderen Wind, der uns das Einlaufen in den Hafen erlaubte. Kaum war ich dieser Noth entronnen, als mich mein hitziges Temperament in eine andere Klemme führte. Während wir nämlich noch im Strome lagen, kam ein irischer Bootsmann, welcher mich den „Vankeesohn einer — —" nannte, wofür ich ihn schüttelte, wie er'S verdiente. Der Bursche ließ mich gerichtlich verfolgen und es gelang ihm, mich abzufangen, noch ehe ich das Schiff verlassen hatte, worauf ich zum ersten nnd einzigen Mal in meinem Leben eingesperrt wurde. So hatte ich denn eine neue und höchst empörende Schule der Erfahrung durchzumachen; denn ich wurde gleich Anfangs unter eine Bande von Schurken gesteckt, wie sie nur New-Vvrk in dieser kostbaren Auswahl aufzuweisen hat. Ihre Unterhaltung namentlich war sehr erbaulich: der Eine erzählte, wie er mit Rasirmefferklingen, die er an seine Schuhe festband, die Schläuche an den Feuerspritzen abgeschnitten, der Andere, wie viele Brieftaschen er mit seinem Kameraden bei diesem und jenem Brande entwendet habe, ein Dritter hielt Vorlesung über die beste Art, in Waarengewölben einzubrechen und die gestohlenen Güter hernach wieder an den Mann zu bringen. Die kaltblütige, schamlose und unverstellte Weise, mit welcher sich diese Bursche über ihre Schandthaten unterhielten, machte mich anfangs ganz verblüfft; sie mußten wohl glauben, ich sitze wegen eines ähnlichen Verbrechens im Gefängniß, sonst würden sie sich wohl vor einem Fremden nicht so frcimüthig ausgesprochen haben, denn sie schienen einen Mann ganz nach der Größe und Anzahl seiner Frevelthaten zu tariren. 275 Endlich gelang eS dem Kapitän, sowie meinem Gastwirth, meinen seitherigen Aufenthaltsort aufzuspüren, worauf ich sogleich gegen Bürgschaft frei gelassen wurde; ich war herzlich froh, dem Gefängnisse zu entrinnen, noch mehr aber, der Gesellschaft los zn werden, die ich daselbst angctroffen hatte, und die sicher ganz dazu geeignet gewesen wäre, in wenige» Wochen sogar die Frömmigkeit eines Heiligen zu untergraben. Und zu dem Allem hin waren diese Schufte wohlgenährt, wohlgekleidet, und hätten vor unerfahrenen Leuten recht Wohl für ächte Gentlemen gelten können. Ich hatte von der Justiz bereits so viel gesehen, daß ich die Sache nicht weiter zu treibe» wünschte, sondern den Irländer rufen ließ und mich auf der Stelle mit ihm verglich. Die Geschichte kostete mich meine» ganzen Neiselohn und ich mußte überdies noch versprechen, ich weiß nicht auf wie lange — Friede halten zu wollen. Dieser Handel nöthigte mich, alsbald wieder de» Anker zu lichten, da man zu New-Bork ohne Geld nicht wohl auskommen kann, und so kam ich denn auf den „Sully", ein nach Havre bestimmtes Postschiff, nachdem ich kaum zwei Tage zuvor die Atmosphäre der City Hall verlassen hatte. Meinethalben kann man viel Von dem verderblichen Klima Batavia'S sprechen — ich meines TheilS werde letzterem Orte immer noch den Vorzug vor jenem verdammten Polizeigefängnisse geben. Unsere Hin- und Herfahrt verlief ohne ein bemerkenswertes Ereigniß; ich verließ das Schiff zu New-Vork, vergeudete meinen Lohn wie früher und schiffte mich dann auf einem Schooner ein, welcher sich in der Hoffnung, vorteilhaft verkauft zu werden, zur Abfahrt nach Buenos AyreS anschickte. Er führte den Namen „Susanna und Maria" und war trotzdem, daß unsere Hinreise sehr lange dauerte, ein recht braves Fahrzeug; nach unserer Ankunft im Hafen nahm ich meinen Abschied in der Erwartung, daß unser Schooner verkauft werden würde. Ich verfiel nun auf den Gedanken, in die Marine von Buenos 276 AyreS einzutreten, um zu sehen, wie der Dienst alldort beschaffen sey. Ich wußte, daß halb die amerikanische und halb die englische Sitte daselbst vorherrschte; mein eigenes Loos war mir ziemlich gleichgültig geworden und wenn ich mich anch scheute, ein großes Unrecht zu begehen,'so war ich doch auch unfähig, dem Rechte mit allen meinen Kräften zu dienen. Mein Schicksal führte mich an Bord des Suradaha, eines Schooners von acht bis zehn Kanonen: doch ließ ich mich »och nicht fest anwerben, sondern wußte cs so einzurichtcn, daß es mir selbst überlasse» blieb, mich nach Ablauf einer gewissen Zeit zum Bleiben oder Gehen zu entscheiden. Der Schooner schien zwar ein ziemlich gutes Fahrzeug, allein der Dienst an seinem Bord war mir schon nach Versiuß einer Woche völlig entleidet, so daß ich ihn alsbald wieder verließ. Ich hatte sehr wohl daran gcthan, denn wenige Tage später kam auf demselben eine Revolution zum Ausbruch, wofür er den Fluß hinausgeführt und wie es hieß zur Strafe versenkt wurde — mit ihm waren alle meine Lorbeeren, welche ich mir in dem dortigen Dienste hätte erwerben können, zu Grabe gegangen. Die „Susann« und Maria" fand keinen Käufer, sondern nahm eine Ladung Felle nach New-Vork an Bord und nachdem ich wieder auf dieselbe zurückgekchrt war, segelten wir bei guter Zeit nach der Heimat Hab. Die Reise war zwar vom Wetter begünstigt, dauerte aber dennoch sehr lange, so daß wir genöthigt waren in Pointe ü Pitre auf der Insel Guadeloupe einzulaufen, um daselbst frischen Proviant einzunehmen, worauf wir endlich New-Dork ohne weiteren Unfall erreichten. Ich hielt nun für gut, de» Namen meines Fahrzeugs um- zndrehen und ans einer halbaufgetakeltcn Brigg, mit Namen „Maria und Susanna" Dienste zu nehmen. Ich gewann aber wenig bei diesem Tausch, denn dieses Schiff war das elendeste, unscheinbarste Fahrzeug, das. ich in meinem ganzen Leben zu Gesicht bekommen hatte; indessen war es wenigstens wasserdicht, auch ziemlich stark und gar kein schlimmer Segler, nur hatte man — aus welchem Grunde weiß ich nicht-— sein AeußereS gänzlich vernachläßigt, s» daß wir auf dem Wasser keineswegs eine glänzende Erscheinung darboten. Es hatte ^eine Zeit in meinem Leben gegeben, wo ich mich geschämt habenswürde, als Hochbootsmann auf einem sulchen Fahrzeuge einzutreten und jetzt ließ ich mich als gemeiner Matrose daraus anwerben! Wir segelten mit einer Ladung Schießpulver, trockenen Gütern u. s. w. nach dem Hafen Para in Brasilien, der beinahe ganz unter der Linie liegt. Bis in die Nähe der südamerikanischen Küste ging unsere Fahrt gut und ohne besonderen Vorfall von Statten; unter der Linie aber stießen wir ans einen Schooner von verdächtigem Aussehen, der mit ausgebreiteten Marssegeln auf uns zusteuerte, alsbald eine spanische Flagge aufhißte und »nS zum Beilegen nölhigte. Wir machte» keinen Versuch zur Flucht, da wir wußten, daß er jedenfalls fruchtlos gewesen wäre, erhielten vielmehr den Befehl, ein Boot auszusetzen und an Bord des SchoonerS zu schicken — was auch alsbald geschah. Ich stand gerade am Steuer und blieb an Bord unseres Schiffes zurück. Die Fremdlinge ließen unsere Leute a»S dem Boote steigen und bemannten dasselbe mit einer bewaffneten Abteilung, welche nunmehr unser Schiff heimsuchte. Die Bursche stöberten eine Zeit lang auf unserer Brigg umher und wurden dann von ihrem Schiffe aus befragt, ob wir eine gute Beute versprächen. Unser elendes Aussehen täuschte den Anführer der En- terer und er erwiedcrte, wir sehen sehr arm. Auf diese Nachricht ertheilte der Kapitän des SchoonerS seinen Enterern den Befehl, unser Schiff zu verlassen. Unser Boot kam zurück, wurde aber wieder zum Umkehren befehligt und brachte abermals einen Haufen der Fremdlinge her über. Diesmal wurden wir nach Leinwand befragt, waren aber so 278 glücklich durchzukmnmen, indem wir ihnen die Wahrheit verhehlten. Wir hatten dreißig Ballen an Bord, brachten aber nur eine zum Vorschein, welche denPiratcn so wenig behagte, daß sie uns abermals mit dem Befehle verließen, nicht eher abzusegeln, als bis wir durch ein Signal die Erlaubniß dazu erhalten hätten. Der Schooner holte dann in den Wind, segelte eine Strecke weit gerade aus, schien aber immer noch nicht geneigt uns frei zu geben, denn er kehrte zum Drittenmale zurück und begab sich auf unsere Luvseite. Man fragte uns nun nach unserer Länge und ob wir einen Chronometer besäßen; erstere gaben wir ihnen an. von letzterem aber war nichts an unserem Borde zu finden. Sie wiederholten nun die Weisung, daß wir nicht ohne ein vorheriges Signal von dannen segeln sollten; worauf uns der Schooner verließ und davon steuerte, bis er uns ganz aus den Augen kam. Wir warteten, bis seine Marssegel unseren Blicken entschwunden waren, um sodann unseren Kurs weiter fortzusetzen. Keiner von uns war im Geringsten darüber in Zweifel, daß diese Leute Seeräuber waren; diejenigen, die zu uns an Bord gekommen waren, glichen einer aus allen Ecken und Ende» zusammengewürfelten Bande von höchst verdächtigen Spitzbubengesichtern; sie sprachen zwar Spanisch, wir konnten sie aber gleichwohl nur für ein vielfach gemischtes Gesindel halten. Unsere Rettung verdankten wir wahrscheinlich bloS unserer ärmlichen Außenseite, welche nichts weniger als reiche Beute zu versprechen schien, denn unser Schießpulver war nebst den trockenen Gütern in Fässern unter den Ballast gestaut und die Schiffspapiere mochten wohl auch nicht sonderlich genau sehn. Als wir indessen zu Para anlangten, durfte gleichwohl der größere Theil unserer Fracht nur insgeheim an'S Land geschafft werden, was mittelst kleiner Lichterschiffe ausgeführt wurde. Auch hatten wir einen Passagier an Bord gehabt, der für einen Revolutionsmann galt und gleichfalls im Dunkeln gelandet werde» mußte; er war durch die Seeräuber in nicht geringe Verlegenheit gerathen und hatte sich fortwährend versteckt gehalten, so lange sie in unserer Nähe gewesen waren. Scchszehntes Kapitel. Unsere Heimfahrt von Para war ganz günstig zu nennen, bis unsere Brigg in die Breite von Bermuda gelangte. Hier geschah es eines Morgens, daß unsere Vormittagswache — mit Ausnahme der Sonntage zum ersten Male, seitdem ich auf dem Schiffe diente — die Erlaubnis; erhielt, unter'S Deck gehen zu dürfen. Ich benützte diese Gelegenheit, um etwas für mich selbst zu arbeiten, als plötzlich der Untersteuermann, ein unerfahrener junger Mann, der mit dem Eigenthümer verwandt war, zu uns herabkam und uns befahl, das Gieksegel durchkaien zu helfen: zwar war'S noch Zeit genug, dies während der Wache zu besorgen, indessen war der Steuermann hierin anderer Ansicht. Als ein alter Seemann nehme ich keinen Anstand zu behaupten, daß der Befehl nicht nur unüberlegt, sondern auch unnöthig war, will mir übrigens keineswegs den Anschein geben, als ob ich mein Benehmen bei dieser Veranlassung hiedurch rechtfertigen wollte; ein hitziges Temperament ist nun einmal leider eine meiner eingefleischten Schwächen und ich wurde zu jener Zeit in meinen Aeußerungen durch keinerlei moralische Rücksichten zurückgehalten. Ich fühlte mich durch diese Unterbrechung unserer Ruhe höchlichst empört und zögerte auch nicht, dem Steuermann über seinen Befehl meine Meinung zu sagen; durch meine eigenen Beschwerden mich immer mehr erhitzend, wurde ich bald unmäßig unverschämt und herausfordernd, verfluchte die Brigg nebst Allem, was dazu gehörte, und wünschte sogar, daß die See sie verschlingen und uns Alle auf dem Grunde des OceanS vor Anker legen möchte — mit einem Wort, ich ließ meiner ohnedies losen Lästerzunge den Zügel schieße», wie 280 dies bei Leuten, die sich keinen Zwang auferlegcn, wenn sie von ihrer Leidenschaftlichkeit hingerissen werden — nur gar zu häufig vorkommt. Ich glaube das Uebermaaß meiner Flüche und Verwünschungen hatte die Offiziere für diesmal erschreckt, denn sie sprachen kein Wort, sondern ließen mich nach Herzenslust fortflnchen und austoben. Eine so zwecklose Aufgabe bekommt man aber bald satt und der Sturm endigte gleich einem Gewitter am Himmel mit schwachem Gemurmel. Ich kümmerte mich später nicht mehr viel um die Geschichte und bis zum Mittag ging Alles seinen gewöhnlichen Gang. Als aber die Leute beim Essen saßen, kam der Steuermann abermals herbei und forderte alle Matrose» auf, die Segel zu kürzen. Sobald ich auf's Verdeck heraufkam, gewahrte ich hinten im Spiegel eine höchst bedrohliche schwarze Wolke und machte mich augenblicklich freiwillig an die Arbeit, um eine Pflicht zu erfüllen, deren Nothwendigkeit Jedermann einsehen mußte. Die Leinwand wurde so rasch als möglich eingenommen; noch ehe wir aber ganz damit fertig werden konnten und während ich eben mit dem Beschlagen des Focksegels beschäftigt war, kam ein Windstoß über die Brigg hereingebroche», welchen ich eigentlich richtiger den Schweis eines Orkans nennen dürste. Unser Scgel- werk wurde großentheils von den Beschlagseisingcn loSgeriffcn und zerfetzt; nur das Fock- und Vormarssegel vermochten wir zu retten, die leichteren gingen alle zu Grund. Ich stand noch auf einer der oberen Spieren, als die Brigg endlich beidrehte; so wie sie in den Wind kam, stürzte die Vor- inarSstenge, am Eselshaupte abgeknickt, leewärts über Bord; das Tauwerk folgte und begann gegen die Backbordseite der unteren Takelage anzuschlagen. In diesem Augenblicke schien eine Woge die Brigg gerade unter ihrem Flach zu treffen und sie auf ihre Balkencnden zurückzuwerfen. Dies Alles däuchte mir das Werk einer einzigen Minute. Ich 281 war leewärts geklettert, um dem niederstürzenden Tauwerke ans dem Wege zu kämmen und stand mit einem Fuß ans dem oberen Rande der Bätingen, indem ich mich zur Sicherung meiner Stellung au einem Stück der laufenden Takelage festhielt. Wie ganz anders war nun meine Lage — auf demselben Flecke, wo ich nur wenige Stunden früher den Allmächtigen angerufeu hatte, den Ketch seines Zorns über das Schiff, über mich selbst und alle seine Bewohner auSzngießen! Mein Gewissen peinigte mich in diesem fürchterlichen Augenblicke und meine Lästerworte erfüllten mich mit Schaam und Entsetzen. Mir schien eS als ob der Himmel mich gehört hätte, als ob er meine gottlosen Wünsche in Erfüllung gehe» lassen wollte und ich gelobte sogar in der Bitterkeit meines Herzens, wenn ich diesmal mit dem Leben davon käme, mich nie wieder einer solchen Ruchlosigkeit schuldig zu machen. Diese Gefühle beschäftigten mich übrigens bloS eine Minute, denn ich war ein zu eingefleischter Seehund, um in einem solchen Momente noch lange unthätig dazustehen. Ich kannte auf dem Vordertheil blos einen Mann, auf welchen ich mich in solcher Bedrängniß einigermaßen verlassen konnte und der war aus New-Uvrk mit Namen Jack N al. Er stand in meiner Nähe und ich schlug ihm vor, trotz dem Einsturze des Fockmastes das BormarSstegsegel loszumachen, da es sich vielleicht aufblähen und den Bügen der Brigg das Herumkommen erleichtern würde. Jack war rasch bei der Hand und eS gelang ihm wirklich, das SeZel loSzubinden, das uns auch alsbald, wie ich glaube, sehr wesentlichen Beistand leistete. Ich machte jetzt den Vorschlag, nach dem Hintcrtheil zu klettern, um zu versuchen, ob wir nicht das Steuer aufrichten könnten. Auch dies geschah, obwohl ich sehr in Frage stellen muß, ob das Ruder in der Lage, in welcher sich die Brigg befand, noch vieles auSzu- richten vermochte. Wem es nun auch zuzuschreiben sehn mochte — ob der Ein- 282 Wirkung des Vormarssegels oder einer von der Vorsehung herbeige« schickten Woge — kurz und gut, die Brigg fiel plötzlich ab, richtete sich auf und wußte sich unter einem schweren Rollen nach der Luv« feite mit großer Kraft aufrecht zu erhalten. Das Stagsegel war hiebei gewiß nicht ohne Nutzen, denn das Stag war in dem Wrack steif geworden und der Wind hatte den Holzring hcrausgeriffen. Das Steuerruder wurde hart anfgerichtet und sobald die Brigg demnach wieder Spielraum fand, flog sie wie ein Kreisel herum, kam gegen unfern Willen auf die andere Seite und hätte uns fast zum zweiten Male auf den Leebord geworfen; sie legte sich jedoch nicht ganz auf eine Seite, obgleich ich einen Augenblick lang Alles verloren gegeben hatte. Sobald ich sah, daß das Schiff sich bewegen konnte, eilte ich nach vorn und es gelang mir endlich, das Wrack in die Takelage und die Bätingen hereinzuzwängen, so daß die Brigg bald darauf dem Steuer gehorchte, ganz regelmäßig abfiel und sich wieder nach unserem Willen lenken ließ. Ilm uns noch weiter aufzuhelfen, löste sich auch noch der Kopf des Rocken an dem oberen Brohl'* und wehte gegen das Wrack, so daß das Ganze eine Taumaffe bildete, welche beinahe die Stelle eines Segels vertrat und der Brigg von den Sturzwellen klar zu werden half. Durch fortgesetzte Achtsamkeit auf das Steuer wurden wir in den Stand gesetzt, das Schiff am abermaligen Beidrehen zu verhindern und somit wieder in den regelmäßigen Kurs zu bringen. Mit Untergang der Sonne ließ der Wind etwas nach und am andern Morgen hatten wir wieder das schönste Wetter. Alsbald ging's nun an die Arbeit und Nothmasten wurden aufgetakelt, bis wir wenige Tage später New-Vork erreichten. Hätte uns dieser Unfall bei Nacht betroffen, wie dies früher * Brohk ist eiu kleines Tau, an dessen beiden Enden fich Blöcke befinden. 283 beim Scourge der Fall war, so würde unser Schicksal wahrscheinlich in wenigen Minuten entschieden gewesen sein, denn bei dem damaligen Zustande der See wäre eS in einer halben Stunde mit unserer Brigg zu Ende gegangen. Was meine Reue betrifft — wenn ich dieses Wort bei einer solchen Beranlaffung und für ein derartiges Gefühl gebrauchen darf — so kann ich versichern, daß sie weit dauernder war, als sonst bei mir der Fall zu seyn pflegte. Ich bin seit der Zeit nie wieder so abscheulich ruchlos gewesen und oft, wenn ich im Begriffe stand, meiner Leidenschaft auf so empörende Weise den Lauf zu lassen, kam mir jener Augenblick wieder in'S Gedächtniß, wo ich voll peinigender Zerknirschung ans den Bätingen gestanden — mein Gelübde trat mir wieder vor Augen und ich hoffe, beides vereint ist nicht ohne Nutzen für mich gewesen, bis ich endlich dazu gelangte, die Jrrthümer meines Lebens zu erkennen und einzusehen, wie nöthig ich hatte, alle meine Sünden der barmherzigen Vermittlung meines Erlösers anheimzugeben. Diesmal fröhnte ich im Hafen nicht mehr derselben Sorglosigkeit und Zügellosigkeit, wie ich dies während der letzten Jahre in der Gewohnheit gehabt hatte. So trat ich denn auch, noch ehe all mein Geld verbraucht war, an Bord deS „Henry Kneeland" in Dienste, welcher über New-Orleans nach Liverpool abgehen sollte. In ersterem Hafen angekommen, sahen wir uns plötzlich von einer ganzen Schaar von Landhaistschen, in der Gestalt von Ma- trosenwirthen umlagert, welche uns vor stellten, wie sehr wir unsere Lage verbessern würden, wenn wir von unserem Schiffe entliefen, statt auf demselben weiter zu segeln. Wir schenkten diesen Mährchen Gehör und folgten einstimmig ihrem Rathe. Was die Sache aber weit schlimmer nnd unsere Ausführung noch unverantwortlicher machte, war, daß wir auf dem Henry Kneeland guten Lohn und gute Behandlung genoffen hatten. Unsere Verführer kamen in der Nacht mit zwei Booten heran, 28 L welche wir mit unseren Habseligkeitsn bepackten und, mit Ausnahme eines einzigen Mannes, welcher an Bord blieb, das Schiff verließen, Gleich am andern Tag wurden wir an Bord des „Marion", eines Zollamtskutters der Negierung, eingeschifft, wo ich als Quartiermeister mit fünfzehn Thalern monatlich angestellt wurde, und deren siebzehn zurücklaffen mußte, um in diese Stelle vorzurücken. Wir erhielten übrigens für unser Geld ein ganz gutes Fahrzeug: der Schooner war groß und bequem, führte einige leichte Kanonen und unser Dienst war nichts weniger als beschwerlich; auch die Behandlung erwies sich als gut, so daß wir uns doch einigermaßen über unsere Thorheit trösten konnten. Ehe wir in See stachen, starb einer von den Matrosen des Henry Kneeland an den „Schauern" und wir begruben ihn in der Nähe der unteren Barren auf dem Platze, wo die Schiffe ihr Wasser einzunehmen Pflegen. Ich muß etwa vier Monate ans dem „Marion" gedient haben, während welcher Zeit wir die verschiedene» Landungsplätze besuchten und auch in Key-West einliefen, wo unsere Mannschaft krank wurde, so daß auch ich unter andern an'S Land geschafft und in einem Gasthause untergebracht werden mußte. Es dauerte beinahe einen Monat, bis wir die Mannschaft wieder zusammenbrachten und dann nach Norfolk absegelten; dort aber wurden sechs von uns rückfällig und mußten in's Spital gebracht werden: der Kutter segelte ohne uns weiter und ich habe ihn später nie mehr gesehen. Ich blieb nur vierzehn Tage im Spital, denn meine Krankheit bestand blos aus Fieber und Kopfweh. In dem Augenblicke, da ich das Spital verließ, lief der New-Vorker Kutter, der „Alert" * ein, an dessen Bord ich geschickt und dadurch von der früheren Mannschaft des Henry Kneeland bis auf einen einzigen alten Mann — ganz getrennt wurde. Der Alert war südwärts bestimmt und sein Auftrag stand mit ' Der Flinke. D. II. 285 den „NullifikativnSunruhen" * in Verbindung; bald nachdem ich auf ihm in Dienste getreten war, ging er nach Charleston in Südkarolina unter Segel. Hier versammelte sich in Kurzem eine kleine Flotille von Kuttern, denn nicht weniger als sieben lagen in den Gewässern von Südkarolina vor Auker, um jede Verletzung der Tarifgesetze zu verhindern. Ich war kaum einen Monat am Bord des Alert gewesen, als ein neuer Kutter, der „Jackson" aus New-Dork eintraf, auf welchen, als auf das schönste Fahrzeug der ganzen Station, Offiziere und Mannschaft des Alert versetzt wurden, da unser Kapitän unter den anwesenden Zollschiffskapitänen der älteste war. So mag ich wohl mindestens ein halbes Jahr in den Gewässern von Südkarolina gedient haben, ohne daß wir jemals in See stachen, indem wir gelegentlich bloS bis zu der RebcllionS- rhede hinabfuhren. An'S Land durften wir nur sehr selten und ausnahmsweise, da die Verhältnisse, besonders gegen den Schluß dieser Periode, eine so drohende Gestalt annahmen, daß wir uns beinahe wie in Feindesland befindlich betrachteten. Commodore Elliott langte aus dem „Natchez," einer KricgS- schaluppe. auf unserer Station an und der KriegSschooner „Experiment" lief gleichfalls in den Hafen, um längere Zeit daselbst zu verbleiben. Nach der Ankunft des Natchez übernahm der Commo- dore das Kommando der ganzen Flotille; wir mußten uns fortwährend in höchster Schlagfertigkeit erhalten und Nachts sogar einige Mals auf den Posten bleiben, ohne daß ich den Grund dieser Maaßregel erfahren hätte; es hieß aber, man habe einen Angriff gegen uns vorbereitet: General Scott befand sich im Fort und einige Wochen lang hatte Alles ein höchst kriegerisches Ansehen. * Die „Nullifikation" bestand in der Nichtigerklärung der vom Kongreß im Jahr 1832 festgesetzten neuen Zölle von Seiten der südlichen Staaten, was beinahe eine Auflösung der Konföderation herbeigcführt halte. D. U. 286 Endlich traf die Freudenbotschaft ein, daß die Nullifikation über Bord geworfen und darum nichts mehr zu befürchten sch. Es scheint, daß die Bemannung der verschiedenen Kutter gerade dieses Dienstes halber vermehrt worden war, und jetzt, da die Sache vorübergegangen, hatte man mehr Leute verfügbar, als die Regierung eigentlich brauchte, weßhalb man nnS mittheilte, daß diejenigen, welche ihre Entlastung wünschten, sich nur zu melden hätten, um dieselbe sogleich zu erhalten. Ich war dieses Küstendienstes schon lange müde und meldete mich also sogleich auf diese Mittheilnng hin; meine Zeit war beinahe abgelaufeu, so daß ich auch außerdem bald ausgetreten wäre. Ich stieg nun zu Charleston an's Land und lebte herrlich und in Freuden, so lange mein Geld ausreichte, Um jenen Schiffsbe- stehder, dem ich einst das Schlüsselbein gebrochen hatte, bekümmerte ich mich jetzt nichts mehr und weiß auch nicht, ob er damals überhaupt noch am Leben war oder nicht. Kurz ich hatte blos die Gegenwart im Auge, und Vergangenheit wie Zukunft waren mir beide völlig gleichgültig. Mein ehemaliger Herbergsvater war todt und ich fiel wieder ganz und gar einer neuen Harpye dieser Art in dis Hände. Ich hatte in meinem ganzen Leben niemals die Vorsicht gebraucht, meinen Namen abzuändern, nur daß ich bei'm Unterzeichnen der Schiffsartikel meinen zweiten Taufnamen^ Robert wegließ; auch schrieb ich mich MyerS und nicht Meyers, wie nach meiner Schwester Behauptung buchstabirt werden mußte: doch geschah dies blos aus Unwissenheit und nicht mit Absicht, und so bin ich denn zu allen Jahres- und Tageszeiten, bei jedem Wetter, und in jedem Dienste als Ned MyerS und als nichts Anderes gesegelt. Bald sah ich mich genöthigt, von Neuem Dienste zu nehmen und kam denn auch an Bord der „Harriet und Jeffe", welche nach Havre-de-Grace bestimmt war. Die Reise dahin war leicht und angenehm und wir brachten aus dem Rückweg das ganze Schiff voll Paffagiere mit, welche durchgängig Schweizer genannt wurden, 287 zum größten Theile aber, so viel ich weiß, aus Würtemberg, dem Elsaß und den Rheinlanden herstammten. Nach meiner Ankunft zu New-Dork begab ich mich »ach Pbila- delphia, um mein Bischen Habseligkeiten, die ich bei meinem Abgang mit der Amalia daselbst zurückgclassen hatte, wieder einzufordern — aber mein Gastwirth war todt, seine Familie zerstreut und mein Eigenthum verschwunden. Wer es an sich gezogen, konnte ich nie erfahren, aber ein Quadrant, eine llhr und mehrere nagelneue Kleidungsstücke, im Ganzen wenigstens zweihundert Thaler im Werth, gingen mir durch diesen Schiffbruch verloren. — Doch was konnte mir dies im Ganzen verschlagen? Wäre es nicht auf diese Art zum Teufel gegangen, so würde ich eS ja doch für lauter Grog aufgebraucht haben. Ich blieb nur kurze Zeit in Philadelphia und segelte mit einer Brigg, mit Namen der „Topaz," nach der Havannah ab. Wir erreichten den Hafen nach kurzer Ueberfahrt und hier war es, wo ich mich einer so starken Versuchung zum Verbrechen ausgesetzt sah, wie sie einem armen Teufel wie mir nur jemals aufstoßen mag. Im Hafen lag nämlich eine schöne Sklavenbrigg, welche in Amerika erbaut und nach Afrika bestimmt war — das netteste, lieblichste Ding, das meine Augen jemals geschaut hatten und dessen bloßer Anblick dir Sehnsucht in mir erweckte, an ihrem Borde ausgenommen zu werden. Sie bot mir vierzig Thaler monatlich und außerdem noch den Erlös von anderthalb Sklaven. Ich ging so weit, daß ich sogar einen Versuch machte, zu ihr an Bord zu kommen, stieß aber auf einige Schwierigkeiten, da meine Habseligkeiten mit Beschlag belegt worden waren: der Kapitän merkte meine Absicht, machte mich auf die Gefahr aufmerksam, der ich mich aussetzte und brachte mich glücklicher Weise wieder auf bessere Gedanken. Ich will nicht läugnen, daß mir das Unmenschliche dieses Handels wohl bekannt war; aber mit dem Schmuggeln ist's ja dasselbe, wie ich denn beide Arten von Gesctzübertretung in jenem Sinne 288 als ziemlich gleichbedeutend betrachtete. Ich habe seitdem erfahren, daß unsere vaterländischen Gesetze jeden amerikanischen Bürger, der auf ein Sklavenschiff geht, für einen Seeräuber erklären und als solchen behandeln, was mir höchst sonderbar vorkommt, da ich nicht zu begreifen vermag, wie ein Spanier etwas thun kann, ohne Seeräuber zu werden, was den Amerikaner, sobald er'S thut, zu einem solchen Verbrecher stempelt. Ich bin fest überzeugt, daß äußerst wenige Matrosen wissen, in welchem Lichte die Gesetze den Sklavenhandel betrachten. Seeräubern ist nichts anderes als Raub, auf hoher See begangen und war zu allen Zeiten vom Gesetze verpönt; der Sklavenhandel dagegen wurde noch vor Kurzem von allen Nationen begünstigt und wir armen Theerjacken vermögen die ganze Veränderung nicht anders, denn als einen bloßen Wechsel der Politik zu betrachten. — Was mich betrifft, ich wäre auf jene Brigg gegangen, ohne die geringste Ahnung von den Gefahren zu haben, welchen ich mich blosstellte und hätte mich in moralischer Beziehung keinen Falls für schuldiger geachtet, als ich mich zu jener Zeit fühlte, da ich an der irischen Küste Taback und zu Canton Opium eingeschmuggelt hatte. * * So lautet Ned's Ansicht von der Sache und auch ich babc dieses amerikanische Gesetz von jeher im Grundsätze für uurichlig und in der Strafbestimmung für allzu streng gehalten. Im Grundsätze unrichtig, weil Seeräuberei ein Verbrechen gegen das Völkerrecht ist, und es demnach einem einzelnen Staate gesetzlich nicht zustcht, den Bereich der internationalen Justiz willkührlich zu verengern oder zu erweitern. So gehört es namentlich zu der amerikanischen Politik — seitdem sich so viele ihrer Interessen auf daS Bestehen des fraglichen Grundsatzes gründen — mit aller Strenge auf Beobachtung desselben zu halten. Die Todesstrafe ist zu streng, denn eS ist wohl zu erwägen, daß wir manche NabobS unter uns haben, welche damals, als jener Handel gesetzlich erlaubt war, als Sklavenhändler den Grund zu ihrem Reichthume gelegt haben. Plötzliche Aenderungen - der sittlichen Maaßstäbe lassen sich nicht nur so mit einem Federstriche bewerkstelligen, und selbst die öffentliche Meinung wird i» einem sklavenhaltenden Staate schwerlich dazu zu bringe» sehn, den Sklavenhandel als ei» großes Verbrechen zn betrachten. Aber, selbst die Todesstrafe möchte 289 Während der Topaz aus dem Hafen der Havannah nach der Heimath znrückkehrte, mußte er ungeschickterweise in der Höhe von Moro sein Wafferstag verlieren; ich machte mich sogleich daran, das Stag auSzuwerfen, als ich von heftigen Krämpfen ergriffen wurde. Es war ein Ansall von Cholera, der mir beinahe das Leben gekostet hätte: der Kapitän ließ mich nach dem Hintertheil bringen, wo ich mit der größten Sorgfalt gepflegt wurde, so daß ich, Gott sey Dank, bald wieder genas, aber vor dem Einlaufen in den Hafen nur wenig zum Dienst verwendet werden konnte. »erhängt werde», wenn sich nur der Kongreß nicht die Gewalt anmaßen wollte, die Frage, was Sreräuberei sei und was nicht, aus eigener Machtvollkommenheit bestimmen zu wollen. Man wird vielleicht entgegenhalten, der ganze Jrrthum beruhe auf einem Sprachfehler und die Gerichtsbarkeit, wie sie hier auSgeübt werde, sey darum nicht minder gesetzmäßig. Ist dies aber auch richtig? Kann der Kongreß unter Autorität der Gesetze oder der Konstitution amerikanischen Bürgern Gesetze vorschreiben, während diese unläugbar unter der Gerichtsbarkeit auswärtiger Staaten stehen? Wird dieses Prinzip zugestanden, was soll dann den Kongreß davon abhalten, Handlungen zu bestrafen, welche die Politik fremder Staaten bei nur zeitweiligem Aufenthalte vielleicht sogar von uns verlangt? Kann der Kongreß mich als Seeräuber verurtheilen, wenn ich in fremden Ländern und unter fremder Flagge Sklavenhandel treibe, so kann er mich gleichermaßen verurtheilen, wenn ich gegen einen oder den andern seiner Bundesgenossen die Waffen trage und doch können von einem amerikanischen Bürger in auswärtigen Staaten unter besonder,! Umständen sogar Kriegsdienste verlangt werden. Dieselbe Schwierigkeit läßt sich dem Grundsätze nach auf die ganze Reihe gesetzlicher Verbrechen ansdehnen. Der Kongreß besteht überhaupt nur zu besonderen Zwecken. Er kann Seeräuberei bestrafen, kann aber für seine Person nicht bestimmen, waS Seeräuberei ist oder nicht, da dies ein Eingriff in die Rechte der Völkergesetzgebung wäre. Daß er im Allgemeinen die Macht besitzt, die zur Aufrcchthaliung seines Negierungssystems erforderlichen Gesetze zu erlaffen, kann in dieser Beziehung kein Recht für ihn begründen, denn die Rücksichten, welche die Nationen ihrem Verkehre unter sich schuldig sind, werden eine wirkliche Nothwendigkeit zu einer solchen doppelten Gesetzgebung nie und nimmermehr zugrben. Man setze z. B. den Fall, England würde Ned MyerS. k9 200 „Kurze Reisen geben schmalen Lohn" und ich war bald ge- nöthigt, mich nach einem andern Fahrzeuge umzusehen. Diesmal lraf ich den „Erie." Kapitän Funk, ein Postschiff, mit welchem ich bald darauf nach Havre absegelte. Es war ein nobles Schiff und die Behandlung konnte man sich gar nicht besser wünschen; unsere Hin- und Herfahrt war gleichmäßig angenehm, ohne irgend weiteren Stoff für meine Erzählung darzubieten. Im Hafen von Havre aber geschah es, daß eine arme Frau, welche als Passagier an Bord war und sich etwas auf dem Schiffe Umsehen wollte, durch eine der Lucken herabfiel, während ich eben im Kielraume beschäftigt war, wobei sie sich so stark verletzte, daß sie zurückgclaffen werden mußte. Ich erwähne dieses Umstandes, blos um zu zeigen, wie ich damals meinem ehemaligen Schiffsgenoffen, der nunmehr diese Blätter für mich niedcrschreibt, so nahe war, ohne gleichwohl mit ihm zu- sammcnzutreffen. Aus der Vergleichung unserer Notizen ergibt sick- nämlich, baß er sich eben damals auf unserem Decke befand, wohin er einiger Effekten halber gekommen war, welche er nach New-Nork einschiffen ließ. Ich erinnere mich noch, wie diese nämlichen Effekten mir unter die Hand kamen und wie ich sie als das Eizenthum eines nach dem Vaterlande zurückkehrenden Passagiers betrachtete, ohne daraus auf ihren eigentlichen Herrn rathcn zu können, da sie auf einen anderen Namen adressirt waren. Mr. Cvoper segelte aber damals nicht auf dem Erie zurück, sondern fuhr nach England, um den Sklavenhandel wieder erlauben- könnten da Wohl die vereinigten Staaten einen amerikanischen Bürger, der sich unter englischer Flagge und von einem briltischen Hafen aus am Sklavenhandel bctheiligte, dem berüchtigten Ashbnrtonffchen Vertrage zufolge zur Auslieferung verlangen? Würde England einen solchen Mann ausliefern? Gewiß ebensowenig, als es die Sklaven hcranSgibt, welche von einem amerikanischen Schiffe entlaufen, das durch ungünstige Witterung in einen englischen Hafen ge- trieben wird. Es gehört offenbar zu den Fehlern der Philanthropie, daß sie häufig ihre eigene Politik überschreitet, indem sie alle gleichberechtigten Zn» tereffen und Grundsätze aus den Augen verliert. D. HerauSg. 291 sich zu London einzuschiffen, und dies ist der Grund, warum ich ihn damals verfehlt habe. Auf Postschiffen wie der Eric suchen die Kapitäne in der Regel die Brauchbaren unter ihren Matrosen so lange wie möglich in ihren Diensten zu behalten. Der Erie wie sein Kapitän war uns auf dieser Fahrt so lieb geworden, daß acht oder zehn von uns sich zum Bleiben entschlossen und auch bald wieder nach Havre ausliefen. Dießmal war uns aber das Glück nicht so günstig; die Hinfahrt ging zwar ziemlich gut von Statten, aber die Rückreise war desto stürmischer und unangenehmer. Schon im Hafen von Havre hatte uns eine große Gefahr gedroht: in der Christnacht war nämlich Feuer in der Kajüte ansgebrochen und hätte uns vorn beinahe alle erstickt, ehe wir nur ein Wort davon wußten. Unser Hoch- bootSmann — er hieß Everdy * — rettete das Schiff durch seine Umsicht und Energie, denn der Kapitän kam erst an Bord, als der Brand seinen Höhepunkt erreicht hatte. Wir verstopften alle Ritzen, bis eine Feuerspritze bei der Hand war, rissen dann eine der Lucken auf und steckten den Schlauch hinunter: das Wasser wurde nicht gespart und so das Schiff endlich gerettet. Wie das Feuer entstand, ist nicht bekannt geworden, der Schaden aber, den es anrichtetc, war ziemlich bedeutend, und auch einige Güter hatten stark Noth gelitten. Trotz dieses Unfalls war unser Schiff schon zu Anfang Januars 1834 wieder segelfertig. In der ersten Woche unserer Heimfahrt hatten wir mit heftigen Westwinden und schlimmer Witterung zu kämpfen, so daß wir uns kaum entschließen konnten, unfern Lootsen zu entlassen, und ihn den Kanal hinunter bis zum Leuchtthurm von Eddystone mitnehmen mußten. Hier sahen wir den „Sully" auf der Herfahrt begriffen vor dem Winde daher und den Kanal hinaufsegeln: Signale wurden zwischen beiden Schiffen gewechselt und unsere Brigg, welche ziemlich weit vom Lande entfernt war, näherte sich dem Sullh, » So lautet der Name nach Ncd's Aussprache. D. HerauSg. 292 um mit ihm zu sprechen. Wir brachten unseren Lootsen an Bord dieses Schiffs, wodurch den beiderseitigen Wünschen entsprochen wurde. Gegen Nachmittag hellte sich der Himmel auf und der Wind ließ nach; Kapitän Funk ließ die Segel füllen und das Schiff den für uns vortheilhaftesten Kurs in der Nähe der Küste einschlagen. Am Abend wurde aber die Bö wieder heftiger und blies schwer und anhaltend zwischen den Vorgebirgen Start und Lizard gerade in die Bai hinein. Das Erste, was wir vorzunehnien hatten, war, vom User ab- zuvicren; dann mußten wir alsbald fast alle Segel einhifsen, da die Bö fortwährend im Zunehmen begriffen war und die Nacht sehr finster zu werden drohte. Auf unserer Leeseite befanden sich zwar Häfen genug; es war aber ein gar zu kitzliches Unternehmen, auch nur eine» Fuß breit Boden zu verlieren, wenn man nicht genau voraus wußte, wohin man gelangte, und da wir keinen Lootsen hatten, so entschloß sich der Kapitän, die hohe See zu halte». Ich habe noch selten einen heftigeren Sturm erlebt, als er in dieser Nacht in dem Kanäle wüthete, und Stunden lang hing Alles davon ab, ob unser großes Marssegel, das wir dichtgerefft eingesetzt hatten, aushalten würde. Außer dem Compaß konnte ich nirgends «in Zeichen gewahren, das uns hätte als Führer dienen können; erst gegen zehn Uhr fiel mir ein Licht in's Auge, welches dicht an unseren Leebug sichtbar wurde. ES war der Leuchtthurm von Eddpstone, der zwischen den Vorgebirgen Start und Lizard so ziemlich in gerader Linie und über drei Meilen vom Lande entfernt liegt. Hielt unser Marssegel Stand, so konnten wir bei unserer jetzigen Richtung wohl daran vorbeikom- men, wurde es aber vom Sturme entführt, so durften wir mit ziemlicher Gewißheit darauf rechnen, auf jene berüchtigten Felsen geschleudert zu werden, wo ein Dreidecker innerhalb einer Stunde bei solchem Sturm in Stücke gehen konnte. Zch muß wohl glauben, daß wir in sicherer Entfernung an 293 Eddystone vorüberfuhren, da der Kapitän sonst nicht windwärts davon zu gelangen versucht haben würde; mir aber kam es vor, als ob wir dem Niesenfelsen furchtbar nahe wären. Die See brach sich an dem Leuchtthurm mit schrecklichem Ungestüm und man konnte ganz deutlich sehen, wie die Wogen an der Laterne vorbeischoßen. Endlich kamen wir aber glücklich vorüber, indem wir stets langsam weiter schritten, wiewohl unsere Abtrift sehr bedeutend gewesen sehn muß. Die Gefahr war aber noch nicht vorüber, denn wir hatten noch immer Start Point und die westwärts davon gelegene Landspitze zu klarsten, welche beide eine ziemliche Strecke seewärts und nur ein wenig nach der Leeseite zu lagen. Bei ruhiger See und einer kräftigen Vollsegelbrise wäre es ein Leichtes gewesen, von Eddystone aus mit Südwestwind um Start Point herum zu kommen; bei solcher Bö aber, und besonders zur Fluthzeit, war es immerhin eine höchst bedenkliche Aufgabe; auch weiß ich gewiß, daß alle Matrosen, vorn und hinten, unsere Lage als äußerst gefährlich betrachteten. Wir verbrachten ein paar höchst unbehagliche Stunden, nachdem wir das Feuer von Eddystone aus den Augen verloren hatten, bis wir endlich das Land in der Nähe von Start Point zu Gesicht bekamen: die Anhöhen glichen einer finsteren Wolke, welche über uns hereinhing, und das erstemal, als mich dieser Anblick überraschte, gab ich das Schiff völlig verloren. Der Kapitän und der Steuermann berathschlagten jetzt zusammen, und Letzterer kam mit ruhiger, fester Miene auf uns zu. „Kommt, Jungen," sprach er, „wir können eben so gut mit als ohne Masten an's Land geworfen werden, und unsere einzige Hoffnung ruht nun darin, daß wir mehr Segel als bisher einsetzen. Wir müssen beidrehen und das Schiff in Leinwand hüllen." Es bedurfte nur dieses Winks, um Alles in Bewegung zu bringen und das Borden des Focksegels war das Erste, was wir unternahmen; die Hörner desselben wurden mit einer Kraftanstrengung herabgezogen, als wenn Segel und Schooten von lauter Riesen gehand- 29t habt Würben. Endlich gelang es uns, dasselbe doppelt gerefft ein- zusetzen, wodurch es freilich das Ansehen eines LeinwandsctzcnS erhielt, gleichwohl aber unverzüglich seine Wirkung auf das Schiff zu äußern anfing. Zunächst versuchten wirs nun mit dem Bormarssegel: auch dieses stand bald enggerefft an seiner Naa und wir hatten sehr wohl daran gethan, denn ich bin überzeugt, daß das Schiff bereits auf den Grunbwogen Hintrieb, während der schwarze Berg jeden Augenblick über unsere Häupter hereinzufallen schien. Auch mit dem Kreuzsegel machten wir einen Versuch, fanden jedoch bald, daß es uns mit diesem nicht gelingen würde, worauf cs nicht ohne große Mühe wieder beschlagen werden mußte. Die Dinge sahen noch immer sehr bedenklich aus und das Land kam mit jedem Augenblicke näher, und näher: jetzt gingS auch hinter das große Segel, welches ebenfalls doppelt gerefft in den Wind kommen sollte. Alles stand an den Schooten und Taljen versammelt und wir zogen dieses mächtige Stück Leinwand mit einer Leichtigkeit nieder, als ob es bloßer Mouffelin gewesen wäre. Das treffliche Schiff zitterte jetzt wie ein überhitztes Roß; allein diese Postschiffe find in der Regel stark gebaut und alle Segel hielten Stand. Noch nie habe ich de» Schaum so heftig von den Bügen eines Schiffes abprallen sehen, als dieß in jener Nacht bei dem Erie geschah. Eine athcmlose Viertelstunde verstrich, nachdem das große Segel eingesetzt war, denn Zeder erwartete voll Spannung, welches von unser» Segeln zuerst losreißen würde; jeder Bolzen, jedes Tau war bis aufs Aeußerste angespannt, aber Alles hielt fest. Im entscheidendsten Moment erblickten wir das Licht eines HauscS, das sich, wie wir wußten, in der Nähe von Start Point befand; der Steuermann trat wieder zu uns, deutete darauf und sagte, wenn wir daran vorüber wären, dann setzen wir gerettet. Kaum hatte ich dieß vernommen, als meine Augen sich starr 205 auf jenes Licht hefteten, und man wird sich meine Freude denken, als ich es allmählig immer weiter rückwärts und aus unserer Leeseite erblickte. Endlich hatten wir's ganz im Rücken und jetzt, wußte ich, waren wir außer Gefahr; das Land verschwand mit seinen düsteren Umrissen nach leewärts in einer tiefen breiten Bai und gab uns Seeraum in Fülle für unsere Reise. Die Segel mußten nunmehr zur Erleichterung des Schiffes wieder eingehißt werden: das grvße wie das Vormarssegel wurde beschlagen und nur das grvße MarS-, das Fock- und Vormarsstagsegel dem Schiffe zur Weiterfahrt gegeben. Ich betrachte diese Nacht als eine der schauerlichsten meines Lebens, da ich dem Schiffbruch gewiß noch selten näher gestanden war; unsere Rettung glaube ich nächst Gottes Barmherzigkeit der Standhaftigkeit unserer Offiziere, sowie der Tüchtigkeit des Schiffes und seiner Ausrüstung zu verdanken. Es war, wie wenn man ein Roß zur Anspannung jeder Nerve und Sehne anseuert und endlich mit Hülfe des Sporns und der Peitsche den Sieg im Wettlaufe davon trägt, denn Holz, Eisen, Leinwand und Tauwerk vermögen offenbar nicht mehr zu leisten, als in jener Nacht von dem Erie geleistet wurde. Am nächsten Morgen wurde die Sache beim Frühstück von der Mannschaft besprochen. Wir hatten einen harten Menschenschlag au Bord, denn die meisten waren langgediente Matrosen von sorglosem Charakter und leichtsinnigen Sitten. Einige der Gedankenlosesten gestanden, daß sie innerlich gebetet und den Himmel um Hülse angefleht hätten, und ich meines Theils bin höchst dankbar dafür, daß auch ich es that. Diese Geständnisse wurden halb im Scherz gemacht, doch muß ich sie gleichwohl für wahr halten, wenn ich mich in meine eigene Lage zurückdenke. Gedankenlosen, thörichten Menschen mag es Wohl recht tapfer Vorkommen, wenn man bei solchen Veranlassungen mit Gleichgültigkeit prahlt, und doch bin ich überzeugt, daß nur Wenige dem Tode unter unseren damaligen Umständen in's Auge, schauen werden, ohne sich selbst, wenn auch mit Widerstreben, einzugestehen, 296 daß eine Macht über uns waltet, welche allein leibliche Sicherheit wie geistlichen Trost zu gewähren vermag. In dieser Beziehung hatten die Postschiffer von Havre für das zukünftige Wohl ihrer Seeleute eine ganz ungewöhnliche Sorgfalt an den Tag gelegt, denn es bestand zu Havre eine besondere Marinekirche, welche unser Kapitän wie seine MateS regelmäßig besuchten, während sie auch uns zur Nachfolge zu überreden suchten. Die Wirkung dieser Einrichtung war auch in der That eine gute, denn die Leute zeigten sich in der Regel weit nüchterner und ihre Aufführung wurde überhaupt sehr gerühmt. Ein paar Tage nach jener Schreckensnacht drehte sich der Wind und traf uns so von der Seite, daß wir an den Scillyinseln vorbei ganz lustig in's atlantische Meer hinaussegelten. Etwa vierzehn Tage nach unserem Abenteuer bei Eodhstone verloren wir die Hacken unseres Steuerruders und wußten Letzteres nur durch jene neumodische Einrichtung zu retten, welche das Obcrtheil mittelst des Decks am Hinabfallen hindert. Um die Abtrift zu vermeiden und um das Ruder doch noch einigermaßen verwenden zu können, fanden wir für nöthig, Letzteres anzuschnüren und mittelst Spillen an den Hintersteven festzumachen: eine Spiere wurde queer über das Kompaßhäuschen und gerade aus das Ruder gelegt, endlich eine Kette durch das Steueröhr und über diese Spiere weggezogen, wozu man die dünnste Cabelkette verwendete, während das Ruder mittelst Schooten vom Deck aufgehoben wurde. Wir nahmen dann ein paar RustenmarSsegelschooten, schwarteten * sie tüchtig und zogen mit ihnen einen Timmerstich halbwegs um das Steuer, so daß das eine Ende in jede der großen Puttingen kam und mit Taljen wohl befestigt ward. Auf diese Art blieb das Rad noch ziemlich brauchbar, wiewohl wir das Schiff bei stürmischem Wetter beilegen mußten. Die Puttingschooten hielten etwa einen Monat lang, dann aber gaben sie nach und bei näherer Untersuchung fand sich's, daß ' »Schmorten" — mit allem Segeltuch bekleiden. D. U. 297 die Schmarting unter das Schiffsheck* gerathen und das Eisen durch das Kupfer beinahe ganz zerstört worden war. Sämmtliche Ketten des Schiffs, welche die erforderliche Dicke hatten, wurden nun zusammengenommen, tüchtig überschmartet, dann abermals, wie zuvor, mit einem Timmerstrich um das Ruder geschlungen und in die Klüsgatcn gebracht, so daß die Bugten ** auf jeder Seite des Kiels herabhingen; die Enden wurden sodann in das Bratspill gesteckt und steif gedreht. Diese Einrichtung entsprach ihrem Zwecke vollkommen und hielt aus, bis wir das Schiff nach New-Vork gebracht hatten. Die ganze Ucberfahrt war höchst stürmisch und dauerte, wenn ich mich recht erinnere, ihre vollen stebenzig Tage. Man hatte die Hoffnung auf unsere Ankunft beinahe gänzlich aufgegeben und die Freude, mit welcher wir begrüßt wurden, war deßhalb nur um so größer. Da der „Erie" der Ausbesserung dringend bedurfte und also nicht sogleich wieder abscgeln konnte, so traten die Meisten von uns auf den „Heinrich IV." über, welcher derselben Packetgeseklschaft angehörte. Wir fanden ein schönes Schiff und gute Behandlung; auch die Reise war äußerst angenehm und glücklich. Nach unserer Ankunft zu New-Vork kehrten wir beinahe durch- gehenS auf den Erie zurück, da wir das Schiff wie den Kapitän und die übrigen Offiziere sehr wohl leiden mochten; ich segelte an dessen Bord noch zweimal nach Havre hin und zurück, so daß ich im Ganzen vier Reisen auf dem Erie machte. Nach Ablauf der vierten Reise nahm unser alter Steuermann seinen Abschied, um ein Geschäft am Lande zu betreiben, und obgleich wir seinen Nachfolger noch gar nicht erprobt hatten, so mißfiel er uns gleichwohl, denn Ersterer war bei uns außerordentlich beliebt gewesen, und alle schienen zu glauben, wenn er einmal ginge, so » »Heck' nennt man den ganzen platten Theil des Hinterschiffes, vom Heckbalgen bis zum Heckbord. D. U. Arumme Enden. D. U. 298 könnten wir auch nicht länger bleiben. Mag dem übrigens sehn, wie ihm wolle, beinahe sämmtltche Matrosen ließen sich auf der „Silvie de Grassc" anwerbcn, wo wir ebenfalls ein gutes Schiff, gute Offiziere und gute Behandlung antrafen. Ueberhaupt waren sich die Havre - Packctboote in dieser Beziehung fast durchgehend» sehr ähnlich; die Silvie de Grassc war schon das vierte, auf welchem ich diente, und sie kamen mir sannnt und sonders nicht anders vor, als wenn sie von ein und derselben Familie wären. Auch auf diesem Schiff machte ich zwei Fahrten nach Havre, worauf ich cs mit der „Normandie" vertauschte, welche derselben Gesellschaft angeyörte. Zu diesem Tausche hatte mich ein verdrießlicher Cigarrenhandel in Havre bewogen, bei welchem ich nur insofern betheiligt war, als ich den Fehler eines Andern auf meine Schultern hatte nehmen müssen. Der Kapitän behandelte mich immer sehr freundlich, allein mein Temperament ist nun einmal von der Art, daß ich gleich aus der Haut fahren möchte, sobald irgend etwas „stromaufwärts" geht. Es war nichts als eine Grille, was mich von der Silvie de Graste vertrieb und mich auf ihr Schwester-Packetboot führte. Ich gewann die „Normandie" eben so lieb wie die übrigen Postschiffe, nur war sie ein äußerst schlechter Segler, an dessen Bord ich nur eine einzige Reise nach Havre machte, wie man aus dem nächsten Kapitel erfahren wird. Siebcnzchntcs Kapitel. Dch hatte nun ohne llnterbrechnung nicht weniger als acht Fahrten nach Havre mitgemacht, und meine ganze Beschäftigung war so regelmäßig geworden, daß ich mir nächstens selbst wie ein Theil eines solchen Packetbootes vorkam. Behandlung, Verpflegung, Schiffe und Offiziere — kurz, Alles war nach meinen Wünschen: 299 so oft wir nach Haus kamen, pflegte ich auf dem Schiffe so lange im Taglohn zu arbeiten, bis ich meinen Reisegehalt eingestrichen hatte, dann aber ließ Ned sich nicht eher wieder blicken, bis die Zeit der Abfahrt herannahte und er wieder an Bord gehen mußte. Auch bei meinem Eintritte auf die „Normandie" hatte ich'S auf diese Art gehalten, nur war mein Urlaub diesmal ziemlich kurz gewesen. Mr. Everdp, unser früherer Steuermann auf dem „Erie", war eben am Strande damit beschäftigt, die zu Güterpackern, Tackelmeistern u. s. w. geeignete Mannschaft einzuschreiben, als ich zu ihm ging und mich zum Dienst auf der Normandie meldete; er bemerkte mir, das Boot sey schon vollzählig, wenn ich mich aber am nächsten Morgen oben in der Stadt auf dem Schraubendock einfinden wollte, so wisse er mir am Bord einer Brigg eine treffliche Stelle zu verschaffen. So nahm ich denn am andern Tags mein Esse» in einem Gesäße mit und ging damit nach dem Dock hinauf. Unterwegs traf ich einen ehemaligen Schiffskamrraden von der Marine, einen Unterbootsmann, Namens Benson, der mich befragte, wo ich denn mit meinem Gefäße hinsteuerte, worauf ich ihm meine Absicht miltheilte. „Was hast du nur davon," meinte er, „daß du dich mit diesen Postschiffen herumschleppst, während du ein Kriegssahrzeug unter deiner Lee hast?" Er erzählte mir noch weiter, daß auch er im Begriffe stehe, sich einzuschiffen und rieth mir seinem Beispiel zu folgen; wir leerten ein Paar Flaschen zusammen und ich fühlte mich von seinen Vorstellungen schon halb und halb überzeugt/als mir endlich die Brigg wieder einfiel, worauf ich ihn alsbald verließ und nach dem Dock eilte. — Aber es war zu spät, denn als ich daselbst ankam. war das Schiff schon aus dem Dock abgesegclt und bereits auf seinem Wege stromabwärts begriffen. Somit war mein Tagewerk für heute vollbracht und ich beschloß deshalb, einen vollen Feiertag zu machen. Auf dem Rückweg 300 begegnete ich Kapitän Mir, mit welchem ich zuerst auf den Seeen und später auf dem Delaware gedient batte, wo er mein erster Lieutenant gewesen war; ich plauderte mit ihm über meine früheren Matrosenzeiten und kam so immer weiter bis ans Werbehaus. Der dienstthuende Offizier war Mr. M'Kennp, mein ehemaliger erster Lieutenant auf dem Brandpwine und ehe ich noch das Haus verließ, stand mein Name abermals auf Onkel Sam's Matrosen-Liste. So bin ich, rein dem Zufall mich überlassend, mein ganzes Leben lang auf der Welt herumgesegelt und selten ließ ich mir Morgens davon träumen, was mir Abends zustoßen mochte. Als die Zeit zur Abfahrt herankam, stellte ich mich pünktlich ein und man schickte mich an Bord des „Hudson", welcher damals von Kapitän Mir kommandirt wurde. Das eine tröstliche Bewußt- sepn ist mir geblieben, daß ich aus keinem der eilf Kriegsschiffe, an deren Bord ich gedient habe — wenn ich nämlich groß und klein und Dienstzeiten von Jahren so gut wie die von Tagen zusammenrechne — weder davongelaufen bin noch jemals an so etwas auch nur gedacht habe. Diesmal aber mußte ich so lange auf dem Anfnahmsschiffe ausharren, daß ich dasselbe herzlich satt bekam und mich bei der nächsten besten Gelegenheit auf die „Constellation" von achtunddreißig Kanonen meldete, welche damals zu Norfolk für unsere Station in Westindien ausgerüstet wurde. Zu diesem Zwecke ward auch eine Abtheilung von uns nach jenem Schiff- transportirt und wir fanden, daß es die Werfte schon verlassen und sich zwischen den Forts vor Anker gelegt hatte. Als ich an Bord kam, überzeugte ich mich, daß ungefähr fünfzig von meinen Postschiffgenoffen sich gleichfalls auf der Fregatte befanden: irgend ein gemeinsamer Beweggrund mußte fie veranlaßt haben, alle zu gleicher Zeit in der Marine Dienste zu nehmen. Mich hatte der oben erzählte Zufall hergeführt, wiewohl ich von jeher für die Marine eingenommen und jeden Augenblick bereit war, wenn'S eine fröhliche Seereise galt, auf einem Kriegsschiffe einzutreten. 301 Commodore Dallas' Flagge wehte auf der „Constellation," als ich daselbst in Dienste kam; kurze Zeit später ging das Schiff nach Westindien unter, Segel. Da uns während unserer Fahrt nichts von Bedeutung aufstieß, so ist es nicht nöthig, die Zeitfolge der Begebenheiten so streng einzuhalten. Unser Schiff kam nach Ha- vannah, Trinidad, Curayoa, Laguayra, Santakruz, Verakruz, Kam- peachy, Tampico, Key-West u. s. w., lauter Häfen, in denen wir sammt und sonders längere oder kürzere Zeit beilegten, ja zu Santakruz sogar einen großen Ball an Bord veranstallete». Nachdem wir mehrere Monate auf diese Weise zugebracht hatten, segelten wir nach Pensacola, wohin uns der „St. Louis" begleitete, der zwar von Amerika nicht gleichzeitig mit uns abgegangen, dagegen fast die ganze Zeit über in unserer Gesellschaft geblieben war. Im nächsten Frühjahr zog das ganze Geschwader — in Allem etwa sieben bis acht Segel — zusammen nach Verakruz, um, wie ich glaube, die Mexikaner in Angst und Sorgen zu versetzen. Der Floridakrieg beschäftigte uns übrigens unter Allem am meisten; ich wurde zu jeder Art von Expeditionen verwendet, muß aber gestehen, daß ich von den kriegführenden Indianern keine, und von ihren Genoffen nur diejenigen zu Gesicht bekam, welche sich freiwillig ergeben wollten. Ich war bald auf Dampfbooten, Kuttern, Langbooten, bald kam ich an die Küste und mußte, wie ein Soldat, mit der Muskete auf der Schulter einhermarschiren — in der That ein kostbarer Dienst für einen Matrosen! Da es dem „St. Louis" an Mannschaft gebrach, so wurde ich für eine Kreuzfahrt an dessen Bord gezogen, und machte mit ihm beinahe dieselbe Rundreise wie früher auf der Fregatte. Es war ein schönes Schiff, der St. Louis, er stand unter dem Kommando des Kapitäns Rousseau, eines allgemein beliebten und geachteten Offiziers; Mr. Byrne, mein früherer SchiffSgenoffe auf dem Delaware, wurde als erster Lieutenant der Constellation zu -i 302 gleicher Zeit mit uns herüber versetzt, ohne aber die ganze Reise mit uns durchzumachen. Im Ganzen blieb ich drei Jahre auf der Westindischen Station, mußte aber während dieser Zeit in Folge eines Beinbruchs mehrere Monate im Spitale zubringen. Unsere Fregatte ging über die Zeit meiner Dienstunfähigkcit in See und mußte mich also allein zurücklassen; nach ihrer Rückkehr wurde ich als invalider Matrose auf dem „Lcvant" nach Haus geschickt, welcher von Kapitän Paulding, abermals einem soliden, trefflichen Offiziere, befehligt wurde. Neberhanpt war ich mit meinen Offizieren sehr glücklich und die Behandlung auf der Fregatte nur gut und gerecht. Auf der Constellation war der Dienst sehr hart und hatte viel Aehnlichkeit mit dem Soldatcndienst, was für Solche, die daran gewöhnt find, recht gut seyn mag, uns Blaujacken aber immer sehr sauer ankommt. Kapitän Mir, mit welchem ich die Expedition auf den Seen mit- gemacht hatte, führte auf unserer Station das Kommando der Kriegsschaluppe „Concord" und halte nur zeitweise während Com- modore DallaS' Abwesenheit unser eigenes Schiff zu kommandiren. So trifft es sich oft, daß alte Schiffsgenoffen nach Jahren der Trennung plötzlich wieder zusammen geführt werden. Im Spital wurde ich zum Thorwächter bestimmt; die Kapitäne Bolton und Latimer waren meine konunandirendcn Offiziere, Elfterer als Direktor des Arsenals, Letzterer als dessen Stellvertreter. Von diesen beiven Herren hatte ich mich so vieler Gunstbezeugungen zu erfreuen, daß es höchst undankbar von mir wäre, wenn ich ihrer hier nicht gedenken wollte. Auch Dr. Terrill, der Spitalarzt, war äußerst freundlich gegen mich, so lange ich mich unter seiner Behandlung befand. Da ich in dem Hospitale viele freie Zeit für mich hatte, so übernahm ich die Besorgung des Gartens und versuchte mich ein wenig im Gärtnerhandwerk. Man rühmte von mir, daß ich den schönsten Garten in Pensacvla besitze, was auch vollkommen richtig 3.03 seyn mochte, da außer dein nieinigen überhaupt nur noch einer zu sehen.war. Die wichtigste Veränderung aber, welche während meines Aufenthalts im Spitale mit mir vorging, bestand darin, daß in meinem Geiste plötzlich die Neigung erwachte, über mein künftiges Schicksal nachzudenken und religiöse Gegenstände mit ernsten Augen zu betrachten. Mr. Terrill hatte etliche Schwarze in seinen Diensten, welche zu bestimmten Zeiten kleine mcthodistischc Zusammenkünfte hielten, wo allerhand fromme Hymnen gesungen und ernste Gespräche geführt wurden; ich nahm zwar nie daran Theil, da ich besonders hier in Pensacola für etwaS'der Nrt viel zu weiß war, konnte aber von meinem Siübchen aus ihr ganzes Treiben mit anhüren. Einer der Kranken, von Konfession ein Katholik, besaß ein englisches Gebetbuch, das er mir lieh und worin ich mich gewöhnte, als Beginn meiner Verehrung des Allmächtigen, jeden Tag ein Gebet zu lesen. Seit der Zeit, da ich Mr. Marchintvn'S Behausung verlassen hatte, war dies die erste selbstthätigc Handlung, welche sich einer wirklichen Andachtsübung von meiner Seite annäherte, denn die paar eilfertigen Stoßgebetlein, welche ich zuweilen in Augenblicken der Gefahr vor mich hingemurmelt hatte, dürfen offenbar nicht hierhergerechnet werden. Nach einiger Zeit fiel mir aber ein, daß ein geborener und getaufter Protestant eigentlich nicht in einem römisch-katholischen Gebetbuche studiren dürfe, und so gelang es mir denn, ein protestantisches Andachtsbuch aufzutreiben, welches ausdrücklich für Seeleute geschrieben worden war und fortan von mir statt des katholischen benützt wurde. Dr. Terrill hatte eine Anzahl Bibeln unter seiner Verwahrung, von denen ich gleichfalls eine bekam und mich daran gewöhnte, jeden Abend neben meinem Gebete auch ein Kapitel in der heiligen Schrift zu lesen. Diesmal las ich die Bibel nicht blos der Erzählungen halber, sondern in der ernstlichen Absicht, Geist und Herz 304 dadurch zu bessern und die nächste Folge davon war, daß ich das Trinken aufgab und auch mein Fluchen und Schwören ablegte. So mochten mehrere Monate verflossen seyn, während mein Geist jeden Tag mit größerem Ernste nach Veredlung meiner Sittlichkeit, wenn auch nicht nach lebendiger Religiosität, strebte, als ich die Bekanntschaft eines neuen Hausmeisters machte, welcher eben erst im Spitale angekommen war. Dieser Mann zeigte sich sehr bereitwillig, sich über die Bibel mit mir zu unterhalten, doch konnte ich bald gewahr werden, daß er ein Deist war. Trotz meines Dranges, über meine wahre Lage mit Eifer nachzudenkcn, hegte ich doch über die Lehre, welche den Erlöser zu Gottes Sohn machte, gar mancherlei Zweifel: sie schien mir durchaus unwahrscheinlich und ich gerieth in jene bei Anfängern so häufig vorkommende Gefahr, daß ich zu selbstgenügsam wurde und den Mangel an Glauben durch menschliche Weisheit ersetzen wollte. Der Hausmeister hatte bald meinen Zustand ausfindig gemacht und gab mir nun einige von Thomas Paine'S Werken in die Hand, um mich noch mehr im Unglauben zu bestärken. Statt der Bibel las ich nun Thomas Paine und konnte bald den Beweis von den schlimmen Wirkungen eines elenden Systems an mir selbst verspüren, denn mit meiner Sittlichkeit ging es bereits wieder den Krebsgang: ich fing an wie früher zu trinken, ohne mich jedoch zu berauschen, und meine Bibel, mein Gebetbuch waren mir in Kurzem wieder eben so gleichgültig wie meine ganze Zukunft geworden. Ich fing an mich dem Glauben zu überlassen, man müsse sich der Güter dieser Welt erfreuen und wer seine Zeit in dieser Weise am besten benütze, der sey auch von Allen der Weiseste zu nennen. Auch muß ich gestehen, daß die schlimmen Beispiele, welche ich von manchen Menschen, die doch auch Christen seyn wollten, vor Augen sah, sehr viel dazu beitrugen, mir die Religion gänzlich zu entleiben. Der große Jrrthum, in dem ich befangen war, bestand darin, daß ich mein Herz schon wesentlich umgestaltet glaubte, während ich bis jetzt bloS durch die Umstände zum Nachdenken, durch das Nachdenken aber zu ernster Würdigung von Dingen geführt worden war, welche ich früher mit Leichtfertigkeit abgewiesen hatte: so war mir die Gnade Gottes fortwährend noch fern, indem ich den Lehren und Beweisführungen des Hofmeisters und seines großen Propheten und Meisters, Mr. Paine's, als traurige Beute überlasten blieb. Im Spital und an einem Orte wie Pensacola fand ich nur wenig Beranlafsung in meine früheren Ausschweifungen zurück zu verfallen, wiewohl ich ein oder zwei Mal sogar hier dem Rnm nicht widerstehen konnte und mich dadurch bald in einigen Mißkredit brachte. Im Ganzen aber hielt mich die Disciplin, meine Lage, so wie mein eigener Wille so ziemlich in der Ordnung. Ueberhaupt ist es einzig und allein der auf Schiffen eingeführte Zwang, welcher die Matrosen vor einem viel früheren Tode bewahrt, als er sie sonst wohl treffen würde; denn so viel ist gewiß, daß kein Mensch cs lange auShalten könnte, wenn er jedes Jahr drei bis vier Monate hindurch Ausschweifungen nachhängen wollte, wie ich mich ihnen nach meiner Rückkehr von größeren Reisen zu öfteren Malen überlaffen habe. Dies ist einer der Vortheile des SeelebenS, denn zwei bis drei Tage der Schwelgerei sind alles, wozu unser Einer nach einer dreijährigen Kreuzfahrt in der Regel gelangen kann. Wer je einmal, besonders in früheren Zeiten, auf Kriegsschiffen gewesen ist, hat gewiß Gelegenheit gefunden, die Folgen wahrzunehmen, welche das dort beobachtete System und die regelmäßige Lebensweise auf die Mannschaft äußert. Im Anfang, wenn die Leute an Bord kamen, waren sie vor lauter Ausschweifungen ganz abgestumpft, fast ohne Leben, und einige mochten wohl an den „Schauern* leiden — wenige Woche» regelmäßiger Lebens-Ordnung aber genügten, um alle wieder aufzurichten und am Ncd Mhers. 20 306 Ende der Reise, wenn man im Hafen angelangt war und ansbezahlt wurde, hatten die meisten ihre volle Gesundheit wieder erlangt. Jetzt ist's. allerdings etwas besser, da die Leute sich nur im Allgemeinen für den Dienst ankverben lassen und gewöhnlich auf einem Aufnahmeschiffe eine kurze Lehrzeit dnrchzumachen haben, ehe sie an Bord eines Seefahrers versetzt werden. Daher kommt es denn, daß sie auf letzterem in etwas geordneterem Zustande als früher aulangen; aber auch jetzt noch sind sechs Monate auf einem KriegS- fahrzeuge genügend, um einen Matrosen zu einem ganz neuen Menschen umzugcstalten. Ich bin weit entfernt, meine Nebelthatcn vor der Welt verbergen oder mich gar vor ihr weiß waschen zu wollen, bekenne sie vielmebr in der Hoffnung, daß die Schilderungen, welche sie darbieten, auf die Besserung Anderer vielleicht einen heilsamen Einfluß ausüben mögen: so sagte ich oben, ich hätte mich durch meine Trunksucht im Spital zu Pensacola einigermaßen in Mißkredit gebracht — die Sache verhielt sich folgendermaßen. Der Doktor, der sich fortwährend als mein Freund erwiesen und mir häufig den trefflichsten Rath ertheilt hatte, war in den Norden abgereist, um seine Frau nach Pensacola abzuholen. In Folge der Verletzung, welche mich in das Spital gebracht hatte, hielt man mich dort zu einer Pension für berechtigt und der Doktor hatte versprochen, während seines Aufenthaltes zu Washington ein gutes Wort für mich einlegcn zu wollen, hatte aber dieses sein Versprechen nicht halten können, weil er gegen seine Erwartung gar nicht durch Washington gekommen war. Ich bin nun einmal von Natur der Art, daß jeder Verdruß oder jede Enttäuschung mich gegen Alles gleichgültig macht und sogleich den Wnnsch in mir erweckt, mich so zu sagen an mir selbst zu rächen. Es ist dasselbe Gefühl, das mich von Halifax entfernt, dasselbe, das mich von dem Sterling vertrieben und all' mein. Leben lang meine Aussichten so oft verändert, zuweilen auch ganz vernichtet hat. Sobald ich also vernahm, daß über meine Pensionirung nichts verhandelt worden war, bemächtigte sich meiner eben jene höchst gefährliche Stimmung und ich überließ mich wieder meinem früheren Leichtsinn. Ich hatte seit Monaten keinen Grog mehr bezogen und das Trinken in der That gänzlich aufgegeben: jetzt aber beschloß ich, bei der ersten besten Gelegenheit mich wieder toll und voll zu trinken. Ich wollte die Offiziere tüchtig ärgern, indem ich etwas that, was sehr unrecht war und worüber ich mir selber hätte zürnen sollen. Ich hatte die Schlüssel zum Keller des Hospitals in Verwahrung und schaute mich nun zuerst nach einem Bundesgenossen um, den ich auch in der Person eines Baltimorcr Matrosen fand, welcher aus purer Trinksucht auf meinen Plan einging; dann schaffte ich ein Quantum Wein auf mein Zimmer und wir beide setzten uns nun ernstlich dahinter. Es war Achter ckereS, und wir brauchten neun Flaschen, um endlich die rechte Höhe zu erreichen: selbst dieses Uebermaaß hatte mich noch nicht völlig zum Vieh gemacht, aber ich war jetzt frech und ingrimmig geworden, schimpfte den Doktor und war nahe daran, mich sogar gegen Kapitän Latimer zu vergessen, der übrigens nicht zn den Offizieren gehört, mit welchen ein Spaß immer räthlich ist. Gleichwohl hatten diese Herrn, auch Kapitän Bolton mit eingeschloffen, weit mehr Rücksicht für mich, als ich selber besaß, und ließen mich mit einem scharfen Verweise durchschlüpfen; doch war dieser dumme Stretch daran Schuld, daß ich, wie sie es dort nennen, in das Heimalhspital gebracht wurde, als ob Pensacola nicht auch zu den Vereinigten Staaten und somit zur „Heimath" gehörte. Sobald der „Levant" mich ans Land gesetzt hatte, schickte man mich in das Marinespital nach Brooklyn, wo ich einige Tage blieb 308 und dann beschloß, den Sitz der Negierung zu besuchen, um die dort aufgestellten großen Kanonen, den Onkel Sam selbst und Alles tu Augenschein zu nehmen. Die Löhnung vom Levant wurde mir augenblicklich ausbezahlt: ich ließ den Ueberschuß in den Händen des Marinezahlmeisters zurück und machte mich mit fünfzig Dollars in der Tasche auf den Weg; dieselbe Summe soll, wie man mir sagt, ein Kongreßmitglied als Reiscdiät auf solche Entfernung an- zusprechen haben — sie mußte also jedenfalls hinreichend sehn, wenn ein Kongreßdeputirter, der doch gewiß für sich Sorge trägt und sich nichts abgehe» läßt — mit. diesem Gelds auskommt. Auf dem Süd-Amboy-Boot, wohin ich mich verfügte, fand ich eine Anzahl Indianer, welche, wie ich selbst, in'S Hauptquartier zogen. Der Anblick dieser Bursche war dazu geeignet, meine ganze Takelage wieder aufzusetzen und ich fühlte mich zu allerlei Scherzen und losen Streichen aufgelegt. Ich lud sie sämmtlich zum Frühstück ein und gab ihnen so viel zu trinke», als sie nur immer zu schlucken vermochten; wir wurden sehr lustig und überließen uns in der gewöhnlichen, gedankenlosen Weise der Matrosen den rohesten, sinnlosesten Späßen. Dies war ein schlimmer Anfang und als wir erst eine Schenke erreichten, war ich sogleich bereit, meinen Anker wieder auszuwerfen. Wo dies geschah, weiß ich nicht anzugeben, denn ich war nicht mehr im Stande, eines Schiffes Logbuch zu führen; so konnte ich auch nicht sagen, ob mir von meinem Gelds gestohlen wurde oder nicht, von meinen Kleidern weiß ich's aber gewiß, denn von ihnen vermißte ich mehrere Stücke. Den Tag darauf zog ich nach Philadelphia, wo ich abermals eine Nacht durchschwärmte, worauf ich mich endlich zusammennahm und nach Washington hinüber reiste, ohne auf der übrigen Strecke noch einmal einzukehren. Unterwegs traf ich einen armen Teufel von Soldaten, der keinen Kreuzer Geld hatte und einer Pension halber nach Washington ging: ich hielt ihn natürlich frei, fand 309 aber auch bei der Ankunft zu Washington meine Kaffe bis auf drei und einen halben Thaler zusammengeschmolzcn. So hatte ich also zu einer Reise, welche man ganz anständig mit zehn Thalern hätte machen können, für lauter Branntwein und thörichtc Späße sechs und vierzig und einen halben Thaler vergeudet! Ich ließ mir von meinem Reisegefährten ein Gasthaus empfehlen, wo ich mich alsbald zu Bett verfügte, da ich mich von meinen Ausschweifungen ganz elend fühlte. Am nächsten Morgen waren die viertehalb Thaler auch dahin und ich noch immer so übel auf, daß ich nicht nach dem Marinedepartcment gehen konnte und mich also des EffenS und Trinkens enthalten mußte. Am andern Tage nahm sich mein Gastwirth die Mühe, sich nach dem Zustande meiner Kaffe zu erkundigen und ich erklärte ihm offen die Wahrheit, was eine ziemlich freiurüthige Auseinandersetzung zwischen uns beiden zur Folge hatte, worin mir zu verstehe» gegeben wurde, daß ich in diesem Haus- nichts mehr zu schaffen hätte. Ich erfuhr später, daß ich in eine ächte Soldatenkncipe gerathen war und brauchte mich also nicht mehr zu wundern, wenn sie eine alte Theerjacke in jenem Hause nicht zu behandeln verstanden. Kapitän Mir hatte mir an den damals noch lebenden Commo- dore Chauncep, der zugleich Marinecommiffair war, Empfehlungs- Briefe mitgegeben. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß der alte Herr einen von den früheren Matrosen des Scourge im Hauptquartiere nicht elendiglich Schiffbruch leiden lassen würde, und krabbelte also nach dem Marine-Departement, wo ich alsbald Zutritt bei ihm erhielt. Der Commodore schien erfreut, mich zu sehen, befragte mich über allerlei Umstände bei dem Untergange des SchoonerS und gab mir zum Schluffe die nöthige Weisung, an wen ich mich zu wenden hätte. Ich erfuhr nun auch, daß das zu meiner Pensionirung erforderliche Krankheitszeugniß bereits zu Washington eingetroffen, wegen eines Formfehlers aber wieder nach Pensacola zurückgeschickt 310 worden war, was mich zu einem längern Aufenthalte in Washington nöthigte. Ich fühlte mich unwohl und begab mich mit dieser Nachricht zu meinem Gasthause zurück. Der Wirth war aber hiemit nichts weniger als zufrieden und ließ ein Wörtchen fallen, das augenblicklich die Thüre zwischen uns brachte. — Dies war das erste Mal in meinem Leben, daß mir die Thüre vor der Nase verschlossen wurde und ich danke meinem Gott, daß mir so etwas nur in einer Soldatenschenke begegnete. Ich gab dem Manne alle meine entbehrlichen Kleider in Versatz und schüttelte mir vor seiner Thüre den Staub von den Sohlen. Ich hatte mir durch meine nenlichen Erceffe abermals einen Anfall der „Schauer" zugczoge»; während ich durch die Straßen ging, meinte ich, Jedermann wolle mich verhöhnen und wenn ich auch vor Durst beinahe verschmachtete, so schenke ich mich doch in ein Haus zu treten, und wäre es auch nur gewesen, um einen Trunk Wasser zn fordern. Ein Schwarzer zeigte mir, wo es nach dem Marinearscnal zuging und darnach änderte ich meinen Kurs, fühlte mich aber unterwegs so elend, daß ich mich am Liebsten zum Sterben niedergelegt hätte. Halbwegs auf der baumlosen Ebene zwischen dem Kapitvle und dem Marinearsenal setzte ich mich unter einem hohen Staketenzaune nieder und der Satan raunte mir in'S Ohr, es wäre wohl am Besten, den Leiden, die mir zu hart zu tragen schienen, mit einem Male ein Ende zu machen und mich an diesem nämlichen Zaune aufzuhängen. Ich knüpfte mein Halstuch los, machte eine laufende Boline daraus und ging sogar so weit, eine stehende Boline vorzubereiten, welche ich nachher über die Spitze eines der Hauptpfähle zu werfen gedachte. Ich stand nun auf und begann mich nach einem geeigneten Pfahle umzuschauen, an welchem ich mein Halsband befestigen wollte, als ich plötzlich die Mastenspitzen der Flotte im Seearsenal und die Flagge zn Gesicht bekam, unter der ich so lange gedient hatte! 311 Mir war zu Muth wie einem Seefahrer, der in der höchsten Gefahr plötzlich einen Lenchtthurm erblickt, und sogleich kam mir der Gedanke, in jener Gegend müßten sich Freunde von mir befinden; ich fühlte wieder Muth und Kraft bei diesem Anblick und schwur mir zu, meinen alten Schiffskameraden nimmermehr die Schande zu bereiten, daß eine Blaujacke sich in einem Ansalle der „Schauer" an einem Garteupfosten aufgehängt habe. Ich riß die Boline aus, knüpfte das Tuch wieder um den Hals und steuerte so rasch ich konnte auf jene gesegneten Mastenspitzen zu, welche diesmal durch Gottes Gnade das Mittel wurden, mich an dem Verbrechen des Selbstmordes zu hindern. Wie ich mich dem Thore des Arsenals näherte, hörte ?ch den dort aufgestellten Marineposten mir zurufen: „Hollah, Myers, wo kommst denn du her? Du siehst ja aus, als ob du durch den D — geschleift und mit einem Kohlensacke durchgeprügelt worden wärest!" Dieser Mann, der erste, den ich im Marinearsenal antraf, hatte drei Jahre mit mir auf dem Delaware gedient und erkannte mich trotz meines elenden Aussehens wieder. Er rieth mir, mich au Bord deS„Fulton" zu begeben, welcher eben damals auf der Werste lag; dort könnte ich noch einige andere Kameraden vom Delaware antreffen, welche mit dem besten Willen für mich sorgen würden. Ich folgte seiner Weisung und als ich an Bord kam, traf ich in der That eine Menge alter Bekannter; die einen brachten mir alsbald Thee, die andern Grog zur Stärkung herbei und ich begann ihnen offen mein Elend zu klagen. Die guten Bursche entwarfen augenblicklich den Plan, in derselben Nacht noch Urlaub zu nehmen, um das Haus, wo man mir die Thüre gewiesen hatte, von Grund aus zu rasiren; ich suchte ihnen aber diesen Gedanken auszureden, und es gelang mir, jenen schlimmen Gastwirth vom Verderben zu retten. Nach einer Weile wies man mich in ein Gasthaus in der Nähe des Arsenals, wo ich dem Wirthe ankündigen sollte, daß meine 312 alten Schiffsgenoffen für die Bezahlung der Zeche Bürgschaft leisten wollten. Letzterer wollte aber davon nichts hören, sondern nahm mich »m meiner selbst willen ans, indem er äußerte, von seiner Thüre sollte keine Blaujacke, die sich in Roth befände, un- getröstet weggewiesen werden. — Hier blieb ich denn und erquickte mich durch eine köstliche Nachtruhe: am andern Tag war ich wirklich ein ganz anderer Mensch und konnte meine „Deck'S wieder gehörig auftakeln," worauf ich mich zum zweiten Mal nach dem Marine- ministerium verfügte. Auf dem Büreau erwiesen sich Alle sehr freundlich gegen mich und nnterstützteu mich durch ihren Rath, wie durch ihre Dienste. Der Sekretär des PenflonSfondS gab mir einen Brief an Mr. Boyle, den ersten Sekretär, welcher mir seinerseits an den Commodore Patterson, den Kommandanten des Marinearsenals, ein Empfehlungsschreiben einhändigte. Wie es scheint, hat die Regierung für uns arme Pensionärs ein Gasthaus bestellt, wo wir so lange Aufnahme finden, als wir zu Washington in unseren Angelegenheiten beschäftigt sind. Mr. Boyle'S Brief verschaffte mir eine Unterkunft in jenem Hause, wo sechs Wochen lang für alle meine Bedürfnisse gesorgt, ja sogar auf das Waschen und Flicken Bedacht genommen wurde. Durch den Zahlmeister zog ich einen kleinen Wechsel auf den Kassenbeamten zu New-Dork und fing nun wieder an, mich eines ziemlich nüchternen und ehrbaren Lebens zu befleißigen. Der Gasthof, in welchem ich wohnte, war halb und halb eine Art Spital und mochte sechs bis acht Invaliden enthalten, von denen einige durch Wunden und Verletzungen zu Krüppeln geworden waren, worunter sich namentlich ein ganz alter Kriegsschiffmatrose, Namens Reuben James befand, der von seiner Jugend auf unausgesetzt in der Marine gedient hatte. Dieser Manu stand in dem Rufe, dem Commodore Decalur vor Tripoli das Leben gerettet zu haben; er selbst gestand mir aber, er sey nicht derjenige. welchem man dieses tapfere Stückchen zuschreibe; er habe zwar an jenem denkwürdigen Kampfe Antheil genommen und neben Decatur das feindliche Schiff geentert, ohne aber seinem Kommandanten das Leben zu retten. Er war oft verwundet gewesen und hatte sich noch vor Kurzem in Folge einer alten Wunde, welche er, wie ich glaube, im Kriege von 1812 davontrug, ein Bein abnehmen lassen müssen — so weit hatte ihn der Branntwein gebracht. Der Leser wird sich erinnern, daß ich in der Nacht, da der Scourge zu Grunde ging, von dessen Klüverschotenblock einen heftigen Schlag erhielt. Auf der verwundeten Stelle hatte sich bald ein Geschwür gebildet, welches sich nach und nach so sehr vergrößerte, daß es jetzt wenigstens die Größe meiner Faust erreicht hatte. Ich ließ James eines Tags dieses Geschwür sehen; er erzählte die Sache unserem Hausarzte, dem Dr. Foltz, der hierauf meinen Arm untersuchte und mir eine Operation anrieth, da das Geschwür, das bereits so groß war, daß es mjch vielfach belästigte, sonst nur noch weiter um sich greifen würde; ich kann zwar nicht sagen, daß es mir gerade Schmerz verursachte, doch war es immerhin ein höchst unbequemer Ansatz, den ich nicht gern auf der Schulter herumtragen mochte. Uebrigens fand ich kein sonderliches Vergnügen an dem Gedanke», mich schneiden zu lassen und hätte mich wahrscheinlich geweigert, mich der Operation zu unterwerfen, hätte mir Thomas nicht zur Ermunterung seinen Stumpf vorgewiesen und mir dabei gesagt, er würde solch ein Bunker-Hill nicht an seinem Arme herumtragen. Er schien von der Ansicht auszugehen, ein alter Seemann müsse in einem gewissen Lebensalter nothweudig ein hölzernes Bein oder etwas dergleichen auszuweisen haben. Wie dem auch sey —- es gelang ihm wirklich mich dahin zu bringen, daß ich den Doktor Hand anlegcn ließ und ich bin nun herzlich froh, daß er eS that, da Alles sehr gut von Stalten ging. Doktor Foltz nahm mich erst eine Woche lang in die Kur und 314 operirte mich dann mit einer Geschwindigkeit, wie man sie sich nur wünschen mochte. Er sagte mir, das abgeschnittene Geschwür wiege ein und drei Viertel Pfund, um welche ich nunmehr leichter war, und nachdem ich etwa noch einen Monat in ärztlicher Behandlung gestanden, wurde ich endlich wieder für seetüchtig erklärt. Ich machte mich nun ernstlich , an Verfolgung meines Pensionsgesuchs, welches sich auf die an Bord der Konstellation erlittene Verletzung gründete; es war freilich nur eine Kleinigkeit — nicht mehr als drei Thaler monatlich — da nnr eine von den kleinen Pensionen dafür ausgesetzt wurde; als aber die Sekretäre von meinem andern Lcibschaden hörten, wegen dessen Dr. Foltz mich operirt hatte, riethen sie mir ein Leugniß hiefür herbei;»* schaffen und mir auch wegen dieser Verletzung eine Pension ver- willigen zu lassen. Ich sprach Mr. Paulding, den Sekretär, über die Sache und die Herren waren so gütig, in ihren Papieren nachzuschlagen, wer jetzt noch als Zeuge hiefür aufzufinden scyn möchte. Sie schrieben dann an Kapitän Dcacon, den damaligen Kommandanten des Grow- ler; der wußte aber nichts von mir, da ich nie an Bord seines SchoonerS gedient hatte, schrieb mir dafür aber einen eigenhändigen Brief, worin er mich einlud, ihn zu besuchen — ein Wunsch, den ich leider nicht zu erfüllen vermochte, und jetzt, höre ich, soll er gestorben sepn. Mr. Trant war schon viele Jahre tobt und Mr. Bogardus betreffend, so wußte ich vollends nicht, was aus ihm geworden war; er stand nicht auf der Beförderungsliste und mußte wahrscheinlich nach dem Frieden die Marine verlassen haben. Endlich fließ der Sekretär beim Durchgehen der Bücher auf den Namen Lemuel Bryant; er hatte für die bei Little-Uork empfangene Wunde eine Pension erhalten, war dämals bei dem Untergänge des Scourge von mir in'S Boot eingenommen worden und lebte nunmehr zu Portland im Staaie Maine, seinem eigentlichen Geburtsland. Sein Zeugniß sollte ich mir zu verschaffen suchen. 313 meinte Mr. Paulding, denn er, wie die übrigen Herrn des Departements, schien sehr zu wünschen, daß ich mit einer besseren Pension als meinen drei Thalern wegkommen möchte und ich versprach ihnen auch, Lemuel Brpant zu besuchen und sein Zeugniß beizuschaffen. Von Washington wandte ich mich nun nach Alexandria, wo ich mich an Bord der Brigg „Jsabella" nach New-Vork einschiffte Und zu gehöriger Zeit jenen Hafen erreichte. Ich ließ mir hier den Rest meines Geldes ausbezahlen und hielt mich, wie ich fürchte mehr meiner Wunden halber, als aus einem anderen Grunde, ziemlich mäßig und eingezogen, trank aber immer noch zu viel und zog mich deshalb, um mir selbst Schranken zu setzen, nach dem „Sailor's Retreat" * auf Skaten Island zurück, wo ich mich ganz außer den Bereich geistiger Getränke versetzt sah. Hier blieb ich acht bis zehn Tags, bis meine Wunden geheilt waren. Am letzten Tage meines dortigen Aufenthalts — es war gerade ein Sonntag — kam der Arzt, um mir zu sagen, ein Geistlicher der deutsch-refounirten Kirche, Namens Miller, werde im unteren Stock Gottesdienst halten, und er glaube, es würde mir gar nicht schaden, wenn ich daran Theil nehmen wollte. Auf dieses Ansinnen, das eben so höflich als wohlmeinend ausgesprochen wurde, gab ich zur Antwort, mir sey von der Handlungsweise frommer Männer schon so viel vor Augen gekommen, daß ich vollkommen genug daran bekommen hätte, und ich fühlte mich überzeugt, daß die Geschichte, die ich eben in dem Pfennigmagazin laS, mir dieselben Dienste wie eine Predigt leisten würde. Der Arzt sprach noch einige Worte der Ermahnung und deS Vorwurfs und verließ dann das Zimmer. Sobald er uns den Rücken gekehrt hatte, begannen einige meiner Kameraden den Stolz, welchen ich bewiesen, überhaupt die Antwort, die ich dem Doktor gegeben hatte, mit Lobsprüchen zu überhäufen. Ich aber war nichts weniger als mit mir selbst zufrieden, » Matrosen-Aspl. - D. U. 316 denn ich fühlte mehr innerliche Ehrfurcht vor solchen Gegenständen, als ich öffentlich zngestehen mochte und mein Gewissen tadelte mich über die Art und Weise, wie ich einen so wohlmeinenden Vorschlag von mir gewiesen hatte. Ich äußerte daher plötzlich gegen meine Umgebung, mein Sinn habe sich geändert und ich wolle jetzt dennoch hinabgehcn und die Predigt mitanhoren — ein Entschluß, den ich auch unverzüglich in's Werk setzte. Welchen Text Mr. Miller zu seiner Predigt gewählt hatte, konnte ich mich nicht mehr erinnern, vielleicht daß ich in dem Augenblicke, da er ihn ablas, gar nicht darauf Acht gab: ich weiß nur soviel, daß ich mir während der ganzen Predigt einbildete, der Geistliche habe sich vorzugsweise an mich gewendet und seine Blicke sehen fortwährend auf mich geheftet. Daß er mein Gewissen rührte, das weiß ich, denn wenn auch der Eindruck seiner Rede nicht ununterbrochen bei mir fortwirkte, so ist er mir doch bis auf die jetzige Stunde im Gcdächtniß geblieben. Ich faßte lauter vortreffliche Vorsätze und beschloß in meinem Innern, ein anderer Mensch zu werden und fortan ein besseres Leben zu führen: die ganze Nacht über waren meine Gedanken mit dem, was ich vernommen hatte, beschäftigt und mein Gewissen war sehr lebhaft angeregt. Am nächsten Morgen verließ ich das Asyl, ohne Mr. Miller noch einmal gesehen zu haben, dagegen nahm ich wenigstens viele Vorsätze mit mir, welche in der That bewundernswürdig gewesen wären, wenn ich sie gewissenhaft befolgt hätte. Von welcher kurzen Dauer diese Besserung war und wie sehr ich in den Fesseln einer lasterhaften Gewohnheit schmachtete, wird der Leser ans dem Geständnisse erkennen, daß ich schon bei meiner Landung zu New-Dork wieder auf meinen alten schlimmen Abweg gerietst und einige Milizsoldaten, welche sich mit mir auf dem Dampfboote befanden, bei der Neberfahrt über die Bai mit einem Dutzend Gläsern warmen Punsches regalirte. Ich hatte nämlich sehr viel Geld und besaß noch in vollem Maaße jene sorglose Verschwendungssucht der 317 Mairosen, mit der sie in eingebildeter Großmuth das schwer Errungene leichtsinnig verschleudern. Es war am Tage vor Mariä Reinigung und zufällig grimmig kalt, so daß der heiße Punsch Allen höchst erwünscht kam. Und dies war noch nicht Alles, denn als wir am Whitehall- Slip * vorüberkamen, sah ich den ersten Kutter des ,,Ohio" daselbst vor Anker liegen und der Zufall wollte, daß ich nicht nur den Offizier desselben, der auf der Constellation als Midshipman gedient hatte, sondern auch die Mehrzahl der Mannschaft ganz genau kannte. Ich wurde nalürlich angerufcn und bat sofort um die Erlaubniß, die Leute bewirthen zu dürfen, die ich auch sogleich erhielt und bald, in Folge meiner Freigebigkeit, in einen Zustand gerieth, welcher es für mich dringend nöthig machte, unter Leitung eines „Lootsen" vollends in den Hafen einzulaufen. Und dennoch hatte ich die Predigt, sowie meine guten Vorsätze noch nicht gänzlich aus dem Gedächtnisse verloren. In meiner Herberge machte ich die Bekanntschaft eines Preußen, Namens Gottfried, eines ernsten, gesetzten Mannes, und wir kamen mit einander überein, nach Savannah zu gehen, um dort den Winter über am Häringsfange Theil zu nehmen und auf das Frühjahr wieder nach dem Norden zurückzukehren. Mein Gastwirth war nicht allein krank, sondern hatte bei großer Armuth auch noch einen Haufen Kinder zu ernähren und als Beweis, daß ich meine guten Vorsätze nicht ganz vergessen hatte, mag der Umstand dienen, daß ich diesmal zum Abgang nach dem Süden bereit war, noch ehe ich mein Geld ganz ausgegeben hatte, und daß ich es während meiner Abwesenheit zu einem guten Zwecke verwendet wissen wollte. Eine Fünfzigthaler-Note war noch unberührt geblieben und ich übergab sie diesem Manne mit der Weisung, das Geld einznziehen, es zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zu * Diesen Namen trag! zu New-Uork ein Theil der Küste, wo die Werften sich befinden. D. U. 318 verwenden und dasselbe', wenn er könnte, bei meiner Rückkehr mir wtederzucrstatten. Die Summe wurde auch richtig erhoben, aber der Mann starb und ich habe nie wieder einen Heller davon gesehen. Gottfried und ich kamen auf ein Schiff, welches der „William Taylor" hieß und zu den regelmäßigen Savannah-Packetbooten gehörte. Unsere Absicht war, das Fahrzeug, sobald es zu-ein- gelansen wäre, zu verlassen, und wenn es nöihig schiene, sogar heimlich zu entwischen. Unsere Ueberfahrt gestaltete sich sehr schlimm und wir hätten bei Hatteras nahezu Schiffbruch gelitten; nur der Umstand, daß wir bei dem schweren dicken Nebel unvermuthet den Leuchtthurm zu Gesicht bekamen, rettete unsere Brigg und auch da konnten wir nichts weiter thun, als unter dichtgerefftem Marssegel um das Vorgebirge herumzukommen zu suchen, worauf wir nach überstandencr Gefahr Savannah in kurzer Zeit erreichten. Gottfried hatte schon vor unserer Ankunft die Blattern bekommen und wurde sobald als möglich in ein Spital befördert; um nun nicht wieder mit auslaufen zu müssen, stellte auch ich mich krank und ward sofort in einem andern Spitale untergebracht. Der Kapitän besuchte mich zwar mehrere Male, doch war mein Gewissen durch die unter Seeleuten gewöhnlichen Kunstgriffe dermaßen verhärtet, daß ich nicht den geringsten Anstand nahm, meine Verstellung noch länger fortzusetzen. So sah sich die Brigg genöthigt, ohne mich abzusegeln und noch am selben Tage wurde ich eben so schnell wieder gesund, als die Krankheit mich zuvor befallen hatte. Es dauerte nicht lange, so hatte ich mit einem Fischer einen Handel abgeschlossen, wonach ich ihm beim Häringsfange zu Helsen versprach. Diese ganze Zeit über wohnte ich in einer Matrosenherberge und war von lauter Seeleuten umgeben, welche ihre Schiffe sogleich nach deren Ankunft, gleich mir, verlassen hatten. Eines Abends kam der Kapitän eines Fahrzeugs, das den Namen „die Hoffnung" führte, nach unserer Herberge, um Matrosen für 319 sein Schiff anzuwerben, das nach Rotterdam bestimmt war und an der zweiten Barre unten zur Abfahrt bereit lag. Nach einigem Hin- und Herreden entschloß sich endlich einer der Anwesenden, die Artikel zu unterzeichnen; ihm folgte ein Zweiter, ein Dritter und so fort, so daß die Mannschaft bis auf den letzten Mann in Kurzem beisammen war. So wurde denn auch ich aufgefordert, mich anwerben zu lassen, und als ich meinen Vorsatz äußerte, Häringsstscher zu werden, lachten mich meine Kameraden aus und wußten meinen Stolz dermaßen zu treffen, daß ich mich gleichfalls zur Abfahrt entschloß und meinen Fischersmann im Stiche ließ. Es zeigte sich bald, daß die „Hoffnung" ein regelmäßiger Ostindienfahrer war, und da ich schon so manche „Flieger" und „Pfeilschiffe" unter der Hand gehabt hatte, so war ich boshaft genug, mich über die sparsame Ausstattung und den langsam-gravitätischen Gang des Schiffes lustig zu machen. Ich kam schon halb betrunken an Bord und machte mich von der ersten Stunde an durch derlei hämische Ausfälle bemerklich. Der Kapitän behandelte mich mild, ja sogar mit Freundlichkeit, ich verharrte aber gleichwohl fast während der ganzen Reise bei meinen Spöttereien. Ich war durch und durch Seemann und that meine Pflicht; aber damit ließ ich's auch genügen: ich hatte einen Widerwillen gegen das Schiff gefaßt und wenn ich auch seit der Stunde, da die „Susanna und Maria" auf ihre Balkenenden geworfen worden war, nie mehr gelästert hatte, so konnte man dagegen sagen, daß ich auf der „Hoffnung" während der ganzen Hinreise des Schnupfens und Fluchens kein Ende fand, obgleich die Behandlung und Verpflegung sehr gut war. Zu Rotterdam erhielten wir etwas Geld und auf einige Zeit Urlaub; als der letztere abgelaufen war, bat ich um Verlängerung, der Kapitän schlug es aber ab, und dies versetzte mich in solche Wuth, daß ich hoch und theuer schwur, das Schiff unwiderruflich verlassen zu wollen. Nach einiger Zeit gab der Kapitän ei 320 seine Einwilligung, so gut er's vermochte, und ließ meinen Lohn auf Lein Kajütentische zurück, wo ich ihn alsbald zu mir nahm; zum Abschied sagte er mir noch, ich würde meine jetzige Handlungsweise gewiß-noch bereuen — eine Prophezeihung, von welcher ich mir damals wahrlich nicht träumen ließ, daß sie noch auf so traurige Weise erfüllt werden würde. Achtzehntes Kapitel. Dch hatte die „Hoffnung" in einem Anfalle übler Laune verlassen; das Schiff war mir immer zuwider gewesen, obwohl ich jetzt, da ich ruhig auf die Vergangenheit zurückblicke, anerkennen muß, daß der Kapitän sowohl als der Steuermann höchst achtungSwerthe, umsichtige Männer waren, welche mein eigenes Wohl weit mehr als ich selbst im Auge hatten. Im Hafen lag ein amerikanisches Schiff, der „Plato" genannt, das soeben von Batavia angekommen war und nach New-Dork zurückkehren sollte und auf dem ich halb und halb Lust hatte, mein Glück zu versuchen; der Kapitän des Schiffes war aber als ein Hitzkopf und Neuling in seinem Fache verschrieen und einige meiner Kameraden äußerten starke Zweifel darüber, ob man sich einem solchen Kommandanten anvertrauen sollte; dazu konnten wir bei unserem Sondiren in Kurzem die Bemerkung machen, daß er gar nichts mit uns zu schaffen haben wollte, sondern seine ganze Mannschaft aus Holländern zusammenzusetzen gedachte. Ob der Kapitän rechtlich hiezu befugt war und ob er seinen Plan überhaupt aus- sührte, ist mir nicht bekannt; ich erzähle blos, was mir darüber zu Ohren kam. Außer diesem Schiffe lag noch ein schwerer holländischer Jn- dienfahrcr zu Rotterdam, der sich zur Abfahrt nach Java vorbereitete; der Name dieses Schiffes war der „Stadtdeel" — so wird 321 es nämlich mündlich ausgesprochen; wie sich'S übrigens buchstabirt, davon habe ich keine Idee — und ich gerieth auf den Gedanken, einmal auf diesem Schiffe eine Reise zu versuchen. Wie es gewöhnlich Leuten ergeht, welche große Ursache haben, mit sich selber unzufrieden zu seyn, so ging es auch mir — ich hatte mich mit der ganzen Welt Überwürfen und fing an, mich als eine Art Geächteten zu betrachten, ohne zu bedenken, daß ich meine natürlichen Verwandten verlassen hatte, meinem Lehrherrn davongelaufen war und manche Freunde, welche mir mit dem besten Willen und aus allen Kräften zu dienen bereit gewesen waren, muthwillig von mir gewiesen hatte. Ich habe von Natur ein fröhliches Temperament und zweisie keinen Augenblick, daß der düstere Trübsinn, mit welchem ich nunmehr Alles um mich her zu betrachten anfing, von nichts anderem als vom Trinken herkam: ich mußte mich wieder zur See begeben, denn nur dort war ich durch die Disciplin wie durch die Nothwendigkeit an jeder Art von Erceffe» verhindert. Nachdem wir uns noch eine Zeit lang umgesehen und die Sache mit einander besprochen hatten, ließen wir uns zu fünf auf dem „Stadtdeel" anwerben; was die Andern beabsichtigten, weiß ich nicht, mein Plan aber war, jenseits des Kaps der guten Hoffnung zu gelangen, um nie mehr in die Heimath zurückzukehren: dort auf der andern Seite unserer Halbkugel mußten sich Gelegenheiten genug darbieten, mir ein behagliches Auskommen zu sichern, und ich war ja auch in den Mitteln und Wegen in jenem Theile der Erde keineswegs unerfahren: ich konnte zwischen Bombay und Can- ton genug zu thun finden und -war dies auch nicht möglich, so hatte ich immer noch die Inseln und den ganzen stillen Ocean vor Augen. Den Secmannsdienst verstand ich aus dem Fundament, genoß dabei einer erträglichen Gesundheit und Leibesstärke und wußte, daß man solche Leute überall brauchen konnte; wo nur ein Schiff zu finden Netz MycrS. 21 322 war, durste auch der Matrose nicht feisten, denn Schiffe, Thaler und Grobiane sind ja jetzt allenthalben auf dem ganzen Erdenrnnde zu treffen. Der Stadtdeel lag zu Dort, weßhalb wir uns nach jenem Hafen begeben mußten; das Schiff war noch nicht segelfertig, und da Alles nach acht holländischer Weise recht sicher und bedächtig betrieben wurde, so blieben wir fast sechs Wochen in Dort liegen, bis das Schiff endlich zur Abfahrt bereit war. Dasselbe hatte die Größe einer Fregatte und führte zwölf Kanonen mit einer Bemannung von etwa vierzig Köpfen, was für ein solches Fahrzeug sehr wenig war. Eben diese Mannschaft bot eine sonderbare Mischung von Seeleuten dar: die Meisten waren aus dem Norden von Europa, wie z. B. Russen, Dänen, Schweden, Preußen, Engländer und Nordamerikaner; Holländer waren nur sehr wenige darunter. Einer von den Steuermännern und zwei von den Unteroffizieren sprachen etwas Englisch, so daß wir im Ganzen unserer achte waren, welche in dieser Sprache mit einander verkehren konnten. Wir mußten Holländisch lernen, so schnell wir's vermochten und kamen auch ziemlich gut damit zurecht, denn noch vor unserer Abfahrt konnte ich die gewöhnlichen Kommando'S ohne sonderliche Mühe verstehen, da jene Sprache in der That nichts anderes, als ein etwas platt gedrücktes Englisch ist. So lange wir zu Dort verblieben, war die Behandlung an Bord unseres Schiffes recht erträglich: die Verköstigung wollte sich zwar nicht sonderlich gut anlaffen, konnte aber wenigstens für ausreichend gelten; dagegen war die Arbeit sehr streng und das Wetter kalt, was mich übrigens Alles nicht abzuschrecken vermochte. Unser Lohn belief sich auf acht Thaler monatlich — ich hatte dieser Anstellung halber auf einem amerikanischen Schiffe achtzehn Thaler zurückgelaffen und man sieht, welch trefflichen Dienst mein launisches Temperament mir wieder geleistet hatte! Kaum war der Stadtdcel in den Fluß ausgelaufen, als die I 323 Behandlung auf demselben sich wesentlich änderte: Angesichts unseres Abfahrtsplatzes wurden wir auf ein Minimum von Nahrung und Wasser herabgesetzt und das Tauende begann unter der Mannschaft zu stiegen, mit Ausnahme von uns Fünfen, welche man nie zu berühre» wagte, ohne daß ich einen andern Grund dafür anzugeben wüßte, als daß man vielleicht in dem Ausdrucke unserer Mienen das Geheimniß dessen, was in uns vorging, lesen mochte. Dagegen wurden wir — was wir freilich bloS vermuthen konnten — mit einer wahren Fluth von plattdeutschen Flüchen traktirt, welche wir ihnen aber auf gut Englisch mit reichen Zinsen znrückgaben. Ich brauche wohl kaum beizufügen, daß wir Engländer und Amerikaner den Schritt, den wir gethan hatten, sehr bald zu bereuen anfingen; mit Sehnsucht wünschte ich mich jetzt an Bord der „Hoffnung" zurück, denn die Prophezeiung meines früheren Schiffsherrn war nunmehr — und vielleicht früher, als er selbst geahnt hatte — zur traurigen Wahrheit geworden. Dießmal war der Widerwille gegen mein Dienstschiff in vollem Maaße gerechtferligt, doch hatte ich die Strafe, welche mir jetzt zu Theil wurde, reichlich verdient: denn wer hieß mich so blindlings in einen Dienst eintreten, der in jeder Hinsicht den Leistungen, welche mir gebührten, so gewaltig nachstand? Das Brod auf dem Schiffe war zwar gesund, wie ich glaube, dabei aber fast ganz schwarz und von einer Gattung, wie ich es durchaus nicht gewöhnt war. Doch erhielten wir selbst von dieser geringen Qualität nur fünf Pfund wöchentlich, während in unserer Marine jeder Mann auf die Woche sieben Pfund trefflichen Brodcs empfängt, wie man es sogar an einer vornehmen Tafel serviren könnte. Das Fleisch war dem Gehalte nach nicht viel besser als das Brod und in eben so knickerigen Portionen ausgetheilt: es gab nur ein gutes Gericht auf dem Stadtdeel, und das bekamen wir auch jeden Morgen, nämlich Gerstengrütze, welche ich mit der Zeit sehr gerne genoß und die mir einzig und allein die nöthigc Stärke zur 324 Verrichtung meines Dienstes verschaffte. In der That war ste eines der besten Gerichte, welche mir jemals auf der See vorgekommcn sind und würde sich, wie ich glaube, mit großem Vortheil auch in unserm Dienste einführen lassen, denn „gute Kost gibt gute Arbeit," ist ein Sprüchwort, dessen Wahrheit auf Schiffen am besten bewährt wird. Wie alle unsere Bewegungen gemächlicher und langsamer Art waren, so blieb unser Schiff in Erwartung von Passagieren volle drei Wochen zu HelvoelsluiS liegen, und während dieser Zeit faßten wir fünf,' nämlich drei Engländer und zwei Amerikaner, den vernünftigen Entschluß, das Schiff zu verlassen. Wir wollten uns nämlich, während wir den Kanal hinabfuhren, eines Bootes bemächtigen und damit nach England übersetzen, denn wir wünschten uns lieber der ganzen Gefahr eines solchen Schrittes auszusetzen, als eine so lange Reise unter einer Behandlung und Verköstigung auSzuhalten, welche unsere Unzufriedenheit allmählig bis zuin Widerwillen gesteigert hatte. Endlich hatten wir alle Passagiere eingenommen, bestehend aus einer Familie, deren Haupt in holländischen Diensten Admiral war oder diese Stelle wenigstens begleitet haben sollte: dieser wollte jetzt mit seiner Gemahlin, mehreren Kindern, Dienern und einer Dame, welche eine Begleiterin seiner Frau zu sehn schien, nach Java übersegeln, um daselbst zu verbleiben. Sobald diese Familie am Bord war und der Wind sich günstig gestaltete, gingen wir unter Segel; der Plato stach zu gleicher Zeit mit uns in See und wenn ich mich auch an dessen Bord zurückschnte, .so ließ ich mir doch nicht träumen, daß ich so bald auf dieses nämliche Schiff — das letzte, auf welchem ich unter Segel war, geworfen werden sollte. Ich hatte eben das Lothen zu besorgen, als wir an dem Plato vorüberfuhren, denn unser Schiff, wenn auch ein Holländer, besaß doch ein paar flüchtige Fersen, segelte und arbeitete vortrefflich und war besonders in Allem, was sich auf die Sicherheit eines Fahrzeuges bezieht, ein Kapitalkerlchen, so schlecht auch Kost und Behänd- 325 lung auf demselben beschaffe» sehn mochten. Es war dieß seine erste Reise und er galt allgemein sür das größte unter allen Rotterdamer Schiffen. Der Stadtdeel muß im Mai 1839, also ungefähr dreiunddreißig Jahre, nachdem ich von New-Vork aus meine erste Fahrt aus dem Sterling angetreten hatte, von HelvoeiluyS abgegangen seyn. Diese ganze Zeit hindurch hatte ich mich auf der See umhergetrieben, mich wie ein Hund geplagt, hatte Gesundheit und Leben in der mannigfaltigsten Weise aufs Spiel gesetzt, und dieses Schiff mit der Stellung, welche ich darauf bekleidete, war so ziemlich Alles, was ich als Frucht meiner Mühen aufzuweisen hatte. Doch, Gott sey gelobt! meine Reise, welche sich im Anfang so unvortheilhaft anließ, wurde am Ende noch die glücklichste, an der ich jemals Aniheil genommen hatte. So lange wir uns im Kanäle befanden, zeigte sich nirgends eine Gelegenheit für uns, den entworfenen Entweichungsplan endlich zu vollführen: der Wind war günstig, aber auch so stark, daß es nicht leicht gewesen wäre, ein Boot in's Wasser zu bringen, und überdieß war cs noch Heller Tag, als wir nur wenige Stunden nach unserer Abfahrt die Straße von Dover paffirten. Der Wind hielt sich in dieser Richtung, bis wir die Region der Nordostpaffat- winde erreichten und in raschem Laufe bis zu den ruhigen Breiten hinabfuhren. Diese ganze Zeit über war die Behandlung so schlecht wie immer oder womöglich noch schlechter, und unsere Unzufriedenheit stieg mit jedem Tage. Mit Ausnahme der Schiffsjungen befanden sich nur ein paar geborene Holländer auf dem Vorkastell, und unter diesen ein Mann, der sich als gemeiner Matrose eingeschifft hatte. Er war, glaub' ich, Soldat gewesen, wenigstens trug er eine Medaille, welche er bei einer der letzten Affairen zwischen Holland und Belgien davongetragen hatte. Der Mann mochte wahrscheinlich im Seemannsdienste noch keine sonderliche Geschicklichkeit besitzen, möglich, 326 daß er auch ein Trinker war, obgleich er mir zur Zeit des Vorfalls, den ich zu erzählen im Begriffe stehe, ganz nüchtern vorkam. Der Kapitän war eines Tages ungehalten auf ihn, schimpfte und tobte und schlug ihn heftig mit einem Tanstücke; die Damen mischten sich in die Sache und halfen dem armen Burschen aus der Klemme, worauf ihn der Kapitän gehen ließ und ihn auf das Vorkastell beorderte. Wie er nun eben diesem Befehle gehorchte, stieß er auf den Obcrsteuermann, welcher von Neuem über ihn herfiel und ihn noch viel ärger durchprügelte. Der Mann ging nun hinunter und schickte sich an, wie der Kapitän befohlen hatte, seine Hängematte zu suchen — was mir allerdings wahrscheinlich macht, daß er eigentlich doch betrunken gewesen war — als der Nutersteuermann, vielleicht ohne zu wissen, was vorgegangen, ihn auf seinem Posten vermißte, zu ihm hinabeilte und ihn mit Schlägen wieder auf's Verdeck heraufjagtc. Diese wiederholten Mißhandlungen schienen den armen Burschen in eine verzweifelte Stimmung versetzt zu haben; er rannte plötzlich nach der unteren Leesegelspiere des Steuerbords und stürzte sich von da in'S Meer hinab. Das Schiff befand sich gerade in der Region der Nordostpaffatwinde und machte acht bis neun Knoten in der Stunde, drehte aber trotz dem sogleich bei und ließ ein Boot auS- setzen — ohne daß der Mann wieder nufgefunden werden konnte. Es ist etwas Ergreifendes um den Anblick eines armen Nebenmenschen, der zu derlei wahnsinnigen Handlungen getrieben wird, und die Scene machte, so viel ich bemerken konnte, auf uns alle einen gleich tiefen, düster» Eindruck. Ich will nicht behaupten, daß dieser Mann keine Züchtigung verdient oder daß die beiden Steuermänner um das, was er früher durch den Kapitän erlitten, gewußt hatten — allein die brutalste Behandlung war an Bord dieses Schiffes dermaßen zur Regel geworden, daß der Vorfall uns Fünf beinahe zur Verzweiflung brachte. Hätte die Mannschaft aus Amerikanern bestanden, — sie würden ganz 327 gewiß die Offiziere fest genommen und das Schiff in den Hafen zurückgebracht haben. Zwar scheint die Peitschenstrafe für manche Naturen unerläßlich, und ich will keineswegs behaupten, daß mau eine Mannschaft wie die unsere ohne sie hätte zurecht bringen können; aber eben so gewiß ist auch wieder, daß man uns oft als Menschen hätte behandeln dürfen, ohne daß ein Schaden daraus entstand. Wie gesagt, der Tod dieses Mannes machte auf dem ganzen Schiffe einen sehr tiefen Eindruck: die Passagiere schienen schmerzlich davon ergriffen und der Kapitän besonders schien die Sache sehr zu bedauern. Er war vielleicht nicht im Geringsten zu tadeln, denn die Strafe, welche er über den armen Teufel verhängt hatte, war ganz der Art, wie Schiffsherrn sie oft ihren Leuten diktiren: dagegen zeigte sich die Mannschaft gegen die beiden Steuermänner, von denen besonders der Eine allgemein verhaßt war, auf's Tiefste ergrimmt. Was unser kleines Häufchen betraf, so begannen wir abermals ein Komplott zu schmieden, um endlich des Schiffes los zu werden und kamen nach langer Berathung zu folgendem Entschlüsse. Ungefähr ein Dutzend von uns nahm an der Verschwörung Theil, welche keine Seeräubcrei, überhaupt keine Gewaltthat beabsichtigte, sofern letztere nicht durch die Selbstvertheidigung geboten würde — und eben so wenig auf Plünderung irgend einer Art ausging, so weit nämlich unser Zweck dies nicht unerläßlich machte. Während das Schiff die Straße von Sunda passirte, wollten wir so viele Boote, als wir brauchten, in's Wasser bringen, dieselben mit Waffen, Lebensmittel und Wasser versehen und sodann das Schiff verlassen: unsere übrigen Kameraden, wenn sie nicht etwa zum größten Theile mit uns abzögen, würden, wie wir mit Zuversicht erwarteten, sich unserem Vorhaben wenigstens nicht widersetzen. Ich sehe jetzt recht gut ein, daß dies ein verzweifelter, nicht zu rechtfertigender Plan war, ich selbst aber war allmählig an Bord dieses Schiffes zu einem verzweifelten Trotze getrieben worden und wollte lieber mein Leben wagen, als noch länger daselbst verweilen. 328 Auch will ich nicht läugnen, daß ich zu den Rädelsführern in der ganzen Sache gehörte, obwohl ich mir deutlich bewußt bin, keinen andern Beweggrund, als den Wunsch der Flucht gehabt zu haben. Es war offenbare Meuterei, was wir vorhatten — und der einzige Fall dieser Art, in welchen ich jemals verwickelt gewesen. Ich habe schon tausendmal Grund genug gehabt, mich darüber zu freuen, daß der Anschlag gar nicht zur Ausführung kam, denn bei der feindseligen Gesinnung der Mannschaft gegen die Offiziere — besonders gegen die beiden Steuermänner — bin ich fest überzeugt, daß er eine fürchterliche Scene des Blutvergießens zur Folge gehabt hätte. Ich dachte damals nicht daran und hoffte mit Zuversicht, unsere Flucht bewerkstelligen zu können, ohne auf Widerstand zu stoßen; aber wäre sie uns gelungen — welches Loos hätte wohl unser kleines Häuflein Matrosen getroffen, wenn wir in Schiffsbooten in einen englischen Hafen eingelaufen wären? Wahrscheinlich wären wir als Seeräuber vor Gericht gestellt und auch einige, wenn nicht gar alle, zur Strafe aufgehängt worden. Das Schiff war bereits an der Insel St. Paul vorüber, und wir warteten ungeduldig auf seinen Eintritt in die Sundastraße, als sich ein Vorfall ereignete, welcher der beabsichtigten Meuterei ein Ziel setzte und wie ich in Demuth hoffe, dem ganzen Strome meines ferneren Lebens eine andere Richtung anwies. In einer stürmischen Nacht, als eben die Mittelwache aufge- rufcn wurde — das Schiff stand gerade unter dicht gereffte» Marssegeln und hatte das große Segel völlig beschlagen — ging ich wie gewöhnlich aufs Verdeck au meinen Posten. Auf meinem Wege zwischen dem Langbvot und der Kombüse mußte ich über einige Stengen steigen, welche dort festgebundcn waren, und während ich eben auf dem Spierenhanfen stand, that das Schiff einen plötzlichen Ruck, ich verlor das Gleichgewicht und fiel der ganzen Länge nach auf meine linke Seite. Ich hatte eben die Arme in die Höhe gehoben, um dort nach einer Handhabe zu greifen; so war mein 329 Sturz durch nichts gehemmt und ich fiel mit meiner ganzen Schwere aufs Verdeck, so daß meine Hüfte die volle Gewalt des Stoßes auszuhalten hatte. Der Schmerz, den ich empfand, war sehr heftig und es dauerte längere Zeit, bis meine Kameraden mich nur anrühren durften. Nach einiger Zeit wurde ich in das Volkslogis * getragen/ wo man für nöthig fand, mich statt in die Hängematte — auf ein Rüstenwrack zu binden. Wir hatten einen Arzt an Bord, der aber nichts für mich thun konnte; meine Kleider durste man mir nicht abnehmen und so lag ich da, Stunde um Stunde, durchnäßt und unter Schmerzen, welche fich nur schwer beschreiben ließen. Ich befand mich jetzt in der That auf einem wahren Bett der Reue: körperlich völlig hülslos, schien mein Geist ungleich thätiger zu sehn, als er je zuvor gewesen war. Mein ganzes Leben seit der Stunde, da ich mich als Knabe zum ersten Male betrunken hatte, zog in fortlaufenden Bildern an mir vorüber; jede Gefahr, deren ich in dieser meiner Lebensskizze erwähnte und viele andere, von denen ich nicht gesprochen habe, tauchten mit einer Treue, einer Wahrheit vor mir auf, welche mir deutlich bewiesen, daß man ein Tagebuch nicht so genau zu führen vermag, als unser Gewissen die Thaten dieses Lebens aufzeichnet. Ich erkannte nunmehr, daß ich selbst mein schlimmster Feind gewesen war und wie viele treffliche Gelegenheiten, in der Welt vorwärts zu kommen, ich leichtfinnig und muthwillig an mir vorbei gelassen hatte. Das Laster des Trunks, das mich in schlechte Gesellschaft gelockt, meine Gesundheit und Körperkraft untergraben und meine Hoffnungen vernichtet hatte, war allein die Wurzel aller Unglücksfälle und Verirrungen meines Lebens. Ich versuchte zu beten, wußte aber nicht wie, und es kam mir vor, als ob ich ohne Ausficht auf Gnade körperlich und geistig für immer verloren wäre. » Auf Kauffahrteischiffen der Vorplatz vor der Kajüte, wo die Matrosen wohnen. D. U. 330 Meine Kameraden besuchten mich verstohlener Weise und ich suchte ihnen, so klar als ich dies in meiner Gewalt hatte, die Thorheit und Gottlosigkeit unserer beabsichtigten Meuterei vor Augen zu stellen; ich sagte ihnen, daß wir steiwillig an Bord des Schiffes gekommen wären und kein Recht besäßen, in unserer eigenen Sache als Richter aufzutreten; daß wir eine Grausamkeit begehen würden, wenn wir ein Schiff, das Frauen und Kinder an Bord führe, auf hoher See verließen; daß die Malayen uns wahrscheinlich die Kehlen abgeschnitten hätten und der Stadtdcel höchst wahrscheinlich einem Schiffbruche entgegen gegangen wäre. All' dieses Unheil hätten wir verschuldet und besäßen also vollen Grund, dankbar dafür zu seyn, daß unser Vorhaben vereitelt worden sey. Die Leute hörten mir aufmerksam zu, versprachen jeden Gedanken an Vollführung des Aufruhrs aufgeben zu wollen und hielten auch wirklich Wort, denn ich hörte später nie mehr, daß von der Sache wieder gesprochen worden wäre. Welchen Schaden ich eigentlich genommen hatte — das war nicht leicht anzugeben. Der Doktor bewies sich sehr freundlich gegen mich, konnte aber nicht mehr thun, als mir bessere Kost und kleine Erleichterungen zukommen lassen. Der Kapitän aber hatte sich, scheint es, durch den Steuermann gegen mich einnehmen lassen, und dieser mußte offenbar glauben, ich wolle meine Verletzung für weit bedeutender auSgebcn, als sie in der That war. Am Bord des Schiffs befand sich ein Knabe aus gutem Stand, welcher hier seine Seemanns-Laufbahn antreten sollte; seine Back hatte er im Hintertheile des Schiffs und war eine Art von feinem Kajütenjungen; er konnte nicht über zehn bis eilf Jahre alt seyn, bewies sich aber gegen mich wahrhaft als mein Schutzengel. Er brachte mir Leckerbissen und zeigte mir viele Thcilnahme, so daß wir oftmals Thränen mit einander vergossen. Auch die Damen und Kinder des Admirals besuchten mich zuweilen und bezeugte» 331 das tiefste Mitgefühl für meine traurige Lage, was mein Gewissen besonders wegen der mannigfaltigen Gefahren, denen ich sie auszusetzcn beabsichtigt hatte, auf's schwerste peinigte. Die Scenen, welche ich täglich vor mir hatte, sowie meine Lage besänftigten allmählig mein Herz und so begann das Bild meiner moralischen Häßlichkeit sich mir nach und nach in einer Weise vor Augen zu stellen, welche sehr heilsam auf meine Rettung hinwirkte. Ich blieb zwei Monate auf meinem Schmerzenslager und wahrlich, es waren bittere Monate für mich. Das Schiff war zu Batavia angelangt, und der Kapitän wie der Steuermann kamen herbei, um zu sehen, was mit mir anzufangen scp. Ich verlangte ins Spital gebracht zu werden; der Steuermann aber blieb steif und fest auf seiner Meinung, daß mir gar nichts fehle, und wollte mich auf dem Schiffe zurückbehaltcn sehen. Dies geschah und ich fuhr nach Terragall, wo unsere Passagiere ans Land gebracht wurden. Letztere nahmen zuvor noch alle von. mir Abschied; der Admiral schenkte mir eine Menge Taback nebst einer noch ganz guten Jacke, welche er selbst zur See getragen hatte und die ich mir bis auf diesen Augenblick anfbewahrt habe, auch seine Damen sprachen sehr freundlich mit mir und jedes ihrer Worte verwundete auf's Neue mein schuldbewußtes Herz. Von Terragall segelten wir nach Sourabaya, wo ich den Kapitän endlich dazu vermochte, mich in das Spital zu schicken, trotzdem daß der Steuermann noch immer hartnäckig behauptete, meine anscheinende Arbeitsunfähigkeit sey reine Verstellung. Die Aerztc zu Sourabapa — der eine von ihnen war ein Schotte — waren mit dem Steuermann gleicher Meinung, so daß ich nach Verlauf von zwanzig Tagen abermals an Bord des Schiffs gebracht wurde, das nach Samarang weiter segelte. Zu Svurabaya traf ich fünf englische Matrosen im Spital, welche eben so elend und verlassen wie ich selbst dalagen, so daß der Tod uns Allenjeden Augenblick ins Gesicht grinste. Von den Leuten, 332 welche ins Spital gebracht wurden, starben nämlich manche schon am andern Tag und keiner von uns wußte, an wen zunächst die Reihe kommen würde. Wir sprachen oft in unserer ungelehrten Weise über religiöse Gegenstände ustd sehnten uns sehr nach einer englischen Bibel, welche leider a» diesem Orte nicht zu haben war. Hier war es auch, wo mir jene Predigt, die ich auf Staten-Jsland gehört und die abermals gebrochenen Befferungsvorsätze, welche ich jn mir gefaßt hatte, wieder in den Sinn kamen und mehr als einmal stieg der Gedanke in mir auf, wenn Gott mich die Heimath wieder erreichen ließe, so wollte ich jenen Priester aufsuche» und ihn um seinen geistlichen Rath und sein Gebet anflehen. Bei unserer Ankunft zu Samarang brachte der Steuermann von einer holländischen Fregatte einen Doktor herbei, welcher mich für kerngesund erklärte. Ans diese Art wurden, meine vier Landsleute und den kleinen Jungen ausgenommen, fast alle andern Matrosen auf dem Schiff sehr gegen mich aufgebracht, denn ste glaubten, ich sey ein verstockter Faullenzer, der alle Arbeit auf ihre Schultern abladcn wolle, und so wurde mir befohlen, mich auf's Verdeck zu begeben und Ningbolzcn für die Kanonen anzufertigen, damit ich wenigstens einigermaßen beschäftigt wäre. Gehen konnte ich nicht und mußte also im wörtlichen Sinne ans Händen und Füßen aus dem Verdeck umherkrabbeln, was mir große Schmerzen verursachte, ohne daß ich Glauben für meine Klagen gefunden hätte. Die Arbeit selbst war freilich ganz leicht, sobald ich einmal auf dem Boden saß, aber jede Bewegung von der Seite erneute meine unbeschreiblichen Leiden. Ich war übrigens nicht der Einzige, der für einen Faullenzer gehalten wurde, denn der Doktor selbst wurde krank und auch ihn wollte der Steuermann, wie er's bei mir gemacht, der absichtlichen Dienstentziehung beschuldigen. Unglücklicher Weise wurde er aber durch den zweiten Patienten Lügen gestraft, denn dieser starb nach wenigen Tagen. 333 Ich wurde zu dem oben beschriebenen Geschäfte angehalten, bis das Schiff abermals Batavia erreichte. Hier kam von einem anderen Schiffe ein Arzt zu uns auf Besuch, welchem man auch meinen Krankheitsanfall erzählte; der Steuermann rief mich anf'S Quarterdeck, um mich daselbst untersuchen zu lassen. Ich kroch mühsam nach dem Hinterkastell und man brachte mich dann in die Kajüte, wo der fremde Doktor mich besichtigte und erklärte, ich müsse auf der leidenden Stelle gebrannt werden — natürlich nur ui» mich vermöge der Angst wieder zum Dienst anzutreiben. Nach dieser Untersuchung ging ich wieder auf mein Vorkastell und weigerte mich nun auf's Bestimmteste, noch ferner eine Hand anzulegen. Da lag ich denn, von Allen — außer meinen vier Freunden — gescholten und vernachlässigt: mein Leiden hatte mich zur Verzweiflung gebracht, ich kümmerte mich jetzt nichts mehr um die weiteren Folgen und erklärte dem Steuermann, meine Schmerzen sehen zu heftig, als daß ich arbeiten konnte — ich müsse nothwen- dig an'S Land gebracht werden. Zum Glück für mich erkrankten zwei von der Mannschaft an Fieber und Kopfweh und da unser Doktor todt war, so ließ inan den Arzt des Admiral-Schiffes zum Besuche der Kranken herbeiholen. Der Steuermann hätte gar zu gerne einen neuen Beweis gegen mich aufgebracht und bat deßhalb den Admirals-Arzt, auch zu mir herabzukommen und mich zu besichtigen. Kaum hatte dieser seinen Blick auf mich geheftet, als er die Hände über den Kopf zusammenschlug und laut auSrief, ob man mich denn tödten wolle, denn er erkannte sogleich, daß ich kein Betrüger war und gab dies — so viel ich von seiner Rede verstehen konnte, in sehr deutlichen Worten zu erkennen. Der Steuermann schien von Schaam und Reue betroffen und ich glaube, daß Jedermann auf dem Schiff die Härte und Ungerechtigkeit bedauerte, mit der man mich behandelt hatte. Ich nahm mir Gelegenheit, gegen den Steuermann mein Herz auSzu- 334 leeren und ihm die Nothwendigkeit vorzustellen, mich unverzüglich in's Spital zu senden. Er versprach, dem Kapitän meine Angelegenheit vorzutragen, worauf ich den andern Tag an's Land gebracht wurde. Meine beiden höchsten Wünsche waren — ins Hospital zu gelangen und mir eine Bibel zu verschaffen: ein Aufkommen erwartete ich nicht mehr, da das eine meiner Beine schon über die Hälfte zusammengeschrumpft war und offenbar immer schlimmer wurde — konnte ich also Ruhe für meinen Körper und Trost für meine Seele finde», so fühlte ich, daß ich glücklich werden würde. Von meinem amerikanischen Schiffskameraden, einem New- Vorker Landsmanne» der vom Hudson-Flusse stammte, hatte ich äußern hören, daß er eine Bibel besitze; ich hatte sie aber nie gesehen, denn nach achter Matrosensttte ließ er sie unberührt auf dem Boden seiner Kiste liegen. Ich bot ihm für seine Bibel eines meiner Hemden; er wollte aber keine Bezahlung aunehmen und machte sich ein Vergnügen daraus, mir das Buch zum Geschenke zu geben, worauf ich ihm übrigens doch noch mein Hemd als eine Art von Andenken aufdrang. Jetzt hatte ich zwar das gewünschte Buch, konnte aber nicht darin lesen, da es mir an einer Brille gebrach. Ich hatte nunmehr ein Lebensalter erreicht, wo die Schärfe der Augen nachzu- laffen anfängt, und den meinen hatte der frühere Aufenthalt zu Florida bedeutend geschadet. Im Spital zu Sourabaya hatte ich durch den Verkauf eines schwarzseidsnen Halstuches einige Rupie» eingenommen und da ich jetzt eine Brille nöthig fand, so verhandelteichein Paar Stiefel, deren geringen Erlös ich zu der noch ausbewahrten Summe schlug und mich reich und glücklich fühlte in der Aussicht, das Wort Gottes fortan ganz nach dem Drange meines Herzens studiren zu können. Als ich das Schiff verließ, drückten mir Alle vom Vor- und Hinterkastell die Hand, denn der Ausspruch des Admirals-ArzleS hatte 333 die allgemeine Meinung über mich und mein Benehmen gänzlich umgewandelt. Der Kapitän schien seine strengen Maaßregeln gegen mich zu bereuen und wollte gern Allem aufbieten, um mir meine Lage erträglich zu machen: mein Matrosenlohn wurde bei einem Kaufmannshause deponirt und sollte mir ausbezahlt werden, sobalv ich das Spital oder die Insel verlassen könnte; in ersterem Falle sollte ich nach Holland geschickt werden und überhaupt Alles geschehen, was Gesetz und Recht für meine Lage vorschrieben. Der Leser darf sich übrigens nicht einbildcn, daß ich mich während dieser Zeit als einen duldenden Heiligen betrachtet habe — im Gegentheil, als man mich für einen Betrüger erklärte, erinnerte ich mich, wie ich einst auf dieser nämlichen Insel in der That eine Krankheit geheuchelt hatte, und als ich das Spital betrat, konnte ich der Umstände nicht vergessen, unter denen ich fünfzehn bis zwanzig Jahre früher zu dessen Bewohnern gehört hatte. Damals stand ich in der Blüthe meiner Kraft und Jugend und jetzt — wie zur Strafe für meinen früheren Betrug zum elenden Krüppel geworden — lag ich unter einem halben Dutzend derselben Betten, auf welchen ich damals ruhte, als ich eine Krankheit vorgegeben hatte, welche nicht wirklich vorhanden war. Unter solchen Umständen ist unser Gewissen ein sicherer Mahner, einen Sünder an jede seiner Miffethatcn zu erinnern. Der Hospitalarzt setzte mich ans sehr schmale Diät; er gab mir eine Salbe, um mich damit „einzuschmieren", wie er's nannte, und befahl mir, das Bett nicht zu verlassen. Durch einen von den CoolieS^ des Spitals verschaffte ich mir eine Brille aus der Stadt — von einer Form und Größe, daß die Leute in Amerika ihre U'eberreste noch heutigen TagS als eine Kuriosität anstaunen. Sie erfüllte aber jedenfalls ihren Zweck und setzte mich in den Stand, ' Coolies — ei» hindnischeS Bergvolk in Bengalen, das in neuerer Zeit thcilweise zur Ansicdlung nach der Insel Mauritius versetzt worden ist. D. U. das kostbare Buch zu lesen, das ich von meinem Schiffskameraden und Landsmanns erhalten hatte. Dieses Buch war ein Exemplar aus der Druckerei der amerikanischen Bibelgesellschaft und wenn auch keines ihrer Werke etwas Gutes gestiftet hätte, so müßte doch das fragliche als eine Ausnahme betrachtet werden, wie es denn auch seitdem zum Andenken der großen Umwandlung, welche es in mir bewirkte, auf der Bibliothek derselben Gesellschaft aufgestellt worden ist. Meine einzige Beschäftigung war Lesen und Nachdenken. Auf einer fernen Insel lag ich hier, von Krankheit umringt, während der Tod täglich, ja stündlich unter meiner Umgebung einkehrte, welche großtentheils aus Leuten bestand, deren Sprache mir nicht einmal bekannt war. Es dauerte mehrere Wochen, bis ich nur mein Lager verlassen durfte: schon che ich das Schiff verließ, hatte ich zu lesen angefangen und setzte diese Uebung fast stündlich fort, bis ich die Erlaubniß zum Ausstehen erhielt. Ein bekehrter Lascare befand sich gleichfalls im Spital und als dieser meine Beschäftigung sah, kam er zu mir, um sich in seinem gebrochenen Englisch mit mir zu unterhalten. Er gab mir ein Gesangbuch, und eines der ersten Lieder, die ich las, gewährte mir einen wunderbaren Trost, denn es war von einem Manne verfaßt, der eben so wie ich Matrose und dazu fast eben so gottlos wie ich gewesen war, seither aber durch Lehre und Beispiel unendlich viel Gutes gestiftet hat. Dieses Gesangbuch las ich nun neben meiner Bibel; aber wie soll ich das Entzücken ausdrücken, welches ich empfand, als mir der nämliche Lascare ein Exemplar der „Pilgerfahrt" ^ einhändigtc, ein Buch, das in meinen Augen höchstens der Bibel nachsteht und mich erst recht in den Stand setzte, gar Vieles von dem, was ich im Worte Gottes gefunden hatte, richtig zu verstehen und anzuwenden — ein Buch, das so viele Aussichten auf Hoffnung vor meinen Augen * ,Pitgrim's Progreß, ° von dem bekannten Bunpan. D. It. entfaltete, daß ich erst jetzt zu fühlen begann, wie Christus für mich eben so gut wie für die übrige Menschheit in den Opfertod gegangen sey. Ich dachte, wenn der Verbrecher am Kreuze noch Rettung finden konnte, so bedürfe es selbst bei einem gottlosen Sünder, wie ich gewesen war, nur des Glaubens und der Reue, um Antheil an der Gnade des Erlösers zu gewinnen. Die ganze Zeit über sehnte ich mich sehr nach religiösem Unterrichte und meine Gedanken kehrten immer und immer zu jener Predigt im Matrosenasyle, wie zu dem Geistlichen zurück, welcher dieselbe gehalten hatte. Im Fieberhospital lag ein amerikanischer Zimmermann, der mir, sobald er von meinem Zustande hörte, einige Trakiätchen übergab, die er aus der Heimath mitgebracht hatte. Er selbst war nicht gerade fromm, die Umstände hatten ihn nur ernsthaft gestimmt und da er im Begriffe stand, den Ort zu verlassen, so war er gern bereit, meinen Bedürfnissen abzuhelfen. Er erzählte mir, in seinem Hospital befänden sich mehrere Engländer, ebenso ein Amerikaner, die eines geistlichen Trostes in hohem Grade bedürften; er gab mir den Rath, mich von meinem Lager aufzuraffen und sie zu besuchen, was ich auch that, sobald es meine Kräfte zuließen. Anfänglich hielt ich mich für zu gottlos, um diesen Leuten meine Gebete und meine Unterhaltung anzubieten, aber mein Gewissen ließ mir keine Ruhe, bis ich es Ihat, denn es kam mir jetzt vor, als ob die Bibel mir eben so gut zu ihrem, als zu meinem Nutzen in die Hand gegeben worden sey und ich konnte nicht eher ruhen, als bis ich ihnen all den Trost gewährt hatte, den ich meinerseits ihnen angedeihen lassen konnte. Ich las zwei bis drei Wochen lang mit diesen Männern in frommen Büchern; Chapman, der Amerikaner, war derjenige, der seinen sittlichen Zustand als den hoffnungslosesten betrachtete. War ich nicht im Stande selbst zu ihnen zu gehen, so schickte ich ihnen meine Bücher, und Ned Mpers. 22 338 die Bibel nebst der Pilgerfahrt wurde auf diese Art Woche um Woche beständig unter uns gewechselt. Diese ganze Zeit verlebten wir so zu sagen auf einem blutigen Schlachtfelde; in ganzen Schaaren starben die Menschen um uns her und meistens schon in den ersten Stunden ihrer Krankheit. In Batavia ist gerade diese Jahreszeit im höchsten Grade ungesund und war auch die Gefahr keineswegs so groß, als sie bei meinem ersten Besuche gewesen war, so glich die Stadt doch immer noch einem Golgatha — einer Schädelstätte. lieber die Häifte derer, welche in das Fieberspitdl gebracht wurden, durften es nur als Leichen wieder verlassen. Unter meinen englischen Freunden, wie ich sie nenne, befand sich ein auch junger Schotte von etlichen fünfundzwanzig Jahren; er hatte unseren meisten Vorlesungen und Unterredungen angewohnt, ohne übrigens, wie mir schien, die Nothwendigkeit zu fühle», sich gleich seinen Kameraden um sein Seelenheil zu bekümmern. .Eines Tages besuchte er mich, um Abschied von mir zu nehmen — er sollte nämlich das Hospital am andern Morgen verlassen. Ich sprach mit ihm über sein zukünftiges Leben und suchte einige dauernde Empfindungen für so ernste Dinge in ihm zu erwecken. Er hörte mir mit geziemender Achtung zu, aber seine Antworten waren leider höchst leichtfertig, obgleich er um kein Haar anders dachte, als neun Zehutheile der Menschen, wenn sie überhaupt über derlei Gegenstände nachsinnen, zu räsonniren Pflegen. „Wozu soll ich so frühzeitig entsagen?" so lautete seine Antwort; „ich bin jung, kräftig, bei guter Gesundheit und habe nach leewärts noch Seeraum in Fülle, um später, wenn's einmal Gelegenheit gibt, das Alles zur Genüge einzuholen. Wer nicht lebt, so lange er kann, wird niemals zum Leben kommen." Ich laS ihm zwar das Gleichniß von den klugen und thörichten Jungfrauen; er schien aber gleichwohl, als er mich verließ, noch hartnäckig auf seiner Gesinnung zu beharren. 339 Meinem Verschlage gegenüber befand sich das LeichenhanS, wohin in der Regel die Körper aller im Spital Gestorbenen zur Sektion geschafft wurden, und nur selten entging einer dem Loose, dem anatomischen Messer anheimzufallen. Dieses LeichenhanS war etwa achtzig bis hundert Schritte vom Hospitale entfernt; zwischen beiden befand sich ein Hof, welcher mit einigen großen Bäumen bewachsen war. Unter einen von diesen Bäumen pflegte ich meistens hinzuhumpeln, sobald ich so weit bei Kräften war, daß ich ausgehen konnte; dort saß ich dann Stunden lang, mit Lesen und Nachdenken beschäftigt. Der Ort war ganz dazu geschaffen, einen Menschen über die Nichtigkeit der irdischen Dinge nachsinnen zu lassen, denn ringsum war man von Tod und Krankheit umgeben und oft sah ich sechs bis acht Leichen über den Hof tragen, während ich auf meinem Plätzchen saß, trotzdem, daß viele bei Nacht in das LeichenhanS geschafft wurden. Hunderte, ja wohl gar Tausende befanden sich im Spital, von denen ein großer Thril mit Tode abging. Am Morgen des zweiten Tags, nachdem ich von dem jungen Schotten Abschied genommen hatte, saß ich wie gewöhnlich unter einem Baume, als ich einige KoolieS einen Leichnam über den Hof tragen sah; sie kamen ganz nahe an mir vorüber, und einer der Koolies gab mir zu verstehen, daß es eben jener oben erwähnte Jüngling sep, den sie hier vorbeitrngen! Kurze Zeit nachdem er mich verlassen hatte, war er vom Fieber ergriffen worden und alle seine Plane künftigen Genusses, seine Lebenshoffnungcn und seine Vorsätze späterer Neue — Alles hatte sein Ziel erreicht! Solche Dinge sind ans jener Insel keineswegs selten, aber auf mich machte der Vorfall einen unauslöschlich tiefen Eindruck; er half mich in meinem eigenen Entschlüsse befestigen und ich benützte ihn — wie ich hoffen darf, mit Erfolg — bei meinen Gefährten, deren Leben bis jetzt noch immer verschont geblieben war. Die Engländer genasen sämmtlich und wurden sofort entlassen; 340 Chapman, der Amerikaner aber blieb noch zurück, da ihn die Krankheit des Landes ausnehmend geschwächt hatte. Mit diesem armen jungen Manne betete und las ich jeden Tag, so gut ich'S selber verstand, nicht ohne ihm, wie ich glaube, viel Trost und Erleichterung zu gewähren. Der Leser kann sich denken, wie ein Sterbender in einem fremden Lande unter lauter Götzendienern sich an den einzigen Landsmann anschmiegen mochte, welcher bereit war, ihm Beistand zu leisten: gerade so stützte sich Chapman auf mich, während alle meine Bemühungen darauf hinzielten, ihm Glauben und Vertrauen zu seinem Erlöser einzuflößen. Er hielt sich für einen zu großen Sünder, um noch zu irgend einer Hoffnung berechtigt zu sehn und meine Hauptaufgabe ging somit dahin, einige jener scharfen GewiffenS- jtacheln bei ihm zu überwältigen, deren Mahnung durch Gottes Gnade in mir selbst zum Schweigen gelangt war. Eines Tags — es war in der letzten Zeit, da ich mit ihm zusammen war — hatte ich ihm die Geschichte von dem Miffethäter am Kreuz vorgelesen; er horchte emsig zu und nachdem ich geendet hatte, ließ er zum Erstenmal einige Zeichen der Freude und Hoffnung an sich gewahren. Als ich ihn verließ, nahm er Abschied Von mir, indem er sagte, wir würden uns nicht Wiedersehen, und mich bat, ihn in mein Gebet einzuschließen, was ich ihm auch versprach. Ich ging dann auf meine eigene Zelle und war noch eben damit beschäftigt, mein ihm gegebenes Versprechen zu lösen, als mir schon die Nachricht seines Todes überbracht wurde. Er ließ mir sagen, er sey als ein glücklicher Mensch gestorben: der arme Bursche — „der glückliche" wäre jedoch der passendere Ausdruck — schickte alle Bücher zurück, welche er von mir entlehnt hatte und es wird wohl dazu beitragen, einen Begriff von der Lage zu geben, in welcher wir uns in Betreff der äußeren Umstände befanden, wenn ich noch beifüge, daß er mir auch einige Kupferstücke zustellen ließ, welche zur Erleichterung seiner Landsleute dienen sollten. 341 Neunzehntes Kapitel. Ungefähr drei Monate nach Chapman'S Tod war ich wieder soweit hcrgestellt, daß ich das Hospital verlassen durfte: gehen konnte ich aber bloS mit Hülfe von Krücken und hatte auch keine Hoffnung vor mir, jemals wieder ganz gesund zu werden. Ich fühlte natürlich eine heiße Sehnsucht, die Heimath wieder zu erreichen , denn all' mein Menschenhaß, mein Groll und meine Entschlüsse, das Vaterland nicht mehr zu sehen, waren verschwunden, seit in meinem Innern eine so wesentliche Acnderung vor sich gegangen war. Meine Gesundheit war im Ganzen gut: Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und eine glückliche Gemüthsstimmung hatten sich als treffliche Aerzte an mir bewährt und wenn ich mich gleich von den Folgen meines Falles nicht ganz erholt hatte und auch nie völlig erholen werde, so war ich doch der gräßlichen „Schauer" los geworden, deren letzter Anfall mich in eben dem Augenblicke traf, wo ich mich von meinem sündhaften Zustande vollständig überzeugt hatte. Ich wußte nichts von Mäßigkeitsvereinen — hatte nie von solchen Dingen gehört oder wenn auch — es wenigstens sogleich wieder vergessen, und dennoch war ich, ohne eS selbst zu wissen, ein Mitglied der wirksamsten und dauerhaftesten aller jener Gesellschaften geworden. Seit meinem Falle habe ich mit Ausnahme von Medizin, die ich nur in sehr kleinen Quantitäten zu mir nahm, keinen Tropfen geistigen Getränkes genossen und fühle jetzt auch nicht das geringste Verlangen darnach: der große Fluch meines Lebens war durch Gottes Barmherzigkeit von mir genommen, und ich habe die letzten fünf Jahre in musterhafter Nüchternheit verlebt. Ich betrachte den Trunk als eines der Hauptwerkzeuge, welches die Hölle zum Verderbniß der Seelen anwendet, und kehre mich fast mit dem- selben Abscheu davon ab, mit welchem ich seither die Sünde zu fliehen suche. Ich schrieb dem Kaufmann, der meine Löhnung in Händen hatte, daß ich das Spital verlassen werde — erhielt aber keine Antwort und beschloß deßhalb, mich in eigener Person nach Batavia zu begeben. Zu diesem Zwecke besorgte ich meine Entlassung aus dem Hospital und kann mit Ucberzeugung versichern, daß ich diesen Ort, welchen ich als ein elender Krüppel und mit gebrochenem Herzen betreten hatte, trotzdem, daß ich jetzt nichts, ja nicht einmal soviel besaß, um mir irgendwo ein Unterkommen suchen zu können — als ein wahrhaft glücklicher Mensch verließ, denn die schwerste aller meiner Bürden war mir vom Herzen genommen und frei und freudig konnte ich durch die Welt ziehen, wenn ich mich auch buchstäblich nur auf Krücken zu bewegen vermochte. Das Hospital liegt sieben Meilen von der Stadt entfernt und ich legte diese Strecke nach holländischer Sitte in einem Kanalboote zurück. Es gibt auf Java viele solcher Kanäle und sie haben die heilsame Wirkung gehabt, die Insel durch AuStrocknsn der Moräste viel gesunder zu machen: so wurde mir erzählt, daß der Kanahaus dem ich mich befand, sich bis auf fünfzig Meilen in das Innere des Landes erstrecke und unter der Leitung der gebietenden Holländer ausschließlich durch die Eingebornen ausgeführt worden sey. Nachdem ich die Stadt erreicht hatte, humpelte ich zu dem mir angewiesenen Kaufmann, bei welchem ich aber eine sehr kühle Aufnahme fand: erjagte, ich hätte bisher schon zu viel gekostet und müßte auf so lange in's Spital zurückkehren, bis sich eine Gelegenheit darböte, mich nach Holland zurückzuschicken. Dies wollte ich jedoch um keinen Preis, denn in's Spital zurückzukehren, konnte mir, wie ich wohl wußte, zu nichts helfen, und mein sehnlicher Wunsch war der, mein Heimathland wieder vor Augen zu haben. Ich verfügte mich nun zu dem amerikanischen Konsul, der mich sehr freundlich empfing, mir aber bedeutete, daß er nichts für mich 343 thim könne, da ich auf einem holländischen Schiffe angekommen sep, wofern ich nicht alle Ansprüche auf meine Löhnung wie auf Vertretung vor holländischen Gerichten fallen lassen wolle. Mein Lohn war eine Kleinigkeit, ihn znrückzulaffen kostete mich also nicht viel Ueberwindung und was eine Verfolgung von Ansprüchen betraf, so hatte ich keine Lust, vor der holländischen Justiz welche zu erheben. Der Konsul besprach sich nun mit dem holländischen Kaufmann und brachte die Sache mit ihm in's Reine. Der „Plato", den ich muth- willig verlassen und der uns von HelvoetSluiS aus Gesellschaft geleistet hatte, befand sich gerade zu Batavia, um eine Ladung nach Bremerhaven cinzunehmen: er hatte einen neuen Kapitän und willigte ein, mich als einen vom Konsul Empfohlenen an Bord zu nehmen. Dies Alles geschah noch am selben Tage, da ich in die Stadt gekommen war und am nächsten Morgen sollte ich auf dem Schiffe ausgenommen werden. Ich hatte den Konsul nicht um Geld gebeten, sondern sein Bürcau in der Erwartung verlassen, daß ich von dem holländischen Kaufmann welches erhalten würde; den ganzen Tag hatte ich noch keinen Bissen genossen und als ich das Haus des Holländers erreichte, fand ich diesen eben im Begriff auf's Land zu gehen, denn wer'S nur irgend vermeiden kann, wird zu dieser Jahreszeit die Nacht gewiß nicht in der Stadt zubringen. Der Kaufmann nahm aber keine Notiz von mir, sondern ließ mich ganz ohne Beistand: vielleicht war ich auch gesetzlich nicht dazu berechtigt. Ich setzte mich nun ans einige Kisten nieder und wollte bis zum Morgen auf diesem Flecke ausharren. — In dieser Stadt und zu solcher Jahreszeit die Nacht in freier Luft und mit leerem Magen zuzubringen, würde mir aber ohne Zweifel den Tod zugezogen haben, auch wenn ich so glücklich gewesen wäre, dem Dolche der mörderischen Malaycn zu entgehen, die mich ohne Zweifel um meiner Kleider willen angcfallen hätten. 3L4 Die Vorsehung nahm sich aber meiner an, denn einer non den Handlungsgehilfen des Holländers, ein geborener Portugiese, erbarmte sich meiner und führte mich nach einem Hause, das von einem neubekehrten Neger bewohnt wurde. Wir fanden indeß große Schwierigkeiten, bis wir Zutritt erhielten, denn der Schwarze behauptete, die Engländer und Amerikamer sepen alle so gottlos, daß er sich vor ihnen fürchte; er änderte aber seine Sprache, sobald er an meinen Reden wahrnahm, daß ich nicht zu den christlichen Heiden gehörte. Der Neger erschien wirklich dadurch wie umgewandelt: nichts schien jetzt gut genug für mich zu sehn, er speiste mich und ließ meine Kiste holen, welcher als Geschenk des mildthätigen Gehilfen ein Bett nebst drei Bettdecken beigefügt war. So hatten sich meine Aussichten für diese Nacht mit einem Male auf eine höchst glückliche Weise geändert und ich durfte Gott aus der innersten Tiefe meines Herzens für alle seine Barmherzigkeit danken. Der alte Neger, der nicht unbemittelt war, stand gleichfalls im Begriff, die Stadt zu verlassen, fragte mich aber noch zuvor, ob ich eine Bibel besäße: ich bejahte seine Frage, er ruhte jedoch nicht eher, als bis er mir eine große Bibel in englischer Sprache, die er sehr gut verstand, aufgenöthigt hatte. Das Buch enthielt Gebete für Seeleute, besonders beigebunden; es war nicht allein Bibel, sondern gewissermaßen auch englisches Gebetbuch: ich nahm es an und besitze es noch heutiges Tags. Sobald der Alte, welcher für den Augenblick seinen Sohn zurückgelaffen hatte, sortgegangcn war, fing ich an, sehr emsig in meinem „des Christen Wallfahrt" zu lesen. Der junge Mann, welcher vortrefflich Englisch verstand, drückte den Wunsch aus, das Buch durchsehen zu dürfen und hatte kaum eine Zeit lang darin gelesen, als er mich darum bat, indem er sagte, er habe noch zwei Schwestern, denen der Besitz dieses Schatzes unendlich viel Freude machen würde. Ich konnte ihm seine Bitte nicht abschlagen, und er versprach mir dagegen, mir ein anderes Buch zu schicken, das mir 345 gewiß ebenso gut gefallen sollte. Dann verließ er mich, indem er des Christen Wallfahrt mit sich nahm. Nach einer halben Stunde brachte mir ein Diener das versprochene Buch, welches DoddridgeS „kise anck kroxross" * war und zwischen dessen Blättern ich beim Umschlagen einen mexikanischen Thaler eingeklebt fand. Das Alles betrachtete ich als ein Werk der Vorsehung und als einen Beweis, daß Gott mich nicht verlassen werde: auch entsprach meine Dankbarkeit, wie ich hoffe, diesen Gnaden-Erweisen des Höchsten. Der ganze Haushalt des Negers schien aus religiösen Leuten zu bestehen, denn ich verbrachte die halbe Nacht mit den malahischen Dienern in Gesprächen über das Christenthum, über welches sie schon manche richtige Ansichten in sich ausgenommen hatten. Ich wußte Wohl, daß mein Unterricht dem des Blinden glich, der einen andern Blinden über Farben belehren will; gleichwohl hatte er das Verdienst, daß er von Gott kam, wenn er auch in einer Weise gefaßt war, wie sie meinen demüthigen Ansprüchen an Seine Gnade am Besten entsprechen mochte. Am andern Morgen reichten mir diese Malayen ein Frühstück und trugen meine Kiste nebst meinen sonstigen Geräthschaften nach dem vom Plato ausgesetzten Boote. Ich suhlte mich höchst glücklich, mich abermals -unter meiner vaterländischen Flagge mit ihren Sternen und Streifen zu sehen, wo ich sehr gut empfangen, höchst menschenfreundlich behandelt wurde und etwa zwanzig Tage, nachdem ich an Bord gekommen war, nach Bremen unter Segel ging. Ich konnte natürlich während der Reise nur wenig arbeiten, vermochte aus dem Verdeck nicht anders als herumzukriechen und konnte bloS mit Nadel und Platen ** thätig sehn. Vierzehn Tage nach unserer Abfahrt von Batavia starb der Schiffszimmer- inann, ein geborner New-Dorker, mit dem ich zu lesen und zu beten versucht hatte, ohne daß er aber ein klares Bewußtsein seines wahren * ,WachSthum und Fortschritt.* D. U. ' Eine Art von Fingerhut bei den Matrosen, D. U. 346 Zustandes au den Tag gelegt hätte. — Zu St. Helena legten wir an, um Wasser einznnehmen und da Napoleon mittlerweile gestorben war, so wurden wir ohne Schwierigkeiten an's Land gelassen, um uns mit Wasser zu versorgen, worauf wir wieder absegelten und zu gehöriger Zeit unfern Hafen erreichten. So war ich denn wieder in Europa — einem Welttheile, welchen ich vor zehn Monaten kaum wiederzusehen gehofft hatte; doch meine Sehnsucht trieb mich nach Amerika und ich erhielt die Erlaubniß, auf dem Schiffe bleiben zu dürfen. Ich wurde von Kapitän Bunting, sowie von dessen Steuermann, Mr. Bowdcn, der mich mit allem Röthigen versorgte, auf's Freundlichste behandelt und segelte nach Verfinß von wenigen Wochen nach New-Vvrk zurück, wo ich im Monat August 1840 glücklich anlangte. Ich verließ den Plato auf dem Quarantäneplatze und begab mich nach dem Matrosen-Asyl, wo der Arzt mich versicherte, daß mein Bein zwar nie mehr so gesund wie zuvor werden, dagegen aber allmählig wieder an Stärke zunehmen würde, so daß ich am Ende noch ohne Krücken werde gehen können. Diese Prophezeihung hat sich als wahr erwiesen; der Schmerz hatte mich schon lange verlasse» und nur die Schwäche war es, mit der ich noch zuweilen zu kämpfen hatte. Mein Nebel bestand nämlich in einer so starken Verletzung des Hüftgelenks, daß ich auch jetzt noch genöthigt bin, mich beim Gehen mit allen Kräften aus einen Stock zu stützen. Zm Matrosenasyl traf ich Mr. Miller wieder und erhielt jetzt zum ersten Mal religiösen Unterricht, der sich als eine große Wohl- that an mir bewährte. Nachdem ich einen Monat in dem Sailor'S Retreat verweilt hatte, beschloß ich um Aufnahme in den „Sailor'S Snug-Harbour" ^ zu bitten, einen reich ausgestatteten Zufluchtsort für Seeleute, welcher sich auf derselben Insel befindet. Um zngelassen zu werden, mußte man wenigstens fünf Jahre * Wörtlich: „behaglicher Matroscnbafen.' D. II. 347 unter der nordamerikanischen Flagge gedient und ein gutes Prädikat aufzuweisen haben. Mit zwei kurzen Unterbrechungen hatte ich vier und dreißig Jahre unter der Flagge zugebracht, war, glaub' ich, diese ganze Zeit über, mit Ausnahme der neunzehn Monate, die ich in der Gefangenschaft verlebte, nicht volle zwei Jahre außer Dienst gewesen und muß in der That zum Wenigsten ein Vierteljahrhundert zur See gedient haben. * Ich ging nun nach New-Uvrk und suchte Kapitän Pell auf, mit welchem ich auf dem „Sully" und der „Normandie" gedient hatte: er stellte mir ein Zeugniß aus und schenkte mir beim Abschied einen Dollar — der ganze Reichthum, über den ich vor der Hand auf Erden zu gebieten hatte. Später fand ich Kapitän Witheroudt von der „ Silvie de Graste", der mich ganz eben so behandelte; ich sagte ihm zwar, ich hätte schon einen Thaler, er bestand aber darauf, daß es zwei seyn müßten. Mit diesen beiden Thalern in der Tasche ging ich die Wallstreet hinauf, wo ich mich beim Umschauen dem Penstonsbureau gegenübersah. Der Leser wird sich erinnern, daß ich Washington in der Absicht verließ, meinen alten Bekannten Lemuel Bryant aufzusuchen, der mir ein Zeugniß über die auf dem Scourge erlittene Verletzung " Indem ich Ned's Papiere und Notizen durchlese, finde ich. daß er mit Ausschluß aller Gefangenen., Transport- und sonstigen Schiffe, auf denen er einzelne Uebersahrten machte, auf zwei und siebzig Fahrzeugen zu regelmäßigem Dienste eingeschrieben war, und auf manchen derselben weit mehr als eine Neise mitmachte. Auf dem „Sterling- wohnte er gemeinschaftlich mit dem Verfasser mehreren Fahrten und später überdies noch vier europäischen Reisen bei: ebenso zählt er vier Fahrten nach Havre auf dem „Eric," der auf der obigen Liste nur als ein Schiff gerechnet ist, drei nach London auf dem „Washington" u. s. w. u. l. w., und außerdem noch häufig zwei Reisen auf einem und demselben Fahrzeuge. Ich bin der Meinung, daß Ned's Berechnung mit den fünf und zwanzig Zähren, welche er zugebracht, ohne das Land auf länger zu Gesicht zu bekommen — so ziemlich richtig isti er muß auf alle Fälle nahezu auf hundert verschiedenen Schiffen hcrumgekommen sehn. D. Herausg. 348 ausstellen sollte, damit ich um eine Pension dafür nachsuchen könnte. Mit diesem Plane hatte ich den weiteren verbunden, nach Boston zu gehen, um in dem dortigen Marinearsenal eine Beschäftigung zu finden, weßhalb meine Pensionsanweisung auf Boston ausgestellt worden war. Meine Ankunft zu New-Dork und mein alsbaldiger Auszug auf den Heringsfang hatte diesen Plan wieder aufgehoben; ich hatte vor meinem Abgang in die Savannah mein Penflons- billet dem Agenten eben dieses Büreaus in der Wallstreet übergeben und ihn gebeten, dafür ein anderes auf New-Dork ausstellen zu lassen. Dies war das letzte Mal gewesen, daß ich mein Billet gesehen und überhaupt an meine Pension gedacht hatte; jetzt aber ging ich über die Straße, trat in das Büreau ein und wurde augenblicklich wieder erkannt. Alles war in Ordnung und ich verließ das Büreau mit sechs und fünfzig Thalern in der Tasche! Bei meiner Ankunft in der Stadt hatte ich gar nicht mehr an die Pension gedacht und jetzt besaß ich eine Masse Geldes, das plötzlich gleichsam auf mich herabgeregnet kam. Für einen Mann von meiner Lebensweise, der sich des Trinkens völlig enthielt, war ich nunmehr eigentlich reich zu nennen: statt aber in der Stadt zu bleiben, verfügte ich mich augenblicklich nach dem „Harbour" hinab, wo ich mich dem höchst achtungswerthen Vorsteher desselben, dem ehrwürdigen Kapitän Whetten,^ vorstellte. Ich wurde ohne alle Schwierigkeit in die Anstalt ausgenommen und habe ihr bis auf diesen Augenblick als Mitglied angehört. Mein Eintritt in „Sailvr'S Snug-Harbour" fand am 17. September 1840 Statt — gerade einen Monat, nachdem ich im „Sailor'S Retreat" gelandet hatte. Der letztere der beiden Orte ist ein Hospital für Matrosen, wo man blos zum Behufs einer Heilung Aufnahme findet, und wird durch eine vor vielen Jahren gemachte Stiftung unterhalten, welche von einem alten Schiffsherrn herrührt, * Eigentlich »Wheaton.» Der HerauSg. 349 dessen Gebeine dem Gebäude gegenüber beerdigt liegen, während der „Snug-Harbour" ausgedienten Matrosen einen lebenslänglichen Zufluchtsort darbietet. Seit ich wußte, daß ich für den Nest meiner Tage ein ruhiges Plätzchen gesunden hatte — falls dasselbe mir nämlich zusagte und ich würdig blieb, der Wohlthate» einer so vortrefflichen Anstalt zu genießen — fing ich auch an, mich wie einen Mann zu betrachten, der sich endlich einmal in der Welt festgesetzt hat. Eine meiner erstcnlSorgen war die, mich einer längst gefühlten Pflicht zu entledigen und öffentlich einer der christlichen Kirchen beizutreten, um auf diese Art mein Festhalten an Christi Gnade und Erlüsuugswerk anzusrkennen. Mr. Miller, dessen Predigten einen so tiefen Eindruck auf mein Gemüth gemacht hatten, wohnte nur anderthalb Meilen vom Harbvur entfernt und er war eS denn auch, an den ich mich in meinem Drange wendete. Ich war als Kind in der bischöflichen Kirche getauft worden und achte diese Form der GotteSverehrung noch eben so hoch wie irgend eine andere; auf Sekten halte ich aber nicht viel, denn unter Gottes Beistand ist das Herz bei mir das „Hauptstag." Wir traten unser zwei in Mr. Miller'S Kirche und ich bin seither immer einer seiner Communicanten geblieben, ohne übrigens der Gemeinschaft meiner eigentlichen Kirche, in welcher ich getauft wurde, gänzlich zu entsagen, da ich von Zeit zu Zeit auch an Mr. Moore'S Altäre kommunizire. Für mich besteht zwischen Beiden nicht der geringste Unterschied und wenn auch gelehrtere Christen als ich in den Distinktionen, welche zwischen beiden Kirchen eristircn, mancherlei Stoff zu Disputationen finden mögen, so werde ich hoffentlich nie mit einer von ihnen in Streit gerathcn. Zu meiner Verwunderung erfuhr ich einige Zeit nach meiner Aufnahme im Harbour, daß meine Schwester nach New - Uork übergefiedelt war und noch jetzt an diesem Orte wohnte. Ich hielt es für meine Pflicht, sie nunmehr aufzusucheu, um fie nach einer 330 fünfundzwanzigjährigen Trennung wicderzusehcn. Das that ich denn auch: sie wußte mir übrigens nur sehr wenig von meiner Familie zu erzählen, doch erfuhr ich wenigstens zum ersten Mal, daß mein Vater in der Schlacht gefallen war. Wer oder was er gewesen, Habs ich immer noch nicht ausfindig machen können, und nur die wenigert Thatsachen, die ich am Eingang meiner Biographie erzählte, sind mir von meiner Kindheit her im Gedächtniß geblieben. Die gütige Behandlung Kapitän Johnston's war mir stets in freundlicher Erinnerung geblieben, und der Zufall ließ mir einige Kunde über diesen Herrn zu Ohren kommen. Unser Vorsteher hatte mir nämlich die Aufsicht über die Bibliothek der Anstalt anvertraut und so hörte ich eines Tags einige der Besuchenden von Wlscafset sprechen. Ich wagte es hierauf, mich nach meinem ehemaligen Lehrherrn zu erkundigen und erfuhr zu meiner großen Freude, daß er nicht nur noch am Leben war, sondern sich auch einer guten Gesundheit und glänzender Umstände erfreute: ein Nesse von ihm sollte, wie ich zu meiner Uebcrraschung hörte, kaum eine Meile von mir ansässig seyn. Im September 1342 ging ich nach WiScasset, um Kapitän Johnston zu besuchen, und wurde von ihm wie der reuige Sohn in der Bibel empfangen; der alte Herr und seine Schwestern schienen sehr erfreut, mich wiederzusehen und ich erfuhr, daß Ersterer der See Lebewohl gesagt hatte, aber immer noch SchiffSeigenthümer war und ein stattliches Fahrzeug von fünfhundert Tonnen besaß, das bis auf diesen Augenblick den Namen unseres ehemaligen Schiffes, des „Sterling", trägt. Ich blieb mehrere Wochen zu WiScasset; Kapitän Johnston und ich sprachen während dieser Zeit natürlich sehr oft über die vergangenen Tage und ich erzählte ihm. daß, wie ich glaubte, auch ein anderer ehemaliger SchiffSgenoffe von uns noch am Leben sey. Als er sich nach dessen Namen erkundigte, fragte ich ihn, ob er sich noch eines Znnkers, Namens Cooper, erinnere, der mit mir ans dem Sterling gedient habe. Er bejahte dies alsbald und meinte, dies werde veimuthlich jener Kapitän Cooper seyn, der eben damals in der Marine diente. Auch ich hatte dies eine Zeit lang für wahrscheinlich gehalten, war aber zufällig zu N-w-Vvrk an Bord des „Hudson" gewesen, als ein Kapilän Cooper daselbst auf Besuch ansam und hatte mich, sobald ich seinen Namen hörte, unverzüglich aufs Verdeck begeben, um ihn zu sehen, wo ich mich bald überzeugen konnte, daß er nicht mein alter Schiffsgesährte war. Wir haben zwei Kapitäne, Namens Cooper, in der Marine — Vater und Sohn — von denen aber Keiner auf dem Sterling gedient hatte. Nun wußte ich, daß der Verfasser so vieler Seeromane und unserer Marinegeschichte aus Cooperstown in New-Dork herstamme und halte mir nun eiumal in den Kopf gesetzt, er müsse dieselbe Person iepn, die mit mir auf dem Sterling gewesen war. Kapitän Johnston wollte zwar meiner Vermuthnng keinen Glauben schenken, ich beschloß aber gleichwohl, mich sogleich bei meiner Rückkehr nach New-Vork über die Sache in's Klare zu setzen. Ich verließ also Wiscaffet und kam im November >842 in den Harbour zurück. Ich habe vergessen zu sagen, daß diejenigen unter den Pensionärs jener Anstalt, welche sich guter Zeugnisse erfreuen, jederzeit Urlaub erhalten können, wohin und auf wie lange es ihnen beliebt, denn der eigentliche Zweck des Instituts ist der, alten Theer- jacken ein behagliches Leben zu verschaffen, weßhalb auch kein größerer Zwang besteht, als eben gerade zur Aufrechthaltung der Ordnung und eines freundlichen Zusammenlebens nöthig ist. Bald nach meiner Rückkehr in meine Pension schrieb ich einen Brief an Mr. Fenimore Cooper und schickte ihn an seinen Wohnort Cooperstown, indem ich die nöthigen Fragen an ihn stellte, um endlich einmal zu erfahren, ob er der nämliche Mr. Cooper sey, der mit mir auf dem Sterling gedient hatte. 352 Ich erhielt eine Antwort, welche mit den Worten begann: „Ich bin Euer alter SchiffSgenoffe, Ned," und worin Mr. Cooper mich benachrichtigte, wann er nach New-Vork kommen und wo er wohnen würde. Im Frühjahr kam ein Bote von Mr. Blancard, dem Inhaber vom Globe-Hotel sowie von Brighton, nahe am Harbour — um mir zu melden, daß sich Mr. Cvoper in der Stadt befinde und mich zu sehen wünsche. Am andern Tag ging ich demgemäß hinauf, traf ihn aber nicht und wollte eben, nachdem ich einige Besuche gemacht hatte, Broodwah entlang nach dem Globe-Hotel zurückhumpeln, als ich Commodore Bolton, meinen ehemaligen Commandanten zu Pensacola, Arm in Arm mit einem Fremden die Straße herunter kommen sah. Ich grüßte den Commodore, welcher mir freundlich zunickte, und dies bewog den Fremden, sich nach mir umzusehen. Plötzlich hörte ich den Namen „Ned!" von einer Stimme rufen, welche ich augenblicklich erkannte, obwohl ich sie seit siebenunddreißig Jahren nicht mehr vernommen hatte — es war mein alter Schiffsgenofse, derselbe, der nach meiner mündlichen Erzählung der Thatsachen die vorliegende Schilderung meiner Laufbahn niedergeschrieben hat. Mr. Cooper lud mich ein, ihn nach seinem Wohnort auf dem Lande zu begleiten und einige Wochen bei ihm zuzubringen; ich nahm die Einladung mit Freuden an und so erreichten wir Cooperstown zu Anfang Juni's. Ich fand hier ein niedliches Dorf, einen schönen, neun Meilen langen See und überhaupt eine höchst malerische Umgebung; seit meiner Expedition auf dem Outariosee war ich noch nie so weit von dem Meere entfernt gewesen. CooperStown liegt in einem Thal, erhebt sich aber gleichwohl, wie Mr. Cooper mir sagt, mehr als zwölshundert Fuß über die Mceres- siäche. Mir kamen die Wolken dort so niedrig vor, daß ich beinahe glaubte, ihnen die Hand schütteln zu können, wie denn überhaupt 353 Luft und Gegend durchaus verschiede» waren von Allem, was ich noch je geathmet und gesehen hatte. Mein alter Schiffsgefährte nahm mich oft auf den See, der, wie ich hier bemerken will, für die Schiffahrt ein ziemlich gefährlicher Ort ist. Ich glaubte alle Sorten von Winden kennen gelernt zu haben, ehe ich den Otsego sah; auf diesem See geschah es aber öfter, daß der Wind aus zwei bis drei Richtungen zu gleicher Zeit wehte. Während wir so in einem guten starken Boote auf diesem Fleckchen Wasser herumfuhren, pflegte ich meinem ehemaligen Schifss- genoffen so manche Ereignisse meines viclbewegten Lebens zu erzählen, bis er eines Tages auf den Gedanken gerieth, es möchte Wohl der Mühe lohnen, dieselben der Oeffentlichkeit zu übergeben. Ich war gerne dazu bereit, falls das Werk meinen Standesgenoffen oder andern Personen nützlich werden könnte, die sich denselben Versuchungen auS- gesctzt sehen dürften, welche mir die Hoffnung für dieses wie für das künftige Leben beinahe zerstört hätten. So machten wir uns also an das Werk, dessen Resultat hiemit der Welt vor Augen gelegt wird und über welches ich nur noch zu bemerken habe, daß es Wort für Wort meine Geschichte enthält, wie mein alter Schiffsgefährte sie niedergeschrieben hat. Jetzt ist's aber wohl Zeit, die Segel einzureffen, denn wenn Einer einmal Alles gesagt hat, was er zu sagen weiß, so thut er am besten, je eher je lieber zu schweigen. Wahr ist jedes Wort, das ich erzählt habe, wenigstens glaube ich so: und wenn ich etwa Unrecht hätte, so wäre es bloS meiner Unwissenheit oder dem Mangel an Gedächtniß zuzuschreiben; in der Angabe der Daten und Zeitabschnitte mag sich wohl manchmal ein unbedeutender Jrrthum eingeschlichen haben, doch wird man, denk' ich, selbst bei genauer Untersuchung deren nur wenige finden. In vielen Fällen habe ich natürlich nur meine eigenen Eindrücke geschildert, und sie können gleich denen anderer Menschen eben so gut richtig wie unrichtig sehn: die Haupt- Ned MvcrS. 23 354 sachcn aber kann ich jedenfalls als wahr verbürgen und glaube auch in den Einzelheiten den rechten Weg nicht oft verfehlt z» haben. Jetzt genieße ich der glücklichsten Periode meines Lebens; sie dauert seit dem Augenblicke, da ich das Hospital zu Batavia verließ und ich erinnere mich nie einen lieblicheren Sommer verlebt zu habe», als sich der gegenwärtige für mich erwiesen hat. und ich wäre mit Allem vollkommen zufrieden, wenn ich in der Pension nicht so ganz ohne alle Beschäftigung bliebe. Ich bedarf etwas, um meine Mnßcstnndcn auszufüllen und habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, später noch einmal eine Lebensweise ausfindig zu machen, welche mehr als meine jetzige mit der Rührigkeit meiner früheren Tage im Einklänge steht. Ich besitze Freunde genug — mehr als ich eigentlich verdiene — und doch kann ein Mann, der Lnst und Kraft zur Arbeit besitzt, nicht gänzlich ohne Beschäftigung bleiben. Was kommen soll, liegt in der Hand der Vorsehung, welche, wie ich demuthsvoll vertraue, bis an mein Ende für mich sorgen wird, wie sie seither bei so vielen Sccnen der Prüfung und Gefahr über mir gewacht hat. Mein sehnlicher Wunsch ist nunmehr, daß dieses Gemälde der Mühen und Fährlichkeiten eines Seemannes einigermaßen dazu beitragen möge, die nützliche und zahlreiche Klasse meiner BerufSgc- nofsen zum Nachdenken über ihre Lebensgewohnheiten zu veranlassen. Hätte ich das Geld, das ich — weit schlimmer, als wenn ich'S in die See geworfen — zur Nährung eines Lasters verschwendete, welches mir die „Schauer", diese geistige Vorhölle, zuzog und mich einmal wenigstens an den Rand des Selbstmordes führte — hätte ich es vernünftig angelegt, so würde es ohne Zweifel eine Summe ausmachen, welche mir für meine alten Tage ein behagliches, anständiges Leben sicherte. Es müßte schlimm gehen, wenn sich der Matrose nicht jährlich hundert Thaler zurücklegen könnte — oft habe ich, neben meinen nothwendigcn Auslagen, das Doppelte dieses Betrages zusammcngebracht — und hundert Thaler jährlich geben nach dreißig Jahren ein Sümmchen, das einem Manne wie ich, für den 355 Rest seiner Tage eine unabhängige Cristen; gewährt. Und dies ist bei weitem noch nicht Alles — der Besitz solcher Mittel würde auch den Wunsch nach Beförderung ln seinem Stande erwecken, und Tausende von Denen, welche jetzt ihr Leben lang vor dem Maste bleiben, wären schon längst Offiziere geworden, wenn sie die Selbstachtung, welche der Besitz so leicht erzeugt, etwas früher gekannt hätten. Ueber die Trunksucht weiß ich nichts zu sagen, was nicht von Andern weit besser, als ich es vermöchte, gesagt worden wäre. Ich glaube zwar in diesem Punkte noch nicht völlig so schlimm wie die Mehrzahl meiner Genossen gewesen zu sehn; doch wird diese Erzählung jedenfalls den Beweis liefern, wie oft die Gewohnheit übermäßigen Trinkens meinem Vorrücken hinderlich in den Weg trat. Sie stand nahe daran, mich ln ein dem Menschen untergeordnetes Wesen zu verwandeln »nd hätte mich ohne Gottes Barmherzigkeit leicht zu Verbrechen veranlaßt, an die ich in meinen jetzigen gesunden und nüchternen Augenblicken nur mit Schauder denken dürste. Die Vergangenheit habe ich so treu geschildert, als ich's nur immer im Stande war. Die Zukunft ruht bei Gott, denn Sein ist die Kraft und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen! Auslassung. S. 1. Z . 4. v. o. lies: der Welt vor Augen zu legen. Die französische Erzieherin. Die französische Erzieherin oder das gestickte Taschentuch. Eine Erzählung von James Feniinore E o s p e r. Aus dem Englischen von Eduard Manch. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesch ing, l 845. Erstes Kapitel. Dch kenne gewisse Moralisten, welche dem menschlichen Hoch- muthe, der oft auf sogar schwachen Füßen steht, eine wohlverdiente Beschämung durch die Lehre bereiten, daß jedes Menschenkind innerhalb einer Anzahl von Generationen eine ganze Million von Ahnen aufzuzählen habe. Nach dieser Lehre gäbe es demnach keinen Fürsten, der nicht einige wenige Tropfen Bettlerbluts in den Adern trüge, wie denn auch umgekehrt jeder Bettler stch eines unbezwei- felten AntheilS an fürstlichem Geblüts rühmen dürfte. Diese allgemein waltende Regel hat ihren Einfluß sogar auf meine eigene Wenigkeit geübt und auch ich mußte den Gesetzen der Natur gehorchen, trotzdem daß ich meine durchaus vegetabilische Abstammung durch Beweise erhärten kann, wie denn meine Vorfahren nach den ältesten Nachrichten, welche ich von meiner Familie besitze, zu dem ehrsamen Geschlechts der Flachsstauden 8peo. llluum usitalissimum gehörten, das in tausend und tausend Bruderpflanzen erblüht, welche alle denselben tadellosen Bau und die auffallende Gleichförmigkeit aufweisen, die ihre Produktion so lohnend macht. In diesem Stücke darf ich mich also sogar noch eines Vorzugs vor den Bourbonen rühmen, welche seit tausend Jahren die bedeutendsten Throne ein- nahmeu und sogar jetzt noch die Kronen von vier europäischen Staaten aus dem Haupte tragen. Wenn unsere Familie in dem oben erwähnten Punkte dem allgemeinen Gesetze der Menschheit folgte, so begründet sie dagegen eine auffallende Ausnahme von der Regel, welche, was Einwanderung Das gestickte Taschentuch. 1 2 und Ureinwohnerschaft betrifft, alles weiße Blut auf unserem Kontinent * so despotisch beherrscht. Will nämlich der Amerikaner die Geschichte seiner Ahnen erfahren, so muß er sich nach zehn, höchstens zwölf Generationen zu irgend einem europäischen Lande zurückflüchten, wogegen bei uns gerade der umgekehrte Fall statt- ffndet, indem wir die ersten Anfänge unseres Geschlechts in Amerika zu suchen haben und Europa nur in sofern angehören, als unsere spätere Kultur und Erziehung in letzterem Lande betrieben wurde. Ich habe oben von den. „frühesten Nachrichten" gesprochen, „welche ich von meinen Ahnen besitze," und habe darunter natürlich nur authentische Nachweisungen verstanden, denn gleich anderen Geschlechtern haben auch wir unsere altergrauen Mähren, welche uns bei Erforschung unseres ursprünglichen Gebiets und unserer Privilegien leicht bis auf den Boden der alten Welt zurückführen dürften. Ich ging jedoch bei Abfassung dieser Geschichte gleich anfangs von dem festen Entschlüsse aus, nichts als anerkannte Wahrheiten in ihren Faden aufzunehmen und Alles zu verwerfen, was dem Gebiete der Muthmaßungen oder unverbürgten Erzählungen angehört. So bin ich denn, unter obigen Einschränkungen, von jeher der Ansicht gewesen, daß meine Familie ihrem Ursprünge nach dem amerikanischen und nur vermöge ihrer Auswanderung dem europäischen Kontinente beizuzählen und erst durch die Umwandlungen und Berechnungen der Industrie und des Handels dem väterliche» Boden wieder geschenkt worden sey. Die glorwürdige Familie von Schwesterpstanzen, von welcher ich. mein Daseyn ableiie, erblühte in einem lieblichen Thaie von Connecticut, ganz nahe an den Ufern des. berühmten Flusses gleichen Namens, so daß wir uns dem Ursprünge nach zu den ächten Uan- keeS zählen dürfen — eine Abstammung, deren sich alle diejenigen zu rühmen pflegen, welche desgleichen Glücks theilhastig geworden sind. Es ist dies auch, so viel mir bekannt, die einzige Art von » »Amerika" nämlich. U. 3 Eitelkeit, der man nachhängen kann, ohne den Neid seiner Mitgeschöpfe zu erwecken, weßhalb ich sie zum wenigsten für höchst harmlos, wenn nicht gar für lobenswerth zu halten geneigt bin. Es eristiren unter uns noch mancherlei Sagen aus der Zeit jener goldenen Tage, welche unsere Vorfahren auf den fruchtbaren cisatlantischen Gefilden verträumten — ein glückliches Geschlecht üppiger, in aller Fülle prangender Flachsstauden: doch ich übergehe jene-Zeiten mit Stillschweigen, nur sey mir noch erlaubt, darauf hinzuweisen, wie die gütige Natur für die Glückseligkeit aller Kreaturen so reichliche Fürsorge getroffen hat, daß jedes Wesen Ursache findet, sich seiner Erschaffung zu freuen und den göttlichen Urheber seines DaseynS auf die ihm eigenthümliche Art zu verherrlichen. Nachdem die rechte Zeit gekommen war, wurde das Feld, auf welchem meine Voreltern standen, geleert, derSaamen'in den Schwingen von der Spreu gesäubert Und in Tonnen verpackt, worauf die gesummte Erndte nach Irland eingeschifft wurde. Nun aber ereignete sich einer jener Zufälle, welche häufig die Geschicke von Pflanzen so gut wie die von Menschen entscheiden und der mich das Licht der Welt als Normannin und nicht als Milesierin ^ erblicken ließ. Die Verschiffung meiner Vorfahren fand nämlich — ein sehr ausfallender Umstand— auf einem englischen Fahrzeuge und zwar gerade um die Zeit statt, da der letzte Weltkrieg seinen Höhepunkt erreicht hatte; das Schiff wurde auf der Heimfahrt von einem französischen Kaper aufgebracht, der Leinsamen wurde vtrnrtheilt und verkauft und so fielen meine Ahnherrn in Bausch und Bogen einem Land- wirthe in der Nachbarschaft von Evreur zu, der mit solchen Artikeln bedeutenden Handel trieb. Ich kenne mehrere übelwollende Pflanzenkreaiuren, welche uns diesen Verkauf als einen Mackel an unserer Familiengeschichte vor- * Milesier werben die Irländer hier genannt, weil der Taufname „MileS" gleich dem ihres Schutzpatrons „Patrick" in jenem Lande ungemein verbreitet ist. D. U. zuwerfen für gut finden: ich meines Theils konnte in diesem Umstande niemals einen Grund zur Beschämung erkennen, denn ebenso gut könnte man einem D'Uzes zumuthen, für die Räubereien eines der alten Barone des Mittelalters zu crröthen. Eins wie das Andere ist ja nur ein Schritt in der Kulturentwicklung, und Mensch wie Pflanze verfolgen gleichermaßen die Richtung, welche ihnen die Vorsehung zur Erfüllung ihrer Bestimmung vorgezeichnct hat. Man weiß, daß Pflanzen so gut wie Thiere die Fähigkeit besitzen , Eindrücke in sich auszunehmen, nur daß Letztere über ihr Dasehn vor der leiblichen Geburt gar kein und auch über den Zeitraum, welcher jener unmittelbar folgt, nur ein schwaches Bewußtsein besitzen, wogegen bei uns ein ganz anderes Naturgesetz obwaltet. Die Einrichtung unseres Geistes ist nämlich so vollkommen, daß sie nnS unsere geistige Eristenz bis zu einer Periode zurückzuführen erlaubt, welche die Erfahrung, die Ansichten und Gefühle mehrerer Generationen vor uns umfaßt. In allen logischen Schlußfolgerungen z. B. geht das I-i'num usitatissimum sogar bis auf drei oder vier entschwundene Geschlechter zurück und besitzt an den intellektuellen Eroberungen jener Epochen ebenso gut seinen Antheil wie an denen seines eigenen Zeitalters. Mit einem Worte, die ganze Summ« von Kenntnissen, welche der Mensch aus Büchern, durch wechselseitigen Unterricht in Schulen, Kollegien und Universitäten überkömmt, vermögen wir uns mittelst gewisser feiner, in unsere organische Gestaltung verwobener Agentien zu erwerben, welche eine Art von erblichem Mesmerismus, ein vegetabilisches Hellsehen herbeiführen, das uns in den Stand setzt, mit den Augen unserer Borfahren zu sehen, mit ihren Ohren zu hören und mit ihrem Er- kenntnißvermögen zu urtheilen. Dieser bevorzugten Organisation verdanke ich einige der glücklichsten Momente meines vorlciblichen Dasehns, während unsere Familie aus den Feldern der Normandie emporwuchs. Dicht an der Gränze unseres Gebiets befand sich nämlich ein hübscher Punkt, V 2 den sich ein berühmter Astronom als Lieblingsstelle für seine Beobachtungen und Vorträge ausersehen hatte, welch letztere ich mir noch jetzt mit unnennbarem Vergnügen in'S Gedächtniß zurückrufe. Noch glaube ich ihn vor mir zu hören, als wäre es erst gestern gewesen — und doch sind vierzehn lange, lange Jahre darüber hingegangen — wie er seinen Schülern die Wunder des unbegränzten leeren Raumes erklärte und mich die ungeheure Kluft erkennen ließ, welche zwischen dem Schöpfer aller Dinge und zwischen seiner Hände Werke besteht. Wie Viele leben befangen in dem engen Kreise menschlicher Interessen und Gefühle und doch standen auch ihnen von jeher, aber unbemerkt und beinahe unbeachtet, die klarsten, demüthigendsten Beweise ihrer eigenen vergleichungsweisen Nichtigkeit in der Stufenreihe der Schöpfung leuchtend vor Augen! Wie gut wäre es für diese anerkannten Gebieter der Erde und Alles dessen was sie enthält, wenn sie diese Flammenzeichen beachten und sich eine richtige Ansicht vo» dem bilden wollten, was sie sind und was sic ihrer Bestimmung nach seyn sollten! Noch immer ist mir, als höre ich den gelehrten und gotteS- fürchtigcn Mann — denn seine Seele war voll Ehrfurcht vor dem erhabenen Wesen, das ein Weltall seinem Willen unterworfen hält — wie er mit inniger Freude bei all den Entdeckungen verweilte, welche die Astronomie an der Hand der neueren Fortschritte in den mechanischen Wissenschaften an den Himmelskörpern zu machen im Stande war. Ein Glück für mich, daß seinen Vorträgen ein durchdachter Plan stufenweise» Fortschrittes zu Grunde gelegt war, welcher seine Zuhörer gleichsam Schritt für Schritt weiter führte und selbst dem allergewöhnlichsten Fassungsvermögen das Verständniß möglich machte. So erhielt ich zum ersten Mal in meinem Leben richtige Begriffe von der fast unbegreiflichen Ausdehnung deS Raumes, welcher wohl ebenso wenig eine Glänze kennt, als die Ewigkeit 6 einen Anfang oder ein Ende zuläßt. „Sind solche Wunder möglich." dachte ich bei mir selbst, „wie mitleidswerth erscheint dann der Dünkel derer, welche Astes in den kleinen Gesichtskreis ihrer eigenen Fassungskraft und Erfahrung einengen wollen! Laßt sic immerhin ihren hohen und gepriesenen Verstand aufbieten, um die Unendlichkeit in irgend einer Sphäre zu begreifen — der Erfolg soll ihr Bemühen richten! Sei es der Raum: da kommen sie und wollen Gränzpfähle einschlagen im Gebiete des Unermeßlichen, bis sie über das Fehlschlagen des ersten Versuches beschämt einen zweiten und dann einen dritten und vierten wagen — Astes nur um neue Beweise für die Unzulänglichkeit alles Irdischen zu liefern, sobald man unternimmt, Wahrheiten, deren Anerkennung Empirie wie Logik, Anschauung wie Offenbarung von uns fordern, in den Bereich menschlicher Fassungskraft zu bringen. „Der Mond hat keinen Dunstkreis" — sprach eines TageS unser Astronom, „und wenn er überhaupt Bewohner enthält, so muß ihr Bau auf's wesentlichste von dem unsrigen verschiede» seyn. Nichts, was Leben hat, weder Thiere noch Pstanzcn — so weit wir sie kennen — kann ohne Luft bestehen: folglich läßt sich nach unfern Erfahrungsbegriffen überhaupt kein Leben auf dem Monde denken, und sollte gleichwohl das Gegentheil Statt finde», so könnte es nur unter so starken Abweichungen von allen uns bekannten Thatsachen geschehen, daß es auf dasselbe herauskäme, wenn man überhaupt ganz andere Gesetze des Lebens dort oben «»nehmen wollte. „Vierzehn Tage lang" — fuhr er fort — „erfreut sich die eine Hemisphäre dieses Planeten der belebenden Sonnenwärme, und Finsterniß deckt unterdessen die andere. Auf der erleuchteten Seite müssen Licht und Wärme einen für uns unerträglichen Grad erreichen, während die abgekehrte Hälfte von Eis starrt, vorausgesetzt, daß Wasser zum Gefrieren vorhanden ist. Der Mond hat aber keine Meere, soweit wir uns wenigstens davon überzeugen können; vielmehr deutet seine wunderbar mit Bergen übersäte Oberstäche auf 7 vulkanische Teriur. Wir können sogar mit Hülfe unserer Instrumente Krater von eben derselben Höhlung wahrnehmen, wie sie unsere Vulkane zeigen, was wohl zu der Annahme berechtigt, daß in irgend einer entfernten Zeit zahllose feuerspeiende Berge in Thätigkeit gewesen sehn mögen. Ich habe also wohl kaum nüthig beizusügen, daß, abgesehen von dem Mangel an atmosphärischer Luft, von allen uns bekannten Wesen keines unter so raschen Uebergängen von der äußerste» Hitze' zur höchsten Kälte nur zu eristiren vermöchte." Mir entging kein Wort von diesen Ausschlüssen: sie erfüllten mich mit Bewunderung, und ich lernte mich in meiner eigenen Stellung glücklich fühlen. Von welcher Bedeutung war es nun wohl für meine Bestimmung als linum usitatissimnin, ob der Boden, der mich trug, mehr oder weniger fruchtbar war: ob meine Fasern sich zu jener unübertroffenen Feinheit heranbilden konnten, welche den Stolz des Fabrikanten ausmacht, oder ob ihnen dieser Vorzug unerreichbar blieb! War ich ja doch uur ein Pünktchen unter Myriaden von Wesen, ans der Schöpferhand Gottes hervorgegangen, um — jedes in seiner Art — den weisen Zwecken ihres Urhebers zu dienen und Seinen Namen zu verherrlichen. Auch ich sollte leben, meine Zeit in Zufriedenheit erfüllen und in meiner Sphäre das Lob des Höchsten verkünden — dies war die Aufgabe meines Daseyns. Könnten doch Gottes Geschöpfe — ob Menschen oder Pflanzen — auch nur ein einziges Mal ihre Gedanken bis zur Anschauung des ungeheuren Ringes der Schöpfung erheben: wie gründlich würden sie das eigene Nichts erkennen — wie würden sie die Eitelkeit aller Klagen einsehen und den unermeßlichen Abstand zwischen Zeit und Ewigkeit begreifen lernen! Ich glaube, es könnte keine eindringlichere Lection über die Kardinaltugend der Zufriedenheit geben! In einem andern Vortrage hatte unser Lehrer Anlaß genommen, von der Größe und Beschaffenheit der Sonne zu sprechen, und die Art und Weise, wie er es anging, um seinen Zuhörern einen 8 richtigen Begriff von ihrer Größe beizubringen — so gewöhnlich diese Lehrmethode auch bei den Astronomen ist — äußerte gleichwohl auf mich einen tiefen und unerwarteten Eindruck. „Unsere Instrumente" — sagte er, „haben einen so hohen Grad von Vollkommenheit erreicht, daß wir manche Verhältnisse von unberechenbarer Wichtigkeit mit nahezu absoluter Genauigkeit zu bestimmen vermögen. Von allen Himmelskörpern ist uns der Mond am nächsten, folglich unserer Beobachtung am zugänglichsten. Nehmen wir das Doppelte seines Erdabstandes, der auf 237,000 Meilen berechnet ist, und setzen wir noch den Durchmesser unserer Erde hinzu, so haben wir den Diameter der Bahn, in welcher der Mond fich um jene bewegt. Die Rechnung ergibt 480,000 Meilen. Versuchen wir nun diese Bahn — indem wir ste uns als wirkliche feste Ebene verstellen — gegen die Sonne zu halten, so würde sie nur wenig über die Hälfte der Sönnenhemisphäre decken, da der Durchmesser der Sonne 882,000 Meilen beträgt, diese somit 1,384,472 Mal größer als die Erde ist! „Ueber die Sonnensubstanz ist unser Wissen weit mangelhafter. So viel läßt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, wenn schon die positive Gewißheit noch fehlt — daß wir zuweilen die wirkliche Oberfläche dieses Himmelskörpers zu Gesicht bekommen und dieß ist ein Vortheil, dessen wir bei keinem andern Himmelskörper genießen, den Mars und den Mond allein ausgenommen. Licht und Wärme der Sonne beruht nämlich muthmaßlich in ihrer Atmosphäre, und die so oft beobachteten „Sonnen flecken" sind wohl nichts anderes, als Reflexe der eigentlichen Sonnenmaffe, welche uns bei Gelegenheit eines Riffes in dem sie umgebenden Dunstkreise vor Augen kommen. Wenigstens ist dies die natürlichste und ungezwungenste Erklärung jener Erscheinungen. „Wir werden übrigens einen deutlicheren Begriff von der Größe des Weltensystems im Ganzen erhalten, wenn wir uns vorstcllen, daß seinen riesenhaften Dimensionen gegenüber die Entfernungen unseres gesummten Sonnensysteme« beinahe zu Null zusammcn- schrumpfen, denn während z. B. unsere Erde einen Weg von etwa 200,000,000 Meilen um die Sonne beschreibt, zeigt sich gleichwohl diese Bahn als so unbedeutend, daß ste in der Stellung von Tausenden von Firsterncn, welche wahrscheinlich die Sonnen anderer Systeme sind, keine wesentliche Veränderung hervorzubringen vermag. Es ist auch vielfach die Vermuthung ausgesprochen worden, daß alle diese Sonnen sammt ihren Systemen — das unsrige nicht ausgenommen — Einem ungeheuren Ganzen angehören und ein unserer Beobachtung unzugängliches Kardinalceutrum — den wirklichen Thron Gottes — umwandeln. Die Kometen, welche wir von Zeit zu Zeit beobachte», wären nach dieser Ansicht himmlische Sendboten, welche beständig zwischen diesen Weltenfamilien hin und her gehen." Ich entsinne mich, daß einer von den Zöglingen des Astronomen sich hier eine Erläuterung über die Verschiedenheit der Planeten erbat, von denen wir einige, wie man glaube oder vielmehr gewiß wisse, wirklich mit unseren Blicken erkennen könnten, während bei andern die wahre Oberfläche für uns unsichtbar bleibe. „Ich habe euch gesagt" — erwiedcrte der Mann der Wissenschaft, „daß jenes der Fall ist bei der Sonne, dem Monde und dem Mars. Nun stehen uns allerdings sowohl die Venus als der Merkur näher als Mars; allein da beide einen geringeren Sonnenabstand haben, als dieser, so tritt uns der bekannte Satz, den schon die tägliche Erfahrung bei jedem, einem sehr intensen Lichte zu nahe gerückten Körper nachweist, störend in den Weg. Unser Auge wird nämlich geblendet, wie man im gemeinen Leben zu sagen Pflegt, und vermag nicht mehr genau zu unterscheiden. Anders verhält sich'S beim Mars; er hat wohl gar keinen oder doch einen ungewöhnlich dünnen Dunstkreis und, da überdieß seine Bahn nicht in der Fläche der unserigen liegt, so können wir die Umrisse von Kontinenten und Meeren ganz leicht auf seiner Oberfläche erkennen. Man glaubt sogar, daß die röthliche Färbung des Letzteren von einer Formation rothen Sandsteins herrühre, wie er auch auf unserer Erde häufig vorkommt, nur von lebhafterem Kolorit, und zwei weißstrahlende Stellen — vermuthlich seine Pole — hält man für die Reflexe von Polarschnee, welche bald mehr bald weniger blendend in's Auge fallen, je nachdem jene Pole aus dem Frost eines zwölfmonatlichen Winters emporstarren oder der schmelzenden Gluth eines eben so langen Sommers ausgesetzt find." Ich hätte mein Leben lang den Lehren dieses Astronomen zuhören können — Lehren, die jedem Geschöpfe so eindringlich die Tugend der Demuth predigten und vom stillen Lobe der Allmacht des Schöpfers überströmten. Wie gleichgültig war mirs nun, ob ich als bescheidene Staude von anderthalb Fuß Höhe oder als die stolzeste Waldeiche, ob ich als Mensch oder als Pflanze geschaffen war? War mir doch mit klaren Worten als Pflicht meines Daseins die vorgeschrieben, das erhabene Wesen, welches alle diese Wunder geschaffen hatte, zu preisen und meine Zeit in Zufriedenheit, in Andacht und im Lobe des Höchsten zu verleben. Wenn ich meine Eindrücke nicht durch die thierischen Organe des Gehörs empfing, wenn sie von meinesgleichen nicht durch jene der Sprache weiter fortgepflanzt, jene Funktionen vielmehr mittelst eigener Sinneswerkzeuge und durch Organe verrichtet wurden, welche durch ihre Feinheit der gewöhnlichen Beobachtung entgingen — war dies für mich ein Grund, mich zu beklagen? Konnte es mir nicht genügen, daß ich die Größe und Güte Gottes erkennen, begreifen und fühlen konnte? Ich darf wohl sagen, daß jene Vorträge mir zuerst den Weg zur wahren Philosophie bahnten, denn dort lernte ich zwischen Endlichem und Unendlichem unterscheiden, von dort an hörte ich auf, Andere zu beneiden, während ich alle meine Verehrung nur dem Einen höchsten Wesen widmete. Die Gnade der Vorsehung erstreckt sich über alle Geschöpfe und jedes empfängt ihren Segen in der Weise, wie sie am besten zu seinem Vervollkommnungsvermögen paßt. So habe ich — in enge Verbindung mit Menschen, zunächst 11 mit Frauen zu treten bestimmt — jenen stummen Verkehr mit meinem Astronomen immer als eine Borbereitungsschule betrachtet, welche mich für meine Zukunft erziehen und mich namentlich vor einer ungebührlichen Ueberschätzung meiner künftigen Genossenschaft bewahren sollte. Zwar wird ohne Zweifel mancher die Nase rümpfen, wenn ein Taschentuch von Selbstgefühl und überhaupt von Geist spricht; aber nur Geduld — ich hoffe, es soll mir gelingen, diese Kritiker alle im Verfolge dieser Blätter eines Besseren zu belehren. Zweites Kapitel. Es dürste wohl kaum nöthig seyn, bei der Zeit meines Lebens, welche zwischen meiner Geburt, d. i. meinem Emporkeimen aus der Erde und der Periode, wo ich „ausgerauft" wurde, verfloß — noch länger zu verweilen. Es war ein höchst schmerzlicher Tag, der mich noch überdies vor dem Eintritt meiner vegetabilischen Reife ereilte, da ich schon sehr frühzeitig dazu bestimmt ward, in Fäden von ungewöhnlicher Feinheit versponnen zu werden. Ich will daher von meiner Jugend nur so viel sagen, daß sie eine Zeit harmloser Freuden war, indem meine höchste Glückseligkeit darin bestand, meine einfach-schöne Blüthe zur Ehre Dessen, der sie hervorgerufen hatte, zu entfalten. Zur Zeit der Flachserndte wurde unser ganzes Feld umgelegt und nun folgte eine Scene geschäftiger Verwirrung , an die ich nicht ohne ein sehr peinliches Gefühl zurückdenken kann. Von dem ganzen Zubereitungsproceffe, der nnumehr Statt hatte, bildete das „Rösten" die schmachvollste Parthie, wiewohl eS mit uns in klarem, fließendem Wasser vorgenommen wurde; die empstndlichste aber von allen war das „Brechen". Glücklicherweise blieb uns die Seelenangss erspart, welche das Brechen auf dem Rad in der Regel begleitet, obgleich wir uns nicht rühmen durften, der Pein der Zurüstung ganz- 12 lich entgangen zu seyn. Unschuld war unser Schirm, und hatten wir auch den Theil von Schmach zu tragen, welchen schon bloße Formen mit sich bringen können, so blieb uns doch der Trost, den keine Grausamkeit, kein Raffinement harmlos Leidenden zu rauben vermag. Zudem fehlte unserem Schmerze jene empfindliche Zugabe des BewußtseynS, unverdient zu leiden. Von der „Hechel" zum „Spinnrad" führt der Weg durch eine Uebergangsperiode, welche ich unmöglich beschreiben kann. Alles rings um mich her erschien mir in einem Zustande unauflöslicher Verwirrung, bis das Chaos sich endlich lichtete und die Gestalt eines Stückes Battist annahm, dessen Feinheit die Arbeiter von nah und fern zur Bewunderung herbeilockte. Wir bildeten in diesem eigenthümlichen Prozeß eine besondere Familie von Zwölfen, worunter ich, wie ich mich noch wohl entsinnen kann, in der Rangordnung und also natürlich auch in der An- ciennetät die siebente Stelle einnahm. Nachdem man uns zuletzt »och kunstmäßig zusammengefaltet und in einen bequemen Umschlag gesteckt hatte, wurden wir an einem sicheren und sogar ehrenvollen Orte untergebracht, wo wir aller unangenehmen Eindrücke des Gesichts und Geruches enthoben waren, wie denn der Mensch selten ermangelt, sein werthvolleres Eigenthum mit Aufmerksamkeit zu behandeln. Wie lange wir in den Händen des Fabrikanten in diesem leidenden Zustande verharrten, vermag ich nicht mit Sicherheit anzugeben; jedenfalls mußten mehrere Wochen, wenn nicht gar Monde darüber verstrichen seyn. Unsere Unterhaltung drehte sich während dieser Zeit hauptsächlich um unsere künftigen Schicksale. Da waren Ehrgeizige unter uns, welche von nichts Anderem als von dem wahrscheinlichen oder vielmehr ganz unzweifelhaften Glücke hören wollten, daß wir, sobald unsere Ankunft zu Paris bekannt wäre, von dem König in eigener Person für die Dauphine, damals die erste Dame in Frankreich, gekauft werden würden. Die Herzogin 13 von Angouleme fand wegen ihrer hohen Eigenschaften bei Einigen von uns die unbedingteste Anerkennung, während sie von Anderen, wie ich bald entdeckte, mit ganz anderen Gefühlen als denen der Verehrung und Huldigung betrachtet wurde. Mit dieser Meinungsverschiedenheit in Betreff eines Gegenstandes, über welchen uns wohl schwerlich Jemand ein kompetentes Urtheil zutrauen wird, Hatteeseine so alltägliche Bewaudtniß, daß wir uns jedes Berichtes als einer unnöthigen Mühe überheben würden, wenn nicht daö Interesse der Vollständigkeit unserer Erzählung eine Erläuterung noth- wendig machte. Der Zufall wollte nämlich, daß unser Linnenstück noch auf der Bleiche über zwei verschiedene Aufsichtsbezirke zu liegen kam, deren einer einem Legitimisten, der andere aber einem Liberalen zur Besorgung zugewiesen war. Nun kam zwar keine dieser beiden Personen mit uns in Berührung, da wir uns unter der besonderen Aufsicht des ersten Arbeiters befanden; allein gleichwohl war es uns unmöglich, ganz und gar unmöglich, den Folgen dieser eigen- thümlichen Lage zu entgehen. Der Legitimiste las nichts als seinen Moniteur, während sich der Liberale einzig und allein mit dem Journale Le Temps beschäftigte, welches dazumal zur Vertretung der vermeintlichen Interessen menschlicher Freiheit eben gegründet worden war. Jeder dieser Beiden erhielt zu einer bestimmten Stunde ein Stück Papier, das er mit möglichst guter Manier und mit bemerkenswertster Ausdauer — da sich Keiner vom Andern übcrschreien lassen wollte — einem Kreise von Bleichknechten vorlas, welche rä- sonnirten wie er räsonnirte, auf seine Schwüre schwuren und mit demselben jedesmal zu denselben Schlußfolgerungen gelangten. Die größere Zahl und wohl auch die geistige Ueberlegenheit war auf Seiten des Liberalen, da der Moniteur unter allen Dynastien und Ministerien, welche seit seinem Bestehen in Frankreich am Ruder waren, die schwerfällige Amtsmiene eines offiziellen Blattes keinen Augenblick abgelegt hat. 14 Doch ich habe cS ja nur mit der Wirkung zu thun, welche diese Vorlesungen auf uns Taschentücher, nicht aber mit jenen, welche sie auf die Tagelöhner äußerte. Die beiden Enden unseres Stücks bildeten eine förmliche „Rechte" und „Linke" — mit anderen Worten, auf dem rechten Flügel des Stücks wurde Alles eifrig bour- bonisch und man glaubte in tiefer Ergebenheit, daß Fürsten, deren Namen täglich mit so vieler Ehrfurcht und Huldigung genannt wurden, wahre Muster von Vollkommenheit sehn müßten, während man auf der andern Seite von der Ansicht ausging, daß von Nazareth nichts Gutes kommen könne. Auf diese Art wurden vier von uns entschiedene Politiker, d. h. sie wollten sich ihren respectiven Gegner gegenüber nicht einmal mit der gründlichsten Verachtung begnügen, sondern fingen sogar an, Gefühlen Raum zu geben, welche dem wirklichen Hasse näher verwandt waren. Diese Gefühle behaupteten ihre größte Stärke auf den Flügeln und verloren an Jntenfität, jemehr man sich der Mitte näherte, wie fich der Leser leicht selbst vorstellen wird. Ich selbst mochte etwa zum linken Centrunr gehören, denn dort war zufällig mein Platz in der Fabrik, wo ich also naturgemäß die Ansichten jener Schattirung in mich aufnehmen mußte. Es wird sich in der Folge Herausstellen, wie lange jene frühen Eindrücke in mir nachklangen und in wie fern es überhaupt für bloße Taschentücher der Mühe Werth war, Zeit und Gefühle an Interessen zu hängen, deren Wahrung uns nun einmal durchaus nicht zusteht und worüber wir u»S selbst unter den günstigsten Umständen fast immer nur sehr zweifelhafte Knude verschaffen können. Diese Stimmung hatte zur Folge, daß die Nackiricht, wir stünden im Begriff, der unglücklichen Tochter Ludwigs XVI. in die Hände zu fallen — beträchtliche Aufregung und viel Mißvergnügen unter uns erregte. Trotz meiner großen Mäßigung in politischen Neigungen und Antipathien muß ich gleichwohl bekennen, daß ich Von einer gewissen politischen Aufregung nicht frei war, wie ich 15 denn rund heraus erklärte, daß ich mir, wenn denn der Hof nun einmal doch mein LooS seyn sollte, auf keinen Fall eine höhere Ehre wünschte, als die, der vortrefflichen Prinzessin Amalie anzugehören, welche damals als Tochter und Schwester eines Königs im Palais Royal den ersten Rang einnahm, gleichwohl aber ebensowenig die Aussicht hatte, die Krone auf ihrem eigenen Haupte zu sehen, als ihre Wünsche diesem Ziele zugewendet waren. Mein Verlangen wurde von der „Rechten" für niederträchtig und noch schlimmer als republikanisch erklärt, wogegen die „Linke" meine geheimen Absichten auf ein Aemtchen bespöttelte, die ich nicht den Muth besäße, offen vor der Welt einzugestehen. Allein das Eine war so ungegründet als das Andere, denn keinerlei unwürdige Gefühle hatten auf meine Entscheidung einen Einfluß auSgeübt: der Zufall hatte mich die Tugenden jener verehrungswürdigen Dame kennen gelehrt und ich war fest überzeugt, daß sie auch ein Taschentuch nicht anders als gütig behandeln würde; auch hat ihr seitheriges Benehmen unter den schwierigsten und überraschendsten Verhältnissen die gute Meinung vollkommen bestätigt, welche ich schon so frühzeitig für sie gefaßt hatte. Hätte sie doch niemals des Thrones Stufen betreten — dies wünschte ich ihr in der tiefen Neberzeugung, daß sie selbst schon ähnliche Wünsche gehegt haben mochte. Uebrigens waren diese hochflicgenden Pläne nicht in unserer ganzen Familie verbreitet: einige von uns hielten es schon für eine Ehre, unter der Aussteuer einer BanquierStochter zu prunken — an Käufer ans den Reihen des alten Adels war nämlich, wie wir wohl wußten, bei der Höhe des Preises ohnedies nicht zu'denken — während andere der Möglichkeit gedachten, daß uns vor dem Antritte unseres eigentlichen Lebensberufes vielleicht noch das Glück einer gemeinschaftlichen Reise Vorbehalten seyn dürfte. Da wir seither in so enger Verbindung zusammen gelebt hatten und uns im Ganzen doch wie Brüder und Schwestern anss zärtlichste liebten, so vereinigten sich alle in dem Wunsche, nicht getrennt zu werden, son- der» in ein und dieselbe Garderobe, — mochte diese nun im Jn- oder Auslande, bei Fürste» oder Bürgern gefunden werden — eintreten zu dürfen. Zwar ließen einige von uns noch ein Wort von der Herzogin von Berry, als unserer künftigen Gebieterin, fallen; allein dies wurde sogleich als eine keineswegs wünschens- werthe Parthie verworfen, da die Anficht vorherrschte, daß wir auf diese Art sehr frühe in die Hände einer Kammerfrau übergehen würden. Zuletzt faßten wir den weisen und philosophischen Entschluß, den Ausgang in Geduld abzuwarten, denn wir wußten nur zu gut, daß unser Schicksal gänzlich von den Launen des Zufalls und der Mode abhing. Endlich schlug die ersehnte Stunde, da wir das Magazin unseres Fabrikherrn verlassen sollten und — mochte nun geschehen, was da wollte — wir begrüßten ste mit frohem Entzücken. Wußten wir ja doch, daß bei dem gegenwärtigen Zustande nur an ein zielloses „Vegetiren" ohne die Wonne unserer früheren Lage zu denken war, wo wir mit festen Wurzeln an der Erde gehangen, wo lebende Sonnenstrahlen ihre Wärme in unsere Busen gegossen und balsamische Lüfte unsere Wangen gefächelt hatten. UeberdieS liebten wir die Abwechslung so gut wie andere Leute nnd hatten von Vegetation im eigentlichen wie im figürlichen Sinne nun wahrlich genug gesehen, um vollkommen genug daran zu haben. Wir verließen die Picardie im Juni 1830 und erreichten Paris am ersten Tage des folgenden Monats. Noch an demselben Tage überstanden wir die Visitationsförmlichkeiten an den Barrieren und der nächste Morgen fand uns bereits in einem berühmten Laden, wo Artikel unseres Faches feilgcboten wurden. Man hatte uns die Ehre erwiesen, eine vertraute Gehilfin mit einem Fiaker zu schicken, in welchem wir den Weg von der Douane in das Magazin, welchen andere Maaren auf dem Rollwagen zu machen pflegten, ganz behaglich auf den, Schooße unserer Begleiterin zurücklegten — so viel hatte der Ruf gewirkt, welcher bereits vor uns hergegangen war! 17 Unser Stolz war nicht gering, als wir zum ersten Male durch Ine Straßen der Hauptstadt Europa'S — dieses Mittelpunktes der Mode und Eleganz — hinfuhrcn. Unsere Natur hatte sich nach und nach in die Umstände zu fügen gelernt und weit entfernt, uns um die entschwundene Wonne unseres Pflanzenlebens als weiland linum usitntissimum zu grämen, konnten wir den Eintritt in unsere neue Eristenz mit all' ihren Genüssen kaum erwarten. Daß wir in derselben keine andere Rolle zu übernehmen haben würden, als bloße Schaustellung — dessen konnten wir ohnehin versichert seyn, denn wer dachte je daran, ein Taschentuch unsers Ranges zu Dienstleistungen des gemeinen Berufs herabzuwürdigen! Einer Dame die zarte Wange streicheln, ein Lächeln oder Erröthen verbergen, — derlei ungefähr mochte uns als Amt zufallen: das usitntiHmum dagegen hatten wir auf den Feldern der Normandie zurückgelaffen. Der bewußte Fiaker hielt unterwegs vor der Thüre einer berühmten Parfümeriehändlerin, mit welcher unsere Geleitsdame ein kleines Geschäft abzumachen hatte; diese, zu vorsichtig, um einen so wcrthvollen Ballen allein im Wagen zu lassen, nahm uns mit in den Laden, wo wir unsere erste Bekanntschaft mit dem lieblichen Geschlecht- jener süßen Wohlgerüche machten, deren feinste, gewählteste Düfte fortan in enger Verbindung mit uns leben sollten. Wir wußten recht gut, daß das Gesetz des feinen Tons von Gerüchen nur das Ausgesuchteste und selbst hievon nur einen leisen Anflug zuläßt, während ein minder zurückhaltender Gebrauch von schlechtem Geschmacke zeugt. Daher war cS jederzeit erlaubt, einen Tropfen Lavendel oder feinsten kölnischen Wassers auf ein Taschentuch zu sprengen.*' So fanden wir denn diese beiden Speziell nicht im mindesten anstößig und da Madame Savon dafür bekannt war, » Unsere Leserinnen werden sich wie billig über die Barbarei des Verfassers entsetzen, denn wann ist es einer Dame von Welt semals eingefallen, eine der genannten höchst ordinairen Parfüms in Anwendung zu bringen? D. U. Das gestickte Taschentuch. 2 18 daß sie keinerlei untergeordnete Qualität in ihrem Laden dulde, so durften wir keinen Anstand nehmen, das köstliche Aroma einzusaugen, das uns an diesem Orte entgcgenduftcte. Mademoiselle Desiree, unsere Begleiterin, konnte es natürlich nicht über's Herz bringen, sich von ihrer Freundin, Madame Savon, zu verabschieden, ohne diese einen Blick auf den Schatz, den sie bei sich trug, werfen zu lassen. Unter unzähligen viour! — viols! und ckames! wurden also die Taschentücher entfaltet, und man ermangelte nicht, ihre Feine und Schönheit auf eine Weise, die für unser Selbstgefühl nicht wohl schmeichelhafter seyn konnte, bis in die Wolken zu erheben. Madame Savon war der Ansicht, daß sogar ihre Wohlgerüche in solcher Gesellschaft noch würziger duften müßten und bestand darauf, einen Tropfen — „nur einen einzigen Tropfen" — ihres eau äs voloxne auf das zarte Gewebe fallen zu lassen. Ich war das glückliche Tuch, das auf solche Weise begünstigt wurde und lange nachher schwelgte ich noch in dem köstlichen Dufte, der eben stark genug war, um die Luft mehr mit der Ahnung als der wirklichen Nähe Alles dessen zu erfüllen, was die Damentoilette so süß und wahrhaft weiblich macht. Drittes Kapitel. Obgleich die Gunst des Zufalls mir nunmehr zu einem der zartesten Erkennungszeichen der feinen Welt verholfen hatte, so fühlte ich mich doch inmitten der allgemeinen Fröhlichkeit, welche jetzt in unserm Kreise herrschte, nicht vollkommen glücklich. Die Wahrheit zu gestehen, ich hatte mein Herz in der Picardie gelassen. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß ich „verliebt" war, denn abgesehen von der sehr zweifelhaften Frage, ob für das Vorkommen dieses Zustandes unter uns Taschentüchern auch nur ein Beispiel angeführt werden kann — so waren auch meine Gefühle von den 19 Schilderungen sehr wesentlich verschieden, welche ich seitdem von der Liebe öfters Hobe entwerfen hören. Vor Allem soll übrigens der Leser erfahren, wie ich in diesen Zustand gerathen war. Die Fabrik, woraus unsere Familie abstammte, früher unter dem Namen des Schlosses „Nocheaimard" bekannt, hatte vor der Revolution dem Vicomte gleiches Namens angehört. Nachdem der Thron, seines Königs gefallen war, begab sich der Vicomte mit seiner Gemahlin in das Lager der Emigrirten nach Coblenz, von wo er mit seinem einzigen Sohne Adrian, dem Chevalier von Nocheaimard, wie er gewöhnlich genannt wurde, an dem unglücklichen Einfalle der Alliirten in die Champagne als Feldmarschall Theil nahm. Der Vater fiel auf dem Schlachtfelde, der Sohn aber entging diesem Loose, um seine Jugend in der Verbannung zu vertrauern und vermählte sich einige Jahre später mit einer Cousine, deren Vermögen zu demselben Zustande von Ebbe wie sein eigenes herabgesnnken war. Eine Tochter, im Jahre i810 geboren und nach dem Vater Adrienne genannt, war die einzige Frucht dieser Verbindung. Beide Aeltern starben noch vor der Restauration und hinterließen das kleine Mädchen der Psiege der frommen Vicomtesse, ihrer hochbetagten Großmutter, welche allein ihre Familie überlebt hatte, um mit so vielen ihrer Standesgenossen den erloschenen Glanz ihres Hauses zu beklagen und sich mit Seufzen nach der „guten alten Zeit" zurückzusehnen. Als endlich die Restauration herbeikam, begegneten die armen NocheaimardS in Darlegung ihrer Rechte auf einen Antheil an der Entschädigungssumme den mannigfaltigste« Hindernissen, deren Entstehung mir zwar niemals erklärt wurde, die wahrscheinlich aber dem Umstande zugeschricben werden mußten, daß außer einer fünfundsechzigjährigen Frau und einem vierjährigen Kinde nicht ein Mensch vorhanden war, der sich für die Sache der Armen interessirt hätte. Wie häufig können wir in dieser gerechten Welt die Erfahrung machen, daß Appellanten solcher Art, die weder durch Reichthum, noch durch Macht oder Ansehen 20 unterstützt find, fast niemals zur Wiederherstellung ihrer Rechte gelangen — eine Erfahrung, welche auch die Vicomteffe und ihre Enkelin traf, die ohne die Gutherzigkeit der Dauphine geradezu an den Bettelstab gebracht worden wären. Diese aber, die ächte Tochter des vorigen Königs, hörte nicht sobald von der hülflosen Lage, in welcher sich die Abkömmlinge eines Geschlechtes befanden, dessen Ahnen bis zu den Kreuzfahrern hinaufreichten, als sie eS auch sogleich dahin brachte, daß ihnen „vorerst" eine jährliche Pension von zweitausend Franken bewilligt wurde. Vierhundert Thalcr des Jahrs dürfen selbst nach dem modernen Maßstabe, wie er unter den sogenannten nouveaur riolles von Amerika gebräuchlich ist, keineswegs als eine bedeutende Summe galten, waren aber gleichwohl hinreichend, Adriennen und ihrer Großmutter eine behagliche, ja selbst anständige Existenz in der Provinz zu sichern. Im Schlosse konnten sie freilich nicht wohnen, da dieses zur Fabrik eingerichtet und mit Maschinen und Webestühlen angefüllt war; dagegen hatte man in dessen unmittelbarer Nähe eine Wohnung für sie ausfindig gemacht. Hier konnte denn Frau von Rocheaimard den Abend eines wechselvollen, viebewegtcn Lebens, wenn auch nicht in völligem Frieden, so doch wenigstens nicht im eigentlichen Elende beschließen, während ihre Enkelin, ein Muster von Herzensgüte und frommer Ergebenheit gegen ihre einzige noch lebende Verwandte, zur lieblichen Jungfrau heranwuchs. Die Innigkeit des FamilienverbandeS in Frankreich ist schon häufig von Reisenden hervorgehoben und mit dem lockeren Zustande amerikanischer Häuslichkeit in Vergleich gezogen worden. Wenn auch nicht gerade alle derartigen Behauptungen streng wahrheitsgemäß sind, so bin ich gleichwohl sehr geneigt, ihnen im Wesentlichen Leizutreten: da zudem meine jetzige Schilderung das französische Leben berührt und für Amerikaner bestimmt ist, so sehe ich keinen besonderen Grund, warum ich diese Thatsache verbergen sollte. Unterwürfigkeit gegen die Eltern, Achtung vor der Autorität von Verwandten 21 und Ehrfurcht vor grauen Haaren sind Dinge, welche in Frankreich das Familiengesetz eben sowohl wie die Sitte sanktionirt hat. Namentlich trägt der „Familienrath," diese schöne und weise Schöpfung deS Nationalcoder, wesentlich zur Befestigung jener patriotischen HauSverfafsung bei, welche dem ganzen socialen Gebäude als Grundlage dient. Für unsere treffliche Adrienne war dieser Familienrath leider nur gar zu leicht zu versammeln und erfreute sich jederzeit der vollkommensten Siimmeneinheit: Krieg, Verbannung und Guillotine hatten ihn auf zwei Mitglieder reducirt, wovon das eine wenigstens in der Theorie ein sehr despotisches Hausregiment führte, das sich zu Zeiten wohl auch in der Praxis ein Bischen fühlbar machte. Doch genoß Adrienne im Ganzen einer ziemlich glücklichen Kinderzeit; sie lernte fast Alles, was einem Mädchen ihres Standes zu wissen nöthig war, indem der gute Ortsgeistliche, ein Mann, der ihren Großvater noch gekannt hatte, Sorge trug, Verstand und Herz zu bilden und zu nähren, ohne jedoch seine Schülerin mit überflüssigen Kenntnissen vollzupfropsen. Ihr Benehmen war einfach, edel, voll ruhiger, natürlicher Würde, ein Erbtheil jenes vollendet guten Tons, wie er vor der Revolution in den höheren Kreisen zu Paris einheimisch gewesen war. Freilich lachte sie sehr selten, wogegen aber auch, wenn sie einmal lächelte, ein ganzer Himmel von Liebreiz und Wohlwollen in ihren Zügen lag. Der Bleichgrund unserer Fabrik lag in dem ehemaligen Park deS Schlosses. Diesen pflegte Frau von Rocheaimard an jedem schönen Junimorgen zu besuchen, um die herrlichen Rosen und den lieblichen persischen Flieder ,zu betrachten, der sich aus den Zeiten des früheren üppigeren Flors noch erhalten hatte. Bei einem Vieser Besuche bekam ich Adrienne zum ersten Male zu sehen — unser kleiner Familienkreis hatte durch die Feinheit seines Ansehens die Aufmerksamkeit des Fräuleins angezogen. Neberdies war einer der Bleichknechte ein alter Diener der gräflichen Familie, der sich ein beson- 22 dereS Vergnügen daraus machte, den Damen Alles zu zeigen, was seiner Meinung zufolge für sie von Interesse seyn konnte. Es war derselbe, der immer so fleißig den Moniteur las und Allem, was dieser sagte, einen geheiligten Glauben schenkte. Er hielt dafür, keine Hand sey so würdig, Gewebe von solch vollendeter Feinheit zu berühren, als die von Mademoiselle Adrienne, und seiner Beharrlichkeit habe ich die Ehre zu danken, daß ich zuerst den sanften Druck ihrer schönen zarten Finger fühlen durfte. Dies begab sich etwa vier Wochen vor unserem Abgänge nach Paris; Adrienne zählte damals gerade zwanzig Jahre. Ihre Schönheit war von einer Art, wie man sie nur selten in Frankreich findet, die aber auch, wenn sie vorhanden ist, jede andere hinter sich zurückläßt. Sie war schlank und zart gebaut, hatte schöne Haare, eine tadellose Gesichtsfarbe, vor Allem aber ein Paar sanfte Tauben- angen von so wunderbarem Blau, wie ich sie noch nie in einem weiblichen Antlitze getroffen habe: dabei ließ ihr seines, gewinnendes Lächeln die ganze Innigkeit weiblicher Gefühle ahnen, welche noch unentwickelt in ihrer Seele schlummerten. Mit all diesen seltenen Eigenschaften hatte Adrienne gleichwohl wenig Aussicht, sich jemals zu vermählen, denn ihre Geburt machte jeden Gedanken an eine bloße Geldparlhie unmöglich und ihre Ar- muth stellte eine fast unübersteigliche Schranke zwischen sic und die Mehrzahl der verarmten adeligen Jünglinge, welche sie gelegentlich zu sehen bekam. Selbst der Einfluß der Dauphine war nicht hinreichend, für Adrienne de la Nocheaimard einen paffenden Gemahl aufzufinden. UebrigenS waren dies lauter Gedanken, welche dem reizenden Kinde niemals in den Sinn kamen; sie lebte mehr für ihre Großmutter, als für sich selbst, und so lange diese ehrwürdige Verwandte, die einzige, welche sie auf Erden besaß, von Sorgen und Schmerzen frei blieb, war auch ihr eigenes Leben vergleichungsweise glücklich zu nennen. „Ach die gute, alte Zeit!" sagte die Vicomteffe zu Georges, welcher mit dem Hut in der Hand hinter ihr stand und auf ihre Weisheit horchte, während die Dame mich mit ihrer Brille musterte; „die gute alte Zeit, mein Freund, die ließ es den Damen vom Schlöffe niemals an solchen Dingern fehlen. Unter meinen Brautgeschenken hatte ich sechs Dutzend Taschentücher, fast eben so sein wie diese, und unter der Aussteuer fand ich, glaub' ich, die doppelte Anzahl oder nicht viel weniger." „Ich erinnere mich sehr wohl, daß Madame" — Georges gab nämlich seiner ehemaligen Gebieterin noch immer diesen Ehrentitel — „bis zu der traurigen Periode der Revolution viele von den schönen Allssteuergewändern unberührt ließen." „Es war ein Glück für uns, Georges, denn sie haben diesem theuren Kinde als eine Mine des Reichthums gedient. Ihr werdet Euch wohl noch entsinnen, jene Aussteuer lag in dem alten Armoire rechts von der kleinen Thüre meines Ankleidezimmers?" „Madame la Vicomteffe mögen mir gütigst verzeihen — aber cS war linker Hand vom Zimmer — Monsieurs Münzsammlung wurde in dem gegenüberstehendcn Armoire verwahrt." „Unser guter Georges hat Recht, Adrienne! — er hat doch noch ein treffliches Gedächtniß! Dein Großvater ließ stch's nicht nehmen, seine Münzen, wie Georges sagt, in meinem Ankleidezimmer aufzubewahren. Doch links oder rechts, Monsieur Georges, das gilt jetzt Alles gleich viel — dort blieb jedenfalls der Rest meiner Aussteuer, als wir aus Frankreich flüchten mußten, und an derselben Stelle fand ich ihn wieder bei meiner Rückkehr. Die Umwandlung zur Fabrik hatte das Schloß vor Zerstörung bewahrt und die Besitzer haben meine Garderobe unberührt gelassen. Der Verkauf des Vorraths, nebst Manchem, was ich davon zurückbehielt, hat seit unserer Rückkehr viel dazu beigetragen, mein liebes Kind hier standesgemäß zu kleiden und es in eine anständige Lebenslage zu versetzen." Ich glaubte zu bemerken, wie Adrienne'S zartgeformte Wange, welche gewöhnlich nur leicht gefärbt war, bei dieser Bemerkung mit 24 tieferem Rothe Übergriffen wurde, und es war nicht Einbildung, wenn ich in der Hand, welche mich gefaßt hatte, ein leises Zittern verspürte. Schaam kannte es doch nicht sey», da das süße Kind selbst zu öfteren Malen mit solcher Unbefangenheit auf ihre Armuth anspielte, daß man wohl sehen konnte, wie jede falsche Schaam ihr gänzlich ferne war. Und warum hätte sie sich auch zu schämen gehabt? Wer sich innerer Vorzüge bewußt ist, welche allen Reichthum weit aufwiegen, den wird die Armuth in der Regel nicht mit solchen Empfindungen heimsuchen, und ein edelgeborenes, guterzogenes, tugendhaftes Mädchen sollte darüber erröthen müssen, daß ihre Eltern durch eine politische Katastrophe, welche einen der ältesten, mächtigsten Throne umgestürzt hatte, ihres ErbeS beraubt worden waren? Viertes Kapitel. Von nun an wurden Adrienne'S Besuche auf dem Bleichgrunde häufiger; gegen ihre Großmutter, welche sie stets begleitete, gebrauchte das reizende Kind den Vorwand, mit Georges zu plaudern, in der That aber kam sie blos, um das Wachsthum der Verfeinerung in unserem Aeußeren zu beobachten. Noch nie war ihr ein Gebilde von solcher Schönheit wie das unsere vorgekommen, und sie hatte bereits, wie ich später erfuhr, einige Franken zurückgelegt, um das ganze Stück anzukaufen und, zu feingestickteu Taschentüchern verarbeitet, ihrer Wohlthäterin, der Dauphine, als Geschenk zu überreichen. Madame de la Roebeaimard war mit diesem Plane, der einer Dame ihres Hauses vollkommen würdig war, höchlich zufrieden, und Beide begannen bald darauf bei ihren Besuchen ganz offen davon zu sprechen. Mit fünfzehn bis zwanzig Napoleons hoffte man die Sache in'S Werk zu setzen, und der Ueberrest der Aussteuer konnte immer noch eine solche Summe abwerfen. Wahrscheinlich würde das Ganze auch zur Ausführung gediehen 23 seyn, wenn das theure Kind nicht von einer schweren Krankheit befallen worden wäre, so daß man sogar an ihrem Aufkommen zweifelte. Ich hatte übrigens das Glück, noch ehe wir unsere Reise antraten, von ihrer allmähligen Genesung zu hören, dagegen war von dem beabsichtigten Ankäufe nicht mehr die Rede. Vielleicht war dies recht gut, denn beider damaligen Stimmung unserer „äußersten Linken" schien es mehr als zweifelhaft, ob meine Kameraden auf jenem Flügel sich unter der Garderobe der Dauphine mit dem Takte und der Besonnenheit benommen hätten, wie dies in der Umgebung einer Prinzessin von so hohem Range und so ausgezeichnetem Charakter erwartet werden konnte. Zwar läßt sich nicht läugnen, daß keines von uns den Fall, um den sichs handelte, so recht eigentlich begriff; allein dies machte die Sache nur um so schlimmer, denn eS ist ja eine alte Erfahrung, daß man am heftigsten streitet über Dinge, die man nicht versteht und sie eben darum mit der größten Zuversicht beurthcilt. So kam es denn, daß ich an nichts, als an Adrienne denken konnte, als Mademoiselle Desirve uns der Herrin der neuen Firma in der Slraße-präsentirte. Wir wurden einer strengen Prüfung unterworfen und dann als „musterhaft" anerkannt; doch geschah dies nicht in dem süßen Tone und mit dem noch süßeren Lächeln jenes edlen, feingebildeten Mädchens, das wir in der Pikardie zurückgelaffen hatten. In ihrem Lobe lag etwas, was das Herz rührte, ein Gefühl, dem selbst die Fanatiker unter unfern Republikanern nicht zu widerstehen vermochten, denn sie schien bei Abwägung unserer Verdienste nicht bloS das Gewebe und den Preis im Auge zu haben. Sie sah in unserer Schönheit das Ebenbild der Gabe, welche sie für die Fürstin gewählt, in unserer Weichheit das Symbol der Wohlthätigkeit der Dauphine, ihre eigene Dankbarkeit harmonirte mit dem ausnehmend Feinen in unserer Erscheinung und unsere Zartheit ließ alle die edle Großmuth der Fürstin ahnen, für die 26 wir bestimmt waren — mit einem Wort, sie verstand sich darauf, in die Gefühle eines Taschentuches cinzugehen! Wie ganz anders war dagegen die Anerkennung, welche uns von Desiree und deren Prinzipalen gezollt wurde. Für sie waren wir ein bloßes Rechenerempel mit Franken, und wir befanden uns noch keine fünf Minuten in dem Magazin, als sich schon ein lebhafter Streit darüber erhob, ob unser Preis »m einen Napoleon höher oder niedriger gestellt werden sollte. Man sprach sehr viel von einer gewissen „Frau Herzogin" und ich konnte bald bemerken, daß man auf eine Dame dieses Ranges, die das seltene Glück gehabt hatte, mit dem Namen einer alten historischen Familie auch deren ganze Reichthümer auf die Gegenwart zu bringen, und welche in der Gesellschaft des Faubourg den Ton angab — als auf die „rechte Käuferin für unS" wartete. Für alle Fälle wurde beschlossen, uns vor jedem sterblichen Auge zu verbergen, bis die Herzogin, welche sich eben damals mit „Madame" zu RoSny aufhielt und jene Prinzessin von da nach Dieppe begleiten sollte, in ihr Hotel in der Straße Bourbon zurückzekehrt sehn würde, was gegen den letzten Oktober geschehen sollte. So sahen wir uns denn mit einem Male verdammt, mitten in der fröhlichsten Hauptstadt Europa'S drei Manate unseres Lebens in völliger Abgeschiedenheit zuzubringen: aller Kummer war umsonst, und so kamen wir denn zu dem Entschlüsse, uns mit Geduld zu wappnen und soviel möglich gute Miene zum bösen Spiele zu machen. Demgemäß wurden wir säuberlich in eine besondere Schublade gebracht, wo wir bereits einige andere Lieblingsartikel vorsanden, welche gleich uns, für gewisse vornehme, in diesem Augenblicke ebenfalls abwesende, Kunden zurückgelegt worden waren. Solche „Specialitäten" * im Handel trifft man in Paris gar nicht selten; sie knüpfen zwischen Käufer und Verkäufer ein * Wenn man es übersetzen wollte; „Feinheiten — Kunstgriffe." D. U. 27 angenehmes Band, welches diesem Verkehr ein cigenthümliches Gepräge und mancher Maare wyhl auch einen ungewöhnlichen Werth verleiht. Etwas zu sehen, was noch kein Anderer vor uns gesehen hat, etwas zu besitzen, was kein Anderer besitzen kann, ist außerordentlich verführerisch und ungemein erclufiv. Auch ist es eine bekannte Sache, daß alle diejenigen, welche die gewöhnlichen Hülfsgnellen der Ausschließlichkeit nicht besitzen, sich gar gerne durch untergeordnete, künstlichere Mittel eine solche zu schaffen bemüht sind. Im Ganzen glaube ich, daß wir von unserer neuen Lage eher Genuß als Langeweile gehabt haben. Zwar wurde unsere Lade nie geöffnet, dagegen war die benachbarte unaufhörlich in Bewegung und gewisse Spalten unter dem Ladentische setzten uns in den Stand, Manches von dem, was im Magazin vorging, zu sehen und mehr noch zu hören. Der Theil des Ladens, in welchem wir uns befanden, wurde meistens von Damen besucht und so bekamen wir einige töte-ä-tete zu hören, welche in der That sehr unterhaltend waren. In der Regel handelte es sich dabei um Klatschereien, denn obwohl Paris der Ort nicht ist, wo diese zur wahren Blüthe gedeihen, und sie viel mehr in der Provinz und in den Handelsstädten unzweifelhaft ihren eigentlichen Grund und Boden haben, so ist doch diese Weltstadt so sehr Vereinigungspunkt der verschiedenartigsten Persönlichkeiten, daß es ihr auch an Klatschereien nicht ganz fehlen kann. Der ganze Unterschied besteht darin, daß in dem socialen Treiben der sogenannten Cites, die Klatscherei sich in erster Linie breit macht und daher in besonders grellem Lichte erscheint, während sie in Paris durch das kosmopolitische Element in den Hintergrund gedrängt und in Schatten gestellt wird. Geklatscht wird aber, wie gesagt, auch in Paris und Klatschereien wären es, was wir in der oben beschriebenen Weise mit anzuhörcn bekamen. Hätten freilich gewisse hübsche Damen wissen können, daß Taschentücher 28 Ohren haben, so würden sie sich ohne Zweifel dieser eigenthüm- lichen Liebhaberei mit größerer Vorsicht überlaffen haben. Wir hatten wohl einen Monat in der Schublade gelegen, als ich eines Tages dicht bei uns eine weibliche Stimme vernahm, welche mir von der letzten Zeit her ziemlich bekannt war, und deren Besitzerin in vertraulichem aber entschiedenem Tone sprach. Aus einigen Anspielungen konnte ich entnehmen, daß sie zumHof gehörte, und wenn ihre Stellung, wie ich vermuthe, auch nicht zu den höchsten zählte, so war sie doch jedenfalls der Art, daß die Inhaberin ihrer eigenen Ansicht nach recht gut über Politik sprechen konnte. „Iws oi'äoniianoes" waren beständig in ihrem Munde und man konnte leicht erkennen, daß sie diesen Ordonnanzen, was auch immer ihre Bedeutung seyn mochte — eine große Wichtigkeit beilegte und ein politisches tausendjähriges Reich nahe glaubte. Der Laden war an diesem Tage weniger besucht als sonst; am folgenden wurde es noch schlimmer und die Commis begannen nun ebenfalls laut von „Ordonnanzen" zu sprechen. Den Morgen darauf wurden weder Fenster noch Thüren geöffnet und wir verlebten einige düstere Stunden in ungewissen Vermnthungen. Von der Straße her ließen sich ominöse Töne vernehmen und einige unter uns glaubten sogar fernen Kanonendonner zu hören. Nach einiger Zeit erschienen Madame »nd Monsieur selbst im Laden und singen an, Geld und Papiere in Sicherheit zu bringen; unsere Dame war eben im Begriff, sich in eines der inneren Gemächer zurückzuziehen, als sie plötzlich zu dem Ladentisch zurückkehrtc, unsere Schublade öffnete und uns ohne viele Umstände zusammenraffte; ehe wir noch recht wußten, wie uns geschah, waren wir alle zwölf in eine Truhe oben im zweiten Stock geworfen und in ägyptischer Finsterniß begraben. Von Stund an war jede Spur von dem, was auf den Straßen der Hauptstadt vorging, für uns verloren: gleichwohl fanden wir, daß es, beim Licht besehen, gar nicht so übel ist, in einer Revolution nichts als ein simples Taschentuch zu seyn. Unsere Ein- 29 kerkerung dauerte bis zu»i folgenden Dezember und da unsere Gefühle durch die großen Fragen des Tags nicht minder, als die anderer unvernünftiger Wesen um uns her, in Aufregung gekommen waren, so würden wir wohl eine sehr schlimme Zeit in unserer Truhe gehabt haben, wäre uns nicht ein Umstand zu Hilfe gekommen. Bei der großen Hast nämlich, mit der unsere Herrin uns eingeschloffen hatte, waren wir dermaßen durcheinander gerathcn, daß man nicht mehr sagen konnte, was „Rechte" und was „Linke" war. Da somit für den Augenblick jeder Gegensatz der Parthei aufgehört hatte, so machten wir uns daran, philosophische Materien allgemeiner Natur zu diScutiren, eine Beschäftigung, die wunderbar zu einer Lage paßt, welche wahrlich eine nicht geringe Uebung in der löblichen Tugend der Verschwiegenheit erforderte. Eines Tags, als wir uns dessen am wenigsten versahen, erschien mit einem Male unsere Dame in eigener Person, durchstöberte Kisten, Kasten und Truhen, und entdeckte uns endlich an demselben Orte, wo sie uns etwa vor vier Monaten mit höchst eigenen Händen hingelegt hatte. Die gute Frau schien in der That in ihrer Hast und Bestürzung völlig vergessen zu haben, in welchem Winkel wir versteckt worden waren. Wir wurden sofort mit aller Sorgfalt geplättet, auf's Neue in unsere frühere politische Ordnung versetzt, um dann in's Magazin zurückgebracht und in alle Ehre und Würden d. h. in das Schiebfach der AuSerwählten wieder ausgenommen zu werden — eine Veränderung, welche so ziemlich eben so viel bedeutet, wie wenn Jemand in die fashionablen Viertel, in die bvaux guartiors einer Hauptstadt übersicdelt, und dem Umzuge aus Oast Broadway* in die ächte unvergleichliche, meilenlange achtzig Fuß weite Breitenstraßc sogar noch vorgezogen werden dürfte! Jetzt fanden wir endlich Gelegenheit, so manches von den großen Ereignissen zu hören, welche unterdessen über Frankreich * Ost'Breitweg, Straße zu Ncw-Nork. D. u. 30 hingcgangen waren und noch immer die Ruh- pon Europa gefährdeten. Die Bourbon- waren abermals entthront» wie man es nannte, und ein anderer Bourbon hatte ihren Platz eingenommen. Man durfte sagen: „il z? n Lourbon et Lourbon" und der Erfolg hat auch hier das Sprichwort bestätigt: „was im Blute steckt, wird auch im Fleisch ausbrechen." Handel und Wandel waren im Stocken: unser Herr brachte die Hälfte seiner Zeit nnter'm Gewehre in den Reiben der Nationalgarde zu, um die RevolutionS- männer davon abzuhalten: „die Revolution auf's Neue zu revolu- tioniren"; die großen Familien hatten die Livreen, manche wohl auch ihre Equipagen und die meisten ihre Wappenschilder abgeschafft, Taschentücher unsercsSchlags hätten wohl für entschieden aristokratisch gegolten und Aristokratie stand in jenem Augenblick zu Paris in fast eben so schlimmem Geruch wie bei uns in Amerika, wo sie als achte Todsünde zählt, obgleich fast Niemand die wahre Bedeutung des Wortes zu kennen scheint. Soviel wenigstens ist gewiß, daß hier schon eine loyale Entwicklung der Demokratie fest darauf rechnen darf, mit dem Vorwurfe aristokratischer Tendenzen gebrandmarkt zu werden, und kein Statthalter würde es wagen, ein solches Attentat ungeahndet zu lassen. Die Unzufriedenheit über das Darniederliegen des Handels wurde immer lauter und ernstlicher unter den Klassen, welche von den friedlichen Künsten desselben lebten. Zum Glück war Weihnachten vor der Thüre und wenn das revolutionirte Paris nicht beim Herrannahen des Neujahres einkaufte, so mußte Paris noth- wendig eine neue Dynastie haben. Die Polizei sah dies voraus und stellte ihre Thätigkeit ein, um die Republikaner in Mißkredit z» bringen: der Mensch muß auch gelebt haben und der Handel durfte wieder ein Bischen aufathmen. Ach wie wenig wissen oft die, welche ihre Stimme zu geben haben, warum sie so und nicht anders stimmen — oder diejenigen, welche ihre Hände mit dem Blute von Brüdern färben, warum sie also gehandelt haben! 31 Die Herzogin war weder nach Paris zurückgckehrt noch ausgewandert, sondern hatte vorgezogen, gleich der Mehrzahl deS hohen Adels, der mit vollem Rechte in der Aufrechthaltung des Erstgeburtsrechts die Hauptstütze seiner Existenz erkannte — ihre Unzufriedenheit mit der neuen Ordnung der Dinge, wonach der jüngste Prinz einer zahlreichen Familie aus den Thron des Aeltesten gesetzt worden war, dadurch an den Tag zu legen, daß sie sich auf ihr Schloß zurückzog. Alle Hoffnung, uns an sie zu verkaufen, war aufgegeben worden und nach dem großen Grundsätze der „Freiheit und Gleichheit" wurden wir wie alle andern Artikel auf den großen Markt geworfen, wie sich dies in einem republikanischen Reiche ziemte. Unsere Aussichten änderten sich mit jedem Tage: die Dauphine, Madame, die Rochefoucaulds, de la TremouillcS, die Grammonts, RohanS, CrillonS u. s. w. u. s. w. — sie alle waren außer Frage. Die königliche Familie befand sich bis auf die orleanische Linie in England und der Adel saß fast ohne Ausnahme auf seinen „Hochtauen", um zu schmollen. Das Regiment der BanqnierS hatte noch nicht so recht begonnen, denn vor dem Juli 1830 konnte diese ehrbare Klaffe von Bürgern nicht wagen, sich ihrer angeborenen Borliebe zum Uebertreiben und Vornehmthun zu überlassen, weil ein uralter, wenn auch verarmter Adel sie durch die Ueber- legenheit, welche Rang und Erziehung ihm sicherten, noch einigermaßen in Schranken hielt. Dazu kam, daß ihr Vermögen damals noch sehr unsicher war, da die Fonds fortwährend schwankten und sogar der würdige Jacques Lafitte, dessen edler Charakter jedem Stande Ehre verleihen würde, zu wanken begann. Wären wir ein Jahr später auf den Markt gekommen, so ist gar kein Zweifel, daß uns die Frau oder Tochter eines Börsen-Spekulanten in weniger als acht Tagen sammt und sonders aufgekauft hätte. Natürlich hatten wir bei diesem Stand der Dinge Muße genug zu Beobachtungen und Betrachtungen. Wohl zehn und hundert 32 Mal wurden wir Käufern vargewiesen, welche, wie wir glaubten, unserer Schönheit nicht widerstehen sollten; aber, ach! keiner wollte anbeißen. An dem Tage, da die Lilien von den Stempeln der Münze verschwanden und der König sein Wappen ablegte, dachte ich, müßte unsere Dame schon allein unsertwegen Krämpfe gehabt haben. Man schien Alles, was nach Aristokratie roch, sogar in der Wäsche und den Taschentüchern meiden zuwvllen. Wie schlecht verstand sich die gute Frau auf die menschliche Natur! Wußte sie denn nicht, daß, wenn eine alte deplacirte Aristokratie verdrängt wird, sich eine neue so unfehlbar an ihre Stelle setzt, als an einem Aase hungrige und gesättigte Fliegen sich ablösen, und daß sich gerade diese neu Emporgekommenen weit ungestümer in das alte Beet von Ausschweifung und Thorhcit drängen, als die früheren, welche immer an Reichthum gewöhnt waren und ihn nicht an den Tag zu legen brauchten, nur um sich ein Ansehen zu geben! Gleichwohl war für mich der Tag der Erlösung nahe, und er erschien mir ebenso glänzend, wie die Hochzeit einem Mädchen sich darstellt, welches vor Sehnsucht brennt, sich in den Strudel der Welt zu stürzen. Fünftes Kapitel. Die Festtage waren vorübergegangen, ohne dem Verkehre einen erheblichen Aufschwung zu geben, als mir mit einem Male die Stunde der Befreiung schlug. Es war im Februar und unsere Dame hatte^ glaub' ich, bereits alle Hoffnung, uns in dieser Saison noch loS zu werden, aufgegeben, als eines Tages vom Ladentisch her die lieblichen Töne einer wohlbekannten Stimme an mein Ohr schlugen. Eine weibliche Stimme war es natürlich, welche nach einem Stück Battisttücher fragte, die aus einer Fabrik in der Picardie hierher geliefert worden sehen. Zu meinem Erstaunen war an unserer Dame nichts von ihrer gewöhnlichen, geschäftigen Dienstsertigkeit zu bemerken 33 und sie brachte sogar anfänglich einige Stücke von weit geringerer Sorte zum Vorschein. AIS wir endlich zu Tage kamen, erkannte ich augenblicklich die schöne, zierliche Gestalt und die feinen Züge AdrienneS von Rocheaimard. Das arme Kind war bleicher und magerer geworden, seitdem sch sie nicht mehr gesehen hatte; «ohne Zweifel," sagte ich zu mir selbst, „die Folgen ihrer letzten Krankheit." Allein noch unangenehmer fiel mir eine andere Verschiedenheit auf: ihr Anzug war jetzt um Vieles einfacher geworden. Ich sage „um Vieles einfacher," denn einfach war ihre Kleidung von jeher gewesen. Doch bezeichnet der Ausdruck nicht ganz genau, was ich sagen will und auch das Wort „gering" ließ sich eben so wenig auf ihren gegenwärtigen Anzug anwenden. So wie ich fle jetzt vor mir sah, schien ihre Toilette, obgleich ein Muster von Geschmack und Nettigkeit, doch mit einer, ich möchte sagen ängstlichen Sorgfalt geordnet, welche offenbar Dürftigkeit, wenn nicht gar eigentliche Noth verschleiern sollte. Dieß war cs auch, was unsere Dame abgehalten hatte, ihr gleich Anfangs so feine Sorten wie uns vor Augen zu legen. Als das arme Kind uns auf den ersten Blick wieder erkannte, glaubte ich zu bemerken, daß sich ihre blaffen Wangen ein wenig rötheten und ein schwaches Lächeln über ihre Züge hinflog. Was mich betrifft, so gab ich mich mit Entzücken der Berührung ihrer zarten Finger hin, welche, wie schon einmal, prüfend über meine feine Oberfläche hinglitten, und mir war zu Muthe, als ob wir beide ausdrücklich für einander bestimmt wären. Plötzlich hielt Adricnne ein; sie schien sprechen zu wollen, aber Scheu und Beschämung schloffen ihr die Lippen; ihre Farbe wechselte jeden Augenblick, bis sich beide Wangen mit rosig-tiefer Röthe überzogen und ihre Zunge endlich Worte fand. „Würden Sie sich vielleicht dazu verstehen, Madame," fragte sie mit einer Stimme, der man die Angst vor einer abschlägigen Antwort anhörte, „ein einzelnes Stück von diesem Ganzen abzulaffen?" Das gestickte Taschentuch. b 34 „Sie entschuldigen, mein Fräulein! Tücher von dieser Qualität werden nicht leicht einzeln verkauft." „Ich dachte es wohl — und doch könnte ich nur eines brauchen einer Stickerei zu Liebe — wenn aber.. Diese Worte wurden langsam und mit Mühe hervorgepreßt und mit dem letzten versagte dem süßen Kind die Stimme ganz. Es war wohl nur der Krämerinstinkt und nicht etwa eine Anwandlung von Gefühl, was unsere Dame geneigt machte, eine Ausnahme von ihrer Regel zu gestatten. „Der Preis eines jeden dieser Taschentücher ist fünf und zwanzig Franken, Mademoiselle," — den Tag zuvor hatte sie uns der Frau eines der reichsten Wechsel-Agenten in Paris zu einem Napoleon angeboten! — „fünf und zwanzig Franken im Dutzend; da es übrigens scheint, daß Sie nur ein Stück zu haben wünschen, so möchte ich nicht gerne ungefällig seyn und will eS ihnen zu acht und zwanzig überlassen." Die Züge AdriennenS zeigten bei diesen Worten eine seltsame Mischung von Bekümmerniß und Freude; doch zauderte sie keinen Augenblick, den Vorschlag anzunehmen und bezeichnete auch sogleich, von dem Dufte jenes Tropfens blau äo Ooloxno angezogen, meine Wenigkeit als das Tuch, welches sie ausgesucht hatte. Madame setzte nun zwischen mir und meinem Nachbarn von der „Linken" die Scheere an, schien aber plötzlich ihre eigene Uebereilung zu bereuen, denn ohne den entscheidenden Schnitt zu thun, ließ sie noch zuvor einige neu entstandene Zweifel laut werden. „Sie dürfen wahrhaftig noch einen Frank zulegen, Mademoiselle, wenn ich Ihnen ein Tuch gerade aus der Mitte des Stücks abschneiden soll." Adrienne'S Verlegenheit war zu deutlich geworden, um sich länger verbergen zu lassen. Daß sie das Tuch sehnlichst zu haben wünschte, war klar und doch schien sich noch ei» offenbares Hinderniß der Erfüllung ihrer Wünsche entgegenzustemmen. „Ich fürchte nur. 33 nicht so viel Geld bei mir zu haben," stammelte sie, blaß wie der Tod, denn die Angst, so nahe am Ziel noch zu scheitern, überwand sogar ihre Schaum und obwohl ihre zitternde Hand beinahe den Dienst versagte, so gewann sie eS doch über sich, ihre Börse hervorzuholen. — Ein Napoleon, der zuerst zum Vorschein kam, schien keine üble Ausbeute zu versprechen, aber ach ! erhalte keinen Kameraden ! Siebe» Einfrank-Stücke, endlich noch ein Nachtrab von zwei ZehnsouS- stücken — das war Alles, das klebrige war eitel Kupfer. Der ganze Inhalt der Börse, nachdem sie geleert und in allen Falten durchsucht war, betrug nicht mehr als gerade acht und zwanzig Franken und sieben Sous. „Dieß ist Alles, was ich habe, Madame!" lispelte Adrienne mit ersterbender Stimme. Die Verkäuferin, in der Schule des Mißtrauens ausgewachsen, warf erst einen forschenden Blick auf ihren Kunden und strich dann das Geld ein, zufrieden, von diesem armen Mädchen mehr erpreßt zu haben, als sie von der Frau des Wechsel-Agenten zu fordern gewagt haben würde. Adrienne aber nahm mich zu sich und glitt so flüchtig aus dem Laden, als hätte sie gefürchtet, ihren theuer erkauften Schatz wieder zu verlieren. Ich selbst war über mein eigenes Glück zu sehr entzückt, um damals schon das Empörende der Scene gehörig würdigen zu können. Ich war wieder in Freiheit, athmete wieder frische Luft und befand mich auf dem Wege, meine Bestimmung zu erfüllen — das war mir genug. Wie war mir unser seitheriges Vegetiren so unbeschreiblich zuwider gewesen, wo ich weder wachsen konnte, noch mit Thränen getränkt wurde, noch endlich meine Lieblinge, die Sterne, sehen durfte, aus denen ich so tiefe Weisheit gelernt hatte. Zudem hatten die Politiker alle Behaglichkeit aus unserem Kreise gescheucht; die „Rechte" fing an, die Augenbraunen in die Höhe zu ziehen, denn logisches Denken war ohnehin nie ihre Sache gewesen, während die „Linke" eben anfing zu entdecken, daß sie eine Nevo- 36 lution für andere Leute gemacht hatte. Und dann war es ja allein schon Seligkeit, bei Adriennen zu seyn! Als ich fühlte, wie das süße Kind mich an ihr Herz drückte, da faßte ich einen Entschluß, wie man ihn gewiß einem Taschentuch wenig Zutrauen wird: ich warf eine Falte meines sommcrfadengleichen Gewebes in die Höhe, als ob sie ein Luftzug gefaßt hätte, und schwang mich so zu ihrem lieblichen Antlitz empor, um die erste Freudenzähre aufzusaugen, die sie seit Monden vergossen hatte. Der Leser wird gern glauben, daß meine Einbildungskraft in voller Thätigkeit war, um die Umstände, welche Adriennen von Rocheaimard nach Paris gebracht, sowie den Grund zu erfahren, warum sie gerade mich mit so viel Eifer ausgesucht hatte. War es möglich, daß das dankbare Mädchen mich noch immer der „Herzogin von Angouleme" als ein Zeichen ihrer Ergebenheit darbringenwollte? Nicht doch; die Herzogin war ja in der Verbannung, während ihre Schwester für die Rechte ihres SohneS ohnmächtige Komplotte schmiedete, welche ein doppelter Verrath zunichte machen sollte. Wie ich schon früher angedeutst, giebt und empfängt unser Geschlecht seine Ideen nicht durch Organe, wie sie unter Menschen gebräuchlich sind, sondern eS besitzt eine Gabe des Hellsehens, welche sich unter günstigen Umständen stets wirksam erweist. Ja, man kann sagen, daß diese magnetische Erregung beständig vorhanden ist, so lange wir mit Verrichtung der uns eigenthümlichen Funktionen beschäftigt sind. .Sind wir freilich in Ballen zusammengepackt, oder in Schubladen begraben, um den gemeinen Zwecken des Handels zu bienen, so schlummert dieser Instinkt, denn die gütige Natur verschmäht es, ihre Wunderkräfte für andere als legitime Gegenstände in Bewegung zu setzen. Unter „legitim" verstehe ich hier nichts, was die Throne und ihre Vererbung anginge, überhaupt nichts Politisches, sondern lediglich bas eigentliche Ver- HLltniß einer Erscheinung zu ihrer wirkenden Kraft. 37 So hatte mich denn Adrienne noch nicht lange in ihrer zarten Hand gehalten oder gegen ihr pochendes Herz gedrückt, als ich auch schon vermöge dieser Eigenschaft mich znm Herrn aller ihrer Gedanken gemacht und Alles was ihr zu fürchten und zu hoffen blieb, ergründet hatte. Diese Offenbarung kam aber nicht mit Einem- male über mich, wie eS bei gewissen Somnambülen der Fall sein soll, denn wer wird in meinem Falle an Rosenkreuzerei und dergleichen denken? — sondern wie jedes Ding von der Ursache zur Wirkung fortschreitet, so brauchte auch ich einige Zeit stufenweise» Fortgangs, bis mir das Ganze klar ward. Das Einfachste bot sich zuerst meiner Wahrnehmung dar; das Weitere folgte dann zufolge einer gewissen magnetischen Entwickelung, mit deren Beschreibung ich mich jetzt nicht aushalten kann. Ich habe mir übrigens vorgenommen, wenn ich erst mit dieser Erzählung zu Ende seyn werde, eine Vorlesung über diesen Gegenstand zu halten, wozu alle Redakteure des Landes ihre gewohnten Freikarten erhalten sollen, so daß die Welt unfehlbar wenigstens eben so viel erfahren wird, als diese verdienstlichen Diener des Publikums herausbringen werden. Das Erste, was ich auf diese Art erfuhr, war die wichtige Thatsache, daß die Vicvmteffe durch die jüngst ausgebrochene Revolution und die damit zusammenhängende Verbannung der Dauphine um alle ihre bisherigen Subsistenzmittel gekommen war. Dieser an sich schon so schwere Schlag war noch dazu im allerungünstigsten Zeitpunkte gefallen. In dem Augenblicke, da die Katastrophe eintrat, stand nämlich einer der halbjährigen Renten-Termine vor der Thüre und dieser Zahlungstag kam und ging, ohne daß die beiden armen Geschöpfe auch nur über die Summe von zwanzig Franken zu gebieten gehabt hätten. Wären nicht wieder die Reliquien der großmütterlichen Aussteuer in die Lücke getreten, so hätten sie beide entweder betteln oder Hungers sterben müssen. Der Drang der Umstände forderte jedoch eine Entscheidung für die Zukunft und zum Glück war der alten Dame, die schon so 38 manchen Schicksalswechscl überstanden hatte, nach genug Thatkraft geblieben, um ihre Parthie nehmen zu können. Paris war der beste Ort zur Verwerthung ihrer Schätze; dahin also machten sich beide, sie und Adrienne, auf den Weg, ohne einen Augenblick länger zu verlieren. Sie fingen damit an, ihr Glück in den Läden zu versuchen; aber ach! im Herbst 1830 war dies ein schlechter Markt für Verkäufer! Da wurden täglich die kostbarsten Gegenstände für den zwanzigsten Theil ihres Ankaufspreises losgeschlagcn. So sah die Bicomteffc ihren kleinen Schatz mit jedem Tage sich vermindern, denn auch das Leihhaus mußte sich in seinen Geschäften nach dem laufenden Verkausswerthe der Pfandobjecte richten. Endlich geschah, was unter diesen Umständen nicht wohl auSbleiben konnte: Alter, Sorgen und vor Allem der jüngste empfindlichste Schlag thatcn ihre Wirkung; die alte Dame erlag solchem Nebermaß von Mißgeschick, wurde bettlägerig, hinfällig und grämlich. So fiel nun die ganze Last auf die schüchterne, zarte, unerfahrene Adrienne. Der Gedanke an das allgemeine NuskunftSmittel aller Mädchen in ihrer Lage — wenigstens in Ländern wie Frankreich, wo die Kultur so weit vorgeschritten ist— nämlich durch Mittheilung dessen, was sie selbst gelernt haben, an andere weibliche Individuen der dringendsten Noth zu entgehen, war auch Adrienne nicht fremd geblieben. Im Gegeniheil war der Fall, daß sie noch einmal Erzieherin oder Gesellschafterin werden müßte, von jeher als ein nicht ferne liegender betrachtet worden. In diesem Augenblicke war aber bei Frau von Nocheaimard Befinden an etwas der Art gar nicht zu denken, wenn auch der Zustand des Landes ihr eine solche Aussicht gestattet hätte. Die arme Adrienne mußte also allen ihren Muth zusammennehmen, und der verzweifelten Lage, in der sie sich befand, fest ins Auge blicken, um ihre Maßregeln mit Bedacht nehmen zu können. Armuth hatte Frau von Rochcaimard gezwungen, bei ihrer 39 Ankunft in Paris das wohlfeilste, was von anständige» Wohnungen zu haben war, auSzufuchen, und da sie in der Voraussicht eines längeren Aufenthalts, so wie mit Berücksichtigung der bei längerer Miethe in der Regel eintretenden Preisermäßigung, für ei» ganzes Halbjahr bezahlt hatte, so war Adrienne noch eine geraume Zeit wenigstens vor dem Aeußersten sicher, sich obdachlos zu sehen. Die Wohnung befand sich in einem Zwischengeschoß des Place Royale, einem zwar abgelegenen, aber vollkommen anständigen Stadttheile, der in mancher Beziehung noch ganz besondere Vorzüge gewährte. Die Frau des Portiers war durch den Miethvertrag verbunden, die gröberen Dienste der Haushaltung zu verrichten; aber ach! der armen Adrienne blieben immer noch Sorgen genug übrig. Während die Pflege der Großmutter, welche selten das Zimmer verließ, sie beinahe allein in Anspruch nahm, mußte sie zugleich die Küche bestellen und hatte die noch weit schwerere Aufgabe, die nöthigen Subsistenzmittel herbeizuschaffen. Einen Monat lang hatten die verschiedenen Aussteuerüberreste die Bedürfnisse der Großmutter gedeckt; aber dies- Fundgrube war nunmehr nahezu erschöpft, und das arme verlassene Mädchen hatte mit Mühe eine Modistin gefunden, welche sich herbei ließ, ihre Nadel für einen Spottpreis auf acht bis zehn Stunden täglich zu miethen. Ohne einen Augenblick zu verlieren, hatte Adrienne, schon lange ehe ihr Bischen Geld aus die Neige ging, dieses wenig einträgliche Geschäft begonnen, denn sie sah wohl, daß die Tage ihrer Großmutter gezählt waren und all ihr Sinnen und Trachten ging nur dahin, für die kurze Spanne Zeit, welche ihrer einzigen Verwandten noch übrig war, jeden Mangel von ihr fern zu halten und ihr ein ehrbares, christliches Begräbniß zu sichern. An sich selbst und ihre eigene Zukunft dachte das arme Geschöpf so wenig als möglich, obwohl bange Schauer unwillkürlich ihre geängstigte Seele durchbebten. Im Anfänge der Krankheit hatte sic einen Arzt beigezogen; allein diese Ausgabe stand in zu großem Mißverhältniß mit 40 ihren Mittel», und war auch durch das Befinden ihrer Großmutter nicht' durchaus geboten. Der menschenfreundliche Mann versprach zwar^ noch ein und das andere Mal unentgeltlich nach der Patientin zu scheu, und hatte sein Wort auch eine Zeit lang gehalten, war aber bald einer Dienstleistung müde geworden, welche in der That keinen wirklichen Zweck hatte, und gegen das Ende des Monats bekam ihn Adrienne nicht mehr zu sehen. So lange ihre tägliche Arbeit für ihre eigenen kleinen Bedürfnisse auszureichen schien, blieb Adrienne verhältnißmäßig ruhig und machte fich unter Wachen, Thränen und Gebet auf den gefürchteten Augenblick gefaßt, der das letzte Band lösen sollte, welches sie an ein menschliches Wesen geknüpft hielte. Zwar lebten ihr noch einige entfernte Verwandte in Amerika, die im Beginne der Revolution von 1789 dahin ausgewandert waren; allein von ihnen war längst jede Spur verschwunden. Zn der That waren die männlichen Glieder gestorben und die Frauen waren Groß- mütterchen mit englischen Namen geworden, welche von einer Familie Namens Rocheaimard wohl kaum noch einige Kunde besaßen. Von daher hatte also Adrienne so wenig als von dem Manne im Mond zu erwarten. Aber die Schätze der Aussteuer waren so gut als erschöpft und der Borrath an baarem Geld hatte fich auf einen Napoleon nebst etwas kleiner Münze reducirt — eine neue Erwerbsquelle mußte daher nothwendig, und zwar ohne Zeitverlust, ausfindig gemacht werden. Unter den Kostbarkeiten der großmütterlichen Mitgift befand fich ein Stück ausgezeichnet feiner Spitzen, welche noch nie getragen worden waren; die Mcomteffe liebte es, sich durch deren Anblick an ihren früheren Glanz und Neichthum erinnern zu lassen und würde wohl niemals in eine Trennung von ihnen gewilligt haben. Gleichwohl hatte Adrienne dieselben, mit dem Wunsche fle zu verkaufen, der Modistin, für welche sie arbeitete, vorgewiesen, allein der Preis, der ihr darauf geboten ward, erschien ihr so sehr unter dem wahren Werthe, daß sie sich nicht zu dem Handel entschließen konnte. Inzwischen war ihre eigene Garderobe beinahe völlig aufgezehrt worden — von der großmütterlichen nichts mehr vorhanden, was sich zu Gelde machen ließ, nnd so mußten denn jene Spitzen in irgend einer Weise ausgebcutet werden. Während Adrienne über diese bittere Nothwendigkeit nachsann, kam ihr auf einmal unsere Familie in den Sinn. Sic wußte, nach welchem Laden wir spcdirt worden waren und entwarf alsbald den Plan, eines von uns zu kaufen, das AuSerwählte mit irgend einer kunstreichen Stickerei von ihrer eigenen Hand zu zieren und mit den Spitzen der Vicvmteffe zu besetzen. Der Verkauf dieses Prachtstücks sollte ihr eine Summe einbringen, mit der sie alle leiblichen Bedürfnisse der Großmutter zu decken hoffte. Evle Herzen sind in der Regel sanguinisch — Wunsch und Hoffnung halten bei ihnen gleichen Schritt mit einander. So hatte Adrienne gehört, daß mancher Wohlhabende ein so reich verziertes Tuch mit zwanzig Napoleon bezahlt habe und so sah sich das gute Kind im Geiste schon im Besitze eines kleinen Schatzes. „Wenn ich meine Zeit recht zu Rath halte und meine früheren Spaziergänge einstelle," so sprach sie zu sich selbst, „so kann ich in zwei Monaten fertig werden, ich esse weniger und arbeite um so mehr, dann können wir auch mit dem, was wir noch in Kaffe haben, zur Roth durchkommen." Das war das Geheimniß jenes Kaufs, der meine Wenigkeit um den Preis des letzten Sous, den daS liebliche Mädchen besaß, in ihre Hände geführt hatte. Das arme Kind! die Ausgabe hatte ihre Berechnung um ein Gutes überschritten, und sie konnte nicht nach Hause zurückkehren, ohne die entstandene Lücke durch den Verkauf einiger Artikel, welche ihr Ridicüle noch nebenher verwahrte, einigermaßen auszufüllen, denn für die Modistin konnte sie unter zwei bis drei Tagen keine Arbeit fertig bringen und doch mußte 42 augenblicklicher Rath für die mangelnden Bedürfnisse der Großmutter geschafft werden. Glückselig über ihre Erwerbung wandelte Adrienne die Quais entlang, als plötzlich diese unaufschiebliche Pflicht sich ihr aufdrang. Das Leihhaus war ganz außer ihrem Wege, sie sah sich daher nach einem Laden um, wo sie hoffen durfte, etwas an den Mann zu bringen, um dem Bedarf des Augenblicks abzuhelfen. Zum Glück besaß sie eine» goldenen Fingerhut, ein Angebinde ihrer Großmutter zu ihrem letzten Geburtstage. Die Trennung von ihm ging ihr freilich schwer zu Herzen, allein es geschah ja nur, um die geliebte Geberin nicht darben zu lassen, und dieß machte das Opfer um vieles weniger schmerzlich. Er hatte einen Napoleon gekostet und ein Napoleon war damals eine ganze Schatzkammer in ihren Augen. Zudem hatte sie noch einen silbernen Fingerhut zu Hause „und selbst ein kupferner" — dachte das aufopfernde Geschöpf — „wäre gegenwärtig gut genug für mich." Durch die Gänge, zu welchen sie ihre traurige Lage trieb, war Adrienne in einigen Juwclierläden bekannt geworden und nach einem von diesen richtete sie jetzt ihre Schritte. Nachdem ein Blick durch's Fenster sie vergewissert, daß nur eine Person ihres eigenen Geschlechts, die Frau des Juweliers, zugegen war, trat sie mit größerer Zuversicht und guten MutheS ein. „Madame," Hub sie mit schüchternem Tone an, denn noch hatte die Noth sie nicht dreist oder gar frech zu machen vermocht, „Madame! ich habe hier einen Fingerhut, der mir entbehrlich ist; wären Sie vielleicht geneigt ihn zu kaufen?" Die Frau nahm den Fingerhut, wog ihn prüfend und untersuchte seinen Gehalt mit dem Probierstein. Er war gar niedlich und klein, sonst hätte er nicht an Adrienne's Finger gepaßt: dies machte die Ladendame anfänglich stutzig und sie warf einen argwöhnische» Blick auf die Hand des Mädchens, deren Zartheit und Weiße sie aber überzeugte, daß der Fingerhut nicht gestohlen war. 43 „Wie viel rechnen Sie denn für das Ding zu bekommen, mein Fräulein?" fragte die Frau sehr ruhig. „Er hat einen Napoleon gekostet, Madame, und wurde eigens für mich gemacht." „Sie hoffen vielleicht, ihn um denselben Preis wieder zu verkaufen" — so lautete die trockene Antwort. „Dies nicht, Madame; denn natürlich werden Sie den nöthigen Profit in Anschlag bringen; haben Sie die Güte, zu bestimmen, wie viel Sie dafür zu geben gedenken." Adrienne konnte es, wie dieß bei zartfühlenden Naturen stets der Fall ist, nicht über sich gewinnen, für Anderer Zeit oder Arbeit einen Preis zu bestimmen; sie erschrak vor dem Gedanken, daß sie, ohne es zu wissen, der Frau in dem ihr gebührenden Gewinn zu nahe treten könnte. An der Aengstlichkeit und Unentschlossenheit der Verkäuferin merkte die Frau des Ladens augenblicklich, daß sic eS mit einem sehr unerfahrnen Wesen zu thun hatte, und war keck genug, darnach zu handeln. Zuerst warf sie einen abermaligen Blick auf die kleine, zierliche Hand der Andern, ob auch keine Gefahr vorhanden scy, daß der Fingerhut nachher reklamirt werden könnte und als das Ergebniß dieser Prüfung beruhigend aussiel, ließ sie ihr gemessenes Gebot in folgenden Wc-rten vernehmen. „Als die Zeiten noch besser waren, Mademoiselle, — ich meine ehe die Lumpen von Republikanern alle Fremden aus Paris verscheuchten, ja damals hätte ich Ihnen wohl sieben und einen halben Frank für diesen Fingerhut bieten können; wie aber das Geschäft jetzt geht, kann ich Ihnen keinen Sous über fünf Franken dafür geben." „Er ist von sehr gutem Golde, Madame," bemerkte Adrienne mit halberstickter Stimme, „man sagte meiner Großmutter, das Metall allein sey dreizehn Franken Werth!" „Vielleicht daß Sie in der Münze so viel dafür erhalten, wo sie Geld daraus schlagen, sonst aber giebt kein Mensch mehr als fünf Franken." 44 Hätte Adrienne schon länger in dieser kalten, herzlosen Welt gelebt, sie wäre wohl schwerlich das Opfer einer so plumpen Erpressung geworden. So aber, unerfahren wie sie war und erschreckt durch die berechnete Ruhe der Wuchrerin, erbat sie sich die paar Franken so demüthig, als ob ihr eine Gnade damit widerführe, und entfernte sich eilig. Erst als sie wieder allein auf der Straße war, fing sie an der Sache reiflicher nachzudenken. Mit fünf Franken konnte ihre Großmutter kaum eine Woche leben, sogar wenn sie den kleinen Vorrath an Holz und Wein mit einrechnete, den sie noch besaß, und nun hatte sie keine goldene Fingerhüte mehr wegzugcben. Ein tiefer Seufzer rang sich aus ihrem Busen und Thränen traten ihr in die Augen; allein man bedurfte ihrer zu Hause und so hatte sie keine Zeit, über die ganze Größe ihres Versehens nachzudenken. Sechstes Kapitel. Beschäftigung ist ein süßer Trost im Unglück. Von all' den sinnreichen Martern, welche je im Lauf der Zeiten ersonnen worden sind, ist wohl keine nur halb so grausam, als einsames Gefängniß — da zehrt der Geist, gefräßig wie der Geier des Prometheus, am eigenen Leben, besonders wenn ein böses Gewissen seinen Hunger vermehrt und seine Gier noch höher anfacht. Adrienne hatte zu ihrem Glücke der augenblicklichen martervollen Sorgen so viele, daß ihr selten eine müßige Minute blieb, um hinter sich in die Vergangenheit zu sehen oder den bangen Blick in die Zukunft zu richten. Noch mehr — sie besaß ein reines Gewissen, denn nie hatte ein reineres Herz, ein edlerer Sinn in eines Weibes Brust gelebt. Und doch konnte das gute Kind sich Pflichtvergeffenheit vorwerfen und es vergingen Stunden und Tage, bis ihre GewiffenSskrupel wegen jener unbedachten Weggabe des Fingerhuts, den sie als eine der HülfSqnellen ihrer geliebten Großmutter betrachtete — dein Drucke größerer und schwererer Nebel wichen. Sollte ich auch Methusalems Alter erreichen, ja sollte ich einmal der Ehre jenes Taschentuches gewürdigt werden, welches der Groß- Sultan der Odaliske seiner Wahl zuwirft, nie werde ich vergessen, mit welcher Theilnahme ich Adriennen zu der Thüre ihres kleinen Gemaches im Zwischengeschoß begleitete. Sie hatte mit des Portiers Töchterlein, Natalie, das Abkommen getroffen, daß das Kind gegen eine kleine Belohnung so lange bei der Großmutter blieb, als ihre kurzen Ausgänge dauerten, welche sich nicht vermeiden ließen. Wir fanden also die Kleine an der Thüre, mit Ungeduld ihrer Erlösung harrend. „Hat Großmutter nach mir gefragt, Natalie?" fragte Adrienne besorgt im Augenblicke des Eintretens. „Nein, Mademoiselle! Madame hat die ganze Zeit geschlafen und das hat mich so gelangweilt." Die kleine Schildwache wurde mit ihrem Sou entlassen und Adrienne war nun in dem Vorgemache allein. Die Ausstattung dieses ZimmerchenS war höchst anständig, denn Frau von Roche- aimard bezahlte eine ziemlich beträchtliche Miethe und diese war in einem Zeitpunkte unmittelbar nach der Juli-Revolntion festgesetzt worden, wo die Preise wohl um die Hälfte gefallen waren; so kam eS, daß diese Räume in ihrem Aeußern keineswegs die Noth verriethcn, welche sie gleichwohl einschlossen. Adrienne ging durch das Vorzimmer, das zugleich zum „Speisesaal" diente, und erreichte einen kleinen Salon, der in das Schlafgemach der Großmutter führte. Ein schneller Ueberblick belehrte sie, daß Alles in Ordnung war und ihre Aufregung verschwand nunmehr. Sie reichte der Großmutter einige Erfrischungen, erkundigte sich zärtlich nach ihren Wünschen, besorgte schnell einige kleine häusliche Geschäfte und setzte sich dann zur Aibeit, um ihr 46 eigenes tägliches Brod zu verdienen: denn die Minuten waren kostbar in ihrer Lage! Ich dachte nicht anders, als nun werde die Reihe an mich kommen, besichtigt, auch wohl bewundert und geliebkost zu werden; aber nichts dergleichen ward mir zu Theil. Adrienne hatte Alles nach einem festen Plane geordnet und für mich waren lediglich die Morgenstunden bestimmt, welche sonst ein Gang zur Erholung in der frischen Luft ausgefüllt hatte. Für jetzt wurde ich bei Seite gelegt, doch war der Ort, wo ich ruhte, so beschaffen, daß nichts von dem, was um mich vorging, meinen Blicken entgehen konnte. Der Tag verstrich dem geduldigen Mädchen in unablässiger Arbeit, welche nur dann unterbrochen ward, wenn die Großmutter etwas bedurfte; diese Liebesdienste waren die einzige Erholung meiner armen Freundin. Eine leichte Suppe nebst einigen Weintrauben und etwas Brod bildete ihr ganzes Mittagsmahl und ich bemerkte sogar, daß sie von den Weintrauben beinahe die Hälfte für den kommenden Tag zurücklegte. Offenbar war sie nicht mehr sicher, ob ihr Vorrath für die Großmutter bis zur Vollendung ihrer Arbeit ausreichen würde und dieser peinliche Zweifel, der sich nicht bannen ließ, war für jetzt die größte Qual des armen Geschöpfes, lieber diesen ersehnten Zeitpunkt hinaus hatte sie keine Sorgen mehr, denn die Hoffnung, daß ihre so glücklich ausgcsonnene Spekulation verhältnißmäßig reiche Früchte tragen werde, stand unerschütterlich in ihrer Brust. Armes Kind! ihr Kummer war das Neberströmen eines zärtlichen Herzens, und ihre Hoffnungen kleideten sich in die sanguinischen Farben der unerfahrenen Jugend. Den nächsten Morgen kam ich an die Reihe. Es war nach und nach Frühling geworden, eine Zeit, welche über Paris ihren ganzen Reichthum an Naturschönheiten ansschüttet. Wir waren im April und schon begannen die Blumen die Luft mit Wohlgerüchen zu erfüllen und die öffentlichen Gärten mit ihrer Farbenpracht zu schmücken. 47 Madame de la Nocheaimarb Pflegte Morgens am tiefsten zu schlummern und Adrienne hatte seither keinen Anstand genommen, ihre Großmutter ans ein Stündchen zu verlassen, um auf dem kürzesten Wege die nächste Promenade zu gewinnen und in Gottes freier, frischer Luft Muth und Kraft für den Tag zu sammeln. Diesen schönen Genuß sollte sie sich von nun an versagen»— ein Opfer, dessen Größe diejenigen, welche unverdorben und tugendhaft genug sind, um für solch ein unschuldiges Vergnügen Sinn zu behalten, namentlich wenn sie in die unnatürlichen Schranken einer Stadt gebannt sind — gebührend zu schätzen wissen werden. Adrienne brachte es ohne Murren, wenn sie auch nicht jeden Seufzer deshalb unterdrücken konnte. Als mich das liebe Mädchen in den Rahmen spannte, um mich mit eigener niedlicher Hand zu zieren, warf sie einen Blick des Entzückens, ja selbst der Zärtlichkeit auf mich, dessen ich in meinem ganzen Leben nie wieder vergessen werde. Noch hatte sie von den üblen Folgen, welche ihre Selbstverläugnung für sie haben sollte, nichts zu verspüren gehabt: wenn auch ihre Wangen nicht gerade rosig blühten, so hatten sie doch die natürliche Farbe noch nicht ganz verloren, und das Auge, obgleich gedankenvoll, selbst traurig, war noch nicht eingefallen, noch kein Spiegel des Kummers und der Herzensangst geworden. Sie freute sich ihres Einkaufs und lebte und webte in den glänzenden Hoffnungen, welche ihre sanguinische Phantasie daran knüpfte. In der Führung der Nabel besaß Adrienne ein ungewöhnliches Geschick, und ihr Geschmack war so fein gebildet, daß sie sich auch in der Kunst des MusterzcichnenS eine große Meisterschaft erworben hatte. Schon früher, als man sich noch mit dem Plane trug, unsere ganze Sippschaft der Dauphine zu weihen, hatte man den Gedanken gefaßt, uns Taschentücher mit Stickereien zu versehen und zu diesem Zweck einige Zeichnungen von vollendeter Schönheit und Zierlichkeit vorbereitet —nichts von jenen plumpen, bedeutungslosen 48 Zierraihen, welche das Auge des Ungebildeten durch überladenen Prunk blenden, sondern wohlersonnene Umrisse, mit Sinn und Geschmack ausgeführt, an denen sich die Phantasie verfeinern, der Sinn fürs Schöne bilden konnte, und welche eben dadurch einem sonst sinnlos erscheinenden Luxus gewissermaßen als Entschuldigung dienen mochten. Von diesen halte Adricnne eines der einfachsten, schönsten Muster ausgewählt, um es mittelst ihrer kunstreichen Nadel auf einem Gewebe zu verkörpern. Der erste Stich an dieser Arbeit geschah mit dem Glockenschlag fünf in der Frühe des t4. April 182t, der letzte zwei Monate später am selben Tage um zwölf Uhr Mittags. Vier Stunden täglich saß Adrienne über den Rahmen gebückt, ganz verloren in ihre Stickerei und in die Luftschlösser, welche sie darauf baute. Manch schöner Blick in die lautere Seele des Kindes war mir in dieser kurzen Zeit «erstattet. Ihr inneres Auge schweifte von Furcht zu Hoffnung über und verweilte mitunter auch bei ihren andern Arbeiten und dem geringen Preise, den sie sich mit diesem mühevollen, sklavischen Dienste erwarb. Die Modistin bezahlte sie nämlich ganz auf dem Fuße eines gewöhnlichen Nähmädchens, obwohl ihre feine, niedliche und geschmackvolle Arbeit recht wohl das Doppelte dieses Lohnes Werth gewesen wäre. Er betrug für die untergeordneten Arbeiterinnen einen Frank täglich und dabei mußten die armen Geschöpfe noch selbst für Nahrung und Obdach sorgen. Dis Klage über herabgedrückte Preise war damals allgemein und die arme Revolution hat in dieser Beziehung eine Masse häuslichen Elendes zu verantworten. Wer von den Thorheiten oder, was dasselbe ist, von dem Luxus der Menschen lebt, ist mit seiner Plünderung auf zwei Klaffen von Opfern angewiesen — die Konsumenten und die Producenten, sowohl die eigentlichen als die Arbeiter. Dies gilt nicht nur von der männlichen Klasse, sondern auch und in noch weit höherem Grade von dem schwächeren Geschlecht, welches häufig so hülsloS ist, daß 49 es sich jedes Unrecht, jede Bedrückung gefallen läßt, nur um nicht ganz entblößt auf die Gaffe gestoßen zu werden. In dieser Kunst der Unterdrückung aber war die Modistin, welche Adriennen Arbeit gab, so ausgelernt, als dies ein alter Politiker nur immer seyn kann, der seit dem Jahre 1789 allen Schleichwegen gallischer Staatskunst gefolgt ist. Sie wußte recht wohl, welch einen Schatz sie an dem unerfahrene» Mädchen besaß, begriff aber eben so gut ihre Aufgabe, bas anspruchlvse Geschöpf seinen Werth nicht ahnen zu lassen. „Gebe ich ihr einen Frank," so kalknlirte die verschmitzte Prinzipalin, „so stehe ich nicht dafür, daß nicht vor der Zeit eine Ahnung von ihrer Wichtigkeit in ihrem Köpfchen aufsteigt; setze ich sie aber auf fünfzehn Sous, so wird sich ihr die Tugend der Demuth so gründlich einprägen, daß ich hoffen darf, sie noch einmal so lange zu behalten." Und dieses Raisonnement, welches an einer gewöhnlichen Nähterin zu Schanden geworden wäre, bewährte sich bei Adrienne als vollkommen richtig. Sie nahm die fünfzehn Sous demüthig und dankbar hin, in steter Angst, auch diesen erbärmlichen Verdienst zu verlieren. Hätte man sie erst nach dem Stücke bezahlt, so konnte sie es recht gut auf das Doppelte täglich bringen; allein ihre Bestellerin hütete sich wohl, hierauf einzugehen, denn sie war bald inne geworden, daß sie es mit einer gewissenhaften Person zu thun hatte und von ihrer Arbeiterin dann am meisten Gewinn erpressen könnte, wenn sie deren Ehrgefühl volles Vertrauen schenke. So sollte diese also jeden Morgen um neun Uhr frühstücken, und Punkt Viertel ans zehn die Arbeit für ihre Prinzipalm beginnen; um ein Uhr hatte sie ein halbes Stündchen frei und um sechs war ihr Sklavendienst zu Ende. „Ich habe mein Vertrauen einmal auf Sie gesetzt, Mademoiselle, und will Sie deßhalb ganz sich selbst überlassen. Wenn Sie mit ihrer Arbeit fertig sind, so bringen Sie mir das Stück nach Hause und Ihr Geld wird stets bereit seyn. Sollte es ein oder das andere Das gestickte Taschentuch. 4 50 Mal Vorkommen, daß Ihre Großmutter mehr von Ihrer Zeit in Anspruch nimmt als gewöhnlich: nun so läßt sich das ja leicht ein- bringen; Sie fangen dann ein andermal ein halb Stündchen früher an oder machen länger fort oder arbeiten dazwischen einmal einen Tag über Rechnung. Sie kommen so weit besser zu, als wenn ich Sie Stückarbeit liefern ließe und ich will edelmüthig mit Ihnen verfahren. Sollte es einmal gerade besonders dringende Arbeit geben, nun dann, denke ich, kömmt es Ihnen auch auf ein Stündchen oder zwei über die Zeit nicht an; für Licht werde ich natürlich sorgen. Aber wie gesagt, liebes Kind, sepen Sie nicht allzu gewissenhaft und nehmen Sie sich Zeit zur gehörigen Pflege Ihrer Großmutter. Du lieber Gott! die Verpflegung von Aeltern und Anverwandten ist ja eine unserer heiligsten Pflichten! Adieu, Mademoiselle, wir sehen uns bald wieder." Als die arme Adrienne wieder, mit mir beschäftigt, an ihrem Rahmen saß, wiederholte sie sich diese gleißnerische Rede Wort für Wort, gänzlich unfähig, die herzlose Falschheit auch nur zu ahnen, welche so deutlich daraus hervorlauerte. Mit fünfzehn Sous dachte sie auszukommen, ohne den kleinen Grundstock anzugreifen, welcher für die Großmutter bestimmt war, und damit war sie zufrieden. Das arme Kind! Sie hatte bei ihrer Rechnung weder an Mieth- zins, noch an Feuerung und Kleider, noch endlich an das gedacht, was sie an ihrer Gesundheit einbüßte — für Krankheit und andere Nothfälle blieb vollends nicht ein Pfennig übrig! Und doch glaubte sie sich noch glücklich schätzen zu müssen, daß man sie in einer so verhängnißvollen Zeit, wie sie damals über Frankreich schwebte, ein Sümmchen verdienen ließ, das kaum einer an die härteste Entbehrung lange gewöhnten Grisette für die dringendsten Bedürfnisse zureichen würde. Von den nächsten vierzehn Tagen habe ich wenig zu sagen. Frau von Rocheaimard wurde allmählig schwächer, konnte aber noch Monate lang leben und Adrienne hoffte sogar, sie würde gar nicht 51 sterben. Zum Glück waren ihre Bedürfnisse gering, obschon ihr Appetit launisch war und ihre Stimmung mehr und mehr grämlich wurde. Doch zeigte sich in Allem, was sie sagte oder that, die zärtlichste Liebe für ihre Enkelin, und das wohlthuende Bewußtseyn, von dem einzigen Wesen, das ihr so theuer war, geliebt zu werden, hob Adrienne leicht über all die kleinen Launen weg, welche fast immer die Begleiter von Alter und Gebrechlichkeit sind. Ihr Geld hielt sie mit der äußersten Genauigkeit zu Rathe und wußte sich sogar von ihrem Bischen Arbeitslohn einige Sous täglich abzusparen, um den Schatz der Großmutter zu mehren. Inzwischen hätte sie dies nicht vermocht, wenn nicht so Manches von den alten Schätzen noch vorhanden gewesen wäre, womit sich ein und das andere Mal eine augenblickliche Lücke auSsüllen ließ. Gleichwohl sah sich Adrienne nach Ablauf von vierzehn Tagen mit Einrechnung aller ihrer Ersparnisse aus ihren letzten Frank reduzirt und nun mußte etwas geschehen, um Frau von Rocheaimard vor dem Aeußersten zu sichern — die Sache litt keinen Aufschub. Außer den bewußten Spitzen hatte Adrienne beinahe nichts mehr zu veräußern. Diese, ein wahres Kunstwerk, hatten ursprünglich fünf Louisd'or gekostet und zwei Napoleons waren Adriennen auch schon von ihrer Bestellerin, der sie das Prachtstück einmal gezeigt hatte, großmüthigerweise darauf geboten worden. Allein diese Spitzen waren ja bestimmt, die Pracht meiner Ausstattung zu krönen und sollten, wie sie hoffte, zum wenigsten den vollen Betrag ihres ursprünglichen Preises einbringen, wenn sie erst einem Gewebe von meiner Feinheit als schmückende Einfassung dienten. Sonst war nur noch der silberne Fingcrhut vorhanden, der fünf Franken gekostet hatte; Adrienne rief also die Portierstochter herein und und machte sich alsbald selbst auf den Weg, um diesen einzigen LuruSartikel, der ihr noch geblieben war, mit guter Manier loszuschlagen. „IIn äe, mn banne äemoiselle!" ries die Frau, der sie den 52 Fingerhut zum Kaufe anbot; „dies ist ein so ordinärer Artikel, daß ich gar nicht darauf bieten sollte, doch will ich dreißig SouS daran wagen." Adrienne glaubte, diesmal ihre Berechnung mit etwas mehr Menschenkenntniß angestellt zu haben. Bittere Erfahrungen hatten ihr bereits mehr denn eine eindringliche Lehre gegeben und ste fühlte die Nothwendigteit, im Berkehr mit den Menschen mehr als bisher auf ihrer Hut zu seyn. Sie hatte auf drei Franken gerechnet, denn der Fingerhut war so gut wie neu, dazu nett gearbeitet, so daß er im Laden zu fünfcn noch für wohlfeil gelten konnte. Sie nahm sich also ein Herz und sprach dies gegen die HandelSfran aus. „Drei Franken, Mademoiselle!" schrie diese, „nimmermehr, seitdem jene drei Unglückstage allen Handel und Wandel gelähmt haben; kein Mensch ist mehr im Stande, einen solchen Preis zu bezahlen; ich will froh seyn, wenn ich selbst wieder so viel daraus löse. Indessen, da das Dingelchen ein artig Ansehen hat und daS Silber ächt scheint, so wollen wir sünfunddreißig sagen, aber dann auch kein Wort mehr!" Adrienne seufzte, nahm das Geld und eilte nach Hause. Zwei Stunden später erschien im Laden ein müßiger Käufer, der mehr Geld als Verstand hatte und mußte für denselben Fingerhut, als die „allerncueste Mode der Julirevolution" sechs Franken bezahlen! So ließen sich gar manche Beispiele anführen, wie jenes glorreiche Ereigniß noch ganz andere Folgen herbeiführte, welche eben so schwer auf das gewöhnliche Verhältniß zwischen Ursache und Wirkung zurückzuleiten wären. Unterwegs rechnete Adrienne aus, daß ste mit Benützung des noch übrigen Vorraths von Wein, Zucker und Pfeilwurz das Budget ihrer Großmutter mit zehn SouS bestreiten konnte; von ihrem eigenen Lohn hatte ste bis jetzt täglich drei Sous zurückgelcgt, was mit dem Erlöse des Fingerhuts uno dem einen noch in Kasse befindlichen Frank gerade hinreichte, den Unterhalt für Frau von 53 Rocheaimard eine weitere Woche lang zu decken, wobei das arme Kind freilich an ihrer eigenen Person noch mehr als bisher sparen mußte. Sobald sie zu ihrem Stickrahmen zurückgekehrt w'ar — denn diesem hatte sie in ihrer Gewissenhaftigkeit die paar Minuten zu dem Gange abgezogen — ging sie diese Berechnung noch einmal bei sich durch, und warf dann, als sie damit zu Ende war, einen Blick auf ihre Arbeit, als ob sie nach dem schon Vollendeten die Zeit bemessen wollte, die sie noch dazu brauchen konnte. Ihr Auge sagte ihr sogleich, daß nicht mehr als der vierte Theil fertig war; konnte sie übrigens nur über die nächsten sechs Woche» hinauskommen, so war sie vergleichungsweise reich zu nennen: die Miethe, welche in zwei Monaten zu Ende ging, wollte sie dann aufgeben, um eine wohlfeilere Wohnung auf dem Lande zu suchen; dorthin sollte die Großmutter gebracht und alsbald ein zweites Taschentuch — womöglich aus unserer Familie— angekauft werden, um während der Zeit, da sie von den Früchten der gegenwärtigen Arbeit lebten, für eine fernere Zukunft die Mittel vorzubereiten. Zwar reichten ihre Spitzen nicht zur Verzierung des zweiten Taschentuches, ^doch „mit dem reichen Erlöse des ersten ließ sich ja diesem Mangel abhelfen", und so sah sie in ihrem einfachen Sinne keinen Grund vor sich, warum diese Quelle versiegen sollte, so lange ihre Kraft und Gesundheit ansdauerte, oder so lange wenigstens ihre Großmutter am Leben bliebe. Wie die Arbeit die eine Krücke des Elenden ist, so bildet die Hoffnung gewiß die andere. Sie ist es, welche dem Müden und Beladenen, den die Gegenwart z» Boden drückt, liebliche Bilder kommender Tage vorführt, da ihm bessere Sterne leuchten werden; sie ist es, welche dem Menschen fortwährend den heilsamen und gewichtigen Trost vor Augen hält, daß unser Aller — wenn wir uns nur bei Zeiten darauf vorsehen — eine Zukunft wartet, welche jedes Unrecht , vergüten, auf jede Wunde Balsam träufeln wird! Adrienne bewegte sich wieder in dem gewohnten Geleise ihrer täglichen Beschäftigung: vier Stunden des Morgens für mich, dann das frugale Frühstück, zuletzt die Näharbeit für die Modistin, welche den übrigen Theil des Tags in Anspruch nahm und wofür sie nach wie vor ihre fünfzehn Sous erhielt. Das arme Mädchen! wenn sie endlich um eilf llhr —denn so lange hielten sie in der Regel die Klagen und Kritteleien ihrer Großmutter am Krankenbette fest — ihr Lager suchen durste, so fühlte sie eine Ucbermüdung, welche allen Schlaf zu verscheuchen anfing. Und trotzdeffen fühlte sie sich noch glücklich, denn meine wachsende Schönheit übertraf bei Weitem alle ihre Erwartung, und ihr Eifer wurde dadurch so sehr gesteigert, daß sie, ohne Uebertreibung, die Arbeit von zwei Wochen in einer einzigen vollendet hatte. Doch die wenigen Franken, welche Adrienne besaß, verminderten sich mit reißender Geschwindigkeit. Noch Einmal überzählte sie ihre Hülssquellen und Mittel und diesmal wurde sie nicht so schnell fertig. Ihre eigene Garderobe hielt durchaus keine Verringerung mehr aus; schon im Beginn der Krankheit ihrer Großmutter hatte sie alles nur irgend Entbehrliche verkauft — denn bei der Selbstver- läugnung, die ihr inwohnte, hatte sie jedesmal, so oft die Noth ein Opfer heischte, zuerst an ihren kleinen Klcidervorrath gedacht. Von Geschmeide hatte sie nie etwas Entbehrliches besessen, und wenn auch die Vicomtesse einige Reliquien ihres alten Glanzes für sie ausbewahrt hatte, so waren es nur noch Sachen von unbedeutendem Werth, da die Tage ihres ErilS gar zu viele Ansprüche an ihre derartigen Hilfsquellen gemacht hatten. Eines Abends, als Adrienne von der Modehändlerin ihren Lohn in Empfang nahm, wollte der Zufall, daß sie ein Gespräch mit anhörte, welches ihr die Gewißheit gab, daß sie nicht so wie die übrigen Mädchen bezahlt wurde. Daß ihre Arbeit die niedlichste im ganzen Laden sey, dies sagte ihr der oberflächlichste Blick und eben so wenig konnte ihr entgehen, daß sie an Fleiß die klebrigen 53 bei Weitem üb ertraf. Da sie sich ihrer Meisterschaft in der Nadel bewußt war, so sah sie hierin auch gar nichts UeberraschendeS, desto seltsamer däuchte eS ihr aber, daß die ergiebigste und beste Arbeit am schlechtesten bezahlt wurde. Sie verstand zu wenig von den Ränken selbstsüchtiger Spekulation, um zu wissen, daß es zu den gewöhnlichsten Kunstgriffen derselben gehört, geschickte Arbeiter in Unwissenheit über ihre Vorzüge zu erhalten, damit es ihnen nicht einfalle, für ihrer Hände Werk eine angemessene Belohnung anzusprechen. Die Modistin erschrak, als ihr Adrienne mit der Würde einer feingebildeten Dame Vorstellungen machte; sie sah sich in Gefahr, ihre Beute zu verlieren. Zwei Hülfsmittel boten sich ihr dar — Erhöhung des Lohnes oder der Versuch, die Dienste, welche sie so ungern verlor, in ihrem Werthe herunterzusetzen. Rücksichtslose Selbstsncht, sowie die Zuversicht auf ihre oft erprobte Schlauheit, bestimmten sie mit dem Letzteren den Anfang zu machen. „Sie machen mich staunen, Mademoiselle!" Hub sie an, als Adrienne, zitternd ob dem was sie gewagt, ihre Rede geendet hatte. „Ich war lange mit mir im Zweifel, ob ich Ihnen nur fünfzehn Sous geben könnte, da so manche in dieser Beschäftigung ausgewachsene Mädchen sich mit geringerem Lohne begnügen. Ich fürchte, wir müssen uns trennen, es wäre denn, daß Sie von nun an mit zwölf Sous vorlieb nähmen." Adrienne stand wie erstarrt. Sie selbst, der Spiegel der Wahrheit und Lauterkeit, konnte nie auf den Gedanken kommen, daß ein Mensch — und gar noch eine Frau — falsch und grausam genug scyn könnte, um ein solches Spiel mit ihr zu treiben: und jetzt gerade, da sie die Möglichkeit vor sich zu sehen glaubte, ihr und ihrer Großmutter Leben noch bis zur Vollendung des Taschentuchs zu fristen, jetzt mußte ihr ein Wechsel drohen, der ihr Alles, Aller entziehen sollte! Und selbst in dieser furchtbaren Krisis blieb ihr Gewissen noch so zart, daß sie Bedenken trug, ob sie ihren früheren 56 Lohn, wenn er wirklich nicht ganz verdient sey, noch ferner annehmen dürfe. »Ich hatte gehofft, Madame!" stammelte sie, indem sich ihre schon lange farblosen Wange» abwechselnd rölheten und mit Todten- bläffe überzogen, „ich hatte gehofft, daß Sie mit mir Ihre Rechnung fänden, Madame! Gewiß, gewiß, ich bringe Ihnen jeden Abend eben so viel Arbeit, als irgend eines der Mädchen, welche Sie beschäftigen." „Darin stehen Sie allerdings wenigen nach, Mademoiselle, das will ich nicht bestreiten, allein Sie können sich denken, daß die Arbeit von Leuten, welche dazu geboren und erzogen sind, de» Kunden besser gefällt, als Ihrer Hände Werk, die Sie zur großen Dame gebildet wurde». Indessen will ich meine Hand nicht ganz von Ihnen abziehen, weil ich weiß, daß Ihre gute, arme Großmutter-" „8i — si, ülaäamo!" fiel Adrienne hastig, vor Angst an allen Gliedern zitternd, ein. „Ich weiß das Alles, Mamsellchen! und die gute alte Dame soll nicht darunter leiden; Sie sollen zusammen wieder mit Ihren fünfzehn Sous beglückt werden. Ja, und um Ihr Herz zu erleichtern, Mamsell, will ich dies sogar auf ein ganzes Jahr kontraktlich fest machen lassen." „Nein — nein — nein," murmelte Adrienne, die sich um Alles in der Welt in ihren Plänen für die Zukunft nicht binden lassen wollte, so froh und dankbar sie auch für den Augenblick war — „Dank, tausend Dank, Madame! morgen sollen Sie sehen, was ich leisten kann." Und Adrienne nähte den folgenden Tag, bis ihr nicht nur Brust und Finger schmerzten, sondern ihr Herz beklommen wurde. Das arme Kind ahnte nicht, daß sie damit ihrer Drängerin nur einen Grund zu noch gesteigerteren und verderblicheren Anforderungen in die Hände gab. Die Furcht, zuletzt auch diesen Verdienst und mit ihm alle Hoffnung auf mich zu verlieren, schwebte ihr beständig vor Augen, ihre Hand beflügelnd und ihre Kräfte zur äußersten Anstrengung spannend. 37 Diese ganze Zeit über war Frau von Rocheaimarb in langsamem, aber beständigem Abnehmen begriffen. Alter, Gram und Nolh hatten das Werk der Zerstörung mit ihrem gewöhnlichen Erfolge betrieben, und schon nahte der Tod, um der düsteren Scene ein Ende zu machen. Diese Aenderung geschah jedoch so sachte, daß Adricnne nichts davon gewahr wurde, wie sie denn überhaupt glaubte, die Trennung von einem Wesen, an dessen Gegenwart, Umgang und Liebe sie ganz allein gewöhnt war, könne für sie kaum in den Grenzen der Möglichkeit liegen. Alles hienieden predigt dem Menschen die ernste Lehre einer geheimnißvollen Zukunft, sowie die Nothwendigkeit, so zu leben, daß man jederzeit zu sterben gefaßt ist! Die, denen wir das Leben danken, sinken in'S Grab — Alles was wir lieben, wird von unserem Herzen gerissen; all' unser Thun und Sinnen ist der allgemeinen Vergänglichkeit verfallen! Die Vereinigung zweier Wesen mag noch so innig seyn, mag noch so viele Jahre gedauert haben und durch so mannigfaltige Bande befestigt seyn, daß sie uns unauflöslich scheint — Alles ist doch nur Schein! Früher oder später wird die Stunde kommen, welche sie mit ihrer ganzen Vergangenheit dem Nichts übergiebt und nur das Eine davon übrig läßt, daß der Zukunft die Wege bereitet worden sind. Durch übernatürliche Anstrengung und lange Nachtarbeit war Adrienne endlich ihrem ersehnten Ziele nahe gekommen — noch ein Tag Arbeit und meine Ausschmückung war vollendet! Auch war es ihr bis hieher noch gelungen, indem sie sich selbst beinahe jede Nahrung versagte und alles nur irgend Entbehrliche zu Geld machte, sich und ihre Großmutter durchzubringcn. In Augenblicken wie dieser kann das Gefühl der Eitelkeit gar nicht in Frage kommen. Ich war unstreitig von seltener Schönheit; in ganz Paris war kein solches Tuch mehr, so nett, so geschmackvoll gestickt, so fein, mit so reichen Spitzen besetzt. So hoch sie auch ihre Erwartungen über meine Vollendung gesteigert hatte, das 38 Resultat sollte sie Loch alle weit übertreffen — und als nun diese Entscheidung herannahte, da sollte auch sie erfahren, wie selten ein Erfolg hicnieden unseren Hoffnungen »nd Ansprüchen zu entsprechen pflegt. Jetzt im Angesichte der Vollendung der mühevollen, erschöpfenden Arbeit, jetzt fühlte sie nicht das Entzücken, in dessen Vorgefühl sie früher geschwelgt hatte. — Ach! nicht an mir lag die Schuld, sie selbst hatte diese Täuschung hervorgerufcn. Die Kraft des armen Mädchens hatte sich in stetem Hoffen aüfgezchrt und als ob auch sie über die Eitelkeit menschlicher Wünsche belehrt werden sollte, so sah sie jetzt dem Gegenstände, der sie so verführerisch aus der Ferne angelächelt hatte, da sie ihn nun mit den Händen fassen konnte, die glänzende Maske entfallen, so daß nichts als die nüchterne Wirklichkeit zurückblieb. Und dies war durchaus nichts Besonderes; es war nur die Folge eines ganz gemeinen Naturgesetzes. Siebentes Kapitel. Der Morgen des 14. Juni war angebrochen. Paris pflegt um diese Zeit sein reizendstes Gewand anzulegen: seine Gärten besonders sind der Hauptstadt Europa'« würdig und stehen jedem anständig Gekleideten zur Benutzung offen. Adrienne saß am offenen Fenster ihres Stübchens, um, so viel sie konnte, von den balsamischen Düften einzuziehen, welche aus einem Gärtchen unter demselben emporstiegen. Der Zutritt in dieses kleine Eden war ihr versagt, denn der Garten war das Eigenthum oder stand wenigstens in ausschließlicher Benützung eines das Parterre des Hauses bewohnenden Miethmannes; aber Niemand konnte ihr wehren, ihren Blick an demselben zu weiden, so oft sie das Auge von ihrer Stickerei aufschlagen konnte. Das arme Mädchen war nicht mehr was es vor zwei Monaten gewesen war. Noch einige wenige Stunden und das Werk war 39 vollendet; aber die bleiche Wange, das hohle Auge und der ängstliche Blick sagten deutlich genug, wie viel sie an Leben und Gesundheit zugesetzt, bis es sein jetziges Stadium erreicht hatte. In dem Maße, als ich an Schönheit zunahm, war die Hand, die mich schmückte, abgezehrt und wenn ich aufblickte, um ein wohlgefälliges Lächeln zu erhaschen, so fand ich Gram und Schwermuth in den einst so lieblichen Zügen, lind doch war der Gesang der Vögel — Paris ist voll von diesen Sängern — um nichts weniger süß, der Dust der Rosen nicht minder würzig, das Grün eben so frisch als sonst. Die Natur läßt sich in ihrem ewigen Gange nicht aufhalten, um in den Schmerz eines einzelnen Opfers der menschlichen Gesellschaft cinzustimmen, und gerade dann, wenn das Elend am tiefsten ist, liegt etwas furchtbar Ergreifendes in diesem unzerstörbaren, lächelnden Gleichmuthe der uns umgebenden Natur, welche uns das Nichts der Kreatur so eindringlich vor Augen hält. Adrienne war diesen Morgen noch früher als gewöhnlich auf- gestanden, fest entschlossen, bis gegen Mittag ihr Tuch fertig zu sehen, an welchem in der That nur noch die Spitzen anzusetzen waren, denn ihre Ungeduld machte eS ihr geradezu unmöglich, wenigstens für heute, die Arbeit der Modchändlerin vorzunchmen. Sie hatte den ganzen letzten Monat buchstäblich von bloßem Brode gelebt; anfangs war es ihr noch möglich gewesen, ihr karges Mahl mit einigen Weinbeeren zu würzen, später aber hatte sie es ganz auf Wasser und Brod verringert. Doch war es im Ganzen weniger diese unzureichende Nahrung, was ihre Gesundheit untergrub, als die Entbehrung der frischen Luft, der Mangel an Bewegung, das ununterbrochene Sitzen bei anstrengender Arbeit, die schlaflosen Nächte und das Fieber monatelang sich hinschleppender Hoffnungen. Dann fehlte dem armen Kinde auch der belebende Umgang mit einem verwandten Wesen: sie war buchstäblich ganz allein und ihr Verkehr mit Menschen beschränkte sich in der Regel auf die kurzen Besuche bei der Modistin. Ihre Großmutter lag meistens im Schlummer, und 60 wenn sie einmal sprach, so geschah cs mit dem grämlichen Wesen einer alten, kranken Fran nnd nicht in den zärtlichen Tönen der Liebe. Dies war das Schmerzlichste von Allem; doch trug eS Adrienne mit musterhafter Standhaftigkeit und schmeichelte sich mit der Hoffnung, wenn sie die Großmutter auf's Land bringen könnte, werde diese neues Leben gewinnen und damit auch ihre alte Zärtlichkeit für sie wiedcrfinden. So arbeitete sie mit erneuter Emsigkeit, wenn sie auch manchmal ihre Thränen nicht ganz zurückdrängen konnte. Von all' dem Mißgeschick, welches sie umlagerte, ging dem armen Mädchen nichts mehr zu Herzen, als daß sie nicht einmal Zeit zum Beten hatte. Sie hatte für jetzt keinen Lohn von der Modistin zu gewärtigen und konnte also die Stickerei nicht eine Sekunde ruhen lassen; nur während ihrer emsigen Arbeit selbst durfte sich ihre Seele in heißem, inbrünstigen Gebet ergießen. Zum Glücke war das Befinden der Frau von Rocheaimard den ganzen Morgen über ungewöhnlich gut und Adrienne, obgleich durch Anstrengung und schmale Kost — sie hatte eben ihren letzten Bissen, ein halbes Brödchen, zum Frühstück verzehrt — beinahe erschöpft, konnte ungestört bei ihrer Arbeit bleiben; die Nähe deS Zieles trieb sic immer heftiger zur Eile und ihre Nadel flog ordentlich über die Leinwand. Aber mit einem Male ließ sie mich auf ihren Schoß fallen und brach in eine Fluth von Thränen aus, die bald in hysterisches Schluchzen übergingen. Ich dachte nicht anders, als sie würde jetzt in Ohnmacht fallen; doch ein Glas Wasser beruhigte sie wieder und der Anfall, in welchem sich ihre erschöpfte und überreizte Natur Luft gemacht hatte, ging vorüber. Das Werk war vollbracht und auf ihren Knien lag wenn nicht das reichste, doch gewiß das niedlichste, eleganteste Taschentuch von Paris. In diesem entscheidenden Augenblicks öffnete sich die Thure nnd Demoiselle Dösiree, die Eomptoirdame, trat in'S Zimmer. Dieses ränkevolle Weib hatte Adrienne in demselben Augenblick, da diese das Tuch einkaufte, zu ihrer Beute ausersehen und sie 61 von Stund an nicht mehr aus den Augen verloren. Mit Hülse kleiner Geschenke wußte sie die kleine Natalie zu bestechen und erfuhr so das allmählige Fortrüekcn der Arbeit, sowie daß diese höchst wahrscheinlich noch an diesem Morgen zum Verkaufe fertig werden würde. Unter dem Vorwand, die zum Vermielhen ausgebotenen Zimmer einsehen zu wollen, war sie nun bis zu mir vorgedrungen, hatte mit einer kurzen Entschuldigung ihre Wünsche erklärt, worauf sie von Adricnne mit größter Zuvorkommenheit in der kleinen Wohnung herumgeführt wurde. „Wann geht Ihre Zeit zu Ende, Mademoiselle?" fragte De- siröe in gleichgültigem Tone. „In der nächsten Woche, Madame; zu Anfang derselben gedenke ich mit meiner Großmutter aus'S Land zu ziehen." „Daran thun Sic in der That sehr wohl; Niemand, der die Mittel dazu hat, sollte nach Ablauf des Juni in Paris bleiben. — Gott! welch' wunderschönes Taschentuch! Gewiß — nein, gewiß nicht Ihre eigene Arbeit, Mademoiselle?" Als Adrienne einfach bejahte, verdoppelte sich die Bewunderung der Kommissionärin. Während sie mit den Augen das Zimmer musterte, um die Aussichten für ihren Einkauf zu prüfen, erkundigte sie sich, ob das Tuch bestellt sep. Adrienne erröthete zwar, erwie- derte aber gleichwohl, diese Anwandlung von Schaam überwindend, cS sey zum Verkauf bestimmt. „Ah so! nun ich wüßte eine Liebhaberin dazu, eine meiner Freundinnen, welche ein Lager von Putzwaaren hält und dergleichen ArNkel besser als irgend Jemand bezahlt, denn Sie müssen wissen, daß gewisse russische Fürstinnen ihr alle kleinen Geschäfte dieser Art anverlrauen. Haben Sie denn schon daran gedacht, Ihren Preis zu machen, Mademoiselle?" Der Hoffnungsstrahl, welcher Adriennen aus diesen Worten ent- gegenleuchtele, zauberte abermals Rosen auf ihre Wangen, denn die Frage, wie der Verkauf gelingen werde, hatte immer wie ein Gespenst vor ihrer Seele gestanden. Sie bekannte die Wahrheit und sagte, daß sie mit den Preisen solcher Artikel unbekannt sey und nur zuweilen schon gehört habe, wieviel reiche Damen dafür zu bezahlen pflegten. »Ja, das ist ganz was Anderes! Solche Leute, meine Liebe, geben immer zweimal so viel, als ein Ding wcrih ist. Nun lassen Sie einmal sehen — das Tuch kostet Sie zehn Franken?" „Acht und zwanzig," verbesserte Adrienne mit zitternder Stimme. „Acht und zwanzig! du mein Gott! Da sind Sie schändlich geprellt worden! Zehn wäre» schon ein hoher Preis in einer Zeit, da alle Fremden fort sind. — Bleiben wir also bei zehen. Die Spitzen hier — die mögen wohl einen Napoleon Werth sehn: ja, ja, wir können sie zu einem Napoleon rechnen." Der armen Adrienne sank der Muth: sie hatte sie wenigstens fünfmal so hoch angeschlagen. „Das macht also dreißig im Ganzen für Ihre Auslagen," fuhr ihre Quälerin mit unerbittlicher Ruhe fort, „und nun die Arbeit. Sie mögen wohl vierzehn Tage zu dem niedlichen Dingelchen gebraucht haben?" „Zwei Monate," erwiederte Adrienne kleinlaut. „Was Sie sagen — zwei Monate! Ach ja. Sie sind wohl an dergleichen Beschäftigungen nicht gewöhnt; da geht freilich die Arbeit nicht so recht von der Hand." „Ich konnte nur des Morgens und spät in der Nacht daran arbeiten; aber dennoch sollte ich meinen, daß ich gar manche volle Stunde darauf verwendet habe." „Und Sie nickten wohl auch zuweilen darüber ein? — Nun gut, wir wollen einen Monat sagen. Dreißig Tage zu zehn Sous thut fünfzehn Franken, dazu die dreißig, die wir für Ihre Auslagen hatten, macht im Ganzen fünf und vierzig Franken — xarole chiwnneur, eine hübsche Summe für ein Taschentuch! Ja, ja, so 63 viel müssen wir fordern, meine Liebe, dann können wir immerhin fünf Franken herunterhandeln lassen, da wir doch noch zwei Napoleons bekommen." Adrienne fühlte, wie ihr Herz so großem Weh erlag. Mangel an Nahrung hatte ihre Geisteskraft gelähmt und hier kam vollends ein Schlag, der all' ihre goldenen Träume vernichtete. — Es war zu viel! Wußte sie denn nicht, daß Taschentücher wie das ihrige in den Läden häufig zu zwanzig Napoleons verkauft wurden? Ja, aber das war ihr freilich unbekannt, welche enormen Procente der Wuchergeist und die Habsucht der Kaufleute von der Einfalt und Eitelkeit der Käufer zu erheben psiegt. Das unglückliche Mädchen! cs würde wohl unter der Wucht dieses Schlags das Bewußtseyn verloren haben, hätte sich nicht vom Krankenbette her die schwache Stimme der Großmutter vernehmen lassen — eine Aufforderung, welche Adrienne niemals überhörte und die jetzt das arme Kind für den Augenblick die Ursache ihres Kummers vergessen ließ. „Meine arme Adrienne," flüsterte Frau von Rocheaimard mit einer Zärtlichkeit des Tons, wie sie ihre Enkelin schon seit mchrer en Wochen nicht mehr vernommen hatte, — „meine arme Adrienne, die Stunde der Trennung ist nahe — —" „Großmutter! — theuerste Großmutter!" „Nicht doch, geliebtes Kind! Gott will es so. Ich bin alt und die Schatten des Todes sind über mir. Es ist ein Glück, daß er mir so mild und freundlich nahe tritt in einem Augenblicke, da ich so gut darauf vorbereitet bin. Das Grab, geliebte Adrienne, bietet uns Aussichten, wie kein anderer Schauplatz sie gewähren kann. Edles Blut und altadeliger Name sind nichts vor der Gnade und Barmherzigkeit Gottes! Vergieb mir, wenn ich jemals Dein unschuldiges Herz auf Eitelkeiten gelenkt habe — es war eine von den Schwächen des Alters. Alles, Alles ist eitel unter der Sonne — erst jetzt, da es zu spät ist, vermag ich dies einzusehen. Hüte 64 Dich, Kind meiner Liebe, baß nicht mein Fehler auch der Deinige werde. Küsse mich, Adrienne, und bete für meine Seele, wenn Alles vorüber iss." „Ja theuerste, geliebteste Großmutter! Du weißt, ich will." „Du mußt den Rest meiner Aussteuer zu Geld machen, um Dir nach meinem Tode ein gemächliches Auskommen zu sichern." „Ich will Alles thun, was Du willst, theuerste Großmutter." „Vielleicht wirft cS noch so viel ab, daß Du Dir vier- bis fünfhundert Franken Renten kaufen kannst, und damit hast Du genug, um einfach zu leben." „Ja, ja, Großmutter, das ist Wohl möglich." „Den Fingerhut mußt Du aber nicht verkaufen — nicht wahr? Den behältst Du zum Andenken an Deine Großmutter?" Adrienne beugte das Haupt und stöhnte laut. Ihre Großmutter verlangte jetzt nach einem Priester und die Gedanken des Mädchens nahmen eine andere Richtung. Dies war ein Glück für die Arme, denn ihr Geist wäre dieser Qual wohl endlich unterlegen. Frau von Rocheaimard endete noch in derselben Nacht in den Armen Adrienne'S, welcher der bon eure und die Portiersfrau Beistand leisteten. Ihr letztes Wort war ein Segen über das schöne und edle Wesen, welches seine kranke Großmutter so treu und liebevoll bis an ihr Ende gepflegt hatte. Nachdem Alles vorüber und die Leiche ausgelegt war, verlangte Adrienne mit ihr allein gelassen zu werden. Weder im Leben noch tm Tode konnte ihre Großmutter je ein Gegenstand des Schreckens für sie seyn und überdies wäre außer ihr wohl schwerlich Jemand zur Todtenwache bereit gewesen. Sie konnte im Verlauf der Nacht sogar ein wenig einschlummern — ein Tribut, welchen die Natur gebieterisch von ihren erschöpften Kräften einforderte. Der folgende Tag stürzte die Arme in neue Angst und Nöthen. Der Leichenbeschaner kam, wie dies in Frankreich üblich ist, um seinen Bericht zu erstatten: die Anstalten zur Beerdigung mußten getroffen werden. Unter diesen Umständen mußte Adri'enne da« Erscheinen Dösiröe's, welche ihr im Laufe des Morgens einen Besuch machte, wozu sie die Scene von gestern, der sie großentheils beigewohnt hatte, zu berechtigen schien — als ein wahres Glück betrachten. Sic bot Adrienne ihre Dienste als Kommissionärin an und diese, wohl oder übel, mußte sie annehmen, da sie in solchen Dingen nicht für sich selbst zu handeln gewöhnt war. Kaum hatte sie die nöthigc Anweisung oder vielmehr die Antwort auf ihren eigenen Wink erhalten, so eilte sie sogleich von dannen, um die erforderlichen Weisungen zu geben und Adrienne blieb nun wieder allein bei der Leiche ihrer geliebten Großmutter. Sobald ihre Aufregung nachließ, trat eine tiefe Abspannung an deren Stelle und ihre eigenen körperlichen Bedürfnisse fingen an sich fühlbar zu machen. Seit mehr als dreißig Stunden war keine Nahrung mehr über ihre Lippen gekommen und ein ärmliches, trockenes Brod war ihr letztes Frühstück gewesen. Vor Hunger einer Ohnmacht nahe, fühlte sie nach ihrer Börse, um Natalien zu einem benachbarten Bäcker zu schicken — und jetzt trat ihr das ganze Elend ihrer Lage in nackter Wirklichkeit vor Augen. Sie hatte nicht einen Heller; der letzte Sous war für das gestrige Frühstück daraufgegangen. Schon fühlte sie eine todtähnliche Schwäche über sich kommen, als ihr angstvoll umherspähendcS Auge auf das Tischchen fiel, worin sie gewöhnlich die für ihre Großmutter bestimmte Nahrung aufbewahrt hatte. Da stand noch etwas Gerstenschlcim und eine dünne Brodsuppe, und obgleich dies Alles war, was das arme Kind vom Hungertode zu trennen schien, so zauderte sie doch, sich dieser Speisen zu bedienen: kam dies doch ihren Augen gleichsam wie eine Verletzung des Heiligsten vor. Sie besann sich einen Augenblick — da gewann aber die richtigere Betrachlung die Oberhand, daß ihre Pflicht für die the»re Berwandte von ihr fordere, ihre körperlichen Kräfte zu erneuen, um auch der Todten noch ihre Schuld zu entrichten. Das gestickte Taschentuch. 5 66 So nahm sie denn in einer Art heiliger Ehrfurcht das kleine Mahl zu sich und fühlte sich bald so weit gestärkt, um ihre Seele im Gebet erheben zu können. „Mademoiselle wird so gut sehn, mir zehn Franken zu geben," sprach Desiree bei ihrer Rückkehr; „ich habe alles Nöthige bestellt, brauche jetzt aber auch Geld, um einige Kleinigkeiten zu bezahlen, welche man in Kurzem herbringen wird." „Ich habe kein Geld, Desiree, — nicht einen Sous." „Kein Geld, Madmoiselle? Aber ums Himmels willen, wie sollen wir denn Ihre Großmutter beerdigen?" „Das Taschentuch —" Desiree schüttelte den Kopf und sah nun, daß sie ihre meisten Bestellungen zurücknehmen mußte. Doch war sie ein Weib und fühlte menschlich, konnte also ein so hülfloseS Wesen in einem Augenblicke der höchsten Bedrängniß unmöglich ganz im Stiche lassen. „Dies Taschentuch läßt sich für sünfundvierzig Franken verkaufen, Mademoiselle," begann sie nach augenblicklichem Nachdenken; „so viel will ich selbst dafür geben, ohne für meine heutigen Dienste einen Heller anzurechnen. Ihre gute Großmutter muß ein christliches Begräbniß haben» das ist gewiß — es wird ohnehin für zwei Napoleons ärmlich genug auSfallen. Was sagen Sie dazu, Madmoiselle, — wollen Sie die fünf und vierzig Franken von mir annehmen oder ziehen Sie vor sich an die Putzhändlerin zu wenden?" „Ich kann jetzt zu Niemand gehen, Desiree. Geben Sie mir das Geld und machen Sie, daß meiner geliebten Großmutter die letzte Ehre, wie sich'S gebührt, erwiesen wird." Adrienne sprach dies mit der Ruhe der Verzweiflung. Ohne Ausdruck in den hohlen Augen, ohne einen Tropfen Bluts in den bleichen Wangen saß sic da, die Hände regungslos in dem Schoße ruhend — ein Bild der völligsten Hülflosigkeit. Desiree legte zwei Napoleons auf den Tisch, indem sie fünf Franken für einige augenblickliche Ausgaben zurückbehielt, und nahm 67 mich dann in die Hand, um sich zu überzeugen, ob sie nicht zu viel gethan habe. Die Untersuchung schien befriedigend ausgefallen zu seyn, denn ich wurde mit großer Sorgfalt in ein Körbchen gepackt, worauf die Kommissionärin ihre Gänge wieder antrat. Obgleich sie es dießmal mit ihren Diensten gut und ehrlich meinte, hielt sie doch gleichwohl nicht für nöthig, aus Adrienne'S Armuth ein Gc- heimniß zu machen — eine Entdeckung, welche kaum noch der Portiers Frau anvertraut war, als sie auch schon dem HauSeigen- thnmer mitgelheilt wurde. Adrienne halte jetzt Mittel in Hände», sich Nahrung zu verschaffen; allein da sie nicht wissen konnte, wie viel das bevorstehende Leichenbegängniß in Anspruch nehmen würde, so war es ihr Ge- wifsenssache, sich wie bisher auf trockneS Brod zu beschränken. Am Abend erschien Döfiröe mit der Meldung, daß das Leichengeleite auf den andern Morgen angesagt sei; sie habe Alles so wohlfeil als möglich eingerichtet, habe aber doch fünf und dreißig Franken gebraucht, denn billiger lasse sich die Sache unmöglich abmachen. Adrienne bezahlte die Summe und fand sich nun noch im Besitze von netto vier und einem halben Franken. Desiree aber verabschiedete sich für die Nacht und nahm mich als wohlerworbenes Eigenthum in ihrem Körbchen mit nach Hause. Zn meiner neuen Behausung angekommen, wurde ich auf einen Tisch gelegt, von wo ich durchs offene Fenster zu dem sternenbesäten Nachthimmel emporschauen konnte. Der Anblick jener wandelnden Welten, welche nach der Behauptung der Astronomen die Sonnen neuer Systeme bilden, versenkte mich in Betrachtungen über die vor unserem inneren Auge liegende Ewigkeit und meine Gefühle lösten sich in sanfte Wehmuth auf, wenn ich wieder an die Spanne Zeit zurückdachte, welche wir alle hieniedcn unter dem Joche des Unrechts und der Bedrückung zu durchleben haben. Solche Betrachtungen sind gar oft uothwendig, um uns Ergebung in die geheim- nißvollen Wege der Vorsehung einzuflüßen, deren Rathschlüffe uns 68 oft so ungerecht scheinen und deren Plane so unerforschlich sind. Wenn man nur erwägen will, wie die Zeit der Ewigkeit gegenüber nur ein Staubkorn ist, wenn man sich nur das Tröstende des: „wen der Herr lieb hat, den züchtiget er", ins Gedächtniß prägt, dann wird man die Leiden dieses Lebens leicht, ja mit Freudigkeit tragen. Die Art und Weise, wie Desiree über mich verfügte, wird der Leser im folgenden Kapitel erfahren. Achtes Kapitel. Der Leser darf aus dem Vorhergegangnen nicht auf eine ungewöhnlich niedrige Denkweise der würdigen Demoiselle Desiree schließen. Käuflich war sie allerdings in einem gewissen Grade — wo ist die Nnterhändlerin, die cS nicht wäre? — allein sie zeigte auch ihre Anwandlungen von HerzcnSgüte, so gut wie irgend jemand und hatte immerhin einiges von ihrer Zeit und also auch etwas Geld geopfert, um Adrienne in ihrer Noth zu dienen. Was den Handel mit mir anbetraf, so schlug dieß in ihr „Geschäft" ein, und man wird selten finden, daß die Menschenliebe jene zur andern Natur gewordene Politik der GewerbSleute überwältigt. Desiree war keineswegs ganz ohne Mittel und brauchte sich daher in ihrer nunmehrigen Aufgabe, die nöthigen Procente aus dem geschloffenen Kaufe zu ziehen, nicht zu übereilen. So mochten nach meiner Berechnung wohl zwei bis drei Jahre hingegangen seyn, «he sie mich wieder aus der Schublade hcrvorzog, in welcher ich so lange als eine Art „Reservekorps" gelegen hatte. — Am Schluß dieser Periode kehrten ihre Gedanken zu ihrem Schatze zurück und bald zeigte sich eine Gelegenheit, mich vortheilhaft zu verwerthen, da sie mich, um für jeden annehmbaren Handel, der sich etwa darbieten möchte, in Bereitschaft zu sein, in ihren Nidicüle gesteckt hatte und auf allen ihren Gängen mitnahm. 69 An einem schönen Tage waren wir, Desiree und ich, zusammen auf den italienischen Boulevards, als die stets wachsame Unterhänd- lerin eines Mannes anstchtig ward, welchem sie alsbald in großer Eile quer über die Straße entgegeneilte. Ich weiß kaum, wie ich diese Person beschreiben soll: sie hatte für meine unerfahrenen Augen das Ansehen eines Gardeobersten Karls X., oder doch zum wenigsten eines Attaches Lei einer der nordischen Gesandtschaften. Der Mann trug sich nach der vornehmsten, neuesten Mode, hatte die Manieren der feinen Welt, wies einen fürchterlichen Schnurrbart und war auf wunderbare Art mit Ringen, Augengläsern, CachetS und Ketten behängen. „von ^our, Mlonsiellr," rief ihm Desiree hastig entgegen, „pnrole «I'Iionneur, ich hätte Sie beinahe nicht erkannt! Ich habe mit der lebhaftesten Ungeduld Ihrer Rückkehr von Lyon entgegengesehen, denn um Ihnen die Wahrheit zu sagen, habe ich für Ihre amerikanischen Damen den kostbarsten Edelstein, der je ans einer Bleiche hervorging, nämlich un mouelioir äo xoolio bereit gehalten." „Vouvement — äoucement, ma bonne", wehrte der Angeredete ab, als er bemerkte, wie meine Herrin Anstalt machte, mich auf offener Straße auszukramen — eine Ausstellung, nach der er keineswegs zu verlangen schien — „Sie können den Bijou in meine Wohnung bringen." „vue äe lller^, nro eent vinxt — „Vas äu tout, meine gute Desiree. — Sie müssen wissen, daß ich allemeine gewöhnlichen Geschäfte abgemacht, meine Einkäufe besorgt habe und mit dem nächsten Packetboot nach New- Dork abgehe." „ülais Io malle, Alonsieur?" „Je nun, der Koffer wird, wie Sie zu sagen pflegen, für ein besonders ausgesuchtes Stück schon noch ein Winkelchcn übrig haben. Ich werde heute Abend zu einem großen Ball nach Hofe gehen; Madame la Marquise de Dolomien und der Flügeladjutant vom 70 Dienst haben mir so eben notificirt, baß ich dazu eingeladen bin. Ich will offen gegen Sie seyn, Destree, und Ihnen sagen, daß ich in der liue äe In paix wohne; ich bin gegenwärtig ein simpler Fremder, und wenn Sie mich besuchen, so dürfen Sie nur nach Colonel Silkp fragen." „lue eolonel 8ilk)'!« wiederholte Destree mit einem bewundernd sein sollenden Blick, der nicht ganz frei von Verachtung war. „ve In xai'äs nationale ^mörleaine", ergänzte der Andere lächelnd, gab dann der Kommissionärin seine neue Adresse und bestimmte ihr eine Stunde für ihren Besuch. Desiree erschien pünktlich auf die Minute. Portier, xaryons, bonrxeois — Alle kannten den Colonel Silky, der jetzt ein großer Mann war, einen Schnurrbart trug und zu Hofe ging, einem Hofe freilich, der auch darnach war. Nach einer Minute stand Desiree in des Obristen Vorzimmer. Dieser ausgezeichnete Offizier hatte „Methode in seiner Narrheit;" er war nicht gewohnt, einen Diener zu halten und als Mann, der entschlossen ist, koste es, was es wolle, sein Glück zu machen, wußte er es sogar jetzt, in den Stunden des Stolzes und der Genußsucht so cinzurichten, daß er ohne einen solchen auskam. Es stand daher nicht lange an, bis er selbst erschien und sie in seinen Salon führte, ein Zimmer von zehn Fuß Länge und vierzehn Fuß Breite, dessen Mitte ein acht Fuß langer und sechs Fuß breiter Teppich bedeckte. Sobald die beiden Parlhieen in dieser Spelunke, welche kaum groß genug schien, um den Schnurrbart eines so großen Mannes zu beherbergen, einander allein gegenüber standen, ging die weitere Verständigung ohne alle unnöthigen Phrasen vor sich und ich wurde sofort ans Licht gezogen. Obrist Silky war offenbar von meiner Schönheit betroffen. Ein Ossizier von seiner Gewandtheit und Erfahrung erkannte auf den ersten Blick, daß ich ganz dazu geschaffen war, keinen kleinen 71 Theil der Hindernisse bei seinem gegenwärtigen Feldzuge aus dem Wege zu räumen, und in dem Maaße, als seine Bewunderung stieg, wurde seine Miene kalt und gleichgültig. Mich konnte diese Finte nicht täuschen, da mein innerer Blick solchen Kunstgriffen Trotz bot; desto mehr that sie ihre Wirkung auf Desiroe, welche zufällig für den Augenblick zu einer besonderen Spekulation Geld bedurfte und ans der Stelle den Preis, den sie anfangs zu fordern beabsichtigt, um fünfzig Franken herabzustimmen beschloß. Dieser Abschlag betrug gerade fünf Franken mehr, als die arme Adrienne für ihre schönen Spitze», für ihre Arbeit, ihre schlaflose Nächte und ihre Thränen erhalten hatte — ein Beispiel, das für die GeschäftSprariS der Kommisstonärin einen Maaßstab gab. Der Handel, der nun allen Ernstes eröffnet wurde, bot ein höchst belehrendes Bild dar: auf der einen Seite eine Frau mit Protestationen, Versicherungen, Einwürfen und ächt französischer Zungenfertigkeit — auf der andern die kalte, scheinbar phlegmatische, gleichwohl aber verschmitzte Berechnung eines Dankee. Desiroe hatte nach Abzug der ersten fünfzig Franken ihren Preis auf hundert und fünfzig gestellt; und wenn man zusammen rechnet, was allein der Stoff an mir und was Arbeit und Spitzen Werth waren, so hatte sie wahrlich nicht zu sehr überboten. Aber der edle Obrist war von Anfang an entschlossen, nur hundert zu geben; denn er sah, daß die Verkäuferin Geld brauchte und wußte, daß er bei seiner Art zu reisen mit dritthalb Napoleon von Paris nach Havre komme» konnte. Zwar hatte er erst heute Morgen dieselbe Summe für ein Augenglas auSgegcben, das er niemals gebrauchte, und wenn ers auch that, sich blos die Augen damit verfinsterte; allein jene Ausgabe war doch nichts weniger als zwecklos, denn sie sollte die Welt überzeugen helfen, daß er wirklicher Obrist sey und an dem modischen Gebrechen eines schwachen Gesichtes leide. — Solche Ertreme von Verschwendung und Filzigkeit waren bei ihm durch- 72 aus nicht selten und standen in der That in einem natürlichen Zusammenhänge mit einander. „Sie lassen den Zoll außer Acht, meine Beste," bemerkte der feilschende KriegSmann; „dieses Vertragsgesetz ist tausendmal schlimmer als alle andern Gesetze, die wir jemals in Amerika gehabt haben." „Den Zoll, Monsieur," erwicderte ihm die Unterhandle«« mit ungläubigem Lächeln; „als ob Sie noch Kind genug wären, um von einem Taschentuchs Zoll zu bezahlen? Illa toi, ich will Ihnen deren zwanzigtausende sogar von England selbst herüberbringen und kein Douanier soll seine Nase darein stecken." „Mag sehn, aber wir in Amerika geben uns nicht mit Schmuggeln ab," erwiederte der Obrist mit einem Aplomb, der eincmVidocq Ehre gemacht haben würde, „in unserem republikanischen Lande sind die Gesetze Alles in Allem." „Ei warum staffiren sich dann so manche von Ihren guten Republikanern so aus, daß man sie in Uns /j. Für Waschen, Plätten !c. — - — — — — 25. (Hü. Z» sehen, ob nicht ein Abzug an diesem Posten zu machen ist.) Hat: In Kassa, von Miß Thimble für Kopirung des Musters — unter der Bedingung, keine Arbeit danach zu machen, so lange unser Artikel nicht verkauft ist — — — — — — D. 1 00 In Kassa als Kaufpreis — — — — 79 So stand die Rechnung an dem Tage, da ich der Bewunderung der New-Dorker Schönen zum Erstenmale ausgestellt wurde. Diese Ausstellung wurde übrigens keineswegs übereilt, denn Mr. Bobbinet hatte noch allerhand geringere Artikel, mit denen er vorher aufzu- räumen wünschte. Ganz anders war der Fall bei mir, denn ich sehnte mich nach diesem Auftreten in der Welt nicht minder lebhaft als eine junge Dame; dazu kam, daß meine Gesellschaft in der Schublade nicht von der angenehmsten Art war. Wir waren sämmtlich Taschentücher von französischer Abkunft; allein von allen meinen Kameraden war ich das Einzige, das von einer wahrhaft edlen Dame gestickt war und meine Erziehung mußte demnach auch der meiner Genossen weit überlegen seyn. Sie verdienten kaum das Prädikat ^oommo il tunt", obwohl ich zu meiner eigenen Beschämung gestehen muß, daß allen gestickten Taschentüchern ein „tnnt soit pou" von Trivialität anklebt. Ich erinnere mich noch recht gut, wie Frau von Rocheaimard eines Tags mit Adrienne das Für und Wider ihres Planes besprach, unser ganzes Stück anzukaufen und ihrer Wohlthäterin als Geschenk anzubieten, und wie Erstere mit ihrem feinen Takte in solchen Sachen ihr Bedenken äußerte, ob die Dauphine mit dieser Gabe auch erfreut werden würde. „Ihre königliche Hoheit ist gleich allen seingebildeten Frauen bei den Gegenständen ihrer Toilette besonders anch auf die Zweckmäßigkeit eines Stückes bedacht. Nun aber bitte ich Dich, ,»» obere, wie kannst du es zweckmäßig finden, wenn man einen Gegenstand des wirklichen Gebrauchs, den man vor der Gesellschaft nicht zur Schau stellen sollte, zu einem Artikel des sinnlosesten Luxus macht? Ich weiß es, die Ansichten sind in diesem wichtigen Punkte getheilt." Die unserer würdigen alten Bekannten soll der Leser hier nicht in ihrem ganzen Umfange zu hören bekommen, denn ich Nachsichtige bei Gelegenheit meines nächsten Verkaufes gründlich auf die Philosophie dieser Streitfrage einzugehen. Hier genüge eS, darauf hin- 80 zuweisen, daß die Vicomteffe, wie gesagt, eine Dame vom sichersten Takte in allen solchen Dingen, ernstliche Zweifel darüber hegte, ob es überhaupt guter Ton sey, gestickte Taschentücher zu führen. WaS ich an der Gesellschaft in der Schublade am meisten auS- zusetzen hatte, war das unaufhörliche, unvernünftige Heimweh, welches sie nach Frankreich, und die Ungerechtigkeit, mit der sie sich gegen ihr neues Vaterland äußerten. Auch ich konnte sogar durch die Spalten der Schublade von Amerika so Manches gewahr werden, was mir nicht gefiel, und wäre ich Amerikanerin gewesen, wer weiß, ob ich mich nicht auch der lieblosen Kritik der klebrigen angeschloffen hätte; denn ich gehöre nicht zu denen, welche das Mäkeln über die Einrichtungen eines Landes als ausschließliches Vorrecht der Fremden ansehen. Im Gegentheil scheint eS mir Sache des Inländers zu seyn, solchen Gebrechen abzuhelfen, während der Fremde von Rechtswegen das Gute eben so gut wie das Schlimme ins Auge fassen muß. Dagegen ließen nun meine Kameraden auch nicht ein gutes Haar an Amerika — Klima, Einwohner, Nahrung, Sitten und Gesetze, ja selbst Kleidung, Manieren und Geschmack— Alles war, ohne allen Vergleich, schlechter als in ihrer Heimath. Selbst der Menschenschlag und seine physischen Verhältnisse wurde ohne Erbarmen abgeurtheilt. Ich muß gestehen, daß cS mich sonderbar berührte, die Größe der Amerikaner von einer Gesellschaft von Taschentüchern so ohne Weiteres bespötteln zu hören und es fiel mir dabei ein, was ich irgendwo von den Nasen der New-Dorker gelesen hatte — daß sie nämlich mit ungewöhnlicher Länge gesegnet setzen. So verwickelt sich dünkelhaftes und oberflächliches Bekritteln stets in Widersprüche und Absurditäten, während der gewissenhafte und gewiegte Richter in der Empfindlichkeit des Getroffenen stets eine Anerkennung seines UrtheilS finden wird. 81 Neuntes Kapitel. Dch mochte etwa vierzehn Tage in dem Laden gelegen haben, als ich eine Stimme, so fein und vornehm wie die Adricnnes, nach Taschentüchern fragen hörte. Mein Herz schlug hörbar vor Freude; denn das alberne Geschwätz meiner Kameraden hatte ich über und über satt. Diese Leute hatten alle so etwas von einer eouturiero an sich, nicht Eines unter ihnen allen hatte je eine ordentliche Stellung in der bessern Gesellschaft bekleidet; ihre Albernheiten wollten kein Ende nehmen und die gemeine Vertraulichkeit, mit der sie sich über ihre zukünftigen Käufer ausließen, erinnerte lebhaft an die Bälle in den Oliamzis-kül^sees, wo die Tänzer eben so bekrittelt zu werden vflegen. Bei dem Worte „Taschentuch", von einer so süßen Stimme ausgesprochen, öffnete sich unsere Schublade gleichsam instinktartig: zwei bis drei Dutzende, alle von ausgesuchter Feinheit, wurden augenblicklich auf dem Ladentische auSgcbreitet, während ich selbst und «in paar andere Tücher von der Elite mit, der Taktik eines geschickten Feldherrn, der den Kern seiner Truppen in Reserve hält, vorerst noch in den Hintergrund verwiesen wurden. Die beiden Kunden waren Schwestern, das sah man auf den ersten Blick. Beide waren hübsch, beinahe schön zu nennen, und der einfache Anzug, sowie das sichere würdevolle Benehmen kündigte sogleich die wahren Damen an. Selbst der Klang ihrer Stimme — eine in New-Uork nicht gerade alltägliche Erscheinung — ließ auf einen ungewöhnlichen Grad von Bildung schließen. Im Laufe des Gespräches machte ich die Entdeckung, daß einer der bedeutendsten Grundbesitzer der Gegend ihr Vater war und daß sie recht eigentlich zur vröme des Landes gehörten. Schon die Art des Empfanges, der ihnen von Seiten der Commis zu Theil ward, ließ etwas AehnlicheS vermuthen, denn wenn auch ihre übrigen Vorzüge ihnen schwerlich eine so eilige Aufmerksamkeit erworben Das gestickte Taschentuch. 6 82 hatten, so mußte doch ihr wohlbekannter Neichthum diese Wirkung um^so sicherer Hervorrufen. Mr. Bobbinet bediente diese Kunden in eigener Person. Wohlbewandert in dem kaufmännischen Theilc der Menschenkunde, ließ er die reizenden jungen Damen wohl unter zwei bis drei Dutzenden sehr schöner, allein nicht gestickter Taschentücher wählen, ja ließ sie sogar dafür bezahlen, ehe er seines Reservekorps mit einer Sylbe Erwähnung ihat. Als er endlich glaubte, der rechte Augenblick sey gekommen, wurde eines der am wenigsten verzierten Tücher den Damen unter die Augen gebracht. Die beiden Schwestern hießen Anna und Maria und ich sah sogleich in dem Entzücken, das indem sanften, blauen Auge der elfteren emporleuchtcte, wie sehr sie von der Schönheit dieser unerwarteten Erscheinung bezaubert war. Ich glaube, es ist ein Zug der „menschlichen Natur im Weibe", Alles was schön und anmuthtg ist, zu bewundern, besonders wenn cS sich in der Gestalt einer Nadelarbeit präsentirt. So priesen denn die reizenden Kinder ein Tuch ums andere; als sie aber zuletzt an mich kamen, da brachen sie in einen lauten Ruf des Entzückens aus— doch geschah dies Älles mit so viel Ruhe und vornehmem Anstand, daß die Aufmerksamkeit der übrigen Käufer durch diesen natürlichen Ausbruch des Wohlgefallens nicht auf sic gelenkt wurde. Ich bemerkte übrigens, daß keine von Beiden nach dem Preise fragte, der in ihren Augen offenbar auf den wahren Werth eines Dinges keinen Einfluß hatte; mir sank das Herz bei dieser Entdeckung, denn sie bewies unwiderleglich, daß sie nicht die Absicht hatten, mich zu kaufen, und doch wäre ich so gerne das Eigenthum der sanften, heiterblickenden Anna geworden. Nachdem sie sich bei Mr. Bobbinet für die gehabte Mühe bedankt hatten, gaben sie die Weisung, ihnen das Gekaufte nach Haus zu senden, und schickten sich an, den Laden zu verlassen. „Werden Sie sich nicht bewegen lassen, dieses Stück zu nehmen?" fragte Bobbinet, während sie sich eben zum Gehen wandten. „ES hat seines Gleichen nicht in Amerika, denn ich kann Sie versichern, ein Herr unseres Hauses, unser Oberst Silk«, der so eben erst aus Paris zurückgekehrt ist, behauptet, es sey ausdrücklich für die Dauphine gearbeitet worden und blos die letzte Revolution war daran Schuld, daß es nicht in ihre Hände gelangte." „Es ist Jammerschade," crwicderte Anna säst unwillkührlich, „daß so viel Spitzen und solch vollendete Stickerei an ein Taschentuch verschwendet worden sind. Sähe ich Beides an eine andere Arbeit gewendet — ich fürchte, dann würde ich sie ganz gewiß kaufen." Ein Lächeln, ein leichtes Erröthcn, ein Knir und die beiden Damen verließen hastig den Laden. Mr. Bobbinet wie sein edler Freund, der Oberst Silky, welcher der Scene „en amateur" angewohnt hatte, sahen sich Beide getäuscht; doch ließ sich die Sache nun einmal nicht ändern, denn hier hatten sie zwei Kunden vor sich, die selbst zu denken und zu handeln gewöhnt waren und an denen aller Honigseim der Ladenberedsamkeit verloren schien. „Mir ists unfaßlich, Obrist," bemerkte Mr. Bobbinet, sobald seine Kunden außer Hörweite waren, „wie sich diese Dämchen einen solchen Artikel aus der Hand schlüpfen lassen können. Ihr Vater ist einer unsrer reichsten Männer und sie haben nicht einmal nach dem Preise gefragt." „Ich vermuthe, es war nicht sowohl der Preis, als vielmehr ganz etwas Anderes, was sie zurückhielt," erwiederte der Obrist in seiner eleganten Weise. „Es gibt eine Sorte von Kunden, welche nicht so ohne Unterschied einkaufen, sondern Aller nach Grundsätzen betreiben. Solche Leute glauben dann auch nicht, daß eine Nachtmütze zur Bettdecke bestimmt sey." Bobbinet und Comp, verstand zwar nicht ganz genau, was ihr witziger Compagnon damit sagen wollte, aber ehe er Zeit hatte, um eikle Erklärung zu bitten, verscheuchte die Erscheinung 84 eines neuen Kunden die Falten auf seiner Stirne und gab seinen Gedanken eine andere Richtung. Die Person, welche jetzt eintrat — eine überaus glänzende Erscheinung — war ein Mädchen von zwanzig Jahren, in einer äußerst modischen und höchst geschmackvollen Toilette, an der ein strenger Kritiker nur das Eine auszusetzen haben mochte, daß sie zum Gang über die Straße vielleicht etwas zu reich erschien: indeß war ihre Besitzerin aus einem Wagen gestiegen. Sie hatte entschieden hübsche GesichtSzügc und ihre Gestalt zeichnete sich durch das schönste Ebenmaaß aus — mit einem Wort, ich hatte noch selten ein jungfräuliches Wesen gesehen, das gegründetere Ansprüche an den Ruhm des ihrem Geschlecht- eigenen Liebreizes gehabt hätte. Die beiden jungen Damen, die uns eben verlassen hatten, waren zwar anmuthig und einnehmend und hatten in Wahrheit eine Miene anspruchloser Feinheit an sich, die an diesem neuen Besuche nicht so sehr auffiel: allein die glänzende Außenseite der Letzteren machte mich anfänglich für ihre Fehler blind, so daß ich nichts als ihre Vollkommenheit gewahrte. Der Eifer des Prinzipals— bitte um Verzeihung, des Bosses, wollt' ich sagen — und die Aufregung unter den Commis bewiesen hinlänglich, daß man sich nicht wenig von dem Besuche der jungen Dame versprach, welche mit einer gewissen Ladenvertraulichkeit „Miß Halfacre" titulirt wurde — zum Beweis, daß ihre Bekanntschaft mit dem Hause nicht von gestern war und daß sie für einen guten Kunden galt. Zum Glück für die Aussichten des Hauses Bobbinet und Comp, lagen wir noch alle aus dem Ladentische ansgebreitet: dies gilt nämlich für eine sehr glückliche Constellation in diesen Handelszweigen, weil sie eS dem Verkäufer möglich macht, Maaren, nach denen nicht gefragt worden, auf die natürlichste, unverfänglichste Weise zu pro- duziren. Ein weiteres Glück war, daß ich in unskrem Häuflein gerade zu unterst lag, denn wenn es gilt, mit einem recht über- 85 mäßigen Preise hervorzutreten, ist ein guter Klimax eben so noth- wendig, als um ein Gedicht, ein Drama, eine Romanze mit dem gehörigen Effekte zu schließen. „Guten Morgen, Miß Halfacre," flötete Mr. Bobbinet, indem er sich mit süßem Lächeln verbeugte — wäre sein Gesicht nur halb so aufrichtig gewesen, als er es scheinen lassen wollte, so würde es hier gegrinst haben. „Wie glücklich trifft es sich, daß Sie uns gerade in diesem Augenblicke die Ehre schenken. Wir sind eben im Begriff, einige der seltensten Exemplare in Taschentüchern auszulegen, welche jemals auf unser» Markt kamen. Beide Fräulein Burton haben sie eben gesehen und sie für das Vollkommenste in dieser Art erklärt, was ihnen je zu Gesicht gekommen — denken Sic nur, Damen, welche, glaub' ich, die halbe Welt durchreist sind." „Und haben sie eines genommen, Mr. Bobbinet? Sie sollen Geschmack haben, diese Fräulein Burton." „Gekauft haben sie eigentlich noch nicht; aber ich glaube, daß jede ihr Tuch ins Auge gefaßt hat. Hier, Ma'am, ist eiueS, wie Sie es gewiß noch nicht in New-Dork gesehen haben; es kostet sechzig Dollars." Das „sechzig" wurde mit einer gewissen Feierlichkeit gesprochen, welche die Wichtigkeit > die man mit dem Preise verband, bezeichnen sollte; denn der würdige Handelsherr wußte recht wohl, daß bei diesem Kunden der Preis ein unfehlbarer Maßstab der Qualität war. — Mir preßte der Gedanke einen Seufzer aus, da die arme Adricnne nicht mehr als ungefähr zehn Dollar für mich erhalten hatte, da ich doch im Werthe so viel höher stand als. das Tuch, das eben produzirt wurde. „ES ist wirklich recht hübsch, Mr. Bobbinet, recht niedlich; aber Miß Monson kaufte eines bei Lace's, das nicht einmal ganz so schön war und bezahlte, wenn ich nicht irre, fünfund sech zig." „O, wir haben ihrer noch zu weit höherem Preisen. Ich zeigte es Ihnen bloS, um zu beweisen, daß unsere Sechziger 86 so schön sind, als Mr. Lace's fünfundsechziger. Was sagen Sie z. B. zu diesem? „Ah, das ist ein wahres Kleinod! Was ist der Preis, Mr. Bobbinet?" „Nun, Sie sollen es für flebenzig haben, obwohl ich eigentlich fünfundsiebenzig fordern dürfte." „Wie, Sie werden doch bei Taschentüchern nicht heruntergehen; man will doch so etwas nicht allzu niedrig haben!" „Ah, ich sehe, Miß Halfacre, daß ich Jemanden vor mir habe, mit dem man gleich auf die Hauptsache losgehen muß. Hier, Ma'am, betrachten Sie das Tuch, welches den Stolz meines Ladens ausmacht; nie kam seines Gleichen auf diesen Markt, nie wird etwas AehnlicheS wieder gesehen werden." Es ist mir unmöglich, auch nur die Hälfte der Ausrufungen wiederzugeben, in denen sich bas Entzücken der schönen Eudosia Luft machte, als ich zum ersten Male vor ihr bezaubertes Auge trat. Sie wendete mich um und um, untersuchte mich mit hochklopfender Brust und einmal dachte ich schon, sie wolle mich küssen; endlich fragte sie mit bebender Stimme nach dem Preise. „Einhundert Dollars, Ma'am," gab Bobbinet freundlich zur Antwort; „keinen Cent mehr, auf meine Ehre." „Nein, nein, Sie scherzen!" rief Eudosia, eher freudig als beunruhigt. „Einhundert — bewahre!" „Einhundert, Miß Eudosia, keinen Cent weniger. Der Verdienst, den wir daran machen, ist ohnedies nicht der Rede Werth." „Ei, Mr. Bobbinet, dies ist das theuerste Tuch, das noch jemals in New-Vork verkauft wurde." Dies sagte das schöne Geschöpf in einer Art von Verzückung, denn sie erkannte den ganzen Vortheil, eine so herrliche Gelegenheit zu finden, um etwas recht TheureS an sich zu kaufen. „In Amerika, Ma'am! es ist wenigstens um zwanzig Dollars theurer als jedes Taschentuch, das bisher über's Meer herüber kam. Das berühmte Tuch der Miß Jewel in Boston kostet nur neunundsiebenzig." „Blos! — Oh, Mr. Bobbinet, ich muß es haben; eS ist ja ein wahrer Schaß." „Soll ich eS Ihnen zusenden, Miß Eudosta; oder getrauen Sie fich gar nicht mehr, eS aus den Augen zu lassen?" „Doch nicht, Sir. Die Wahrheit zu sagen — ich habe nicht so viel Geld bei mir. Ich kam nur um einige Kleinigkeiten, hatte mich also nur mit fünfzig Dollars vorgesehen und Sie wissen, Papa- chen leidet keine Rechnungen. Ach! nie habe ich noch einen so grillenhaften Mann getroffen, als meinen Papa; aber ich will auf der Stelle nach Hause und ihm die Wichtigkeit dieses Kaufes auseinandersetzen. Sie werden das Tuch für e in e Stunde nicht auslegen, nicht wahr? Nur auf eine Stunde, und dann sollen Sie von mir hören." Bobbinet gab seine Zustimmung; die junge Dame trippelte nach ihrem Wagen und war im Nn entschwunden. Dreiundvierzig Minuten später trat, fast athemloS, ein Dienstmädchen in den Laden und legte eine Note auf das Comptoir, welche eine Anweisung Herrn Halfacre'S auf hundert Dollars und die Bitte der schönen Eudosta enthielt, mich der Ueberbringerin auSzuhän- digen. Alles geschah, wie sie es gewünscht hatte, und nach fünf Minuten segelte ich Broadway hinauf, so schnell mich Honor O'Flaherty'S (so hieß die Abgesandte) kleine Stumpfüßs zu tragen vermochten. Zehntes Kapitel. LUr. Henry Halfaere war ein Spekulant mit Bauplätzen, einem damals in New-Vork sehr beliebten Geschäfte. Gegen Landgüter und alle gemeineren Arten von Grundbesttz hegte er eine gründliche Verachtung; gabt ihr ihm aber ein Stück Land, nach Fußen und Zollen zu vermessen, dann war er euer Mann. Mr. Halfaere besaß von Haus aus nichts, war aber, was man einen 88 thätigen, unternehmenden Mann nennt — mit rindern Worten, er hatte seine Freude am Schuldenmachen und scheute sich nie, das Eigenthnm seiner Gläubiger aufs Spiel zu setzen. An demselben Morgen, da sein ältestes Kind, Eudosia, in meiner Person eine so ^ werthvolle Erwerbung machte, war Mr. Henry Halfacre Eigenthümer von mehreren hundert Loosen auf dem Eiland Manhattan, von hundertunddreiundzwanzig in der Stadt Brooklyn und von ungefähr eben so vielen in Williamsburg; ungerechnet eine große noch gar nicht ausgeschiedene Dividende an den Gebieten von Milwaukie, Chicago, Rockriver, Moonville und andern Plätzen, sowie einem bedeutenden Antheil an dem sogenannten Coney-Eiland — kurz, seinLänderbe- sitz „inventarisirte" sich — wie er sich auszudrücken pflegte — netto auf zwei Millionen sechSmalhundert und zwölftausend Dollars, in der Thal eine hübsche Summe für einen Mann, der beim Beginn seiner einträglichen, energischen Laufbahn in diesem Fache gerade drciund- zwanzigtausend vierhundert und siebenzehn Dollar weniger als Null Werth war! Diese Herrlichkeit hatte nun allerdings auch ihre Kehrseite, wie denn Mr. Halfacre'S Noten, Pfandscheine, Hypothecarschulden und sonstige Verbindlichkeiten eine Totalsumme von sechsmalhunderttausend und ungeraden Dollarn ergaben; allein auf dem Papier halte der würdige Spekulant doch immer noch eine hübsche Bilanz von zwei Millionen übrig. Nnerachtet des Betrags seiner „zahlbaren Verschreibungen" hielt sich Mr. Halfacre für einen sehr klugen Mann; einmal weil er strenge darauf hielt, keine Buchschulden zu haben; zweitens weil er anderer Leute Papiere stets zu weit höherem Betrage annahm, als er selbst für ein oder mehrere einzelne Loose gegeben hatte; drittens und letztens, weil er sorgfältig darauf bedacht war, sich auf fremdes Risico „auszudehnen". Hätte er freilich seine Loose so anbringen können, wie er sie zu Buch getragen hatte, wären alle seine Schulden bezahlt gewesen, und hätte er nicht sein Geld ei» wenig schneller ausgegeben, als er 89 eS bona tiäo erworben — so ist gar keine Frage, Mr. Halfacre ESqnire wäre ein sehr reicher Mann gewesen. Inzwischen hatte er es durch das einfache Manoeuvre, daß er Papiere, die er empfing, theilweise ans seinen eigenen Namen discontiren ließ, dahin gebracht, daß er eine hübsche Summe im Bankbuch zusammenbrachte, und, da er auch jede laufende Forderung stets zu befriedigen wußte, nach und nach unter der Benennung des „reichen Halfacre" bekannt wurde. Von seinen Kindern war erst Eines, die schöne Eudofia, erwachsen, und da stc der besseren Gesellschaft der Stadt noch zu ferne stand, um für aristokratisch gelten zu können, so wurde Wohlweislich beschlossen, eine goldene Brücke über die trennende Kluft zu schlagen. Ein Hundertdollars-Tuch sollte den Grundstein legen, und schon sah man flch im Geist auf die Höhen des Lebens emporgehoben. „Ein Mann," meinten sie, „werde sich dann für ein hübsches Kind wie Eudofia, deren Vater mit vierzifferigen Loosen handelte, nicht allzuschwer finden lassen." Die gute Houor O'Flaherty war eben so kurzathmig als kurzbeinig. Sie fühlte die ganze Wichtigkeit ihrer Sendung, und da sie sich unter den übrigen Milesiern der Stadt und ihrer Klaffe einer auSgebreiteten Bekanntschaft erfreute, so machte sie nicht weniger denn eils Marschpausen, um den erstaunlichen Kauf, den „Miß Doste" gethan, aller Orten auSzuposaunen. Zwei besonders begünstigten Freundinnen zeigte sie mich wirklich unter dem feierlichsten Versprechen der Verschwiegenheit, und vier andere sollten mich später einmal zu sehe» bekommen, wenn ihre „Boß" mich erst eine Zeit lang getragen hätte. Solchergestalt wurde das Gerücht meiner Ankunft in gewissen „Kotterien" sehr frühzeitig bekannt, und manch niedlicher Mund, manch feines Sümmchen, welche „das Meerwunder von Taschentuch" in Bewegung setzte, ahnten nicht, daß sie diese Neuigkeit Niemand anderem, als dem würdigen Kleeblatt Honor O'Flaherty, Biddy Noon und Kathleen Brady verdankten. 90 Herr Halfacre hatte eine sehr elegante Wohnung auf Broadway, wo er und die Seinen im Vollgenuß all des Staubes, des Lärmens und Treibens dieser liniversalrennbahn thronten. Er hatte das Haus gekauft und verpfändet — denn dies ging bei diesem großen Spekulanten meistens Hand in Hand — sobald er im „Jn- ventiren" bis zu einer halben Million gekommen war. Auf Broadway zu wohnen, galt nämlich zu New-Dork gewissermaßen als Adelsdiplom, und die Erwerbung eines solchen Hauses mochte ungefähr eben so viel als in Italien der Ankauf eines Mar- quisats bedeuten. Da nunmehr Eudosia glücklich in den Besitz eines Hundertdollar-Taschentuches gekommen war, konnte das große Siegel dem Pergamente augehängt erachtet werden, welches den Namen Halfacre für aste Zukunft adeln sollle. Nun hatte aber die schöne Eudosia — denn schön, und lieblich sogar war das Mädchen mit seiner glänzenden Gestalt trotz der ungebildeten Modulation ihrer Stimme, trotz ihrer unrichtigen Art sich in manchen Dingen auSzudrücken und bei aller Unbekanntschaft mit den Feinheiten des Hähern Lebens — also die schöne Eudosia hatte eine Freundin, welche Klara Caverly hieß und ihr an Charakter, Erziehung, Gewohnheiten, Manieren und Ansehen so unähnlich wie möglich, gleichwohl aber ihre vertrauteste Herzenssreundin war. Die Neigung schrieb sich aus den Kinderjahren her und war durch Zufall entstanden: die Kinder wuchsen als Nachbarn und Schulgenoffen auf, fanden nach und nach Gefallen an einander und endigten damit, nach Art junger Mädchen einen Freundschaftsbund zu schließen, welchen die Zeit mit ihrem Gewicht und die Welt mit ihren Reibungen bald auflockern sollte. Mr. Caverly war ein sehr geschätzter Anwalt aus achtbarer Familie und mit recht hübscher Praxis. Seine Frau war schon von der Wiege her eine vornehme „Dame" — ein Vorzug, der seine natürlichen Folgen auch auf die Tochter geäußert hatte. Bei all dem war Mr. Caverly, was man anno 1832 in New-Dork „einen armen 9l Mann" nannte; das heißt, er besaß, so viel man wußte, kein Bankguthaben, hatte keine Ländereiloosr, war nicht Bankdirektor noch Vorstand einer Affecuranzcompagnie und wohnte in einem bescheidenen, zweistöckigen Hause ans Whitestrcet. Seine Praxis ernährte zwar seine Familie, ja ste warf so viel ab, daß er jährlich zwei bis dreitausend in Obligationen und Hypotheken anlcgen konnte; dazu zinsten ihm etliche fünfzehn bis achtzehn Pachtgüter in der Grafschaft Oranien, die auf drei Generationen im Erbpacht standen und schon seit dem siebenzehnten Jahrhundert Eigcnthum seiner Familie waren. Aber in einer Zeit des UeberflufseS, wie die Jahrgänge 1832, 33, 34, 35 und 36 galt der Dollar ererbten Guts nur zwölf und einen halben Cent gegenüber dem „inventirten". Da übrigens ein historischer Name auch nicht zu verachten ist und die Eaverly's in der Gesellschaft sehr angesehen waren, so durfte Eudosta ihre Besuche in der Whitestrcet forlsetzen, selbst nachdem die Ihrigen schon festen Fuß auf Broadway gefaßt hatten und Henry Halfacrc, Esquire schon unter den Manhattan-Nabobs paradirte. Klara Caverly war eben bei ihrer Freundin auf Broadway zu Besuch, als Honor O'Flaherty völlig athemlos hereinkeuchte — Letzteres kam von der Kürze ihrer Beine und der Nothwendigkeit, die verlorene Zeit durch Eile wieder einzuholcn. „Hier, Miß Doste," schrie das triumpliirende Hausmädchen — denn dies war Honors Rang im Hause, obwohl ste auch hie und da zu so ehrenvollen und vertraulichen Sendungen verwendet wurde. — „Da, Miß Doste, da ist'S und ein wahres Juwel ist cs, das können Sie glauben." „Was hat Dir Honor hier gebracht?" fragte Klara in ihrer ruhigen Weise; denn ste sah an den strahlenden Augen und den glühenden Wangen der Freundin, daß es etwas seyn mußte, worüber die Andere sich sehr gerne auslassen würde. „Du kaufst so viel, beste Eudosta, daß mir däucht, Du müßtest es zuletzt müde werden." „Wie — schöner Putzsachen müde werden! — Nie, Klara, nie! 92 dieß mag in Whitcstreet der Fall seyn, aber hier in Broadway wirb man solcher Sachen nicht müde. Sieh' mal her" — und sie legte mich der Länge nach auf ihren Schooß — „dies ist ein Taschentuch; ich wünschte Dein Nrtheil darüber zn Horen." Klara betrachtete mich mit großer Aufmerksamkeit, und trotz eines leichten StirnrunzclnS und eines Ausdrucks der Mißbilligung, der über ihre schonen Züge — denn Klara war wirklich schön — hinglitt, bemerkte ich dennoch, wie auch zugleich die natürliche Sympathie ihres Geschlechtes sich regte, als ihr Auge über die kostbaren Spitzen, die vollendete Stickerei und den wunderbar feinen Stoff hinschweifte. Aber Erziehung und Gewohnheit behielten die Oberhand, und sie mochte kein Lob aussprechen, wo sie in Wahrheit nur einen Mißbrauch der Kunst und eine geschmack- weil sinnlose Verschwendung sehen konnte. „Dieses Tuch, Clara, kostet Einhundert Dollars," sprach Eudosia, indem sie, so viel möglich, die langsam feierliche Betonung des Hauses Bobbinet und Compagnie nachahmte. „Ist es möglich, Eudosia! welch' ungeheure Summe für ein so nutzloses Ding." „Nutzlos! nennst du ein Taschentuch nutzlos?" „Gewiß, meine Liebe, wenn es der Art ist, daß man nicht daran denken kann, es dazu zn gebrauchen, wozu es eigentlich bestimmt ist. Ebensogut könnte es mir einfallcu, Kautschuck-llcber- schuhe mit Atlas zu besetzen, als ein Taschentuch in diesem Style zu garniren." „Styl, sagst du? Ja, ja, ich sollte denken, es ist etwas von Styl daran, ein Taschentuch zu besitzen, das einhundert Dollars kostet. Bedenke nur, Clara Caverly, daß neun und siebenzig Dollars bisher das Höchste war, was in New-Dork für einen solchen Artikel bezahlt wurde. Mein Tuch ist um neun und zwanzig Dollar theurer als jedes andere!" Clara Caverly seufzte; nicht aus Eifersucht, Mißgunst oder 93 sonst einem unlauteren Gefühle — »ein, eS war ein ausrichtiger, herzlicher Seufzer, den ihr die Betrachtung auSprcßte, wie viel Gutes mit diesen hundert Dollars bei verständigem Gebrauche hätte gewirkt werden können. Von diesem Gedanken getrieben, sagte sie denn — etwas zur Unzeit muß man gestehen, aber ohne das mindeste Arg — „Gut, Eudosia, jedenfalls freut es mich, daß Du im Stande bist, solchen Aufwand zu mache»; — jetzt ist wohl die beste Zeit, dich an Deinen Beitrag zum Wittwen- und Waisenverein zu erinnern. MrS. Thoughtful ^ hat mich gewiß schon ein Halbdutzend Mal darum gebeten und gewiß denkst Du nicht daran, daß Du schon mit einem ganzen Jahre im Rückstände bist." „In der That eine höchst paffende Zeit, um mir drei Dollars abzunehmen! Weil ich so eben hundert Dollars für ein Tuch ausgegeben habe, nicht wahr? Wo hast du nur Deinen bons sens gelassen, meine Liebe? Man müßte ja wahrhaftig selbst aus Geld bestehen, um so viel auf Einmal zu bezahlen!" „Wann soll ich also Mrs. Thoughtful sagen, daß Du ihr das Geld schicken werdest?" „Das ist mehr als ich sagen kann. Pa* wird keine Eile haben, mir wieder Geld zu geben und ich brauche in diesem Augenblicke nahe zu ein zweites Hundert Dollars zu verschiedenen Putzsachen, die mir noch zu einer anständigen Toilette fehlen. Auch sehe ich gar nicht ein, warum der Verein solch eine Noth mit diesen Beiträgen hat; es muß ja Geld genug da sehn." „Schwerlich, meine Liebe, wenn Niemand bezahlen will. Soll ich Dir das Geld borgen? Mama gab mir diesen Morgen zehn Dollars zu einigen Einkäufen, mit denen es schon noch Zeit hat, bis Du mich wieder bezahlen kannst." « „Frau Sinnreich» auf Deutsch. D. u. " Eine affektirte Abkürzung für »Papa,» welche in Nordamerika unter der «Noblesse» gebräuchlich ist. D. U. 9-1 „Ja, bestes Klärchen; Du bist doch immer noch eines der besten Geschöpfe auf der ganze» Welt. Wie viel macht es aus? drei Dollars, nicht?" „Sechse, wenn du Laufendes und Rückstände berichtigen willst. Ich werde cs, ehe ich nach Hause gehe, bei MrS. Thoughtful in'S Reine bringen. Aber, theuerste Eudosta, ich wollte, Du hättest das närrische Tuch nicht gelaust." „Närrisch nennst Du ein Taschentuch mit solchem Spitzenbesatz , mit dieser prachtvollen Stickarbeit — ein Taschentuch, das hundert Dollars kostete — närrisch?! Ist es etwa eine Narrheit, Geld zu haben oder für reich zu gelten?" „DaS Erstere gewiß nicht, doch mag es immer besser seyn, nicht für reich zu gelten. Gewiß, ich wünsche Dich immer in paffendem Anzuge zu sehen, denn jede Toilette gewinnt an Deiner Person; aber dieses Taschentuch, beste Eudosta — ist nicht an seinem Platz." „Nicht an seinem Platz? Nun höre einmal, Klärchen, ganz im Vertrauen — wie hoch schätzest du meinen Vater?" „Beim Himmel, dieß sind Dinge, an die ich noch nie gedacht habe. Ich weiß nicht einmal, was mein eigener Vater „Werth" ist. Mama sagt mir, wie viel ich brauchen darf und um das Weitere bekümmere ich mich nicht. " „Gut, nun höre aber: Mr. Murray speiste in der vorigen Woche bei uns und die Herren blieben bis nahe an zehn Uhr bei der Flasche sitzen. Ich hörte sie plaudern und schlich mich hier in das Zimmer, in der Hoffnung, irgend etwas Neues zu erlauschen. Im Anfang sprachen sie nichts als — Loose — Loose — obere Stadt — untere Stadt — fünf und zwanzig Fuß Front — Dollar — Dollar - Dollar — Aber dieß sind böhmische Dörfer für Dich, nicht wahr, gutes Klärchen?" „I nun, man kann sich schon daran gewöhnen," erwiederte Klara trocken. ' < 95 »Ja wohl, man hört ja so viel von dergleichen reden. Ich will froh seyn, wenn die Herren auch einmal von etwas anderem sprechen lernen. Aber Geduld, das Beste kommt noch. Zuletzt fragte Pa den Mr. Murray, ob er kürzlich „inventirt" habe." „Wirklich?" »Ja ja, Du weißt doch, was dieß bedeutet?" »Bedeutet es nicht „auffüllen," wie sie es nennen?" »So dachte ich Anfang'S auch; allein es ist nichts dergleichen. Jnventiren heißt vielmehr „ausrechnen und notiren," wie viel Einer Werth ist. Mr. Murray sagte, er thue dieß all-Monate, und folglich mußte er sehr genau wissen, was er selbst werth war. Ich weiß nicht mehr recht, wie viel es betrug, denn es interessirte mich nicht sonderlich; Du weißt, Georg Murray ist nicht einmal so alt wie ich, und so gab ich nur auf das Acht, was Pa inveutirt hatte. Nun rathe einmal, wie hoch sich'S beläuft." „In der That, meine Liebe," antwortete Klara, ein Gähnen unterdrückend — „ich habe nicht die leiseste Joee davon — ein tausend Dollars vielleicht!" „Tausend Dollars! Wo denkst du hin?! Ein Mann, der Wagen und Pferde hält, ans Broadway wohnt, und seiner Tochter, solcheKleider, wie ich sie habe,undHundert-DollarS-Taschentücher giebt! Zweihundert Millionen, meine Theure, zweihundert Millionen!" Das „Hundert" hatte Eudosia ohne alles Arg eingeschmuggelt; denn wie dies gewöhnlich Leuten geht, denen das Geld etwas Neues ist, so war ihr die Phantasie mit der Arithmetik davongelaufen. „Ja, ja" — fuhr sie fort — „zweihundert Millionen, und einige sechzig darüber sind gar nicht gerechnet." „Das scheint ja eine gewaltige Summe zu seyn," bemerkte Klara ganz ruhig; denn außerdem, daß sie sich um diese Millionen nicht im Geringsten kümmerte, hatte sie auch nicht das beste Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihrer Freundin in solchen Dingen. „Gewiß ist es eine große Summe; man sagt, daß nicht zehn 96 reichere Leute im Staate sind, lind nun — ändert dieß nicht die Sache mit dem Taschentuche? Es wäre ja gering von mir, wollte ich ein Hundert-Dollars-Tuch von der Hand weisen, wenn ich eines auftreiben kann." „Was de» übermäßigen Aufwand betrifft, so mag es die Sache ändern; nicht aber im Punkte der Schicklichkeit und des TactS. Was soll Dir ein Taschentuch, wie dieses, nützen? Ein Taschentuch istzurBenutzungbestimmt, meineLiebe, nicht zur Schaustellung." „Und willst du denn. Klara, daß eine junge Dame ihr Tuch durchaus gebrauche, wie ein tabaktriefendes Mütterchen?" „O nein, ich meine, eine junge Dame soll es gebrauchen, wie es sich für eine junge Dame schickt, und nicht anders. Aber immer verletzt es mein Gefühl als ein Zeichen von Taktlosigkeit und geringer Bildung, wenn man die Rollen, welche den Dingen zukom- men, gewaltsam durcheinanderwirft. Ein Schnupftuch bleibt im günstigsten Falle zum gewöhnlichen Hausgebrauche bestimmt; es ist offenbar schlechter Geschmack, es zum Gegenstände der Gefallsucht machen zu wollen. Fein mag cS schon sehn, um eine Idee von der Zartheit der Besitzerin zu geben; aber mit sinnlosen Zierrathen ausstafsirt — nie. Siehe nur einmal zu, wie sich ein gestickter Pantoffel an einem Frauenfußc so gemein und marktschreierisch ausnimmt." „Ich gebe dieß zu; aber, mein Schatz, nicht jedermann kann Hundert-DvllarS-Taschentücher führen, der gestickte Schlappen tragen kann. Und nun sage, was du willst, ich werde meine neue Erwerbung diesen Abend auf Miß Trotters Balle tragen." Klara machte hiegegen keine Einwendung, obgleich ihre Blicke fortwährendes Mißfallen mit dem Kaufe ihrer Freundin ausdrückten. Nun hatte aber die liebliche Eudosia durchaus kein schlimmes Herz, sondern war nur durch eine schlechte Erziehung verdorben. Ihre Eltern hatten ihr nämlich von all' den üblichen Kenntnissen einer jungen Dame nur einen oberflächlichen Anstrich geben lassen; 97 von wirklicher höherer Bildung war nicht die Rede gewesen. Selbst in dem gleichen Punkte vernachlässigt und daher ohne zureichendes Urtheil, hatten sie ihre Tochter den Händen von Miethlingen anvertrauen müssen, welche ihrer Pflicht genügt zu haben glaubten, wenn sie ihren Zögling wie einen Papagei nachplappern gelehrt hatten. Daher war Alles, was Eudosia lernte, nur auf den Effekt und nicht für das Leben berechnet, und in dieser Beziehung konnte man sagen, daß Schule und Taschentuch bei ihr wie aus einem Stücke waren. Eilftes Kapitel. Dch muß mir hier eine kleine Abschweifung erlauben, um eine kurze Bemerkung über ein Thema einzustechten, über welches man in Amerika vermöge gewisser nationeller Gewohnheiten und Vor- nriheile gar leicht zu einer einseitigen Ansicht gelangt. Man ist dort nämlich sehr geneigt, gewisse Vorzüge der feineren Bildung den sogenannten häuslichen Tugenden gegenüber zu belächeln. Nun besteht aber der Vorzug eines Kochs darin, daß er gute Schüsseln liefert, der einer Nähterin, daß sie gut näht, und der einer Dame, daß sie einen geläuterten Geschmack, einen gebildeten Geist und verständige Manieren hat. Die wirklichen Vorzüge aller Genannten sind dieselben, nur daß sie je nach ihrer Stellung besonderen Gesetzen unterliegen» und nur bei den mehr äußerlichen Vollkommenheiten stellt sich die Sache anders. Alle feineren Blüthen menschlicher Kunstfertigkeit belächeln zu wollen, ist wahrlich kein Beweis von Kenntniß der Bedingungen menschlicher Glückseligkeit und des verwickelten Getriebes socialer Größe und gesteigerter Civilisatiou. In einer wohlcingerichte- ten Gesellschaft muß es Abstufungeu der Talente geben, und wenn auch nur Fleiß, Geschick und Erfindsamkeit einen tüchtigen Grund legen können, so wird dagegen das Gebäude ohne die Ver- Das gestickte Taschentuch. 7 98 feinerungen des Lebens, welche eine höhere Kultur verleiht, nie eine anmuthige und gefällige Form gewinnen. Von dieser Wahrheit hatte Eudosia zuweilen eine dunkle Ahnung, obgleich sie in ihren Reflexionen selbst über weniger schwierige Materien nur selten zu einem richtigen und klaren Resultate gelangte. Im gegenwärtigen Falle sah sie die Wahrheit nur von der Einen Seite und zwar von der alltäglichsten, wie man sogleich an der Bemerkung erkennen wird, die sie darüber machte. „Und dann, Klara, was den Preis meines Tuches betrifft, so mußt Du auch die Grundsätze der Nationalökonomen nicht unberücksichtigt lassen, die bei solchen Sachen ein Wort mitzureden haben. Dein Vater läßt Dich doch Nationalökonomie studiren, meine Liebe?" „Bewahre, das thut er nicht; ich weiß kaum, was das Wort bedeutet." „Hm, das ist sonderbar; Papa sagt doch immer, in der Zeit, in welcher wir leben, sey sie der einzige Weg, um reich zu werden, und Papa verdankt selbst sein wunderbares Glück einzig und allein der Nationalökonomie und dem Spekuliren mit Loosen; denn im Vertrauen, liebes Klärchen, mein Vater war nicht immer so reich." „Nicht?" wiederholte Klara, der dies sehr wohl bekannt war, mit halbverbiffcnem Lächeln. „Im Gegentheil, es fehlte viel daran; aber Du weißt, man spricht nicht gern davon, weil eS einmal in unserm New-Dork eine Schande ist, nicht zum mindesten eine halbe Million Werth zu sein. Dein Vater, Klara, ist ja gewiß auch so viel Werth?" „Ich weiß davon so wenig, daß ich Dir nicht sagen kann, ob er nur den vierten Theil werth ist, Eudosta. In meinen Augen ist eine halbe Million Dollars ein großer Hausen Geld und ich weiß, daß mein Vater selbst sich für arm hält, wenigstens für die Stellung, die er inne hat. Aber Du wolltest ja etwas von Nationalökonomie sagen, — ich bin nicht wenig begierig zu hören, was diese mit Deinem Taschentuch zn schaffen hat." 99 „Das will ich Dir sagen, meine Liebe. Du weißt doch, daß die Vertheilung der Arbeit die Quelle aller Civilisation — daß andererseits der Handel nur ein Austausch von Aequivalenten ist — daß die Zollhäuser diese Aequivalente in Fesseln schlagen und daß, was in Fesseln liegt, nicht frei ist —" „Aber meine gute Eudosia, wo läuft nur Deine Zunge wieder hin?" „Nun, Du wirst doch zugeben, Klara, daß, was in Fesseln liegt, nicht frei ist, daß Freiheit die größte Segnung dieses glücklichen Landes bildet, und daß der Handel eben so gut wie jedes andere Ding frei seyn sollte." Klärchen schwindelte der Kopf vor diesem Wortschwall, obwohl sie die Phrasen, mit denen ihre Freundin um sich warf, vollkommen eben so gut verstand, als diese selbst. Bekanntlich ist Nationalökonomie wenig mehr als eine Terminologie, und ganz besonders gilt dies von demjenigen Theile derselben, welchen man „die Freiheit des Handels" zu nennen beliebt. Aber Klara war es herzlich müde, noch mehr von dem unverständlichen GallimathiaS zu Horen, der sich in unseren Tagen eben so allgemein der Köpfe und Federn bemächtigt hat, als es vor einem halben Jahrhundert unter ziemlich ähnlichen Umständen mit Pitt's berüchtigtem Vorschlag eines „Tilgungsfonds" für die englische Staatsschuld der Fall war; sie bat daher ihre Freundin, ohne weiteres Ausholen auf den Punkt mit dem Taschentuch zu kommen. „Nun denn," resumirte Eudosia, „dies hängt so zusammen: der Luxus der Reichen gibt dem Armen Arbeit und setzt Geld in Umlauf. So hat denn auch ohne Zweifel mein Taschentuch irgend einem armen Geschöpfe in Frankreich vier oder fünf Monate laug Beschäftigung und damit Kleidung und Brod verschafft. Gewiß hat eS fünfzig von den hundert Dollarn erhalten, die ich bezahlen mußte. Und dann der Zoll — ach Klara, ohne diesen schmutzigen Zoll hätte ich mein Tuch um fünf und zwanzig Dollar wohlfeiler bekommen." 100 „Und um eben so viel Procent weniger preiswürdig gefunden/' ergänzte diese mit spöttischem Lächeln. „Da hast Du Recht, in der That: beim rechten Lichte betrachtet, ist die Handelsfreiheit nicht auf Taschentücher anwendbar." „Und doch," fiel Klara ein, „wenn man den Büchern glauben darf, so soll sie auf Miethkutschen, Fähren, auf Doktoren und Anwälte, ja selbst auf die Geistlichkeit anwendbar seyn. Mein Vater sagt, sie sey —" „Nun? — ich möchte wohl wissen, als was sie ein Mann von so klarer Ausdrucksweise, wie Mr. Caverly definirt." „Nun, er drückt sich in der That so deutlich aus, daß er sie einen — Firlefanz nennt!" versetzte seine Tochter, indem sie sich bemühte, das Wort mit recht theatralischem Pathos auszusprechen. Aber das Tuch? — wie Othello sagt — das Tuch?" „Nun ja, fünfzig Dollars kommen auf die arme Stickerin, welche die Arbeit geliefert, fünfundzwanzig auf die fatale Douane, etliche fünfzehn für Miethe, Feuerung und Licht und zehn etwa als Profit in die Kasse des Mr. Bobbinet. Und mußt Du nicht zugeben, daß all dieß sehr gut und sehr gemeinnützig ist?" Arme Adrienne! Du bekamst nicht so viel Franken für mich, als diese schöne Berechnung Dir Dollars zutheilte! Wie viel besser, reicherund ach, um wie Vieles glücklicher wärest Du gewesen, wenn Du das Geld für mich in der Tasche behalten, die Spitzen, selbst mit Schaden, verkauft, und Dir so manche lange Stunde harter und qualvoller Arbeit erspart hättest! Allein so geht es mit menschlichen Berechnungen. Wie verführerisch stellt sich oft ein Plan dar, wie trefflich scheint Alles zu seinem Gelinge» angelegt! Aber dahinter lauert die rauhe Wirklichkeit, die so oft alle diese Weisheit zu Schanden macht und den Stolz des menschlichen Verstandes demüthigt. Vielleicht wünscht der Leser zu wissen, in wie weit Eudosta'S Berechnung des Gewinns und Verlustes der Wahrheit nahe kam und ich will daher 101 die Rechnung aus den geheimen Büchern der Firma, welche einst die Ehre hatte, mich ihr Eigenthum zu nennen, hier nochmals weiter ausführen. Superfeines Taschentuch, in Rechnung mit Bobbinet und Comp. Soll Anlauf.Fr. 109 zu S, SS - D. 19 V1 Zinsen dieser Summe für 9ti Tage L 7 o/o. 00 3r Aniheil an der Fracht.09 01 Trägerlohn.09 99>/, Für Waschen, Plätten ic...90 D. 19 es»,» Hat Zn Kassa, «on Miß ..D. 1 99 In Kassa als Verkaufspreis des Artikels.199 99 Abzug an der Forderung der Waschfrau.99 9S 101 0S 19 SS»I. Netto-Produkt . . . . D. 81390/» Klara Caverly nahm jetzt Abschied, da sie noch zu MrS. Thought- fnl gehen wollte, um Eudosia'S Rückstände zu berichtigen. So war ich nun zum erstenmal mit meiner neuen Herrschaft allein und hatte Gelegenheit, ihren Charakter ohne die Vermittlung Dritter einigermaßen kennen zu lernen. Denn wie tief auch ein Vertrauter oder eine Vertraute in eures Herzens Geheimnisse eingewciht sey — einige wenige werdet ihr doch immer ausschließlich für euch selbst behalten. Wenn die Bewunderung, welche Eudosia mir zollte, meine Gunst gewinnen konnte, so hatte ich alle Ursache, mit den Händen zufrieden zu sehn, in welche das Schicksal mich gegeben hatte. An meiner neuen Gebieterin selbst war immerhin manches zu bewundern, denn eine mangelhafte Erziehung war eigentlich das größte Nebel, gegen das sie anzukämpfen hatte. Vermöge dieser „Erziehung", wenn man ihr ja diesen Namen zugestehen wollte, besaß sie oberflächliche Fertigkeiten, oberflächlich erworben — Grundsätze, die kaum über die hergebrachte Zucht und Ehrbarkeit ihres Geschlechtes hinauSreichten — einen an sehr zweideutigen Mustern gebildeten Geschmack und Erwartungen, 102 welche aus einer falschen Ueberschätzung der durch und durch falschen Lage hervorgingen, in welche der Zufall sie plötzlich geworfen hatte. Aber bei all dem halte Eudosia ein Herz, und wo wäre das Weib, welches sich dem Einflüsse dieses wesentlichen TheileS der weiblichen Organisation «erschließen könnte? Mittelst der ofterwähnten Zauberkraft, womit wir Taschentücher auSgestattet sind, hatte ich bald herausgebracht, daß sich zu New-Vork ein gewisser Morgan Morley befand, vor welchem Eudosia gar zu gerne meine und damit auch — was die Hauptsache war — ihre eigene Vollkommenheit entfaltet hätte. Ich weiß nicht, soll ich es als ein Glück oder als ein Unglück betrachten, daß wir gleich am ersten Abend ans waren, den ich als Eudosia Halfacre's Eigenthnm zubrachte. Das reizende Mädchen war gegen acht Uhr fir und fertig für Mistreß Trotter'S Ball, und ihre bewundernde Mutter hielt für rein unmöglich, daß Morgan Morley, ein wohlbekannter, sechSziffriger Kapitalist es noch länger würde auShalten könne». Zufälliger Weise war Mr. Halfacre, der heute auswärts gespeist hatte, noch nicht zum Vorschein gekommen, so daß die beiden Damen die ganze Freude des Vorgenußcs für sich allein hatten. „Was nur aus Deinem Vater geworden ist!" begann MrS. Halfacre, nachdem sie schon zum zehnten Male nach ihrem Manne gefragt hatte. — „Es sieht ihm ganz ähnlich, die Einladung zu einem Balle zu vergessen, denn er denkt an nichts als an seine Loose. ES ist in der That eine rechte Last, so reich zu seyn, Doste, und es gibt Augenblicke, wo ich wünschte, wir wären nicht über eine Million werth, denn im Ganzen möchte ich beinahe vermuthen, daß man nur bei so einem bescheidenen Vermögen wahrhaft glücklich ist. — Beim Himmel, es schlägt zehen, und wir müssen fort, wenn wir überhaupt noch gehen wollen; denn MrS. Caverlp äußerte einst in meiner Gegenwart, sie finde, zu spät kommen, ebenso ordinär, als wenn man zu früh erscheine." 103 Man ließ also de» Wagen Vorfahren und wir stiegen alle Drei ein, indem wir für Mr. Halfacre die Aufforderung hinterließen, daß er Nachkommen möchte. Da das Gerücht, ein breiziffrigeS Taschentuch werde auf dem Ball erscheinen, unserer Ankunft vorausgeeilt war, so verkündigte ein allgemeines Flüstern unfern Eintritt in die Speisesalons. Es ist nicht meine Absicht, eine förmliche Schilderung einer eleganten Gesellschaft in dem „großen Emporium" der „westlichen Welt" zu entwerfen. Jedermann weiß, daß Alles hier auf dem bestmöglichen Fuße hergeht; Grazie und behagliche Eleganz, feiner Ton und gesunder Menschenverstand sinden sich in einem Maaße vereinigt, daß cs ausnehmend schwer ist, sie einer Analyse zu unterwerfen und zu sagen, dieses ist dieses und jenes stellt jenes vor. Gerade dieses geistige Jneinanderfließen ist es, was dem Ganzen seine Bollendung gibt, gleichwie die schöne Harmonie der Farben die Gemälde Claude's — und in diesem Punkte könnte man sagen, auch die Cole'S, mit einem Schimmer von Glorie umgibt. Da jedoch neidische und böswillige Zungen die Eleganz und vornehmlich die „rotenno" eines „Manhattan-RoutS" zu verdächtigen gewagt haben, so fühle ich mich — wenn auch nicht gerade durch das erhabene Motiv des Patriotismus, doch jedenfalls aus Dankbarkeit für das hohe Ansehen, in welchem Taschentücher daselbst stehen — gedrungen, dies Alles rund heraus für eitel Lästere! zu erklären. Wenn ich je an der New-Vorker Gesellschaft etwas auszusetzen hätte, so wäre cs ihre steife Ruhe, jene beinahe naseweise Stille, welche die weibliche Stimme fast niemals vernehmen läßt, und wenn auch nicht im Herzen, so doch im Ohre ein peinliches Gefühl von Leere zurückläßt. Wenn sich nur ein paar junge Damen bewegen ließen, das Schürzenband der Frau Mama fahren zu lasten und etwas mehr in den Vordergrund zu treten—wie bald würde dieß Bewegung unter die Gruppen bringen und jene langen 104 Reihen dunkler Männer und reichgeputzter Frauen belebten, die Einen jetzt regungslos wie gemalte „Schaustücke" anstarren. Ohne diese beiden unbedeutenden Fehler dürfte sich aber die New- Uorker Welt kühn mit der Pariser, besonders jener der Chaussee d'Antin messen. Mehr als dies möchte ich nicht sagen und weniger konnte ich wohl nicht mit Ehren niederschreiben, denn ich habe zu New-Vork einige der wärmsten, treuherzigsten Freunde getroffen, die nur jemals das Geschick einem Taschentuche zu Theil werden lassen konnte. Meine Ankunft hatte also, wie gesagt, ein allgemeines Murmeln veranlaßt. In weniger als einer Minute hatte Eudosia ihre Begrüßungen abgemacht und wurde nun in einer Ecke von einem Häufchen junger Freundinnen umringt, welche alle trotz ihres Schweigens fast vor Begierde starben, mich endlich zu sehen. Es wäre offenbare Heuchelei, wenn ich versichern wollte, daß ich mich durch die Huldigung, die mir zu Theil wurde, nicht geschmeichelt fühlte: die neugierigen Blicke streiften vom Rande bis zur Mitte — von den Spitzen zum Saume — und vom Saume zu der feinsten Faser meines köstlichen Gewebes. — Mit einem Wort, ich war das erste Hundert-DvllarS-Taschcntuch, das je in diesen Kreisen aufgetreten war, ja wäre ich ein polnischer Graf mit dem schönsten Schnurrbarte von der Welt gewesen, ich hätte nicht schmeichelhafter empfangen — nicht besser „unterhalten" werden können. Mein Ruhm verbreitete sich schnell in den Gemächern, wie man zwei kleine Piecen mit einer Zwischenthüre, welche jedes zum Alkovc des andern stempelte — zu nennen beliebte, und sogar die Männer, besonders die jüngeren, fingen an sich für mich zu interessiren. Zwar gingen Letztere nicht auf die einzelnen Schönheiten der Stickerei oder die Feinheit des Stoffes ein — ihnen imponirten die drei Ziffern. Ein ältlicher Herr ließ „für einen Augenblick" um mich bitten und so sonderbar es Manchem dünken mag, ein Taschentuch zu entlehnen, so geschah es doch in jener Nacht mit mir von mehr 105 als zwanzig Personen. Während jenes Besuchs durfte ich zwischen zwei jungen Fashionables, die sich des scharfen Gehörs unseres Geschlechts wohl nicht versehen mochten, folgendes Geplauder mitanhören: „Muß doch ein reicher, alter Kauz sehn, der Halfacre, wenn er seiner Tochter ein Hundertdollarstaschentuch geben kann. Was meinst Du, Tom, es wäre doch nicht so übel, sich vorstellen zu lassen." „Wenn ich Dir rathen soll, Ned, so bleibst Du, wo Du bist," lautete die Antwort. „Du bist ja neulich auf der Vicariatskanzlei gewesen, um des alten Simonds Testament einzusehen und weißt, daß er seiner Tochter achtundsiebzigtausend Thaler hinterlaffen hat. — Zudem kann dieses Taschentuch eine reine List sehn. Ich meines Theils traue den Leuten nie recht, welche solche Köder auswerfen." „O, verlaß Dich drauf, da ist von keinem falschen Spiel die Rede. Charley Pray sprach mir noch letzte Woche von dem Mädchen, als noch Niemand von ihrem Taschentuche gehört hatte." „Warum nimmt sie dann Charley nicht selber? Beim Himmel, wenn ich in seinen Verhältnissen wäre, — er könnte ja unter allen Erbinnen zweiten Ranges in der Stadt nach Belieben wählen." „Ja, da sitzt eben der Knoten, Tom; bei unserem Geschäft muß man sich mit der zweiten Klasse begnügen. Warum können wir nicht hoher hinauf, um zum Beispiel Mädchen wie die Bur- ton's davonzutragen?" „Die Burton'S? — Die haben oder hatten wenigstens eine Mutter, nicht wahr?" „Nun, haben denn nicht alle Mädchen eine Mutter? Wer hörte jemals von Mann oder Weib ohne Mutter?" „Ja, im physischen Sinne freilich — ich meine es aber in moralischer Bedeutung. Nun hat aber diese Eudosia Halfacre in letzterem Sinne ebenso wenig eine Mutter, als Du selbst eine Säug- amme hast — nichts als ein altes Weib hat sie, das vollends eine Närrin aus ihr machen hilft, aber keine Mutter; ein Paar gute Kautschukschuhe würden ihr bessere Dienste thun. Ein Geschöpf, das sonst zu Nichts taugt, als einem Mädchen zu sagen, wie es sich aus- und ankleiden soll, es vor nassen Füßen zu warnen und ihm des Vaters Geld hinauswerfen zu Helsen — ist ebenso wenig eine Mutter, als der alte Simonds ein Salomo war, als er jenes Testament verfaßte, das jeder von uns so gut wie die Constitution auswendig weiß." Ein Geflüster im Zimmer entfernte die beiden jungen Herrn eine Minute lang von meiner Seite, so daß ich nur undeutliche Phrasen, wie „Entfernung der Depositen" — „panischer Schrecken" — „General Jackson" und „Revolution" verstehen konnte. Im nächsten Augenblicke traten jedoch die beiden Elegants in ihren früheren Winkel zurück, um das Gespräch folgendermaßen fortzusetzen. „Da haben wir'S!" rief Ned lauter, als die Klugheit es erlauben mochte — „das nenne ich mit knapper Roth der Gefahr entrinnen! Das verdammte Taschentuch hätte mich um ein Haar gekapert. Das nenne ich aber doch einen Betrug, solche falsche Vorspiegelungen zu machen." „Ja, ja, Freund; einem, der nicht auf seiner Hut war, dem mochte es wohl in die Quere kommen; für Leute vom rechten Schlag ist aber nur wenig Gefahr dabei." Hier forderten die beiden Elegants ein paar Erbinnen zum Tanz auf und ich bekam von ihnen und ihren Fährlichkeiten nichts mehr zu hören. Um übrigens den Leser nicht zu irrigen Meinungen zu veranlassen, muß ich noch beifügen, baß diese beiden Ehrenmänner ja nicht als Typus der New-Uorker Moralität betrachtet werden dürfen, denn nirgends aus der Welt sind Glücksjäger seltener, nirgends ist in diesem kitzlichen Punkte die öffentliche Moral strenger als eben zu New-Vork. Ueberhaupt, da ich nun einmal für Amerikaner schreibe, möchte ich gleich hier bemerken, daß Alles, was sie von den Lastern aller Länder jenseits des atlantischen OceanS hören — die lautere Wahrheit; Alles dagegen, was geradezu oder verblümt von den Lastern dieses glücklichen Landes gesagt wird — eitel Berläumdung ist. Die vielen trefflichen Freunde, die ich mir seit meiner Ankunft in Amerika erworben, haben mein Herz für alle Ewigkeit an dieses Land gefesselt und so will ich denn in meinen tiefen, philosophischen Betrachtungen über das, was ich gesehen habe, mit dem festen Vertrauen fortfahren, daß man meiner Wahrhaftigkeit wie der Selbstständigkeit meiner Ansichten vollen Glauben schenken werde — Eigenschaften, die mir viel zu theuer sind, als daß ich sie in Zweifel ziehen lassen möchte.k Zurück also zu meiner Geschichte. — Ich wurde endlich Eudo- sien von einer Dame, in deren Hände ich übergegangen war, mit einem kalten, gemessenen Blicke zurückgegcben, der mich der Besitzerin eines solchen Artikels gegenüber nicht wenig befremdete. Es dauerte übrigens nicht lange, bis ich entdeckte, daß — um mich eines heimischen Ausdrucks zu bedienen — „etwas vorgefallen sehn mußte" und ich war nicht ganz ohne Neugierde, dieses „Etwas" zu erfahren. Offenbar war Eudvsia die Zielscheibe aller Blicke und der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs; doch konnte ich, so lange sie mich in der Hand hielt, bei aller Schärfe meines Gehörs von dem was gesprochen wurde, nichts verstehen. Das arme Mädchen meinte, ihr Taschentuch liefere das allgemeine Thema und darin war sie nicht weit von der Wahrheit entfernt, nur freilich in einer Weise von der sie keine Ahnung hatte. Endlich näherte sich uns Klara Caverlp, die viel zu wohlerzogen war, um in einer großen Gesellschaft ein Toilettestück von irgend Jemand zum Gegenstand des Gesprächs werden zu lassen — unter dem Vorwand, mich ihrer Mutter im Nebenzimmer zu zeigen, eigentlich aber bloS um mich den Andern aus dem Gesicht zu bringen. Als könne sie eS kaum erwarten, meiner los zu werden, warf sie mich auf ein So- pha, wo ich auf einem Häufchen meiner Mitschwestern landete, welche 108 während des Abends, indeß unsere schönen Herrinnen tanzten, zusammengebracht worden waren, um ihre Schönheit gegenseitig zu vergleichen. Da lagen wir denn — ein förmlicher Taschentuchcongreß — eine volle Stunde lang und plauderten auf unsere eigene Weise, indem wir die ganze Gesellschaft auf die Hechel nahmen. Warum wir auf diese Art vernachläßigt wurden, konnte ich erst am folgenden Tage herausbringcn, denn es war in der That etwas vorgefallen, was die Drei-, ja sogar die Zweizifferntücher in augenblicklichen Mißkredit brachte. Welcher Art dieser Vorfall war, soll seiner Zeit aus einander gesetzt werden. Was unsere Sophaconversation anbelangt, so drehte sie sich hauptsächlich um unsere rcspcctiven Marktpreise. Ich konnte bald entdecken, daß sich wegen meiner „drei Ziffern" eine ziemliche Portion Wind gegen mich angesammelt hatte, obgleich ich, offen gestanden, recht gut fühlte, daß ich eine armselige Figur spielte, vernachläßigt, wie ich hier, am ersten Abend meines Auftretens in der vornehmen Welt, in einem Winkel dalag. Von den verschiedenen Ansichten, welche bei dieser Gelegenheit — versteht sich im Wege magnetischer Wechselwirkung — ausgetauscht wurden, möge folgendes Gespräch ein Pröbchen geben: „Nun wahrhastig!" rief ein Fünfundzwanzigthalerstück, „dies ist der erste Ball, an dem ich nicht gut genug für einen Platz in der Quadrille war. Habt ihr nicht gesehen, wie die „Canaille" sämmtlich in den Händen ihrer Besitzerinnen ist, während wir, die „Elite" der Taschentücher, gleich Mänteln in einer Ecke liegen bleiben?" „Das muß freilich einen ganz besonderen Grund haben," gab ein Fünfundvierziger zur Antwort, „wiewohlDu diese beide» Winter hindurch auf eine Art fetirt worden bist, welche Deine Ansprüche wohl befriedigen sollte!" Eine spitzige Erwiederung des Fünfundzwanzigers hätte ohne Zweifel die ganze Sippschaft in Aufruhr gebracht, wäre nicht ein SechSundachtziger, der nach mir die höchsten Ansprüche auf Auto- 109 rität besaß, mit einer Bemerkung dazwischen getreten, welche dem Strome unserer Gedanken eine andere Richtung gab: „ES ist kein Geheimniß mehr," so lautete seine Rede, „daß wir für einen oder zwei Abende in Ungnade gefallen sind — ein Unglück, das wir einem Dreizifferntuche verdanken, das erst heute von einer Dame cingehandelt wurde, deren Vater drei Stunden, nachdem er die Note für den Modchändler gezeichnet, seine Zahlungen eingestellt hat. Ich hörte erst vor einer halben Stunde die ganze Geschichte und wie ihr seht, scheut sich Jedermann, in diesem Augenblicke mit einem aristokratischen Taschentuche aufzutreten. Aber seid nur getrost, meine Lieben! in ein paar Tagen ist Alles vergessen, und wir werden mehr als je wieder zu Ehren kommen — ihr wißt ja, in einer Woche ist in New-Vork Alles vergessen!" Und so war es in der That. Ein General Jackson hatte, wie ich später erfuhr, die Depositen removirt, — eine Maaßregel, deren Bedeutung ich nie so recht zu begreifen vermochte, welche aber jedenfalls das baare Gelb rar machte, besonders bei Denen, welche keines besaßen, so daß Alle, welche sich „ausgedehnt" halten, auf ihren Füßen zu wanken anfingen. Mr. Halfacrc befand sich zufällig auch in dieser mißlichen Lage und seine Versuche, sich statt zu erhalten, brachten ihn vollends zum Falle. Seine Energie hatte sich selbst überstürzt, dem Jongleur ähnlich, der, über seinen siebzehnhundert Burzelbäumen endlich den Hals bricht. Zwölftes Kapitel. Ein unerfreuliches Gerücht mitanzuhören, ist jeder Andere geneigter als der, welchen es unmittelbar berührt. So waren denn auch Eudosia und ihre Mutter die einzigen Personen auf MrS. TrolterS Ball, welche über das Vorgefalleue in völliger Unwissenheit blieben, denn wenn man auch die Neuigkeit allenthalben 110 flüstern hörte, so durste sich doch Niemand herausnehmen, die zunächst Bctheiligten davon in Kenntniß zu setzen. In einer Handelsstadt wie New-Vork konnte das Falliment eines vermeinten Millionärs nicht lange ein Geheimniß bleiben und Alles starrte auf Gattin, Tochter und auf mich, als hätten sie erstens niemals zuvor die Familie eines BankruttirerS gesehen und dann noch gar nie bemerkt, wie die vor ihnen Stehenden die Beweise ihrer Verschwendung zur Schau trugen. Doch die Krisis war nun einmal da und die Wahrheit ließ sich nicht lange verbergen. Eudosia mußte diesmal den Mantel umnehmen, mußte in den Wagen steigen, ohne von einem Einzigen der jungen Herrn unterstützt zu werden — seit dem Augenblicke, da ihr Vater durch seine Spekulationen emporgekommen war, ein für sie unerhörter Umstand, der auch mehr als Alles andere ihre Aufmerksamkeit erregte. „Was kann nur die Ursache seyn, Ma?—" so begann Eudosia alsbald ihre» Gefühlen Luft zu machen, sobald der Wagen abgefahren war — „daß Jedermann bei MrS. Trotter mich heute Abend so anstarrte? Meine Toilette war doch gewiß ebenso gut und anständig, als die jeder andern Dame im Saal und was vollends die Taschentücher betrifft, so konnte ich in mehr denn fünfzig Augen den Neid erkennen, als der Preis des meinigen bekannt wurde." „Das ist eS eben, mein Schatz — Neid, nichts als purer Neid! Kein Wunder, daß sie Dich anstarrten, denn eben aus Neid wirst Du die Leute immer am ärgsten gaffen sehen. Dach't' ich mir'S doch, das Taschentuch würde einen Aufruhr veranlassen: o, auch ich pflegte die Leute anznstarren, wenn ich auf Jemand neidisch war." „Aber sonderbar war es doch, daß Morgan Morleh mich nicht zum Tanz aufsorderte, da er doch weiß, wie gern ich tanze und er mir schon um eines so schönen Taschentuches willen heute Abend mehr als gewöhnliche Aufmerksamkeit hätte beweisen sollen?" MrS. Halfacrc gähnte und erklärte sich für müd und schläfrig, so 111 daß die Unterhaltung in'S Stocken gerieth, bis der Wagen die Thüre erreicht hatte. Mutter und Tochter waren nicht wenig überrascht, Mr. Hal- facre noch auf zu finden. Er ging mit großen Schritten und augenscheinlich in großer Verstörung beim Scheine eines einzigen Talglichts im Salon auf und ab. „Mein Gott!" rief seine Frau — „Du noch auf zu dieser Stunde! Was kann denn vorgefallen sehn? welches Unglück hat an unsere Thüre gepocht?" „Es ist nichts, als daß wir Bettler sind," erwiederte der Mann mit einem bitteren Lächeln, welches bewies, wie er selbst in diesem furchtbaren Augenblicke eine unmenschliche Freude darüber empfand, daß er die Andern eben so elend wie sich selbst machen konnte. „Ja, MrS. Henry Halfacre — ja, Miß Eudosia Halfacre, Sie stehen Beide am Bettelstab — ich hoffe, Sie werden diese Auskunft genügend finden." „Das heißt also, Du hast fallirt, Henry?" —Dieses Wort war in New-Dork zu wohl bekannt, um nicht sogar von Damen verstanden zu werden. „Laß mich das Schlimmste auf einmal hören — ist eS wahr, hast Du fallirt?" „Ja, es ist wahr — ich habe fallirt. Meine Noten find heute bis zu fünf und neunzig tausend Dollars protestirt worden, während ich nicht fünf und neunzig in der Bank habe. Morgen verfallen weitere drei und zwanzig tausend und mit Ablauf dieses Monats werden noch hundert und dreißig tausend Dollars mehr dazu kommen. Die verdammte Depofitengeschichte und dieser Tiger von Jackson find an Allem Schuld." Die Wahrheit zu sagen, die beiden Damen waren nicht wenig bestürzt. Sie weinten und einige Minuten lang herrschte tiefes Schweigen; aber die Neugierde trieb sie bald zu weiteren Fragen. „Dies ist ja entsetzlich, und mit einer so starken Familie!" hob die Mutter an. „Wenn aber der General an Allem Schuld ist, warum ließst Du ihn so viele Noten auf Deinen Namen ziehen?" „Nicht doch — -so ist eS nicht — ich habe selbst die Wechsel ausgestellt; aber er nahm die Depositen weg, sage ich Dir." „Sicht ihm ganz ähnlich, dem alten Schurken! Dir Deine Fonds wegzunehmen, da Du ihrer eben am Dringendsten bedurftest! Aber wie konnten die Beamten der Bank so etwas geschehen lassen? Sie hätten ja doch wissen sollen, daß Du all' dieß Geld zu bezahlen hattest und ohne Geld kann man doch seine Schulden nicht berichtigen. " »Sehr richtig, meine Liebe; ich kenne das nur zu gut aus Erfahrung. Das ist ja eben der Grund, warum ich fallire — ich habe eine Masse Schulden und kein Geld, sie zu tilgen." „Du hast ja aber Hunderte von Loosen — gib ihnen Loose, Henry, das wird Dich aus aller Verlegenheit reißen. Erinnere Dich nur, wie alle unsere Freunde uns um diese Loose beneideten." „Sie werden sie schon nehmen, die Loose — verlaß dich darauf," fuhr der Spekulant fort, „wenn ich nicht selbst Sorge trage, einen Riegel vorzuschieben. Gott sey Dank, ich bin noch kein erklärter Bankruttirer und kann noch immer meinen eigenen Kurator machen." „Das mein' ich auch — nicht ein Wörtchen würde ich davon sagen. Gib keine Deklaration, sondern laß sie Dein Falliment nur selbst, so gut sie können, ausfindig machen. — Warum auch den Leuten unser Mißgeschick veröffentlichen und uns von ihnen bemitleiden lassen? Nichts ist mir mehr verhaßt, als das Mitleid Anderer — besonders das meiner Freunde." „Nein, das wäre schrecklich," rief Eudvsia dazwischen. „UmS Himmelswillen, Pa, laß uns nur nicht zum Gegenstände des Erbarmens werden." „Wird wohl keine Noth damit haben," murmelte der Vater. „Wer gleich einer Rakete in zwei bis drei Jahren emporschicßt, wird wohl selten im Falle seines Unglücks viel Mitleid für sich gewinnen." 113 „Jedenfalls, Doste, ist es doch gar zu schlecht von dem alten General. Ich behaupte, es ist verfassungswidrig von einem Präsidenten, Deinem Vater seine Depositen wegzunehmen. Wäre ich an einer Stelle, Halfacre, ich würde eben ihnen zum Trotz nicht falliren. Du hast ja immer gesagt, ein Mann von Energie vermöge Alles in diesem Lande und ich selbst habe Mr. Munny sagen hören, er kenne keinen Mann von größerer Energie, als Dich." „Gerade diese Männer von Energie sind die rechten Leute zum Bankerottmachen," erwiederte der ruinirte Spekulant, indem er sich mit fast sardonischem Lächeln zu seiner Frau umwandte. „Aber wenn sie mir ungewöhnliche Energie im Schuldenmachen beige- meffen haben, so sollen sie auch finden, daß ich deren ebenso viel besitze, um mich wieder herauszuarbeiten. Wir müssen noch in dieser Woche unsere Wohnung verlassen, Mrs. Halfacre und all' dieses schöne Meublement muß versteigert werden. Meinen Charaker wenigstens werde ich aufrecht zu erhalten wissen." Diese Worte wurden mit erhobener Stimme und scharfer Betonung gesprochen. ^ „Wie, mein Schatz! Dazu ist aber doch gewiß kein Umzug nothwendig? Andere Leute falliren ja auch und behalten ihre Häuser, Meublen, Epuipagen und dergleichen. Warum willst Du uns als» unangenehmen Bemerkungen des Publikums aussetzen?" „Dies ist so wenig meine Absicht als die Deine. Wir müssen aber dieses Haus verlassen und die ganze Einrichtung unter den Hammer bringen, oder alle die Loose, weggeben, auf welche Du so vielen Werth legst." „O, wenn dies Haus und seine Einrichtung Deine Noten decken kann, so bin ich'S ja zufrieden, besonders wenn Du dann die Loose behalten darfst. Ich will darauf wetten, auch Doste wird ihr Tuch hergeben, wenn es zu etwas Helsen kann." „Bei St. Georg! ein kapitaler Einfall — ja, ja, morgen früh wird das Taschentuch zurückgeschickt: das wird ein Geschwätz Da« gestickte Taschentuch. 8 11L absetzen! Ich kaufte es ohnedies nur, weil Mminy eben bei mir war, von dem ich gern ein fünfzigtausend Dollars geliehen hätte, um dieser Krisis zu begegnen. Es ging nicht, aber das Taschentuch wird dafür Alles wieder in'S Reine bringen. Dieses Tuch, Dosie, kann dazu dienen, wenigstens hundert Loose zu decken!" Auf welche Weise ich gleich dem Zelte in Tausend und Einer Nacht solche Wunder bewirken sollte, blieb damals sowohl mir als den Frauen ein Räthsel. Gleichwohl übergab mich die reizende Eudosia mit einer freudigen Bereitwilligkeit, welche hinlänglich zeigte, daß sie keineswegs ohne gute Eigenschaften war — den Händen ihres Vaters. Ueberhaupt habe ich mich später überzeugt, daß beide Frauen eigentlich alle Vorzüge einer hingebenden Gattin, einer liebenden Tochter besaßen und daß ihre Thorheiten mehr Folgen einer schlechten oder — richtiger gesagt — gar keiner Erziehung, als Ausflüsse eines entarteten Herzens waren. Als es bei Mr. Hal- facre zur sogenannten Liquidation kam und ein Vergleich mit seinen Gläubigern geschloffen wurde, wodurch er sich mittelst klug berech- neter,Zahlnngen an vertrautere Kreditoren ein hübsches Kapitälchen von etlichen achtzig bis hunderttausend Thalern rettete, mußten sich Mutter und Tochter die liebsten Gegenstände ihres Eigenthums entreißen lassen, und zeigten dabei ein so edles Benehmen, daß die ganze Stadt von der Größe ihrer Opfer und der schönen Ergebung, mit der sie sich ihnen unterzogen — erfüllt war. Durch diesen sinnreichen Kunstgriff gelang es dem Bankruttirer, nicht nur sein Ansehn zu erhalten — was selbst in New-Vork unter solchen Verhältnissen keineswegs ungewöhnlich ist — sondern auch fast die Hälfte seines ,redlich erworbenen« Vermögens zu retten, während seine Gläubiger wie gewöhnlich die Zahlungen für ihn leisteten. Der Leser möge mir erlassen, noch länger bei diesem Gespräche zu verweilen, da meine eigenen Abenteuer mich ohnehin so bald in «Ine andere Sphäre einführen sollten. — Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, nahm Mr. Halfacre meine Wenigkeit in die Tasche und ging mit der Miene eines schwer gebeugten und bekümmerten, aber grundehrlichen Mannes die Straße hinab. An der Ladenthüre van Bobbinet und Comp, angckommen, trat er festen Schrittes ein und legte mich mit einer so sanften Bewegung auf den Ladentisch, daß selbst die Commis — im Allgemeinen sonst lauter Eisenherzen — davon zu reden wußten. „Unangenehme Vorfälle, über welche ich wohl nicht nöthig habe mich weiter auSzulaffen, bestimmen mich, Ihnen, meine Herrn, dieses Tuch zum Rückkauf anzubieten," so sprach er und hielt auf höchst ergreifende Weise die Hand vor die Augen. „Kauf ist zwar Kauf und nur mit dem größten Widerstreben entschließe ich mich, seine geheiligten Verbindlichkeiten zu stören; aber so lange ein einziger Mensch mit Recht behaupte» kann, ich schulde ihm auch nur einen Dollar, kann ich unmöglich zugeben, daß eines meiner Kinder einen solchen Luxusartikel zurückbehalte." „Welch' edle Gesinnungen!" rief Silky, welcher in einer Ecke des Ladens lungerte — „wundervolle Gesinnungen, ganz wie sie einem Manne von Ehre geziemen." Die Umgebung des Obristen schenkte dieser Ansicht ihren Beifall und Mr. Halfacre erhob sein Haupt wie ein Mann, der das Antlitz seiner Gläubiger nicht zu scheuen hat. „Ich kann Ihre Beweggründe nicht anders als billigen, Mr. Halfacre," entgegnete Bobbinet; „allein Sie kennen ja den Stand des Verkehrs und die hohen Miethpreise. Der fragliche Artikel ist ohne allen Zweifel schon in den Händen der seitherige» Besitzerin gesehen worden und kann nicht mehr für neu gelten; ohne einen bedeutenden Rabatt werden wir daher nicht im Stande sehn, auf Ihren Wunsch einzugehen." „Nennen Sie Ihre Bedingungen, Sir; so sic mir einen einzigen Dollar für meine Gläubiger lassen, werde ich mich immer noch glücklich schätzen." 116 „Sublime Gesinnungen/' wiederholte der Obrist — „wir müssen diesen Ehrenmann in den Congreß wählen." Nach einer kurzen Unterhandlung kam man dahin überein, daß Bobbinet und Comp, mich gegen fünfzig Dollars, die Mr. Hal- facre erhielt, wieder in ihre Schubladen aufnahmen. Am andern Morgen aber war in einem der beliebtesten und durch Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe und Talente ausgezeichnetsten Tageblätter Folgendes zu lesen: „Zur Nachahmung zu empfehlen. Ein angesehener Gentleman aus dieser Stadt, H— H—, Esq., mußte kürzlich in Folge des Raubes, welchen der kaltblütige Schurke, dessen Graukopf den Präsidentenpalast verunehrt, an der Bank der Vereinigten Staaten begangen hat, seine Zahlungen einstellen. Dieser Ehrenmann hielt alsbald sich für verbunden, einen Putzartikel, den seine liebenswürdige Tochter erst gestern gekauft hatte und welchem sie in jeder Beziehung Ehre machte, dem Verkäufer zurückzustellen, um mit dem Erlöse die Mittel zur Befriedigung seiner Gläubiger zu mehren» welche er eifrigst zusammenzubringen bemüht ist. Wir sind es der hochachtbaren Firma Bobbinet und Comp, schuldig, noch beizufügen, daß der Kaufpreis aus die erste Anregung mit der grüßten Liberalität wieder zurückgegeben ward, und können überhaupt nicht umhin, das erwähnte Haus unser» Lesern als eines der honettesten unserer Stadt (in welcher der Schreiber dieses Artikels beiläufig weder einen Fußbreit Boden, noch sonst etwas sein nennen konnte) zu empfehlen und sie auf sein wohlaffortirteS und umfassendes Lager in den elegantesten Artikeln aufmerksam zu machen." Im Manuskript stand noch nachträglich: „wir ergreifen diese Gelegenheit, um den HH. Bobbinet und Comp, für eine Probe von ausgezeichneten Handschuhe», welche sie uns zuzusenden die Güte hatten, unfern Dank zu sagen" — allein zum Glück hatte der Herausgeber Erfahrung und Takt genug, um diese Stelle zu durch- 117 streichen, da es doch unvorsichtig gewesen wäre, gerade in diesem Augenblick eine solche Thaisache bekannt werden zu lassen. Das Urtheil des VersafferS über jenes würdige Haus wirb aber der Amerikaner gehörig zu würdigen wissen, wenn er erfährt, daß es von einem jener Universalgenies herrührte, welche den in- spirirten Moralisten, den gründlichen Constitutionellen und den tiefen Kenner der Nationalökonomie in ihrer Person vereinigen und ihre Mitmenschen täglich belehren, wie man praktische Illustrationen zu den Geboten der Bibel liefern, wie man in jenen schwierigen Collisionsfällen, welche aus dem Gesellschafts-Vertrag entstehen, sich zu entscheiden, vor Allem aber, wie man sein Privatleben einzurichten habe, um nicht auch in die Untiefen zu gerathen, in welchen sie selbst stecken geblieben sind. Da manche meiner Leser Wohl einigen Antheil an dem Schicksale der armen Eudosia nehmen werden, so soll, bevor ich die Erzählung meiner eigenen Erlebnisse sortsetze, in aller Kürze berichtet werden, daß es ihr nicht halb so schlimm erging, als man Anfangs hätte vermuthen können. Mr. Halfacre begann seine Vergleiche unter den günstigsten Anspielen, wobei ihm der gute Ruf, der jener Taschentuch-Farce folgte, die besten Dienste leistete, da die Gläubiger um so eher in ihren Forderungen nachließen, wenn sie der Grausamkeit gedachten, mit welcher ein hübsches Mädchen eines so kostbaren Gegenstandes beraubt werden mußte. Lange bevor die Zurückweisung der Depositen aus dem Tagesgespräche verschwunden war, hatte Mr. Halfacre Alles zu seiner Zufriedenheit abgemacht. Die Loose waren ihm dabei von ganz besonderem Nutzen gewesen, indem nicht selten ein Einziges eine Schuld deckte, mit deren Betrag er ein halbes Dutzend angekauft hatte. Mitunter fand sich wohl auch ein Querkopf, der auf seinem Geld« bestand und von Verfolgung vor dem Kanzlei-Gericht sprach. Solche Leute erhielten ihre volle Bezahlung, denn vor Prozessen hatte der Spekulant eine entschiedene Abneigung. Mas die für mich erhaltenen fünfzig Dollars betrifft, so mußten sie für Ankauf der täglichen Bedürfnisse auf den Markt wandern, bis anderweitige Mittel aufgetrieben werden konnten. UebrigenS war diese Abweichung von der vorgegebenen Bestimmung dieser Summe mehr scheinbar als wirklich, denn der edle, aber unglückliche Mann mußte ja doch vor allen Dingen essen und trinken, um für seine Gläubiger thätig sein zu können. Kurz, Alles wurde auf's Befriedigendste beigelegt; Mr. Halfacre bezahlte hundert Cents*' vom Dollar und zwar in Loosen, so daß seine Bücher bald wieder im geordnetsten, erfreulichsten Zustande waren. „Nun, dem Himmel scy Dank! jetzt schulde ich Niemandem einen Heller mehr/' sprach der würdige Geschäftsmann zu seiner Ehehälfte an dem Tag, da Alles abgeschlossen war, „und bei der ganzen, verwickelten Rechnung mit so großen Summen hat sich bloS ein einziges, kleines Versehen eingeschlichen/' „Mein Gott, ich dachte, Alles wäre im Reinen/' rief die gute Frau voll Unruhe. „Gewiß ist es dieser unvernünftige John Downright der Dir noch zu schaffen macht/ „Pah! der ist völlig bezahlt. Erst bot ich ihm fünfundzwanzig Cenis vom Thaler, davon wollte er nichts hören; ich sprach dann von einem kleinen Jrrthum und berichtigte mein Gebot auf vierzig. Aber der Schuft nahm keine Vernunft an und ich mußte ihm endlich seine hundert geben. Nein, diesem Patron kann ich mit dem reinsten Gewissen ins Angesicht sehen." „Aber wer soll es denn sonst scyn?" „Niemand anders als Dein eigener Bruder MyerS, mein Schatz; wir hatten uns irgendwo in unseren Rechnungen um eine Kleinigkeit von 100,000 Dollars zu seinen Gunsten gestoßen. Ich bezahlte ihn in Ländereien; bei der nächsten Durchsicht fand sich aber, daß sich eine Ziffer zu viel eingeschlichen hatte und als der Ehren- * d. h. den vollen Betrag feiner Schulden, da der Dollar 100 Cents hat. D. U. * »Rechtschaffen-, »GeradauS- — zu deutsch. 119 mann, der er immer war, glich MyerS die Differenz auf der Stelle aus." „Und wer hat nun diese Summe anzusprechen?" „Wer sie auzusprechen hat? — Nun — wer anders als der rechtmäßige Eigenthümer." Dreizehntes Kapitel. Als ich meinen alten Platz bei Bobbinet und Comp, wieder eingenommen hatte, beschlich mich eine Ahnung, daß mir diesmal eine längere Gefangenschaft in den Schubladen dieser würdigen Firma bevorstehe» werde, weil doch durch das Debüt auf Frau Trotters Ball meine Jungfräulichkeit als Putzartikel etwas gelitten hatte. Allein ich hatte mich geirrt; schon der nächste Tag sollte mich abermals befreien und der mir gebührenden Stellung in der Gesellschaft zurückgeben. Gleich am ersten Morgen, da ich mich wieder im Schiebfache befand, ließ sich eine Frauenstimme vernehmen, welche nach „gestickten französischen Taschentüchern" fragte. Dies war mein Stichwort — ach, meine arme Adrienne! — und in einer halben Minute lag ich mit einigen und fünfzig Kameraden oder Kamerädinnen auf dem Ladentisch. Der Stimme hatte ich im ersten Augenblick angehört, daß sic keiner „Mama", sondern einem „lieben Kind" angehörte, das mir beim ersten Blick als ein recht hübsches Mädchen auffiel. Julie Monson war keine blendende Schönheit, wie meine letzte Herrin; allein in ihrem Wesen sprach sich viel mehr Feinheit und Gefühl aus. Doch hatte ihr Blick einen unruhige», weltlichen Ausdruck, welcher hinlänglich kund gab, wie sehr sie, im ungünstigsten Sinne des Wortes, „außer sich selber" lebte— ein Gesichts-Ausdruck, den ich übrigens an den meisten Personen wahrgeuommen habe, welche «in kostbares Taschentuch sür einen wesentlichen Bestandteil ihres LebensglückcS halten. Eine solche Außenseite ist in der That ein natürlicher Beweis, daß die Seele mehr an dem Schein, als an dem Wesen der Dinge hängt, und daß man sich in seinen Ansprüchen auf die Achtung Anderer nicht ausschließlich auf die höheren sittlichen Gefühle und Eigenschaften beschränken mag. Kurz — ein derartiges Spielzeug gibt immer ein Seitenstück zu dem schonen Gefieder des Pfaus ab, da es aus demselben Grunde zur Schau getragen wird, welcher diesen Vogel zur Entfaltung seines Federschmuckes veranlaßt. Miß Monson war in Gesellschaft einer andern jungen Dame gekommen, welche ungefähr in demselben Alter stand und in ihrer äußern Erscheinung, was Stand und Kleidung betrifft, jener überhaupt sehr ähnlich war, obgleich eine wesentliche Verschiedenheit in dem Charakter der Beiden auf den ersten Blick ins Auge fallen mußte. Diese Begleiterin, welche Mary genannt wurde und mit ihrem Familiennamen Warren hieß, hatte nichts von dem unruhigen Wesen ihrer Freundin und kümmerte sich offenbar weit weniger nm das Urtheil der Leute über ihr Thun und Lassen. Als die Taschentücher auf den Ladentisch ausgelegt wurden, griff Julia Monson hastig nach einem derselben, während uns Mary Warren sammt und sonders mit einem Blicke kalter Gleichgültigkeit, wenn nicht geradezu von Mißfallen, betrachtete. „Ach wie herrlich!" rief die Erstere, sobald sich der Commis entfernte, um für einen andern Kunden Handschuhe zu holen — „welch köstliche Stickerei! Mary, Du solltest eines davon nehmen, ich habe dann mehr Muth, ein zweites zu kaufen; ich weiß. Deine Mutter gab dir heute Morgen das Geld dazu." „Nicht dazu, liebe Julia! Meine Mutter denkt nicht entfernt daran, daß ich mir so etwas beigehcn ließe." „Und warum denn nicht? ein reiches Taschentuch ist ja guter Styl." 121 „Es dürfte sehr die Frage seyn, liebe Julia, ob das, was Du Styl nennst, für ein junges Frauenzimmer paffend ist; ein Taschentuch aber, das blos für den Prunk ist und nicht zum Gebrauch dient, kommt mir, offen gestanden, gemein vor." „In Sir Walter Scotts Sinne einmal nicht, meine Liebe," erwiederte Julia lachend, „wenigstens ist es nichts so ganz Gewöhnliches, denn nicht Jedermann ist im Stande, sich ein gesticktes französisches Tuch zu halten." „Sir Walter Scotts Definition des „Gemeinen" scheint mir noch sehr der Kritik zu unterliegen. Das Wort ist zwar ohne Zweifel von einem gewöhnlichen Sinn, einem gewöhnlichen Thun und Treiben hergenommen; allein heutzutage bezeichnet es mehr das Gemeine als Gegensatz von Feinheit und Bildung. Auch ist es ja baarer llnflnn, ein Ding deshalb, weil es gewöhnlich ist, für gut und anständig auszugeben. Nichts ist z. B. häufiger in der Welt, als eine Lüge und diese ist doch gewiß nichts LobenSwerthes." „Gut, gut, Mary, man kennt dich ja schon als Philosophin und ich hätte auf eine solche Antwort gefaßt seyn sollen. Aber ein Tuch will ich nun einmal haben und zwar das schönste, das ich nur finden kann." „Und das theuerste! Ja, ja, das wird eine sehr stattliche Garderobe werden mit Einem Taschentuch darin! Nimmt mich nur Wunder, daß Du nicht auch einen einzelnen Schuh kaufst." „Weil ich zwei Füße habe," erwiederte Julia etwas spitzig, obgleich sie gutmüthig dazu lachte, „aber still — der Commis kömmt und der braucht von unserem Streite nichts zu hören. — Bitte, Sir, zeigen Sie mir das schönste Tuch in Ihrem Laden." Der Jünger Merkurs zog mich unter dem Haufen hervor und legte mich mit feierlicher Miene vor Julia'S schwarze, glänzende Augen. „Hier, Ma'am, ist das feinste und ausgesuchteste, nicht nur was wir haben, sondern von Allem, was in ganz Amerika zu finden ist. Unser Compagnon, ,Mr. Silky*, hat es von seiner letzten Reise 122 aus Paris mitgebracht und behauptet, selbst dort sey seines Gleichen nicht zu finden."^ „ES ist in der That ausgezeichnet, Sir, das läßt sich nicht läugnen. Und der Preis?" „Wir müßten eigentlich aus Pflicht für uns selbst 120 Dollars für diesen Artikel fordern, Ma'am, inzwischen hat sich Mr. Bob- binet, glaub' ich, entschlossen, unseren stehenden Kunden nur hundert anzusctzen." Das klang doch gewiß großartig — da nur hundert zu fordern, wo man eigentlich vermöge einer Art moralischer Verpflichtung hun- dertundzwanzig fordern sollte! Und da Julia mit der Absicht gekommen war, eine Hundert-DollarS-Note wegzuwerfen, die ihr die Mutter am Morgen gegeben hatte, so war der Handel bald im Reinen. Ich ward sorgfältig in einen Papier-Umschlag gelegt, in Miß Monson's Muff gesteckt, und schied aus dem Bereiche des Obersten Silky, um nicht länger eine solche falsche Stellung einzunehmen. „Jetzt bist Du hoffentlich glücklich, Julia," bemerkte Mary Warren mit ihrer gewöhnlichen Ruhe, als die beiden Freundinnen in MrS. Monson's Wagen nebeneinander saßen. „Ich kann nur nicht begreifen, daß Du dieses non xlus ultra von Eleganz im ver- wichenen Sommer nicht selbst in Paris gekauft hast." „Mein Vater wollte damals nicht so viel ausgeben; wir brauchten ohnehin genug, wie Du Dir denken kannst, für Ausflüge, Sehenswürdigkeiten und Kuriositäten, und als ich Mama mein Anliegen merken ließ, meinte sie, wir müßten damit bis zum Einlauf der nächsten Halbjahrsrente warten. Aber offenherzig, Mary, cS ist doch Jemand zu Hause, vor dem ich mich schäme, meinen Einkauf sehen zu lassen." „Jst'S möglich? in Deinem Hause? Hättest Du bloS gesagt ,in der Stadt', so könnte ich Dich eher begreifen. Aber zu Haus« 123 — da Deine Aeltern nichts dagegen haben, so sehe ich in der Thai nicht ein, vor wem Du Dich sonst zu fürchten haben kannst." Bei den Worten „in der Stadt" war Julia erröthet, denn ihr oerrätherischeS Gefühl beschwor augenblicklich das Bild eines gewissen Betts Shoreham vor ihre Seele als diejenige Person, welche die Freundin im Auge gehabt hatte. Ich hatte gar keine Mühe hinter die ganze Sache zu kommen, da meine Station in dem Muffe nur etwa sechs Zoll von ihrem klopfenden Herzen entfernt war. „O, 's ist nicht das, was Du meinst oder wen Du vermuthest, Mary," war die Antwort meiner Herrin, „ich meine Mademoiselle Hennequin— ehrlich gestanden, ich fürchte den tadelnden Blick ihrer Augen." „Nun, dies ist in der That seltsam genug — daß Du Dich bei der Erzieherin Deiner Schwestern vor Vorwürfen scheuest, während Du die Deiner Mutter keineswegs fürchtest! Und was in aller Welt hat Mademoiselle Hennequin mit Dir zu schaffen? Deine Erziehung war ja vollendet und Du warst schon selbstständig, ehe ste in euer Haus kam? Es ist doch seltsam, daß eine Person, kaum älter als Du, welche ganz kürzlich erst in Paris angenommen wurde, solchen Einstuß über Dich gewonnen haben sollte, die Du nie ihre Schülerin gewesen bist." „Ich fürchte mich auch in den meisten Fällen nicht vor ihr," versetzte Julia, „nur in Sachen des Geschmacks, besonders wenn stchs um Luxusartikel handelt, kann ich eine gewisse Scheu vor ihr nicht unterdrücken." „Immerhin müßte ich mich in dieser Mademoiselle Hennequin gar sehr geirrt haben, wenn sie sich herausgenommen hätte, sich Dir gegenüber in so etwas zu mischen. Eine Gouvernante sollte ihre Aufsicht nie weiter ausdehnen, als ihr Amt es verlangt." „Aber dies thut ja auch Mademoiselle Hennequin gar nicht," 124 versetzte Zulia treuherzig. »Ich kann aber nicht anders, ich muß den Lehren zuhoren, die sie meinen Schwestern ertheilt, —und — nun, kurz und gut, ich scheue mich mit diesem Kaufe ihrem Blicke zu begegnen, der mir sagen wird: was helfe» alle meine guten Lehren über Takt und verständiges Betragen, wenn ihnen das Beispiel einer altern Schwester entgegenwirkt? — Sieh, das ist's, was ich fürchte.« Mary schwieg länger als eine Minute; dann lächelte sie neckisch, wie junge Mädchen thun, wenn ihnen gewisse Vorstellungen durch den Sinn gehen und nahm dann das Gespräch wieder auf: „llnd Betts Shoreham hätte mit all dieser Furcht nichts zu schaffen?" „Was kann Betts Shoreham mir oder was kann ich für Betts Shoreham scyn? Ich will doch hoffen, daß das zufällige Zusammentreffen auf dem Paquetboote, welches uns von Europa zurückbrachte und die Besuche, die er uns von jener Reisebekanntschaft her macht, ihm kein Recht auf. ein sogenanntes ,Veto^ in meinen Toilette-Angelegenheiten ertheilen sollen?" »Für jetzt freilich noch nicht, meine Liebe. Aber sie konnten ihm etwa einen Grund geben, sein Veto in petto zu halten." Ich glaubte einen Schatten über Julia Monson'S Züge hin- siiegen zu sehen, während sie ihrer Freundin in einem Tone, dem man sogleich anhörte, daß sie nicht mehr scherzte, und mit einem Takt, welcher hinlänglich bewies, daß sie einen ganz gesunden Verstand in ihrem Köpfchen und ein lebendiges Gefühl wahrer Weiblichkeit im Busen hatte — folgendermaßen antwortete: „Wenn ich auch durch meine europäische Reise keine andere Erfahrung gemacht hätte, so habe ich doch jedenfalls einsehen lernen, wie unüberlegt wir Mädchen in Amerika handeln, indem wir so offen von dergleichen Dingen reden. Die Jungfräulichkeit eines WeibeS ist wie der zarte Schmelz einer Blume, und sie muß noth- wendig darunter leiden, wenn man ihren Namen mit dem eines 125 Mannes zusammen nennt, es wäre denn der Name desjenigen, der ihr zum Gatten bestimmt ist." «Beste, theuerste Julia, ich will nie mehr von Mr. Shoreham sprechen, wie ich es auch nie geihan haben würde, wenn ich nicht gedacht hätte, daß seine Aufmerksamkeiten Dir ebenso angenehm als Deinen Eltern seyen. Auffallend genug sind sie einmal — so denke nicht ich allein, sondern auch andere Leute." «Ich weiß wohl, so scheint es der Welt," versetzte Julia mit gedämpftem, nachdenklichen Tone, «mir aber kommt es nicht so vor. Betts Shoreham ist ein angenehmer junger Mann, eine sehr paffende Parthie für unser Eins, und dieß ist der Grund, daß man ihm überall gleich ernstliche Absichten unterstellt." „Ernstliche Absichten! nnn wenn Mr. Shoreham Jemanden die handgreiflichsten Aufmerksamkeiten erweist, ohne solche Absichten zu haben, so ist er ein ganz anderer Mann, als für den ich ihn seither gehalten." «Nicht doch," erwiederte Julia mit noch viel sanfterer Stimme, so daß man leicht errathen konnte, wie sehr ihr Herz bei dem Gespräche betheiligt war, „die Gerechtigkeit verlangt für Belts Shoreham das Zeugniß, daß seine Aufmerksamkeiten nicht ausschließlich mir galten. Man wirft uns Mädchen ArguSaugen im Entdecken solcher Dinge vor, und ich bin nicht blinder als die übrigen meines Geschlechts. Von guter Familie ünd nicht ohne Vermögen, wie sollte er nicht in den meisten Häusern der Stadt gerne gesehen seyn, zumal er ein Mann von gefälligem Aeußern und durchaus liebenswürdigem Benehmen ist? Er traf uns auf der Reise, so ist eS also natürlich, daß er eine Bekanntschaft unterhält, an welche sich angenehme Erinnerungen knüpfen. Du darfst nicht vergessen, Mary — ehe wir ihn beschuldigen, daß er sein Spiel mit mir treibe, muß er sich doch überhaupt mit mir beschäftigen. Mir scheint es, er sey weit aufmerksamer gegen meine Mutter, meinen Vater, ja selbst gegen meine beiden kleinen Schwestern, als gegen mich. Selbst Mademoiselle 126 Hennequin steht eben so wohl, wenn nicht in höherem Grade, in seiner Gunst, als ich mich dessen rühmen kann." Mary Warren fing an von etwas anderem zu reden, sobald sie sah, wie ernst ihre Freundin geworden war, und bald darauf wurden wir an Mr. Monson'S Thüre abgesctzt, wo die beiden Freundinnen schieden, indem Mary Warren lieber zu Fuße nach Hause ging, während Julia und meine Wenigkeit zusammen eintraten. „Nun Mutter," rief Julia, als sie MrS. Monson'S Zimmer erreichte — „ich habe das reizendste Ding gefunden, das Du nur jemals gesehen hast, und habe es auch sogleich gekauft. Hier ist cs — nun, was sagst Du zu meiner Wahl?" MrS. Monson war eine gutherzige, heitere, nachsichtige Mutter; sie hatte ihrem ohnehin schon reichen Manne ein hübsches Vermögen zugebracht, war all' ihr Lebenlang an einen uneingeschränkten Gebrauch des Geldes, namentlich ihres eigenen, gewöhnt, (denn Amerika ist ein Land, wo gar Manche das Vermögen von Anderen mit ungemeiner Freigebigkeit rechts und links hinaus werfen) und als daher ihre älteste Tochter den Wunsch aussprach, ein ausgesuchtes Stück unseres Geschlechtes zu besitzen, so gab sie ihre Einwilligung schon einzig und allein deßhalb, weil sie ihrem Kinde eine unschuldige Freude nicht abschlagen mochte. Gleichwohl wußte sie recht wohl, daß Klugheit eine Tugend sey und daß Julia schon manchmal ihr Geld, das sie weit besser hätte verwenden können, recht unnütz hinaus geworfen hatte. „Es ist in der That ein sehr schönes Tuch," bemerkte die Mutter mit einer Art Kennermiene, nachdem sie mich sorgfältig betrachtet—„ein wundervolles Tuch, und doch möchte ich beinahe wünschen, Du hättest es nicht gekauft, mein Kind. Hundert Dollars für ein Taschentuch klingt gar zu fürstlich für schlichte Leute wie wir, die in Nuß-Schaalen-Häuschen von fünf und zwanzig Fuß Front und sechs und fünfzig Tiefe wohnen. Das Schmuckkästchen einer 127 jungen Dame, die solche Taschentücher führt, müßte, um nur einigermaßen in einem Verhältnisse zu stehen, in die Tausende hinein kosten." „Aber ich habe ja nur ein einziges, liebe Mutter! und so können wir für meinen Schmuck bei den Hunderten stehen bleiben." „Ein Taschentuch klingt dafür auch gar armselig, mein Kind. Hat man ja doch kaum an Einem Hut genug." „Gerade so sprach Mary Warren. Aber Du brauchtest ja nur ein einzig Wort zu sagen, wenn Du diesen Einkauf nicht gerne sahst — gewiß wäre Dein Wunsch mir Gesetz gewesen. „Ich weiß es, Herz, und fürchte gerade, Dein musterhaftes Betragen ist es, was mich in diesem Falle fahrlässig machte. Du weißt eS ja, Dein Glück, Deine Interessen find immer mein höchstes Ziel, nur scheinen sie manchmal in Konflikt mit einander zu gerathen. Welcher junge Mann wird zum Beispiel seine Gattin unter Mädchen wählen wollen, welche solche Summen für ihre Taschentücher ausgeben ?" MrS. Monson begleitete die letzten Worte mit einem Lächeln, in welchem sich, wie in dem Ton ihrer Stimme, ein so inniges mütterliches Gefühl aussprach, daß Julia sich unwillkürlich davon ergriffen fühlte. „Ich fürchte fast, beste Mutter," entgegnete sie erröthend, wiewohl sie mächtig mit sich kämpfte, um unbefangen zu erscheinen, „Du denkst wieder an Betts Shoreham. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber Du und Mary Warren — ihr scheint bei jedem Anlaß sogleich an Mr. Shoreham zn denken." Die Mutter lächelte abermals, und die Antwort, welche sie ihrer Tochter gab, war keineswegs vollkommen aufrichtig: „Der Name Shoreham kam nicht über meine Lippen; Du hattest also auch keinen Grund zu vermuthen, daß ich an ihn dachte. UebrigenS glaube ich schwerlich, daß Du oder irgend ein anderes Mädchen durch den Besitz eines so kostbaren Putzartikels in seinen Augen sonderlich gewinnen würde. Er ist zwar vermöglich, aber 128 auch sehr klug und gemäßigt in seinen Lcbensansichten und Gewohnheiten. " „Betts Shoreham wurde, wie sein Vater vor ihm, reich geboren ," erwiederte Julia in festem Tone, „und solche Leute wissen zwischen den Trivialitäten des gemeinen Haushalts und den Bedürfnissen des feineren Lebens, wie sie Leute von höherer Bildung ansprcchen, recht wohl zu unterscheiden." „Gewiß wird Niemand, sowohl in der Oeconomie als in andern Verhältnissen jede Trivialität schneller erkennen — über wahren Geschmack, wie über ächte Moral feiner urtheilen, als der junge Shoreham ; allein es gibt Dinge, mein Kind, welche man sich in keiner Stellung erlauben darf." „Aber, liebe Mutter, wir sind auf dem besten Wege, aus einer Mücke einen Elephantcn zu machen. Es ist ja nur ein Taschentuch!" „Ganz recht, meine Liebe — und kostet nur hundert Dollars! Lassen wir also die Sache ruhen, liebe Julie, bien entenäu, daß Du Dir nicht sechs Dutzende zu demselben Preis anschaffen wirst." Damit war das Gespräch zu Ende und Julia zog sich mit mir auf ihr Zimmer zurück. Ich wurde auf's Bett geworfen und bald darauf öffnete meine Herrin die Thüre eines anstoßenden Gemaches, in welchem ihre jüngeren Schwestern mit Lernen beschäftigt waren, und rief diese herein. Ich will mich nicht damit aufhalten, die Bewunderung und das kindliche Entzücken zu schildern, in welches diese beiden niedlichen Geschöpfe, denen ich hier gewissermaßen vorgeführt wurde, bei meinem Anblick ausbrachen. Es geschieht keineswegs aus Schwäche, wenn ich so von mir selber spreche, — denn Eitelkeit ist ein Fehler, von welchem wir Taschentücher frei sind — sondern lediglich, weil ich mich gedrungen fühle, nichts als die reine Wahrheit zu berichten. Julia besaß zu viele Ueberlegung, um ihre Schwestern in das Geheimniß des Preises einzuweihen — denn das hieß sie ja nur allzu frühzeitig zu übertriebenen Ausgaben anleiten; nachdem die Kleinen 129 ihre Neugierde sattsam befriedigt hatten, nahm sie beiden das Versprechen ab, ihrer Erzieherin nichts von mir zu sagen. „Aber warum denn nicht, liebe Julia?" fragte die neugierige kleine Johanna. „Mademoiselle Hennequin ist ja so gut und so freundlich, daß sie gewiß die größte Freude an Deinem glücklichen Kaufe haben würde." Julia hatte wohl ein unbestimmtes Bewußtseyn von ihrem Beweggrund, konnte ihn aber nicht einmal sich selbst, geschweige denn Andern eingestehen. „Eifersucht" wäre zu hart, vielleicht zu unzart dafür; aber sie allein hatte die Bewunderung bemerkt, welche der Erzieherin von Shoreham gezollt wurde und es war ihr peinlich, einer Person, welche zu ihrer eigenen Schwäche für den jungen Mann in solchem Verhältnisse stand — eine Thorheit bekannt werden zu lassen, zu der sie in ihrem Innern gleich Anfangs nur halb und halb gewilligt hatte und die sie bereits mehr als zur Hälfte bereute. Dieß waren die Gründe, aus welchen sie von Beginn an beschlossen hatte, daß Mademoiselle Hennequin mich niemals zu Gesicht bekommen sollte. Vierzehntes Kapitel. Dch komme nunmehr zu einer Aeußerung meiner mesmerischen Kräfte — immer als Taschentuch gesprochen — worüber alle diejenigen höchlich erstaunen werden, welche sich nie mit der modernen Theorie der imponderabeln Fluida bekannt gemacht haben. Sie find es eben, welche mich in den Stand setzen, gar Vieles von dem, was unter Einem Dache mit mir vorfällt, wahrzunehmen, ohne er geradezu vor Angen gehabt zu haben. Manches entgeht mir freilich auch, denn selbst ein Taschentuch kann nicht Alles sehen oder hören, aber immerhin beobachte ich so viel, um ein ziemlich treues und deutliches Bild des Thuns und Treibens in meiner Nähe entwerfen zu können, namentlich, wenn ich mich zufällig zwischen steinernen Wän- Das gestickte Taschentuch. 9 130 den befinde. In hölzernen Gebäuden fühle ich »äuilich eine bedeutende Schwächung meiner Kräfte — ohne Zweifel weil die leitenden Fluida durch die Poren des Holzes entweichen. Eines Abends also zur gewohnten Stunde, während ich selbst wohlgeborgen unter verschiedenen anderen Wesen meiner Art — nur leider nicht von meiner Familie! —in einer duftenden bequemen Schublade lag, waren die Insassen des Hauses im vorderen Wohnzimmer um den Theetisch versammelt. Zugegen waren Herr und Madame Monson mit ihrem einzigen Sohne John Monson und ihren drei Töchtern, dann die Erzieherin und Betts Shoreham, welcher sich so eben mit der letzten Neuigkeit auf den Lippen bei den Damen präsentirt hatte. „Ich wünsche von Herzen, daß unter diesen weitgreifenden, sogenannten Verbesserungen in Thorhcitcn und Flitterkram auch nur ein kleiner Fortschritt auf dem Wege wahrer Verfeinerung und achter Eleganz zu entdecken wäre," rief Mr. Monson und schleuderte eines der Abendblätter mit einer Verdrießlichkeit von sich, welche sein Mißvergnügen sehr deutlich zu erkennen gab. „Wir streichen hier in Amerika beständig unser „Fortschreiten" heraus und find am Ende nicht einmal sicher, ob wir nicht ein gut Theil unseres Wegs zurückmeffen müssen, um das, was wir ausgebaut haben, wieder abzutragcn. Hier liefert z. B. das Haus Bobbinet ein Pröbchen, wie schön wir mit TollhLuslereien im Zuge find, indem es Taschentücher zu fünfundsiebenzig Dollars ankündigt." „Per Dutzend oder per Groß?" fragte rasch Betts Shoreham. „Was Dutzend! einzeln sage ich, jedes Tuch funfundfiebenzig Dollars!" „I, das muß ein Jrrthum sein, Sir! Wo wäre, selbst in diesem Lande kopfloser Verschwendung, ein Käufer zu einem solchen Preise zu finden? So etwas kann man etwa bei einer Prinzessin von einem Einkommen von Hunderttausenden, sonst aber wohl bei Niemand für möglich halten. Und dann — wozu läßt sich denn so ein Ding nur gebrauchen?" 131 „O," rief John Monson, „um die Schaamröthe der Einfältigen zu verdecken, welche ihr Geld auf eine solche Weise wegwerfen konnte. Es ist nicht länger als diesen Nachmittag her, daß ich eine saubere Geschichte von Einem, Namens Halbacker, hörte, welcher gestern fallirte und dessen Tochter an demselben Tage sogar noch ein theurereS Tuch gekauft hatte." „Dann darf man sich freilich über seinen Bankerutt nicht wundern," warf Betts Shoreham ein. „Was meine Wenigkeit betrifft, so glaube ich, daß ich —" „Nun, was glauben Sic, Mr. Shoreham?" fragte MrS. Monson lächelnd; sie sah nämlich, daß Julia zu tief beschämt war, um sprechen zu können und glaubte, von dem Tadel, der im Stillen die Verschwendungssucht ihrer eigenen Tochter verdammte, mehr als die Hälfte auf ihre eigenen Schultern nehmen zu müssen. „Mir däucht. Sie wollten uns eben mit irgend einem großherzigen Entschlüsse bekannt machen." „Ich war im Begriff, mit einer Ungezogenheit herauszuplatzen, Madame, als mir gerade noch zu rechter Zeit einfiel, daß die Be< theurungen junger Leute, was sie Alles zur Reformirung der Welt unternehmen würden, für Andere nicht halb so viel Interesse haben, als für sie selbst, und so will ich Sie mit-dieser Pönitenz verschonen. — Was meinen Sie dazu, Mademoiselle Henneguin, wären nicht fünf und siebenzig Dollars selbst in Paris ein hoher Preis für eine solche Spielerei?" Die Antwort wurde in gebrochenem Englisch gegeben, ein Umstand, welcher die weichen, vollen Töne der Sprechenden für das Ohr äußerst angenehm machte und ihren Worten zugleich den Reiz des Piquanten verlieh. — Ich konnte zwar von meiner Schublade aus das Antlitz des jedesmaligen Sprechers nicht unterscheiden, stellte mir aber Mr. Shoreham als einen hübschen Jungen, die Gouvernante als blaß und ein bischen häßlich, aber dabei mit ganz einnehmenden Manieren, Julchen dagegen mit einer Miene vor, in 132 welcher sich ihre peinliche Verlegenheit sowohl als der Entschluß abmaltc, im Nothfalle gleichwohl ihren Kauf zu verfechten. „Fünf und fiebenzig Dollars, mein Herr," erwicderte Mademoiselle Hennequin, „klingen freilich wie ein sehr hoher Preis, aber unsere Pariserinnen sparen nicht mit ihrem Golde, wenn eS eine Verschönerung ihrer Person gilt." „Nun ja," fiel John Monson ein, „aber bei ihnen ist auch Alles auf diesem Fuße eingerichtet. Nun will ich aber wetten, daß diese Mrs. Hundertacker oder Halbacker, oder wie sie sonst heißt, ihr Hauswesen selbst besorgte, daß sie keine Haushälterin hielt, sonder» selbst um Mehl und Butter feilschte und ihr halbes Leben in Keller und Küche zubrachte. Und eine solche Frau giebt ihrer Tochter ein Hundert-DollarS-Taschentuch!" Nun war aber Mrs. Monson nicht blos die Großmagd in ihrem Hause, sondern hielt sich eine Haushälterin — und Julchen fühlte sich bedeutend erleichtert in dem Bewußtseyn, daß wenigstens dieses Argument in der Philippika ihres Bruders auf ihren Fall keine Anwendung fand. „Ei, John," rief hier sein Vater, „das ist ein seltsamer Grund, mit dem Du da gegen die Verschwendungssucht zu Felde ziehst — weil die gute Frau in den meisten Dingen sparsam ist, so soll sie in anderen nicht auch ein Bischen drauf gehen lassen dürfen? Was sagen Sie zu dieser Logik, Mr. Shoreham?" „Die Wahrheit zu sagen, Sir, ich bin mit Monson so ziemlich einer Meinung. Wer sich ein System häuslicher Verfeinerung zusammensetzen will, muß doch wohl eben so gut wie beim Aufbau eines Hauses mit dem Fundamente ansangen. Nun hat aber in Allem, was sich auf Geschmack bezieht, die Schicklichkeit jedenfalls auch ein Wörtchen mttzureden und da ein gesticktes und mit Spitzen besetztes Taschentuch doch nur für den Schein da ist, so muß auch der ganze sonstige Aufzug damit übereinstimmen. Mit Erlaubniß der Damen möchte ich aber behaupten, daß ich bis jetzt in Amerika noch keine so kostbare Toilette gesehen habe, welche ein Behängsel, 133 wie das von Monson erwähnte, rechtfertigte und ich meine, ein Taschentuch sollte jedenfalls nicht mehr kosten, als der ganze übrige Anzug znsammengenommen." „Es läßt sich nicht läugnen, Mr. Shorehain," fiel Julie in lebhaftem, wenn nicht gereiztem Tone ein, „daß sich unsere Frauen nicht so kleiden, wie die Damen von Stand in Europa; gleichwohl wüßte ich nicht, daß wir in der äußeren Erscheinung so weit hinter ihnen zurück wären." „Weit entfernt, meine theure Miß Monson — im Gegentheil bin ich gewiß der Letzte, der seinen schönen Landsmänninnen, welche im Aeußeren keinem Weibe der Weit nachstehen, Unrecht thun möchte, denn wenn fie sich nicht eben so reich wie Andere kleiden, so geschieht dies blos, weil fie's nicht nöthig haben. Mademoiselle Hennequin hat gewiß keinen Grund, Vergleichungen abzulehnen — und — doch —" „Allerdings —" nahm die Gouvernante das Wort, als fie sah, daß der junge Mann stockte, „allerdings bin ich nicht so blind oder vorurtheilSvoll, um bestreiten zu wollen, daß die amerikanischen Damen sehr hübsch — ja manche sogar noch hübscher als meine Landsmänninnen find. — Es wäre thöricht, dies läugnen zu wollen, wie denn auch England und Italien in dieser Hinficht der Vortritt vor Frankreich gebührt." „Das nenne ich sehr liberal verfahren, Mademoiselle Hennequin, liberaler sogar, als man von Ihnen verlangen mochte," bemerkte MrS. Monson im liebreichsten Tone und ohne Zweifel mit dem wohlwollendsten Lächeln, obwohl ich Letzteres nicht gewahren konnte. — „Einige der glänzendsten Schönheiten, die ich jemals gesehen habe, ja vielleicht die brillantesten von Allen, waren Französinnen." „Auch das mag wahr sehn, Madame, nur ist es, glaub' ich, nicht die Regel. Im Allgemeinen kommen mir Engländerinnen und Amerikanerinnen — beide viel hübscher vor als die Frauen meiner Heimath." 134 Man kann sich kaum etwas Rührenderes denken, als den sanften, edlen Ausdruck der Stimme, welche dieses große Zuge- ständniß machte, das im Munde einer Frau ohnedies schon gewichtig genug, in diesem Falle aber, meiner Ansicht nach, noch besonders großherzig erschien, weil die Erzieherin selbst nicht auffallend hübsch war. Ich hatte sie zwar noch nicht gesehen, glaubte aber vermöge meines magnetischen Instinkts aus etwas der Art schließen zn dürfen. „Was werden die jungen Herrn wohl dazu sagen?" fragte Mr. Monson lachend. „Dies ist eine Frage, die nicht bloS durch Damen, jung oder alt, abgemacht werden darf." „Betts Shoreham hat sein Glaubensbekenntniß im Wesentlichen schon abgelegt und nun verlange ich das Recht, auch meine Meinung zu äußern," rief John Monson. „Ich gedenke meine Landsmänninnen so wenig als Betts hintanzusetzen; doch protestire ich gegen die Lehre, als ob sie im Besitze aller Schönheit wären. Beim Jupiter! ich habe zu Rom in einem einzigen Opcrnhause mehr schöne Frauen gesehen, als ich ihrer je an irgend einem andern Orte der Welt beisammen fand." „Dies gehört übrigens nicht zur Sache," bemerkte MrS. Monson, „Taschentücher und Haushälterinnen, nicht aber schöne Frauen sind unsere Thema's. — Mademoiselle Henncquin, als Französin nehmen Sie gewiß noch mehr Zucker zu ihrem Thee?" Hier nahm die Unterhaltung eine andere Wendung und man ging nun zur Besprechung der TageSncuigkciten über. Ich konnte von dem, was gesprochen wurde, kaum die Hälfte verstehen, da meine Lage in einer geschloffenen Schublade auf einem anderen Boden ohnehin nicht die günstigste war, und ich noch obendrein nur einen Fuß breit von sechs Dutzend schnatternden französischen Handschuhen entfernt lag. Indessen war doch deutlich genug zu bemerken, daß Mademoiselle Hennequin, obwohl nur Erzieherin, gleichwohl der Lieb- 135 ling in der Familie und — wie ich wohl beifügen darf — auch außerhalb derselben war, da doch Betts Shoreham in keiner Beziehung zu den Verwandten des HauseS Monson gehörte. Noch mehr — ich glaubte sogar in Betreff der jungen Leute Spuren von sich kreuzenden Planen entdeckt zu haben; doch bin ich der Meinung, daß auch ein Taschentuch den allgemeinen Gesetzen in Betreff der Geheimnisse, wie sie unter allen Leuten von Bildung anerkannt werden, sich unterwerfen muß. Wollte ich trotzdem, daß ich nicht einmal Augenzeuge dabei war, gleichwohl fortfahren, Alles, was wirklich oder in meiner Einbildung wenigstens vorfiel, zu erzählen, so würde ich mich ja zu der Rolle jener Tagblätter herabwürdigen, welche in ihren Spalten einen Markt von Privatklatschereien halten und dabei, wie die meisten Kleinhändler in solchen Artikeln, ihre Maare nicht einmal unverfälscht geben. Meine Herrin bekam ich eine ganze Woche lang nicht mehr zu Gesicht. Fast möchte ich glauben, daß sie beschlossen hatte, mich nie wieder bei sich zu führen: allein in Betreff der Toilette sind weibliche Entschlüsse nie so ganz unbeugsamer Natur. Da war zu New-Uork eine gewisse MrS. Lcamington. welche um diese Zeit einen großen Ball gab, und da sie zu derselben Klaffe der Gesellschaft wie die Monson'S gehörte, so wurde die Familie natürlich auch eingeladen. Mich bei einer solchen Veranlassung im Hintergründe zu lassen, wäre übermenschliche Selbstverläugnung gewesen und nachdem sich Julia durch ein offenherziges Geständniß ihrer Thorheit gegen ihren höchst nachsichtigen Vater und ihren ebenso unbarmherzigen Bruder den Weg erst angebahnt hatte, faßte sie den helden- müthigen Entschluß, mich wirklich in die Welt einzuführen, wie auch die Wirkung dieses Schrittes auf Betts Shoreham auSfallen mochte. Da Letzterer keine weibliche Bekannten besaß, an welche er sich bereits versagt hätte, so wurde er aufgefordert, sich an Monson'S anzuschlicßen — ein Schritt, der durch ihr seitheriges vertrauliches Verhältniß hinlänglich gerechtfertigt wurde. 136 Nie hatte Julia reizender auSgesehen, als an diesem Abender die Vorahnung des Vergnügens, dem sie entgcgenging, übergoß ihre Züge mit bezauberndem Lächeln. Als sic mit ihrer Toilette fertig war, nahm sie mich aus dem Schiebfach, ließ einen einzigen Tropfen Lavendel in meinen Busen fallen und trippelte die Treppe hinab in's Wohnzimmer, wo Betts Shoreham und Mademoiselle Henne- quin beisammen und zwar, außerordentlicher Weise — allein beisammen waren. ^ Ich sage — außerordentlicher Weise, weil die Erzieherin gar selten dazu kam. Jemand unter vier Augen zu sehen und weil ihr als einer unverheiralheten Dame von guter Erziehung die französische Sitte eine tete-ä-tete mit dem anderen Geschlecht verbot. Nun hatte meine Gebieterin wahre Luchsaugen für Alles, was Betts Shoreham und die Gouvernante betraf — ein einziger Blick sagte ihr, daß die Unterhaltung ungewöhnlich anziehend gewesen seyn mußte, denn auch ich konnte bemerken, wie das Gesicht der Gouvernante eine verrätherische Röthe zeigte, ja bei einer Anderen als einer Erzieherin hätte man kecklich behaupten dürfen, es sey in Purpur getaucht. Julien überschlich ein peinliches Unbehagen, denn sie fühlte, daß sie überflüssig war; kaum hatte sie sich daher mit einer unzusammenhängenden Entschuldigung im Sopha niedergelassen, als das arme Mädchen wieder aufstand, das Zimmer verließ und die Treppe hinaufrannte, indem sie mich, ohne es zu wisse», auf dem Sopha liegen ließ, den sie so Plötzlich verlassen hatte. Betts Shoreham schien über diesen Vorfall keineswegs bestürzt, aber Mademoiselle Hennequin änderte plötzlich den Platz, den sie — so zu sagen in approximativer Nähe — des jungen Mannes inne gehabt und kam durch dieses Manöver dicht neben mich zu sitzen. Welcher Art nun auch der Gegenstand des Gesprächs zwischen den beiden jungen Leutchen gewesen seyn mochte, denn, schön oder nicht schön, so war Mademoiselle Hennequin noch eben so jugendlich 137 wie meine Herrin — die Unterredung wurde jedenfalls in meiner Gegenwart nicht fortgesetzt: die junge Dame heftete im Gegentheil ihre Blicke auf mich, statt auf ihren Gesellschafter, nahm mich dann in die Hand und begann mich einer genauen Untersuchung zu unterwerfe». „Das ist ein wunderschönes Taschentuch, Mademoiselle Hcnne- quin," hob Betts Shoreham an, indem er diese Bemerkung als Vorwand benützte, um der jungen Dame auf das Sopha zu folgen — „hätten wir neulich von seinem Daseyn gewußt, wir wären wohl in unseren Aeußerungen über derlei Luxusartikel zurückhaltender gewesen." Keine Antwort. — Die Gouvernante sah starr auf mich nieder und Thränc» begannen ihr über die Wange zu rollen, so sehr sie sich augenscheinlich anstrengtc, sie zurückznhalten. Ueber ihre Schwäche beschämt, versuchte sie diese Thränen wegzulächeln und sich zu einer heitern Miene zu zwingen. „Wag kann nur an diesem Tuche sepn, theure Mademoiselle Hennequin," fragte Betts Shoreham, welcher die höchst verfäng? liehe Gewohnheit hatte, junge Damen, sobald er nur einigermaßen auf vertrautem Fuße mit ihnen stand, mit diesem zärtlichen Epitheton anzureden -— eine Gewohnheit, welche nicht selten beträchtliche Jrrthümer über den Grad seiner Theilnahme für diese oder jene seiner weiblichen Bekannten veranlaßte — „was in aller Welt kann an diesem Tuche seyn, daß eine Person von solchem Geist und Herzen dadurch zu Thränen gerührt wird?" „Mein Herz und Geist sind vielleicht nicht so fehlerfrei, als Ihre Güte, Mr. Shoreham, sie erscheinen lassen möchte. Man sagt, bei Toilette-Angelegenheiten sey der Neid ein sehr natürliches Gefühl in der weiblichen Brust — und gewiß besitze ich kein so schönes Tuch wie dieses. — Verzeihen Sie, Mr. Shoreham, wenn ich so unhöflich bin, Sie allein zu lassen — ich kann mich nicht länger beherrschen-" Unfähig, ein Wort weiter hervorzubringen, verließ Mademoi- 138 selle Hennequin das Zimmer mit einem Ungestüm in ihrem ganzen Wesen, wie ich es bei jungen Frauenzimmern ihrer Nation öfter zu beobachten Gelegenheit hatte. Natürlich blieb ich auf diese Art mit Mr. Shoreham allein. Ich will dem Leser nichts verhehlen, was er zum Verständnisse dieses Verhältnisses wissen muß. Unerachtet ihrer abhängigen Lage und trotz seiner eigenen, weit glänzenderen Umstände liebte Shoreham die Gouvernante und diese liebte den Jüngling. — Dies entdeckte ich zwar erst in der Folge, obwohl ich es von diesem Augenblicke an zu vermuthcn begann. Keines wußte übrigens um die Gefühle des Anderen, sondern jedes hoffte, wie es das Wesen einer jugendlichen und schuldlosen Neigung mit sich bringt, und zitterte wieder bei dieser Hoffnung. Auch diesen Abend hatten sie sich nicht deutlich ausgesprochen; dagegen hatte man sich im Wege der Sympathie und des Gefühls viel, sehr viel gesagt und hätte sich ohne Julia'S störende Dazwischenkunft ohne Zweifel Alles gesagt. Fünfzehntes Kapitel. Es gibt im Leben des Mannes Augenblicke, wo er in Betreff der Vollkommenheiten der Dame seines Herzens empfindlicher ist als sonst, und am meisten ist er es gerade dann, wenn er ihre Macht am rückhaltlosesten empfindet. Mit argwöhnischen Blicken späht er nach jedem Schatten eines Fehlers und ist doch so gar nicht geneigt, noch fähig, einen Flecken zu gewahren. Betts Shoreham fühlte ein unbehagliches Bangen — ja, so weit steigerte sich diese Empfindung — denn in wenig Augenblicken hätte er Mademoiselle Hennequin seine Hand angeboten und in solchem Moment einen Rückstoß mit Gleichmuth aufzunehmen, wird Keiner vermögen — also er fühlte ein unbehagliches Bangen bei dem Gedanken, daß seine Geliebte sich von einem, ihrer so ganz 139 unwürdigen Gefühle, wie dem des Neides, in solchem Grade beherrschen lassen könne. Er hatte mehrere Jahre im Auslande zugebracht, war mit der gewöhnlichen Vorstellung von dem Egoismus der Franzosen und besonders ihrer Frauen vertraut geworden und seine Vorurtheile begannen aufs Neue zu erwachen. Doch war seine Liebe noch immer das stärkere Gefühl und sein Verdacht, so sehr er sich nach den vorliegenden Umständen in den Augen eines kühlen, unbefangenen Beobachters hätte rechtfertigen lassen— war bald besiegt. Während einer sechsmonatlichen Bekanntschaft hatte er so manchen Beweis der reinsten, liebenswürdigsten Selbstverläugnung gesehen, hatte so viel Scelen- größe in Mademoiselle HennequinS Betragen entdeckt, daß sein auf ihre Borzüge begründetes Vertrauen durch einen vorübergehenden Argwohn, wie er ihn eben jetzt beunruhigte, nicht zerstört werden konnte. Ich weiß recht wohl, daß ich meinen Taschentuchkredit stark aus die Probe stelle, indem ich dem Leser zumuthe, an die Tugenden einer französischen Erzieherin — eines Paria-WesenS, über dessen unglückliche Klaffe alle die Weisen unserer modernen, einbildungsreichen Literatur ihr Anathem aussprechen — zu glauben. Eine englische oder gar amerikanische Gouvernante — wenn es überhaupt ein solches Geschöpf geben sollte, kann Immerhin die Sittsamkeit, Verständigkeit, Weisheit und Vortrefflichkeit selbst seyn; aber eine französische Erzieherin hat gleichsam eo ipso eine moralische Makel an sich, welche sie unbarmherzig aus dem Gebiete des literarischen Erbarmens verstößt. Und doch haben zwei der vortrefflichsten Frauen, die ich jemals kennen lernte, eben diesem Stande und Volke angehört. WaS aber die geheimnißvolle Person angeht, die uns gegenwärtig beschäftigt, so werde ich ihren wahren Charakter nicht eher enthüllen, als bis der rechte Moment zur Entwicklung gekommen seyn wird. Dem gutem Shoreham blieb nicht viel Zeit übrig, um sich über weibliche Launen und Motive in philosophischen Betrachtungen 140 zu ergehen, denn John Monson erschien vor ihm in einem Ballanzuge, so elegant als er sich mit der sogenannten ,republikanischen Einfachheit* vertragen wollte. John war ein hübschauSsehender Junge von sechs Fuß und einem Zoll Höhe, mit starkem Backenbarte, einem üppigem Haarwuchs und ungewöhnlich weißen Zähne». Sein Freund war zwei Zoll kleiner und seine ganze Erscheinung fiel weniger in die Augen; dagegen war er in richtigeren Verhältnissen gebaut und zeigte mehr Geist und Ausdruck in seinen Zügen, so daß die Meisten beim ersten Anblick John MvnsonS Gestalt und Antlitz lobten, bei näherem Bekanntwerden aber Betts Shoreham's Ueberlegenheit anerkennen mußten. Besonders war sein Lächeln gewinnend und liebenswürdig gleich dem eines Mädchens, und der Reiz dieses Lächelns, verbunden mit der lebendigen, rastlosen Theilnahme, welche Shoreham für die Lage der Gouvernante geäußert, war es eben, was einen so mächtigen Eindruck auf die Gefühle des jungen Mädchens geübt hatte. „Es ist ganz verteufelt kalt, Betts," sagte John, als er dem Feuer näher kam; „unser reizendes Klima hat zuweilen verdammt harte Winter.— Ob es wohl patriotisch wäre, von unser» Wintern zu sprechen, was meinst Du?" „Es ist ja lauter Gemeingut, Monson; aber was ist aus Deiner Schwester und Mlle. Hennequin geworden? Sie waren Beide vor einer Minute hier und sind wieder verschwunden, wie —" „Wie Geister meinst du?" — wie, so wagtest Du gewiß nicht, sie zu nennen, denn ihre Geisterchen möchten es sehr übel vermerken. Julchen ist kein Geist, obgleich sie zuweilen zart und ätherisch genug ist und Henny —" „Wer?!" rief Betts, kaum seinen Ohren trauend. „Henny— Dorchens und Molly's Erzieherin. Wen sollte ich anders meinen? Ich nenne sie en tnmille immer so und seit unfern Reisen betrachte ich Dich'halb und halb als eine der Unsrigen." 141 „Wofür ich Dir nicht genug banken kann, mein theurer Junge — aber Du nennst sie doch nicht in's Gesicht so?" „Nun — nein — vielleicht nicht geradezu unter die Zähne — und sie hat schöne Zähne — Betts! Julchen darf die ihren nicht damit vergleichen." „Und doch hat Miß Monson recht schöne Zähne. Möglich, daß Mlle. Hennequin —" „Nein, nein, Henny hat die schönsten Zähne, die ich je an einem Mädchen sah. Nichts von euren Perlen, die, wie Du weißt, nicht selten in's Gelbe spielen, nein, aber so ächte und gerechte Zähne, gerade wie sie jedes hübsche Mädchen haben sollte. Ich habe nichts gegen Perle» in einem Halsband, oder in der Tasche; aber was in den Mund gehört, das sind Zähne — und Henny hat deren zwei Reihen von der feinsten Sorte." Shoreham machte eine ungeduldige Bewegung bei dem Worte „Henny" und konnte sich in diesem Augenblick der Schwäche nicht erwehren, die junge Gouvernante weit weg aus einer Lage zu wünschen, in welcher sie so kavaliermäßig von sich sprechen lassen mußte. Er hatte aber noch nicht Zeit gehabt, diesen seinen Gefühlen Worte zu leihen, als John meiner ansichtig ward und mich sogleich unter dem sehr Hellen Scheine einer Lampe der strengsten Untersuchung unterwarf. Ich muß gestehen, mein ganzes Gewebe erbebte bei der Freiheit, die er sich nahm, da mir die Abneigung des Mannes gegen unser ganzes Geschlecht wohl bekannt war. „Mas ist denn das," rief John Monson in vollem Staunen, „war etwa die Fee Tausendschön hier und hat ihre Karte zurückgelaffen?" „Ich glaube das Tuch gehört Deiner Schwester," entgegnete Shoreham trocken, „wenn Du nämlich dieses Taschentuch hier meinst." „JulchenS Tuch! Nun, beim Himmel, das sollte mir leid seyn; ich hoffte von meinen Schwestern würde Keine solch unsinnige Verschwendung treibe» — gehört es Dir, Julia?" — diese trat eben in'S Zimmer — „ist dieser Fetzen da wirklich Dein oder gehört er nicht eher Henny an?" „Fetzen!" rief die Schwester, indem sie mich geschickt dem Räuber aus den Händen riß — „Fetzen und ,Henny* dazu! Dies ist kein Fetzen, Sir, sondern ein sehr schönes Taschentuch und daß etwas so Kostbares nicht wohl Mlle. Heunequin gehören kann, das, meine ich, müßte Dir recht wohl bekannt seyn." „Und darf man fragen, wie viel es gekostet hat? Nur das Eine sage mir wenigstens." „Ich werde mich hüten, Ihre Neugierde zu stillen, mein Herr! Die Garderobe einer Dame soll nicht auf diese Art zergliedert werden." „Darf ich wohl fragen, Sir," wandte sich nun der Frager an seinen eben einiretenden Vater, „ob Sie Julchen dieses Taschentuch bezahlt haben? Ich lasse mich hängen, wenn ich in meinem Leben etwas Gemeineres gesehen habe?" „Deine Ansicht wird mich schwerlich verleiten, ja zu sagen," gab der Vater halb lachend, halb ärgerlich über die Anspielungen seines Sohns, die ihm vor Belts gerade besonders unangenehm waren, zur Antwort — „laß Dich die Sache nicht anfechtcn, meine Liebe; das Taschentuch ist nicht halb so kostspielig, als seine Cigarren." „Nun jedenfalls soll es gründlich eingeräuchert werden," versetzte John einlenkend, um dem Angriffe seines Vaters zu entgehen, was gar nicht unnöthig war. „Ach, Julia, Julia, ich muß mich Deiner schämen." Dies war jedenfalls ein ominöser Anfang für einen Abend, von dem man sich so viel Freude erwartet hatte. MrS. Monson kam auch endlich herunter, die Wagen fuhren vor, man rief Mademoiselle Henne- guin und die ganze Gesellschaft verließ das Haus. Daß die Gouvernante bei den Einladungen an die Familie Monson fast allezeit mit eingeschlvsscn wurde, war allerdings ziemlich ungewöhnlich: allein Mademoiselle Henneguin war eine Person von so 1-13 vollkommenem ban ton, hatte so ganz die Manieren einer Dame von Welt und galt allgemein für einen solchen Ausbund von Vollkommenheit, daß die meisten Freunde der Familie sie nicht ignoriren zu dürfen glaubten. Die Sache aber hatte noch einen anderen, für die junge Dame weniger schmeichelhaften Grund, welchen wir der Wahrheit zu Ehren nicht übergehen dürfen. Es hatte sich nämlich von irgend einer Seite her das Gerücht verbreitet, Miß Monson'S Gouvernante stamme aus einer adeligen Familie — ein Umstand, der, wie ich bald entdeckte, zu New-Dork bedeutende» Einfluß ausübtc, zweifelsohne vermöge einer versöhnenden Reaktion, welche der Strenge der, in allen geselligen Verhältnissen vorherrschenden, demokratischen Ideen entgegenwirkte. Und hier seh im Vorbeigehen noch eine weitere Bemerkung gestattet. Trotzdem, daß man in Amerika durch nichts leichter in Mißkredit geräth, als durch den Ruf, „aristokratisch" zu seyn — ein Ausdruck von sehr dehnbarer Bedeutung, da er auf Geschmack, Ansichten, Gewohnheiten, Vorzüge, ja nicht selten auf den Glauben der anstößigen Parthei Anwendung findet — so ist auf der andern Seite auch nichts so geeignet, Aufmerksamkeit zu erregen, als vornehme Geburt. Wie manche arme Polen habe ich als Löwen des Tages Herumschleppen sehen, bloS weil man sie für „adelig" hielt, obgleich der Standesunterschied in ihrer Heimath so ziemlich derselbe ist, wie er in einem Theile unserer Republik stattfindet, wo die eine Hälfte der Bevölkerung aus Weißen, die andere aus Schwarzen besteht, denn die Edelleute korrespondiren dort mit der ersten, die Leibeigenen aber mit der zweiten Klaffe. „Was Miß Monson heute für ein ausnehmend aristokratisches Taschentuch hat," bemerkte MrS. G. gegen Mr. W. bei unserem Eintritte in MrS. Leamington'S Zimmer; „ich erinnere mich nicht, jemals etwas so Aristokratisches in Gesellschaft gesehen zu haben." „Die Monson'S sind in Allem höchst aristokratisch — speisen sogar um sechs, wenn ich recht weiß." 144 „Ja," fiel Miß F. ein, „und lassen nach Tisch Fingerbowlen serviren. " „Wie aristokratisch!" „Ueber die Maßen. Man will sogar behaupten, daß sie es seit der Rückkehr von ihrer letzten europäischen Reise noch weit ärger treiben als zuvor. So lassen sich'S die Damen nicht nehmen, beim Gebet niederzuknieen, statt sich wie andere Leute zu verneigen." „Hat man je etwas so Aristokratisches gehört?" „Mau sagt sogar, obgleich ich für die Wahrheit nicht cin- stehen will — daß die Kinder zu Herrn und Madame Monson nicht „Pa" und „Ma", sondern „Vater" und „Mutter" sagen müssen." „Nun, Mr. W-, das ist geradezu monarchisch— nicht wahr?" „Es ist in unser» Tagen eine schwierige Aufgabe, zu sagen, was monarchisch ist oder nicht; jedenfalls scheint es mir ziemlich sicher, das Verfahren antirepublikanisch zu nennen." „Lieber noch patriarchalisch," bemerkte ein Witzbold, der zu der Gruppe gehörte. In diese „aristokratische" Clique ward ich nun förmlich eingeführt und mancher verlangende, neugierige Blick war auf mich gerichtet, obwohl die Gesellschaft in diesem Hause im Allgemeinen zu viel Erziehung hatte, um ein Toilettestück sehr scharf zu be- kritifiren. In jedem Lande, mag es nun eine aristokratische, monarchische oder demokratische Verfassung haben, gibt es privilegirte Klaffen, und so auch in allen Gesellschaften privilegirte Personen. Eine solche nahm sich die Freiheit, mich, während die Andern tanzten, von Julia zu erbitten und so kam ich eine Zeit lang in eine Versammlung von Taschentüchern, welche man zu dem Zwecke zusammcngebracht hatte, ihre verschiedenen Vorzüge und Mängel gegen einander abzuwägen. Die Untersuchung war zu Ende, ich hatte den vollkommensten Sieg davongetragen: da hörte ich mich plötzlich — der Leser wird meine 145 Ueberraschung ermessen — mit ,,Nro. 7" — dem Namen, den ich «inst in unserem Familiencirkel geiragen, angerufcn, wie sich denn Taschentücher unter einander nur nach dem Decimalsysteme titu- liren. — Es war Nr. 12, unser Flügelmann, von der colo xauelio, der sonderbar genug seinen Weg in dieses Zimmer gefunden hatte und nun auf der alten Mrs. Eyelet Schooße, brüderlich, wie sonst, neben mir lag. Als Glieder eines Hauses waren wir höchlich erfreut, uns wiederzusehen und hundert Fragen hatten wir uus in einem Athem vorzulegen. Nr. 12 hatte als wüthender Republikaner begonnen und dieß lediglich darum, weil er nie etwas anderes als republikanische Zeitungen hatte vorlesen hören, gewiß ein höchst einfacher Grund, wie jeder zugeben wird, der eine Sache nach ihren beiden Seiten zu betrachten gewöhnt ist. Bald nachdem die gute, liebe Adrienne mich angekauft hatte, war ein junger Amerikaner in den Laden gekommen, und hatte, mit dem ganzen Leichtsinn seiner Landsleute im Einkäufen, ein halbes Dutzend von der Familie auf Einmal genommen. Der Zufall wollte, daß er gerade den liberale« Flügel erhielt, was mit seinem Wissen und Willen niemals geschehen wäre, da er als Attache der Gesandtschaft seines Vaterlandes ex oktleio Aristokrat war. Dabei war es höchst ergötzlich, meinen Bruder seiue Entrüstung schildern zu hören, als er sich nun im Herzen der amerkanischen Gesandtschaft in ein wahres Mistbeet von monarchischen Principic» versetzt sah. Was diese Diplomaten nur um so aristokratischer machte, war gerade die Neuheit der Sache, da kaum Einer von ihnen von Haus aus an Gesellschaften gewöhnt war. Meines Bruders Baas, der nur im . Vorbeigehen den Diplomaten spielte, trieb sich ein paar Monate unter diesen Leuten herum und kam dann nach Hause, wo ihm alsbald der Nimbus seiner europäischen Laufbahn zu der glänzendsten Aufnahme in den New-Vorker Cirkeln verhalf. — Leider ist die Vorliebe, in Ertremen zu handeln, in dem Wesen von uns Taschentüchern nur allzutief begründet. Der Geist des Widerspruchs, nach Das gestickte Taschentuch. 10 ' ^ 146 der bekannten Formel: „sagst du ja, so sage ich nein", wurde in der Seele des armen Nro. 12 mächtig und er hatte kaum einen Monat in der New-Vorker Gesellschaft verlebt, so war der Ultra- Royalist in ihm fertig. Diese New-Vorker Gesellschaft! Sie hat mehr als einen jener plötzlichen politischen Farbenwechsel auf dem Gewissen! Das demokratische Princip ist hier so vollkommen entwickelt, daß wenig Getreue stark genug im Glauben sind, dagegen auszuhalten. Jedermann weiß, wie sehr sich die Aussicht mit dem Standpunkte ändert; gesetzt z. B., es stehe Einer in einer gemischten Versammlung auf der Seite der Aristokratie, so wird ihm auf der andern Alles gemein und plebejisch Vorkommen; hat er dagegen seinen Platz unter Kreti und Pleti genommen, so ist drüben Alles aristokratisch, kastenmäßig und anstößig. Diese Wahrheit sollte sich an meinem unglücklichen Verwandten erproben. Alle seine Begriffe hatten sich verkehrt: statt die Vollkommenheit zu finden, die er so lange gepredigt und angepriesen hatte, fand er Nichts zu bewundern— nur zu tadeln und zu verdammen. Mit einem Wort — noch nie war ein Taschentuch beim Eintritt in'S thätige Leben, und zwar aus so tiefen psychologischen Gründen, so elend gewesen. Hätte mein Bruder nach Frankreich zurückkehren können, er würde, glaub' ich, ein Buch über Amerika geschrieben haben, welches, ohne eine Menge von Fehlern und Schwächen gewahr zu werden, welche wirklich ohn' Erbarmen gegeißelt zn werden verdienen, an politischer Schwindelei selbst den Herrn Von Tocqueville Überbote» hätte. Doch stille davon; ich vergesse, daß dieser Schriftsteller in den Augen aller jener Neophytcn unwiderleglich ist, welche ihr eigenes System nie anders, denn als Engländer in'S Auge gefaßt haben und vor Bewunderung außer sich ge- rathen, wenn sie Dinge von ganz anderer Natur darüber hinausge- schrittcn finden. Dies ist wenigstens die Denkweise eines in hohem Preise stehenden Taschentuches. 147 Betts Shoreham beschäftigte sich, wie ich Wohl bemerkte, auf MrS. Leamington'S Balle beinahe ausschließlich mit Mlle. Henneguin, obgleich er sich des unangenehmen Eindruckes noch keineswegs cnt- schlagen konnte, den ihm ihr Benehmen bei jenem Zusammentreffen mit mir verursacht hatte. Die Beiden verstanden einander vollkommen, denn während des ganzen Abends vermied sie eS sichtlich, ihren Blick aus mich zu wenden, als ob sie Gefühle oder Eindrücke niederzukämpfen suche, welche sie nicht verrathen mochte. Diese Gefühle — wenn es wirklich Gefühle waren — oder Eindrücke (denn als solche ließen sie sich nicht abläugnen) konnten nur sepn: Neid, Mißgunst über die glänzenderen Umstände einer Andern — oder mochten sie auch durch lobenSwerihe, philosophische Betrachtungen über die Thorheiten, welche die gedankenlose Jugend so oft zur Ausschweifung verführen, hervorgerufcn seyn. Betts gab sich alle Mühe, das Letztere zu glauben, und doch hätte er seinem innersten Gefühle nach tausendmal lieber gesehen, wenn das Weib seiner Liebe über eine derartige Schwäche eines Mädchens von ihrem Alter gelächelt, als wenn sie eine altkluge Verständigkeit an den Tag gelegt hätte, welche jedenfalls auf Kosten der Leichtherzigkeit und der Sympathieen ihrer Jahre, wie ihres Geschlechts allzu theuer erkauft gewesen wäre. Ich hatte — nur in kleinerem Maaßstab — in seiner Brust ein ähnliches, unbehagliches Mißtrauen erweckt, wie DeSdemoua'S Taschentuch in der des Mohren. Auch Julia Monson gefiel sich an diesem Abend nicht so, wie sie sich'S vorgestellt hatte. Sie fühlte zwar keine Liebe für Sho- rcham, denn ihr Temperament, wie ihre Erziehung waren nicht von der Art, daß sie sich der Leidenschaft für einen Mann hätte hingeben können, so lange nicht eine ganz unzweideutige Erklärung von seiner Seite vorangegangen war: wohl aber mochte sie ,ihn sehr Wohl leiden und nichts wäre leichter gewesen, als diesen Funken einer Bevorzugung zur Flamme anzublasen. UebrigcnS war sie zu jung und — die Wahrheit zu sagen — auch zu natürlich und zu wenig 148 berechnend, um fortwährend darau zu denken, daß Betts der Herr eines guten altmodischen Landsitzes war, welchen man jährlich auf zwanzigtausend Pfund schätzte und der wirklich eilftausend netto ertrug, während das Herrenhaus allgemein den schönsten des Staates an die Seite gestellt wurde. Um all' dies kümmerte sich Julchen wenig oder fast gar nicht. Es gab junge Männer genug, welche eben so schöne Güter und noch weit mehr, die gar keine besaßen, dafür aber die größte Lust von der Welt hatten: „den alten Mvnsvn zu tranchiren" — aber wenige waren so wohlgestaltet, so angenehm von Sitten und Benehmen wie der junge Shoreham; wenige hatten so viel wie er von der Welt gesehen. Daß Betts in sie verliebt sei, hatte sich Julia natürlich nie eingebildet, aber bis zu den Proben, die sie ganz kürzlich von seiner Neigung für die Erzieherin ihrer Schwestern erhalten, hatte sie eS doch für sehr möglich gehalten, daß es dahin kommen könne und hätte eS gar nicht ungern gesehen, wenn es dahin gekommen wäre. Ich weiß wohl, daß dieß nicht die gewöhnliche, möglicherweise auch nicht die höflichste Weise ist, jene dämmernden Gefühle zu schildern, welche den Keim einer jungfräulichen Neigung in sich schließen; ein gewandter, talentvoller Dichter würde bei solcher Gelegenheit gewiß eine ganz andere Sprache führen! allein ich habe diese Geschichte in der Absicht begonnen, die Dinge so darzustellen, wie sie sind und so, wie ich sie erzählt, ist nun einmal die Art und Weise, wie sich der „Liebe jugendlicher Traum" dem Auge eines Taschentuches darstellt. Unter andern Widerwärtigkeiten erfuhr Julia die Kränkung, während der Pausen des Tanzes über Shorehams Aufmerksamkeit für die Gouvernante allerlei Glossen anhören zu müssen, von welchen auch einige mein Ohr erreichten: „Wer ist doch die Dame, welcher Mr. Shoreham heute so unablässig den Hof macht?" fragte Miß N. ihre Nachbarin Miß T. „ES ist ein ganz neues Gesicht und — wenn man so frei sein darf es zu sagen — auch eine ganz neue Manier." ILO „Es ist Mlle. Henny, die Erzieherin von Mrs. Monson'S Kindern, meine Liebe. Man sagt, sie sei ein Ausbund aller Vollkommenheiten und ein wahres Wunder von Wohlanständigkeit. Auch will verlauten, sie sei eigentlich eine Person von sehr hohem Stande und durch eine jener gräulichen Revolutionen heruntergekommen, deren sie in Europa so viele haben." „Wie — gar von Adel vielleicht?" „O, zum allerwenigsten; es gibt Leute, welche behaupten, sie sei halb und halb von königlichem Geblüt. Das Land ist voll von den Trümmern gestürzten KünigSthums und Adels. Finden Sie, daß sie ein aristokratisches Air hat?" „Nicht im Geringsten — ihre Ohren sind viel zu klein." „Ei, meine Liebe! das ist ja das wahre Gepräge adeliger Herkunft. Meine Tante Harding wurde während ihres Aufenthalts in Neapel sehr vertraut mit dem Duca di Montecarbana, und sic sagt, er habe das kleinste Ohr gehabt, das sie je an einem menschlichen Wesen gesehen. Die Montecarbana'S — müssen Sie wissen — sind so alt als die Ruinen von Pästum." „Sei dem wie ihm wolle, in meinen Augen paßt es schlecht zu adeligem Blut, kleine Mädchen französisch und italienisch plappern zu lehren und ihnen die Noten einzutrichtern. Ich habe Mr. Shoreham immer für einen Bewunderer Miß Monson's gehalten." Unglücklicherweise hörte meine Gebieterin diese letzten Worte und in der Aufregung ihrer Gefühle, in der sie sich ohnehin befand, beschloß sie alsbald, mit einem jungen Manne, Namens Thurston, zu kokettiren, um Betts Eifersucht — wenn er dafür empfänglich war— zu erwecken und ihrem eigenen Nnmuth Lust zu verschaffen. Dieser Tom Thurston war einer von jenen hochgewachsenen, gutaussehenden Jungen, welche auf Einmal in einer Stadt sind, Niemand weiß woher, in Gesellschaft kommen, man weiß nicht wie, und leben, man weiß nicht wovon. Es war eine bekannte Sache, daß der Ehrenmann nach einer reichen Frau angelte und Julia ISO Monson lief somit keine Gefahr, baß ihr Entgegenkommen von einer solchen Person übersehen werben könnte. — Die Wahrheit zu sagen, trieb meine Herrin ihr Spiel zu weit — so weit, baß sie Jedermanns Augen auf sich zog, ausgenommen diejenigen der am meisten betheiligten Personen, nämlich ihrer eigenen Mutter und Betts Shoreham's. Obgleich die älteren Damen heutiges Tags in der amerikanischen Gesellschaft, und vielleicht auch anderwärts, nur selten Karten spielen, so fehlt eS doch nie an Anlässen, um ihr hergebrachtes Matronenamt auf Bällen zur reinen Sinecure zu machen. MrS. Monson war zudem eine nachsichtige Mutter und sah selten ein Unrecht an ihren Kindern; da es Julia auch in der Regel in ihrem Betragen nicht an Vorsicht und Zurückhaltung fehlen ließ, so war eine Taktlosigkeit von dieser Seite her in der That der letzte Gedanke, der dem liebevollen Mutterherzen auf Mrs. Leamington'S Balle in die Quere kommen konnte. Nicht so ganz unerschütterlich in ihrer Zuversicht waren dagegen einige andere Gäste. „Ihre Tochter ist heute Abend sehr munter," bemerkte eine unvermählte Dame von einem gewissen Alter, die in MrS. Monsons Nähe saß — „so fröhlich, wie ich sie noch nie gesehen habe." „Gewiß, theuersteS Mädchen, sie ist glücklich, das gute Kind" — die arme Julia war eben damals nichts weniger als glücklich — „und wenn je eine Zeit im Leben dazu gemacht ist, um glücklich zu sehn, so ist eS die Jugend." „Ist es Miß Monson's Art, so ausnehmend guter Laune zu sehn?" fuhr eine andere fort, entschlossen, die Mutter zu quälen, während sie sich schon darüber ärgerte, daß diese nicht genug in Allarm zu bringen war, um sich endlich einmal umzuschen. „Immer, wen» sie in guter Gesellschaft ist. Ich halte es für ein rechtes Glück, Ma'am, eine heitere Laune zu besitzen." „Gewiß, gewiß — doch kann man nicht ewig ein junges Ding von fünfzehn bleiben, wie Laty Mary Wortiey Montag» 151 sagt," murmelte die „alte Jungfer," den Angriff aufgebend, und wechselte ihren Sitz, um ihr Herz in das Ohr einer verwandten Seele zu entleeren. Eine halbe Stunde später saßen wir Alle im Wagen, um nach HauS zurückzukehren, Alle bis auf Shoreham hätte ich sagen sollen; denn dieser hatte sich, nachdem er den Damen beim Anlegen der Mäntel seine Dienste geleistet, an MrS. LeamingtonS Thüre von ihnen verabschiedet, ungewisser als je, ob er ein Geschöpf, welches ihm in allen übrigen Beziehungen so rein und fleckenlos erschien, wirklich des Neides beschuldigen sollte, oder nicht. Er fand zu Hause ein ruheloses Lager, denn ihn quälte die Unschlüssigkeit, ob er seinem ursprünglichen Plan, dem armen, verlassenen französischen Mädchen durch das Anerbieten seiner Hand die Unabhängigkeit zu geben, treu bleiben, oder ob er alle die liebenswürdigen, edlen Eigenschaften nur für Schein achten und ihr ganzes Wesen für eine Lüge halten solle. Dieses arge Mißtrauen dankte Betts Shoreham einem National- Vorurtheile und die Qualen, die es ihm verursachte, waren nur die gerechte Strafe dafür, daß er einen so unwürdigen Gast bei sich beherbergte. Wäre Mademoiselle Hennequin eine Amerikanerin gewesen, er hätte gar nicht zum zweitcnmale an die Aufregung gedacht, welche sie bei dem Anblick meiner Schönheit verrathen hatte. Die Französinnen aber hatte man ihm jederzeit als inirikante, heuchlerische Geschöpfe geschildert, und Paris war eben nicht der Ort, um diese vorgefaßte Meinung zu berichtigen. „Nun, beim Jupiter!" rief John, als der Wagen von MrS. LeamingtonS Thüre abfuhr, „dies ist der letzte Ball, den ich in New-Uork mitmache!" eine Betheuvung, welche bereits zum zwanzigsten Male in diesem Winter gegeben und eben so oft gebrochen worden war. „Wie war dies, Jack?" fragte der Vater; „ich fand eS ganz hübsch; wir alten Knaben haben uns zu sechs oder sieben einen recht fröhlichen Abend gemacht." 152 „Glaub's gerne, Sir! aber ihr mußtet auch nicht in einem Zimmer tanzen, das höchstens achtzehn Fuß breit und vier und zwanzig lang ist, und euch dabei von Hunderten auf die Zehen treten oder mit den Ellenbogen stoßen lassen." „Seit dem Balle im großen Opern-Saale in Paris ist unser,» Jack kein Zimmer mehr z»m Tanzen recht," bemerkte die Mutter lächelnd. „Ich hoffe, Julia hat sich besser amüstrt." Meine Herrin fuhr zusammen und antwortete dann in einem Tone hysterischer Lustigkeit: „Gewiß, Mama; ich fand den Abend entzückend und hätte noch zwei Stunden länger bleiben können." „Und Sie, Mademoiselle Henncquin? Ich hoffe, auch Ihnen hat es nicht an angenehmer Unterhaltung gefehlt." Die Stimme der Gouvernante zitterte etwas, als sie in ihrer milden Weise erwiederte: „Keineswegs, Madame; ich war recht vergnügt, obgleich mir das Tanzen immer als ein Vergnügen vorkommt, an welches ich eigentlich kein Recht habe," Es folgte eine Pause merklicher Verlegenheit auf diese Erklärung und ich sah Julia geneigt, einem edlen Antriebe zu folgen und sich fester an ihre Nebenbuhlerin anzuschmiegen, um ihr gleichsam ein Zeichen ihrer Theilnahme zu geben. — John'S Protesta- tionen brachten übrigens alle zum Schweigen und gleich darauf stieg die Gesellschaft aus und verfügte sich zur Ruhe. Am andern Morgen ließ mich Julia in'S Besuchzimmer holen, um mich einigen Freundinnen zu zeigen — so sehr hatte sich mein Ruf in Folge meines letzten Auftretens verbreitet. Da war denn wieder ein Lobpreisen, Herzen und Küssen, wie bei einem verzogenen Lieblingskinde. Gleichwohl ermangelte Miß W. nicht, die Nachricht weit und breit herumzutragen, daß Miß Monson'S vielbesprochenes Taschentuch und jenes, mit welchem Miß Halfacre am Abend des Tages, da ihr Vater seine Zahlungen eingestellt, paradirt habe —ei» 153 und dasselbe Ding sehen; ja man ging sogar so weit, mir den Spottnamen „das insolvente Taschentuch" anfzuheften. Julia schien mir traurig, nachdem ihre „Freundinnen" sie verlassen hatten; ich lag unbeachtet auf dem Sopha und ein nachdenklicher Ausdruck war ans ihrem hübschen Gesichte zu bemerken. Plötzlich wurde sie aus ihrem düsteren Sinnen — „Brüten" ist das rechte Wort — durch die unerwartete Erscheinung des jungen Thursion aufgcschreckt. In Miene und Blick des Abenteurers spiegelte sich, selbst während er sein Kompliment machte, ein inneres Frohlocken, das mir auffiel und in Worte übersetzt etwa so lautete: „Aha, habe ich Dich allein erwischt!" Ich war auf wichtige Ereignisse gefaßt und hatte mich in meiner Erwartung auch nicht ganz getäuscht. In einer Minute hatte er sich neben Julia und kaum zwei Fuß von ihr entfernt, auf das Sopha gesetzt; kaum waren zwei weitere verflossen, als sämmtliche Batterien seiner Schmeichelkünste schon in voller Thätigkeit waren. Meine Herrin hörte ihm mit ziemlicher Abspannung, doch nicht ganz ohne Theilnahme, zu. Sie war durch Betts Shoreham'S Gleichgültigkeit gereizt, kannte ihren jetzigen Bewunderer seit mehreren Monaten — sofern man es eine Bekanntschaft nennen kann, wenn zwei Personen in derselben Gesellschaft tanzen — und man hatte ihr noch nie, wenigstens nicht auf so offene, unzweideutige Weise, den Hof gemacht. Der junge Mann hatte Scharfblick genug, um seinen Vortheil zu erkennen und da er fürchtete, es möchte Jemand sein jetziges töto-ä-tete unterbrechen, so beschloß er großherzig, Alles auf einen Wurf zu setzen und die Sache mit einem Male zu Ende zu bringen. „Ich denke, Miß Monson," fuhr er nach einem wahren Meisterstücke eines Eourmachersermons fort — eines Sermons, der in der Apologie eines, in einem Libellprozeß unterlegenen Schriftstellers eine schöne Nolle gespielt haben würde — „ich denke. Miß Monson kann die ganz besondere Aufmerksamkeit nicht entgangen sehn, welche 154 ich ihr stets zu bezeigen bemüht war, seitdem mir das Glück ihrer Bekanntschaft zu Theil geworden ist." „Mir! — Auf mein Wort, Mr. Thurston, ich war mirS nicht im Geringsten bewußt, der Gegenstand solcher Aufmerksamkeit gewesen zu seyn!" „Nicht? — Doch dies ist immer der Fall bei einfachen, unschuldigen Naturen. Das ists eben, was uns aufrichtigen, schüchternen Männern in Herzensangelegenheiten einen so schlimmen Stand bereitet. Unsere Brust kann von zehntausend quälenden Sorgen zerrissen seyn — die Bescheidenheit eines wahrhaft tugendsamen weiblichen Herzens wird dermaßen in seine hehre Ruhe vertieft seyn, daß es für die Pein, welche es unwissend über uns verhängt, unempfindlich wird —" „Mr. Thurston, Sie führen eine starke — und — ein wenig — ein wenig unverständliche Sprache." „Ach ich fürchte, Madam, ich werde nie wieder verständlich werden. Wenn das Herz ,beklommen ist in namenlosem Bangen, verdammt die Leidenschaft in sich zu bergen, die Pein und Wonne seines SeynS zugleich' — wenn ,bleich und kalt die Lippe starrt, die rosige Verkünderin der Freude, ein nutzlos, lästig Werkzeug jetzt für den Verstümm—', ja, Miß Monson, ich will damit sagen, wenn all unser Dichten und Trachten auf einen geliebten Gegenstand gerichtet ist, so ist es kein Wunder, wenn unsre Rede rätselhaft und unzusammenhängend wird." Wenig hätte gefehlt, so hätte Tom Thurstvn auf dem Triebsande der romantischen Schule Schiffbruch gelitten. Er hatte mit Plagiaten aus einer Rede begonnen, welche der Statthalter Morris einst zu New-OrleanS über das Recht der Depositen gehalten und die er auf der Schule auswendig gesprochen hatte, und wollte schon in eine Seitenparthie einlenken, welche nicht sonderlich zu seinem Gegenstände gepaßt hätte, als er noch bei Zeiten inne hielt. Als nothwendigen Klimax legte der Liebende seine Hand auf mich und ISS drückte mich an seine Augen mit dem zerstreuten Wesen eines Menschen, der nicht mehr weiß, was er thut und sich eine Thräne abwischen will. „Was für ein verdammt reicher, alter Kauz der Vater seyn muß," dachte Tom dabei, „daß er ihr solche Taschentücher geben kann." Mir war zu Muth wie einem Zaunkönig, welcher den Klauen des Falken entrinnt, als der Schuft mich wieder niederlegte. Und Julia? — sie ließ sich wirklich durch diese Possen täuschen, die Arme! Ohne alle eigene Erfahrung war sie durch die Sitte der Gesellschaft, in der sie auferzogen worden, den Kunstgriffen jedes Glücksjägers preiSgegebcn und befand sich bei ihrem Aerger über Betts Shoreham in der übelsten Stimmung, die man sich denken konnte, wenn es galt, solcher Liebe und Beredtsamkeit zu widerstehen. Sie hatte Tom auf allen Bällen in den besten Häusern gesehen, sein AeußereS und seine Manieren — beide eines glänzenden Modehelden würdig — waren ihr nicht unangenehm und jetzt machte sie noch die weitere Entdeckung, daß er ein tieffühlen- deS Herz besaß, über welches sie, ohne es bisher selbst zu wissen, die unbegränzteste Herrschaft ausübte. „Sie antworten mir nicht, Miß Monson," fuhr Tom fort, indem er unter mir hervorguckte, denn noch immer hatte er mich vor dem Gesicht — „Sie antworten mir nicht, grausames, unerbittliches Mädchen!" „Was soll ich denn sagen, Mr. Thurston?" „Sage ,jah du lheuersteS, lieblichstes, vollkommenstes aller menschlichen Wesen." „Ja denn also; wenn dieSlJhr Herz erleichtern kann, so ist ja leicht geholfen." Nun war aber Tom Thurston in seinem Fache als GlückSjägcr eben so gewandt, als Napoleon in der Heerführung. Er sah, welch ungeheuren Vortheil er für die Zukunft errungen hatte und wollte daher die Sache für den Augenblick nicht weiter treiben. Das ,ja< war freilich mehr im Scherz, als in ernstlicher Bedeutung gegeben; aber wenn man vorerst damit zurückhielt, stufenweise darauf weiter baute und endlich im entscheidende» Moment damit hervortrat, — dann erst konnte cs von vollem Werthe fest». „Laßt doch sehen," so berechnete Tom, als er pfeifend die breite Straße hinabging, „mit diesem ,jick läßt sich wenigstens ein rundes Sümmchen von hunderttausend Thalern herauSschlagen. Der alte Monson hat seinen Sohn John, dieses Mädchen und noch zwei jüngere Töchter; er selbst ist seine siebenmalhunderttausend Thaler Werth so gut wie einer, und gehört nicht zu den plötzlich dahergeschossenen Kometen, sondern besitzt ein altererbteS, wohlbekanntes Vermögen, das in festen Häusern und Ländereien besteht. Angenommen, die Alle überlebe ihn und ziehe ihr volles Drittel weg, so bleiben immer noch viermalhnndertsechsundscchzigtauscnd sechshundert undsechzig Dollars übrig. Davon mag John vielleicht ein Paarmalhunderttausend erben, so kommen auf jedes der Mädchen immer noch achtundachtzigtausend achthundert und achtundachtzig. Sollte eines der kleinen Dinger wegsterben — das Scharlachfieber grassirt ja ohnehin gegenwärtig — nun, so wären die hunderttausend mit einem Male voll. Die Alte wird sich wohl bei ihren Jahren nicht wieder vermählen—doch darf man darauf nicht allzu sicher rechnen, denn für die Hälfte eines solchen Drittels würd' ich sic selber nehmen." Lechszehntes Kapitel. Eine Woche lang ereignete sich nichts von Bedeutung. Diese ganze Zeit über lag ich in der Schublade und suchte mir von dem, was draußen vorging, so gut ich eS vermochte, Kunde zu verschaffen. Betts Shoreham war der tägliche Gast des Hauses und Tom Thurston wiederholte seine Besuche mit einer Pünktlichkeit, welche bereits anfing, die Aufmerksamkeit der Nachbarschaft auf sich zu 157 ziehen. Tom behandelte übrigens Julien mit der größten Ehrerbietung, ja sogar mit Förmlichkeit und richtete seine Aufmerksamkeit zum größeren Theile auf Mrs. Mvnson. Zu dieser Strategie vermochte ihn die Betrachtung, daß er sich durch jenes ,ja* einen hinlänglichen Anspruch auf die junge Dame gesichert hatte, während er wohl wußte, wie es für Leute, welche der gewöhnlichen Lockungsmittel für die Zusage der Eltern entbehren, von der grüßten Wichtigkeit ist, sich des guten Willens der ,alten Dame* zu versichern. Am Schluß der Woche öffnete MrS. Mvnson ihr Haus, um die gesellige Welt darin zu empfangen und eS verstand sich von selbst, daß auch ich bei dieser Gelegenheit zum Vorschein kommen durste. Das Einverständniß zwischen Shoreham und Mlle. Hennequin war im Lauf dieser acht Tage ziemlich weit gediehen, obgleich die Letztere in dem Maaße, als sie mehr und mehr inne wurde, welches Interesse sie in dem Herzen des jungen Mannes erweckt hatte — in ihrem Betragen vorsichtiger und zurückhaltender wurde. Endlich ging Betts wirklich den letzten Schritt, den man in seiner Lage thun kann: in einem, in den zärtlichsten und zugleich ehrerbietigsten Ausdrücken abgefaßten Schreiben legte er der trefflichen jungen Französin sein ,Herz*, welches sie seit dein ersten Monat ihrer Bekanntschaft ,ausschließend beseßen*, zu Füßen und beschwor sie um die Gunst einer Unterredung, indem er zugleich einige ausnehmend rührende Vorwürfe über ihr neuerdings so kaltes und zurückhaltendes Benehmen einfließen ließ. Mademoiselle Hennequin mußte diesen Brief auf Julia'S Zimmer lesen und die Stellung, in der sie es that, gab jede Linie meinem neugierigen Blicke Preis, da ich eben unter anderen für den Abend ausgelegten Putzsachen auf dem Bett lag. Auch Mrs. Mvnson war zugegen; sie war es eben, welche Mlle. Hennequin heraufgerufen hatte, um sie über einige, das Arrangement des Soupers betreffende Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen. Glücklicherweise waren Julia und ihre Mutter zu sehr beschäftigt, 158 um die Thränen zu gewahren, welche der armen Fremden über die Wangen rollten, indem sie dieses ehrenhafte Geständniß einer glühenden, männlichen Liebe las, und ebenso entging ihnen die heftige Bewegung, mit welcher Mlle. Hcnnequin das Papier, nachdem sie es noch einmal überflogen, an ihr Herz drückte. In diesem Augenblick kam ein Diener, um Mr. Shoreham'S Anwesenheit im Frühstückzimmer zu melden — einem ziemlich abgelegenen, zu dieser Stunde wenig besuchten Gemach, welches man Betts, wegen der in den Empfangzimmern des Hauses vor sich gehenden Zurüstungen geöffnet hatte. „Julia, meine Liebe — Du wirst hinuntergchen müssen, obwohl es freilich ein sehr unpassender Moment ist." „Nicht doch, Mutter! Mr. Shoreham mag die Zeit seiner Besuche besser wählen — George, bestellen Sie, die Damen sehen beschäftigt!" „Nein, nein!" verbesserte die Mutter, etwas verlegen, „das geht nicht; wir stehen mit ihm auf zu vertrautem Fuße für eine solche Ausflucht. Wollten Sie, Mlle. Henneguin, vielleicht die Güte haben, Mr. Shoreham auf ein paar Minuten zu sehen — Sie müssen sich doch früher oder später mit unfern Sitten hier in Amerika bekannt machen, und dies wird eine gute Gelegenheit sehn, damit anzufangen." MrS. Monson begleitete diese Bitte mit ihrem freundlichsten Lächeln, und ihre Güte, ihre zarte Rücksicht für die Gouvernante War zu rückhaltlos und auffallend, als daß sich diese hätte erlauben können, an ein Zaudern zu denke». Sie hatte während des Brieflesens ihr eigenes Tuch neben mich hingelegt, und da sie dieNoth- wendigkeit fühlte, ihre Thränen zu trocknen, so bekam sie durch einen Mißgriff mich selbst in die Hand, und verschwand mit einem Lächeln des Willfahrens gegen MrS. Monson aus dem Zimmer. Mlle. Henneguin konnte es nicht über sich gewinnen, hinunter zu gehen, ehe sie ihr eigenes Zimmer ausgesucht hatte, wo sie sich 159 ein paar Minuten answeinte, und dann ihre Augen mit frischem Wasser wusch, um sie sofort mit ihrem Tuche zu trocknen. Diesem Umstande hatte ichs zu danken, daß ich so glücklich war, der ganzen Unterredung mit ihrem Geliebten als Zeuge anzuwohnen. Dieser sah nicht so bald, daß er es statt Julia MonsonS mit der reizenden Französin zu thun haben sollte, als ein Strahl der Freude über sein Antlitz glitt. Diese Begegnung für ein gutes Omen ausnehmend, ergriff er sogleich ihre Hand und drückte sie mit einer Hast, als ob er unter die fleischfressenden Thiere gehörte, an seine Lippen; der Gouvernante gelang es jedoch, sie aus dieser Lage zu befreien, in welcher sie nicht wenig Gefahr lief, verschlungen zu werden. „Tausend, tausend Dank, theuerste Mlle. Henneguin!" stammelte Betts mit dem unzusammenhängenden Wesen eines halb Verrückten: „Sie haben meinen Brief gelesen und ich darf diese Unterredung zu meinen Gunsten auslegen. Wäre Mrs. Monson gekommen, so hätte tch ihr Alles mitgetheilt und sie um ihre gütige Vermittlung gebeten, dies war wenigstens meine Absicht: aber so ist'S viel, viel besser." „Sie werden wohl thun, Monsieur, mit Madame Monson über diese Sache überhaupt nicht zu sprechen," erwiederte Mlle. Henneguin und zeigte in ihren Zügen einen Ausdruck, den ich durchaus nicht begreifen konnte, da er weder Glückseligkeit, noch auch gerade das Gegentheil ankündigte — „dies muß unsere letzte>Zusam- menkunft seyn, und es wäre am besten, wenn Niemand von ihrem Inhalt etwas ahnte." „Also hat mich meine Eitelkeit— meine Hoffnung irre geführt und ich bin Ihrem Herzen gleichgültig?" „Das will ich nicht sagen, Monsieur; o nein — nein, ich bin weit entfernt, dies sagen zu wollen." — Das arme Kind! ihre Miene sprach es hundertmal deutlicher aus als ihre Zunge, daß sie ausrichtig war. — „Ich will und kann nicht sagen, daß 160 " mir der Mann gleichgültig ist, der meine Dürftigkeit, mein gänzliches Entbehren aller weltlichen Größe so großmüthig übersteht, daß er sein Vermögen und seine ehrenvolle Stellung mit mir theilen will." „Das ist'S nicht, was ich wissen will — worauf meine Hoffnung gerichtet war — Dankbarkeit ist nicht Liebe." „Aber sie wird eS nur zu leicht im Herzen eines Weibes," gab das liebliche Wesen mit einem Blick und einem Lächeln zurück, welche Betts, wenn er nicht mehr als blöde war, unmöglich mißverstehen konnte, „und ich habe die Pflicht, meine eigene Dankbarkeit vor einer solchen Schwäche zu hüten." „Um des Himmels willen, Mlle. Hennequin! sehen Sie offen und aufrichtig mit mir, wie Sie es von Natur sind, wie ich Sie immer gekannt habe. Lieben Sie mich — können Sie mich lieben?" Auf eine so unumwundene und kategorische Frage mußte noth- wendig entweder ein Erröthen oder ein Lächeln folgen. Das Elftere geschah auch in der That von Seiten der Erzieherin und zwar in einer höchst anmuthigen und einnehmenden Weise — obwohl mir schien, als ob sie noch zögerte, sich auch der Lust zum Zweiten hinzugeben. „Wozu sollte ich ,Ja° sagen, da es doch nun und nimmermehr zu etwas Gutem führen kann!" „Dann sagen Sie ,Neiick und schlagen auf Einmal jede Hoffnung nieder." „Dieß hieße Ihnen — uns Beiden — unnöthige Qual bereiten und möchte sich auch, streng genommen, nicht ganz mit der Wahrheit vertragen. — Ich konnte lieben! Ach, Gott allein weiß es, wie dies Herz lieben konnte, wo Recht und Vernunft mit seinen Gefühlen im Bunde standen." Nach einer solchen Erklärung ist es wohl unnöthig zu sagen, daß Betts die Kategorie der Möglichkeiten bald in die der Gewißheit verwandelte. In der That setzte er der Gouvernante mit solchem Ungestüme zu, daß diese gestehen mußte: was sie so gut thun konnte, habe sie bereits im vollsten Maaße gcthan. 161 Mich ergötzte die ganze Scene ungemein; auch sollte sie noch nicht in der nächsten Minute zu Ende gehen. Mlle. Hennequin nahm mich einige Male zur Hand, um Thränen abzuwischen, und der beste Beweis davon, wie beide Parteien an so ganz andere Dinge dachten, ist wohl, daß Keines von ihnen entdeckte, wer bei diesem interessanten tote-n-tete noch zugegen war. Endlich kam die Entwicklung. Nachdem Mlle. Hennequin ein- gestanden, wie heiß sie Betts liebe, wie cs ihr höchstes Glück seyn würde, ihr ganzes 'Leben lang seine Sklavin zu seyn. wie der Gedanke sie elend mache, daß er gerade auf sie seine Neigung gerichtet, und wie sie noch viel elender seyn würde, wenn sie erfahren hätte, daß er eS nicht gethan habe — schloß sie endlich diese entzückende Beichte mit der niederschlagenden Erklärung, daß sie unter keinen Umständen seine Gattin werden könne. Als Grund wurde die Ungleichheit der äußeren Verhältnisse angegeben; „sie dürfe." meinte sie, „den Vvrtheil, welchen seine Leidenschaft ihr einräume, unmöglich dazu benützen, ihn zu einer Verbindung zu treiben, welche er dereinst bereuen könnte." Vergebens bekämpfte Betts eine solche Entscheidung mit dem wärmsten, ernstesten Eifer. Wäre seine Geliebte keine Französin, sondern eine Amerikanerin gewesen, so würde sich ihr Gefühl in diesem Punkte wohl schwerlich so gar empfindlich gezeigt haben. Denn abgesehen von den Glücksjägern — einer überaus verächtlichen Klaffe — wird eine Partie ohne Geld überall in unserer großen Republik für eben so natürlich, als eine Partie mit Geld angesehen. Aber die Gouvernante war unter ganz andern Ansichten ausgewachsen und fand es deßhalb in ihrer Phantasie ganz der Ordnung gemäß, daß sie sich und ihren Geliebten unglücklich machen würde, weil dieser zweimalhunderttausend Dollars, sie selbst aber nicht so viel Hunderte besaß. Dies Alles kontrastirte so mächtig mit Betts Vorurtheilen über die französische Selbstsucht, daß er nicht wußte, ob er seine Angebetete DuS gestickte Taschentuch. 11 162 für einen leibhaften Engel, oder ob er ihr sublimes Benehmen für eine bloße Finte halten sollte — so sehr ist die menschliche Natur aus Widersprüchen zusammengesetzt! Endlich fielen Betts Blicke auf das Tuch, welches Mlle. Henne- quin in der Hand hielt, um es von Zeit zu Zeit unbemerkt an die Augen zu drücken, und das — wie der Leser schon weiß — kein anderes war, als meine Wenigkeit. Es war augenscheinlich, daß ich unangenehme Erinnerungen in dem junge» Manne erweckte, wie schon aus dem unwillkührlichen Ausrufe hervorging, der seine Empfindungen genügend an den Tag legte. „Dieses Taschentuch!" rief die junge Gouvernante — „Ach, cS ist Juliens Tuch; ich muß es aus Versehen mitgenommen haben. Aber wie in aller Welt kann dieses Tuch solchen Eindruck auf Sie machen, Monsieur? Ich hoffe doch, Sie sind kein Freiwerber wie der Mohr von Venedig?" Diese Worte wurden mit einem süßen und zugleich schalkhaften Ausdrucke gesprochen, denn das arme Mädchen war froh, dem Gespräche eine weniger ergreifende und peinliche Wendung geben zu können. Aber Betts war keineswegs in scherzhafter Stimmung und sprach seine Gefühle aus eine Weise aus, welche seiner Geliebten endlich einen Schlüssel zu seinem Gedankengange lieh. „Dieses verdammte Taschentuch" — es ist in der That unschicklich, wenn junge Leute sich einer solchen Sprache bedienen, aber in solchem Aufruhr der Gefühle achtet man nicht lange auf seine Worte —" „Das verdammte Taschentuch hat mir nicht weniger Leid verursacht, als es bei Ihnen verschuldet zu haben scheint. Ich möchte Wohl wissen, in welcher Berührung es eigentlich mit Ihren Gefühlen steht; denn ich will nur gestehen, daß es, wie Desdemona'S Tuch, Mißtrauen in meine Seele geworfen hat, nur freilich aus ganz andern Gründen." Mlle. HennequinS Wange entfärbte sich und ihre Stirn würde 163 nachdenklich; doch zeigte sie noch immer ein freundliches Lächeln für Betts und wenn sie gleich keine Ahnung hatte über die Natur eines Argwohns, welchen sie wohl kaum verziehen haben würde, so war es doch ihr sehnlicher Wunsch, keinen andern Schatten zwischen sich und Betts zurückzulaffen, als den sie bereits aus Pflichtgefühl zwischen sich und ihn geworfen hatte. Daher war ihre Antwort offen und einfach, wiewohl sic im Verlauf ihrer Eröffnungen eine tiefe Rührung nicht unterdrücken konnte. „Dieses Tuch/' erwiederte dis junge Französin, „ist ein alter Bekannter, der mir einige der peinlichsten Scenen eines Lebens zurückruft, das des Sonnenscheines nie viel gehabt hat. Sie erinnern sich wohl, Mr. Shoreham, wie ich einigemalc von einer Großmutter zu Ihnen sprach, welche sich meiner als einer verlassenen Waise annahm und später in meinen Armen starb. Dieses Tuch stickte ich, um ihr in der letzten Krankheit Unterhalt zu verschaffen, und diese Spitzen — ja diese schönen Spitzen waren ein Theil der Brautgabe der geliebten Großmutter. Ich habe sie dahin gesetzt, wo Sie sie nunmehr sehen, um den Werth meiner Arbeit zu erhöhen.'/ „Ich sehe Alles, Alles!" rief Betts Shoreham voll bitterer Reue; „ich verstehe jetzt Ihre Gefühle, theuerste, angebetete Mlle. Hennequin! Ich hoffe, diese ausgezeichnete, vom feinsten Geschmack zeugende Arbeit gewährte Ihnen all den Lohn und Trost, den Sie mit vollem Rechte davon erwarten durften?" Ein Schatten von Angst flog bei diesen Worten über Adrienne'S Züge — denn sie und keine Andere war es, welche mich anstarrte und sich dabei die ganze Geschichte ihres Leidens und ihrer Bedrängnisse zurückrief. Erst jetzt erkannte auch ich sie wieder, denn die Zeit, mein schlechtes Gedächtniß und die vollere Entwicklung ihrer Gestalt hatten mich das Bild des lieblichen Wesens vergessen lassen, dem ich so ziemlich Alles verdanke, was ich bin; ein einziger Blick, 1K4 so wie jener Zug des tiefsten Leidens in ihrem Antlitz rief mir alle srüheren Eindrücke wieder vor die Seele. „Ich empfing vielleicht so viel, als ich verdiente," erwiederte das sanfte, anspruchlose Mädchen, — denn stolz war sie bloS in dem Einen, daß sie auf dem, was sie für Recht hielt, mit Standhaftigkeit beharrte — »und jedenfalls genug, um meiner verehrten Großmutter ein christliches Begräbniß zu verschaffen. Dann kamen schwere Tage über mich, Betts, Tage des Kummers und der Entbehrung, wo ich, das niedergetretene, schnöd gemißbrauchte Werkzeug einer selbstsüchtigen Modehändlerin, gleich einer orientalischen Sklavin ums Brod arbeiten mußte. Der Zufall verschaffte mir endlich in einer Familie die Stelle einer Erzieherin. Diese Familie war mit Madame Monson bekannt und ein Anerbieten, welches in meinen Umständen für glänzend gelten konnte, brachte mich nach Amerika. Und nun werden Sie selbst erkennen, mein Herr, wie wenig ich zu Ihrem Weibe tauge. Könnten Sie eS ohne Errö- then anhören, wenn es hieße. Sie hätten eine französische Putzmacherin geheirathet?" „Aber Sie sind ja keine Putzmacherin im gewöhnlichen Sinne, theuerste Adricnnc — Sie müssen sich schon gefallen lassen, daß ich Sie so nenne — Sie sind eine Dame von Stand, und nur durch Revolutionen und Unglücksfälle in diese bedrängte Lage gekommen. Den Namen Hennequin kenne ich als einen höchst achtbaren Namen, und was kümmere ich mich um Geld, da Sie einen so unschätzbaren Werth in die Waagschale zu legen haben? Geld müßte mich unter solchen Umständen zu Boden drücken." »Ihre Großmuth überwältigt beinahe meine Skrupel: aber es kann dennoch nicht sehn. Des Namens, zu dem ich wirklich berechtigt bin, darf ich mich allerdings nicht schämen, ja er hat noch einen weit bessern Klang als der Name Hennequin, so achtbar dieser auch seyn mag; aber was ist ein Name für Jemand in meiner Lage?" 165 „Wie, Ihr Name wäre nicht Hennequin?" fragte Shoreham ängstlich. „Er ist es nicht. Meine arme Großmutter nahm ihn an, als wir das letzte Mal nach Paris kamen, aus Besorgniß, daß die Guillotine der Revolution von 1830 Nachfolgen möchte, wie sie der von 1789 gefolgt war. Diesen Namen befahl sie mir beizubehalten, und ich fand bis jetzt nicht gerathen, ihn wieder abzulcgen. Ich stamme aus der Familie de la Rocheaimard." Ein Ruf der Ueberraschung und des Entzückens tönte von ShorehamS Lippen. Adrienne mußte ihre Erläuterungen wiederhole» und ihm sogar, so genau sie eS vermochte, ihre ganze Verwandtschaft erklären. Der Leser wird sich erinnern, daß eine amerikanische Heirath in Adriennens Familie stattgesunden hatte und daß sich Alles, was das arme Mädchen noch an Verwandten besaß, von dieser Verbindung jenseits des Weltmeers herschrieb. — Einer dieser Verwandten, freilich nur Drittgeschwisterkind, war Betts Shoreham: seine Urgroßmutter war eine echte Rocheaimard gewesen und der junge Mann konnte der armen verlassenen Waise in einem Athen, ein halbhnndert Personen aufzählen, mit denen auch sie in demselben Grade verwandt war. Es ist unnüthig zu sagen, daß diese unerwartete Wendung des Gespräches das Interesse beider Theile im vollsten Maße in Anspruch nahm und zwar dergestalt, daß Betts für den Augenblick sogar seiner Liebe vergaß und Adrienne am Ende ziemlich geneigt war, die allzu scrupulösen Einwürfe fahren zu lassen, mit welchen sie ihrem Geliebten die Belohnung seiner Leidenschaft versagt hatte. Zu Erläuterungen hierüber blieb jedoch wenig Zeit, denn die Stunde mahnte zum Scheiden. „Und nun, geliebte Cousine," sagte Betts im Aufstehen und ergriff Adriennens nicht mehr widerstrebende Hand -— „werden Sie ja wohl Ihren übertrieben zarten Einwürfen gegen die Schicklichkeit meiner Bewerbung entsagen, meine angebelete Adrienne. Als Ihr nächster männlicher Verwandter habe ich ein Recht auf Ihren Ge- 166 horsam — und es ist mein Wille, daß Sie die zweite des Hauses Rocheaimard sei» sollen, die einem Shoreham die Hand reicht." „Sagen Sie, man dien oousin," fragte Adrienne, durch Thränen lächelnd — „waren Ihre Ureltern, mein Großoheim und meine Großtante glücklich? War ihre Verbindung eine gesegnete?" „Sie waren leibhafte Wunder häuslichen Glücks, ihrer Ehe .Segen ist zur Uebcrlieferung geworden in ihrem Geschlecht und lebt noch im Munde der Enkel. Selbst die Verschiedenheit in der Religion konnte keinen Schatten darauf werfen. Und dieses Beispiel, theucrste Adrienne, welches sie dem vergangenen Jahrhundert gegeben haben, wollen wir für das jetzige an uns aufzustellen suchen." Adrienne lächelte, warf dem Sprecher einen Kuß zu, und eilte aus dem Zimmer, so daß ich vergessen auf dem Sopha zurückblieb. Betts ergriff seinen Hut und verließ das Haus, ein glücklicher Mann; denn wenn er auch noch keine ausdrückliche Zusage hatte, so fühlte er sich doch seines Glückes so sicher, als er cS unter diesen Umständen vernunftgemäß nur immer verlangen konnte. Siebeiizelintes Kapitel. Aaum hatte Betts Shoreham das Haus verlassen, als Tom Thurston eintrat und Julia Monson zu seinem Empfange herabkam; — ihre Empfindlichkeit kam nämlich hier nicht in'S Spiel und es war jedenfalls sehr nobel, am Morgen eines Tages, welcher durch die Zurüstungcn für den Abend das ganze Haus in Athem erhielt, freie Zeit zum Empfangen zu haben. „Das ist so gut von Ihnen, Miß Monson," begann Tom, indem er sich verbeugte — ich horte jedes Wort vom Sopha herüber — „das ist so gut von Ihnen, da doch gewiß ihre Zeit sehr in Anspruch genommen war." 167 „Nicht im Geringsten, Mr. Thnrston — Mama und die Haushälterin haben schon Alles abgemacht und ich bin in Wahrheit erfreut, Sie zu sehen; Sie werden mir geschwind eine Schilderung des neuen Schauspiels geben —" „Ach, Miß Monson, mein Herz — meine Fassungskraft — meine Gedankenhier blieb der würdige Tom stecken und machte eine gewaltige Anstrengung, um wieder flott zu werden — „kurz, mein armes Gehirn ist so verwirrt und von dem einen Gegenstände eingenommen, daß ich nicht im Stande bin, an Schauspiele zu denken oder davon zu sprechen. Mit einem Wort — ich war nicht dort." „Ein sehr triftiger Grund, ohne Zweifel — und was hat denn Ihren Geist so in Unordnung gebracht, Mr. Thurston?" „Was anderes als das Herannahen dieses fürchterlichen Abends. Sie werden von einer Schaar von Bewunderern umlagert seyn, welche Ihnen Worte der Liebe und Anbetung zuflüstcrn, und was werde ich Aermster dann haben, um mich aufrecht zu erhalten, wenn nicht jenes göttliche Ja, welches mich einst aus den Tiefen der Verzweiflung empor gehoben hat zu dem Gipfel der Seligkeit, so hoch wie die schwindelnden Spitzen der Höhlen von Kentucky aus einer Tiefe, gleich der des Chimborazo." Tom hatte dieses Bild eigentlich umgekehrt gemeint, allein man weiß ja, daß es Verliebte mit ihren Redefiguren so genau nicht nehmen und zudem war es jedenfalls zehnmal besser, sich ein wenig zu vergaloppiren, als stecken zu bleiben. Miß Monson war gleichwohl zu gut unterrichtet und besaß zu viel ächten Geschmack, um nicht an dem seltenen Bombast und Bilderreichthum dieser Rede einigen Anstoß zu nehmen. „Ich weiß nicht, Mr. Thurston," sprach sie mit Erstaunen, „ob ich Sie recht verstanden habe, der Chimborazo ist doch keine Untiefe, so viel ich weiß, auch höre ich zum erstenmale, daß die Höhlen von Kentucky so bedeutende Erhabenheiten bieten." „Ach, ich weiß es ja, Du Lieblichste der menschlichen Weiber! — Alles, Alles mußt Du dem mächtigen, sinnverwirrenden Eindruck jenes herzdurchschauernden, hoffnungsreichen Za zuschrciben," so deklamirte Tom, indem er sich mit aller, den Stegen seiner Beinkleider schuldigen Vorsicht auf die Knie niederließ — „schreibe Alles aus Rechnung Deiner strahlenden Zweideutigkeit und der Hoffnungsqualen, die ich erleide. Wiederhole jenes „Ja", Du liebliches, trostreiches, ätherisches Wesen und erhebe mich aus dem Elend der Niedergeschlagenheit zu den stürmischen PulSschlägcn der höchsten Verzückung." „Ich lasse mich hängen," dachte Tom bei sich selbst, „wenn sie jetzt noch widersteht — ich muß im nächsten Augenblicke landen. Der Genius selbst kann ja nichts Schöneres ersinnen." Aber Julia widerstand dennoch. Sie bewunderte Tom wegen seines Aeußeren; aber kein Weib von nur einigermaßen richtigem Gefühl konnte sich dadurch so sehr einnehmen lassen, um einen so verzweifelt lächerlichen GallimathiaS zu übersehen. Einer Dame von Bildung solchen Unsinn vorznschwatzen — nein, das hieß die Gränzen der Schicklichkeit doch zu kühn überschreiten, und Tom, der seine Studien in einer Schule sehr niederen Ranges gemacht hatte, sollte bald die Entdeckung machen, daß er sich dießmal zu hoch verstiegen hatte. „Ich bin wirklich nicht sicher. Sie ganz verstanden zu haben, Mr. Thurston," gab die junge Dame halb ärgerlich und halb belustigt zur Antwort; „Ihre Sprache ist so seltsam, Ihre Bilder so ungewöhnlich-" „Sage lieber, Dein eigenes Bild, Du reizendste Verkörperung sichtbarer Inkarnation," unterbrach sie Tom, entschlossen, die Sache zu forciren, indem er sich eben eines unvergleichlichen Musters von Pfenningmagazinberedsamkeit erinnerte — „sprich nicht von Bildern, hartherzige Maid, da Du ja selbst nichts als ein Bild bist." „Ich, Mr. Thurston! — und wessen Bild soll ich denn seyn, da es Ihnen denn doch beliebt, mich dieses Verbrechens anzuklagen?" „O, unsägliches Weh! — Ja, unerbittliches Mädchen, Dein schwankendes „Ja" hat mich zur Persvnification jenes alles überwältigenden Gefühles gemacht, von welchem Deine Schönheit und Vollendung die neckende Wirklichkeit geworden ist. Ach! Ach! daß bärtige Männer" — Toms Antlitz war nämlich mit Haaren bedeckt — „ach! ach! daß bärtige Männer gar noch weinen sollen über die Unbeständigkeit weiblicher Laune!" Hier ließ Tom sein Haupt auf die Brust sinken und nahm nach einigen grunzenden Seufzern sein Taschentuch mit einer sehr pathetischen Gebärde vor'S Gesicht, indem er dachte: „Wahrlich, wenn sie jetzt nicht mürb wird, so weiß Gott allein, was ich zunächst sagen soll." So sehr Julia anfangs erschrocken war, so höchlich ergötzte sie sich nunmehr an dieser Scene. Es fehlte dem Mädchen durchaus nicht an Geist; auch hatte sie etwas von Mutter Eva's Schadenfreude in sich. Sie beschloß deßhalb, wie'S die Amerikaner im Krämerjargon nennen—„ihr Kapital bei der Sache herauszuschlagen." „Was ist denn dies für ein „Ja", von dem Sie sprechen und worauf Sie solches Gewicht zu legen scheinen?" fragte sie. „Jenes „Ja" war mein Gift und Gegengift," antwortete Tom, sich zu einem neuen und noch verzweifelteren Angriffe anschickend. „Als es zum erstenmale von Ihren Rubinlippen tönte, durchzuckte es meine verwirrten Sinne wie eine Feuerbacke." „Mr. Thurston — Mr. Thurston — was meinen Sie nur?" „Ach, hol's der Teufel," dachte Tom, „feuchtes Licht" hätte ich sagen sollen — wie zum Satan konnte ich dieses Wort vergessen? — es hätte meinen Satz so herrlich abgerundet." „Was ich meine, Engel des feuchten Lichts ?" gab Tom laut zur Antwort; „ich meine Alles was ich sage und noch ganze Loose von Gefühl dazu. Wenn das Herz beängstigt wird von unaussprechlicher Rührung, dann spricht es in Lauten, welche die Nerven tödten und die Ohren zerreiffen." Tom kam nach und nach in'S 170 Feuer und bann strömten ihm die Gedanken, wie ein Waldbach nach einem Gewitterschauer, und seine Wellen waren dann ebenso trübe wie die im Gleichniß. „Was ich meine," dachte er. „Ich meine Dich und dazu noch achtzigtauscnd Dollars wenigstens zu besitzen, oder alle Wörterbücher, Webster'S nicht ausgenommen, müßten umsonst gemacht scyn." „Das ist höchst seltsam, Mr. Thurston," versetzte Julia, deren weibliches Schicklichkeitsgefühl sich jetzt doch zu ängstigen anfing; „ich muß in der That auf einer Erklärung bestehen. Ihre Sprache scheint anzudeuten — kurz, mein Herr! ich wüßte nicht, was sie nicht anzudeuten schienen. Wollen Sie die Güte haben, mir zu erklären, was Sie mit jenem „Ja" meinen?" „Ganz einfach dies. Liebreizendste und Gütigste Ihres Geschlechts — daß Sie mich schon einmal für würdig erachtet haben, mir in Erwiederung auf meine Werbung um Ihre Hand mit jenem energischen und ermuthigenden Wörtchen zu antworten. Ja, theure kategorische Bejahung," deklamirte Tom, abermals in seinen Eour- macher-GallimathiaS verfallend,— er bildete sich nämlich ein, nicht Musik, sondern Deklamation sei die Nahrung der Liebe — „Ja, theure kategorische Bejahung, mit welchem Entzücken saugte mein trunkenes Ohr Deine melodischen Töne ein, mit welchem Uebermaaß der Wonne wiederholte sie mein klopfendes Herz auf Schwingen unsichtbarer Lüfte — was soll ich sagen — mit welch ansehnlicher Zufriedenheit erfüllte dieses Ihr Jawort meine pulsirende Seele!" „Jawort! — das ist ein gewichtiger Ausdruck, Mr. Thurston!" „So ist's, anbetungswürdige Julia und ein gewichtiges Ding dazu. Ich kenne schreckliche Folgen, welche aus der Zurücknahme einer nicht halb so bestimmt ausgesprochenen Zusage entstanden, als cs die Ihrige war." „Schreckliche Folgen? — Darf man fragen, mein Herr, auf was für Folgen Sie anspielen?" 171 „Diese Folgen, Miß Monson — ich meine die Folgen einer gebrochenen Zusage — lassen sich unter drei Rubriken bringen" — hier erhob sich Tom von der Erde, wischte sich die Knie, eines nach dem andern, mit seinem Tuche ab, und begann, seine Rede an den Fingern abzuzählen, ungefähr wie ein Anwalt, welcher seine Beweisgründe resumirt— -,ja, Miß Julia, unter drei Rubriken. Erstlich kommen die Qualen verschmähter Liebe und hierüber habe ich mich im gegenwärtigen Fall vornehmlich auszusprechen. Zunächst kommen dann die rechtlichen Folgen—wenn es nämlich die verletzte Parthei über sich gewinnen kann, mit gebrochenem Herzen einen Prozeß zu führen — Verdammt," sprach Tom bei sich selbst, „warum siel mir dieser Ausdruck nicht ein, während ich aus den Knieen lag, ich lasse mich hängen, wenn er nicht gleich einem Stilet getroffen hätte — „ja. Miß Julie, wenn es der Seele möglich wäre, sich bei gebrochenem Herzen mit solchen Präliminarien zu befassen. Die letzte Folge ist die Verzweiflung getäuschter Hoffnung." „Dies Alles ist sy, außerordentlich, Mr. Thurston, daß ich darauf bestehen muß zu erfahren, was Sie zu einer solchen Sprache gegen mich veranlassen konnte — ja, mein Herr, ich will es wissen, welche Gründe Sie dazu haben/? Tom war wie vom Blitz getroffen. Jetzt erst, da er wieder auf seinen Beinen stand und sich umschauen konnte, gewahrte er, daß seine Dame erzürnt war und daß er Pathos, Poesie und Sentimentalität wohl etwas zu stark aufgetragen hatte. Er beschloß daher mit einem plötzlichen Umschläge seiner Gefühle und seiner Taktik, sich mit einem Male in die Armesünderrolle zu werfen. „Ach, Miß Monson," rief er in etwas natürlicherem Tone, „ich sehe, daß ich Sie beleidigt und erschreckt habe. Aber schreiben Sie Alles meiner ki-be zu. Meine Leidenschaft ist so heftig, daß ich in der Verzweiflung nach jedem Mittel griff, von welchem ich mir Erfolg versprechen durfte." 172 „Dieß könnte eine Entschuldigung begründen, Sir, wäre nicht das Mittel von so ganz ungewöhnlicher Art. Gewiß haben Sie nie eine Borliebe für die absonderlichen Bilder und Rcdefiguren, deren Sie sich heute gegen mich bedient haben, an mir wahrgenommen?" „Dieses Taschentuch" — versetzte Tom, indem er mich vom Sopha aufhob — „dieses Taschentuch hat Alles zu verantworten. Ohne dieses Tuch wäre eS mir nicht eingefallen, mich so auf das Hoch-Druck-Prinzip zu legen. Aber Sie wissen ja, Miß Julia, daß Liebe ebenso gut ein Gegenstand der Berechnung ist, wie jedes andere große Ereigniß im Leben und daher mit Konsequenz behandelt sein will." „Ich bin doch gespannt, zu erfahren, Sir, wie dieses Taschentuch einen solchen Einfluß äußern konnte." „Ach, Miß Monson, Sie nöthigcn mir eine tödlliche Offenherzigkeit auf! Würden wir nicht besser thun, uns der Einwirkung des poetischen Gestirnes nicht zu entziehen?" „Wenn es Ihnen fürder um meine Achtung zu thun ist, Mr. Thurston, so werden Sie jetzt ohne allen Rückhalt mit mir sprechen. Nur die reine, lautere Wahrheit wird Gnade bei mir finden." „Zum Henker auch," lautete Thurston'S obligates Selbstgespräch — „wer weiß, sie hat einmal die Grille und will in derThat die lautere Wahrheit hören. ES ist sonnenklar, ihr Herz ist für Beredsamkeit und Poesie ebenso unempfänglich wie eine Lehmgrube; am Ende ist's am Geratensten, ihr reinen Wein einzuschenken. Diese Achtzigtausendthalermädchen tragen ohnehin Ideen in den Köpfchen, daß man glauben sollte, sie hätten gar keine Aehnlichkeit mehr mit dem übrigen Geschlecht?. — „Miß Julia," fuhr er laut fort, „ich bin von Natur so offenherzig als man nur sehn kann und sehe zu meinem Entzücken, daß ich eine verwandte Seele in Ihnen gefunden habe. Ohne Zweifel ist Ihnen an meiner Sprache beim 173 Beginn dieses so ausnehmend interessanten Gesprächs etwas ganz Absonderliches ausgefallen?" „Ich läugne nicht, Mr. Thurston, daß Ihre Sprache, um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen, sehr absonderlich war." „Klar, aber vieldeutig, pathetisch, aber launig, poetisch zugleich und vielumfaffend, prosaisch und doch voll tiefen Gefühls — da haben Sie meine Natur, die Offenherzigkeit nicht zu vergessen, welche ich an Jedermann, besonders aber an Denen, welche ich gerne heirathen möchte, anbetungswürdig finde." „Sie dehnen also diesen Wunsch auf eine Mehrzahl aus?" fragte Julia mit boshaftem Lächeln. „Gewiß, wer tugendhafte Neigungen im Busen trägt, wirdeine Vereinigung mit der Tugend wünschen, wo Letztere nur immer zu finden sehn mag. Tugend und mein tägliches Brod, das ist meine Losung, Miß Julia." „Das beweist in der That, daß Sie ein Freund der Offenheit find, Mr. Thurston — wie aber das Taschentuch?" „Nun denn. Miß Julia, da ich sehe, daß Sie selbst so aufrichtiger Natur find, so werde ich nicht minder offenherzig sepn. — Dieses Taschentuch gehört Ihnen, nicht wahr?" „Allerdings, Sir. Ich werde wohl schwerlich ein Toilettestück tragen, das nicht mir gehörte." „Edler Stolz der Unabhängigkeit! Also, Miß Monson, mir war, als ob die Besitzerin eines solchen Taschentuchs an Poesie — d. h. am Fluge der Phantasie — das ist au Beredsamkeit und Pathos, gepfropft auf Leidenschaft und Gefühl, wenn ich so sagen darf — Gefallen finden müsse." „Ah, jetzt glaube ich Sie zu verstehen, Sir. Sie wollen sagen, gesunder Menschenverstand habe Ihnen bei der Besitzerin eines solchen Taschentuches übel angebracht geschienen?" „Weit gefehlt, anbetungswürdige junge Dame; mir schien gerade hier Poesie, Beredsamkeit und Schwung der Phantasie am 17L wirksamsten anfgcboien. Was ich im Sinne habe, läßt sich durch eine ganz einfache Rechnung versinnlichen. Aber Sie wollen vielleicht nichts vom Rechnen hören? — Die Damen haben in der Regel einen Widerwillen gegen die Ziffern." „Ich mache hierin eine Ausnahme, Mr. Thurston, und bitte deßhalb, mir die ganze Sache ohne Rückhalt auseinander zu setzen." „Sie verhält sich ganz einfach also, Ma'am. Dieses Taschentuch kostet seine vollen hundert Dollars —" „Einhundert und fünf und zwanzig," verbesserte Julia rasch. „Alle Wetter!" dachte Tom, „was für ein reicher alter Narr muß doch ihr Vater sehn! Ich will sie nicht aufgeben und da Schöngeisterei und Sentimentalität bei ihr nicht sehr in Gnaden zu stehen scheinen, so laßt'S uns einmal mit der Offenheit versuchen — giebt'S ja doch Weiber, welche nur auf solche Bursche versessen sind, die gleich mit der Thür in'S Haus fallen und diese muß wohl auch darunter gehören. — Einhundert und fünf und zwanzig Dollars sind ein schön Stück Geld," fuhr er wieder laut fort, „zu sieben Procent betragen die Interessen allein ein und drei viertel Thaler und, Ankaufspreis nebst Wäsche und so weiter dazu geschlagen, mag dieses Taschentuch jährlich auf zwei Thaler kommen. Allein bei dem Wechsel der Mode, der Abnützung und sofort wird das Ding keine fünf Jahre halten und so steigert sich die JahreS- auSgabe auf sieben und zwanzig Dollars. Nun wollen wir Ihr Vermögen zu fünfzigtauscnd Thalern annehmen, Miß Julia —" Hier hielt Tom inne und warf einen neugierigen Blick nach der jungen Dame, in der Hoffnung, über diesen Punkt etwas Genaueres zu erfahren. Julia hatte Mühe, an sich zu halten, war aber gleichwohl entschlossen, dieser „Offenherzigkeit" ganz auf den Grund zu kommen. „Gut, Sir," gab sie zur Antwort, „nehmen wir'S, wie Sie sagen, zu fünfzigtausend Dollars an." „So würden die Zinsen dreitausend fünfhundert Dollars be- 175 tragen. Sieben und zwanzig mit hundert und dreißig multiplicirt" — hier zog Tom seinen Bleistift hervor und fing au zu rechnen — „gibt gerade dreitausend einhundert und fünfzig, also noch etwas mehr als der ganze Betrag der Interessen. Dreitausend fünfhundert Dollars gewähren aber, wenn man Steuern, Lasten, Einbußen und dergleichen in Abzug bringt, bei dem sichersten Grundstock nicht mehr als dreitausend netto. Setzen wir nun den Fall einer Hei- rath und werfen dem Manne nur tausend Thaler Taschengeld aus, so kommt das Ausgabenbudget auf zweitausend jährlich, d. h. auf weniger denn hundertmal so viel als das Halten eines einzigen derartigen Taschentuchs kostet, herunter, und wenn Sie vollends Miethzins, Feuerung, Mctualien und andere Lebensbedürfnisse einrechnen, so sehen Sie selbst, meine theure Miß Monson, daß sehr viel Poesie darin liegt, für ein Taschentuch eine so bedeutende Summe auszugeben." »Ich glaube Sie zu verstehen, Sir, und werde mich bemühen, aus der Lehre Nutzen zu ziehen. Da man meiner bedarf, so werden Sie mich für jetzt entschuldigen, Mr. Thurston — ich höre meines Vaters Tritte in der Halle" — so nannte Julia gleich andern Manhattanesinnen einen Gang oder Vorplatz von fünf Fuß Breite — „und will Sie also an ihn verweisen." Diese letzten Worte sollten blos ihre Entfernung aus dem Zimmer entschuldigen; Tom aber nahm sie wörtlich und figürlich zugleich. Achtzehntes Kapitel. Da Tom eine Heirath gewissermaßen als Beförderungsmittel zu betrachten gewöhnt war, so rechnete er allerdings nicht ganz ohne Sinn: das „ich will Sie an meinen Vater weisen" bedeute von Seiten der jungen Dame so viel wie eine Einwilligung und beschloß daher, diese herrliche Konstellation auf der Stelle zu benützen. 176 Zu allem Glück trat Mr. Monson nicht augenblicklich in'S Zimmer und unser Ehrenmann hatte zuvor noch einige Muhe, um seine Gedanken zu sammeln. Wie gewöhnlich nahmen diese die Form eines stillen Selbstgesprächs folgenden Inhalts an. „Die Sache macht sich famoS," schmunzelte Tom. „Ich weise Sie an meinen Vater— nun, das nenne ich einmal kurz und bündig gesprochen. Aber ich wollte doch, der Kamm wäre ihr ein wenig geschwollen, als ich bloS von fünfzigtausend Dollars sprach. Beim Licht besehen, ist es eigentlich eine verdammt geringe Summe, um sein Glück damit zu machen. Ja, wenn ich für mich selbst schon festen Fuß in der Gesellschaft gefaßt hätte, so möchte es noch angehen; allein für einen Burschen, der sich erst durch Diners, schöne Pferde rc. in die Höhe bringen muß, ist es ein wahrer Bettel. Ich werde freilich durch die Monson's Connerionen erlangen und diese sind, zwar nicht ganz, aber doch beinahe eben so gut als Geld, wenn sich'S darum handelt, einem Burschen auf die Beine zu helfen; die schlimme Seite davon ist nur, daß die lieben Verwandten auch essen und trinken. Gewiß kostet mich diese Monson'sche Sippschaft meine guten fünfhundert Dollars deS Jahres. Davon geht aber freilich auch wieder ab, was wir bei ihnen ersparen. — Hätte ich doch mit einer größeren Zahl auf den Busch geklopft; am Ende war es gar nur Bescheidenheit von ihr. Die Weiber sind mitunter bescheiden trotz dem Teufel. Doch da kömmt der Alte; nun gilt's das Eisen zu schmieden, so lange es warm ist." „Guten Morgen, Mr. Thurston," sagte Papa Monson, der sich nicht wenig zu wundern schien, um drei Uhr einen solchen Gast in seinem Hause zu sehen. „Wie! allein mit meiner Tochter zierlichem Taschentuche? Das muß eine langweilige Gesellschaft seyn." „Unter diesen Umständen keineswegs, Sir! Einem Liebenden ist jeder Gegenstand angenehm, welcher der Geliebten gehört." „Liebender — Geliebte! dies sind ja ernste Worte, Mr. Thurston 177 — ich hoffe, sie find Ihnen nur in einem Anfluge, von Galanterie entschlüpft." „Keineswegs," schrie Tom und plumpte auf seine Kniee, ungefähr wie ein Schuljunge, der schlecht memorirt hat, in seiner Noth an den Unrechten Vers kommt — „anbetungswürdiger Engel — ich bitte um Verzeihung, Mr. Monson" — mit diesen Worten erhob er sich und bürstete sich abermals sorgfältig die Kniee —, „ich bitte um Verzeihung; mein Inneres ist so verwirrt und aufgeregt, daß ich kaum weiß, was ich sage." „So scheint'» in der That, sonst würden Sie mich nicht für ein zwanzigjähriges Mädchen ansehen. Werden Sie so gut seyn, mir diese Sache zu erklären?" „Gewiß, mein Herr! — ich bin verwiesen." „Sie sind verwiesen? was wollen Sie damit sagen?" „Gar nichts, mein Herr, als daß ich verwiesen ^bin — ich fordere keinen Dollar, auf Ehre, Sir. Ihr liebenSwertheS Gemüth, ihre reizende Person ist Alles, was ich suche und ich bedaure nur, daß sie so reich ist. Ach, ich würde der glücklichste Junge von der Welt seyn, Mr. Monson, wenn die englische Julia keinen Cent im Vermögen hätte." „Die englische Julia wird Ihnen unendlich verbunden seyn, Mr. Thurston; jetzt aber lassen Sie uns ernstlich von der Sache reden. Was habe ich unter Ihrem „verwiesen seyn" zu verstehen?" „Ganz einfach, baß mich Miß Julia in ihrer Autwort auf meine Bewerbung an Sie, mein Herr, verwiesen hat." „Das soll also heißen, daß Ihre Bewerbung von ihrer Seite her angenommen wird?" „Nichts anderes; sie gab vor wenigen Minuten ihre Zustimmung in einem so himmlischen ,Ja/ wie es nur je von den Purpurlippen der Liebe kam." „Dies kommt mir aber in der That so ganz unerwartet, Sir, Das gestickte Taschentuch. 12 178 daß Sie mir erlauben müssen, meine Tochter einen Augenblick zu sprechen, ehe ich eine entscheidende Antwort gebe." Damit verließ Mr. Monsvn das Zimmer und Tom begann abermals zu denken. „Ha," meinte er, „am Ende geht noch Alles vortrefflich. Dies ist das erste Mal, daß ich bis zum Vater gelangt bin, obgleich ich jetzt schon sechs und zwanzig Mädchen meine Hand angeboten habe. Mit solch einem Papa heißt eS gleichsam einen Handel für'S ganze Leben schließen. Ich weiß nicht, aber mit dem Dollar bin ich am Ende zu weit gegangen, wiewohl es zur Regel gehört, im Anfang uneigennützig zu scheinen, wenn man sich auch nachher wie der Satan um die Kapitalien wehrt. Laß doch sehen, was besser ist — soll ich ihm jetzt schon auf den Zahn fühlen oder die nächste Unterredung ab- wartcn? Einige Winke zur rechten Zeit könnten jedenfalls nicht schaden. ES giebt solche alte Philister, welche bei Lebzeiten nichts aus den Klauen lassen wollen und gar noch behaupten, es müsse unser Einem, der sich nicht einmal selbst erhalten kann, Wunder was für Vergnügen machen, ihre Töchter durch „Industrie," wie sie eS nennen, zu ernähren. Ich bin so industriöS als ein junger Mensch nur sehn kann und schulde jetzt gleichwohl den Betrag meines Kosttisches seit sechs Monaten. Nein — nein — ich will ihm lieber gleich zu Leibe gehn und eine Demonstration machen, wie Napoleon eS nannte." Die Thüre ging auf und mit gerötheten Wangen und etwas strengem Blicke, doch immer noch ruhig in Ton und Haltung, trat Mr. Monson ein; Julia hatte ihm in zehn Worten Alles erklärt. „Jetzt glaube ich in dieser Sache ganz im Reinen zu sehn, Mr. Thurston," begann der Vater im vollkommensten Geschäftstone; „Sie wünschen meine Tochter zu heirathen?" „Errathen, Sir, und sie mich — d. h. so weit sich dieß mit der zarten Scheu weiblicher Gefühle verträgt." 179 „Eine sehr paffende Einschränkung. Und Sie wurden verwiesen?" „Ja, Mr. Monson, diese trostreichen Worte haben meine Ohren erquickt — ich wurde verwiesen. (Bei Seite) Der alte Pinsel liebt ein Bischen Aufschneiderei so gut wie ein Mädchen." „Und Sie wollen sie ohne einen Cent nehmen, wie Sie sagen?" „Sagte ich wirklich so? — nicht doch, Dollar war da» Wort, wenn ich nicht irre. Von Cents kann zwischen Ihnen und mir wohl kaum die Rede seyn." „So mag'S also beim Dollar bleiben. Sie haben meine Einwilligung, Sir, aber unter einer Bedingung." „Sprechen Sic, Sir. Nennen Sie fünf oder sechs auf einmal, mein theurer Mr. Monson — Sie sollen sehen, wie ich sie erfüllen werde." „ES genügt an der einen. Wie viel Vermögen glauben Sie, daß ein Paar, wie Sie und meine Tochter, beim Eintritte in die Welt nöthig hat, »m glücklich zn werden? Nennen Sie mir eine Summe, welche nach Ihrem eigenen Erachten hiefür genügt." „Wie viel, Sir? — Sie sind ein Muster von Großmuth, Mr. Monson! Sie wollen doch, daß wir ein anständiges Haus machen, wie es einem Gentleman und Ihrem Schwiegersöhne geziemt." „Ich meine ein Vermögen, das euch Beiden eine freie, behagliche Eristenz sicherte." „Natürlich Wagen und Pferde! Alles auf noblem, liberalem Fuße." „Auf einem Fuße, welcher geeignet ist, das Glück von Mann und Frau zu begründen." „Gegenseitige Achtung — eheliche Glückseligkeit — und so weiter. Ich setze voraus, die Diners find nicht vergessen, Sir, so wie überhaupt di« Mittel, um nach ächter New-Vorker Sitte mit seinen Mitbürgern gleichen Schritt zu halten?" „Mit einem Worte — Alles, was zu den Ausgaben eines Herrn und einer Dame von Stand gehört." „Unvergleichlich liberal — liberal wie der rosige Morgenschimmer! Nun denn, Sir, wenn ich auf Ihren Vorschlag ganz in dem Sinne eingehe, wie er von Ihnen gemacht wird, so möchte ich behaupten, daß Julia und ich mit hunderttausend Dollars recht behaglich leben könnten. Ja, ja, das könnten wir gewiß, vorausgesetzt, das Geld sei wohl angelegt und bestehe nicht bloS aus luftigen Kapitalien." „Nun, Sir, es freut mich, daß wir einander so gut verstehen. Ist meine Tochter wirklich geneigt, sich mit Ihnen zu verbinden, so bin ich bereit, die Hälfte dieser Summe zu geben, sobald Sie mir Nachweisen können» daß Sie im Stande sind, den Rest voll zu machen." „Mein Herr! — Mr. Monson!" ' „Ich meine, wir setzen Beide Dollar gegen Dollar." „Ha! ich verstehe, was Sie meinen, Sir. Aber, Mr. Monson, das hieße eine gesetzliche Verbindung zur Wette, zum Spiel herabwürdigen, einen schmutzigen Handel damit treiben. Nein, Sir — nichts wird mich je vermögen, dieses ehrwürdige Institut durch solch ärmliche Bedingungen zu erniedrigen." „Dollar um Dollar, Mr. Thurston!" „O du heiliger Ehestand! — Es heißt die bessere Hälfte unserer Natur antasten!" „Nehmen und geben!" „Das Sakrament de; Ehe auf gleiche Linie stellen mit dem schnöden Feilschen um einen Hund oder ein Pferd!" „Hälfte um Hälfte!" „Mein ganzes Wesen empört sich gegen eine solche Entweihung, Sir! — Ich will mit einer Mitgift von sünfundsiebzigtausend Dollars zufrieden sehn, und damit sey die Sache abgemacht." 181 „Gleichheit, Mr. Thurston,ist die Grundlage einer glücklichen Ehe.« „Sagen Sie fünfzigtausend Dollars, Mr. Monson, und wir wollen nicht länger darum streiten. Lassen Sie nur wenigstens diesen Gesichtspunkt eines schnöden Handels fahren, so will ich selbst vierzigtausend gelten lassen." „Nicht einen Heller, für den Sie nicht einen aus Ihrem Beutel darauf.legen." „Dann, mein Herr, wasche ich meine Hände in Unschuld; wenn der armen jungen Dame das Herz brechen sollte, so ist mein Gewissen wenigstens rein von Verbrechen. Nie soll man vpn Thomas Thurston sagen: er habe sich so weit vergessen, daß er um ein Weib feilschte." „So müssen wir uns also trennen und die Verhandlung wird sich zerschlagen." Tom erhob sich mit Würde und schritt bis zur Thüre. Die Hand schon auf der Klinke, gab er noch sein Ultimatum: „Ehe ich zugebe, daß das Lebensglück eines so reinen und lieblichen Wesens geopfert werde, will ich lieber selbst jedcs^mit der Ehre irgend verträgliche Opfer bringen — ich nehme sogar dreißigtausend Dollars, Mr. Monson." „Nach Ihrem Gefallen, Sir, aber so, daß Sie dreißigtausend Dollars aus Ihrem Vermögen dagegen setzen." „Meine Natur empört sich gegen diesen Vorschlag, und somit guten Morgen, Sir." Tom räumte nun wirklich das Feld und Papa Monson brach in ein so herzliches Lachen aus, daß man wohl sah, wie sehr ihn das Gelingen seiner Kriegslist erfreute. „Da rede mir einer von Scylla und Charybdis!" begann Tom wieder in seinem Selbstgespräch, als er mit seinen fehlgeschlagenen Plänen allein war, und den Schweiß dieser Krise von der Stirn wischte. — „Wo Teufel glaubt denn der alte Narr, daß ich sünfzigtausend Dollars hernehmen soll wenn er sie mir nicht erst giebt? Hat man je von einem so verrückten alten Pinsel ge- 182 hört? Da ist ein junger Bursche, der ihm seine Tochter um dreißigtausend Dollars — um das halbe Geld, kann man sagen — abnehmen will und der alte Narr schwatzt noch davon, ich solle Cent um Cent aus meinem eigenen Beutel daneben legen. Ich wußte bis jetzt noch gar nicht, was dieses Cent um Cent zu bedeuten hat. Laß sehen — ich lbesitze gerade zweiunddreißig Dollars sechs- undncunzig Cent, und hätten wir auch um Kupfermünzen gespielt, ich würde es doch nicht länger als eine halbe Stunde ausgehalten haben. Aber mit einer Moral habe ich dem alten Knicker aufgetrumpft, wie er sie sein Lebtage nicht gehört hat! Nun, da es hiemit vorbei ist, will ich mich wieder an meinen alten Schatz, des Gewürzkrämers Tochter machen, und lassen mich Kleider und Schnurrbart ganz im Stiche, so muß ich eben mein bischen Latein und Griechisch hervorsuchen und New-Uork mit Boston vertauschen. ES heißt, einem Burschen, der die Klassiker ein bischen los habe, sehen dort ein dreißig- bis vierzigtausend Dollars so sicher, wie die Semmel auf dem Laden. Hätten doch meine Alten einen Schulmeister aus mir gemacht; ich ginge mit dem ersten Boote davon. Zum Henker auch — als ich bis zu dreißigtausend Dollars herunterging, dachte ich, würde er trotz einem Hechte anbeißen. Er kann nun lange warten, bis er wieder Gelegenheit findet, sie so wohlfeil loS zu werden." Damit hatte der LiebeShandel zwischen Thomas Thurston und Julia Monsun sein Ende erreicht. Die Letztere hatte einen solchen Widerwillen gegen mich gefaßt, daß sie kaum einen schicklichen Anlaß erwarten konnte, um mich Mlle. Hennequin unter dem Vorwände anzubieten, daß sie bei dieser ein lebhaftes Verlangen nach meinen» Besitze entdeckt habe. Adrienne sträubte sich anfangs etwas gegen das Geschenk wegen des Preises, der für mich bezahlt worden war; zuletzt aber nahm sie es in sichtbarer Bewegung an. Wie viel Thränen hat das gute Kind über mich vergossen, als wir zum ersten Mal allein beisammen waren! Ich dachte, das Herz müßte ihr brechen, und es möchte wohl wirklich etwas der 183 Art geschehen sepn, wenn nicht Julia zur guten Stunde mit einer launigen Schilderung der Scene zwischen ihrem Vater und dem Anbeter dazwischen gekommen wäre. An demselben Abend fand der Ball Statt und ging mit großem Glanze vor sich, ohne daß übrigens meine Wenigkeit dabei erschienen wäre, da Adrienne mit vollem Rechte glaubte, ich würde sür ein Mädchen in ihrer Lage kein schicklicher Begleiter sehn. Nach amerikanischen Begriffen war dies freilich nicht ganz richtig ; denn in diesem Lande der Freiheit schickt sich jedes Ding für Jedermann, sobald er sichs verschaffe» kann; allein Adrienne war nicht in einem Lande der Freiheit ausgewachsen und ihr schien es nothwendig, ihren Anzug in einige Uebcreinstimmung mit ihren Mitteln zu bringen. Daß ich eine Art von Adelsdiplom abgab und durch mein Auftreten selbst in der Brust einer Rathsherrntochter Gefühle des Neids zu erregen vermochte, — davon ließ sich das gute Kind nichts träumen. Wer mein Nichterscheinen auf dem Balle am wenigsten bemerkte, war Betts Shoreham, dessen Aufmerksamkeiten für Adrienne an diesem Abend so unverhohlen waren, daß selbst in MrS. MonsonS Brust eine Ahnung der Wahrheit zu dämmern begann. Der Tag nach dem Balle war ein Tag der Aufklärungen. Adrienne bekannte, wer sie war, erzählte meine Geschichte und machte Herrn Monson mit ihrem Berhältniß zu Shoreham und mit dessen Bewerbung bekannt. Ich war bei der Unterredung zugegen und bin es der Wahrheit schuldig, zu gestehen, daß Mrs. Monson sich in ihren Erwartungen allerdings ziemlich getäuscht zeigte. Doch war ihr Benehmen durchaus edel und einer Dame von Erziehung und von Grundsätzen würdig. Adricunen ward von allen Seiten zugesprochen, Betts Bewerbungen anzunehmen, und ihre Skrupel hinsichtlich der Vermögensungleichheit wichen allmählig vor MrS. Monson's eindringlichen Gründe». „Welch ein Kontrast zwischen jenem sauberen Mr. Thurston und unserer Adrienne!" bemerkte Mrs. Monson kurz nach jener 184 Unterredung in einem tete-ä-teto gegen ihren Gatten. „Dort der Mann, der, ohne selbst einen Heller zu besitzen, unsere Tochter haben will, — hier ein armes Mädchen, welches den Mann ihrer Wahl ausschlägt, weil sie ohne einen Heller Vermögen ist!"" „So viel thut die Erziehung, meine Liebe. Je nach den Grundsätzen, die wir in zarter Jugend eingepflanzt erhalten, werden wir eben sowohl schmutzige Egoisten, als jeder Selbstverläugnung fähig. ES läßt sich allerdings nicht verkennen, daß in unserem Amerika die Glücksjägerei seit den letzten zehen Jahren Riesenschritte gemacht hat und um so ungescheuter mit ihren Anmaßungen hervortritt, als es uns mehr denn anderen Ländern jan socialen Schranken, sie abzuwehren, gebricht." „Adrienne wird ohne Zweifel Mr. Shoreham heirathen; sie liebt ihn, und wenn man wirklich liebt, so pflegen Bedenklichkeiten, wie sie sie hegt, nicht gerade unüberwindlich zu sepn." „Oh — er ist der Mann, um Dollar gegen Dollar zu setzen. Ich wollte, sein Auge wäre auf Julien gefallen." „ES ist nun einmal anders gekommen und wir können es nur bedauern. Adrienne hat schon halb und halb,ja° gesagt und ich werde ihr eine anständige Aussteuer geben, denn bei uns muß die Hochzeit sein, das versteht sich von selbst." Und so geschah es. Einen Monat nach jenem Tage waren Betts Shoreham und Adrienne de la Nocheaimard Mann und Frau. MrS. Monson veranstaltete ein hübsches Hochzeitsfest und ein paar Tage darauf nahmen die Neuvermählten von ihrem eigenen Heerde Besitz. Natürlich folgte ich der wiedergefundenen Herrin in die neue Heimath und halte so Gelegenheit, mir die Süßigkeiten eines Honigmonats in der Nähe anzusehen. Beinahe hätte ich vergessen, dem Leser zu sagen, daß Betts darauf bestand, Julien die hundert fünf und zwanzig Dollars, die ich gekostet hatte, zu ersetzen, wogegen Adrienne ein anderes Hochzeitsangebinde von gleichem Werth, aber in anderer Gestalt, von 185 ihr empfing. — Dies geschah bloS, damit Adrienne, wenn sie mich vorzeigte, sagen konnte, daß ich ihrer Hände Werk und die Spitze», die mich zierten, ein Familienerbstück seyen. Gleichwie es verschiedene Mittel giebt, durch die einzelnen Artikel eines Ehe-VertragS das Gewissen der Contrahenten zu beruhigen, so giebt'S auch allerlei Wege, um die Stimme der verwundeten Eigenliebe zu beschwichtigen. Taschentücher haben ihre Revolutionen so gut wie Staaten. Ich befand mich nun in meiner ersten Nestaurationsperiode und obwohl ich mich vollkommen glücklich fühlte, so brachte es doch mein französisches Blut mit sich, daß mein Blick sich schon wieder auf neuen Wechsel richtete, wie denn ein Temperament, welches den Bourbonen schon zweimal ihren Thron gekostet hat, mich Wohl schwerlich im ruhigen Besitze des meinigcn lassen wird. Adrienne liebt ihren Mann über Alles: aber auch ich besitze ein Plätzchen in ihrem Herzen. Selten vergeht eine Woche, ohne daß sie mich in Händen hat und oft, wenn das Gefühl ihres gegenwärtigen Glücks sie zu überwältigen droht, findet sie eine Art schmerzlicher Lust in der Erinnerung an die düsteren Stunden, in denen sie mich zu dem schuf, was ich jetzt bin. Dann stießen ihre Thränen ungehemmt und ich fühle wohl den sanften Druck ihrer kleinen, zarten Hand, wenn sie für die Seele ihrer Großmutter Gebete zum Himmel sendet oder sich für das Glück, dessen sie sich nunmehr freut, in brünstigem Danke ergießt. Bälle und Gesellschaften sind fürder nicht mehr die Glanzpunkte meines Lebens; es beschränkt sich vielmehr ausschließlich auf die verschwiegenen Räume des Closets, wo die Liebenden die köstlichen Augenblicke zärtlicher Vertraulichkeit genießen. Weit entfernt, mein stilles LooS zu beklagen, muß ich vielmehr dankbar anerkennen, daß kaum je ein Individuum meines Geschlechtes höher begünstigt war als ich, dessen Tage wohl eigentlich im Schooße der Unschuld und Herzenseinfalt hinfließen. Einmal erst, seit dem ich bei meiner neuen -Herrin* bin — bei einer de la Rocheaimard kann nämlich von dem plebejischen Baas und Baasin nicht die Rede sein — bekam ich in der Person von Klara Ca- verly eine alte Bekannte zu Gesicht. Sie ist eine entfernte Verwandte ShorehamS und wurde bald mit ihrer neuen Cousine vertraut. Eines Tages sah sie mich auf einem Tische liegen und rief» nachdem sie mich genauer betrachtet hatte: „Zwei Dinge setzen mich hier in Erstaunen, MrS. Shoreham — daß Sie überhaupt eines dieser Dinger hier besitzen"— ich muß gestehen, diese Bezeichnung wollte mir nicht recht gefallen — „und dann, daß ich gerade dieses Tuch bei Ihnen finde." „Wie so, obere Klara?"— Wie klang doch dieser Name so reizend in dem Munde meiner Gebieterin gegen das schnarrende Klärry! „Nun, einmal sieht es Ihnen sonst nicht ähnlich, für ein so zweckloses, prunkendes Ding so viel Geld auszugeben — und dann gleicht dieses Dingelchen einem Tuche, welches einst einer meiner Bekannten gehörte — das arme Kind! ihr sind jetzt die Mittel zur Verschwendung benommen! Natürlich kann hier bloS von einer Ähnlichkeit die Rede sein, da —" „Nein, nein. Sie haben recht gesehen, Klara — es ist in der That dasselbe Tuch. Aber für mich ist eS nicht ein Putzartikel, sondern ein Freund." Der Leser kann denken, wie ich mich hier in die Brust warf. Es galt eine Ehre für die Gattung, eine Ehre, welche me in er Stellung insbesondere einen Grad von Würde ertheilte, der meiner Eigenliebe höchlich schmeichelte. Klara'S Miene aber drückte unvcrholenes Erstaunen aus. „Ich werde Alles erklären," fuhr Mrs. Shoreham fort. „Dieses Taschentuch ist meine eigene Arbeit und mir wegen der Erinnerungen, die sich daran knüpfen, unendlichtheuer." Adrienne erzählte dann die ganze Geschichte nnd auch Klara Caverly wurde nun meine Freundin, wie ich wohl sagen darf. Ja, diese Klara, welche mich früher nur mit Gleichgültigkeit oder gar mit Widerwillen angesehen hatte, küßte mich jetzt, während ihre Thränen auf 187 mich fielen, und seitdem habe ich auf diese Weise der Reihe nach alle Vertrauten meiner Gebieterin erobert. Nicht so gut erging es mir aber bei der Welt. Dort erregte mein plötzliches Verschwinden nicht minderes Aufsehen, als mein Auftreten in ihr veranlaßt hatte. Tom Thurston's Bemühungen um Miß Monsvn hatten den Neid und folglich die Aufmerksamkeit aller andern Glücksjäger der Stadt rege gemacht; natürlich konnte also das plötzliche Abbrcchen seiner Bewerbung nicht unbemerkt bleiben. Aber man weiß ja, wie geschickt diese Herren ihren Rückzug zu maskiren wissen. Tom erklärte, der alte Herr habe abgebrochen, als die Sache bis auf den Punkt der Mitgift gediehen sey; er habe das Mädchen gern gesehen und sie deßhalb mit fünf und siebenzigtausend Thaler nehmen wollen, aber der Alte sei zu keinem höheren Gebot als dreißigtausend zu bringen gewesen. „Auf solch ein Gebot," meinte Tom, „konnte natürlich kein Mann von Ehre eingehen. Ein Mädchen mit solch einem Taschentuche mußte von Rechtswegen ihre vollen Hunderttausend mitbringen und ich bin nicht der Mann, den man mit halben Maaßregeln abspeiöt. Der Alte ist ein ausgemachter Narr. Das Tuch ist nicht mehr z» sehen; sie haben den Schild eingezogen und werden nun hoffentlich gewitzigt sein und ein andermal vernünftigere Saiten aufziehen." Einen Monat später war auch Tom verheirathet. Ich hörte John Monson die Einzelnheiten dieser ergötzlichen Geschichte in Shore- ham'S Bibliothekzimmer — wo ich zu meinem großen Vergnügen gewöhnlich verweile, da ich in die Bücher ganz vernarrt bin — unter lautem Lachen preisgeben. — Tom hatte, wie eS scheint, sein Auge auf die Tochter eines Spezereihändlers von bekanntem Wohlstände geworfen, traf aber hier mit einem Ritter seines eigenen Ordens zusammen, welcher, um den lästigen Nebenbuhler los zu werden, das Augenmerk des guten Tom auf eine andere Dulcinea, die Tochter eines Fleischers, zu lenken wußte, deren Vater eben 188 sein Geschäft aufgegeben hatte, um sich irgendwo im Metzgerlanbe ein schönes Haus zu bauen. „Das ist ein Mädchen für Dich," sprach der falsche Freund, „Du weißst, alle Fleischer find reich und denken nicht eher an'S Bauen, als bis ihre Säcke das Geld nicht mehr fassen können. Das macht, weil sie immer nur zusammenscharren und nichts auS- geben. Denke nur, wie hoch das Rindfleisch in den letzten Jahren stand und dann leben diese Leute vom Geruch der Ochsenviertel. Ich sage Dir, Tom, das ist Dein Mädchen. Nur dem Alten ein Bischen den Bart gestrichen und eine halbe Million kann Dir, wenn Du Deine Zeit abwartest, nicht entgehen." Tom sprang mit gleichen Füßen in die Schlinge. Er schmeichelte dem Alten, erhielt Zutritt in der Familie, eroberte im Nu alle Herzen, erklärte sich nach kaum vierzehn Tagen, wurde angenommmen und hielt Hochzeit, ehe ein Monat verging. Zehn Tage darauf blieben die Subsidien vom schwiegerväterlichen Hause aus — das Geld war geschmolzen, der Herr Papa hatte seine Zahlungen eingestellt. Es scheint, der würdige Schlächter hatte bei einem der Schwindelgeschäfte, in welche das halbe Land verwickelt war, gleichfalls die Hand im Spiele gehabt. Meister Tom steckte in einer garstigen Klemme. Er hatte eine Fleischerstochter geehlicht und dieß war hinreichend, ihm jede Thüre auf Broadway und in der Bondstreet zu verschließen. Anstalt auf den Schultern seiner Frau in gute Gesellschaft emporzusteigen, sah er sich durch sie an den Schößen darausgezogen. Und für All dieß nicht einen rothen Heller Vermögen! Ihre leeren Taschen hielten seinen leeren Taschen das Gleichgewicht; die Zukunft bot eine trostlose Aussicht. Tom berielh sich mit einem Nechtsgelehrten über eine Scheidungsklage auf den Grund „ betrüglicher Vorspiegelungen;" ja, er war sogar dazu bereit, diesen Punkt zu beschwören. Aber es war nichts zu machen; die Heirath genügte allen gesetzlichen Erfordernissen und Tom — wanderte nach Teras. än unserem Verlage sind nunmehr vollständig erschienen: Samuel Warrens gesammelte Werke. Aus dem Englischen von vr. Carl Kolb. I—V. Band. 193 Vogen in SchiUerformat. Inhalt: I. Mittheilungen aus dem TageLuche eines Arztes, vollständig in achtundzwanzig Erzählungen: 1. Der angehende Arzt. 2. Der Krebs. 3. Der Zahnarzt und der Komiker. 4. DaS Sterbebette eines Gelehrten. 3. Die Vorbereitung auf eine Par- lamentSrede. 6. Das Duell. 7. LiebeSwahnwitz. 8. DaS gebrochene Herz. 9. Da« Opfer der Schwindsucht. 1V. Der gespenstische Hund. jit. Der Fälscher. 12. Der Wüstling. 13. Der Tod am Putzlisch. 14. Der umgedrehte Kopf. 15. Die Gattin. 16. Leichenraub. 17. Der Besessene. 18. Der Philosoph als Märtprer. 19. Der Staatsmann. 20. Eine leichte Erkältung. 21. Reich und Arm. 22. Der ruinirte Kaufmann. 23. Die vom Blitz Getroffene und der Boper. 24. Die Büßerin. 25. Die Frau des BaronetS. 26. Mutter und Sohn. 27. Der Kaufmannsdieuer. 28. Der Verderber. II. Marrens im Jahr 1842 neu erschienenen Roman: Zehntausend Pfund Renten, oder die Geschichte des Sir Tittlebat Titmouse und der Familie Aubrey; beide Bücher in einer durchaus vollständigen, dem Originale treuen Uebertragung. Zn beziehen 1) heftweise, in 25 Heften mit zehn Stahlstichen, deren jedes 7'/, Sgr. — 27 kr. rh. — 24 kr. C.M. kostet. 2) bandweise, in fünf Bänden, die folgende Preise haben: Band I. 1 THIr. 5 Sgr. fl. 2. 6 kr. rh. fl. 4. 45 kr. C.M. >, II. 1 . S . „ 2. 8 . . 4. 45 . III. 1 . 5 . . 2. k . , 4. 45 . „ IV. 4 . — . . 4. 48 , . 4. 80 , „ V. - . 25 „ . 4. S0 . . 4. 45 . 3) mit eincmmale, vollständig, zu 5^/z Thlr. — fl. 9. 36 kr. rh. — fl. 8. — C.M. —Mit den 10 Stahlstichen 11 fl. 6 kr. — 6-/g Thlr. — fl. 9. 15. kr. C.M. Wir erlauben uns, vorzugsweise die verehrlichcn Abnehmer unserer Ausgabe von Coopers Romanen auf Samuel Warrens Werke aufmerksam zu machen, die wir der deutschen Lesewelt zum erstenmale vollständig und in einer den übrigen Klassikern gleichförmigen Sammlung übergeben haben. Wer sich mit den berühmten Namen der neueren englischen Literatur, mit Bulwer, Marryat, Boz, Cooper u. A. befreundet hat, wird den Verfasser der „Mittheilungen aus dem Tagebuche eines Arztes" nicht missen können und ihn an nachhaltigem Interesse jenen Vorgängern mindestens gleichstellen: namentlich versprechen wir aus der Erzählung: „Zehntausend Pfund Renten", die hier zum erstenmale deutsch erscheint, einen Genuß, der sich schon in der kurzen Zeit seit ihrer Vollendung vielfach erprobt hat. Auf dem angehängten Blatte geben wir aus beiden Werken eine Druck- und Papierprobe. Stuttgart, Herbst 1844. S. G. Lieschiugs Verlagsbuchhandlung.