getroffen werden. Unter diesen Umständen mußte Adri'enne da« Er-scheinen Dösiröe's, welche ihr im Laufe des Morgens einen Besuchmachte, wozu sie die Scene von gestern, der sie großentheils beige-wohnt hatte, zu berechtigen schien — als ein wahres Glück betrachten.
Sic bot Adrienne ihre Dienste als Kommissionärin an unddiese, wohl oder übel, mußte sie annehmen, da sie in solchen Dingennicht für sich selbst zu handeln gewöhnt war. Kaum hatte sie dienöthigc Anweisung oder vielmehr die Antwort auf ihren eigenenWink erhalten, so eilte sie sogleich von dannen, um die erforderlichenWeisungen zu geben und Adrienne blieb nun wieder allein bei derLeiche ihrer geliebten Großmutter.
Sobald ihre Aufregung nachließ, trat eine tiefe Abspannungan deren Stelle und ihre eigenen körperlichen Bedürfnisse fingenan sich fühlbar zu machen. Seit mehr als dreißig Stunden warkeine Nahrung mehr über ihre Lippen gekommen und ein ärmliches,trockenes Brod war ihr letztes Frühstück gewesen. Vor Hungereiner Ohnmacht nahe, fühlte sie nach ihrer Börse, um Natalienzu einem benachbarten Bäcker zu schicken — und jetzt trat ihr dasganze Elend ihrer Lage in nackter Wirklichkeit vor Augen. Siehatte nicht einen Heller; der letzte Sous war für das gestrigeFrühstück daraufgegangen.
Schon fühlte sie eine todtähnliche Schwäche über sich kommen,als ihr angstvoll umherspähendcS Auge auf das Tischchen fiel, worinsie gewöhnlich die für ihre Großmutter bestimmte Nahrung aufbe-wahrt hatte. Da stand noch etwas Gerstenschlcim und eine dünneBrodsuppe, und obgleich dies Alles war, was das arme Kind vomHungertode zu trennen schien, so zauderte sie doch, sich dieser Speisenzu bedienen: kam dies doch ihren Augen gleichsam wie eine Verletzungdes Heiligsten vor. Sie besann sich einen Augenblick — da ge-wann aber die richtigere Betrachlung die Oberhand, daß ihre Pflichtfür die the»re Berwandte von ihr fordere, ihre körperlichen Kräftezu erneuen, um auch der Todten noch ihre Schuld zu entrichten.
Das gestickte Taschentuch. 5