Anstand, den Luis unabänderlich beobachtete, und die Achtung,welche er seinem Schützling zollte, verfehlte ihres Einflusses nichtauf Ozema'S Gefühle, denn so wild und ungekünstelt auch ihre Er-ziehung war, so ließ sie doch der tief innenwohnende und untrüg-liche Instinkt des Schwachen die Gewalt nicht verkennen, welche sieüber den Starken übte.
Hiezu kamen noch Luis Bemühungen, ihr einige Begriffe vonReligion beizubringcn, die in einer unvollkommenen Erklärung undbei ihrem Haften an übelverstandenen Spitzfindigkeiten liefe und be-dauerliche Jrrihümer in ihrem bildsamen Geiste zurückgelaffen hatten.Ozema glaubte, daß die Spanier das Kreuz anbetcten. Sie sah,daß man es bei allen öffentlichen Eeremonien voran stellte, davorniedcrkniete und augenscheinlich es bei jeder mehr als gewöhnlichenfeierlichen Verpflichtung anrief. Wenn ein Ritter ein Gelübde that,so küßte er das Kreuz seines Schwertgriffes. Die Mairosen blick-ten mit Ehrfurcht darauf hin, und selbst der Admiral hatte es alsein Zeichen seines Rechtes auf das Gebiet, das ihm von Guacanagariabgetreten worden war, auspflanzen lassen. Mit einem Worte, dasKreuz erschien ihrer ununterrichteten Phantasie als ein Pfand derTreue bei allen eingegangenen Nerbindlichkeiten. Sie hatte da»kostbare Kleinod auf der Brust unseres Helden oft betrachtet undbewundert; und da es unter ihrem Volke Sitte war, als Zeicheneines geschloffenen EhebündniffeS werthvolle Unterpfänder auSzutau-schen, so glaubte sie in diesem kostbaren Schmucke die Betheurungzu empfangen, daß unser Held sie in einem Augenblicke, wo derTod sie auf immer trennen sollte, als Gattin anerkenne. Weiter alsdieß ließ sie ihre Einfachheit und Zärtlichkeit nicht folgern oder glauben.
Es bedurfte wohl einer Stunde, bis Jsabella alle diese That-sachen und Gefühle Ozema entlockte, obgleich letztere nichts zu ver-hehlen wünschte und in der That auch nichts zu verhehlen hatte.Nun kam aber der schmerzlichste Theil der Aufgabe, nemlich der,das vertrauensvolle Mädchen zu enttäuschen und sie in die bittere