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Hätte Adrienne schon länger in dieser kalten, herzlosen Weltgelebt, sie wäre wohl schwerlich das Opfer einer so plumpen Er-pressung geworden. So aber, unerfahren wie sie war und erschrecktdurch die berechnete Ruhe der Wuchrerin, erbat sie sich die paarFranken so demüthig, als ob ihr eine Gnade damit widerführe,und entfernte sich eilig.
Erst als sie wieder allein auf der Straße war, fing sie ander Sache reiflicher nachzudenken. Mit fünf Franken konnte ihreGroßmutter kaum eine Woche leben, sogar wenn sie den kleinenVorrath an Holz und Wein mit einrechnete, den sie noch besaß,und nun hatte sie keine goldene Fingerhüte mehr wegzugcben. Eintiefer Seufzer rang sich aus ihrem Busen und Thränen traten ihrin die Augen; allein man bedurfte ihrer zu Hause und so hatte siekeine Zeit, über die ganze Größe ihres Versehens nachzudenken.
Sechstes Kapitel.
Beschäftigung ist ein süßer Trost im Unglück. Von all' densinnreichen Martern, welche je im Lauf der Zeiten ersonnen wordensind, ist wohl keine nur halb so grausam, als einsames Gefängniß— da zehrt der Geist, gefräßig wie der Geier des Prometheus, ameigenen Leben, besonders wenn ein böses Gewissen seinen Hunger ver-mehrt und seine Gier noch höher anfacht.
Adrienne hatte zu ihrem Glücke der augenblicklichen marter-vollen Sorgen so viele, daß ihr selten eine müßige Minute blieb,um hinter sich in die Vergangenheit zu sehen oder den bangenBlick in die Zukunft zu richten. Noch mehr — sie besaß ein reinesGewissen, denn nie hatte ein reineres Herz, ein edlerer Sinn ineines Weibes Brust gelebt. Und doch konnte das gute Kind sichPflichtvergeffenheit vorwerfen und es vergingen Stunden und Tage,bis ihre GewiffenSskrupel wegen jener unbedachten Weggabe des