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bei Weitem üb ertraf. Da sie sich ihrer Meisterschaft in der Nadelbewußt war, so sah sie hierin auch gar nichts UeberraschendeS, destoseltsamer däuchte eS ihr aber, daß die ergiebigste und beste Arbeitam schlechtesten bezahlt wurde. Sie verstand zu wenig von denRänken selbstsüchtiger Spekulation, um zu wissen, daß es zu dengewöhnlichsten Kunstgriffen derselben gehört, geschickte Arbeiter inUnwissenheit über ihre Vorzüge zu erhalten, damit es ihnen nicht ein-falle, für ihrer Hände Werk eine angemessene Belohnung anzusprechen.
Die Modistin erschrak, als ihr Adrienne mit der Würde einerfeingebildeten Dame Vorstellungen machte; sie sah sich in Gefahr,ihre Beute zu verlieren. Zwei Hülfsmittel boten sich ihr dar —Erhöhung des Lohnes oder der Versuch, die Dienste, welche sie soungern verlor, in ihrem Werthe herunterzusetzen. RücksichtsloseSelbstsncht, sowie die Zuversicht auf ihre oft erprobte Schlauheit,bestimmten sie mit dem Letzteren den Anfang zu machen.
„Sie machen mich staunen, Mademoiselle!" Hub sie an, alsAdrienne, zitternd ob dem was sie gewagt, ihre Rede geendet hatte.„Ich war lange mit mir im Zweifel, ob ich Ihnen nur fünfzehnSous geben könnte, da so manche in dieser Beschäftigung ausge-wachsene Mädchen sich mit geringerem Lohne begnügen. Ich fürchte,wir müssen uns trennen, es wäre denn, daß Sie von nun an mitzwölf Sous vorlieb nähmen."
Adrienne stand wie erstarrt. Sie selbst, der Spiegel der Wahr-heit und Lauterkeit, konnte nie auf den Gedanken kommen, daß einMensch — und gar noch eine Frau — falsch und grausam genugscyn könnte, um ein solches Spiel mit ihr zu treiben: und jetztgerade, da sie die Möglichkeit vor sich zu sehen glaubte, ihr undihrer Großmutter Leben noch bis zur Vollendung des Taschentuchszu fristen, jetzt mußte ihr ein Wechsel drohen, der ihr Alles, Allerentziehen sollte! Und selbst in dieser furchtbaren Krisis blieb ihrGewissen noch so zart, daß sie Bedenken trug, ob sie ihren früheren