I. F. Looper» Amerikanische Romane, n en aus dem Englischen übertragen. Giifter Maird. Donna Mercedes von Castilien. Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesching. 184 6 . Donna Mercedes van Castilien, oder die Gntdeckrmg von Amerika. Von I. F. Cooper. Aus dem Englische» ron vr. C. Kolb. Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Liesch ing. 18 L 6 . - . MEWMMLl V o r r e d e. Es ist in den letzten Jahren so viel über die Entdeckung Amerika's geschrieben worden, daß es nicht sonderlich überraschen dürfte, wenn sich eine gewisse Elaste von Lesern geneigt zeigte, die Richtigkeit aller in der gegenwärtigen Schrift enthaltenen Angaben in Abrede zu stellen. Einige werden sich vielleicht auf die Geschichte beziehen und aus dieser den Beweis führen wollen, daß Personen, wie der Held oder die Heldin unserer Erzählung nie gelebt hätten, woraus die Folgerung entspringen wird, daß durch eine derartige Nachweisung die Glaubwürdigkeit des ganzen Buches in ein Nichts zerfalle. Zur Begegnung dieses muthmaßlichen Einwurfes geben wir die Versicherung, daß wir verschiedene spanische Schriftsteller von Cervantes an bis auf den Uebersetzer von Columbus Tagebuch (dem Alpha und Omega der hieher einschlägigen Literatur der Halbinsel) sorgfältig studirt und die Schriften Irvings und Prescotts vom Anfang bis VI zum Ende gelesen haben; daß wir aber in keinem auch uicht eine Sylbe fanden, welche als ein entschiedener — oder überhaupt auch nur als der mindeste Beleg betrachtet werden dürfte, um eine Beanstandung der fraglichen Theile unserer Erzählung zu rechtfertigen. Wir werden daher unsere Angaben so lange als unumstößlich festhalten, bis irgend ein positiver Beweis gegen dieselben aufgebracht werden rann, und begründen unsere Ansprüche auf Glaubwürdigkeit so lange durch keine geringere Autorität, als die unserer eigene Versicherung. Diese unsere Zumuthung an den Leser enthält übrigens nichts Ungereimtes oder Ungewöhnliches, denn bei weitem der größere Theil dessen, was nicht nur täglich, sondern sogar stündlich dem Publikum auf Treu und Glauben dargebotcn wird, hat kein besseres Creditiv aufzuweisen, und es findet im Ganzen nur der kleine Unterschied statt, daß wir Wahrheiten im Gewände der Dichtung hinstellen, während die Herren des dermaligen literarischen Marktes in ihren moralischen Diatriben die Ausgeburten ihrer Phantasie unter der Firma der Wahrheit preisgeben. Kommen wir in Folge dieser freilich nicht besonders wesentlichen Verschiedenheit ein wenig in Schatten zu stehen, so müssen wir uns dieß freilich gefallen lassen. Trotz dem möchte es aber gut seyu, uns hinsichtlich Eines Punktes unumwunden auszusprechen. Bei der Erzählung der ,/Reise nach Cathay" hatten wir das Tagebuch des Admirals oder vielmehr so viel von demselben, als VII uns durch die Betriebsamkeit eines sehr unfähigen und armseligen Herausgebers erhalten wurde — vor uns liegen. Entschieden hat dieser Mann nicht immer seinen Autor verstanden und namentlich über einen Umstand so dunkel berichtet, daß er den Novellisten, der natürlich mit allen Gedanken und Gefühlen, mit den Charakteren und gelegentlich auch mit gänzlich unbekannten Schicksalen seiner Helden vertraut seyn muß >— in keine kleine Verlegenheit brachte. Der Seemann rechnete nämlich ehedem den Tag vom Mittag an; aber trotz unseres angeborenen Scharfsinnes und unserer tiefen Einsicht in derartige Fragen der Technik waren wir nicht im Stande, ausfindig zu machen, ob der Herausgeber des Tagebuchs die ebengemeldete Zählungsmethode adoptirt oder ob er sich zu der gemeineren und unverständigeren Weise der ,/Landratten« herabgclassen hat. Wir wollen jedoch mit dem einem Geschichtschreiber so wohl ziemenden Geiste der Unparteilichkeit annehmen, daß er beides zugleich that. Ueber die unbedeutenderen Personen unserer Erzählung brauchen wir nicht viel zu sagen. Jedermann weiß, daß Eolumbus Matrosen in seinen Schiffen hatte und daß er mehrere Eingeborne von den Inseln, welche er entdeckte, mit nach Spanien zurückbrachte. Der Leser soll jetzt mit einigen dieser Individuen näher bekannt werden, als es ihm (wie wir wohl zu behaupten wagen dürfen) aus irgend früher erschienenen Schriften möglich war. Was die untergeordneten Vorfälle betrifft, die mit bekannten geschichtlichen Ereignissen jener Periode in Verbindung stehen, so hoffen wir so gründlich zu Werke gegangen zu seyn, daß dem Leser wohl alle weiteren Nachforschungen über diese Eheste unseres Stoffes erspart bleiben dürsten. Dccember 1840. Erstes Kapitel. Ein Klopfen erschüttert der Flur Gestein; ES schallt eine Stimme am Thor, Daß Einlaß begehre mit seinen Reih'n Der Cid Ruy Diaz, der Campeador. MrS. Heman». Alßgen wir den Bildern des unnachahmlichen Cervantes, oder den Gemälden jenes kaum weniger verdienstvollen Schriftstellers, * von welchem Le Sage seinen unsterblichen Roman borgte,*»— den ernstere» Erzählungen der Geschichte oder den Berichten der neueren Reisenden Glauben beimeffen; kaum treffen wir auf eine Zeit, wo in Spanien die Herbergen gut und die Straßen sicher gewesen wären. Ueberhaupt scheint das Volk dieser Halbinsel dazu verdammt zu sehn, sich nie dieser beiden Segnungen der Civilisalion erfreuen zu dürfen, denn zu allen Zeiten hörte man von mancherlei Unbilden, welche den Reisenden sowohl von Räubern als von Wirlhen widerfuhren. Wenn dies aber sogar zu der Geschichte unserer Tage gehört, so war cs noch viel mehr in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts der Fall, in welche Periode wir die Phantasie des Lesers zurückzusühren wünschen. Im Anfänge des Monats October 1469 hielt der Regent von Aragon, Juan von Trastamara, seinen Hof in Zaragoza, einer Stadt am Ebro, deren muthmaßlich aus Cäsarea Augusta gebildeter Name in unseren Tagen als Saragossa, wie sie von den Fremden genannt wird, wegen ihrer Waffenthaten zu hoher Berühmtheit gelangt ist. Juan von Trastamara, oder wie er gewöhnlich in der * MarcoS Obrcgon. » Eil Mas. Donna Mercedes. Lte Ausl. t 2 Reihe der Könige heißt, Johann der Zweite, war einer der schlauesten Monarchen seiner Zeit; aber die vielen Kämpfe mit den unruhigen, oder wenn man lieber will, freiheitsliebenden Cataloniern, hatten ihn arm gemacht, wie er denn überhaupt genug zu thun hatte, um sich nur auf dem Throne zu erhalten, da er über ein vielgestaltiges Reich herrschte, welches außer dem angestammten Aragon, sammt dessen Zubehör Valencia und Catalonicn, noch Sicilien, die balkarischen Inseln und einige sehr zweifelhafte Rechte auf Navarra in sich faßte. Zu diesen Besitzungen wäre auch noch das Königreich Neapel gekommen, wenn nicht das Testament seines altern Bruders und Vorgängers diese Krone einem eigenen unehelichen Sohne hinterlaffen hätte. Die Negierung des Königs von Aragon war eine lange und unruhige gewesen, und eben jetzt befand sich seine Schatzkammer durch die Opfer, welche wegen der Unterwerfung der empörten Catalonier gebracht werden mußten, in einem Zustande fast völliger Erschöpfung, obgleich er einem Siege näher war, als er voranS- sehen konnte, da sein Nebenbuhler, der Herzog von Lothringen, nur ein paar Monate nach dem Zeitpunkte, den wir für den Beginn unserer Erzählung ausgewählt haben, eines plötzlichen Todes starb. Es ist jedoch dem Menschen versagt, in die Zukunft zu blicken; und am neunten des erwähnten Monats wurde der Scharfsinn des königlichen Schatzmeisters auf keine leichte Probe gesetzt, als er ganz unerwartet zu einer Zeit, wo die Armee im Begriffe war, sich wegen Ausbleiben des Soldes aufzulösen, und die öffentlichen Kaffen nicht weiter, denn die sehr mäßige Summe von dreihundert Enriguez (einer nach einem früheren Monarchen benannten Goldmünze in dem ungefähren Werthe eines Ducaten) enthielten, um eine sehr beträchtliche Summe angegangen wurde. Die Angelegenheit war jedoch zu dringend, um sich verschieben zu lassen, und selbst die Zwecke des Krieges mußten diesem plötzlich angeregten Unternehmen gegenüber, obgleich es sich mehr aus Privatangelegenheiten bezog, in den Hintergrund treten. Man hielt Versammlungen des Staatsraths, schmeichelte den Capitalisten oder schüchterte sie ein, und die Eingeweihten unter den Höflingen befanden sich augenscheinlich in einem Zustande der grüßten und ernstesten Aufregung. Endlich schien die Zeit der Vorbereitungen vorüber und der Augenblick des Handelns gekommen zu seyn. Die allgemeine Neugierde wurde befriedigt und die Bürger von Saragossa durften erfahren, daß der König wegen hochwichtiger Angelegenheiten eine feierliche Gesandtschaft an seinen Nachbar, Verwandten und Verbündeten, den Monarchen von Castilien, zu schicken beabsichtige. Im Jahre 1469 saß Heinrich, gleichfalls aus dem Hause Trastamara, unter dem Titel Heinrich IV. auf dem Throne der benachbarten Königreichs. Er war in männlicher Linie der Enkel eines Bruders von dem Vater Johanns II. und also der Sohn eines Geschwisterkindes von dem Monarchen AragonS. Aber obgleich man hätte erwarten sollen, daß diese Verwandtschaft nahe genug sey, um in den gemeinschaftlichen Familien-Interessen ein kräftiges Band zu finden, so waren doch gar manche freundschaftliche Gesandtschaften nöthig, um den Frieden zwischen beiden Fürsten aufrecht zu erhalten; das Nuchbarwcrden der gegenwärtigen Sendung veranlaßte daher in den Straßen der Stadt eher Zufriedenheit als Verwunderung. Obgleich Heinrich von Castilien über größere und reichere Landstriche der Halbinsel herrschte, als sein Vetter von Aragon, so fehlte es ihm doch auch nicht an Sorgen und Bekümmernissen. Er hatte seine erste Gemalin, Bianca von Aragon, verstoßen, um Johanna von Portugal zu ehelichen, eine Prinzessin von so offenkundig leichtfertigem Charakter, daß sie nicht nur am Hofe großes Aergerniß gab, sondern auch auf die Geburt ihres einzigen Kindes, seiner Tochter, das zweideutigste Licht warf—Umstände, welche die Abneigung gegen die Mutter in Haß umwandeltcn und Veranlassung gaben, daß das Kiud seiner Reichserbansprüche beraubt wurde. 4 Der Bater Heinrichs war, wie der Sohn, zweimal vermählt gewesen, und hatte aus zweiter Ehe einen Sohn und eine Tochter, Alfons und Jsabella hinterlaffen, von denen die letztere später unter dem doppelten Titel „der Königin von Castilien" und „der Katholischen" eine Berühmtheit erlangte. Heinrichs verschwenderische, ohnmächtige Regierung hatte einen Theil seiner Unterthanen zu offener Empörung getrieben. Drei Jahre vor dem Beginn unserer Erzählung war sein Bruder Alfonso an seiner Statt als König ausgerufen worden, und die Schrecken des Bürgerkriegs hatten durch alle Provinzen getobt. Dieser Krieg war in der letzten Zeit durch Alfonso'S Tod zu Ende gekommen, und ein jeweiliger Friede durch einen Vertrag hergestellt worden, in welchem Heinrich einwilligte, seine Tochter — oder vielmehr die Tochter Johanna'S von Portugall — von der Reichsnachfolge auszuschließen, und seine Halbschwester Jsabella als rechtmäßige Thron- crbin anzuerkennen. Dieses letztere Zugeständniß war ein Werk der herben Nothwendigkeit, und führte, wie zu erwarten stand, zu manchen geheimen und gewaltsamen Maßregeln, durch welche man die Folgen derselben zu entkräften hoffte. Unter andern Mitteln, welche der König, oder vielmehr dessen Günstlinge — da die Un- thätigkeit und Gleichgültigkeit des trägen aber gutmüthigen Fürsten sprüchwörtlich war — versuchten, um den wahrscheinlichen Folgen von JsabellenS voraussichtlichem Regierungsantritt entgegen zu arbeiten, beabsichtigte man auch, sich dadurch zum Herren ihres Willens und ihrer Politik zu machen, daß man ihre Hand zuerst einem Unterthan, und dann einem oder dem andern fremden Fürsten geben wollte, wobei jedoch stets auf Menschen Rücksicht genommen wurde, durch welche man ihre Macht brechen zu können hoffte. Ueberhaupt war gerade zu dieser Zeit die Vermählung der Prinzessin die wichtigste Aufgabe der spanischen Staatsklugheit. Auch der Sohn des Königs von Aragon war einer der Bewerber um JsabellenS Hand, und die meisten, welche von der beabsichtigten 5 Abreise der Gesandtschaft Härten, kamen natürlich zuerst auf die Vermuthung, daß diese Sendung in einiger Beziehung zu jenem wichtigen Zwecke der aragonesischen Politik stehe. Jsabella stand in dem Rufe der Gelehrsamkeit, Bescheidenheit, Klugheit, Frömmigkeit und Schönheit, und war zudem die anerkannte Erbin einer so beneidenswerthen Krone. Kein Wunder also, daß sie Schaaren von Freiern heranzog, unter denen sich, außer dem bereits erwähnten Aragonier, auch Prinzen aus Frankreich, England uyd Portugal befanden. Die verschiedenen Günstlinge unterstützten verschiedene Bewerber, und mühten sich, ihre Absichten durch die gewöhnlichen Hof- und Partei-Jntriken durchzusctzen, während die königliche Jungfrau, der Gegenstand so vielseitiger Bewerbung und Eifersucht, eine kluge Zurückhaltung beobachtete, fest entschlossen, ihren zartesten weiblichen Gefühlen nichts zu vergeben. Ihr Bruder, der König, war im Süden und gab sich dem Vergnügen hin, indeß die Prinzessin, lange an eine verhältnißmäßige Einsamkeit gewöhnt, sich allen Ernstes mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigte und dieselbe in einer Weise betrieb, wie es ihr die Begründung ihres eigenen Glückes zu fordern schien. Nach mehreren Versuchen, sich ihrer Person zu bemächtigen, denen sie nur durch den schleunigen Beistand der Waffen ihrer Freunde entrann, hatte sie sich nach der Provinz oder, wie man es auch sonst nannte, dem Königreich Leon geflüchtet, in dessen Hauptstadt Valladolid sie ihren jeweiligen Aufenthalt nahm. Da jedoch Heinrich noch immer in der Nähe von Granada, weilte, so müssen wir dem Leser diese Richtung als diejenige bezeichnen, welche die Gesandtschaft zu nehmen hatte. Der Zug verließ mit dem Frühmorgen eines herrlichen Herbsttages Saragossa durch eines der südlichen Thore. Er halte das gewöhnliche Geleite von Lanzen, die der beunruhigte Zustand des Landes nöthig machte, bärtige, wohlgewappncte Adelige, ohne deren Schutz sich Niemand, der genug besaß, um Räuber anzu- 6 locken, der Landstraße anvertraute — eine lange Reihe bepackter Maulthiere und eine Schaar Leute, deren AeußereS halb Diener, halb Soldaten bekundete. Diese Schau zog eine Menge Volkes nach sich, welches zum Thcil Gebete für einen glücklichen Erfolg sprach, bei weitem in der Mehrzahl aber, wie es bei ununterrich» teten Schwätzern gewöhnlich der Fall ist, sich in schalen und unreifen Vermuthungen über den wahrscheinlichen Zweck und die Ergebnisse dieser Reise erschöpfte. Aber auch die Neugierde hat ihre Gränze, der sprachseligste Plauderer wird endlich müde, und als sich die Sonne zum Niedergang senkte, hatten die meisten von dem Pöbel bereits vergessen, über die Morgenparade zu denken und zu sprechen. Bei Einbruch der Nacht war jedoch der kürzliche Prunkaufzug noch der Gegenstand der Unterhaltung zwischen zwei Soldaten, welche zu der Wache des nach der Provinz BurgoS führenden westlichen ThoreS gehörten. Diese Ehrenmänner brachten ihre Stunden in der sorglosen Weise wachstehender Gemeiner zu, bei denen der Geist der Redseligkeit und der Tadelsucht die Gedanken und der Lärm des Tages überlebt hat. „Wenn Don Alonso de Carbajal in dieser Weise weit zu kommen gedenkt," bemerkte der ältere der beiden Müßiggänger, „so wird er wohl daran thun, ein scharfes Auge auf sein Gefolge zu haben, denn die Armee von Aragon hat nie ein schäbigeres Geleite ausgeschickt, als das, welches er heute durch das südliche Thor führte, trotz des Flitterstaats an den Schabraken und des Trompetengeschmetters. Ich sage Dir, Diego, wir hätten von Valenzia Lanzen schicken können, die für eine königliche Gesandtschaft besser gepaßt hätten, ja, und auch würdigere Ritter, um sie anzusühren, — als diese Aragonier. Doch, wenn der König zufrieden ist, so steht es Soldaten unseres Gleichen nicht zu, darüber zu murren." „Manche denken, Rodriguez, es wäre besser gewesen, das für solche höfische Bevollmächtigungen verschwendete Geld zu sparen, lind die braven Männer zu bezahlen, welche so bereitwillig ihr Blut verspritzten, um die rebellischen Barcellonier zu unterwerfen." „Das ist immer die Weise des Gläubigers gegen den Schuldner, Junge. Don Juan ist Dir einige Maravedis schuldig, und Du brummst bei jedem Knriquez, den er für seine eigenen Bedürfnisse ausgibt. Ich bin ein alter Kerl, und habe die Kunst gelernt, mich selber bezahlt zu machen, wenn die Schatzkammer zu arm ist, um mir diese Mühe zu ersparen." „Das mag wohl in einem Krieg gegen die Fremden, zum Beispiel gegen die Mauren, angehen; aber diese Catolonier sind im Grunde doch so gute Christen, als wir selbst, und einige davon auch eben so gute Unterthanen; auch ist es nicht so leicht, einen Landsmann, als einen Ungläubigen zu plündern." „O, viel leichter, zwanzigmal leichter! denn der eine weiß, daß ihm dieses Loos blüht, und hat, wie alle in einer solchen unglücklichen Lage, selten etwas, was des Nehmens lohnte, während Dir der Andere seine Vorrathskammer so freimüthig aufschließt, als sein Herz. Aber wer sind diese, die sich noch in so später Stunde auf die Landstraßen wagen?" „Burschen, die reich scheinen wollen, indem sie sich arm stellen. Ich wette, Rodriquez, daß dieses ganze Bedientenpack "miteinander nicht Geld genug in der Tasche hat, um die Aufwärter zu bezahlen, die ihnen zum Nachtessen gesottene Eier Vorsitzen." „Bei Sanct Jago, meinem heiligen Schutzpatron!" flüsterte lächelnd einer der Führer eines kleinen Zuges, der mit einem einzelnen Begleiter etwas vorausgeritten war, als ob es ihm wenig ausmachte, mit den klebrigen etwas zu vertraut zu werden, „jener Schuft ist der Wahrheit näher, als mir lieb ist. Wir haben vielleicht Geld gerade genug, um für uns alle eine Olla potrida * sammt der " Ein LieblingSgericht der Spanier, welches aus verschiedene» klein ge. schnitte»«» und zusammengedämpften Flcischartcii besteht, wozu viel Speck kommt. 8 Bedienung zu bezahlen, aber ich zweifle sehr, ob uns eine Dublone übrig bleiben wird, wenn wir an dem Ziele unserer Reise anlangen." Ein leiser aber ernster Verweis zügelte diese unüberlegte Heiterkeit, und die Gesellschaft machte an dem Thore Halt. Alle ritten auf Maulthiercn, und schienen ihrem Aeußern nach, Kaus- leute zu seyn, da in jener Zeit die verschiedenen Stände sich schon an ihrem Anzug erkennen ließen. Das Verlassen der Stadt bedurfte keiner besonder» Erlaubniß, und der schlaftrunkene, folglich ärgerliche Thorschließer entfernte langsam die Querhölzer, um die Reisenden hinaus zu lassen. Während diesen nöthigen Vorkehrungen standen die zwei Soldaten etwas seitwärts und betrachteten sich ruhig die Gruppe, obgleich sie der spanische Ernst verhinderte, ihre Verachtung offen an den Tag zu legen, als sie unter den Kausleuten zwei oder drei Juden bemerkten. Die Kaufleute selbst gehörten jedoch der bessern Claffe an, wie sich aus einigen Geleitern ersehen ließ, welche in Livree hintendrein ritten, und sich in respektvoller Entfernung hielten, während ihre Herren die kleine Abgabe entrichteten, die dem Herkommen gemäß für das Oeffnen des Thores zur Nachtzeit bezahlt werden mußte. Einer dieser Diener, der ein tüchtiges muthigcS Maulthier ritt, kam während dieser kurzen Zögerung s» weit in die Nähe unseres Diego, daß dieser, von Natur gesprächig, sich nicht enthalten konnte, sein Sprüchlein anzubringeu. „Sage mir, Pepe," begann der Soldat, „wie viel hundert Dublonen zahlt man Dir jährlich für Deinen Dienst, und wie oft erneuert man Dir dieses schöne LederwammS?" Der Diener des Kaufmanns, welcher noch ein Jüngling war, obgleich seine kräftige Gestalt und seine gebräunten Wangen auf starke Anstrengungen in Wind und Wetter deuteten, fuhr auf und errüthete bei dieser unverholenen Ausfrage, die von einem vertraulichen Schlag aus'S Knie begleitet wurde, wobei noch ein Kneipen in den Schenkel die Nngebundenheit des Lagers bekundete. Wahr- 9 scheinlich unterdrückte Diego'S Lachen einen plötzlichen Ausbruch des Unwillens, denn der Soldat war einer von denen, deren Weise zu viel Gutmüthigkeit verrieth, als daß man leicht hätte empfindlich werden können. „Dein Kneipen mag wohl gut gemeint sevn, Kamerad, aber es ist etwas derb," bemerkte der junge Dienstmann mild; „ich möchte Dir aber rathen, in Zukunft eine solche allzu große Vertraulichkeit zu unterlassen; fie könnte Dir sonst eines Tages einen zerbrochenen Schädel eintragen." „Beim heiligen Pedro, eS sollte mir ein Vergnügen machen —" Er kam jedoch zu spät; denn da die Kausleute bereits weiter geritten waren, gab der Jüngling seinem Maulthiere scharf den Sporn, worauf das kräftige Thier vorwärts schoß, und durch diese Bewegung unfern Diego, der sich hart an den Sattelknopf gedrängt hatte, beinahe umwarf. „Der Junge hat Feuer," rief der gutmüthige Soldat, als er sich wieder in'S Gleichgewicht gesetzt hatte. „Ich glaubte einen Augenblick, er habe im Sinne, mir die Ehre einer Bekanntschaft mit seiner Hand angedeihen zu lassen." „Du hast Unrecht, und solltest Dir solche Unbesonnenheiten abgewöhnen, Diego," cntgegnete sein Kamerad. Kein Wunder, wenn Dich der junge Mann für die unwürdige Behandlung, die Du ihm angethan hast, zu Boden geschlagen hätte." „Ha! der gemiethete Bediente eines kriechenden Juden! — Er hätte es wagen sollen, einen Streich nach einem Soldaten des Königs zu führen." „Er mag wohl seiner Zeit selbst ein Soldat de« Königs gewesen seyn. Wir leben in Zeiten, wo an die meisten von seinem Körperbau und seinen Muskeln der Aufruf ergeht, einen Harnisch anzulegen. Es ist mir, als ob ich dieses Gesicht schon früher gesehen hätte, ja, und noch obendrein an einem Orte, wo es für Feiglinge nicht gerathen war, hinzugehen." 10 „Pah, der Kerl ist nichts weiter, als 'ein Bedienter — ein Lasse, der eben hinter dem Ofen der Mutter hervorgekrvchen ist." „Ich stehe dafür, daß er schon dem Catalonier und dem Mauren die Spitze geboten hat, so jung er auch auSsteht. Du weißt, daß der Adel seine Söhne fast noch als Kinder in'S Gefecht zu schicken pflegt, damit sie sich in Zeiten ritterlich benehmen lernen." „Der Adel?" wiederholte Diego lachend. „Im Namen aller Teufel, Rodrigo, woran denkst Du, daß Du diesen Schuft zu einem jungen gnädigen Herrn machst? Hältst Du ihn etwa für einen verkappten Guzman oder Mendoza, weil Du mir da etwas von Rittern vorfaselst?" „Hm — es scheint in der That einfältig; aber doch habe ich schon vordem diese Stirne im Kampfe gesehen und diese kräftige Stimme gehört, wie sie zum Angriff rief. — Bei San Jago de Compostella, jetzt Hab' ich's! Hör' einmal, Diego! — ein Wort in'S Ohr." Der Veteran führte nun, obgleich Niemand in der Nähe stand, der hätte zuhören können, seinen jüngeren Kameraden bei Seite, sah sich vorsichtig um, um sich zu überzeugen, daß er keinen Lauscher zu fürchten habe, und flüsterte einen Augenblick in Diego'S Ohr. „Heilige Mutter Gottes!" rief der letztere und fuhr vor Ueberraschung und Schrecken drei Schritte zurück. „Du kannst unmöglich Recht haben, Rodrigo!" „Ich will meiner Seele Seligkeit daran setzen," erwiederte der Andere mit Bestimmtheit. „Habe ich ihn nicht oft mit geöffnetem Visier gesehen und bin ich ihm nicht oft genug zum Angriff gefolgt?" „Und er sollte reisen als der Bediente eines Kaufmanns — oder gar, wie es mir vorkam, als der Knecht eines Juden?" „ES ist unser Geschäft, Diego, darein zu schlagen, ohne uns um 11 die streitigen Punkte zu kümmern; wir müssen Augen haben, ohne zu sehen, und Ohren, ohne zu hören. Don Juan ist ein guter Herr und unser gesalbter König, obgleich es in seinen Kaffen mager auSsteht; und so wollen wir uns denn als seine verständigen Soldaten beweisen." „Aber er wird mir nie den Schlag auf sein Knie und meine thürichte Zunge verzeihen. Ich werde eS nicht wagen, ihm je wieder vor die Augen zu treten." „Hm! — ES ist nicht wahrscheinlich, daß Du ihm je an der Tafel des Königs begegnen wirst, und auf dem Schlachtfeld ist er gewohnt, der Vorderste zu sehn, wo er sich dann wenig versucht sinken wird, zurück zu blicken, um nach Dir zu sehen." „Du glaubst also, er werbe mich nicht wieder kennen?" „Wenn eS auch wäre, Junge, so könnte es Dir nicht viel ausmachen. Leute, wie er, haben mehr Anforderungen an ihr Gedächtniß, als sie überhaupt befriedigen können." „Die heilige Mutter Gottes gebe, daß Du wahr prophezeihst, sonst würde ich es nie wieder wagen, in Reih' und Glied zu erscheinen. Hätte ich ihm einen Dienst geleistet, so dürfte ich hoffen, vergessen zu werden; aber eine Beleidigung haftet lange in dem Gedächtnisse!" Die Soldaten entfernten sich und nahmen von Zeit zu Zeit ihr Gespräch wieder auf, wobei der Aeltere seinem geschwätzigen Kameraden die Tugend der Vorsicht nicht oft genug empfehlen konnte. Die Wanderer hatten inzwischen ihren Weg mit einer Hast fortgesetzt, welche eben so gut ihr Mißtrauen gegen die Sicherheit der Straße, als ihren Wunsch, schnell vorwärts zu kommen, bekundete. Sie reisten die ganze Nacht durch und gönnten sich keine Rast, bis die Wiederkehr der Sonne sie wieder der Beobachtung Neugieriger aussetzte, unter denen sich manche Späher Heinrichs von Castilien besorgen ließen, denn man wußte, daß seine Agenten 12 ein besonderes wachsames Auge auf die Wege zwischen der Hauptsladt von Aragon und Valladolid hielten, in welch letzterer Stadt die Schwester des Königs erst kürzlich eine Zuflucht gesucht hatte. ES ereignete sich jedoch nichts, was diese Reise vor irgend einer andern in dieser Periode ausgezeichnet hätte. In dem Aeußern unserer Wanderer war nichts, was die Aufmerksamkeit von Heinrichs Soldaten, die in starken Abtheilungcn die Gränzpäffe bewachten, hätte anziehen können; auch waren dermalen die gewöhnlichen Räuber durch die Anwesenheit derjenigen, welche im Namen ihres Fürsten dieses edle Gewerbe trieben, von der Heerstraße verdrängt, und so erreichte der Zug bald und ohne Gefährde das Gebiet von Soria, einer Provinz von Alt-Castiiien. Der junge Mann, welcher Anlaß zu dem Gespräche der beiden Soldaten gegeben hatte, ritt emsig hinter seinem Herrn her, so lange es dem letzter» gefiel, im Sattel zu bleiben, und beschäftigte sich während der wenigen, kurzen Pausen, welche die Wanderung unterbrachen, wie die übrigen Diener mit den Obliegenheiten seines Berufs. Am Abende des zweiten Tages jedoch, ungefähr eine Stunde von dem Wirthshause, wo sich die Gesellschaft zuletzt mit einer Olla potrida und etwas saurem Wein gelabt hatte, brach plötzlich der bereits erwähnte humoristische Jüngling, welcher sich noch immer an der Seite seines älteren und ernsteren Gefährten im Vortrabe befand, in ein lautes Gelächter aus, hielt sein Maul- thicr an und ließ de» ganzen Zug an sich vorbei, bis er sich an der Seite des von uns besonders hervorgehobenen Dieners befand. Letzterer warf einen ernsten, verweisenden Blick auf seinen angeblichen Gebieter, ritt aus ihn zu und sprach mit einer Würde, die wenig für ihre gegenseitige Stellung zu paffen schien: „Was soll das, Nunnez? Was veranlaßt Dich, Deine Stellung vorn zu verlassen und Dich einer unziemlichen Vertraulichkeit mit den Dienern im Nachtrab hinzugeben?" „Ich bitte tausendmal um Verzeihung, mein chrcnwerther 13 Juan," entgegnete der Herr unter fortdauerndem Lachen, obgleich er sich augenscheinlich mühte, aus Achtung vor dem Andern seine Heiterkeit zu zügeln; „aber es ist uns ein Ungemach zugestoßen, das alle jene Fabeln und Erzählungen von Zauberei und irrendem Ritterthum bei weitem übcrbietet. Dem würdigen Meister FerreraS dort, der so geschickt mit dem Gold umzugehen weiß und sein ganzes Leben im Kauf und Verkauf von Haber und Gerste zugebracht hat, ist seine Börse abhanden gekommen, die er wahrscheinlich in dem letzten WirthShauS liegen ließ, als er das steinharte Brod und dar ranzige Oel bezahlte. Ich zweifle, ob wir jetzt alle mit einander noch zwanzig Realen aufbringen können." „Und ist es ein Gegenstand zum Scherzen, daß wir mit unserer Baarschaft auf der Hefe sind?" entgegnete der Diener und ein leichtes Lächeln zuckte um seine Lippen, als ob er Lust hätte, in die muntere Laune seines Gefährten einzustimmen. „Doch, Gott sey Dank, Osma kann nicht mehr ferne seyn, und so brauchen wir uns über den Verlust nicht allzusehr zu grämen. Aber jetzt, mein Gebieter, erlaube mir, Dir zu gebieten, daß Du Deinen Platz in diesem Zuge wieder einnimmst und Dich nicht wieder zu einer so unziemlichen Vertraulichkeit gegen Deine Untergebenen herabläffest. Ich bedarf Deiner nicht mehr; eile daher zu Meister FerreraS zurück und bezeuge ihm meine Theilnahme und mein Bedauern." Der angebliche Diener wandte sein Auge lächelnd ab, als ob er selbst beabsichtigte, den eigenen Ermahnungen Ehre zu machen, während der Andere augenscheinlich nach einem Blick des Wohlwollens und der Gunst von ihm haschte. Eine Minute später war der Zug wieder in der gewöhnlichen Ordnung. Als die Nacht vorrückte und die Stunde herannahte, wo Menschen und Thiere sich der Ruhe hinzugeben pflegen, trieben unsere Reisende ihre Maullhiere am kräftigsten an, und gegen Mitternacht erreichten sie nach manchen harten Sporenstößen das Hauptthor der kleinen, mit Mauern umgebenen Stadt OSma, 14 welche unweit der Gränze der Provinz BurgoS, aber noch auf dem Gebiete von Soria lag. Der voranreitende junge Kaufmann war mit seinm Maulthiere kaum an dem Thore angelangt, als er mit seinem Stocke einige Schläge danach führte, um denen im Innern seine Gegenwart kund zu thun. Die Maulthiere der Hinteren waren leicht znm Halten zu bringen; der angebliche Diener aber eilte jetzt vorwärts und war eben im Begrifft, seinen Platz unter den Hauptpersonen in der Nähe des ThvreS einzunehmen, als ein schwerer Stein von den Zinnen niederflog und so dicht an seinem Kopfe vorbeischwirrte, daß er dadurch einen ziemlich handgreiflichen Wink bekam, wie nahe ihm eine schnelle Reise in eine andere Welt gestanden hatte. Die ganze Gesellschaft erhob bei diesem gefährlichen Wurfe ein lautes Geschrei, welchem sich noch die Flüche des Burschen, welcher dieses Geschoß geschleudert hatte, beimischten. Der Jüngling übrigens, der am meisten dabei betheiligt war, blieb am ruhigsten, und obgleich seine Stimme durchdringend und gebieterisch klang, als er sie zum Tadel erhob, so verrleth sie doch weder Zorn noch Bestürzung. „Was soll das?" sagte er; „ist dieß die Art, wie man friedliche Reisende — Kauflcute, die Gastfreundlichkeit und ein Nachtlager von Euch ansprechen, behandelt?" „Was Kaufleute und Reisende!" grollte eine Stimme von oben; „sagt lieber Spione und Agenten von König Heinrich. Wer seyd ihr? Sprecht schnell, oder wir suchen euch nächstens mit etwas Schärferem, als mit Steinen heim!" „Sagemir," erwiederte der Jüngling, als ob er es verschmähe, die Frage auf sich zu beziehen — „wer befiehlt in dieser Stadt? Ist eS nicht der edle Graf von Trevinno?" „Derselbe Sennor," klang eS von oben mit etwas geschmeidigerem Tone; „aber was kann ein Trupp wandernder Krämer von Seiner Ercellcnz wissen? und wer bist Du, daß Du so befehlend und stolz sprichst, als ob Du ein Grande wärest?" 15 „Ich bin Ferdinand von Trastamara — der Prinz von Aragon — der König von Sicilien. Geh' und sage Deinem Herrn, er solle schnell an das Thor kommen." Diese plötzliche Ankündigung, die in dem stolzen Tone eines Mannes vorgebracht wurde, der an unbedingten Gehorsam gewöhnt ist, veränderte wescnilich den Stand der Dinge; die Gesellschaft an dem Thore wechselte in soweit ihre Stellung, daß die beiden Edlen, welche bisher den Zug angeführt hatten, dem jugendlichen König Platz machten, während die Gruppe der Ritter sich auf eine Weise benahm, welche zeigte, daß die Verkleidung zu Ende sey, und jeder in seinem wahren Charakter aufzutretcn beabsichtige. Sicher hätte es wohl auch einem denkenden Beobachter Vergnügen gewährt, Zeuge der Schnelligkeit zu seyn, mit welcher zumalen die jüngeren Officiere sich im Sattel ausrichteten, als ob sie die ausdruckslose Haltung demüthiger Kausleute nicht schnell genug beseitigen könnten, um sich als das zu zeigen, was sie wirklich waren, nämlich als an Kampfspiel und Schlachtengewühl gewohnte Männer. Ein nicht minder schneller und großer Wechsel fand auf den Wällen statt. Nichts trug mehr den Ausdruck der Schlaftrunkenheit; die Soldaten besprachen sich leise und hastig, und der ferne Ton von Fußtritten verkündigte, daß nach verschiedenen Richtungen Boten abgingen. So vergingen etwa zehn Minuten, während welcher Zeit ein Subalternofstcier sich auf den Wällen zeigte und wegen der Zögerung um Entschuldigung bat, da der Grund derselben ausschließlich in der Strenge der Kriegszucht, keineswegs aber in einem Mangel aus Achtung zu suchen sey. Endlich verkündigte ein Gewühl auf der Mauer und der Schimmer vieler Laternen die Annäherung des Statthalters, und die Ungeduld der unten stehenden jungen Männer, die sich bereits in halblauten Verwünschungen zu äußern begann, gab einer den Umständen mehr angemessenen Zurückhaltung Raum. „Ist die freudige Kunde wahr, die mir meine Leute mittheilen?" 16 rief Einer von den Zinnen, während zugleich eine Laterne von der Mauer Heruntergelaffen wurde, als ob man die Gesellschaft am Thore genauer in Augenschein nehmen wolle. „Wird mir wirklich die Ehre zu Theil, zu dieser ungewohnten Stunde eine Aufforderung von Don Ferdinand von Aragon zu vernehmen?" „Laß Deinen Burschen seine Laterne mehr gegen mein Gesicht drehen," antwortete der König, „damit Du Dich selbst überzeugen kannst. Ich will mir gerne diese Unehrerbietigkeit gefallen lassen, Graf von Trevinno, wenn ich mir damit einen schleunigeren Einlaß erkaufe!" „Er ist es!" rief der Edle, — „ich kenne diese königlichen Züge, die sich in einer langen Reihe von Königen forlpflanzten, und oft hörte ich diese Stimme, wie sie Aragons Schaareu zum Angriff gegen die Mauren sammelte. Laßt die Trompeten diese glückbringende Ankunft verkündigen, und öffnet die Thore weit — ohne Verzug!" — Der Befehl wurde sogleich befolgt und der jugendliche König ritt unter dem Schmettern der Trompeten, von einer starken bewaffneten Abtheilung umgeben, in OSma ein, indeß ihm die Hälfte der erwachten und verwunderten Bewohner auf den Fersen nachfolgte. — „GS ist ein Glück, mein hoher Gebieter," sagte Don Andres de Cabrera, der bereits erwähnte junge Edle, als er vertraulich an Don Ferdinands Seite ritt, „daß wir dieses gute, kostenfreie Quartier gesunden haben, denn es ist leider nur zu wahr, daß Meister FerreraS, nachläßig genug, die einzige Börse, die unter uns war, verloren hat. In einer solchen Klemme wäre es wohl nicht leicht gewesen, die Rolle haushälterischer Kaufleute länger beizubehalten; denn während diese Schufte um den Preis jeder Kleinigkeit mäkeln, haben sie es doch gerne, wenn sie ihr Gold sehen lassen können." „Nun, da wir in Deinem eigenen Castilien sind, Don Andres," erwiederte der König lächelnd, „so müssen wir uns eben aus Deine .r._. ' Gastfreundschaft verlassen, denn wir wissen Wohl, daß Dir zu jeder Zeit zwei der schönsten Diamanten zu Gebot stehen." „Mir, Sire? Eure Hoheit belieben auf meine Kosten zu scherzen, obgleich ich glaube, daß dieß im gegenwärtigen Augenblick der einzige Aufwand ist, den auch ich zu bestreiten vermag. Meine Anhänglichkeit an die Prinzessin Jsabella hat mich von meinen Gütern vertrieben, und der niedrigste Edelmann in dem Heere von Aragon ist dermalen nicht ärmer als ich. Welche Diamanten könnten mir daher zu Befehl stehen?" „Das Gerücht spricht sehr zu Gunsten der zwei Brillanten in dem Antlitz der Donna Beatriz de Bobadilla, und ich höre, sie stehen beide zu Deiner Verfügung, wenigstens soweit es die Liebe einer edlen Jungfrau einem treuen Ritter zugestehen darf." „Ach! mein Herr und König! wenn dieses Abentheuer so glücklich endet, als es angefangen hat, so möchte ich wohl in der That Eure königliche Gunst um eine Unterstützung in dieser Angelegenheit anflehcn." Der König lächelte in seiner gelassenen Weise, änderte jedoch schnell den Gegenstand des Gesprächs, als der Graf von Trevinno näher an seine Seite rückte. Ferdinand von Aragon schlief diese Nacht gesund, aber mit dem Grauen des Tages war er und sein Gefolge wieder im Sattel. Die Gesellschaft verließ jedoch OSma in einer ganz andern Weise, ats sie sich den Thoren genähert hatte. Ferdinand erschien jetzt als ein Ritter auf einem andalusischen Zelter, und alle seine Begleiter trugen nun ihren wahren Charakter offener zur Schau. Eine starke Lanzenabtheilung unter der Führung des Grafen von Trevinno bildete das Geleite, und am neunten desselben Monats langte der ganze Zug bei Duennas in Leon, einem Orte in der Nähe von Valladolid an. Der mißvergnügte Adel schaarte sich um den Prinzen, um ihm den Hof zu machen, und wurde von Ferdinand, wie es seinem Range und seinen noch höher» Aussichten gemäß war, empfangen. Donna Mercedes, 2te Ausl. 2 18 Die schwelgerischen Castilianer hatten bei diesem Anlaß Gelegenheit, die Strenge zu bemerken, durch welche es Don Ferdinand in dem unreifen Alter von achtzehn Jahren, denn er war kaum älter, gelungen war, seinen Körper aufs äußerste abzuhärten und seine Nerven so zu kräftigen, daß er zu jeder Waffenthat fähig war. Die schwerste» militärischen llebunge» gewährten ihm Vergnügen, und kein Ritter von Aragon wußte sein Roß sowohl beim Turnier als auf dem Schlachtfelde besser zu tummeln. Seine Gesichtsfarbe war, wie die der meisten vom königlichen Stamme sowohl in jener fernen, als in der gegenwärtigen Periode, trotz der heißen Sonne seiner Heimath blendend, obschon sie bereits durch die häufigen Jagden und die kriegerischen Beschäftigungen seiner Knabenjahre etwas gebräunt erschien. Er lebte so mäßig wie ein Muselmann und seine bewegliche und schön gebaute Gestalt schien sich früh abgehärtet zu haben, als ob die Vorsehung ihn zu Abfichten aufbewahrt hätte, welche ebensowohl große körperliche Kraft, als tiefe Einficht und einen regen Scharfsinn erforderten. Während der nun folgenden vier oder fünf Tage wußten die castilianischen Edeln, welche Zeugen seiner Unterhaltung waren, nicht, ob sie den Strom seiner Beredsamkeit, oder seine Vorsicht in Gedanken und Ausdruck mehr bewundern sollten; denn wenn letztere auch für sein Alter als allzuweltlich und herzlos erscheinen mochte, so mußte man sie doch als ein hohes Verdienst bei einem Manne betrachten, der dazu bestimmt war, über das Spiel der Leidenschaften, die Verkettungen der an Höfen üblichen Jntriguen, und die schnöde Selbstsucht der Menschen zu herrschen. 19 Zweites Kapitel. Laß doch den Schattenwald der Nachtigall, Da dich die schönste Einsamkeit umfließt. Wo deiner Lippen sanft melodischer Hall Ein göttergleich Entzücken um sich gießt — Der Weisheit Vorbild, die nach oben ringt. Im Geisterflug daS ew'ge Heim umschlingt. Wordsworth. Während Johann von Aragon sich derartiger Mittel bediente, um seinen Sohn in den Stand zu setzen, den wachsamen und rachsüchtigen Spähern des Königs von Castilien zu entgehen, waren in Valladolid manche Herzen in ängstlicher Bewegung, und harrten mit der Ungeduld und Zaghaftigkeit, die immer die Ausführung eines gefährlichen Unternehmens begleiten, auf das Resultat des gegenwärtigen Beginnens. Unter denen, welche an dem Zuge Ferdinands von Aragon und seiner Gefährten einen derartigen Antheil nahmen, waren Einige, welche wir jetzt dem Leser vorführen müssen. Obgleich Valladolid damals noch nicht den Glanz besaß, welchen dasselbe später als Residenz Carls V. erlangte, so war es doch eine alte, und für die damalige Zeit großartige und reiche Stadt, welche unter andern minder ansehnlichen Gebäuden auch herrliche Paläste hatte. Unter die schönsten gehörte der Palast Don Juans de Vivero, eines Mannes aus dem höchsten Adel des Königreichs, und die Phantasie muß uns denselben jetzt wieder aus den Trümmern steigen lassen, da unser daselbst eine weit angenehmere Gesellschaft wartet, als die, welche wir eben verlassen haben — Personen, welche mit ängstlicher Besorgniß Nachrichten von Duennas erwarteten. Das Gemach, in welches sich der Leser versetzen muß, hatte viel von der überladenen Pracht jenes Zeitalters, aber vereint mit der Behaglichkeit und Ordnung, welche Frauen selten dem Theile eines Gebäudes zu gebe» verfehlen, welcher unmittelbar zu ihrer 20 Verfügung gestellt ist. Im Jahre 1469 näherte sich Spanien mit raschen Schritten dem Emde des großen Kampfes, in welchem sich durch sieben Jahrhunderte hindurch der Christ und der Muselmann die Herrschaft über die Halbinsel streitig machten. Letzterer hatte lange in den südlicher» Theilen von Leon die Oberhand gehabt, und in den Palästen Valladolids einige Spuren seiner barbarischen Pracht hinterlaffen. Allerdings waren die hohen, mit Stückarbeit versehenen Decken noch nicht so prachtvoll als die, welche man im Süden fand, aber doch waren die Mauren hier gewesen, und der Name Veled Vlid, aus welchem sich der Name der Stadt bildete, bezeichnet ihre arabische Abkunft. In dem ebenerwähnten Gemache, und in dem ersten Palaste dieser alten Stadt, dem des Juan de Vivero, ergingen sich zwei Damen in ernster und angelegentlicher Unterhaltung. Beide waren jung, und beide würden zu jeder Periode oder in jeder Gegend der Erde, wiewohl in verschiedener Weise für schon gehalten worden seyn. Eine davon war in der That unbeschreiblich liebenswürdig. Sie hatte eben das neunzehnte Jahr erreicht, ein Alter, in welchem das weibliche Geschlecht unter diesem üppigen Himmelsstriche in der vollsten Entwicklung fleht, und der phantasiereichste Dichter Spaniens, eines Landes, das wegen der Schönheit seiner Frauen so berühmt ist, hätte sich kein schöneres Ebenmaaß der Form malen können. Hände, Füße, Brust und alle Umrisse trugen das Gepräge weiblicher Liebenswürdigkeit, während der Wuchs hinreichend hoch war, um den Adel einer ruhigen Würde auSzu- drücken, doch ohne an das Männliche zu gränzen. Wer diese Dame zum erstenmal erblickte, mochte sich wohl etwas verlegen fühlen, ob er den mächtigen Einfluß, welchen sie zu üben geeignet war, mehr der Vollendung der äußeren Form, oder dem Ausdruck zuschreiben müsse, welchen die Seele einem fast tadellosen Neuster» mittheilte. Das Gesicht stand in jeder Hinsicht mit der übrigen Gestalt im Einklänge. Obgleich unter Spaniens Sonne geboren, führte 21 unsere Dame doch ihren Stammbaum durch eine langx Reihe von Königen zu den alten Goihenfürsten zurück, und die häufigen Zwischeuheiraihen mit fremden Prinzesfinnen hatten ihrem Antlitz jene Mischung der Weiße des Nordens mit dem Zauber des Südens aufgedrückt, welche der vollendeten weiblichen Anmuth so nahe liegt. Die Farbe ihres Gesichts war schön, und ihre reichen Locken hatten jenen Zwischenton zwischen Braun und Blond, welcher sich eher dem elfteren, das mehr Wärme gibt, näherte, ohne daß sich darin etwas von dem Auffallenden des letzteren kund gab. „Ihre sanften kleinen Augen," sagt ein berühmter Historiker, „strahlten von Geist und Gefühl." In diesen Abbildern der Seele lag in der That ihre höchste Anmuth, denn sie verriclhen nicht weniger die innere, als die äußere Schönheit, und gaben ihren zarten und harmonischen Zügen einen heiteren Ausdruck von Würde und hoher Sittlichkeit, mit dem sich die sanften Linien der Bescheidenheit auf eine so ansprechende Weise vereinten, daß man die Zartheit des WeibeZ mit der Reinheit eines Engels verbunden zu finden glaubte. Diese Reize wurden noch durch eine würdevolle aber sanfte Offenheit erhöht, wie man sie selten bei am Hofe erzogenen Prinzessinnen findet, und die ihre Blicke und Gedanken in einer Weise beherrschte, daß sich in ihrem Antlipe die lichten Strahlen der Wahrheit mit dem Glanze der Jugend und Schönheit zu vereinigen schienen. Die Kleidung dieser Prinzessin war einfach — denn glücklicherweise machte es der Geschmack der Zeit denen, welche für die Toilette arbeiteten, möglich, auch die Verhältnisse der Natur zu Rathe zu ziehen, — obgleich die Stoffe reich und ihrem hohen Range angemessen waren. Ein einfaches Diamantenkrcuz funkelte von dem schneeigen Halse, an dem es durch eine kleine Perlenschnur befestigt war, und einige Ringe mit kostbaren Steinen schienen die Hände, welche keines Schmuckes bedurften, um die Blicke zu fesseln, eher zu überladen, als zu zieren. So zeigte sich Jsabella von Castilien in den Tagen ihrer jungfräulichen Einsamkeit und ihres jungfräulichen Stolzes, während sie den AuSgang jener Zufälle erwartete, welche ihrem eigenen künftigen Loose, wie auch dem ihrer Nachkommenschaft bis auf unsere Zeiten das Siegel aufdrücken sollten. Ihre Begleiterin war Beatriz de Bobadilla, die Freundin ihrer Kindheit und Jugend, welche ihr auch bis zum letzten Augenblicke treu verblieb. Das Aeußere dieser Dame, die ein wenig älter als die Prinzessin war, trug entschieden den Charakter einer Spanierin, denn obgleich sie aus einem alten und berühmten Hause flammte, so hatten doch Nothwendigkeit und Politik nicht so viele Zwischenheirathen in ihrer Familie herbeigeführt, als bei der ihrer königlichen Gebieterin nöthig geworden waren. Ihre schwarzen blitzenden Augen ließen auf eine edle Seele und eine Entschlossenheit, welche ihr von manchem für Muth gedeutet wurde, schließen, während tyre Haare in rabenschwarzen Ringeln die Stirne um- locktcn. Wie bei ihrer hohen Herrin trug ihre Gestalt die Anmuth und Liebenswürdigkeit einer durch Spaniens üppige Wärme entwickelten Jungfräulichkeit, obgleich ihr Wuchs nicht ganz so edel, und die Umrisse ihrer Figur in dem gleichen Verhältnisse weniger vollkommen waren. Kurz die Natur hatte zwischen der ungemeinen Anmuth und den hohen sittlichen Reizen, welche die Schönheit der Prinzessin umgaben, und denen, welche ihrer edlen Freundin angehörteu, dieselbe Grenzlinie gezogen, welche nach menschlichen Begriffen bei ihren verschiedenen Stellungen stattfand, obgleich jede — einzeln als Weib betrachtet — ungemein hinreißend und anziehend erscheinen mochte. In dem Augenblicke, welchen wir für den Beginn des nun folgenden Auftritts gewählt haben, saß Jabella, deren Morgentoilette so eben beendigt worden war, in einem Armstuhle und stützte sich in einer Haltung, welche die natürliche Folge des GesprächS- gegcnstandeS und des Vertrauens zu ihrer Gesellschafterin war, leicht auf eine seiner Lehnen, während Beatriz de Bobadilla einen Schemel 23 zu ihren Füßen einnahm, und den Körper in ehrfurchtsvoller Anhänglichkeit so weit vorbeugte, daß sich das hellere Haar der Fürstin mit ihren eigenen dunkeln Locken vermischte, wobei zugleich der Kopf der Letzteren auf dem Gesicht ihrer Freundin zu ruhen schien. Der Leser mag aus der Abwesenheit jedes anderen Zeugen, wie auch aus der gänzlichen Vernachlässigung der castilianischen Etiquette und der spanischen Zurückhaltung schließen, daß die Unterhaltung beider Damen im eigentlichsten Sinne eine vertrauliche war, und mehr durch die Gefühle der Natur, als durch die künstlichen Vorschriften, welche bei dem Verkehr an Höfen üblich sind, geleitet wurde. „Ich habe gebetet, Beatriz, daß Gott mein Urtheil in dieser wichtigen Angelegenheit lenken möchte," sagte die Fürstin in Fortsetzung irgend einer vorausgehenden Bemerkung, „und ich hoffe, daß ich in der Wahl, welche ich traf, das Glück meiner künftigen Unterthanen ebenso sehr im Auge hatte, als das meinige.« „Niemand wird sich herausnehmen, das zu bezweifeln," sagte Beatriz de Bobadilla; „denn die Liebe der Castilianer zu Euch ist so groß, daß sie nicht einmal Etwas gegen Euren Wunsch einwenden würden, wenn eS Euch gefallen wollte, sogar den Großtürken zu heirathen." „Sage lieber, Deine Liebe sey so groß für mich, meine gute Beatriz, sonst könnte Dir etwas der Art nicht einfallen," erwie- derte Jsabella lächelnd, indem sie das Antlitz von dem Haupt der Gefährtin erhob. „Vielleicht würden mir aber auch meine Castilianer eine solche Sünde Nachsehen, wenn nur ich selbst cs mir verzeihen könnte, zu vergessen, daß ich eine Christin bin. Beatriz, diese Angelegenheit hat als eine schwere Prüfung auf mir gelastet." „Nun, die Stunde der Prüfung ist nahezu vorbei. Heilige Maria! welcher Gedankenleichtsinn, welche Eitelkeit, und welche irrige Selbstbeurtherlung muß in den Männern wohnen, daß einige zu hoffen wagen konnten, Eure Hand zu gewinnen! Ihr wart noch ein Kind, als man Euch mit Dan CarlaS verlobte, einem Prinzen, der alt genug ist, um Euer Vater zu seyn; und dann, als ob dieß noch nicht genug sey für ein warmes castilianischcS Blut, suchte man den König von Portugal für Euch aus, der vielleicht noch um eine Generation älter ist. So sehr ich Euch liebe, Donna Jsabella — und meine eigene Seele ist mir kaum theurer — so verehre ich Euch doch am meisten um der edlen und fürstlichen Antwort willen, mit der Ihr, obgleich Ihr damals noch ein Kind wart, den gottlosen Wunsch des Königs, Euch zu einer Königin von Portugal zu machen, zurückwieset." „Don Enriquez ist mein Bruder, Beatriz, und Dein und mein königlicher Gebieter." „Ah! Ihr habt eS Allen wacker gesagt," fuhr Beatriz von Bobadilla mit leuchtenden Augen und einem Triumphgcfühl fort, welches sie den ruhigen BerweiS ihrer Herrin übersehen ließ; — „und habt einer Fürstin aus dem königlichen Hause von Castilien würdig gehandelt. ,Die Jnfantiunen von Castilien', sagtet Ihr, ,können nicht ohne Einstimmung der Edeln des Reichs zu einer Heirath gedrängt werden', und mit dieser paffenden Antwort konnten ste zufrieden sehn." „Und doch, Beatriz, bin ich jetzt im Begriff, über die Hand ekner Infantin von Castilien zu verfügen, ohne daß ich seinen Adel zu Rathe zog." „O! sagt das nicht, meine hohe Herrin! Es gibt keinen treuen und tapfer» Ritter zwischen den Pyrenäen und dem Meere, welcher nicht in seinem Herzen Eure Wahl -billigte. Der Charakter, das Alter und andere Eigenschaften des FreicrS machen in solche» Dingen einen merklichen Unterschied. Aber so wenig steh Don Alfonso von Portugal zu einem Gatten für Donna Jsabella eignete und eignet, was sollen wir zu dem nächsten Bewerber sagen, der an Eure königliche Hand Ansprüche machte, nämlich zu Don Pedro Giron, dem Großmeister des Calatrava-OrdenS? In der That ein 25 sehr ehrwürdiger Herr für eine Jungfrau aus dem königlichen Hause! — Schmach über ihn! ein Pachecho müßte sich schon hoch geehrt fühlen, wenn sich nur ein Fräulein von Bobadilla auffinden ließe, um durch eine Verbindung mit ihm seinem Stamme aufzuhelfen." „Mein Bruder wurde durch unwürdige Günstlinge zu dieser ungeeignete» Wahl beredet, und Gott hat in seiner heiligen Vorsicht ein Mittel gefunden, ihre Erwartungen zu vereiteln, indem er den vorgeschlagenen Bräutigam unerwartet in eine bessere Welt rief." „Ja; und wenn es nicht sein heiliger Wille gewesen wäre, in dieser Weise über Don Pedro zu verfügen, so hätte eS auch an andern Mitteln nicht fehlen sollen." „Diese Deine kleine Hand, Beatriz," erwiederte die Fürstin ernst, obgleich sie ihrer Freundin liebreich zulächelte, als sie die fragliche Hand ergriff, — „war nicht für die That geschaffen, mit der ihre Besitzerin drohte." „Mit der ihre Besitzerin drohte?" erwiederte Beatriz mit blitzenden Augen; „diese Hand hätte eS auch ausführen sollen, ehe man Jsabella von Castilien verdammt hätte, die Braut des Großmeisters von Calatrava zu werden. Wie? die reinste liebenswürdigste Jungfrau von Castilien von königlicher Geburt, ja sogar die rechtmäßige Erbin der Krone, hätte einem zügellosen Wüstling geopfert werden sollen, weil eS Don Enriquez beliebte, seine Stellung und seine Pflichten so weit zu vergessen, daß er einen feigen Elenden zu seinem Günstling machte „Du vergissest immer, Beatriz, daß Don Enriquez unser Gebieter und mein königlicher Bruder ist." „Ich vergesse nicht. Sennora, daß Ihr die königliche Schwefln unserS Herrn und Königs seyd, und daß Pedro dc Giro» oder Pachecho, oder wie immer sich der alte portugiesische Knabe nennen mag, nicht einmal würdig ist, in Eurer Gegenwart nieder zu sitzen. 26 geschweige denn Euer ehelich Gemahl zu werden. O! gnädige Gebieterin! was waren das für kummervolle Tage, als Euch von den vielen brünstigen Gebeten, daß dieses verhütet werden möge, die Kniee wund wurden. Aber Gott wollte es nicht, und auch ich nicht. Dieser Dolch hätte sein Herz durchbohrt, ehe noch eines seiner Ohren die Gelübde Jsabella'S von Castilien vernommen haben würde." „Ich bitte Dich, sprich nicht mehr davon, gute Beatriz!" sagte die Fürstin, indem sie schaudernd sich bekreuzte. „Es waren in der That kummervolle Tage, aber was sind sie in Vergleichung mit den Leiden des Gott-Menschen, welcher sich selbst für unsere Sünden dahingab? Rede also nicht mehr davon. Diese Prüfung wahr wohlthätig für meine Seele, und Du weißt, daß das Nebel von mir abgewandt wurde, ohne Zweifel mehr durch die Wirksamkeit unserer Gebete, als durch die Deines Dolches. Wenn Du von meinen Freiern sprechen willst, so gibt eS gewiß andere darunter, bei denen es sich mehr'der Mühe lohnt." Ein lichter Strahl schoß aus Beatriz dunkeln, Auge, und ein Lächeln spielte um ihren schönen Mund, denn sie verstand wohl, daß die verschämte königliche Jungfrau ihre Rede auf den Mann lenken wollte, auf den endlich ihre Wahl gefallen war. Obgleich aber Beatriz stets geneigt war, ihrer Gebieterin zu Gefallen zu leben, so beschloß sie doch mit weiblicher Schalkhaftigkeit, dem ansprechenderen Theile dieser verfänglichen Unterhaltung sich nur in einer regelmäßigen Folge der Ereignisse, wie sie sich wirklich zugetragen hatten, zu nähern. „Dann kam Monsieur de Guienne, der Bruder des Königs Ludwig von Frankreich," fuhr sie mit wegwerfender Miene fort. „Er wäre wohl gerne der Gemahl der Königin von Castilien geworden, aber selbst die unwürdigsten Castilianer bemerkten bald das Ungeeignete dieser Verbindung. Ihr Stolz hätte sie wohl niemals der Möglichkeit ausgesetzt, Frankreich lehnbar zu werden." „Dieses Unglück halte unser theureS Castilien nie treffen können," fiel Jsabella ein. „Hätte ich den König von Frankreich selbst geheirathet, so würde er gelernt haben, mich als die Königin und Besitzerin dieses alten Reichs zu achten, und nie hätte er es wagen sollen, mich als eine Unterthanin zu behandeln." „Dann, Sennora," fuhr Beatriz, mit einem lachenden Aufblick zu Jsabella fort, „kam Euer königlicher Vetter, Don Ricardo von Gloucester, dem man nachsagt, er seh mit Zähnen auf die Welt gekommen, und der bereits einen so schweren Pack auf seinem Rücken trägt, daß er es seinem Schutzheiligen Dank wissen darf, wenn er ihm nicht auch die Angelegenheiten von Castilien aufgeladen hat." „Deine Zunge läuft zu ungestüm, Beatriz! Dem Vernehmen nach ist Don Ricardo ein edler, hochstrebender Prinz, welcher wohl eines Tages eine Fürstin finden wird, deren Verdienste ihn für den Korb in Castilien trösten können. Aber was hast Du weiter hinsichtlich meiner Freier vorzubringen?" „Ach, was kann ich weiter sagen, meine geliebte Herrin? Wir sind nun bei Don Fernando augelangt, der, obgleich er erst zuletzt erschien, doch buchstäblich der erste, und so weit wir ihn kennen, auch der Beste von Allen ist." „Ich glaube, ich habe mich bei der Wahl Don Fernandos durch Gründe, die meiner Geburt wie meinen künftigen Hoffnungen ziemen, bestimmen lassen," sagte Jsabella, obgleich sie sich trotz ihrer Aussichten auf eins königliche Vermählung etwas unbehaglich fühlte; „denn nichts wird so viel zu dem Frieden unserS theuren Königreichs und zu dem Siege der großen Sache der Christenheit beitragen, als die Vereinigung Castiliens und Aragons unter eine Krone." „Durch Vereinigung ihrer Herrscher im heiligen Bunde der Ehe," erwiederte Beatriz mit ehrfurchtsvoller Würde, obgleich wieder ein Lächeln um ihre Lippen zuckte. „Aber Ihr habt wohl keine Schuld daran, wenn Don Fernando der jugendlichste, der 28 schönste, der tapferste und liebenswürdigste Prinz in der Christenheit ist, da Ihr ihn nicht geschaffen, sondern nur als Gemahl angenommen habt." „Nein, Du gehst weiter, als Klugheit und Achtung erlauben, meine gute Beatriz," erwiedertc Jsabella, scheinbar zürnend, obgleich sie selbst in tiefer Bewegung erröthete und sich in dem Lobe ihres Verlobten geschmeichelt sah. „Dn weißt, ich habe meinen Detter, den König von Sicilien, nie gesehen." „Sehr wahr, Sennora; aber Vater Atonzo de Coca sah ihn; und ein sichereres Auge, oder eine wahrere Zunge als die seine gibt cS nicht mehr in Castilien." „Beatriz! ich wist Dir Deine Freiheit, so unbillig und unziemend sie ist, vergeben, weil ich weiß, daß Du mich liebst und mein Glück mehr im Auge hast, als das meines Volkes," sagte die Prinzessin mit einem Tone, dessen Würde jetzt durch keine Beimischung natürlicher weiblicher Schwäche gemindert war, denn sie fühlte sich wirklich etwas gekränkt. „Du weißt, oder solltest wenigstens wissen, daß eine Jungfrau von königlichem Geblüt verpflichtet ist, bei einer Verfügung über ihre Hand vor Allem die Interessen des Staates im Auge zu haben, und daß die müßigen Träumereien von Dorfmädchen wenig mit ihren Pflichten gemein haben. Ja, würde sogar ein Mädchen von edler Abkunft, wi- Du, an etwas Anderes denken, als sich bei der Wahl ihres Gatten ihrem Familienrath zu unterwarfen'? Wann ich unter so vielen Prinzen Don Fernando von Aragon erwählt habe, so geschah es Lhne Zweifel, weil diese Verbindung den Interessen CastilienS angemessener ist, als jede andere, die sich darbot. Du weißt, Beatriz, daß die Castilianer und Aragonier Einem Volksstamme angchören, und daß sie dieselben Sitten, dieselben Vorurtheile und auch dieselbe Sprache haben." „Ach, theuerste Gebieterin, verwechselt doch nicht die reinen Laute CastilienS mit dem Dialekt der Berge!" 29 „Nun, spotte wie Du willst, Eigensinnige! Aber wir können doch unser reines Spanisch eher den Edlen von Aragon, als den Galliern beibringen. Außerdem ist Don Fernando auch mein Verwandter, denn das Haus von Trastamara stammt von Castilien und dessen Fürsten ab, und so können wir doch wenigstens hoffen, daß der König von Sicilien im Stande sehn werde, sich uns verständlich zu machen." „Wenn er das nicht könnte, so wäre er kein ächter Ritter. Ein Mann, dem die Zunge versagt, wenn es einer königlichen Jungfrau gilt, deren Schönheit die der Morgenröthe übertrifft, deren Vortrefflichkeit bereits an den Himmel reicht, die eine Krone besitzt —" „Mädchen! Mädchen! Deine Zunge geht mit Dir durch! Eine solche Unterhaltung ziemt weder Dir noch mir." „Und doch, Donna Jsabella, steht meine Zunge in engem Bunde mit meinem Herzen." „Ich glaube Dir, meine gute Beatriz, aber wir sollten Beide unserer letzten Beichte und des geistlichen Zuspruchs gedenken, den wir damals erhielten. Solche Schmeichelreden erscheinen leichtsinnig, wenn wir uns unserer vielen Verirrungen und der mancherlei Anlässe erinnern, welche Vergebung nöthig machen. Was diese Hei- rath anbelangt, so möchte ich Dich überdies daran erinnern, daß sie von meiner Seite nach reiflicher Erwägung und in Folge von Gründen, die einer Fürstin würdig sind, keineswegs aber in Folge eines leichtsinnigen Hingebens an Träumereien beschlossen wurde. Du weißt, daß ich Don Fernando nie gesehen habe, und daß auch er mich nie erblickte." „Gewiß, theuerste Dame und geehrte Gebieterin! ich weiß, sehe und glaube dieses Alles. Ich will auch zugeben, daß eS selbst für ein Edelsräulein unziemlich und ihrer Geburt wenig angemessen wäre, die überaus wichtigen Bande der Ehe mit keine» bessern Gründen, als mit den leichten Eingebungen eines LandmädchenS zu 30 knüpfen. Es ist nicht mehr als billig, daß wir Alle gleich verpflichtet sind, auf unsere eigene Würde und die Wünsche unserer Freunde und Verwandten Rücksicht zu nehmen, und daß unsere Pflicht, wie auch der gewohnte fromme Sin» und die Unterwerfung, in der wir auferzogen wurden, bessere Bürgen für unsere ehrliche Liebe sind, als die Einflüsterungen einer mädchenhaften Laune. Aber doch ist es ein großes Glück, meine geehrte Herrin, daß Eure hohen Verpflichtungen auf einen so jugendlichen, braven, edeln und ritterlichen Herrn, wie den König von Sieilien Hinweisen — denn das ist er nach Vater Alonzo'S Mittheilungen wirklich — und daß alle meine Verwandten darin einstimmig sind, Don Andres de Cabrera werde, so tollköpfig und albern er auch ist, einen ausgezeichneten Ehemann für Beatriz de Bobadilla abgeben." So würdevoll und zurückhaliend auch gewöhnlich JsabellenS Benehmen war, so ließ sie doch jezuweilen in der Gesellschaft ihrer Vertrauten davon ab — ein Umstand, der auch gegenwärtig stattfand, da Beatriz zudem keine geringe Stufe in ihrer Gunst einnahm. Sie lächelte daher über diesen Einfall und betrachtete ihre Freundin, indem sie ihr die dunkeln Locken aus der Stirne streifte, mit Blicken, wie eine Mutter ihr Kind ansieht, wenn eine plötzliche Anwandlung von Zärtlichkeit ihr Herz beschleicht. „Wenigstens haben Deine Freunde ganz richtig geurtheilt, wenn ein Tollkopf den andern heirathen soll," antwortete die Fürstin; dann hielt sie einen Augenblick, wie in tiefen Gedanken, inne, und fuhr in einer ernsteren Weise fort, obgleich eine verschämte Gluth verrätherisch ihre Züge überflog, und die tiefe Empfindung, welche aus ihren Augen leuchtete, bekundete, daß sie in gegenwärtigem Augenblicke mehr als Weib, denn als künftige Königin, der das Wohl des Volkes immer vor Angen schwebt, fühle. „Je näher diese Zusammenkunft kömmt, desto mehr ergreift mich eine Verlegenheit, von der ich nimmer geglaubt hätte, daß sie so leicht eine Infantin von Castilien befallen könnte. Dir, meine 31 treue Beatriz, will ich gestehen, daß, wäre der König von Sicilien so alt als Don Alfonso von Portugal, oder wäre er so weichlich und unmännlich, als Monsteur de Guienne — wäre er in der That weniger jung und anziehend, ich kerne solche Befangenheit bei dieser Begegnung fühlen würde, wie ich jetzt empfinde." „Das ist doch sonderbar, Senuora! Ich für meinen Theil muß bekennen, daß ich Don Andres nicht eine Stunde von seinem Leben, so hinreichend lang es auch ist, nicht die mindeste Anmuih seiner Person, wenn sich je der ehrenwerthe Ritter einer solchen rühmen kann, nicht eine einzige Vollkommenheit, sowohl des Körpers als der Seele, erlassen möchte." „Dein Fall ist nicht der meine, Beatriz. Du kennst den Marquis von Moya; hast auf seine Worte gehorcht und bist an sein Lob und seine Bewunderung gewöhnt." „Heiliger St. Jago von Spanien! Ihr braucht wahrlich nicht wegen Nnbekanntschaft mit solchen Dingen verlegen zu scyn, Sennora: denn von Allem, was zu lernen ist, lernt man am leichtesten an Lob und Bewunderung Geschmack finden." „Du hast Recht, meine Tochter," — denn so nannte Jsabella oft ihre Freundin, obgleich fie selbst die jüngere war. lleberhaupt war in ihrem späteren Leben und nachdem die Prinzessin Königin geworden war, dieß der gewöhnliche Ausdruck ihrer Zärtlichkeit. — „Dn hast Recht, wenn Lob und Bewunderung so frcimüthig gegeben werden, als fie verdient find. Aber ich zweifle sehr, ob meine Ansprüche auch von dieser Art find, und sehe mit Besorgniß den Gefühlen entgegen, welche unser erstes Zusammentreffen in Don Fernando Hervorrufen wird. Ich weiß — nein, ich fühle, daß er liebenswürdig, edel, tapfer, großmülhig und gut ist — schön anzusehen und treu den Pflichten unserer heiligen Religion ergeben, an Charakter so ausgezeichnet, als an Geburt; und ich zittere, wenn ich bedenke, wie wenig ich geeignet bin, seine Braut und Königin zu heißen." „Gerechter Himmel! Ich möchte wohl den unverschämten Ara- gonischen Edeln sehen, der eS wagen könnte, etwas der Art nur anzudeuten. Wenn auch Don Fernando edel ist, scyd Ihr nicht noch edler, Sennora, da Ihr dem älteren Zweige desselben Hauses entsprossen scyd? Wenn er jung ist, seyd Ihr eS nicht auch? Ist er weise, seyd Ihr nicht noch weiser? Ist er schön, scyd Ihr nicht vielmehr ein Engel, als ein Weib? Ist er tapfer, scyd Ihr nicht tugendhaft? Ist er liebenswürdig, seyd Ihr nicht die Anmuth selbst? Ist er großmüthig, seyd Ihr nicht gut? und was noch mehr ist, seyd Ihr nicht so eigentlich die Seele der Großmuth? Wenn er eifrig ist in Erfüllung der Pflichten unserer heiligen Religion, seyd Ihr nicht ein Engel?" „Guter Gott! guter Gott — Beatriz. bist Du eine Trösterin! Ich sollte Dich um Deiner citeln Zunge willen tadeln, aber ich weiß, daß Du es ehrlich meinst." «Es ist nichts, als die allzugroße Bescheidenheit, geehrte Gebieterin, welche Euch die Verdienste Anderer schneller bemerken läßt, als die eigenen. Don Fernando soll mir Acht haben! Wenn er auch in dem ganzen Pompe und Glanze seiner vielen Kronen kommt, so stehe ich dafür, daß er in Castillen eine königliche Jungfrau findet, die ihn einschüchtern und seine Eitelkeit zu Paaren treiben wird, selbst wenn sie in keinem andern Prunke, als in dem holden Gewände ihrer eigenen demüthigen Natur vor ihm erscheint." „Ich habe nicht von Don Fernando'S Eitelkeit gesprochen, Beatriz, und ich glaube nicht, daß er auch nur im mindesten zu einem so armseligen Gefühl hinneigt; und was den Pomp anbelangt, so wissen wir wohl, daß das Gold in Saragossa nicht häufiger ist, als in Valladolid, obgleich er eine Krone besitzt und noch mehrere zu erwarten hat. Aber ungeachtet Deines zwar gut gemeinten, aber thörichten Geredes mißtraue ich mehr mir selbst, als dem König von Sicilicn. Es dünkt mich, daß ich jedem andern Prinzen in der Christenheit mit Gleichgültigkeit, oder doch 33 -wie cS meinem Range und Geschlechte ziemt» entgegentreten könnte» aber ich gestehe, daß ich bei dem Gedanken zittere» den Augen und dem Urtheile meines edlen Vetters zu begegnen." Beatriz hörte mit Thcilnahme zu, und als ihre königliche Gebieterin zu sprechen aufgehört hatte, küßte sie zärtlich ihre Hand und drückte sie an ihr Herz. „Laßt vielmehr Don Fernando bei dieser Begegnung zittern," versetzte sie. „Nein, Beatriz, wir wissen, daß er nichts zu fürchten hat, denn das Gerücht spricht nur allzusehr zu seinen Gunsten. Aber warum zögern wir hier in banger Ungewißheit, wenn die Stütze, aus die wir uns lehnen müssen, bereit ist, ihre Last aufzunehmen? Wir wollen zu Vater Alonzo gehen, der uns ohne Zweifel bereits erwartet." Die Fürstin und ihre Freundin begaben sich nun in die Capelle des Palastes, wo ihr Beichtvater die tägliche Messe las. DaS Mißtrauen, welches die Seele der bescheidenen Jsabella beunruhigte, wurde durch die heilige Handlung zurückgedrängt oder nahm vielmehr seine Zuflucht zu jenem Felsen, auf den die Prinzessin alle ihre Bekümmernisse und Verirrungen uiederzulegen pflegte. Als die kleine Versammlung die Capelle verließ, kam ein von Schweiß triefender Bote mit der ersehnten, aber doch noch bezweifelten Nachricht, daß der König von Sicilien DuennaS wohlbehalten erreicht habe, und daß, da er sich nun in der Mitte seiner Anhänger befände, kein vernünftiger Grund mehr vorhanden sey, die beabsichtigte Vermählungsfeier länger zu verzögern. Jsabella wurde durch diese Kunde auf's heftigste überrascht, und bedurfte mehr als je der Unterstützung von Beatriz de Bobadilla, um jene holde innere und äußere Heiterkeit wieder zu gewinnen, welche ihre Erscheinung sonst so anziehend und eindrucksvoll machte. Einige im Nachdenken und-in Gebeten zugebrachte Stunden gossen aber bald eine sanfte Ruhe in ihre Seele, und wir finden nun die zwei Donna Mercedes. 2te Ausl. z Freundinnen wieder allein in demselben Zimmer, in welchem sie dem Leser zuerst vorgeführt wurden. „Hast Du Don Andres de Cabrera gesehen?" fragte die Prinzessin, indem sie die Hand von ihrer Stirne nahm, welche sie oft in einer Art von wirrer Nückerinnerung gedrückt hatte. Beatriz de Bobadilla erröthete und brach dann in ein Lachen aus, eine Freiheit, welche ihre Gebieterin um der lange bestandenen Zuneigung willen nachsah. „Für einen jungen Mann von dreißigen und einen in den Kriegen mit den Mauren ziemlich zusammengehackten Ritter hat Don Andres einen hurtigen Fuß," erwiederte sie. „Er brachte die Kunde von der Ankunft und zugleich seine eigene liebenswürdige Person, um zu zeigen, daß elftere keine Lüge sey. Für einen Mann, der so viel erfahren, hat er einen starken Hang zum Plaudern, und so konnte ich in der That, während Ihr, meine geehrte Gebieterin, allein in Eurem Gemache wart, alle die Wunder der Reise mit anhöcen. Es scheint, Sennora, daß sie DuennaS nicht zu früh erreicht haben, denn die einzige Börse, welche sie besaßen, war verloren gegangen, oder vielleicht wegen ihrer Leichtigkeit von dem Winde weggeblasen worden." „Ich hoffe, dieser Unfall hat sich ausgleichen lassen. Wenige aus dem Hause Trastamara besitzen in dieser schweren Zeit viel Gold, und doch ist Keiner gewöhnt, ganz ohne dasselbe zu seyn." „Don Andres ist weder ein Bettler, noch ein Knicker. Er ist nun in unserem Castilien, wo er ohne Zweifel mit Juden und Geldverleihern hinreichend vertraut ist; und da diese den vollen Werth seiner Besitzungen kennen müssen, so kann es dem König von Sici- kien an nichts gebrechen. Auch höre ich, daß der Graf von Tre- vinno sich edel gegen ihn benommen." „Diese Freigebigkeit wird den Grafen von Trevinno nicht gereuen. — Aber Beatriz, bringe das Schreibzeug herbei, es ist in 35 der Ordnung, daß ich einmal Don Enriquez mit diesem Ereigniß und meinem VermählungS-Entschlusse bekannt mache." „Nein, theuerste Gebieterin! das ist gegen alle Regel. Wenn eine Jungfrau aus dem Adel oder aus dem Bürgerstande gegen die Wünsche ihrer Verwandten eine Ehe einzugehen beabsichtigt, so ist die Trauung das Erste; dann kömmt eS erst an den Brief und man bittet um den Segen, wenn das Nebel geschehen ist." „Fort, leichtfertige Zunge! Du hast gesprochen, aber jetzt bringe Feder und Papier. Der König ist nicht nur mein Herr und Gebieter, sondern auch mein nächster Verwandter, und sollte mir ein Vater seyn." „Und Donna Johanna von Portugal, seine königliche Gemahlin, und unsere durchlauchtige Königin sollte Euch Mutter seyn — eine gar passende Führerin für eine züchtige Jungfrau. Nein — nein, meine geliebte Herrin, Eure königliche Mutter war Donna Isabelle von Portugal, und eine ganz andere Fürstin als diese ihre üppige Nichte." „Du nimmst Dir zu viel Freiheit heraus, Donna Beatriz, und vergißt, was ich Dir befohlen habe. Ich wünsche an meinen Bruder, den König, zu schreiben." Jsabella sprach selten mit einem solchen Ernste, so daß ihre Freundin jetzt erbebte und ihr ob diesem Verweise Thrän en aus den Augen drangen. Sie besorgte jedoch das Schreibmaterial, ehe sie es wagte, in JsabellaS Antlitz zu blicken, um sich zu überzeugen, ob ihre Gebieterin wirklich zürne. Hier begegnete sie aber wieder einer holden Heiterkeit, und die Dame von Bobadilla fand es, als sie bemerkte, daß die Fürstin ganz mit dem vor ihr liegenden Gegenstand beschäftigt war und bereits allen Unwillen vergessen hatte, für gerathen, den Gegenstand nicht weiter in Anregung zu bringen. Jsabella schrieb nun jenen berühmten Brief, in welchem sie alle ihre natürliche Schüchternheit vergessen zu haben schien und 36 nur die Prinzessin sprechen ließ. Der Vertrag von ToroS de Gui- sando, in welchem sie mit Uebergehung der Tochter Johannas von Portugal, als Thronerbtn anerkannt wurde, enthielt die Bestimmung, daß sie sich nicht ohne Einwilligung des Königs vermählen dürfe, und sie vertheidigte nun den Schritt, den sie zu thun im Begriffe war, mit dem wesentlichen Entschuldigungsgrunde, daß ihre Feinde die feierliche Uebereinkunft, sie zu keiner Verbindung zu drängen, welche ihr unpassend oder mißliebig erscheinen könnte, nicht beachtet hätten. Zugleich deutete sie auch auf die politischen Vortheile hin, welche aus einer Vereinigung der Kronen von Ca- stilien und Aragon erwachsen müßten, und bat den König um seine Einwilligung zu dem Schritte, den sie zu thun Willens war. Dieß Schreiben wurde, nachdem es Juan de Vivero und anderen ihrer Räthe zur Prüfung vorgelegt worden war, durch einen Kurier abgesandt, worauf dann die weiteren Anordnungen und Vorkehrungen zu einer Zusammenkunft der beiden Verlobten getroffen wurden. Die Castilianischc Etiquette war bereits in dieser Zeit schon zum Sprüchwort geworden, und die Verhandlung führte zu einem Vorschlag, welchen Jsabella mit ihrer gewöhnlichen Bescheidenheit und Klugheit zurückwies. „ES scheint mir," sagte Juan de Vivero, „daß diese Verbindung nicht stattfinden könne, ohne daß von Seiten Don Ferdinands ein Vorrang CastilienS vor Aragon zugestanden werde. Das letztere NegentenhauS ist nur ein jüngerer Zweig des regierenden Hauses in Castilien, und das Gebiet von Aragon war vordem zugestandenermaßen von diesem abhängig." Dieser Vorschlag wurde mit vielem Beifall aufgenommen, bis es die Edlen, natürlichen Gefühle der Prinzessin selbst auf sich nahmen, die Gehaltlosigkeit und Unzweckmäßigkeit desselben auseinander zu setzen. „ES ist ohne Zweifel wahr," sagte sie, „daß Don Juan von Aragon der Sohn eines jüngere» Bruders meines -königlichen 37 Großvaters ist; aber er ist nichtsdestoweniger ein König, der außer seiner Krone von Aragon, das vielleicht Castilien nachstehen mag, auch noch die von Neapel und Sicilien besitzt, von Navarra gar nicht zu reden, über welches er, wenn auch vielleicht nicht mit dem besten Rechte, geherrscht hat. In Folge von Don Juan'S Verzichtleistung kam der Thron von Sicilien auf Don Fernaudo, und er, ein gekrönter Herrscher, soll einer einfachen Prinzessin, der die Vorsehung vielleicht nie eine Krone anvertrauen wird, Zugeständnisse machen? Außerdem ersuche ich Dich, Don Jüan von Vivero, der Absicht eingedenk zu sehn, welche den König von Sicilien nach Valladolid führt. Er und ich, jedes von uns, hat zwei Rollen zu spielen, und zwei Charactere festzuhalten — nämlich die fürstlicher Personen und die von Christen, welche durch die heiligen Bande der Ehe vereinigt werden. Es würde sich für diejenige, welche im Begriffe steht, sich den Pflichten und Obliegenheiten eines WeibeS zu unterziehen, schlecht ziemen, die Verhandlungen mit Forderungen zu eröffnen, welche den Stolz und das Selbstgefühl ihres Herrn verletzen könnten. Aragon mag immerhin gegenüber von Castilien ein untergeordnetes Reich sepn — aber Ferdinand von Aragon steht jetzt schon in jeder Hinsicht Isabellen von Castilien gleich, und wenn er meine Gelübde hinnehmen wird — und mit diesen meinen Gehorsam und meine Liebe —" Jsabella erröthete, und ihr mildes Auge leuchtete von heiliger Begeisterung — „wie eS einem Weibe ziemt, so erkenne ich ihn in gewissen Beziehungen als meinen Oberherrn an, obgleich er in anderen mir wieder untergeordnet seyn mag. Ich will daher nichts mehr von diesen Dingen wissen, denn eS kann Don Ferdinand kaum schmerzlicher berühren, die von euch verlangte Zugeständnisse zu machen, als eS mir wehe thun muß, sie zu hören." 38 Drittes Kapitel. Aengsttiche Gewohnheiten schmiegen sich vor großen Königen. Liebes Kätchen, du und ich, wir beide können u»S nicht durch die schwachen Schranken der LandcS-Sitie cincngeu lassen. Wir sind die Schöpfer der Bräuche, und die Freiheit, die mit unserem Range verbunden ist, stopft allen Splitterrichtern de» Mund. Heinrich V. Ungeachtet der hohen Entschlossenheit, der gewohnten Festigkeit und einer Heiterkeit des Geistes, welche wie ein tiefer, ruhiger Strom der Begeisterung JsabcllenS ganzes inneres Leben zu durchdringen schien, obgleich man ste vielleicht mit mehr Recht von den edeln, unabänderlichen Grundsätzen, welche alle ihre Handlungen regelten, abgeleitet hätte — schlug ihr Herz ungestüm, und die ihr angeborene Zurückhaltung, welche fast bis zur Schüchternheit ging, beunruhigte ste ernstlich, als die Stunde herannahte, wo ste zum erstenmal den Fürsten, welchen ste zum Gatten gewählt hatte, erblicken sollte. Die castilianijche Etiquette nicht weniger, als die Wichtigkeit der mit der beabsichtigten Vermählung verbundenen Interessen hatten die einleitenden Verhandlungen um mehrere Tage hinausgeschoben und man überließ es dem Bräutigam, diese ganze Zeit über, seine Ungeduld, die Prinzessin zu sehen, so gut er konnte, zu zügeln. - öH Endlich am Abende des 15. Oktobers 14^8 war jedes weitere Hinderniß beseitigt. Don Ferdinand warf sich in den Sattel, und trat ohne irgend ein seinem hohen Range angemessenes Gefolge, nur von vier Rittern, unter denen sich auch Andres de Cabrera befand, begleitet, seinen Weg nach dem Palast des Inan de Vivero in Valladolid an. Der Erzbischof gehörte zu der Partei der Prinzessin, und dieser Prälat, ein kriegerischer, thatkräftiger Parteimann, war bereit, den beglückten Freier zu empfangen und seiner hohen Gebieterin vorzustellen. Jsabella sah mit Beatriz de Bobadilla in dem bereits erwähnten Gemache der Zusammenkunft entgegen, und vermöge einer jener gewaltigen Anstrengungen, deren bei wichtigen Anlässen selbst das schüchternste Weib fähig ist, emvfing sie ihren künftigen Gatten ebensosehr mit der Würde einer Fürstin, als der Schüchternheit eines WcibeS. Ferdinand von Aragon war darauf vorbereitet worden, daß er einem Wesen von ausgezeichneter Anmuth und Schönheit begegnen werde, aber dennoch schuf die Mischung engelgleicher Bescheidenheit mit einer Liebenswürdigkeit, welche in ihrem Ge- schlechte nicht ihres Gleichen hatte, ein Gemälde, das eher dem Himmel als der Erde anzugehören schien, so daß er, obgleich ein weltgewandter Mann, der gewöhnt war, den Ausdruck seiner Gefühle zu bewältigen, zurückbebte, und einen Augenblick festgewurzelt stand, als diese herrliche Erscheinung zum erstenmal seinen Blicke» begegnete. Er faßte sich jedoch bald, trat hastig näher, ergriff die kleine Hand, welche diesen Versuch weder begünstigte noch zu- rückwieS, und drückte sie mit einer Wärme an die Lippen, welche selten das erste Zusammentreffen von Personen begleitet, deren Leidenschafien gewöhnlich so erkünstelt sind. „Endlich, meine hohe und liebenswürdige Base, ist der beglückende Augenblick gekommen —" begann er mit einer Wahrheit der Gefühle, welche ihre Wirkung auf das reine und zarte Herz JsabellenS nicht verfehlte; denn keine Gewandtheit in höflichen Phrasen kann je den Lauten der Täuschung die Glut und den Ausdruck leihen, welche nur der Wahrheit angehören. — „Ich fürchtete, er möchte mir für immer ferne bleiben; aber diese gesegnete Stunde — Dank scy es unserem St. Jago, dessen Fürbitte ich ohne Unterlaß anflehte — wird mir zum schönsten Lohne für alle meine Bekümmernisse." „Ich danke meinem fürstlichen Herrn, und heiße ihn freundlich willkommen," erwiederte Jsabella bescheiden. „Die Hindernisse, welche entfernt werden mußten, um diese Zusammenkunft 40 möglich zu machen, sind mir das Vorbild jener Schwierigkeiten, welche wir auf unserem Gange durch das Leben zu überwinden haben werden." ES folgten nun einige Aeußerungen der Höflichkeit, in welchen die Prinzessin die Hoffnung ausdrückte, daß es ihrem Vetter seit seiner Ankunft in Caüilien an Nichts gefehlt habe, — eine Anfrage, welche eine paffende Erwiederung fand; dann führte sie Don Ferdinand zu einem Lehnsessel, indeß er selbst sich des Schemels bediente, auf welchem Beatriz de Bobadilla bei ihren vertrauten Gesprächen mit ihrer königlichen Gebieterin zu sitzen pflegte. Jsabella hatte jedoch die Anmaßungen der Castilianer hinsichtlich des Vorrangs ihres eigenen Landes vor Aragon zu lebhaft im Gedächtnisse, um sich dieser Anordnung rußig zu fügen, und so lehnte sie ab, sich zu setzen, bis ihr künftiger Gemahl den für ihn bereiteten Sessel eingenommen hatte. „ES würde sich nicht sehr schicken," entgegnete sie, „daß eine Dame, die Nichts als etwas königliches Blut und ihr Vertrauen auf Gott hat, sich niederläßt, während der König von Sicilien einen so unwürdigen Platz cinnimmt." „Ich bitte, laßt eS geschehen," erwiederte der König. „In Eurer Gegenwart verschwinden alle Rücksichten des irdischen Ranges. Betrachtet mich als einen Ritter, der bereit ist und vor Begierde brennt, seine Treue an jedem Hofe, oder auf jedem Schlachtfelde der Christenheit zu beweisen, und behandelt mich als einen solchen." Jsabella, welche jenen edlen Takt besaß, der im Augenblick die zarte Grenzlinie zu unterscheiden weiß, wo die feine Bildung in leere Förmlichkeit übergeht, lächelte erröthend, und lehnte eS nicht länger ab, sich niederzulaffen. ES waren jedoch weniger die Worte ihres Vetters, sondern vielmehr die unverhüllte Bewunderung in seinen Blicken, der belebte AuSvruck seines Auges, und die biedere Freimüthigkeit seines Benehmens, die den Weg zu ihrem Herzen fanden. Mit dem Instinkte des Weibes bemerkte sie, daß sie einen günstigen Eindruck gemacht hatte, und mit der Empfindsamkeit des WeibeS fühlte sie bei dieser Entdeckung, daß unter solchen Umständen ihrem Herzen nichts im Weg stehe, sich den Eindrücken der Zärtlichkeit ganz hinzugeben. Die wechselseitige Freude bahnte bald einer ungebundeneren Unterhaltung den Weg, und ehe eine halbe Stunde vergangen war, gelang es dem Erzbischof, der zwar in seiner amtlichen Stellung keine Vertrautheit mit der Sprache und den Wünschen von Liebenden kundgebcn durfte, obgleich er in der That mit beiden hinreichend vertraut war, — die zwei oder drei anwesenden Höflinge in ein anstoßendes Gemach zu schaffen, wo er sie, da die Thüre fortwährend offen gelassen wurde, so geschickt aufzustellen wußre, daß weder das Auge noch das Ohr von den Vorgängen innerhalb etwas vernehmen konnte. Was Beatriz von Bobadilla anbelangt, deren Anwesenheit in dem Gemache ihrer königlichen Herrin durch die weibliche Etiquette geboten wurde, so war sie zu sehr mit ihren Gedanken an Andres de Cabrera beschäftigt, daß ein halbes Dutzend Kronen zwischen dem königlichen Paar hätten ausgetauscht werden können, ohne daß sie etwas davon bemerkt haben würde. Obgleich Jsabella jene milde Zurückhaltung und weibliche Bescheidenheit, welche eine so gewinnende Anmuth um sie verbreiteten, selbst bis zu dem Tage ihres Todes bewahrte, so wurde sie doch mit dem Fortschreiten des Gesprächs allmählig ruhiger; und indem sie sich auf ihre Selbstachtung, auf ihre weibliche Würde, und zugleich auch nicht wenig auf jene Schätze deS Wissens verließ, welche sie, statt ihre Zeit wie andere ihrer Stellung mit den Nichtigkeiten des Hoflebens zu verschleudern, mit vielem Fleiße gesammelt halte, fand sic sich bald wieder in ihrem ursprünglichen Elemente, wenn sich auch ihr Geist nicht ganz in jenem Zustand von Ruhe befand, der gewöhnlich ihren Charakter bezeichnet-. „Ich hoffe, eS ist nun nicht mehr nöthig, die Einsegnung unserer Verbindung durch die heilige Kirche länger zu verzögern," 42 bemerkte der König im Laufe der Unterhaltung. „Alles, was man von uns Beiden als Personen, welchen das Wohl und Wehe von Königreichen anvertraut ist, fordern kann, wurde berücksichtigt, und ich mag nun wohl auch ein Recht haben, für mein eigenes Glück Sorge zu tragen. Wir sind uns gegenseitig nicht fremd, Donna Jsabclla, denn unsere Großväter waren Brüder, und man hat mich von Jugend aus gelehrt. Deine Tugenden zu ehren und mich zu bestreben, Deiner Frömmigkeit nachzueisern." „Die Verlobung fand nicht ohne reifliche Ucberlegung statt," Don Fernando," erwiederte die Prinzessin erröthend, obgleich sie die würdevolle Haltung einer Königin annahm, — „und da der Gegenstand so vollständig erörtert, das Zweckmäßige unserer Verbindung in seinem ganzen Umfange anerkannt, und die Nothwendigkeit ihres baldigen Vollzugs so augenfällig ist, so soll von meiner Seite aus keine zwecklose Zögerung eintretcn. Ich denke, wir lasten die Trauung heute über vier Tage vollziehen, wodurch wir beide Zeit gewinnen, uns für diese feierliche Handlung durch eine geziemende Beachtung der kirchlichen Pflichten vorzubereiten." „ES geschehe nach Deinem Willen," sagte der König mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung. „Wir haben nur noch einige Vorbereitungen zu treffen, damit wir uns keine Vorwürfe über Vergeßlichkeit machen dürfen. Du weißt, Donna Jsabella, wie ernstlich mein Vater von seinen Feinden gedrängt wird, und ich brauche Dir kaum zu sagen, daß seine Kassen erschöpft sind. In der That, meine schöne Base, nichts als der glühende Wunsch, mich sobald als möglich in den Besitz des köstlichen Gutes zu setzen, welches die Vorsehung und Deine Güte —" „Bringe nicht die Fügungen Gottes und seine Vorsehung mit der armseligen Klugheit und den kleinlichen Anschlägen seiner Geschöpfe in Verbindung, Don Fernando," sagte Jsabella ernst. „Nun denn — das köstliche Gut zu erfassen, welches mir die Vorsehung zu bescheren Willens zu seyn scheint," erwiederte der 43 König, indem er sich bekreuzte und vielleicht eben so sehr auS Achtung vor den frommen Gefühlen seiner Verlobten, als aus Unterwerfung unter eine höhere Macht, das Haupt beugte — „veranlaßte mich, jede Zögerung von der Hand zu weisen, und wir verließen Saragossa eher mit Herzen, gefaßt auf die Schätze, die wir in Valladolid finden sollten, als mit Gold ausgestattet. Ja, selbst das Wenige, welches wir hatten, war durch ein Mißgeschick dazu bestimmt, einen glücklichen Diener in einem WirthS- hause zu bereichern." „Donna Beatriz de Bobadilla hat mir diesen Unfall mitgetheilt," sagte Jsabella lächelnd, „und wahrlich, wir werden unfern Ehestand nur mit einem geringen Antheil von Gütern dieser Welt anfangen. Ich habe Dir wenig mehr zu bieten, Fernando, als ein Herz, auf dessen Treue Du Dich, wie ich glaube, verlassen kannst." „Durch Deine Hand, meine herrliche Base, erhalte ich Alles, was die Wünsche eines vernünftigen Mannes zufrieden stellen kann. Aber doch sind wir unserem Range und unseren Aussichten für die Zukunft etwas schuldig, und man soll nicht sagen, daß Deine Ver- mählungSfeier wie die eines gemeinen Unterthanen vorüber gegangen sei,." „Unter gewöhnlichen Umständen möchte es wohl für eine Dame nicht ziemlich erscheinen, die Kosten des HochzeitsesteS selbst beizu- schasscn," antwortete die Prinzessin, und das Blut strömte ihr nach dem Antlitz, bis Stirne und Schläfe im schönsten Scharlach glühten, während sie im klebrigen die ruhige Haltung völlig beibehielt, welche sonst ihr Benehmen auSzeichnetc; „aber da das Wohl zweier Staaten von unserer Verbindung abhängt, so dürfen so eitle Rücksichten nicht beachtet werden. Ich besitze einige Juwelen, und Valladolid zählt viele Juden. Du wirst mir daher erlauben, mich zu einem solchen Zwecke von diesem Tande zu trennen.» - „Wenn Du mir den Juwel Deiner reinen Seele bewahrst," sagte der König von Sicilien mit Artigkeit, „so kümmert es mich 44 wenig, ob ich je einen andern sehe; aber wir werden dies nicht brauchen, denn unsere Freunde können, obschon sie, wie wir, freigebigere Herzen als gutgefüllte Kaffen haben, den Darleihern wohl soviel Bürgschaft leisten, als zu unserem Bedürsniß nöthig ist. Ich will daher diese Sorge selbst auf mich nehmen, meine Base — ich darf doch wohl sagen, meine Braut?" „Diese Benennung ist mir theurer, als jede, welche mit der Verwandtschaft in Verbindung steht, Fernando," antwortete die Prinzessin mit einer einfachen Herzlichkeit, welche mit der gewöhnlichen Ziererei und den erkünstelten Gefühlen ihres Geschlechts nichts gemein hatte, während sie zugleich ihre Bescheidenheit im schönsten Lichte erscheinen ließ, „und wir mögen wohl zu entschuldigen seyn, wenn wir uns derselben bedienen. Ich hoffe, Gott wird unsere Vereinigung segnen, nicht nur zu unserem Glücke, sondern auch zu dem unseres Volkes." „Nun denn, meine Braut! — hinfort wird unser Vermögen gemeinschaftlich scyn, und Du wirst es mir überlaffen, für Deine Bedürfnisse Sorge zu tragen." „Nein, Fernando," erwiederte Jsabella lächelnd; „wir können uns in keinem Falle als die Kinder zweier Hidalgo'S betrachten, die im Begriffe stehen, den gemeinschaftlichen Gang durch die Welt mit einer ärmlichen Mitgift zu beginnen. Du bist jetzt schon ein König, und durch den Vertrag von Toros de Guisando bin ich feierlich als die Erbin von Castilien anerkannt. Unsere Habe muß daher auch fortan eine getrennte bleiben, ebenso gut, als wir verschiedene Pflichten haben, obgleich ich hoffe, daß unsere Interessen nie in gegenseitigen Widerstreit kommen werden." „Du wirst nie finden, daß ich eS Dir an der Achtung, welche Deinem Range gebührt, fehlen lassen werde, oder daß ich die Pflicht, welche mir gegen Dich, als das Haupt unseres alten Hauses, nächst Deinem durchlauchtigen Bruder, dem König, obliegt, außer Acht lasse." 4 45 „Du hast unfern Ehevertrag doch wohl überlegt, Don Fernando, und bist, wie ich hoffe, mit seinen verschiedenen Bedingungen einverstanden?" „Wie es der Wichtigkeit dieses Schrittes und der Größe der Wohlthat, die ich empfangen soll, geziemt." „Ich wünschte, daß fie Dir annehmlich und geeignet erscheinen möchten, denn obgleich ich nun bald Deine Gattin sehn werde, so darf ich doch nie vergessen, daß ich bestimmt bin, dereinst die Krone dieses Landes zu tragen." „Du darfst überzeugt seyn, meine schöne Braut, daß Ferdinand von Aragon der Letzte sehn wird, der in Dir etwas anderes, als die Königin steht." „Ich betrachte meine Pflichten als ein von Gott anvertrautes Gut, für deren treue Erfüllung eine strenge Verantwortlichkeit auf mir lastet. Ein Scepter ist kein Spielzeug, Fernando, mit dem sich scherzen läßt, und keine Last ist schwerer als die einer Krön?." „Wir haben in Aragon die gemeinsamen Grundsätze unseres Hauses nicht vergessen, meine Verlobte, und es freut mich zu finden, daß sie sich in beiden Königreichen gleich erhalten haben." „Wir dürfen, indem wir diesen Bund knüpfen, nicht vorzugsweise an uns selbst denken," fuhr Jsabella ernst fort; „denn das hieße die Pflichten des Fürsten durch die Gefühle der Liebe verdrängen. Du hast Dich, wie ich hoffe, mit den Artikeln des Ehevertrags gehörig vertraut gemacht?" „Ich hatte hinreichend Muße dazu, meine Base, da sie bereits seit neun Monaten unterzeichnet find." „Wenn ich Dir vielleicht in einigen Punkten zu anspruchsvoll scheine," fuhr Jsabella mit derselben liebenswürdigen und ernsten Einfachheit fort, welche ihr in allen Verhältnissen des Lebens eigen war, „so liegt der Grund hievon in jenen Obliegenheiten, welche ein Fürst nicht übersehen darf. Du kennst außerdem den Einfluß, Fernando, den der Eheherr über die Gattin zu üben gewöhnt ist. 46 und wirst daher die Nothwendigkeit fühlen, meine Castiliancr in jeder Hinsicht gegen meine eigenen Schwächen zu schützen." „Wenn Deine Castilianer nichts zu dulden haben, bis von dieser Seite Leiden über sie kommen, Donna Jsabella, so wird ihr LooS in der That ein glückliches sehn." „Das sind Worte der Galanterie, welche bei einem so ernsten Anlässe nicht gebraucht werden sollten, Fernando. Ich bin um einige Monate älter als Du, und werde mir die Rechte einer ältern Schwester herausnehmen, bis sie in den Pflichten der Gattin ersterben. Du hast aus diesen Artikeln ersehen, wie ängstlich ich darauf bedacht war, meine Castilianer gegen einen überwiegenden Einfluß der Fremden zu schützen. Du weißt, daß viele Großen dieses Reiches unserer Verbindung entgegen waren, weil sie die Herrschaft Aragons fürchteten, und wirst daher bemerken, welche Mühe wir uns gegeben haben, ihre Eifersucht zu beschwichtigen." „Deine Beweggründe, Donna Jsabella, sind verstanden worden, und Deine Wünsche werden in dieser, wie in allen andern Ein- zclnheiten geachtet werden." „Ich möchte gerne Deine treue und ergebene Gattin sehn," entgegnete die Prinzessin mit einem ernsten, aber sanften Blick auf ihren Verlobten; „aber ich möchte auch meinem Castilien seine Rechte und seine Unabhängigkeit bewahren. Die Jungfrau, die Dir freiwillig ihre Hand gereicht hat, braucht Wohl kaum zu sagen, welcher Dein Einfluß sehn werde; aber im Aeußern müssen die Staaten als getrennte betrachtet werden." „Verlasse Dich auf mich , meine Base. Wer in fünfzig Jahren noch am Leben ist, wird sagen, daß Don Fernando seine Verbindlichkeiten zu achten und seine Pflicht zu erfüllen wußte." „Ein weiterer Artikel gilt dem Krieg gegen die Mauren. Ich werde nie überzeugt sehn können, daß die Christen in Spanien treu an ihrem Glauben hängen, so lange noch ein Anhänger deS Erzbetrügers von Mekka aus der Halbinsel weilt." 47 „Du und Dein Erzbischof hätten mir keine angenehmere Pflicht übertragen können, als meine Lanze gegen die Ungläubigen einzn- legen. Ich habe mir in diesen Kriegen bereits meine Sporen verdient, und sobald wir gekrönt sind, sollst du sehen, wie gerne ich dazu beitragen will, die Heiden in ihre ursprünglichen Sandwüsten zurückzutreiben." „Jetzt liegt mir nur noch Eines auf dem Herzen, mein edler Vetter. — Du kennst den Übeln Einfluß, der auf meinen Bruder geübt wird und ihm einen großen Theil des Adels sowohl als der Städte entfremdet hat. Wir werden beide ernstlich versucht werden, einen Krieg gegen ihn zu beginnen, um das Scepter zu ergreifen, ehe cs Gott gefällt, uns dasselbe auf dem natürlichen Wege zu übertragen. Ich wünschte, daß du Don Enriquez nicht nur als das Haupt unseres künialichen Hauses, sondern auch als meinen Bruder und gesalbten Herrn achtetest. Sollten schlimme Rathgeber ihn drängen, etwas gegen unsere Personen oder unsere Rechte zu versuchen; so haben wir allerdings eine Erlaubniß zum Widerstand; aber ich bitte Dich, Fernando, suche unter keinem Vorwand Deine Hand zur Empörung gegen meinen rechtmäßigen Herrscher zu erheben." „Dann mag Don Enriquez auf seine Beltraneja Acht haben," erwiederte der Prinz mit Feuer. „Beim heiligen Peter, ich habe selbst Rechte, die diesem mißgeborenen Mengling Vorgehen. Das ganze Haus von Trastamara ist dabei betheiligt, daß dieses unächte Reis, welches so trügerischerweise dem königlichen Stamm aufgepfropft wurde, erstickt werde." „Du wirst warm, Fernando, und sogar das Auge von Beatn'z von Bobadilla mißbilligt Deine Hitze. Die unglückliche Johanna kann nie unsere Rechte an den Thron gefährden, denn unter dem Adel CastilienS sind nur wenige so unwürdig, daß sie die Krone auf dem Haupte einer Person suchen möchten, in welcher, wie man glaubt, nicht das Blut Pelayo'S fließt." „Don Enriqucz hat Dir seit dem Vertrage von ToroS de Guisando nicht Wort gehalten, Jsabella." „Mein Bruder ist von schlechten Rathgebern umringt;— und dann, Fernando," fuhr die Prinzessin hocherröthend fort, „dürfen wir beide nicht allzusehr auf jene Uebereinkunfl pochen, denn eS war eine Bedingung derselben, daß meine Hand nicht ohne die Zustimmung des Königs vergeben werden sollte." „Er zwang uns zu dieser Maßregel, und hat die Nichtachtung dieses Punktes Niemand anderem, als sich selbst vorzuwerfen." „Auch ich bemühe mich, die Sache in diesem Lichte zu betrachten, obgleich ich brünstig zu dem Himmel flehte, daß mir dieser scheinbare Treubruch vergeben werde. Wäre ich abergläubisch, Fernando, so müßte ich fürchten, daß Golt mir um einer Verbindung willen zürne, welche im Widerspruche mit solchen Verpflichtungen eingcgangen wurde. Aber man muß unter den Gründen einen Unterschied machen, und wir haben ein Recht zu glauben, daß Er, der die Herzen prüft, eine gute Absicht nicht strenge richten werde. Hätte Don Enriquez nicht den Versuch gemacht, sich meiner Person zu bemächtige«, mit der offenen Absicht, mich gegen meinen Willen zu einer Heirath zu nölhigen, so wäre dieser entscheidende Schritt nicht nöthig geworden, und auch nicht geschehen." „Ich habe Ursache, meinem Schutzheiligen zu danken, schöne Base, daß Dein Wille weniger nachgiebig war, als die Tyrannen vermutheten." „Ich hätte mich dem König von Portugal, dem Monsieur de Guienne oder irgend einem Andern, den man mir zu meinem künftigen Gemahl vorzuschlagen beliebte, nicht zur Treue verpflichten können," entgegnete Jsabella mit Offenheit. — „Zwar ziemt es königlichen, überhaupt cdeln Jungfrauen nicht, ihre eigenen unerfahrenen Launen der Weisheit ihrer Freunde cntgegenzusetzen, und es ist keine schwierige Aufgabe für ein tugendhaftes Weib, ihren Gatten lieben zu lernen, wenn Natur und Neigung durch die Wahl nicht gar 49 zu offen verletzt wirb. Doch in den mir angemutheten Fällen habe ich zu sehr an das Heil meiner Seele gedacht, um sie damals durch Uebernahme ehelicher Pflichten einer so schweren Prüfung auSzusetzem" „Ach! ich fühle nur zu sehr, daß ich Deiner unwürdig bin, Jsabella. Doch Du magst mich zu dem hcranbilden, was ich nach Deinen Wünschen seyn sollte; ich kann Dir nur versprechen, daß Du stets einen willigen und aufmerksamen Schüler in mir finden wirst." Das Gespräch ging nun mehr ans allgemeine Dinge über, wobei Jsabella ihrer natürlichen Neugierde und ihrem theilnehmen- den Herzen freien Lauf ließ, indem sie sich nach den Verhältnissen ihrer verschiedenen Verwandten in Aragon erkundigte. Nach dieser Begegnung, welche mehr als zwei Stunden gedauert hatte, kehrte der König von Sicilien, ohne Aufsehen zu erregen, wie er gekommen war, nach DuennaS zurück. Das königliche Paar trennte sich mit den Gefühlen erhöhter Achtung und Verehrung, und Jsabella gab sich jenem zarten Vorgefühl häuslichen Glückes hin, welches dem zarteren Charakter des Weibes eigenthümlich ist. Die Vermählung fand mit der gebührenden Pracht am Morgen des 19. Octobers 1469 in Don Juan de Vivero's Hauskapelle statt, und nicht weniger als zweitausend Personen, meistens von Stande, waren Zeugen der heiligen Handlung. Als der Priester im Begriffe war, sein Amt zu beginnen, wurde das Auge Jsabellens unruhig, und sie sprach zu dem Erzbischof von Toledo: „Euer Gnaden hat mir versprochen, daß bei dieser feierliche» Gelegenheit zu der Beistimmung der Kirche nichts fehlen solle. Es ist bekannt, daß Don Ferdinand von Aragon und ich in einem Verwandtschaftsgrade stehen, der als ein Ehehindcrniß betrachtet werden könnte." „Ganz richtig, gnädige Fürstin," erwiederte der Prälat mit einer ruhigen Miene und einem väterlichen Lächeln. „Zum Glücke hat aber unser heiliger Vater Pius dieses Hinderniß entfernt, und die Kirche freut sich dieser Verbindung in jedem Betrachte." Donna Mercedes. 2tc Attfl. 4 so Der Erzbischof nahm sofort das Erlaubnißbrevc aus der Tasche und las es mit deutlicher, wohlklingender und fester Stimme vor. Jeder Schatten verschwand nun von Jsabellens heiterer Stirne und die Ceremonic nahm ihren Fortgang. Jahre entschwanden, ehe diese fromme und unterwürfige christliche Fürstin entdeckte, daß man sie getäuscht hatte und daß die verlesene Bulle eine Erfindung des alten Königs von Aragon und des Prälaten war, wobei auch auf den Bräutigam der Verdacht fiel, daß er um die Sache gewußt habe. Diese Fälschung war eine Folge der vollkommensten Ueber- zeugung, daß der Papst zu sehr unter dem Einfluß des Königs von Castilien stehe, um im Widerspruche mit den Wünschen dieses Monarchen ein solches Benefiz zu gewähren. ES stund eine Reihe von Jahren an, ehe SirtuS IV. dieses Unrecht durch eine ächte DiSpcnS-Urkunde ausglich. Demungeachtet ging die Vermählung Ferdinands und Jsabellens vor sich. Die Ereignisse der nächsten zwanzig Jahre aber dürfen wir nur mit einem flüchtigen Ueberblicke beleuchten. Heinrich IV. nahm den Schritt übel auf, und mancher vergebliche Versuch wurde gemacht, seinem unterschobenen Kinde La Beltraneja statt der Schwester und Thronfolgerin die Krone zu sichern. Es folgte bald ein Bürgerkrieg, während dessen Jsabella beharrlich die vielen Bitten, das Scepter an sich zu nehmen, zurückwicS, indem sie sich nur darauf beschränken wollte, ihre Rechte als NcichSnach- folgerin zu behaupten. Im Jahre 1477, dem fünften nach ihrer Vermählung, starb Don Heinrich, worauf fie Königin von Castilien wurde, obschon ihre angebliche Nichte gleichfalls von einer kleinen Anzahl ihrer Unterthanen als Herrscherin auSgerufc» wurde. Der Erbfolgekrieg, wie er genannt wurde, dauerte noch fünf Jahre, worauf Johanna, oder La Beltraneja, den Schleier nahm, und die Rechte Jsabellens allgemein anerkannt wurden. Um dieselbe Zeit starb Don Juan II. und Ferdinand bestieg den Thron von Aragon. Eine Folge dieser Ereignisse war, daß die seit langer Zeit in viele kleine Staaten getrennten Königreiche und Fürstenthümer der Halbinsel in vier Reiche zusammen flößen, nämlich in die Besitzungen Ferdinands und JsabellaS, welche Castilien, Leon, Aragon, Valcnzia und noch einige andere der schönsten Provinzen Spaniens umfaßten; in Navarra, ein unbedeutendes Königreich in den Pyrenäen; in Portugal, das heut zu Tage fast noch in derselben Weise besteht, und in Granada, die letzte Stätte der Mauren, nördlich von der Meerenge bei Gibraltar. Weder Ferdinand noch seine königliche Gemahlin vergaßen des Artikels in ihrem Ehevertrag, welcher den ersteren verpflichtete, einen Vertilgungskrieg gegen die Macht der Mauren zu unternehmen. Die Ausführung dieses Planes wurde jedoch durch den Lauf der Ereignisse um viele Jahre hinausgeschoben. Als man aber endlich hiefür Zeit fand, verließ die Vorsehung, welche die fromme Jsabella durch eine Kette wichtiger Begebenheiten aus der beschränkten Lage, in der wir sie dem Leser eben vorgeführt haben, bis zu dem Gipfel menschlicher Macht führen zu wollen schien, ihren Schützling nicht. Ein Sieg folgte dem andern, die Mauren verloren Festung um Festung, Stadt um Stadt, und wurden am Ende in ihrer eigenen Hauptstadt, ihrem letzten Haltpunkte auf der Halbinsel, belagert. Die Eroberung von Granada war in den Augen der Christen ein Ereigniß, welches nur der Entreißung des heiligen Grabs aus den Händen der Ungläubigen nachstand, und so trugen denn auch die dabei vorkommenden Züge einen so bezeichnenden Charakter, wie er kaum vorher je in dem Laufe einer Belagerung zu bemerken war. Die Stadt unterwarf sich am 14. Nov. 1491, zweiundzwanzig Jahre nach der erwähnten Vermählung, — an dem nämlichen Jahrestage, welcher in den Annalen Amerika'S so wichtig wurde, weil einige Jahrhunderte später die Engländer an demselben ihren letzten Haltpunkt in der Küste der Republik unfreiwillig aufgaben. Im Laufe des vorhergehenden Sommers, während die spanischen Streitkräfte vor der Stadt lagen und Jsabella mit ihren Kindern ängstlich den Fortgang der Begebenheiten mit ansah, trug sich ei» 52 Ereigniß zu, welches leicht hätte verhängnißvoll für die königliche Familie und verheerend für die christlichen Waffen werden könne». Das Zelt der Königin ging in Flammen auf, wodurch daS ganz- Lager in die größte Gefahr gerieth. Biele Zelte der Eoeln wurden gleichfalls ein Raub des Feuers, und bedeutende Schätze, Juwelen und Silbergeschirr gingen zu Grunde, obgleich die Zerstörung nicht weiter reichte. Um der Wiederkehr eines solchen Unfalls vorzubeugen, und vielleicht auch, weil man die Eroberung Granada'S als die herrlichste That dieser Doppelregierung betrachtete — denn noch lag die Zukunft im Dunkeln, und nur ein menschliches Auge sah das größte aller Ereignisse, welches jener Zeit Vorbehalten war, voraus — entschloß sich das fürstliche Paar, ein Werk zu versuchen, das schon an sich diese Belagerung denkwürdig machen mußte. Der Plan zu einer regelmäßigen Stadt wurde entworfen, und Arbeiter gingen an die Erbauung fester Gebäude, in welchen die Armee wohnen sollte, und so wurde in diesem Kriege eine Stadt der andern gegenübergestellt. In drei Monaten war dieses Riesenwerk mit seinen Gaffen, Straßen und Vierteln vollendet, und erhielt den Namen Santa Fe (heiliger Glaube), eine Benennung, welche eben sowohl für den Eifer, mit welchem eine solche Arbeit im Gewühlc des Kampfes durchgcführt wurde, als für das große Vertrauen auf die Vorsehung Gottes, welches die Christen zu diesem Kriege begeistert hatte, Zeugniß ablegt. Die Erbauung dieser Stadt erfüllte die Herzen der Mauren mit Schrecken, denn sie sahen darin einen Beweis, daß ihre Feinde den Kampf nur mit ihrem Leben aufzugeben beabsichtigten; und höchst wahrscheinlich hatte man es nur diesem Einflüsse zu danken, daß Boabdil, der König von Granada, sich unterwarf, und Alhambra einige Wochen, nachdem die Spanier von ihrem neuen Aufenthalt Besitz genommen hatten, übergab. Santa Fe steht noch, und wird wegen seines sonderbaren Ursprungs von den Reisenden häufig besucht. Auch ist es durch 53 die wirkliche oder muthmaßliche Thaisache merkwürdig, daß es die einzige Stadt von einigem Umfang in Spanien ist, welche nie unter maurischem Scepter stand. Die Hauptereigniffe unserer Erzählung führen uns nun in diese Zeit und auf diesen Schauplatz zurück, denn alles, was wir bisher erzählt haben, diente bloS als eine Einleitung, um den Leser auf die nun folgenden Begebenheiten vorzubereiten. Viertes Kapitel. Den rechten Winkel kenne» die Gelehrten i Er kümmert den nicht, dessen ganzes Leben Nur darauf zielt, im Rechten groß zu werden. Was kann der Menschen Kunst und Wissen geben Als nur ein Meer von Jrrthum — bodenlos? Wer'S zu ergründen strebt, hascht Schatten bloS. Menschliches Wisse». Der Morgen des zweiten Januars 1492 wurde mit einer Feierlichkeit und einer Pracht eingeführt, welche sogar an dem Hofe und in dem Lager Ferdinands und JsabellaS, wo man doch des kirchlichen und königlichen Pompes so sehr gewohnt war, nie ihres Gleichen gehabt hatten. Die Sonne war kaum aufgegangen, als in der kl-inen außerordentliche» Stadt Santa Fe sich Alles in siegestrunkener Bewegung befand. Die seit Wochen im Geheimen über die Uebergabe von Granada gepflogenen Verhandlungen waren nun abgeschlossen, Armee und Volk förmlich von den Resultaten derselben benachrichtigt und der heutige Tag zu dem Einzuge der Sieger bestimmt. Der Hof hatte wegen Ablebens des Don Alonzo von Portugal, des Verlobten einer königlichen Prinzessin von Castilien, Trauer angelegt, aber bei diesem freudigen Anlässe wurden die Merkmale des Leides bei Seite gelegt und Alles erschien in den heitersten und prachtvollsten Gewändern. In einer frühen Morgenstunde rückte der Grande Cardinal an der Spitze einer starken Truppen- Abtheilung auf den Berg der Märtyrer, um Besitz davon zu nehmen. Als er Hinanstieg, kam ihm eine Abtheilung maurischer Edeln entgegen, welche von einem Manne geführt wurden, dessen würdevolle Haltung und kummervolle Züge leicht den von Schmerz zerrissenen Boabdil oder Abdallah, Granada'S früheren Monarchen, erkennen ließen. Der Cardinal deutete ihm die Stelle in der Nähe der Thore an, wo Ferdinand sich in der demuthsvollen Haltung, welche' mit dem seltsamen Fanatismus dieser Periode im Einklang stand, aufgestellt hatte, da er eS in Folge jenes Gemisches von Frömmigkeit und Staatsklngheit, das mit seinem Charakter so enge verwoben war, verschmähte, in die Mauern der eroberten Stadt einzuziehen, so lange nicht die Banner Mohammeds dem Symbol Christi gewichen waren. Da das Zusammentreffen beider Fürsten an verschiedenen Orten berichtet und erst in der neueren Zeit von zwei ausgezeichneten amerikanischen Schriftstellern beschrieben wurde, so wollen wir übrigens nicht weiter dabei verweilen. Abdallah stellte sich hierauf der reinen und edel gesinnten Jsabella vor, welche ihn mit weniger Geziertheit und mit mehr wahrer christlicher Liebe und Theilnahme empfing, und schlug dann seinen Weg nach dem Gebirgspaß ein, von wo aus er zum letztenmal die Paläste und Thürme seiner Väter überblickte. Man zeigt noch heute diese Stelle, welche diesem Umstande den poetischen und rührenden Namen LI Ultimo Kusgiro äel ükvro verdankt. Obgleich der Zug des letzten Königs von Granada von seinem Palaste nach dem Gebirge in keiner Weise eine Zögerung erlitt, so währte er doch einige Zeit, da er in einer ernsten und würdevollen Weise ausgeführt wurde. In diesen Stunden waren die Straßen und die anliegenden Felder mit einer Masse von Menschen bedeckt, welche Alle ihre Augen auf die Thürme von Alhambra geheftet hielten; denn jeder gute katholische Christ, der Zeuge des Triumphes seiner Religion gewesen war, harrte nun ängstlich des Zeichens der Besitzergreifung. Jsabella, welche durch einen Artikel in ihrem Ehevertrag die Veranlassung zu diesem Siege gegeben hatte, vermied es, in Folge ihrer angeborenen Bescheidenheit, sich bei dieser Gelegenheit vorzudrängen; sie hatte sich in einiger Entfernung hinter Ferdinand auf gestellt. Dcmungeachtet aber war sie nächst den mit Sehnsucht betrachteten Thürmen von Alhambra der Mittelpunkt, nach dem sich Aller Blicke drängten. Sie erschien in einer Pracht, welche eben so sehr ihrer hohen Stellung als eines so glorreichen Anlasses würdig war; ihre Schönheit machte sie stets zum Gegenstände der Bewunderung, ihre Milde, ihre unbeugsame Gerechtigkeit und ihr« unwandelbare Wahrheitsliebe hatte aller Herzen gewonnen, und in der That zog sie am meisten Vortheil aus diesem Siege, da Granada zu der Krone von Castilien und nicht zu der von Aragon gehörte, und letzteres Land wenig oder gar nicht an dieses Gebiet gränzte. Ehe Abdallah erschien, wogte die Volksmaffe in allen Richtungen hin und her, und eine Menge von Nichtsoldaten strömte dem Lager zu, um Zeuge des Einzuges zu seyn. Das Gewimmel von Menschen, unter denen sich viele Ordensbrüder, Weltpriester und Bettelmönche befanden, trug in der That das Gepräge eines KreuzzugcS. Am dichtesten schaarten sich jedoch die Neugierigen um die Person der Königin, wo allerdings auch der Glanz des Hofes am bestechendsten war. Insbesondere hatten sich an dieser Stelle die meisten Glieder der Geistlichkeit versammelt, denn sie fühlten, daß der fromme Sinn JsabellenS eine Art sittlicher Atmosphäre um ihre Nähe schuf, welche mit ihren Gewohnheiten zusammcnstimmte und auch ihnen die geeignete Auszeichnung verschaffte. Unter Andern bemerkte man auch einen Mönch von einnehmenden Zügen und in der That auch von edler Geburt, der, als er sich aus der unmittelbaren Umgebung der Königin zu einer Stelle, wo die Bewegung freier war, zurückzog, 36 von mehreren Granden als Vater Pedro angeredet wurde. An seiner Seite ging ein Jüngling, dessen Aeußeres sich so sehr von dem anderer Edcln, welche an diesem Tage nicht zu Pferde erschienen, auSzeichnete, daß er allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Er mochte kaum mehr als zwanzig Jahre zählen, aber aus seiner muskulösen Gestalt und den blühenden, gebräunten Wangen ließ sich entnehmen, daß er mit Anstrengungen in Wind und Wetter vertraut war. Seine ganze Haltung deutete aus einen Kriegsmann, obgleich er bei einer für diesen Stand so feierlichen Gelegenheit nicht in Waffen erschien; seine Kleidung war, wie sie der Adel jener Zeit trug, aber so einfach, als ob sie sich jeder Beachtung entziehen wolle. Mehrere von denen, welche dem Jünglinge mit de» Augen folgten, als er eine Stelle aufsuchte, wo das Gedränge weniger lebhaft war — hatten bemerkt, daß ihn die Königin gnädig ausgenommen und ihm sogar erlaubt hatte, ihre Hand zu küssen, eine Gunst, welche an diesem formenreichen und stolzen Hofe gewöhnlich nur dem Verdienste oder den durch hohe Geburt Berechtigten zu Theil wurde. Einige flüsterten, er scy ein Guzmann, eine Familie, die man fast eine königliche nennen konnte, während ihn Andere für einen Ponce hielten, ein Name, der durch die in diesem Kriege verrichteten Waffenthaten des berühmten Herzogs von Cadiz zu einem der ersten in Spanien geworden war; und wieder Andere wollten aus der hohen Stirne, dem festen Tritte und dem feurigen Auge einen Mendoza erkennen. Der Gegenstand aller dieser Vermuthungen schien die Aufmerksamkeit, welche seine stolze Gestalt, sein schönes Gesicht und sein elastischer stolzer Schritt auf sich zog, nicht zu beachten; denn er beschäftigte sich, als ob er gewöhnt scy, von Untergebenen Auszeichnung zu empfangen, nur mit Gegenständen, die seinem Auge oder seiner Phantasie zusagten, während er übrigens den Worten, welche ihm ein ehrwürdiger Begleiter von Zeit zu Zeit zuflüsterte, rin aufmerksames Ohr schenkte. 57 ! „Das ist für die Christenheit ein höchst gesegneter und ruhmvoller Tag," bemerkte der Mönch nach einer ungewöhnlich langen Pause. „Ein gottloses, siebenhundertjähriges Reich hat aufgehört, und der Stolz der Mauren ist endlich durch das Kreuz erdrückt worden, das sich über die Banner des falschen Propheten erhoben hat. Du hast Vorfahren gehabt, mein Sohn, welche sich wohl gerne aus den Gräbern erheben und frohlockend auf der Erde wandeln würden, wenn die Nachricht von dieser Veränderung zu den Seelen lange Hingeschiedener Christen gelangen dürfte." „Möge die heilige Jungfrau Fürbitte einlegen, Vater, daß sie nicht in ihrer Ruhe gestört werden, wäre es auch, um die Mauren heimathloS zu schauen, denn ich zweifle sehr, ob sie Granada, so angenehm eS auch die Ungläubigen gemacht haben, so lieblich finden würden, als das Paradies." „Mein Sohn Don Luis, Du hast Dir auf Deinen letzten Reisen eine große Leichtfertigkeit der Zunge erworben, und ich zweifle, ob Du Deiner Paternoster und der Beichte noch so eingedenk bist, wie zu der Zeit, wo Du noch unter der Obhut Deiner trefflichen Mutter — gesegnet sey ihr Andenken — standst." Diese Worte trugen den Ausdruck des Verweises, ja einer Wärme, welche beinahe an Unwillen gränzte. „Zürne mir nicht, Vater, um der Leichtfertigkeit meiner Zunge willen, die mehr eine Frucht jugendlichen Leichtsinns, als eine Folge von Nichtachtung der heiligen Kirche ist. — Nun, Du machst mir Vorwürfe, und jetzt, da ich als ein Reuiger zu Dir komme und meine Verirrungen zu Deinen Füßen niederlegen will, um Vergebung zu finden, heftest Du Dein Auge auf den leeren Raum, und starrst, als ob einer der Geister, von denen Du eben sprachst, ^virklich dem Grabe entstiegen wäre, um mit anzuschen, wie dem Mauren das Herz bricht, daß er sein liebes Alhambra verlassen soll!" „Siehst Du jenen Mann, Luis?" fragte der Mönch, indem er noch immer in derselben Richtung hinblickte, ohne jedoch nur «inen Wink anzudeuten, welche Person unter den vielen, die nach allen Richtungen hinjlrömten, er bezeichnen wolle. „So wahr ich lebe, Vater, ich sehe Tausende, aber nicht einen Einzigen, den ich für einen eben ans dem Paradiese Kommenden halten könnte. Würde cs wohl unbescheiden sehn, zu fragen, wer oder was Deinen Blick in dieser Weise fehle?" „Siehst Du jenen Mann von hoher und gebieterischer Gestalt, in dessen Aeußerem sich Ernst und Würde ans eine so seltsame Weise mit Armuth haart? — ich sollte vielleicht nicht Armuth sagen, denn er ist besser gekleidet und scheint sich in vortheilhafteren Umständen zu befinden, als cs, wie ich mich erinnere, früher der Fall war. Keineswegs aber sieht er reich und wie ein Adeliger aus, während seine Haltung und sein Benehmen wenigstens auf einen Monarchen zu deuten scheinen." „Ich glaube, ich sehe jetzt den, welchen Du meinst, Vater: ein Mann, von ungemein ernstem und ehrwürdigen Aeußer», ob» gleich sehr einfach. Ich kann jedoch weder in seinem Anzug, noch in seiner Haltung etwas Auffallendes oder Unpassendes erkennen." „Ich meine das nicht; aber eS liegt eine Hoheit in diesen würdevollen Zügen, die man gewöhnlich nur bei solchen trifft, welche des Herrschen» gewohnt find." „Mir scheint sein AeußereS und seine Miene auf einen höheren Seemann oder Piloten, einen Mann, der an die Stürme des Meeres gewöhnt ist, zu deuten. Manche der Abzeichen, die er trägt, dienen zu Unterstützung dieser Vermuthung." „Du hast recht, Don LuiS; denn dies ist sein Beruf. Er kommt von Genua und heißt Christoval Colon, oder wie man ihn in Italien Unnt, Christophoro Colombo." „Ich erinnere mich von einem Admiral dieses Namens gehört zu haben, der in den südlichen Kriegen gute Dienste geleistet und ehedem eine Flotte i» den sernen Osten geführt hat." „Dieser ist cS nicht; denn seine Stellung ist nicht so hoch, 59 obgleich sie miteinander verwandt seyn mögen, da beide aus derselben Gegend stammen. Dieser ist kein Admiral, obwohl er gerne einer werden möchte, ja vielleicht gar ein König.- „Dann ist er entweder ein Schwachkopf, oder ein über die Gebühr ehrgeiziger Mann." „Weder das eine noch daS andere. Was seinen Geist anbelangt, so übertrifft er hierin viele unserer gelehrtesten Geistlichen, und seiner Frömmigkeit muß man es nachrühmen, daß eS einen ergebeneren Christen nicht in ganz Spanien gibt. Man sieht wohl, mein Sohn, daß Du lange im Ausland und nur wenig am Hof gewesen bist, sonst müßtest Du Dich bei Nennung des Namens der Geschichte dieses außerordentlichen Wesens erinnern, das so manches Jahr dem gedankenlosen Leichtsinn zur Zielscheibe der scherzenden Spottes diente und für den weisen Denker mehr Zweifel veranlaßt hat, als manche kühne und fluchwürdige Ketzerei." „Deine Worte machen mich neugierig, Vater! Wer und was ist der Mann?" „Ein Räthsel, das ich weder durch Gebete zur heiligen Jungfrau, noch durch die Gelehrsamkeit der Klöster, noch durch den eifrigen Wunsch, die Wahrheit zu erforschen, zu lösen vermochte. Komm, Luis, wir können un« auf diesen Felsen setzen; ich will Dir dann die Ansichten mittheilen, welche diesen Mann so merkwürdig machen. Du mußt wissen, mein Sohn, daß es jetzt sieben Jahre sind, seit er zum erstenmal unter uns erschien. Er suchte Unterstützung zu einer Entdeckungsreise, indem er behauptete, daß er, wenn er westlich auf dem Ocean in eine unerhört große Entfernung fnrtsegle, das ferne Indien erreichen könne und das Königreich Cathay, mit der reichen Insel von Cipango, wovon uns ein gewisser Marco Polo einige höchst merkwürdige Geschichten hintcr- laffen hat." „Bei St. Jago, gesegneten Andenkens, der Mann muß den Verstand verloren haben," fiel Don Luis lachend ein. „Das konnte nur möglich sehn, wenn die Erde rund wäre, denn Indien liegt östlich und nicht westlich von uns." „Man hat ihm schon oft diesen Einwurf gemacht, aber der Mann ist sogar für weit wichtigere Entgegnungen gewaffnct." „Gibt es wohl eine wichtigere als diese? Unsere eigenen Augen überzeugen uns, daß die Erde eben ist." „Er theilt hierin nicht die Ansicht anderer Leute, und um die Wahrheit zu gestehen, mein Sohn Luis, — nicht ohne scheinbare Gründe. Wie Du weißt, ist er ein Seefahrer, und er entgegnet, daß man auf dem Meere von einem fernen Schiffe zuerst die oberen Segel sehe, während die tieferen erst beim Näherkommen sichtbar würden, bis sich endlich der ganze Rumpf dem Auge darbiete. Aber Du bist ja selbst auf dem Meere gewesen, und hast vielleicht etwas der Art bemerkt?" „Es ist in der That so, Vater. Als wir in dem englischen Meer hinauffuhren, begegneten wir einem kühnen königlichen Kreuzer, und wir sahen zuerst, wie Du sagtest, die oberen Segel wie einen weißen Punkt über dem Wasser; dann folgte Segel auf Segel, bis wir nahe genug waren, um auch den riesigen Rumpf mit seiner Reihe von Donnerbüchsen und Kanonen zu erkennen, von denen sich allerwenigste»« zwanzig darauf befanden." „Du stimmst also mit diesem Colon überein, und glaubst, die Erde sey rund?" „Beim heiligen Georg von England, gewiß nicht. Ich habe zu viel von der Welt gesehen, um ihrer schönen Oberfläche einen so sinnlosen Vorwurf zu machen. England, Frankreich, Burgund, Deutschland und alle Länder des Nordens sind alle so flach, als unser Castilien." „Warum hast Du aber die oberen Segel des englischen Schiffes zuerst gesehen?" „Warum, Vater? Ei! weil sie zuerst sichtbar wurden. 3a, aus keinem andern Grunde, als weil sie sich dem Auge zuerst darboten." 61 „Bringen vielleicht die Engländer ihre großen Segel oben an den Masten an?" „Sie wären Thoren, wenn sie das thäten. Obgleich die Engländer keine großen Seefahrer sind (denn unsere Nachbarn, die Portugiesen und die Genuesen übertresfen alle andern in dieser Kunst), so sind sie doch nicht so gar dumm. Du weißt, was der Wind für eine Kraft hat, und wirst daher einsehen, daß die Stellung des Segels um so tiefer seyn muß, je größer eS ist." „Wie ging cS aber zu, daß Du den kleineren Gegenstand vor dem größeren sähest?" „In der That, mein vortrefflicher Vater Pedro, Du hast Dich mit diesem Christophoro nicht vergeblich unterhalten, aber eine Frage ist noch kein Beweis." „Sokrates liebte die Fragen, mein Sohn; aber er erwartete auch Antwort." „poste! wie man am Hof des Königs Louis zu sagen Pflegt; ich bin kein Sokrates, mein Vater, sondern nur Dein alter Zögling und Verwandter, Luis de Bobadilla, ein unstäter Neffe des königlichen Lieblings, der Marquisin von Moya, und ein so hoch- geborener Ritter, als es nur einen in Spanien gibt, obgleich etwas dem Herumstreichen ergeben, wie mir meine Feinde uachrühmen." „Du brauchst mir nichts von Deinem Stammbaum, Deinem Charakter und Deinen Streifzügen zu sagen, Don Luis de Bobadilla, da ich Dich und Deinen LebenSgang von Deiner Kindheit an kenne. Du hast aber ein Verdienst, das Dir Niemand absprechen wird, nämlich Achtung vor der Wahrheit, und nie hast Du dieß mehr erwiesen, als durch das Zugeständniß, daß Du kein Sokrates seyest." Das gutmüthige Lächeln des Mönchs nahm dieser Spottrede einigermaaßen ihre Schärfe, und der junge Man» lachte, als ob er sich seiner eigenen jugendlichen Thorheitcn zu sehr bewußt sey, um sich durch die Worte des Andern gekränkt zu fühlen. 62 „Aber lieber Vater Pedro, laß einmal den Hofmeister aus dem Spiel, und gib Dich zu einem vernünftigen Gespräch über diesen seltsamen Gegenstand herab. Du wirst doch wahrlich nicht annehmen, daß die Erde rund sey?" „Ich gehe in dieser Sache nicht so weit, als Andere, Luis; denn ich finde in der heiligen Schrift Schwierigkeiten, welche eine solche Einräumung nicht zulasten. Doch setzt mich der Umstand mit den Segeln sehr in Verwirrung, und ich habe oft de» Wunsch gehegt, auf das Meer zu gehen und von einem Hafen in den andern zu fahren, um mich selbst davon zu überzeugen. Auch würde ich diesen Versuch gemacht haben, wenn mich nicht, so oft ich mich auf einem Schiffe befinde, eine schlimme Ucbelkeit an- wandclte." „DaS wäre eine würdige Verschleuderung aller Deiner Weisheit," rief der junge Mann lachend. „Ich mochte es wohl mit ansehen, wie Vater Pedro de CaraScal, nach dem Beispiele seines alten Zöglings, ein Herumstreicher würde, und das obendrein nur wegen eines seltsamen Einfalls. Aber beruhige Dich immerhin, mein vortrefflicher Vetter und verehrlicher Lehrer, denn ich kann Dir die Mühe ersparen. Bei allen meinen Reisen zu Wasser und zu Land — und Du weißt, es sind deren nicht wenige für meine Jahre — habe ich die Erde immer eben, und das Meer am aller- ebensten gefunden, etwa einige unruhige Wellen ausgenommen." «Kein Zweifel, daß es dem Auge so vorkömmt; aber dieser Colon, der weit mehr Reisen gemacht hat, als Du, denkt anders. Er behauptet, die Erde sey eine Kugel, und wenn er nach Westen segle, so könne er Punkte erreichen, zu denen man bisher nur durch eine östliche Fahrt gelangte." „Bei St. Lorenzo, das ist ein kühner Gedanke! Hat der Mann wirklich die Absicht, sich in das große atlantische Weltmeer zu wagen und darauf so lange fortzuschiffen, bis er irgend ein fernes und unbekanntes Land erreicht?" 68 „Gerade über diesem Gedanken brütet er, und seit siebe» mühevollen Jahren bestürmt er den Hof mit der Bitte, ihm die »ölhigen Mittel an die Hand zu geben. Ja, wie ich höre, hat er noch viel mehr Zeit, vielleicht noch weitere sieben Jahre, darauf verwendet, um in anderen Ländern zu seinem Zwecke zu gelangen." „Wenn die Erde rund wäre," fuhr Don Luis mit einer gedankenvollen Miene fort, „was könnte wohl all das Wasser hindern, nach den niedrigeren Stellen abzufließen? Wie kömmt es, daß wir überhaupt Meere haben? und wenn er, wie Du angedeutet hast, Indien auf der andern Seite zu finden glaubt, wie würbe es da den Leuten möglich, aufrecht zu stehen? Es könnte ja nicht anders geschehen, als indem sie die Füße nach oben streckten?" i.! „Man hat dieses auch Colon entgegengehalten, aber er behandelt derartige Einwürfe nur so oben hin. In der That fangen auch die meisten unserer Geistlichen an zu glauben, daß es kein Oben oder Unten gebe, cs sey denn in Beziehung auf die Oberfläche der Erde, und so stünde denn, von dieser Seite aus, der Annahme kein großes Hinderniß im Wege." „Du willst mir doch nicht glauben machen, Vater, daß ein Mensch auf seinem Kopfe gehen kann, und das noch obendrein mit diesem edeln Glieds in der Luft? Beim heiligen Franciskus, Deine Bewohner von Cathap müssen Krallen haben wie eine Katze, sonst würden sie bald wegfallen." „Wohin, Luis?" „Wohin, Vater Pedro? In die Hölle oder in den bodenlosen Abgrund. ES ist nicht möglich, daß Leute mit in die Höhe gerichteten Füßen aus ihren Köpfen gehen können, wenn sie keine festere Unterlage haben, als die Lust; auch müßten die Caravelen auf ihren Masten segeln, was mir eine saubere Schifffahrt abgeben möchte. Was würde das Meer wohl hindern, aus seinem Belte zu stürzen, und auf die Feuer des Teufels zu fallen, um sie auSzuIöschen?" 64 „Mein Sohn Luis," fiel der Mönch mit Ernst ein, „Deine Leichtfertigkeit führt Dich zu weit. Aber wenn Du die Ansicht dieses Colon so lächerlich findest, so möchte ich doch Deine eigenen Vorstellungen über die Gestalt der Erde kennen lernen, die Gott mit seinem Geist und seiner Gegenwart so hoch geehrt hat." „Sie ist so flach, als der Schild des Mauren, den ich bei dem letzten Aussall erschlug, so flach, als nur immer Stahl das Eisen hämmern kann." „Du nimmst also wohl an, daß sie Gränzen hat?" „Allerdings! und wenn es dem Himmel und der Donna Mercedes von Valverde gefällt, so werde ich sie sehen, ehe ich sterbe." „Du glaubst also, es gebe einen Rand, oder einen Absturz an den vier Seiten der Welt, welchen Menschen erreichen und von wo aus sie hinabsehen können, wie von irgend einem hohen Balkon?" „Das Gemälde verliert nichts durch Deinen Pinsel. Ich habe mir das früher nie so genau erwogen, aber doch sollte man denken, daß es eine solche Stelle gebe. Beim heiligen Fernando! das müßte ein Platz sehn, wo sich sogar das Metall eines Don Alonzo de Ojeda erproben könnte, wenn er sich mit einem Fuß ans den Rand der Erde und mit dem andern auf eine Wolke stellte und eine Orange in den Mond würfe." „Ich fürchte, Luis, Du hast Dich nie sonderlich mit ernsten Dingen beschäftigt. Doch um auf das Vorige zu kommen; — mir scheint die Ansicht und der Plan Colons nicht ohne Werth zu sehn, und ich habe nur zwei ernste Einwürfe dagegen, von denen der eine ans einer Schwierigkeit, welche die heilige Schrift in den Weg legt, beruht, während der andere seinen Grund in der weiten, ungeheuren, fast nutzlosen Ausdehnung des OceanS hat, welcher uns nothwendig von Cathap trennen muß, da wir sonst schon lange etwas von diesem Theile der Welt erfahren hätten." „Begünstigen die Gelehrten die Ansicht des Mannes?" „Die Sache ist in einer Versammlung zu Salamanka reiflich 65 erwogen worden, wobei sich aber gar verschiedene Meinungen a»S- sprachen. Ein ernstliches Hinderniß ist die Befürchtung, daß wenn die Erde sich wirklich als Kugel erweisen sollte, ein Schiff vielleicht durch eine westliche Fahrt wohl nach Cathay kommen könnte, daß aber bei der Rückkehr eine große Schwierigkeit eintreten müßte, weil e» dann natürlich aufwärts ginge, wie es vorhin hinabgefahren wäre. Ich muß gestehen, daß die Meisten diesen Colon verlachen, und ich fürchte, er wird seine Insel Cipango nie erreichen, da es nicht den Anschein hat, als ob je aus der Reise etwas werden sollte. ES wundert mich übrigens, daß er jetzt noch hier ist, denn dem Bernehmen nach hat er sich bereits verabschiedet, nm nach Portugal zu gehen." „Du sagst, Vater, der Mann habe sich lang in Spanien auf- gehalten?" fragte Don Luis ernst und mit einem unverwandten Blick auf Columbus' würdevolle Gestalt, welcher unfern des Felsens, wo die Beiden sich niedergelassen hatten, ruhig dastand und dem prunkvollen Schauspiele des Triumphzuges zusah. „Sieben lange Jahre hatte er den Reichen und Großen angelegen, ihm mit den Mitteln zu Ausführung seines Planes an die Hand zu gehen." „Ist er auch hinreichend mit Gelb versehen, um seine Bewerbung so lange forlsetzcn zu können?" „Dem Anscheine nach ist er arm — ja ich weiß sogar, daß er für Geld Landkarten machte. Die eine Stunde verwandte er auf seine Disputationen mit Philosophen und auf seine Bittgänge bei den Fürsten, während er die nächste in Arbeiten zubrachte, welche ihm seinen Unterhalt verschaffen sollten." „Deine Beschreibung, Natcr, treibt meine Neugierde so weit auf die Spitze, daß ich diesen Colon wohl gerne sprechen möchte. Ich sehe, er steht noch immer dort unter der Menge; ich will daher hingehcn und ihm sagen, daß ich auch so eine Art Seefahrer bin; vielleicht bringe ich einige seiner eigenthümlichenIdeen ans ihm heraus." „Und in welcher Weise willst Du die Bekanntschaft eröffnen, mein Sohn?" Donna Mercedes. 2lc Ausl. Z 66 „Ich werde mich ihm als Don Luis de Bobadilla, den Neffen der Donna Beatriz de Moya und als eine» Adeligen ans einem der ersten Häuser von Castilien vorstellen." „Und glaubst Dn, daß dieses für Deine Absicht genügen werde, Luis?" erwiederte der Mönch lächelnd. „Nein — nein, mein Sohn; das mag wohl bei den meisten Landkartenhäntlern «»gehen, aber bei jenem Christoval wirst Du Deinen Zweck verfehlen. Der Mann ist von der Größe seiner Plane so erfüllt und sein Geist durch die umfassenden Ergebnisse seiner unausgesetzten Sludien und Betrachtungen so sehr erhoben, auch scheint er sich seiner eigenen Kraft in einer Weise bewußt zn sepn, daß er sogar Königen und Fürsten gegenüber seiner Würde nichts «ergeben wird. Was Du im Sinne hast, dürfte kaum Don Fernando, unser hoher Gebieter, versuchen, wenn er sich nicht dem stummen Verweise, den er in dem Benehmen des Mannes finden würde, auSsetzen wollte." „Bei allen Heiligen, Pater Pedro, Du erzählst mir da ganz außerordentliche Dinge von diesem Manne und entzündest in mir immer mehr den Wunsch, ihn kennen zn lernen. Willst Du Dir die Mühe nehmen, mich ihm vorzustellen?" „Sehr gerne, denn ich möchte selbst auch wissen, was ihn wieder an den Hof zurückgebracht hat, den er noch kürzlich in der Absicht verließ, anderswo eine Unterstützung für seine Plane zu suchen. Laß nur mich machen, mein Sohn Luis, und wir werden sehen, was wir erzielen." Der Mönch und sein lebhafter junger Gefährte standen nun von ihrem Felsen auf, mischten sich in das Gedränge und schlugen ihre Richtung nach dem Orte ein, wo der Mann stand, welcher der Gegenstand ihres Gesprächs gewesen und auch gegenwärtig noch der ihrer Gedanken war. Als sie ihm nahe genug waren, um ihn anrcde» zu können, blieb Vater Pedro stehen unv wartete geduldig des Augenblickes, 67 bis der Seemann seiner ansschtig wurde. Dieß währte einige Minuten, da Colon'S Blicke auf die Thürme von Alhambra geheftet waren, wo man mit jedem Augenblicke das Signal der Besitzergreifung erwartete, und der flatterhafte, flüchtige und unbändige Luis de Bobadilla, der nie seine hohe Geburt und die üblichen, mit persönlichem Range verbundenen Auszeichnungen vergaß, begann bereits seine Ungeduld über dieß lange Warten an den Tag zu legen, welches ihm nichts weiter, als die Bekanntschaft eines einfachen Landkartenhändlers und Piloten eintragen sollte. Er drängte jedoch seinen Begleiter vergeblich, den Mann anzureden, bis endlich eine seiner eigenen lebhaften Bewegungen Columbus' Blicke seitwärts lenkte, der dann, als er in dem Mönche einen alten Bekannten entdeckte, in der höflichen Weise jener Zeit mit demselben Grüße wechselte. „Wir dürfen uns Glück wünschen, Sennor Colon, zu dem glorreichen NuSgang dieser Belagerung, und ich freue mich, daß Ihr noch hier sepd, um ein Zeuge desselben zu seyn, denn ich hörte schon, daß wichtige Angelegenheiten Euch in ein anderes Land geführt hätten." „Gottes Finger ist in allen Dingen zu erkennen, mein Vater. Ihr seht in diesem günstigen Ausgange den Sieg des Kreuzes, mir aber gibt er zugleich die Lehre, auszuharren, und sagt mir so klar, als nur Ereignisse sprechen können, daß das geschehen müsse, was Gott beschlossen hat." „Eure Nutzanwendung gefällt mir, Sennor, so wie überhaupt die Mehrzahl Eurer Ansichten von unserer heiligen Religion. Ausdauer ist in der That zu unserem Heile nöthig, und ich zweifle nicht, daß sich in der Art, wie unsere frommen Herrscher diesen Krieg geführt haben, nicht minder als in seinem glorreichen Ende ein treffender Beleg hier finden läßt!" „Gewiß, Vater, und es gilt zugleich als ein Vorbild dcS Schicksals aller Unternehmungen, welche die Ehre Gottes und die Wohlsarth der Kirche zum Zwecke haben," antwortete Colon (oder 68 Columbus, wie dieser Name im Lateinische» lauiet) und sein Auge leuchtete von jenem verborgenen Feuer, das so tief in der Seele eines Sehers und Begeisterten zu glühen scheint. „Ihr wöget eS vielleicht nicht für vernünftig halten, wen» man aus diesen großartigen Ereignissen solche Folgerungen zieht; aber der heutige Triumph ihrer Hoheiten hat mich auf eine wunderbare Weise er- > muthigt, beharrlich zu bleiben und von meiner mühsamen Pilgerfahrt nicht abzulassen, denn beide haben den Sieg deS Kreuzes im Auge." „Da cS Euch gefällt, von Euren Pläne» zu sprechen, Scnnor Colon, erwiederte der Mönch, auf seine Gedanken eingehend, „so ist eS mir nicht unangenehm, daß sie gerade jetzt zwischen uns in Anregung kommen; denn hier ist ein junger Verwandter von mir, welcher in einer jugendlichen Grille, die weder seine Freunde noch die Liebe zu bewältigen vermochte», sich ein wenig in der Welt Herumgetrieben hat. Er hörte von Euren großartige» Planen und brennt vor Begierde, mehr davon aus Eurem eigene» Munde zu vernehmen, wenn Ihr Euch herablassen wolltet, ihm einige Zeit zu schenken." „Ich fühle mich immer glücklich, den lobenSwerthen Wünschen * jugendlicher und kühner Seelen zu entsprechen, und werde Eurem jungen Freunde gerne Alles mittheilen, was er zu wissen wünscht," antwortete ColumbuS mit einer Einfachheit und Würde, welche auf einmal Do» Luis' Absicht, den Fremden in einer herablassenden Weise seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen, vereitelte, indem sie dem jungen Manne bemerklich machte, daß er in der nun folgenden Unterhaltung sich für den verpflichteten und geehrten Theil zu halten habe. — „Aber, Sennor, Ihr habt vergessen, mir den Namen deS Ritters zu nennen." „Es ist Don Luis de Bobadilla, ein Jüngling, der vielleicht durch seinen kühnen und weiter strebenden Geist und durch seine ' Verwandtschaft mit Eurer geehrten Gönnern,, der Marquisin von Moha, welche seine Tante ist, einige Ansprüche auf Eure Berücksichtigung hat." r., , . 69 „Eines von Beiden würde schon zureichen, mein Vater. Ich liebe bei Jünglingen einen kühnen Geist, denn er ist ohne Zweifel ein Geschenk Gottes, um Seinen allweisen und wohlwollenden Absichten als Werkzeug zu dienen, — und gerade auf ihn gründet sich auch hauptsächlich mein irdisches Treiben und meine Hoffnung auf Unterstützung. Nebendem zähle ich auch, außer dem Vater Juan Pirez de Marchena und dem Sennor Alonzo de Quintanilla, Donna Beatriz unter meine zuverläßigsten Freunde; ihr Vetter kann sich daher meiner Achtung und Verehrung versichert halten." Alles dieses kam Don Luis seltsam vor, denn obgleich die Kleidung und das Aeußere dieses unbekannten Fremden, welcher noch außerdem das Castilianische mit einem fremden Accente sprach, achtenSwerth war, so wußte er doch, daß er es mit einem Piloten oder Seefahrer, welcher sich durch Händearbeit seinen Unterhalt verdiente, zu thun habe, und der Adel CastilienS war nicht daran gewöhnt, sich von Leuten, welche nicht auf fürstliches Geblüt Anspruch machen konnten, so zu sagen mit einer herablassenden Gunst behandelt zu sehen. Er fühlte sich im Anfang geneigt, die Worte deS Fremden übelzunehmen; dann wollte er ihm geradezu in'S Gesicht lachen; als er aber bemerkte, daß ihn der Mönch mit großer Achtung behandelte und ihm selbst auch das ganze Benehmen des berühmten Planmachers eine geheime Ehrfurcht einslößte, so fühlte er sich nicht allein gedrungen, ein geeignetes Benehmen beizubehalten, sondern er gab auch eine seinem Namen und seiner Erziehung angemessene höfliche Erwiederung. Die Drei zogen sich nun mit einander ein wenig aus dem dichtesten Gewühl zurück und fanden auch bald einen Sitz auf einem der Felsen, deren viele zerstreut umherlagen. „Wie Ihr sagt, mein Vater, so hat Don Luis fremde Länder besucht," begann Columbus, der nicht ermangelte, die Unterhaltung zu leiten, als ob er durch Rang oder durch persönliche Ansprüche hiezu berechtigt sey, — „und sehnt sich jetzt nach den Wundern und Gefahren des Oceaus?" „Dieß ist allerdings sein Verdienst oder sein Fehler, Sennor. Wenn er jedoch auf die Wünsche der Donna Beatriz, oder aus meinen Rath gehört hätte, so würde er seine ritterliche Laufbahn nicht unterbrochen haben, um eine andere, die so wenig mit seiner Geburt und Erziehung im Einklang steht, aufzunehmen." „Nicht doch, Vater! Ihr behandelt den Jüngling mit unverdienter Strenge. Man kann von einem Manne, der sein Leben auf dem Ocean zubringt, nicht sagen, daß er es auf eine unedle oder unnütze Weise verschwende. Gott hatte, als er die verschiedenen Länder durch weite Wasserbehälter trennte, nicht die Absicht, daß die Bewohner derselben sich fremd bleiben sollten, sondern wollte sie ohne Zweifel in Mitten der Wunder, mit denen er das Weltmeer ausgeschmückt hat, zusammenführen, damit dadurch Sein Name und Seine Macht um so mehr verherrlicht werde. In der Jugend geben wir mehr unseren Trieben als der Vernunft nach, und wir Alle haben wohl in dieser Zeit unsere gedankenlosen Augenblicke. Ich gestehe gerne zu, daß es auch bei mir der Fast war, und bin daher nicht geneigt, diesen Fehler an Don Luis allzustrenge zu nehmen." „Ihr habt vielleicht aus dem Meere gegen die Ungläubigen gestritten, Sennor Colon?" bemerkte der junge Mann nicht wenig verlegen, wie er den von ihm so sehr ersehnten Gegenstand am geeignetste» zur Sprache bringen solle. „Ja! und auch auf dem Lande, mein Sohn." — Diese Vertraulichkeit wollte dem jungen Adeligen nicht sehr behagen, obgleich er nichts dagegen einwendcn konnte. — „Auch auf dem Lande. Es gab eine Zeit, wo ich ein Vergnügen daran fand, zu erzählen, wie ich unzähligen Gefahren des Kriegs und der Stürme entkommen bin; seit mich aber Gottes Astmacht zu höheren Dingen angeregt hat, welche die Vollziehung seines Willens und die Verbreitung seines Wortes über die ganze Erde bezwecken, mag mein Gedächtniß nicht länger dabei verweilen." Vater Pedro bekreuzte sich und Do» Luis zuckte lächelnd die 71 Achseln, wie Jemand zu Ihun pflegt, der etwas außer seinem Gesichtskreise Liegendes mit anhört; der Seefahrer aber fuhr in der ernsten, würdevollen Weise, welche seinem Charakter anzugehören schien, fort: „Es sind schon viele Jahre verflossen, seit ich unter meinem Vetter und Namensverwandten, dem jüngeren Colombo (wie er zum Unterschiede von seinem Onkel, dem alten Admirale, welcher denselben Namen trug, genannt wird), an jenem merkwürdigen Kampfe Thei! nahm, welcher nördlich von dem Cap St. Vinzenz stattsand. An jenem blutigen Tage bekämpften wir die Feinde — reichbefrachtete Venezianer — vom Morgen bis zum Abend, und doch führte mich der Herr unbeschädigt aus diesem heißen Gefechte. Bei einer andern Gelegenheit wurde die Galeere, welcher ich den Dienst meiner Waffe geliehen hatte, ein Raub der Flammen, und ich mußte mir durch ein Ruder nach dem ziemlich entfernten Lande helfen. Ich sehe in allen diesen Dingen die Hand Gottes, der einem seiner unbedeutenden Geschöpfe keine solche bezeichnenden Merkmale Seiner zärtlichen Vatersorge hätte zu Theil werden lassen, wenn Er es nicht dazu bestimmt hätte, zur Verbreitung Seiner Ehre und Herrlichkeit beizutragen." Obgleich das Auge des Seefahrers bei diesen Worten leuchtender wurde und seine Wangen in einer Art heiliger Begeisterung erglühten, so war es doch unmöglich, den so ernsten, würdevollen und auch in seinen Uebertreibungen (wenn man sie so nennen darf) maaßhaltenden Mann, mit jenen Titeln und Leichtsinnigen zu verwechseln, die augenblickliche Aufregungen für unzerstörbare Eindrücke ustd vorübergehende Träumereien für dauernde Ueberzeugungen nehmen. Statt zu lächeln, oder in irgend einer Weise kund zu thun, daß er die Ansichten des Andern leichthin betrachte, schlug Vater Pedro wieder demüthig ein Kreuz und zeigte durch die Theilnahme, welche sein Gesicht ausdrückte, wie sehr er das tiefe religiöse Gefühl des Sprechers zu würdigen wisse. 72 „Die Wege Gottes sind oft für seine Geschöpfe tiefe Geheimnisse," sagte der Mönch; „aber wir wissen, daß sie alle zur Verherrlichung seines Namens und zum Preise seiner Eigenschaften dienen." „DaS ist auch mein Glaube, Vater, und unter diesem Gesichtspunkte habe ich immer meine eigenen demüthigen Bemühungen, Ihn zu ehren, betrachtet. Wir sind nur Werkzeuge, und noch obendrein sehr unnütze Werkzeuge, wenn wir bedenken, wie wenig unser eigener 'Verstand und unsere eigenen Kräfte auszurichten vermögen." „Dort kömmt das heilige Sinnbild unserer Erlösung! der leitende Stern auf unserem Lebenspfade!" rief der Mönch und streckte begeistert beide Arme aus, als ob er den fernen Gegenstand, der an dem Himmel auftauchte, erfassen wolle, fiel auf seine Knie nieder und beugte sein kahles Haupt in tiefer Demuih zur Erde^ Columbus wandte den Blick nach der durch die Bewegungen seines Gefährten augcdeuteten Richtung und sah das große silberne Kreuz, welches die Herrscher während des ganzen letzten Kriegs als das Mahnungszeichen an ihre hohe Aufgabe mit sich geführt hatten, auf dem Hauptthurme von Alhambra glänzen. Zm nächsten Augenblicke entfalteten sich an anderen hochgelegenen Stellen die Banner von Castilien und St. Jago. Bald ließ sich der Triumphgesang vernehmen, in den sich die Hymnen der Kirche mengten: das l'o Ovum wurde angestimmt und die Chöre der königlichen Capelle ließe» auf dem offenen Felde den Preis des Herrn der Heerschaaren ertönen. Nun folgte eine Scene der erhabensten religiösen Pracht, mit militärischem Prunke gemischt, welche jedoch mehr der allgemeinen Geschichte, als den Einzelnheiten unserer Erzählung angehört. 73 Fünftes Kapitel. Wer weiß es nicht, wie kraftlos Worte töne», Wenn'S festzuhallen gilt den Himinelsilrahl des Schönen? Wer fühlte nicht — bis ihm des Auges Licht, Von Nacht umschleicrt, im Entzücken bricht. Die Wang' erblaßt, der Herzschlag stille steht — Der Anmnth hehre, heil'ge Majestät? Byron. In jener Nacht schlief der Hof von Castilien und Aragon in dem Palaste von Alhambra. Sobald die im vorigen Kapitel erwähnte religiöse Feierlichkeit zu Ende war, strömte die Menge nach dem Palaste, und das Fürstenpaar folgte mit einer Würde und Pracht, welche seiner hohen Stellung angemessen war. Da Jsa- bellenS Gegenwart und die Verzögerung der llebergabe eine große Menge Frauen —außer denen, deren Pflicht es war, ihrer königlichen Gebieterin zu folgen — in das Lager geführt hatte, so zogen die jungen christlichen Edel», von ihren Frauen und Schwester» begleitet, mit eifriger Hast durch die berühmten Höfe und die mit erhabener Arbeit verzierten Gemächer dieser merkwürdigen Residenz; und die Neugierde ließ sich nicht einmal durch den Einbruch der Nacht beschwichtigen, welche ihrer Befriedigung vorderhand ein Ziel setzte. Insbesondere war der Hof der Löwen, ein Platz, der gegenwärtig noch in der ganzen Christenheit wegen der Neberbleibscl orientalischer Schönheit berühmt ist, von Boabdil in dem besten Zustande zurückgelaffen worden, und stand jetzt, obgleich mitten im Winter, durch Beihülfe menschlicher Kunst in dem herrlichsten Schmucke bunter Blumen da, während die benachbarten Hallen, die der Zwei Schwestern und der Abencerragen, auf's Glänzendste beleuchtet waren und von Kriegern »nd Hosleuten, würdigen Priestern und üppigen Schönen wimmelte». Obgleich jedes spanische Auge mit der leichten cigenthü,»liehen 74 Anmuth maurischer Baukunst vertraut war, sv übertraf doch die Pracht von Alhambra die aller anderen unter der Herrschaft der MoSlemim auf diesem Theile der Erde aufgeführten Paläste soweit, daß die Zuschauer durch die Majestät dieses Gebäudes auf's Lebhafteste überrascht wurden. Reiche Stückarbeiten, eine damals in der Christenheit wenig gekannte, aus dem Osten stammende Kunst, , und gefällige sinnreiche Arabesken, Verzierungen, die in der geistvollen Behandlung des unsterblichen Raphaels auch in »»seren Tagen so beliebt geworden sind, schmückten die Wände, während die Wasserstrahlen herrlicher Fontänen in die Luft schoßen und in Tausenden funkelnder Brillanten wieder zurückfielen. Unter dem Gedränge, welches sich auf diesem Schauplatze einer fast magischen Herrlichkeit bewegte, befand sich auch Beatriz de Bobadilla, seit langer Zeit die unter dem Namen der Marquise von Moya allgemein bekannte Gattin von Don Andres de Cabrera, die trene und innige Freundin der Königin: denn so muß man sie nennen, da der Ausdruck „Günstling" nicht auf das innige Ver- hältniß paffen würde, in welchem sie zu Isabellen stand und welches > sich erst mit dem Tode ihrer hohen Gebieterin auslüste. Sie hatte eine junge Dame von so merkwürdigem Aeußeren am Arme, daß nur wenige Fremde an derselbe» vorbeigingen, ohne sich umzuwenden, um noch einen Blick auf ein Antlitz zu werfen, wie man es selten findet und selten vergißt. Diese Dame war Donna Mercedes de Valverde, eine der edelsten und reichsten Erbinnen von Castilien, die Verwandte, Mündel und Avoptivtochter der Freundin Jsabella'S. Es war jedoch weniger die ausgezeichnete Schönheit der Donna Mercedes, welche ihre Erscheinung so merkwürdig und anziehend machte (denn trotz der weiblichen Zartheit und Anmuth ihrer Gestalt und ihres ansprechenden Gesichtes gab eS doch Viele , an diesem glänzenden Hofe, welche man allgemein für schöner hielt), sondern eher das Seelenvolle und der Ausdruck des tiefsten inneren Gefühles, das ihre Züge beleuchtete und das in ganz Castilien t nicht seines Gleichen fand. In der That würde auch ein Physiognom von Fach mit Entzücken die Linien der tiefinnewohnenden, ernsten und ruhigen Begeisterung verfolgt haben, die ein Antlitz fast bis zum Schwcrmüthigen beschatteten, welches Schicksal und Herz für die Sonne der Heiterkeit bestimmt zu haben schien. Dcmungeachtet aber war es heiter, und der Schatten, der darauf ruhte, schien den Ausdruck desselben eher zu mildern und ansprechend zu machen, statt dessen Ruhe zu trüben und seine zarte Lieblichkeit zu umwölken. Auf der andern Seite der edlen Matrone ging Luis de Boba- dilla, der sich ein wenig vor seiner Tante hielt, damit seine eigenen dunkeln Gluthblicke, so oft es Gefühl und Anstand gestalteten, den schönen, ausdrucksvollen blauen Augen von Mercedes begegnen konnten. Die drei unterhielten sich unbefangen, denn das Herrscherpaar hatte sich in seine Gemächer zurückgezogen, und die Gruppen der Vorübergehenden waren zu sehr mit der Neuheit ihrer Umgebung und ihrer Unterhaltung beschäftigt, um auf die Bemerkungen Anderer zu achten. »ES ist ein Wunder, Luis," bemerkte Donna Beatriz, als Fortsetzung eines Gespräches, das augenscheinlich für Alle von großem Interesse war, „daß so ein schlendernder Herumstreicher wie Du, erst heute zum erstenmal von diesem Colon hörst. Schon seit Jahren hat er Ihre Hoheiten um Dero gnädige» Beistand zur Ausführung seiner Plane angegangen. Der Gegenstand seiner Entwürfe wurde ernstlich von einer Gelehrten-Versammlung in Salamanka geprüft, .und er hat sogar am Hofe Gläubige gefunden." „Unter die auch Donna Beatriz de Cabrera zu rechnen ist," sagte Mercedes mit jenem melancholischen Lächeln, welches so sehr geeignet war, die Lichtblicke deS tiefen Gefühls, das sich in ihrer Seele barg, sichtbar werden zu lassen. „Ich habe Ihre Hoheit oft erklären hören, daß Colon keinen treuer» Freund in Castilien besäße." „Ihre Hoheit täuscht sich selten, Kind, und am allerwenigsten 76 in meinem Herze». Es ist wahr, ich unterstütze den Mann, denn er scheint mir für eine große und ehrenvolle Unternehmung ganz geschaffen zu seyn — und gewiß wurde nie eine größere von dem menschlichen Geiste erdacht, als die von ihm vorgeschlagene. Denke mir, wir sollen mit allen Nationen auf der andern Seite der Erde bekannt werden — einen leichten und unmittelbaren Weg ausfinden, mit ihnen in Berkehr zu treten und ihnen die Tröstungen der heiligen Kirche zufließen zu lassen." „Ach! Sennora Tante," rief Luis lachend, „und in ihrer angenehmen Gesellschaft mit den Füßen in der Höhe uud den Köpfen unten spazieren zu gehe». Ich hoffe, dieser Colon hat nicht verabsäumt, sich auch in dieser Kunst ein wenig zu übe», denn eS wird einige Zeit nöthig sehn, bis man unter solchen Umständen festen Fuß gewinnen kann. Es möchte wohl gut sey», wenn er sein ABC damit begänne, daß er, den Kopf senkrecht gegen seine Unterlage, diese Felsenwände hinanspazierte; dann könnte er eS mit den Wänden und Thkrmen dieser Alhambra probiren —ein Versuch, der sich recht artig als die Grammatik dieser Schule betrachten ließe; und so ginge eS dann weiter, bis in dieser Kunst nichts mehr zu wünschen übrig wäre." Mercedes hatte unwillkührlich, aber mit vieler Wärme den Arm ihrer Beschützerin gedrückt, als Donna Beatriz ihre lebhafte Theilnahme an dem Fortgange des großen Entwurfes zugestand, aber bei Don Luis Ausfall wurde sie ernst und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Es war der glühendste Wunsch des jungen Mannes, die Liebe der Mündel seiner Tante zu gewinnen, und ein Blick der Unzufriedenheit konnte zu jeder Zeit das Uebersprudeln jenes MuthwillenS zurückdrängen, der den Ritter oft in dem Lichte eines Leichtsinnes erscheine» ließ, welcher mit Unrecht die in der That schätzenswerthen Eigenschaften seines Geistes und Herzens in Schatten stellte. Durch diesen Blick ermahnt, säumte er auch keinen Augenblick, sein 77 Vergehen gut zu machen, indem er fast unmittelbar nach dem Schluffe der obigen Worte wieder sortfuhr: „Donna Mercedes ist, wie ich sehe, auch von der Entdeckungspartei. Dieser Colon scheint bei den Damen CastilienS mehr Glück zu machen, als bei den Edel» —" „Ist es etwas so Außerordentliches, Don Luis," unterbrach ihn die junge Denkerin, „wenn die Frauen mehr Vertrauen zu dem Verdienste haben und sich mehr von hochsinnigcn Anregungen und dem Eifer für die Sache Gottes leiten lassen, als die Männer?" „Es muß wohl so sehn, da Ihr und meine Tante, Donna Beatriz, auf der Seite des Seefahrers stehet. Aber man muß nicht alles, was ich so leicht Hinwerse, für baare Münze annchmen" — Mercedes lächelte jetzt, aber diesmal mit einiger Schalkhaftigkeit — „Ich habe nie meine Schule unter den Troubadours gemacht und in der That auch den Unterricht der Geistlichen mir nie allzu tief zu Herzen genommen. Um übrigens ehrlich zu sprechen, — dieser große Gedanke hat mich ungemein hingerissen, und wenn Sennor Colon in der That aussegelt, um Cathay und Indien aufzusuchen, so werde ich Ihre Hoheiten um die Erlaubniß bitten, an der Fahrt theilnehmen zu dürfen, da es, seit wir mit den Mauren fertig geworden sind, ohnehin in Spanien wenig für ein adeliges Blut zu thun gibt." „Wenn Du wirklich die Fahrt mitmachst," sagte Donna Beatriz mit ernster Ironie, „so wird wenigstens, wenn Ihr Cathay erreicht, Ein menschliches Wesen dort seyn, bei dem das Oberste zu unterst gekehrt ist. — Doch ich sehe dort einen Diener des HofeS, der ts mich wahrscheinlich zu Ihrer Hoheit bescheiden wird." Der Bote kam, um die Dame von Moya, wie sie vermuthet halte, vor die Königin zu laden. Die Sitte der Zeit und des Landes gestattete es nicht, daß Donna Mercedes allein im Geleite von Don Luis ihren Spaziergang fortsetzte, weßhalb sie von der Marquise nach den ihr selbst angewiesenen Gemächern geführt 78 wurden. Aber selbst als sie den Salon erreicht hatten, welcher dem Range einer Freundin der Königin entsprechend aus den zahllosen weiten Hallen der Maurischen Könige ausgewählt worden war, zögerte Donna Beatriz einen Augenblick, um zu überlege», ob eS gerathen sep, ihre Mündel mit dem wilden Neffen allein zu lassen. „Wenn auch ein irrender Ritter, so ist er doch kein Troubadour und kann daher Dein Ohr nicht mit schlechten Versen bezaubern. Es wäre vielleicht besser, ich sendete ihn mit der Guitarre unter Deinen Balkon; da ich aber zu gut weiß, was er für ein langweiliger Mensch ist, so will ich ihm trauen und ihn die Paar Minuten, welche ich abwesend sepn werde, bei Dir lassen. Ein Cavalier, der einen so großen Widerwillen dagegen hat, die Ordnung der Natur zu verkehren, wird sich sicherlich nicht so weit herablaffcn, auf den Knieen zu gehen, selbst wenn er sich dadurch das Lächeln der lieblichsten Jungfrau in ganz Eastilien gewinnen könnte." Don Luis lachte; Donna Beatriz küßte lächelnd ihre Pfleg- befohlene und verließ das Zimmer, während Donna Mercedes ihren Blick erröthend zur Erde senkte. Luis de Bobadilla war der erklärte Verehrer und Ritter von Mercedes de Valverde, aber trotz der Vortheile seiner Geburt, seiner Besitzungen, der Verwandtschaft und Gestalt standen doch dem Erfolge seiner Bewerbungen ernstliche Hindernisse im Wege. Die Verbindung konnte allerdings nach den Rücksichten, welche gewöhnlich den Ausschlag zu geben pflegen, eine wünschenSwcrthe genannt werden, aber dennoch waren in den Bedenklichkeiten der Marguifin gewichtige Einflüsse zu überwinden. Da sie die edeln und schönen Grundsätze ihrer königlichen Gebieterin theilte und mit Stolz Alles zurückwies, was den Anschein einer unwürdigen Handlung hatte, so waren gerade die Vortheile, welche ihrem Neffen durch eine solche Heiraih geboten wurden, für Donna Beatriz ein Grund der Zögerung. Don Luis hatte in seinem Cha- racter wenig von dem sprichwörtlichen castilianischen Ernste, und Vielen mochte wohl sein lebhafter Geist als natürlicher Leichtsinn oder Gedankenlosigkeit erscheinen. Seine Mutter stammte aus einer sehr angesehenen Familie Frankreichs, und der Nationalstolz hatte die meisten Beobachter zu der Vermuthung veranlaßt, daß der Sohn jene Anlage zur Leichtfertigkeit von ihr geerbt habe, welche sich als Grundzug in dem Charactcr des ganzen Volkes Nachweisen ließ. Der Jüngling wußte, daß man in der Heimath diese Meinung von ihm hege und war gerade deßhalb auf Reisen gegangen, welche ihm bei seiner Rückkehr, wie es allen Reisenden «en Beobachtungsgabe zu gehen pflegt, die Mängel des heimathlichen geselligen Zustandes doppelt empfindlich machten. Die Folge davon war eine Entfremdung zwischen ihm und seine» Jugendgenoffen, welche den jungen Mann immer wieder auf's Neue in die Fremde trieb. Auch konnte ihn in der That nur seine frühe und sich immer steigernde Leidenschaft für Mercedes zur Rückkehr veranlassen — ein Schritt, den er glücklicherweise gerade zur rechtcn Zeit gelhan hatte, um bei der Eroberung von Granada noch Mitwirken zu können. Abgesehen jedoch von diesen Zügen, die vielleicht nur in Castilien als Sonderbarkeiten erscheinen mochten, war Don Luis von Bobadilla ein seiner Abkunst und seines Namens würdiger Ritter. Seine Tapferkeit auf dem Schlachdfelde sowohl, als in den Schranken des Turnierplatzes halte ihm ungeachtet seiner scheinbaren Mängel einen hohen mililärischen Ruf erworben; auch galt er allgemein eher für einen unbesonnenen Wagehals als für einen in moralischer Hinsicht anrüchigen Character. Zudem erschienen besonders in dieser Periode kriegerische Vorzüge als ein Deckmantel für tausend Fehler, und man wußte von Don Luis, daß er im Kampsspiele sogar den Don Alonzo de Ojeda, damals die erprobteste Lanze Spaniens, aus dem Sattel gehoben hatte. Einem solchen Mann konnte wohl keine Verachtung treffen, wenn man ihn auch mit mißtrauischen Augen beobachtete. Di« Gefühle der Dame von Mopa waren jedoch eben so sehr 80 durch ihren eigenen Charakter als durch den ihres Neffen bedingt. Sic wusste die wahren Eigenschaften desselben viel besser zu würdigen, als dieses von bloß oberflächlichen Beobachtern geschah, und gerade bei ihrer Gewissenhaftigkeit hatte fie ihre eigenen Bedenken, ob es auch erlaubt sey, die reiche Erbin, welche ihrer Pflege anvertraut war, einem so nahen Verwandten zu vermählen, wenn ein solcher Schritt nicht allgemeinen Beifall finden mnßie. Auch fürchtete sie, daß ihre Vorliebe für Luis sie irre leiten möchte — daß er vielleicht doch der leichtfertige Mensch sch, als welcher er bisweilen in den Augen der Castilianer erschien, und daß unter solchen Umständen das Glück ihrer Mündel leicht das Opfer ihrer Unklugheit werden könnte. Unter dem Einflüsse solcher Zweifel beobachtete sie bei den Bewerbungen ihres Neffen, so wünschenswerth ihr auch im Stillen diese Verbindung Vorkommen mochte, öffentlich eine abgemessene Kälte, und obgleich sie, ohne eine Härte an den Tag zu legen, zu welcher durch die Umstände kein Anlaß geboten wurde — den Verkehr der jungen Leute nicht ganz hindern konnte, so nahm sie doch häufig die Gelegenheit wahr, Mercedes ihr Mißtrauen kund zu thun, wobei sie auch noch die Vorsicht anwandte, den schönen Freier, obgleich derselbe nicht selten in ihrem Hanse wohnte, so wenig als möglich mit ihrer Mündel allein zu lassen. Die Gefühle der Donna Mercedes waren nur ihr selbst bekannt. Sie war schön, aus einer angesehenen Familie und eine Erbin; und da unter der stattlichen Außenseite des fünfzehnten Jahrhunderts eben so gut als heut zu Tage menschliche Schwächen verborgen Ware», so hörte sie oft die angeblichen Mängel in Don Luis Character von solchen bespötteln, die ihn um seine schöne Gestalt und seine glücklichen Verhältnisse beneideten. Wenige junge Frauen würden den Muth gehabt haben, unter solchen Umständen seine ausschließliche Bevorzugung blicken zu lassen, che sie vorbereitet gewesen wäre, ihre Wahl eingestehcn und mit dem Gegenstand derselben gegen die ganze Welt in Schranken zu treten; 81 -und die stille, aber tiefe Begeisterung, welche das ganze innere Leben der schönen jungen Castilianerin durchhauchte, wurde zudem noch durch eine Klugheit geleitet, welche jede Nebereilung um so mehr verhinderte, da sie in den Formen und Gewohnheiten, welche gewöhnlich junge Damen von Stand umgeben, einen nicht unbedeutenden Stützpunkt fand. Selbst Don Luis, obgleich er jeden ihrer Züge und jede ihrer Regungen mit der Eifersucht und dem Scharfblicke eines Liebhabers bewachte, war sehr im Zweifel, ob eS ihm auch nur im mindesten gelungen sey, einen Eindruck auf ihr.Herz zu machen. Durch eine jener unvorhergesehenen Verkettungen von Umständen aber, die so oft im Schicksale der Mensche», betreffe eS nun die Liebe oder weniger poetische Gegenstände, den Ausschlag geben, sollte diese Ungewißheit ein unverhofftes und plötzliches Ende nehmen. Der Sieg der christlichen Waffen, die Neuheit der Umgebung und das Erhebende der ganzen Scene hatten Mercedes' Gefühle jener scheuen Zurückhaltung entlockt, in welcher sie gewöhnlich unter dem Banne mädchenhafter Schüchternheit verstrickt lagen. Ihr Lächeln war den ganzen Abend offener, ihre Augen leuchtender und ihre Wangen höher geröthet gewesen, als man dies sonst bei einem Wesen bemerkte, dessen Lächeln immer süß, dessen Auge nie leblos war, und dessen Wangen in einer so leicht anregbaren Wechselbeziehung zu den tiefsten Gefühlen seiner Seele standen. Als die Tante das Zimmer verlassen hatte und Don Luis, das erstemal seit seiner Rückkehr von dem letzten Strcifznge, mit Mercedes allein war, warf er sich auf einen Schemel, der zu den Füßen seiner Angebeteten stand, während sie selbst sich auf einem prachtvollen Divan niederließ, welcher vor vier und zwanzig Stunden noch einer Prinzessin aus Abdallah'S Familie den gleichen Dienst geleistet hatte. „So sehr ich Ihre Hoheit achte und verehre," begann der junge Mann lebhaft, „so ist doch mein Respekt und meine Donna Mercedes. 2le Aufl. 6 82 Bekehrung jetzt noch »»> das Zehnfache gesteigert worden. Ich wollte, sie schickte dreimal nach meiner lieben Tante, wo ihre Dienste nur Einmal nöthig sind, und ihre Gegenwart würde der hohen Herrin so unerläßlich, daß die Angelegenheiten CaflilienS ohne ihren Nath keinen Schritt von der Stelle rücken konnten, wenn nur ich dadurch eine so günstige Gelegenheit gewänne, Donna Mercedes, Euch Alles zu sagen, was ich fühle." »Die Zungenfertigen und Ungestümen fühlen nicht immer am tiefsten, Don Luis de Bobadilla!" »Diese fühlen gar nicht, Mercedes. Du kannst an meiner Liebe nicht zweifeln: sie ist mit mir aufgewachsen und erweiterte sich, wie sich mein JdeenkreiS erweiterte, bis sic endlich mit meiner ganzen Seele so verwebt wurde, daß Dein theureS Bild ohne Unterlaß sich in mein ganzes Thun und Sinnen mischt. In allem, was schön ist, sehe ich Dich; wenn ich den Gesang eines Vogels höre, tönt eS für mich wie die Melodie Deiner Laute, oder wenn ich fühle, daß der sanfte Südwind von den duftigen Inseln her meine Wange fächelt, so möchte ich gerne denken, es sehen Deine Seufzer." „Ihr habt Euch so lange an dem leichtfertigen, französischen Hofe aufgehalten, Don Luis, daß Ihr ganz vergessen zu haben scheint, wie das Herz eines castilianischen Mädchens zu wahr und aufrichtig ist, um solchen Wortkram wohlgefällig aufzunehmen." Wäre Don Luis älter oder mit den Gefühlen des schönen Geschlechts bekannter gewesen, so hätte er sich durch diesen Verweis geschmeichelt sinken mögen; denn in dem Benehmen der Sprecherin verriethen sich nicht minder Gefühle von zarterer Natur, denn der Ausdruck ihrer Worte, als auch die Merkmale eines innigen Bedauerns. „Wenn Du bloßen Wortkram bei mir zu finden glaubst, so thust Du mir sehr unrecht. Ich weiß vielleicht nicht, meine Gedanken und Gefühle auf eine geeignete Weise geltend zu machen, aber nie hat meine Zunge gegen Dich, Mercedes, etwas laut werden 83 lassen, was nicht aus der Quelle eines ehrlichen Herzens floß. Warst Du nicht bereits meine Liebe, als wir noch Kinder waren? habe ich nicht in allen Spielen und heiteren Ergötzlichkeiten jener schuldlosen Periode immer gezeigt, wie sehr ich Dich anSzeichnete?" „Wahrlich schuldlos," erwicderte Mercedes, und ihr Blick, der gewissermaßen von einem Strome heiterer Bilder und lieblicher Erinnerungen erglänzte, that in einem Augenblick mehr, um die Schranken ihrer Zurückhaltung niederzureißen, als die Schule vieler Jahre aufzurichten im Stande gewesen war. „Damals wenigstens warst Du aufrichtig, Luis, und ich setzte volles Vertrauen in Deine Freundschaft und Deinen Wunsch, mir zu gefallen." „Der Himmel segne Dich für diese köstlichen Worte, Mercedes; denn seit zwei Jahren hast Du das erstemal zu mir gesprochen, wie Du sonst thatest — hast mich Luis genannt, ohne das verwünschte höfische Don beizusetzen." „Ein edler Castilianer sollte seine Würde nie leichthin betrachten: und er ist es seinem Rangs schuldig, Sorge zu tragen, daß sie auch von Andern geachtet werde," versetzte unsere Heldin mit zur Erde gesenktem Blick, als bereue sie bereits ihre Vertraulichkeit. „Ihr habt mich schnell wieder an meine Vergeßlichkeit erinnert, Don Luis de Bobadilla." „Ach, diese meine unglückliche Zunge läuft immer von dem Wege ab, den ich sie führen möchte! Hast Du nicht in allen meinen Blicken, in allen meinen Handlungen und allen meinen Beweggründen den glühenden Wunsch entdeckt, Dir, und auch nur Dir zu gefallen, liebliche Mercedes? Als Ihre Hoheit mir für den Sieg im letzten Turniere den Dank reichte, suchte ich Dein Auge, um zu fragen, ob Du eS auch bemerkest. Hast Du je einen Wunsch geäußert, den ich nicht mit Freuden zu erfüllen geeilt hätte?" „Nein, Luis, denn Du machst mich jetzt selbst so kühn, Dich zu erinnern, daß ich den Wunsch ausdrückte, Du möchtest Deine letzte Reise nach dem Norde« unterlassen, und doch gingest Du. Ich 84 fühlt-, daß Du das Mißfallen der Donna Beatriz auf Dich ziehen würdest, weil Dein Hang zum Herumziehen sie befürchten ließ, er möchte Dir zur andern Natur werden und Dir die Ungnade der Königin eintragen." „Wohl hast Du für Deinen Wunsch diesen Grund »amhaft gemacht, aber es verwundete meinen Stolz, daß mein Charakter von Mercedes de Valverde so wenig verstanden werden sollte, um auch nur der Möglichkeit des Gedanken Raum zu lassen, daß ein Edler meines Namens und meiner Abkunft seiner Pflichten so weit vergessen könne, um zu dem bloßen Genossen von Piloten und Abenteurern herabzusinken." „Du konntest nicht wissen, ob ich diese Ansicht theile." „Hättest Du mich um Deinetwillen bleiben heißen, Mercedes, — ja hättest Du mir als Deinem Ritter oder als einem Manne, welcher sich nur ein klein wenig Deiner Gunst erfreut, die schwersten Dienste auferlegt, so würde ich mich weit lieber von dem Leben, als von Castilien getrennt haben; aber ich konnte ja für all die Qual, die ich um Deinetwillen fühlte, nicht einmal einen freundlichen Blick erringen." „Qual, Luis?" „Ist eS nicht eine Qual, in einem Grade zu lieben, daß man die Erde küssen möchte, die der Fuß des thenern Gegenstandes berührte, wenn man dadurch nicht einmal ein ermuthigendeS Wort, einen freundlichen Blick oder irgend ein Zeichen erringt, aus dem sich erkennen ließe, daß das Wesen, von dem die ganze Seele erfüllt ist, in dem Verehrer doch ein wenig mehr als den unbesonnenen Herumstreicher und den hirnlosen Abenthcurer erblicke?" „Luis de Bobadilla, Niemand, der Deinen Characler kennt, kann in Wahrheit so von Dir denken." „Tausend Dank für diese wenigen Worte, holdes Wesen, und zehntausend Dank für das liebliche Lächeln, welches sie begleitet. Du könntest mich nach allen Deinen Wünschen bilden." „Nach meinen Wünschen, Don Luis?" „Nach all' Deinen strengen Begriffen von Nüchternheit und Würde des Benehmens, wenn Du nur so viel Theilnahme für mich fühlen könntest, um mir anzudeuten, daß meine Handlungen Dir Freude oder Kummer machen." „Kann es anders seyn? Könntest Du mit Gleichgültigkeit dem Treiben eines Menschen Zusehen, den Du von Kindheit auf gekannt und als Freund geachtet hast?" „Geachtet? theure Mercedes, willst Du dieses Wenige nur zu meinen Gunsten zugestehen?" „Achtung gegen irgend Jemanden, Luis, ist nicht wenig, sondern viel. Wer die Tugend ehrt, achtet nie einen Unwürdigen, und es ist nicht möglich, Dein vortreffliches Herz und Deinen männlichen Sinn zu kennen, ohne Dich zu achten. Gewiß, ich habe diese Achtung weder vor Dir noch vor sonst Jemanden verhehlt." „Hast Du überhaupt Etwas verhehlt? Ach! Mercedes, vollende Deine himmlische Güte und gestehe, baß zuweilen noch ein anderes zartes Gefühl, wäre es auch noch so gering, sich dieser Achtung beigemischt habe." Mercedes errölhete hoch, aber sie wollte das oft Erbetene nicht zugestehen. Es verfloß eine Weile, ehe sie überhaupt antwortete, und als sie zu sprechen begann, geschah es zögernd und unter häufigen Pausen, als ob sie nicht wisse, ob wohl das, was sie zu sagen Willens war, geeignet oder klug sey. „Du bist viel und weit gewandert, Luis," sagte sie, „und bist durch Deinen Hang zum Herumstreichen etwas in Mißkredit gekommen: warum willst Du das Vertrauen Deiner Tante nicht durch dieselben Mittel wieder gewinnen, durch welche Du es verloren hast?" „Ich verstehe Dich nicht. Ein solcher Rath aus dem Munde eines Mädchens, das die Klugheit selbst ist —" „Der Kluge und Verständige überlegt seine Worte und Handlungen und findet daher um so mehr Vertrauen. Die kühnen 86 Entwürfe Sennor Colons scheinen einen Eindruck auf Dich gemacht zu haben, und ich bemerke wohl, daß sie ein großes Gewicht auf Deinen Geist üben, obgleich Du sie lächerlich zu machen suchtest." „Ich werde Dich hinfort zehnmal höher achten, Mercedes, denn Du hast meine thörichte Ziererei und den Leichtsinn meiner Worte durchschaut, und das wahre Gefühl, das darunter verborgen » liegt, erkannt. Seit ich von diesem ungeheueren Plane hörte, blieb er in der That immer vor meiner Phantasie, und neben dem Deini- gen, theureS Mädchen, stand ohne Unterlaß das Bild dieses Genuesen vor meinen Augen, wenn auch nicht vor meinem Herzen. Ich zweifle nicht, daß etwas Wahres in diesen Ansichten liegt, denn ein so herrlicher Gedanke kann nicht ganz trügerisch sehn." Mercedes schönes, volles Auge haftete fest auf Don Luis Zügen, und leuchtete von jener verborgenen Begeisterung, welche in ihrer Glut die innerste» Gefühle der Seele kund gab. „Er ist," antwortete sie feierlich — „er muß wahr sehn. Diese hohe Idee ist dem Genuesen von Gott eingegeben, und er wird früher oder später die Wahrheit derselben darzuthun vermögen. ' Denke Dir ein Schiff, das diese Erde umkreist — den fernsten Osten, das Land der Heiden in unmittelbarer Verbindung mit uns — und das Kreuz, das unter der brennenden Sonne von Cathah seinen beglückenden Schatten wirft! O! das sind herrliche, himmlische Vorgefühle, Luis; und müßte eS nicht ein unvergänglicher Ruhm sehn, an der Ehre Theil genommen zu haben, eine so große Entdeckung in Ausführung zu bringen?" „Beim Himmel, ich will mit der frühesten Morgensonne diesen Genuesen aufsuchen, und ihm für diese Unternehmung meine Begleitung anbielen. Es soll ihm an Gold nicht fehlen, wenn es ihm an nichts Weiterem, als daran gebricht." d- „Jetzt sprichst Du als der hochsinnige, furchtlose Castilianer, der Du bist," sagte Mercedes mit einem Feuer, welches den gewöhnten VorsichtSwaffen ihrer Klugheit und ihrer Erziehung Trotz 87 bot, — „und wie eS Luis de Bobadilla ziemt. Aber Gold ist bei uns Allen in diesem Augenblicke nicht häufig, und die Beischaffung des nöthigen Bedarfs wird wohl über die Kräfte eines gewöhnlichen UnterthanS gehen; auch ziemt eS sich nur für Fürsten, einen solchen Zug auSzurüsten, da wohl große Gebiete zu beherrschen und zu vergeben sepn werden, wenn Colons Plan zu einem günstigen Ziele führt. Mein mächtiger Vetter, der Herzog von Medina Celi, hat sich diesen Gegenstand reiflich erwogen und ist günstig dafür gestimmt, wie sich aus seinen Briefen an Ihre Hoheit ersehen läßt; aber auch er findet die Sache für zu wichtig, um von Jemand anderem als einem gekrönten Haupt unternommen werden zu können, und er hat seinen ganzen Einfluß auf unsere Gebieterin aufgeboten, um sie für den großen Entwurf des Genuesen zu gewinnen. ES ist daher umsonst, an eine Unterstützung dieses Unternehmens auf irgend eine andere Weise als durch ihre Hoheiten selbst zu denken." „Du weißt, Mercedes, daß ich am Hofe nichts für Colon thun kann. Der König ist ein Feind aller derer, welche nicht so vorsichtig, so kalt und so listig sind, als er selbst." „Luis, Du bist in seinem Palast und erfreust Dich in diesem Augenblick seiner Gastfreundschaft und seines Schutzes!" „Nicht doch," erwiederte der junge Mann mit Würde, „dies ist der Aufenthalt meiner königlichen Gebieterin. Granada ist Ca- stiliens, und nicht Aragons Eroberung. Was die Königin betrifft, Mercedes, so wirst Du nie ein unchrerbietigeS Wort über sie von mir hören, denn sie ist wie Du, die Tugend, die Sanftmut!) und die Weiblichkeit selbst; aber der König hat viele von den Mängeln verderbter und selbstsüchiiger Menschen. Du kannst mir keinen jungen, hochsinnigen und warmherzigen Cavalier — selbst unter seinen Ara- goniern — nennen, welcher Don Fernando wahrhaft und aufrichtig liebte, während ganz Castilien Donna Jsabclla anbetet." „Du hast vielleicht theilweise recht, Luis; aber immerhin ist eine solche Aeußerung unklug. Don Fernando ist ein König, und nach dem Wenigen, was ich während meines Aufenthaltes an dem Hofe gesehen habe, scheint es mir, daß diejenigen, welche die Angelegenheiten der Sterblichen leiten, auch ihren Fehlern große Zugeständnisse machen müssen, wenn die menschliche Verderbtheit nicht selbst die weisesten Maßregeln, die sich irgend erdenken lassen, vereiteln soll. Und kann man außerdem ein Weib aufrichtig lieben, ohne ihren Gatten zu achten? Mir wenigstens scheint dieses Band so innig und heilig, daß auch die Tugenden und Charaktcrzüge Beider sich nicht von einander trennen lassen." „Sicherlich willst Du damit nicht sagen, daß die bescheidene Frömmigkeit, die heilige Wahrheitsliebe, und die einfache Tugend unserer königlichen Gebieterin sich mit der vorsichtigen und schlauen Politik unseres plänevollen Herrn vergleichen laste?" „Ich wünsche nicht, zwischen beiden Vergleichungen anzustellen, Luis. Wir sind verpflichtet, sie zu ehren und ihnen zu gehorchen; und wenn Donna Jsabella mehr von der zuversichtlichen Wahrheitsliebe und der HerzenSreinheit ihres Geschlechtes hat, als Seine Hoheit, ist das nicht eine gewöhnliche Erscheinung bei Mann und Weib?" „Wenn ich wirklich denken könnte, Du wolltest mich in irgend einer Weise diesem knickerigen und doppelzüngigen König von Aragon gleichstellen, so würde ich mich, so sehr ich Dich liebe, Mercedes, aus reiner Schaam für immer von Dir zurückziehen." „Niemand wird Dich für unzuverlässig oder doppelzüngig halten, Luis, denn wie die gegenwärlige Unterhaltung beweist, ist es sogar einer Deiner Fehler, daß Du die Wahrheit sagst, wo es vielleicht besser gewesen wäre, zu schweigen, und daß Du Dich gegen diejenigen, welche Dir mißfallen, immer in einer Weise benimmst, als ob Du Deine Lanze gegen sie einlegen und Dein Schlachtroß gegen sie spornen wolltest." „Mein Benehmen ist sehr unglücklich gewesen, schöne Mercedes, 89 wenn es sülche Erinnerungen bei Dir zurückgelaffen hat," er- wiedertc der junge Mann mit einem vorwurfsvollen Blicke. „Ich spreche nicht von mir, denn gegen mich bist Du immer sanft und freundlich gewesen, Luis," unterbrach ihn die junge Castilianerin mit einer Hast und einem Ernste, welche ihr einen Augenblick darauf das Blut gegen die Wangen trieben, „ich meine nur, daß Du in Deinen Aeußerungen über den König vorsichtiger sehn solltest." „Du begannst damit, zu sagen, ich sey ein müßiger Herumstreicher." „Nein! ich habe mich dieses harten Allsdrucks nicht bedient, Don Luis, denn das waren bloS die Worte Deiner Tante, die wohl auch nicht die Absicht hatte, Dich zu verletzen: ich sprach nur von Deinen vielen und weiten Wanderungen." „Nun, ich weiß wohl, daß ich diesen Titel verdiene, und werde mich nicht beklagen, wenn mir mein Recht widerfährt. Du sagtest, ich scy viel und weit gewandert, und sprachst beifällig von dem Plane dieses Genuesen. Wenn ich dich recht verstanden habe, Mercedes, so ist es Dein Wunsch, daß ich an dieser abenteuerlichen Parthie Theil nehme?" „Das ist meine Meinung, Luis, denn ich denke mir die Unternehmung als eine solche, die Deinem kühnen Geists und Deinem guten Schwerte entspricht. Der Ruhm eines günstigen Erfolges würde für tausend kleine Fehler, die Du in der Hitze und Unbesonnenheit der Jugend begingst, Ersatz leisten." Don Luis heftete in stummer aber ernster Aufmerksamkeit fast eine Minute seine Blicke auf die glühenden Wangen und die leuchtenden Augen der schonen Schwärmerin; denn der Zahn des Zweifels und der Eifersucht hatte ihn gefaßt, und er fragte sich mit dem Selbstmißtrauen der wahren Liebe, ob er auch der Theil- nahme eines so schönen Wesens würdig sey, woraus denn allerlei Bedenken über den Grund, warum sie seine Abreise wünschte, erwuchsen. „Ich wünschte, ich könnte in Deine», Herzen lesen, Donna Mercedes," »ahm er endlich wieder ans; „denn während die bezaubernde Bescheidenheit und die schüchterne Zurückhaltung Deines Geschlechts nur noch inniger fesseln, verwirren sie doch den Verstand des Mannes, der mehr an das rauhe Gewühl des Kampfplatzes, als an die Labyrinthe weiblicher List gewöhnt ist. Wünschest Du, daß ich mich bei einem Abenteuer betheilige, welches die meisten Menschen, Deinen so hochgeachteten, weisen Don Fernando an der Spitze, für den Plan eines Träumers halten, der zu einem sichern Untergang führen müsse? — Könnte ich das glauben, so würde ich morgen abreisen, wäre es auch nur, damit meine verhaßte Gegenwart Dein Glück nicht weiter trübe." „Don Luis, Ihr könnt diesen grausamen Verdacht nicht rechtfertigen," sagte Mercedes, indem sic sich bemühte, den Argwohn ihres Liebhabers durch eine angenommene Empfindlichkeit zu strafen, obgleich mit ihrem Stolze Thränen kämpften, welche ihren vorwurfsvollen Augen reichlich entquollen. „Ihr wißt, daß man weder hier, noch anderSwo Euch haßt; Ihr wißt, daß man Euch allenthalben wohl wist, obgleich castilianische Klugheit und castilianische Mäßigung Euer Wanderleben nicht immer mit demselben Beifall betrachtete, den sie den gefälligen Sitten des Hosmanns und dem strengeren Dienste des Ritters zollten." „Verzeihung, theuerstc, geliebteste Mercedes! Deine Kälte und Deine Abneigung verwirren mich beinahe." «Kälte? Abneigung? Don Luis! wann hat Mercedes Dich je eines von beiden fühlen lassen?" „Ich fürchte, Donna Mercedes de Valverde gibt mir gerade jetzt eine Probe davon." „Dann kennst Du ihre Gründe und ihr Herz wenig. Nein Luis, ich bin Dir nicht abgeneigt und mochte auch nicht kalt gegen Dich erscheinen. Wenn Dich Dein Eigensinn in dieser Weise bemeistert und quält, so will ich es versuchen, mich offener 91 auszusprechen. Ja! che Du mir mit dieser irrigen Meinung fort- gehen sollst, um Dich vielleicht wieder in irgend ein gedankenloses Seeabenteuer zu stürzen, will ich lieber meinen jungfräulichen Stolz bekämpfen und der vorsichtigen Zurückhaltung, die meinem Geschlechts und meinem Range am besten ziemen würde, vergessen, um Dein Gemüth zu erleichtern. Als ich Dir den Rath gab, Dich diesem Colon anznschließen und in seine hochherzigen, großartigen Entwürfe offen einzugehen, hatte ich nur Dein eigenes Glück im Auge, da Du mir so oft zugeschworen hast, daß Dein Glück sich nur begründen ließe —" „Mercedes, was willst Du damit sagen? — Mein Glück beruht nur auf einer Verbindung mit Dir." „Und diese Verbindung läßt sich nur herbeiführen, wenn Du Deine Wanderlust durch irgend eine ruhmvolle That adelst und Donna Beatriz in den Stand setzest, ihre Mündel einem unstäten Neffen geben zu können, sobald er sich einmal dadurch Donna Jsa- bellens Gunst gewonnen hat." „Und Du? — Könnte dieses Abenteuer mir auch von Dir einen gütigeren Blick gewinnen?" „Luis, da Du doch nun einmal Alles wissen willst — ein solcher Blick ist bereits gewonnen. — Nein, zügle Dein Ungestüm, und höre Alles, was ich Dir zu sagen habe; selbst wenn ich mehr zugesteye, als für eine Jungfrau schicklich erscheinen möchte, darfst Du nicht glauben, daß ich mich weiter vergessen könnte. Ohne eine unumwundene Einwilligung meiner gütigen Vormünderin und ohne die gnädige Zustimmung Ihrer Hoheit werde ich mich keinem Manne vermählen, nicht einmal Dir, Luis Bobadilla, obgleich ich anerkenne, daß Du meinem Herzen theuer bist." — Ein nicht zu bewältigender Erguß weiblicher Zärtlichkeit erstickte diese Worte beinahe in Thränen. — „Nicht einmal Dir würde ich die Hand reichen, ohne die freundliche Zustimmung und die Glückwünsche Aller derer, welche an den Freuden oder Leiden eines Mädchens aus dem Hause Valverde Theil nehmen. Du kannst nicht um mich freien, wie ein Bauernbursche um ein Dorfmädchen, denn unsere Verbindung kann nicht anders statt finden, als vor einem Fürsten der Kirche, in einem großen Kreise von Freunden, die unserer Vereinigung Beifall zollen. Ach! Luis, Du hast mir Kälte und Gleichgültigkeit gegen Dich vorgeworfen," fuhr das edle Mädchen unter Schluchzen fort, — „aber Andere find nicht so blind gewesen .— nein, sprich nicht, und laß mich das überströmende Herz ganz vor Dir ansgießen, denn ich fürchte, daß die Schaam mich bald genug meine Bekenntnisse bereuen lassen werde — nicht alle find so blind gewesen als Du. Unsere gnädigste Königin kennt dar weibliche Herz wohl und hat schon lange bemerkt, was Du so spät erst entdecktest; auch hat nur die Schärfe ihres Blicks und die Schnelle ihrer Gedanken mich abgehalten, Dir wenigstens etwas von dem mitzutheilen, was ich jetzt mit Widerstreben gestehe." „Wie? — ist Donna Jsabella auch meine Feindin? Habe ich ebensowohl die Bedenklichkeiten Ihrer Hoheit, als die meiner kaltherzigen und spröden Tante zu überwinden?" „LuiS, Deine Heftigkeit macht Dich ungerecht. Donna Beatriz de Moya ist weder kaltherzig noch spröde und ihr Benehmen hat nur in einer klugen Vorsicht seinen Grund. Eine edlere und treuere Seele hat sich nie der Freundschaft zum Opfer gebracht: ihr ganzes Wesen ist Offenheit und Einfachheit. Viel von dem, was ich an Dir liebe, stammt von ihrer Familie, und Du solltest sie deshalb nicht tadeln. Was Ihre Hoheit anbelangt, so ist es wohl sicherlich nicht nöthig, ihren Eigenschaften das Wort zu reden. Du weißt, daß das Volk sie als seine Mutter ehrt, daß sie, soweit sie Kenntniß davon hat, die Interessen aller ihrer Unterthanen mit gleicher Vorliebe behandelt, und daß Alles, was sie für Andere jhut, der Ausfluß einer wahren Liebe und einer Klugheit ist, die ihr, wie ich den Cardinal sagen hörte, von der ewigen Weisheit selbst eingegeben zu seyn scheint." 93 „In der That, es ist nicht schwer, Mercedes, für weise, wohlwollend und begeistert gehalten zu werden, wenn man Castilien zum Thron und Leon mit andern reichen Ländern zum Fußschemel hat!" „Don Luis, wenn Du Dir meine Achtung erhalten willst," erwiederte das einfache Mädchen mit einer Würde, in der sich nichts von der Schwäche, wohl aber die ganze Wahrheitsliebe ihres Geschlechtes aussprach— „rede nicht so leichtfertig von meiner königlichen Gebieterin! Was sie auch in dieser Sache gethan habe» mag, es geschah mit den Gefühlen und der Zärtlichkeit einer Mutter, und wie mich Deine Ungerechtigkeit fast befürchten läßt, auch mit der Weisheit einer Mutter." „Vergib mir, theure, angebetete Mercedes, — Du, die ich jetzt tausendmal mehr liebe und verehre als je, seit Du mir ein so hochherziges Vertrauen erwiesen hast. Aber meine Ruhe ist hin, bis ich weiß, was die Königin in einer Angelegenheit, die mich und Dich berührt, gesagt und gethan hat." „Du weißt, wie gütig und 'gnädig die Königin immer gegen mich gewesen ist, Luis, und wie sehr ich Ursache habe, ihr für ihre Herablassung und Gewogenheit dankbar zu sehn. Ich weiß nicht, wie es zuging — aber während Deine Tante und alle meine Verwandten nie etwas von meinen Gefühlen zu ahnen schienen, hat das königliche Auge in einem Augenblicke ein Geheimniß erspäht, das, wie ich glaube, mir damals noch selbst verborgen war. Du erinnerst Dich des Turniers, das gerade an dem Tage vor Deinem letzten Ausfluge statt fand?" „Wie sollte ich nicht? War es nicht Deine Kälte nach dem Erfolge, den ich unter Deinen Farben errang, welche mich damals nicht nur aus Spanien trieb, sondern mich fast aus der Welt verjagt hätte?" „Wenn die Welt Deinen Handlungen eine solche Ursache zum Grunde legen könnte, so möchten sich wohl auf einmal alle Hindernisse entfernen lassen, und wir würden ohne Mühe glücklich werden. 94 Aber/' fuhr Mercedes mit einem schlauen Lächeln fort, während aber ihre Stimme und ihre Blicke ihre volle Zärtlichkeit aussprachen; „ich fürchte, Du bist solche» Anfällen von Tollheit zu sehr zugc- than, als daß Du aufhören könntest, Dich bis an die äußersten Gränzen der Welt, wo nicht gar über dieselben hinaus zu sehnen." „Es wird nur an Dir liegen, mich so unbeweglich als diese Thürme von Alhambra zu machen. Jeden Tag nur ein solches Lächeln würde mich wie einen gefangenen Mauren an Deine Füße fesseln und mir für immer den Wunsch benehmen, nach etwas Anderem, als nach Deiner Schönheit zu sehen. Aber Ihre Hoheit? — Du hast beizufügen vergessen, was Ihre Hoheit sagte oder that." „Du warst Sieger im Turniere, Luis. Castiliens ganze Ritterschaft war an jenem glorreichen Tage im Sattel, und doch konnte es Dir keiner gleich thu». Selbst Alonzo de Ojeda wurde durch Deine Lanze geworfen, und alle Lippen tönten von Deinem Lobe. Kein Gedächtniß, ich würde vielleicht besser sagen, keines, mit Ausnahme eines einzigen, erinnerte sich Deiner Fehler." „Und dieses einzige war das Deine, grausame Mercedes?" „Du weißt das besser, unartiger Luis. Damals dachte ich an nichts, als an Deinen edeln, hochsinnigen Muth, Dein ritterliches Benehmen auf dem Turnierplätze, und an Deine andere» schönen Eigenschaften. Das weniger nachsichtige Gedächtniß mußt Du bei der Königin suchen, welche mich nach dem Schlüsse der Festlichkeiten auf ihr Zimmer bescheiden ließ und sich wohl eine Stunde auf das gütigste und thcilnehmendste mit mir unterhielt, ehe sie überhaupt ihren wahren Zweck berührte. Sie sprach mit mir, Luis, von unfern Pflichten als Christen, von unfern Pflichten als Frauen, am meisten aber von den feierlichen Verbindlichkeiten, welche wir mit dem heiligen Stande der Ehe cingingen, und von den vielen schweren Stunden, die auch im günstigsten Falle in ihrem Gefolge sind. Als sie mich durch ihre fast mütterliche Liebe bis zu Thränen gerührt hatte, forderte sie von mir 4 93 da» Versprechen — und ich bekräftige dasselbe mit einem heiligen Gelübde — daß ich bei ihren Lebzeiten nie an dem Altar erscheinen wolle, ohne daß sie meiner Trauung beifällig anwohne, oder wenigstens, wenn sie durch Krankheit oder sonstige Pflichten daran verhindert sey, ihre Einwilligung durch ihre eigene königliche Unterschrift ertheilt sey." „Beim heiligen Denis von Paris! Ihre Hoheit hat Dero Einfluß auf Dein reines und edles Herz sehr gegen mich benützt!" „Dein Name wurde nicht erwähnt, Luis, und würde auch wohl i» keiner Weise bei diesem Gespräch in Anregung gekommen seyn, wenn sich nicht meine Gedanken unwillkührlich und ängstlich Dir zugewendet hätten. Was Ihre Hoheit beabsichtigte, ist mir auch jetzt noch unbekannt, aber die Art, wie meine eigenen Gefühle mir Dein Bild vorführten, ließ die vielleicht grundlose Vermuthung in mir auskommen, man beabsichtige, eine Verbindung mit Dir ohne Donna Jsabella'S Einwendung zu verhindern; da ich aber von ihrer gütigen Zuneigung und ihrer mütterlichen Gesinnung für mich innig überzeugt bin, so kann ich nicht zweifeln, daß sie meinen Wünschen willfahren wird, sobald sie nur weiß, daß meine Wahl keine unwürdige ist, wenn sie auch manchen altklugen Leuten etwas unverständig erscheinen möchte." „Aber Du denkst, Du fühlst, Mercedes, daß Ihre Hoheit aus Furcht vor mir Dir dieses Gelübde abpreßte?" „Ich fürchtete cs, weil Du, wie ich Dir bereits mit mehr Bereitwilligkeit, als dem Stolze einer Jungfrau ziemt, zugestanden habe, in meinem Herzen die Oberhand hattest. Deine ritterlichen Thaten an jenem Tage, und die Art, in der jeder Mund Deinen Namen nannte, mochten wohl entschuldigen, daß meine Gedanken bei Deiner Person verweilten." „Mercedes, Du kannst sicher nicht in Abrede ziehen, daß Du glaubst, Ihre Hoheit habe Dir dieses Gelübde aus Furcht vor mir abgenüthigt!" „Ich werde nie etwas in Abrede ziehen, was wahr ist, Don Luis, und Ihr lehrt mich in Zeiten, das »»kluge Zugeständ- niß, welches ich laut werden ließ, zu bereuen. Ich stelle allerdings in Abrede, daß Ihre Hoheit aus Furcht vor Euch sprach, denn ich kann mir nicht denken, daß sie derartige Gefühle gegen Euch hegt. Sie war voll mütterlicher Zärtlichkeit gegen mich, und ich denke — denn ich will nichts verhehlen, was ich wirklich glaube — daß Besorgnisse wegen Deiner gewinnenden Eigenschaften sie zu der Befürchtung veranlaßt haben, ob nicht ein verwaistes Mädchen, wie ich, eher sich mit ihrer Phantasie, als mit ihrer Vernunft berathcn und einem Manne die Hand reichen möchte, dem die äußersten Gränzen der Erde lieber zu sehn scheinen, als seine edlen Schlösser und seine Heimath." „Und du gedenkst dieses Gelübde zu erfüllen?" „Luis, Du bedenkst nicht, was du sprichst, sonst würdest Du keine so sündhafte Frage an mich stellen. Welche christliche Jungfrau vergißt je ihrer Gelübde, mögen sie auf einer Pilgerfahrt, eine Buße oder irgend eine andere religiöse Pflichtübung Bezug haben, und warum sollte ich die Erste sepn, die sich eines solchen Unrechts schuldig machte? Zudem hätte es nicht einmal eines Gelübdes bedurft, da schon der einfache Wunsch aus dem Munde der Königin hingereicht haben würde, mich von jeder Heirath abzuschrecken. Sie ist meine Fürstin, meine Gebieterin uud, ich möchte säst sagen, meine Mutter, da selbst Donna Beatriz kaum ein größeres Interesse für mein Wohl an den Tag legt. Nun, Luis, mußt Du auch meine Bitte anhören, obgleich ich Deine Einwendungen voraussehe; aber ich habe Dich seit Jahren geduldig angehört, und es ist nun an mir, zu sprechen — an Dir, zu Horen. Ich glaube, die Königin hatte Dich im Auge bei dem Versprechen, welches ich ihr freiwillig anbot und keineswegs, wie Du anznnehmen scheinst, von Ihrer Hoheit mir abnöihigen ließ. Dann glaube ich auch, daß Donna Jsabella vermuthete, es möchte mir Gefahr bringen, wen» ich Deiner Bewerbung nachgäbe, und daß sie befürchtete, ein Mensch, der keine ruhige Stätte hat, möchte nicht sehr geeignet sehn, in das Innere einer Familie Glück zu bringen, oder eine solche für die Dauer glücklich zu machen. Aber wenn auch Ihre Hoheit Deinem edlen, hochstrebenden Herzen Unrecht gethan hat, wenn sie sich wie die Meisten ihrer Umgebung durch die Außenseite täuschen ließ, wenn sie Dich überhaupt nicht kannte, ist es nicht Deine eigene Schuld? Bist Du nicht ohne Unterlaß von Castilien fortgezogen? und selbst, wenn Du da warst, — hast Du die Pflichten des Hofs so achtsam und sorgfältig erfüllt, wie es Deiner Geburt und Deiner Stellung zukam? Es ist wohl wahr, Ihre Hoheit und alle andern Anwesenden waren Zeugen Deiner Geschicklichkeit auf der Stechbahn, und in dem Kriege gegen die Mauren ist Deines Namens oft und ehrenvoll gedacht worden. Aber wenn auch die weibliche Phantasie gerne einer solchen Männlichkeit huldigt, so sehnt sich doch das Herz des Weibes nach anderen, sanfteren und stetigeren Tugenden für ihren heimathlichen Heerd und ihren häuslichen Zirkel. Donna Jsabella hat dieß gesehen und gefühlt; sie weiß es, so glücklich auch ihre eigene Vermählung mit dem König von Aragon ausgefallen ist, und darf es Dich nun überraschen, wenn sie um meinetwillen bekümmert ist? Nein! Luis, Deine Empfindlichkeit hat Dich gegen unsere Königliche Gebieterin ungerecht gemacht, und es liegt nun augenscheinlich in Deinem Interesse, sie Dir geneigt zu machen, wenn es anders Dein ausrichtiger Wunsch ist, meine Hand zu gewinnen." „Und wie kann dieß geschehen, Mercedes? — die Mauren sind besiegt, und ich kenne keinen Ritter, der Dir zu Gefallen mir mit dem Schwerte in der Hand entgegen treten möchte." „Die Königin wünscht nichts von der Art, und auch ich nicht. Wir beide kennen Dich bereits als einen vollkommenen christlichen Ritter, und wie Du selbst sagst, wird sich Niemand Deiner Lanze entgegenstellen, denn Niemand wird sich ermuthigt fühlen, eine solche Donna Mercedes. Lte Ausl. 7 98 Thorheit zu rechtfertigen. Du wirst Dir durch diesen Colon die königliche Einwilligung gewinnen müssen." „Ich glaub-, ich verstehe Deine Meinung zum Theil. Es wäre mir aber lieb, Du setztest mir die Sache deutlicher auseinander!" „So wist ich denn in Worten, so deutlich als meine Zunge sie finden kann, zu Dir sprechen," erwiederte das Mädchen, und die leichte Rothe der Zärtlichkeit steigerte sich allmählig zu der hohen Glut einer heiligen Begeisterung; „Du kennst bereits im Allgemeinen Sennor Colon'S Entwürfe, und die Art, wie er sie auszuführen gedenkt. Ich war noch ein Kind, als er zum ersten Mal in Castilien erschien, um sich an dem Hofe Unterstützung für dieses große Unternehmen auszuwirken, und ich weiß, daß Ihre Hoheit oft geneigt war, ihm ihren Beistand zu gewähren, bis Don Fer- nando'S Kälte und die Engherzigkeit ihrer Minister ihren Geist von diesem Gegenstände ablenkten. Ich glaube aber, baß sic immer noch diesen Plan begünstigt, denn erst kürzlich wurde Colon, der sich bereits von uns Allen verabschiedet hatte, um Spanien zu verlassen, und anderswo die geeigneten Mittel anfzusuchen, — durch Fray Juan Perez, den alten Beichtvater Ihrer Hoheit, zur Rückkehr aufgefordert. Er ist nun wieder hier, wie Du selbst gesehen hast, und sieht ungeduldig einer Audienz entgegen, wobei es nur einer kleinen Anregung in dem Gedächtniß der Königin bedürfen wirb, um diese Gunst zu gewinne». Sollte er die gewünschtenCaravelen erhalten, so werden ohne Zweifel viele Edle den Wunsch hegen, an einem Unternehmen Theil zu haben, das im Falle des Gelingens allen dabei Betheiligten unsterblichen Ruhm bringen muß, und Du solltest dabei nicht zurück bleiben." „Ich weiß nicht, was ich von dieser Aufforderung halten soll, Mercedes, denn es erscheint mir sonderbar, diejenigen, welche man zu schätzen vorgibt, zu einer Fahrt zu drängen, von der sich'S vielleicht nie wieder zurückkehrt." 99 „Gott wird Dich beschützen," erwiederte das Mädchen, und ihr Gesicht erglühte in frommem Feuer; „das Unternehme» wird zu Seiner Ehre unternommen werden, und Seine Hand wird die Fahrzeuge schirmen." Don Luis de Bobadista lächelte, denn sein Glaube stand weniger fest, und er kannte die physischen Hindernisse, die sich dem Unternehmen in den Weg stellen mußten, besser als seine Geliebte. Ungeachtet seiner hastig ausgedrückten Zweifel ließ er doch ihren Beweggründen volle Gerechtigkeit widerfahren, da noch außerdem das Abenteuer seiner angcbornen Wanderlust und seinem Wunsche, sich mit Gefahren zu nieffeu, zusagte. Er und Mercedes wußten wohl, wie sehr das Mißtrauen, welches allein ihren Wünschen entgegenstand, verdient war, und sein Scharfblick ließ ihn die Mittel leicht erkennen, durch welche er Donna JsabellaS Einwilligung zu gewinnen hoffen durfte. Die wenigen Anstände, die seinem Entschlüsse noch im Wege waren, wurden durch die nun folgenden Fragen an den Tag gelegt. „Wenn Ihre Hoheit geneigt ist, diesen Colon zu begünstigen, Warum wurde die ganze Sache so sehr in die Länge gezogen?" „Die Schuld liegt an dem maurischen Kriege, der Erschöpfung der Schatzkammer und der vorsichtigen Kälte des Königs." „Wenn wir aber ohne Erfolg zurückkehren sollten — was, wenn wir je znrückkehren, höchst wahrscheinlich der Fast ist — wird nicht Ihre Hoheit Aste, welche dem Manne gefolgt sind, als hohlköpfige Träumer betrachten?" „Das liegt nicht in Donna ZsabellaS Character. Sie wird, wenn sie je auf diesen Plan eingeht, es zu Gottes Ehren thun, und daher aste, welche Colon freiwillig begleiten, als eben so viele Kreuzfahrer betrachten, die den vollsten Anspruch an ihre Achtung, haben. Du wirst nicht ohne Erfolg zurückkehren, Luis, sondern mit einem Rufe, der der Wahl eines Weibes Ehre machen wird, so daß sie stolz auf Deinen Namen seyn kann." 100 „Du bist eine liebenswürdige Schwärmerin, theureS Mädchen. Wenn ich Dich mit mir nehmen könnte, so wollte ich das Abenteuer ohne irgend einen weiteren Gefährten bestehen." Dieser galanten und in dem gegenwärtigen Augenblicke sicherlich aufrichtig gemeinten Rede folgte eine paffende Erwiederung, woraus der Gegenstand zwischen Beiden mit mehr Ruhe und weit größerer Besonnenheit verhandelt wurde. Es gelang Don Luis, seine Ungeduld zu zügeln, und das edle Vertrauen, mit welchem Mercedes allmählig ihre Theilnahme gegen ihn ausdrückte, ebenso der holde, heilige Ernst, mit welchem sie die Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolgs verfocht, brachten ihn endlich so weit, daß er die Unternehmung mehr in ihrer hohen Bedeutung zu würdigen anfing, statt sie als einen Entwurf zu betrachten, der bloß seinem abenteuerlichen Sinne schmeichelte. Donna Bcatriz ließ die Liebenden volle zwei Stunden allein, denn so lange wurde sie von der Königin in Anspruch genommen, und bald nach ihrer Zurückkehr entfernte sich ihr unbesonnener, unruhiger, aber hochsinniger und ritterlicher Neffe. Mercedes und ihre Vormünderin aber blieben noch bis Mitternacht beisammen, und erstere goß vor der Marquise ihr Herz aus, indem sie ihr alle die Hoffnungen, welche mit Colon'S Unternehmung in Verbindung standen, auseinander setzte. Donna Beatriz vernahm dieses Bekennlniß ^ mit Freude und Schmerz und lächelte über den Scharfsinn der Liebe, welche die großen Plane des Genuesen mit der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche in Verbindung brachte. Demungeachtet war sie aber nicht unzufrieden darüber: Luis de Bobadilla war der Sohn eines einzigen heiß geliebten Bruders, und sie hatte den größten Theil der Liebe, welche sie für den Vater gefühlt, auch auf den Neffen übertragen. Neberhaupt wurde der schöne und wackere junge Cavalier von allen, die ihn kannte», geliebt, wenn auch alle Verständigeren sich veranlaßt sahen, bei seinen Unbesonnenheiten die Stirne zu runzeln; und er hätte wohl unter den hochgeborenen Töchtern CastilienS nach Willkür eine Wahl treffen können, da vielleicht nur von wenigen grundsatzfesteren oder ungewöhnlich bedachtsamen Damen eine Zurückweisung zu besorgen gewesen wäre. Die Marquifin hörte daher ihrer Mündel ohne Unwillen zu, und ehe sie sich in ihre Schlafgemächer begaben, war Donna Beatriz durch die freimüthigen, aber bescheidenen Bekenntnisse, die ernste Beredsamkeit und die liebevolle Offenheit ihrer Pflegbefvhlenen fast ganz bekehrt. Sechstes Kapitel. Wer will, der folge alter Zeiten Gleisen, Und überlege, was aus ihnen ward. Wo sind sie hin, die Denker und die Weisen, Die sich des Wissens besten Kern erscharrt? Wo sind die Helden, deren Macht so hart Die Welt emhfand, und deren SicgcSgang Bis zu der Erde fernsten Gränzen drang? Trümmer der Zeit. Es vergingen mehrere Tage, ehe sich die Christen in dem alten Sitze der muhamedanischen Macht heimisch fühlten. Inzwischen wurden jedoch Alhambra und die Stadt, in welchen durch die Eile, das Entzücken und den Schmerz der Besitznahme und des Scheidens alles in Verwirrung gekommen war, in einen geordneteren Zustand gebracht, und da der kluge und wohlgesinnte Ferdinand von Aragon gemessenen Befehl erlassen hatte, die Mauren nicht nur freundlich, sondern auch rücksichtsvoll zu behandeln, so gewann die Stadt all- mählig wieder den Character der Ruhe, und die Menschen begannen auf's Neue ihren alten Gewohnheiten und Geschäften nachzugehen. Natürlich brachte diese Erwerbung für Don Fernando neue Sorgen; seine erlauchte Gemahlin jedoch, welche sich nur bei wichtigen Anlässen öffentlich zeigte, und ihren gewohnten Einfluß in der ff 102 sanften und ruhigen Weise übte, die mit ihrem Geschlechts, ihrem Character, ihrer Wahrheitsliebe und ihrer Frömmigkeit im Einklang stand, hatte sich bereits, so weit es ihr hoher Rang und ihre Herrscherpflichten gestatteten, aus dem Gepränge und den militärischen Scenen eines kriegerischen HofeS zurückgezogen, und suchte den gewohnten traulicheren Verkehr ihres häuslichen Kreises auf. Welcher den sanfter» Neigungen des Weibes angemessener ist. Ihr liebstes Geschäft war die mütterliche Sorge für ihre Kinder; aber sie hatte auch manche Stunden für die Freundschaft und für jene Liebe übrig, welche alle ihre Unterthanen wie mit Familienbanden an sie zu ketten schien. Am Morgen des dritten Tages nach dem Abende, an welchem die im vorige» Kapitel mitgetheilte Unterhaltung stattgefunden, hatte Donna Jsabella einige jener bevorzugten Personen um sich versammelt, die an ihrem häuslichen Kreise Theil nehmen durften, denn während die castilianische Etiquette, — wahrscheinlich eine Nachahmung der ernste» Gewohnheiten muhamedanischer Nachbarn, — an allen christlichen Hosen sprüchwörtlich war, hatte der wohlwollende Character der Königin eine Atmosphäre um ihren Privatzirkel gebreitet, welche denselben für Alle, denen die hohe Ehre des Zutrittes zu Theil wurde, ebenso anmuthig als entzückend machte. Die Geistlichkeit genoß in jenen Tagen einer Art von ausschließlicher Begünstigung, da sie sich nicht nur in alle Angelegenheiten deS Lebens mischte, sondern auch nicht selten dieselbe leitete. Mängel dieser Art werden von den Bewohnern der Vereinigten Staaten bei fremden Staaten gar leicht entdeckt, und kein Volk ist wohl mehr geneigt, die Nachtheile, welche aus dem Einsiuß der katholischen Geistlichkeit entspringen, recht kräftig hervorzuheben, als das amerikanische. Aber eben dadurch bekundet es auch die Wahrheit des alt anerkannten Satzes, daß sich Fehler leichter an Andern, als an sich selbst entdecken lassen; denn nirgends findet man einen ähnlichen Einfluß kräftiger ausgebildet, als zumal in jenen Theilen der Freistaaten, 103 wo sich ursprünglich Pietistenansiedelungen befanden und wo noch gegenwärtig das Uebergewicht derartiger Seelen sich geltend macht. Ohne Zweisei hat auch die unter dem annehmlichen Titel der öffentlichen Meinung geübte Ueberwachung der Gesellschaft, welche in unfern Tagen als eigenthümlicher Nationalzug solcher Gemeinschaften auftritt, und sich nicht an die Gränze» der Gesetze und der bürgerlichen Ordnung bindet, ihren Ursprung in dem demokratischen Character jener Kirchenpolitik, welche stets ein Reich im Reiche zu bilden beabsichtigte, und in diesem Bestreben nicht selten durch die Regierungsformen selbst oder die Sitten des Landes unterstützt und gekräftigt wurde. Sey dem jedoch, wie es wolle — das Nebergewicht der katholischen Geistlichkeit über die ganze Christenheit bis zu den Tagen der Reformation ist eine Thatsache, und Jsabella war eine zu anspruchslose und fromme Christin, um der Prieflerschaft nicht alles zu gestatten, was sich mit ihrem Rechtsgefühle vertrug, weshalb derselben auch der un- verkümmerte Zutritt zu ihr und die Uebung eines nicht unbedeutenden Einflusses auf alle ihre Regierungsmaßregeln offen stand. Unter den bei eben genannter Gelegenheit Versammelten befanden sich nebst Andern auch Fernando de Talavera, ein hochgestellter Prälat, der kaum erst zu der neuen Würde eines Erzbischofs von Granada ernannt worden war, und Fray Pedro de CaraScal, der frühere Lehrer von Don Luis de Bobadilla, ein Geistlicher ohne Pfründe, der die Gunst, in welcher er stand, der hohen Einfachheit seines Charakters und seiner hohen Geburt verdankte. Jsabella selbst saß an einem kleinen Tische, wo sie mit ihrer Nadel beschäftigt war. Der Gegenstand ihrer Arbeit war ein sehr häuslicher, nämlich der eines Hemdes für den König: eS gehörte nämlich zu ihren weiblichen Eigenthümlichkciten, sich solchen niedrigen Dienstleistungen ebenso gewissenhaft zu unterziehen, wie das Weib irgend eines gewöhnlichen GcwerbSmannS ihrer Hauptstadt. Dies entsprang jedoch aus den Sitten jenes Zeitalters, wenn nicht vielleicht aus der Politik der Fürstinnen; denn die meisten Reisenden haben wohl den berühmten Sattel der Königin von Burgnnd mit der Kerbe gesehen, welche den Rocken aufnahm, wenn die Fürstin auSritt, damit ihre bewundernden Unterthanen sich ei» Beispiel daran nehmen möchten. Und selbst in unseren Tagen des Luxus, wo sich nur wenige, ganz gewöhnliche Fräulein herablaffen mögen, ein so nothwcndigeS Kleidungsstück, wie das, womit sich die Nadel JsabellenS von Castilicn beschäftigte, zu berühren, haben wir mit eigenen Augen eine Königin in Mitte ihrer durchlauchtigen Töchter sitzen sehen, welche so fleißig mit der Nadel beschäftigt waren, als ob ihr Lebensunterhalt von ihrem Fleiße abhinge. Bei Donna Jsabella geschah es jedoch nicht aus Ziererei; sie war in ihren Gefühlen, ihren Worten, ihrem Wesen und ihren Handlungen die Wahrheit selbst, und die eheliche Zärtlichkeit ließ sic ein hohes Vergnügen in einer Beschäftigung fühlen, die einem Gatten galt, welchen sie als Mann innig liebte, obgleich sie sich unmöglich seine Fehler als Monarch ganz verbergen konnte. Neben ihr befand sich die Gefährtin ihrer Jugendjahre, die lang geprüfte und erprobte Beatriz de Cabrera. Mercedes saß aus einem Schemel zu den Füßen der Infantin Jsabella, während in der Nähe einige andere Hofdamen standen, deren Rang sich nur an einigen leichten Andeutungen, wie sie wegen der Anwesenheit der königlichen Familie für nüthig erachtet wurden, erkennen ließ, da sie sich mit einer häuslichen Freimüthigkeit bewegten, welche das übliche Ceremoniel eher anmuthig als belästigend erscheinen ließ. Der König war an einer Ecke des weiten Raumes mit Schreiben beschäftigt, und Niemand, selbst der neu ernannte Erzbischof nicht ausgenommen, wagte es, sich dieser Seite des Zimmers zu nähern. Das Gespräch wurde ein wenig leiser als gewöhnlich geführt und selbst die Königin dämpfte ihre melodische Stimme in einer Weise, daß der Gedankengang, in welchem ihr hoher Gemahl vertieft zu sehn schien, nicht gestört wurde. In dem Augenblick jedoch, welchen wir unserem Leser zu vergegenwärtigen beabsichtigen, hatte sich Jsabella eine Weile in ernstes Nachsinnen versenkt und ein allgemeines 105 Schweigen herrschte in dem weiblichen Kreise um die kleinen Arbeitstische. „Tochter Marquise." —denn so Pflegte die Königin ihre Freundin zu nennen, — „Tochter Marquise," sagte Jsabella, das lange Schweigen unterbrechend, „hast Du kürzlich nichts von Sennor Colon, dem Piloten, der uns so lange mit dem Plan einer Westfahrt angelegen hat, gesehen oder gehört?" Der lebhafte, rasche Blick des Verständnisses und der Freude, welcher zwischen Mercedes und ihrer Vormünderin gewechselt wurde, verrieth die Thcilnahme, welche sie bei dieser Frage fühlten, während Donna Beatriz, wie es ihre Pflicht und die Achtung gegen ihre Gebieterin verlangte, antwortete: „Ihr erinnert Euch, Sennora, daß ihm Fray Juan Perez geschrieben hat. Dieser alte Beichtvater Eurer Hoheit machte den weiten Weg von seinem Kloster Santa Maria de Rabida in Andalusien hieher, um seinen großen Entwürfen das Wort zu reden, damit sie nicht für Castilien verloren gehen möchten." „Du hältst also wirklich seine Entwürfe für großartig, Tochter Marquise?" „Kann man sie wohl für etwas Anderes halten, Sennora? Sie scheinen vernünftig und natürlich, und wenn sie sich rechtfertigen sollten — ist es nichtein großes und lobenswcrtheS Unternehmen, die Gränzen der Kirche zu erweitern und seinem eigenen Lande Ruhm und Schätze zu erwerben? Meine begeisterte Mündel, Mercedes de Valverde, zeigt einen solchen Eifer für den Plan dieses Seefahrers, daß dieser nächst ihrer Pflicht gegen Gott und ihre hohe Gebieterin die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens zu bilden scheint." Die Königin richtete einen lächelnden Blick auf das erröthende Mädchen, dem diese Bemerkung galt, und betrachtete sie einen Augenblick mit jenem Ausdrucke von Liebe, welcher gewöhnlich ihr holdes Antlitz umstrahlte, wenn ihre Augen auf den Zügen ihrer eigenen Tochter ruhten. ' ' 's 106 „Gibst Du das zu, Donna Mercedes?" sagte sie. „Hat Dich Colon in einer Weise überzeugt, daß Du Dir die Sache so tief zu Herzen nimmst?" Mercedes stand ehrfurchtsvoll auf, als die Königin sie an- redete, und trat einige Schritte näher, ehe sie antwortete. „ES ziemt mir, in so hoher Gegenwart bescheiden zu sprechen; aber ich will nicht in Abrede ziehen, daß ich an Sennvr Colon'S Entwurf einen lebhaften Antheil nehme. Die Idee ist so edel, Sennora, daß es Schade wäre, wenn sie sich nicht als wahr erweisen sollte.» „Das ist so die Weise junger und hochsinniger Seelen, und ich selbst bekenne, Beatriz, daß ich in dieser Hinsicht bisweilen fast so kindisch bin, als irgend Jemand anderes. Colon ist ohne Zweifel noch hier?" „O ja! Sennora," antwortete Mercedes lebhaft und mit einer Hast, welche sie schnell bereute, da die Frage nicht an sie gerichtet war; „ich weiß, daß er erst kürzlich, an dem Tage, wo die Truppen von der Stadt Besitz nahmen, von Jemand gesehen wurde." „Und wer ist dieser Jemand?» fragte die Königin fest, aber nicht strenge, indem ihr Auge wieder mit einer stets sich mehrenden Theilnahme auf dem Antlitze des Mädchens ruhte. Mercedes bereute nun bitterlich ihre Unklugheit, und obgleich sie ihre Gefühle mit Gewalt zurückzudrängen suchte, so schoß doch das Blut verrätherisch nach ihren Schläfen, ehe sie sich zu einer Antwort entschließen konnte. „Don Luis de Bobadilla, der Neffe meiner Vormünderin Donna Beatriz," entgegnete sie endlich, denn die Liebe zur Wahrheit überwog in diesem reinen Wesen selbst die Furcht vor Beschämung. „Wie seltsam, Sennorita," bemerkte Jsabella ruhig, denn Strenge mischte sich selten in ihren Verkehr mit Edelsinnigen und Guten; „Don Luis stammt aus einem zu berühmten Hause, um 107 eines Heroldes zu bedürfen, der seine verwandtschaftlichen Beziehungen auseinander setzt. Nur um den Unbedeutenden kümmert sich die Welt nicht. Tochter Marquise!" — sie enthob Mercedes dadurch, daß sie sich an ihre Freundin wandte, eines Zustandes, der kaum weniger peinvoll sehn konnte, als die Folter selbst — „dieser Dein Neffe ist zwar anerkannt ein Mensch, der nirgends eine bleibende Stätte hat, aber ich zweifle, ob er sich wird bestimmen lassen, an einem Unternehmen Theil zu nehmen, welches, wie das unseres Colon, die Ehre Gottes und die Wohlfahrt unseres Reiches zum Zwecke hat." „Wahrlich, Sennora" — Mercedes unterdrückte ihren Eifer durch eine plötzliche und erfolgreiche Anstrengung. „Du wolltest sprechen, Donna Mercedes?" bemerkte die Königin ernst. „Ich bitte Euer Hoheit um Verzeihung; ich habe Etwas Unziemliches gethan, da Eure Worte nicht an mich gerichtet waren." „Dieß ist nicht der Hof von Castilien, Tochter, sondern das Privatgemach von Jsabella de Trastamara," entgegnete die Fürstin in der Absicht, die Wirkung des bereits Vorgesallenen zu mindern. „Das Blut des Admirals von Castilien fließt in Deinen Adern, und Du kannst Dich sogar einer Verwandtschaft mit unserm Herrn, dem König, rühmen. Sprich vaher unverhohlen!" „Ich kannte Eure Huld und Güte gegen mich, Sennora, und habe mich deshalb beinahe vergessen. Ich wollte nur sage», daß Don Luis de Bobadilla sehnlichst wünscht, Sennor Colon möchte die Caravelen, deren er bedarf, erhalten und ihm selbst die königliche Erlaubniß gewährt werden, an dem Abenteuer Theil nehmen zu dürfen." „Wäre das möglich, Beatriz?" „Luis ist ohne Zweifel ein ruheloser Kopf, Sennora; doch läßt er sich nie von unedlen Beweggründen leiten. Ich habe ihn selbst den glühenden Wunsch auSdrücken hören, Colon zu begleiten. 108 wenn es Euer Hoheit gefallen sollte, diesen Mann auszusenden, um das Land Cathap aufzusuchen." Jsabella gab keine Erwiederung, aber sie legte ihre häusliche Arbeit in den Schoos, und saß einige Minuten in gedankenvollem Schweigen da. Während dieses Zwischenraumes wagte Niemand in ihrer Nähe zu sprechen, und Mercedes zog sich leise nach ihrem Schemel zu den Füßen der Infantin zurück. Endlich erhob sich die Königin, ging durch das Zimmer, näherte sich dem Tische, wo Don Fernando emsig mit der Feder beschäftigt war, hielt hier einen Augenblick inne, als ob sie ihn nur ungerne stören möchte, und legte dann freundlich ihre Hand auf die Schulter ihres Gemahls, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der König, als ob er wüßte, woher eine solche Vertraulichkeit allein kommen könne, sah sich schnell um, stand von seinem Stuhle auf, und ergriff zuerst das Wort. „Diese Mauren mögen sich vorsehen," sagte er, und verrieth dadurch die Richtung seiner Gedanken, welche schon jetzt auf eine Vergrößerung seiner Macht hinzielten. „Ich finde, daß wir Ab, dallah zu viele Festungen in den AlpujarraS gelassen haben, die ihn zu einem lästigen Nachbar machen werden, wenn wir ihn nicht über das mittelländische Meer jagen können." „Hievon wollen wir bei einer andern Gelegenheit sprechen, Fernando," unterbrach ihn die Königin, deren reiner Sinn Alles, was einem Treubruche ähnlich sah, verschmähte. „Es ist für die, welche die Angelegenheiten der Menschen zu leiten haben, schwer genug, immer Gott und ihrem Gewissen zu gehorchen, ohne daß sie nöthig haben, nach einem Anlaß zu suchen, um ihr Wort zu brechen. Ich komme aus einem anderen Grunde zu Dir. Die unruhigen Zeiten und die Wichtigkeit der Angelegenheiten unseres Reiches haben uns das Versprechen, welches wir dem Seefahrer Colon gegeben haben, übersehen lassen." „Stets mit der Nadel beschäftigt, und immer für meine 109 Bequemlichkeit besorgt," bemerkte der König, indem er mit dem Hemde spielte, welches seine hohe Gemahlin unabsichtlich noch immer in der Hand hielt. „Wenige meiner Unterthanen haben so besorgte und zärtliche Frauen, als ich." „Die Sorge für Deine Bequemlichkeit steht meiner Pflicht gegen Gott und mein Volk am nächsten," erwiederte Jsabella vergnügt über die Aufmerksamkeit, welche der König von Aragon diesem kleinen Unterwürfigkeitsbeweise ihres Geschlechts erzeigte, obgleich sie argwöhnte, daß sie solche mehr dem Wunsche zuzuschreiben habe, dem Gegenstände, der ii» gegenwärtigen Augenblick in ihren Gedanken die Oberhand hatte, auSzuweichen. „Ich möchte in dieser wichtigen Sache nicht ohne Deine vollste Beistimmung handeln, wenn sich dieselbe gewinnen läßt, und ich glaube, es ziemt unserem königlichen Worte, nicht länger zu zögern. Sieben Jahre sind eine gar grausame Prüfung, und wenn wir nicht thätig sind, so finden sich vielleicht in unserem Königreich einige heißköpfige junge Edle, welche die Sache.als einen Feiertagsscherz für sich unternehmen." „Du hast Recht, Sennora, wir wollen den Gegenstand dem Fernando de Talavera dort übertragen, auf dessen erprobte Weisheit man sich verlassen kann." Bei diesen Worten winkte der König dem in Rede stehenden Manne, welcher sich sogleich dem hohen Paare näherte. „Erzbischof von Granada," fuhr der vorsichtige König fort, der die Kunstgriffe der Politik eben so sehr in seiner Gewalt hatte, als unsere neueren Patrioten, wenn sie ihre eigene Beförderung im Auge haben, „Erzbischof von Granada, unsere Königliche Gemahlin wünscht, daß die Angelegenheit Colon'S sogleich geprüft und uns Bericht darüber erstattet werde, es ist unser vereinter Wille, daß Ihr nebst Anderen innerhalb der nächsten vier und zwanzig Stunden die Sache in reifliche Erwägung ziehet, und das Ergebniß dieser Prüfung uns vorlegt. Mau wird Euch noch im ? 110 Verlaufe des Tages das Namensverzeichniß Derjenigen, welche an der Prüfungs-Commission Theil nehmen sollen, übergeben." Während Ferdinands Zunge dem Prälaten diese Weisung er- theilie, las Letzterer in dem Ausdrucke des AugeS des Monarchen und in der Kälte seiner Züge einen Wink, welchen sein rascher und geübter Verstand sich leicht zu deuten wußte. Er bezeugte jedoch seine unterthänige Zustimmung, verzeichnete sich die Namen der Commissions-Mitglieder, von denen Jsabella einen oder zwei andeutete, und harrte dann der weiteren Unterredung. „Colon'S Plan verdient es, auf's ernstlichste erwogen zu werden," nahm der König wieder auf, als diese Einleitungen bereinigt waren, „und es wird Eure Sorge sehn, darauf zu achten, daß es mit aller Rücksicht geschehe. Wie ich höre, ist der Seefahrer ein guter Christ." „Ich Halts ihn für einen sehr eifrigen, Don Fernando. Er hat die Absicht, wenn Gott sein gegenwärtiges Unternehmen segnet, einen neuen Versuch zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes zu machen." „Pah! solche Plane mögen verdienstlich sehn, aber für uns ist diese unsere Eroberung hier der wahre Weg zu Förderung des Glaubens. Wir haben das Kreuz aufgerichtct, meine Gemahlin, wo erst kürzlich noch die Banner des Unglaubens wehten, und Granada ist Castilien so nahe, daß es nicht schwer sehn wird, unsere Altäre zu schützen. Das find wenigstens die Ansichten eines Laien über diese Gegenstände, heiliger Prälat!" „Und zwar sehr richtige und weise Ansichten, Sennor!" erwie- derte der Erzbischof. „ES ist die grüßte Weisheit, nachdem zu trachten, was wir uns auch erhalten können, denn wir verlieren nur unsere Mühe, wenn wir nach Dingen streben, welche die Vorsehung unserer Macht so weit entrückt hat, daß sie nicht mehr für unsere Zwecke bestimmt zu sehn scheinen." „ES gibt Leute, mein Herr Erzbischof," bemerkte die Königin, „welche gegen jeden Versuch einer Wiedereroberung des heiligen 111 Grabes stimmen werden, wenn fle von einem so hohen Würdenträger der Kirche derartige Ansichten vernehmen." „Dann, Sennora, müßten Sie diesen Würdenträger sehr mißverstehen," crwiederte hastig der gewandte Prälat. „Die Vertreibung der Ungläubigen aus dem heiligen Lande ist eine Angelegenheit der ganzen Christenheit, aber für Castilien ist es besser, Granada den Händen der Heiden zu entreißen. Der Unterschied, der hiebei statt findet, liegt so auf flacher Hand, daß ihn jeder, der sich die Sache erwogen hat, einsehen muß." „Diese Wahrheit leuchtet unserem Verstände eben so klar ein," fügte Ferdinand bei und blickte mit ruhigem Triumphe aus dem Fenster, „als die, daß jene Thürme, welche vordem Abdallah gehörten, jetzt die unsrigen sind." „Besser für Castilien?" wiederholte Jsabella in dem Tone des NachsinnenS. — „Vielleicht besser für seine weltliche Macht, aber nicht besser für die Seelen derjenigen, welche das Werk ausführen — sicherlich nicht besser für die Ehre Gottes." „Meine hochverehrte Gattin und theure Gemahlin —" sagte der König. „Sennora —" fügte der Prälat bei. Jsabella ging jedoch langsam weg und überlegte sich die eben vernommenen Grundsätze, während die Augen der beiden Weitlinge, welche zurückblieben, sich mit einer Art unausgesprochener Verständigung begegneten, wie sie sich so leicht unter Männern findet, welche ihren Vortheil eher als das Recht zu suchen geneigt sind. Die Königin kehrte nicht zu ihrem Sitze zurück, sondern ging in dem Theile des Zimmers auf und ab, welchen der Erzbischof verlassen hatte, als er sich ihr und ihrem Gatten näherte. Hier blieb sie mehrere Minuten allein, denn selbst Ferdinand ehrte sie zu sehr, um es zu wagen, ihr Nachdenken unaufgefordert zu stören. Die Königin warf öfters Blicke auf Mercedes und hieß endlich die Donna näher treten. „Tochter!" sagte Jsabella, welche sich oft dieses zärtlichen Ausdruckes gegen diejenigen, welche sie liebte, bediente, „Du hast doch Dein freiwillig abgelegtes Gelübde nicht vergessen?" „Den Pflichten gegen Gott, Sennora, steht der Gehorsam gegen meine hohe Gebieterin am nächsten." Mercedes sprach mit Festigkeit und in einem Tone, der selten eine Täuschung birgt. Jsabella heftete ihre Augen auf die bleichen Züge des schonen Mädchens, und als die eben angeführten Worte den Lippen der Jungfrau entschlüpften, hätte eine zärtliche Mutter ihr Kind nicht mit einem innigeren Ausdruck von Liebe betrachten können. „ES ist nicht mehr wie billig, daß die Pflichten gegen Gott allen andern Gefühlen Vorgehen, meine Tochter," antwortete die Königin. „In Vergleichung mit ihnen ist der Gehorsam, welchen Du mir schuldig bist, nur untergeordnet; aber doch hast Du, wie alle Andern, eine feierliche Verpflichtung gegen Deine Königin, und ich würde des hohen Vertrauens, das mir die Vorsehung zu Theil werden ließ, unwürdig sepn, wenn ich eine Vernachlässigung derselben gestattete. Nicht ich herrsche in Castilien, sondern die Vorsehung, welche sich meiner nur als eines armen, unwürdigen Werkzeugs bedient. Meine Unterthanen sind meine Kinder, und ich bete täglich, daß mir Gott ein Herz schenke, welches im Stande sey, Alle mit Liebe zu umfassen. Wenn Fürsten hin und wieder genöthigt sind, dem Unwürdigen zu zürnen, so geschieht es nur in einer Art demüthiger Nachahmung jener Macht, welche der Sünde nicht zulächeln kann." „Ich hoffe, Sennora," sagte das Mädchen furchtsam, als sie bemerkte, daß die Königin inne hielt, „ich bin nicht so unglücklich gewesen, um Euer Mißfallen zu erregen. Der Unwillen Eurer Hoheit würde mich in der That höchst unglücklich machen." „Du? — Nein, Tochter! Ich wünschte, alle Mädchen von Castilien, adelige und bürgerliche, wären so aufrichtig, so bescheiden und gehorsam, wie Du. Aber wir können Dich nicht das Opfer 113 Deiner Gefühle werden lassen. Du bist zu Wohl erzogen, Donna Mercedes, um nicht den äußeren Schein von der wahren Tugend unterscheiden zu können." „Sennora !" rief Mercedes lebhaft, aber sie hielt schnell wieder inne, denn fie fühlte, wie unehrerbietig eS sey, ihre Herrscherin zu unterbrechen. „Laß mich hören, was Du sagen wolltest, meine Tochter!" antwortete Jjabella, nachdem sie eine Weile in der Absicht geschwiegen hatte, das furchtsame Mädchen zur Fortsetzung ihrer begonnenen Rede zu ermuthigen. „Sprich unverhohlen, Du redest mit einer Mutter." „Ich wollte sagen, Sennora, daß, wenn auch der äußere Prunk nicht den wahren Werth ausmacht, doch auch nicht Alles, was dem Auge mißfällt oder was die Klugheit verdammt, wirklich lasterhaft ist." „Ich verstehe Dich, Scnnorita, und Deine Bemerkung hat etwas Wahres. Doch! sprechen wir jetzt von andern Dingen! Die Plane dieses Seefahrers Colon scheinen Dir zu gefallen?" „Die Meinung eines unwissenden jungen Mädchens, wie ich bin, kann nur wenig in Betracht kommen bei der Königin von Castilien, welcher, abgesehen von ihrer eigenen Weisheit, der Rath von hohen Kirchenfürsten und gelehrten Geistlichen zu Gebot steht," «rwiederte Mercedes bescheiden. „Aber Du billigst seinen Plan? oder habe ich Dich vielleicht unrecht verstanden?" „Nein, Sennora! ich billige Colons Entwurf, denn er scheint mir so edel und groß, daß ich stehe, die Vorsehung möchte ihn zum Besten der Menschheit und zum Wohl der Kirche begünstigen." „Und Du glaubst, daß sich Edle und Ritter bereit finden lassen würden, an dem kühnen Unternehmen dieses unbekannten Genuesen freiwillig Theil zu nehmen?" Die Königin fühlte in der Hand, welche sie liebevoll mit den ihrigen umschlossen hielt, ein Zittern, und als sie ihre Gefährtin Donna Mercedes. 2te Anfl. 8 114 betrachtete, bemerkte sie, daß das Gesicht derselben wie Scharlach glühte und ihre Augen niedergeschlagen waren. Das edle Mädchen dachte jedoch, dieser Augenblick sey für das Glück ihres Geliebten entscheidend und sammelte alle ihre Kräfte, um seinem Interesse zu dienen. „Ich glaube das, Sennora!" antwortete sic mit einer Festigkeit, die der Königin, welche in alle Gefühle des Mädchens singing und sie zu schätzen wußte, zwar befremdend, aber nichts weniger als mißfällig erschien. „Ich glaube, Don Luis de Bvbadilla hat die Absicht, mit ihm zu ziehen, denn seit seine Tante mit ihm unverhohlen über die Bedeutung und Größe der Unternehmung gesprochen hat, denkt sein Geist fast an nichts Anderes. Auch würde er gerne diesen Plan mit Gold unterstützen, wenn sich die Einwilligung seiner Vormünder gewinnen ließe." „Seine Bormünder würden daran sehr übel thun. Wir können zwar über unser Eigenthum frei verfüge», aber eS ist nicht erlaubt, die Habe eines Andern auf's Spiel zu setzen. Wenn Don Luis auf dieser Ansicht beharrt und seinem Versprechen gemäß handelt, so werde ich in Zukunft günstiger von seinem Character denken, als es bisher die Umstände gestatteten." „Sennora!" „Höre mich, meine Tochter! wir können nicht länger bei diesem Gegenstand verweilen, denn der Rath harrt meiner Gegenwart und der König hat uns bereits verlassen. Ich will mich mit Deiner Vormünderin besprechen und Du sollst nicht lange einer zwecklosen Ungewißheit ausgesetzt bleiben. Aber! Mercedes de Valverde —" „Meine hohe Gebieterin!" „Erinnere Dich Deines Gelübdes, Tochter! Du hast es freiwillig gegeben und darfst es nicht so schnell wieder vergessen." Jsabella küßte die bleiche Wange des Mädchens und entfernte sich. Die Damen folgten ihr und ließen die halb erfreute, halb erschreckte Mercedes, einer schönen Statue des Zweifels ähnlich, in der Mitte des weiten Saales allein. 115 Siebentes Kapitel. Er, der so hoch des Geistes Bo» geführt Und der Gedanken Hans so fest gegründet. Daß weder Furcht noch Hoffen je vermag Des Willens Kräfte zu erschüttern — Daniel. Am folgenden Tage war Alhambra wieder, wie gewöhnlich, von Höflingen und Bittstellern, welche ihr Recht suchten oder um Abstellung vermeintlicher Beeinträchtigung flehten, angefüllt. Die Vorgemächcr waren gedrängt voll, und die verschiedenen Personen betrachteten sich gegenseitig mit eifersüchtigen Blicken, als ob sie erforschen wollten, in wie weit die Nachbarn ihren eigenen Absichten in die Quere oder zu Statten kommen möchten. Im Allgemeinen waren die Begrüßungen kalt und mißtrauisch und fanden mit jener abgemessenen Höflichkeit statt, welche gewöhnlich den Verkehr in Palästen bezeichnet. Während die Neugierde thätig war, das Geschäft der verschiedenen Anwesenden zu errathen, und die täglichen Vorplatzlungerer durch Flüstern, Kopfnicken, Achselzucken und bedeutungsvolle Blicke das Wenige, was sie von einzelnen Personen wußten oder zu wissen glaubten, sich mittheilten, stand in einer Ecke des Haupt« gemaches ein Mann, der sich durch seine hohe Gestalt, seine ernste und würdevolle Haltung und durch die eigenthümliche Art von Aufmerksamkeit, welche ihm zu Theil wurde, vor Allen in seiner Umgebung auSzeichnete. Nur Wenige näherten sich ihm, und wer es that, warf, wenn er ihm den Rücken kehrte, gerne mit jenen Blicken von Selbstgefälligkeit und Spottsucht um sich, welche so bezeichnend für eine niedrige Denkweise sind, wenn sie glaubt, daß ihr Hohn mit der öffentlichen Meinung im Einklang stehe. Dieser Mann war Columbus, den die Menge allgemein als einen träumerischen Planmacher betrachtete, und dem daher nothwendig jene verächtliche 116 Behandlung zu Theil wurde, welche an einem sulchen Character zu hasten pflegt. Aber selbst der Witz der Menge erschöpfte sich endlich und die Geduld der Herren des Vorzimmers war auf der Neige, als ein leichtes Geräusch an der Thürc die Ankunft eines neuen Höflings verkündete. Die Art, wie dem Ankömmlinge in dem Gedränge Platz gemacht wurde, verkündete die Gegenwart eines Mannes von hohem Range, und in der That war es auch Don Luis de Bobadilla, welcher jetzt in der Mitte des Gemaches stand. „Es ist der Neffe der Freundin Ihrer Hoheit," flüsterte Einer. „Ein edler aus einer der angesehensten Familien CastilienS," sagte ein Anderer; „aber ein geeigneter Genosse für diesen Colon; denn weder das Ansehen seiner Vormünder, noch die Wünsche der Königin, noch seine hohe Geburt konnten ihn abhalten, das Leben eines Vagabunden zu führen." „Eine der besten Lanzen in Spanien, wenn er nur klug und weise genug wäre, von seiner Geschicklichkeit Vortheil zu ziehen," bemerkte ein Dritter. „Das ist der junge Ritter, der sich in dem letzten Treffen so gut benommen hat," brummte ein Subalternofficier der Infanterie, „und der in dem Turnier Don Alonzo de Ojeda aus dem Sattel hob; aber seine Lanze ist etwas unstet im Ziel, und er gebraucht sie nicht sonderlich häufig. Ich höre, er ist ein Herumstreicher." Luis sah sich, als ob er vorsätzlich diesen Vorwurf rechtfertigen wolle, eine Weile spähend um und eilte dann unmittelbar an Colons Seite. Das nun folgende Lächeln, Kopfnicken, Achselzucken und halb unterdrückte Flüstern bekundete den allgemeinen Eindruck. Als sich aber eine Thüre seitwärts in dem Gemache öffnete, flogen Aller Augen nach dieser Richtung, und die erwähnte kleine Unterbrechung war eben so schnell wieder vergessen. „Meinen Gruß, Sennor!" sagte Luis mit einer achtungsvollen Verbeugung gegen Colombus. „Die Unterhaltung des gestrigen 117 Abends hat meine Gedanken fast ausschließlich in Anspruch genommen, und ich komme, um sie wieder anzuknüpfen." Man sah in Columbus' Auge, seinem Lächeln und der Art, wie er seinen Körper aufrichtetc, gleich als seh auch dieser von der Größe seiner Entwürfe erfüllt — daß diese Huldigung mit Wohlgefallen ausgenommen wurde, aber er mußte das Vergnügen, welches ihm ein Gespräch über sein Unternehmen immer gewährte, verschieben. „Ich bin durch den ehrwürdigen Erzbischof von Granada hie- her berufen, edler Sennor," antwortete er mit Herzlichkeit, „der, wie es scheint, von Ihren Hoheiten den Auftrag, meine Angelegenheit zu einem schleunigen Ende zu bringen, erhalten und für diesen Zweck den heutigen Morgen anberaumt hat. Wir stehen an dem Vorabende großer Ereignisse, und der Tag ist nicht ferne, an dem diese Eroberung von Granada vergessen seyn wird in der weit höheren Wichtigkeit der gewaltigen Dinge, welche uns Gott Vorbehalten hat." „Bei St. Pedro, meinem neuen Namenspatron, ich glaube das selbst auch. Cathay muß an der Stelle, die Ihr namhaft gemacht habt, oder doch in der Nähe derselben liegen, und Eure Augen sollen dieses Land sammt seinen ungeheuren Neichthümern nicht früher sehen, als die meinigen. Ich bitte Euch, denkt an Pedro de Munnos, Sennor Colon." „Ich verspreche Euch, junger Herr, er sqll nicht vergessen werden, und alle die großen Thaten Eurer Vorfahren werden durch den Ruhm ihres Enkels in den Schatten zu stehen kommen. Aber ich höre meinen Namen nennen; wir wollen ein andermal die Sache weiter besprechen." „Der Sennor Christoval Colon," rief einer der Pagen mit lauter Stimme, und der Seefahrer eilte freudig vorwärts. Die Art, wie ein so allgemein mit Gleichgültigkeit, wo nicht mit Verachtung betrachteter Mann aus dem Gewühls der Hofschranzen auserlesen worden war, erregte einige Ueberraschung. Als aber das gewöhnliche Geschäft eines Vorzimmers begann und die untergeordneten 118 Beamten in den Räumen erschienen, um Gesuche anzuhören und Fragen zu beantworten, war der Vorfall schnell wieder vergessen. Luis entfernte sich mißvergnügt, denn er hatte gehofft, sich einer längeren Unterhaltung mit ColumbuS über einen Gegenstand erfreuen zu können, welcher seine schönsten Hoffnungen berührte, und daher sein ganzes Sinnen in Anspruch nahm. Wir wollen aber für jetzt ihn und das Gewühl in den Vorzimmern verlassen, um dem großen Seefahrer in das Innere des Palastes zu folgen. Fernando de Talavera war dem ihm gegebenen Befehle nach- gekommen. Statt jedoch diesem Prälaten Männer an die Seite zu geben, von denen bekannt war, daß sie geneigt sehn konnten, auf ColumbuS' Vorschläge zu hören, hatten der König und die Königin den Mißgriff begangen, sechs bis acht Hofleute zu wählen, welche zwar wegen ihrer Rechtschaffenheit und ihres lobenswerthen Cha- racterS in gutem Rufe standen, aber viel zu wenig an eine gelehrte Untersuchung gewöhnt waren, um den Merth der vorgeschlagenen Entdeckungen gehörig würdigen zu können. ColumbuS wurde jetzt in die Versammlung dieser ausgezeichneten Edeln und Geistlichen eingeführt, und der Leser stelle sich vor, daß er unter denselben Platz genommen habe. Wir übergehen die übrigen Förmlichkeiten der Einführung und schreiten sogleich zu dem wesentlichen Theile der Erzählung. Von Seite der Commission führte der Erzbischof von Granada vorzugsweise das Wort. „Wir vernehmen, Sennor Colon," sprach der Prälat im Laufe der Besprechung, „daß Ihr, wenn Euch der Schutz der Macht und deS Ansehens Ihrer königlichen Hoheiten nicht entsteht, eine Reise in das unbekannte Weltmeer zu unternehmen im Sinne habt, um die berühmte Insel Cipango aufzusuchen?" .„Das ist meine Absicht, heiliger und durchlauchtiger Prälat. Die Sache ist zwischen den Bevollmächtigten der zwei fürstlichen Personen und mir so oft besprochen worden, daß ich mich wohl nicht weiter über meine Ansichten auszulaffen brauche." 119 „Sie sind in der That zu Salamanka auf's Umständlichste erörtert worden, und viele gelehrte Geistliche gingen auf Eure Idee ein, Sennor, obgleich noch mehrere dagegen waren. Unser Herr, der König, und unsere Gebieterin, die Königin, sind jedoch geneigt, die Sache in einem günstigeren Lichte zu betrachten, und die gegenwärtige Commission hat den Auftrag, die vorläufigen Grundsätze festzusetzen und die betreffenden Rechte der betheiligten Partheien abzugränzen. Was verlangt Ihr an Schiffen und Ausrüstung, um die großen Zwecke, die Ihr im Auge habt, unter Gottes Segen durchzuführen?" „Ihr habt wohl gesprochen, hochwürdiger Herr Erzbischof, unter Gottes Segen und unter seiner besonderen Obhut soll alles geschehen; denn Seine Verehrung uud Verherrlichung ist bei dem Erfolge wesentlich betheiligt. Mit einem so mächtigen Verbündeten auf meiner Seite werden wenige weltliche Mittel nothwendig sehn; ich fordere nur zwei Caravelen von leichter Last, mit der Flagge der Fürste», und eine hinreichende Anzahl Matrosen." Die Commissions-Mitglieder warfen sich verwunderte Blicke zu, und sahen theilweise in dieser bescheidenen Bitte nur die phantastische Kopflosigkeit eines Träumers, .während andere darin das feste Vertrauen des Glaubens zu entdecken vermeinten. „Das ist in der That nicht viel verlangt," bemerkte der Prälat, der unter die Ersteren gehörte, „und obgleich die Schatzkammern CastilicnS erschöpft sind, so könnten wir doch diese Kleinigkeit ohne die Beihülfe eines Wunders zugestehen. Die Caravelen lassen sich wohl aufsinden und ebenso die nöthigen Matrosen ausheben; aber ehe wir so weit kommen, bleiben noch einige wichtige Punkte fcstznstellen. Ihr erwartet, Sennor, daß man das Comniando der Expedition Euch anvertrane?" „Ohne dieses Vertrauen könnte ich nicht für den Erfolg einstehen. Ich bedarf des vollen und ungeschmälerten Ansehens eine« Admirals Ihrer Hoheiten. Wenn auch die Zahl der Schiffe nur 120 unbedeutend ist, so werden doch die Gefahren nicht gering seyn, und die Macht der beiden Kronen muß im vollen Umfange des Worts den Mann aufrecht erhalten, auf dessen Schultern das ganze Gewicht der Verantwortlichkeit ruht." „Dieß ist nicht mehr als billig, und Niemand wird etwas dagegen einzuwenden haben. Aber, Sennor, habt Ihr Euch auch reiflich der Vortheile gedacht, welche unseren Herrschern zuwachsen müssen, wenn sie Euch in diesem Unternehmen unterstützen sollen?" „Herr Erzbischof, seit achzehn Jahren hat dieser Gegenstand meine Gedanken Tag und Nacht beschäftigt und meine Studien in Anspruch genommen. Diese ganze Zeit über habe ich nur wenig gethan, was nicht in unmittelbarer Beziehung zu dem Erfolge dieses mächtigen Unternehmens gestanden wäre. Die Vortheile, welche für alle Belheiligten daraus fließen müssen, sind daher kaum vergessen worden." „Nennt sie, Sennor." „Zum ersten also soll der Allmächtige durch die Ausbreitung seiner Kirche und die Vermehrung seiner Verehrer verherrlicht werden, da man dieses Seinem allumfassenden Schirme schuldig ist." Fernando de Talavera und alle anwesenden Geistlichen bekreuzten sich andächtig, und ColumbuS that das Gleiche. „Die nächsten Vortheile werden, wie billig, Ihre Hoheiten erndten, indem sich ihr Reich ausdehnt und die Zahl ihrer Unterthanen vergrößert. Reich- thümer werden sich in vollen Strömen über Castilien und Aragon ergießen, da seine Heiligkeit der Papst sicherlich die Throne und Länder aller ungläubigen Fürsten denjenigen christlichen Herrschern zugcstehen wird, welche diese Besitzungen entdecken oder die Bewohner derselben zum wahren Glauben bekehren lassen." „Das ist annehmbar, Sennor," erwiederte der Prälat, „und ruht auf der Grundlage der Billigkeit. Seine Heiligkeit besitzt außer allem Zweifel eine solche Macht, und man weiß, daß er gerne zur Ehre Gottes Gebrauch davon macht. Ihr wißt wahrscheinlich, 121 Sennor Colon, daß Don Joao von Portugal bereits große Aufmerksamkeit auf diese Dinge verwendet hat, und daß er und seine Vorfahren das Entdeckungswesen wohl schon bis auf's Aeußerste ausbeuteten. Auch sein Unternehmen wurde von Nom aus mit gewissen Privilegien bedacht, die nicht einmal am Orte waren." „Ich kenne die portugiesische Unternehmung, heiliger Prälat, und weiß wohl, in welchem Geiste Don Joao seine Macht geübt hat. Seine Schiffe segelten an dem westlichen Ufer von Afrika hin, aber in einer ganz andern Richtung, als die ist, welche ich einzuschlagen gedenke. Ich habe im Sinne, geradezu in das große Weltmeer hineinzusteuern, und indem ich dem Niedergang der Sonne folge, die östlichen Gränzen von Indien auf einem Wege zu erreichen, der die Reise um viele Monate abkürzen muß." Obgleich der Erzbischof und die meisten der Commissions-Mitglieder zu der zahlreichen Klaffe derer gehörten, welche Columbus als einen heißköpfigen Träumer betrachteten, so machte doch die ernste und hohe Würde, mit welcher er seine Entwürfe so einfach andeutete, die Ruhe, mit welcher er beim Sprechen seine weißen Locken niedsrstrich, und die Begeisterung, welche immer in seinem Auge leuchtete, wenn er von diesem Plane sprach — einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden, und in diesem Augenblick schienen sich die Gefühle Aller darin zu vereinigen, ihm zu Erlangung dieser so wenig anspruchsvollen Forderungen behülflich seyn zu wollen. ES war ein merkwürdiger und eigenthümlicher Beweis für das Vorhandensepn eines solchen vorübergehenden Gefühls, daß einer der Beigezogenen unmittelbar die Frage stellte: „Gedenkt Ihr, Sennor Colon, den Hof des Priesters Johann aufzusuchen?" „Ich weiß nicht, edler Sennor, ob es je einen solchen Fürsten gegeben hat," antwortete Columbus, dessen Ansichten auf der festen und philosophischen Grundlage der Wissenschaft ruhten, und d,r nur wenig auf die im Schwünge stehenden Trugbilder jener Zeit 122 einging, obgleich auch er nothwendig seinen Theil an der Unwissenheit des Zeitalters trug. „Ich finde überhaupt nichts Nor, wodurch die wirkliche Existenz eines solchen Monarchen oder eines solchen Reiches bestätigt würde." Dieses Zugeständniß kam der Sache des Seefahrers nicht zu statten, denn die Behauptung, die Erde sey eine Kugel und der Priester Johann nur ein Geschöpf der Einbildungskraft, hieß das Wunderbare aufgeben, um zu Beweisen und zu Wahrscheinlichkeiten zurückzukehren: ein Weg, den der menschliche Geist im Zustande der Unkultur nicht gerne einschlägt. „Es gibt Männer, welche gerne an die Wirklichkeit von Priester Johanns Macht und Reich glauben," fiel einer der Bevollmächtigten ein, der sein gegenwärtiges Amt rein König Ferdinands Politik verdankte — „und welche es geradezu in Abrede ziehen, daß die Erde rund sey, fintemal wir alle wissen, daß es darauf Könige, Reiche und Christen gibt, und uns zugleich durch unsere eigenen Augen überzeugen können, daß die Erde und das Meer eben find." Diese Anficht wurde von den meisten Anwesenden mit einem beifälligen Lächeln ausgenommen, obgleich Fernando de Talavera sein Bedenken über die Richtigkeit derselben hatte. „Sennor," erwiederte ColumbuS sanft, „wenn in dieser Welt Alles so wäre, wie es scheint, so bedürfte man wohl kaum der Beichte, und auch die Buße müßte viel leichter seyn." „Ich denke, Ihr sepd ein guter Christ, Sennor Colon?" bemerkte der Erzbischof etwas scharf. „Ich bin das, wozu mich die Gnade Gottes und die Schwäche der menschlichen Natur gemacht hat, Herr Erzbischof, obgleich ich dcmüthig hoffe, des göttlichen Schuhes und der göttlichen Huld für würdiger erachtet zu werden, wenn ich erst mein großes Ziel erreicht habe." „Man sagt, Du haltest Dich für einen Mann, den die Vorsehung besonders für dieses Werk bestimmt habe." 123 »Ich fühle Etwas in mir, hochwürdigster Prälat, was mich zu dieser Hoffnung ermuthigt; aber ich baue darum nicht auf Geheimnisse, die mein Begriffsvermögen übersteigen." Es möchte schwer seyn, zu sagen, ob ColumbuS durch diese Antwort in der Meinung seiner Zuhörer verlor oder gewann. Das religiöse Gefühl jener Zeit mochte wohl einen solchen Glauben rechtfertigen, aber den anwesenden Geistlichen schien es anmaßend, daß ein unbedeutender, unbekannter Laie nur an die Möglichkeit denken mochte, zu einem besonderen Werkzeuge erkoren zu seyn, während so viele Andere mit scheinbar höheren Ansprüchen verworfen würden. Doch durfte sich dieses Gefühl nicht laut werden lassen, denn es war in jener Zeit, wie in unseren Tagen—derjenige, welcher sich auf die Macht Gottes zu stützen schien, hatte ein Gewicht und einen Einfluß für sich, an denen sich gewöhnlich der Tadel brach. „Ihr hofft, Cathay zu erreichen, wenn Ihr aus dem großen Weltmeere immer weiter segelt —" nahm der Erzbischof wieder auf, „und doch läugnet Ihr die Existenz des Priesters Johannes?" »Ich bitte um Verzeihung, hochwürdiger Prälat — ich hoffe, Cathay und Cipango in der von Euch bezeichneten Weise zu erreichen , aber ich läugne die Existenz des mehrerwähnten Monarchen nicht unbedingt. Für die Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Erfolgs meines Unternehmens habe ich bereits Gründe und Beweise angegeben, die auch vielen gelehrten Geistlichen einleuchteten; was jedoch das Vorhandenseyn jenes PriesterstaatcS anbelangt, so kann es durch nichts erwiesen werden." „Und doch erzählt man sich, daß Giovanni di Monte Corvino, ein frommer Bischof unserer heiligen Kirche, vor ungefähr zweihundert Jahren einen solchen Fürsten zum wahren Glauben bekehrt habe." „Der Allmacht Gottes ist kein Ding unmöglich, Herr Erzbischof, und ich bin keineswegs geneigt, die Dienste seiner auserwählten Diener zu bezweifeln. Alles, was ich hinsichtlich dieses Punktes zu erwicdern habe, ist: daß ich keine wissenschaftlichen oder sonst annehmbaren Gründe finde, die mich berechtigen könnten, etwas zu verfolgen, was vielleicht so trügerisch ist, wie das Licht, welches vor der berührenden Hand zurückweicht. Was Cathay, seine Lage und seine Wunder anbelangt, so haben wir die besser begründeten Beweise der berühmten Venezianer Marco und Nicolo Polo, welche nicht nur diese Gegenden durchreist haben, sondern sich auch jahrelang an dem Hofe ihres Fürsten aufhielten. Aber sey es nun mit dem Priester Johann oder mit Cathay wie es wolle, meine edlen Herren, jedenfalls ist es gewiß, daß dag atlantische Meer im Westen eine Gränze hat, und diese Gränze bin ich aufzusuchen bereit." Der Erzbischof verrieth seine Nngläubigkeit, indem er die Augen in die Höhe richtete; da er aber den Befehlen seiner Beherrscher gehorchen mußte und außerdem wohl wußte, daß ColumbuS' Theorie schon vor Jahren zu Salamanka geprüft und darüber Bericht erstattet worden war, so entschloß er sich klüglich, die geeigneten Grunzen nicht zu überschreiten und in dem fortzusahren, dessen Erforschung zu seinem Auftrag gehörte. „Ihr habt uns die Vortheile auseinander gesetzt, Sennor, die Eurer Ansicht nach aus dem günstigen Erfolge Eures Planes für die Monarchen erwachsen könnten," sagte er, „und wenn alle Eure glänzenden Hoffnungen in Erfüllung gehen, so sind sie in der That nicht zu verachten. Wir wollen jetzt aber auch hören, welche Bedingungen Ihr für Euch selbst als Lohn für alle Eure Gefahren und für vieljährige kummervolle Bemühungen vvrbehaltet." „Alles dieses ist gebührend von mir erwogen worden, hochwürdigster Erzbischof, und Ihr werdet das Wesentliche meiner Forderungen auf diesem Papiere auseinander gesetzt finden, obgleich ich mir vielleicht noch einige unbedeutendere Punkte Vorbehalten muß." Mit diesen Worten händigte ColumbuS das besprochene Schreiben Ferdinand von Talavera ein. Der Prälat überflog es das erstemal schnell mit den Augen, las es aber das zweitemal mit 123 mehr Bedacht, und es möchte schwer seyn zu sagen, ob sich die Lachlust oder der Unwille stärker in seinen Zügen auSdrücktc, als er das Blatt höhnisch auf den Tisch warf. Nach diesem seine Verachtung ausdrückenden Benehmen wandte er sich gegen ColumbuS, als ob er sich überzeugen wolle, daß der Seefahrer wirklich bei Sinnen sey. „Ist es Dir wirklich Ernst mit diesen Bedingungen, Sennor? fragte er mit einem Blicke, der die Meisten in der armseligen Lage des Bittstellers veranlaßt haben würde, von ihrem Begehren abzugehen. „Herr Erzbischof," antwortete ColumbuS mit einer Würde, die sich nicht leicht außer Fassung bringen ließ, „ich trage mich mit dieser Angelegenheit bereits achtzehn volle Jahre. Während dieser ganzen langen Zeit habe ich mir kaum an etwas Anderes zu denken erlaubt, und ich kann sagen, daß sie meinen Geist im Wachen und im Schlafen beschäftigte. Die Wahrheit wurde mir schon früh klar, aber sie wurde mir mit jedem Tage Heller und Heller; und ich habe eine Zuversicht zu dem Erfolg, welche nur aus dem Vertrauen auf Gott stammen kann. Ich fühle, daß ich das auserkorene Werkzeug für die Erreichung von großen Zwecken bin, von Zwecken, welche nicht durch den Erfolg dieser einzigen Unternehmung allein zur Entscheidung kommen. ES steht mir noch mehr bevor, und ich muß mir die Macht und die Mittel sichern, es auszuführen. Ich kan» auch nicht das Mindeste von dem Wesen und dem Umfang dieser Bedingungen erlassen." Obgleich diese Worte gewichtig und ausdrucksvoll genug klangen, wollte eS doch dem Prälaten immer noch scheinen, daß der Geist des Seefahrers durch das lange Brüten über einen einzigen Gegenstand in Verwirrung gekommen scy. Das Einzige, was ihn die Wahrheit dieser Ansicht noch bezweifeln ließ, war die Folgerichtigkeit und der wissenschaftliche Geist, womit Colon so oft selbst in seiner Gegenwart die Wahrscheinlichkeit solcher geographischen Hypothesen vertheidigte. 126 und dabei Gründe verbrachte, welche die Zuhörer in keine geringe Verlegenheit setzten, wenn sie auch Diejenigen, die in ihm nur den träumerischen Planmacher sahen, nicht zu überzeugen vermochten. Doch die Forderungen, welche der Bischof eben vorgelesen hatte, schienen so maaßloS, daß nur ein augenblickliches Gefühl des Mitleids den Ausbruch von Unwillen, welchem er Luft zu machen geneigt war, zurückdrängen konnte. „Wie gefallen Euch, meine edlen Herren—" rief er höhnend, indem er sich an zwei oder drei der Commissions-Mitglieder wandte, welche mit eifriger Hast das Papier ergriffen hatten und es gemeinschaftlich zu lesen versuchten — „die gemäßigten, bescheidenen Forderungen des Sennor Christoval Colo», des berühmten Seefahrers, der in Salamanka eine ganze Versammlung in Verwirrung zu setzen wußte? Sind sie nicht von der Art, daß Ihre Hoheiten sie auf den Knieen und unter tausend Dankesbezeugungen entgegen nehmen sollten?" „Les't sie, Herr Erzbischof!" riesen Mehrere in einem Athen«; „laßt sie uns zuerst anhörcn." „Es sind da einige weniger wichtige Bedingungen, die einer Be- rathung minder unwürdig erscheinen dürften," versetzte der Prälat, indem er das Blatt zur Hand nahm; „aber hier sind zwei, welche den Herrschern ein unbeschreibliches Vergnügen '.gewähren müssen. Der Sennor Colon ist nämlich zufrieden mit dem Range eines Admirals und VicekönigS über alle Länder, welche er entdecken wird; und als eigener Antheil wird ihn der zehnte Theil — der Antheil der Kirche, meine hochwürdigen Brüder—ja nur ein Zehntel, ein armseliges Zehntel der Einkünfte und Zölle zufrieden stellen." Das allgemeine Murren der Commissions-Mitglieder bekundete den gemeinschaftlichen Unwillen, und in diesem Augenblick hatte Columbus auch nicht Einen Beschützer in dem Zimmer. „Das ist noch nicht Alles, erlauchte Edle und fromme Priester," fuhr der Erzbischof fort, indem er seinen Vortheil verfolgte, 127 sobald er glaubte, daß die Anwesenden ihn anzuhören bereit seyen — „das ist noch nicht Alles. Damit so hohe Würden die Schultern Ihrer Hoheiten und der königlichen Familie nicht ermüden möchten, hat eS dem großmüthigen Genuesen in der That beliebt, sie für ewige Zeiten seiner eigenen Nachkommenschaft zu übertragen. Er verwandelt also das Königreich Calhap in ein Reich zu Nutz und Frommen des Hauses Colon, und zur Aufrechthaltung der Würde desselben wird zugleich der zehnte Theil aller Einkünfte seiner eigenen Casse überwiesen." Bei diesem Ausfälle würde ein allgemeines und unverholeneS Lachen laut geworden sepn, hätte nicht Columbus' edle Haltung den Ausbruch desselben gezügelt. Selbst Fernando de Talavera fühlte den ernsten Verweis, der sich in einem Auge und in einer Miene auSjprach, welche ihrer ernsten Würde nicht das Geringste vergaben, und er begann zu glauben, daß er zu weit gegangen scy. „Verzeihung, Sennor Colon," fügte er unmittelbar darauf etwas höflicher bei, „aber Eure Bedingungen klingen so hochtrabend, daß es kein Wunder ist, wenn sie uns in Erstaunen setzen. ES kann nicht Euer Ernst seyn, darauf bestehen zu wollen." „Ich werbe nicht um ein Jota davon abgehen, Herr Priester. Ich kann soviel «»sprechen, und wer sich mit weniger begnügt, als er verdient, wird mit Recht das Werkzeug seiner eigenen Erniedrigung. Ich werde den Herrschern ein Reich geben, das alle ihre andern Besitzungen bei weitem übertrifft, und ich verlange meinen Lohn. Ich muß Euch noch außerdem erklären, hochwürdiger Prälat, daß ich mir noch vieles Vorbehalte, und daß diese Bedingungen noth- wendig sind, um das, was die Zukunft bringen wird, zu vollführen." „Das sind in der That bescheidene Vorschläge für einen namenlosen Genuesen," rief einer der Höflinge, bei dem nachgerade der Unwille und die Verachtung zum Ueberfließen kam. „Der Sennor Colon will sich eine Besehlshaberstclle im Dienste Ihrer Hoheiten sichern, und wenn bei der Sache nichts herauskommt, so wird er diese hohe Ehre ohne Kosten haben, während er, wenn dieses höchst unwahrscheinliche Projekt einige Vortheile einbringt, ein Vizckönig wird, der sich demüthig mit den Einkünften der Kirche begnügt." Diese Bemerkung schien allem Schwanken ein Ende zu machen, und die ganze Versammlung stand auf, als ob die Sache keiner weitern Verhandlung mehr Werth seh. Um jedoch wenigstens den Anschein von Unparthcilichkeit und Besonnenheit zu wahren, wandte sich der Erzbischof noch einmal an Colnmbus, und sprach jetzt— in der sichern Hoffnung, seinen Zweck zu erreichen, in sanfterem Tone zu ihm: „Ich frage Euch zum Letztenmal, Sennor, „ob Ihr auf diesen unerhörten Bedingungen beharren wollt?" „Auf diesen und keinen andern," sagte ColumbuS mit Festigkeit. „Ich kenne die Größe der Dienste, welche ich leiste» werde, und will sie nicht selbst herabwürdigen. Nein, ich habe nicht die Absicht, ihren Werth zu schmälern, indem ich mich mit etwas Anderem begnüge. Aber, Herr Erzbischof, und auch Ihr, edler Sennor, der Ihr meine Ansprüche so leichthin behandelt, ich bin bereit, außer der Gefährdung meines Leibes, Lebens und Rufes auch noch Gold daran zu setzen. Ich will den achten Theil der nöthigen Summe beischaffen, wenn Ihr in dem gleichen Maßstabe die mich betreffenden Vortheile vergrößern wollt." „Genug! — genug!" erwiederte der Prälat, indem er sich anschickte, das Zimmer zu verlassen, „wir werden den Herrschern sogleich Bericht erstatten, und Du wirst ihren Willen bald erfahren." So endete diese Zusammenkunft. Die Häslinge verließen das Zimmer, und besprachen sich ernstlich mit einander, wie Leute, denen wenig daran liegt, ihren Unwillen zu unterdrücken, während ColumbuS, erfüllt von der hohen Wichtigkeit seiner Plane, mit der Haltung eines Mannes, dessen Selbstachtung nicht durch unverständiges Geschrei geschmälert werden konnte, und der die Unwissenheit und Engherzigkeit seiner Beürtheiler zu gut zu 129 würdigen wußte, um sich von seinen eigenen großartigen Entwürfen abbringen zu lassen — nach einer andern Richtung verschwand. Ferdinand von Talavera war ein Mann von Wort und als Beichtvater der Königin hatte er jeder Zeit Zutritt zu derselben. Noch erfüllt von dem Gegenstände der eben geendigten Besprechung, schlug er seinen Weg unmittelbar nach den Privat-Gemächern der Königin ein, und wurde unverzüglich Vorgelaffen. Jsabella vernahm seinen Bericht mit Empfindlichkeit und Bedauern, denn sie hatte angefangen, die Ausführung dieses außerordentlichen Unternehmens sich sehr angelegen sehn zu lassen; aber der Einfluß deS Erzbischofs war sehr groß und das königliche Beichtkind kannte die Aufrichtigkeit und Frömmigkeit seines Herzens. „Es ist nicht nur Anmaßung, es ist Unverschämtheit, Scn- nora," fuhr der gereizte Geistliche fort. „Dieser bettelhafte Abenteurer verlangt Ehren und Würden, die allein Gott und seinen Gesalbten, den Fürsten der Erde, gehören. Wer ist dieser Colon? — ein namenloser Genuese ohne Rang, Verdienst und Bescheidenheit, und doch trägt er sich mit seinen Anforderungen so hoch, als es nicht, einmal ein Guzman wagen würde." „Er ist ein guter Christ, mein heiliger Prälat," antwortete Jsabella sanft, „und scheint eine Freude daran zu haben, Gott zu dienen und zu seiner Verherrlichung beizutragen, denn er wünscht ja, der Ausbreitung seiner sichtbaren und allgemeinen Kirche Vorschub zu thun." „Wahr, Sennora, aber doch mag auch hierin eine Täuschung liegen." „Nein! Herr Erzbischof, ich glaube nicht, daß bei diesem Manne Täuschung zu finden ist, denn eine so freimüthige Sprache und eine so männliche Haltung ist sogar unter den Mächtigsten nur selten anzutreffen. Er behelligt uns schon seit Jahren mit seinem Gesuche und doch kann ihm keine niedrige Handlung zur Last gelegt werden." „Ich möchte das Herz dieses Mannes nicht zu hart beurtheilen, Donna Mercedes. Ae Ausl. s 130 Donna Jsabella, aber wir können doch ans seinen Handlungen und Anmaßungen Folgerungen ziehen. Was steht wohl für die Würde der beiden Kronen zu hoffen, wenn er erst ungcbnnden und ohne Aufsicht handeln kann? Ich gebe zu, er ist ernst, gefällig und zeigt weder in seinen Reden, noch in seinem Benehmen die Leichtfertigkeit der Hofwelt" — Jsabella lächelte, ohne etwas zu erwiedern, da ihr geistlicher Bereitster gewöhnt war, freimüthig zu tadeln, und in der Königin stets auf eine de- müthige Zuhörerin rechnen durfte—„wo man in unfern Tagen eben keine besonderen Muster der Nüchternheit und Gottergebenheit findet. Aber solche Eigenschaften können vorhanden sehn, ohne daß sie durch den Geist für den Himmel geweiht find. Was nützen Ernst und Würde, wenn sie nur dazu dienen, einen aufgeblasenen Stolz und eine ungebundene Habsucht zu unterstütze»? — denn Ehrgeiz ist eine viel zu edle Benennung für eine solche Gier. Bedenkt nur das eigentliche Wesen seiner Forderungen, Sennora. Dieser Colon verlangt für immer den hohen Rang eines Stellvertreters des Königs, nicht nur für seine eigene Person, sondern auch für seine Nachkommen auf ewige Zeiten, mit dem Titel und der Macht eines Admirals über alle anliegenden Meere, wenn er je irgend eines seiner so sehr gepriesenen Länder entdecken sollte, — ehe er einwilllgen will, den Befehl über gewisse Euren Hoheiten zugehörig- Schiffe zu übernehmen, — ein Auftrag, der an sich schon zu ehrenvoll für einen Mann ist, von dem man so wenig weiß. Sollten seine höchst übertriebenen Vorspiegelungen in Erfüllung gehen, — und es ist doch wahrscheinlicher, daß sie durchaus sehlschlagen — so würden diese Anforderungen durchaus in keinem Berhältniß mit seinen Diensten stehen, während im Falle eines unglücklichen Erfolgs die Namen von Castilien und Aragon zum Gelächter würden, und auch ein Schatten auf die königliche Würde fallen müßte, weil sie sich durch einen Abenteurer täuschen ließ. Der Ruhm dieser letzten Eroberung würde durch einen so unglücklichen Mißgriff sehr nothleiden." „Tochter Marquise!" bemerkte die Königin und wandte sich 131 zu der treuen und lange bewährten Freundin, welche an ihrer Seite mit der Nadel beschäftigt war, „diese Bedingungen Colon'S scheinen in der That die Gränzen der Vernunft zu überschreiten." „Das Unternehmen überschreitet aber auch alle gewöhnlichen Gränzen von Wagnissen und Abenteuern, Sennora," entgegnete Donna Beatriz fest, indem sie zugleich einen Blick nach dem Antlitz von Mercedes gleiten ließ. „Edle Thaten verdienen stets eine edle Belohnung." Jsabella's Auge folgte dem Blicke ihrer Freundin und blieb eine Weile auf den bleichen, ängstlichen Zügen der Mündel ihres Lieblings hasten. Das schöne Mädchen war sich der Aufmerksamkeit, welche sie erregte, nicht bewußt, aber wer ihr Geheimniß kannte, vermochte die tiefen Gefühle wohl zu errathe», mit welchen sie den Ausgang erwartete. Jsabella hatte die Ansichten ihres Beichtvaters so vernünftig gefunden, daß sie auf dem Punkte war, dem Berichte der Commission beizustimmen, und die geheimen Hoffnungen und Erwartungen, welche sich bereits an das Gelingen der Plane des Seefahrer zu knüpfen begonnen hatten, aufzugeben, als ein edleres Gefühl, wie es der Tiefe ihres weiblichen Herzens eigen war, dazwischen trat, um dem Seemanne noch eine Möglichkeit offen zu lassen. Selten ist ein Weib gegen die Sympathien, die mit der Liebe in Verbindung stehen, unempfindlich, und die Hoffnungen, welche aus der Herzensneigung der Donna Mercedes de Valverde entsprangen, lagen auch dem Entschlüsse zu Grunde, welchen die Königin von Caflilien i» diesem cntscheidungSvollen Augenblicke faßte. „Wir dürfen diesen Genuesen weder zu hart noch zu schnell abfertigen, Herr Erzbischof," sagte sie, indem sie sich wieder an den Prälaten wendete. „Er ist fromm und redlich, und das sind Tugenden, welche die Herrscher zu schätzen wissen. Seine Forderungen sind zwar vielleicht in Folge eines langen Brütens und Nachdenkens über seinen großen LieblingSentwurf etwas übertrieben geworden. aber freundliche Worte und vernünftige Vorstellungen werden wohl einige Ermäßigung erzielen. Wir wollen daher selbst die Bedingungen entwerfen, und ohne Zweifel wird die Nothwendigkeit, wenn auch nicht sein BilligkeitSgesühl, ihn bewegen, sie anzunehmen. DaS Vicekünigthum übersteigt in der That die gewöhnliche Politik der Fürsten, und der Zehnte ist, wie Ihr selbst sagt, hochwürdiger Prälat, nur der Anthcil der Kirche: den Rang eines Admirals mag er jedoch unbedingt hinuehmen. Theilt ihm daher diese gemäßigteren Vorschläge mit und setzet statt des Zehntels ein Fünfzehntel. Auch soll er für seine Person, so lange eS Don Ferdinand und mir gefällt, Vicekönig seyn; aber einen solchen Anspruch für seine Nachkommenschaft muß er aufgeben." Fernando de Talavera hielt selbst diese Zugeständnisse noch für zu bedeutend, aber er kannte den Character ZsabellenS zu gut, als daß er es, ungeachtet des hohen Einflusses, welchen er seiner Stellung verdankte, gewagt hätte, gegen einen einmal ausgesprochenen Befehl etwas einzuwenden, wenn dieser auch in ihrer zarten frauenhaften Weise gegeben war. Nachdem er noch einige Weisungen erhalten hatte, welchen auch der König, der in einem benachbarten Zimmer arbeitete, seine Zustimmung gab, entfernte sich der Prälat, um seinen neuen Auftrag auszuführen. „Es vergingen nun einige Tage, ehe der Gegendstand zu Ende kam, und Jsabella saß wieder in ihrem häuslichen Kreise, als der Beichtvater um die Gunst bat, vorgelaffen zu werden. Der Erzbischof trat mit glühendem Gesichte und mit einem so verstörten Aeußere» ein, daß auch dem gleichgültigsten Beobachter sein Zustand nicht entgehen konnte. „Nun! was bringst Du, hochwürdigster Erzbischof?" fragte Jsabella. „Setzt Dich Deine neue Heerde so in Wallung, und ist eS so gar schwer, mit den Ungläubigen auszukommen?" „Es ist nicht dies, Sennora, — es ist nichts, was ans meine neue Gemeinde Bezug hätte. Ich finde sogar die Anhänger des 133 falschen Propheten vernünftiger, als Viele, welche auf Christi Namen und Gunst pochen. Dieser Colon ist ein Wahnsinniger, der besser zu einem muselmännischen Heiligen, ^ als zu einem Piloten in Eurer Hoheit Dienst paffen würde." Bei diesem Ausbruch des Unwillens ließen die Königin, die Marguisin von Moya und Donna Mercedes de Valverde ihre Nadelarbeit fallen, und sahen mit gleicher Bestürzung zu dem Prälaten auf. Alle drei hatten gehofft, daß die Schwierigkeiten, welche einem günstigen Abschluß der Verhandlung im Wege standen, beseitigt wären, und daß es nun nicht mehr lange anstehen könne, bis der Mann, der trotz der Kühnheit und des ungewöhnlichen Charac- terS seiner Plane ihre Achtung in so ausgezeichnetem Grade gewonnen, der die ganze Theilnahme ihres Gefühls angeregt hatte, seine Fahrt beginne, um durch die That die Probleme zu lösen, welche eben so sehr ihre Vernunft verwirrten, als sie ihre Neugierde reizten. Ihre Erwartungen schienen übrigens jetzt ein schnelles und unvorgesehenes Ende nehmen zu wollen, und während Hoffnungslosigkeit Donna Mercedes faßte und ihr Blut bis zum Herzen erkältete, zeigten sich die Königin und Donna Beatriz mißvergnügt. „Hast Du dem Sennor Don Colon das Wesen unserer Vorschläge gebührend auseinander gesetzt, Herr Erzbischof?" fragte Jsabella mit mehr Strenge, als sie sonst an den Tag zu legen gewöhnt war. „Beharrt er immer noch auf seinen Ansprüchen an die Vicekönigliche Gewalt und auf der beleidigenden Bedingung hinsichtlich seiner Nachkommenschaft?" „Es ist so. Königliche Hoheit. Heinrich von England oder Louis von Frankreich könnten in einer Unterhandlung mit Jsabella von Castilien sich nicht hochtrabender und unbeugsamer benehmen, als dieser halbverhungerte Genuese. Er gibt in Nichts nach. Der Mensch hält sich für ein von Gott auserkorenes Werkzeug, um gewisse Zwecke auSzusühren, und seine'Sprache und Bedingungen ' Bekanntlich betrachten die MoSleme» den Wahnsinn als etwas Heiliges. 13L sind doch von der Art, wie sie Jemand, der wirklich eine heilige Eingebung hat, kaum rechtfertigen kann." „Diese Beharrlichkeit hat ihr Verdienst," bemerkte die Königin, „aber auch unsere Zugeständnisse müssen eine Gränze haben. Ich werde nichts mehr zu Gunsten dieses Seefahrers thun, sondern ihn dem Loose überlassen, welches die natürliche Folge der Selbstüberhebung und jeder ungebührlichen Ueberspannung von Ansprüchen ist." Diese Worte schienen Columbus' Schicksal in Castilien besiegelt zu haben. Der Erzbischof beruhigte sich und verließ nach einer kurzen, geheimen Besprechung mit seinem königlichen Beichtkinds das Zimmer. Bald darauf erhielt Christoval Colon, wie ihn die Spanier nannten, oder ColumbuS, wie er sich selbst in seinem späteren Leben Unterzeichnete, den bestimmten Bescheid, daß seine Bedingungen nicht angenommen werden könnten und die Verhandlungen über die beabsichtigte Jndienfahrt geschloffen sehen. Achtes Kapitel. Ach! immer so — von Kindheit an Sah ich mein schönstes Hoffen trügen; Ich durfte keiner Blüthe nahn, Sollt' sie nicht schnell im Wind verfliegen. Lall« Roohk. Man war in der Jahreszeit bis zu den ersten Tagen des Februars vorgerückt, wo das Wetter in jenen niederen Breitegraden heiter und frühlingsartig wird. An dem Morgen, welcher der im vorigen Kapitel mitgetheilten Schlußverhandlung folgte, versammelten sich sechs oder acht Personen, von der Lieblichkeit des Tages angelockt und vielleicht auch von einer edleren Regung geleitet, vor der Thüre einer jener niedrigen Wohnungen von Santa Fe, welche für die Beguemlichkeit des BelagerungSheersS errichtet worden 185 waren. Es waren meist bejahrtere, ernstere Spanier, wiewohl sich auch der junge Luis de Bobadilla und ColumbuS' hohe und würdevolle Gestalt unter ihnen befand. Der Letztere war zur Abreise gerüstet, und ein kräftiges andalusischeS Maulthier stand in der Nähe, um seine Last aufzunehmen. Neben dem Maulthiere stand ein Roß, welches anzeigte, daß der Reiter des Ersteren nicht ohne Begleitung seyn werbe. Unter den Spaniern waren Alonzo de Quintanilla, der Generalrechnungsführer von Castilien, und Luis de St. Angel, der Einnehmer der geistlichen Einkünfte von Aragon, einer der beharrlichsten der Anhänger, die ColumbuS sich durch die philosophische Bündigkeit seiner Ansichten und die Folgerichtigkeit seiner umfassenden Entwürfe gewonnen hatte. Die beiden Letzteren hatten sich mit dem Seefahrer in ernstem Gespräche ergangen, und cs wurde von Sennor de St. Angel, einem Manne von edlem Gefühl und glühender Phantasie, mit den folgenden, warmen Worten geschloffen: — „Bei dem Glanze der zwei Kronen!" rief er, — „es hätte nicht so kommen sollen. Doch lebt wohl, Sennor Colon! Gott bewahre Euch Seinen heiligen Schutz und schenke Euch weisere und weniger in Vvrurthcilen befangene Beurtheilcr. Die Vergangenheit kann uns nur mit Scham und Schmerz erfüllen, während die Zukunft in dem dunkeln Schooße der Zeiten liegt." Die ganze Gesellschaft nahm jetzt, mit Ausnahme von Luis de Bobadilla, Abschied, und sobald die Zurückbleibendcn allein waren, saß ColumbuS auf und ritt an der Seite des jungen Edeln durch das Gewühl der Straßen. Keine Sylbe wurde gesprochen, bis sie im Freien waren, obgleich sich mancher Seufzer aus ColumbuS' mit Kummer erfüllter Brust hob. Aber seine Miene blieb ruhig, seine Haltung würdevoll und sein Auge leuchtete von jenem unauslöschlichen Feuer, welches seinen Brennstoff in den Tiefen der Seele findet. Als sie außerhalb der Thore waren, wandte sich ColumbuS 136 höflich an seinen jungen Gefährten und dankte ihm für seine Begleitung, fügte jedoch mit einer Rücksicht für den Andern, welche seinem Herzen Ehre machte, bei: „So sehr ich die Ehre anerkenne, die mir von einem so edlen und hoffnungsvollen jungen Manne zu Theil wird, so darf ich doch Deines Rufes nicht vergessen. Bemerktest Du nicht, Freund Luis, daß mehrere Spanier, als wir durch die Straßen ritten, auf mich, als einen Gegenstand der Verachtung, mit Fingern zeigten?" „Wohl bemerkte ich es, Sennor," antwortete Luis und seine Wangen glühten vor Unwillen, „und hätte ich nicht Euer Mißfallen befürchtet, so würde ich die Elenden mit den Hufen meines Pferdes bearbeitet haben, da mir die Lanze fehlte, sie zu durchrennen." „Du hast sehr klug daran gethan, daß Du es unterließest. ES sind Menschen, deren gemeinsames Nrthcil die öffentliche Meinung bildet, und ich bemerke nicht, daß Geburt oder sonstige Zufälligkeiten einen wesentlichen Unterschied unter ihnen begründen, obgleich der Ausdruck ihrer Ansichten ein verschiedener seyn mag. Wir finden Gemeines unter den Edeln, wie Edles unter den Geringen. Deine Güte gegen mich wird wohl auch an dem Hofe der beiden Herrscher bespöttelt und verächtlich gemacht werden." „Wer fich'S herausnimmt, leichthin von Euch zu sprechen, Sennor, der soll es mit Luis de Bobadilla zu thun haben; wir gelten für keinen geduldigen Stamm, und man sagt dem castiliani- schen Blute nach, daß es etwas heiß durch die Adern rinne." „Es würde mir leid thun, wenn irgend Jemand, außer mir, in dieser Sache Verdrießlichkeit hätte. Wollten wir Alles, was die Thorheit spricht und denkt, für Beleidigung nehmen, so müßten wir unser ganzes Leben im Harnisch zubringen. Mögen immerhin die jungen Edeln ihren Spaß habe», wenn er ihnen Vergnügen gewährt, aber mache nicht, daß ich meine Freundschaft gegen Dich bereuen müsse." Luis gab sein feierliches Versprechen und nahm dann, als ob 137 sich seine umherirrenden Gedanken nicht von dem unangenehmen Gegenstand entfernen könnten, hastig wieder auf: „Ihr sprecht von den Edeln wie von einer Klaffe, die von der Eurigen verschieden ist; — gewiß, Sennor Colon, Ihr müßt von Adel seyn?" „Würde es Deine Ansichten und Gefühle ändern, junger Mann, wenn ich mit Nein antwortete?" Don Luis' Wange glühte und er bereute einen Augenblick seine Bemerkung; aber schnell fiel er wieder in sein freimüthiges und hochsinniges Wesen zurück und erwiederte rasch ohne Rückhalt oder Doppelsinn: „Bei, St. Pedro, meinem neuen Namenspatron! ich möchte wünschen, Ihr wäret von Adel, Sennor, wäre es auch nur, um diesem Stande Ehre zu machen. Es gibt so viele unter uns, welche ihre Sporen in Mißkredit bringen, daß wir nur mit Vergnügen eine solche Erwerbung aufnehmen würden." „Diese Welt besteht in einem beharrlichen Wechsel, junger Sennor," erwiederte ColumbuS lächelnd. „Die Jahreszeiten wechseln, dem Tage folgt die Nacht, Cometen kommen und gehen, Monarchen werden Unterthanen und Unterthanen Monarchen, Edle verlieren die Erinnerung an ihre Abkunft, und Geringe heben sich zu dem Range des Adels empor. Es geht eine Sage in meiner Familie, wir hätten vordem der privilegirten Klaffe angehört, aber Zeit und Unglück haben uns niedrige Beschäftigungen angewiesen. Werde ich vielleicht, wen» ich in Frankreich glücklicher seyn sollte, als in Castilien — der Ehre verlustig gehen, Don Luis de Bobadilla unter die Theilnehmer an der großen Reise zu zählen, weil der Befehlshaber zufällig seinen Adelsbrief verloren hat?" „Das wäre ein sehr unwürdiger Beweggrund, Sennor, und ich beeile mich, Euren Jrrthum zu verbessern. Da wir uns jetzt für eine Weile trennen müssen, so mögt Ihr mir gestatten, mein Inneres offen vor Euch darzulegen. Ich bekenne es, als ich das 'EEÄEiui I 138 Erstemal von dieser Reise hörte, kam sie mir wie der Plan eines Wahnsinnigen vor." „Ach Freund Luis," fiel Columbns mit einem schwermüihigen Kopfschütteln ein, „diese Meinung hegen leider nur zu viele. Ich fürchte, Don Ferdinand von Aragon, ebenso auch sein Namensvetter, der ernste Prälat, welcher zuletzt in dieser Sache handelte — betrachtet sie aus demselben Gesichtspunkte." „Ich bitte um Verzeihung, Sennor Colon, wenn meine Worte Euch kränkten; aber wenn ich Euch einmal Unrecht gethan habe, so sollt Ihr bald sehen, wie bereit ich bin, es wieder gut zu machen. Ich suchte die erste Unterhaltung mit Euch in der Absicht, mich an Euren phantastischen Faseleien zu belustigen; aber obgleich ich nicht unmittelbar von der Wahrheit Eurer Theorie überzeugt wurde, so bemerkte ich doch schnell, daß Ihr den Gegenstand wie ein großer Philosoph und ein tiefer Denker behandeltet. Hier wäre vielleicht auch mein Urtheil stehen geblieben und meine Absicht erfüllt gewesen, hätte sich nicht ein Umstand von hoher Bedeutung für mich selbst darein gemengt. Ihr müßt wissen, Sennor, daß ich, obgleich ich dem ältesten Blut Spaniens cnlstamme und nicht ohne schöne Besitzthümer bin, den Hoffnungen Derjenigen, welchen die Leitung meiner Jugend anvertraut war, nicht immer entsprochen habe." „ES ist unnöthig, edler Herr —" „Nein, beim St. Lukas! es soll Alles heraus! Nun, ich habe zwei große und gewaltige Leidenschaften, die hin und wieder mit einander in Zwiespalt gerathen. Die eine ist eine Vorliebe für das Wanderleben — der glühende Wunsch, fremde Länder zu sehen, und dieß noch obendrein in freier und ungebundener Weise, nebst einem besondern Hange zum Umhertreiben auf dem Meere und in dem Gewühl« der Häfen — die andere ist die Liebe für Mercedes de Valverde, das schönste, edelste, zärtlichste, warmherzigste und treueste Mädchen von Castilien." „Und gewiß auch adelig?" fügte Columbus lächelnd bei. „Sennor," antwortete Luis ernst, „ich scherze nicht, wenn ich von meinem Schutzengel rede. Sie ist nicht bloß adelig und in jeder Hinsicht geeignet, meinen! Namen Ehre zu machen, sondern das Blut der Guzman'S strömt sogar in ihren Adern. Aber durch mein Hingeben an den Hang zum Wandern habe ich, wenn auch nicht die Gunst meiner holden Geliebten, so doch die Gunst Anderer verloren, und sogar meine eigene Tante hat nicht mit wohlgefälligen Blicken auf meine Bewerbung gesehen. Donna Zsabella, deren Wort unter den edeln Jungfrauen des Hofes als Gesetz gilt, hat auch ihre Vorurtheile, und ich muß mir ihre gute Meinung gewinnen, wenn ich Donna Mercedes gewinnen will. Da fiel mir ein —" Luis dachte zu ritterlich, »m zu verralhen, daß der Gedanke von seiner Geliebten ausgegangen sey — „da fiel mir ein, daß in den königlichen Augen meine Reiselust, die man mir zum Borwurse macht, vielleicht als ein Verdienst erscheinen dürfte, wenn ich ihr die Richtung einer so großartigen Unternehmung, wie die Eurige, gäbe, die ohne Zweifel bald Aster Augen ans sich ziehen mußte. In dieser Hoffnung knüpfte ich auch unseren gegenwärtigen Verkehr an, bis mich die Macht Eurer Beweise vollkommen überführte , und jetzt hat kein Geistlicher mehr Zuversicht zu der Unfehlbarkeit des Oberhirten der Kirche, als ich zu der Gewißheit habe, daß der kürzeste Weg nach Cathay über das atlantische Meer führt. Nein! kein Lombarde kann inniger überzeugt sehn, daß seine Lombardei eine Ebene ist, als ich die Richtigkeit des Satzes fühle, daß unsere liebe Erde eine Kugel ist." „Rede achtungsvoll von den Dienern des Altars, Sennor," sagte Columbus, indem er sich bekreuzte, „bei so heiligen Dingen darf durchaus keine Leichtfertigkeit mit einfließen. Es scheint also," fügte er lächelnd bei, „ich verdanke meinen Zögling de» zwei mächtigen Hebeln — der Liebe undBernunft. Jene, als die mächtigste, mußte die ersten Hindernisse überwinden, und die letztere gewann, wie es gewöhnlich zn gehen pflegt, am Schluffe die Oberhand; denn er 140 ist so ziemlich allgemein, daß die Liebe am Anfang und die Vernunft am Ende ihre Triumphe feiert." „Ich will die Wirksamkeit dieser Macht nicht in Abrede ziehen, Sennor, denn ich fühle sie zu tief, um mich dagegen aufznlehnen. Ihr kennt nun mein Geheimniß, und wenn ich Euch meine Absichten vollends mitgetheilt haben werde, so werdet Ihr ganz klar in der Sache sehen. — Ich unterziehe mich hiermit dem feierlichen Gelübde" — Don Luis nahm sein Barett ab, und blickte während dieser Worte gen Himmel — „Euch auf dieser Reise, sobald Ihr mich von ihr benachrichtigt, zu begleiten, und von jedem Orte, zu jeder Zeit und in jedem Schiffe, wie Ihr es für gut haltet, auszufahren. Indem ich dieß thue, hoffe ich vor Allem, Gott und seiner Kirche zu dienen, dann Cathay und die entfernten Länder der Wunder zu sehen, und endlich Donna Mercedes de Valverde zu gewinnen." «Ich nehme dieses Versprechen an, junger Herr," erwiederte ColumbuS, erstaunt über den Ernst und erfreut von der Aufrichtigkeit des Sprechers — „obgleich die Darstellung Deiner Gedanken vielleicht wahrer gewesen wäre, wenn Du diese Beweggründe in der umgekehrten Ordnung namhaft gemacht hättest." „In einigen Monaten bin ich Herr meines Vermögens," fuhr der Jüngling fort, welcher zu sehr im Eifer war, um das, was der Seefahrer gesagt hatte, zu beachten — „und daun werden wir wenigstens eine Earavele haben, wenn mich anders nicht ein Verbot von Seite Donna Jsabella'S hindert. Ja ich glaube sogar, die Kaffen von Bobadilla müßten während der Minorität ihres Herrn lässig verwaltet worden seyn, wenn es nicht zu zweien reichen sollte. Ich bin kein Nnterthan Don Fernando'S, sondern ein Diener der ältern Linie des Hauses von Trastamara und so wird selbst das kalte Urtheil des Königs mir nichts in den Weg legen können." „Das klingt wohl recht großmüthig, und Deine Gefühle sind ganz so, wie sie einem jungen und unternehmenden Edel» ziemen, aber ich kann Dein Anerbieten nicht annehmen. Es stünde ColnmbuS übel an, sich des Goldes eines so vertrauensvollen Herzens und dabei so unerfahrenen Kopfes zu bedienen, und zudem gibt es noch größere Hindernisse, als den Geldmangel. Mein Unternehmen bedarf der Unterstützung irgend eines mächtigen Fürsten. Selbst Guzman hielt sein Ansehen nicht für hinreichend, um einen so großartigen Plan zur Ausführung bringen zu können. Wenn wir die Entdeckungen nicht im Namen eines mächtigen Beschützers machen, so haben wir für Andere gearbeitet, ohne etwas für uns zu erringen, da der Portugiese, oder was immer für ein anderer Monarch, wenig daran denken würde, uns zu belohnen. Ich fühle, daß ich bestimmt bin, dieses große Werk zu vollführen, und dieß muß in einer Weise geschehen, welche der Majestät des Gedankens und der Großartigkeit des Gegenstandes angemessen ist. — Doch hier, Don Luis, müssen wir scheiden. Wenn mein Gesuch am Hofe von Frankreich einen bessern Fortgang hat, so hörst Du weiter von mir, denn nichts kann ich eifriger wünschen, als von Herzen und Händen, wie die Deinigen, unterstützt zu werden. — Doch mußt Du Deinem Glücke nicht selbst unbesonnen in den Weg treten, da ich nun in Castilien ein gefallener Mann bin. ES würde Dir wohl nicht zum Vortheil gereichen, wenn es bekannt würde, daß Du noch immer eine Verbindung mit mir unterhältst — ich wiederhole eS daher, hier müssen wir uns trennen." Luis de Bobadilla versicherte, daß es ihm gleichgültig sey, was Andere von ihm dächten, aber der erfahrnere ColnmbuS, der in Sachen, welche ihn selbst betrafen, so hoch über dem Geschrei des Volkes stand, fühlte ein edles Widerstreben, dem vertrauenden Jünglinge zu gestatten, seine Hoffnungen den freundlichen Gesinnungen, welche Luis für ihn hegte, zum Opfer zu bringen. Der Abschied war warm, und das Herz des Seefahrers erglühte, als er Zeuge der aufrichtigen und edlen Wallung war, welche der 112 junge Mann beim Scheiden nicht unterdrücken konnte. Sie trennten sich ungefähr eine halbe Stunde vor der Stadt, und Jeder zog seines Weges — Don Luis de Bobadilla jedoch mit einem von Unwillen schwellenden Herzen über die unwürdige Behandlung, welche sein »euer Freund erfahren hatte. Columbus reiste mit ganz anderen Gefühlen weiter. Sieben mühevolle Jahre hatte er sich um den Beistand der Herrscher und Edeln Spaniens zum Zwecke seiner Unternehmung beworben. Wie viel Entbehrung, Verachtung, Spott und sogar Haß hatte er in dieser langen Zeit geduldig über sich ergehen lassen, nur um die leichte Stütze nicht aufzugeben, die ihm von einigen edleren und erleuchteter» Geistern der Nation geboten wurde! Er hatte um Brod gearbeitet, während er die Großen mit Bitten bestürmte, ihn in den Stand zu setze», sie noch mächtiger zu machen; er hatte jeden Strahl von Hoffnung, wie schwach er auch seyn mochte, mit Eifer und Freude erfaßt und jede Täuschung mit einer Standhaftigkeit ertragen, die nur das Eigenthum der erhabensten Seelen ist. Gegenwärtig aber sollte er das härteste von Allem, was ihm je begegnet war, erleiden. Der Umstand, daß ihn Jsabella zurückrufen ließ, hatte in ihm eine Zuversicht geweckt, die seinem Herzen lange fremd gewesen war, und er erwartete das Ende der Belagerung mit der ernsten Ruhe, welche seines Entwurfes sowohl, als auch seines philosophischen CharacterS würdig war. Endlich schwieg das Getümmel des Krieges; jetzt sollten aber auch alle seine schönen Hoffnungen zu Grabe getragen werden. Er war der Meinung gewesen, daß man seine Beweggründe verstehe, den Umfang seiner Entwürfe fühle und seinen Characler zu würdigen wisse, und mußte jetzt finden, daß man ihn für einen träumerischen Project- macher halte, seinen Absichten mißtraue, und seine angebotenen Dienste verschmähe. Kurz — die glänzenden Erwartungen, welche die mühevollen Stunden vieler Jahre erheitert hatten, waren mit Einem Tage verschwunden, und er empfand diese Täuschung um so 143 schmerzlicher, je kürzer und tiüglicher die Hoffnungen gewesen waren, welche diese neue Gunst ihm vorgespiegelt hatte. ES darf uns daher nicht überraschen, daß selbst der Muth dieses außerordentlichen Mannes brechen wollte, als er nun so allein seiner Straße zog, und sich in seinen Entwürfen so ganz und gar auf den Beistand des höchsten Wesens verwiesen sah. Sein Kopf sank auf die Brust herunter und es befiel ihn einer jener bittern Augenblicke, in welchen sich Bergangenheit und Zukunft — die schmerzliche Erinnerung an erduldete Leiden und der Fernblick trostloser Aussichten — in der Seele znsammendrängen. Die in Spanien verschwendete Zeit erschien ihm wie ein Flecken in seinem Leben; auch kam noch dazu die Wahrscheinlichkeit einer andern langen und erschöpfenden Prüfung, welche vielleicht zu keinem anderen Ziele als die eben überstandene führte. Gr stand bereits seinem sechSzigsten Jahre nah und das Leben schien unter ihm hinzugleitcn, ohne daß in seinem großen Plane etwas geschah. Doch seine Beharrlichkeit hielt ihn immernoch aufrecht. Er dachte keinen Augenblick daran, sich auf einen Vergleich mit dem einzulaffen, was er mit Recht ansprechen durfte, wie er denn auch darum nicht einen Augenblick an der Ausführbarkeit des großen Unternehmens zweifelte, welches Andere verlachten. Sein Herz war voll hohen MutheS, selbst zur Zeit, da es von dem Schmerze der Täuschung auf's heftigste zerrissen wurde. „ES lebt ein weiser, gnädiger, allmächtiger Gott," rief er mit zum Himmel gerichteten Augen. „Er weiß, was zu seiner Verherrlichung dient, und auf Ihn setze ich mein Vertrauen." Er hielt inne und seine Augen leuchteten, während ein kaum bemerklicheS Lächeln seine ernsten Züge umflog; dann flüsterte er weiter: „Ja! Er wartet zwar lange, aber dennoch wird Er es auS- sühren! Die Ungläubigen müssen erleuchtet und das heilige Grab wieder gewonnen werden." Nach diesem Ausbruch seiner Gefühle setzte der ernste Mann, 144 dessen Haare durch Sorgen, Mühen und Arbeiten zur Weiße des Schnees gebleicht waren, seinen Weg mit jener ruhigen Würde fort, welche ihre Bestimmung erkennt und sich in der Erreichung derselben auf den Beistand Gottes verläßt. Wenn auch hin und wieder zitternde Seufzer in seiner Brust aufstiegen, so vermochten sie doch die Gelassenheit seines ehrwürdigen Antlitzes nicht zu trüben, und wenn der Gram der Täuschung noch schwer auf seinem Herzen lag, so ruhte er doch auf einer Unterlage, welche lm Stande war, ihn auch zu ertragen. Doch wlr lassen jetzt ColumbnS den gewöhnlichen Maulthierpfad durch die Bega verfolgen und kehren nach Santa Fe zurück, wo Ferdinand und Jsabella einige Tage, nachdem sie von der neuen Eroberung Besitz genommen, ihren Hof wieder aufgeschlagen hatten. Luis de St. Angel war ein Mann von glühendem Gefühl und hochsinnigcn Gedanken. Er gehörte zu den wenigen Geistern, welche weit vor ihrer Zeit voraus sind und zugleich der Phantasie gestatten, ihre Vernunft zu erleuchten und zu erheitern, ohne sich darum ihren Täuschungen hinzugeben. Als er und sein Freund Alonzo de Quintanilla, wie oben gemeldet wurde, Columbus verlassen hatten, gingen sie nach der Wohnung des Königs zurück und sprachen offen mit einander über den Mann, dessen große Entwürfe eine s» schnöde Begegnung gefunden hatten, ebenso über die Schmach, welche Spanien seiner Zeit treffen mußte, wenn man ihn in dieser Weise für immer scheiden ließ. Der Einnehmer der Kircheneinkünfte, ein Mann von derber Rede, nahm sich in seinen Ausdrücken nicht besonders in Acht, und jedes seiner Worte fand einen Nachhall in dem Herzen des General-RechnungSführerS, eines alten und beharrlichen Freundes des Seefahrers. Mit einem Worte —^ sie waren, als sie.den Pavillon erreichten, zu dem Entschlüsse gekommen, noch einmal einen kräftigen Versuch zu machen, die Königin zu einem Eingehen in ColumbuS' Bedingungen zu veranlassen und seine Zurückberusung zu erwirken. Jsabella war für diejenigen ihrer Diener, deren Redlichkeit und Eifer sie kannte, immer leicht zugänglich. Die Förmlichkeiten wurden zwar in diesem Zeitalter in mancher Beziehung sehr in'S Weite getrieben, und insbesondere war dieser Hof wegen seine« CeremoniellS berufen; aber der reine Geist der Königin prägte ihrer ganzen Umgebung eine Offenheit und eine natürliche Anmuth auf, welche solche Aeußerlichkeiten, wenn sie nicht durch Zartgefühl und Anstand geboten waren, nutzlos und in der That auch ganz unanwendbar machten. Die zwei Männer, welche um Gehör baten, erfreuten sich Jsabella'S Gunst, und das Gesuch wurde mit jener einfachen Geradheit genehmigt, welche diese würdige Dame so gerne zeigte, wenn sie sich irgend Jemand, den sie schätzte, verbinden wollte. Die Königin war von den wenigen Frauen, welche zu ihrem Privatkreise gehörten, umgeben, als Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla eintraten. Natürlich befand sich in diesem Kreise auch die Marquise de Moya und Donna Mercedes de Valverde. Der König war, wie gewöhnlich, in einem anliegenden Gemache mit Berechnungen und der Unterzeichnung von Befehlen beschäftigt — denn solche Arbeiten dienten Ferdinand zur Erholung, und er schien sich nie glücklicher zu fühlen, als wenn er eine Masse von Geschäften bereinigt hatte, welche die meisten Menschen im höchsten Grade mühsam gefunden haben würden. Er war ein Held im Sattel, ein vollendeter Krieger an der Spitze seiner Heere, umsichtig im Nathe und in allen seinen Handlungen, die Beweggründe abgerechnet, zwar nicht groß, aber doch achtenSwerth. „Welcher Ursache habe ich diese frühe Gegenwart deS Sennor St. Angel und des Sennor Quintanilla zu danken," fragte Jsabella mit einem Lächeln, welches die Absicht hatte, Beiden die Versicherung zu geben, daß sie für ihr Anliegen eine willfährige Herrin finden würden. „Ihr seyd nicht gewohnt, mich mit Bitten zu behelligen und die Stunde ist etwas ungewöhnlich." „Man kommt immer zur geeigneten Stunde, gnädige Gebieterin, Donna Mercedes. Lte Ausl, 10 1L6 wenn man nicht eine Gunst suchen, sondern eine Gunst bringen will," erwiederte der derbe Luis de St. Angel. „Wir sind nicht hier, nm für uns selbst etwas zu erwirken, sondern wollen Eure Hoheit nur auf eine Art aufmerksam machen, wie sich die Krone von Castilien mit weit schöneren Edelsteinen schmücken kann, als sie je besessen hat." Jsabella wurde sowohl durch den Ernst, als die Freimüihigkcit dieser Worte überrascht; da ihr aber die letztere nicht so ganz ungewohnt war, so behielt sie ihre gewohnte Ruhe bei und schien nicht einmal ein Mißfallen darüber zu empfinden. „Hat der Maure noch ein Königreich, dessen man ihn berauben könnte?" fragte sie, „oder will uns der Einnehmer der kirchlichen Einkünfte zu einem Krieg gegen den heiligen Stuhl ermuntern?" „Ich wünschte nur, daß Eure Hoheit die Gaben, welche von Gott kommen, mit dankbarer Freude Hinnahmen und nicht undankbar zurückwiesen," erwiederte de St. Angel, indem er die ihm dargebotene Hand der Königin mit einer Verehrung der Liebe küßte, welche die Freimüthigkeit seiner Worte wieder ausglich. „Wißt Ihr, meine gnädige Gebieterin, daß der Sennor Christoval Colon, von dessen hohen Planen wir Spanier uns so viel versprachen, sein Maulthier bestiegen und Santa Fe verlassen hat?" „Ich sah das voraus, Sennor, obgleich man mir seine wirkliche Abreise noch nicht mitgetheilt hat. Der König und ich übergaben diese Angelegenheit den Händen des Erzbischofs von Granada und anderer zuverlässiger Räthe, und sie haben die Bedingungen des Genuesen so anmaßend und unvernünftig, so ungebührlich und übertrieben gesunden, daß es Unserer Würde und den Pflichten, welche wir gegen uns selbst haben, nicht ziemte, sie zu genehmigen. Wo das Ergebniß eines Entwurfes so zweifelhaft ist, müssen die Einleitungen mit Mäßigung gemacht werden. Viele halten den Mann sogar für einen bloßen Träumer." „ES spricht immer für den Werth eines Bittstellers, wenn er lieber 147 seine Hoffnungen anfgibt, als sich seine Würde schmälern läßt. Dieser Colon fühlt, daß es sich bei seinem Unternehmen um Königreiche handelt und stellt daher seine Bedingungen wie ein Mann, der dis Wichtigseit desselben ganz kennt/' „Wer in Dingen von Wichtigkeit seinen eigenen Werth zu gering anschlägt, muß erwarten, daß er auch in der Achtung Anderer nie hoch stehen wird," fügte Alonzo de Quintanilla bei. „Und außerdem, meine gnädigste und vielgeliebte Gebieterin," setzte de St. Angel hinzu, ohne Jsabella auch nur zum Worte kommen zu lassen, „läßt sich der Charakter des Mannes und der Werth seiner Entwürfe nach dem Preise schätzen, den er auf seine Dienste setzt. Wenn er glücklich ist — wird nicht seine Entdeckung alle andern, die seit Schöpfung der Welt gemacht wurden, verdunkeln? Ist es denn so eine Kleinigkeit, die Erde zu umreisen — die Weisheit Gottes darzuthun durch den wirklichen Versuch, der Sonne in ihrem täglichen Umlauf zu folgen und die Bewegungen dieses glorreichen Himmelskörpers nachzuahmen? Lassen sich nicht unberechenbare Vortheile für Castilien und Aragon daraus erwarten? ES wundert mich, daß eine Fürstin, die bei allen andern Angelegenheiten einen so hohen und seltenen Geist gezeigt hat, vor einer so großartigen Unternehmung, wie diese, zurückschreckt." „Du nimmst Dir die Sache sehr zu Herzen, mein guter de St. Angel," erwiederte Jsabella mit einem Lächeln, das keinen Unwillen verrieth — „und läffest in Deinem Eifer gar Manches außer Acht. Wenn sich Ehre und Vortheil von einem glücklichen Erfolge versprechen lassen, was wird dann wohl die Frucht des Mißlingens sepn? Wenn der König und ich diesen Colon mit der erblichen Würde eines VicekönigS über unenideckte Länder ausschicken, und diese Länder nicht aufzufinden sind, so dürfte die Weisheit unseres RaiheS sehr in Zweifel gezogen und die Würde der beiden Kronen nutzlos einer peinlichen Demüthignng auSgesetzt werden." „Ich erkenne hierin den Finger des Herrn Erzbischofs! Dieser 148 Prälat hat nie an die Richtigkeit von Colons Theorien geglaubt, und man findet immer leicht Einwürfe, wenn man einer Unternehmung abgeneigt ist. Ohne Gefahr gibt es keinen Ruhm zu erringen. Belieben Eure Hoheit auf unsere Nachbarn, die Portugiesen zu sehen — wie sehr wurde dieses Königreich durch Entdeckungen bereichert, und wie viel mehr bleibt noch für uns übrig? Wir wissen, meine geehrte Gebieterin, daß die Erde eine Kugel ist —" „Ist das eine so ganz ausgemachte Thatsache, Sennor?" fragte der König, der, durch die ungewöhnlich lebhafte Rede des Sprechers angelockt, sein Gemach verlassen hatte und unbeachtet näher getreten war, „ist das so ganz erwiesen? Unsere Doctoren zu Salamanka konnten sich über diese wichtige Frage nicht vereinigen; und bei St. Jago! ich sehe nicht ein, wie die Sache so ganz klar wäre." „Wenn fie keine Kugel ist, mein Herr und König, antwortete de Sk. Angel, indem er sich — einem wohlgeübtcn Corps ähnlich, welches seine Fronte verändert — rasch umwandte, um diesem neuen Gegner die Spitze zu bieten—„welche Form könnte sic dann haben? Wird irgend ein Doctor, komme er von Salamanka oder sonst woher, behaupten, daß die Erde eine Fläche setz, daß sie Gränzen habe, und daß man, sobald man an einer dieser Gränzen stehe, auf die Sonne hinüber springen könne, wenn sie beim Auf- oder Niedergang an derselben vorbeikömmt? Wäre dies wohl vernünftig, gnädigster Herr, oder steht es im Einklänge mit der heiligen Schrift?" „Wird irgend ein Doctor von Salamanka oder anderswoher behaupten," erwiederte der König ernst, obgleich die Unterhaltung seine Gefühle wenig ansprach, „daß es Völker gebe, die mit nach unten gerichteten Köpfen gehen, bei denen der Regen nach oben fällt, und wo das Meer in seinem Bette bleibt, wenn auch seine Stütze oben und nicht unten angebracht ist?" „Ich wünschte gerade, Sennor Don Fernando, mein gnädigster Gebieter, daß sich diese großen Geheimnisse durch Colons Fahrt ausklären möchten. Wir können sehen, ja wir haben den Beweis, 149 daß die Erde eine Kugel ist, und dennoch sehen wir, daß das Wasser nirgends von seiner Oberfläche wegfällt. Der Rumpf eines Schiffes ist größer als seine oberen Masten, und dennoch werden die letzteren auf dem Meere zuerst sichtbar, woraus nothwendig folgt, daß das Fahrzeug hinter der Abrundung des Wassers verborgen bleibt. Unter solche» Umständen, die allen auf dem Meere Reisenden recht wohl bekannt sind, ließe sich auch die Frage aufwerfen, warum das Wasser hier an unseren Küsten nicht in Eine Ebene zusammenfließe. Wenn aber die Erde eine Kugel ist, so muß eS Mittel geben, entweder zu Wasser oder zu Land um sie herum zu kommen, da die ganze Reise eben so gut möglich sehn muß, als ein Theil derselben. Colon hat sich erboten, diesen Weg aufzuschließen, und der Monarch, der ihm die Mittel dazu liefert, wird der spätesten Nachwelt einen weit höheren Ruhm hinterlaffen, als irgend ein Eroberer. Bedenkt, durchlauchtigster Sennor, daß der ganze Osten mit Ungläubigen bevölkert ist, und daß das Oberhaupt der Kirche ihre Länder gerne dem christlichen Monarchen zutheilen wird, welcher sie dem Zustande der Finsterniß entreißt und ihnen das Licht der göttlichen Gnade bringt. Glaubt mir, Donna Jsabella, wenn ein anderer Herrscher die von Colon verlangten Bedingungen gewährt und die Vortheile erndtet, welche wahrscheinlich aus diesen Entdeckungen fließen, so wird die ganze Welt von dem Triumphgesang der Feinde Spaniens erklingen, während unsere Halbinsel über diese unglückliche Entscheidung trauern muß." „Wohin hat sich Sennor Colon gewendet?" fragte der König schnell, denn die Bemerkungen seines General-Einnehmers hatten mit einemmale seine politische Eifersucht geweckt, „er ist doch nicht wieder zu Dom Joao von Portugal gereist?" „Nein, mein hoher Gebieter, sondern zu König Louis von Frankreich, einem Fürsten, dessen Liebe zu Aragon zum Sprüchwort geworden ist." Der König murmelte einige Worte zwischen den Zähnen und l50 schritt verstört im Zimmer ans und ab, denn obgleich kein Lebender weniger geneigt war, seine Mittel an irgend Etwas ohne Aussicht auf sicheren Erfolg zu wagen, so bestürmte ihn doch der Gedanke, daß Andere einen Vortheil erndten könnten, welchen er selbst vernachlässigt hatte, und weckte all die Gefühle, welche stets seine kalte und berechnende Politik leiteten. Bei Jsabella war der Fall anders. Ihre frommen Wünsche waren immer der Unterstützung von ColumbuS großem Plane zu- gethan gewesen, und ihr hochsinniger Character hatte stets an dem edeln Entwürfe, den großen moralischen Resultaten und dem Ruhme des Unternehmens den innigsten Antheil genommen. Nur der Umstand, daß ihr Geist und ihre gläubigen Hoffnungen durch den Krieg in Granada zu sehr beschäftigt waren, hatte sie abgehalten, früher in eine genaue Prüfung der Ansichten des Seefahrers einzugehen, wie sie denn auch nur äußerst »»gerne dem Nathe ihres Beichtvaters, die von ColumbuS geforderten Bedingungen zu verwerfen, nachgab. Jetzt übten aber die zarteren Gefühle ihres Geschlechtes wieder ihren Einstnß; denn während auch sic über daS, was eben zur Sprache gebracht worden war, nachdachte, streifte ihr Auge durch das Zimmer und blieb auf dem lieblichen Antlitze der Donna Mercedes haften, welche in schüchternem Schweigen da saß, aber durch die beredte Bläffe ihres Gesichtes die stumme Sprache der reinen, schwärmerischen Liebe eines Weibes an den Tag legte. „Tochter Marquise!" fragte die Königin, die sich gewöhnlich in Lagen des Zweifels an ihre erprobte Freundin wandte, „was hältst Du von dieser wichtigen Angelegenheit? Sollen wir uns so weit herablaffen, daß wir diesen hochmüthigen Genuesen zurückrufen?" „Sagt nicht hochmüthig, Sennora, denn er scheint mir über ein solches Gefühl erhaben. Er kömmt mir eher wie ein Mann vor, der das, was er in Aussicht hat, recht gut zu würdigen weiß. Ich bin vollkommen mit dem General-Einnehmer einverstanden. 151 denn auch ich glaube, daß es eine große Schmach für Castilien wäre, wenn diejenigen, welche ein Unternehmen begünstigen werden, das die Entdeckung einer neuen Welt zur Folge hat, mit Fingern auf unfern Hof wiesen und daran erinnerten, daß der Ruhm dieses Ereignisses in seinen Händen war, aber unachtsamer Meise verschleudert wurde." „Und dies noch obendrein bloS wegen eines Amtes, Scnnora," fiel de St. Angel ein — „wegen einer reinen Pergament-und Titclfrage." „Nein — nein," erwiederte die Königin, „es gibt Leute, welche glauben, daß die von Colon angesprochenen Ehren den Dienst, welchen er leisten wird, weit überböten, selbst wenn alle Voraussetzungen des Genuesen sich verwirklichen sollten." „Dann, meine geehrte Gebieterin, kennen sie das Ziel der Genuesen nicht. Bedenkt, Sennora, daß, wie auch die Theorien sich gestalten mögen, ein wirklicher, thatsächlicher Beweis der Kugelform unserer Erde durch Messung kein Alltagsdienst seyn wird. Dazu kommen noch die Reichthümer der östlichen Länder, eines Welt- theils, woher alle Schätze fließen — Gewürze, Perlen, Seide und die kostbarsten Metalle. Und endlich, was noch alles Andere übcrtrifft und dem Ganzen die Krone aufsetzt, — wie ungemein viel läßt sich unter den Heiden zur Verherrlichung Gottes Ihn»?" Jsabella bekreuzte sich, ihre Wange glühte, ihr Auge leuchtete, und ihre frauenhafte, obwohl immer noch schöne Gestalt, schien sich unter der Majestät der Gefühle, die durch dieses Gemälde hervorgerufen wurden, zu heben. „Ich fürchte, Don Fernando," sagte sie, „unsere Räthe sind zu vorschnell gewesen, und es dünkt mich fast, daß die Größe dieser Unternehmens auch ungewöhnliche Bedingungen rechtfertige." Der König ging jedoch wenig in die hochherzigen Empfindungen seiner edlen Gemahlin ein, denn er fühlte mehr den scharfen Stachel politischer Eifersucht, als den Einfluß eines freisinnigen Eifers für Kirche oder Wissenschaft. Er galt zwar im Allgemeinen 152 für einen klugen Fürsten, aber ein solcher Titel schließt nicht noth- wendig auch den des Edelmuths und der Gerechtigkeit in sich. Er lächelte über die neu entzündete Begeisterung seiner Gemahlin und fuhr fort, in einem Papiere zu lesen, welches ihm eben von einem Schreiber eingehäudigt worden war. „Eure Hoheit fühlt jetzt, wie Donna Jsabella von Castilien fühlen muß, wenn es sich um die Ehre Gottes und die Verherrlichung ihrer Krone handelt," fügte Beatriz de Cabrera bei, indem sie sich jener Freimüthigkeit der Rede bediente, welche die Königin in ihrem vertraulicheren Verkehre so sehr ermuthigte. „Ich möchte lieber das Wort hören, welches diesen Colon zurückruft, als noch einmal Zeuge des LärmcnS sehn, der unseren letzten Sieg über die Mauren begleitete." „Ich weiß, daß Du mich liebst, Beatriz," rief die Königin, „und wenn in Deiner Brust nicht ein treues Herz schlägt, so ist ein solcher Edelstein unter der gefallenen Menschheit nicht mehr zu finden." „Wir alle lieben und verehren Eure Hoheit," fuhr de St. Angel fort, „und wir wünschen nichts als Euren Ruhm. Denkt Euch die Blätter der Geschichte geöffnet, Sennora, und denkt Euch nach der großen That der Besiegung den Mauren, die noch größere der Entdeckung einer leichten und schnellen Verbindung mit Indien, die Ausbreitung der Kirche, und den Erguß unerschöpflichen Rcich- thumS über Spanien. Dieser Colon wird freilich bei kälteren und mehr selbstsüchtig berechnenden Menschen keine Unterstützung finden, aber sein Unternehmen sucht den hochherzigen Beistand derjenigen, welche für Gottes Ruhm und das Wohl der Kirche viel wagen können." „Ah! Sennor de St. Angel, Du schmeichelst und beleidigst mit dem gleichen Athemzuge." „Ein Ehrenmann verhehlt seinen Verdruß nicht, meine theure Gebieterin, wenn der Eifer für den Ruhm Eurer Hoheit seine Zunge kühn macht. Ach, ach! wenn König Louis die Bedingungen, 153 welche wir abgelehnt haben, genehmigt, so wird bas arme Spanien vor Scham nie wieder das Haupt aufheben dürfen." „Weißt Du gewiß, St. Angel, daß der Genuese nach Frankreich gegangen ist?" fragte der König plötzlich mit seiner scharfen, gebieterischen Stimme. „Eure Hoheit, ich habe eS aus seinem eigenen Munde. Ja, ja — er ist in diesem Augenblick bemüht, unsere castilianische Mundart zu vergessen und seine Zunge der Sprache der Franzosen anzupassen. Nur Frömmler und gedankenlose Anhänger verdumpfter Vorurtheile, Sennora, läugnen Colon'S Theorien. Die alten Philosophen haben in derselben Weise raisonirt, und obgleich es dem Furchtsamen als ein vermessenes und kopfloses Wagniß Vorkommen mag, in das große Weltmeer hineinzuscgeln, so würde doch der Portugiese nie seine Inseln gefunden haben, hätte er nicht ein Gleiches ge- than. Bei dem ewigen Gott, es macht mir das Blut kochen, wenn ich denke, was diese Lusttaner ausgeführt haben, während wir in Aragon und Castilien uns mit den Ungläubigen wegen einiger Thäler und Berge und einer Hauptstadt herumbalgten." „Sennor, Ihr vergeht der Ehre der Herrscher eben so sehr, als des Dienstes Gottes," fiel die Marquise von Moya ein, als sie bemerkte, daß der General-Einnehmer in dem Feuer seines Eifers die Klugheit aus dem Auge verlor. „Diese Eroberung ist ein Sieg der Kirche, der den beiden Kronen für ewige Zeiten Glanz verleihen wird. Als einen solchen hat ihn auch der heilige Vater bereits anerkannt, und alle guten Christen sollten seine Bedeutung zu würdigen wissen." „Es ist nicht meine Absicht, den Werth dieser Erwerbung zu gering anzuschlagen; aber als ich so sprach, Donna Beatriz, hatte ich den Sieg über so viele Millionen im Auge, den uns dieser Colon wahrscheinlich verschaffen wird." Die Marquise, deren Geist eben so hervorragend war, als ihre Liebe zur Königin, gab eine treffende Erwiederung und führte 154 die Unterhaltung mit Luis de St. Angel und Alonzo de Quinta- nilla nach einige Minuten fort, ohne daß Jemand es wagte, sich in die geheime Besprechung zu mengen, welche Jsabella seitwärts mit ihrem Gemahl hielt. Die Königin war ernst und augenscheinlich sehr aufgeregt, Ferdinand aber behielt seine gewohnte Kälte bei, obgleich sich in seinem Benehmen jene tiefe Achtung aussprach, die ihm Jsabella früh durch ihren Charakter eingeflößt hatte und die sie auch die ganze Zeit ihrer Ehe über sich zu erhalten wußte. Den Höflingen war eine solche Familienscene nichts Neues, da der König eben so sehr um seiner verschlagenen Klugheit willen, als die Königin, wenn sie ein edler Beweggrund begeisterte, wegen ihrer hochsinnigen und offenen Glut im Rufe stand. Diese abgeschlossene Besprechung dauerte eine halbe Stunde, wobei die Königin hin und wieder inne hielt, um Acht zu haben, was bei der andern Gruppe vorging, und dann wieder auf ihre eigenen Argumentationen gegen ihren Gatten zurückkam. Endlich verließ Jsabella die Seite Ferdinands, der kaltblütig wieder die Lectüre einer Schrift aufnahm, und ging langsam auf die vielfach bewegte Gruppe zu, welche nunmehr einstimmig und sogar lauter, als es die Nachsicht einer so sanften Herrin für gut fand, ihr Bedauern über Colon'S Entlassung ausdrückte. Ihre Absicht, die allzugroße Lebhaftigkeit der Erörterung durch ihre Gegenwart in die Schranken zu weisen, wurde jedoch schnell durch einen Blick auf Mercedes' Antlitz vereitelt, welche allein dasaß, ihre Arbeit nachlässig in dem Schooß liegen hatte und ängstlich auf das Gespräch horchte, das alle ihre Gefährtinnen in den gemeinsamen Kreis gezogen hatte. „Du nimmst keinen Theil an dieser lebhaften Unterhaltung, Kind," bemerkte die Königin, indem sie bei dem Stuhle unserer Heldin stehen blieb und einen Augenblick ihr beredtes, ausdrucksvolles Antlitz betrachtete; „hast Du alles Interesse für Colon verloren?" „Ich schweige, Sennora, weil es der Jugend und Unwissenheit ziemt, bescheiden zu sepn; ober ich fühle demungeachtet nicht weniger." „Und welcher Art sind Deine Gefühle, Tochter? Glaubst auch Du, daß die Dienste dieses Genuesen nicht zu theuer erkauft werden können?" „Da Enre Hoheit mir die Ehre dieser Frage erweist," antwortete das holde Mädchen und das Blut strömte immer mehr zu ihrem bleichen Gesichte, je wärmer sie in der Sache wurde — „so werde ich nicht anstehen zu sprechen. Ich glaube, dieses große Unternehmen ist den Herrschern als ein Lohn für alles das angeboten worden, was sie für die Religion und die Kirche schon gethan und erlitte« haben. Ich denke, Colon ist durch die Hand Gottes an diesen Hof geführt und durch die Hand Gottes so lange hier gehalten worden; denn wir sahen, daß er lieber sieben lange Jahre der Knechtschaft erduldete, als seinen Plan aufgab; und ich glaube, daß dieser letzte Aufruf zu seinen Gunsten von einer Macht und einem Geiste kömmt, die endlich doch den Sieg davon tragen müssen." „Du bist eine Schwärmerin, Tochter — zumal in dieser Angelegenheit," erwiederte die Königin mit einem wohlwollenden Lächeln gegen die erröthende Mercedes. „Deine Wünsche tragen viel dazu bei, mich zu Unterstützung dieses Unternehmens zu bestimmen." So sprach Jsabella in einem Augenblicke, wo sie weder die Muße noch die Absicht hatte, ihre Gefühle zu zergliedern, die mehr durch einen Zusammenfluß von Beweggründen, als durch eine einzelne bestimmte Rücksicht geleitet wurden. Aber selbst dieses vorübergehende Zusammentreffen mit weiblichen Empfindungen trug dazu bei, ihrem Entschluß eine weitere Grundlage zu geben, und sie trat in den Kreis, welcher sich achtungsvoll bei ihrem Nähertreten öffnete, mit der Absicht ein, den zwar wohlmeinenden, aber etwas ungestümen Bitten de St. AngelS »achzugeben. Doch zögerte sie immer noch, denn ihr vorsichtiger Gemahl hatte sie eben an den 136 erschöpfte» Zustand der Schatzkammer erinnert, in welchen beide Kronen durch den letzten Krieg gestürzt worden waren. „Tochter Marquise/' sagte Jsabella, indem ste die Verbeugungen der Umstehenden leicht erwiederte, „glaubst Du immer noch, daß dieser Colon ausdrücklich von Gott zu den hohen Entwürfen, mit denen er sich trägt, berufen worden sey?" „Sennora, ich will das nicht geradezu behaupten, obgleich ich vermuthc, daß der Genuese eine derartige Meinung von sich hegt. Ich glaube aber so viel, daß der Himmel seiner treuen Diener gedenkt, und für wichtige Handlungen stets die geeigneten Werkzeuge auswählt. Wir wissen, daß die Kirche eines Tages über die ganze Erde herrschen soll, und warum sollte nicht unsere Zeit so gut als eine andere hiefür bestimmt sehn? Gottes Rathschlüffe sind ge- heimnißvoll, und gerade dieses Wagniß, das von so vielen Gelehrten verspottet wird, kann den Zweck haben, den Sieg der Kirche zu beschleunigen. Wir sollten uns erinnern, Königliche Hoheit, wie gering diese Kirche begonnen hat, wie wenig sie von der sogenannten Weisheit unterstützt wurde und zu welchem hohen Gipfel von Herrlichkeit sie dennoch gelangt ist. Dieser Sieg über die Mauren läßt eine Erfüllung von Verheißungen ahnen, und das Ende ihres fast siebenhundertjährigen Reiches ist vielleicht nur der Anfang einer herrlichen Zukunft." Jsabella lächelte ihrer Freundin zu, denn diese Folgerungen entsprachen ganz ihren eigenen, geheimen Gedanken; aber ein tiefer blickender Verstand gab ihrem Eifer mehr Umsicht, als dieses bei der warmherzigen, feurigen Marquise der Fall war. „Es ist nicht wohl gethan, diesem oder jenem Unternehmen das Siegel der Vorsehung aufzudrücken, Tochter Marquise!" antwortete sie; „die Kirche allein kann sagen, wozu Wunder nöthig find und was der Thätigkeit des menschlichen Geistes überlassen bleiben muß. Wie viel braucht Colon, Sennor de St. Angel, um das Wagniß in einer Weise auSzuführen, die ihm als genügend vorkömmt?" 137 „Er verlangt nur zwei Caravelen, meine geehrte Herrin, und dreitausend Kronen — eine Summe, die mancher junge Verschwender in wenigen Wochen mit seinen Vergnügungen durchbringt." „Das ist in der That nicht viel," bemerkte Jsabella, welche allmahlig durch diese Betrachtungen über das Großartige des Abenteuers warm geworden war; „aber so wenig eS auch ist, so zweifelt doch mein königlicher Gemahl, ob im gegenwärtigen Augenblick unsere vereinten Kaffen den Aufwand bestreiten können." „O! eS wäre Schade, wenn eine solche Gelegenheit, Gott zu dienen, das Reich Christi zu erweitern und den Ruhm Spaniens zu erhöhen — um dieses armseligen Goldes willen verloren gehen sollte," ries Donna Bcatriz. „In der That, das wäre eS," erwiederte die Königin, deren Wangen jetzt von einer Begeisterung glühten, die derjenigen, welche auf den Zügen der warmherzigen Mercedes leuchtete, nichts nachgab. „Sennor de St. Angel, der König läßt sich nicht bewegen, von Seite Aragoniens etwas für diese Sache zu thun; aber ich will sie als Königin von Castilien auf mich nehmen, und zwar, so weit sie menschliche Interessen fördern wird, zu Nutz und Frommen meines eigenen, vielgeliebten Volkes. Wenn der königliche Schatz erschöpft ist, so wird mein eigenes Geschmeide für die kleine Summe zureichen, und ich will es lieber für das erforderliche Gold verpfänden, als diesen Colon ziehen lassen, ohne die Richtigkeit seiner Theorien auf die Probe zu setzen. Das Ergebnis! ist in der That von zu großer Wichtigkeit, um irgend einer weiteren Erörterung zu bedürfen." Ein Ausruf der Bewunderung und des Entzückens entfuhr den Anwesenden; denn es war ein seltener Fall, daß eine Fürstin sich ihres persönlichen Schmuckes beraubte, um die Interessen der Kirche, oder gar die ihrer Unterthancn zu fördern. Der General-Einnehmer entfernte jedoch bald alle Schwierigkeiten hinsichtlich des pekuniären Punktes, indem er sagte, seine Kaffen sehen im Stande, die 158 erforderliche Summe aus die Garantie der Krone von Castilien vor- zuschießen, wodurch die Veräußerung der von der königlichen Eignerin so freimüthig angebotenen Kleinodien unnöthig würde. „Nun bleibt uns nichts mehr übrig, als Colon zurückzurufen/' bemerkte die Königin, sobald diese Einleitungen bereinigt waren. „Da er, wie Ihr sagt, bereits abgereist ist, so dürfen wir keine Zeit verlieren, ihm diesen neuen Entschluß mitzutheilen." „Eure Hoheit hat hier einen willfährigen, und bereits reisefertigen Boten, in der Person des Don Luis de Bobadilla," rief Alonzo de Quintanilla, den der Schall von Hufschlägen an das Fenster gezogen hatte. „In Santa Fe wird sich kaum ein Mann auffinden lassen, der dem Genuesen diese Kunde mit einem freudigeren Herzen überbringen würde." „ES ist kaum ein geeigneter Dienst für seinen Rang," antwortete Jsabella zweifelnd, „und doch dünkt uns jeder Augenblick ein Unrecht gegen Colon." „Nein, Sennora, schont meinen Neffen nicht," fiel Donna Beatriz lebhaft ein. „Er ist nur zu glücklich, wenn er einem Befehle Eurer Hoheit Folge leisten darf." „So möge er denn unverzüglich vor uns treten. Ich kann kaum glauben, daß ich zu einem Entschlüsse gekommen bin, so lange die Hauptperson des großen Abenteuers fern von meinem Hofe reist." ES wurde sogleich ein Page abgeschickt, um den jungen Edlen aufzusnchen, und in wenigen Minuten ließen sich die Tritte des Letzter» in dem Vorzimmer vernehmen. Luis trat glühend, aufgeregt, und in seinem Innern nicht wenig gekränkt über die erzwungene Abreise seines neuen Freundes vor die Königin. Der junge Mann ermangelte nicht, die Schmach dieses Ereignisses denjenigen zuzuschreiben, welche die Macht hatten, cS zu verhindern, und als sein dunkles, auSvruckSvollcS Auge den Zügen seiner Herrscherin begegnete, würde Jsabella, wenn sie in demselben hätte lesen können. gefunden haben, daß Luis sie als diejenige betrachte, welche seine Hoffnungen bei mehr als einer Gelegenheit durchkreuzt habe. Demnngeachtet verfehlte Donna Zsabella'S reiner Character und edles Benehmen selten, den geeigneten Eindruck auf Alle zu üben, welchen eS gestattet war, sich ihrer Person zu nähern. Seine Anrede war daher achtungsvoll, wenn auch nicht warm. „Eure Hoheit geruhten, mich rufen zu lassen," sagte der junge Mann, sobald er seine ehrfurchtsvolle Verbeugung gemacht hatte. „Ich danke Euch, daß Ihr so schnelle Folge leistet, Don Luis', denn ich bedarf Eurer Dienste. Könnt Ihr uns sagen, was den Sennor Christoval Colon, den genuesischen Seefahrer, mit dem Ihr dem Vernehmen nach in vertraulichem Verkehr steht, angcwandelt hat?" „Verzeihung, Sennora, wenn mir etwas Unziemliches entschlüpfen sollte, aber ein volles Herz muß sich ergießen, wenn es nicht brechen will. Der Genuese ist im Begriff, den Staub Spaniens von seinen Schuhen zu schütteln und befindet sich gegenwärtig auf der Reise an einen andern Hof, um dort die Dienste anzubietcn, die man hier nimmermehr hätte zurückweisen sollen." „Wir sehen, Luis, daß Du Deine Mußestunden nicht an Höfen zugcbracht hast," erwiederte die Königin lächelnd, „aber wir haben jetzt einen Dienst für Dich, der Deinem Hange zu einem unstäten Treiben zusagen wird. Besteige Dein Pferd, folge diesem Sennor Colon, und bring' ihm nebst der Aufforderung zu einer schleunigen Zurückkehr die Botschaft, daß seine Bedingungen genehmigt sehen. Ich gebe mein königliches Wort, daß er sein Unternehmen so schnell antreten soll, als es die nöthigen Vorbereitungen und eine angemessene Klugheit gestatten werden." „Sennora! — Donna Jsabella! — meine gnädigste Königin! — höre ich recht?" 160 „Zum Zeichen, daß Dich Deine Sinne nicht trügen, Don Luis, magst Du meine Hand hier als Pfand des Ernstes meiner Absichten nehmen." Diese gütigen Worte und die Anmuth, womit sie ihre Hand hinreichte, ließ einen Strahl von Hoffnung in die Seele des Liebenden fallen — eine Wonne, die ihm fremd geblieben war, seit er erfahren hatte, daß er sich die Gunst der Königin gewinnen müsse, wenn er sein Glück sichern wolle. Er knieete ehrfurchtsvoll nieder, küßte die Hand der Herrscherin, und fragte, ohne seine Stellung zu verändern, ob er sogleich abreisen solle, um den ihm aufgetragenen Dienst in Vollzug zu setzen. „Stehe auf, Don Luis, und verliere keinen Augenblick, um das schwere Herz des Genuesen — und ich möchte fast sagen, auch die unsrigen — zu erleichtern; — denn, Tochter Marquise, seit dieses heilige Unternehmen meine Seele mit einem plötzlichen, fast wunderbaren Lichte erleuchtet hat, ist eS mir, als ob ein Berg auf meiner Brust liege, so lange Sennor Christoval keine Kunde über den Stand der Dinge hat." Luis de Bobadilla erwartete keinen zweiten Befehl, sondern entfernte sich so schnell, als es die Etiquette erlauben mochte, und saß in der nächsten Minute im Sattel. Bei seinem Erscheinen hatte sich Mercedes in eine Fensternische zurückgezogen, wo sie glücklicherweise den Hof überblicken konnte. Als ihr Geliebter auf dem Pferde saß, wurde er ihrer ansichtig, und obgleich die Sporen bereits in die Seite» seines Rosses gesetzt und die Zügel angezogen waren, warf er doch noch einmal courbettirend das Roß herum. Die Gefühle der Jugend sind so voll Schwungkraft und die Hoffnungen der Liebe so einschmeichelnd, daß ihre Blicke, welche sich nun wechselseitig begegneten, den Ausdruck des höchsten Entzückens trugen. Beide dachten im gegenwärtigen Augenblicke eben so wenig an die verzweifelten Wechselfälle der beabsichtigten Reise, als an die Wahrscheinlichkeit eines möglichen, ungünstigen Erfolges, oder an die 161 -vielen Beweggründe, welche die Königin veranlassen konnten, ihre Einwilligung zurückzunehmen. Mercedes erwachte zuerst aus ihrer kurzen Entzückung, und beunruhigt von Luis unvorsichtiger Zögerung winkte sie ihm, zu eilen. Abermals wurden die Spore» in die Weichen des edlen ThiereS gegraben; Funken stoben von den Hufen, und in der nächsten Minute war Don Luis de Bobadilla verschwunden. ColumbuS hatte inzwischen seine trübselige Reise durch die Vega fortgesetzt. Er rilt langsam weiter, hielt, als sein Gefährte ihn verlassen hatte, sein Maulthicr wiederholt an, und saß — das Haupt auf die Brust gesenkt und in Gedanken verloren — als ein lebendiges Bild des Kummers da. Die edle Ergebung, welche er öffentlich gezeigt hatte, wich beinahe, als er allein war, und er fühlte in der That das ganze Gewicht der entschwundenen Täuschung. Mit solchen trostlosen Gedanken erfüllt, hatte er eben den berühmten Paß der Brücke von PinnoS, den Schauplatz so mancher blutigen Kämpfe erreicht, als die Huftritte eines Pferdes ihm das Erstemal an'S Ohr schlugen. Er sah zurück und erkannte Luis de Bobadilla, der ihm in so wilder Hast folgte, daß die Weichen seines RoffeS vom Blute trieften und die Brust desselben von Schaum bedeckt war. „Freude! Freude! und tausendmal Freude, Sennor Colon!" schrie der eifrige Jüngling, als er nahe genug war, um verstanden werden zu können. „Die heilige Jungfrau seh gepriesen! — Freude! Freude, Sennor, und nichts als Freude!" „Das kömmt unerwartet, Don Luis! Was bedeutet Deine Rückkehr?" Luis versuchte seine Botschaft auseinander zu setzen, aber die Hast und der Mangel an Athem verwirrten seine Gedanken und machten seine abgebrochenen Worte unverständlich. „Und warum sollte ich zurückkehren an einen kalten, unschlüssigen und zaudernden Hof?" fragte ColumbuS. „Habe ich nicht Jahre verschwendet, um ihn zu seinem eigenen Besten zu drängen? Donna Mercedes. Ltc Ausl. 1l 162 Blicke auf diese Haare, junger Sennor, und erinnere Dich, wie ich in der vergeblichen Bemühung, die Herrscher dieser Halbinsel zu überzeugen, daß mein Entwurf sich auf Wahrheit gründe, eine Zeit verloren habe, die fast so lange ist, als alle Deine Lebenstage." „Ihr seyd endlich durchgedrnngen. Jsabella, die wahrheitsliebende und trughaffende Königin hat selbst die Wichtigkeit Eures > Planes eingesehen und ihr königliches Wort zum Pfände gesetzt, ihn zu begünstigen. „Ist es wahr? — Kann das wahr sepn, Don Luis?" „Ich bin ausdrücklich abgesandt, Sennor, um Euch zur unmittelbaren Rückkehr zu veranlassen." „Von wem, junger Herr?" Von Donna Jsabella, meiner gnädigsten Gebieterin, welche mir persönlich diesen Befehl ertheilte." „Ich kann keine einzige der von mir vorgeschlagenen Bedingungen aufgeben." „Man verlangt das auch nicht, Sennor. Unsere vortreffliche, hochsinnige Herrin genehmigt Alles, was Ihr verlangt, und hat sogar, wie ich höre, das edle Anerbieten gemacht, lieber ihren eigenen Schmuck zu verpfänden, als dieses Unternehmen fallen zu lassen." Columbus wurde durch diese Mittheilung tief gerührt; er nahm seine Mütze ab und bedeckte mit derselben einen Augenblick sein Gesicht, als ob er sich schäme, die Schwäche, welche ihn anwandelte, zu vcrrathen. Als er sein Antlitz wieder enthüllte, strahlte es von Freude und jeder Zweifel schien daraus entschwunden zu sehn. Jahre der Leiden waren in diesem Augenblick der Wonne vergessen, und alsbald zeigte er sich bereit, mit dem Jüngling »ach Santa Fe zurückzukehren. 163 Neuntes Kapitel. Wie herrlich ist's, wenn mit dem Geist sich einet Die Frömmigkeit! — wie göttlich süß die Töne Der ird'schen Harfe, wenn die sanfte Hand Des Glaubens in die Saiten greift, und vor DeS Ewigen Altar in hehren Weisen Dem Schöpfer hcil'gc Hymnen klingen! John Wilson. ColumbuS wurde von seinen Freunden Luis de St, Angel und Alonzo de Quintanilla mit einer Freude empfangen, welche sie kaum auszudrücken vermochten. Sie überstimmten in Jsabella'S Lobe, und fügten Don Luis' Versicherungen noch so viele Beweise von dem Ernste der Absichten der Königin bei, daß alle Zweifel aus der Seele des Seefahrers verschwanden. Er wurde nun ohne weitere Zögerung der Herrscherin vorgestellt. „Sennor Colon!" sagte Jsabella, als der Genuese näher trat und zu ihren Füßen niederkniete; „Eure Rückkehr ist mir willkommen! Alle unsere Mißverständnisse sind endlich beseitigt, und ich hoffe, daß wir hinfort freudig und vereint demselben großen Ziele entgegen arbeiten können. Stehet auf, Sennor, und nehmet diese Hand als Bürgschaft meiner Unterstützung und Freundschaft." ColumbuS küßte die dargebotene Hand und erhob sich von seinen Knien. In diesem Augenblick schwammen wohl die Gefühle aller Anwesenden in kühnen Hoffnungen, denn es gehörte mit zn der Eigenthümlichkeit, welche das erste Lautwerden dieses großen Unternehmens bis zu seiner endlichen Ballführung begleitete, daß der Entwurf, nachdem er lange verhöhnt, bezweifelt und lächerlich gemacht worden war, sobald die Stimme der Königin sich dafür erklärte — gewifsermaffen mit Begeisterung ausgenommen wurde. „Sennora!" erwiederte ColumbuS, dessen ernste Miene und edle Haltung nicht wenig zu Förderung seiner Plane beitrugen: — „Sennora! mein Herz dankt Euch für diese Gunst, die mir um so willkommener ist, je weniger ich sie an diesem Morgen hoffen konnte — Gott wird sie Euch lohnen. Uns sind große Dinge Vorbehalten, und ich wünsche demüthig, daß wir alle unseren Pflichten gewachsen erfunden werden möchten. Ich hoffe, mein Königlicher Gebieter wird meinem Unternehmen das Licht seiner Gnade nicht versagen." „Ihr seyd im Dienste der Krone von Castilien, Sennor Colon, obgleich nur selten Etwas für dieses Königreich ohne die Billigung und Einwilligung des Königs von Aragon unternommen wird. Don Fernando ist unserem Vorhaben nicht abgeneigt, aber seine größere Vorsicht und Weisheit wollte nicht so leicht an die Unterstützung desselben gehen, als der Glaube und die Hoffnungen eines Weibes." „Ich wünsche keine höhere Weisheit, und keinen innigeren Glauben, als die JsabellenS," sagte der Seefahrer mit einem würdevollen Ernst, welcher diese Artigkeit um so willkommener machte, als sie so ganz das Gepräge der Aufrichtigkeit trug: „Ihre anerkannte Klugheit wird den Spott der thörichten und gedankenlosen Menge von mir abwenden und auf Ihr königliches Wort baue ich alle meine Hoffnungen. Von nun an, und wie ich hoffe für immer, werde ich ein treuer Diener und Unterlhan Eurer Hoheit sehn." Die Königin fühlte tief den Eindruck der innigen Wahrheit, welche die Gedanken und das Benehmen des Sprechers umfloß. Sie hatte bisher den Seefahrer nur wenig, und nie vorher unter Umständen gesehen, welche sie in den Stand setzten, den Einfluß, welchen sein ganzes Aeußere übte, völlig zu empfinden. Columbus war mit der glatten Weise, die man für eine ausschließliche Eigen- thümlichkeit des HoflebcnS hält und die man vielleicht mit größerem Rechte dem zur Gewohnheit gewordenen Wunsche, zu gefallen, zu- schreibcn könnte, nicht vertraut; aber der innere Character des Mannes war durch seine Außenseite sichtbar, und in dem gegenwärtigen Falle blieb Alles, was künstliche Erziehung geben konnte, weit hinter dem edeln Ausdrucke einer nach Höherem strebenden 165 Natur zurück. Mit einem gebieterischen Aeußern und einer Würde, die durch die Großartigkeit seiner Entwürfe noch erhöht wurde, verband Columbus den nüchternen Ernst einer tiefwurzelnden und Alles durchdringenden Begeisterung, welche allem, was er sagte und that, den lieblichen Stempel der Wahrheit und Biederkeit auf- driickte. Kein Zug seiner Seele war hervortretender als sein Gefühl für das Recht, — für ein Recht nämlich, wie es mit den Ansichten des Zeitalters im Einklänge stand — und es ist ein merkwürdiger Umstand, daß das größte Unternehmen der neueren Zeiten von der Vorsehung — man möchte sagen, nicht ohne besondere Absichten — der Ueberwachung einer Fürstin und den Händen eines Führers anvertraut wurde, welche beide in gleicher Weise in dem Besitze eines so seltenen Characterzuges waren. „Ich danke Euch, Sennor, für diesen Beweis von Vertrauen," erwiederte die Königin, zugleich überrascht und erfreut, „und so lange mir Gott die Macht gibt, zu leiten, und die Einsicht, zu entscheiden, sollen Eure Interessen sowohl, wie die eines so lange werth gehaltenen Planes gewahrt werden. Wir dürfen aber den König von unserem Bunde nicht ausschließcn, da er sich doch endlich unseren Ansichten zugewandt hat und jetzt ohne Zweifel eben so ängstlich des Ausgangs harrt, als wir selbst." Columbus verbeugte sich beistimmend, und die eheliche Liebe JsabellenS begnügte sich mit diesem Zugeständnisse, welches dem Character ihres Gatten zu Theil wurde. Denn wenn es gleich undenkbar war, daß eine Dame von so reinem und warmem Gefühl für die Sache der Tugend, und von solcher Nncigennützigkeit als die Königin, die Selbstsucht in Ferdinands verschlagener Politik nicht hätte entdecken sollen, so überwogen doch die Gefühle des Weibes den Scharfblick der Fürstin so weit, daß sie blind gegen Mängel blieb, bei denen die Feinde AragonS so gerne verweilten. Die Treue JsabellenS in ihre» Versprechungen war anerkannt, aber Ferdinand stand bei seinen Zeitgenossen weder hinsichtlich seiner 166 Zuverlässigkeit, noch in Betreff der ihn leitenden Beweggründe in dem besten Rufe; und doch hätte man ihn vielleicht noch unter die redlichsten der regierenden Fürsten in Europa gezählt, wären seine Fehler nicht durch die nothwendige, enge Verbindung und den lebhaften Gegensatz mit den edleren Eigenschaften der Königin augenfälliger geworden. Kurz diese beiden, durch persönliche und politische Interessen so eug verbundenen Herrscher stellten auf ihren Thronen ein Bild dar, wie wir es jeden Augenblick in allen untergeordneten Abstufungen des geselligen Lebens gewahren können, wo die weltlichen Entwürfe und die gewinnsüchtigen Triebfedern des Mannes dem treueren Herzen, dem aufrichtigeren Character und dem gc- läuterteren Sinne des Weibes zur Folie dienen. Don Fernando erschien nun, und ging in einer Weise auf die Unterhaltung ein, welche zeigte, daß er sich völlig darein ergeben habe, die von seiner Gemahlin eingegangenen Verbindlichkeiten gelten zu lassen. Die Geschichtschreiber theilen uns mit, daß er durch das Vorwort eines GünstlingS zum Beitritte gewonnen worden sey, obgleich wir vielleicht mit mehr Grund annchmen können, daß Achtung für Jsabella, deren reiner Eifer für die Sache der Tugend so oft seine selbstsüchtigere Politik vereitelte, dieser Willfährigkeit zu Grunde lag. Was aber auch immer der Anlaß gewesen seyn mag — so viel ist gewiß, daß der König nie mit jenem glühenden Eifer, welcher von jenem Augenblicke an so bezeichnend für das Benehmen seiner königlichen Gemahlin war und der so viel zur Sicherung des Erfolges beitrug, in das Unternehmen einging. „Wir haben unfern Flüchtling wieder eingeholt," sagte Jsabella, als der König hcrzutrat, und ihre Augen und Wangen glühten von frommer Begeisterung, wie denn auch ein Gleiches bei Mercedes de Valverde, einer entzückte» Zeugin aller dieser Vorgänge, bemerklich war — „wir haben unseren Flüchtling wieder eingeholt, und kein unnöthiger Augenblick soll das Antreten seiner großen Reise länger verzögern. Erreicht er Cathay und Indien wirklich, so kann die Kirche einen 167 Triumph feiern, der sogar unsere Eroberung der maurischen Besitzungen überbietet." „Ich freue mich, Sennor Colon wieder in Santa Fe zu sehen," erwiederte der König höflich, „und wenn er nur die Halste von dem, was Du zu erwarten scheinst, leistet, so werden wir Grund genug haben, »ns unserer Zustimmung zu freuen. Vielleicht macht er die Krone von Castilien nicht mächtiger, als sie ist, doch aber kann cs ihm gelingen, sich selbst soweit zu bereichern, daß es ihm als Unterthan schwer werden mag, von seinem Golde den rechten Nutzen zu ziehen." „Ein Christ wird sein Gold immer zweckmäßig zu benützen wissen, so lange die Ungläubigen noch im Besitze des heiligen Grabes sind!" „Wie meinst Du das?" rief Ferdinand in seiner raschen und scharfen Weise. „Führst Du vielleicht ebensowohl einen Kreuzzug, als die Entdeckung neuer Länder im Sinne, Sennor?" „Dieß, Königliche Hoheit, ist schon lange mein sehnlichster Wunsch, und auf seine Ausführung würde ich zuerst die Schätze verwenden, welche nothwendig aus der Entdeckung eines neueren und näheren Wegs nach Indien fließen müssen. Ist es nicht ein Schandfleck für die Christenheit, daß der Muselmann seine unheiligen Altäre da aufrichten darf, wo Christus aus Erden wandelte, wo er geboren wurde, und wo sein heiliger Leib bis zu seiner glorreichen Auferstehung gelegen hat? O! es gibt Herzen und Schwerter genug, welche bereit sind, diese Schmach auszutilgen, und es gebricht an weiter nichts, als an Gold. Wenn es der erste Wunsch meines Herzens ist, durch eine unmittelbare westliche Fahrt den Weg nach dem Osten zu bahnen, so ist der zweite: die Reich- thümer, welche sicherlich einer solchen Entdeckung folgen werden, dem Dienste Gottes geweiht zu sehen, indem auf'S Neue in dem Lande, wo Er seinen Leidenskampf gekämpft und seinen Geist für die Sünden der Menschheit aufgegeben hat, seine Altäre aufgerichtet und seine Verehrung eingeführt würden." 168 Jsabella lächelte über die Begeisterung des Seefahrers, und sein Enthusiasmus fand gewissermaßen ein Echo in ihrem frommen Herzen, obgleich die Zeit der Kreuzzüge vorüber zu seyn schien. Bei Ferdinand war es nicht ganz so. Er lächelte zwar auch, ohue daß jedoch eine diesem heiligen Eifer entsprechende Regung in seinem Innern geweckt worden wäre. Es kam ihm im Gegentheil nicht sehr weise vor, das Eommando über zwei, wenn auch nur unbedeutende Caravelen und die Verfügung über eine Summe von dreitausend Kronen einem Träumer anzuvertrauen, welcher kaum in einem doch sehr zweideutigen Unternehmen den Anfang gemacht halte und sich schon mit der Ausführung eines anderen trug, welches den vereinten Kräften und der Beharrlichkeit von ganz Europa Trotz geboten hatte. Die Entdeckung einer Wcstfahrt nach Indien und die Wiedergewinnung des heiligen Grabes waren ihm zwei gleich problematische Aussichten, und Jeder, der an die Ausführbarkeit des Einen oder Andern glaubte, durfte sicher sepn, sein Mißtrauen auf sich zu ziehen. Nun aber hatte man es hier' mit einem Manne zu thun, der im Begriffe war, einen Versuch zu Ausführung des Elfteren zu unternehme«, und der sich das Letztere für den Fall vorbehielt, daß das bereits unternommene Werk gelingen sollte. Ferdinand sann einige Minuten ernstlich nach, wie er die Entwürfe des Genuesen noch vereiteln könne, und es ist ungewiß, in wie weit seine kalte, berechnende Politik über den festen Glauben, die einfache Geradheit und die neu erwachte Begeisterung seiner Gemahlin die Oberhand gewonnen hätte, wenn das Gespräch hier abgebrochen worden wäre. Zum Glücke hatte die Unterhaltung während seines Nachsinnens ihren Fortgang genommen, und als er wieder in den Kreis trat, fand er, daß die Königin und der Seefahrer den Gegenstand mit einem Ernste verfolgten, welcher sie seine vorübergehende Abwesenheit hatte ganz übersehen lassen. 169 „Ich werde Eurer Hoheit Alles, was Ihr verlangt, auseinander setzen," fuhr ColumbuS in Erwiederung einer Frage der Königin fort. „Ich hoffe die Gebiete des GroSkhanS, deS Abkömmlings jenes Monarchen, welcher vor hundert Jahren von den Polos besucht wurde, zu erreichen, an dessen prachtvollem Hofe damals schon Viele, den Herrscher mit eingeschloffen, ein eifriges Verlangen, die christliche Religion anzunehmen, an den Tag legten. Wir finden in den heiligen prophetischen Büchern, daß eine Zeit kommen werde, wo man ans der ganzen Erde den wahren und lebendigen Gott verehre. Diese Zeit scheint nun^ manchen Zeichen und Merkmalen zu Folge, welche der gläubig forschende Geist unterscheiden kann, näher zu rücken und erfüllt die Herzen derjenigen, welche Golt ehren und seine Verherrlichung suchen, mit freudigen Hoffnungen. Um alle diese weiten Gegenden in den Schoost der Kirche zu bringen, bedarf es nur eines beharrlichen Glauben-, der Mitwirkung der dazu ver- ordneten Geistlichkeit und der schützenden Hand der Fürsten." „Dies ist nicht unwahrscheinlich," bemerkte die Königin, „undmöge uns die Vorsehung in dieser mächtigen Unternehmung so leiten, daß dem also geschehe! Waren diese Polos frommeGlaubenSboten, Sennor?" „Sie waren nur Reisende, — Leute, welche ihren eigenen Vortheil suchten, obgleich sie der Pflichten der Religion nicht ganz uneingedenk waren. Es möchte vielleicht gut seyn, Sennora, das Kreuz zuerst auf den Inseln aufzupflanzen, und von da aus die Wahrheit nach dem Festlande hinüber zu verbreiten. Es läßt sich zumalen von Cipango ein guter Anfang für das große Werk versprechen, welches ohne Zweifel mit der ganzen Schnelligkeit eines Wunders fortschreiten wird." „Bringt dieses Cipango Gewürze oder sonst etwas hervor, was unserer erschöpften Schatzkammer aufhelfen und uns für so viele Kosten und Opfer schadlos halten kann?" fragte der König, etwas zur ungelegenen Zeit für den Eifer der beiden anderen sprechenden Personen. 170 Jsabclla'S Antlitz gewann einen schmerzlichen Ansdruck, denn der hervorstechende Zug in Ferdinands Character machte in ihr oft jenes Gefühl rege, welches zärtliche Weiber zu empfinden gewohnt find, wenn ihre Gatten im Einklang mit deren eigenen warmen Herzen und tugendhaften Neigungen zu denken, zu handeln oder zu sprechen vergessen. Sie ließ jedoch kein weiteres Zeichen bieser fie drückenden Gemüthsbewegung entschlüpfen. „Den Berichten Marko Polos zufolge, Königliche Hoheit," er- wiedcrte ColnmbuS, „gibt es auf der ganzen Erde keine reichere Insel. Sie birgt besonders Massen von Gold, auch find überhaupt weder Perlen noch kostbare Steine dort selten; aber das ganze Land ist, trotz seines unermeßlichen Reichthums, von finsterem Unglaube» umnachtet, und die Vorsehung scheint das Letztere mit dem Ersteren verbunden zu haben, um den christlichen Fürsten zu belohnen, welcher seine Macht dazu benützen wird, die Herrschaft der Kirche auszubreiten. Das Meer ist in jener Gegend mit kleineren Inseln übersäet, und Marko sagt, daß man ihrer nicht weniger als siebentausend vierhundert und vierzig gezählt habe, von denen Alle wohlriechende Bäume und köstlich duftende Pflanzen Hervorbringen. Dahin nun, gnädigster Herr und gnädigste Herrin, meine geehrte» Herrscher, habe ich im Sinne zu steuern, indem ich alles Niedrigere «erlasse, um den Ruhm der zwei Königreiche zu erhöhen und der Kirche zu dienen. Sollten wir mit Gottes Beistand Cipango wohlbehalten erreichen, was meiner Berechnung nach, wenn wir mit unerschütterlicher Zuversicht und nicht erkaltendem Eifer an'S Werk gehen, durch eine zweimonatliche emsige Fahrt erzielt werden kann, so habe ich im Sinne, alsbald an dem Continent zu landen und den Khan von Caihay aufzusuchen. Der Tag, an dem mein Fuß den Boden von Asien betritt, wird ein ruhmvoller Tag für Spanien und für Alle seyn, welche diese große Unternehmung fördern halfen." Ferdinands scharfes Auge blieb unablässig auf dem Seefahrer haften, als dieser in der ruhigen, aber ernsten Weise tiefer Begeisterung seine Hoffnungen kund gab, und er wäre vielleicht in jenem Augenblicke selbst nicht wenig verlegen gewesen, wenn er sich von seinen Gefühlen hätte Rechenschaft geben wollen. Das Gemälde der Reichthümer, welches ColumbuS heraufbeschworen hatte, war ebenso verlockend, als cs das kalte Mißtrauen und die berechnende Vorsicht des Königs zweifelhaft erscheinen ließ. Jsabella dachte an Nichts, als an das fromme Sehnen ihrer reinen Seele, die Ungläubigen zu bekehren und zu retten, und so hatte jedes von den beiden Herrschern seinen Lieblingsbeweggrund, um sie an die Förderung der Reise zu fesseln. Die Unterhaltung führte jetzt mehr in'S Einzelne. Die von ColumbuS geforderten Hauptbedingungen kamen wieder zur Sprache und wurden von denen, die am meisten in der Sache betheiligt waren, gebilligt. Jeder Gedanke an den Erzbischof und seine Ein- würse waren für den Augenblick vergessen, und wäre der Genuese ein Monarch gewesen, der mit Monarchen verhandelt, so hätte er nicht mehr Ursache haben können, der Achtung Anerkennung zu zollen, mit der seine Bedingungen angehört wurden. Selbst sein Vorschlag, gegen einen Beitrag des achten TheileS der Kosten von seiner Seite ihm den entsprechenden Anthcil an dem Gewinne dieser und aller künftigen Entdeckungsreisen zu genehmigen, wurde gerne zugestanden — eine Einräumung, welche ihm auf einmal gleiche Berechtigungen, wie der Krone, an dem Nachtheil oder Gewinn der vielen Unternehmungen anwieS, die, wenn der erste Versuch glücklich aussiel, zu hoffen standen. Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla verließen mit ColumbuS das königliche Gemach. Sie begleiteten ihn nach seiner Wohnung und verließen ihn mit einer Achtung und Herzlichkeit, welche einem Herzen, das kurz vorher noch so gebrochen und hoff- nungSleer gewesen war, ungemein wohlthat. Auf ihrem Heimgange eröffnetc der Elftere, welcher ungeachtet der Freimüthigkeit seiner Ansichten und der kräftigen Unterstützung, die er dem Seefahrer geleistet hatte, seine Gedanken nicht unterdrücken konnte, das nachstehende Zwiegespräch. „Bei allen Heiligen! Freund Alonzo," rief er, „dieser Colon trägt die Nase gewaltig hoch und benimmt sich auf eine Weise, daß ich mir hin und wieder Gedanken mache, ob unsere Einmengung auch klug war. Hat er nicht mit den beiden Herrschern, wie ein Monarch unterhandelt — und wie ein Monarch auch seine Absicht durchgesetzt?" „Wer hat ihn mehr unterstützt, als Du, Freund Luis?" erwie- derte Alonzo de Quintanilla; denn ohne Deinen kühnen Sturm auf Donna Jsabella'S Geduld wäre gegen diese Reifs entschieden worden, und der Genuese konnte immerhin seinen Weg an den Hof Königs Luis sorlsetzen." „Hum! cs reut mich nicht; denn die Möglichkeit, den Franzmann in bescheideneren Gcänzen zu erhalten, ist noch einer größer» Anstrengung Werth. Ihre Hoheit — der Himmel und alle Heiligen möge sie für ihre aufrichtigen Absichten und edeln Gesinnungen segnen — wird diesen unbedeutenden Aufwand nie bereuen, wenn auch das große Ziel, das sie im Auge hat, nicht erreicht wirb. Nun aber, da die Sache im Reinen ist, wundere ich mich selbst, daß eine Königin von Castilien und ein König von Aragon einem unbekannten und namenlosen Seefahrer solche Bedingungen zuge- sianden haben — einem Manne, der weder durch Dienstleistungen oder Familie, noch durch Neichthum empfohlen ist." „Hatte er nicht Luis de St. Angel auf seiner Seite?" „Ja! das hatte er," erwiederte der General-Einnehmer, „und ich habe obendrein ritterlich und aus guten und zureichenden Gründen für ihn Stand gehalten. Ich wundere mich nur über unser» Erfolg und über die Art, wie sich Colon in der Angelegenheit benommen hat. Ich fürchtete immer, der hohe Preis, den er auf seine Dienste setzte, möchte alle unsere Hoffnungen zertrümmern." „Und doch benahmst Du Dich vor der Königin, als käme er 173 Dir nur unbedeutend vor im Vergleich mit den Vortheilen, welche aus dieser Reise fließen würden?" „Kann Dich das Wunder nehmen, mein würdiger Freund? Sobald, es der Erreichung eines Zweckes gilt, so bieten wir alle unsere Mittel auf, und erst, wenn sie erschöpft sind, fangen wir an, die andere Seite der Frage zu betrachten. Hauptsächlich bin ich aber erstaunt über meinen eigenen Erfolg. Was diesen Genuesen anbelangt, so ist er in der That ein höchst wunderbarer Mann, und ich muß ihm im Herzen Recht geben, daß er so hohe Bedingungen gestellt hat. Wenn er es durchsetzt, wer ist größer als er — und wenn Alles fehlschlägt, so wird dieser Vertrag ihm nichts nützen und Castilien wenig schaden." „Ich habe bemerkt, Sennor de St. Angel, daß wenn ernste Männer ihren Werth zu bescheiden anschlagen, die Welt sie gerne beim Wort nimmt, obgleich sie alsbald bereit ist die Anmaßungen unbedeutender Menschen zu verlachen. Die hohen Forderungen Colons haben ihm vielleicht im Grunde gute Dienste geleistet, denn sie ließen ihre Hoheiten fühlen, daß sie mit einem Manne unterhandelten, der Vertrauen zu seinen Planen hat." „Es ist ziemlich so, wie Du sagst, Alonzo. Die Menschen nehmen uns gewöhnlich so, wie wir uns selbst zu schätzen scheinen, so lange wir überhaupt im Einklänge mit unseren Ansprüchen handeln. Aber in diesem Colon liegt ein Achter Werth, der sich in seinen Worten und in seinem Thun gleichermaßen ausspricht, denn seine Rede ist Weisheit, ^sein Benehmen Ernst und Würde: sein Gefühl edel. In der That, wenn ich dem Manne zuhürte, kam es mir oft vor, als hörte ich einen Begeisterten." „Nun! er hat jetzt eine gute Gelegenheit, zu zeigen, ob seine Begeisterung ächt ist oder nicht," erwiederte der Andere. „In der That, ich mißtraue oft der Weisheit unserer eigenen Folgerungen." In dieser Weise sprachen selbst diese zwei eifrigen Freunde des Columbus von seinem Character und der Wahrscheinlichkeit seines Erfolges, denn obgleich sie zu seinen entschiedensten Anhänger» gehörten und den größten Eifer entwickelt hatten, ihn zu unterstützen, als seine Sache retinngSloS verloren schien — so bemächtigten sich doch jetzt, da ihm nach aller Wahrscheinlichkeit die Mittel geboten waren, die Richtigkeit seiner Ansichten zu beweisen — Bedenklichkeiten und Zweifel ihrer Seele. So ist die menschliche Natur: — Widerspruch weckt unfern Eifer, beschleunigt unsere Fassungskraft, schärft unfern Verstand und macht uns kühn in Verfechtung unserer Ansichten, während wir, sobald wir uns selbst überlassen sind und, was wir unter dem Drucke des Widerstandes lange kühn fest gehalten haben, beweisen sollen, der Wahrheit unserer eignen Theorien zu mißtrauen und ein Fehlschlagen derselben zu fürchten anfangen. Selbst die ersten Jünger des Sohnes Gottes wankten sehr in ihrem Glauben, als seine Prophezeihungen verwirklicht wurden, und die meisten Reformatoren waren wohl absprechcnd und überzeugt genug, wenn sie für ihre Grundsätze kämpften, obgleich sie furchtsam zögerten, sobald eS sich darum handelte, ihre lang gehegten Lieblingsplane zur Ausführung zu bringen. Doch alles dieses ist sicher eine weise Maßregel der Vorsehung, da sie uns Eifer gibt, wenn Schwierigkeiten überwunden werden müssen, und Klugheit, wenn Vorsicht und Mäßigung eher Tugenden als Fehler werden. Obgleich Luis de St. Angel und sein Freund sich so unver- holen auSsprachen, so blieben sie doch nichtsdestoweniger ihren ursprünglichen Gesinnungen treu. Ihre Bedenklichkeiten waren vorübergehend und von geringem Belang, und wenn sie sich in der Gegenwart Colons befanden, so ermangelte die ruhige, feste und tiefwurzelnde Begeisterung dieses Mannes nicht, die Gefühle dieser beharrlichen Freunde sowohl, als auch die der meisten andern Zuhörer Hinzureißen. 175 Zehntes Kapitel. O Spaniens süße wehmMhSpolle Lieder, Die ihr des Knaben FrühlingSlrauni umwiegt, Ihr wecket in de» ManneS Herzen wieder? DaS Sehnen nach dem Land, so weit entrückt. Das Waldheiligthum. Sobald Jsabella ihr königliches Wort gegeben hatte, Colum- buS in seinem großen Plane zu unterstützen, war es auch mit den bedenklichen Erörterungen über die Abfahrt der Schiffe zu Ende, obgleich sich nur Wenige einen bedeutenden Erfolg versprachen. Die Eroberung des Königreichs Granada erschien in der That in diesem Augenblicke um so größer als alles, was sich mit Wahrscheinlichkeit von dem neuen Unternehmen hoffen ließ, daß das Letztere durch das allumfassende Interesse fast ganz verschlungen wurde, welches mit der Elfteren verbunden blieb. ES gab jedoch ein junges und hochgesinntes Herz, dessen ganzes Hoffen mit dem Erfolge der großen Reise zusammcnhing. Wir brauchen kaum zu bemerken, daß wir Mercedes de Valverde meinen. Sie war dem Gange der neuesten Ereignisse mit einer Theilnahne gefolgt, wie sie vielleicht nur ein jugendliches, glühendes, unerfahrenes und reines Gcmüth empfinden kann, und jetzt, da alle ihre Hoffnungen sich verwirklichen sollten, ergoß sich eine zarte und edle Freude über ihr ganzes Wesen, welche sich bis zur beseligendsten Wonne steigerte. Sie liebte zwar mit der treuesten und zärtlichsten weiblichen Hingebung, aber diese Gefühle, die so geeignet sind, die ganze Thatkraft des zarteren Geschlechtes auf einen Punkt zu vereinigen, vermochten nicht, den Verstand und Scharfblick, mit welchem die Natur dieses warmherzige junge Wesen auSgestattet hatte, zu bewältigen, sondern trugen eher dazu bei, sie daß Zweckmäßige in dem Mißtrauen der Königin und ihrer Vormünderin erkennen zu lassen, so daß die Zweifel derselben in ihren Auge» 176 vollkommen gerechtfertigt erschienen: kurz: sie war durch die Gluth ihrer Leidenschaft wohl bezaubert, keineswegs aber geblendet. Sie wußte zu wohl, was sie ihrem eigenen jungfräulichen Rufe, ihren schönen Aussichten, ihrer Familie und ihrer hohen Stellung in der Nähe der Person und dem unmittelbaren Vertrauen Jsabella'S schttldig war, um wünschen zu können, ihre Hand aus eine unwürdige Weise zu vergeben; und während sie sich mit der Würde und Umsicht ihrer Geburt, wie des weiblichen Anstandes allem unterzog, was die öffentliche Meinung und die Klugheit mit Recht von einer edlen Jungfrau fordern konnte, hoffte sie mit dem schrankenlosen Vertrauen eines Weibes, daß auch ihr Geliebter ihre Wahl rechtfertigen werde. Ihre Tante hatte ihr den Glaube» beigebracht, daß diese Reise des Genuesen wahrscheinlich zu großen Ereignissen führen werde, und ihre religiöse Begeisterung ließ sie, wie die Königin, Alles von dem erwarten, was sie so glühend wünschte. So lange man am Hofe damit beschäftigt war, den Vertrag zwischen den Herrschern und Colon schriftlich abzufaffcn und in die nöthigen Formen zu bringen — Vorbereitungen, um die nur der engere Zirkel Jsabellens wußte, wagte es Luis nicht, eine Zusammenkunft mit seiner Geliebten zu erbitten und auch der Zufall begünstigte seine Wünsche nicht. Sobald es aber kund wurde, daß Columbus alles, was in dieser Hinsicht nöthig schien, bereinigt und den Hof verlassen habe, um nach der Küste zu gehen, wandte sich der junge Mann plötzlich an die Großmuth seiner Tante und bat sie, seine Absichten zu begünstigen, da er jetzt im Begriffe sey, Spanien zu verlassen und sich einem Wagnisse anzuschließen, das die Meisten als ein verzweifeltes betrachten. Er verlangte nichts weiter, als die Zusicherung, daß er von seiner Geliebten und ihren Freunden gut ausgenommen werden sollte, wenn er von einem günstigen Erfolg gekrönt zurückkehren würde. „Ich sehe, Du hast Dir an diesem Deinem neuen Herr» ein Beispiel genommen," antwortete die hochherzige, aber wohlwollende 177 Beatriz mit Lächeln — „und möchtest Dir gerne auch Deine Bedingungen machen, aber Du weißt, Luis, daß Mercedes de Valverde kein Dorfmädchen ist, für das man sich die Sorge leicht macht. Sie stammt aus dem edelsten Blute Spaniens: ihre Mutter war eine Guzman und zahllose Mendoza's gehören zu ihren Verwandten; außerdem ist sie eine der reichsten Erbinnen Castiliens, und eS würde ihrer Vormünderin übel ziemen, wenn sie unter solchen Umständen zu Gunsten eines dieser müßigen Wanderer der Christenheit von ihrer Wachsamkeit abließe, aus dem einfachen Grunde, weil derselbe zufällig der Sohn eines theuren Bruders ist." „Mag Donna Mercedes alles sehn, was Du sagst, Sennora, — und Du hast obendrein das, was ihr die höchsten Ansprüche gibt, nämlich ihr Herz, ihre Schönheit, ihren Sinn für Wahrheit und tausend andere Tugenden nicht einmal berührt — mag sie alles sehn, was Du sagst, Donna Beatriz — ist ein Bobadilla darum, ihrer unwürdig?" „Wie? wenn sie außerdem noch alles ist, was Du sagst, Don Luis? Das Herz, der Sinn für Wahrheit und die tausend andern Tugenden — ich dächte, ein weit kürzeres Verzeichniß könnte einen so unsteten Menschen schon zufrieden stellen: einige von diesen Eigenschaften möchten sonst auf seinen vielen Reisen verloren gehen." LniS lachte wider Willen über den gezierten Ernst seiner Tante, und nachdem es ihm gelungen war, eine kleine Empsindlichkeit, die ihre Worte hervorgcrufen hatten, niederzukämpfen, antwortete er in ciner Weise, welche den Ruf der Gutmüthigkeit, in welchem er stand, nicht beeinträchtigte: „Ich kann Dich nicht, wie Ihre Hoheit, ,Tochter Marquise nennen," crwiederte er mit einem einschmeichelnden Lächeln, wie er sein Hingeschiedener Vater anzunehmen Pflegte, wenn er der Schwester irgend ein Zugeständniß abgewinnen wollte, so daß Beatriz durch diese Ähnlichkeit auf's innigste bewegt wurde, „aber mit mehr Recht nenne ich Dich Tante Marquise, und noch obendrein meine gute, liebe Tante. -— Willst Du denn eine kleine Jugendlhorheit so Donna Mercedes. 2te Ausl. 12 178 schwer heimsnchen? Ich hoffte, nun, da Colon im Begriffe ist, seine Reise anzutreten, werde Alles um deS edlen gemeinschaftlichen Zieles willen, das wir im Auge haben, vergessen werden," „Luis!" entgegnete die Tante, indem sie ihren Neffen mit der ernsten Entschlossenheit betrachtete, welche sie so oft in ihren Handlungen sowohl, als in ihren Worten kund gab — „glaubst Du, daß eine bloße Schaustellung Deines Muthes hinreichend seyn wird, meine Einwilligung zu einer Verbindung mit Mercedes zu erhalten, die Wachsamkeit ihrer Freunde einzuschläfern und die Zustimmung ihrer Beschützerin zu gewinnen? Wisse, allzu zuversichtlicher Knabe, baß Mercedes de Guzman die Genossin meiner Kindheit und nächst meiner königlichen Gebieterin meine innigste und theuerste Freundin war und daß sie das vollste Vertrauen in meine mütterliche Sorge für ihr Kind setzte. Sie sah lange den Tod vor Augen und das Schicksal der Waise wurde oft von uns besprochen. Keine von uns Beiden dachte es sich je als möglich, daß sie die Gattin eines Andern, denn eines christlichen Edeln werden könne, aber es gibt so viele verschiedene Charactere unter derselben Außenseite, daß Namen allein uns nicht täuschen konnten. Ich glaube, die arme Frau dachte mehr an das künftige, zeitliche Glück ihres Kindes, als an ihre Sünden und betete öfter für das Wohl des Elfteren, als um Vergebung der Letzteren. Du weißt wenig von der Macht der Mutterliebe, Luis, und kannst alle die Zweifel nicht verstehen, welche das Herz bestricken, wenn eine Mutter eine so zarte Pflanze, wie Mercedes, der kalten Obhut einer selbstsüchtigen und gefühllosen Welt zurücklaffen muß." „Ich kann mir wohl vorstellen, daß die Mutter meiner Geliebten in den Himmel eingehen durfte, ohne daß es der gewöhnlichen Messen und Paternoster bedurfte; aber haben Tanten nicht eben so gut Rücksichten für ihre Neffen, als Mütter für ihre Kinder?" „Das Band ist enge und stark, aber es ist doch nicht das elterliche; auch bist Du kein gefühlvolles, edelherziges, schwärmerisches 179 Mädchen, voll Vertrauen auf Deine Reinheit, und von jener Liebe überfließend, welche die Mütter zuletzt zu dem macht, was sie flnd." „Bet St. Jago! bin ich nicht der Mann, um solch ein Wesen glücklich zu machen? Auch ich bin gefühlvoll — und bin es in der That nur zu viel für meine Ruhe; auch mein Herz ist treu, was man recht wohl daraus entnehmen kann, daß ich mich nur dieser einzigen Liebe hingebe, während ich doch fünfzig andere Gelegenheiten haben könnte; und wenn ich auch nicht gerade von dem Vertrauen auf meine Reinheit übersiieße, so habe ich doch das Vertrauen der Jugend, der Gesundheit, der Kraft und des Muthes, was für einen Ritter eben so viel bedeuten will. Auch ich besitze jenes Uebermaß von Liebe, welches gute Väter bildet, und das ist gewiß Alles, was man von einem Manne vernünftigerweise verlangen kann." „Du hältst Dich also trotz Deines unstäten Wesens für würdig, der Gatte von Donna Mercedes de Valverde zu werden?" „Nein, meine Tante, Du fragst wirklich zu viel! Wer kann sich in der That so vieler Vorzüge würdig nennen? Ich bin vielleicht nicht ganz der Mann, um sie zu verdienen, aber dann doch wieder nicht der Mann, um sie nicht zu verdienen. An Adel stehe ich ihr gleich, meine Besitzungen sind nicht viel geringer, das Alter ist paffend, mein Benehmen, wie es einem Ritter ziemt, und zudem liebe ich sie mehr als mein eigenes Leben. Ich denke, das Letztere sollte auch für etwas zählen, denn wer aufrichtig liebt, wird sich gewiß auch Mühe geben, de» Gegenstand seiner Zuneigung glücklich zu machen," „Du bist ein thörichter, unerfahrener Knabe, mit einem trefflichen Herzen, einem glücklichen, sorglosen Character und einem Kopfe, der wohl besserer Gedanken fähig ist, als eben zur Zeit darin Hausen," rief die Tante, indem sie dem Einflüsse eines natürlichen Gefühls selbst da nachgab, wo sie der Thorheit ihres Neffen zürnte — „aber höre mich an und denke einmal ernstlich über das nach, was ich Dir sage. Ich habe Dir von Mercedes Mutter, von den Zweifel», welche sie auf dem Sterbebette quälten, von ihrer Angst und ihrem Vertrauen zu mir erzählt. Ihre Hoheit und ich waren allein bei ihr an dem Morgen des TageS, welcher die Seele der irdischen Hülle entnahm und sie gen Himmel führte, und damals ließ sie alle ihre Gefühle in einer Weise ausströmcn, welche in uns Beiden einen Eindruck zurück ließ, der nie verwischt werden wird, so lange Eine von uns etwas für das Wohl ihrer Tochter zu thun i»> Stande ist. Du hast geglaubt, die Königin sey Dir abgeneigt. Ich weiß sogar, daß Du cs gewagt hast, in Deinem Ungestüm Ihre Hoheit zu beschuldigen, sie treibe die Sorgfalt für das Wohl ihrer Uuterlhanen weiter, als es ihren Herrscherrechten zusteh- —" „Nein, Donna Beatriz!" unterbrach sie Luis hastig, „Du thust mir hierin sehr Unrecht. Ich mag vielleicht die Folgen von Donna Jsabellas Mißtrauen in meine Beharrlichkeit gefühlt haben, ja und ich gestehe, ich habe sie scharf und bitter gefühlt — aber nie ist mir der rebellische Gedanke gekommen, ihr Recht, über alle unsere Dienste ebenso gut, wie über unser Leben zu gebieten, zu bezweifeln. Dies sind Alle ihrer geheiligten Würde .schuldig; aber wir, die wir das Herz und die Beweggründe der Königin so genau kennen, wissen auch, daß sie Nichts aus Laune oder Herrschsucht thut, wohl aber viel aus Liebe zu ihrem Volke." Don Luis sprach dies mit einem Ernste und einer Gluth der Aufrichtigkeit in seinen Zügen, daß eS unmöglich war, die Redlichkeit seiner Worte zu bezweifeln. Wenn die Menschen die Folgen bedenken wollten, welche sich so leicht an ihre unbedeutendsten Worte knüpfen, so würden sie sich ihrer Zunge weit weniger leichtfertig bedienen, und das Geschäft der Zwischenträger, das Niedrigste in der Rangordnung des geselligen Lebens, müßte aus Mangel an Nahrung zu Grunde gehen. Selten kümmerte sich Jemand weniger um die Folgen seiner Worte, als Luis de Bobadilla, und doch leistete ihm diese hastige und aufrichtige Antwort weit bessere Dienste, als irgend eine, welche je einen wesentlichen Einfluß auf 181 seine Verhältnisse übte. Das redlich gemeinte Lob der Königin fand unmittelbar den Weg zu dem Herzen der Marquise, welche ihre hohe Gebieterin fast abgöttisch liebte, da ste aus ihrem langen und vertrauten Umgang mit derselben den Character JsabellenS in seiner ganzen Reinheit — man möchte fast sagen Heiligkeit — kannte, und als ste die Worte ihres Neffen der Letzteren hinterbrachte, fanden dieselben um der anerkannten Wahrheitsliebe der Marquise willen unbedingten Glauben. Wie geläutert auch im Allgemeinen unsere Ansichten sehn mögen, so ist doch die Neberzeugung, von Andern geachtet und geschätzt zu werben, der sicherste Weg, auf welchem das Herz zugänglich ist, indeß von allen göttlichen Befehlen der der Feindesliebe am allerschwersten in Anwendung kömmt. Isabelle, war ungeachtet ihrer hohen Bestimmung und ihrer herrlichen Eigenschaften durchaus ein Weib, und als ste in Erfahrung brachte, daß der Jüngling, trotz ihrer Kälte gegen ihn, in der That eine so tiefe Verehrung für ihren Character hegte und ihre Gefühle und Beweggründe in der Weise zu schätzen wußte, wie ste es der Stimme ihres Gewissens zufolge auch verdiente, so wurde ste weit mehr geneigt, seine Mängel mit Nachsicht zu betrachten, und das, was unter weniger günstigen Verhältnissen vielleicht für eine unedle Neigung gehalten worden wäre, bloS dem regeren Le- benSmuthe der Jugend beizumeffen. Doch wir greifen dem Gange der Dinge vor. Die erste Folge von Luis' Worten war ein milderer Ausdruck in den Zügen seiner Tante, und eine größere Willfährigkeit, seine Bitte um eine Zusammenkunft mit Mercedes nachsichtsvoller zu behandeln. „Ich habe Dir vielleicht Unrecht gethan, Luis," nahm Donna Beatriz wieder auf, und ihr Benehmen bekundete die plötzliche Veränderung ihrer Gefühle — „denn ich sehe, daß Du Deiner Pflicht gegen Ihre Hoheit eingedenk bist, und den fast himmlischen Gerechtigkeitssinn, der in ihrem Herzen und durch dieses über ganz Caflilien waltet, zu schätzen weißt. Du hast dadurch, daß 182 Du Deine Verehrung und Liebe für die Königin in dieser Weise an den Tag legtest, in meiner Achtung nicht verloren, denn Niemand vermag die weibliche Tugend zu schätzen, wenn Sie er nicht ehrt, welche die beste Repräsentantin ist." „Thue ich das nicht auch, theure Tante, indem ich Dein« Mündel anbete? Gibt nicht in gewisser Hinsicht meine Wahl selbst eine Bürgschaft für die Aufrichtigkeit und Innigkeit eines solchen Gefühls?" „Ei! Luis de Bobadilla! eS ist nicht schwer, das Herz zu lehren, daß cs sich einer der reichsten und edelsten Jungfrauen Spaniens zuneige, wenn sie zufälligerweise auch noch die Schönste ist!" „Bin ich etwa ein Heuchler, Marquise? und glaubst Du, der Sohn Deines Bruders sep im Stande, Gefühle zur Schau zu tragen, die er nicht empfindet? Kannst Du mir zur Last legen, daß mich ein so niedriger Beweggrund, wie die Liebe zu Gold und Ländereien, leite!" „Zu fremden Ländern, unbesonnener Knabe," erwiederte die Tante lächelnd, „nicht zu den Ländereien Anderer. Nein, Luis, — Niemand, der Dich kennt, wird Dich der Heuchelei beschuldigen. Wir glauben an die Wahrheit und Glut Deiner Gefühle, und gerade deßhalb müssen wir Deiner Leidenschaft am meisten mißtrauen." „Wie? werden geheuchelte Gefühle von der Königin und Dir mehr geachtet als wahre? — eine unächte und erkünstelte Liebe mehr, als die ehrliche, aufrichtige, männliche Leidenschaft?" „Gerade dieses ehrliche Gefühl, diese aufrichtige, männliche Leidenschaft, wie Du es nennst, ist am allerehesten geeignet, Mitgefühle in dem zarten Busen eines jungen Mädchens zu erwecken. Wenn der Kopf nicht durch Eitelkeit verkehrt ist, so gibt eS keinen bessern Prüfstein für die Zuverlässigkeit der Gefühle, als das Herz, und je offener die Leidenschaft hervortritt, desto eher muß sie dem Gegenstände derselben tn'S Auge fallen. Zwei Tropfen Wasser fließen nicht natürlicher zusammen, als zwei Herzen, Neffe, wenn 183 «ine starke Anziehung zwischen denselben obwaltet. Wenn Du Mercedes, die mir eine nahe theure Verwandte ist, nicht wirklich liebtest, so könntest Du meinetwegen so oft und so viel, als cS sich für die Würde einer Jungfrau schickt, in ihrer Gesellschaft lachen und singen, ohne daß es mir einen Augenblick Unruhe machen würde." „Ich bin Dir gleichfalls ein sehr naher und theurer Verwandter, meine Tante, und doch wird es mir so schwer, Deine Mündel zu Gesicht zu bekommen." „Sie steht unter dem besonderen Schutze der Königin von Ca- stilien." „Nun, seh dem so. Aber warum soll ein Bobadilla verbannt werden — und wäre es sogar durch eine Königin von Castilien?" LuiS nahm nun zu seiner ganzen Ueberredungskunst seine Zuflucht. Er «erfolgte den kleinen Vortheil, den er errungen hatte, mit Schmeichelreden und Quälen, und endlich brachte er es so weit, daß Donna Beatriz ihm versprach, der Königin anliegen zu wollen, ihm eine Zusammenkunft mit Mercedes zu gestatten. — Wir sagen, der Königin, denn Jsabella, welche dem Einflüsse eines warmen Blutes mißtraute, hatte der Marquise in dieser Sache Vorsicht geboten, und beide hatten sich vollkommen darüber verständigt, daß die Klugheit gebiete, das Zusammentreffen der jungen Leute so viel als möglich zu verhindern. Um sich dieser Verpflichtung zu entledigen, berichtete die Tante das Wesentliche des eben mitgetheilten Gespräches, und erwähnte gegen ihre königliche Gebieterin auch der Gefühle, welche ihr Neffe gegen sie hegte. Die Wirkung einer solchen Mittheilung war nothwendig für die Aussichten des jungen Mannes günstig, und eine ihrer ersten Früchte war die Zustimmung zu der nachgesuchten Zusammenkunft. „Sie werden nie einen Thron besteigen," bemerkte die Königin mit einem —wie es Beatriz dünkte — melancholischen Lächeln, wenn gleich es über ihre Beobachtungsgabe ging, zu sagen, ob eS aus einem wirklichen Gefühl von Trauer entsprang — oder ob eS ein Anflug jener Stimmung war, mit der wir auf Empfindungen zurückblicke», die lange schon in unserer Seele erloschen sind — „sie gehören keinen Hcrrscherfamilien an, wo man durch Stellvertreter freit und sich heirathet, ohne sich zu kennen. Es würde zwar nicht weise seyn, ihren Verkehr zu gewöhnlich werden zu lassen, aber es wäre grausam, dem Jüngling, der im Begriffe ist, sich einem so zweifelhaften Unternehmen zu unterziehen, die Gelegenheit zu benehmen, seine Leidenschaft zu erklären und die Betheurungen einer immerwährenden Treue abzulegen. Wenn Deine Mündel ihm in der That geneigt ist, so wird die Erinnerung an diese Zusammen- kuust manche schleppende Stunde erheitern, so lange Don Luis in der Ferne weilt." „Und Oel in die Flamme gießen," erwiederte Donna Veatriz rücksichtsvoll. „Das wissen wir nicht, meine gute Beatriz, denn wenn bas Herz durch die Gnade Gottes von dem Gefühle seiner religiösen Pflichten erfüllt ist, kann es dann nicht auch durch dieselbe gütige Hand geleitet und gegen ein Hingeben an mehr weltliche Gefühle geschützt werden? Mercedes wird ihre Pflicht nicht vergessen: auch zieht die Phantasie stets aus sich selbst Nahrung, und eS ist deshalb wohl nicht der beste Weg, eine Schwärmerin, wie unsere junge Pflegbefohlene, so ganz den Bildern derselben zu überlassen. Die Wirklichkeit ist oft weniger gefährlich, als die Schöpfungen der Einbildungskraft; und zudem wird auch Dein Neffe hiebei nicht im Nachtheil seyn, denn wenn er den Gegenstand, welchen er jetzt so ernstlich zu verfolgen scheint, beharrlich vor Augen behält, so wird er sich nur um so mehr bemühen, zu einem glücklichen Ziele zu kommen." „Ich fürchte sehr, Sennora, die besten Folgerungen möchten unzuverläßig seyn in einer Angelegenheit, die mit der Nnbeugsam- keit der Gefühle zusammenhängt." 185 „Vielleicht ist es so, Beatriz, und doch sehe ich nicht, daß wir diese Zusammenkunft jetzt, da Don Luis so bald abrcisen wird, versagen können. Melde ihm, daß ich seinem Wunsche willfahre, und erinnere ihn daran, daß ein Grande Castilien nie verlassen sollte, ohne sich vorher von seiner Königin zu verabschieden." „Ich fürchte, Königliche Hoheit," erwiederte die Marquise lachend, „daß Don Luis diesen letzten Befehl, so gnädig und gütig er auch in der That ist, als einen strengen Verweis empfinden wird, da er schon mehr als einmal aus dem Vaterlande schied, ohne auch nur von seiner eigenen Tante Abschied zu nehmen." „Bei solchen Gelegenheiten handelte er planlos und ohne Neber- legung; aber gegenwärtig hat er sich zu einem ehrenvollen und edlen Unternehmen verpflichtet, und wir wollen es ihm deutlich genug machen, daß wir Alle diesen Unterschied recht wohl fühlen." Die Unterhaltung ging nun auf etwas Anderes über und eS hatte sein Bewenden dabei, daß dem jungen Manne sein Gesuch gestattet seyn solle. Jsabella war bei dieser Gelegenheit von einer Regel, welche sie sich selbst zur Nachachtung vorgezeichnet hatte, abgegangen und allein dem Einflüsse ihrer frauenhaften Gefühle gefolgt, welche sie oft vergessen ließen, daß sie eine Königin sey, wenn sie nicht durch ernstere Pflichten daran erinnert wurde. Es war überhaupt schwer zu entscheiden, ob diese reine und herrliche Frau in ihrem Character als gerechte und gewissenhafte Herrscherin, oder wenn sie mehr unmittelbar unter den zarteren Anregungen ihres Geschlechtes handelte — größere Achtung verdiente. Was ihre Freundin anbelangt, so war diese vielleicht hartnäckiger in dem, was flc für eine Verpflichtung gegen ihre Mündel hielt, als die Königin selbst, da flc auch größere Verantwortlichkeit hatte und sich leicht dem Verdachte aussetzen konnte, als gehe sie mit dem Plane um, den Reichthum ihrer Familie zu vermehren und deren Verbindungen zu verstärken. Aber die Wünsche JsabellenS waren für die 186 Marquise de Moha Gesetze; sie suchte daher die erste Gelegenheit auf, ihrer Mündel die Absicht mitzutheilen. Don Luis, ehe er diese gefährliche und geheimnißvolle Reise antrat, zu gestatten, seine Wünsche der Geliebten vorzutragen. Unsere Heldin nahm diese Nachricht mit der gemischten Empfindung von Furcht, Entzücken, Zweifel und Freude auf — Gefühle, welche so geeignet sind, das weibliche Herz zu umstricken, wenn einmal die Leidenschaft die Oberhand gewonnen hat. Sie hatte es nie für möglich gehalten, daß Luis eine Unternehmung wie die, an welcher er Theil zu nehmen beabsichtigte, autreten würde, ohne sich Mühe zu geben, sie noch vorher allein zu sprechen: aber jetzt, da sie wußte, daß beide, die Königin und ihre Vormünderin nichts gegen seinen Besuch einzuwenden hatten, that ihr solche Willfährigkeit fast leid. Diese widerstrebenden Gefühle milderten sich jedoch zu einer zärtlichen Schwermuth, die sich immer mehr in ihrem Benehmen aussprach, je näher die Stunde der Abreise rückte. Nicht minder wandelbar waren auch ihre Empfindungen, als Luis' Name in der Liste der Theilnchmer an dem Abenteuer eingczeichnet wurde. Zuweilen war sie entzückt über die Entschlossenheit ihres Geliebten, und seine männliche Hingebung für das Wohl und den Ruhm der Kirche, indem sie sich stolz erinnerte, daß von dem ganzen hohen Adel CastilienS er der Einzige war, welcher Ruhm und Leben an das Unternehmen des Genuesen wagte. Aber dann bedrängten sie auch wieder quälende Zweifel, denn sie fürchtete, daß seine Vorliebe für ein unstetes und abenteuerliches Leben in seinem Herzen ebenso mächtig sehn möchte, als die Liebe zu ihr. Doch all dieses war nichts Neues. Je reiner und offener die Gefühle derer sind, welche sich mit Innigkeit dem Einstuffe einer zärtlichen Neigung hingeben, desto lebhafter erwacht auch das Mißtrauen gegen sich selbst und desto quälender werden die Besorgnisse. Nachdem Donna Beatriz einmal zu diesem Entschlüsse gekommen war, handelte sie auch offen gegen die jungen Leute, und als Don Luis sich ihr an dem bezeichnet«« Morgen vorstellte, sagte sie ihm, baß Mercedes in dem gewöhnlichen Besuchszimmer seiner harre. Der junge Mann nahm sich kaum Zeit, die Hand seiner Tante zu küssen und ihr die übrigen Achtungsbeweise zu widmen, welche der Sitte des Tages zu Folge Aeltere von Jüngeren — zumal wenn ein so enges Familienband sie umschlang, wie dieses bei der Mar- guisin de Moya und dem Conde de Llera der Fall war — erwarteten, sondern eilte von hinnen und stand bald seiner Geliebten gegenüber. Da Mercedes auf diese Zusammenkunft vorbereitet war, so verrieth sie das Gefühl des Augenblickes nur durch das tiefere Roth ihrer Wangen und dem höheren Glanz der immer strahlenden Augen, obgleich dieselben oft weich und melancholisch blickten. „Luis!" tönte eS von ihren Lippen; aber schnell zog sie im Gefühle der Scham, ihr Inneres auch nur im Tone der Stimme kund gegeben zu haben, den Fuß, welchen sie unwillkührlich vorgesetzt hatte, um ihm entgegen zu eilen, zurück, obgleich sie ihm immer noch die Hand zum freundlichen Willkommen entgegen hielt. „Mercedes!" Die Hand wurde wieder zurückgenommen, um sie den Küssen, mit welchen sie bedeckt wurde, zu entziehen. „Es wurde mir in der letzten Zeit schwerer. Dich zu sehen, als cS mir werden mag, dieses Cathay des Genuesen zu entdecken; denn nie wurde das Paradies von den hütenden Engeln schärfer bewacht, als Du von Donna Jsabella und Donna Beatriz beaufsichtigt wirst." „Und ist dies wohl nöthig, wenn Du die Gefahr bist, welche man fürchtet?" „Glauben sie etwa, ich werde Dich wie ein maurisches Mädchen aus der'Croupe meines Pferdes entführen, um Dich in Co- lon's Caravele zu bringen, damit wir gemeinschaftlich den Priester Johann und den Groß-Khan aufsuchen können?" 188 „Sie könnten Dich vielleicht einer solchen Tollheit fähig halten, thenrer Luis, aber gegen mich werden sie schwerlich einen solchen Verdacht aufkommen lassen." „Nein! denn Du bist in der That ein Musterbild von Klugheit in allen Dingen, welche auf die Gefühle Deines Geliebten Bezug haben." „Luis!" rief das Mädchen wieder, und unwillkührlich entquollen Thränen ihren Augen. „Vergib mir, Mercedes, theuerste, theuerste Mercedes! Aber diese Zögerung und alle diese kalten Vorsichtsmaßregeln machen, daß ich meiner selbst vergesse. Es scheint, man hält mich nicht für einen edlen castilianischen Ritter, sondern für einen armen unbekannten Abenteurer, sonst könnte man mich nicht so behandeln." „Du vergissest, Luis, baß edle castilianische Jungfrauen auch von edeln castilianischen Rittern keine Besuche ohne Zeugen anzunehmen gewohnt sind, und baß wir nur der gnädigen Genehmigung Ihrer Hoheit und der Nachsicht meiner Vormünderin, die zufällig auch Deine Tante ist, diese Zusammenkunft verdanken." „Ohne Zeugen? und nennst Du das ein Gespräch ohne Zeugen oder eine außerordentliche Gunst von Seiten Ihrer Hoheit, wenn Du siehst, daß wir, ob auch nicht durch das Ohr, so doch durch das Auge bewacht sind? Ich scheue mich, etwas lauter zu sprechen, damit der Ton meiner Stimme nicht die Betrachtungen jener »«ehrlichen Dame störe." Bei diesen Worten glitt Luis Auge über die Gestalt der Duenna seiner Geliebten hin, welche man durch die offene Thüre in einem anstoßenden Zimmer sitzen und erbauliche Betrachtungen lesen sah. „Ah! Du meinst meine arme Pepita?" antwortete Mercedes lachend, denn die Anwesenheit ihrer Dienerin, an die sic von Jugend auf gewöhnt war, legte ihren Geberden und'Worten nicht mehr Zwang auf, als eine'Verdoppelung ihrer selbst, wäre eine solche möglich gewesen, gethan haben würde. „Sie hatte allerdings 189 viele Einwendungen gegen diese Zusammenkunft, die ihrer Meinung nach gegen alle bei edlen Fräulein üblichen Regeln verstößt, und die, wie sie sagt, von meiner armen seligen Mutter, wenn sie noch am Leben wäre, nimmer geduldet worden wäre." „Ja! sie hat ein AeußereS, das an sich schon hinreichte, jedes wackere Gemüth gegen sie in Harnisch zu bringen. Man kann in jeder Falte ihres häßlichen Gesichtes merken, wie sie Dir Deine Schönheit und Jugend neidet." „Dann kennst Du meine vortreffliche Pepita wenig, denn sie kennt keinen Neid und hat nur eine einzige hervortretende Schwäche, nämlich zuviel Liebe und zuviel Nachsicht für mich." „Ich kann die Duennas nicht leiden, — sie sind mir widerlicher als die Ungläubigen." „Sennor!" sagte Pepita, deren treues Ohr ungeachtet ihres Buchs und ihrer Predigten Alles gehört hatte, was gesprochen worden war, „ich fürchte, daß alle junge Cavaliere Eure Ansicht theilen, aber man sagt, daß dieselbe Dnenna, welche dem Liebhaber so unangenehm war, oft ein gar geschätzter Gegenstand werde, wenn er einmal ein Ehemann geworden sep. Da Euch jedoch meine Züge und meine Runzeln so gar mißfallen, ja Euch ohne Zweifel Unlust verursachen, so wird das Schließen dieser Thüre Euch den Anblick derselben am besten entziehen, und in der That auch den Ton meines lästigen Hustens, wie den Eurer Liebesbe- theurungen unvernehmlich machen, Sennor Ritter!" Sie sagte dieß in einer besseren Mundart, als bei den Weibern aus der Klaffe der Duennas gewöhnlich war, und mit einer Guimüthigkeit, welche nichts zu überwältigen schien, da sie durch Lnis' muthwillige Bemerkungen nicht im mindesten gestört wurde. „Du sollst die Thüre nicht schließen, Pepita," rief Mercedes, mit einer rosigen Gluth auf den Wangen, indem sie vorwärts eilte, um sich der Absicht der Dnenna zu widersetzen. „Was kann der Conde de Llera mir zu sagen haben, ohne daß Du eS hören dürstest?" 190 „Nun, theures Kind, der edle Ritter ist im Begriff, von Liebs zu sprechen." „Und ist Dir die Sprache der Liebe so ungewohnt, daß Du sie fürchtest? Hast Du denn je von etwas anderem als von Liebe gesprochen, seit Du mich kennst und für mich Sorge trägst?" „Es ist eine schlimme Vorbedeutung für Eure Bewerbung, Sen- nor!" sagte Pepita lächelnd, während sie einen Augenblick die Bewegung der Hand anhielt, welche im Begriffe war, die Thüre zu schließen — „wenn Donna Mercedes von Eurer Liebe denkt, wie von der »reinigen. — Gewiß, Kind, Du hältst mich nicht für einen lebensfrohe», tapfer», jungen Ebeln, der da gekommen ist, seine Seele zu Deinen Füßen auszuströmen, und verwechselst nicht meine einfachen, wohlmeinenden Worte mit solchen, wie sie wahrscheinlich von der Honigzunge eines Bobadilla fließen werden, der die Abficht hat, um das schönste Mädchen von Castilien zu freien." Mercedes bebte, denn obschon fle die Unschuld und Reinheit selbst war, so hatte sie doch ihr Herz den Unterschied zwischen der Sprache ihres Liebhabers und der Sprache ihrer Amme kennen gelehrt, ungeachtet die eine wie die andere nur Liebe anödrückte. Sie ließ die Thüre loS und bedeckte unwillkührlich mit beiden Händen ihr von Purpur glühendes Antlitz. Pepita benützte diesen Bortheil und schloß die Thüre. Ein triumphirendeS Lächeln leuchtete auf Luis' schönen Zügen, und nachdem er mit sanfter Gewalt seine Geliebte genöthigt. hatte, den Sessel, von dem sie sich erhoben, um ihm entgegen zu gehen, wieder einzunehmen, warf er sich selbst zu ihren Füßen auf einen Schemel, brachte sich dabei in eine Lage, die es ihm möglich machte, in das liebliche Antlitz seiner wie ein Idol verehrten Dame zu blicken, und nahm die Unterhaltung wieder auf. „Das ist ein Ausbund aller Duennen," rief er, „und ich hätte wissen können, daß keine von der übelgelaunten, unvernünftigen Klaffe solcher Geschöpfe in der Nähe Deiner Person geduldet werde. Diese Pepita ist ein Kleinod, und sie kann sich darauf verlassen, 191 daß sie ihr ganzes Leben hindurch in ihrem Dienste bleiben wird, wenn mir je das Unternehmen dieses Genuesen, meine eigene Entschlossenheit, die Reue der Königin und Deine Gunst das Glück verschaffen. Dein Gemahl zu werden." „Du vergissest, Luis," antwortete Mercedes bebend, obgleich sie über ihren eigenen Einfall lachte, „daß eS, wcün der Gatte die Duenna schätzt, welche der Liebhaber nicht ausstehen konnte— später vielleicht umgekehrt werden kann, und der Gatte dieselbe Duenna, welche er als Liebhaber achtete, ungern steht." „Pente! Das sind verwickelte Dinge, welche sich für die geradeaus schreitende Philosophie des Luis de Bobadilla wenig eignen. ES gibt nur eines, was ich zuverläisig weiß und was ich allen Doktoren von Salamanka oder der ganzen christlichen und heidnischen Ritterschaft in'S Gesicht behaupten will — nämlich, daß Du die schönste, lieblichste, beste, tugendhafteste und in jeder Hinsicht die einnehmendste Jungfrau von Spanien bist, und daß eS auf der ganzen Erde keinen Ritter gibt, der seine Gebieterin mehr liebte und ehrte, als ich Dich liebe und ehre." Die Sprache der Bewunderung klingt dem weiblichen Ohre immer angenehm, und Mercedes, die in den Worten des Jünglings einen Ausdruck von Redlichkeit zu finden glaubte, für welche sein Benehmen volle Bürgschaft zu leisten schien, vergaß der Duenna und ihrer kleinen Unterbrechung über dem Entzücken, Erklärungen zu hören, welche in einem so wohlthuenden Einklänge mit ihren Neigungen standen. Doch ließ die Schüchternheit ihres Geschlechtes und das kurze Besprechen ihres wechselseitigen Vertrauens die Erwiederung weniger offen auefallen, als eS vielleicht unter andern Umständen der Fall gewesen wäre. „Ich habe mir sage» lassen," versetzte sie, „daß junge Cavaliere, welche nach Gelegenheiten Haschen, ihren Muth und ihre Geschicklichkeit im Lanzenstechen und im Turnier zu zeigen, stets solche Beiheurungen für diese oder jene edle Jungfrau bereit haben, nur 192 um andere Tollköpfe zu veranlassen, das Gegentheil zu behaupten, damit sie dann ihre Tapferkeit und ihre ritterliche Galanterie zur Schau tragen können." „Das kömmt daher, weil man Dich so viel in Donna Bcatriz'S Privatgemächern einschließt, damit ja kein kühnes spanisches Auge mit ungeweihten Blicken Deine Schönheit betrachte, Mercedes. Wir leben nicht in dem Zeitalter der irrenden Ritter und der Troubadours, wo die Menschen tausend Thorheiten begingen, um schwächer zu erscheine», als sie die Natur geschaffen hatte. In jener Zeit führten die Ritter immer die Liebe auf der Zunge, wir aber haben sie im Herzen. In der That, ich glaube, dieß schmeckt etwas nach der tiefen Moral der Pepita." „Sage nichts gegen Pepita, Luis! Sie hat sich heute sehr als Deine Freundin bewiesen, sonst würden Deine Zunge und auch Deine Augen noch unter dem Zwange ihrer Gegenwart stehen. Was Du aber die Moral der guten Dnenna nennst, ist in der That auch die der sehr vortrefflichen und sehr edeln Donna Beatriz de Cabrera, Marquise von Moya, die, wie ich glaube, eine geborene Donna de Bobadilla ist." „Nun, nun, ich darf wohl sagen, daß in der Zurückgezogenheit des CabinetS kein großer Unterschied zwischen den Vorlesungen einer Herzogin und den Vorlesungen einer Duenna statt finden mag, wenn cS ein so reiches, schönes und tugendhaftes Mädchen zu hüten gilt. Sie erzählen euch jungen Mädchen, daß wir Cavaliere lauter Währ- wülfc sehen, und bezeichnen es euch als den einzigen Weg zum Paradies, nur Schlimmes von uns zu denken; dann aber, wenn man sich einmal über eine paffende Heirath entschieden hat, bestürmt man plötzlich das arme junge Wesen mit einem Befehl, hervorzutrete», und sich unverzüglich gerade mit einem von diesen Ungeheuern zu vermählen." „Du bist freilich ganz in dieser Weise behandelt worden! Es scheint fast, daß man sich viele Mühe gibt, junge Leute beider Geschlechter zu bewegen, übel von einander zu denken. Aber, Luis, 193 tzicß ist eitle Thorheit, in der wir die kostbarsten Augenblicke verschwenden, Augenblicke, die nimmer zurückkehren werden. Wie steht es mit Colon'S Angelegenheiten, und wann wird er den Hof verlassen ?" „Er ist bereits abgereist. Sobald er alles, was er von der Königin wünschte, erhalten hatte, verließ er Santa Fs mit dem königlichen Befehle in der Hand, daß man ihn auf alle Weise unterstütze. Wenn Du etwas von einem Pedro de MunnoS oder Pero Gutierrez an dem Hofe von Cathay hörst, so wirst Du wissen, wessen Schultern Du meine Thorheiten aufzuladen hast." „Es wäre mir lieber gewesen, Du hättest diese Reise unter Deinem eigenen Namen unternommen, Luis, und nicht unter einem angenommenen. Verheimlichungen dieser Art sind selten klug, und gewiß unterziehst Du Dich dieser Unternehmung —" das Blut stahl sich verrätherisch nach Mercedes' Mangen, als sie fortfuhr — „nicht aus einem Beweggrund, der Dir Schande bringen könnte." „Meine Tante wünscht es so. Was mich anbelangt, so würde ich gerne Deine Farben auf meinem Helme und Deine Devise auf meinem Schilde tragen, um es der ganzen Welt kund zu thun, daß Luis von Llera den Hof von Eathay in der Absicht aufsucht, die dortige Ritterschaft herauSzufordern, ihm eine so schöne und tugendhafte Jungfrau als Du bist, namhaft zu machen." „Herr Ritter! wir leben nicht mehr in dem Zeitalter des irrenden NittcrthumS, sondern in dem der Vernunft und Wahrheit," erwiederte Mercedes lachend, obgleich jede Silbe, in der sich die ernstliche und völlige Hingebung des jungen Mannes aussprach, unmittelbar zu ihrem Herzen ging, so daß er immer festeren Fuß in demselben gewann und die im Innern leckende Flamme durch da» Zulegen eines so geeigten Brennstoffs immer lebhafter aufloderte. — „Wir sind nicht mehr in dem Zeitalter des irrenden NitterthumS, Don Luis de Bobadilla, wie Du eben selbst behauptetest, sondern in Tagen, wo auch der Liebhaber nachdenksam und dabei eben so gut im Stande ist, die Mängel der Dame seines Herzens zu entdecken, Donna Mercedes. Ae Ausl. 1Z 19L als bei ihren Borzügen zu verweilen. Ich versehe mich zu Dir eines Bessern, als daß ich je zu hören glaubte, Du sehest durch die Straßen von Cathay geritten, um KampfauSfordernngen ergehen zu lassen und Riesen aufzusnchen, in der Absicht, meine Schönheit zu erheben, wodurch weiter nichts erzielt würde, als daß sich Andere versucht fühlten, sie zu verrufen, wäre eS auch nur aus reinem Widerspruchsgeiste gegen Deine eiteln Prahlereien. Ach! Luis, Du hast Dich jetzt einem wahrhaft edlen Unternehmen geweiht, welches Deinen Namen den berühmtesten zugesellen und einst im später» Leben Dein Stolz und Dein Entzücken sehn wird, wenn unserer Beider Augen trübe sehn werden vor Alter und wir mit Sehnsucht zurückblicken müssen, um etwas zu entdecken, auf was wir stolz sehn können." Der Jüngling war hoch entzückt, seine Geliebte in der Unschuld ihres Herzens und dem Drang ihrer Gefühle sein Schicksal mit dem ihrigen in dieser Welse verknüpfen zu hören, und als sie, ohne zu wissen, was sich aus ihren Worten mittelbar möchte folgern lassen, zu sprechen aufhörte, lauschte er noch immer achtsam, als ob die Töne in seinen Ohren fortklängen, nachdem sie längst schon erstorben waren. „Welches Unternehmen kann edler und würdiger seyn, allen meinen Muth in Anspruch zu nehmen, als ein Unternehmen, das mir Deine Hand gewinnen soll?" rief er nach einer kurzen Pause. „Wenn ich Colon folge und sein Geschick theile, so geschieht es in keiner andern Absicht, als Donna Jsabella'S Bedenklichkeiten zu beseitige», und ich wollte ihn lieber bis an das Ende der Erde begleiten, als daß auf Deine Wahl eine Unehre fallen sollte. Du List mein Groß-Khan, theure Mercedes, und Dein Lächeln, Deine Liebe sind das einzige Cathay, das ich suche." „Rede nicht so, theurer Luis, sonst verkennst Du den Adel Deiner eigenen Seele und die Hochherzigkeit Deiner Absichten^ Der Plan Colon'S ist ein Riesenwerk, und so entzückt ich bin, daß 195 er die Phantasie besaß, ihn zu schaffen und den Mnth, ihn in eigener Person auszuführen, weil er Heil über die Heiden bringen und zur Verherrlichung Gottes dienen muß — so fürchte ich doch, meine Wonne darüber ist nicht minder groß, daß ich denken darf, Dein Name sey für immer mit diesem großen Unternehmen verknüpft, und der Muth und die Entschlossenheit, mit welcher ein so edler Zweck errungen werden mußte, werde Deine Bcrläumder zu Schanden machen." „Es wird allerdings nicht anders sehn, Mercedes, sobald wir Indien erreichen. Aber wenn uns die Heiligen verlassen und unser Plan fehlschlägt, so fürchte ich, daß selbst Du Dich schämen wirst, Theilnahme gegen einen unglücklichen Abenteurer gefühlt zu haben, der erfolglos zurückkchrte und sich selbst zum Gegenstand des Hohnes und Spottes machte, statt daß ihm die ehrenvolle Auszeichnung zufiel, welche Du so zuversichtlich zu erwarten scheinst." „Dann, Luis de Bobadilla, kennst Du mich nicht?" entgegnete Mercedes hastig, und mit einer Innigkeit, welche ihr das Blut nach den Wangen trieb, indeß ihre Augen allmählig strahlender wurden, bis sie in einem fast übernatürlichen Glanze leuchteten — „dann, Luis de Bobadilla, kennst Du mich nicht! Zch wünsche, daß Du den Ruhm dieses Unternehmens theilest, weil Schmähsucht und Tadel Deine Jugend nicht ganz verschont hat, und weil ich fühle, daß die Gunst Ihrer Hoheit am leichtesten auf diesem Wege errungen werden wird. Wenn Du aber glaubst, daß der Muth, den Du bei Colon'S Unternehmen zeigst, nöthig ist, um mich zu veranlassen, den Neffen meiner Vormünderin mit Wohlwollen zu betrachten, so verstehst Du die Gefühle nicht, welche mich zu Dir hinziehen, und bist auch nicht im Stande, die kummervollen Stunden zu würdigen, die ich um Deinetwillen erduldet habe." „TheureS, herrliches, edles Mädchen, ich bin Deines reinen Sinnes, Deiner Aufrichtigkeit und Deiner Zärtlichkeit nicht würdig! Schicke mich fort von Dir, damit ich nie wieder einen Deiner Augenblicke trübe." 196 „Nein, Luis! .dieses Gegenmittel, fürchte ich, möchte schwerer auf mir lasten, als die Krankheit, die Du heilen willst," erwiederte das schöne Mädchen lächelnd, indem sie erröthend ihr sprechendes Auge, in welchem eine ganze Welt von Zärtlichkeit lag, auf den Jüngling heftete. „Wie es die Vorsehung auch fügen mag, mit Dir will ich glücklich oder unglücklich seyn. Ach! wie elend wäre ich ohne Dich!" Die Unterhaltung nahm nun jene unznsammenhängende und doch so verständliche Gestalt an, welche einen Austausch zwischen Personen characterisirt, die eben so sehr unter dem Einstuffe ihrer Gefühle als ihrer Vernunft stehen; sie war so voll von Interesse, Empfindungen und Ereignissen, daß die Gränzen unserer Erzählung für einen Bericht nicht zureichen. Luis war, wie gewöhnlich, un- stät, eifersüchtig, reuig, leidenschaftlich, voll Betheurungen, in dem einen Augenblicke tausend Nebel sich vormalend und in dem nächsten in seiner Phantasie ein irdisches Paradies schaffend, während sich Mercedes schwärmerisch, edel, hingebend jund doch voll hoher Grundsätze, selbstverläugnend und weiblich zart zeigte. Sie erwiederte die glühenden Betheurungen ihrerS Verehrers mit einer Innigkeit, in der alle andern Rücksichten ihrer Liebe weichen mußten, während sie zugleich mit mädchenhafter Zurückhaltung und mit der ganzen Würde ihres Geschlechts den Strom seiner Worte zurückwies, wenn er die Gränzen der Klugheit und Bescheidenheit überschreiten wollte. Die Zusammenkunft dauerte eine Stunde und es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Gelübde ewiger Treue und die Betheuerungen, nie eine andere Verbindung eingehen zu wollen, oft und immer wieder ausgetauscht wurden. Als die Zeit der Trennung heran- uahte, öffnete Mercedes ein kleines Kästchen, welches ihren Schmuck enthielt, und nahm daraus ein Kleinod, welches sie ihrem Geliebten als Pfand ihrer Treue überreichte. „Ich gebe Dir keinen Handschuh, um ihn im Turnier auf 197 Deinem Helme zu tragen, Luis," sagte sie, „sondern ich überreiche Dir dieses heilige Symbol, damit es Dich zugleich an das große Ziel, das Du vor Augen hast, und an Diejenige erinnern solle, welche mit nicht geringeren Zweifeln und Befürchtungen, als Colon selbst, des Ausgangs der Dinge harret. Vor diesem Kreuze sollst Du Deine Gebete sprechen. Die Steine sind Saphire, wie Du weißt, Sinnbilder der Treues eines Gefühles, das Du um Deines dauernden Wohles willen emporheben solltest, und von dem ich gerne hörte, daß es lebendig bliebe in Deinem Herze», so oft Du der unwürdigen Geberin dieser Kleinigkeit gedenkst." Sie sprach dieses halb in einem schwcrmüthigen Tone, halb in dem eines erleichterten Herzens, denn Mercedes fühlte beim Scheiden die Last eines Schmerzes, der ihr schwer zu ertragen wurde — so sehr als die Schwungkraft desselben Gefühles, auf-das sie eben angespielt hatte und das ihr ein Lächeln entrang. Ihre Worte trugen den gewinnenden Ausdruck, mit dem Jugend und Zärtlichkeit ihre innersten Regungen zugestehen, wenn das Herz durch den Gedanken an Trennung und Gefahren umstrickt wird. Das Geschenk war ein kleines kostbares Kreuz aus den genannte» Steinen, dessen Werth durch solche Beweggründe und den Character der Geberin noch erhöht wurde. Du hast hiebei das Heil meiner Seele im Auge gehabt, Mercedes?" sagte Luis lächelnd, indem er das Kleinod wiederholt küßte, „und deutest mir dadurch Deinen Entschluß an, daß wir, wenn der Herrscher von Cathay auch die Annahme unseres Glaubens zurückweisen sollte, uns doch nicht zu dem seinigen bekehren wollen. Ich fürchte, daß meine Gabe neben einem so köstlichen Geschenke in Deinen Augen nur arm und werthlos erscheinen wird." „Ich wünsche nichts, als eine Locke von Deinen Haaren, Luis. Du weißt, daß ich keiner Juwelen bedarf." - - Treue ist hier im doppelte» Sinne — in dem der Glaubenstreue und der treuen Liebe zu nehmen. 198 „Wenn ich denken könnte, der Anblick meines gelockten Kopfes mache Dir Vergnügen, so sollte auch nicht ein Haar auf demselben bleiben, und ich würde von Spanien mit einem ebenso nackten Schädel, als der eines Priesters oder gar «neS Muhamedaners ist — ausfahren. Aber auch die BobadillaS haben ihre Kleinodien, und die Braut eines Bobadilla soll sie tragen. Dieses Halsband gehörte meiner Mutter, Mercedes; es soll vordem das Eigenthum einer Königin gewesen seyn, obgleich gewiß nie eine Dame eS getragen hat, die ihm so viele Ehre machte, als Du." „Ich will es annehme», Luis, denn es ist Dein Geschenk und ich darf es nicht zurückweisen; aber ich nehme es mit Zittern, denn ich erkenne in diesen Gaben, wie verschieden unsere Charaktere sind. Du hast das Prunkvolle und Glänzende gewählt, das mit der Zeit erbleicht und selten zum Frieden führt, während mein weibliches Herz mich auf das ewig Bestehende hinwies. Ich fürchte, eine glänzende Schönheit des Ostens ist besser geeignet, Deine dauernde Verehrung zu gewinnen, als ein armes castilianisches Mädchen, welche« außer ihrer Treue und Liebe nur wenig hat, was sie empfehlen könnte." Von Seiten des jungen Mannes folgten neue Bethcuerungen und Mercedes gestattete ihm, ehe sie sich trennten, eine innige und lange Umarmung. Sic weinte an Don Luis Brust, und im letzten Augenblicke des Abschieds siegte, wie es bei Frauen gewöhnlich zu gehen pflegt, das Gesühl über die äußeren Förmlichkeiten, und ihre Seele bekannte ihre ganze Schwäche. Endlich riß sich Luis von ihr los und trat noch in dcrselbigcn Nacht unter einem angenommenen Namen und in einfacher Kleidung den Weg nach der Küste an, wohin ihm Columbus bereits vorangcgangen war. 199 Cilftes Kapitel. Doch wo ist Harold? Soll ich denn vergessen Der düster» Wandrers, streifend auf dem Meere? Ihn kümmert'S nicht, ob Sorgen Andere pressen; Kein Liebchen weiht ihm heuchelnd eine Zähre, Kein FreundeS-Abschied füllt des Herzens Leere; Als kalt der Fremdling flog nach andern Zonen. Byron. Der Leser darf nicht glauben, baß die Augen Europa'- auf unsere Abenteurer gerichtet waren. Täuschung und Wahrheit — wie es scheint, zu allen Zeiten zwei unzertrennliche Gefährten — wurden damals noch nicht durch mit Fröhnerfleiß zusammengeschrie- bcne Zeitungen über die Länder verbreitet, und nur wenige Begünstigte erhielten frühzeitig Nachricht von Unternehmungen, wie zum Beispiel die des ColumbuS war. LuiS de Bobadilla hatte sich unbemerkt vom Hofe entfernt, und Diejenigen, welche seine Anwesenheit frühzeitig vermißten, glaubte» zum Theil, er sey aus einem seiner Schlösser zu Besuche, während Andere vermutheten, er habe wieder einen jener Wanderzüge angetretcn, die man für so unverträglich mit seiner Geburt und seiner Ritterwürdc hielt. Was den Genuesen anbelangt, so wurde seine Abwesenheit kaum beachtet, obwohl es unter den Höflingen allgemein bekannt war, Jsabella habe mit ihm einen Vertrag abgeschlossen, welcher dem Abenteurer einen höheren Rang und größere Vortheile cin- räume, als seine künftigen Dienste wahrscheinlich je rechtfertigen würden. Die übrigen bei dem Wagniß betheiligten Personen, die zu unbedeutend waren, um besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, hatte» gesondert ihre Reise nach der Küste angetreten, ohne daß die Kunde ihrer Absichten die engen Kreise ihrer eigenen Bekannten weit überschritten hätte. 200 So kühn auch das Unternehmen in seinem Entwurf und scr wichtig es in seinen Folgen war, so sollte die Abfahrt doch nicht aus einer der wichtigeren Seestädte von Spanien statt finden. Die Befehle zu Beischaffung der nöthigcn Mittel waren an einen Hafen von sehr untergeordnetem Range ergangen, der sich für diesen Dienst durch nichts anderes als durch kühne Matrosen und seine Lage außerhalb der Straße von Gibraltar, welche hin und wieder durch afrikanische Seeräuber unsicher gemacht wurde, zu empfehlen schien. Anderen Berichten zu Folge soll sogar dieser Ort zur Sühne irgend eines Vergehens — in Folge dessen er verurtheilt worden war, der Krone ein Jahr lang mit zwei bewaffneten Ca- ravelen zu dienen — mit diesem Auftrag belastet worden sehn. Solche Strafen scheinen einen Theil der Politik eines Zeitalters gebildet zu haben, in welchem die Flotten gewöhnlich durch Landsoldaten bemannt wurden und die Seemacht fast nur in Abgaben bestand, die man den Seehäfen auflegte. PaloS de Moguer, der Ort, welcher diesen Strafzoll zu entrichten hatte, war schon am Schluffe des fünfzehnten Jahrhunderts nur eine unbedeutende Stadt und ist seit dieser Zeit zu einem armseligen Fischerdorfe herabgesunken. Wie an den meisten, von der Natur wenig begünstigten Plätzen war seine Bevölkerung kühn und wagehalfig, soweit nicht die Unwissenheit jener Periode dem Muthe Schranken setzte. Man fand dort keine stattliche Caracken, da die Bewohner durch ihr Gewerbe und ihre Mittellosigkeit auf die Benützung der leichteren Caravelen und der noch unbedeutenderen Felunken angewiesen waren. In der That bestand auch aste Unterstützung, welche ColumbuS durch jahrelange Gesuche von den zwei Kronen zu erwirken im Stande gewesen war, in dem Befehle, ihm die zwei erwähnten Caravelen, sammt den Officieren und Soldaten, welche stets die Bemannung zum königlichen Dienste bestimmter Schiffe bildeten, zur Verfügung zu stellen. Der Leser darf jedoch nicht glauben, daß dieses Verfahren seinen Grund in einem Mangel 201 an Muth oder Vertrauen von Seite Jsabella'S hatte, sondern es rührte theilweise von dem in Folge des Kriegs mit den Mauren erschöpften Zustand ihrer Schatzkammer und vielleicht noch mehr von der Erfahrung und Klugheit des großen Seefahrers selbst her, welcher Wohl wußte, daß für Entdeckungsreisen Fahrzeuge von diesem Umfang nützlicher und sicherer sehen als größere Schiffe. Auf einem felsigen Vorgebirge, nicht ganz eine Stunde von PaloS, stand das Kloster La Rabida, welches von dieser Zeit a» durch seine Gastfreundlichkeit gegen ColumbuS so berühmt geworden ist. Der Seefahrer war vor sieben Jahren zum erstenmale, mit seinem ermüdeten Sohne an der Hand, vor dem Thore dieses Gebäudes erschienen, um für denselben eine Erquickung zu erflehen. Die Geschichte ist zu bekannt, um hier einer Wiederholung zu bedürfen, und wir fügen nur bei, daß sein langer Aufenthalt in diesem Kloster und die zuverlässigen Freunde, die er unter den dortigen frommen Franziskanern sowohl, als bei Andern in der Nachbarschaft erworben hatte, wahrscheinlich den Beweggrund abgaben, die Wahl der Krone ans diesen Ort zu lenken. ColumbuS hatte seine Ansicht nicht nur unter den Mönchen, sondern auch unter den Einsichtsvolleren in der übrigen Umgegend in Umlauf gebracht, wie denn auch die ersten Anhänger, welche er sich in Spanien gewann, in diesem Landstriche wohnten. Trotz der genannten Umstände brachte der Befehl der Krone, die fraglichen Caravelcn,bereit zu halten, große Bestürzung unter die Matrosen von PaloS. Man hielt es in jener Zeit schon für ein ungeheures Unterfangen, längs der Küste von Afrika hinzusegeln und sich dem Aequator zu nähern, denn man trug sich mit den verwirrtesten Begriffen über diese unbekannten Gegenden, und viele hielten es sogar für möglich, durch eine Fahrt nach Süden einen Theil der Erde zu erreichen, wo unter der sengenden Glut der Sonne alles Thier- und Pflanzenleben aufhören müßte. Die Umwälzungen der Planeten, die tägliche Bewegung der Erde und 202 die Ursachen des Jahreszeitenwechsels waren damals selbst für den Gelehrten tiefe Geheimnisse, und wenn auch hin und wieder ein ahnender Schimmer der Wahrheit austauchte, so konnte man ihn doch nur als den ersten Strahl der Dämmerung betrachten, wie er trüb und zögernd den herannahenden Tag verkündigt. Es kann uns daher nicht überraschen, daß die einfachen und ungebildete» Seeleute von PaloS den Befehl der Krone als ein VernichtungS-Nrtheil für alle betrachteten, welche das LooS traf, ihm Folge leisten zu müssen. Man glaubte, der Ocean gehe, wenn man gewisse Gränzen überschritte, wie das Firmament, in eine Art chaotischer Leere über, und die Einbildungskraft des Unwissenden beschwor Ströme und Wirbel herauf, welche, wie man glaubte, zu feurigen Zonen und schrecklichen Schauplätzen natürlicher Zerstörung führten. Manche hielten es sogar für möglich, die äußersten Gränzen der Erde zu erreichen und durch schnelle, aber unmerkliche Strömungen in den endlosen Raum hinabzugleiten. So standen die Dinge in der Mitte des Monats Juli. Co- lumbus war noch in dem Kloster La Rabida, in der Gesellschaft seines beharrlichen Freundes und Anhängers Fray Juan Perez, als ein Laienbruder mit der Meldung erschien, daß ein Fremder an dem Thore angelangt sey, der sich angelegentlich nach Sennor Christoval Colon erkundige. „Hat er das Aeußere eines Boten vom Hof?" fragte der Seefahrer: „denn seit die Sendung Juan'S de Pennalosa fehlgeschlagen hat, bedarf es weiterer Befehle von Ihren Hoheiten, um ihren gnädigen Absichten Nachdruck zu geben." „Ich glaube nicht, Sennor!" erwiederte der Laienbruder. „Die scharfreitenden Couriere der Königin kommen gewöhnlich auf mit Schaum bedeckten Rossen an und machen sich gar breit mit ihrer Eile, während dieser junge Cavalier sich ganz anständig benimmt und auf einem starken andalusischen Maulthier augeritten kömmt." 203 „Nannte er Dir seinen Namen, guter Sancho?" „Sogar ihrer zwei, Sennor! er nannte sich Pedro de Mun- noS oder Pero Guticrrez, jedoch ohne Don." „Recht so!" riefColumbuS und wandte sich etwas rasch gegen die Thüre, obgleich er in jeder andern Hinsicht eine vollkommene Selbstbeherrschung zeigte; „ich erwarte den Jüngling, und er ist mir sehr willkommen. Laß ihn schnell herein, Sancho, und verschwende keine Zeit mit nutzlosen Förmlichkeiten." „Eine Bekanntschaft von Hof?" bemerkte der Prior in der Weise eines indirekt Fragenden. „Ein Jüngling, der den Muth hat, Leben und Ruf für den Ruhm Gottes und für die Verbreitung seiner Kirche zu wagen, indem er sich bei unserer Unternehmung betheiligt. Er stammt aus einer angesehenen Familie und ist nicht ohne Glücksgüter. Wäre er nicht so jung und noch unter Vormundschaft, so würde es uns im Nothfalle auch nicht an Geld gefehlt haben. So aber setzt er seine eigene Person d'ran, wenn man überhaupt bei einer Expedition, bei welcher man sogar den Befehlen Ihrer Hoheiten Trotz zu bieten scheint, von einer Gefahr sprechen kann." Nach diesen Morten ging die Thüre auf und Luis de Boba- dilla trat ein. Der junge Grande hatte alle äußeren Merkmale seines hohen Ranges abgelegt und erschien nun in der bescheidenen Kleidung eines Reisenden, wie sie mehr für eine Klaffe, die geeignet seyn konnte, einen Rekruten für die Fahrt zu liefern — als für den Stand zu paffen schien, dem er wirklich angehörte. Als er Co- lumbus mit herzlicher, aufrichtiger Achtung und den Franziskaner mit frommer Verehrung grüßte, bemerkte der erstere sogleich, wie dieser muthige und sorglose Jüngling wirklich dem Unternehmen mit dem festen Entschlüsse beigetreten sey, alle Mittel aufzubieten, die ihn in den Stand setzen könnten, es auch durchzuführen. „Du bist willkommen, Pedro!" bemerkte ColumbuS, als Luis seine Begrüßungen geendigt hatte. „Du kommst in einem Augenblicke 20-1 an die Käste, wo Deine Gegenwart nnd Deine Beihülfe ungemein nützlich werden können. Der erste Befehl Ihrer Hoheit, der mir zwei für den Dienst des Staates bestimmte Caravelen zusprach, ist nicht im Mindesten berücksichtigt worden, nnd ein zweites Mandat, das mich ermächtigt, jedes Schiff, das für unsere Bedürfnisse geeignet ist, wegzunehmen, hatte kein viel besseres Geschick, ungeachtet der Sennor de Pennalosa unmittelbar vom Hofe auSge- sandt wurde, demselben unter Androhung einer Strafe von täglichen zweihundert Maravedis, welche der Hafen bis zu Vollzug des Befehls bezahlen sollte, Nachdruck zu geben. Die Dummköpfe haben alle Arten von Uebeln heraufbeschworen, um sich und ihre Nachbarn zu schrecken, und es scheint, daß ich noch eben so weit von der Erfüllung meiner Hoffnungen entfernt bin, als dies der Fall war, ehe ich mir die Freundschaft dieses frommen Ordensgeistlichen und Donna Jasabella'S königlichen Schutz gewonnen hatte. Es ist traurig, mein guter Pedro, sein Leben in vereitelten Hoffnungen hinschwinden zu sehen, wenn man sich die Erweiterung des Wissens und die Verbreitung der Kirche zum Ziele gesetzt hat." „Ich bringe gute Zeitungen, Sennor," versetzte der junge Edle. „Auf meiner Reise von Moguer hieher hatte ich einen gewissen Martin Alonzo Pinzon — einen Seemann, mit dem ich schon früher gereist bin — zum Gefährten, und wir sprachen viel über Euren Plan und die Schwierigkeiten, die ihm im Wege stehen. Er sagte mir, er sey mit Euch bekannt, Sennor Colon, und nach seinen Reden zu schließen, denkt er günstig von dem Erfolge." „ES ist so — in der That, es ist so, guter Pedro! Er hat meinen Beweisen oft als ein verständiger und erfahrener Seemann zugehört, und ich zweifle nicht, daß er es auch wirklich ist. Aber sagtest Du nicht, daß Du ihm bekannt sepst?" „Allerdings, Sennor! Wir reisten einmal miteinander nach Cppern und ein andermal nach der Insel England. Auf solchen langen Zügen kann man wohl so ziemlich den Charakter und die 205 Gemüthsart eine« Anderen kennen lernen, und in der That, dieser Sennor Pinzon hat mich in Beidem befriedigt." „Du bist zu jung, mein Sohn, um zu einem Urtheil über einen Seemann von Martin Alonzo'S Jahren und Erfahrung berechtigt zu sehn," warf der Mönch ein. „Er steht in dieser Gegend sehr im Rufe, und ist nicht unbemittelt. Demungeachtet freut es mich aber, zu hören, daß er hinsichtlich dieser großen Reise noch immer die gleichen Gesinnungen hegt, denn in der letzten Zeit kam eS mir vor, als ob auch er zu wanken begänne." Don Luis hatte sich über den großen Mann dieser Gegend mehr wie ein Bobadilla, und nicht wie es seinem angenommenen Namen Munnos zustand, ausgesprochen; und ein Wink aus Colons Auge erinnerte ihn, daß er in solcher Verhüllung seinen wahren Rang vergessen müsse. „Dicß ist in der That ermuthigend," bemerkte der Seefahrer, und gibt uns eine hellere Aussicht für Cathay. Ich glaube, Du sagtest, Du habest zwischen Moguer und P-loö unfern alten Bekannten, den guten Alonzo, gesprochen?" „Es ist so, Sennor; auch war er es, der mir sagte, ich werde den Admiral hier finden. Er gab Euch den Titel, welchen die Gnade der Königin Euch ertheilt hat, und ich achte dieses für kein geringes Zeichen der Freundschaft, da die Meisten, mit welchen ich in dieser Gegend verkehrt habe, geneigt zu sehn schienen, Euch lieber mit jedem anderen Namen zu nennen." „ES braucht sich Niemand bei dieser Unternehmung zu betheiligen," erwiederte der Seemann ernst, als ob er den Jüngling ermahnen wolle, jetzt noch die Gelegenheit, sich von dem Wagnisse zurückzuziehcn, zu ergreifen, wenn ihm dieß passend scheine — „wenn er es nicht gerne thut, oder Mißtrauen in meine Kenntnisse setzt." „Bei St. Pedro, meinem Schutzheiligen! zu PaloS und Moguer spricht man anders, Sennor Admiral," erwiederte Luis lachend. 206 „Dort wagt sich dem Bernehmen nach Niemand, dessen Haut durch die Sonne des OceanS ein wenig erwärmt worden ist, auf die Straßen, um nicht auf einem Wege, den keiner je anders, als in Gedanken bereist hat, nach Cathay gesendet zu werden. Doch sey dem wie ihm wolle — cS gibt einen Freiwilligen, Sennor Colon, der geneigt ist, Euch, wenn die Erde flach ist, bis an die äußerste Gränze derselben zu folgen, und auch rund um dieselbe herum, wenn sie sich als Kugel erweisen sollte; und dieser Freiwillige ist ein gewisser Pedro de MunnoS, der sich Euch anschließt, nicht aus schmutzigem Durst nach Gold oder nach etwas Anderem, was die Menschen gewöhnlich Werth halten — sondern ans reiner Lust an Abenteuern, diese vielleicht noch etwas gehoben und veredelt durch die Liebe zur reinsten und schönsten Jungfrau von Castilien." Fray Juan Percz betrachtete mit großen Augen den Redenden, dessen freies Benehmen und offene Sprache ihn nicht wenig überraschte»; denn eS war ColumbuS, sogar ehe er noch den Rang einnahm, der ihm kürzlich durch Jsabella'S Willen übertragen worden war, gelungen, so viele Hochachtung einzuflößen, daß sich nur Wenige in seiner Gegenwart mit einer solchen Ungebundenheit zu reden erlaubten. Der gute Mönch ahnete freilich nicht, daß er in der Person des Pedro de MunnoS einen Mann vor sich habe, der, obgleich er hier keine amtliche Stellung einnahm, dem Range nach doch noch höher stand; er konnte sich daher nicht entbrechen, sein Mißvergnügen über das eine solche Ungezwungenheit in Sprache und Benehmen gegen Männer, die er selbst mit so viel Achtung zu behandeln gewohnt war, aus'S Neue auszudrücken. „Es kömmt mir fast vor, Sennor Pedro de MunnoS," sagte er, „wenn dieses wirklich Dein Name ist — obgleich der Titel Herzog, MarguiS oder Graf eher mit Deinem Benehmen im Einklang stehen würde — als ob Du Seine Ercellenz den Admiral mit derselbe» Freimüthigkeit, wie den würdigen Martin Alonzo, unser» Nachbarn, behandeltest. Ein Untergeordneter sollte sich 207 demnthiger benehmen und die Ansichten seines Befehlshabers nicht in dieser losen, scherzenden Weise comnientiren." „Ich bitte Euch um Verzeihung, frommer Vater, und auch Euch, Herr Admiral oblchon ich glaube, daß Ihr mich zu gut kennt, um in meinen Worten eine Beleidigung zu finden. Ich wollte nichts Weiteres sagen, als daß ich diesen Martin Alonzo, Euren Nachbarn, als einen alten Reisegefährten kenne, daß wir heute einige Stunden in Gesellschaft mit einander geritten sind, daß er nach einer lebhaften Unterhaltung den freundlichen Wunsch ausgedrückt hat, seine Schulter an das Rad zu legen, um die Expedition, wenn auch nicht aus dem Schlamme des Sumpfes, doch aus dem Sande des Flusses zu heben, und daß er versprochen har, aus diesem und keinem andern Grunde das Kloster von La Rabida zu besuchen. Was mich selbst anbelangt, so kann ich nur beifügen, daß ich hier bin und entschlossen, dem geehrten Sennor Colon zu folgen, wohin er immer mich zu führen für gut halten wird." „Es ist schon recht so, guter Pedro — es ist schon gut," erwiederte der Admiral. „Ich weiß Deine Aufrichtigkeit und Deinen Muth vollkommen zu schätzen, und dieß muß Dir vorderhand genügen, bis sich Dir eine Gelegenheit darbietet, auch Andere davon zu überzeugen. Diese Nachricht hinsichtlich Martin Alonzo's kömmt mir jetzt um so erwünschter, Vater, da sein Eifer bereits zu erschlaffen begann; er kann uns in der That wesentliche Dienste leisten." „Er kann es und wird eS, wenn er sich anders ernstlich der Sache anzunehmen gedenkt. Martin ist der erfahrenste Seefahrer an dieser ganzen Küste und obgleich ich nicht wußte, daß er je in Cypcrn war, wie aus der Erzählung dieses jungen Mannes zu erhellen scheint — so ist mir doch recht wohl bekannt, daß seine Fahrten im Norden häufig bis nach Frankreich, und im Süden bis zu den kanarischen Inseln gingen. Glaubst Du, daß Calhay viel weiter entfernt liege, als Cypern, Sennor Admiral?" ColumbuS lächelte bei dieser Frage und schüttelte seinen Kops 208 in der Weise eines Mannes, der einen Freund auf irgend eine unangenehme Enttäuschung vorbereiten will. „Obgleich Chpern nicht ferne von dem heiligen Lande und dem Sitze der Macht der Ungläubigen liegt," versetzte er, „so mnß doch Cathay viel weiter weg liegen. Ich schmeichle weder mir, noch denen, dis mir zu folgen geneigt sind, mit der Hoffnung, Indien durch eine kurze Fahrt zu erreichen, da der Weg vielleicht achthundert bis tausend Stunden lang ist." „Das ist eine schreckliche und geduldprüfende Entfernung," rief der Franziskaner, während Luis unbekümmert lächelte, als wäre es ihm gleichgültig, ob er tausend oder zehntausend Stunden auf dem Ocean zu durchschneiden habe, wenn nur dis Reise zu Mercedes führte und reich an Abenteuern war — „eine schreckliche und ermüdende Entfernung! — Und doch zweifle ich nicht, Sennor Admiral, daß Ihr der von der Vorsehung bestimmte Mann seyd, sie zu überwinden, und den Weg für diejenigen zu bahnen, welche Euch folgen werden, um das Kreuz Christi aufzurichten und die frohe Botschaft der Erlösung zu verkündigen." „Wir hoffen darauf," entgegnete ColumbuS, indem er verehrungS- voll das gewöhnliche Zeichen des geheiligten Vorbilds, auf welches sein Freund anspielte, auf seiner Stirne machte. „Zum Beweise, daß wir auch einen weltlichen Grund haben, dieß zu erwarten, kömmt hier Sennor Pinzon selbst, der, wie wir sehen, sich sehr beeilt hat, uns aufzusuchen." Martin Alonzo Pinzon, der dem Leser als einer der thätig- sten Gehülfen des Genuesen bekannt sehn muß, trat nun in'S Zimmer, und ColumbuS' scharfer Blick entdeckte im Augenblick, daß er ernstlich über irgend einem bestimmten Plane brüte. Frah Juan Pcrez war nicht wenig überrascht, als Martin Alonzo, der große Mann des Bezirkes, seine Begrüßung zuerst an Pedro, dann an den Admiral, und erst zuletzt an ihn selbst richtete. Der würdige Franziskaner, der etwas geneigt war, jede Verletzung des Anstandes 209 auf der Stelle z» rügen, hatte jedoch nicht Muße, Lei dieser Gelegenheit seinen Gefühlen Luft zu machen, denn Martin Alonzo ging mit einer Raschheit zu seinem Zwecke über, welche zeigte, daß er nicht blos wegen eines Freundschafts- oder Höflichkeitsbesuchs gekommen sey. „ES bekümmert mich sehr, Sennor Admiral," begann er, „von der Hartnäckigkeit und dem Ungehorsam hören zu müssen, welche von unfern Seeleuten den Befehlen der Königin zu PaloS entgegengestellt werden. Obgleich ich an dem Hafen wohne und einer von denen bin, welche immer vor Euren Planen hinsichtlich dieser Westfahrt Achtung hatten, wenn auch meine Zuversicht nicht so vollkommen fest begründet war, so kannte ich doch die volle Ausdehnung dieser Pflichtvcrweigerung nicht, bis mich der Zufall auf der Landstraße mit einem alten Bekannten in der Person deS Don Pedro — ich will sagen des Sonnor Pedro de MunnoS — zusammenführte, der, so weit er auch herkommt, mehr von der Störrigkeit unserer Nachbarn entdeckte, als mir selbst an Ort und Stelle ausgefallen war. Aber, Sennor, Ihr werdet jetzt nicht zum erstenmal die Erfahrung machen, aus welchem Stoffe die Menschen zusammengesetzt sind. Es heißt zwar, sie seyen vernünftige Wesen, aber ungeachtet dieser unläugbaren Wahrheit ließen sich doch, da unter Hunderten nicht einer ist, der sich zum Denken Mühe nimmt — immerhin Mittel auffinden, die Ansichten einer für unser Bedürf- niß hinreichenden Anzahl zu ändern, ohne daß sie es selbst ahneten." „Das ist sehr wahr, Nachbar Martin Alonzo," fiel der Mönch ein, „so wahr, daß man es in einer Predigt Vorbringen könnte, ohne der Religion einen Eintrag zu thun. .Der Mensch ist ein vernünftiges Thier, und ein zurechnungsfähiges Thier; aber cS ist nicht paffend, ihn auch ein denkendes Thier zu nennen. Was hat z. B. der Ungebildete und Unwissende in Angelegenheiten der Kirche zu sagen, da die Wahrung ihrer Interessen der Geistlichkeit allein übertragen ist? Auch scheint mir bei einer Seefahrt Ein Donna Mercedes. 2te Aufl. 14 210 Steuermann in der That weit geeigneter zu seyn, als hundert- Mag immerhin der Mensch ein vernünftiges Thier seyn, so gibt es doch gar viele Anlässe, wo er gehorchen muß, ohne zu vernünfteln, und nur wenige, wo er von seiner Vernunft Gebrauch machen darf, ohne zu gehorchen." „Das ist Alles sehr wahr, frommer Priester und vortrefflicher Nachbar, — so wahr, daß Ihr wenigstens in PaloS Niemand finden werdet, der eS in Abrede zieht. Doch da wir gerade bei diesem Gegenstände sind, so ist es vielleicht paffend, zu bemerken, daß die Kirche dem Erfolg der Entwürfe des Herrn Admirals gerade die allermeisten Hindernisse in den Weg geworfen hat. Alle alten Weiber im Hafen erklären die Ansicht, daß die Erde eine Kugel sey, für eine Ketzerei, die im geraden Widerspruche mit der Bibel stehe, und wenn man die Wahrheit sagen darf, so gibt es auch in diesem Kloster viele Schwachköpfe, welche sie in dieser Meinung unterstützen. ES klingt freilich etwas unnatürlich, wenn man Leuten, welche sich weit mehr in Thälern als auf Bergen aufgehalten haben, begreiflich machen will, daß die Erde eine Kugel sey; und obgleich ich oft genug Gelegenheit hatte, das Meer zu sehen, so hätte auch ich mich doch nicht leicht an eine solche Annahme gewöhnen können, wenn es nicht eine Thatsache wäre, daß man bei einem näher kommenden Schiff die oberen und kleineren Segel zuerst sieht, wie es auch bei den Windfahnen und Kreuzen der Thürme der Fall ist, obgleich sie hier wie dort di- kleineren Gegenstände find. UebrigenS ermuthigen wir Matrosen unsere Leute auf die eine, und ihr Herren von der Kirche auf die andere Weise, und da ich jetzt die Absicht habe, alle meine Hebel in Bewegung zu setzen, um klügere Gedanken in die Köpfe der Schiffer von PaloS zu bringen, so versehe ich'S mich auch zu Euch, ehrwürdiger Pater, daß Ihr die Maschinen der Kirche spielen laßt, um das Geschwätz der Weiber zur Ruhe zn bringen und die Bedenklichkeiten der größten Eiferer in Eurem Covente nieder zu schlagen." 211 „Soll ich das so verstehen, Sennor Pinzon," fragte Colum- bus, „daß Ihr einen unmittelbareren und lebhafteren Antheil an dem Erfolge meines Entwurfs zu nehmen beabsichtigt, als es früher der Fall war?" „Ja, Sennor! das ist meine Absicht, wenn wir hinsichtlich der Bedingungen eben so gut Übereinkommen, als cS Euer Gnaden mit unserer hochgeehrten Gebieterin Donna Jsabella de Trastamara gelungen ist. Ich habe bereits deßhalb mit Sennor Don — ich wollte sagen mit Sennor de Munnos hier gesprochen — potz Thorheit! welch ein Uebermaß von Höflichkeit hat mich in der letzten Zeit angewandelt— aber da er ein kluger Jüngling ist und den Wunsch an den Tag legt, sich mit Euch einzuschiffen, so hat dieß meine Phantasie so sehr in Aufregung gebracht, daß ich wohl auch gerne an der Parlhie Theil nehmen mochte. Sennor de Munnos ist so oft mein Reisegefährte gewesen, daß ich sein würdiges Gesicht wohl wieder einmal auf dem Meere sehen möchte." „Das ist eine erfreuliche Kunde, Sennor Alonzo," fiel der Mönch lebhaft ein, „und Deine Seele, wie auch die Seelen aller der Dei- nigen werden die Früchte dieses frommen Entschlusses ernten. Es ist etwas ganz Anderes, Sennor Admiral, ob man an einem Orte, wie Palas, Ihre Hoheiten oder unseren würdigen Nachbar Pinzon hier auf seiner Seite hat, denn wenn jene die gesetzlichen Herrscher find, so gebietet er dagegen über die öffentliche Meinung. Ich zweifle nicht» daß cS jetzt mit den Earavelen rasch vorwärts gehen wird." „Wenn Du wirklich entschlossen bist, an unserem Unternehmen Theil zu nehmen, Sennor Martin Alonzo," fügte ColumbuS mit würdevollem Ernste bei, „so hast Du Dir ohne Zweifel die Bedingungen auch überlegt und bist vorbereitet, sie mich wissen zu lassen. Sind sie etwa von der Art, wie sie bereits zwischen uns zur Sprache kamen?" „Allerdings, Sennor Admiral! obgleich im gegenwärtigen Augenblicke unsere Börsen nicht so mit Gold gespickt sind, als 212 damals, wo wir zuletzt über diesen Gegenstand verhandelten. Hinsichtlich dieses Hauptpunktes möchten zwar einige Hindernisse obwalten, in allen andern aber wird, wie ich nicht zweifle, eine kurze Erörterung zwischen uns alle Anstände beseitigen." „Was den achten Theil anbelangt, über den ich mit Ihren Hoheiten überein gekommen bin, Sennor Pinzon, so wird es nicht nöthig seyn, diesen Punkt in einer Weise, wie bei unserer letzten Zusammenkunft, nochmals in Anregung zu bringen, da sich wohl andere Mittel darbieten dürften, um diese Verbindlichkeit auSzuglei- chen." Während Colon sprach, wendete sich sein Auge unwillkühr- lich auf den angeblichen Pedro, wohin ihm auch die Blicke Martin Alonzo Pinzon'S mit dem Ausdrucke des Verständnisses folgten. „Aber eS werden noch manche Schwierigkeiten bei diesen erschreckten und einfältigen Matrosen zu überwinden seyn, welche vielleicht Deinem Einflüsse weichen. Wenn Du mir in dieses Zimmer folgen willst, so können wir die Hauptartikel unseres Vertrags sogleich besprechen, während wir diesen jungen Maun hier inzwischen der Gastlichkeit unseres verehrten Freundes überlassen." Da der Prior gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden hatte, so begaben sich ColumbuS und Pinzon in ein besonderes Zimmer und ließen Fray Juan Perez mit unserem jungen Helden allein. „Du hast also ernstlich im Sinne, mein Sohn, an diesem großen Unternehmen des Admirals Theil zu nehmen?" fragte der Franziskaner, als sich die Thüre hinter den Abtretenden geschloffen hatte, und betrachtete Luis zum erstenmale mit einem forschenderen Blicke, als er bisher Muße dazu gehabt hatte. „Du benimmst Dich ziemlich wie die jungen Herren am Hofe und wirst Gelegenheit haben. Dein hochtrabendes Wesen in den engen Gränzen einer unserer PaloS'schen Caravelen ein wenig abzulegen." „Mir ist'S einerlei, Nao, Carraca, Fusta, Pinaza, Carabelon oder Felucke, frommer Prior, und ich werde mich gegen den Admiral benehmen, wie ich eS vor Don Fernando von Aragon, wenn er mein Reisegefährte wäre, oder in der Gegenwart Boabdills von Granada auch thun würde, wenn etwa dieser unglückliche Monarch den Thron, von dem er erst kürzlich gestürzt wurde, wieder besteigen und seinen Adel gegen die Ritter des christlichen Spaniens zum Angriff führen würde." „Das find wohl schöne Worte, mein Sohn, und —aufrichtig gesprochen, in einem ziemlich herausfordernden Tone vorgebracht; aber fie werden Dir bei diesem Genuesen nichts nützen, denn er hat etwas in sich, was sich nicht einmal durch die Gegenwart unserer gnädigsten Gebieterin Donna Jsabella zurückdrängen läßt." „Du kennst die Königin, frommer Mönch?" fragte Don Luis, indem er in der Freimüthigkeit seiner Anrede seines angenommenen Characters vergaß. „Ich muß wohl ihr innerstes Herz kennen, mein Sohn, da ich gar oft die Sprache ihres reinen und demüthigen Geistes im heiligen Beichtstuhl vernahm. So sehr fie auch von den Castiliancrn geliebt wird, so können doch nur ihre Beichtväter die wahre geistige Höhe dieser frommen Fürstin und vortrefflichen Frau würdigen." Don Luis räusperte sich, spielte mit dem Griffe seines Degens und machte dann, wie gewöhnlich, den Gedanken, welche ihn gerade am meisten beschäftigten, Luft. „Hast Du es in Folge Deines priesterlichen Amtes je auch für uöthig gefunden, Vater," fragte er, „die Beichte einer Jungfrau am Hofe zu hören, die bei der Königin in hoher Achtung steht, und deren Geist, wie ich verbürgen kann, eben so rein ist, als selbst der Donna Jsabella'S?" „Mein Sohn, Deine Frage zeigt, daß Du besser thätest, nach Salamanka zu gehen, um Dich in der Geschichte, den Gebräuchen und dem Glauben der Kirche unterrichten zu kaffen, als daß Du Dich in ein Abenteuer einließest, und wäre es selbst so empsehlenS- werth, als das unserS Colon. Weißt Du nicht, daß es dem Priester nicht gestattet ist, die Geheimnisse des Beichtstuhles zu verrathen, oder Vergleichungen zwischen den Büßenden anzustcllen? Und ist 214 es Dir unbekannt, daß wir nicht einmal Donna Jsabella—die heilige Jungfrau sey ihre Schützerin — den Christen als ein Muster von Heiligkeit zur Nachahmung vorstellen können? Die Jungfrau, von der Du sprichst, kann nach weltlichen Begriffen tugendhaft und in den Augen der Mutter Kirche doch eine große Sünderin seyn." „Ich möchte wohl, ehe ich Spanien verlasse, Einen, der keine Glatze trägt — meinetwegen einen Mcndoza oder einen Guzman — etwas der Art andeuten hören, hochwürdiger Prior." „Du bist hitzig, starrköpfig, und sprichst thöricht, mein Sohn! Was könntest Du einem Guzman, einem Mendoza oder auch nur einem Bobadilla zu sagen haben, wenn er das, was Du erwähnst, behauptete? Aber wer ist die Jungfrau, die in Deinen Gefühlen so tief Wurzel gefaßt zu haben scheint, obgleich ich zweifle, daß Du damit Anerkennung finden wirst?" „Ja, Du hast Recht, ich sprach thöricht. Unsere Stellungen haben eine so weite Kluft zwischen uns geöffnet, daß eine solche Gegenrede nicht besonders wahrscheinlich ist; auch kann ich mich keiner Verdienste rühmen, welche sie veranlassen könnten, je ihres hohen Ranges zu vergessen." „Sie hat doch einen Namen?", „Das hat fie in der That, Prior, — und einen recht edeln Namen. Ich dachte an Donna Maria de las Mercedes de Valverde, als mir vorhin die unbedachte Bemerkung entfuhr. Vielleicht kennst Du diesen Sprößling eines erlauchten Hauses?" Fray Juan Perez, ein Priester ohne Arg, fuhr bei diesem Namen zusammen, blickte mit mitleidiger Theilnahme auf de» Jüngling, wandte dann seinen Blick nach den Steinplatten unter ihm und schüttelte lächelnd den Kopf, ^wie Jemand, dessen Gedanken sehr rege find. „Ich kenne diese Dame in der That," sagte er, „und als ich in Colon'S Angelegenheiten das letztem«! am Hofe war, mußte ich, da ihr geistlicher Berather unwohl war, sowohl fie als meine königliche Gebieterin Beichte hören. Es ist wahr, daß fie der 215 Achtung Donna JsabellaS würdig ist, aber Deine Bewunderung für diese edle Jungfrau, die Dir so fern, als die über unseren Häuptern hinsegelnden Wolken steht, kann kaum auf vernünftigen Hoffnungen beruhen." „Du kannst dieß nicht wissen, Vater. Wenn unsere Fahrt nach Wunsch ausfällt, werden Alle, die sich dabei betheiligt haben, zu hohen Ehren gelangen, — und warum sollte mir nicht, eben so gut als einem Andern, ein Gleiches werden?" „Du magst hierin wohl Recht haben, aber was die Donna anbelangt —" Der FranSziSkaner hielt inne, denn er war im Begriff, ein Beichtgeheimniß zu verrathen. Er war in der That ein Zeuge von Mercedes Zerknirschung gewesen, deren Hauptursache in ihrer Liebe zu Luis de Bobadilla bestand, und wirklich hatte auch er zuerst in einer Art frommen, unbewußten Betrugs auf die Mittel hingedeutet, durch welche die Wanderlust des jungen Edlen zum Vortheile seiner Liebe gekehrt werden könnte. Sein Geist war jetzt so hingenommen von den Blicken, die er in die Reinheit und Unschuld jenes Herzens gethan hatte, daß er fast zum Ueberfließcn kam; aber Gewohnheit und Amtspflicht thaten in Zeiten Einsprache und er erlaubte sich nicht, den Namen auSzusprechen, der auf seinen Lippen zitterte. Seine Gedanken nahmen jedoch ihren Gang fort, und seine Zunge lieh dem Theile derselben, den er für unverfänglich hielt, Worte. „AlonzoS Begrüßung zu Folge bist Du weit in der Welt herumgekommen, mein Sohn," fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Kamst Du nie mit einem gewissen castilianischen Ritter, Namens Don Luis de Bobadilla, einem Granden, der auch den Titel eines Grafen de Llera führt, zusammen?" „Ich kümmere mich wenig um die Titel eines vornehmen Herrn," versetzte Luis ruhig, indem er den Ansichten des Franziskaners eine stolze Gleichgültigkeit entgegen zu setzen beabsichtigte; „aber ich 2l6 habe den Ritter gesehen. Er ist ein unsteter, tollköpstger, gottloser^ junger Mensch, von dem sich nichts Gutes erwarten läßt." »Ich fürchte, dieß ist nur zu wahr," erwiederte Fray Juan Perez mit schwermüthigem Kopfschütteln; — »und doch sagt man, er sey ein tapferer Ritter und die beste Lanze in ganz Spanien." „Ja, das mag vielleicht seyn," antwortete Luis und räusperte sich etwas lauter, als es der Anstand gestattete, denn seine Kehle begann etwas heißer zu werden—„ja, er mag das vielleicht seyn; allein was nützt eine gute Lanze ohne einen guten Character? Ich höre wenig Empfehlendes von diesem jungen Conde de Llera." »Ich glaube doch nicht, daß er das ist, wofür man ihn im Astgemeinen hält," antwortete der einfache Mönch, ohne im mindesten die Maske seines Gefährten zu ahnen; „und ich weiß auch, daß Einige eine gute Meinung von ihm haben—ja, ich möchte sagen, daß es deren gibt, deren Leben und Seelen von ihm hingenommen sind." „Frommer Franziskaner! — warum willst Du mir nicht die Namen Einiger dieser Personen nennen?" fragte Luis mit einem Ungestüm, welches den Prior stutzig machte. „Und warum sollte ich das gegen Dich eher, als gegen einen Andern thun, junger Mann?" „Warum, Vater? — Ei aus mehreren — aus den trefflichsten und unwiderleglichsten Gründen. Erstlich bin ich selbst ein junger Mann, wie Du stehst, und Beispiele, sagt man, sind besser als Lehren. Dann bin ich auch ein wenig dem Wanderleben ergeben, und es kann mir vielleicht Vortheil bringen, wenn ich weiß, wie Andere mit demselben Hangs fahren. Außerdem würde eS mein innerstes Herz erfreuen, wenn ich hörte, daß — doch zwei zureichende Gründe find besser, als drei, und die erstere Zahl habe ich Dir bereits aufgesührt." Fray Juan Perez war ein frommer Christ, ein eifriger Geistlicher und ein freisinniger Gelehrter, aber einfach, wie ein Kind, in Dingen, die mit der Welt und ihren Leidenschaften in Verbindung 217 . 7 - ^ stände». Demungeachtet war er nicht so blödsichtig, um das Benehmen und die Worte seines Gefährten nicht seltsam zu finden. Durch die Erwähnung des Namens unserer Heldin war seinen Gedanken bereits eine Richtung vorgezeichnet worden und da er selbst auf den Weg, den unser Held einschlagen sollte, hingedeutet hatte, so begann eine Ahnung der Wahrheit in seinem Geiste aufzudämmeru. „Junger Ritter!" rief er, „Du selbst bist Don Luis de Bobadilla." „Ich werde nach dieser Entdeckung !nimmermehr in Abrede ziehen, daß ein Geistlicher die Gabe der Weissagung besitzen könne, hochwürdiger Vater. Ich bin der, den Du genannt hast, und habe mich dieser Erpedition angeschlossen, um die Liebe von Mercedes de Valverde zu gewinnen." „ES ist, wie ich dachte. Doch, Senuor, Ihr habt unser armes Kloster noch nicht von seiner vortheilhaften Seite kennen gelernt. Dürfen die Laienbrüder Euch einige Erfrischungen vorsetzen?" s „Verzeihung, vortrefflicher Prior; Pedro de MnnnoS oder Pero de Gutierrez bedarf deren nicht. Aber nun Du mich kennst, ist wohl wenig Grund mehr vorhanden, nicht von Donna Mercedes zu sprechen." „Run ich Dich kenne, Sennor Conde, ist um so mehr Grund vorhanden, über diesen Gegenstand zu schweigen," entgegnete Fray Juan Perez lächelnd. „Deine Tante, die sehr schätzenSwerthe und tugendhafte Dame von Moya, kann Dir alle Gelegenheit geben. Deine Bewerbung bei diesem reizenden Mädchen durchzusetzen, und es würde einem Geistlichen übel ziemen, ihre Klugheit durch eine unbesonnene Einmischung zu vereiteln." Diese Erklärung war der Anfang eines langen vertraulichen Zwiegesprächs, in welchem es dem würdigen Prior, da er jetzt auf seiner Hut war, gelang, sein Hauptgeheimniß zu wahren, obschon er nicht umhin konnte, die Lebcnshoffnungen des jungen Manne» zu crmuthigen und ihm anzuempfehlen, sich, um seinen Zweck zu erreichen, nur auf's Innigste mit Columbus' Geschick zu verbinden. 218 Inzwischen hatte sich der große Seefahrer bei verschlossenen Thüren mit seinem neuen Freunde berathen, und als Beide wieder zurückkamen, erfuhren Luis und der Prior, Pinzon habe sich dem Unternehme» mit einem so lebhaften Eifer zugewendet, daß er entschlossen sey. sich selbst am Borde einer der Caravelen einzuschiffen. Zwölftes Kapitel. Doch ihm sind wilde Lust nur die Gefahren; 3n Wüsten selbst trifft er der Hei,nach Laren; Stet« geht er furchtlos weiter seinen Pfad, Den nie zuvor ein ängstlich Herz betrat. Der Abcncerrage. Die Nachricht, daß Martin Alonzo Pinzon Colon begleiten werde, verbreitete sich durch PaloS wie ein Lauffeuer. Es fehlte jetzt nicht mehr an Freiwilligen, denn das Beispiel eines in der Gegend gekannten und geachteten Mannes wirkte weit kräftiger auf die Matrosen, als dieBefehle der Königin oder Columbus'Theorien. Martin Alonzo war allgemein bekannt. Man war gewohnt, sich seinem Einflüsse zu unterwerfen und folgte gerne seinem Beispiele, da man seinem Verstände vertraute, während der nackte Befehl einer Königin, die man, wenn man sie auch liebte, doch nicht gesehen hatte — mehr den Character eines harten UrtheilS, als den eines großartigen Unternehmens trug; und was Columbus anbelangt, so wurde er, obgleich man in seiner Gegenwart vor seinem würdevollen Aeußern und seinem ernsten Benehmen Achtung haben mußte, zu PaloS wie in Santa Fe, als ein Abenteurer betrachtet, sobald man ihn aus dem Gesicht verloren hatte. Die Pinzons begannen nun die Expedition in der Weise von Männern, welche mehr zur Ausführung einer Sache, als zur Ent- werfung eines Planes geeignet sind, zu fördern. Mehrere von der Familie nahmen den thätigsten Antheil daran und ein Halbbruder Martin 219 Alonzo'S, welcher Bicsnte Uannez hieß und gleichfalls ein Seefahrer war, schloß sich den Abenteurern als Befehlshaber eines der Fahrzeuge an, während ein Anderer als Steuermann Dienste nahm. Mit einem Worte — der Monat, der den vorhin erwähnten Ereignissen folgte, wurde auf's Beste benützt, so daß in diesem kurzen Zeiträume für die Förderung von ColumbuS' großem Plane mehr fördernde Schritte geschahen, als in den stebenzehn langen Jahren, welche die Bemühungen und Gedanken des Genuesen vorher in Anspruch genommen hatten. Aber ungeachtet des Einflusses, welchen die PinzonS auf die Gegend übten, bestand doch noch in dem Innern der Gemeinde, welche die erforderlichen Fahrzeuge liefern sollte, eine kräftige Opposition. Die Pinzon'sche Familie hatte ebensogut ihre Widersacher als ihre Freunde, und wie bei den meisten menschlichen Unternehmungen bildeten sich auch hier zwei Parteien, von denen die eine ebenso geschäftig war, die Plane des Seefahrers zu vereiteln, als die andere sie zu fördern suchte. Einem königlichen Befehle zu Folge war ein Fahrzeug bereits für den Dienst mit Beschlag belegt worden, und seine Eigenthümer warfen sich zu Führern der mißvergnügten Partei auf. Dem Gebrauche jener Zeit zu Folge hatte man ferner viele Matrosen für diese außerordentliche und ge- heimnißvolle Reise gepreßt, und natürlich traten auch diese nebst ihren Freunden in die Reihen der Unzufriedenen. Man fand, daß viele der wichtigsten Arbeiten nur halb verrichtet wurden, und wenn die ArbeitSlente sich aufgefordert sahen, solche Fahrlässigkeiten zu verbessern, gingen sie in Masse davon. Als die Zeit der Abreise herannahte, wurde der Zwist immer heftiger, und selbst die PinzonS mußten die schmerzliche Erfahrung machen, daß Viele, welche sich freiwillig angcboten hatten, ihr Geschick zu theilen, zu Wanken begannen—daß Manche sogar auf's Entschiedendste zurückgetreten waren. Dieß war der Zustand der Dinge gegen den Schluß des Monats Juli, als Martin Alonzo Pinzon wieder im Kloster Santa 220 Maria de la Rabida einsprach, wo ColumbuS, wenn seine Zeit nicht durch die unmittelbare persönliche Beaufsichtigung der Zurüstungen in Anspruch genommen war, sich gewöhnlich aushielt, und wo auch Luis de Bvbadilla, welcher sich bei dem gegenwärtigen Stande der Angelegenheiten in Nichts nützlich machen konnte, manche schleppende Stunde in Sehnsucht nach Thätigkeit und in Gedanken an die Lieblichkeit, die Treue und die übrigen Tugenden der Donna Mercedes de Valverde zubrachte. Fray Juan Perez gab sich alle Mühe, der Ausführung der Plane seines Freundes Vorschub zu leisten, und es war ihm auch in der That gelungen, die weniger Hellen Köpfe seines Klosters wenigstens in Verbreitung ihrer beeinträchtigenden Meinungen vorsichtiger zu machen, wenn er auch nicht ganz verhindern konnte, daß man sich mit solchen trug. Als ColumbuS und der Prior vernahmen, daß Sennor Pinzon eine Unterredung begehre, wurde er ohne Verzug vorgelassen. Da die für die Abreise festgesetzte Zeit immer näher rückte, trat die Wichtigkeit der Dienste dieses Mannes stets mehr an'S Licht, und Beide wußten wohl, daß selbst der königliche Schutz Jsabellens in diesem Zeitpunkte und an diesem Orte gegen die Dienste, welche jener thätige Seeman leistete, wenig in Betracht kam. Sennor Pinzon durfte daher nicht lange auf eine Audienz warten, und wurde, sobald sein Gesuch angemeldet war, in das Zimmer geführt, wo sich der eifrige Franziskaner gewöhnlich aufhielt. „Du bist sehr willkommen, würdiger Martin Alonzo," rief der Prior, sobald er seines alten Bekannten ansichtig wurde. „Wie geht'S zu Palos und wann werden wir einmal das heilige Unternehmen der Ausführung entgegen gehen sehen?" „Beim heiligen Franziskus, hochwürdiger Prior! das ist mehr, als irgend Jemand mit Sicherheit beantworten kann. Ich habe schon oft geglaubt, wir sehen auf dem besten Wege, bald abzufahren, und immer traten wieder unvorhergesehene Schwierigkeiten dazwischen. Die Santa Maria, an deren Bord der Admiral und 221 der Sennor Gutierrez oder de MunnoS — wenn er lieber so will, sich einzuschiffen gedenken, ist jetzt in segelfertigem Stande. Sie kann wohl als ein tüchtiges Fahrzeug gelten, da sic etwas über hundert Tonnen Last führt, so daß ich immerhin glaube, Seine Ercel- lenz und die wackern Cavaliere, die ihn etwa begleiten, werden so behaglich darin sitzen, als die frommen Mönche von la Ra- Lida in ihrem Kloster — um so mehr, da diese gute Caravele ein Deck hat." „Das ist in der That eine gute Botschaft," rief der Prior, sich vergnügt die Hände reibend — „und das vortreffliche Fahrzeug hat wirklich ein Deck? Sennor Admiral, Du wirst Dich vielleicht nicht gerade in einem Schiffe befinden, das Deines hohen Zieles ganz würdig ist, aber doch wird es Dir im Ganzen Sicherheit und Bequemlichkeit gewähren, besonders, wenn man dieses zweckmäßige und schützende Deck in'S Auge faßt." „Weder meine Sicherheit noch meine Bequemlichkeit kommen in Betracht, Freund Juan Perez, wenn es sich um so wichtige Dinge handelt. Es freut mich, daß Du diesen Morgen in'S Kloster gekommen bist, Sennor Alonzo, da ich im Sinne habe, durch einen Courier Briefe an den Hof zu schicken und deshalb die wahre Lage der Dinge vorher zu kennen wünschte. Du glaubst also, die Santa Maria werde zu Ende dieses Monats in einem für den Dienst geeigneten Stand sehn?" „Ja, Sennor! das Schiff ist mit dem gehörigen Fleiße zugerüstet worden und wird ganz bequem etliche sechzig Mann halten, wenn uns anders der Schreck, der die Narren von PaloS ergriffen hat, so viele zur Verfügung übrig läßt. Ich hoffe, die Heiligen blicken mit Wohlgefallen ans unsere Anstrengungen und werden unseres Eifers eingedenk seyn, wenn wir zu einer Bertheilung der Resultate dieses Unternehmens kommen, das in der Geschichte der Seefahrt nicht seines Gleichen hat." „Die Resultate, mein ehrenwerther Martin Alonzo, werden in 222 der Ausbreitung der Kirche Christi und der Verherrlichung Gottes bestehen," fiel der Prior bedeutungsvoll ein. „Ohne Zweifel, froinmcr Fray Juan Perez. Dieß ist das gemeinsame Ziel, obgleich ich denke, daß cS nichts Unerlaubtes für einen unverdrossenen Seemann ist, in bescheidener Unterordnung unter jenen erhabeneren Zweck auch an Weib und Kinder zu denken. Ich müßte mich in Scnnor Colon sehr täuschen, wenn er sich von diesem Besuch in Calhap nicht auch eines kleinen VortheilS in blankem Golde versteht." „Du täuschest Dich nicht in mir, mein wertster Martin Alonzo," crwiedcrte Columbus ernst. „Ich erwarte allerdings, als Erfolg dieser Reisen die Reichthümcr Indiens in CastilienS Cassen fließen zu sehen — und in der That hängt auch, wie ich glaube, die Wiedergewinnung des heiligen Grabes hauptsächlich von den materiellen Ergebnissen unserer gegenwärtigen Unternehmung ab, mein würdiger Prior." „Das ist alles recht, Sennor Admiral," fiel Martin Alonzo etwas hastig ein, und wird uns in den Augen aller Christen große Gunst gewinnen — besonders bei den München von La Rabida. Aber es ist schwer genug, die Matrosen deS Hafens zum Gehorsam gegen diesen königlichen Befehl zu bereden und sie zur Vollziehung ihrer Verbindlichkeiten gegen uns zu veranlassen, ohne daß wir nöthig haben, noch einen Kreuzzug zu predigen, der jedenfalls das beste Mittel ist, die Paar Maravedi, die sie etwa durch ihren Muth und ihre Waghalsigkeit gewonnen haben, wieder los zu werden. Die wackern Piloten Francisco Marlin Pinzon, mein eigener Bruder, Sancho Ruiz, Pedro Alonzo Ninno und Bartolemeo Noldan find zwar jetzt alle durch gesetzliche Bande fest an uns geknüpft; wenn sie aber in dem Ziele unseres Unternehmens einen Kreuzzug erblicken sollten, so würden alle Heilige im Kalender kaum Einfluß genug haben, um sic von einem Rücktritt abzuhalten." „Für diesen Zweck hat Niemand, als ich selber, eine eigentliche Verpflichtung," versetzte Columbus Whig. „Freund Alvnzo, seine Handlungen sind die Richter des Menschen und jedes Gelübde trägt die Verbindlichkeit zur Erfüllung in sich. Wer nichts verspricht, von dem wird nichts verlangt; aber es wird ihm auch nichts gegeben werden bei dem großen Rechnungsabschluß des menschlichen Geschlechtes. Doch, was bringst Du für Botschaft von der Pinta, Deinem eigenen Fahrzeug? Ist sie endlich in den Stand gesetzt, es mit dem atlantischen Meer anfzunehmen?" „ES ging hier — wie immer bei einem für den königlichen Dienst gepreßten Fahrzeug — schwer ans Werk, Sennor, und jene heitere Thätigkeit zeigt sich nicht, welche die Bemühungen derer, die freiwillig und für ihren eigenen Vortheil arbeiten, begleitet." „Die einfältigen Matrosen haben für ihr eigenes Beste gearbeitet, ohne es zu wissen," bemerkte ColumbuS. „ES ist stets die Pflicht des Unwissenden, sich der Leitung Einsichtsvollerer zu unterwerfen und für die Vortheile dankbar zu sepn, welche aus einem erborgten Wissen fließen, wenn es auch nicht mit ihren Wünschen im Einklänge steht." „Es ist so, in der That," fügte der Prior bei, „sonst würde sich der Dienst der Geistlichkeit auf sehr enge Gränzen beschränken. Glaube — Glaube an die Kirche — ch des Christen erste und letzte Pflicht." „Dieß scheint wohl vernünftig, vortreffliche Herren," entgegnete Alvnzo, obgleich eS dem Unwissende» schwer fällt, Dinge zu begreifen, die außer der Sphäre seines Verstandes liegen. Wenn ein Mensch meint, er sey zu einer ganz unerhörten TodeSart vernrtheilt, so ist er sicherlich nicht besonders geeignet, die Vortheile zu erkennen, die jenseits des Grabes liegen. — Demungcachtet ist die Pinta ihrem segelfertigen Zustande weit näher, als irgend eines unserer Fahrzeuge, und bereits bis auf den letzten Mann mit Schiffsvolk versehen, welches ich obendrein noch durch Contracte so fest zu ketten wußte, daß es vor Gericht nicht viel Streitens mehr geben wird." „Dann bleibt uns also nur noch die Ninna," fügte ColumbuS bei. „Ist diese vollends in Ordnung, und haben wir unfern religiösen Pflichten Genüge geleistet, so können wir endlich hoffen, das Unternehmen zu beginnen." „Das könnt Ihr, Sennor. Mein Bruder Vincente Punncz hat endlich eingewilligt, die Führung dieses kleinen Fahrzeugs zu übernehmen, und was ein Pinzon verspricht, das hält er auch. ES wird mit der Santa Maria und der Pinta segelfertig werden, und Cathay müßte in der That sehr weit weg liegen, wenn wir cS nicht mit dem einen oder dem andern unserer Schiffe erreichen sollten." „Das ist ja recht ermuthigend, Nachbar Alonzo," erwiederte der Mönch, vergnügt die Hände reibend, „und ich zweifle nicht, daß sich Alles machen wird. Was sagen jetzt die schaafsköpfigen Schwätzer von Moguer und den andern Häfen — hinsichtlich der Gestalt der Erde und der Wahrscheinlichkeit, ob der Admiral Indien erreichen werde?" „Ihr Geschwätz ist immer so eitel und einsichtslos, als sonst, Fray Juan Perez. Zwar gibt es in keinem der Häfen einen Matrosen, der nicht einräumte, daß die oberen Segel, obgleich sie die kleinsten sind, zuerst auf dem Meere gesehen werden, aber sie behaupten, dieß komme von den Bewegungen des Wassers, und nicht von der Form der Erde her." „Hat keiner von ihnen je den Schatten bemerkt, welchen die Erde bei MondSfinsterniffen wirft," fragte ColumbuS in seiner ruhigen Weise, obgleich er, während er diese Frage stellte, wie ein Mann lächelte, der eine Naturerscheinung tief ersaßt hat und sie sorglos als einen der augenfälligste» Beweise Leuten, welche nur an der Oberfläche zu kleben pflegen, vorlegt. „Sahen sie nicht, daß dieser Schatten rund ist und wissen sie nicht, daß ein runder Schatten auch nur von einem runden Körper geworfen werden kann?" „Dieß ist bündig, guter Martin Alonzo," fiel der Prior ein, „und muß die Zweifel des einfältigsten Schwätzers an der Küste 225 beschwichtigen. Sag' ihnen, sie sollen um ihre Häuser herumgehen und zusehcn, ob sic, wenn sie rechts anfangen und an der Wand fortlaufen, von der Linken her nicht zu derselben Stelle zursickkom- inen, von wo sie auSgegangen sind." „Ja, hochwürdiger Prior, wenn wir unsere weite Reise durch solche augenfällige Beispiele begreiflich machen konnten, so würde jedes Schaaf in Moguer und jeder Höfling von Sevilla das Geheimnis; einsehen; aber es ist zweierlei, ein Problem schön zu beweisen und Leute zu finden, die de» Beweis verstehen. Ich habe etwas der Art kürzlich dem Algnazil in PaloS begreiflich zu machen gesucht, und der würdige Sennor fragte mich, ob ich von dieser Reise über das kürzlich eroberte Granada zurückzukehren gedächte. Die leichteste Methode, einem solchen Bolke die Möglichkeit, daß Cathay durch eine Westfahrt erreicht werden könne, zu beweisen, wird eben darin bestehen, daß wir hingehen und wieder zurückkommen." „Und das soll in Bälde geschehen, Herr Martin Nlonzo," versetzte Colnmbus freudig. „Doch die Zeit unserer Abreise rückt näher und es ist in der Ordnung, daß keiner von uns die Pflichten der Religion verabsäume. Ich empfehle Dir Deinen Beichtvater, Sennor Pinzon, und hoffe, daß Alle, welche sich bei diesem großen Unternehmen betheiligen, mit mir zur heiligen Communion gehen, ehe wir den Hafen verlassen. Ich und Pedro de MunnoS werden diesem trefflichen Prior beichten, und ein jeder soll das Gleiche bet einem gewöhnlichen Bsrather und Ermahner thun." Nachdem ColumbuS in dieser Weise seine Absicht ausgesprochen hatte, vor seiner Abreise noch den Gebräuchen der Kirche den gebührenden Zoll der Ehrfurcht abzutragen — Gebräuche, die in jener Zeit selten vernachläßigt wurden — drehte sich die Unterhaltung noch eine Meile um die Einzelnheiten der Borbereitungen, worauf die Gesellschaft sich trennte. Einige Tage vergingen nun in größter Thätigkeit. Donnerstag Morgens, am zweiten August 1482 trat ColumbuS Donna MerccreS. 2te Ausl. IZ 226 im Gewände eines Büßers und mit ruhiger, andachtsvoller Miene, so daß es wohl in die Augen fiel, wie seine Gedanken nur auf seine Verirrungen und auf die Gnade Gottes gerichtet waren, in die Zelle deS Priors Juan Pecez. Der fromme Priester hatte ihn erwartet und der große Seefahrer kniete zu den Füßen dessen nieder, vor dem Jsabella in Vollziehung derselben feierlichen Handlung so oft gekniet hatte. Die Religion dieses außerordentlichen Mannes zeigte die Färbung der Gewohnheiten und Ansichten seiner Zeit, wie es in der That in höherem oder geringerem Grade allenthalben der Fall seyn muß. Seine Beichte trug daher jenes Gemisch von tiefer Frömmigkeit und sinnlosem Jrrthum, wie es der Psychologe in seinen Forschungen so oft zu finden pflegt. Die Wahrheit dieses Räthsels wird sich an den Tag stellen, wenn wir einige der Geständnisse dieses großen Seefahrers, wie er sie vor seinem geistlichen Berather ablegte, dem Leser vor Augen führen. „Dann fürchte ich, heiliger Vater," fuhr ColumbuS fort, nachdem er die alltäglichen Verirrungen der menschlichen Schwäche aufgezählt hatte, „daß meine Seele durch diese Reise zu sehr gehoben worden seyn möchte und daß ich mich vielleicht unmittelbarer als es die göttliche Weisheit beabsichtigt — für ein von Gott zu hohem Zwecke erkorenes Werkzeug halte!" „Das würde ein gefährlicher Jrrthum seyn, mein Sohn, und ich ermahne Dich, gegen die schlimmen Einflüsse der Selbstüberschätzung sorgfältig auf der Hut zu seyu. Es ist außer Zweifel, daß Gott seine Werkzeuge auserwählt, aber auch ein schrecklicher Jrrthum, die Eingebungen der Eigenliebe für Anregungen des göttlichen Geistes zu nehmen. Kaum dürfte eS für einen Mann, der nicht die Weihen der Kirche erhalten hat, gerathen seyn, sich je für ein erkorenes Gesäß zu halten." „Ich gebe mir Mühe, die Sache in diesem Licht zu betrachten, frommer Mönch," antwortete ColumbuS demüthig, „und doch drängt mich etwas in meinem Innern zu diesem Glauben, mag es nun Täuschung seyn oder unmittelbar von Oben kommen. Ich bestrebe mich aber, Vater, dieses Gefühl zu unterdrücken, und biete Allem auf, eS eine Richtung nehmen zu lassen, durch welche der Name Gottes verherrlicht und das Wohl seiner sichtbaren Kirche gefördert werde." „Das ist ganz gut; aber doch halte ich cs für meine Pflicht, Dich vor allzugroßer Zuversicht auf diese inneren Anregungen zu warnen. So lange sie nur die Vermehrung Deiner Liebe zu dem großen Vater des Alls und die Verherrlichung seines Wesens im Auge haben, so kannst Du überzeugt seyn, daß sie aus der Quelle des Guten fließen; wenn sie aber auf Selbstüberhebung hinaus- gehen wollen, so meide die Versuchung als eine Anfechtung, die von dem großen Sündcnvater stammt." „Ich betrachte es so. Und nun da ich, soweit es an mir lag, treulich und aufrichtig mein Gewissen erleichtert habe, Vater — darf ich auf den Trost der Kirche und ihre Lossprechung hoffen?" „Kannst Du Dich nicht noch auf etwas Anderes besinnen, mein Sohn, das vor Dem, welcher alle Gewissen kennt, nicht geheim gehalten werden darf?" „Meiner Sünden sind viele, frommer Prior, und sie können nicht zu oft oder zu streng gerügt werden; aber ich glaube, daß sie alle in den Hauptpunkten, welche ich mir ins Gedächtniß zurückzurufen bemüht war, eingeschloffen sind." „Hast Du Dir nichts hinsichtlich des Geschlechts zur Last zu legen, welches der Teufel eben so oft zu seinen bösen Lockungen benützt, als die Engel es gerne für den Dienst der Gnade verwenden möchten?" „Ich habe als Mensch gefehlt, Vater; aber habe ich nicht bereits diese Sünden gebeichtet?" „Hast Du auch an Donna Beatriz Enriquez gedacht — und an Deinen Sohn Fernando, der in diesem Augenblick in unserem Kloster von La Rabida weilt?" 228 Columbus beugte sein Haupt in Ergebung, und der schwere, einem Stöhnen ähnliche Seufzer, der sich aus seiner Brust rang, verrieth das ganze Gewicht seiner augenblicklichen Zerknirschung. „Du hast Recht, Vater; das ist eine Sünde, die ich nicht vergessen darf, so oft sie auch gebeichtet haben mag. Lege mir die wohlverdiente Buße auf, und Du wirst sehen, wie ein Christ sich beugen und die Ruthe küssen kann, deren Züchtigung verdient zu haben er sich bewußt ist." „Die Kirche verlangt nichts weiter, als diesen Geist der Unterwerfung, und Du hast Dich einem für ihre Interessen zu wichtigen Dienste geweiht, um wegen unbedeutenderen Rücksichten von Deinen großen Planen abgezogen zu werden. Aber ein Diener des Altars darf der Sünde nicht durch die Finger sehen. Du wirst um dieser großen Verfehlung willen zum Wohle Deiner Seele die nächsten zwanzig Tage täglich ein Paternoster beten; nach dieser Zeit entbindet Dich die Kirche dieser besondern Verpflichtung, da Du Dich dann dem Lande Cathap nähern wirst und vielleicht genöthigt bist, alle Deine Gedanken und Anstrengungen diesem Zwecke zuzuwenden." Der würdige Prior fuhr nun fort, ihm mehrere leichte Büßungen, von denen sich die Meisten auf eine mäßige Vermehrung der täglichen Gebete beschränkten, vorzuschreiben, und ertheilte dann dem Seefahrer die Absolution. Die Reihe kam alsbald an Luis, und der Prior lächelte meh- reremale unwillkührlich, als er die Beichte dieses heißblütigen und ungestümen Jünglings vernahm, dessen Worte unwiderstehlich die Gedanken des Priesters zu den demüthigen, natürlicheren und sanfteren Geständnissen der reinherzigen Mercedes zurückführten. Di- dem Jüngling aufgelegte Buße war nicht ganz ohne Strenge, obgleich Don Luis,, der nicht allzuoft zu beichten Pflegte, im Ganzen mit der Art seiner Lossprechung wohl zufrieden war, wenn er die Länge der Rechnung, die er abzulegen hatte, und das gegen ihn in der Wagschale liegende Gewicht betrachtete. 229 AIS unsere zwei Hauptabenteurer sich dieser kirchlichen Pflicht entledigt hatten, erschienen Martin Alonzo Pinzon und die übrigen bei der Fahrt betheiligten Matrosen, um vor verschiedenen Priestern die üblichen Sündenbekenntnisse abzulegen. Dann folgte eine Scene, die sehr bezeichnend für den Charakter jener Zeit war und die unter allen Verhältnissen passend und eindrucksvoll für Leute sehn mußte, welche sich einem Unternehmen von so zweideutigem Erfolge zu unterziehen gedenken. In der Kapelle des Klosters wurde ein Hochamt gehalten, und Columbus cmpsing die geweihte Hostie aus Frag Juan Perez'S Händen in demüthigem Vertrauen auf die allwalteudc, göttliche Vorsehung und in frommer Hingebung an ihren mächtigen Schutz. Alle Theilhaber an der Unternehmung ahmten dem Beispiele des Admirals nach und begingen mit ihm die Communion; denn in jener Zeit hatten die spitzfindigen Doktrinen des Menschen noch nicht angefangen, den Glauben und die Gebräuche der früheren Kirche so weit über den Haufen zu werfen, daß der Ritus für den Zweck der Religion selbst gegolten hätte, und man war damals noch zufrieden, ihn nur als ein Mittel zu betrachten. Mancher rohe Seemann, dessen gewöhnliches Leben — ferne davon, heilig zu sehn, vielleicht sogar der strengsten Rüge Werth war, kniete an diesem Tage in dewüthiger Gvttergebcnheit und mit Gefühlen, die ihn wenigstens für den Augenblick den Weg der Gnade führten, vor dem Altäre, und es würde vermessen sehn, anzunehmen, daß das allwissende Wesen, welchem diese Huldigungen galten, nicht mit Erbarmen seine Unwissenheit betrachtete und sogar in Mitleid auf seinen Aberglauben blickte, Man spottet der Gebete derer, welche sich in Gefahr befinden, ohne zu bedenke», daß auch sie eine Demüthigung vor der Macht Gottes sind, und gerne bilden wir uns ein, daß solche Ergüsse der Andacht nur leerer Schein sehen, weil der Sinn des gewöhnlichen Lebens sich nicht immer auf dieselbe Stufe der Reinheit und Gottergebenheit hebt. Wir thäten 230 aber besser, uns der gemeinsamen Gebrechlichkeit unseres Geschlechtes zu erinnern, zu bedenken, daß Niemand vollkommen ist und stets im Gedächtnisse zu behalten, daß das Wesen, welches die Herzen prüft, demüthige Gebete wohlgefällig hinnimmt, selbst wenn sie von solchen kommen, die nicht immer nach seinen Geboten wandeln. Solche vorübergehende fromme Regungen sind nicht minder Werke des göttlichen Geistes, da das Gute aus keiner andern Quelle stießen kann, und es ist eben so unvernünftig als vermessen, anzunehmen, daß die Gottheit durchaus keine Rücksicht nehme aus die Wirkungen ihrer eigenen Gnade, mögen sie auch noch so unbedeutend erscheinen. Wie auch immer die Stimmung der meisten dieser Abendmahlsgenossen bei der gegenwärtigen Gelegenheit gewesen seyn mag, — so viel ist gewiß, daß an diesem Tage vor dem Altäre von La Ra- bida in der Person des großen Seefahrers ein Mann kniete, der, so weit ein menschliches Auge etwas der Art zu bcurtheilen vermag, in tiefer Ergebung gegen die heiligen Lehren der Religion zu lebe» strebte und allen ihren Gebräuchen eine unwandelbare Achtung zollte. ColumbuS war kein Frömmler im strengen Sinne des Worts, aber eine ruhige tiefwurzclndc Begeisterung, welche das höchste Ziel des Christenthums zur Richtschnur hatte, durchdrang sein ganzes inneres Leben, und erinnerte ihn fortwährend an den Aufblick zu der schützenden Vaterhand Gottes, wenn er Hülse bedurfte. Wir haben bereits des hohen Zieles erwähnt, das er sich für die Zukunft gesteckt hatte, und es ist keinem Zweifel unterworfen, daß er sich selbst für ein von der Vorsehung besonders erwähltes Werkzeug betrachtete, um die große Entdeckung, welche seinen Geist so anhaltend beschäftigte, auszuführen, und noch andere spätere Zwecke derselben in Vollzug zu setzen. Wenn wir aber annehmen, daß eine allwaltende Macht die Ereignisse dieser Erde leite — kann man dann wohl behaupten, daß diese innige Ueberzeugung Colon'S, welche sich durch den Erfolg so schön 231 gerechtfertigt hat, eine irrige war? Ein Beweis von der Innigkeit seines Glaubens ist der ihm entsprossene Mnth, der ihn aufrecht erhielt und immer vorwärts trieb: denn unter solchen Umständen konnte nichts wahrscheinlicher sepn, als daß die ernste Zuversicht zu der eigenen Bestimmung eines der Mittel werden mußte, dessen sich eine höhere Macht bediente, um den Mann, den sie für ihre Zwecke erwählt hatte, auch zu Ausführung derselben zu kräftigen. Sch dem übrigens, wie ihm wolle — jedenfalls unterliegt es keinem Zweifel, daß Colon die Gebräuche der Kirche bei dem genannten Anlässe mit dem innigsten Vertrauen auf die Wahrheit keiner Sendung und mit den glänzendsten Hoffnungen eines glücklichen Erfolges vollzog. Bei seinen Reisegefährten war der Fall nicht der gleiche. Ihre Gemüther wankten mehr und mehr, je weiter die Vorbereitungen voran schritten, und in dem letzten Monate sah man sie bald die Abreise mit Eifer betreiben, bald wieder sich mit Zweifeln und Bedenklichkeiten quälen. Sie ergingen sich wohl hin und wieder in glänzenden Hoffnungen, aber doch war wohl im Allgemeinen der Kleinmuth vorherrschend, und dieß um so mehr, wenn die Befürchtungen der Mütter, der Weiber und derer, welche mit eben so großem, wenn auch nicht offen eingestandcnem zärtlichem Interesse an den Seeleuten hingen, das Gewicht ihres eigenen Mißtrauens vermehren halfen. Gold war ohne Zweifel das große Ziel ihrer Wünsche, »nd es gab Augenblicke, wo Bilder unerschöpflicher Minen und orientalischer Schätze vor ihrer Einbildungskraft schwammen: in solchen Stunden freilich konnte Niemand an diesem ge- heimnißvollen Unternehmen eifriger Mitwirken, oder sich bereitwilliger zeigen, Leben und Hoffnungen an das Ergebniß desselben zu setzen. Doch das waren nur flüchtige Eindrücke. Der Kleinmuth war, wie bereits gesagt, das vorherrschende Gefühl unter denen, welche sich nun bald einschiffen sollten, und trug das Seinige dazu bei, die Andacht der Nachtmahlsgenoffen zu erhöhen. 232 indem er ein Düster über den geheiligten Ernst des Alters warf, welches schwer auf de» Herzen der Meisten der Versammelten lastete. „Unser Volk scheint nicht besonders frohen MutheS zu sepn, Sennor Admiral," sagte Luis, als die Versammlung die Klostercapelle verließ, „und es wäre, aufrichtig gesprochen, wohl zu wünschen, daß Alle mit heiteren Herzen und lachenden Gesichtern an ein so großes Unternehmen gingen." „Glaubst Du wohl, junger Graf, daß das lachendste Gesicht zugleich auch der Abglanz des festesten Geistes sep, oder daß sich in dem Ernste der Züge die Schwäche des Herzens ausspreche? Diese ehrlichen Matrosen denken an ihre Sünden und wünschen ohne Zweifel ein so heiliges Unternehmen lieber durch ihre Sehnsucht, dem Willen Gottes zu gehorchen, zu läutern und noch würdevoller zu machen, als es durch die Verderbtheit ihrer Herzen zu besudeln. Ich hoffe, Luis," — der tägliche Verkehr hatte Colum- buS eine Art väterliche Theilnahme für das Wohl des junge» Granden eingeflößt, welche den Abstand des Ranges zwischen Beiden ausglich — „ich hoffe, Luis, Du fühlst auch etwas von diesem Verlangen in Deiner Seele." „Bei St. Pedro, meinem neuen Namenspatron, Sennor Admiral , ich denke bei der ganzen Sache mehr an Mercedes de Valverde, als an etwas Anderes. Sie ist mein Polarstern, meine Religion, mein Cathay. Gebe einmal an'S Werk, in'S Himmels Namen, und entdecke, was Du willst, sey es Cipango oder das fernste Indien; zupfe den Bart des Groß-Khans auf seinem Thron, und ich werde stets mit meiner armen Lanze und meinem unbedeutenden Schwerte in Deinem Gefolge seyn. Ich will schwören, daß die Jungfrau von Castilien nirgend ihres Gleichen habe und den ganzen Osten durchsuchen, nur um aller Welt in'S Angesicht zu beweisen, daß sie die Allerherrlichste ist, von welchem Theile der Erde aus man auch ihre Ansprüche streitig machen möchte." 233 Obgleich ColumbuS ernste Züge sich bei diesem Wortschwalle ein wenig erheiterten, so hielt er es doch für geeignet, den Geist, welchem derselbe entsprossen war, zu tadeln. „ES thut mir leid, mein junger Freund," sagte er, bemerken zu müssen, daß Du nicht die Gefühle hegst, welche einem Manne ziemen, der sich, so zu sagen, bei einem vom Himmel selbst gebotenen Werke betheiligt. Vermagst Du die lange Kette mächtiger und wunderbarer Ereignisse nicht vorauszusehen, welche dieser Reise wahrscheinlich folgen werden? — Die Verbreitung der Religion durch die Kirche — die Eroberung ferner Reiche und die Unterwerfung derselben unter den Scepter Castiliens — die Feststellung bestrittener Punkte in Philosophie und Wissenschaft — die Gewinnung unerschöpflicher Reichthümer und dann die letzte und würdevollste Folge von Allem, die Befreiung des heiligen Grabes aus den Händen der Ungläubigen?" „Ohne Zweifel, Sennor Colon — ohne Zweifel; ich sehe das Alles, aber im Vordergründe steht mir immer Donna Mercedes. Was kümmere ich mich um Gold, das ich bereits besitze, oder bald besitzen werde — mehr als ich nöthig habe. Was will ich von der Erweiterung der castilischen Macht, da ich nie König seyn werde; und was das heilige Grab anbelangt, — gebt mir nur Mercedes, und ich bin bereit, mit dem stolzesten Ungläubigen, der je einen Turban trug, sey es in diesem oder irgend einem andern Kriege, meine Lanze zu brechen. Kurz, Sennor Admiral — führt uns von hinnen, und wenn wir auch mit verschiedenen Absichten und Hoffnungen an'S Werk gehen, so führen sie uns doch ohne Zweifel zu demselben Ziele. Ich fühle, daß Ihr in diesem großen und edlen Entwürfe Unterstützung nöthig habt, und es ist gleichgültig, was mich in Euer Gefolge führt." „Du bist ein tollköpfiger Knabe, Luis, dem man seinen Willen lassen muß, wäre es auch nur um der holden Jungfrau willen, welche alle Deine Gedanken einzunehmen scheint." 234 „Ihr habt sie gesehen, Sennor, und könnt sagen, ob sie nicht würdig ist, die Herzen aller Jünglinge von Spanien zu erfüllen." „Sie ist schön, tugendhaft, edel, und eine eifrige Göunerin unserer Reise; dieß sind lauter seltene Tugenden, daher man Dir Deine Begeisterung für sie wohl verzeihen kann. Aber vergiß nicht, daß Du, um sie zu gewinnen, zuerst Cathay zu Gesicht bekommen mußt." „Ihr meint doch wohl in der Wirklichkeit, Sennor Admiral? denn das Auge meines Geistes sieht schon jetzt fast nichts anderes: Mercedes steht an dem User und heißt mich lächelnd willkommen — ja, beim heiligen Paul, bisweilen winkt sie mir mit einem Lächeln, das die Seele mit seinem Zauber erglühen macht, obgleich die Bescheidenheit, die aus ihrem Blicke spricht, wieder Alles zur Ruhe verweist. Die heilige Jungfrau sende uns ja recht bald günstigen Wind, daß wir einmal aus diesem verdrüßlichen Flusse und dem langweiligen Kloster hcrauskommen!" Columbus erwiederte nichts, denn wenn er auch jede Rücksicht auf die Ungeduld eines Liebenden nahm, so wendeten sich doch seine Gedanken auf zu ernste Gegenstände, als daß ihn die Thorheiten eines verliebten Träumers auf die Dauer hätten unterhalten können. Dreizehntes Kapitel. Zapda klaget nicht allein — Nein, jedes Auge weint um ihn In der Alhambra Prachtpalast, Und um den Quell von Albaicin. Bryant. Der Augenblick der Abreise kam endlich heran. Der Genuese hatte ihn so lange schon herbeigesehnt; aber jetzt waren auch die kummervollen Jahre der Entbehrung, der Vernachlässigung und der Vertröstung vergessen, oder kehrten doch, wenn sie sich in irgend einer Weise dem Gedächtniß aufvrängten, nicht mehr mit der Bitterkeit getäuschter Hoffnung zurück. Der Seefahrer sah sich endlich im Besitze der Mittel, den ersten großen Zweck, für den er die letzten fünfzehn Jahre verlebt hatte, zur Ausführung zu bringen, uud durfte sich für die Zukunft mit der Hoffnung schmeicheln, den Erfolg des gegenwärtigen Wagnisses zu einer Sprosse der Leiter zu machen, welche ihn zur Wiedergewinnung des heiligen Grabes führen sollte. Während seine Umgebung mit Berwunderung auf die der Größe des Zieles so wenig angemessenen Mittel blickte, oder entmuthigt vor der anscheinenden Verwegenheit eines Unternehmens zurückbebte, das den Gesetzen der Natur Hohn zu sprechen und den Absichten der Vorsehung Trotz zu bieten schien, wurde er, je näher die Zeit der Abfahrt kam, immer ruhiger, und seine Seele kannte nur das Gefühl eines innigen, aber gehaltenen Entzückens. Fray Inan Perez flüsterte Don Luis zu, wie er die Freude des Admirals am besten mit der geläuterten Wonne eines Christen vergleichen könne, der im Begriff sey, eine Welt voll Leiden zu verlassen, um zum Genuß einer zwar unbekannten, aber dennoch gewissen beseeligenden Ewigkeit hinüber zu gleiten. Anders verhielten sich jedoch die Gemüther der meisten Einwohner von PaloS. Die Einschiffung fand am Nachmittag des zweiten August'S statt, denn es war die Absicht der Piloten, die Schiffe an demselben Tage noch zu einem Punkt über der Stadt Huelva zu führen, von wo aus man besser absegeln konnte, als wen» er vor PaloS geankert worden wäre. Die Entfernung war zwar nur unbedeutend, aber sie war doch der Anfang der Reise, und diese kurze Bewegung schon erschien Vielen als ein Riß in die Faden ihres Lebens. Co- lnmbuS hatte noch einen Brief an den Hof zu senden und andere wichtige Obliegenheiten zu vollziehen, und war daher einer der Letzten, welche sich an Bord begaben. Als er das Kloster verlassen hatte, schlug er, von Luis und dem Prior begleitet, den Weg nach dem Ufer ein. Sie gingen schweigend neben einander her, denn 236 alle drei waren in tiefes Nach sinnen verloren. Dem vortrefflichen Franziskaner war die Unternehmung früher niemals so gefährlich und ungewiß vorgekommen »nd Columbus dachte an die Einzelnheiten der Vorbereitungen, während Luis' Geist bei der Jungfrau von Castilien, wie er Mercedes zu nennen pflegte, weilte, und der vielen schleppenden Tage gedachte, welche noch entschwinden mußten, ehe er sie wieder zu sehen hoffen durste. Sie hielten an einer Stelle des Ufers, die etwas von den Häusern abgelegen war, und harrten der Ankunft eines Bootes. Hier wollte sich Fray Inan Percz von den Abenteurern verabschieden. Das lange Schweigen der Männer war eindrucksvoller gewesen, als nur irgend Worte seyn konnten, aber jetzt mußte es unterbrochen werden. Der Prior war aüi's tiefste ergriffen, und es währte einige Zeit, bis er wieder seiner Stimme Herr wurde. „Sennor Christoval!" begann er endlich, „es sind nun schon Viele Jahre, seit Du Dich zum ersteumale an drin Thore von Santa Maria de La Rabida zeigtest — sie sind für mich Jahre der Freundschaft und der Freude geworden." „Es sind sieben volle Jahre, Fray Juan Perez," erwiederte ColumbuS — „sieben mühevolle Jahre, wenn ich denke, wie ich mich als Bittsteller umtreiben mußte — Jahre der Freude, Vater, in allem, was auf Dich Bezug hat. Glaube nicht, daß ich je der Stunde vergessen werde, als ich mit meinem Diego arm, heimath- los und zu Fuß anhielt, die Mildihätigkeit des Klosters um eine Erfrischung anzusprechen. Die Zukunft ist in der Hand GotteS, aber die Vergangenheit ist hier eingegrabcn" — er legte hiebei die Hand an's Herz — „und wird sich nimmer daraus verwischen kaffen. Du bist mein beharrlicher Freund gewesen, frommer Prior, und zwar zu einer Zeit, wo man keine Ehre davon hatte, den namenlose» Genuesen zu begünstigen. Sollte sich die Meinung der Leute über mich je ändern —" „Ah! Sennor Admiral! sie ist bereits geändert," fiel der Prior 237 hastig ein. '„Stehst Du nicht im Dienste der Königin? unterstützt nicht Don Fernando Deine Sache? begleitet Dich nicht dieser junge Eole, obgleich er seinen Namen noch nicht genannt wissen will? folgen Dir nicht die Wünsche aller Gelehrten? und begleiten Dich nicht bei der großen Reise, die Du jetzt antrittst, unsere Hoffnungen mehr, als unsere Besorgnisse?" „Was Dich anbelangt, lieber Juan Perez, so mag das wohl der Fall sestn. Ich fühle, daß Deine besten Wünsche — ich weiß, daß Deine Gebete uns folgen werden. Aber, einen kleinen Zirkel ausgenommen, werden nur Wenige in Spanien mit Achtung oder Hoffnung an Colon denken, wenn er auf der großen Oede deS Weltmeers dahin schwimmt. Ja ich fürchte, daß selbst in diesem Augenblicke, wo wir die Mittel haben, die Wahrheit unserer Theorien zu erweisen, und so zu sagen an der Schwelle der großen Thüre stehen, welche uns Indien aufthut, nur Wenige an die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges glauben." „Du hast Donna Jfabekla auf Deiner Seite, Scnnor." „Und Donna Mercedes," fiel Luis ein — „meiner entschiedenen und aufrichtig gesinnte» Tante gar nicht zu gedenken." „Ich brauche zu Entscheidung dieser Frage nur wenige kurze Monate, meine Herren," entgegnete Colnmbus, der mit entblößtem Haupte das Antlitz gen Himmel wandte, während seine grauen Haare im Winde wehten, und sein Auge von begeisterter Glut leuchtete — „nur wenige kurze Monate, die dem Glücklichen unbeachtet hinschwinden und die auch der Elende erträglich finden mag, die aber uns wie ein Menschenalter Vorkommen werden. Prior, ich habe oft den Strand verlassen und gefühlt, daß ich mein Leben einsetze, indem ich unter den Gefahren des Meeres eben so gut den Tod, als eine glückliche Rückkehr erwarten mußte. Aber in diesem glorreichen Augenblick ist alles Bangen entschwunden, denn ich weiß, daß mein Leben in Gottes Hut ist und fühle, daß seine Weisheit den Erfolg krönen wird." 238 „Das sind tröstliche Gefühle in einem so ernsten Augenblicke, Sennor, und ich wünsche demüihig, daß der Erfolg sie rechtfertigen möge. Aber dort ist Dein Boot; wir müssen uns jetzt trennen. Sennor, mein Sohn, Du weißt, daß mein Geist Dich bei dieser mächtigen Unternehmung begleitet." „Frommer Prior, gedenke meiner i» Deinen Gebeten, denn meine Schwäche bedarf einer solchen Unterstützung. Ich verspreche mir viel von der Wirksamkeit Deiner Fürbitte, wie auch der Deiner frommen Brüderschaft. Du wirst einige Messen für »ns lesen." „Zweifle nicht daran, mein Frennd. Alles was La Nabida unter Beihülfe der gesegneten Jungfrau und aller Heiligen für Dich Ihun kann, soll ohne Unterlaß geschehen. Es ist dem Menschen nicht gegeben, Dinge vorauSznsehen, welche allein unter der Leitung der Vorsehung stehen, und obgleich mir diese Deine Unternehmung so vernünftig erscheint, daß ich nicht an ihrem Erfolge zweifle, so könnte sie doch fehlschlagen." „Sie kann nicht fehlschlagen, Vater. Gott hat sie so weit gefördert, und wird nicht zulasten, daß sie zu keinem Erfolge führe." „Wir können das nicht wissen, Sennor Colon. Unsere Weisheit ist nur wie das Senfkorn unter dem Sand dieser Küste, in Vergleichung mit seinen uncrforschlichen Planen. — Ich wollte sagen, daß Du vielleicht als ein getäuschter hoffnungsloser Mann zu- rückkchrst, aber Du wirst da« Thor von Santa Maria immer für Dich offen finde», denn in unseren Augen ist das edle Streben eben so verdienstlich, als in den Augen der meisten Anderen das Erringen." „Ich verstehe Dich, frommer Prior, und dieser Beweis Deiner Freundschaft erfüllt mein Herz mit nicht geringerer Dankbarkeit, als der Becher und Bissen, den ihr dem kleinen Diego bescheertet. Doch ich möchte nicht ohne Deinen Segen scheiden." „So knie nieder, Sennor, denn nicht Juan Perez de Märchen», sondern der Diener Gottes und der Kirche wird in dieser 239 Handlung sprechen. Selbst dieser Sand wird keine unwürdige Stelle sehn, wenn es gilt, eine solche Wohllhat zu empfangen." Die Augen Kolumbus und des Priors schwammen in Thränen, und das Herz eines Jeden war in diesem Augenblicke von einem dieses feierlichen Moments würdigen Gefühle ergriffen. Der Seefahrer liebte den Mönch, weil er sich ihm zu einer Zeit als Freund erwiesen hatte, wo der Freunde wenige und selbst diese nur Furchtsame waren, und der würdige Ordensgeistliche fühlte gegen Kolumbus jene Zuneigung, welche man gerne gegen Diejenigen, denen man Wohlthaten erwiesen hat, unterhält. Auch wußten stc gegenseitig ihre Grundsätze zu achten und zu schätzen, wobei ihre gemeinsame Verehrung der christlichen Religion ein weiteres Band der Einigung bildete. Kolumbus kniete aus dem Sande nieder und empfing den Segen seines Freundes mit der demülhigen Unterwürfigkeit des Glaubens, ja fast mit jenem Gefühle der Ehrfurcht, wie es das Herz eines frommen Sohnes durchdringt, wenn er die SegenSworte eines theuren Vaters vernimmt. „Und auch Du, junger Herr," fuhr Fray Juan Perez mit von Rührung gebrochener Stimme fort, „auch Du wirst nicht schlimmer fahren, wenn der Segen eines alten Priesters Dich begleitet." Trotz des Ungestüms seiner Gefühle und der leichtfertigen Neigungen seiner Jugend hatte doch Luis, wie die Meisten jener Zeit, das Bild des Sohnes Gottes in sein Herz ausgenommen, und hegte eine hohe Achtung vor heiligen Dingen. Er kniete daher ohne Zögern nieder und horchte aus die zitternden Worte des Priesters mit dankbarer Verehrung. „Lebe wohl, frommer Prior," sagte Kolumbus, indem er die Hand seines Freundes drückte. „Du hast mir Freundschaft erwiesen, wo Andere sich ferne hielten; aber ich hoffe zu Gott, daß der Tag bald kommen wird, da die, welche meinen Voraussagungen Vertrauen geschenkt haben, sich nicht mehr unbehaglich fühlen dürfen, wenn man meinen Namen nennt. Vergiß uns für einige kurze 240 Monate in allem Nebligen, nur nicht in Deinen Gebeten, und dann rechne auf Nachrichten, welche in der That Castilien auf einen Gipfel des Ruhmes bringen sollen, so daß diese Eroberung von Granada nur ein Ereigniß von vorübergehendem Interesse inmitten der glorreichen Negierung Ferdinand'S und Jsabella'S bilden wird." Er sagte dies nicht ruhmredend, sondern mit dem ruhigen Ernste eines Mannes, der eine vor der Meisten Augen verborgene Wahrheit so deutlich vor seiner Seele stehen sah, daß sie ihn mit einer Zuversicht erfüllte, welche in nichts hinter der schlichten Sinnenübcrzeugung des gewöhnlichen Menschen zurück blieb. Der Prior verstand ihn, und die in solcher Weise anSgedrückte Versicherung klang in dem Herzen des würdigen Franziskaners noch wohl- thätig nach, als sein Freund längst abgereist war. Sie verabschiedeten sich niit einer Umarmung. Mittlerweile hatte Colon'S Boot das Ufer erreicht. Als der Seefahrer langsam darauf zuging, eilte ein junges Weib wild an ihm und Luis vorbei, schlang, ohne ihre Gegenwart zu berücksichtigen, die Arme um einen jungen Matrosen, welcher das Boot eben verlassen hatte, um ihr entgegen zu gehen, und schluchzte eine Minute an seiner Brust in ununterdrückbarem Seelcnschmerze. „Ach, komm' mit, Pepe," sagte endlich das junge Weib rasch und mit traurigem Ernste, wie ein Weib zu sprechen Pflegt, wenn sie sich gerne überreden möchte, daß eine Weigerung unmöglich sey — „komm', Pepe, Dein Knabe hat nach Dir geweint, und Du hast diese Sache bereits viel zu weit getrieben." „Nein, Monika!" crwiedertc der Gatte mit einem Blicke auf Columbus, der bereits nahe genug war, um Alles zu hören — „Du weißt, daß es nicht mein Wunsch war, an dieser Fahrt, weiß Gott wohin, Theil zu nehmen. Ich würde mich auch gerne von ihr lvSmachen, aber die Befehle der Königin sind zu gewichtig für einen armen Matrosen, und so muß ich eben gehorchen." „Das ist thöricht, Pepe," erwiederte das Weib, indem sie 241 das WammS ihres Gatten faßte, um ihn vom Wasser wegzuztehen. „Es ist bereits genug an dem Geschehenen — genug, um mir das Herz zu brechen. Komm also und steh wieder nach Deinem Knaben." „Du bemerkst nicht, daß der Admiral in der Nähe ist, Monika. Wir behandeln ihn nicht mit der gebührenden Achtung." Die Verehrung, welche der Niedere stets dem Hähern zu zollen gewohnt ist, vcranlaßte das Weib inne zu halten. Sie blickte flehend auf ColumbuS; ihr schönes, dunkles Auge drückte beredt die Gefühle der Gattin und der Mutter aus, und endlich wagte sie es, den großen Seefahrer selbst anzureden. „Sennor," sagte sie hastig, „Ihr werdet wohl Pepe nicht länger brauchen. Er hat Euch die Schiffe nach Huelva bringen helfen, und nun rufen ihn Weib und Kind nach Hause." ColumbuS war durch das Benehmen des Weibes, welchem sich sogar etwas von dem Irrsinne des maßlosen Schmerzes beizumischen schien, gerührt und antwortete ihr weniger streng, als er in einem derartigen, bedenklichen Augenblicke, wo er Zeuge einer Aufreizung zum Ungehorsam wurde, bei anderen Gelegenheiten gethan haben würde. „Deinem Manne ist Ehre widerfahren, daß er zu meinem Gefährten bei dieser großen Reise erwählt wurde," sagte er. „Du würdest eher wie das Weib eines braven Matrosen handeln, wenn Du Dich über sein Glück freutest, statt es zu beklagen." „Glaube ihm nicht, Pepe! der Bose spricht aus ihm, um Dich ins Verderben zu locken. Er hat eine Gotteslästerung aus- gestoßen, und will das Wort des Herrn zum Lügner machen, indem er sagt, die Erde sey rund, und man könne nach Osten kommen, wen» man nach Westen steuert. Sichst Du denn nicht, daß er euch Alle, die er in Versuchung führt, ihm zu folgen, nur zu Grunde richten will?" „Und warum sollte ich dieß thun, gute Frau?" sagte der Admiral. „Was brächte es mir für einen Gewinn, Deinen Mann oder irgend eine» seiner Kameraden zn Grunde zu richten?" Donna MereeteS. 2le Ausl. IS 242 „Ich weiß eS nicht — ich kümmere mich nicht darum — Pcpe ist mein Alles, und er soll Euch nicht begleiten auf dieser tollen und gottlosen Fahrt. Es kann nichts Gutes bei einer Reise her- auskommen, die man damit anfängt, daß man das Wort Gottes Lügen straft." „Und was findest Du denn für besondere Uebel heraus, welchen man bei dieser Reise mehr als bei einer andern ausgesetzt seyn sollte, daß Du Dich so an Deinen Gatten hängst und Dich solcher Worte gegen einen Mann bedienst, der nur im Aufträge der Königin handelt? Du wußtest, als Du ihn heirathetest, daß er ein Matrose ist, und doch willst Du ihn abhalten, der Königin zu dienen, wie cs seinem Berufe und seiner Pflicht ziemt?" „Er mag gegen die Mauren, dis Portugiesen oder das Volk des fernen Englands ziehen; aber ich will nicht, daß er im Dienste des Fürsten der Fiusterniß reise. Warum sagt mau uns, di- Erde scy rund, Sennor, wenn uns doch unsere Augen überzeugen, daß sie flach ist? und wenn fie rund ist, wie kann ein Schiff, welches Tage lang an der Seite der Erde hinnnterfährt, wieder zurückkommen? Das Meer stießt nicht aufwärts, und eine Caravele kann keinen Wasserfall hinanschwimmen. Und wenn Du Monate lang in den endlosen Weltmeeren Dich umhergetrieben hast, wie wollt ihr, Du und die mit Dir sind, je wieder die Richtung auffinden, die man einschlagen muß, um wieder zu dem Orte der Ausfahrt zu gelange»? O Sennor! PaloS ist nur eine kleine Stadt, und wenn man sie einmal in einer solchen Gedankenverwirrung aus dem Gesicht verloren hat, so wird man sie nie wieder aussinden!" „So thöricht und kindisch dieses Gerede auch scheint," bemerkte Columbus, indem er sich ruhig gegen Luis wandte, „so ist es doch eben so vernünftig, als vieles, was ich während der letzten sechzehn Jahre aus dem Munde von Gelehrten anhören zu müssen verdammt war. Wenn einmal die Nacht der Unwissenheit den Gedanken 2L3 umschattet, so quält sich der Geist mit den thörichtsten und vermessensten Schreckbildern, die alle Gefahren, welche er in seinem Unverstand mit bekannten Naturerscheinungen in Verbindung bringt, noch hundertfältig überbieten. Ich will bei diesem Weibe den Einfluß der Religion versuchen, vielleicht gelingt es mir, ihre gegenwärtigen Ansichten über diesen Punkt aus Feinden in freundliche Verbündete nmznwandeln. — Monika!" redete er sie leutselig und vertraulich mit ihrem Namen an — „bist Du eine Christin?" „Heilige Maria, Sennor Admiral, was sollte ich denn anders scyn? Glaubst Du, Pepe würde ein Maurcnmädchen geheiraihet haben?" „So horch denn auf, und laß Dich belehren, wie wenig Dein Benehmen das einer Gläubigen ist. Der Maure ist nicht der einzige Ungläubige, sondern die ganze Erde seufzt noch unter ihrer Last und der Zahl ihrer Sünden. Die Sandkörner an dieser Küste sind nicht so zahlreich, als die Heiden in dem einzigen Königreich Ca- thay; denn bis jetzt hat Golt denen, welche auf die Vermittelung seines Sohnes vertrauen, nur einen kleinen Theil der Erde zuge- wiesen. Selbst das Grab des Erlösers befindet sich noch in den Händen der Ungläubigen." „Ich habe dieß gehört, Sennor, und es ist Sünd' und Schade um die Glaubensschwäche derjenigen, welche doch dem Gesetz zu gehorchen gelobt haben, daß einem so himmelschreienden Uebel noch nicht abgeholfen ist." „Hat man Dir nicht gesagt, daß dieß eine Weile das Schicksal der Welt sehn müsse, daß aber dann das Licht aufdämmern soll, wenn das Wort Gottes, wie der Schall der Trompeten, an das Ohr der Ungläubigen schlägt — und daß dann die Erde selbst nur ein weiter Tempel sehn wird, den das Lob Gottes, der Preis seines Namens und die Unterwerfung unter seinen Willen erfüllt?" „Sennor, die guten Väter von La Rabida und unsere eigenen Priester trösten »ns oft mit diesen Hoffnungen." 24L „Und hast Du kürzlich nichts gesehen, was diese Hoffnung cr- muthigen und Dich glauben machen könnte, daß Gott seines Volkes gedenke, und daß ein neues Licht über die Finsterniß Spaniens hereinzubrcchen beginne?" „Pepe, Seine Ercellenz mnß das letzte Wunder im Kloster meinen. Sie erzählen, man habe wirkliche Thränen von den Augen des Bildes der heiligen Maria fallen sehen, als sic auf das an ihrer Brust liegende Kind blickte." „Ich meine nicht dieß," unterbrach sie ColumbuS etwas streng, obgleich er, trotz des Mißvergnügens über die Anspielung auf ein Wunder, das seinem männlichen Verstände so verbraucht erschien, ein Kreuz schlug — „ich meine kein solches, unerwiesenes Wunder, welches wir glauben können oder nicht, bis cS durch das Ansehen der Kirche bestätigt ist. Kann Dir nicht Dein Glaubenseifer jenen Sieg der beiden Herrscher «orführen, in welchem sich die Macht GotteS, sofern sie zu Förderung deS Glaubens geübt wurde, den Gläubigen auf die augenscheinlichste Weise kund gegeben hat?" „Er meint die Vertreibung der Mauren, Pepe," rief das Weib, und ließ einen vergnügten Blick nach ihrem Gatten gleiten, „die kürzlich, wie ich höre, durch die Eroberung von Granada geglückt ist. Man sagt, Donna Jsabella sey im Triumph in diese Stadt eingezogen." „In dieser Eroberung siehst Du nur den Anfang der großen Ereignisse in unseren Zeiten. Granada hat jetzt seine christlichen Kirchen, und das ferne Cathay wird bald seinem Beispiele folgen. Das ist das Walten des Herrn, thürichteS Weib, und wenn Du Deinen Mann von diesem großen Unternehmen zurück hältst, so hinderst Du ihn, sich himmlischen Lohn zu erwerben, und machst Dich vielleicht, ohne eS zu wissen, zu einem Werkzeuge, welches statt Fluch, Segen über den nämlichen Knaben bringt, dessen Bild gegenwärtig Deine Gedanken mehr erfüllt, als das seines Schöpfers und Erlösers." 213 Das Weib schien verwirrt und blickte zuerst auf den Admiral, dann auf ihren Mann, bückte darauf ihr Haupt bis zur Erde, und bekreuzte sich andächtig. Als sie sich wieder aus ihrer Zerknirschung aufgerichtet hatte, wandte sie sich auf's Neue an Co- lumbus und fragte mit feierlichem Ernste: „Und Ihr, Sennor? wollt Ihr diese Reise in der Absicht und Hoffnung, Gott zu dienen, unternehmen?" „DaS ist mein Hauptziel, gute Frau. Der Himmel seh mein Zeuge, daß ich wahr rede. Möge meine Reise nur dann glückbringend sehn, wen» ich Dir die lautere Wahrheit sage." „Und auch Ihr, Sennor," sie wandte sich rasch an Luis de Bobadilla — „wollt auch ihr im Dienste Gottes diese ungewöhnliche Fahrt wagen?" „Wenn auch nicht auf unmittelbare» Befehl Gottes, meine gute Frau, so geschieht es doch auf das Geheiß eines Engels." „Ist es Dir auch so, Pcpe? Hat man uns also hintergangen, wenn man uns so viel Böses von dem Admiral und seinen schlimmen Beweggründen erzählte?" „Was hat man Dir denn erzählt?" fragte ColumbuS ruhig. „Sprich unverhohlen, Du hast nichts von meinem Mißfallen zu befürchten." „Sennor, Ihr habt so gut Eure Feinde als ein Anderer, und die Weiber, Mütter und Bräute von PaloS sind nicht müßig gewesen, ihren Gefühlen Luft zu machen. Zuerst sagen sie, Ihr seyd arm." „Das ist so wahr und offenkundig, gute Fra», daß eS fruchtlos wäre, es in Abrede zu ziehen. Ist Armuth in PaloS ein Verbrechen?" „Der Arme ist in dieser ganzen Gegend nur wenig geachtet, Sennor. Ich weiß nicht warum, denn mir kömmt'S vor, als sehen wir so gut wie die Nebligen; aber nur Wenige achten uns. Dann sagen sie, Ihr seyd kein Castilianer, Sennor, sondern ein Genuese." „DaS ist auch wahr. Ist dieß auch unter den Matrosen von Moguer ein Verbrechen, sie, die doch das Volk dieser stolzen Republik, das durch seine Thaten zur See so berühmt ist, zu würdigen wissen sollten?" „Ich weiß nicht, Sennor, aber Viele halten es für etwas sehr UnvorthcilhafteS, wen» man nicht zu Spanien und insbesondere nicht zu Castilien, dem Vaterlande der Donna Jsabella gehört, und wie könnte eS gleich ehrenvoll sehn, ein Genuese oder ein Spanier zu heißen? Mir wäre es lieber, Pepe führe mit einem Spanier, und zwar noch obendrein mit einem von PaloS oder Moguer." „Dein Grund ist sinnreich, wenn auch nicht richtig," erwiederte Columbus mit einem Lächeln — dem einzigen äußern Zeichen seiner Gefühle, „aber kann ein Mann, der arm und ein Genuese ist, nicht auch Gott dienen?" „Ohne Zweifel, Sennor, und ich denke besser von dieser Reise, seit ich Euren Beweggrund kenne und Euch selbst gesprochen habe. Aber es ist doch ein großes Opfer für ein Weib, ihren Mann an einer Reise Theil nehmen zu lassen, die man mit solchem Mißtrauen betrachtet — ihn, den Vater ihres einzigen Kindes." „Hier ist ein junger Edler, ein einziger Sohn, ein Liebender mit den ungestümsten Gefühlen, reich, angesehen und in der Lage, hinzugehen, wo er will, der sich nicht nur mit mir eingeschifft, sondern cs auch mit der Einwilligung, ja ich würde besser sagen, auf das Geheiß seiner Geliebten thut." „Ist das wahr, Sennor?" fragte das Weib lebhaft. „So wahr, meine gute Frau, daß ich meine schönsten Hoffnungen an diese Reise knüpfe. Sagte ich Dir nicht, daß ich auf das Geheiß eines Engels gehe?" „Ach! diese junge Herren haben verführerische Zungen; aber Sennor Aomiral — denn das ist doch Euer Titel— sie sagen noch außerdem, daß Euch diese Reise nur Ehre und Gut einbriugen könne, während sie Elend und Tod auf Eure Begleiter häufe. Sie mache Euch aus einem armen Unbekannten zu einem hohen Osficier der 247 Königin, und einige glauben sogar, daß die Venezianischen Galeeren nicht weniger schwer belastet sehn könnten, wenn Ihr mit ihnen auf hoher See zusammen träfet." „Und was kann Alles dieses Deinem Manne schaden? Ich gehe hin, wo er hingeht, theile seine Gefahren und setze wie er, mein Leben auf's Spiel, Wenn Gold bei dem Abenteuer zu gewinnen ist, so wird er nicht vergessen werden, und wenn uns durch unsere Gefahren und Wagnisse der Himmel näher gerückt wird, so kann Pepe nicht dabei verlieren. Bei der letzten großen Abrechnung, Weib, wird man uns nicht fragen, ob einer arm oder ein Genuese gewesen sey." „Dieß ist wahr, Sennor, aber doch kömmt es einem jungen Weibe schwer an, sich von ihrem Manne zu trennen. Wünschest Du wirklich mit dem Admiral auszufahren, Pepe?" „Es ist mir einerlei, Monika. Ich bin zum Dienste der Königin commandirt, und wir Seeleute haben nicht das Recht, ihr Ansehen in Zweifel zu ziehen. Nun ich Seine Exzellenz habe sprechen hören, kömmt mir aber die Sache nimmer so gefährlich vor." „Wenn diese Reise wirklich zum Dienste Gottes unternommen wird," fuhr das Weib mit Würde fort, „so sollst Du hinter keinem Andern Zurückbleiben, Pepe. Sennor, wolltet Ihr wohl meinem Manne erlauben, die Nacht noch bei seiner Familie zuzubringen, unter der Bedingung, daß er sich Morgen wieder an Bord der Santa Maria einstellt?" „Was habe ich für eine Sicherheit, daß diese Bedingung eingehakten wird?" „Wir Beide sind Christen und dienen demselben Gotte — sind durch denselben Heiland erlöst worden." „Dies ist wahr und ich will euch deßhalb vertrauen. Pepe, Du kannst bis morgen nach Hanse gehen; dann aber erwarte ich Dich auf Deinem Posten. Hier haben wir Ruderer genug ohne Dich." Die Blicke des Weibes sprachen Dank aus und Columbur 248 glaubte in ihrem edlen, einer Spanierin würdigen Benehmen und in ihrer stolzen Haltung eine Bürgschaft für die Erfüllung ihres Versprechens lesen zu können. Da noch einige Vorbereitungen gemacht werden mußten, ehe das Boot von der Küste abfahren konnte, gingen der Admiral und Luis einstweilen in ernster Unterhaltung an dem Strande auf und nieder. „Du hast hier ein Beispiel davon gesehen, was ich überwinden und erdulden mußte, nur um diese armseligen Mittel für die Ausführung der wohlwollenden Plane der Vorsehung zu erringen," bemerkte ColumbuS traurig, obgleich seinen Worten keinerlei Bitterkeit beigemischt war. „Es ist ein Verbrechen, arm — ein Genuese — oder etwas Anderes als das zu seyn, was wir nach den Begriffen unserer Beurtheiler und Herreu gerade seyn sollten. Aber cs wird ein Tag kommen, Conde de Llera, wo sich Genua keineswegs entehrt halten wird, daß es Christophoro Colombo das Leben gab, und wo Euer stolzes Castilien gerne diese Schmach mit ihm theilen möchte! Du weißt nur wenig, junger Herr, wie weit der Weg zum Ruhm und zu großen Thatcn ist: Du, den schon seine Geburt adelt und zum Herrn über große Besitzungen macht. Du stehst in mir einen bereits in den Jahren vorgerückten Mann, dessen Haare weiß sind von Alter und Leiden, und doch bin ich erst an der Schwelle des Unternehmens, welches meinem Name» einen Platz verschaffen wird unter den Männern, die Gott gedient uud das Wohl ihrer Mitmenschen gefördert haben." „Ist das nicht der gewöhnliche Weltlauf, Sennor? — Streben nicht Männer, deren Stellung ihren Verdiensten nicht entspricht, darnach, sich aus der Lage, welche die Natur ihnen angewiesen hat, empor zu heben, während diejenigen, welche das Glück durch ihre Altvordern begünstigt hat, sich oft gerne mit den Ehren begnügen, an deren Erwerbung sie keinen Antheil haben? Ich sehe hierin nichts, als die Natur des Menschen und den Gang der Erdendinge." „Du hast Recht, Luis, aber Theorie und Wirklichkeit sind gar 249 sehr von einander verschieden. Wir können woh! ruhig über Grundsätze räsoniren,deren praktische Anwendung aber viele Mühe kostet. Dein Wesen ist freimüthig und offen, junger Mann, nnd fürchtet weder den Spott des Christen noch die Lanze des Mauren, wie denn auch Dein Wort gegen Beide furchtlas und wahr sehn wird. Du bist selbst ein Castilianer. Glaubst Du wirklich, daß einer aus Deinem Königreich besser sey, als Jemand aus Genua?" „Gewiß nicht, wenn der Genuese Christoval Colon und der Castilianer nur Luis de Bobadiila ist, Sennor," antwortete der junge Mann lächelnd. „Du umgehst eine unumwundene Antwort — hegst auch Du irgend eine derartige Anficht, wie die, welche Pepe's Weib so offen ausgesprochen hat?" „Was wollt Ihr, Sennor Christoval! — Der Mensch ist in Spanien, in Italien wie in England der nämliche. Ist eS nicht seine Erbsünde, gut von sich selbst, und schlimm von seinem Nachbar zu denken?" „Ich möchte auf meine einfache und offen gestellte Frage die unumwundene Wahrheit hören, Luis." „Eine höfliche, ehrliche Antwort sollte man nicht für eine ausweichende nehmen. Wir Castilianer find demüthige und äußerst fromme Christen, weshalb wir uns für fehlerlos und die übrigen Menschenkinder für offenkundige Sünder halten. Bei St. JagoS heiligem Glauben und gesegnetem Andenken! es reicht wahrlich hin, ein Volk eitel zu machen, wenn es eine Königin wie Donna Jsabella und eine Jungfrau wie Mercedes de Valverde hervorgebracht hat!" „Nun was die Königin und Deine Geliebte betrifft, so hast Du Recht und ich muß mich zufriedenstellen, obgleich es keine Antwort auf meine Frage ist. Aber mag ich auch immerhin kein Castilianer sehn — nicht einmal die GuzmanS haben es gewagt, eine Reise nach Cathay zu unternehmen, und das HauS von Trastamara wird vielleicht noch froh seyn, seine Verpflichtungen gegen einen 250 Genuesen anerkennen zu dürfen. Gott sieht bei der Wahl seiner Werkzeuge nicht auf den Stand oder andere von den Menschen festgesetzte Gränzen. denn sehr viele Heilige waren verachtete Hebräer, während Jesus selbst von Nazareth kam. Wir werden sehen — wir werden sehen, junger Herr, was drei Monate der Welt für Wunder enthüllen können." „Senuor Admiral, ich hoffe und bitte, daß es die Insel Ci- pango und die Reiche des Groß-Khans sehn mögen. Wäre eS aber auch nicht der Fall, so sind wir Männer, die nicht nur Mühen, sonder» auch Täuschungen zu überstehen im Stande find." „Ich versehe mich in dieser Hinsicht keiner Täuschung, Don Luis, seit ich das königliche Wort Jsabella'S und diese guten Ca- ravelcn habe. Der Bootsmann, der von Madeira nach Lissabon segelt, kann nicht mit größerer Sicherheit darauf rechnen, seinen Hafen zu gewinnen, als ich gewiß bin, daß ich Cathay erreichen werde." „Ohne Zweifel, Sennor Colon, könnt und werdet Ihr ausführen, was irgend ein Seefahrer zu leisten im Stande ist. Demungeachtet ist aber Täuschung gar häufig das LooS des Menschen, und eS möchte gut sehn, wenn wir uns auch hierauf gefaßt hielten." „Die Sonne, welche dort über den Berg hinunter sinkt, Luis, steht nicht Heller vor meinen Augen, als dieser Weg nach Indien. Ich sah ihn diese siebenzehn Jahre so deutlich, als jene Fahrzeuge in dem Fluß, leuchtend wie den Polarstern, und wie ich nicht zweifle auch ebenso zuverlässig. Es ist allerdings wahr, Täuschung ist das LooS des Menschen, und Niemand kann das besser wissen, als ein Mann, dem die schönsten Jahre seines Lebens in trüglichen Hoffnungen entschwunden sind, — der das cinemal von Fürsten, Staatsmännern und Geistlichkeit ermuthigt, das anderemal wieder verlacht und als ein hohlkövflger Planmacher verschrieen wurde, dem weder Vernunft noch Erfahrung zur Stütze diene." 251 „Bei meinem neuen Schutzheiligen St. Pedro! Ihr habt in der That in Eurem späteren Alter ein kummervolles Leben geführt und die nächsten drei Monate müssen eine hohe Bedeutung für Euch haben." „Du weißt wenig von der Ruhe einer zuverstchtiichen Ueber- zeugung, LuiS," erwiederte ColumbuS, „wenn Du glaubst, daß mich jetzt, nun die Stunde des Versuches herannaht, Zweifel umstricken. Dieser Tag ist der glücklichste in einer Reihe von mühevollen Jahren. Zwar find die Zurüstungen nicht bedeutend und unsere Fahrzeuge nur leicht und von geringem Umfang; aber jenseits liegen die Mittel, durch welche ein lange verborgenes Licht seinen Strahl über die ganze Welt ergießen und Castilie» zu einer Höhe erheben wird, die unter allen christlichen Nationen nicht ihres Gleichen hat." „Es muß Dir doch wohl leid lhun, Scnnor Colon, daß Deine Heimath Genua nicht durch großmüthigc und freigebige Unterstützung dieser Reise sich würdig gemacht hat, die Vortheile derselben zu ernten ?" „ES hat mich in der That nicht wenig bekümmert, Luis; denn gewiß ist eS schwer, sein eigenes Vaterland verlassen und neue Verbindungen aufsuchen zu müssen, wenn das Leben bereits auf die Neige geht, obgleich vielleicht der Seemann solche Bande weniger fühlt, als die, welche das Land nie verlassen haben. Aber Genua wollte nichts von mir; und wenn das Kind die Verpflichtung hat, seine Eltern zu lieben und zu ehren, so sind die Eltern gleichfalls verbunden das Kind zu schützen und zu nähren. Wenn diese ihrer Pflicht vergessen, so trifft den keine Schmach, der Unterstützung sucht, wo er sie finden kann; denn menschliche Pflichten haben ihre Gränzen, und nur von denen, welche wir Gott schuldig sind, dürfen wir uns nun und nimmermehr loSzählen. Genua hat sich gegen mich nur als eine strenge Mutter erwiesen, und darf daher keinen Anspruch an meine Dienste machen, obgleich mich darum nichts veranlassen könnte, meine Hand gegen sie zu erheben. Zudem ist cS auch, wenn man 232 sich den Dienst Gottes z»m Ziele setzt, gleichgültig, mit welchem seiner Geschöpfe man dasselbe zu erreichen sucht. Man kann das Land seiner Geburt nicht leicht hassen, aber Ungerechtigkeit ist im Stande, wenigstens die Liebe zu ersticken. DaS Band muß wechselseitig sehn, und wenn das Vaterland aufhört, Person, Rechte und Eigenihum zu schützen, so ist der Unterthan seiner Pflichten baar. Treue und Schutz gehen Hand in Hand, und lassen sich nicht von einander trennen. Jetzt ist nächst Gott Donna Jsabella meine Gebieterin, und ich will ihr — aber auch nur ihr — dienen. Hinfort ist Castilien mein Vaterland." In diesem Augenblick wurde gemeldet, daß die Pinaffe ihrer warte, und die zwei Abenteurer schifften sich unmittelbar ein. ES bedurfte wohl ganz der tiefen, festgewurzelten Ueberzeugung einer glühenden Seele, um ColumbuS zu veranlassen, sich darüber zu freuen, daß ihm endlich die Mittel an die Hand gegeben waren, seinen sehnlichen Wunsch nach Entdeckungen zu bethätigcn — wenn er besonnen überlegte, weicher Art diese Mittel waren. Wir haben bereits der Namen seiner Schiffe, der Santa Maria, der Pinta und der Nimm erwähnt, und auch einige Andeutungen hinsichtlich ihrer Größe und ihrer Bauart gegeben. Der Leser wird es uns aber vielleicht Dank wissen, wenn wir ihn durch eine kurze nähere Beschreibung der Fahrzeuge und besonders desjenigen, welches jetzt ColumbuS und Luis de Bobadilla auknehmcn sollte, in den Stand setzen, sich einen deutlichen Begriff von dem Charactec dieser Unternehmung -u bilden. Die Santa Maria hatte fast das Doppelte an Tonnenlast, als das zweitgrößte Schiff, welches die Fahrt mitmachcn sollte. Sic war sorgfältiger als die andern gebaut, wie denn auch bei derselben einige Rücksicht auf die Würde und die Bequemlichkeit des Admirals, welchen sie zu führen bestimmt war, genommen war. Sie hatte nicht nur ein Hauptverdeck, sondern auch ein Hüttendeck auf der Schanze, wo sich Colon's Lager befand. Das Aeußere dieses Schiffes läßt sich mit den hochaufgetakcitc», symmetrischen Fahrzeugen und niedrigen 253 Spiegeln der gegenwärtigen Zeit nicht vergleichen, denn obgleich sie ein Hüttendeck und ein Bramsegelback, wie man es heut zu Tage nennen würde, besaß, so war doch weder das eine noch das andere in der netten und bequemen Weise, welche man jetzt gewohnt ist, gebaut. Das Hüttendeck oder Rundhaus trug um einer entfernten Aehnlichkeit willen den Namen Castell, während das Bramsegelback, in welchem sich die Mehrzahl der Bemannung aufhielt, unverhält- nißmäßig groß war, einem besonderen Baue ähnlich an den Bugen des Schiffes in die Höhe stieg und ungefähr den dritten Theil des Deckes von vorn nach hinten einnahm. Wer nie eines der vor hundert Jahre» in ganz Europa üblichen Schiffe gesehen hat, wird sich nicht leicht einen Begriff davon machen können, wie so kleine Schiffe ohne Gefahr so hoch über dem Wasser gehen konnten. Doch mag diese Schwierigkeit sich erklären lassen; denn Manche erinnern sich wohl noch einiger Eigenthümlichkeiten dieser Bauart, wie wir denn selbst ein Paar solcher alten Schiffe zu Gesicht bekommen haben. Die Schiffe gingen bis zu den Ladewafferlinien oder etwas darüber im Wasser, und die Spannen waren so weit eingezogen, daß die Deckbalken auf den Hüttcndecken fast nm ein Viertel über dieselben hinausragten. In Folge dieser Vorsichtsmaßregeln wurde die große Höhe der Fahrzeuge über dem Wasser weniger gefährlich, als es wohl sonst der Fall gewesen wäre, und da es lauter kurze Schiffe waren, die sich leicht vorwärts hoben und noch obendrein niedrige Kuhlen hatten, so konnte man sie zur See wohl für ziemlich sicher halten. Ungeachtet ihrer Kürze hatten sie aber doch ein bedeutendes Tonnenmaß, und wenn dieser Umstand auch ihrer Schnelligkeit nicht zu Statten kam, so trug er doch dazu bei, ihre Sicherheit zu vermehren. Die Takelage dieser Fahrzeuge war von der der Schiffe unserer Tage verschieden, da die stehenden Spieren beziehungsweise eine größere Länge hatten, während die oberen oder treibenden Spieren der Zahl nach geringer und auch weniger nöthig waren, als diejenigen, welche in unser» Tagen wie Nadeln gegen die Wolken 25L ragen. Im südlichen Europa wird der Name Schiff aus dem lateinischen nnvis abgeleitet und gilt mehr als allgemeine Bezeichnung, ohne besondere Rücksicht auf Bau und Takelweik, und in diesem Sinne konnte man auch die Caraoele ein Schiff nennen, obgleich vielleicht der kunstgerechte Ausdruck des Seemanns anders lautete. Man hat mit Recht ein großes Gewicht auf die Thatsache gelegt, daß zwei der bei diesem Unternehmen betheiligten Schiffe kein Deck hatten. Da in jener Zeit die meisten Wafferfahrten nur die Küsten entlang gingen und, auch wenn man Inseln besuchte, nur wenige Tage dauerten, so befanden sich die Fahrzeuge fast immer in der Nähe des Landes, und es war bekanntlich eine noch in unseren Tagen auf den südlichen europäischen Meeren übliche Gewohnheit der Seeleute, bei Annäherung eines Sturmes einen Hafen zu suchen. Unter solchen Umstände» waren Decke keineswegs so wesentlich für die Sicherheit des Fahrzeugs, die Beschützung der Ladung oder die Bequemlichkeit der Mannschaft, als wenn man in den Fall gesetzt wird, gegen die volle Wuth der Elemente Stand halten zu müssen. Demungeachtet darf der Leser nicht glauben, daß diese decklosen Schiffe ganz ohne Schutz von oben gewesen wären, denn auch diese Caravelen hatten gewöhnlich, wenn sie die hohe See befuhren, Schanzen und Backen, die durch Lausplanken mit einander in Verbindung standen, während getheerteS Segeltuch darüber befestigt war, um die Ladung gegen die Sprühe der Wogen zu schützen. Man muß jedoch auch nach allen diesen Erläuterungen zugeben, daß die Ausrüstungen zu Colon'S Unternehmen in den Augen des erfahrenen Seemanns als keineswegs genügend für die Größe und Gefahr desselben erscheinen konnten, obgleich vielleicht ihre Unzulänglichkeit von Laien im Seewesen allzusehr übertrieben wurde. Jedenfalls ist eg unwahrscheinlich, daß die Matrosen jener Zeit sie für unbedingt unzureichend hielten, da Leute, welche die Gefahren des OceanS so gut kannten, als die Pinzons — wohl kaum freiwillig ihr Schiff, ihr Geld und das eigene Leben bei einer Expedition auf's 255 Spiel gesetzt haben würden, welche nicht wenigstens nothdürftige Sicherheit des Erfolgs erwarten ließ. Vierzehntes Kapitel. Dort auf d«S Meeres dunkelblauen Wogen Herrscht frei ver Geist, von Schranken nicht umzogen So weit der Wind die Welle veitscht zu Schaum, Ist unser Reich, ist heimathlicher Raum. Byron. Da ColumbnS, sobald er das Deck der Santa Maria erreicht hatte, sein Gemach aufsuchte, so bot sich diese Nacht keine weitere Gelegenheit für Luis, ihn noch zu sprechen. Er bewohnte zwar unter dem angeblichen Titel eines Sekretärs des Admirals einen Thcil des nämliche» Raumes; aber der große Seefahrer war so sehr mit Geschäften überhäuft, welche vor der Abreise noch abge- than werden mußten, daß er nicht unterbrochen werden durste. Der junge Mann ging daher in dem engen Gelaffe des Deckes bis »m Mitternacht aus und ab, dachte wie gewöhnlich an Mercedes und seine Rückkehr, und als er seine Matte aussuchte, fand er ColumbuS bereits i» tiefen Schlaf versunken. Der folgende Tag war ein Freitag, und es ist nicht uninteressant, daß die größte und folgenreichste Reise, welche je auf diesem Erdbälle unternommen wurde, an einem Wochentage begann, welchen die Matrosen lange für einen »»glückbringenden hielten, so daß sie oft eine Abfahrt verschoben, nur um den unbekannten aber gefürchteten Einfluß desselben zu vermeiden. LuiS war unter den Ersten, welche wieder auf dem Verdeck erschienen, und als er in die Höhe blickte, bemerkte er, daß der Admiral bereits rege war und sich aus dem obersten Hnttcndecks oder Castell befand, dessen engerer Raum ausschließlich von dem Bevorrechteten benützt wurde: eine Bestimmung, welche dem ausgedehnteren Spaziergang der neuen 256 Schanze entspricht. Von hier aus konnte der, welcher die Bewegun- gen eines Geschwaders leitete, die Manöver desselben übersehen, Signale geben, astronomische Beobachtungen anstellen unl> sich in frischer Luft ergehen. Dieser Raum mochte an Bord der Santa Maria etwa fünfzehn Fuß in einer und nicht ganz so viel in der andern Richtung betragen, und bildete daher mehr um seiner Abgeschlossenheit, als um seines Umfanges willen, einen geeigneten LugauS. Sobald der Admiral — oder Don Christoval, wie ihn die Spanier seit seiner Ernennung zu dem gegenwärtigen hohen Rang, der ihm die Rechte des Adels verlieh, nannten — Luis' ansichtig wurde, gab er dem jungen Mann ein Zeichen, heraufzusteigen und an seine Seite zu treten. So unbedeutend an Zahl und Stärke die Expedition auch s-yn mochte, da sie in letzterer Beziehung nicht einmal der Bemannung einer einzigen der neueren Kriegsschaluppen gleichkam, so hatte ihr doch das Ansehen der Königin, Columbus' Ernst und vor Allem das Geheimnißvolle und Außerordentliche des Zweckes von Anfang an eine Würde verliehen, welche mit den sichtbaren HülfSquellen in keinem Verhältniß stand. Columbus war gewohnt, die Leidenschaften zügelloser Menschen zu beherrschen, und da er fühlte, wie wichtig es sey, dem Gefolge seine hohe Stellung und seinen Einfluß am Hofe nahe zu legen, so hatte er sich soviel als möglich von einem vertrauten Verkehr mit seinen Untergebenen fern gehalten und hauptsächlich durch die Pinzons und die übrigen Unterbefehlshaber mit ihnen verhandelt, um sich nicht eines TheileS jener Achtung zu begeben, die, wie er voraus sah, zu Erreichung seiner Zwecke so nöthig war. Es bedurfte seiner langen Erfahrung nicht, um ihm klar zu machen, daß in einem kleinen Raum zusammengedrängte Menschen nur durch die strengste Beobachtung der Formen und des Anstandes in den Schranken, welche ihnen ihre gesellige Stellung und ihr Beruf anwies, erhalten werden konnten, weßhalb er auch auf diese wichtigen Erfordernisse die gehörige Rücksicht 257 genommen und genau vorgeschrieben hatte, wie der Dienst an seiner eigenen Person versehen und die Achtung seiner Würde gehandhabt werden müsse. Dieß ist eines der größten Geheimnisse in der Mannszucht eines Schiffes, denn man kann Diejenigen, welche unfähig sind, zu denken, durch das Gefühl zur Einsicht bringen, und Niemand zeigt sich geneigt, den zu verachten, welcher sich zurückhaltend benimmt und der ihm schuldigen Ehrerbietung nichts vergibt. Wir sehen täglich den Einfluß eines Amtes oder eines Titels, und selbst der Unruhigste unterwirft sich ihrem Ansehen, obgleich er vielleicht denselben gesetzlichen Befehlen, wenn sie aus einer scheinbar weniger erhabenen Quelle fließen, Widerstand entgegen setzen würde. „Halte Dich immer in der Nähe meiner Person, Sennor Gu- tierrez," sagte der Admiral, indem er sich des angenommenen Namens bediente, welchen Luis unter dem des Pedro de Munnos zu verbergen vorgab — denn er wußte, daß ein Schiff nie ohne Horcher ist, und hatte die Absicht, in dem jungen Edlen einen königlichen Kammerhcrrn vermnthen zu lassen. „Dieß ist unser Posten, auf dem wir uns großentheils aufhalten müssen, bis es der heiligen und weisen Vorsehung Gottes gefällt, uns den Weg nach Cathay zu öffnen und uns an den Thron des Groß-KhanS zu bringen. Da ist unser CurS verzeichnet und in dieser Richtung habe ich im Sinne, auf dem »iebefahrenen Oeean fortzusteuern." Columbus zeigte bei diesen Worten auf eine Karte, welche über einer Kiste aufgerollt war, und deutete mit dem Finger ruhig die Linie der beabsichtigten Bahn an. Die Küste von Europa war in ihren allgemeinen llmriffen so genau darauf verzeichnet, als es die geographischen Kenntnisse jener Zeit gestatteten, und ein Streifen Land dehnte sich im Süden bis nach Guinea, hinter welchem für die damalige gelehrte Welt alles eine terra, ineoxnita, war. Die canarischen Inseln und die Azoren, die einige Menschenalter früher entdeckt worden waren, fanden sich an den geeigneten Orten, während die westliche Seite des atlantischen MeerS durch eine eingebildete Donna Mercedes. 2tc Nnfl. 17 258 Linie, welche die Ostküste Indiens oder Cathay's bezeichnen sollte, durch die Insel Cipango oder Japan und einen ArchipelaguS, de» man sich nach den Berichten Marko Polo'S und seiner Freunde auS- gemalt hatte, begränzt war. In Folge eines glücklichen Mißverständnisses war Cipango in einen Breitegrad versetzt worden, der nahezu mit dem von Washington übereinsttmmte, — also ungefähr zweitausend Stunden östlich von der Stelle, wo cs sich wirklich befindet. Dieser Jrrthum Colon'S hinsichtlich der Ausdehnung der Erdoberfläche trug vielleicht am Meisten dazu bei, das Fehlschlagen dieses kühnen Unternehmens zu verhüten. DaS erstemal, seit er sich der Expedition angeschlossen hatte, warf Luis mit einiger Neugierde seinen Blick auf diese Karts und fühlte zugleich in seinem Inneren das edle Verlangen erwachen, an der Lösung des Probleme« aus Ueberzeugung Theil zu nehmen, während er sich so auf einmal die unberechenbaren Ergebnisse und die interessanten Naturerscheinungen, welche im Gefolge dieser Reise sehn mußten, vergegenwärligte. „Bei St. Gennaro von Napoli" — rief er, denn die einzige Ziererei, welche sich in den Gewohnheiten des jungen Edlen kund gab, bestand in einer Anrufung der Heiligen aus den verschiedenen Ländern, die er besucht hatte und in einer Benützung der Flüche und Ausrufungen ferner Gegenden — eine sehr kurzgefaßts Methode, die Welt wissen zu lassen, wie weit man gekommen ist und welche Bereicherungen deS Wissens man seinen Reisen verdankt — „bei St. Gennaro, Scnnor Don Christoval! diese Reise wird eine außerordentlich verdienstliche seyn, wenn wir je den Weg über diesen großen Wassergürtel finden, — aber noch weit mehr, wenn wir den Rückweg zu machen im Stande sind." „Die letztere Schwierigkeit ist eS besonders, welche in dem gegenwärtigen Augenblick den Sinn der Meisten in diesem Schiffe vorzugsweise in Anspruch nimmt," antwortete Columbus. „Siehst Du nicht die ernsten und niedergeschlagenen Gesichter, Don Luis, 259 und hörst Du nicht die Jammertöne, die von der Küste herüber schollen?" Diese Bemerkung veranlaßte den jungen Mann, seine Augen Von der Karte abzuwendsn und die Scene rund umher zu betrachten. Die Ninna, eine in der Thal sehr leichte Felucke, war bereits unterwegs, und kam unter einem lateinischen Focksegel hart an ihnen vorbei. Ihr zur Seite drängten sich Boote mit Menschen gefüllt, von denen Viele die Hände rangen und kläglich- Verzweiflungsrufe laut werden ließen. Die Pinta fiel eben ab, und obgleich das Ansehen Martin Alonzo Pinzo'S die allzuhäufigen Aeußerungen deS Schmerzes dämpfte, so wimmelte es doch von einem ähnlichen Haufen um fie her; und was die Santa Maria anbelangt, so war sie gleichfalls durch zahllose Kähne umlagert, welche jedoch durch die Würde des Admirals in einiger Entfernung gehalten wurden. Augenscheinlich glaubten die Zurückbleibenden, ihre scheidenden Verwandten das Letztem«! zu sehen, während auch kein geringer Theil derjenigen, welche an diesem Abend aussegeln sollten, der Meinung waren, fie verließen Spanien auf immer. „Hast Du Dich diesen Morgen unter unser» Leuten nach Pepe umgesehen?" fragte ColumbuS, welchem jetzt zum erstenmal der Vorfall mit dem jungen Matrosen wieder in's Gedächtniß kam. „Wenn er seinem Versprechen nicht Ehre machte, so könnten wir es wohl als eine üble Vorbedeutung nehmen und müßten ein sorgsames Auge auf unser Gefolge haben, so lange wenigstens noch die Möglichkeit zu entschlüpfen vorhanden ist." „Wenn seine Abwesenheit eine schlimme Vorbedeutung wäre, so muß seine Gegenwart wohl als eine gute betrachtet werden. Der wackere Bursche ist auf der Naa über unfern Köpfen und bindet ein Segel los." ColumbuS blickte auf und sah in der That den fraglichen jungen Matrosen, wie er sich auf dem äußersten schmalen Ende der lateinischen Raa, welche bei den,damaligen Schiffen an den Hintermasten angebracht war, wiegte, und im Winde hin und her schwankte. während er die B-schlagseising, welche die Leinwand znsammenhielt, losmachte. Hi» und wieder blickte er nach unten, um sich zu überzeugen, daß seine Rückkehr bemerkt worden sey, und ein oder zweimal hielt seine sonst so rasche Hand in ihrem Geschäft innc, als er den Spiegel des Schiffes überblickte, wie wenn irgend Jemand auch in dieser Gegend seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. ColumbuS gab dem vergnügten jungen Matrosen ein Zeichen des WiedererkenncnS, worauf Letzterer sogleich die Leinwand fallen ließ, und von Luis begleitet nach dem Hackebord ging, um sich zu überzeugen, ob nicht ein Boot in der Nähe des Schiffes sey. Wirklich lag auch dicht an der Santa Maria ein Nachen, der von Monika allein gelenkt wurde und ans Rücksicht für das Geschlecht seines Leiters soweit hatte nahen dürfen. Sobald Pepe's Weib dis Gestalt des Admirals bemerkte, stand sie von ihrem Sitze auf und schlug bittweise die Hände gegen ihn zusammen, als ob sie, wiewohl nur furchtsam, den Wunsch hege, ihn zu sprechen. ColumbuS gewahrte, daß die Frau durch den Lärm, das Gedränge von Menschen und das Aussehen des Schiffes, dem sie fast so nahe war, um es mit den Händen berühren zu können — erschreckt war, und redete sie an. Er sprach sanft, und seine gewöhnlich so ernsten, bisweilen sogar strengen Blicke sänftigen sich zu einem Ausdruck von Freundlichkeit, den Luis nie vorher bemerkt hatte. „Ich sehe, daß Dein Gatte sein Versprechen gehalten hat, gute Frau," sagte er, und ich zweifle nicht, daß Du ihm gesagt hast, wie viel besser und männlicher cS sey, der Königin zu dienen, als unter der Schmach eines Ausreißers zu leben." „Ich that das, Sennor! Jetzt, da ich weiß, daß Ihr im Dienste Gottes hinzicht, gebe ich Donna Jsabella meinen Mann ohne Murren, wenn auch nicht mit freudigem Herze». Ich erkenne die Gottlosigkeit meines Mißvergnügens und will beten, daß Pepe bei allen Gelegenheiten der Vorderste seyn möge, bis sich die Ohren der Ungläubigen den Worte» des wahren Glaubens öffnen." 261 „Eine sülche Sprache ist eines spanischen und eines christlichen WeibeS würdig. Unser Leben steht unter der Hut der Vorsehung, und Dn darfst nicht zweifeln, Pepe gesund und wohlbehalten wieder zu sehen, wann er Eathay besucht und das Seinige zu besten Entdeckung beigetragen hat." „Ach! Sennor, — wann wird das sehn?" rief das Weib, welches trotz ihrer angenommenen Seelenstäike und ihrer durch den Glauben gekräftigten Gefühle nicht im Stande war, die Regungen der Gaitin zu unterdrücken. „Wenn es Gottes Wille ist, meine gute — wie heißt Du?" „Monika. Sennor Admiral, und mein Mann heißt Pepe, und mein Knabe, das arme vaterlose Kind, hat in der Taufe den Namen Juan erhalten. Wir sind nicht von maurischem Blute, sondern reine Spanier, und ich bitte Euer Ercellenz, sich dessen bei Gelegenheiten zu erinnern, wo es sich um Dienste von ungewöhnlicher Gefahr handelt." „Du darfst Dich darauf verlassen, daß ich für den Vater Deines Juan Sorge tragen werde," erwiederte der Admiral lächelnd, obgleich eine Throne in seinen Augen glänzte. „Auch ich lasse Leute ^ zurück, die mir so thcuer sind, als mein eigenes Leben, und unter Andern auch einen mutterlosen Sohn. Sollte unserem Fahrzeug etwas Schlimmes begegnen, so wird Diego eine Waise sehn, wäh-' rend Dein Juan sich wenigstens der Sorgfalt und der Liebe Derjenigen, welche ihn geboren hat, erfreuen darf." „Sennor, ich bitte tausendmal um Vcrzeibung," rief das Weib, tiefgerührt durch das Gefühl, das sich in der Stimme des Admirals kund gab. „Der Mensch ist selbstsüchtig und vergißt, daß auch Andere Schmerzen haben, wenn er die eigenen zu sehr fühlt. Geht in Gottes Namen weiter und leistet seinem heiligen Willen Folge. Nehmet meinen Gatten mit ; ich wünsche nur, daß mein kleiner Juan alt genug wäre, um ihn begleiten zu können." Monika konnte nicht weiter sprechen, sondern wischte sich 262 's. Thränen aus den Augen und nahm das Ruder auf; der kleine Nachen schob sich langsam vorwärts, als ob das seelenlose Fahrzeug das Widerstreben der Hand empfinde, welche es dem Lande zutrieb. Das eben mitgetheilte kurze Gespräch war mit so lauter Stimme geführt worden, daß cs von Allen, welche sich in der Nähe der redenden Personen befanden, gehört werden konnte, und als Co- lumbuS sich von dem Nachen abwandte, bemerkte er, daß viele seiner Leute in dem Takelwerk oder auf'den Naaen hingen und aufmerksam auf seine Worte gehorcht hatten. In diesem Augenblicke wurde der Anker der Santa Maria aus dem Grunde gehoben, und der Schnabel des Schiffes begann sich nach der Richtung deS Windes zu neigen. Im nächsten Moment ließ sich das Schlagen des großen viereckigen FocksegelS, welches damals Fahrzeuge von dieser Takelage zu führen pflegten, vernehmen, und im Verlaufe der nächsten fünf Minuten steuerten die drei Schiffe langsam, aber stetig die Strömung des Flusses Ooiel, ln dem sie vor Anker gelegen hatten, hinab, um ihren CurS nach einer Sandbank in der Mündung desselben zu «erfolgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, sondern stieg eben, als die Segel sich ausspannten, wie ein feuriger Ball über die Berge Spaniens und vergoldete mit ihrer wehmüthigen Glorie eine Küste, welche nicht Wenige in den verschiedenen Schiffen zum letztenmale zu schauen füchteten. Viele der Boote folgten den zwei kleineren Fahrzeugen einige Stunden weit, bis sie die Sandbank von Salles erreichten, und Manche weilten noch so lange, bis die Wellen des rühmenden Meeres in stärkeren Stößen anprallten und der frische Westwind die Jammernden gegen ihren Willen wieder der Küste zutrieb. Unterdessen bewegten sich die befreiten Schiffe stetig in dem blauen Gewässer deS endlosen atlantischen Weltmeeres, menschlichen Wesen gleich, welche ihre Bestimmung schweigend Geschicken entgegenführt, die sich eben so wenig voraussehen als beherrschen oder vermeiden lassen. 263 Der Tag war schön und der Wind stark und günstig. Soweit waren die Vorbedeutungen Glück verkündend, aber eine unbekannte Zukunft warf eine Wolke über die Gefühle eines großen TheileS derjenigen, welche in so düsterer Unwissenheit Alles, was ihnen lieb und theuer war, verlassen mußten. Man wußte, daß der Admiral die Absicht hatte, zuerst auf die canarischen Inseln loSzustcuern, um von dort aus die unbekannten und bisher unversuchten jenseitigen Bahnen des öden Weltmeers zu befahren. Die Aengstlichen betrachteten also diese Inseln als die Punkte, von wo aus die wirkliche Gefahr beginne, und blickten bereits nach dem Auftauchen derselben am Horizont unter einer ähnlichen Folter von Gefühlen, mit welcher der Schuldige den Tag des Gerichts, der zum Tod Berurtheilte den Morgen seiner Hinrichtung oder der Sünder sein Sterbelager erwartet. Manche fühlten sich jedoch über diese Schwäche erhaben, da sie ihre Nerven für die Gefahr gestählt hatten, obgleich auch ihre Gefühle nicht immer die gleichen waren. Es gab Stunden, wo Hoffnungen und Vorahnungen eines günstigen Erfolges das ganze Schiffsvolk zu erheitern schienen, aber auch wieder Augenblicke, in welchen die Neigung zum Zweifeln und die Muthlostgkeit fast allgemein waren. Höchst wahrscheinlich gehörte in jener Zeit eine Reise nach den canarischen Inseln ober den Azoren zu den kühnsten Unternehmungen eines Seefahrers. Die Entfernung war freilich nicht so groß, als viele der gewöhnlicheren Ausflüge: denn die Schiffe kamen oft, sogar in derselben Richtung, bis zum grünen Vorgebirge; aber alle übrigen europäischen Fahrten gingen der Küste entlang, und in dem mittelländischen Meere fühlte der Matrose, daß er innerhalb bekannter Gränzen segle — somit auf keinem Felde sich umtreibe, das dem menschlichen Wissen ferne war. Auf dem großen Weltmeere dagegen befand er sich gewissermaßen in einer Lage, ähnlich der eines Luftschiffers, welcher, während er in den höheren Strömungen der Atmosphäre schwimmt, in der Erde unter 264 sich den einzigen Platz erblickt, wo er sich niederlaffen kann, indeß das endlose Bla» eines nie befahrenen Raumes ihn nach allen andern Richtungen umgibt. Die kanarischen Inseln waren schon den Alten bekannt. Juba, der König von Mauritanien, ein Zeitgenosse CäsarS soll sie bereits unter dem allgemeinen Namen der glücklichen Inseln ziemlich genau beschrieben haben. Die Schrift selbst ist verloren gegangen, aber die Thatsachc ist durch das Zeugniß anderer Schriftsteller hergestcllt, wie wir auch aus denselben Quellen wissen, daß sich schon in jener fernen Periode eine Bevölkerung daselbst befand, welche achtungSwerthe. Fortschritte in der Civilisation gemacht hatte. Im Verlaufe der Zeit jedoch, und während der dunkeln Periode, welche dem Glanze der römischen Herrschaft folgte, wurde von den Europäern sogar die Lage dieser Inseln vergessen, die erst in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts von Einigen durch die Mauren hart gedrängten, flüchtigen Spaniern wieder aufgef,inden wurden. Später nahmen die Portugiesen — damals die kühnsten Seefahrer der bekannten Welt — von einigen derselben Besitz, und benützten sie als Wasser- und Proviant-Plätze für ihre Entdeckungsreisen längs der Küste von Guinea. Als die Spanier die Macht der MoSlemim brachen und die Herrschaft über die Halbinsel wieder gewannen, wendeten sie ihre Aufmerksamkeit nochmals nach dieser Richtung und unterwarfen sich die Eingeborenen mehrerer andern Inseln, so daß die ganze Gruppe zu der Zeit unserer Erzählung diesen zwei christlichen Nationen angehörten. Luis de Bobadilla, der in den nördlichen Meeren mehrere Reisen gemacht und das mittelländische Meer in verschiedenen Richtungen hin und her durchzogen hatte, kannte diese Inseln nur von Hörensagen. Als er mit ColumbuS auf der Hüttendecke stand, zeigte ihm dieser ihre Lage und erläuterte ihre» verschiedenen Charakter, wornach er auf seine, mit demselben in Verbindung stehenden Absichten zu sprechen kam und sich über das Ergänzungsmaterial, 265 welches dort zu finden war, wie auch über die Bequemlichkeiten, die fie als Auslaufspunkte darboten, ausließ. „Die Portugiesen haben durch die Benützung dieser Inseln als Ergänzungs-Posten für Lebensmittel, Holz und Wasser großen Bortheil gezogen, und ich sehe nicht ein, warum Castilien jetzt ihr Beispiel nicht nachahmen und sich gleichfalls dcS Nutzens, den fie bieten, theilhaftig machen soll. Du siehst, wie weit unsere Nachbarn im Süden vorgcdrungen find, wie sehr sich ihr merkantilischeS Leben entwickelte, und welche Reichthümer in Folge derartiger Unternehmungen nach Lissabon strömten, obgleich ihre Entdeckungen nur ein Eimer Wasser in's Meer find, in Vergleichung mit den Schätzen von Eathay und den mächtigen Folgen, die aus unserer Westfahrt fließen werden." „Glaubst Du, Don Christoval, daß die Besitzungen des Groß-Khans nicht weiter entfernt find, als die Wege, welche die Portugiesen im Süden gemacht haben?" fragte Luis. Der Seefahrer blickte vorsichtig umher, um zu sehen, wer etwa seine Worte Horen könnte; und als er fand, daß Niemand nahe genug war, um ihn, wenn er den Ton seiner Stimme dämpfte, vernehmen zu können, so antwortete er in einer Weise, welche für seinen jungen Gefährten sehr schmeichelhaft war: denn fie bewies, daß der Admiral geneigt sey, ihn mit der Offenheit und dem Vertrauen eines Freundes zu behandeln. „Du weißt, Don Luis," nahm der Seefahrer wieder auf, „mit wessen Geistes Kindern wir zu verkehren haben, und ich kann ihres Gehorsames nicht gewiß seyn, so lange wir uns in der Nähe der europäischen Küste befinden; denn gar leicht kann mich eines jener Fahrzeuge zur Nachtzeit «erlassen, an irgend einem bekannten Gestade einen Hafen aufsuchen, und sich mit irgend einer angeblichen Noihwendigkeit rechtfertigen." „Martin Alonzo ist keiner so unredlichen und unwürdigen Handlung fähig," fiel LuiS ein. 266 „Er wird es wenigstens nicht aus einem so niedrigen Beweggründe, als die Furcht ist, thun, mein junger Freund," erwiederte ColuinbuS mit einem gedankenvollen Lächeln, welches zeigt, wie richtig er von Anfang an den wahren Character derer, die sich ihm angeschloffen hatten, zu bcurtheilen wußte. „Martin Alonzo ist ein kühner, einsichtsvoller Seefahrer, und wir dürfen in Allem, was Entschlossenheit und Ausdauer fordert, gute Dienste von ihm erwarten. Aber die Augen der Pinzons können nicht immer offen seyn, und das Wissen aller Weisen der Erde ist nicht im Stande, dem gähen Ungestüm einer Bande erhitzter Meuterer Widerstand zu leisten. Ich bin meiner eigenen Leute nicht sicher, so lange noch die Hoffnung einer leichten Rückkehr vorhanden ist, und werde . daher um so weniger Menschen trauen, die nicht unmittelbar unter meinem Auge und Befehle stehen. Aus diesem Grunde kann ich Deine an mich gestellte Frage nicht öffentlich beantworten, Luis, da die Entfernung, welche wir zurückzulegen haben, unsere leicht zu beunruhigenden Matrosen in Furcht setzen würde. Du bist Ca- valier und ein Ritter von anerkanntem Muthe, auf den man sich verlassen kann, weßhalb ich Dir wohl sagen darf, ohne fürchten zu müssen, ein unwürdiges Gefühl zu wecken — daß die Reise, für die wir nun einmal eingeschifft sind, hinsichtlich ihrer Länge sowohl, als wegen der Oede des Weges sicher auf Erden nie ihres Gleichen hatte." „Und doch, Sennor, trittst Du sie mit der Zuversicht eines Mannes an, der gewiß ist, einen Hafen zu erreichen?" „Luis, Du hast meine Gefühle richtig beurtheilt. Die gewöhnlichen Befürchtungen eines Hinab - und WiederhinaufsteigenS, der Schwierigkeit einer Rückkehr und des Erreichens eines Randes der Erde, von wo aus man in den leeren Raum abgleiten könnte, sind weder für mich noch für Dich vorhanden." „Bei St. Jago! Sennor Don Christoval, ich habe keine besonders klaren Begriffe über diese Dinge. Es ist wohl wahr, ich 267 habe iile von einem Menschen gehört, der von der Erde ln die Luft hinausgefahren wäre, und es ist mir nicht sehr wahrscheinlich, daß etwas der Art uns und unsere guten Schiffe befallen könnte; aber auf der andern Seite ist der Beweis einer Kugelgestalt der Erde und die Möglichkeit, den Osten durch eine Westfahrt zu erreichen, nur noch Problem. In dieser Hinsicht verhalte ich mich also neutral. Aber magst Du meinetwegen geradezu auf den Mond loS- stcuern, Du wirst immer Luis de Bvbadilla an Deiner Seite finden." „Du gibst Dich für unerfahrener in den Wissenschaften aus, als wahr oder nüthig ist, tollköpfiger, junger Edler: —doch schweigen wir jetzt von diesem Gegenstände. Wir werden hinreichend Muße haben, Dich über alle meine verwickelten Folgerungen und geheimen Beweggründe zu belehren. Haben wir nicht aber bereits jetzt schon eine wahrhaft himmlische Aussicht, Don Luis? Ich bin hier auf dem offenen Meere, von zwei Herrschern mit der Würde eines Vice- königS und Admirals beehrt, mit einer Flotte, welche von Ihren Hoheiten beauftragt ist, die Kunde von ihrer Macht und ihrem Ansehen bis zu den äußersten Th-ilen der Erde zu tragen, und vorncmlich das Kreuz unseres gesegneten Erlösers vor den Augen der Ungläubigen aufzurichten, die nie seinen Namen nennen hörten, oder, wenn er ihnen je zu Ohren kam, ihn so wenig verehren, als ein Christ vor heidnischen Götzenbildern knieen würde." Er sprach dieß mit jener ruhigen, tiefen Begeisterung, welche dem ganzen Charakter des großen Seefahrers eingepfianzt war und ihn hin und wieder in gleichem Grade zum Gegenstand des Mißtrauens wie der höchsten Achtung machte. Auf Luis, wie überhaupt auf die meisten Anderen, welche mit dem Manne hinreichend vertraut waren, um seine Beweggründe würdigen und die Redlichkeit seiner Gesinnungen richtig beurtheilen zu können — war jedoch ihre Wirkung immer günstig, und wäre es wohl auch gewesen, wenn nie eine Donna Mercedes eristirt hätte. Der junge 268 Mann war selbst nicht ganz ohne einen Anflug von Schwärmerei und wußte daher, wie es stets bei einfachen und edlen Seelen der Fall ist, am besten, wie er die Empfindungen von Männern, die sich ähnliche» Einflüssen Hingaben, zu betrachten habe. Seine Antwort stand daher ganz im Einklang mit den Gefühlen des Admirals, und sie verweilten noch mehrere Stunden auf dem Hüttendccke, wobei sie mit der Gluth von Leuten, die Alles hoffen, von der Zukunft sprachen. Dieses geschah jedoch in einer zu flüchtigen und allgemeinen Weise, um eine Wiedererzählung ihres Dialogs leicht oder nölhig zu machen. Morgens um acht Uhr segelten die Schiffe an der Sandbank Von SalteS vorbei, und der Tag war bereits weit vorgeschritten, ehe die Seefahrer die bekannten Höhen bei PaloS und die übrigen Umrisse der Küste ans dem Gesteht verloren. Der CurS ging nach Süden, und da die Fahrzeuge jener Zeit leicht gesperrt und in Vergleichung mit den rascheren Schiffen unserer Tage nur wenig mit Segelwerk versehen waren, ging die Fahrt nur langsam vor sich, so daß sich kein schnelles Ende einer Neise erwarten ließ, welche, wie man wohl wußte, länger als irgend eine frühere war, und, wie Manche befürchteten, vielleicht gar kein Ende nahm. Zwei Seemeilen oder drei englische Meilen in einer Stunde, galt in jener Zeit, selbst bei frischem und günstigem Winde, für eine große Geschwindigkeit, obgleich ColumbuS selbst einige merkwürdige Tagfahrten ausgezeichnet hat, bei denen sie an hundert und sechzig Meilen in vierundzwanzig Stunden segelten — augenscheinlich also eine Geschwindigkeit, auf welche sich ein Seemann etwas zu Gute thun durfte. Wir brauchen übrigens dem erfahrenen Leser kaum zu sagen, daß diese Entfernung kaum halb so viel ist als die, welche ein schncllsegelndes Schiff unserer reiselustigen Tage unter ähnlichen Umständen zurücklegt. Di- Sonne ging auf dieser berühmten Neise unser» Abenteurern zum erstenmale unter (wir bedienen uns hier der Worte aus Co- lumbns' eigenem Berichte), als sie etwa cilf Stunden, nachdem sie 269 die Sandbank verlassen hatten, unter steifem Winde gesegelt waren. Sie hatten von dem Orte ihrer Ausfahrt an stark nach Süden abgehalten, und in dieser Zeit etwa fünfzig Meilen zurückgelegt. Das Land in der Nähe von PaloS war ganz hinter dem Wassersaume deS Oceans versunken. Da die Küste sich gegen Osten hin- zvg, so konnten die erfahrenen Augen der älteren Matrosen nur noch hin und wieder die ncblichten Gipfel der Berge von Sevilla entdecken, als der glühende Sonnenball in das feuchte Bette des westlichen Horizonts hinabsank und sich ihren Blicken entwand. In diesem Augenblicke befanden sich ColumbuS und Luis wieder auf dem Hüttendecke und betrachteten mit wehmüthiger Theilnahme die letzten Schatten des Festlandes von Spanien, während zwei Matrosen in ihrer Nähe beschäftigt waren, ein Tau zu splissen, welches durch Reibung schadhaft geworden war. Die Letzteren säßen auf dem Deck, und da sie aus Achtung Vor dem Admiral sich ein wenig seitwärts niedergelassen hatten, so wurde ihre Anwesenheit im Anfänge nicht beineikt. „Dort taucht die Sonne in die Wogen des weilen atlantischen Weltmeeres, Sennor Gunerrez." bemerkte der Admiral, welcher sich sobald irgend Jemand in der Nähe war, vorsichtigerweise stets des einen oder des andern der von Luis angenommenen Namen bediente. „Sie verläßt uns dort, Pedro, und in ihrem täglichen Umlauf sehe ich einen weiteren Beweis für die Kugelform der Erde und für die Wahrheit einer Theorie, welche uns lehrt, daß Calhay durch eine Westfahrt zu erreichen seh." „Ich bin stets bereit, die Weisheit aller Eurer Plane, Hoffnungen und Gedanken anzuerkcnne», Don Christoval," erwiederte der junge Mann, in Sprache sowohl als Benehmen die Achtung aus'S Ziemlichste beobachtend; „aber ich gestehe, daß ich nicht cinsehe, was der tägliche Umlauf der Sonne mit der Lage von Cathay oder mit dem Wege, der zu demselben führt, zu thun hat. Wir wissen, daß dieses große Licht den Himmel ohne Unterlaß 270 mnwandelt, daß es Morgens dem Mecre entsteigt und sich des Abends wieder in sein wässeriges Bette senkt; aber dieß geschieht an der Küste von Castilien so gut, als an der von Cathay, und es scheint mir daher, daß keine besondere» Folgerungen für oder gegen unsere Erwartungen aus diesem Umstande gezogen werde» können." Bei diesen Worten unterbrachen die zwei Matrosen ihre Arbeit und blickten nach dem Gesichte des Admirals, neugierig, was er antworten würde. Jetzt erkannte Luis in dem einen der Nufhorchen- den unfern Pepe, dem er einen Wink des ErkenncnS znnickte. Der andere hatte ganz das Aeußere eines befahrenen Seemanns jener Zeit, oder wie man es in den nördlichen Sprachen Europa's nennen würde, „eines ächten Seehundes" — eine Benennung, welche einen Mann bezeichnet, der durch langjährige Gewohnheit mit dem Meere so vollkommen eins geworden ist, daß Außenseite, Gedanken, Sprache und sogar die Moral die Farbe dieser Verbindung tragen. Der Matrose stand den Fünfzigen nahe und war kurz, gedrungen und von eisenstarkem aber doch beweglichem Bau. In seinen rauhen, schwerfälligen Zügen sprach sich übrigens ein Gemisch von Thierischem und Geistigem aus, wie inan es so häufig bei Leuten von natürlichem Witze und lebhaftem Gefühle findet, wenn ihre Gewohnheiten rauh und sinnlich waren. Columbus erkannte auf den ersten Blick, nicht nur in des Mannes äußerer Erscheinung, sondern auch in seiner Beschäftigung, die von der Art war, wie sie nur den Geschicktesten des Schiffsvolks zufällt, den tüchtigen Seemann. „Meine Folgerungen lauten also, Sennor," antwortete der Admiral, als er seinen Blick von den beiden Männern abgewcndet hatte: — „da die unendliche Weisheit der göttlichen Vorsehung bei Allem ihre bestimmten Zwecke hat, so macht auch die Sonne nicht ohne zureichenden Grund diese Reise um die Erde. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein so herrliches und nützliches Licht die Bestimmung habe, eine seiner Wohlthaten zwecklos zu vergeuden, und wir Wissen bereits mit Sicherheit, daß Tag und Nacht so weit nach Westen wandern, als die Erde uns bekannt ist. Ich ziehe hieraus den Schluß, daß das System harmonisch seyn müsse, und daß die Wohl- thatcn jener großen Scheibe ohne Unterlaß auf Menschen treffen und sich an einem andern Orte der Erde ergießen, wenn sie den einen verlasse» haben. Die Sonne, welche uns eben nntergegangen ist, scheint noch auf den Azoren und wird auf Smyrna und den griechischen Inseln wieder etliche Stunden früher sichtbar, ehe sie unfern Augen begegnet. Die Natur hat in ihren Einrichtungen immer die Absicht des Nutzens; ich glaube daher, daß gerade Cathay durch diesen eben entschwundenen Ball beleuchtet werden wird, wenn wir tiefe Nacht haben, und daß sie in ihrem Gange nach Osten das große Festland von Asien durchwaudelt, um uns am Morgen auf's Neue zu begrüßen. Mit einem Worte, Freund Pedro, was die Sonne gegenwärtig mit so geschäftiger Eile am Himmel vollbringt, ahmen wir im Kleinen mit unseren Caravelen nach. Nehmen wir uns hinreichend Zeit, so können wir auch über die ganze Erde Hinstreifen und auf unserer Reise das Land der Perser und Tartaren berühren." „Wir haben also die Sicherheit des Erfolges unserer Fahrt rein aus der Annahme einer Kugelform der Erde abzuleiten?" „CS würde mir Leid thun, Sennor de MunnoS, wenn nicht Jeder, der unter meinem Commando segelt, diese Thatsache zugestände. Da sind zwei Matrosen, die unserem Gespräche zugehört haben, und wir wollen hören, was Leute, welche an das Meer gewöhnt sind, für Ansichten von der Sache haben. — Du bist der Mann, welchen ich letzten Abend am Strande sprach, und heißest Pepe?" „Sennor Admiral! Euer Ercellcnz Gedächtniß erweist mir zu viel Ehre, indem es sich eines Gesichts erinnert, das der Beachtung und Erinnerung doch so ganz unwürdig ist." „ES ist ein ehrliches Gesicht, Freund, und ohne Zweifel auch der Abglanz eines aufrichtigen Herzens. Ich werde aus Dich als auf eine Stütze rechnen, mögen Dinge kommen, welche da wollen." „Eure Ercellenz hat nicht nur das Recht, als der Admiral Ihrer Hoheiten mir zu befehlen, sondern Ihr habt jetzt auch Moni- ka'S Vertrauen, und das ist hinreichend, ihren Mann zu binden." „Ich danke Dir, ehrlicher Pepe, und ich werde mich in Zukunft auf Dich verlassen können," antwortete Columbus und wendete sich nun an den andern Matrosen — „und Du, Camerad — Du hast das Aussehen eines Mannes, den der Anblick des bewegten Wassers nicht beunruhigen wird — Du hast einen Namen?" „Den habe ich, edler Admiral," entgegnete der Bursche und blickte mit der Freimüthigkeit eines Mannes auf, der sich durch nichts einschüchtern läßt, wenn es gilt sein Sprüchlein anzubringen, — „obgleich er nie weder ein Don noch ein Scnnor in den Schlepper zu nehmen hatte. Meine Cameraden nennen mich gewöhnlich, wenn sie Eile haben, Sancho, und wenn ihnen die Zeit einige Höflichkeit erlaubt, so fügen sie noch ei» Mundo bei, woraus sich denn Sancho Mundo bildet — der ganze Name eines sehr armen Mannes." „Mundo ist ein großer Name für eine so kleine Person," sagte der Admiral lächelnd, denn er sah die Nothwendigkeit voraus, sich unter seinem Schiffsvolk Freunde zu gewinnen, und er kannte die Menschen zu gut, um nicht zu wissen, daß einige Herablassung immer geeignet ist, die Herzen zu gewinnen, obgleich es ihm nicht unbekannt war, wie sehr eine unziemliche Vertraulichkeit die Achtung untergrabe. „Es nimmt mich Wunder, daß Du eS wagst, einen so stolzen Namen zu führen." „Euer Ercellenz, ich belehre meine Cameraden, daß Mundo mein Titel und nicht mein Name sey, und daß ich mich sogar für großer halten könnte, als Könige zu thnn im Stande sind, die sich begnügen mäßen, ihre Titel von einem Theile dessen, was mir ganz zugehört, zu borgen." „Und hieß Dein Vater und Deine Mutter gleichfalls Mundo? oder hast Du diesen Namen angenommen, nur um Deinen Witz zeigen zu können, wenn Dich Deine Vorgesetzten darnach fragen?" „Was die guten Leute anbelangt, welche Ihr einer Erwähnung würdigt, Sennor Don Almirante, so muß ich es ihnen überlassen, für sich selbst zu antworten, und da- aus dem einfachen Grunde, weil ich nicht weiß, wie sie hießen, oder ob sie überhaupt einen Namen hatten. Man sagt mir, ich sey gefunden worden, als ich nur einige Stunden alt war, unter einem alte« Korbe bei dem Schissvockcnthor des alten —" „Es kümmert wohl Niemand, den Ort so genau zu wissen. Du wurdest in einem Korbe statt in einer Wiege gefunden, und das macht einen ganzen Band in Deiner Geschichte." „Nein, Euer Ercellenz, ich möchte nicht, daß der Ort einmal Anlaß zu Streitigkeiten gebe — doch ganz nach Eurem Belieben. Man sagt, Niemand wisse hienieden bestimmt, wohin wir gehen, und so wäre es vielleicht geeigneter, wenn ein gleiches Dunkel auch den Ort, woher wir kamen, bedeckte. Aber da ich die Welt vor mir hatte, so gaben mir diejenigen, welche mich tauften, so viel von ihr, als sich durch einen Namen bekommen läßt." „Du bist lange zur See gewesen, Sancho Mundo — da Dir einmal Dein Mundo so gut gefällt?" „So lange, Sennor, daß mich ein Gang auf dem festen Boden krank macht und mir den Appetit verderbt. Da ich nun dem Thore nahe genug war, so war es vollends leicht, mich in die Docke zu setzen, und so kam ich eines TageS, Niemand weiß wie, in eine Caravele und mit derselben auf's Meer. Von dieser Zeit an habe ich mich meinem Schicksale unterworfen, und wenn ich einmal in einen Hafen gelange, so mache ich, daß ich sobald als möglich wieder forikomme." „Und welchem Zufall habe ich Deine Dienste bei dieser Fahrt zu verdanken, guter Sancho?" „Euer Ercellenz, die Obrigkeiten von Moguer nahmen mich in Folge des Befehls der Königin weg, denn sie mochte Wohl denken, diese Reise sey mehr nach meinem Sinn, als irgend eine andere, da sie wahrscheinlich nie ein Ende nehmen wird." „Du bist also ein unfreiwilliger Thcilnehmer an diesem Abenteuer?" Donna Mercedes. 2te Ausl. IS 274 „Nicht doch, Sennor Don Almirante, obgleich es die, welche mich herschickten, vielleicht glauben. ES ist doch ein ganz natürlicher, menschlicher Wunsch, seine Besitzungen einmal in seinem Leben zn sehen, und ich höre, daß wir den Auftrag haben, eine Reise nach der andern Seite der Welt zu machen. Wie hätte ich da nicht von einer so schönen Gelegenheit Gebrauch machen sollen?" „Du bist ein Christ, Sancho, und hast wohl das Verlangen, de» Helden das Evangelium bringen zu helfen?" „Sennor, Eure Ercellenz, Don Almirante — es kümmert Sancho wenig, mit was die Barke beladen ist, wenn es nur nicht viel zu pumpen gibt und der Knoblauch gut ist. Wenn ich nicht zu den ganz frommen Christen gehöre, so liegt die Schuld an denjenigen, welche mich in der Nähe des DockenthorS fanden, sintemal Kirche und Taufstein dieser Stelle so nahe liegen, daß man dort die BootSmannspfeise hören kann. Ich weiß, der Pcpe hier ist ein Christ, Sennor, denn ich sah ihn auf den Arme» des Geistlichen, und ich zweifle nicht, daß es zu Moguer alte Leute gibt, die von mir ein gleiches Zeugniß ablegen können. Jedenfalls wage ich es zu behaupten, edler Admiral, daß ich weder ein Jude noch ein Muselmann bin." „Sancho, Du hast etwas an Dir, was einen geschickten und kühnen Seemann vermuthen läßt." „Hinsichtlich dieser beiden Eigenschaften, Sennor Don Colon, will ich Andere sprechen lassen. Eure Augen mögen Euch von der ersten überzeugen, wenn ein Sturm losbricht, und wenn die Cara- vele an den Rand der Erde kommen sollte, wohin es nach der Meinung Einiger geht — so wird eS auch Gelegenheit geben, zu zeigen, wer ohne Zittern hinabsehen kann, und wer nicht." „Es ist genug; ich zähle Dich und Pepe unter meine zuver- läßigstcn Begleiter." Mit diesen Worten entfernte sich Columbus, indem er jenen gewohnten, würdevollen Ernst wieder annahm, welcher vermöge 273 des Eindrucks, den er auf die Gemüiher Anderer übte, sein Ansehen so sehr unterstützte. Bald daraus ging er mit Luis in die Cajüte hinunter. „Es wundert mich, Sancho," sagte Pepe, als er mit seinem Cameraden allein auf dem Hüttendecke war, „daß Du eg wagtest, sogar in der Gegenwart eines Mannes, der im Namen der Königin befiehlt, Deiner Zunge so freimüthig den Lauf zu lassen. Fürchtest Du nicht, den Admiral zu beleidigen?" „So ist'S, wenn man Weib und Kind hat! Kannst Du keinen Unterschied zwischen denen machen, die Vorfahren und Nachkommen haben, und einem Manne, den nichts an die Welt bindet, als sein Name? Der Sennor Admiral ist entweder ein ausgezeichnet großer Mann und von der Vorsehung auserkoren, den Weg nach den unbekannten Meeren, von denen er spricht, zu eröffnen, oder er ist ein hungerleidiger Genuese, der uns — weiß nicht wo — herumführt, um mit Anstand essen, trinken und schlafen zu können, während wir uns hinter ihm her abrackern wie geduldige Maulthiere, welche die Last schleppen, die das Pferd verachtet. In dem einen Falle ist er viel zu groß und erhaben, um ein müßiges Wort zu beachten, und in dem andern — was wäre da wohl schlimm genug, das ihm ein Castilianer nicht sagen dürfte?" „Ja, Du nennst Dich immer gerne einen Castilianer, trotz des DockenthoreS und des Korbes, und obgleich Moguer in Sevilla liegt." „Höre, Pepe, ist nicht die Königin von Castilien unsere Gebieterin? und find nicht treue und gehorsame Unterthanen — ich meine solche, wie Du und ich — sind nicht solche Unterthanen Werth, die Landsleute ihrer Königin zu heißen? Entehre Dich nicht selbst, guter Pepe, denn Du wirst die Welt immer bereit genug finden, Dir einen solchen Gefallen zu thun. Was diesen Genuesen anbelangt, so soll er entweder Sancho'S Freund oder Feind sepn: im elfteren Falle erwarte ich viel Tröstliches von ihm, im letzteren 276 mag er meinetwegen bis zum jüngsten Tage nach seinem Cathay jagen, er wird deshalb nicht weiser werden." „Nun, Sancho, wenn Worte eine Fahrt zu Nichte machen, oder fördern können, so bist Du der geschickteste Seemann, denn keiner weiß mit der Zunge besser fortzukommen, als Du." Die Beiden hatten unterdessen ihr Geschäft vollendet, und verließen das Deck, um zu dem übrigen SchisfSvolk hinunter zu gehen. Columbus hatte sich in seinem Zwecke nicht verrechnet, denn seine Worte und seine Herablassung übten unverkennbar einen sehr günstigen Einfluß auf den Geist Sancho Mundo'S — so hieß der Mann wirklich, und indem er sich einen Man» von so schnellem Witze und so freimüthiger Zunge zum Freunde gewann, sicherte er sich einen Verbündeten, der keineswegs zu verachten war. Von solchen Werkzeugen und von der Anwendung solcher Mittel hängt gar oft der Erfolg einer Unternehmung ab: denn sogar die Entdeckung einer Welt kann möglicherweise einmal auf der Fürsprache eines Mannes beruhen, der vielleicht weniger geeignet ist, auf die Meinungen einzuwirken, als Sancho Mundo. Fünfzehntes Kapitel. Hält euch so des Schlafs Betbörung Während offene Verschwörung Nimmt die Zeit in Acht? Hattet ihr das Leben Werth, Nun so rühret euch und hört: Erwacht! Erwacht! Der Sturm. Da der Wind anhaltend günstig war, so ging die Fahrt nach den Canarien rasch von Statten. Besonders war der Sonntag ein glücklicher Tag, da man an demselben innerhalb vierundzwanzig Stunden mehr als hundert und zwanzig Meilen zurücklegte. 277 Der Wind blieb gut, und Montags Morgen am sechsten August unterhielt sich ColumbuS eben heiter mit Luis und einigen Andern, welche bei ihm auf dem Hüttendecke standen, als man die Pinta plötzlich ihre vorderen Segel einnehmen, und schnell, um nicht zu sagen ungeschickt, gegen de» Wind aufkommen sah. Dieses Manöver deutete etwas Besonderes an und die Santa Maria, welche zum Glücke den Vortheil des Windes hatte, hielt auf sie ab, um Nachfrage anzustellen. „Was bedeutet das, Sennor Martin Alonzo?" rief der Admiral, als die Caravelen nahe genug waren, «m eine Unterredung möglich zu machen, „warum hast Du so Plötzlich in Deinem Curse inne gehalten?" „Das Geschick wollte es so, Sennor Don Christoval. Ihr seht, daß das Ruder der guten Caravelr ausgebrochen ist, und wir müssen es wieder festmachen, ehe wir uns dem Winde überlassen können." Eine strenge Wolke umzog die ernsten Züge des großen Seefahrers, und nachdem er Martin Alonzo befohlen hatte, sein Bestes zur Ausbesserung des Schadens zu thun, ging er in großer Unruhe auf dem Decke auf und nieder. Da sich der Admiral augenscheinlich diesen Unfall sehr zu Herzen nahm, so gingen die klebrigen nach dem untern Deck hinab und ließen ColumbuS mit dem angeblichen Kammerherrn des Königs allein. „Ich hoffe, Sennor, der Schaden ist nicht bedeutend, oder nicht von der Art, daß wir dadurch aufgehalten würden," sagte Luis, nachdem er durch eine Pause die Achtung, welche Alle in der Nähe des Admirals fühlten, an den Tag gelegt hatte. „Ich kenne den Martin Alonzo als einen tüchtigen Seeman, und er wird Wohl Mittel finden, noch nach den canarischen Inseln zu gelangen, wo sogar größere Beschädigungen Abhülfe finden können." „Du hast recht, Luis, und wir wollen das Beste hoffen. Es ist verdrüßlich, daß die See so hoch geht und uns hindert, der Pinta Beistand zu leisten. Aber Martin Alonzo ist in der That 278 ein erfahrener Seemann und wir müssen uns auf seinen Scharfsinn verlassen. Meine Sarge hat jedoch einen andern und tiefer liegenden Grund, als das Loswerden dieses Ruders, so ernsthaft auch ein solcher Unfall auf dem Meere für ein Schiff werden kann. Du weißt, daß die Pinta von denen zu PaloS zur Strafe früherer Bergehungen für den Dienst der Königin gestellt werden mußte, und daß die Caravele ganz gegen den Willen ihrer Eigenthümer weggenommen wurde. Nun sind aber diese, nämlich Gomez, RaS- con und Christoval Quintero auch mit an Bord, und ich zweifle nicht, daß der Unfall der Pinta ein von ihnen angelegter Plan ist. Sie haben uns durch ihre Kniffe, schon ehe wir den Hafen verließen, hingehalten, und scheinen dieselben zu unserem Nachtheil hier auf dem offenen Meere fortsetzen zu wollen." „Bei der Treue, die ich Donna Jsabclla schuldig bin, Sennor Don Christoval! ich wollte bald eine Kurmethode gegen einen solchen Verrath ausfindig machen, wenn mir die Macht, zu strafen, in die Hand gegeben wäre. Laßt mich in das Boot springen und nach der Pinta hinüber rudern — ich will diesen Herrn RaScon und Quintero sagen, daß, wenn sich ihr Ruder je wieder erkühnt, auSzubrechen, oder ein anderer ähnlicher Unfall sich ereignet, der Eine an der Raa seiner eigenen Caravele aufgehängt und der Andere in das Meer geworfen werden solle, um den Grund desselben sammt dem Ruder beaugenscheinigen zu können." „Ich mag meine Gewalt nicht ohne wichtigen Anlaß und eine vollkommene Ueberführung der Schuldigen in Anwendung bringen, und halte es für besser, auf den canarischen Inseln eine andere Caravele zu suchen; denn ich sehe aus diesem Vorfall, daß wir der Tücken dieser zwei Menschen nicht los werden, bis wir unS das Schiff selbst vom Hals geschafft haben. Es ist gefährlich bei so hoher See, das Boot auszusetzen, sonst würde ich mich selbst nach der Pinta begeben. Doch da eS nun einmal so ist, so wollen wir Martin Alonzo und seiner Geschicklichkeit vertrauen." 279 ColumbuS ermuthigte nun die Mannschaft der Pinta, sich Mühe zu geben, und nach einigen Stunden waren die drei Schisse wieder ini vollen Zuge nach den canarischen Inseln. Ungeachtet dieser Zögerung legten sie im Laufe deS Tages und der Nacht beinahe neunzig Meilen zurück. Aber am folgenden Morgen brach das Ruder wieder aus, und da der Schaden jetzt bedeutender war, als das vorigemal, so wurde auch die Ausgleichung desselben um so schwieriger. Diese wiederholten Unfälle machten dem Admiral großen Kummer, denn er betrachtete sie als die Ergebnisse des Mißvergnügens seiner Begleiter und war daher fest entschlossen, sich der Pinta zu entledigen, wenn er ein anderes geeignetes Fahrzeug auf den Inseln finden sollte. In Folge dieses Vorfalles wurde die Fahrt so verzögert, daß man an diesem Tage, trotz des fortwährend günstigen Windes, dem Orte der Bestimmung nur um etliche scchSzig Meilen näher rückte. Am folgenden Morgen kamen sich die Fahrzeuge so nahe, daß sie sich anrufen konnten, bei welcher Gelegenheit eine in den damaligen Zeiten übliche sogenannte Vergleichung der Seemannskunst unter den verschiedenen Schiffern oder Piloten statt stand, indem Jeder seine Ansichten über die Lage der Schiffe aussprach. ES gehört nicht zu den geringsten Verdiensten Colon'S, daß er seinen großen Versuch mit den unvollkommenen Instrumenten jener Zeit auszuführen im Stande war. Zwar bediente man sich des Compaffes schon seit einem Jahrhunderte, wenn nicht noch länger, allgemein; aber die Abweichungen desselben, deren Kenntniß bei langen Seereisen kaum weniger wichtig ist, als die Kenntniß deS Instrumentes selbst, waren damals den Seeleuten unbekannt, da sie sich selten weit genug von dem Lande weg wagten, um diese Geheimnisse der Natur gewahr werden zu können, und sich inSge- sammt fast eben so sehr auf die gewöhnlich sichtbare Stellung der Himmelskörper, als auf die bündigeren Ergebnisse der Berechnung verließen, wenn sie ihren Weg bestimmen wollten. Columbus bildete 280 jedoch eine merkwürdige Ausnahme in dieser wenig unterrichteten Klaffe, denn er hatte sich diejenigen wissenschaftlichen HülfSmtttel seiner Zeit, welche für seine Laufbahn nützlich waren, oder ihn in dem großen Plane, für den er allein zu leben schien, unterstützen konnten, vollkommen zu eigen gemacht. Wie zu erwarten stand, fiel die Vergleichung ganz zu Gunsten des Admirals aus, wobei die Piloten zu der Ueberzeugung kamen, daß er allein die wahre Lage der Schiffe kenne — eine Thatsache, welche sich bald auf's Bündigste erwies, indem sich kurz darauf die Bcrgspitzen der kanarischen Inseln in südöstlicher Richtung über den Saum des Meeres erhoben, wo sie wie scharf begränzte dunkle Wolken den Horizont zu säumen schienen. Bei durchsichtiger Atmosphäre sieht man derartige Gegenstände zur See auf weite Entfernungen, und da nun der Wind leicht und veränderlich wurde, so konnten die Fahrzeuge Canaria erst Donnerstags den achten August (also beinahe eine Woche nach ihrer Ausfahrt von PaloS) erreichen. Sie liefen ein und warfen in dem gewöhnlichen Hafen Anker. ColumbuS ließ sogleich Nachforschungen nach einer andern Caravele anstellen, und da eine solche nicht zu finden war, segelte er nach Gomera, wo er ein derartiges Fahrzeug leichter zu erhalten hoffte. Während der^Ndmiral in dieser Weise über die Santa Maria und die Ninna verfügte, blieb Martin Alonzo im Hafen, da er wegen des schadhaften Zustandes der Pinta nicht im Stande war, den beiden andern Schiffen zu folgen. Aber auch auf Gomera ließ sich kein geeignetes Schiff auffinden, und ColumbuS mußte wider seinen Willen nach Canaria zurückkehren. Unter andern Kunstgriffen, die man angewendet hatte, um die Pinta vom Dienste freizumachen, befand sich auch der, daß man sie schlecht kalfatert hatte. Colum- iuS ließ sie daher wieder in brauchbaren Stand setzen und segelte dann zurück nach Gomera, welches der letzte Ansfahrtsposten in der bekannten Welt werden sollte. Während dieser verschiedenen Wcchselfälle beganneinunzufriedenes Brüten unter dem Matrosen immer weiter zu greifen, und selbst einige Höhergestellte waren nicht mehr ganz frei von den schwermüthig- sten Besorgnissen über die Zukunft. Als Columbns von Canaria mit allen seinen Schiffen nach Gomera segelte und sich wieder mit Luis und seinen gewöhnlichen Gefährten auf dem Lugaus befand, wurde die Aufmerksamkeit des Admirals durch ein Gespräch gefesselt, welches unter einer Gruppe von Matrosen, die sich in der Nähe des großen Mastes versammelt hatten, statt fand. Es war Nacht und ziemlich windstille, weshalb die Stimmen der aufgeregten Sprecher weiter reichten als sie selbst glaubten. „Ich sage Dir, Pepe," rief der Lauteste und Hitzigste des Haufens, „diese Nacht ist nicht dunkler als die Zukunft unseres SchiffS- volks. Schau nach Westen — was siehst Du dort? Wer hat je von Land gehört, wenn er einmal die Azoren verlassen hat? und wer ist so unwissend, um nicht die Thatsache zu kennen, daß die Vorsehung um alles Festland Wasser — in welchen sich dann nur einige Inseln als Haltposten für Matrosen befinden — hergclegt und jenseits den großen Ocean auSgcbreitet hat, in der Absicht den Vorwitz von allem Forschen nach Dingen abzuhalten, welche mehr nach Wundern, als nach gewöhnlichen Wclterscheinungen schmecken?" „Mag scyn, Pero," antwortete Pepe; „aber ich weiß, daß Monika den Admiral als von Gott gesendet betrachtet, und daß uns seine Plane große Entdeckungen erwarten lassen, vor allem aber die Ausbreitung der Religion unter den Heiden." „Ja, Deine Monika sollte auf Donna JsabellaS Throne sitzen, so gelehrt und überaus verständig ist sie in allen Dingen, mögen sie nun ihre eigenen weiblichen Obliegenheiten oder die Deinigen berühre». Ganz Moguer wird darauf schwören, sie sey Deine Königin, Pepe, und es gibt sogar Einige, welche sagen, sie möchte eben so gerne den Hafen beherrschen, als Dich." „Sprich nichts gegen die Mutter meines Kindes, Pero," unterbrach ihn Pepe zornig. „Ich kann allenfalls Deine thörichlen 282 Worte gegen mich »och hiiinehmen, aber wer übel von Monika spricht, soll eS in mir mit einem gefährlichen Feinde zu th»n haben." „Du bist ein kühner Bursche mit der Zunge, Pero, wenn Dn hundert Stunden von Deiner bösen Sieben entfernt bist," fiel eine Stimme ein, welche ColumbuS und Luis sogleich als die Sancho Mundo'S erkannten, „und erlaubst Dir, Pepe wegen Monika'S zu verhöhnen, obgleich wir Alle recht gut wissen, wer in einer gewissen Hütte commandiri, wo Du Dich so zahm benimmst, wie ein har- punirter Delphin: so vorlaut Du Dich auch hier aufführst. Doch sey mir stille mit Deinem thörichten Gewäsche über die Weiber und laß uns, wenn Du willst, die Sache vom Standpunkte des Seemanns betrachten, statt daß Du Fragen an einen Menschen, wie Pepe, richtest, der jedenfalls zu jung ist, um viel Erfahrung zu haben. Fang an, Bursche! ich will mich von Dir eraminiren lassen." „Nun, so sage uns etwas von diesem Lande jenseits des großen OceanS, wo nie irgend ein Mensch gewesen ist und wahrscheinlich auch nie mit einem Gefolge, wie dieses, hinkommen wird." „Ich will Dir sagen, Du einfältiger und eilelzüngiger Pero, daß eS eine Zeit gab, wo selbst die canarische» Inseln unbekannt waren— wo die Matrosen sich nicht über die Meerenge von Gibraltar hinauswagten, und wo die Portugiesen nichts von ihren Goldminen und von Guinea wußten — einem Lande, das ich selbst besucht habe, und wo auch der edle Don Christoval gewesen ist, wie ich mit eigenen Augen sah." „Und was hat Guinea, oder was haben die Minen der Portugiese» mit dieser Westfahrt zu thun? Alle Welt weiß, daß es ein Land gibt, welches Afrika heißt; und was ist daran wohl zu verwundern, daß Matrosen ein Land erreichen können, von dessen Eristenz man weiß! Aber wer hat je davon gehört, daß der Ocean noch andere Continente habe? Das kommt mir fast vor, als wenn Jemand behaupten wollte, der Himmel habe noch andere Erden." „Ganz recht, Pero," bemerkte ein aufmerksamer Nebenmann, 283 „und Sancho wird seinen ganzen Witz aufznbieten haben, um dieß zu beantworten." „Ja, Denen mag es als recht Vorkommen, welche ihre Zungen, wie dis Weiber bewegen, ohne darüber nachzudenken, was sie sagen," crwicdertc Sancho ruhig; „aber damit reicht man bei Donna Jsabella oder dem Admiral nicht weit. Höre, Pero, Du kommst mir wie ein Mann vor, der den Weg zwischen PaloS und Moguer so ost betreten hat, daß er meint, es gebe keinen Weg nach Sevilla oder Granada. Bei asten Dingen muß es einen Anfang geben, und diese Reise ist ohne Zweifel der Anfang der Reifen nach Cathah. Wir fahren nach Westen statt nach Osten, weil der Weg kürzer, und außerdem der einzige für eine Caravele fahrbare ist. Nun antwortet mir, Cameraden — ist ein Fahrzeug, mögen Umfang oder Takelage sehn wie sie wollen, im Stande, über die Berge und Thäler des Festlandes zu gehen — ich meine unter ihrer Leinwand, und nach der gewöhnlichen Weise des ScgelnS?" Sango harrte der Antwort, nnd erhielt das gemeinsame und vollkommene Zugeständniß, daß eine solche Fahrt unmöglich sey. „Dann werft morgen Eure Angen auf die Charte des Admirals, die er dort im Hüttendecke vor sich ausgebreitet hat, und ihr werdet sehen, daß auf jeder Seite des atlantischen Meeres von einem Pole bis zum andern Land ist. was die Schifffahrt in einer andern Richtung als die, welche wir jetzt nehmen, unmöglich macht. Pero's Ansicht steht also in geraden Widerspruch mit den natürlichen Verhältnissen der Dinge." „Dieß ist so wahr, Pero, daß Du wohl das Maul halten darfst," rief ein Anderer, unter Beistimmung der klebrigen. Aber der Mund Pero's war nicht so leicht znm Schweigen zu bringen, und wahrscheinlich würde seine Antwort eben so scharf und unwiderleglich, wie die SanchoS ausgefallen seyn, wäre nicht in diesem Augenblick ein gemeinsamer Ausruf der Bestürzung und deS Schreckens um ihn laut geworden. Die Nacht war hell genug, 284 um die düsteren Umrisse des Pics von Teneriffa auch in der Entfernung deutlich sichtbar werden zu lassen, und gerade in diesem Arrgcnblicke schoßen Feuerstrahlen von seiner Spitze in die Höhe und beleuchteten vorübergehend den ungeheuren Bergkegel, der dann wieder — ein Gegenstand geheimnißvollen Schreckens — in dunkeln NachteSschatten verschwand. Ein Theil der Matrosen fiel ans die Kniee nieder und begann seine Rosenkränze zu beten, während sich Alle fast instinktartig bekreuzten. Dann entstand ein allgemeines Murren, und in wenigen Minuten traten auch die, welche geschlafen hatten, in den Kreis ihrer Cameraden und sahen mit Entsetzen und Bestürzung auf diese Naturerscheinung. Man beschloß den Admiral auf dieses sonderbare Ereigniß aufmerksam zu machen, und Pero wurde znm Sprecher gewählt. Diese ganze Zeit über befand sich ColumbuS mit seinen Gefährten auf dem Hüttendecke, und war, wie zu erwarten stund, gleichfalls Zeuge dieses unerwarteten Wechsels in der äußern Erscheinung des PicS. Zu einsichtsvoll, um sich hiedurch beunruhigen zu lassen, betrachtete er eben mit seiner Umgebung das Schaffen des Berges, als Pero, von fast allen Matrosen des Schiffes begleitet, auf der Schanze erschien. Alles war stille, und Pero brachte nun den Gegenstand seiner Sendung mit einem Eifer vor, der nicht wenig durch seine Furcht unterstützt wurde. „Sennor Admiral!" begann er, „wir kommen, um Euer Er- cellenz zu bitten, nach dem Pic auf der Insel Teneriffa zu blicken, wo, wie wir Alle glauben, eben ein feierliches Warnungszeichen gegen die Fortsetzung einer Fahrt in das unbekannte Weltmeer sichtbar wird. ES ist in der That an der Zeit, daß die Menschen sich ihrer Schwäche erinnern und bedenken, wie sehr sie der Güte Gottes zu danken verpflichtet sind, wenn sogar die Berge Flammen und Rauch ausspeien." „Hat keiner von Euch je das mittelländische Meer befahren, oder die Insel besucht, über die Don Ferdinand, der geehrte Gemahl unserer Herrin der Königin gebietet?" fragte ColumbuS ruhig. 285 „Scnnor Don Almiranie!" erwiederte Sancho hastig, „ich bin dort gewesen, so unwürdig ich auch des Genusses eines solchen Bortheils erscheinen mag. Auch habe ich CypruS, Alexandrien und sogar Stambul, die Residenz des Großtürken gesehen." „Nun dann sahst Du auch wahrscheinlich den Aetna, einen Berg, der ohne Unterlaß solche Flammen auswirft, und zwar mitten in einer Natur und auf einem Schauplatze, denen die Vorsehung mit ungewöhnlicher Güte gelächelt zu haben scheint, so daß nicht wohl von einem Zürnen die Rede seyn kann, wie Ihr Euch ein- bilden mögt." ColumbuS fuhr dann fort, seinen Leuten die Ursachen der vulkanischen Erscheinungen zu erklären, indem er sich zugleich — hinsichtlich der Nichtigkeit dieser seiner Angaben — auf die ihn umgebenden Herren berief. Er sagte ihnen, daß er diesen kleinen Ausbruch nur als eine natürliche Erscheinung betrachte, und daß, wenn dieses Ereigniß überhaupt eine Borbedeutung sey, sie eher eine günstige genannt werten könne, da ja die Vorsehung selbst geneigt zu seyn scheine, ihren Pfad zu erleuchten. Luis und die klebrigen aus der Umgebung des Admirals mischten sich jetzt unter das Schiffsvolk, und suchten durch Vernunftgründe eine Bestürzung zu beschwichtigen, welche in ihrem Anfang mit ernstlichen Folgen drohte. Es gelang ihnen für den Augenblick — oder besser, eS gelang ihnen hinsichtlich der Erscheinung des Vulkans vollständig, obgleich weniger durch die Beweise der einsichtsvolleren Officiere, als durch dar Zeugniß SanchoS und einiger andern Matrosen, welche bereits ähnliche Scenen gesehen hatten. Mit derartigen Schwierigkeiten hatte der große Mann zu kämpfen, nachdem er Jahre auf Bitten verschwendet hatte, um die beschränkten Mittel zu erringen, welche ihn in den Stand setzen sollten, das erhabenste Ziel, welches je ein Menschenunternehmen gekrönt hat, zu erreichen.! Die Schiffer erreichten nun am zweiten September Gomera, wo 286 mehrere Tage Halt gemacht wurde, um die Ausbesserungen zu vervollständigen und die Vorräthe vollends einzunehmcn, ehe sie den letzten Punkt der Civilisation oder, wie man damals glaubte, die Gränzcn der bekannten Erde verließen. Die Ankunft eines solchen kleine^ Geschwaders hatte in einer Zeit, wo der Communi- kationSwege so wenige waren und die Ereignisse sich gewöhnlich selbst ankündigen mußten, unter den Bewohner» der verschiedenen von unfern Abenteurern besuchten Inseln großes Aufsehen erregt. Sie hielten besonders Columbu« in hohen Ehren, nicht nur wegen der ihm von zwei Herrschern übertragenen Stellung, sondern auch wegen der Größe und de« romantischen CharacterS seiner Unternehmung. Es herrschte auf Madeira, den Azoren und den canarischen Inseln der allgemeine Glaube, daß im Westen noch ein Land liege, von dem die Bewohner seltsame Vorstellungen unterhielten, wie der Admiral bei Gelegenheit seines zweiten Besuches auf Gomera entdeckte. Eine der ausgezeichnetsten Personen, welche sich damals auf der Insel befanden, war Donna Jnez Peraza, die Mutter des Grafen von Gomera. Sie hatte einen Hof um sich, der nicht nur aus ihrer eigenen Dienerschaft, sondern auch aus Leuten bestand, welche von andern Inseln hergekommen waren, um ihr ihre Hochachtung zu bezeugen. Sie empfing den Admiral auf eine seinem hohen Range angemessene Weise, und gestattete auch denjenigen Gefährten Colon's, welche der Admiral als dieser Auszeichnung würdig vorstellte, den Zutritt zu ihren Zirkeln. Natürlich gehörte auch der angebliche Pedro de MunnoS oder Pero Gutierrez unter diese Zahl, welche alle diejenigen einschloß, die in irgend einer Weise einer so hohen und gebildeten Gesellschaft Ehre machen konnten. „Ich freue mich, Don Christophoro," sagte Donna Jnez Peraza bei dieser Gelegenheit, „daß Ihre Hoheiten endlich Euren Entwurf, dieses große Problem zu lösen, , genehmigt haben, nicht allein um des Ruhmes der beiden Herrscher, der Wohlfahrt 287 Spaniens, der Interessen unserer heiligen Kirche, die Eurer Angabe nach bei dein Gelingen so sehr betheiligt sind — und anderer gewichtigen Rücksichten willen, die bereits zwischen uns besprochen wurden, sondern auch wegen der braven Einwohner dieser glücklichen Inseln, welche nicht nur viele Ueberlieferungen hinsichtlich dcS Landes im Westen besitzen, sondern auch sehr viele Mitbürger zählen, die es in dieser Richtung mehr als einmal während ihres Lebens gesehen zu haben glauben." „Ich habe davon gehört, edle Dame, und würde für einen Bericht aus dem Munde eines Augenzeugen sehr dankbar scyn, da wir einmal hier beisammen sind, um uns über eine Sache, die für uns Alle so großes Interesse hat, unvcrholen auSzu- sprechen." „Dann, Sennor, will ich diesen würdigen Cavalier, der in jeder Hinsicht im Stande ist, die geeignete Auskunft zu geben, ersuchen, für NnS das Wort zu nehmen und Euch wissen zu lassen, was alle Bewohner dieser Inseln glauben und was so Viele von uns selbst erlebt haben wollen. Ich bitte Dich, Sennor Dama, Iheile dem Admiral die seltsame Erscheinung mit., welche uns alle Jahre den Anblick eines weit in dem atlantischen Meere liegenden unbekannten Landes gestattet." „Recht gerne, Donna Jnez, und um so lieber, da mich Euer Gnaden dazu ausfordern," versetzte der Angeredete, der mit einer Bereitwilligkeit auf dieses Thema einging, wie sie Freunde des Wunderbaren gewöhnlich an den Tag zu legen pflegen, wenn sich Gelegenheit darbielet, einer Lieblingsneigung nachzuhängen. — „Der erlauchte Admiral hat wahrscheinlich von der Insel St. Brandan gehört, die achtzig bis hundert Stunden westlich von Ferro liegt, und schon so oft gesehen wurde, ohne daß, wenigstens in unseren Tagen, ein Seefahrer je im Stande gewesen wäre, sie zu erreichen." „Ich habe schon oft von diesem fabelhaften Orte gehört," 288 entgegnete der Admiral ernst, „aber verzeiht mir, wenn ich entgegne, daß es wohl kein Land gibt, welches ein Seemann sehen und doch nicht erreichen könnte." „Nein, edler Admiral," fiele» ein Dutzend lebhafter Stimmen ein, unter welchen sich die der Dame selbst gar deutlich vernehmen ließ — „die Meisten von uns wissen, daß es wirklich gesehen wurde; und daß man es nie erreichte, ist eine Thatsache, welche mehr als ein getäuschter Pilot bezeugen kann." „Was wir gesehen haben, kennen wir, und was wir kennen, muß sich beschreiben lassen," entgegnete ColumbuS fest. — „Man nenne mir den Langen- und Breitengrad dieses St. Brandan oder St. Barandon, und in einer Woche werde ich mich von seiner Existenz überzeugt haben." „Ich verstehe mich wenig auf Längen- und Breitengrade, Don Christophoro," sagte Sennor Dama; „aber ich habe doch einen kleinen Begriff von sichtbaren Dingen. Ich habe diese Insel oft, zu verschiedenen Zeiten, mehr oder weniger deutlich gesehen, und zwar bei dem heitersten Himmel und bei den Gelegenheiten, wo es nicht möglich war, sich hinsichtlich ihrer Gestalt und ihres Umfanges wesentlich zu täuschen. Ich erinnere mich sogar, daß ich einmal die Sonne hinter einem ihrer Berge untergehcn sah." „Nun, das wäre deutlich genug, und ein Seeman weiß eine solche Aussage zu respektiren. Und doch glaube ich, Sennor, daß das, was Ihr gesehen zu haben glaubt, nur ein Trugbild der Atmosphäre war." „Unmöglich! — unmöglich!" klangen ein Dutzend Stimmen. — Hunderte sehen jährlich dieses St. Brandan austauchen und eben so schnell und geheimnißvoll wieder verschwinden." „Darin, edle Dame und edler Cavalier, liegt eben der Jrrthum, welcher Euch umfängt. Ihr seht den Pic das ganze Jahr durch, und wer hundert Meilen nördlich oder südlich, östlich oder westlich von ihm segelt, wird gleichfalls denselben Anblick haben, wenn 289 die Beschaffenheit der Atmosphäre es nicht verhindert. Ein Land, welches Gott einmal geschaffen hat, wird sicher an seiner Stelle bleiben, wenn es nicht durch irgend eine große Erschütterung, wie sie gleichsalls in den Wirken der Vorsehung und den Gesetzen der Natur ihren Grund hat, verrückt wird." „Das mag Alles wahr seyn, Sennor, und ist auch ohne Zweifel wahr; aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Ihr werdet nicht in Abrede ziehen wollen, daß Gott die Welt auf eine geheimniß- volle Weise regiert, und daß seine Rathschlüffe dem menschlichen Auge nicht immer einleuchtend sind. Wie hätte eS sonst dem Mauren gestattet seyn können, so lange in Spanien zu herrschen? Warum sind die Ungläubigen bis auf diesen Augenblick noch im Besitze des heiligen Grabes? Warum blieben die Herrscher so lange taub gegen Eure wohlbcgründeten Wünsche und Bitten, da Ihr doch ihre Banner sammt dem heiligen Kreuze nach Cathay bringen wolltet? Wer weiß, ob diese Erscheinungen von St. Brandan nicht Winke seyn sollen, um einen Mann wie Ihr bei der Verfolgung eines noch größeren Ziels, als die Erreichung seiner Ufer ist, zu ermuthigen?" ColumbuS war ein Schwärmer, aber sein Enthusiasmus gründete sich auf stete Achtung gegen die anerkannten Geheimnisse der Religion, zufolge der er—obgleich im Einklänge mit einer hohen Verehrung vor der Allmacht Gottes, nur dann ein mystisches Walten annahm, wenn es sich denkbarer Weise als eine Beihülfe für die Ausführung von Rathschlüffen der unfehlbaren und ewigen Weisheit betrachten ließ. Wie die Meisten in jener Periode, glaubte er an neue Wunder, und sein Vertrauen aus die unmittelbare Wirksamkeit von Opfern, Bußübungen und Gebeten war so ziemlich— und insbesondere bei Männern seines Berufs — ein allgemeiner Characterzug der Zeit. Demungeachtet verwarf sein männlicher Verstand den Glauben an gewöhnliche Mirakel, und obgleich er aus'S innigste überzeugt war, daß er für das große von ihm unternommene Donna Mercedes. 2te Aust. tS Werk eigens auserkoren sey, so fühlte er sich doch nicht zu dev Annahme geneigt, daß ein luftiges Jnsclbild im Westen auöge- hängt worden seyn könne, mn Seeleute zu versuchen, den Umrissen eines Schattens bis nach den noch ferneren Gegenden eines Cathay nachzujagen. „Ich fühle die feste und innige Ucberzeugung, daß mich Gott zu dem demüthigen Werkzeuge auSersehen hat, Europa auf dem Wege einer unmittelbaren Seefahrt mit Assen in Verbindung zu bringen," versetzte der Seefahrer ernst, während die Gluth tiefliegender Begeisterung aus seinem Auge leuchteten. Demungcachtet bin ich aber nicht schwach genug, zu glauben, daß unmittelbare Wunder nöthig ssnd, um mich aus meinem Wege zu führe». Es steht mehr mit dem Wirken der göttlichen Weisheit im Einklang, und ist gewiß auch für meine Eigenliebe schmeichelhafter, wenn Mittel in Anwendung kommen, die ein verständiger Seemann selbst aufzu- ssnden weiß, und die auf Theorien beruhen, welche dem menschlichen Geiste Ehre machen. Die ganze Sache war im Anfänge nur ein Gedankenblitz, worauf dann durch eifriges Stndiren und Nachdenken mein Verstand erleuchtet wurde, und die Wissenschaft brachte mich endlich zu der kleberzeugung, welche nölhig war, mich zu wirklichen Schritten zu veranlassen und dabei in den Stand zu setzen, auch Andere für die Theilnahme an diesem Unternehmen zu gewinnen." „Und handeln alle Eure Begleiter unter demselben Einflüsse?" fragte Donna Jnez mit einem Blicke auf Luis, dessen männliche Anmuth und kriegerische Haltung bei den meisten Damen der Insel Gnade gefunden hatte. — „Sieht Sennor Gutierrez eben so hell und hat er auch seine Nächte dem Studium geweiht, damit das Kreuz unter den Heiden aufgerichtet und Castilien mit Cathay enger verknüpft würde?" «Sennor Gutierrez ist ein freiwilliger Thcilnehmer an dem Abenteuer, Sennoca; was aber seine Beweggründe anbelangt, so mag er sie selber aus einander setzen." 291 „Dann wollen wir den Cavalier selbst auffordern, »nS zu antworten. Diese Damen wünschen zu wissen, was einen Mann, der gewiß an Donna Jsabella'S Hof und in den maurischen Kriegen schon sein Glück gemacht haben würde, veranlassen konnte, sich einer solchen Fahrt anzuschließen?" „Die Kriege gegen die Mauren sind zu Ende, Scnnora," cr- wiederte Luis lächelnd, und Donna Jsabella, nebst allen Damen ihres HofeS, sieht es gerne, wenn junge Männer muthig genug sind, dem Interesse und dem Ruhme CastilienS zu dienen. Ich verstehe mich gar wenig auf Theorien und kann noch viel weniger auf die Gelehrsamkeit eines Geistlichen Anspruch machen: aber es kömmt mir vor, als sähe ich Cathap wie einen leuchtenden Stern am Himmel vor mir glänzen, und ich bin bereit, Leib und Leben an seine Aufsindung zu setzen." In dem Kreise der schönen Zuhörerinnen ließ sich mancher kurze Ausruf der Bewunderung vernehmen, denn der Math gewinnt immer leicht Beifall, wenn ihm Jugend und ein gefälliges Aeu- ßere zur Seite stehen. Bei ColumbuS, einem alten verwitterten Seemann, schien der Entschluß, ein Leben, das bereits zur Neige ging, an den raschen Versuch einer Ergründung der Geheimnisse des großen Weltmeers zu wagen — lange nicht so kühn und lv- benSwerth; desto höher schlug man aber den Werth eines Manne» an, der eben erst seine Laufbahn unter scheinbar so günstigen Aussichten antrat und nun aste seine Hoffnungen auf den ungewissen Erfolg eines so ungewöhnlichen Planes setzte. Luis war entzückt von der Bewunderung, welche so viele gefühlvolle junge Wesen augenscheinlich seiner Entschlossenheit zollten, als ihn auf einmal Donna Jnez sehr zur ungelegenen Zeit und auf eine Weise, welche seine Eigenliebe nicht wenig verletzte, au» diesem Glückstaumel weckte. „Solche Beschäftigungen sind in der Thal ehrenvoller als die, welche man — Briefen aus Sevilla zu Folge — einem Jüngling zur Last legt, der einem der ersten unserer castilianischen Häuser angehört und den seine hohe Stellung schon veranlassen sollte, einem Namen, auf den Spanien so lange stolz gewesen ist, neuen Glanz zu verleihen!" begann Sennora Peraza. - „Die Berichte sprechen wohl von seiner Wanderlust, aber in einer Weise, die seines Ranges ganz unwürdig ist und die eben so wenig den Herrschern, als dem Baterlande oder ihm selbst zu Statten kommt." „lind wer mag dieser irregeleitete junge Mann sehn, Sennora, fragte Luis hastig, denn er schwamm zu sehr in dem Vergnügen, welches die von ihm erregte Bewunderung erzeugt hatte, um die Antwort ahnen zu können. — „Ein solcher Cavalier sollte auf seinen Ruf aufmerksam gemacht und zu würdigeren Beschäftigungen ermuntert werden." „Sein Name ist kein Geheimniß, denn der Hof spricht offen von der seltsamen und anstößigen Richtung, welche er verfolgt, obgleich sie dem Vernehmen nach auch den zarteren Neigungen seines Herzens sehr im Wege steht. Ich meine einen Cavalier von vornehmer Abkunft und nicht unbedeutendem Namen, nämlich Don Luis de Bobadilla, de» Grafen von Llera." Das Sprichwort sagt, daß Lauscher selten etwas Gutes von sich selbst hören, und Luis war nun bestimmt, die Richtigkeit dieses Satzes erfahren zu müssen. Er fühlte, wie ihm das Blut nach dem Gesichte schoß, und mußte sich keinen geringen Zwang an- thun, um nicht in Ausrufungen auszubrechen, in denen, wenn es ihm nicht glücklicherweise gelungen wäre, diese plötzliche Aufregung zu erdrücken — die Hälfte der Namen aller Heiligen, von denen er je gehört hatte, vorgekommen wäre. Er schlang jedoch die Worte, die er eben auf der Zunge halte, hinunter und blickte mit einer herausfordernden Miene um sich, als suche er das Gesicht irgend eines Mannes, der es wage, bei dem eben Gesprochenen auch nur zu lächeln. Zum Glücke hatten sich jedoch alle anwesenden Männer um Columbus in eifrigem Gespräche über das wahrscheinliche 293 Vorhandenseyn der Insel von Sl. Brandan versammelt, und Lu,'S begegnete nirgends einem Lächeln, um deßwillen er füglicherweise hätte Streit anfangen können, — wenn es je von einem männlichen Gegner ausgegangen wäre. Zudem veranlaßte auch das zartere Gefühl, welches die Herzen jugendlicher Damen so oft erfüllt, eine von Donna Jnez'S schönen Gefährtinnen, in einer Weise zu sprechen, welche die Empfindungen unseres Helden wieder ungemein beruhigte. „ES ist zwar wahr, Sennora," erwiederte die junge schöne Fürsprecherin, und schon die ersten Töne ihrer Stimme hatten die Wirkung, den Sturm, der sich in der Brust des jungen Mannes erhoben hatte, wieder zu beschwichtigen — „eS ist zwar wahr, Scnnora, baß man Don Luis nachsagt, er sey ein wanderlustiger Mensch, von gar unstetem Wesen; wir hören aber auch zu gleicher Zeit, daß er ein vortreffliches Herz habe, daß er großmüthig sey, wie der Thau des Himmels selbst und daß er die beste Lanze in Castilien führe, wie er auch wahrscheinlich dessen schönste Jungfrau heimführen wird." „Was hilft alles Predigen der Geistlichen und alles Zürnen der Eltern, Sennor de MunnoS," sagte Donna Jnez lächelnd, — „so lange Schönheit und Jugend den Muth, den Waffenruhm und eine offene Hand höher anschlagen, als die stillen Tugenden, welche die heilige Religion empfiehlt und welche ihre Diener so eifrig cinschär- fen. Einige Ritter im Turnier aus dem Sattel zu heben und eine durchbrochene Schwadron unter dem Angriff der Ungläubigen wieder zu sammeln, gilt für mehr, als Jahre der Mäßigkeit und Wochen der Buße und des Gebetes." „Wie können wir wissen, daß der Cavalier, dessen Ihr erwähntet, Sennora, nicht auch seine Wochen der Buße und seine Stunden des Gebets hat?" antwortete Luis, der nun seiner Stimme wieder Herr geworden war. — „Sollte er so glücklich sey», sich des RatheS eines gewissenhaften Beichtvaters zu erfreuen, so kann er beidcm kaum entweichen, da das Gebet ja so oft als Bußübung auferlegt wird. Er scheint übrigens ein miserabler Bursche zu 29L seyn, und eS wundert mich nicht, daß seine Gebieterin ihn so gar wohlfeil gibt. Ist des Namens der Dame in Eii'en Briefen auch erwähnt?" „Allerdings! ES ist Donna Maria de las Mercedes de Valverde, eine nahe Verwandte der GuzmanS und anderer großen Häuser; dazu eine der schönsten Jungfrauen von Spanien." „Das ist sie;" rief Luis „und auch eine der tugendhaftesten: denn sie ist eben so edel und weise als sie schön ist." „Wie, Sennor! ist es möglich, daß Ihr eine so hochgestellte Dame genau genug kennt, um so entschieden von ihren Eigenschaften und ihrem Aeußern sprechen zu können?" „Ihre Schönheit habe ich gesehen und von ihren Vorzügen spricht alle Welt. Aber, Sennora, meldet Euer Korrespondent nicht, was aus dem unglückliche» Liebhaber geworden ist?" „ES heißt, er habe Spanien wieder verlassen, was, wie man glaubt, von den Herrschern sehr ungnädig aufgenommen wurde, denn die Königin soll nie seines NamcnS mehr erwähnen. Man weiß nicht, welchen Weg er genommen, aber wahrscheinlich streift er wieder auf den Meeren herum, um, wie gewöhnlich, in den Häfen des Ostens gemeine Abenteuer aufzusuchen." Die Unterhaltung ging nun auf andere Gegenstände über und bald nachher kehrte der Admiral mit seinen Begleitern nach ihren verschiedenen Schiffen zurück. „In der That, Sennor Don Christoval," sagte Luis, als er allein mit dem Seefahrer dem Gestade zuging, „Niemand kann wissen, ob er einen Ruf hat oder nicht. Ich bin zwar nur ein unbedeutender Seemann und kein Pilot, aber doch muß ich finden, daß meine Hcldenlhatcn auf dem Meere allenthalben bekannt find. Wenn Euer Erccllenz durch die gegenwärtige Fahrt nur halb so berühmt wird, als ich es bereits bin, so habt Ihr allen Grund zu glauben, daß die Nachwelt Euren Namen nie vergessen wird." „Es ist ein Zoll, den die Großen für ihre Stellung abtragen muffen, Luis," verfehle der Admiral, „daß man über alle ihre Handlungen sich Bemerkungen erlaubt und daß sie nur wenig ihn» können, was unbeachtet bliebe oder der Tadelsucht entginge." „Es würde eben so gut seyn, Sennor Admiral, auch noch Herzlosigkeit, Verläumdungen und Lügen in die Wagschale zu legen, denn alles dieses gehört noch mit zu Eurer Liste. Muß es einen nicht ärgern, daß ein junger Mann nicht einmal zu Erweiterung seiner Kenntnisse ein paar fremde Länder besuchen kann, ohne daß die Schwätzer CastilienS ihre Briefe an die Schwätzer der canarischen Inseln mit Ergießungen über sein Treiben und seinen Werth füllen? Bei allen Märtyrern des Morgenlandes! wenn ich Königin von Castilien wäre, so würde ich das Briefschreiben über anderer Leute Thnn verbieten; ja ich weiß nicht, ob ich den Weibern nicht das Briefschreiben ganz und gar untersagte." „In diesem Falle, Sennor de MunnoS, könnte Dir nie das Vergnügen zu Theil werden, eine Nachricht von der schönsten Hand in Castilien zu erhalten." „Ach ich meine nur das Schreiben von Weibern an Weiber, Do» Christoval. Ohne allen Zweifel sind Briefe, welche edle Jungfrauen in der Absicht schreiben, die Herzen ihrer Anbeter zu erfreuen und sie zu ritterlichen Thaten zu ermuntern, ganz am Orte, und nimmer mögen die Heiligen den Elenden erhören, der sie verbieten oder etwas dagegen einwenden wollte. Nein, Sennor, ich hoffe, das Reisen hat mich wenigstens weitherzig gemacht, indem es mich über die beschränkten Provinz- und Städtevorurtheile erhob, und es fällt mir nicht von weitem ein, Briefen von Damen an ihre Ritter, von Eltern an ihre Kinder, oder auch von Weiber an ihre Gatten ein Ende zu wünschen. Wenn sich aber ein paar Plaudertaschen brieflich mit einander unterhalten, Sennor Admiral, so verabscheue ich ein solches Geschreibsel eben so sehr, als der Vater der Sünden diese unsere Expedition verabscheuen mag." „Es ist in der That eine Expedition, über die er keinen be- sondern Grund Hot, sich zu freuen," antwortete ColumbuS lächelnd, „da das Licht der Offenbarung und der Triumph des Kreuzes eine Folge davon sepn wird.— Doch was ist Dein Wunsch, Freuud? Du scheinst auf mich zu warten, um Dein Herz von irgend etwas zu befreien. Dein Name ist Sancho Mundo, wenn ich mich Deines Gesichtes recht erinnere?" „Sennor Don Almirante! Euer Gedächtniß hat sich nicht getäuscht! " erwiederte die angeredete Person. „Ich bin Sancho Mundo, wie Euer Ercellenz sagte, den man zuweilen auch Sancho vom Schiffsdockenthor nennt. Ich wünsche Euch Einiges über das Schicksal unserer Reise mitzutheilen, wenn anders Ihr es paffend findet, edler Sennor, mich an einem Orte anzuhören, wo keine Ohren gegenwärtig find, denen ihr nicht trauen dürft." „Du kannst hier offen sprechen; dieser Capalier ist mein Vertrauter und mein Sekretär." „Es ist nicht nöthig, einem so großen Piloten, wie Euer Ercellenz ist, sagen zu wollen, wer der König von Portugal ist und wie sich die Seeleute von Lissabon schon seit vielen Jahren unrgethan haben, da Ihr dieses Alles besser wißt als ich. Ich will daher nur beifügen, daß sie alle unbekannten Länder für sich selbst entdecken möchten und Andere so viel wie möglich zu hindern suchen, ein Gleiches zu thun." „Dom Joao von Portugal ist ein sehr hellblickender Fürst, Bursche, und Du würdest wohl thun, seinen Rang und seinen Charakter zu achten. Seine Hoheit ist kein engherziger Herrscher, und hat manchen schönen Zug von seinen Häfen ausgehen lassen." „Das that er, Sennor, und dieser Letzte ist nicht der unbedeutendste — hinsichtlich des Plaues und der Absicht nämlich," antwortete Sancho mit einem ironischen Blick auf den Admiral, welcher bewies, daß er etwas im Rückhalt habe, was er nicht ohne einige Umschweife anzubringen Willens sep. „Niemand zweifelt an Dom Joao'S Bereitwilligkeit, Züge unternehmen zu lassen." 297 „Du hast irgend etwas erfahren, Sancho, was vielleicht für mich wiffenSwerth ist. Sprich offen und verlaß Dich darauf, daß ich derartige Dienste ganz nach Würden belohnen werde." „Wenn Eure Ercellenz Geduld haben will, mich anzuhören, so will ich die ganze Geschichte mit allen Einzclnheiten und Besonderheiten geben, so daß nichts unberührt bleibt und Alles so offen baliegen soll, wie es das Herz nur wünschen oder ein Priester im Beichtstuhl verlangen kann." „Sprich, Niemand wird Dich unterbrechen. Je offener Du bist, desto schöner soll Deine Belohnung sepn." „Nun denn, Sennor Don Almirante! Ihr nzjißt wissen, baß ich vor ungefähr eilf Jahren eine Reise von PaloS nach Sicilien machte. Ich fuhr in einer Caravele, die den PinzonS gehörte — nicht dem Martin Alonzo, der die Pinta commandirt und unter Euer Ercellenz Befehlen steht, sondern einem Netter seines seligen Vaters, der bessere Fahrzeuge bauen ließ, als wir in diesen Tagen der Nebereilung erlangen konnten, wo die Taue vermürbt, und die Schiffe schlecht calfatert sind, der Weise gar nicht zu gedenken, in welcher das Segeltuch —" „Ei! guter Sancho," fiel der ungeduldige Luis ein, welchem noch immer die Bemerkungen von Donna Jnez'S Correspondcnten wurmten — „Du vergissest, daß die Nacht anrückt, und das Boot auf den Admiral wartet." „Wie sollte ich das vergessen, Sennor, da ich die Sonne eben in'S Wasser tauchen sehe und obendrein selbst zu dem Boote gehöre, welches ich nur verließ, um dem edlen Admiral das mitzutheilen, was ich ihm zu sagen habe." „Ich bitte Dich, Don Pedro, laß den Mann seine Geschichte in seiner eigenen Weise erzählen," bemerkte ColumbuS. „Man gewinnt nichts dabei, wenn man einen Seemann au« seinem Concepte bringt." „Nein, Euer Ercellenz, eben so wenig, als wenn man ein Maulthier spornt. Wie gesagt also — ich fuhr nach Sicilien 298 und hatte da einen Cameraden — er hieß Jose Gvrdo; ein gebor- ner Portugiese, aber ein Mann, dem die Weine Spaniens lieber waren, als die Krätzer seines eigenen Landes, weßhalb er meistens ans spanischen Schiffen diente. Trotz dem konnte ich doch nicht recht klug werden, ob es Jose im Herzen mehr mit den Portugiesen oder den Spaniern hielt, obgleich er jedenfalls kein besonders eifriger Christ war." „Wir wollen hoffen, daß er sich jetzt gebessert hat," sagte Colum- buS ruhig. Ich sehe voraus, daß Du mit einem Zeugniß dieses Jose anrücken willst, aber ich muß Dir sagen, daß ich einen schlechten Christen auch für einen unzuverlässigen Zeugen halte. Sage daher rasch, was er Dir mitgetheilt hat, damit ich den Werth seiner Worte selbst beurtheilen möge." „Nun wer daran zweifelt, Euer Ercellenz werde Cathay nicht entdecken, ist ein Ketzer: denn ich sehe, daß Ihr mein Geheimniß weg hattet, ehe ich Euch ein Wort davon sagte. Jose ist eben in der Felucke, welche neben der Santa Maria liegt, angelangt, und als er hörte, daß sich bei der Mannschaft unserer Erpedition auch ein gewisser Sancho Mundo befinde, so kam er eilig an Bord, um seinen alten Schiffsmaten zu besuchen." „Dieß ist alles so einfach, daß es mich Wunder nimmt, wie Du eS des Erzählens Werth halten kannst, Sancho; aber nun wir ihn sicher am Borde des guten Schiffes untergebracht haben, so können wir wohl ohne Umstände auf den Gegenstand seiner Mittheilungen übergehen." „Das können wir, Sennor, und so will ich denn ohne weitere Zögerung sagen, daß besagte Mittheilung Dom Joao von Portugal, Don Ferdinand von Aragon, Donna Jsabella von Castilien, Eure Ercellenz, Sennor Don Almirante, Don Sennor de MnnnoS hier und mich selbst berührt." „Das ist eine seltsame Gesellschaft, rief Luis lachend, indem er dem Matrosen eine Pistole in die Hand gleiten ließ, „vielleicht 299 ist aber dieß im Stande, die Geschichte dieser sonderbaren Verbindung abzukürzen." „Eine zweite würde die Erzählung auf einmal zu Ende bringen, Sennor. Die Wahrheit zu gestehen, Jose ist dabei im Hinterhalt, und da er mir sagte, seine Neuigkeiten dürften wohl eine Dublone werth seyn; so möchte cS ihm wohl nicht besonders gefallen, wenn er erführe, ich hätte meine Hälfte daran empfangen, während die Seinige noch unbezahlt ist." „Nun so mag ihn das beruhigen," sagte ColumbuS, indem er «ine ganze Dublone in die Hand des schlauen Burschen fasten ließ, denn der Admiral bemerkte, daß dieser wirklich et^aS von Wichtigkeit mitzutheilen habe. „Du kannst Jose zu Deinem Beistand herbei rufen und dich auf einmal Deiner Bürde entledigen." Sancho that, wie ihm befohlen wurde, und ehe eine Minute «erging, hatte Jose sich vorgestellt, seine Dublone empfangen, sie auf dem Finger gewogen und in der Tasche versorgt, woraus er seine Erzählung begann. Im Gegensätze mit dem verschmitzten Sancho trug er seinen Bericht rasch vor, begann an dem rechte» Ende, und hörte auf zu sprechen, sobald er nichts mehr mitzutheilen wußte. Das Wesentliche seiner Erzählung läßt sich kurz angebcn. Jose kam von Ferro, und hatte dort drei bewaffnete Caravelen unter portugiesischer Flagge gesehen, die zwischen den Inseln unter Umständen kreuzten, welche die Absicht eines Abfangens der castilianischen Expedition nicht verkennen ließen. Da der Mann sich auf einige Reisende berief, welche mit ihm gelandet hatten und seine Angaben bestätigen konnten, so begaben sich ColumbuS und Luis unmittelbar nach den Wohnungen dieser Personen, um auch ihre Aussagen zu vernehmen. Es erwies sich hieraus, daß der Matrose nur die Wahrheit gesagt hatte. „Bon asten Schwierigkeiten und Verlegenheiten, Luis," begann der Admiral, als die Beiden endlich dem Ufer zugingen, „ist diese bei weitem die ernstlichste. Die verrätherischen Portugiesen können uns entweder ganz aufhalten oder doch unfern Schissen folgen, und daun werden Leute, die nicht einmal Verstand und Unternehmungsgeist hatten, die Gabe, als sie ihnen auf's schönste angeboten wurde, hinzunehmen — unsere Lorbeer« erndtcn und sich den so wohl verdienten Lohn unserer Mühen und Gefahren an- rnaßen oder uns doch denselben streitig machen." »Dom Joao von Portugal müßte, um dieß zu erzielen, noch bessere Ritter gesendet haben, als die Mauren von Granada," antwortete Luis, der den Haß der Spanier gegen ihre Nachbarn auf der Halbinsel theilte. ^Man sagt, er sep ein kühner und gelehrter Fürst, aber die Beglaubigung und die Flaggen der Herrscherin von Ca- stilien dürfen nicht geringschätzig behandelt werden, am allerwenigsten hier, mitten in ihren eigenen Inseln." „Wir sind den Streitkräften, welche gegen uns auSgcsendet Wurden, wahrscheinlich nicht gewachsen. Man kennt die Zahl und die Größe unserer Schiffe, und zweifelsohne haben die Portugiesen die nöthigen Mittel aufgeboten, um ihre Absichten, welcher Art sie nun seyn mögen, auch auszuführen. Ach, Luis, mein Schicksal ist schwer gewesen, obgleich ich demüthig hoffe, daß das Ende mich für Alles entschädigen wird. Jahre lang bat ich den Portugiesen, dieses Unternehmen ehrlich zu unterstützen und das in Ausführung zu bringen, was unsere gnädigste Herrscherin, Donna Jsabella, jetzt so vertrauensvoll begonnen hat; man hörte aber auf meine Bitten und Gründe mit gleichgültigem Ohre; ja man wies sie sogar mit Hohn und Verachtung zurück, und nun ich mich kaum eingeschifft habe, um die von ihnen so oft verlachten Entwürfe in Ausführung zu bringen, suchen sie meine Mühe durch Gewalt und Verrath zu vereiteln." „Edler Don Christoval, ehe ihnen dies gelingen soll, wollen wir wie Castilianer sterben." „Unsere einzige Hoffnung beruht auf einer schleunigen Abfahrt. 301 Dank sey cs der Thätigkeit und dem Eifer Martin Alonzo'S — die Pinza ist segelfertig, und wir können Gomera mit dem Anbruch des Morgens verlassen. Ich zweifle, ob sie kühn genug sind, uns in das bahnlose, unbekannte Atlantische Weltmeer ohne einen anderen Führer, als ihr eigenes armseliges Wissen, zu folgen, und wir wollen daher mit der wiederkehrenden Sonne ausbrechcn. Alles hängt jetzt davon ab, daß wir unbemerkt von den kanarischen Inseln wegkommen." Sie hatten jetzt das Boot erreicht und befanden sich bald am Borde der Santa Maria. Die Spitzen der Inseln thürmten sich wie düstere Schatten in der Atmosphäre, und bald ^nachher erschienen die Caravelen wie dunkle, formlose Flecken auf dem unruhigen Meere, das ihre Rumpfe bespülte. Sechszchntes Kapitel. Sic dachten wenig, welch ein reiner Schimmer Nach Jahren diesen hehren Tag nmfienge; Daß in der Liebe stürb' ihr Name nimmer. Und daß so weit der Söhne Herrschaft dringe. Bryant. Die nun folgende Nacht entschwand den Abenteurern in sehr verschiedenen Gefühle». Sobald Sancho seine Belohnung in der Tasche hatte, nahm er keinen Anstand, Denen, welche geneigt waren, ihn zu hören, Alles mitzutheilen, was er wußte, und lange ehe ColumbuS an Bord zurückkehrte, war die Kunde von den Absichten der Portugiesen von Mund zu Munde gegangen, bis sie Keinem von dem kleinen Geschwader mehr ein Geheimniß war. Viele wünschten, daß die Nachricht wahr sehn und die Verfolger ihren Zweck erreichen möchten, da in ihren Augen jedes Geschick Dem, welches die Reise selbst versprach, vorzuziehen war. Doch — seltsames 302 Räthsel des Menfchenherzens— der größere Theil des Schiffsvolkes konnte dennoch nicht erwarten, bis die Anker gelichtet und die Lege! ausgesetzt wurden, war es auch nur deßhalb, um den Gegnern im Wettrennen den Rang abzulaufen. ColumbuS selbst fühlte die ernstesten Besorgnisse, denn es schien in der That, als beabsichtige ein hartes Geschick, ihm den Becher von den Lippen zu reißen, als er ihn nach so vielen peinlichen Leiden und Zögerungen eben erst angesetzt hatte. Er brachte daher die Nacht unter schwerer Bekümmerniß zu und war am Morgen der Erste auf den Beinen. Mit dem Grauen des Tages war Alles munter, und da die nöthigen Vorbereitungen bereits in der Nacht getroffen worden waren, so befanden sich bei dem Ausgang der Sonne die drei Schiffe — die Pinta wie gewöhnlich voran — bereits auf dem Wege. Der Wind war leicht, und das Geschwader hatte kaum Fahrt genug, um auf die Steuer zu lüstern; demungcachtet wurden, da jeder Augenblick kostbar schien, die Schnäbel der Fahrzeuge nach Westen gerichtet. Sie waren noch nicht lange in der See, als eine Caravele, deren sie schon seit einigen Stunden ansichtig gewesen waren, mit schlagenden Segeln an ihnen vorbei kam. Der Admiral rief sie an und fand, daß sie von Ferro, der südwestlichsten Insel dieser Gruppe, kam und auch fast ganz in demselben Curse gesteuert hatte, welchen unsere Flottille einzuschlagen gedachte, so lange sie sich in bekannten Meeren befand. „Bringst Du Neuigkeiten von Ferro," fragte ColumbuS, als das fremde Schiff langsam an der Santa Maria vorbeitrieb, denn die Fahrzeuge legten in der Stunde wenig mehr als eine Meile zurück — „Gibt es nichts Bemerkenswerthes in jener Gegend." „Wüßte ich, daß ich mit Don Christoval Colon, dem Genuesen spräche, welchen Ihre Hoheiten mit einem so großen Aufträge beehrt haben, so würde ich mich eher verpflichtet fühlen, das, was ich gehört und gesehen habe, mitzutheilen, Sennor," war die Antwort. 303 „Ich bin Don Christoph, Ihrer Hoheiten Admiral, und Vicelönig über alle Meere und Länder, welche wir entdecken — auch wie Du gesagt hast, ein Genuese von Geburt, obgleich mich mein Amt und die Liebe zu der Königin zu einem Castilianer machen." „Dann, edler Admiral, kann ich Euch sagen, daß die Portugiesen sich rühren: denn in diesem Augenblicke sind drei ihrer Caravelcn vor Ferro und hoffen Euer Geschwader abzufangen." „Woher weißt Du das, Freund, und warum soll ich glauben, daß die Portugiesen Caravelcn in der Absicht auszusenden wagen, Leute, welche unter der Flagge JsabcllcnS der Katholischen segeln, zu belästigen? Sie sollten wissen, daß der heilige Vater kürzlich den zwei Herrschern in Anerkennung der wichtigen Dienste, welche sie der Christenheit durch die Vertreibung der Mauren geleistet, diesen Titel ertheilt hat." „Sennor! es ging wohl ein Gerede davon auf den Inseln, aber der Portugiese bekümmert sich wenig um derartige Dinge, wenn er sein Gold gefährdet glaubt. Als ich Ferio verließ, sprach ich die Caravelcn an, und ich habe allen Grund, zu glauben, daß das Gerücht ihnen nicht Unrecht thut." „Sahen sie kriegerisch aus, und behaupteten sie ein Recht zu haben, unsere Reise zu unterbrechen?" „Sie sagten uns nichts der Art, sondern fragten nur höhnisch, ob der durchlauchtige Don Chiistoval Colon, der gioße Vlcekönig des Ostens, bei uns an Bord scy. Was ihre Ausrüstung anbclangt, so führten sie viele Donnerbüchsen und eine Menge von Leuten in Harnischen und Helmen. Ich zweifle, ob so viele Soldaten auf den Azoren sind, als auf ihren Schiffen." „Halten sie dicht an den Inseln, oder befinden sie sich mehr seewärts?" „Meistens das Letztere, Sennor, denn morgens halten sie nach dem Westen ab und nähern sich erst mit TagcSneige dem Lande. Nehmt das Wort eines alten Seemanns, Don Christoph, die Bastardbrut führt nichts Gutes im Schilde." 304 Das Letztere war kaum mehr vernehmlich, denn die Caravelen hatten indessen an einander vorbeigetrieben und standen sich bald so ferne, daß an keine weitere Besprechung mehr zu denken war. „Glaubt Ihr, Don Christoph, der castilianische Stamm gelte so wenig, daß diese portugiesische Hunde es wagen sollten, die Flagge der Königin zu beschimpfen?" fragte Luis. „Ich fürchte in der That von ihrer Gewalt wenig mehr als Zögerungen und Hindernisse, aber schon diese möchten mir im gegenwärtigen Augenblicke kaum weniger schmerzlich als der Tod scyn. Am meisten fürchte ich, daß diese Caravelen unter dem Vorwand, die Rechte Dom Jao'S zu beschützen, den Auftrag haben möchten, uns nach Cathay zu folgen, in welchem Falle uns die Entdeckung bestritten und die Ehre derselben gethcilt würde. Wir müssen den Portugiesen wo möglich auSweichen, und um dieß zu erzielen, habe ich die Absicht, nach Westen abzuhaltcn, ohne mich der Insel Ferro mehr, als unvermeidlich nothwendig ist, zu nähern." Ungeachtet der glühenden Ungeduld, welche den Admiral und die Meisten des Schiffsvolks erfüllte, schienen nun die Elemente ihre Fahrt von den canarischen Inseln in das offene Meer hinaus hemmen zu wollen. Der Wind ließ immer mehr nach, bis er endlich so stille wurde, daß man die Segel ausholte, und nun lagen die drei Schiffe — bald ruhig von den Wellen bespült, bald von einer Grund- deining emporgehoben, da: ungeheuer» Thiercn vergleichbar, die unter der heißen Glut der Svmmersonne in schläfriger Gleichgültigkeit ihrer trägen Ruhe Pflegen. Die Matrosen murmelten im Geheimen ihre Paternoster oder Ave Marias vor sich hin, und gelobten für die Zukunft manches Gebet, wenn sie Wind erhalten würden. Hin und wieder schien es auch, als ob die Vorsehung ihre Bitten gewähren wolle, denn die Wangen glaubten schon das Fächeln des Luftzuges zu fühlen und die Segel wurden in der vergeblichen Hoffnung, weiter zu kommen, niedergelaffen. Aber es war nur Täuschung, und endlich fühlten Alle 305 am Bord, da sie bestimmt sepen, sich in die Heimsuchung einer Windstille ergeben zu müssen. Mit dem Einbruch der Nacht erhob sich jedoch ein leichter Wind, und einige Stunden lang hörte man, wie sich das Wasser unter den Bugen der Fahrzeuge theilte, obgleich es kaum schnell genug vorwärts ging, um die Schiffe unter dem Commando des Steuers zu erhalten. Gegen Mitternacht hörte auch diese kaum bemerkliche Bewegung wieder auf und die Fahrzeuge wälzten sich wieder träge in den Grunddeiningen — den Rückwirkungen von Stürmen des westlichen OceanS. Als der Morgen anbrach, fand sich der Admiral zwischen Go- mera und Teneriffa; der stolze Pic der letzteren Insel warf seinen scharf bezeichnetcn Schatten, ähnlich dem, welchen ein Planet verursacht, weit über das Wasser, und seine Spitze spiegelte sich wieder auf der glatten Oberfläche des OceanS. Columbus fürchtete nun, die Portugiesen möchten ihre Boote anwenden oder mit irgend einer leichten Feluke herauSrudern, um ihre Lage aufzustnden, und ließ daher vorsichtig die Segel beschlagen, um seine Schiffe so viel möglich ihren spähenden Blicken zu entziehen. Dieß war die Stellung des berühmten Geschwaders am siebenten September — genau fünf Wochen nachdem es Spanien verlassen hatte, denn diese unheilverkündende Windstille fiel auf einen Freitag oder denselben Wochentag, an welchem man von PaloS ausgesegelt war. Aller Erfahrung zu Folge gibt cS gegen eine Windstille auf dem Meere kein anderes Zufluchtsmittel als die Geduld. Columbus war ein viel zu kundiger Seefahrer, um diese Wahrheit nicht zu fühlen, und nachdem er die erwähnte Vorsichtsmaßregel getroffen hatte, richteten er und seine Piloten ihre Aufmerksamkeit auf die Vorkehrungen, welche nöthig waren, um die Reise für die Zukunft gefahrlos und sicher zu machen. Die wenigen, in jener Zeit bekannten mathematischen Instrumente wurden hervorgeholt, corrigirt und in einer doppelten Absicht zur Schau gestellt — einmal um sich über die gegenwärtige Lage Gewißheit zu verschaffen, und Donna Mercedes. 2ie Aufl. 20 306 dann um die Matrosen etwas sehen zn lassen, was ihre Achtung gegen die Führer erhöhen und ihnen Zutrauen zu deren Geschicklichkeit einflößen konnte. Der Admiral hatte sich bereits unter seinem Gefolge einen hohen Ruf als Seefahrer erworben, weil sich in der Nähe der canarischen Inseln seine Berechnungen um vieles genauer erwiesen hatten, als die der Peloten; und als er nun das Instrument, welches damals die Stelle der Quadranten versah, zeigte und seine Compaßc untersuchte, beobachteten die Seeleute jede seiner Bewegungen entweder mit geheimer Bewunderung oder mit mißtrauischer Wachsamkeit. Einige sprachen offen ihre Zuversicht aus, daß ColumbuS wohl fähig sehn möge, überall hinzukommen^ wo er hin wolle, während Andere im Geheim jenen Grad von bedenklicher Wichligthuerei verriethen, welcher gewöhnlich Vorurtheil, Unwissenheit und Bosheit begleitet. Luis hatte die Geheimnisse der SeefahrlSkunst nie begreifen können, denn der edle Herr schien alles ernstere Lernen als eine Art von Bildung zu verschmähen, die nur wenig im Einklang mit seinen Bedürfnissen und seinem Geschmacks stehe. Demnngeachtet war er verständig, und hinsichtlich desjenigen Wissens, welches sich Laien seines Ranges gewöhnlich anzueignen Pflegen, stand er in den Zirkeln des Hofes nur Wenigen nach. Zum Glück setzte er das unbedingteste Vertrauen auf die Kenntnisse des Admirals, und da er persönlich furchtlos war, so hatte ColumbuS unter seinem ganzen Gefolge keinen ergebeneren Begleiter, als den jungen Grande». Trotz seiner gepriesenen Philosophie, Einsicht und Vernunft ist der Mensch doch stets den Täuschungen seiner eigenen Einbildungskraft und Verblendung eben so sehr ausgesetzt, als den Tücken und Kunstgriffen Anderer. Selbst wenn er am wachsamsten und vorsichtigsten zu sehn glaubt, wird er eben so oft durch Außendinge irre geleitet, als durch UrlheilSkraft und Thatsachen beherrschtz und so glaubte vielleicht die Hälfte Derer, welche Zeugen dieser berechneten Sorgfalt Colon'S waren, in ihrem erneuten Vertrauen alle die Sicherheit zu fühlen, welche Wissenschaft und wissenschaftliche Folgerungen zu gewähren im Stande sind, obgleich in der That nur auf ihre Sinne cingewirkt wurde, ohne daß ihrem Verstände auch nur das mindeste weitere Licht zuging. So verging der Tag des siebenten Septembers, und als die Nacht anbrach, schwamm das kleine Geschwader, oder die Flotte, wie man es in der stolzen Sprache des TageS nannte — noch immer hülflos zwischen Teneriffa und Gomera. Auch der folgende Morgen brachte keinen Wechsel, denn eine glühende Sonne, von keinem Lufthauche gemildert, goß ihre sengenden Strahlen über die Oberfläche eines Meeres, das wie geschmolzenes Silber glänzte. Als sich jedoch der Admiral durch Leute, welche er zu Untersuchung deS-Ho- rizonts nach dem Top hinaufgeschickt hatte, überzeugte, daß nichts von den Portugiesen sichtbar sey, so fühlte er sich wieder ungemein erleichtert, denn er zweifelte jetzt nicht mehr, daß seine Verfolger ebenso unthäiig, als er selbst, westwärts von Ferro lägen. „Bei den Hoffnungen eines Seemann'S, Sennor Don Chri- stoval," sagte Luis, als er nach abgehaltener Siesta sich auf das Hüttendeck begab, wo Columbus seit Stunden unermüdet wachsam gewesen war — „die Geister derHölle scheinen sich gegen uns verschworen zu haben! Wir sitzen hier schon den dritten Tag in der Windstille, und der Pie von Teneriffa ist so unbeweglich wie ein Meilenstein, der den Meerschweinen und Delphinen die Geschwindigkeit ihres Schwimmens andeuten zu wollen scheint. Wer an Vorbedeutungen glaubt, könnte hier wohl auf den Gedanken kommen, daß den Heiligen unser Unternehmen zuwider sch, obgleich es nur ihre eigene Ehre zum Zweck hat." „Wir dürfen nichts für eine Vorbedeutung nehmen, was nur die Wirkung von Naturgesetzen ist," erwiederte der Admiral ernst.— „Es wird übrigens mit dieser Windstille bald zu Ende sehn, denn die Atmosphäre füllt sich mit einem Dunste, der Wind aus Osten verspricht, und schon das Schwanken des Schiffes kann Dir sagen, daß 308 die Kühlten im fernen Westen nicht müssig waren. Meister Steuermann!" er wendete sich hiebei an den Mann, welcher im gegenwärtigen Augenblick diesen Dienst auf dem Verdecke übte — „Du wirst gut thun, Deine Leinwand herabzulassen und Dich auf einen günstigen Wind vorzubereiten, denn wir werden bald genug davon aus Nordosten bekommen." Diese Vorhersagung traf ungefähr eine Stunde später ein und alle drei Fahrzeuge begannen wieder mit ihren Kielen in's Wasser zu schneiden. Aber der Wind wurde den ungeduldigen Matrosen noch qualvoller als selbst das stille Wetter gewesen war, denn die See kam stark von vornen und der Luftzug war so leicht, daß die Fahrzeuge nur mit großer Mühe ein wenig gegen Westen Vordringen konnten. Die ganze Zeit über sah man ängstlich nach den portugiesischen Caravelen aus, obgleich man ihre Erscheinung jetzt weniger als vorher fürchtete, da man sie ziemlich im Lee zu haben glaubte. ColumbuS und seine geschickten Beistände, Martin Alonzo und Bi- zente Uannez, oder die Gebrüder Pinzon, welche den Befehl über die Pinta und Ninna führten, boten alle ihre Erfahrungen auf, nm die Schiffe vorwärts zu bringen. Die Fahrt blieb jedoch nicht nur langsam, sondern auch peinlich, da jeder frische Windzug nur dazu diente, die Buge der Fahrzeuge mit einer Gewalt in die See zu stürzen, welche für Spieren und Tackelwerk fürchten ließ. Die Geschwindigkeit des Segelns war in der That auch so unbedeutend, daß cS Colon'S ganzer Umsicht bedurfte, um der fast unbemerklichen Weise, in welcher der hohe kegelförmige Gipfel des PicS von Teneriffa so zu sagen Zoll um Zoll sich senkte, gewahr zu werden. Die abergläubischen Gefühle der Matrosen waren ungewöhnlich thä- tig, und manche begannen sich zuzuflüstern, daß selbst die Elemente von einer weiteren Fahrt abriethen, und daß, so spät eS auch scheinen möchte, der Admiral gut thun würde, der Zeichen und Vorbedeutungen zu achten, welche die Natur selten ohne zureichenden 309 Grund gebe. Diese Meinungen wurden jedoch nur vorsichtig ausgesprochen, denn ColumbuS ernste Weise hatte so viel Achtung eingeflößt, daß man derartige Ansichten in seiner Gegenwart ganz unterdrückte und die Matrosen der andern Fahrzeuge folgten noch immer den Bewegungen des Admiralschiffs mit jener Art blinder Abhängigkeit, welche unter solchen Umständen die Hingebung de« Untergeordneten an den Vorgesetzten bezeichnet. ColumbuS zog sich in später Nacht nach seiner Cajüte zurück, und als er die Berechnungen des Tages beendigt hatte, bemerkte Luis, daß seine Züge ungewöhnlich ernst wurden. „Ich hoffe, Alles geht nach Euren Wünschen, Don Christoval/' begann der junge Mann heiter. „Wir sind nun hübsch im Zuge, und meine Augen haben bereits Cathay vor sich." „Du hast Etwas in Dir, Don Luis," bemerkte der Admiral, „was Dich Deine Wünsche deutlich vor Dir sehen läßt und Alles heiter färbt. Meine Pflicht ist es aber, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, und obgleich Cathay offen vor dem Auge meines Geistes liegt, — nur Du, Herr, der Du mir in weiser Absicht das heiße Verlangen, jenes entfernte Land zu erreichen, eingepflanzt hast, nur Du weißt eS, wie offen—obgleich Cathay aufgeschloffen vor meinem geistigen Auge steht, so bin ich doch verpflichtet, auf die physischen Hindernisse zu achten, die sich unserer Absicht in den Weg stellen könnten." „Und werden diese Hindernisse ernstlicher, als wir erwarten konnten, Sennor?" „Mein Glaube ruht in Gott! — Sieh' her, junger Herr" — er legte seinen Finger auf die Karte — „heute morgen waren wir hier, und im gegenwärtigen Augenblicke befinden wir uns, trotz aller Mühen des Tages, nicht weiter als auf diesem Punkte. Du siehst, wie ungemein unbedeutend unser Borrücken ist, und hier kannst Du auch bemerken, welche ungeheure Oede wir auf dem Weltmeer noch zu durchschneiden haben, ehe wir hoffen dürfen, uns dem Ziele der Reise zu nähern. Meiner Berechnung zu Folge haben wir trotz 310 aller unserer An Krengungen in diesem bedenklichen Augenblicke — bedenklich nicht allein hinsichtlich der Portugiesen, sondern auch wegen unserer eigenen Leute — nur neun Stunden zurückgelegt; — welch ein geringer Theil von den tausenden, die vor uns liegen! Bei einer solchen Geschwindigkeit ist ein frühes Ausgehen unserer Lebensmittel und des TrinkwasserS zu fürchten." „Ich habe alles Vertrauen zu Eurem Verstände, Euren Kenntnisse» und Eurer Erfahrung, Don Christoval." „Und ich habe alles Vertrauen zu Gott und hoffe nicht, daß Er seinen Diener im Augenblick verlassen wird, wo er seines Beistandes am meisten bedarf." ColurnbuS warf sich nun in seinen Kleidern auf'S Lager, um einige Stunden Schlafes zu erhaschen, denn die Besorgnisse, welche er über die Lage seines Fahrzeuges fühlte, gestatteten ihm nicht, sich zu entkleiden. Dieser gefeierte Mann lebte in einer Periode, wo eine falsche Philosophie, und eine anmaßende, aber unzureichende Anwendung des Verstandes noch nicht so häufig war, und man sich selten, nicht einmal dem Scheine »ach, des freimüthigen Zugeständnisses einer beharrlichen Hingebung an eine göttliche Macht überhob. Wir sagen dem Scheine nach, da Niemand, wie weit auch seine Selbsttäuschungen in dieser Hinsicht reichen mögen, in der Wirklichkeit glauben kann, daß er sich unter allen Verhältnissen selbst zu schützen vermöge. Dieses unbedingte Selbstvertrauen steht schon im Widerspruche mit den Gesetzen der Natur, denn jeder hat in seinem Innern einen Mahner, der ihn seine wirkliche Schwäche kennen lehrt und ihm täglich, stündlich, ja sogar in jedem Augenblicke zeigt, daß er nur ein unbedeutendes Werkzeug ist, dessen sich eine höhere Macht bei Ausführung ihrer großen und geheimnißvollen für das Wohl der ganzen Schöpfung berechneten Zwecke bedient. Im Einklänge mit der Sitte der Zeit kniete also ColumbuS nieder und betete brünstig, ehe er sich schlafen legte, und auch Luis de Bo- badilla nahm keinen Anstand, einem Beispiels zu folgen, welcher damals nur Wenige für ihres Verstandes und ihrer Stellung unwürdig Hielien. Wenn die Religion im fünfzehnten Jahrhundert auch durch Aberglauben befleckt war und die Menschen allzuviel auf die Wirksamkeit augenblicklicher und vorübergehender Aufregungen bauten, so ist dabei doch gewiß, daß sie das Gepräge einer würdevollen Demuth und Gottergebenheit trug, und die Welt hat sicherlich nichts dadurch gewonnen, daß es in unseren Tagen anders ist. Das erste Grauen des Tages brachte den Admiral und Luis wieder auf das Deck. Beide knieten nochmals auf dem Rundbause nieder und erneuerten ihre Gebete; dann standen sie auf, überließen sich Gefühlen, wie sie in ihrer Lage natürlich waren, und harrten begierig, was der Morgen Neues enthüllen möge. Die Annäherung der Dämmerung und der Aufgang der Sonne auf dem Meere ist so oft beschrieben worden, daß eine Wiederholung hier wohl überflüssig scheinen dürfte, und wir erlauben uns nur zu bemerken, daß Luis das Farbenspiel, welches den östlichen Himmel schmückte, mit den warmen Gefühlen eines Liebenden betrachtete, und in den sanften flüchtigen Tinten, welche bekanntlich zumal in niederen Breitegraden die Vorläufer eines schönen Septembermorgens sind, eine Aehnlichkcit mit dem Fluge der auf Mercedes sprechenden Zügen hinschwebendcn inneren Regungen zu finden glaubte, während das Auge des Admirals einer mehr praktischen Richtung, nämlich der wo die Insel Ferro lag — folgte, und den lichteren Tag erwartete, um sich zu überzeugen, welche Wechsel während der Stunden seines Schlafes vorgegangen sepen. So verstoßen einige Minuten in stummer Betrachtung, bis der Seefahrer LniS an seine Seite winkte. „Siehst Du jene düstere schwarze Masse, welche sich dort südwestlich von uns aus dem Dunkel hebt," sagte er: „sie wirb mit jedem Augenblick deutlicher und bestimmter, obgleich sie acht bis zehen Stunden entfernt liegt. Das ist Ferro, und ohne Zweifel sehen die Portugiesen dort in ängstlicher Erwartung nach uns aus. 312 Zn dieser Windstille ist jedoch von einem Näherkommcn nicht die Rebe, und in so weit wären wir also immerhin geborgen. ES ist aber jetzt nothwendig, Gewißheit darüber zu gewinnen, ob die auflauernden Caravelen zwischen uns und dem Lande sind, oder nicht. Je nachdem es sich herausstellt, ist eS vielleicht nicht sehr gerathen, der Insel noch näher zu rücken, und wir können dann wie gestern den Vortheil des Windes benützen. Siehst Du in jener Gegend des Meeres ein Segel, Luis?" „Nein, Sennor, obgleich es hinreichend Helle ist, dem Auge die Leinwand eines Schiffes benierklich zu machen, wenn ein solches vorhanden wäre." ColumbuS ließ einen Ausruf des Dankes hören, und befahl dann sogleich den AuSlugern auf den Masten, den ganzen Horizont zu untersuchen. Der Bericht lautete günstig, denn die gefürchteten portugiesischen Caravelen ließen sich nirgends blicken. Als die Sonne aufging, erhob sich ein Wind nach Südwesten, welcher Ferro und demzufolge auch jedes Fahrzeug, welches in dieser Richtung kreuzte, unmittelbar in'S Luv der Flotte brachte. Ohne einen Augenblick zu verlieren, wurden die Segel ausgesetzt und der Admiral hielt nach Nordwestcn ab, da er vermuthete, seine Verfolger sähen im Süden der Insel nach ihm aus, wo ihn auch jeder, welcher Colon'S Absicht nicht vollkommen erfaßte, erwarten durfte. Inzwischen war die westliche Deining gioßentheils niedergegangen und die Schiffe trieben stetig und dem Anscheine nach auch für die Dauer vorwärts, obgleich man die Fahrt keineswegs eine schnelle nennen konnte. Die Stunden entschwanden langsam, und mit dem Vorrücken de» Tages wurden die Umriffe der Insel Ferro allmählig immer unbestimmter. Ihre ganze Oberfläche nahm das dunstige Aussehen einer dunkeln, undeutlich begränzten Wolke an, bis sie endlich ganz im Wasser untertauchte. Die Gipfel ihrer Berge waren noch sichtbar, als der Admiral mit den Bevorzugteren seiner Gefährten auf dem Hüttcndecke stand, um nach dem Meer und dem Wetter auszusehen. 313 Der gleichgültigste Beobachter hätte jetzt den bezeichnenden Unterschied in dem GemüthSzusiande Derer, welche sich an Bord der Santa Maria befanden, bemerken können. Auf dem Hüttendecke war Alles voll Freude und Hoffnung, da dieses glückliche Entkommen selbst die Mißtrauischen für den Augenblick der ungewissen Zukunft vergessen ließ. Die Piloten waren wie gewöhnlich beschäftigt und bewahrten sich eine Art seemännischen StoiciSmuS, während dagegen Trauer auf den Matrosen lastete, als stünden sie um ein Sterbebette. Fast Jeder auf dem Schiffe war einer der Gruppen, die auf dem Deck versammelt waren, beigetreten, und jedes Auge schien wie durch einen Zauber auf die entschwindenden und versinkenden Höhen von Ferro gebannt zu seyn. Während dieses Zustands der Dinge trat ColumbuS zu Luis und weckte ihn aus einer Art Verzückung, indem er ihm leicht den Finger auf die Schulter legte. „Der Sennor de MunnoS kann doch unmöglich die Gefühle der Menge theilen?" — bemerkte der Admiral mit einer leichten Mischung von tleberraschung und Vorwurf, „und dieß noch obendrein in einem Augenblicke, wo Alle, welche Einsicht genug haben, die herrlichen Folgen unseres Unternehmens vorauszusehen, sich freuen, daß ein vom Himmel gesandter Wind uns in eine sichere Entfernung von den nachsetzcnden und mißgünstigen Caravelen führt. Warum siehst Du mit so festem und unverwandtem Blicke auf das Volk unter Dir? Bereust Du etwa, zu mir an Bord gegangen zu seyn, oder gedenkst Du bloS der Reize Deiner Gebieterin?" „Bei St. Jago, Don Christoval, „dießmal hat es Euer Scharfsinn nicht getroffen. Weder Neue noch andere Gedanken, wie Ihr sie mir anznmuthen beliebt, fesseln meine Aufmerksamkeit, sondern nur jene armen Burschen, mit deren Angst ich Mitleiden habe." „Die Unwissenheit ist ein schlimmer Tyrann, Sennor Pedro, und er übt eben jetzt seine Herrschaft über die Einbildungskraft der Matrosen mit seiner ganzen Unbarmherzigkeit. Sie fürchten das Schlimmste, nur weil sie nicht Verstand genug habe», das 314 Beste vorauszusehen. Furcht ist ein weit gewaltigerer Afsect als die Hoffnung, und immer der Verbündete der Unwissenheit. In den Augen des Pöbels erscheint das, was noch nicht gewesen — ja sogar das, mit dem er nicht schon einigermaßen vertraut geworden ist — immer als etwas Unmögliches, denn die Gedanken des Menschen bewegen sich in einem Kreise, der um so enger ist, je mehr ihm der Unterricht fehlt. Die Bursche blicken nach dieser allmählig untcr- tauchendcn Insel wie Menschen, welche von allem Zeitlichen den letzten Abschied nehmen. In der That, ich dachte mir's nicht, daß die Angst sie so ganz und gar hinreißcn würde." „Sie liegt tief, Sennor, und doch hebt ste sich wieder bis zu den Augen, denn ich habe Thronen auf Wangen gesehen, von denen ich nimmer gedacht hätte, daß sie durch etwas anderes als durch die Sprühe des Meeres naß werden könnten." „Dort sind unsere zwei guten Freunde, Sancho und Pepe; Keiner von ihnen scheint sich besonders unglücklich zu fühlen, obgleich sich in dem Gesichte de« Letzteren ein schwermüthiger Zug ausspricht. Was den Ersteren anbelangt, so zeigt der Spitzbube die Gleichgültigkeit eine« ächten Seemannes, der sich nie glücklicher fühlt, als wenn er am weitesten weg ist von den Gefahren der Klippen und Sandbänke. Einem solchen Manne ist das Nieder- gehcn einer Insel und das Auftauchen einer Andern eine gleich unwichtige Erscheinung; er bemerkt nur den sichtbaren Horizont um sich, und was hinter demselben liegt, betrachtet er als für ihn nicht vorhanden. Ich baue auf die Ergebenheit dieses Sancho trotz seiner Spitzbüberei, und zähle ihn zu den Zuverläßigsten meines Gefolges." Hier wurde der Admiral durch einen Schrei von dem untern Deck her unterbrochen, und als er sich umsah, bemerkte sein rasches und geübtes Auge schnell, daß der Horizont im Süden nur noch die gewöhnliche Waffergränze des offenen Meere« darbot. Ferro war in der That ganz untergesunken, obgleich sich Einige 315 der aufgeregtesten der Matrosen noch einbildeten, es zu sehen, nachdem es bereits ganz hinter der Wellenlinie verschwunden war. Jemehr stch dieser Umstand vergewisserte, desto unzweideutiger und lauter wurden die Klage» des Schiffsvolks; man scheute stch nicht, seine Thränen offen zur Schau zu tragen, rang die Hände in einer Art gefühlloser Verzweiflung — und nun folgte eine so lärmende Scene, daß für die Expedition von dieser neuen Seite aus die ernst- lichste Gefahr zu befürchten stand. Solche Austritte veranlaßten ColumbuS, die gesammte Mannschaft auf dem Raum unter dem Hüttendecke zu versammeln, während er selbst auf dem letzeren, von wo aus er jedes Gesicht mustern konnte, stehen blieb, und mit ihnen über die Ursache ihres Kummers sprach. Bei diesem Anlässe war da» Benehmen des großen Seefahrers ernst und offen, so daß sich jedem die Ueberzeugung aufdringen mußte, der Admiral setze selbst das vollste Vertrauen in die Wahrheit seiner Beweisgründe und verbinde mit seinen Worten nicht die Absicht, zu täuschen, oder irre zu führen. „Als Don Ferdinand und Donna Jsabslla, unsere hochgeschätzten und geliebten Herrscher, mich mit der Bestallung einer Admirals und Vicekönigs in den unbekannten Meeren, nach welchen wir gegenwärtig steuern, beehrte," — begann er — „betrachtete ich dieß als das schönste und erfreulichste Ercigniß meines Lebens, und der gegenwärtige Augenblick steht ihm, was Hoffnungen und glückliche Aussichten anbelangt, wenig nach, obgleich er Einigen von Euch so schmerzlich vorzukommen scheint. In dem Verschwinden FerroS sehe ich auch das Verschwinden der Portugiesen, denn nun wir uns auf dem offenen Meere ohne sichtbare bekannte LandeS- gränzen befinden, hoffe ich, daß die Vorsehung uns den Tücken unserer Feinde entnommen habe. Wenn wir uns selbst und dem großen Zwecke, der vor uns liegt, treu bleiben, so ist keine weitere Ursache zur Furcht vorhanden. Wenn Jemand unter Euch in dieser Hinsicht sein Herz erleichtern will, so mag er unverhohlen sprechen, denn die Beweismittel, welche uns zu Gebote stehen, sind zu kräftig, als daß ich Bedenklichkeiten durch mein bloßes Ansehen niederzuschlagen beabsichtigen sollte." „Nun, Sennor Don Almirante," antwortete Sancho, dessen Zunge immer redfcrtig war, sobald sich Gelegenheit dazu darbot, „gerade was Euer Erccllenz so heiter stimmt, macht diese ehrlichen Leute so traurig. Könnten sie die Insel Ferro oder irgend ein anderes bekanntes Land immer im Gesicht behalten, so würden sie Euch eben so leicht nach Cathap folgen, als das Boot bei leichtem Winde und ruhigem Wasser der Caravele folgt, aber dieses Hinter- sichlaffen von Allem, — von Land, Weibern und Kindern ist der Anlaß ihres Kummers und entsiegelt ihre Thränen." „Und Du, Sancho, ein alter Matrose, der auf der See geboren ist —" „Nicht doch. Euer Ercellcnz, erlauchter Sennor Don Almirante," unterbrach ihn Sancho mit dem Blicke verstellter Einfalt, „nicht gerade auf dem Meere, obschon im Bereiche seiner Ausdünstungen, denn da ich an dem Dockenthor gefunden wurde, so ist es nicht wahrscheinlich, daß man gerade einen Hafen gemacht haben sollte, um ein so unbedeutendes Stück Fracht an'S Land zu bringen." „Nun also, in der Nähe der See geboren, wenn Du so willst; — aber von Dir erwarte ich etwas Besseres als unmännliche Klagen, bloß weil eine Insel hinter den Horizont gesunken ist." „Ihr dürft dieß auch, Ercellenz. Es kümmert Sancho wenig, ob auch die Hälfte der Inseln im Meere noch um ein gut Theil tiefer sänke. Da gibt es so ein grünes Vorgebirge — nun ich wünsche es nie wieder zu sehen — und ein Lampidosa nebst Stromboli und anderen in jener Gegend, die um dessen willen, was sie dem Seemanne Gutes bieten,, weit besser aus dem Wege wären. Aber wenn sich Eure Ercellenz herablaffen will, diesen ehrlichen Leuten zu sagen, wohin wir gehen sollen, was Ihr in dem Hafen zu 317 ff finde» erwartet, und vor Allem, wann wir wieder zurückkommcn, so wird ihnen dieß einen unaussprechlichen Trost gewähren." „Da ich es für eine besondere Pflicht hochgestellter Personen halte, auch ihre Beweggründe wissen zu lassen, wenn nichts UebleS aus einer solchen Enthüllung folgen kann, so will ich es mit Vergnügen thun, und die Aufmerksamkeit Aller in meiner Nähe, besonders aber derjenigen, welche sich wegen unserer gegenwärtigen Lage und unserer künftigen Bewegungen so gar sehr beunruhigt fühlen, in Anspruch nehmen. Das Ziel unserer Reise ist Cathay, ein Land, das bekanntlich die äußerste östliche Gränze Asiens bildet und mehr als einmal von christlichen Wanderern bereist wurde. Unsere Reise unterscheidet sich von allen, welche zu Erreichung dieses Landes je versucht wurden, durch den Umstand, daß wir nach Westen gehen, während Andere in Osten vorgeschritten sind. Die Ausführung unserer Absicht ist jedoch nur durch muthige Seeleute möglich, da nur Männer, welche mit dem Meere vertraut sind, — geschickte Piloten unv gehorsame, dienstwillige Matrosen — ohne bessere Führer als die Kenntniß der Sterne, der Strömungen, der Winde und anderer Erscheinungen des atlantischen Meeres sind und mit den Hilfsmitteln, welche die Wissenschaft bietet, diese Gewässer zu durchschneiden im Stande sehn werden. Der Grund , warum ich so handle, liegt in meiner Ueberzeugung, daß die Erde eine Kugel ist, woraus denn folgt, daß das atlantische Meer, welches bekanntermaßen im Osten von Land begränzt wird, auch eine westliche Gränze haben müsse. Berechnungen zufolge ist es fast zu- verläßig, daß dieser Kontinent, der, wie ich glaube, sich als Jir- dien erweisen wird, nicht weiter als fünfundzwanzig oder dreißig Tagefahrten — wenn es überhaupt so viele sind, — von unserem Europa entfernt seyn kann. „Nachdem ich Euch nun auseinander gesetzt habe, wann und wo ich das gesuchte Land zu finden hoffe, will ich auch die Vortheile ein wenig berühren, welche wir von dieser Entdeckung erwarten 318 dürfen. Nach den Berichten eines gewissen Marco Polo und seiner Verwandten — glaubwürdiger und geachteter Männer aus Venedig — ist das Königreich Cathay nicht nur größer als irgend ein bekanntes, sondern wimmelt auch von Gold und Silber, von andern werthvollen Metallen und kostbaren Steinen. Die Vortheile, welche die Entdeckung eines solche» Landes für euch bringen wird, mögt ihr aus denen, welche sie mir einträgt, entnehmen. Ihre Hoheiten haben mir für den Fall eines glücklichen Erfolges den Rang einer Admirals und VicekönigS übertragen, und wenn eure Bemühungen bis zu dem günstigen Ende ausharren, so mag der geringste Mann unter euch mit Zuversicht auf ausgezeichnete Gnadenbeweise von Seiten der Herrscher rechnen. Der Lohn wird ohne Zweifel dem Verdienste angemessen sehn, und wer viel geleistet hat, wird auch mehr empfangen, als diejenigen, welche wenig verdient haben, obgleich für Alle genug vorhanden sehn wird. Marco Polo und seine Verwandten hielten sich siebenzehen Jahre am Hofe des Groß-KhanS auf: sie waren in jeder Hinsicht geeignet, glaubwürdige Berichte über die Rcichthümer und Hülfsquellen dieser Gegenden zu erstatten , und obgleich sie nur einfache venetianische Kaufleute waren, ohne andere Mittel, als die sie auf den Rücken ihrer Lastthiere packen konnten, fanden sie doch einen reichen Lohn für ihre Mühen. Die Edelsteine, mit welchen sie zurückkehrten, reichten allein hin, ihr Geschlecht zu bereichern und einer zwar herabgekommenen, aber ehrenwerlhen Familie wieder aufzuhelfen, während sie selbst um ihres Unternehmungsgeistes und ihrer Wahrheitsliebe willen zu hohem Rufe kamen. „Da bekanntermaßen der Ocean auf eine weite Entfernung hi» an der Seite des asiatischen Festlandes und des Königreichs Cathah von Inseln wimmelt, so dürfen wir erwarten, daß wir zuerst auf diese treffe», und wir würden ein Unrecht gegen die Natur begehen, wenn wir nicht auf Ladungen wohlriechender balsamischer Gewürze und anderer werthvollen Dinge, mit welchen 319 dieser gesegnete Erdtheil zuverläßig reichlich versehen ist, rechneten. Die Phantasie kann in der That kaum die Grüße der Resultate fassen, welche den Erfolg krönen werden, während Hohn und Verachtung eine hastige und unüberlegte Rückkehr Irrsten müßten. Da wir außerdem jenes Land nicht als Eindringlinge, sondern als Christen und Freunde besuchen, so ist kein Grund vorhanden, eine andere als die freundlichste Aufnahme zu erwarten, und ohne Zweifel werden schon die Geschenke, welche man Fremden, die so weit und auf einem bisher unbefahrenen Wege Herkommen, anbietcn wird, euch für alle eure Mühen und Sorge» hundertfach entschävigcn. „Ich sage nichts von der Ehre, denjenigen beigezählt zu werden, welche das Kreuz zuerst in diese Heidenwelt gebracht haben," fuhr der Admiral fort, indem er den Hut abnahm und mit feierlichem Ernste um sich blickte, „obgleich cs unsere Väter für keine geringe Auszeichnung hielten, in dem Kampfe um das heilige Grab mitgefvchten zu haben. Aber weder die Kirche noch ihr großer Stifter werden des Dieners vergessen, der in ihrem Weinberge arbeitete, und wir alle dürfen uns zeitlichen und ewigen Segens versichert halten." Nach diesen Worten bekreuzte sich ColumbuS andächtig und entzog sich den Blicken seiner Leute, indem er zu denen auf dem Hültendecke zurücktrat. Die Wirkung dieser Ansprache war für den Augenblick sehr wohlthätig und die Matrosen sahen die Wolken, welche über dem Lande schwebten, wie das Land selbst — mit weniger aufgeregten Gefühlen, als sie vorher an den Tag gelegt hatten, verschwinden. Demungeachtct aber blieben sie mißtrauisch und düster. Die Nacht über träumten Einige von den Bildern, welche ihnen ColumbuS von dem Osten entworfen hatte, während Andere in ihrem Schlafe Dämonen zu sehen glaubten, welche sie in unbekannte Meere lockten, um daselbst als Strafe für ihre Sünden für immer umgehen zu müssen: denn das Gewissen übt seine Gewalt in allen Lagen, besonders aber da wo Mißtrauen und Ungewißheit herrscht. 320 Kurz vor Sonnenuntergang ließ der Admiral die drei Fahrzeuge beilegen und die beiden PinzonS an Bord seines eigenen Schiffes kommen. Er theiltc diesen Männern seine Befehle und die Ver- haltungSregeln für den Fall, daß die Schiff- getrennt würden, mit. „Ich hoffe, Ihr habt mich verstanden, SennoreS," schloß er, nachdem er seine Absichten weitläufig erörtert halte. „ES ist eure erste und wichtigste Pflicht, euch bei jedem Wetter und unter allen Umständen, so viel als möglich in der Nähe des Admiralschiffs zu halten. Geht dieß jedoch nicht an, so werdet ihr genau den CnrS nach Westen unter diesem Längen- und Breitengrade einhalten, bis ihr etwa siebenhundert Stunden von den canarischen Inseln entfernt seyd. Dann habt ihr des Nachts beizulegen, da ihr um diese Zeit wahrscheinlich in der Nähe der asiatischen Inseln seyn werdet, und cs wird gut und für unsere Plane zweckmäßig seyn, von diesem Augenblicke an mehr auf Entdeckungen bedacht zu seyn. Jedenfalls steuert immer nach Westen und ihr werdet mich znver- läßig an dem Hofe des Groß-Khans treffen, wenn uns die Vorsehung ein früheres Wiedersinden versagen sollte." „Ganz recht, Sennor Admiral," erwicderte Martin Nlonzo, indem er die Augen aufrichtete, die er lange auf die Karte gehestet hatte, „aber es wird weit besser für das Ganze seyn, auf einander zu warten, hauptsächlich für uns, Die wir wenig gewöhnt sind, mit Fürsten umzugehen und daher Euer Ercellcnz Schutz wohl brauchen können, ehe wir nur so geradezu vor einen Fürsten, so mächtig als der Groß-Khan, treten." „Du zeigst Deine gewohnte Klugheit, guter Martin Alonzo, und ich muß Dich darum loben. Es wäre in der Thal besser, wenn Du meine Ankunft abwartetest, denn jener Herrscher des Morgenlandes dürfte es wohl für schicklicher halten, den ersten Besuch von dem Vicekünig der Herrscher, welcher Briefe unmittelbar von seinen königlichen Gebietern überbringt, zu empfangen, als von einem Manne untergeordneten Ranges. Gib aber wohl ans die Inseln lind ihre Erzeugnisse Acht, Sennor Pinzon, wenn Du zuerst in diese Meere kommen solltest und erwarte meine Ankunft, ehe Du etwa» Weiteres beginnst. Wie haben sich Deine Leute bei dem Abschied vom Lande benommen?" „Nebel genug, Sennor; sie waren in-der That so ungeberdig, daß ich fast eine Meuterei besorgte. Es gibt Leute auf der Pinta, welche man immer in einer heilsamen Furcht vor dem Zorn Ihrer Hoheiten erhalten muß, wenn man nicht einer plötzlichen und gewaltsamen Rückkehr nach PaloS gewärtig sehn will." „Du wirst wohl thun, ein wachsames Auge auf diesen Geist der Unruhe zu haben und ihn nicht auskommen zu lassen. Doch sey so lange als möglich gütig und freundlich gegen die Mißvergnügten und ermuthige sie durch vernünftige Versprechungen, aber nimm Dich in Acht, daß ihre Unzufriedenheit Dein Ansehen nicht überwältige. Doch, die Nacht bricht an, meine Herren; steigt in'S Boot und kehrt zu euren Schiffen zurück, damit wir den Wind benützen können." Als ColumbuS wieder mit Lnis allein war, saß er, den Kopf auf die Hand gestützt, in seiner kleinen Cajüte und verlor sich in tieseS Nachdenken. „Du kennst diesen Martin Alonzo schon seit länger, Don Luis de Bobadilla?" fragte er endlich und verrieth durch diese Frage den Gang, welchen seine Gedanken genommen hatten. „Schon seit langeh wie Jünglinge nämlich zu rechnen Pflegen, Sennor, obgleich die Zeit in den Berechnungen bejahrter Männer nur wie ein Tag erscheinen dürfte." „Es liegt viel auf ihm, und ich hoffe, er wird sich ehrlich erweisen. Bis jetzt hat er sich immer freisinnig, unternehmend und männlich gezeigt." „Er ist ein Mensch, Don Christoval, und daher dem Jrrthum zugänglich. Wie die Leute im Allgemeinen sind, so scheint mir Martin Alonzo bei weitem nicht der Schlimmste zu sehn. Er hat Donna Mercedes. 2te Aufl. 21, sich zwar bei dieser Unternehmung nicht mit ritterlichem Sinne und in gläubigem Eifer betheiligt, aber gebt ihm die Wahrscheinlichkeit einer gewinnreichen Rückkehr von seinen Gefahren und Ihr werdet ihn so treu finden, als das Interesse einen Menschen nur machen kann, wenn sich eine Gelegenheit bietet, seinen Eigennutz auf die Probe zu stellen." „Nun so will ich denn Dir allein mein Geheimniß anvertrauen. Blicke auf dieses Papier, Luis. Du stehst, daß ich hier unfern Weg von heute morgen an berechnet habe, und ich finde, daß wir volle neunzehn Stunden, wenn auch nicht in gerader westlicher Linie, zurücklegten. Wollte ich die Leute an dem Ende irgend einer großen Entfernung, ohne daß Land sichtbar wäre — wissen lassen, wie weit sie in der That gekommen find, so würde die Furcht die Oberhand gewinnen und Niemand vermöchte dte Folgen vorauSzusehcn. Jch werde daher öffenllich nur fünfzehn Stunden uiederschreiben und die wahre Berechnung blos für mich und Dich aufbewahrcn. Gott wird mir diese Täuschung vergeben, da sie nur im Interesse seiner eigenen Kirche geübt wird. Wenn ich täglich solche kleine Abzüge mache, so werden wir im Stande seyn, bis auf tausend Stunden vorzurücken, ohne eine größere Unruhe zu wecken, als etwa sieben- oder achthundert Stunden veranlassen würben." „Das heißt den Muth in einer Weise abschätzcn, wie ich eS mir nie geträumt hätte," erwiederte Luis lachend. „Bei St. Luis, meinem wahren Namenspatron, der ist ein miserabler Ritter, dessen Muth durch ein Stundenmaß aufrecht gehalten werden muß." „Unbekannte Uebel find bei weitem die gefürchtetsten. Eine Weite Entfernung, auf einem bahnlosen Meere gemessen, hat ihre Schrecken für die Unwissenden so gut, wie für die Verständigen, junger Herr, denn hier stellt sich eine andere Frage — hinsichtlich der großen Bedürfnisse des Lebens, nämlich der Nahrung und des Wassers, heraus." Nach dieser kleinen Rüge des Leichtsinns bei seinem jungen Freunde 323 schickte sich der Admiral zum Schlafengehen an, indem er vorher niederkniete und sein Gebet verrichtete. Siebenzehutes Kapitel. Wohin verfolgest du die Spur Der Rosen, die des Abends Schein Am Himmel malt — so einsam und allein Auf taubeträufter Flur? Brpant. Columbus' Schlummer war von kurzer Dauer. So lange sein Schlaf währte, war er tief; da aber der Admiral ein Mann war, der eine Willenskraft besaß, welche die thierischcn Funktionen ganz ihrer Gewalt unterworfen halte, so wachte er regelmäßig in kurzen Zwischenräumen wieder auf, um nach dem Stand des Wetters und der Stellung seiner Schiffe zu sehen. Bei dem gegenwärtigen Anlässe befand sich der Admiral ein wenig nach Ein Uhr bereits wieder auf dem Deck, wo er Alles scheinbar in jener ruhigen und ansprechenden Stille antraf, welche bei schönem Wetter gewöhnlich die Stunden einer mittleren Wache auf dem Meere auSzeichnet. Die Leute auf dem Decke schliefen meist und nur der schläfrige Pilot, der Steuermann und einige Ausluger waren auf und wach. Der Wind war steifer geworden und die Caravele pflügte ihren Weg mit unermüdlichem Fleiße vorwärts, so daß Ferro und seine Gefahren mit jedem Augenblick sich mehr und mehr entfernten. Die einzigen vernehmlichen Töne waren das leise Seufzen deS Windes in den Tauen, das Rauschen des vom Kiele getheilten Wassers und hin und wieder das Knarren einer Raa, wenn ein stärkerer Windstoß ihre Gien auSdehnte und die Taue anspannte. Die Nacht war finster und es bedurfte einer Weile, um bei dem schwachen Lichte das Auge an die Gegenstände zu gewöhnen. Der Admiral aber entdeckte schnell, daß das Schiff nicht dicht im 324 Wind segelte, wie er doch befohlen hatte. Er trat an'S Steuer und bemerkte, wie eS so weit gedreht war, daß der Schnabel nach Nord-Osten abfallen mußte, welches in der That die Richtung nach Spanien war. „Bist Du ein Seemann und vernachläßigst Deinen CurS in dieser saumseligen Weise?" fragte der Admiral ernst, „oder bist Du nur ein Maulthiertreiber, der sich einbildet, er ziehe seines Weges auf einem Bergpfade hin? Dein Herz ist in Spanien und Du glaubst, daß der eitle Wunsch einer Rückkehr durch einen solch thörichten Kunstgriff verwirklicht werden könne?" „Ach, Sennor Admiral, Euer Ercellenz hat richtig geurtheilt, wenn Ihr glaubt, mein Herz sey in Spanien, wo cs um so mehr sehn muß, da ich in Mvguer sieben mutterlose Kinder zurückgelaffen habe." „Weißt Du nicht, Bursche, daß auch ich Vater bin und daß ich gleichfalls die theuersten Gegenstände väterlicher Hoffnungen zurückgelassen habe? Worin unterscheidest Du Dich denn von mir, da mein Sohn nicht minder der Mutterpstege entbehrt?" „Ercellenz, er hat einen Admiral zum Vater, während meine Jungen nur die Söhne eines Steuermanns sind." „Und was kann es Don Diego nützen" — ColumbuS Pflegte auf die Ehren, welche ihm die Herrscher — obgleich etwas unregelmäßigerweise — ertheiit hatten, ein Gewicht zu legen — „was kann eS Don Diego, meinem Sohne nützen, wenn sein Vater als Admiral zu Grunde ging, sofern überhaupt von einem Zugrundegehen die Rede sehn kann; und was hat er für einen Vortheil vor Deinen Kindern, wenn er sich wie sie elternlos findet?" „Sennor, er hat den Vortheil, von dem König und der Königin geliebt, als Euer Kind geehrt und als der Sohn eines VicekönigS gehegt und gepflegt zu werden, während man den Sprößling eines namenlosen Matrose» bei Seite wirft." „Freund, Du hast nicht ganz Unrecht, und in sofern achte ich Deine Gefühle," antwortete ColumbuS, der wie Washington sich stets 325 dem Einflüsse eines hohen und reinen Rechtsgefühls hingab — „aber Du würdest wohl thun, Dich der Folgen, die durch eine männliche, vom Glück gekrönte Ausdauer bei dieser Reise für das Wohl Deiner Kinder erwachsen können, zu erinnern, statt daß Du Dich in armseliger Furcht über Gefahren ängstigst, die uns wahrscheinlich nie begegnen werden. Keiner von uns Beiden hat viel zu erwarten, wenn unser Entdeckungszug mißglückt: desto mehr dürfen wir aber im Falle eines günstigen Erfolges hoffen. Kann ich Dir so weit trauen, daß Du das Schiff in seinem CurS erhalten wirst, oder muß ich einen andern Matrosen an das Steuer setzen?" „Es ist wohl besser, wenn ihr das Letzere thut, edler Admiral. Ich will mir Euern Rath bedenken und das Heimweh niederzukämpfen suchen. Jedenfalls ist es aber räthlicher einem Andern meinen Dienst zu übertragen, so lange wir noch so nahe an Spanien sind." „Kennst Du einen gewissen Sancho Mundo, einen gemeinen Matrosen von unserer Mannschaft?" „Sennor, wir kennen ihn Alle; ganz Moguer hält ihn für den Geschicktesten unseres Gewerbes." „Gehört er zu Deiner Wache oder schläft er unten bei der Ablösungsmannschaft?" „Sennor, er gehört zu unserer Wache und schläft nicht unten, dondern hier oben auf dem Verdecke. Weder Furcht noch Gefahr kann Sancho'S Zuversicht erschüttern. Er betrachtet den Anblick des Landes so sehr als ein Nebel, daß ich zweifle, ob es ihn überhaupt freuen würde, wenn wir je die fernen Länder erreichen sollten, von denen Euer Ercellenz zu glauben scheint, daß sie erreichbar seyen." „Suche diesen Sancho und heiße ihn hieher kommen! ich will inzwischen Deinen Dienst versehen." ColumbuS ergriff nun das Steuer selbst und brachte durch eine leichte Bewegung der Speiche das Schiff augenblicklich wieder so weit, als eS anging, in den Wind. Die Folge davon war ein rascheres und schnelleres Treiben in die See, eine schiefere Stellung 326 nach dem Lee und ein lebhafteres Knarren der Masten, welches andeutete, daß Spieren und Takelwerk auf's Neue und kräftiger anzogen. Nach einigen Minuten erschien Sancho, der sich gähnend die Augen auSricb. „Uebernimm Du diese« Amt," sagte der Admiral, als der Mann näher trat, „und übe cS treu. Diejenigen, welche vorher hier standen, haben sich als unzuverläßig erwiesen und ließen das Schiff in der Richtung nach Spanien abfallen. Ich hoffe etwas Besseres von Dir und denke, Freund Sancho, ich kann auf Dich selbst im Falle der Gefahr als auf einen treuen und gehorsamen Begleiter zählen." „Sennor Don Almirante," sagte Sancho, indem er das Steuer ergriff und es durch ein leichte« Spiel sein Kommando fühlen ließ, wie wohl ein geschickter Kutscher mit seinen Rossen thut, wenn er die Zügel in die Hand genommen hat, „ich bin ein Diener der Krone und Euer Untergebener, und daher bereit, jeden Dienst, den man mir überträgt, zu leisten." „Du fürchtest Dich nicht vor dieser Reise und trägst Dich nicht mit der läppischen Besorgniß, ohne die Hoffnung, je Weib oder Kind wieder zu sehen — dich endlos in einem unbekannten Meere umhertreiben zu müssen?" „Sennor, Ihr kennt unsere Herzen so gut, als ob ihr sie mit eigenen Händen geformt und in unsere armseligen Körper gelegt hättet." „Du hegst also keine von diesen thörigten und unseemännischen Befürchtungen?" „Nicht soviel, Ercellenz, um das Ave eines Pfarrgeistlichen oder den Seufzer eines alten WeibeS zu veranlassen. Ich mag meine Bedenklichkeiten haben, denn wir alle haben unsere Schwäche» — aber keine davon hat mit der Furcht, auf dem Ocean herumsegeln zu müssen, etwas zu schaffen, da mir dieß nur Freude macht; und was Weib und Kinder anbelangt, so bin ich mit Elfterer nicht versehen, 327 und wünsche auch nicht, glauben zu müssen, daß mir von Letzteren eines Nachrufe." „Wenn Du Bedenklichkeiten hast, so nenne sie. Ich möchte einen so muthigen Mann, wie Du, ganz zu meinem Freunde haben." „Ich zweifle nicht, Sennor, daß wir Cathay, oder was immer für ein Land, welches Eure Ercellenz zu suchen beliebt, finden werden; ich nehme durchaus keinen Anstand an Eurer Fähigkeit, dem Groß-Khan Trotz zu bieten und ihm seine Juwelen vom Turban zu streifen — denn da er ein Ungläubiger ist, muß er Wohl einen Turban tragen; auch fühle ich nicht das geringste Bedenken hinsichtlich der Große unserer Entdeckungen und der Reichthümer, die wir als Fracht bekommen werden, denn ich glaube, Sennor Don Almirante, daß Ihr geschickt genug seyd, die Caravelen an das Ende der Erde und wieder zurückzuführen, oder sie mit Karfunkeln zu beladen, wenn cs an Diamanten fehlen sollte." „Wenn Du ein solches Vertrauen zu Deinem Führer hast, welche andere Sorge kann Dich noch beunruhigen?" „Mich beunruhigt der Werth des AnthcileS, sey es nun an Juwelen oder Ehre, welcher einem gewissen Sancho Mundo, einem armen unbekannten, fast nackten Matrosen zufallen dürfte; denn er braucht von Beiden, mehr, als Wohl je unserer gnädigen Gebieterin, Donna Jsabella, oder ihrem königlichen Gemahl in den Sinn gekommen sehn mag." „Sancho, Du lieferst den Beweis, daß Niemand ohne Mängel ist, und ich fürchte. Du bist käuflich. Man sagt, jeder Mensch habe seinen Preis und Du scheinst aus dem Deinigen kein Hehl zu machen." „Eure Ercellenz ist nicht umsonst in der Welt herumgesegelt, sonst könntet Ihr nicht Jedem seine Gedanken so leicht absehen. Ich habe immer vermuthet, daß ich käuflich sey, und so nahm ich alle Arten von Geschenken an, um dieses Gefühl niederzuhalten. Nichts beschwichtigt den Wunsch, seine Dienste gut an den Mann zu bringen, mehr, als Geschenke und Belohnungen, und was den 328 Preis anbelangt, so gebe ich mir Mühe, den meinigen so hoch als möglich zu Hallen, damit man mich nicht für eine gemeine und niedrige Seele halte. Zahlt mich gut und laßt eS an Geschenken nicht fehlen, und ich werde so uneigennützig seyn, wie ein Bettel- mönch." »Ich verstehe Dich, Sancho, Du bist zu kaufen, aber nicht zu schrecken. Nach Deiner Ansicht war eine einzige Dublone zu klein, als daß Du sie hättest mit Deinem Freunde, dem Portugiesen, theilen mögen. Ich will auf Deine eigenen Bedingungen einen Bund mit Dir eingehen. Hier ist ein anderes Goldstück; stehe zu, daß Du mir auf der ganzen Reise treu bleibst." „Zählt ohne Bedenken auf mich, Sennor Don Almirante, und auch mit Bedenken, je nachdem cS kommt. Eure Ercellenz hat keinen uneigennützigeren Freund in der Flotte. Ich hoffe nur, daß, wenn die TheilnngSliste abgefaßt werden soll, der Name Sancho Mundo den ehrenvollen Platz einnehme, welcher seiner Treue gebührt. Und nun, Ercellenz, könnt Ihr ruhig schlafen gehen; die Santa Maria wird dem Curse nach Cathay so nahe liegen, als eS dieser Südwestwind immer gestattet." EolnmbuS legte sich wieder nieder, obgleich er die Nacht hindurch noch einigemal aufstand, um nach dem Stande des Wetters zu sehen und sich zu überzeugen, daß die Mannschaft ihre Schuldigkeit thue. So lange Sancho an dem Steuer saß, wurde sein Versprechen treu eingehalten, als er aber zur gewohnten Stunde mit seiner Wache in den untern Raum ging, kamen Leute an seine Stelle, welche sich eben so treulos als der frühere Steuermann erwiesen. Als Luis seine Hängematte verließ, war Columbus bereits mit Berechnung der Entfernung, welche das Schiff die Nacht über abgelaufen hatte, beschäftigt. Der Admiral bemerkte den spähenden Blick des jungen Mannes und begann mit Ernst und nicht ganz ohne einen schwermüthigen Zug in seiner Miene: „Wir sind weit gekommen, obgleich es nördlicher ging, als 329 ich gewünscht habe. Ich finde, daß die Schiffe sich seit Sonnenuntergang um dreißig Stunden weiter von Ferro entfernt haben, und Du siehst, daß ich hier vierundzwanzig in die Rechnung, welche für die Augen der Mannschaft bestimmt ist, eintrug. Die Steuerleute haben aber in dieser Nacht einen großen Kleinmuth, wenn nicht Verrätherei, an den Tag gelegt; denn sie hielten mit dem Schiffe in einer Weise ab, daß es eine Zeit lang ganz in paralleler Richtung mit der europäischen Küste lief. Sie suchten mich also auf dem Decke zu betrügen, während ich eS für nöthig erachtete, sie in der Cajüte zu täuschen. Es ist schmerzlich, Don Luis, daß man zu solchen unredlichen Mitteln seine Zuflucht nehmen muß, wenn es sich um ein Unternehmen handelt, welches alle, die je von Menschen versucht wurden, überbietet und noch obendrein die Ehre Gottes, das Wohl des Menschengeschlechts und insbesondere die Interessen von Spanien zum Zwecke hat." „Selbst die frommen Geistlichen können oft ohne diesen Uebcl- stand nicht ausreichen, Don Christoval," antwortete der unbekümmerte Luis, „und der Laie braucht sich Etwas, wobei sie kein Bedenken fühlen, nicht allzusehr zu Gemüthe zu ziehen. Ich habe mir sagen lassen, daß die Hälfte der Wunder, welche sie vorgeben, nicht besonders weit her sehen, obgleich die Zweifel und der Glaubensmangel verhärteter Sünder solche kleine Erfindungen zum Besten unserer Seele nothwendig machen mögen." „Ich bezweifle nicht, daß Falschheit und Betrug sich eben so gut unter den Kirchenleuten, als unter den Laien finden," antwortete der Admiral, „aber dieß ist nur die Folge von Adams Sündenfall und der Berderbtheit der menschlichen Natur. Doch gibt es auch ächte und wahrhaftige Wunder — Ausflüsse der göttlichen Allmacht, welche den Zweck haben, den Glauben aufrecht zu halten und Diejenigen zu ermuthigen, welche Gott lieben und seinen heiligen Namen ehren. Ich glaube nicht, daß eines unserer Begeg- niffe wirklich unter diese Klasse gehört, auch wage ich nicht, zu 330 hoffen, daß wir in dieser Weise durch eine besondere Einmischung begünstigt werden möchten; aber alle Kunstgriffe des Teufels sollen mich nicht bereden, daß wir bei unserem so ruhmwürdigen Unterfangen verlassen werden könnten oder daß wir auf unserer Reise nicht mittelbar und geheimnißvoll durch einen Geist und ein Wissen geleitet werden, die Beide aus Gottes Gnade und unendlicher Weisheit fließen." „So weit es Euch betrifft, mag dies wohl der Fast seyn, Don Christvval; meine Wenigkeit macht aber auf keinen höheren Führer, als auf einen Engel, Anspruch. Die Reinheit eines Engels, und ich hoffe, beifügen zu dürfen, die Liebe eines Engels, leiten mich blindlings über das Meer." „So scheint es Dir, Luis; aber Du kannst nicht wissen, ob sich nicht in dieser Sache eine höhere Macht Deiner Donna Mercedes nur als eines Werkzeugs bedient. Obgleich ich es der Menge nicht durch ein Wunder begreiflich machen kann, so fühle ich doch in meinem Innern ein geheimnißvolles Walten, das dieses Unternehmen leitet, und ich würde es für eine Lästerung halten, ihm zu widerstehen. — Gott sey gepriesen, mein Sohn, wir sind doch endlich der Portugiesen los, kommen wacker vorwärts und haben einen hübschen offenen Weg vor uns. Für jetzt sind nur noch Hindernisse von den Elementen und von unserer eigenen Muthlosigkeit zu befürchten. Mein Herz ist hoch erfreut, denn ich finde, baß die zwei PinzonS treu bleiben und ihre Caravelen dicht an die Santa Maria halten, wie Männer, welche treu bis an'S Ende des Wagnisses auszuhalten gedenken." Da Luis nun augekleidet war, verließ er zugleich mit dem Admiral die Cajüte. Die Sonne war aufgegangen und die weite Fläche des Meeres erglänzte von ihren Strahlen. Der Wind war steif und schlug allmählig weiter nach Süden um, so daß die Fahrzeuge fast quer gegen seine Richtung liefen. Demungeachtet waren die Fortschritte, da die See nicht hoch ging, verhältnißmäßig sehr beträchtlich. Alles schien günstig. Der erste Ausbruch des Schmerzes über das Verschwinden des Landes hatte sich gelegt und die Mannschaft wurde ruhiger, abgleich die Furcht vor der Zukunft wie die verborgene Gluth eines Vulkans im Innern fvrtglimmte. Der Anblick des Meeres bot nichts Beunruhigendes oder für einen Matrosen Ungewohntes dar, und da ein lebhafter Wind, wenn keine Gefahr vorhanden ist, immer einen angenehmen Eindruck macht, so mochte sich wohl die Mannschaft durch einen Stand der Dinge, wie sie ihn eher gewöhnt war, ermuthigen lassen und der Freude und Hoffnung wieder Raum geben. Den Tag über und die darauffolgende Nacht liefen die Fahrzeuge wieder hundert und achtzig Meilen weiter in die pfadlose Oede des Weltmeers, ohne daß die Matrosen nur halb so viel durch Befürchtungen beunruhigt wurden, als dieß beim Verschwinden des Landes der Fall gewesen war. ColumbuS beharrte jedoch auf seiner angenommenen Vorsichtsmaßregel und setzte in seiner öffentlichen Berechnung die Fahrt der letzten vierundzwanzig Stunden ungefähr zu hundert und fünfzig Meilen an. Dienstag den ersten September nahm der Wind eine noch günstigere Wendung. An diesem Tage waren die Schnäbel der Schiffe zum ersten Male, seit man die canarischen Inseln verlassen hatte, voll nach Westen gerichtet und — mit der alten Welt in gerader Linie im Rücken und dem unbekannten Meere vor sich — setzten unsere Abenteurer die Fahrt bei südöstlichem Winde fort. Die Geschwindigkeit betrug ungefähr fünf Meilen in der Stunde, wobei das gleichförmige des Vordringens und die Richtung des CurseS den Mangel an Schnelligkeit ersetzten. Die gewöhnlichen Beobachtungen zur See, wenn die Sonne im Zcnith steht, waren vorüber, und ColumbuS hatte seinen ängstlichen Gefährten eben mitgetheilt, daß die Fahrzeuge sich allmäh- lig gen Süden wendeten, was er der Abtrift irgend einer unsichtbaren Strömung zuschrieb, als ein Ruf von dem Mastkorbe die Annäherung eines Walisisches verkündete. Da die Erscheinung eines 332 dieser Ungeheuer der Tiefe stets die Einförmigkeit des Seelebcns unterbricht, so eilte Alles, um sich diesen Anblick zu verschaffen, indem Einige in die Takelage, und Andere auf die Reegelingen sprangen, um sich durch die Bewegungen des ThiereS unterhalten zu lassen. „Siehst Du ihn, Sancho?" fragte der Admiral den Letzteren, welcher gerade in seiner Nähe stand. „Das Wasser hat mir nicht das Aussehen, als ob ein solches Thier in der Nähe sehn könnte." „Euer Ercellcnz Auge, Sennor Don Almirante, ist weit treuer, als das jener Schwätzer in den Masten. So gewiß dieß das atlantische Meer und das dort der Schaum der Wellenkämme ist, so gewiß gibt eS hier keinen Wallfisch." „Die Floße! die Floße!" brüllte ein Dutzend Stimmen auf einmal, während die Matrosen auf eine Stelle deuteten, wo sich ein dunkler Gegenstand über den Schaum des Meeres erhob und eine zugespitzte Hcrvorragung mit kurzen Armen, die sich nach jeder Seite ansbreiteten, sichtbar werden ließ. „Er spielt mit dem Kopf in dem Wasser und hält den Schwanz zu oberst!" „Ach! ach!" rief der erfahrene Sancho mit der Wehmuth eines ächten Seemanns; „was diese unverständigen und vorschnellen Schreier die Schwanzflosse eines Walisisches nennen, ist nichts als der Mast irgend eines unglücklichen Schiffes, das sein Gerüste sammt Fracht und Leuten in den Tiefen des Meeres verloren hat." „Du hast Recht, Sancho," erwiederte der Admiral, „ich sehe nun, was Du meinst; es ist in der That eine Spiere und deutet ohne Zweifel auf einen Schiffbruch." Diese Thatsache ging schnell von Mund zu Munde und die Trauer, welche die Zeugnisse eines solchen Unglücks immer begleitet, lagerte sich über die Gesichter aller Zuschauer. Nur die Piloten zeigten Gleichgültigkeit und beriethen sich über die Ausführbarkeit eines Versuchs, die Spiere heraufzuholen, um sie in der Zeit der Noth benützen zu können. Ihre Absicht wurde jedoch durch die zu starke Bewegung dcS Wassers und durch den günstigen Wind vereitelt, da ein achter Matrose diesen letzteren Vortheil selten gerne aufgidt. „Das ist ein WarnungSzeichen," ries einer der Mißvergnügten, als die Santa Maria an der schwankenden Spitze der Spiere vorbeisegelte. „Gott hat dieses Zeichen gesendet, um uns davon abzumahnen, nach Orten vorzudringen, wohin Er nie einen Secman kommen lassen wollte." „Sage lieber," erwiederte Sancho, der, sobald er seinen Lohn in der Tasche hatte, sich immer als ein bereitwilliger Fürsprecher erwies, „es ist ein Zeichen, das uns der Himmel sandte, um uns zu ermuthigen. Siehst Du nicht, daß der sichtbare Theil des Mastes einem Kreuze ähnlich ist, und daß dieses heilige Zeichen uns vorangehen und mit freudigen Hoffnungen erfüllen wollte?" „Dieß ist wahr, Sancho," fiel ColumbuS ein. „In der Mitte des Weltmeeres mußte zu unserer Erbauung ein Kreuz aufgerichtct werden, und wir haben es als einen Beweis zu betrachten, daß die Vorsehung mit uns ist und unseren Versuch, ihre Segnungen zum Nutzen und Trost der Heiden nach Asien zu bringen, gut heißt." Da die Aehnlichkeit mit diesem heiligen Symbole nichts weniger als eine erträumte war, so blieb dieser glückliche Einfall San- cho'S nicht ohne Wirkung. Der Leser wird diese Aehnlichkeit um so besser begreifen, wenn er weiß, daß die ober» Enden eines Mastes durch die DwarSsahlingen so ziemlich das Aussehen eines Kreuzes bekommen, und diese einzelne Spiere schwamm dazu fast senkrecht, wie es oft zu gehen pflegt, wenn irgend ein schwerer Gegenstand an der Hielung befestigt ist — wobei sich der obere Theil etwa fünfzehn bis zwanzig Fuß über die Oberfläche des Meeres erhob. Sie erschien allmählig kleiner und mehr dem Wasser zugeneigt, bis ihre schwachen Umrisse sich nur noch wie Fäden darstellten, wobei sie jedoch immer noch die wohlbekannte Gestalt jenes verehrten Sinnbilds der Christenheit trug, bis nach einer Viertelstunde auch dieses 334 letzte Erinnerungszeichen an Europa und die Civilisation hinter dem Fahrwasser der Schiffe verschwand. Nach diesem Vorfall wurde die Fahrt der Schiffe zwei Tage und zwei Nächte lang durch kein weiteres bemerkcnSwertheS Ereigniß unterbrochen. Diese ganze Zeit über war der Wind günstig, und die Abenteurer segelten nach ihrem Compaß genau nach Westen fort — in der That aber mit einer Neigung gegen Norden, eine Wahrheit, welche dem Wissen jener Periode noch fremd war. Von dem Morgen des zehnten Septembers bis zum Abend des dreizehnten hatte die Flotte fast neunzig Stunden zurückgelegt, wobei sie sich in einer Linie hielt, welche die große Wasserwüste in fast gerader Richtung durchschnitt; sie hatte daher einen Punkt erreicht, der soweit oder gar noch weiter westlich lag; als die Azoren, welche damals den europäischen Seefahrern als das westlichste Land bekannt waren. Am dreizehnten traf sie aus widrige Strömungen, die nach Südosten triebe» und daher die Schiffe mit jeder Stunde der nördlichen Gränze der Paffatwinde näher brachten. Am Abend des dreizehnten Septembers befanden sich der Admiral und Luis auf ihrem gewöhnlichen Posten, alS Sancho das Steuer verließ, da jetzt die Reihe an eine» Andern kam. Statt aber, wie gewöhnlich sich der Mannschaft beizugesellen, zögerte der Bursche, warf einen spähenden Blick nach dem Hüttendccke, und da er auf demselben nur den Admiral und seinen beharrlichen Gefährten bemerkte, stieg er die Leiter hinan, als ob er irgend eine Mitthcilung zu machen wünsche. „Willst Du etwas von mir, Sancho?" fragte der Admiral nach einer Pause, während welcher sich der Mann versichert hatte, daß Niemand anders sich auf dem engen Verdecke befinde — „sprich offen, Du hast mein Vertrauen!" „Scnnor Don Almirante, Euer Ereeklenz weiß wohl, daß ich kein Süßwasserfisch bin, der bei dem Anblick eines Hay'S oder Walisisches erschrickt, oder sich dadurch einschüchtern läßt, daß der 335 Schnabel eines Schiffes nach Westen, statt nach Osten steht; und doch muß ich sagen, daß diese Reise nicht ganz ohne gewisse Zeichen und Wunder ist, welche ein Matrose wohl für ungewöhnlich wo nicht für unheilverkündend ansehen darf." „Du bist, wie Du sagst, Sancho, kein Faseler, der sich durch den Flug eines Vogels oder durch die Vorbedeutungen einer treibenden Spiere in Furcht setzen läßt, und weckst daher um so mehr meine Neugierde, weiteres zu erfahren. Der Sennor de MunnoS ist mein vertrauter Sekretär, vor dem ich nichts geheim zu halten brauche- Wenn Gold Dein Zweck ist, so darfst Du sicher seyn, es zu erhalten." „Nein, Sennor, meine Neuigkeiten sind entweder keinen Ma- ravedi werth, oder sie lassen sich nicht mit Gold bezahlen. Wie dem aber auch sey, Eure Ercellenz mag sie hinnchmen und nicht weiter an meine Belohnung denken. Ihr wißt, Sennor, daß wir alte Matrosen, wenn wir so am Ruder sitzen, uns auch unsere Gedanken machen, und so denken wir bisweilen an das Lächeln, an die freundlichen Augen irgend einer Dirne am Lande, oder vergegenwärtigen uns hie und da den Mohlgeschmack einer köstlichen Frucht und einer duftigen Hammelskeule, und dann stellen wir auch wundcrshalber jezuweilen eine Gewissensforschung an." „Ich weiß das Alles wohl, Bursche, aber es ist eben kein Gegenstand für das Ohr eines Admirals." „Wer weiß, Sennor? ich habe Admirale gekannt, die sich nach einer langen Fahrt einen Schöpsenbraten gar herrlich schmecken ließen, die dem Gedanken an lächelnde Gesichter und leuchtende Augen nicht abhold waren, und wenn sie auch nicht hin und wieder an ihre Sünden dachten, so thaten sic doch zuweilen etwas viel Schlimmeres, indem sie die große Rechnung, die gegen sie aufgchäuft war, noch vermehren halfen. Nun eS war —" „Laßt mich diesen Hallunken geschwind in'S Meer werfen, Don Christoval," fiel der ungeduldige Luis ein, indem er eine Bewegung machte, als ob er die Drohung zur Ausführung bringen wollte, 336 woran er jedoch durch den Admiral verhindert wurde. „Wir werden nie eine Erzählung am rechten Ende anfangen hören, so lange er im Schiffe bleibt." „Ich danke Euch, mein junger Herr von Llera," antwortete Sancho lächelnd. „Wenn Ihr so bereit seyd, Matrosen zu ertränken, als im Turniere christliche Ritter und im Kampfe Ungläubige aus dem Sattel zu Wersen, so wäre mir jeder andere Bademeister lieber als Ihr." „Du kennst mich, Schurke? So hast Du mich auf irgend einer frühern Reise gesehen?" „Eine Katze darf nach einem König schauen, Sennor Conde — warum nicht auch ein Matrose nach seinem Passagier. Doch spart Eure Drohungen, Euer Geheimniß ist in sichern Händen. Wenn wir Cathay erreichen, so wird sich Niemand schämen dürfen, diese Reise mitgemacht zu haben, und wenn sie fehlschlägt, so ist es nicht sonderlich wahrscheinlich, daß einer zurückkehren wird, um die Art und Weise genau zu berichten, wie Eure Ercellenz ertrank, verhungerte oder auf andere Art zu einem Heiligen in Abrahams Schoos wurde." „Genug davon," sagte Columbus ernst, „theile mit, was Du zu sagen hast und nimm Dich in Acht, daß Du das Geheimniß dieses jungen Edlen nicht ausplauderst." „Sennor, Euer Wort gilt mir als Gesetz. Nun, Don Christoval, es gehört zu den Sonderbarkeiten eines Seemanns, daß er sich des Nachts einen alten und treuen Freund betrachtet, nämlich den Polarstern, und als ich vor einer Stunde in dieser Weise beschäftigt war, bemerkte ich, daß dieser zuverläßige Führer und der Compaß, nach welchem ich steuerte, verschiedene Angaben machten." „Bist Du dessen sicher?" fragte der Admiral mit einer Raschheit und einem Nachdrucke, welche verriethen, wie wichtig ihm diese Mittheilung erschien. „So sicher, Sennor, als man eS durch ein fünfzigjähriges Schauen nach dem Stern und eine vierzigjährige Beobachtung des 337 Compasses nur werden kann. Aber es ist kein Grund vorhanden, sich auf meine Unwissenheit zu verlassen, Ercellenz, sintemal der Stern noch steht, wo ihn Gott hingesetzt hat und Euer eigener Combaß dort an Eurem Ellenbogen liegt — man kann ja beide miteinander vergleichen." ES bedurfte dieser Erinnerung nicht, denn Sancho hatte kaum ausgesprochen, als Columbus und Luis mit lebhafter Neugierde jenes Instrument mit dem Stande des Sternes verglichen, da sich zuerst die naheliegende Bermuthung ausdrängte, der im untern Raume befindliche Compaß möchte fehlerhaft seyn oder wenigstens unter dem Einflüsse irgend einer störenden Ursache stehen. Aber eine aufmerksame Beobachtung überzeugte den Seefahrer bald, daß SanchoS Angabe wahr s-y. Er war sowohl erstaunt als beunruhigt darüber, daß den Burschen seine gewohnte Achtsamkeit und sein geübtes Auge einen so seltsamen Wechsel so schnell hatte entdecken lassen. ES war übrigens unter den Matrosen so gewöhnlich, ihre Com- passe mit dem Polarsterne, den man für ein bewegungsloses Licht, wenigstens dem menschlichen Auge gegenüber, hielt — zu vergleichen daß kein erfahrener Seeman, der des Nachts am Steuer stand, diese Naturerscheinung wohl übersehen konnte. Nach wiederholt angestellten Beobachtungen an seinen eigenen Compassen, von denen einer auf dem Hüttendecke, der andere in der Cajüte stand, worauf auch noch die zwei Instrumente in dem CompaßhäuSchcn zu Nathe gezogen wurden.— sah sich ColumbuS zu der Einräumung genöthigt, daß alle vier in gleicher Weise von ihrer gewöhnlichen Richtung um beinahe sechs Grade nach Westen abwichen. Diese neue und seltsame Störung der damals bekannten Naturgesetze drohte die Erreichung des Zieles der Reise um so mehr zu erschweren, als fie mit einemmale die Abenteurer eines sicheren Führers beraubte und daher die Fahrt bei umwölktcm Himmel und dunkeln Nächten nur mit Bangen und Ungewißheit vor sich gehen konnte. Der erste Gedanke des Admirals bei dieser Donna Mercedes. 2cc Aufl. 22 338 Gelegenheit war übrigens, den Folgen vorzubeugen, welche eine solche Entdeckung ohne Zweifel auf die Mannschaft Hervorbringen mußte, die ohnehin schon immer das Schlimmste zu befürchten geneigt war. „Du wirst reinen Mund halten, Sancho?" bemerkte er gegen den Matrosen! „Hier ist noch eine Dublone, ui» Deinen Vorrath zu vergrößern." „Ercellenz, entschuldigt den Ungehorsam eines geringen Matrosen, wenn seine Hand es wagt, Eure Gabe zurückzuwcisen. Es geht bei dieser Sache nicht mit natürlichen Dingen zu, und da der Teufel bei diesem Wunder vielleicht mit im Spiele ist, um die Bekehrung der Heiden, von denen Ihr so oft sprecht, zu hintertrciben, so ziehe ich es vor, in dieser Angelegenheit meine Seele so rein als möglich zu erhalten, denn man kann nicht wissen, zu welchen Waffen wir unsere Zuflucht nehmen müssen, wenn es wirklich eine Balgerei mit dem Vater der Sünden absetzen sollte." „Du wirst aber doch zeigen, daß Du schweigen kannst?" „Verlaßt Euch darauf, Sennor Don Almirante. Kein Wort von der ganzen Geschichte soll über meine Lippen kommen, bis mir Euer Ercellenz zu sprechen erlaubt." EolumbuS entließ den Mann und wandte sich dann an Luis, der ein schweigender aber aufmerksamer Zeuge dieser Vorgänge gewesen war. „Jene Abweichung von den gewöhnlichen Naturgesetzen des Compaffes scheint Euch zu beunruhigen, Don Christoval," bemerkte der junge Mann heiter. „Meiner Meinung nach wäre es aber besser, uns ganz und gar auf die Vorsehung zu verlassen, die uns wohl kaum in das weite atlantische Meer herausgeführt haben würde, um uns, die wir doch ihren eigenen Zwecken dienen, zu verlassen, wo wir ihrer Hülse am meisten bedürfen." „Golt Pflanzt zwar in die Herzen seiner Diener das Verlangen, seine Absichten zu fördern, aber der Mensch ist deßhalb doch genöthigt, sich natürlicher Mittel zu bedienen, nnd um dieß mit Vortheil thun zu können, muß er dieselben kennen. Ich betrachte diese Naturerscheinung als einen Beweis, daß unsere Reise die Entdeckung mancher großen Geheimnisse mit sich führen wird, unter welche vielleicht auch der Schlüssel zu einigen unbekannten Eigenschaften der Nadel gehört. Die mineralischen Reichthümer von Spanien sind in mancher Beziehung von denen Frankreichs verschieden; denn obgleich Manches allen Ländern gemeinsam ist, so giebt eS doch wieder Dinge, die nur einzelnen Gegenden zukommen. Wir treffen vielleicht auf Gegenden, wo der Magnetstein sehr häufig ist und sind wohl gar in dem gegenwärtigen Augenblicke in der Nachbarschaft irgend einer Insel, welche aus einem ähnlichen Grunde diesen räthselhaften Einstuß auf unfern Compaß übt." „Hat man Beispiele, daß Inseln je in dieser Weise auf die Nadel einwirkten?" „Nein; auch dünkt mir ein solcher Umstand nicht besonders wahrscheinlich, obgleich alle Dinge möglich sind. Wir müssen eben jetzt in Geduld abwarten, ob sich diese Erscheinung als wirklich und anhaltend erweist, che wir über eine so schwer begreifliche Sache Hypothesen aufzustellen wagen." Man verließ den Gegenstand jetzt, obgleich ein so ungewöhnlicher Vorfall dem großen Seefahrer eine gedankenvolle und unruhige Nacht verursachte. Er schlief wenig und heftete sein Auge oft auf den Compaß, der in seiner Cajüte als Berichterstatter aufgehängt war —denn so nennen die Matrosen das Instrument, mittelst dessen der Offieter den CurS überwacht, nach welchem der Steuermann steuert, selbst wenn der Letztere eine solche Beaufsichtigung am wenigsten vermuthet. Columbus stand zeitig genug auf, um den Stern, ehe er durch die Wiederkehr des Lichtes erbleichte, zu beobachten, und stellte eine weitere umsichtige Vergleichung der Lage dieses Himmelskörpers mit der Richtung der Nadeln an. Die Untersuchung ergab eine kleine Vermehrung der Abweichung, wodurch die Richtigkeit der Beobachtungen in der vergangenen Nacht sich nur noch deutlicher an den 3-10 Tag stellte. Das Ergcbniß der Berechnung zeigte, daß die Fahrzeuge im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden fast hundert Meilen zurückgelegt hatten und ColumbuS glaubte nun, stch sechshundert Meilen westlich von Ferro zu befinde», obgleich die Piloten bei weitem nicht an eine so große Entfernung dachten. Da Sancho sein Geheimniß zu bewahren wußte und die Augen der übrigen Steuerleute nicht so wachsam waren, so blieb dieser wichtige Vorfall der Mannschaft immer noch verborgen. Allerdings ließ sich diese Veränderung nur des Nachts unter Beihülfe des Polarsterns wahrnchmcn, und sie war bis jetzt so unbedeutend, daß »ur ein sehr geübtes und rasches Auge sie entdecken konnte. Der ganze Tag und die Nacht des Vierzehnten vergingen daher, ohne daß die Mannschaft beunruhigt wurde, um so weniger, da der Wind sich gelegt hatte und die Schiffe »ur um etliche sechzig Meilen weiter im Westen vorgedrungen waren. ColumbuS zeichnete jedoch, so unbedeutend auch die Veränderung war, den Unterschied stets auf, und die Genauigkeit, mit der er seine Beobachtungen fortsetzte, überzeugte ihn, daß die Nadel immer mehr und mehr, obgleich mit kaum be- merklicher Geschwindigkeit, nach Westen abwich. Achtzehntes Kapitel. Nach Deinem Licht so unbewegt Blickt voll Vertrauen im Boot, das comvaßloS Der Stürme Wuth entronnen, der MatroS, Wenn landwärts rudernd er die Welle schlägt. Wie bebt in nächtlicher Gefahren Dunkel DeS Irren Herz Dein leitendes Gefnnkcll Hymiie a» den Polarster». Der folgende Tag, Samstag der fünfzehnte, war der zehnte seit der Abfahrt der kleinen Flotte von Gomera, oder der sechste Morgen, seit die Abenteurer das Land aus dem Gesichte verloren IL1 hatten. Die letzte Woche war voll trauriger Vorahnungen gewesen, obgleich auch die Gewohnheit ihren Einfluß geltend zu machen anfing und die Mannschaft weniger Unruhe, als in den letzten drei oder vier Tagen zur Schau trug. Die Besorgnisse schlummerten aus Mangel an aufregende» Momenten ein, obgleich der Same fortkeimte und bei jedem günstigen Anlässe rasch aufzuschießen bereit war. Der Wind blieb fortwährend günstig, war aber dabei so leicht, daß man in vierundzwanzig Stunden lang nicht hundert Meilen im Westen vordrang. Diese ganze Zeit über hatte ColumbuS die größte Aufmerksamkeit auf die Nadeln verwendet und bemerkt, daß die Magnete immer mehr und mehr, obgleich auf eine ganz un- merkliche Weise, nach Westen abwichen, je weiter die Schisse in dieser Richtung segelten. Der Admiral und Luis hatten in Folge ihres engen Verkehrs ihre Gewohnheiten so gleichförmig geregelt, daß sie zu gleicher Zeit aufzustchen und sich zum Schlafen niederzulegen pflegten. Der junge Mann kannte die Gefahren, welchen er entgegen ging, zu wenig, und war auch durch seinen moralischen Muth zu sehr über leere Besorgnisse erhaben, um bei der Verfolgung seines Zieles eine andere llnruhe zu empfinden, als wie sie etwa der seiner Beute nacheilende Jäger fühlt, und er würde selbst, wenn keine Mercedes gelebt hätte, eben so ungern als ColumbuS den Rückweg angetreten haben, ohne nach Cathay gelangt zu seyn. Beide sprachen ohne Unterlaß von dem zurückgelegten Wege und ihren Hoffnungen, und Luis lebte fich so in seine Lage hinein, daß er auch zu lernen anfing, wie Dinge beurthcilt werden müßten, welche mit der Dauer und dem Zwecke derselben in Verbindung zu stehen schienen. In der Nacht des erwähnten Samstags befand fich ColumbuS und sein angeblicher Sekretär allein auf dem Hüttendecke und sprachen, wie gewöhnlich, über die Zeichen der Zeit und die Ereignisse des Tages. „Die Ninna hatte Euch gestern Abend etwas mitzutheilen, Don Christoval," bemerkte rer junge Mann. „Ich war in der Cajüte 342 mit meinem Tagebuch beschäftigt und hatte keine Gelegenheit zu hören, was vorging." „Ihre Leute halten ein paar Vögel gesehen, von denen man glaubt, daß sie sich nie zu weit vom Lande entfernen. Vielleicht sind einige Inseln in der Nähe, denn man kommt nirgends über eine weite MeereStläche, ohne auf derartige Punkte zu treffen. Wir dürfen jedoch unsere Zeit nicht mit dem Aufsuchen derselben verschwenden, da der Ruhm und Gewinn, welchen die Entdeckung einer Inselgruppe gewährt, nnr ein armseliger Ersatz für den Verlust eine« Festlandes wäre." „Bemerkt Ihr immer noch jene unerklärlichen Abweichungen der Nadeln, Sennor?" „In dieser Hinsicht hat sich nichts geändert, da sich im Gegen- , thcil die Erscheinung immer mehr und mehr bestätigt. Meine Hauptbesorgniß dabei ist der Eindruck, den dieser Umstand auf die Mannschaft üben wird, wenn es ruchbar werden sollte." „Giebt es keine Mittel, sie zu überreden, daß dieses nach Westen Deuten der Nadel ein Fingerzeig der Vorsehung scy, auf unserem Curse zu bestehen und in der Reise nicht laß zu werden." „Dieß könnte wohl angehen, Luis," antwortete der Admiral lächelnd, „wenn die Furcht ihren Verstand nicht so geschärft hätte, um mir zuerst die Frage entgegen zu halten, warum uns die Vorsehung die Mittel entziehen wolle, zu wissen, wohin wir reisen, wenn es doch ihre Absicht sep, daß wir in einer bestimmten Richtung fortsegeln sollen!" Ein Geschrei der Wache auf dem Deck unterbrach die Besprechung und ein plötzlicher Glanz erhellte die Nacht auf dem Meere und den Schiffen in einer Weise, als ob tausend Lämpchen ihr Schimmerlicht über den Raum ergößen. Eine Feuerkugel schoß quer über den Himmel und schien in der Entfernung von einigen Stunden oder vielmehr an den Gränze» deS sichtbaren Horizonts in'S Meer zu fallen. Ihrem Verschwinden folgte ein eben so tiefes Dunkel, als das außerordentlich flüchtige Licht zuvor strahlend gewesen war. 313 Es war nur ein vorübergehendes Meteor, aber ein Meteor, -wie es Menschen nicht mehr als einmal in ihrem Leben sehen, wenn ihnen überhaupt ein solcher Anblick auch nur so oft zu Theil wird — und die abergläubischen Matrosen ermangelten nicht, de» Vorfall unter die außerordentlichen Zeichen, welche die Reise begleiteten, zu zählen, obschon die Meinungen über die gute oder schlimme Bedeutung desselben getheilt waren. „Bei St. Jago," rief Luis, sobald das Licht verschwunden war, „Sennor Don Christoval, unsere Reise scheint nicht bestimmt zu seyn, von den Elementen und anderen merkwürdigen Kräften unbeachtet zu bleiben! Ob diese Zeichen nun zu unseren Gunsten sprechen oder nicht — jedenfalls sagen sie uns, daß wir uns keinem Alltagsgeschäfte unterzogen haben." „So ist der Geist des Menschen," erwiederte ColumbuS. „Laß ihn über die Gränzen seiner täglichen Gewohnheiten und Beschäftigungen hinaus kommen, und er steht Wunder in der einfachsten Veränderung des Wetters — in dem Leuchten des Blitzes — in einem Windstoße, — oder in dem Auflauchen eines Meteors, und denkt nicht daran, daß das Wunderbare daran nur in seinem Kopfe eristirt und in keiner Verbindung steht mit den Alltagsgesetzen der Natur. Solche Scene» sind keineswegs ungewöhnlich, besonders in niederen Breitegraden, und gelten weder für noch gegen unser Unternehmen als Vorbedeutung." „Doch können sie sich der Geister bemächtigen, Sennor Almi- rante, und auf die Einbildungskraft der Menschen wirken. Sancho sagt mir, daß ein mißvergnügtes Brüten unter der Mannschaft um sich greife, und daß, trotz ihrer scheinbaren Ruhe, der Widerwille gegen diese Reise mit jeder Stunde entschiedener werde." Ungeachtet dieser Ansicht des Admirals und der Mühe, welche er sich später gab, die Erscheinung den Leuten auf dem Decke zu erklären, hatte das Sichtbarwerden des Meteors doch einen tiefen Eindruck auf die Matrosen geübt: die Erzählung davon ging von 34L Wache zu Wache und war die ganze Nacht hindurch der Gegenstand ernster Besprechung. Dach hatte das Ereigniß keinen offenen Ausbruch des Mißvergnügens zur Folge, und Einige nahmen es sogar für ein günstiges Zeichen, obgleich cs die Meisten im Geheim als eine Abmahnung des Himmels von dem gottlosen Versuche betrachteten, in die Geheimnisse der Natur cinzudringen, deren Enthüllung, ihrer Ansicht nach, nicht in den Planen der göttliche» Vorsehung lag. Indessen segelten die Schiffe immer weiter nach Westen. Der Wind hatte oft, sowohl hinsichtlich der Kraft als der Richtung gewechselt, aber nie in einer Weise, daß die Schiffe gezwungen worden wären, die Segel zu kürzen, oder von dem Curse, welchen der Admiral für den richtigen hielt, abzuweichen. Sie glaubten, genau nach Westen zu steuern, obgleich sie in Folge der Abweichung der Nadel einen etwas südwestlichen CurS einhielten und sich immer mehr der Linie der Paffatwinde näherten, eine Bewegung, in welcher sie auch noch wesentlich durch die Gewalt der Strömungen unterstützt wurde». Im Laufe des fünfzehnten und sechszehnten desselben Monats hatte sich die Flotte wieder um weitere zweihundert Meilen von Europa entfernt: eine Strecke, die ColumbnS, seiner gewohnten Borsicht zu Folge, indem öffentlichen Berichte niedriger ansetzte. Der letztere Tag war ein Sonntag, und der Gottesdienst, welcher damals selten auf einem christlichen Schiffe vernachläßigt wurde, übte einen tiefen und feierlichen Eindruck auf die Gefühle der Abenteurer. Das Wetter hatte bisher den gewöhnlichen Character der Jahreszeit gezeigt, indem nur wenige Wolken und leichte Strichregen die Hitze milderten; diese gingen jedoch bald vorüber und ein sanfter Südostwind folgte, der die Düfte des Landes zu den Schiffen zu trage» schien. Unter diesen günstigen Umständen versammelte sich die Mannschaft zum Abendgottesdienst, wobei die Schiffe näher zusammen rückten, um so zu sagen mitten auf der weiten Ocde eines Meeres, das selken oder vielleicht nie ein Segel gesehen hatte, nur einen einzigen 3L5 Tempel zur Ehre Gottes zu bilden. Dieser Handlung der Andacht folgten wieder Freude und Hoffnung, die der Ruf eines Auslugers von dem Mastbaume noch erhöhte, welcher nach vorn und leewärts deutete, als ob er einen besonders interessanten Gegenstand in dieser Richtung bemerke. Die Steuer wurden ein wenig verändert und in etlichen Minuten kamen die Schiffe in ein Feld von Seegras, welches das Meer meilenweit bedeckte. Dieses Anzeichen der Nähe von Land wurde von den Matrosen mit Jubel ausgenommen, und dieselben Menschen, welche kurz vorher noch am Rande der Verzweiflung standen, gaben sich nun dem höchsten Entzücken hin. Diese Grasfläche war in der That geeignet, in der Seele des erfahrene» Matrosen Hoffnung zu erwecken. Sic hatte zwar einiges von ihrer Frische verloren, aber doch war ein großer Theil noch grün und sah ganz ans, als ob die Pflanzen erst vor Kurzem von dem Mutterfeisen oder der Erde, welche sie genährt, loSge- riffen worden wären; und so zweifelten nicht einmal die Piloten mehr, daß sich Land in der Nähe befinden muffe. Auch bemerkte man viele Thunfische und die Leute der Ninna waren so glücklich, einen davon zu fangen. Die Matrosen umarmten sich mit Thrä- nen in den Augen, und manche Hand wurde nun in freundlicher Beglückwünschung gedrückt, die sich den Tag zuvor in düsterer Feindseligkeit zurückgezogen haben würde. „Und theilt Ihr alle diese Hoffnungen, Don Christoval?" fragte LuiS; „dürfen wir in der That a»S dem Vorhandenseyn dieser Seepflanzen auf die Nähe Indiens schließen — oder hoffen wir vergeblich?" „Die Leute täuschen sich, wenn sie glauben, daß unsere Reise ihrem Ende so nahe scy. Cathay muß noch sehr weit von uns entfernt liegen, denn wir haben erst dreihundert und sechzig Stunden, seit wir Ferro aus dem Gesichte verloren, zurückgclegt, was nach meinen Berechnungen wenig mehr als ei» Drittel unseres Weges ausmacht. Aristoteles erzählt, daß einige Schiffe von Cadiz durch schwere Stürme Westwärts getrieben worden festen, bis sie ein mit GraS bedecktes Meer erreichten, wo der Thunfisch sehr häufig war. Du mußt wissen, Luis, daß dieß der Fisch ist, von dem die Alten glaubten, er sehe besser mit dem rechten als mit dem linken Auge, weil man bemerkte, daß er in seinen Zügen durch den BoSstoruS stets auf dem rechten User gegen den PontuS EurinuS hinschwamm und auf dem linken zurückkehrte —" „Beim heiligen FranciskuS! cS ist kein Wunder, wenn Geschöpfe von so einseitigem Gefichte sich so weit von ihrer Heimath verlieren," fiel der leichtherzige Luis lachend ein. Erzählt uns Aristoteles oder irgend ein Anderer der Alten nicht, wie fiedle Schönheit betrachten, oder ob sie vielleicht dieselben Begriffe von Gerechtigkeit haben, wie die Richter, welche Geschenke von beiden Parteien annehmen?" „Aristoteles spricht nur von der Gegenwart dieses Fisches in dem grasigen Meere, was uns jetzt durch den Augenschein bestätigt wird. Die Seeleute von Cadiz vermutheten sich in der Nähe versunkener Inseln und eilten daher, so bald es der Wind gestattete, wieder nach den hcimathlichen Usern zurückzukehren. Meinem Ur- theile nach befinden wir uns jetzt an derselben Stelle, aber ich erwarte noch nicht, Land anzutreffen, wenn wir nicht etwa zufällig auf irgend eine Insel stoßen, welche hierherum als eine Art von Leuchtthurm zwischen der Küste Europa'S und Asiens liegt. Wahrscheinlich ist Land in der Nähe, von wo aus diese Gräser Hergetrieben wurden, aber die Auffindung desselben ist mir nicht besonders wichtig, Don Luis, da ich nur Cathast im Auge habe; denn ich suche ein Festland und keine Inseln." Wir wissen nun, daß ColumbuS, wen» er auch Recht halte, nach so kurzer Fahrt kein Festland zu erwarten—doch in der Annahme, daß überhaupt Land in dieser Nachbarschaft liege, sich täuschte. Es ist noch immer nicht mit Entschiedenheit dargethan worden, ob diese Gräser durch Strömungen zusammen getrieben werden, oder ob sie im Grunde des Meeres wachsen und, durch die Bewegungen des WafferS loSgcrissen, in die Höhe steigen — wenn gleich die letztere Ansicht die allgemeinere ist, da sich in dieser Gegend des MeereS ausgedehnte Sandbänke befinden. Wenn man diese Annahme gelten läßt, so waren die Seeleute von Cadiz der Wahrheit näher, als im ersten Augenblicke scheinen dürfte, da eine versunkene Insel alle Eigenthümlichkeiten einer Sandbank hat, mit Ausnahme solcher, die man als mit der BildungSgeschichte selbst im Zusammenhang stehend betrachtet. Kein Land ließ sich blicken. Die Fahrzeuge segelten mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich fünf Meilen in der Stunde weiter und schoben die Gräser, welche sich von Zeit zu Zeit in Massen unter ihren Bugen ansammelten, zur Seite, was jedoch ihrem Weiterschreiten kein wesentliches Hinderlich in den Weg legte. Was den Admiral anbelangt, so waren seine Plane sogroßartig, seine Ansichten über die große geographische Aufgabe, die er zu lösen im Begriffe war, so fest begründet, und sein Entschluß, bis an'S Ende auSzu- harren, so entschieden, daß es ihm wünschenswcrlher erschien, die Inseln, die er nicht allzuferne glaubte, zu verfehlen, als ihnen zu begegnen. Im Laufe von vierundzwanzig Stunden kamen die Schiffe wieder um hundert Meilen werter gegen Westen, und die Flotte befand sich nun ziemlich in der Mitte zwischen den Meridianen, welche die äußersten und westlichen Gränzen der beiden Continente berühren, obgleich sie dem Breitegrad nach, unter welchem sie segelte, immer noch Afrika näher, als Amerika war. Da der Wind gleich blieb und das Meer so glatt wie ein Fluß war, so hielten sich die drei Schiffe dicht zu einander, zu welchem Ende das schnellste Fahrzeug, die Pinta, einen Theil ihrer Segel einzog. Während der Nachmit- tagSwache des zweiten Tages, an dem sie in dem GraSmeere segelten, nämlich am Montag des siebenzehnte» Septembers oder am achten Tage nachdem sie Ferro aus dem Gesichte Verloren hatten — rief Marti» Alonzo Pinzon die Santa Maria an und theilte den 348 Pilote» auf den. Deck seine Absicht mit, sobald die Sonne niedrig genug stehe, die Weite dieses Gestirns arifzunehmen, um sich zu überzeugen, ob die Magnetnadeln nichts von ihren Eigenschaften verloren hätten. Man hielr es für besser, eine derartige Beobachtung, welche zu den minder gewöhnlichen Beschäftigungen der Seeleute gehörte, auf allen Caravelcn gleichzeitig anzustellen, damit ein Jrr- jhnm des einen Beobachters durch die größere Genauigkeit der übrigen ansgeglichen würde. ColnmbuS und Luis hielten ihre Siesten und lagen tief schlafend in ihren Hängematten, als der Erstere durch ein Rütteln an der Schulter, wie eS der Seeinan zu geben und auch gutwillig hinzu- nehnren gewöhnt ist, geweckt wurde. Es bedurfte nie mehr, als einer Minute, um den großen Seefahrer ans dem tiefsten Schlafe zu dem vollsten Besitz seiner Geisteskräfte zu bringen, weßhalb er auch im Augenblicke wach war. „Sennor Don Almirante," sagte der Eindringling in der Person Sancho'S — „eS ist Zeit, auf den Beinen zu seyn; alle Piloten sind auf dem Deck und im Begriff, die Sonnenweite zu messen, sobald die Gestirne an den geeigneten Stellen sind. Der Westen steht bereits aus wie ein sterbender Delphin, und in wenigen Minuten wird er so golden glänzen, wie der Helm eines maurischen Sultans." „Die Sonnenweite messen?" rief ColumbuS, indem er augenblicklich seine Hangmatte verließ. „Dieß ist in der Thar etwas Neues! Nun dürfen wir uns aus einen Aufruhr unter der Mannschaft gefaßt halten, wie wir keinen erlebten, seit wir Cadiz verlassen haben." „Ich dachte mir das selbst auch, Euer Ereellenz, denn der Matrose hat gerade einen so festen Glauben an seine Nadel, wie ein Geistlicher an die Güte des Sohnes Gottes. Das Volk ist gegenwärtig noch in einer glücklichen Laune, aber die Heiligen allein können wissen, was Nachfolgen wird." » 349 Der Admiral weckte Luis, und in fünf Minuten waren Beide auf ihren gewähnten Posten auf dem Hüttendecke. ColumbuS' Uriheil hatte sich zu oft als richtig erwiesen, selbst wenn cs im Widerspruche mit den Ansichten aller Piloten der Flotte stand, als daß er nicht wegen seiner Geschicklichkeit als Seemann in hohem Rufe gestanden wäre, weßhalb eS den Letzter» nicht unangenehm war, zu bemerken, wie der Admiral nicht die Absicht habe, selbst ein Instrument zur Hand zu nehmen, sondern geneigt schien, das Ergebnis; ihrer eigenen Kunst und Uebung zu überlasten. Die Sonne neigte sich langsam zum Untergang, und als der geeignete Augenblick kam, gingen die rohen Seeleute in der damals üblichen Weise an ihr Werk. Martin Alonzo Pinzon, der fertigste und unterrichtetste von Allen, kam am ehesten mit seiner Arbeit zu Stande. Der Admiral konnte von seinem hohen Standpunkte aus das Deck der Pinta, welche der Santa Maria um etwa hundert Ellen vorauösegelte, überblicken, und es stund nicht lange an, bis er ihren Befehlshaber in äußerster Unruhe von einem Compaß zum andern gehen sah. Einige Minuten nachher wurde das Boot der Caravele ausgesetzt und nach einem Winke gegen das Admiralsschiff, die Segel zu kürzen — drängte sich Marlin Alonzo durch das Seegras, welches noch immer die Oberfläche des Meeres bedeckte, nach der Santa Maria hi». Als er das Deck des letzteren Schiffes auf der einen Seite erreicht hatte, führte sei» Verwandter, Vincente Panne;, der Befehlshaber der Ninna, auf der andern das gleiche Mannöver aus, und im nächsten Augenblicke standen beide auf dem Hüttendecke neben dem großen Seefahrer, wohin ihnen Sancho Ruiz und Bartolome» Nolban, die zwei Piloten des Admirals, gefolgt waren. „Was soll diese Hast, guter Martin Alonzo?" fragte ColumbuS ruhig. „Du und Dein Bruder Vincente Vannez und diese wackeren Piloten — ihr Alle eilt ja auf mich zn, als ob ihr erfreuliche Zeitungen von Cathah zu bringen hättet!" „Gott allein weiß, Sennor Admiral, ob je einer von uns dieses entfernte Land oder überhaupt ein Gestade, das ein Matrose nur mit Hülfe der Nadel erreichen kann, erblicken darf," antwortete der ältere Pinzon mit einem Ungestüm, welches ihm fast den Athen, benahm. „Wir Alle haben eine Vergleichung der Instrumente angestellt und finden, daß ste ohne Ausnahme von dem wahren Nord- Punkte wenigstens um einen vollen Strich abweichen." „Das wäre in der That ein Wunder! Ihr habt in euren Beobachtungen etwas versehen oder seyd in der Berechnung unachtsam gewesen." „Nicht doch, edler Admiral," fiel Vincente Dannez seinem Bruder beistimmend ein. „Selbst die Magnete werden uns untren, und als ich des Umstandes gegen den ältesten Steuermann meines Fahrzeugs erwähnte, versicherte er mich, daß der Polarstern die ganze Nacht mit seinem Instrumente nicht übcrcingestimmt habe." „Bei uns hört man das Nämliche," fügte Ruiz bei; „ja, und Einige find sogar bereit, darauf zu schwören, daß dieses Wunder bemerkt werde, seit wir in diesem GraSmeere segeln." „Das mag seyn, SennoreS," antwortete ColumbuS mit unbekümmerter Miene; „aber was folgt daraus? Mir alle wissen, daß die Himmelskörper ihre Umläufe machen, von denen einige ohne Zweifel unregelmäßig sind, während andere nach bestimmten Gesetzen geschehen. Dasselbe findet sogar bei der Sonne statt, welche in der kurzen Zeit von vierundzwanzig Stunden einmal um die Erde läuft, während ste ohne Zweifel auch noch andere, weniger'augenfällige Bewegungen macht, die uns wegen ihrer großen Entfernung unbekannt bleiben. Viele Astronomen glaubten im Stande zu sehn, diese Veränderungen zu entdecken und haben in ihrer Scheibe hin und wieder Flecken gesehen, die wieder verschwanden, als ob sie sich hinter diesem Lichtkörper versteckten. Ich glaube, die ganze Sache beruht aus keinem weiteren Umstande, als daß der Polarstern eine leichte Abweichung in seiner Stellung gemacht hat, und daß diese Bewegung eine kürze Zeit forlwähren wird, nach deren Verlauf man 351 ihn ohne Znicifel wieder an seinen gewohnten O,t zurückkehren sehen und dann finden wird, daß seine jeweilige Ercentricität den gewohnten Einklang mit den Nadeln nicht gestört hat. Faßt diese Nacht den Stern wohl in'S Auge und laßt uns morgen die Sonnenweite wieder anfnehmen. Ich denke, die Wahrheit meiner Ner- muthung wird sich durch die regelmäßige Bewegung dieses Himmelskörpers heranSstellen. Weit entfernt, in diesem Zeichen eine Ent- muthigung zu finden, sollten wir uns eher über eine Entdeckung freuen, welche an sich schon unsere Fahrt zu dem Ruhme berechtigt, einen wesentlichen Beitrag zu den Schätzen des Wissens geliefert zu haben." Die Piloten begnügten sich in Ermanglung anderer Erklärungsgründe mit einer derartigen Beschwichtigung ihrer Bedcnklichkeilen und blieben noch eine Weile auf dem Hüttendecke, wobei sie sich über das Sonderbare dieser Erscheinung weiter besprachen. Solche Erörterungen find bald von Nutzen, bald von Nachtheil, da sich der Mensch auch in seiner blindesten Laune bei solchen Gelegenheiten entweder in eine furchtsame oder in eine ruhige Stimmung hinein versetzt, und zum Glücke war diesmal das letztere der Fall. Bei den Matrosen fand man größere Schwierigkeiten; denn sobald eS der Mannschaft der drei Fahrzeuge bekannt wurde, daß' die Nadeln von ihrer gewöhnlichen Richtung abzuweichen begännen, so bemächtigte sich fast Aller eine an Verzweiflung gränzende Empfindung. Sancho Mundo leistete bei dieser Gelegenheit die wesentlichsten Dienste. Als der Schrecken auf die höchste Höhe gesteigert und die Mannschaft im Begriffe war, vor den Admiral zu treten und ihn aufzufordern, daß er die Bordertheile der Caravelen ohne Verzug nach Nordosten wenden lasse, benützte dieser treue Anhänger des Admirals seine ganze Erfahrung und seinen vollen Einfluß, um den Tumult zu beschwichtigen. Das erste Mittel, zu welchem er seine Zuflucht »ahm, um seine Cameradcn zur Vernunft zu bringen, bestand darin, daß er unverholen beschwor, er habe oft derartige Abweichungen der Nadel und des Polarsterns gesehen und könne aus zwanzig anderen Gelegenheiten dieselbe Thatsache bezeugen — ohne daß je irgend ein Nachtheil daraus erwachsen wäre. Dann lud er die älteren und erfahreneren Seeleute ein, genaue Beobachtungen über den bereits vorhandenen Unterschied, welcher einen vollen Compaßstrich auSmachte, anzustellen, und dann zu sehen, ob sich derselbe nicht am nächsten Morgen in der gleichen Richtung noch vermehrt habe. „Dieß, meine Freunde," fuhr er fort, „mag euch zu einem sicheren Zeichen dienen, daß der Stern sich bewege, denn wir alle können sehe», daß die Compaffe um kein Haar anders sind, als sie zur Zeit unserer Ausfahrt von PaloS de Mogner waren. Wenn von zwei Dingen eines in Bewegung ist und man das ruhende genau kennt, so ist es nicht schwer, zu sagen, wo wir das unruhige suchen müssen. Nun sieh einmal her, Martin Martine;" — dieser war einer der ungestümsten unter den Mißvergnügten — „Worte sind nutzlos, wenn man das, was man damit sagen will, durch augenfällige Experimente beweisen kann. Du siehst zwei Kloon SchiemannSgarn auf diesem Bratspill; nun — es fragt sich jetzt, welches von ihnen da bleibt und welches von ihnen weggenommen wird; ich nehme, wie Du siehst, das kleinste Kloon und das größte bleibt. Hieraus folgt nun, da nur eines bleiben kann und dieses eine das größere Kloon ist — daß das kleinere weggenommen werde» mußte. Ich halte keinen für fähig, eine Caravele — setz cS nach der Nadel oder nach dem Polarstern — zu steuern, der eine Sache in Abrede ziehen will, welche so klar und einfach bewiesen ist, wie diese." , Marti» Martinez, obgleich ein äußerst unzufriedener Mann — war nichts weniger als ein Logiker, und da Saucho seinen Beweisführungen durch Eide zu Hülfe kam, so wurde sein Anhang bald der zahlreichere. Für den stumpfsinnigen, mißvergnügten Empörer gibt cs nichts ErmuthigendereS, als die Bemerkung, daß er auf der stärkeren Seite stehe, und in derselben Weise schlägt nichts so sehr 353 seinen Geist nieder, als wenn er sich nur auf einen geringen Anhang verlassen darf; und so brachte es Sancho bei den Meisten seiner Cameraden so weit, daß sie cs für zweckmäßiger hielten, noch bis zum Morgen zuzuwartcn, um sich über den Stand der Dinge zu vergewissern, ehe sie sich einer übereilten Handlung Hingaben. „Du hast wohl gcthan, Sancho," sagte ColumbuS eine Stunde später, als der Matrose heimlich zu ihm kam, um über die Stimmung des Schiffsvolks Bericht zu erstatten. „Du hast in Allem wohl gethan, nur nicht in den Eiden, mit welche» Du ihnen glauben machen wolltest, Du setzest schon früher Zeuge dieser Naturerscheinung gewesen. Ich bin auf vielen Meeren herumgekoinmen und habe stets »reine Beobachtungen auf's sorgfältigste und mitden besten HülfSmitteln angestellt, aber doch konnte ich nie diese Abweichung der Nadel von dem Polarstern bemerken, und ich denke, was meiner Aufmerksamkeit entging, ist wohl nicht geeignet, die Deine zu fesseln." „Ihr thut mir Unrecht, Sennor Don Nlmirante, und habt meinem ehrlichen Namen eine Wunde geschlagen, die nur eine Dublone heilen kann —" „Du weißt, Sancho, daß Niemand unruhiger war, als diese Abweichung der Nadel zum erstenmale bemerkt wurde, denn Du selbst. Deine Furcht war in der That so groß, daß Du sogar das Dir angebotene Gold ausschlngst — eine Schwäche, die Du Dir gewöhnlich sicher nicht zu Schulden kommen läßst." „Als die Abweichung zum erstenmale bemerkt wurde, Eure Ercellenz, war dieß allerdings wahr genug. Ich habe nicht die Absicht, einen Mann zu täuschen, der einen schärferen Blick besitzt, als man bei gewöhnlichen Leuten antrifft, und so will ich denn eingestehen, daß ich damals dachte, unsere Hoffnung, Spanien oder Santa Clara de Moguer je wieder zu sehen — setz so gering, daß eS mir wohl ziemlich gleichgültig Vorkommen konnte, wer Admiral vder Steuermann setz." „Und jetzt möchtest Du den Unverschämten spielen und Deine Donna Mercedes. 2te Ausl. 2Z Furcht in Abrede ziehen?! Hast Du nicht Deinen Camcraben znge- schworen, Du habest diese Abweichung schon oft gesehen, ja schon bei mehr als zwanzig Gelegenheiten?" „Nun, Ercellenz, dieß ist ein Beweis dafür, daß ein Cavalier einen trefflichen Bicekönig und Admiral abgeben — auch meinetwegen Alles von Cathay wissen kann, ohne eben die klarsten Begriffe von der Geschichte zu haben. Ich sagte meinen Schiffsmaten, Don Christoval, daß ich diese Veränderungen schon früher als in dieser Nacht gesehen hätte; und wenn man mich an den Pfahl binden und als Märtyrer verbrennen wollte, was, wie ich bisweilen glaube, das LvoS von allen überflüssig ehrlichen Leuten werden könnte, so würde ich sogar Euch selbst, Sennor Almirante, als Zeuge dessen, was ich geschworen habe, aufrufen." „Das würde ein sehr unglückliches Zeugniß für Dich abgeben, Sancho, denn ich habe nie falsche Eide geschworen, und ermuthige sie auch nicht bei Andern." „Dann müßte ich mich eben auf Don Luis de Bobadilla oder Pedro de MunnoS hier verlassen;" sagte Sancho, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, „denn der Mensch hat ein Recht, für falsche Anklagen einen Beweis zu fordern, und diesen Beweis will ich jetzt haben. Eure Ercellenz beliebe sich zu erinnern, daß ich Samstag Nachts, den fünfzehnten, Euer Gnaden dieselbe Veränderung mittheilte und daß wir jetzt Montag Nachts, den siebenzehnten zählen. Zch habe geschworen, diese Naturerscheinung, wie man sie nennt, in den verwichenen achtundvierzig Stunden zwanzignial bemerkt zu haben; hätte ich aber zweihnndertmal gesagt, so wäre ich der Wahrheit noch näher gewesen. Heilige Maria! habe ich doch in den ersten paar Stunden vor lauter Abweichung fast gar nichts anderes mehr gesehen." „Fort mit Dir, Sancho! Dein Gewissen ist so lang als breit; doch, das ist Deine Sache. Aber nun Du den Grund dieser Abweichung kennst, so wirst Du wohl Deine Cameraden ermuthigen und ihren Geist ausrecht halten?" 355 „Ich zweifle nicht, daß Alles wahr ist, was Euer Erccllenz von dem Wandern des Sternes sagte," versetzte Sancho, „und eS ist mir schon durch den Kopf gesahren, daß wir vielleicht näher an Cathap sind, als wir glauben — daß ferner diese Bewegung von mißgünstigen Geistern nur veranlaßt wurde, um uns von dem Wege abzubringen." „Gehe nach Deiner Hängemalte, Schuft, und gedenke Deiner Sünden! Du wirst besser lhun, die Gründe dieser Geheimnisse unter- richteteren Leuten zu übeilassen. Da ist Deine Dublone und — sey verschwiegen." Am kommenden Morgen erwartete Alles auf den drei Cara- velen mit Ungeduld die Ergebnisse der neuen Beobachtungen. Da der Wind nicht steif aber doch fortwährend günstig war und man auf eine nach Westen führende Strömung stieß, segelten die Schiffe im Laufe von vierundzwanzig Stunden mehr als hundert und fünfzig Meilen, welche die Zunahme der Abweichung noch merklicher machten, und ColumbuS' Prophezeihung, die sich auf vorangehende Beobachtungen stützte, bekräftigte. So leicht läßt sich der Unwissende durch den Schein täuschen, daß diese Erklärung zur Zeit alle Zweifel beschwichtigte und die Annahme, der Stern bewege sich, während die Nadel zuverlässig bleibe — allgemeinen Glauben fand. Wie weit ColumbuS in dieser Sache durch seine eigene Logik getäuscht wurde, ist noch nicht ermittelt worden. Daß er eine Hinterlist, welche er für unschuldig halten mochte, nicht verschmähte und sie, um den Muth seiner Gefährten aufrecht zu erhalten, in Anwendung brachte, sieht man aus der Thatsache seiner verfälschten Ferncberechnungen; dieß ist aber noch kein Beweis, daß er in dem gegenwärtigen Falle zu einem ähnlichen Mittel seine Zuflucht nahm. Kein Mann der Wissenschaft, selbst zur Zeit, wo die Abweichung des CompaffeS noch unbekannt war, glaubte, daß die Nadel nolh- wendig aus den Polarstern weisen müsse, da man das Zusammentreffen der magnetischen Richtung mit der Lage dieses Himmelskörpers 356 nur als zufällig betrachtete, und es ist nichts Ungereimtes, wenn man annimmt, ColumbuS habe sich nicht an den Gedanken gewöhnen können, daß er vsn einem Freunde verlassen worden sey, der sich ihm immer so treu erwiesen. Dicß wird sogar um so wahrscheinlicher, da der Admiral sich aus seinen Instrumenten überzeugen konnte, wie sie sichtlich nichts von ihren Eigenschaften verloren hatten, während sich für die Annahme einer Bewegung des Sterns die gewichtigsten Analogien am Himmelsgewölbe darbotcn. Man hat über die Frage, ob der berühmte Seefahrer an die bei dieser Gelegenheit vorgebrachte Theorie glaubte, zwei Ansichten ausgestellt, von denen die eine bejahend und die andere verneinend ausfiel. Diejenigen aber, welche Colon'S eigene Ueberzeu- gung von der Richtigkeit seiner Erklärung in Abrede ziehen, scheinen einigermaßen flüchtig zu folgern, da ihr Beweis bloS auf der Annahme der llnwahrscheinlichkeit davon beruht, daß ein Mann wie ColumbuS einen so derben wissenschaftlichen Jrrthum ausgesprochen habe, während doch in jener Zeit die Gelehrten von dem Borhan- denseyn dieser Naturerscheinung so wenig wußten, als man heut zu Tage von ihrer Ursache weiß. UebrigenS ist es möglich, daß der Admiral sich überhaupt keine bestimmten Begriffe über die Sache gebildet hatte, obgleich er vielleicht halb geneigt war, die Richtigkeit seiner Erklärung anzunehmen; denn cS ist gewiß, daß dieser außerordentliche Mann inmitten der astronomischen Unwissenheit des Zeitalters mit seinem geistigen Auge manche bündigen und erhabenen Lichtblicke der Wahrheit erfaßte, die man freilich in Vergleich mit ihrer späteren Entwickelung und Begründung durch eine wissenschaftliche Behandlungsweise nur als Keime betrachten konnte. Wenn der kommende Tag die Mittel dazu bot,.die zunehmende Abweichung der Nadel mit Bestimmtheit zu erweisen, so machte er es zum Glück auch möglich, das noch immer mit Gräsern bedeckte Meer und andere ermnthigende Zeichen, welche auf die Nähe von Land deuten mochten, zu unterscheiden. Die Strömung folgte nun ganz der Richtung des'WindeS; die Oberfläche des Meeres war buchstäblich so glatt, wie die eines Binnensec'S und die Fahrzeuge waren im Stande, ohne Gefahr einige Klafter von einander zu segeln. „Dieses Gras, Sennor Almirante," ries der ältere Pinzon, „hat ganz das Aussehen desjenigen, welches an den Ufern der Flüsse wächst und ich zweifle nicht, daß wir an der Mündung irgend eines ungemein großen Stromes sind." „Wohl möglich," erwiederte ColumbuS, „aber das wird sich am Besten aus dem Geschmack des Wassers entnehmen lassen. — Laßt einen Eimer hinunter, damit wir uns davon überzeugen können." Während Pepe, um diesen Befehl zu vollziehen — abwartete, bis sich das Fahrzeug durch eine bedeutende Grasmasse gearbeitet hatte, entdeckte das scharfe Auge des Admirals eine zappelnde Krabbe auf der Oberfläche der frisch aussehenden Pflanzen und machte den Steuermann zeitig genug ans diese Erscheinung aufmerksam, daß derselbe im Stande war, den CurS so weit zu verändern, um das Thier fangen zu können. „Dieß ist ein köstlicher Fang, guter Martin Alonzo," sagte ColumbuS, indem er die Krabbe zwischen dem Zeigefinger und demDaumen hielt, so daß sie jeder sehen konnte. „Man weiß, daß diese Thiere sich nicht weiter als etwa achtzig Meilen von dem Lande entfernen und dort ist überdieß einer von den weißen tropischen Vögeln, welche, der Sage nach, nie auf dem Wasser schlafen. Wahrlich, Galt ist mit uns, und was alle diese Vorzeichen noch erfreulicher macht, ist der Umstand, daß sie aus dem Westen, dem verborgenen, unbekannten, geheimnißvollen Westen kommen." Ein gemeinsamer Freudenruf erscholl unter dem Schiffsvolke bei dem Anblicke dieser Zeichen, und wieder schwammen die Wesen, die kürzlich noch am Rande der Verzweiflung gewesen, in der freudigsten Hoffnung, welche sie auch in den geringsten Ergebnissen des Meere» günstige Vorbedeutungen erkennen ließ. Aste Fahrzeuge setzten Waffereimer aus und im Augenblicke waren fünfzig Jungen mit dieser Feuchtigkeit des Meeres benetzt; auch war die Selbsttäuschung so allgemein, daß jeder erklärte, sie schmecke weniger salzig als gewöhnlich. Die durch diese freudigen Hoffnungen veranlaßte Be- thörung war in der Thal so vollständig und hatte jede Beängstigung, welche mit der durch Sancho'S Sophismen anschaulich gemachten Bewegung des Sterns in Verbindung stand — so allgemein niedergeschlagen, daß selbst ColumbuS, der gewöhnlich inmitten seiner hohen Entwürfe alle Umsicht und Nnhe bewahrte, der ihm innewohnenden Begeisterung nachgab und sich der Entdeckung irgend einer großen Insel, welche zwischen Europa und Asien läge, nahe glaubte — eine Ehre, welche auch nicht zu «erachten war, obgleich sie weit hinter seinen großartigen Erwartungen zurück blieb. „In der Thal, Martin Alonzo," sagte er, „dieses Wasser scheint weniger Secgeschmack zu haben, als in weiteren Entfernungen von der Mündung großer Flüsse gewöhnlich ist." „Mein Gaumen sagt mir dasselbe, Sennor Admiral. Als ein weiteres Zeichen mag noch der Umstand dienen, daß die Ninna einen zweiten Thunfisch erlegt hat: ihre Mannschaft ist eben damit beschäftigt, ihn cinznhießen." Ein Freudenruf folgte dem andern, so oft ein neues ermuthi- gendeS Zeichen auftanchte; und der Admiral, der dem Feuer seiner Leute nachgab, ließ auf den drei Schissen alle Segel beisetzen, damit jedes in der Hoffnung, bei Entdeckung der erwarteten Insel das Erste zu sehn— sich bemühen möge, es den anderen zuvor zu thun. Dieser Wetteifer trennte die Caravelen bald, da die Pinta die beiden anderen leicht übersegelte, während die Santa Maria und die Ninna langsamer nachkamen. Freude und Heiterkeit herrschte diesen ganzen Tag am Borde der einsamen Schiffe, die, ohne daß ihre Bewohner cS wußten, in der Mitte des atlantischen MeereS dahinfuhren, wo sich ein Horizont nach dem andern ohne irgend 359 -eine Veränderung in der Waffergränze endlos ausdehnte, wie sich «in Kreis über dem andern auf demselben Elemente bildet, wenn «in großer, fester Körper plötzlich in'S Meer geworfen wird. Neunzehntes Kapitel. Die Segel schwellen, und in leichten Winden Entfleucht er froh dem vaterländ'schen Strand; Die weißen Felsen bald dem Blick entschwinden Und niedertauche» hinter'», Wogenrand. Wielleicht umfängt ihn jetzt der Neue Band Und zieht um seine Seel« leise Schlingen, Daß er der teuren Heimaih sich entwand; Die Lippe schweigt, indeß auf Schmerzes Schwingen Der Andern Klagen weibisch in die Stürme klinge». Ehilde Harold« Pilgerfahrt. Als die Nacht anbrach, kürzte die Pinta ihre Segel und harrte der beiden andern Fahrzeuge. Aller Augen waren nun erwartungsvoll nach dem Westen gerichtet, wo man jeden Augenblick Land auftauchen zu sehen hoffte. Das letzte Glühen des Horizonts war jedoch verschwunden und Finsterniß umhüllte das Meer, ohne irgend einen wesentlichen Wechsel mit sich zu bringen. Der Wind blies noch in einer angenehmen Kühle aus Südosten, und die Oberfläche des Meeres zeigte wenig mehr Unebenheit, als man gewöhnlich auf dem Wasserspiegel großer Flüsse trifft. Die Compaffe zeigten eine leichte Zunahme der Abweichung von der Richtung gegen den Polarstern, und Niemand zweifelte länger, daß die Schuld an diesem Himmelskörper liege. Inzwischen kamen die Fahrzeuge immer weiter südlich, da sie statt westlich, wie sie glaubten, in der That West bei Süd steuerten — ein Umstand, welcher allein ColumbuS hinderte» zuerst die Küste von Georgien oder Carolina zu erreichen; denn hätte er auch die Bermuden verfehlt, so mußte er auf der Luvseite der Strömung des Golfstroms begegnen, welche ihn ln größeren Nähe des Festlands unfehlbar nach Norden geführt haben würde. Die Nacht verging wie gewöhnlich und am Mittage des siebenzehnten oder am Ende des Seemannstags —^ hatte die Flotte abermals eine weite Strecke des Meeres zwischen sich und der alten Welt zurückgelegt. Die Gräser verschwanden und mit ihnen die Thunfische, welche in der That von den Produkten der Sandbänke lebten, die sich der Oberstäche des Wassers um einige tausend Fuß mehr näherten, als dieß gewöhnlich bei dem Bette des Atlantischen OceanS der Fall ist. Die Fahrzeuge zogen sich wie gewöhnlich um Mittag näher zusammen, um ihre Beobachtungen zu vergleichen, aber die Pinta war, einem schnellen Rosse gleich, nur schwer zu bändigen und schoß bis gegen die Mitte des Nachmittags vorwärts, wo sie dann beilegte, um auf das Admiralsschiff zu warten. Als die Santa Maria herankam, stand der ältere Pin- zon bereits, mit der Mütze in der Hand, auf dem Decke, um sie anzurufen, sobald sie im Bereiche seiner Stimme war. „Gott vermehrt die Zeichen von Land und ermuthigt uns immer mehr, Sennor Don Christoval," rief er freudig, während die Pinta ihre Segel füllte, um mit dem Admiral gleichen CurS zu halten. „Wir haben vorne große Züge von Vögeln gesehen und die Molken im Norden sehen schwer und dicht ans, als ob sie über irgend einer Insel oder einem Festlands hingen." „Du bist ein willkommener Bote, würdiger Martin Alonzo, obschon ich Dich erinnern muß, daß ich in dieser Länge höchstens einige angenehme Inselgruppen erwarte, da Asien noch manche Tagfahrt entfernter liegt. Wenn die Nacht näher rückt, wirst Du sehen, daß die Wolken immer mehr die Gestalt des Landes annehmen werden, und es ist wohl möglich, daß auf jeder Seite von uns Jnselparthien liegen: aber unsere hohe Bestimmung ist Cathay, * Die Seeleute rechnen den Tag von Mittag zu Mittag. und mit einem solchen Zwecke vor Augen, wendet man sich nicht wegen minder wichtiger Gegenstände seitwärts." „Darf ich mit der Pinta voranetlen, edler Admiral, damit unsere Augen zuerst den erfreulichen Anblick Asiens begrüßen? Ich zweifle nicht, es noch vor Morgenanbruch zu Gesicht zu bekommen." „So geh' in Gottes Namen, wackerer Seemann, wenn es Dir gut dünkt, obgleich ich Dir bemerken muß, daß Du noch keines Continents ansichtig werden kannst. Doch da in diesen fernen und unbekannten Meeren ein jedes Land als eine Entdeckung gelten und Castiiien, wie auch uns selbst, Ehre machen muß, so wird der, welcher es zuerst bemerkt, auch nach Verdienst belohnt werden. Du, oder jeder andere, hat meine volle Erlaubniß, Inseln oder Con- tinente, je mehr je lieber, zu entdecken." Die Mannschaft lachte über diesen Scherz, denn der Sorglose läßt sich leicht heiter stimmen. Dann schoß die Pinta vorwärts und man sah sie beim Niedergange der Sonne wie einen schwarzen Fleck in den Regenbogenfarben des vrachtvollen Himmels beilegen und der anderen Schiffe harren. Im Norden war der Horizont mit massigen Wolken umhängt, welche man sich leicht zu schroffen Bergspitzen und einschneidenden Thälern mit durch die Entfernung verkürzten Erdzungen oder Vorgebirgen auSmalen konnte. Am folgenden Tage trat zum crstenmale, seit man die Linie der Paffatwinde erreicht hatte, Windstille ein; die Wolken zogen sich über ihren Häuptern zusammen und ließen leichte Regenschauer auf die Seefahrer niederfallen. Die Schiffe lagen jetzt nahe beieinander und unterhielten einen beständigen Verkehr, indem ohne Unterlaß Boote hin und her gingen. „Ich komme, Sennor Admiral," sagte der ältere Pinzon, als er das Deck der Santa Maria erreicht hatte, „in Folge des vereinten Gesuchs meiner Leute, Euch zu bitten, nach Norden zu steuern, um Land, Inseln oder einen Continent aufzusuchen, welche ohne Zweifel dort liegen müssen — und so dieses große Unternehmen mit dem Ruhm, der unseren erhabenen Herrschern und Eurem eigenen Scharfblicke gebührt, zu krönen." „Der Wunsch ist nicht unbillig, guter Martin Alonzo, und auf eine ziemliche Weise vorgebracht, aber er kann nicht gewährt werden. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, daß wir durch eine Nordfahrt namhafte Entdeckungen machen würden, aber wir könnten dadurch unser Ziel aus dem Auge verlieren. Cathap liegt weiter im Westen, und wir haben nicht den Auftrag, das geographische Wissen durch die Entdeckung einer weiteren Inselgruppe, wie die Cana- rien oder die Azoren, zu bereichern, sondern wir müssen die Erde umkreisen und der Aufrichtung des Kreuzes in Gegenden, welche so lange daS Eigenlhum von Ungläubigen gewesen sind—denWeg bahnen." „Kannst Du nichts zu Unterstützung unseres Gesuchs beitragen, Sennor de MunnoS? Du besitzest die Gunst Seiner Ercellcnz und vermagst vielleicht so viel über ihn, daß er uns diese kleine Abweichung von unserer Vorschrift gewährt." „Offen gestanden, guter Martin Alonzo," antwortete Luis mit einer Nachlässigkeit in seinem Benehmen, welche sich eher von dem Granden gegen einen Piloten erwarten ließ, als sie mit der Achtung, welche dem Sekretär gegen den zweiten Befehlshaber der Flotte ziemte, im Einklänge war — „offen gestanden, guter Martin Alonzo, mein Herz ist so sehr auf die Bekehrung deS Groß- KhanS erpicht, daß ich mich weder zur Rechten, noch zur Linken wenden möchte, bis uns dieses ruhmwürdige Werk gelungen ist. Ich habe bemerkt, daß Satan wenig gegen Die auSrichtet, welche den geraden Weg wandeln, während seine Siege über Diejenigen, welche sich abseits wenden, ein Wesentliches dazu beitragen, seine Reiche zu bevölkern." „Wir haben also keine Hoffnung, edler Admiral — und müssen alle diese erfreulichen Anzeichen mit dem Rücken anschen, ohne einen Versuch zu machen, irgend Bortheil daraus zu ziehen." „Ich wüßte nicht, was wir Besseres thun könnten, würdiger 363 Freund. Dieser Regen verkündet Land, ebenso diese Windstille, und mehr als Beide deutet uns jener Besuch an — dort in der Richtung Deiner Pinta, wo er dem Anscheine nach sich auSzu- ruhen gedenkt." Pinzon und alle in seiner Nähe wandten sich um und sahen mit gemeinsamen Staunen und Entzücken einen Pelikan, mit Wohl zehn Fuß weit ausgebreiteten Schwingen — wenige Faden über dem Meere Hinschweben und augenscheinlich auf das genannte Schiff losfliegcn. Der kühne Vogel nahm jedoch seinen stolzen Flug, als ob er es verschmähe, ein Schiff untergeordneten Ranges zu besuchen, an der Pinta vorbei und auf das Admiralsschiff zu, wo er sich auf einer Raa niederließ. „Wenn dieß nicht ein sicheres Zeichen von der Nähe deS Landes ist," sagte Columbus ernst, „so ist es etwas weit Besseres, nämlich eine zuverlässige Andeutung, daß uns Gott begünstigt. Er sendet uns diese ermuthigenden Aufforderungen, damit wir fest auf der Absicht, ihm zu dienen, beharren und bis an'S Ende auS- dauern. Ich habe nie einen derartigen Vogel ferner als eine Tagfahrt vom Lande gesehen, Martin Alonzo." „Meine eigene Erfahrung kann dieß bestätigen, edler Admiral, und ich betrachte mit Euch diesen Besuch als eine äußerst günstige Vorbedeutung. Ist eS aber nicht vielleicht ein Wink, sich seitwärts zu wenden und diese Seegegend genauer zu untersuchen?" „Ich glaube nicht, sondern nehme es eher als eine Ermunterung, in der früheren Weise fortzufahren. Wenn wir von Indien zurückkehren, können wir uns in diesem Theile des OceanS genauer umsehen, denn ich glaube nichts vollbracht zu haben, ehe ' Indien erreicht ist, und dieses ist immerhin noch hundert Stunden entfernt. Da wir jedoch eben gelegene Zeit haben, so wollen wir unsere Piloten zusammenrufen und sehen, wohin jeder sein Schiff auf der Charte versetzt." Dieser Aufforderung zu Folge versammelten sich alle Seefahrer an Bord der Santa Maria, und jeder machte seine Berechnungen, indem er eine Nadel in die dürftige Charte steckte — wir nennen sie dürftig hinsichtlich der Genauigkeit, da dem Admiral bei Anfertigung derselben nur die Kenntnisse der damaligen Zeit zu Gebote standen, obgleich sie im klebrigen sehr schön ausgeführt war. Vicente Danez und seine Gefährten von der Ninna setzten ihre Nadel am weitesten vor, indem sie die Entfernung auf vierhundert und vierzig Seemeilen von Gomera angaben; Martin Alonzo wich hievon ein wenig ab, indem er die Nadel um etliche zwanzig Stunden weiter gen Osten steckte. Als die Reihe an Co- lumbuS kam, brachte er die Nadel noch um zwanzig Seemeilen östlicher als Martin Alonzo an, da seine Gefährten, als weniger geschickte Rechner, allein Anscheine nach der wahren Entfernung um soviel vorausgeeilt waren. Man bcrieth sich nun, was dem Schiffsvolke mitgetheilt werden sollte, und die Piloten kehrten zu ihren Fahrzeugen zurück. Columbus scheint wirklich geglaubt zu haben, er sep damals in der Nähe von Inseln gewesen, und sein Geschichtsschreiber, LaS Casas, behauptet, er habe mit seiner Bermuthung nicht Unrecht gehabt; aber wenn je Inseln in diesem Theile des OccanS lagen, so sind sie seitdem längst verschwunden — ein Ereigniß, welches zwar nicht unmöglich, aber kaum wahrscheinlich ist. Der Sage nach hat man allerdings noch in dem gegenwärtigen Jahrhundert in dieser Gegend Brandungen gesehen, und es ist nicht unmöglich, daß es hierheruni ausgedehnte Sandbänke gibt, obgleich Columbus auf zweihundert Faden noch keinen Grund fand. Die große Anhäufung von Gras ist eine durch die ältesten Berichte menschlicher Forschung bekräftigte Thatsache, und verdankt wahrscheinlich ihre Entstehung den Strömungen, da diese gar wohl derartige Erscheinungen veranlassen können, während die Vögel als verirrte Wanderer betrachtet werde» müssen, die aus ihren gewohnten Revieren durch die Nahrung weggelockt wurden, welche die vereinte Anhäufung von Gräsern und Fischen zu bieten vermochte. Wasservögel können sich stets auf dem Meere umtreiben, und ein Thier, das dreißig bis fünfzig Weilen in der Stunde zurücklegt, bedarf nur hinreichende Kraft, um in vier Tagen und vier Nächte» über das ganze atlantische Meer wegznfliegen. Trotz aller dieser erfreulichen Anzeichen begann das Schiffsvolk bald wieder, das Gewicht erneuerter Zaghaftigkeit zu fühlen. Mit dem Sonnenuntergänge des zwanzigsten Septembers, oder am elften Tage, nachdem die Flotte das Land aus dem Gesichte verloren hatte, machte sich Sancho, der mit dem Admiral beständig in einem geheime» Verkehr stand, auf dem Hüttendecke etwas zu schaffen und sah dann die Gelegenheit ab, ColumbuS zu hinterbringen, daß wieder eine mehr als gewöhnliche Unzufriedenheit um sich greife und die Mannschaft in Folge der plötzlichen Gegenwirkung — von den hochgespanntesten Hoffnungen fast bis an den Rand der Verzweiflung übergegangen sey. „Erccllenz," fuhr Sancho fort, „sie beklagen sich über die Glätte des Wassers; auch sagen sie, daß wenn überhaupt Winde in diesen Meeren wehen, diese nur von Osten kämen und keine Gewalt hätten, auch in anderen Richtungen zu blasen. Die Windstillen meinen sie, lieferten den Beweis, daß man sich in einem Theile des Oceans befinde, wo es keinen Wind gebe, und die Ostwinde sind nach ihrer Ansicht von der Vorsehung gesandt, um Diejenige» in'S Weite zu treiben, welche das Mißfallen des Himmels durch einen Vorwitz, wie er bärtigen Leuten nicht zieme — auf sich gezogen hätten." „Ermuthigst Du die armen Bursche nicht, Sancho, indem Du sie daran erinneist, wie Windstillen hin und wieder in allen Meeren vorwalten? — Und was die Ostwinde anbelangt, ist es nicht eine bekannte Thatsache, daß sie von den afrikanischen Küsten niederer Breite jahraus jahrein wegwehen und der Sonne in ihrer täglichen Wanderung um die Erde folgen? Ich hoffe, Du theilst diese thörichten Besorgnisse nicht." „Ich gebe mir Mühe» standhaft zu bleiben, Sennor Don Al- mirante, da ich Niemand vor mir habe, der mir nach meinem Tod UebleS nachredete, und Niemand zurücktaffe, der meinen Verlust betrauerte. Doch möchte ich wohl gerne ein wenig von den Reich- thümern dieser Länder hören, denn ich finde, daß die Gedanken an ihr Gold und ihre Edelsteine eine Art Zauber über meine Schwäche üben, wenn mich Gedanken an Moguer und seine lustige Welt beschleichen wollen." „Hinweg mit Dir, Schuft! Dein Golddurst ist unersättlich. Da hast Dn wieder eine Dublone, und wenn Du sie ansiehst, kannst Du Dir von dem gemünzten Golde des Groß-Khans, soviel Du willst, denken; jedenfalls ist es gewiß, daß ein so großer Monarch nicht ohne Gold seyn kann, und wahrscheinlich ist er auch nicht abgeneigt, etwas davon abzugeben, wenn sich hiezu eine Gelegenheit bietet." Sancho nahm die Gabe in Empfang und überließ das Hüttendeck ColumbuS und unserem Helden. „Dieses Schwanke» der Schufte, Sennor," sagte Luis ungeduldig, „ließe sich am besten durch die Anwendung der stachen Klinge oder im Nothfallc ihrer Schärfe beschwichtigen." „Das kann nicht seyn, mein junger Freund, ohne daß zum mindesten ein trifftigerer Anlaß, als der gegenwärtige — diese Strenge rechtfertigte. Glaube nicht, daß ich so viele Jahre meines Lebens auf Bitten verwandt habe, um die Mittel zur Ausführung dieses großen Entwurfes beizuschaffen -— und daß ich jetzt so weit in diesen unbekannten Meeren vorgedrungen bin, um mich so leicht von meinem Vorhaben abbringen zu lassen. Aber Gott hat nicht alle Menschen gleich geschaffen, und eben so wenig dem Bauern und dem Edeln gleiche Wege geöffnet, ihr Wissen zu bereichern. Ich mußte mich zu oft mit Beweisen der Ausführbarkeit unserer Fahrt gegen Hoch- gestellte und Gelehrte abquälen, um nicht mit der Ungewißheit des gemeinen Manns ein wenig Geduld zu tragen. Stelle Dir vor, wie die Furcht de» Witz der Weisen von Salamanka geschärft 367 haben würde, wenn unsere Disputation in der Mitte des atlantischen Weltmeeres abgehalten worden wäre, wo noch nie ein Mensch war und wo kein Auge, als das der Wissenschaft, einen sichern Ausweg zu entdecken vermag." „Das ist sehr wahr, Sennor Admiral, aber doch glaube ich, daß Eure Gegner, wenn sie Ritter wären, sich einer unmännlichen Furcht nicht so ganz hingeben würden. Was giebt es hier für Gefahren? Dicß ist allerdings das weite Meer, und wir sind ohne Zweifel einige hundert Stunden von den bekannten Inseln entfernt, aber wir befinden uns demungeachtet Wohl und sicher. Bei St. Pedro! ich habe in einem einzigen Angriff gegen die Mauren mehr Leben ausathmen sehen, als diese Caravelen miteinander fassen und das Blut floß dabei in solchen Strömen, daß es die Schiffe hätte flott machen können." „Die Gefahren, welche unsere Mannschaft fürchtet, sind zwar vielleicht weniger unmittelbar, als die eines Maurenkampfes, Don Luis: aber demungeachtet nicht weniger schrecklich. Wo ist die Quelle, die uns Wasser liefert, um die trockenen Lippen zu netzen, wenn unsere Vorräthe zu Ende sind, und wo ist das Feld, um uns dann mit Brod und Nahrung zu versehen? Es ist etwas Schreckliches, mitten ans der Fläche des weiten Meeres durch Mangel an Nahrung und Wasser auf die Hefe des Lebens gebracht zu werden, Zoll um Zoll Hinzusterben, oft ohne den Trost der Kirche und stets ohne ein christliches Begräbniß. Dieß sind die Schreckbilder des Seemanns, die sich nur mit Gewalt verdrängen lassen, wenn je die Pflicht eine Anwendung der äußersten Mittel gegen seine Krankheit heischen wird." «Ich meine, Don Christoval, man sollte erst dann so sprechen, wenn unsere Fässer versiegt und die letzten Zwiebackrinden gebrochen sind. Bis dahin erbitte ich mir die Erlaubniß Eurer Ercellenz, der Außenseite dieser Schurkenköpfe die nöthige Logik cinzubläuen, da ich in die Fähigkeit ihres Innern, etwas Gutes aufzunehmen, kein sonderliches Vertraue» setze." Columbns kannte den ungestümen Character des jungen Mannes zu gut, um eine ernste Entgegnung zu geben, und Beide lehnten stch nun zugleich an den Besanmast, nm die Scene vor ihnen zu betrachten, wobei sie zugleich über die Wechselfälle ihrer Lage nachdachten. Es war Nacht und die Wachmannschaft auf dem Decke unten ließ sich nur bei dem Scheine eines Lichtes unterscheiden, das jedoch zu düster brannte, um die Gesichter erkennnen zu lassen. Die Leute standen in Gruppen beisammen, und aus dem gedämpfte», aber lebhaften Tone, in welchem sie mit einander sprachen, ließ sich entnehmen, daß die Windstille und die Gefahren, denen sie sich ausgesetzt glaubten, der Gegenstand ihrer Unterhaltung war. Die Umrisse der Pinta und Nimm ließen sich unter einem mit funkelnden Sternen besäten Firmamcnte erkennen; die schlaffen Segel hingen in dem Faltenwürfe von Vorhängen wie Blumengewinde herunter, und ihre dunkeln Rümpfe standen so unbeweglich, als ob sie in einem der Flüsse Spaniens eingebuchtet wären. Es war eine milde, sanfte Nacht, aber die unermeßliche Oede, die tiefe Stille des schlummernden Meeres und selbst das jeweilige Knarren einer Spiere, welche an die wirkliche Gegenwart von Fahrzeugen in einer solchen Lage erinnerte, lieh der Scene einen feierlichen, fast erhabenen Character. „Hörst Du nicht etwas in dem Takelwerke flattern, Luis?" fragte der Admiral leise. „Wenn mich mein Ohr nicht täuscht, so vernehme ich ein Schwingen von Flügeln. Der Ton ist überdies; lebhaft und leicht, wie ihn kleine Vogel hervorzubringen pflegen." „Ihr habt Recht, Don Christoval. ES haben sich wirklich solche kleine Geschöpfe auf den ober» Rasen niedergelassen — sie sind nicht größer als die kleineren Landsingvögel." „Horch!" fiel der Admiral ein, „das ist ein fröhlicher Ton — eine Melodie, wie man sie kaum in den Orangenhainen von Sevilla Hort! Gott sey gepriesen für dieses Zeichen der Ausdehnung und Einheit seines Reichs, denn Land muß wohl nahe sehn, 369 wenn so zarte und hinfällige Geschöpfe, wie diese, den Flug bis hieher unternehmen." Die Anwesenheit dieser Vögel wurde bald auf dem ganzen Verdecke bekannt und ihr Gesang gewährte mehr Trost, als die bündigste mathematische Demonstration — selbst wenn sie auf die »euere» Fortschritte der Wissenschaft gegründet gewesen wäre — auf die reizbaren Gefühle der Matrosen hätte Hervorbringen können. „Hab' ich Dir nicht gesagt, daß Land in der Nähe sey," rief Sancho, indem er sich trinmphirend an Martin Martinez, seinen beharrlichen Widersacher, wandte. Hier hast Du einen Beweis, den nur ein Verräther in Abrede ziehen kann. Du hörst den Gesang von Waldvögeln — Töne, wie sie nicht au» den Kehlen müder Thiere kommen können, und so muntere Weisen, als ob die lieben kleinen gefiederten Schelme auf Spaniens Auen an einer Traube oder Feige pickten." „Sancho hat Recht!" riefen die Matrosen. „Auch die Lust riecht nach Land — und das Meer sieht aus, wie in der Nähe des Landes; Gott ist mit uns — gelobt sey sein heiliger Name — und Ehre unserem Herrn, dem König — und Ehre unserer gnädigen Gebieterin, Donna Jsabclla!" Von diesem Augenblick an schien auf dem Schiffe die Sorge wieder entschwunden zu seyn. Alles glaubte mit dem Admiral, daß die Anwesenheit so kleiner Vögel, deren Schwingen man für so schwach hielt, ein untrüglicher Beweis der Nähe eines Landes sey, und noch dazu eines Landes mit edeln Erzeugnissen und einem milden, sanften Klima: denn diese Sänger lieben, wie das zartere Geschlecht der Menschen, Schauplätze, welche ihren sanfteren Neigungen und milderen Gewohnheiten am meisten zusagen. Die Folge hat bewiesen, daß die Vermuthung Colon'S eine irrige war, so vielen Schein auch die Gründe seines JrrthumS haben mochten. Der Mensch würdigt die Kräfte untergeordneter Geschöpfe oft nicht richtig, wie er auch bisweilen den Umfang ihres Instinktes Donna Mercedes. 2tc Aufl. 21 überschätzt. Es ist eine Thalsache, das ein Vogel von leichtem Gewichte in diesen niederen Breitegraden weniger der Gefahr ausgesetzt ist, auf dem Meere zu Grunde zu gehen, als ein größeres derartiges Thier, vorausgesetzt, daß Beide nicht zu den Waffcrvügeln gehören. Das Seegras selbst gibk den kleineren Thieren zahllose Ruheplätze und versteht ste ohne Zweifel auch zuweilen mit Nahrung. Es ist allerdings unwahrscheinlich, daß reine Landvögel weit in'S Meer hinausfliegen: aber abgesehen von den Wirkungen der Stürme, welche hin und wieder sogar die schwerfällige Eule Hunderte von Meilen vom Lande wegtreiben — ist auch sogar der Instinkt nicht untrüglich; man hat oft Waltfische in seichtem Wasser eingebuchtet gefunden, wie denn auch Vögel ihre gewohnten Gränzen nicht selten überschreiten. Was nun immer die Ursache der sehr gelegenen Erscheinung dieser kleinen Waldbewohncr auf den Spieren der Santa Maria gewesen sehn mag, jedenfalls machte sie auf die Gemüther Aller einen äußerst günstigen Eindruck. Kein Musikfreund hätte den glänzendsten Aufführungen eines Orchesters mit größerem Entzücke« zuhören können, als die rohen Matrosen auf diesen Gesang lauschten, wie fie sich auch jetzt mit einer Sicherheit zur Ruhe begaben, die in dankbarer Anbetung ihren Grund hatte. Der Gesang erneuerte sich mit dem Dämmern des Morgens, und bald darauf flog die ganze Schaar von hinnen, indem fie ihre Richtung nach Südwesten einschlug. Der nächste Tag brachte eine Windstille und dann einen so leichten Luftzug, daß die Schisse nur mit Schwierigkeit in den dichten GraSmaffen fortkamen, welche dem Meer das Aussehen von ungeheuren, überschwemmten Wiesen gab. Die Strömung erwies sich als eine gen Westen gehende, und kurz nach Tagesanbruch erstattete Sancho über eine neue Quelle der Unruhe Bericht. ,,Jn den Köpfen der Leute hat sich eine Vorstellung festgesetzt, Sennor Admiral, welche so viel Wunderbares hat, daß fie ungemeine Gunst bei denen findet, welche die Wunder mehr als Gott liebrn. Martin Martine;, der, was die Angst betrisst, ein Ausbund 371 von Witz und Verstand ist, stellte die Behauptung auf, daß dieses Meer, in welches wir immer tiefer und tiefer hinein zu kommen scheinen, versunkene Inseln bedecke und daß die Gräser, deren stets sich mehrende Anhäufung nicht in Abrede gezogen werden kann, in Bälde so übermäßig auf der Oberfläche des Wassers werden dürften, daß den Caravelen eben so gut die Möglichkeit zum Weiterkommen als zum Nmkehren benommen seyn müsse." „Findet diese einfältige Ansicht Martins Glauben?" „Allerdings, Sennor Almirante, und das aus dem einfachen Grunde, weil es weit leichter ist, Leute zu finden, die eine Abge- geschmacktheit, als Andere, welche nur eine Wahrheit glauben wollen. Aber der Bursche stützt sich auf einige unglückliche Zufälle, die nothwcndig von finsteren Mächten herrühren müssen, denen eS nicht wohl besonders lieb seyn kann, Eure Ercellenz Cathay in der Absicht erreichen zu sehen, den Groß-Khan zum Christenthum zu bekehren und den Baum des heiligen Kreuzes aufzupflanzen. Außerdem werden auch Viele durch diese Windstille beunruhigt, und man fängt an, die Vögel als Geschöpfe zu betrachten, die uns Satan selbst sandte, um uns nach Orten zu führen, von wo wir nicht mehr zurückkehren können. Einige glauben sogar, wir würden auf Sandbänke treffen und für immer als gestrandete WrakS mitten auf dem weiten Ocean liegen bleiben." „Sage den Leuten, sie sollen Vorkehrungen zum Lothen treffen: jch will ihnen wenigstens die Thorheit dieser Idee zeigen. Sorge nur dafür, daß Alle diesem Versuche beiwohnen." ColumbuS wiederholte diesen Befehl gegen die Piloten, welche das Senkblei in der gewohnten Weise auSwarfen. Faden um Faden glitt über die Rolle, und das Blei, welches seinen unwandelbaren Weg nach der Tiefe einschlug, haspelte sich so weit ab, daß man wegen Mangels an Tau inne halten mußte. „Ihr seht, meine Freunde, daß ihr noch mehr als zweihundert Faden von den Sandbänken, die ihr so sehr fürchtet, entfernt seyd, 372 und um wie viel tiefer als unser Maß mag erst noch das Meer seyn! — Doch halt, dort ist ein Wallfisch, der sein- Wasser von sich spritzt — ein Geschöpf, das man nur an den Küsten großer Inseln oder Continente zu sehen bekömmt." Diese Anrede Colon's, welche mit den Ansichten jener Zeit übereinstimmte, that ihre Wirkung, da das SchiffSvolk sich natür- lich am liebsten durch Begriffe leiten ließ, die unter dem Volke gangbar waren. Man weiß übrigens jetzt, daß die Walisische häufig solche Theile des Meeres besuchen, wo sie am meisten Nahrung finden, und eine der besten Gegenden für de» Wallfischfang waren in der letzten Zeit die sogenannten falschen brasilianischen Bänke, welche fast mitten im Meere liegen. Mit einem Mort, alle diese Zeichen, welche mit der Erscheinung von Vögeln und Fischen in Verbindung standen, und die nicht nur aus die gemeinen Matrosen, sondern auch auf ColumbuS selbst eine» so kräftigen Einfluß zu üben schienen, waren weit unwichtiger als man damals glaubte, indem die Seefahrer sich zu selten weit vom Lande wegwagten, um mit den Geheimnissen des offenen Meeres gehörig vertraut zu seyn. Ungeachtet der freudigen und hoffnungsvollen Augenblicke, welche hin und wieder auftauchten, gewannen Mißtrauen und Furcht bei dem Schiffsvolke bald wieder die Oberhand. Diejenigen, welche von Anfang an die Mißvergnügtesten waren, ergriffen jede Gelegenheit, die Besorgnisse zu vermehren, und als, Samstag den zweiunbzwanzigsten September, die Sonne über ein windstilles Meer aufging, zeigten sich in den Fahrzeugen nicht Wenige geneigt, zusammen zu treten und den Admiral abermals aufzufordern, die Schnäbel der Caravelen nach Osten zu wenden. „Wir find einige hundert Stunden vor einem schönen Winde in ein dem Menschen ganz unbekanntes Meer gekommen," hieß es — „bis wir eine Stelle im Ocean erreichten, wo die Winde ganz und gar aufzuhören scheinen, und wo wir Gefahr laufen, von unbeweglichem Gras festgehalten zu werden oder auf versunkenen Inseln zu stranden, ohne die Mittel zu haben, uns Nahrung und Wasser zu verschaffen." Gründe wie diese standen ganz im Einklänge mit den Ansichten eines Zeitalters, in welchem selbst die gelehrtesten Männer ge- nöthigt waren, sich durch die Nebel des Unglaubens einen Weg zu genaueren Kenntnissen zu bahnen, und wo allgemein die Schwäche herrschte, auf der einen Seite an sichtbare Beweise wunderthätiger Einwirkungen Gottes und auf der andern an den wesentlichen und überwiegenden Einfluß böser Geister zu glauben, von denen man annahm, daß sie auf die zeitlichen Angelegenheiten derjenigen, welche sie verfolgten, einzuwnken im Stande seyen. ES war daher für den glücklichen AuSgang der Unternehmung ein sehr günstiger Umstand, daß am Morgen des erwähnten TageS eine leichte Kühlte im Südwesten aufsprang, welche die Fahrzeuge in den Stand setzte, ihren Weg weiter zu verfolgen und über die weiten Grasfelder wegzukommen, welche ebensowohl die Geschwindigkeit der Caravelcn hemmten, als sie die Furcht der Mannschaft stets rege erhielten. Da man die Absicht hatte, sich dieser schwimmenden Hindernisse, welche die Fahrzeuge umgaben, zu entledigen, so fuhr man in die erste große freie Stelle, welche sich darbot, ein, brachte die Flotte dicht an den Wind und hielt so nahe als möglich den gewünschten CurS ein. ColumbuS glaubte nun selbst, nordwestlich zu steuern, obgleich er in der That seinem wahren Curse weit näher war, als wenn er die Schiffsschnäbel nach seinem Compaß westlich gerichtet hätte, da die Abweichung der Nadei nothwendig eine andere Linie, als diejenige, welche er beabsichtigte —- zur Folge hatte. Dieser Umstand allein dürfte wohl hinreichend beweisen, daß ColumbuS an seine eigene Theorie von der Bewegung des Polarsterns glaubte, sonst würde er nicht viele Tage nach einander und unter günstigem Winde West und zum Süd halb Süd gesteuert haben, wie er bekanntlich that, obgleich cS sein sehnlichster Wunsch war, unmittelbar nach 374 Westen vorzudringen. Er war nun seinem früheren Curse um einen halben Strich näher, wenn schon er und alle andere mit ihm glaubten, daß sie um beinahe zwei Striche leewärts von der gewünschten Richtung segelten. Diese kleinen Abweichungen kamen jedoch in keinen Betracht gegen den Vorthcil, den der Admiral über die Furcht seiner Begleiter gewann, indem er dem Winde und der graSsreien See folgte. Aus dem einen erkannten die Matrosen, daß die Winde nicht immer aus derselben Richtung bliesen, und aus dem andern überzeugten sie sich, daß sie sich nicht an einer Stelle befänden, wo das Meer nicht mehr zu befahren wäre. Obgleich jetzt die Luftströmung für eine Rückkehr nach den carrarischen Inseln günstig war, so verlangte doch keiner mehr, daß ein solcher CurS eingeschlagen werden solle; — so geneigt sind wir Alle, das herbei'zuwünschen, was uns versagt zu seyn scheint, und das zu verachten, was vollständig zu unserer Verfügung steht. Dies war in der That ein Augenblick, wo die Gefühle deS Schiffsvolks sich so veränderlich erwiesen, als die leichten und neckenden Winde. Der Samstag verfloß in der eben erwähnten Weise, und als die Sonne niederging, traten die Fahrzeuge wieder in große SeegraSselder ein. Beim Anbruch des Tages wehte der Wind dem Compaß zu Folge nach Nordwest und Nordwest zu Norden, was in der Wirklichkeit nach Nordwest zu West halb West, und Nordwest halb West steuern hieß. Man sah wieder viele Vögel, unter denen sich auch eine Turteltaube befand, und viele lebende Krabben, welche unter den Gräsern herumkrochen — lauter Zeichen, welche den gemeinen Mann ermuthigt haben würden, wenn sie sich nicht schon so oft als trüglich erwiesen hätten. „Scnnor," sagte Martin Martinez zu dem Admiral, als Co- lunibus unter dem Schiffsvolke erschien, um ihren sinkenden Muth aufzurichten, „wir wissen nicht, was wir glauben sollen. Tage lang blies der Wind in der gleichen Richtung, wo er uns gewissermaßen 375 unserem Untergang entgegen zu führen schien, und dann verließ er unS auf einem Meere, wie cs die Matrosen der Santa Maria nie vorher sahen. — Ein Meer, das wie die Wiese» an einem Flusse aussieht, und nur der Kühe und Hirten bedürfte, um für ein von angeschwelltem Wasser ein wenig überschwemmtes Feld zu gelten — ist ein schreckliches Ding!" „Deine Wiesen sind die Gräser des Meeres und beweise» den Neichthum der Natur, welche sie hervorgebracht hat — während Deine Winde aus dem Osten unter niederen Breitegraden gewöhnlich sind, wie Alle, die eine Fahrt nach Guinea gemacht haben, wohl wissen. Ich sehe in Beiden Nichts, was einen kühnen Seemann beunruhigen könnte, und was den Grund des Meeres anbelangt, so wart ihr selber Zeuge davon, daß man ihn mit den vielen Faden des Loths nicht erreichen konnte. Nicht wahr, Pepe, Du hast keine von diesen Schwächen und verlangst nach Cathay und dem Anblick des Groß-Khans?" „Sennor Almirante, was ich Monika geschworen habe, schwöre ich auch Euer Ercellenz, nämlich treu und gehorsam zu sehn. Wenn das Kreuz unter den Ungläubigen aufgerichtet werden soll, so wird meine Hand nicht zögern, an dieser heiligen Handlung Theil zu nehmen. Aber Keinem von uns, Sennor, gefällt diese unnatürlich lange Windstille. Wir haben hier ein Meer ohne Wellen, und mit einer so glatten Oberfläche, daß man irre wird, ob das Wasser hier denselben Gesetzen folge, wie in der Nähe von Spanien: denn nie ist mir eine See so tobt wie diese vorgekommen! Könnte cS nicht sehn, Sennor, daß Gott die äußeren Enden der Erde mit diesem Gürtel ruhigen und stillen Wassers umgeben hätte, um jeden Unbesonnenen abzuhalten, einen Blick in seine geheiligten Geheimnisse zu thun?" „Deine Meinung schmeckt doch wenigstens nach Religion, und kann daher, obgleich sie irrig ist, kaum verdammt werden. Gott hat den Menschen aus diese Erde gesetzt, um ihr Herr zu seyn, 376 und ihm sowohl durch die Ausbreitung seiner Kirche, als auch durch zweckmäßige Verwendung der zahlreichen Segnungen, welche dieses große Geschenk begleiten, zu dienen. Was die Enden anbelangt, von denen Du sprichst, so cristircn sie nur im Kopfe des Unwissenden, denn die Erde ist eine Sphäre oder eine Kugel, an der sich keine andern Enden befinden, als diejenigen, welche Dn allenthalben auf der Oberfläche bemerkst." „Und hinsichtlich dessen, was Martin von den Winden, den Gräsern und den Meerstillen sagte," erwiederte Sancho, der nie um eine Thatsache oder um einen Grund verlegen war, „so kann ich mich nur wundern, wie dieß einem Seemann von seinen Jahren, der so hange ans dem Meere gewesen ist, Neuigkeiten scvn können. Mir ist alles dieses etwas so Gewöhnliches, als das Spülwasser zu Moguer, und ich würde eS ohne das Greinen Martins und seiner Gesellen nicht einmal bemerkt haben. Als die Santa Catilina einst eine Neise nach jenem fernen Irland machte, landeten wir eine halbe Stunde, oder so etwas, von der Küste auf dem Seegras; auch blies der Wind regelmäßig vier Wochen aus der einen, und vier Wochen aus der andern Himmelsgegend, und den Erzählungen der dortige» Leute zu Folge blasen sie dann vier Wochen miteinander, so daß sie sich gegenseitig in die Quere kommen; wir blieben aber nicht lange genug in diesen Meeren, weßhalb ich nicht im Stande bin, die beiden letzteren Thatsachen zu beschwören." „Hast Du nicht auch von Untiefen gehört, die so weit sind, daß eine Caravele ihren Weg nicht mehr herauSsinden konnte, wenn sie einmal hinein gekommen war," fragte Martine; auffahrend: denn so sehr er sich auch in handgreiflichen Uebertreibungen gefiel, so liebte er doch nicht, sich auSgcstochen zu sehen— „und sagen uns nicht diese Gräser, welche noch obendrein oft so dicht aufeinander geschichtet sind, daß das Schiff beinahe nicht weiter kommen kann, wie sehr eine solche Gefahr zu befürchten steht?" „Genug davon," sagte der Admiral, „das einemal haben wir Gras, das anderemal wieder keines — ein Wechsel, der nur von den Strömungen herrührt. Sobald wir diesen Meridian überschritten haben, werden wir ohne Zweifel wieder in klares Wasser kommen." „Aber die Windstille, Sennor Almirantc!" rief ein Dutzend Stimmen. „Diese unnatürliche Glätte des Meeres macht uns ängstlich; wir haben nie vorher eine See so ruhig und unbeweglich gesehen." „Nennt Ihr dieß ruhig und unbeweglich?" rief der Admiral. „Die Natur selbst erhebt sich, um Eure sinnlose Angst zu rügen und durch ihre eigene Zeichen Eure irrigen Folgerungen zu widerlegen." Er sagte dieß, während die Buge der Santa Maria auf einer langen niedrigen Deining in die Höhe ginge», so daß jede Spiere von der Bewegung knarrte, indeß der ganze Rumpf sich hob und senkte, als. die Welle unter ihm wegglitt und die Seiten des Schiffes von der Wasserlinie bis zu seinen Canälen wusch. Immer noch war auch nicht der leichteste Luftzug bemcrklich und die Matrosen blickten mit einer Bestürzung um sich, welche durch die Furcht noch vermehrt und aufs höchste gesteigert wurde. Das Schiff hatte sich kaum schwerfällig in dem langen hohlen Raum der Welle aufgerichtet, als es wieder durch eine zweite Woge nach vorn gelüpft wurde, und nun folgte Welle auf Welle, eins höher als die andere, bis das ganze Meer in Bewegung war, obgleich die UndulationS- linien weit und so leicht waren, daß man sie nur au dem Schaume ihrer Kämme unterscheiden konnte. Es stand eine halbe Stunde an, bis diese Erscheinung ihre Höhe erreichte, wo dann alle drei Schiffe sich in dem Meere wälzten, wie eg die Seeleute zu nennen pstegen, während ihre Rumpfe unbehülflich in die hoblen Wellen- räume sielen, bis das Wasser gar hübsch aus ihren niedrigen Spci- gatcn stoß, so oft sich eines derselben aus einer ungewöhnlich tiefen Furche in die Höhe schwang. ColumbuS glaubte, dieses Ercigniß werde entweder die Quelle neuer Unruhe oder ein Mittel zu Beschwichtigung der alten werden, und that daher rasche Schritte, um das Letztere herbeizuführen. Er befahl alsbald dem Schiffsvolk, sich 373 auf dein Räume unter dem Hüttendecke zusammen zu finden, und redete cs in folgenden kurzen Worten an: „Ihr seht, Leute, wie Eure Besorgnisse hinsichtlich der Unbeweglichkeit des MeereS so plötzlich und gewissermaßen durch die Hand Gottes selbst ihre Rüge empfangen, und es wird Euch daher aus'S klarste einleuchtcn, daß von dieser Seite aus keine Gefahr zu besorgen ist. Ich könnte Eure Unwissenheit hintergehen und behaupten, daß dieses plötzliche Aufwallen des MeereS ein Wunder sey, um mich gegen Eure meulrische Unzufriedenheit und Eure gedankenlosen Befürchtungen zu schützen; aber die Sache, der ich mich unterzogen habe, bedarf keiner derartigen Stütze, wenn diese nicht wirklich vom Himmel kommt. Die Windstillen, die Glätte des Wassers, und selbst die Gräser, über die Ihr Euch beschwert, haben ihren Grund in der Nähe irgend eines großen Landstriches — ich glaube nicht, daß eS ein Continent ist, denn dieser muß noch weiter im Westen liegen, sondern etwa eine Parthie von Inseln, die groß oder zahlreich genug find, um ein weit ausgedehntes Lee zu bilden. Diese Wellen sind wahrscheinlich die Rückwirkung eines fernen Windes, welcher dort das Meer zu berghohen Wellen aufgewühlt hat, eine Erscheinung, die Ihr Alle schon oft gesehen haben müßt, und die ihre hinsterbenden Anstrengungen selbst über die Kränzen des Sturmes hinaus ausdehnt. Ich sage nicht, daß sich bei diesem Anlässe Gott, in dessen Händen ich bin, nicht in'S Mittel legte, um Eure Furcht zu bannen: denn daß eS so ist, glaube ich vollkommen und erkenne eS mit dankbarem Herzen an — aber dieses Wirken der Natur kan» ich dem Walten der Vorsehung in keiner andern Weise zuschreiben, als daß darin ein Beweis zu finden ist, wie wir fortwährend uns der Hut GotteS und Seiner gränzenlosen Güte zu erfreuen haben. Geht jetzt und seyd ruhig. Erinnert Euch, daß Ihr, wenn Spanien weit hinter Euch liegt, Cathay in keiner größeren Entfernung vor Euch habt, und daß jede Stunde diese Entfernung sowohl, als die Zeit, deren wir zu Erreichung unseres 379 Zieles bedürfen, abkürzt. Wer treu und redlich aushält, wird sein Vertrauen nicht zn bereuen haben, während Derjenige, welcher sich selbst oder Andere unnöthigerweise mit thörichten Bedenklichkeiten beunruhigt, einer Macht anheimfallen wird, welche die Ansprüche Ihrer Hoheiten an den Gehorsam ihrer Unterthancn handzuhaben weiß." Wir theilen diese Anrede des großen Seefahrers mit um so größerem Vergnügen mit, weil sie den vollen Beweis liefert, daß er das plötzliche Aufwallen des Meeres bei dieser Gelegenheit nicht für ein unmittelbares Wunder hielt, wie einige seiner Geschichtschreiber und Biographen zu glauben geneigt scheinen, sondern daß er die Annahme fest hielt, die Vorsehung habe sich nur natürlicher Kräfte bedient, um ihn gegen die Folgen der blinden Furcht seiner Begleiter zu schützen; denn man kann in der That nicht leicht glauben, daß ein so erfahrener Seemann, wie ColumbuS, die natürliche Ursache einer auf dem Meere so gewöhnlichen Erscheinung nicht gekannt haben sollte, da sogar die Küstenbewohner häufig Gelegenheit haben, Zeugen ähnlicher Vorfälle zu seyn. Zwanzigstes Kapitel. nOr» pro nobis, Itlatcr," — welch Entzücken Lag in den Tönen, als in Purpurwogcn Der Tag erstarb! Sie schienen zu »,„stricken Das Herz, gleich Lauten, fernem Strand cnlstogen. Wo meine Ahnen ruh'n mit Kreuz und Schwert, — So lieblich — vorwurfsvoll, wie nie erhört. n»ra!" hallt'S wieder auf der Wellen Bogen; Und alle Jugendträume wurden wach — Und tönte» fast wie Kctt' und Folterqualen nach! Das Waldhcilfgthum. Wir müssen den Leser jetzt einen Rückblick thun lassen, damit «r sich einen deutlichen Begriff von den wiiklichen Fortschritten 380 unserer Abenteurer in den unbekannten Gewässern des atlantischen Meeres, wie von ihrer wahren und ihrer inuthmaßlichen Lage machen könne. Wir haben gesehen, daß der Admiral, seit er Go- inera verlassen hatte, eine doppelte Rechnung führte, von der die zu seinem eigenen Gebrauch bestimmte der Wahrheit so nahe kam, als es die unvollkommenen Hülfsmittcl der Schifffahrtskunde in jener Zeit möglich machten, während di- andere, welche den Matrosen öffentlich vorgelegt wurde, hinsichtlich der zurückgelegten Entfernungen absichtlich unrichtig war, um eiteln Besorgnissen zu begegnen. Da ColnmbuS im Dienste Gottes zu handeln glaubte, so kann man dieses trugvolle Benehmen als eine Art frommer Täuschung, wie sie in jener glaubensvollen Zeit hin und wieder geübt wurde, betrachten, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sich das Gewissen des Seefahrers hierüber beunruhigte, da selbst Geistliche gar oft keinen Anstand nahmen, die Grundpfeiler des Glaubens durch Mittel zu stützen, die noch weniger zu rechtfertigen waren. Die langen Windstillen und leichten Querwinde hatten die Schiffe in den letzten paar Tagen gehindert, besondere Fortschritte zu machen, und wenn man die Entfernung nimmt, welche in der Folge bei einem nur wenig südwestlichen Curse abgelaufen wurde, so stellt sich heraus, daß die Expedition Montags den vierundzwanzigsten September, oder am fünfzehnten Tage, nachdem sie Ferro aus dem Gesichte verloren hatten—trotz aller ermuthigcndcn Zeichen von Vögeln, Fischen, Windstillen und glatte,» Wasser ungefähr erst die Hälfte des Weges über das atlantische Weltmeer, von einem Con- tinent zum andern gerechnet, zurückgelegt hatte, und sich etwa unter dem einunddreißigsten oder zweiunddreißigsten Grade nördlicher Breite befand. Der Umstand, daß die Schiffe so. weit nördlich von den canarischen Inseln standen, obgleich sie bekanntermaßen meistens nach Westen und dabei sogar etwas südlich segelten, mußte spärlichen Winden, unter denen man steuerte — vielleicht auch dem Zuge der Strömungen zugeschrieben werden. Nach dieser kurzen 381 Erläuterung kehren wir zu den täglichen Fortschritten der Schiffe zurück. Im Laufe der nächsten vterundzwanzig Stunden, die dem Tage folgten, an welchem das Meer in so wunderbarer Weise aufgewühlt worden war — ließ sich der Einfluß der Paffatwinde, jedoch nur in einem sehr geringen Grade, wieder fühle», und die Schiffe segelten auf's Neue nach dem Westdunkle des CompaffcS. Man bemerkte wieder die gewöhnlichen Vögel, unter denen sich auch ein Pelikan befand. Das ganze Vorrückcn der Schiffe betrug nicht ganz fünfzig Meilen, eine Entfernung, welche in der öffentlichen Berechnung nach gewohnter Weise noch geringer angegeben wurde. Am Morgen des füufundzwanzigsten war die Luft stille. Der Wind kehrte aber bald zurück und als der Tag weiter vorangeschritten war, wehte eine beharrliche sanfte Kühlte aus Südosten, tu der die Schiffe, die großenthcils in träger Unthätigkeit leicht nebeneinander hinglitten oder das Wasser nur wenig mit ihren Vorsteven aufwühlten, mit einer Geschwindigkeit von kaum einer Meile auf die Stunde segelten. Die Pinta hielt sich in die Nähe der Santa Maria, und die Officiere und Matrosen der zwei Fahrzeuge sprachen unverhohlen mit einander über ihre Hoffnungen und ihre Lage. EolumbuS hörte diese Unterhaltungen lange Zeit mit an und bemühte sich, indem er jede Wendung der Rede mit eifersüchtiger Sorgfalt beachtete, aus den vorsichtigeren Aeußerungen, wie man sie öffentlich laut werden ließ — ein Bild der vorwaltenden Stimmung zu gewinnen. Endlich schien sich ihm eine günstige Gelegenheit darzubieten, auf den Muth seiner Begleiter wieder einen vor- theilhaften Einfluß zu üben. „Was hast Du von der Charte gedacht, die ich Dir vor drei Tagen schickte, guter Martin Alonzo?" rief der Admiral. „Hast Du Dir daraus eine hinreichende Ueberzeugung gewonnen, daß wir. uns Indien nähern und daß unsere PrüsungSzeit rasch zu Ende geht." Bei dem ersten Laute von des Admirals Stimme horchten die 382 Matrosen mäuschenstill auf, denn trotz ihrer Unzufriedenheit und ihrer Neigung, i,n äußersten Falle stch Mann für Mann gegen ihn zu erheben, war eS ColumbuS doch gelungen, seinen Begleitern eine hohe Achtung vor seiner Einsicht und vor seiner Persönlichkeit einzuflößen. „Es ist eine seltene und schön ausgeführte Charte, Don Christoval;" antwortete der Befehlshaber der Pinta, „sie macht Dem, der sie abzeichnete und erweiterte, wie auch Dem, der sie entwarf, große Ehre. Ohne Zweifel ist es das Werk irgend eines Gelehrten, der auf dieser Charte die Ansichten aller größeren Seefahrer, znsammenstellte?" „Das Original stammt von einem gewissen Paul ToScanelli einem gelehrten ToSeanen, der in Florenz lebte — einem Manne von ausgezeichneten Kenntnissen und einem Forscherfleiße, von dem stch müssige Leute gar keinen Begriff machen können. Er begleitete die Charte mit einem Schreiben, das viele gründliche und gelehrte Ansichten über Indien und die Inseln enthielt, welche, wie Du stehst, hier mit so vieler Genauigkeit verzeichnet sind. In dem Briefe spricht er von verschiedenen Orten, welche manche wundervolle Zeugnisse für die Macht des Menschen ablegen, besonders da, wo er von dem Hafen Zaiton spricht, der jährlich nicht weniger als hundert Schiffe aursendet, welche bloS mit dem Erzcugniß des Pfeffer- baumeS befrachtet sind. Außerdem sagt er auch noch, daß in den Zeiten des PabsteS EugeniuS IV. gesegneten Andenkens, ein Gesandter zu dem heiligen Vater kam, um diesem den Wunsch des Groß-Khans — was in der Sprache dieser Länder soviel als König der Könige bedeutet — auSzudrücken, mit den Christen des Westens, wie man uns damals nannte, in einen freundlichen Verkehr zu treten. Nun, ich denke, man wird uns bald die dcS Ostens nennen müssen." „Dieß ist überraschend, Sennor," rief Pinzon: „wie kann man etwas der Art mit Sicherheit, oder wie kann »ran eS überhaupt wissen." 383 „Die Thaisache läßt sich nicht bezweifeln, denn Paul gibt i» seinem Schreiben an, er habe denselben Gesandten oft gesehen und viel in seiner Gesellschaft gelebt, da EugeniuS erst im Jahr 1477 mit Tod abging. Don diesem Gesandten, der ohne Zweifel ein Weiser und würdiger Mann war, da man wohl keinen Andern an das Oberhaupt der Christenheit schicken konnte — von diesem verständigen Manne also erhielt ToScanelli viele interessante Nachrichten über die Bevölkerung und die ungeheure Ausdehnung dieser fernen Länder, von der Pracht ihrer Paläste und der außerordentlichen Schönheit der Städte. Er sprach besonders von einer Stadt, die aste übrigen in der bekannten Welt übertrifft, und von einem einzigen Flusse, an dessen Ufer zweihundert edle Städte liegen, welche durch marmorne Brücken miteinander in Verbindung stehen. Die Charte, welche Du vor Dir hast, Martin Alonzo, zeigt, daß die genaue Entfernung von Lissabon bis zu der Stadt Quisay gerade dreitausend neunhundert italienische Meilen, oder etwa tausend Stunden mißt, wenn man immer nach Westen steuert."'* „Und spricht der gelehrte ToScaner auch von den Reichlhümern dieser Länder?" versetzte Meister Alonzo — eine Frage, welche alle Zuhörer veranlaßte, die Ohren aufs Neue zu spitzen. „Allerdings, und zwar in bestimmten und nachdrücklichen Worten. Der gelehrte Paul sagt in seinem Schreiben: ,DaS Land ist edel und sollte wegen seiner großen Reichthümer und der Menge von Gold, Silber und Edelsteinen, die sich daselbst vorsinden, von uns genauer untersucht werden.' Er gibt noch ferner an, Quisay habe fünfunddreißig Stunden im Umfang und fügt bei, daß der Name übersetzt ,Stadt des Himmels' bedeute." „In diesem Falle," brummte Sancho leise vor sich hin, so daß nur Pepe ihn hören konnte, „wäre es nicht besonders nüthig, " Ts ist bemerkenSwerth, daß die Stadt Philadelphia fast dieselbe Lage einnlmint, welche der ehrliche Paul ToSianelli der berühmte» Stadt Quisay angewiesen hat. 384 das Kreuz hinzubringcn, da eS wohl zum Heile der Menschen, aber nicht mehr für das Paradies bestimmt ist." „Ich sehe hier zwei große Inseln, Sennor Admiral," fuhr Pinzon fort, indem er die Augen auf die Charte heftete, „von denen die eine Antilla heißen soll, und die andere das von Eurer Ercellenz so oft erwähnte Cipango vorstcllt." „Ganz richtig, guter Martin Alonzo, und Du stehst auch, daß sie mit einer Genauigkeit verzeichnet sind, die es unmöglich macht, daß ein erfahrener Seemann, welcher sie auftuchen will, seines Weges verfehlen kann. Diese Inseln liegen gerade zweihundert und fünfundzwanzig Stunden von einander." „Unserer Rechnung hier auf der Pinta zu Folge, edler Admiral, können wir dann nicht mehr weit von Cipango seyn." „Der Rechnung nach wohl, obgleich ich ihre Richtigkeit ein wenig bezweifle. Es ist zwar ein gewöhnlicher Fehler der Piloten, die zurückgelegten Entfernungen zu niedrig anzuschlagen, aber in dem gegenwärtigen Falle hat die Furcht das Ergebniß Euerer Rechnungen vergrößert. Cipango liegt viele Tagfahrten von dem Astatischen Festlande entfernt und muß daher in unserer Nähe seyn; aber wir hatten widrige Strömungen und ich zweifle, guter Martin Alonzo, ob wir diese Insel so bald ausfinden, als Du und Deine Gefährten sich denken. Gib mir die Charte wieder herüber, und ich will unsere wirkliche Lage darauf anmerken, damit Alle sehen, was wir für Gründe haben, zu verzagen oder uns zu freuen." Pinzon rollte nun die Charte sorgfältig zusammen, hängte ein kleines Gewicht daran, brachte sie mit dem Ende einer Loglinie in Verbindung und warf sie an den Bord der Santa Maria, wie Seeleute zu thun pflegen, wenn sie das Loth auSwerfen. Die Schiffe waren sich in diesem Augenblick so nahe, daß diese Miltheilung ohne Schwierigkeit statlfinden konnte. Die Pinta ließ jetzt noch einige Segel fallen und schwebte langsam vorwärts, denn ihre Ueberle- genheit war zu allen Zeiten, besonders bei leichten Winden, augenfällig. 385 ^ ColumbuS ließ nun die Charte auf einem Tisch des HüttenbeckeS aufrollen und lud Alle, die näher kommen wollten, ein, sich mit ihren eigenen Augen von der Lage zu überzeugen, welche die Schiffe nach der Vermuthung des Admirals cinnahmen. Da jede Tagfahrt aus der Charte von einem so erfahrenen Seemanns, wie ColumbuS, , genau verzeichnet und abgemessen war, so läßt sich nicht bezweifeln, daß es ihm gelang, seinen Leuten, mit Ausnahme der vorsätzlich gemachten Abzüge — die Länge und Breite, unter welcher die Flotte eben lag, ziemlich genau anzugeben; und da man sich ganz in der Nähe jener Inseln fand, die man östlich von dem asiatischen Festlande vermuthete, so übte diese augenscheinliche Demonstration ihres Borrückens eine weit günstigere Wirkung, als was immer für ein logischer Beweis, mochte er /sich auch auf noch so triftige Bordersätze stützen; denn die meisten Menschen wollen sich lieber durch die Sinne, als blos durch den Geist belehren lassen. Die Matrosen nahmen sich keine Zeit, zu fragen, ob es denn auch ausgemacht setz, das Cipango genau an der Stelle, wo es auf dieser j Charle verzeichnet war, liege: sie waren jetzt, da sie es schwarz auf weiß sahen, vollkommen geneigt zu glauben, daß es sich wirklich dort befinde, wo es zu seyn schien; und da ColumbuS' Ruf hinsichtlich der Führung einer SchiffSrcchnung den der anderen Seefahrer weit übertraf, so zweifelte Niemand an der Richtigkeit des ThatbestandeS. Die Freude war daher groß, und die Stimmung des Schiffsvolks ging wieder von dem Rande der Verzweiflung zu einem Uebermaße träumerischer Hoffnungen über, die freilich nur auftauchten, um auf's Neue getäuscht zu werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ColumbuS in Allem, was auf dieses neue Trugbild Bezug hatte, mit Ausnahme der zu gering angesetzten Fernenberechnungen —redlich zu Werk ging; denn wie alle Geographen jener Zeit hielt er den Umfang der Erde für viel geringer, als er sich seitdem durch wirkliche Messungen herauS- gestcklt hat, da man in solchen Rechnungen fast die ganze Breite des Donna Mercedes. 2ke Aufl. 23 386 großen stillen Weltmeeres nicht in Anschlag brachte. Diese Folgerung erscheint jedoch als sehr natürlich, wenn man einen Blick auf die Mangelhaftigkeit des geographischen WtssenS wirst, welches damals die Grundlage aller gelehrten Theorien bildete. Es war bekannt, daß das asiatische Festland lm Osten durch einen weiten Ocean begränzt werde und daß ein ähnliches Wasserbecken an den Westküsten Europas liege, woraus bei der Annahme, daß die Erde eine Kugel sep, die annehmlich erscheinende Folgerung sich ergab, daß zwischen diesen zwei großen Landgränzen nichts als Inseln liegen könnten. Fast der halbe wirkliche Umfang der Erde ist zwischen den damals bekannten westlichen und östlichen Rändern des ContinentS zu suchen, aber es war eine zu kühne Forderung an den menschlichen Geist, unter so geringen Vorkcnnt- niffen, als wir sie am Schluffe des fünfzehnten Jahrhunderts treffen — diese erstaunliche Thatsache zu begreifen. Die Theoretiker begnügten sich daher, den Gränzen des Ostens und des Westens einen wett engeren Kreis anzuweisen, da für eine freiere Spekulation keine Thatsachen vorhanden waren, wie es denn auch schon für eine äußerst gewagte Annahme galt, wenn man die Kugelform der Erde als eine feste Wahrheit betrachtete. Diese letztere Theorie ist allerdings schon so alt als PtolemäuS, und höchst wahrscheinlich noch viel älter: aber das Alter einer Theorie dient in den Angen des gewöhnlichen Menschen eher als ein Gegenbeweis, wenn Jahrhunderte nicht im Stande gewesen sind, dieNichtigkeit derselben durch die Erfahrung zu bestätigen. ColumbuS' Annahme zu Folge lag seine Insel Cipango oder Japan hundert und vierzig Längengrade östlich von der Stelle, wo sie sich wirklich befindet; und da ein Längengrad unter dem fünfunddreißigsten Grade nördlicher Breite — dem von Japan — bei Annahme einer vollkommene» Kngelform der Erde ungefähr sechsundfünfzig Meilen ausmacht, so folgt daraus, daß ColumbuS diese Insel auf seiner Charte um so mehr als siebentausend englische Meilen, oder bedeutend mehr als zweitausend Stunden, zu weit nach Osten vorgerückt hat.. 387 Alles dieses war jedoch nicht nur dem gemeinen Mann auf der Flotte ein Gcheimniß, sondern überstieg sogar bei weitem die kühnsten Gedanken des großen Seefahrers selbst. Solche Umstände sind übrigens keineswegs im Stande, den Ruhm der großen Entdeckungen, welche in der Folge noch gemacht wurden, zu schmälern, denn sie liefern nur den Beweis, unter welch nachtheiligen Verhältnissen das Unternehmen begonnen und mit welchem beschränkten Grade Non Kenntnissen es endlich siegreich durchgeführt wurde. Es wäre nicht uninteressant gewesen, hätte man, während ColumbuS sich in dieser Weise mit seiner Charte beschäftigte, Zeuge davon sehn können, wie die Matrosen die geringste Bewegung ihres Admirals betrachteten, den Ausdruck seiner ernsten und ruhigen Züge studirten und ihr Schicksal in der Zusammenziehung oder Ausdehnung seiner Augen zu lesen suchten. Die Osficiere der Santa Maria und die Piloten standen ihm zur Seite und hin und wieder wagte es ein alter Seemann, so weit heranzutreten, daß er dem langsamen Fortglciten der Feder folgen oder die Verzeichnung einer Figur mit ansehen konnte. Unter diesen Letzteren befand sich auch Eancho, der allgemein — wenigstens in allen Dingen, welche keine Schulkenntniffe forderten—für einen der geschicktesten Matrosen in der kleinen Flotte galt. ColumbuS wandte sich an diese Leute, sprach freundlich mit ihnen und bemühte sich, ihnen den Theil ihres Gewerbes, den sie täglich ausüben sahen, ohne je praktisch mit ihm vertraut zu werden, begreiflich zu machen, wobei er ihnen insbesondere die Entfernung, welche sie bereits zurückgelegt hatten, und ebenso die, welche ihnen noch bevorstand, andeutete. Andere weniger Erfahrene — aber demungeachtet nicht weniger Antheil Nehmende unter dem Schiffsvolkc, hingen in der Takelage, wo sie die Scene überblickten und sich einbilden konnten, auf Theorien gestützte Beweise zu sehen, welche eben so sehr über ihrem geistigen Gesichtskreise lagen, als sich das ersehnte Indien hinter dem physischen Horizont verbarg. Wenn sich die Vernunftkräfte des Menschen entwickeln und sich das Feld der abstrakten Resterion öffnet, so entwindet er sich der Herrschaft der Sinne und nimmt seine Zuflucht zu dem Reiche des Gedankens. Ehe jedoch dieser Wechsel eintritt, stehen wir alle gleichförmig unter dem Einflüsse des Sichtbaren. Worte bringen selten einen so überzeugenden Eindruck hervor, als sichtbare Buchstaben; und Lob oder Tadel, die unbeachtet an dem Ohre vorbeigleiten würden, gewinnen eine ganz andere Bedeutung, wenn sie dem Geiste durch die Vermittelung des Auges zugeführt werden. So bideten sich dieselben Matrosen, welche Columbus' Vernunfischlüffe nicht begreifen konnten, ein, sie verstünden eine Charte und gaben sich bereitwillig dem Glauben hin, daß Inseln und Continente genau an den nämlichen Plätzen liegen müßten, wo sie dieselben so deutlich verzeichnet sahen. Nach dieser Schaustellung schwang die Freude wieder ihr Scepter über das Schiffsvolk der Santa Maria, und Sancho, den man allgemein als einen Anhänger des Admirals betrachtete, wurde eifrig von seinen Cameraden angegangen, ihnen manche kleine Umstände hinsichtlich des Chartenrisses zu erklären. „Glaubst Du, Sancho, daß Cipango so groß ist, als es der Admiral auf der Charte gezeichnet hat?" fragte Einer, der auch von dem Rande der Verzweiflung zu dem andern Extreme übergegangen war. „Daß es wirklich daliegt, davon kann sich Jeder mit seinen Augen überzeugen, denn die Insel sieht eben so natürlich aus, wie Ferro oder Madeira." „Du hast Recht," antwortete Sancho mit Bestimmtheit — „man kann dieß schon an ihrer Gestalt sehen. Sahst Du nicht die Vorgebirge, die Bayen und die Landzungen, die alle so deutlich dastehen, wie an einer andern wohl bekannten Küste? Ach! diese Genuesen sind gar geschickte Seeleute; und Sennor Colon, unser edler Admiral, hätte sich nicht so weit herausgewagt, wenn er nicht wüßte, wo er irgend eine Rhede zum Ankern finden kann." In solchen bündigen Folgerungen fanden besonders die stumpf- sinnigen Köpfe des Schiffsvolks einen ungemeinen Trost, während in der Gesammtheit der Matrosen auch nicht Einer war, der nicht ein größeres Vertrauen auf den glücklichen Ansgang der Fahrt setzte, seit er diesen augenfälligen Beweis von dem Borhandenscyn eines Landes in dem Theile des Meeres, wo sie sich nunmehr befanden, mit angesehen hatte. Nach dem Schluffe der Unterredung des Admirals mit Pinzon setzte der Letztere auf der Pinta wieder die Segel auS; das Fahr« zeug glitt langsam an der Santa Maria vorbei und segelte nun um ein paar hundert Ellen voraus, obgleich keines der Schiffe mit einer größeren Geschwindigkeit als einem Knoten in der Stunde das Wasser durchschnitt. Um diese Zeit, als eben die Leute sich noch mit ihren neugeweckte» Hoffnungen unterhielten, zog ein Freudenruf Aller Augen nach der Pinta, wo man Pinzon auf dem Hüttendecke stehen sah, der jubelnd seine Mütze in der Luft schwang und die gewöhnlichen Aeußerungen des höchsten Entzückens an den Tag legte. „Land! Land! Sennor!" schrie er. „Zch mache Anspruch an die Belohnung! Land! Land!" „In welcher Richtung, guter Martin Alonzo?" fragte Cokum- buS mit einem Eifer, welcher seine Stimme beben machte. „In welcher Gegend bemerkst Du diesen willkommenen Nachbar?" „Dort im Südwesten — " er deutete nach dieser Richtung. „Eine Reihe von neblichen, aber edeln Bergen, die so verheißungsreich aussehen, daß sie selbst die fromme Sehnsucht des heiligen Vaters zufrieden stellen könnten." Jedes Auge wendete sich nach Südwesten, wo auch alle wirklich die langgcsnchten Beweise eines glücklichen Zieles zu erblicken glaubten. Eine schwache, dunstige Masse mir zackigen und bestimmter hervortretenden Umrissen, als dieß bei Wolken gewöhnlich ist — war an dem Horizont sichtbar, obgleich die Erscheinung noch so dunkel war, daß es eines geübten Auges bedurfte, um sie in dem tiefen Blau der unendlichen Leere zu entdecken. Eine eigenthümliche Beschaffenheit der Atmosphäre läßt den Seeleuten das Land oft in dieser Weise erscheinen, wenn auch ein Landbewohner es unter solchen Umständen selten zu unterscheiden im Stande ist. ColumbuS war mit allen Erscheinungen auf dem Ocean so bekannt, daß ihm die Augen jedes Matrosen auf der Santa Maria in athemloser Erwartung zuflogen, sobald man den ersten Blick nach der genannten Himmelsgegend entsendet hatte. ES war indeß unmöglich, sich in dem Ausdrucke der Züge des Admirals zu täuschen, die alsbald non Entzücken und frommer Begeisterung zu strahlen begannen. Er nahm die Mütze ab, warf einen Blick des glühendsten Dankes gen Himmel und fiel dann auf die Knie nieder, um seinen Gefühlen durch brünstige Gebete Luft zu machen. Dieß war das Zeichen, daß man überwunden hatte, und doch war jetzt, trotz der scheinbaren Beendigung einer trostlosen Lage, das Entzücken nicht die vorherrschende Stimmung des Augenblickes. Wie ColumbuS, fühlten auch die Matrosen ihre unbedingte Abhängigkeit von Gott, und ein Gefühl demüthigen, reuigen Dankes bemächtigte sich fast gleichzeitig aller Gemüther. Die Mannschafl der drei Schiffe kniete nieder und begann einstimmig das 6Ioriu in exoelsis voo — ein Lobgesang, welcher sich jetzt seit der Schöpfung der Erde zum erstenmal von dieser tiefen Einsamkeit des Meeres zum Himmel hob. Allerdings wurden damals auf den meisten christlichen Schiffen Metten und Vespern abgehalten; aber dieser feierliche Gesang ertönte jetzt zum crstenmale in der Stimme des Menschen aus Wogen, die seit vielen tausend Jahren ihren Schöpfer nur in ihren Stürmen und ihren Windstillen gepriesen hatten. „Ehre sey Gott in den Höhen!" sangen diese rohen Seeleute mit Herzen, welche durch den Erfolg überstandener Gefahren ge- sänftigt waren, und ihre Worte schallten wie aus Einer Stimme, obschon sie der feierlichen Harmonie des kirchlichen Ritus angepaßt waren — „und Friede aus Erden den Menschen, die eines guten Willens sind! Wir preisen Dich, wir loben Dich, wir verehren 391 Dich, wir rühmen Dich, wir danken Dir für Deine große Herrlichkeit! O Herr! Gott! himmlischer König! Gott! allmächtiger Vater!" In diesem feierlichen Gesänge, welcher sich den Lobeshymnen der Engel so weit näherte, als sich menschliche Kraft je zu erheben hoffen darf, ließ sich die Stimme des Admirals tief und deutlich, obwohl von innerer Regung bebend, vernehmen. Als diese Handlung frommer Dankbarkeit beendet war, stiegen die Matrosen in die Takelage hinauf, um sich von der Richtigkeit der Thatsachc noch mehr zu überzeugen. Alle erklärten einstimmig die schwachbegränzte Masse für Land, und dem ersten plötzlichen Ergüsse unverhoffter Freude folgten die geregelteren Gefühle einer bestätigten Gewißheit. Die Sonne ging ein wenig nördlich von den lieblichen Bergen unter und die Nacht umhüllte allmählich die Scene, indem sie ihre Schatten so düster über das Meer streute, als man es nur unter einem tropischen Himmel finden kann. Sobald die erste Wache aufgezogen war, ließ Columbus, welcher — so lange es die Winde gestatteten, auf seinem vermeintlichen westlichen Curse beharrt hatte, um den Wünschen der Mannschaft zu entsprechen, die Fahrzeuge nach dem Südwestpunkte des CompaffeS wenden, was aber in der That Südwest zum Süden südlich steuern hieß. Der Wind wurde stärker, und da der Admiral die Entfernung des Landes von der Stelle aus, wo sie es zuletzt gesehen hatten, auf fünfundzwanzig Stunden schätzte, so erwarteten Alle auf der kleinen Flotte zuversichtlich, mit dem Anbruche des Morgens dasselbe völlig zu Gesicht zu bekommen. Columbus selbst trug sich mit dieser Hoffnung, obgleich er nur mit Widerstreben seinen CurS veränderte: denn er war überzeugt, daß er das Festland nur durch eine Westfahrt oder wenigstens durch eine Fahrt, die er für westlich hielt, erreichen und nicht mit gleicher Zuversicht auf die Entdeckung einer Insel rechnen könne. Der Schlaf dieser Nacht wollte nicht viel bedeuten: Gesichte von orientalischen Neichthümern und allen Wundern des Morgenlandes 392 erfüllten die Gcmüther selbst der Phantasie-Armen und verwandelten ihren Schlummer in Träume, welche durch die Sehnsucht nach Gold und die Vorahnungen der Geheimnisse eines unbekannten Ostens beunruhigt wurden. Die Matrosen verließen alle Stunden ihre Hängematten, um in das Takelwcrk zu steigen und neue Beweise von der Nähe der ersehnten Inseln zu entdecken, wobei sie in der vergeblichen Hoffnung ihre Augen anstrengten, tiefer in die Dunkelheit blicken und die Gegenstände ausfinden zu können, welche ihre Phantasie bereits verkörpert hatte. Im Laufe der Nacht legten die Fahrzeuge in unmittelbar südwestlicher Richtung stebenzehn Stunden von den sünfuudzwanzigen zurück, welche sie, »ach der Angabe ColonS, von dieser neuen Entdeckung trennten; und noch ehe der Morgen aufvämmertc, war jede lebende Seele in den drei Schiffen auf den Beinen, hoffend, das Licht des Tages über einen Anblick sich ergießen zu sehen, der sie ihre weite Reise und die erstandenen Gefahren nur für eine geringe Beschwerde erachten ließ. „Dort taucht ein Lichtstreifen im Osten auf," rief Luis mit freudiger Stimme, „und nun, Sennor, können wir Euch vereint den Gesegneten der Erde nennen." „Die Ehre ist Gottes, mein junger Freund," erwiederte Colum- iuS; „aber mag Land nahe seyn oder nicht, jedenfalls hat der Ocean im Westen eine Gränze, und zu dieser müssen wir Vordringen. Du hast in der Thai Recht, Freund Gutierrez, der Tag gießt bereits seine Strahlen über den östlichen Saum des Meeres und hebt sich immer mehr an dem Gewölks des Himmels." „Wenn doch die Sonne nur diesen einzigen Tag im Westen aufginge, damit wir unsere neuen Besitzungen zum erstenmale in demselben strahlenden Himmelsselde sehen könnten, welches den Weg, den wir bereits zurückgelegt haben, so herrlich beleuchtet." „Das wird nicht geschehen, Herr Pedro, denn die Sonne wandert seit dem Anfang der Zeiten täglich von Osten nach Westen um unfern Planeten und wird so fortfahren, bis zu der Zeiten Ende. 393 Dicß ist eine Thatsache, bei der wir uns auf unsere Sinne ganz verlassen dürfen, obgleich sie uns in so vielen andern Dingen irre führen," So dachte Colnmbns — ein Mann, dessen Geist in diesem LieblingSstudium seiner Zeit doch weit vorangceilt war — und zwar einfach aus dem Grunde, weil sein Verstand noch in den Fesseln der Gewohnheit und des BorurtheilS befangen war. DaS berühmte System des Ptolemäus, welches auf eine so seltsame Weise Jrrthum und Wahrheit verflicht, galt in jener Zeit allgemein als das Gesetz der Himmelskörper, CopernicuS, der damals noch ein Jüngling war, gab der richtigen Ansicht des Pythagoras — richtig in ihren Grundzügen , obgleich phantastisch in der Erklärung der Ursache und Wirkung*— erst viele Jahre nach der Entdeckung Amerika'S eine wissenschaftliche Begründung; und es ist ein sprechender Beleg dafür, wie gefährlich es ist, die Gedanken aufzuhellen; daß er für diesen großartigen Aufschwung des menschlichen Geistes durch die Ercominuni« kation der Kirche belohnt wurde, deren Fluch bis auf die neueste Zeit auf seiner Seele, wenn auch nicht auf seinem Körper, haftete. Dieser einzige Umstand kann dem Leser zeigen, wie viel unser Seefahrer zu überwinden halte, um sein großes Unternehmen zur Ausführung zu bringen. Der Tag dämmerte immer Heller auf und verthcilte seine Strahlen über das ganze Rundgemälde des MeereS und des Himmels. Jeder Blick streifte verlangend an dem westlichen Kimme hin und ein Schauer der Enttäuschung befiel jedes Herz, als sich die Ahnung nach und nach zur Gewißheit erhob, daß kein Land zu erblicken war. Die Schiffe hatten während der Nacht jene Gränzen deS sichtbaren Horizonts überschritten, wo sich Massen von Wolken an- gesammelt hatten, und Keiner konnte länger zweifeln, daß seine Sinne durch irgend eine zufällige Eigenthümlichkeit der Atmosphäre geäfft worden seyen. Aller Augen wandten sich nun wieder auf » Der Autor ist hier im Jrrlhume; denn das ILentralfeuer des PvtbagoraS, um welches sich alle Himmelskörper wälzen sollten, ist nicht die Sonne. 39t den Admiral, der trotz des schmerzlichen Gefühls fehlgcschlagener Hoffnung, welches er in seinem Innern barg, eine würdige Ruhe bewahrte, welche nicht leicht getrübt werden konnte. „Solche Erscheinungen sind auf dem Meere nichts Seltenes, meine Herren," sagte er zu denen, welche ihm nahe standen, aber doch laut genug, daß ihn die Meisten von dem Schisfsrotke hören konnten, „obschon sie nicht oft so täuschend, wie in dem gegenwärtigen Falle, Vorkommen. Alle, die an'S Meer gewöhnt sind, haben ohne Zweifel zum öfter» etwas der Art gesehen, und natürliche Ereignisse darf man weder für noch gegen uns deuten. Was die Vorzeichen anbelangt, so betrachtet sie Jeder nach dem Maßstabe seines Vertrauens auf Gott, dessen Huld und Gnade gegen uns Alle im gegenwärtigen Augenblicke, wo bei tausend andern Gelegenheiten nicht erkannt wird und auch nicht genug erkannt werden könnte, wenn wir auch unser Llloria. in exeolsis vom Morgen bis in die Nacht, so lange unser Alhem aushielte, sängen." „Aber unsere Hoffnung war so groß, Don Christoval," bemerkte einer der Osficiere, „daß wir die Täuschung kaum verschmerzen können. Ihr sprecht von Vorzeichen, Sennor? Gibt eS denn irgend ein physisches Merkmal, daß wir in der Nähe von Cathay sind." „Wenn es überhaupt Vorbedeutungen gibt, so kommen sie von Gott nnd sind dann nichts anderes, als merkwürdige Erscheinungen, welche natürlichen Ereignissen voransgehen, ohne mit einem wirklichen Wunder etwas gemein zu haben. Ich glaube, diese Unternehmung ist ein Werk Gottes; und ich sehe nichts UuehrerbieligcS in der Annahme, daß dieses gestrige scheinbare Auftauchen von Land als ein Zeichen an dem Horizont erschienen sey, um uns zur Beharrlichkeit zu ermuthigen und uns anzudeuten, daß unsere Mühen am Ende ihren Lohn finden sollen. Demungeachtet aber möchte ich kaum fest behaupten, daß das Ganze nicht mit natürlichen Dingen zuging: denn uns Seeleuten sind solche Täuschungen nichts Seltenes." „Ich will mir Mühe geben, die Sache auch so zu betrachten, 395 Sennor Admiral," erwiederte der Andere ernst, und die Unterhaltung war zu Ende. Dennoch brachte das Nichterscheinen des Landes, das man so zuversichtlich erwartet hatte, ein tiefes Düster über die Fahrzeuge, und die Freude der Mannschaft ging wieder in Kleinmuth über. Columbus fuhr fort, nach dem Compaß genau westlich — in der Wirklichkeit aber, West zu Süd südlich — zu steuern, bis er gegen Mittag den dringenden Wünschen seiner Umgebung nachgab, und den CurS wieder nach Südwesten änderte. So segelte er fort, bis die Schiffe in dieser Richtung weit genug gekommen waren, um es ausser allen Zweifel zu setzen, daß die Mannschaft sich am vergangenen Abend durch Wolken hatte täuschen lassen. Bis zur Nacht war auch die letzte Hoffnung verschwunden, und die Fahrzeuge setzten nun wieder nach Westen um, wobei sie in vicrundzwanzig Stunden volle dreißig Seemeilen zurücklegten, welche jedoch der Schiffsmannschaft als vierundzwanzig angegeben wurden. Die nächsten Paar Tage fiel nichts Wesentliches vor. Der Wind blieb günstig, obgleich er oft so leicht wurde, daß er die Fahrzeuge nur langsam vorwärts trieb und die Tagcsstrecken oft wenig mehr als fünfzig englische Meilen betrugen. DaS Meer war ruhig und auch die Gräser kamen, obgleich in geringere Massen, als früher, wieder zum Vorschein. Am neunundzwanzigsten September, oder am vierten Tage, nachdem Pinzon Land gerufen hatte, sah man wieder einen Fregattenvogel, und da unter dem Seeleuten die Meinung galt, daß dieses Thier nie weit von der Küste wegfliege, so weckte sein Erscheinen wieder vorübergehend einige schwache Hoffnungen. Auch ließen sich zwei Pelikane blicken, und die Luft war so sanft und balsamisch, daß ColumbuS erklärte, es fehle an nichts als an Nachtigallen, um die Nächte so lieblich, wie in Andalusien zu machen. So kamen und gingen Vögel, um Hoffnungen zu erregen, denen immer wieder der Fluch der Entäuschung folgen sollte. Sie flogen 396 bisweilen in so großer Anzahl, daß man sich des Gedankens nicht erwehren konnte, sie müßten bei ihrem Striche über die ungeheure Wasserfläche doch eine Heimath in der Nähe kennen. Auch wurde die Aufmerksamkeit des Admirals und des Schiffsvolks wieder auf die Abweichung der Magnetnadel gelenkt, wobei sich jedoch alle in der Meinung vereinigten, daß dieses Vegebniß nur in den Bewegungen deS Sterns seinen Grund habe. Endlich kam der erste Tag des Oktobers, und die Piloten des Admiralsschiffs gingen nun ernstlich an'S Werk, um sich über die zurückgelegte Entfernung Gewißheit zu verschaffen. ColumbuS'Kunstgriff hatte sie wie alle klebrigen irre geführt, und sie näherten sich jetzt dem Admiral, der auf seinem gewohnten Posten — auf dem Hüttendeck- stand, um ihm mit Gesichtern, welche die deutlichen Abbilder ihrer inneren Besorgnisse waren, das Ergebniß ihrer Berechnungen zu überreichen. „Wir sind nicht weniger als fünf hundert achtundsiebenzig Stunden westlich von Ferro," begann einer von Beiden; — „eine schreckliche Entfernung, wenn man sich mitten auf einem unbekannten Meere befindet." „Du hast Recht, ehrlicher Bartolomeo," erwiederte ColumbuS ruhig, „obgleich die Ehre um so größer seyn wird, je weiter wir uns wagen. Deine Berechnung bleibt jedoch sogar noch hinter der Wahrheit zurück, denn die meinige, welche der Einsicht eines Jeden offen steht, bezeichnet fünfhundert und vierundachtzig Stunden, also volle sechs Stunden mehr als die Deinige. Aber das kommt noch nicht einmal einer Fahrt von Lissabon nach Guinea gleich, und wir find nicht die Leute, welche sich durch Dom Joao'S Matrosen ausstechen lassen." „Ach! Sennor Admiral, die Portugiesen haben ihre Inseln auf dein Wege und die alte Welt an ihren Ellenbogen, während wir, wen» die Erde sich nicht als eine Kugel erweisen sollte, jede Stunde näher an ihren Rand kommen und unerhörten Gefahren entgegen gehen!" 397 „Geh mir weg, Bartolome»! Du sprichst wie ein Flußschiffer, den eine starke Kühlte über seine gewohnte Gränze hinaus vom Lande abgetrieben hat, und der sich jetzt einbildet, größere Gefahren erstehen zu müssen, als je ein Mensch durchmachte, weil das Wasser, das seine Zunge netzt, salzig schmeckt. Du kannst immerhin die Mannschaft Deine Rechnung sehen lassen, aber gib Dir Mühe, heiter zu seyn, damit wir Deiner Bedenklichkeiten nicht in den Hainen von Cathay gedenken müssen!" „Die Angst hat dem Manne hart zugesetzt," bemerkte Luis ruhig, als die Piloten mit zögernden Schritten und schwerem Herzen das Hüttendeck verließen. „Selbst Eure sechs kurzen Meilen trugen dazu bei, die Last, welche ihren Muth niederdrückt, zu vermehren. — Fünfhundert achtundsiebenzig war schon schrecklich genug, aber fünfhundert vierundachzig — so etwas vermochte seine Seele nicht zu ertragen." „Was würbe er erst gedacht haben, wenn er die ganze Wahrheit wüßte, wie sie nicht einmal dem jungen Grafen bekannt ist?" „Ich hoffe, Ihr setzt kein Mißtrauen in meine Nerven, Don Christoval, daß Ihr diese Sache vor mir geheim haltet!" „Ich glaube nicht, daß ich irgend einen Anlaß dazu habe, Sennor de Llera, und doch wird man am Ende sogar gegen sich selbst mißtrauisch, wenn wichtige Dinge an einem Faden hängen. Hast Du einen wirklichen Begriff von der Länge des Wegs, den wir zurückgelegt haben?" „Bei St. Jago, gewiß nicht, Sennor. Es ist mir genug, daß wir weit von Donna Mercedes entfernt sind, und eine Meile mehr oder weniger kömmt dabei nicht in Betracht. Wenn Eure Theorie richtig und die Erde eine Kugel ist, so habe ich die Beruhigung, daß wir seiner Zeit wieder nach Spanien kommen werden, und wenn wir sogar der Sonne nachjagen müßten." „Du hast aber doch so im Allgemeinen einen Begriff über - 398 unsere wahre Entfernung von Ferro, da Du weißt, daß ich in der öffentlichen Berechnung alle Tage etwas in Abzug brachte?" „Offen gestanden, Don Christoval, die Arithmetik und ich plagen sich gegenseitig nicht sonderlich. Ich könnte den genauen Betrag meiner Einkünfte um'S Leben nicht in Zahlen angeben, obgleich es mir nicht besonders schwer vorkömmt, in einer andern Weise damit fertig zu werden. Demungeachtet aber denke ich mir, daß aus Euren fünfhundert und achtzig Stunden wohl sechshundert zehn bis zwanzig werden könnten." „Füge noch hundert bei, und Du wirst der Wahrheit nicht mehr ferne sehn. Wir sind im gegenwärtigen Augenblick siebenhundert- und sieben Stunden von Ferro und nähern uns rasch dem Meridian von Cipango. Noch eine Woche oder höchstens zehn Tage, und ich fange ernstlich an, dem Festland von Asten entgegen zn sehen." „Das heißt schneller reisen, als ich mir dachte, Sennor," er- wiederte Luis unbekümmert. „Doch — nur zn! Wenigstens wird Einer aus Eurem Gefolge sich nicht beschweren, und gälte es auch, die Erde zu umkreisen." Einnndzwanzigsteö Kapitel. Sprich, welches Meer, welch Ufer dies? Der Golf, der Fels von Salamis? Lord Byron. Die Abenteurer hatten nun seit dreiundzwanzig Tagen das Land aus dem Gesicht verloren, und waren diese ganze Zeit über, mit Ausnahme einiger sehr unwesentlichen Veränderungen des Windes und einiger Tage stiller See — stetig gen Westen mit einer Abweichung gegen Süden vorgerückt, welche zwischen einem ViertelS- flrich und einem Fünfviertelsstrich wechselte — eine Tyatsache, die ihnen allerdings damals noch unbekannt war. Ihre Hoffnungen waren so oft nur erwacht, um getäuscht zu werden, so daß jetzt 399 ein gewisses düsteres Brüten nnter den Matrosen die Oberhand gewann, welches nur hin und wieder, wenn die Wolken ihre gewöhnlichen Trugbilder an den Horizont malten, durch den unzuver- läßigcn Ruf „Land!" unterbrochen wurde. Demungeachtet aber waren ihre Gefühle in jenem fieberischen Zustande, welcher recht Wohl einen plötzlichen Wechsel gestattet, und da das Meer fortwährend so glatt wie ein Fluß, die Luft balsamisch und der Himmel heiter blieb, so gaben sie sich doch nicht ganz der Verzweiflung hin. Sanchv begegnete wie gewöhnlich der Unwissenheit und Thorheit seiner Gefährten mit Unverschämtheit und absprechcndem Wesen: während Luis, ohne es selbst zu wissen, durch seine Heiterkeit und Zuversicht einen wohlthätigen Einfluß auf die Mannschaft übte. ColumbuS selbst blieb in einer ruhigen, würdevollen Zurückhaltung; er vertraute ans die Nichtigkeit seiner Theorien und beharrte entschlossen auf der Verfolgung seines Zieles. Der Wind war ohne Unterlaß günstig, und am zweiten Oktober segelten die Schiffe innerhalb vierundzwanzig Stunden mehr als hundert Meilen weiter in das unbekannte und gehcimnißvolle Meer. Die Gräser trieben nun westlich ab, was ein wesentlicher Wechsel war, da die Strömungen sic früher nach der entgegengesetzten Richtung geführt hatten. Am dritten Oktober ging es noch besser, denn sie legten an diesem Tage siebenundvierzig Stunden zurück. Der Admiral sing nun au, allen Ernstes zu glauben, daß er von den auf der Charte verzeichneten Inseln vorbeigekommen sey — ein Umstand, der ihn nur noch mehr in seinem Entschlüsse bekräftigte, unmittelbar nach Westen abzuhalten, um aus dem nächsten Wege die Küsten Indiens zu erreichen. Der vierte Oktober war noch günstiger, als die vorhergehenden Tage, und die kleine Flotte trieb stetig vorwärts, ohne von ihrem Curse abzubeugen, bis sie die schöne Weite von hunderlundneunundachtzig Meilcy — bisher bei weitem die stärkste Tagefahrt — zurückgelegt hatte. Diese Entfernung wurde Allen an Bord, Luis ausgenommen, zu 400 hunderlundachtunddreißig Meilen berechnet, da sie den Matrosen, welche schon jetzt jede Meile und jede Stunde mit Angst und Bangen zählten — allzu schrecklich erschienen wäre. — Freitag, der fünfte Oktober, begann unter noch vvrtheilhaftcren Aussichten, denn ColumbuS fand, daß sein Schiff mit einer Geschwindigkeit von ungefähr acht Meilen in der Stunde durch das Wasser glitt — wir sagen „glitt," da die See so ruhig war, daß von keinem Wanken des Fahrzeuges die Rede sepn konnte. Diese Fahrt war beinahe die schnellste, welche sie je zurückgelcgt hatten, und würde hinsichtlich der gemachten Entfernung die des vorhergehenden Tages noch übertroffcn haben, wenn sich nicht gegen die Stacht hin der Wind gelegt hätte. Demungeachtet aber lagen nach dem Ablauf des seemännischen Tages wieder weitere siebenundfünfzig Stunden zwischen Ferro und den Schiffen — eine Fahrt, welche den Matrosen zu fünfundvierzig angegeben wurde. Der folgende Tag brachte keinen wesentlichen Wechsel und die Vorsehung schien die kleine Flotte mit einer Eile vorwärts drängen zu wollen, die das große Problem, worüber der Admiral sich so lange mit den Gelehrten herumgestrittcn hatte, aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem schleunigen Ende führen mußte. Als es dunkel wurde, machte die Pinta eine Wendung und hielt in der Richtung der Santa Maria ab, bis sie derselben so nahe war, daß Sennor Alonzo das Admiralsschiff ohne Sprachrohr anrufen konnte. „Ist Sennor Don Christoval wie gewöhnlich auf seinem Posten?" fragte Pinzon hastig, und in den Tönen eines Mannes, der etwas Wichtiges auf dem Herzen hat. „Ich sehe Leute auf dem Hütten- decke, kann aber nicht unterscheiden, ob sich seine Ercellenz unter denselben befindet." „Was ist Dein Begehr, guter Martin Alonzo?" erwiederte der Admiral. „Ich bin hier und sehe nach den Gestaden von Ci- pango oder Cathay aus: mag nun Gottes Güte die «inen oder die anderen zuerst vor unseren Augen austauchen lassen." 401 „Ich finde so viele Gründe, edler Admiral, um eine Abänderung unseres CnrseS nach Süden wünschenswerlh zu machen, daß ich dem Drange nicht widerstehen kannte, umzukehren und Euch meine Ansicht mitzutheilen. Die meisten neueren Entdeckungen find in den südlichen Breiten gemacht worden, und wir thun vielleicht gut, uns gleichfalls nach dieser Himmelsgegend zu wenden." „Haben wir durch die Abänderung des CnrseS nach dieser Richtung Etwas gewonnen? Dein Herz scheint sich nach südlicheren Zonen zu sehnen, würdiger Freund, während ich mich hier, das Fehlen des Landes ausgenommen, in einem wahren Paradiese zu befinden glaube. Im Süden — und meinetwegen auch im Norden von uns — mögen allerdings Inseln liegen, aber der Continent befindet sich nothwendig im Westen. Warum sollten wir das Gewisse für das Unsichere, das Größere für das Geringere aufgeben? Jst Cipango oderCathay nicht mehr Werth, als irgend ein hübscher Ort, eer vielleicht von Gewürzen duften mag, aber sonst von keinem Belange ist und sich nie mit den Herrlichkeiten .Asiens messen kann — mag es sich nun um eine Entdeckung oder um eine Eroberung handeln." „Ich wünschte, Sennor, ich könnte Euch zu einem mehr südlichen Curie veranlassen." „Geh, Martin Alonzo, und vergiß derartige Wünsche. Mein Herz verlangt nach dem Westen und die Vernunft heißt mich diesem Sehnen folgen. Höre jetzt meine Befehle, und suche bann die Ninna auf, damit Dein Bruder, der würdige Bicente Uannez, ihnen gleichfalls Nachkommen möge. Sollte uns nächtlicherweile irgend ein Unfall trennen, so ist es die Pflicht von uns Alle», männlich gen Westen zu stcuren, um uns wieder zusammen zu finden; denn es wäre eben so nutzlos als traurig, allein auf diesem unbekannten Meere umher zu irren." Pinzon war augenscheinlich mißvergnügt: er gehorchte jedoch willig, und nach einem kurzen, aber scharfen und lauten Wortwechsel Donna Mercedes. 2te Aufl. 26 402 mit dem Admiral hielt der Befehlshaber der Pinta auf die Felukke ab, um den erhaltenen Befehl zu vollstrecken. „Martin Alonzo fängt an zu wanken," bemerkte ColumbuS gegen LuiS. „Er ist zwar ein kühner und ungemein geschickter Seemann, aber Beharrlichkeit in Verfolgung einer Aufgabe gehört nicht zu seinen Tugenden. Es wird der Gebrauch meines vollen Ansehens nöthig seyn, um die Einflüsterungen seiner Schwäche zu bewältigen. Diese Seitensprünge sind nutzlos — Cathap — Cathay ist mein Ziel." Nach Mitternacht wurde der Wind stärker, und die Caravelen glitten einige Stunden mit der ungemeinen Geschwindigkeit von neun englischen Meilen in der Stunde über den glatten Oeean hin. Wenige zogen sich aus, es seh denn, daß sie die Kleider wechselten, und ColumbuS schlief in dieser Nacht auf dem Hüttendecke, indem er sich nur eines alten Segeltuches statt des Lagers' bediente. Luis leistete ihm Gesellschaft, und mit dem Grauen des Tages waren Beide wieder auf dem Verdecke. Alle schienen von dem gemeinsamen Gefühle belebt, daß Land in der Nähe scy und demnächst eine große Entdeckung bevorstehe. Die Herrscher hatten dem, welcher zuerst das ersehnte Land anrufen würde, einen Jahrgehalt von zehntausend MaravediS versprochen, und bei jeder Gelegenheit waren Aller Augen thätig, den verheißenen Preis zu gewinnen. Als die Sonne allmälig mit ihren Strahlen auch den westlichen Rand des Meeres säumte, glaubte Alles an der Gränze dieses Horizontes Land zu entdecken: in den Schiffen wurden hastig Segel auf Segel gehäuft, um so schnell als möglich vorwärts zu kommen, und es begann ein Wettrennen unter der Mannschaft der verschiedenen Fahrzeuge, um am frühesten des ersehnten Anblickes theilhaftig zu werden. Bei dieser Gelegenheit glichen sich die Vortheile und Nachlheile der verschiedenen Bewerber auf eine eigen- thümliche Weise aus. So klein die Ninna auch war, so segelte sie doch bei günstigem Winde und glattem Wasser am schnellsten; die 403 Pinta, welche, was Größe anbelangt, zwischen der Ninna und dem Admiralschiff die Milte hielt, stand an Geschwindigkeit der ersteren ziemlich nahe und überbot sogar bei steifem Winde jede ihrer Gefährtinnen; während die Santa Maria, die beziehungsweise nur eine träge Seglerin war, die höchsten Masten hatte, und daher die weiteste Aussicht über den Horizont beherrschte. „Nun, heute ist die Stimmung nicht übel, Sennor Don Christoval," sagte Luis, welcher an der Seite des Admirals dem Weiterrücken der Sonne folgte; „und wenn es bloS an den Augen liegt, so kann uns die Entdeckung des Landes nicht entgehen. Die letzte Fahrt hat alle unsere Hoffnungen neu belebt, und wir müssen Land haben, sollten wir es auch ans der Tiefe des Meeres herausholen." „Dort sttzt Pepc, Monikas pflichtgetreuer Gatte, auf unserer höchsten Raa und versucht, in der Hoffnung, die Belohnung zu gewinnen, die Stärke seines Auges an dem westlichen Horizont," sagte Columbus lächelnd. Es wäre allerdings nicht übel, wenn er der bekümmerten Mutter und dem verlassenen Knaben einen Jahrgehalt von zehntausend Maravedis heimbringen könnte." „Auch Martin Nlonzo ist nicht lässig, Sennor. Seht, wie er die Pinta vorwärts drängt: aber Vicente Uannez ist voraus und scheint entschlossen, ohne die Rechte des älteren Bruders zu berücksichtigen, dem Groß-Chan zuerst das Compliment machen zu wollen." „Sennor! SennoreS!" schrie Sancho von der Spiere, an welche er sich so ruhig, wie eine modische Dame auf ihrer Ottomane, zurücklehnte, „die Felukke spricht in Signalen." „Er hat Recht," rief ColnmbuS; „Viccnte Pannez zeigt die Farbe» der Königin, und da geht eine Donnerbüchse los, um irgend ein großes Ereigniß anzukündigen." Da dieß die Signale waren, durch welche ein Fahrzeug an- zeigen sollte, daß es zuerst Land entdeckt hätte, so zweifelte man nicht, daß die den Zug anführendc Caravele endlich des ersehnten Resultats der Fahrt ansichtig geworden seh. Demungeachtet war man aber der kürzlich-» schweren Täuschung noch zu lebhaft eingedenk, und obgleich Alle im Stillen ihre Dankgebete sprachen, so blieben doch die Lippen versiegelt, bis sich die Wahrheit unwiecr- sprechlich herausgestellt haben würde. Man setzte jeden Fetzen Segel aus, und die Schiffe schienen ihre Fahrt nach Westen wie Bügel zu beschleunigen, die, von einem ungewöhnlich langen Flug ermüdet, mit neuer Kraft ihre Flügel schwingen, wenn ihr scharfes Auge und ihr thätiger Instinkt Plötzlich die Nähe der Heimath erkennt. Stunde um Stunde verrann, ohne daß die Freudenpvst irgend eine Bestätigung erhielt. Der westliche Horizont sah den ganzen Morgen über düster und wolkig aus und konnte daher wohl auch das geübteste Auge täuschen; aber als der Tag verrückte und dis Schiffe mehr als fünfzig Meilen weiter westlich gesegelt waren, wurde es deutlich genug, daß man die Hoffnungen des Morgens einer neuen optischen Täuschung zuzuschreibcn habe. Die Niedergeschlagenheit, welche dieser Entdeckung folgte, wurde nun größer als je, und man gab sich nicht einmal die Mühe, das Murren zu unterdrücken, denn die Matrosen sprachen sich offen darüber aus, daß irgend ein boshafter Einfluß über dieser Reise walte, der die Mannschaft in eine Wildniß von Wassern führen wolle, um sie dort der Verzweiflung und dem Untergänge preis zu geben. Der Sage nach sah sich Columbus bei diesem Anlaß gezwungen, seinem Gefolge zu versprechen daß er von seinem Unternehmen abstehen wolle, wenn eS in einer gewissen Anzahl von Tagen nicht durch den Erfolg gekrönt werde. Man hat dem großen Seefahrer diese Schwäche jedoch mit Unrecht zugeschrieben, denn er hielt sein volles Ansehen selbst in den düstersten Augenblicken des Zweifels aufrecht, und beharrte in einem Augenblicke, wo seine Leute am äußersten Rande der Erde zu sehn glaubten, mit derselben Festigkeit und Ruhe auf der Durchführung seines Entwurfes und der Geltendmachung der ihm innewohnenden moralichen Kraft, wie er sie aus Spaniens Flüssen an den Tag gelegt hatte. Demungeachtet -103 aber ließ er sich nicht so sehr von Stolz und Eigensinn bewältigen, daß er nicht den Rücksichten der Politik und Klugheit Zugeständnisse gemacht hätte, weßhalb er auch aus eigenem Antriebe eine kleine Veränderung des CurseS vornehmen ließ. „Wir sind nun, meiner Privatberechnung zufolge, volle tausend Stunden von Ferro, Don Luis," sagte Colnmbus bei Gelegenheit einer der vertraulichen Unterhaltungen, welche gewöhnlich nach Einbruch der Nacht statt fanden, zu seinem jungen Gefährten: „und es ist in der That Zeit, daß sich das Festland von Asien bald blicken läßt. Bisher durste ich bloS Inseln erwarten, und nicht einmal diese mit Bestimmtheit, obgleich sich Martin Nlonzo und die Piloten mit den schönsten Hoffnungen trugen. Die großen Züge von Vögeln, deren wir heute ansichtig wurden, können uns übrigens wohl einladcn, ihrem Fluge zu folgen, da er ohne Zweifel Land zum Ziele hat. Ich werde daher unfern Eins etwas südlicher halten, wenn auch nickt ganz so weit, als Pinzon wünscht; denn Cathay darf ich nicht aus dem Auge verlieren." Columbus gab nun die nöthigen Befehle; die zwei andern Caravelen wurden in die Rufweite der Santa Maria gebracht und die Befehlshaber erhielten die Weisung, west-süd-wcstlich zu steuern. Der Grund dieser Aenderung des CurseS, welchem der Admiral zwei Tage zu folgen beabsichtigte, lag in der Thatsache, daß man eine große Anzahl Vögel die gleiche Richtung hatte einschlagen sehen. Ungeachtet dieses Wechsels zeigte sich diesen Morgen kein Land. Da aber der Wind leicht war und die Fahrzeuge seit der Veränderung des CurseS nur fünf Stunde» zurückgelcgt hatten, so benahmen sich die Matrosen weniger zaghaft als gewöhnlich. Die Ungewißheit wurde allerdings drückend empfunden: demungeachtet aber schwelgte die ganze Mannschaft der Schiffe in der balsamischen Milde der Atmosphäre, deren würzige Düfte sie mit Entzücken ein- athmete. Auch die Gräser wurden wieder häufiger, und viele derselben waren so frisch, als ob sie erst Tags zuvor von ihrem 406 'ch' ! > Mutterfelsen loSgeriffen worden wäre». Man bemerkte beträchtliche Schwärme von Vögeln, welche außer Zweifel dem Lande angehör- ten, nnd war auch so glücklich, einen derselben zu fangen; außer diesen stieß man noch auf viele Enten und einen weiteren Pelikan. So verging der achte Oktober, und die Reisenden trugen sich mit neuen Hoffnungen, obgleich sich die Fahrzeuge im Laufe von vierundzwanzig Stunden nur um etliche und vierzig Meilen weiter von Europa entfernt hatten. Der folgende Tag brachte keine andere wesentliche Veränderung, als ein Umschlagen des Windes, wodurch der Admiral genöthigt wurde, für einige Stunden den CnrS nach West zum Nord einzuschlagen. Dieß war ihm nicht lieb, denn er wünschte genau nach Westen oder etwas südwestlich vorzudringen, obschon viele seiner Leute, die durch das Vorwalten der Winde nach einer Richtung erschreckt waren, nicht wenig dadurch beruhigt wurden. Hätte die Abweichung der Nadel noch Statt gefunden, so wäre dieß allerdings der wahre CnrS gewesen, welchen der Admiral einzuschlagen wünschte; die Fahrzeuge waren aber inzwischen unter eine Länge und Breite gekommen, wo der Compaß seine frühere Kraft wieder angenommen hatte und aufs Neue die wahre Richtung anzeigte. Im Laufe der Nacht begannen auch die Paffat- winde wieder ihren Einfluß zu üben, und am Frühmorgen des zehnten Oktobers steuerten die Schiffe abermals nach dem Südsüdwest des CompaffeS, was auch in der That der wahre CurS war, oder doch nur um etwas Unbedeutendes von demselben abwich. So standen die Dinge, als sich die Sonne am Morgen des zehnten Oktobers 1492 erhob. Der Wind war stärker geworden, und die Schiffe segelten den ganzen Tag frei mit einer Geschwindigkeit, welche zwischen fünf und neun Knoten wechselte. Die Anzeichen eines nahen Landes waren in der letzten Zeit so zahlreich geworden, daß unsere Abenteurer bei jeder Seemeile, welche sie zurücklegten, das Auftauchcn desselben erwarteten; und in allen drei Schiffen haftete fast jedes Auge ohne Unterlaß an dem westlichen 1 4 407 Horizont, denn jeder hoffte zuerst das erfreuliche Ereigniß ankündigen zu dürfen. Der Ruf „Land" war aber in den letzten Tagen über die Maaßen häustg geworden, und ColumbuS hatte daraus Veranlassung zu der Bekanntmachung genommen, daß Zeder, welcher denselben fürderhin ohne zuverlässigen Grund laut werden ließe, der von de» Herrschern verheißenen Belohnung verlustig werden sollte, selbst wenn er in der Folge der Erste wäre, welcher deS wirklichen Landes ansichtig würde. Diese Drohung bewirkte eine größere Vorsicht, und so erwartungsvoll und aufregend auch die Tage deS achten, neunten und zehnten Oktobers waren, so vcrrieth doch kein Laut die übereilte Hast deS Auslugenden. Da man im Laufe deS zehnten weiter gekommen war, als an den beiden vorhergehenden Tagen zusammengenommen , so bewachte man den Abcndhimmel mit einer Sorgfalt, wie man sie nie früher auf einen Sonnenuntergang verwendet hatte. In der That war dieß auch für eine Untersuchung des westlichen Horizonts der günstigste Augenblick, denn das entschwindende Licht beleuchtete jenen ganzen Wassersaum in einer Weise, welche dem Auge alle seine Geheimnisse anfschloß. „Ist dieß eine Spitze Landes?" fragte Pepe Sancho mit leiser Stimme, als sie neben einander auf einer Raa lagen und den letzten Rand der Sonne, einem schimmernden Sterne gleich, an dem Kimme versinken sahen, „oder ist es wieder eines jener trügerischen Dunstbilder, welche uns in der letzten Zeit so oft geneckt haben?" „Weder das Eine noch das Andere," versetzte der ruhigere und erfahrenere Sancho; „sondern ein Steigen der See, wie man es gewöhnlich an der äußersten Glänze des Meeres bemerkt. Hast Du je eine so tiefe Windstille erlebt, daß das Wasser den Horizont wie ein ebener Kreis umsinge? Nein, nein, diese Nacht kriegen wir im Westen kein Land zu Gesichte, denn das Meer steht in dieser Richtung so leer aus, als blickten wir von Ferro'S Westufer in die breite Fläche des atlantischen Weltmeers hinaus. Ich will wohl glauben, daß das Recht aus der Seite unseres edlen 408 AdimralS ist, Pepe, aber bis jetzt haben wir noch keine anderen Beweise dafür, als die, welche in seinem Kopfe stecken." „Trittst Du also auch auf die Seite seiner Gegner, Sancho, und hältst Du ihn gleichfalls für einen Tollkopf, der sowohl sich als Andere in das Verderben führen will, ui» als Admiral in der Wirklichkeit nnd als Vicekönig in der Einbildung zu sterben?" „Ich trete nie auf die Seite der Gegner eines Mannes, dessen Dublonen es mit mir halten, Pepe; denn das wäre ein Streit mit dem besten Freunde von Arm und Reich, nemlich mit dem Golde. Don Christoval ist ohne Zweifel ein sehr gelehrter Herr und hat mich wenigstens hinsichtlich Einer Frage vollkommen ins Reine gebracht, wie es auch immer mit den Juwelen von Cathap und dem Barte des Groß-ChanS aussehen mag — nemlich hinsichilich der Kugelgestalt der Erde. Wäre sie eine Ebene, so könnte sich nicht alles dieses Wasser an der Außenseite befinde», denn es müßte offenbar abfließen, wenn es nicht durch Land cingedämmt wäre. Begreifst Du dieß, Pepe?" „Freilich; cs ist einleuchtend genug und siebt im Einklang mit der täglichen Erfahrung. Monika hält den Genuesen für einen Heiligen." „Höre, Pepe; Deine Monika ist ohne Zweifel ein ungemein verständiges Weib, sonst würde sie nicht Dich zum Manne genommen haben, da sie vielleicht unter einem Dutzend Deiner Kameraden die Wahl hatte. Ich habe selber auch einmal an das Mädchen gedacht, und würde ihr es auch zugesagt haben, wenn sie mir darnach ausgesehen hätte, daß sie mich gleichfalls für einen Heiligen nehmen könnte; dieß fiel ihr jedoch nicht ein, da sie sich hinsichtlich meiner eher eines ganz entgegengesetzten Beiwortes bediente. Doch wenn wir auch den Sennor Colon für einen Heiligen gelten lassen, so würde er dadurch gewiß nicht zu einem bessern Admiral, denn ich habe noch nie einen Heiligen, ja noch nicht einmal eine heilige Jungfrau gesehen, welche die Lagen und Entfernungen einer Fahrt, wäre sie auch nur so kurz als die von Cadiz nach Barcellona, verstanden hätte." „Du sprichst sehr unehrerbieiig von den Heiligen und Jungfrauen, Sancho, denn wir dürfen sicher glauben, daß sie Alles wissen." „Ja, alles, nur dieß nicht. Unsere liebe Frau von Rabida weiß Süd-Ost und zuin Süd Halb-Süd von Nord-West und zum Nord Halb-West nicht zu unterscheiden. Ich habe sie in dieser Hinsicht auf die Probe gestellt, und ich sage Dir, sie weiß so wenig davon, als Deine Monika von der Art weiß, wie die Herzogin von Medina Sidonia den edlen Herzog, ihren Gemahl grüßt, wenn er von der Falkenjagd nach Hause kommt." „Nun, dafür würde die Herzogin auch nicht wissen, was sie sagen sollte, wenn sie mich an Monikas Stelle nach der Heimkehr von dieser großen Fahrt empfangen müßte. Wenn ich nie ans die Falkenjagd auSgegange» bin, so ist der Herzog dafür nie zweiunddreißig Tage westlich über Ferro hinausgekommen, zumal auf einer Fahrt, bei der man nicht ein cinzigeSmal Land zu Gesicht bekam." „Du hast Recht, Pepe; aber Dein Weib hat Dich auch noch nicht als einen nach PaloS Heimkehrcndcn empfangen. Doch was bedeutet diese Bewegung auf dem Verdeck? Unsere Leute scheinen sehr aufgeregt zu scyn. Jedenfalls will ich drauf schwören, daß es nicht von der Entdeckung Cathays oder von dem Anblick des Groß-Chans herrührt, der wie ein Karfunkel auf seinem von Dia» manten blitzenden Throne glänzt." „Die Aufregung scheint eher darin, daß sie ihn nicht sehen, ihre» Grund zu haben. Hörst Du nicht zornige und drohende Worte aus dem Munde der Unzufriedenen?" „Bei St. Jago! Wenn ich Do» Christoval wäre, so zöge ich jedem der Schufte eine Dobia von ihrem Solde ab und gäbe das Gold so friedlichen Leuten, wie wir Beide sind, Pepe, die lieber Hungers sterben wollen, ehe sie an eine Heimkehr denke», ohne Asien gesehen zu haben." »Es gewinnt in der That das Anssehen eines unruhigen Auftritts, Sancho. Komm, wir wollen hinunter, und Seiner Ercellenz zeigen, daß er doch einige Freunde unter der Mannschaft hat." Sancho billigte diesen Vorschlag, und er und Pepe standen in der nächsten Minute auf dem Verdecke. DaS Volk befand sich in der That in einer meuterischeren Stimmung, als dieß je seit der Ausfahrt der Flotte aus Spanien der Fall gewesen war. Die lange Fortdauer günstigen Windes und schönen Wetters hatte die Matrosen veranlaßt, eine schleunige Beendigung der Reise zu erwarten, und beinahe Alle waren jetzt der Meinung, sie hätten ein Recht, auf dem Anfgeben eines Unternehmens zu bestehen, welches zu nichts Anderem als zum Untergänge zu führen schien. Die Debatte war laut und leidenschaftlich, und selbst einige der Piloten waren geneigt, mit ihren Untergebenen anzunehmen, daß eine längere Ausdauer gewiß nutzlos, wo nicht unheilbringend scyn dürfte. Als Sancho und Pepe in den Kreis traten, war man eben zu dem Beschlüsse gekommen, in Masse vor ColumbuS zu treten und ihn in unumwundenen Ausdrücken aufzufordern, den Schnäbeln der Schiffe alsbald die Richtung nach Spanien zu geben. Um dabei mit einer geeigneten Förmlichkeit zu verfahren, wurden der Pilot Pedro Nlonzo Ninno und Juan Martin, ein alter Matrose, zu Wortführern gewählt. In diesem entscheidenden Augenblick sah man den Admiral und Luis von dem Hüttendecke heruntersteigen, um sich nach der Cajüte zu begeben, und nun eilte Astes auf dem Verdecke nach, indem sich zwanzig rufende Stimmen zumal vernehmen ließen. »Sennor! — Don Christvval! — Euer Ercellenz! — Sennor Almirante!" ColumbuS machte Halt und blickte die aufgeregte Mannschaft mit einer Ruhe und Würde an, welche den Muth Ninno'S niederschlug und das Ungestüm der Meisten seiner Begleiter bedeutend zu Paaren trieb. 411 „Was wollt Ihr?" fragte der Admiral ernst. „Redet, „Ihr sprecht zu einem Freunde." „Wirkomnien, um für unser thsureS Leben zu bitten, Sennor," antwortete Juan Martin, der in seiner untergeordneten Stellung einen Schirm zu finden glaubte; „und flehen dringend, daß man uns die Möglichkeit nicht benehme, unfern Weibern und Kindern Brod zu verschaffen. Alle, die hier stehen, find dieser erwerblosen Reise müde, und die Meisten glauben, daß wenn man die Rückkehr länger verzögere, die Lebensmittel auSgehen und die Leute auf dem Meere verschmachten müßten." „Wißt Ihr, welche Entfernung zwischen uns und Ferro liegt, daß Ihr mich mit einem so blinden und Ihörichten Gesuche behelligt?" Rede Du, Ninno, denn ich sehe, Du gehörst auch zu ihrer Zahl, obschon Du Dich zu sprechen scheuest." „Sennor," erwiederte der Pilot, „wir find alle der gleichen Meinung. Auf diesem unbekannten Meere immer weiter in'S Blaue zu segeln, heißt Gott zwingen, uns für unfern Eigensinn zu vernichten. ES ist vergeblich zu glauben, dieser breite Wassergürtel sey rings um die ganze Erde zu einem andern Zwecke gelegt worden, als um die Tollkühnen abzuhalten, in Geheimnisse, die über dem Bereiche ihres Verstandes liegen, einzudringcn. Predigen uns nicht alle Geistlichen, Sennor — den frommen Prior von Santa Maria de Rabiva, Euren eigenen Freund nicht ausgenommen — beständig von der Nothwendigkeit, uns einer Weisheit, die nicht Ihresgleichen hat, zu unterwerfen, und zu glauben, ohne den Schleier lüften zu wollen, welcher die Welt des Unbegreiflichen verhüllt?" „Ich möchte Dir Deine eigenen Worte entgegen halten, ehrlicher Ninno," antwortete ColumbuS, „und Dich darauf verweisen, Denen zu vertrauen, deren Wissen weit über dem Deinigen steht, und da demüthig zu gehorchen, wo Du durchaus untauglich bist, zu befehlen. Geh — entferne Dich mit Deinen Genossen, und laß mich nie wieder etwas der Art hören." ..Nein, Sennor!" riefen zwei oder drei in einem Nthem, »wir woiien wenigstens nicht zu Grunde gehen, ohne unfern Klagen Luft gemacht zu haben. Wir sind Euch bereits schon zu weit gefolgt und besitzen vielleicht jetzt schon nicht mehr die Mittel, wohlbehalten nach Hause zu kommen. Wir wollen daher diese Nacht noch die Schnäbel der Caravelsn heimwärts kehren, sonst möchten wir leicht das gesegnete Spanien nie wieder zu Gesicht bekommen." „Das gränzt an Meuterei! Wer unter Euch wagt cS, eine so kühne Sprache gegen seinen Admiral zu führen?" „Wir Alle, Sennor!" erwiederten zwanzig Stimmen zugleich. „Der Mensch darf wohl kühn scyn, wenn an seinem Schweigen das Leben hängt." „Sancho, bist Du auch auf der Seite dieser Aufrührer? Bekennst auch Du, Dein Herz kranke »ach Spanien, Deine unmännliche Furcht sey stärker als Deine Hoffnungen auf unvergänglichen Ruhm und als Dein Sehnen nach den Reichthümern und Annehmlichkeiten Cathay'S?" „Wenn mir so etwas zu Sinne kömmt, Sennor Don Almirante, so laßt mich mein Leben lang die Masten schmieren und nehmt mich für immer von dem Steuer weg, als einen Menschen, der durchaus untüchtig ist, das Kreisen des Polarsterns zu beobachten. Segelt mit den Caravelen in die Hallen des Groß-Chans und legt meinetwegen an seinem Throne an — Ihr sollt immer Sancho auf seinem Posten finden, sey es am Steuer oder bei der Loihlinie. Er ist in einer Schiffsdocke geboren und hat daher das natürliche Verlangen zu erfahren, was ein Schiff auszuführen im Stande ist." „Und Du, Pepe — hast Du Deiner Pflicht so sehr vergessen, daß Du in dieser Weise vor Deinen Befehlshaber trittst — vor den Admiral und Vicekönig Deiner Herrscherin, der Donna Jsabella?" „Vicekönig? — über was?" rief eine Stimme aus der Bande, ohne Pepe zum Wort kommen zu lassen. „Ein Vicekönig über Seegras, der nichts anderes als Thunfische, Wallfische und Pelikane 413 zu Unterlhanen hat! Wir sagen Euch, Sennor Colon, daß Casti- lianer sich keine solche Behandlung gefallen lassen und wesentlichere Entdeckungen verlangen als Grasfelder und Wolkeninseln." „Nach Hause — nach Hause — Spanien — Spanien — PaloS — Palos!" rief Alles bunt durcheinander, indeß Sancho und Pepe das Gewimmel verließen und an ColumbuS' Seite traten. „Wir wollen nicht weiter nach Westen — es heißt Gott versuchen. Wir verlangen, daß man die Schiffe dahin kehre, wo sie hergekommen sind, wenn eS nicht vielleicht jetzt schon zu spät ist, sich glücklich aus der Sache zu winden." „Zu wem sprecht ihr in dieser schamlosen Weise, ihr gott- und ehrvergessenen Schurken!" rief Luis, indem er unwillkührlich mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo sein Schwert zu hängen pflegte- „Macht, daß ihr fortkommt, oder —" „Ruhig, Freund Pedro, und überlaß diese Sache mir," fiel der Admiral ein, dessen Fassung durch das ungestüme Benehmen seiner Untergebenen kaum im Mindesten getrübt schien. „Hört, was ich euch sage, ihr rohen rebellischen Bursche, und betrachtet es als meine letzte Antwort auf jede derartige Anmuthnng. Unsere Flotte hat von de» zwei Herrschern, eurem königlichen Gebieter und eurer königlichen Gebieterin, den ausdrücklichen Befehl erhalten, die ganze Breite des ganzen atlantischen Weltmeeres zu durchsegeln, bis sie die Ufer Indiens erreicht. Mag kommen, was da will — ihre hohen Erwartungen sollen nicht getäuscht werden, und wir steuern westwärts, bis das Land uns Halt gebietet. Für die Ausführung bürge ich mit meinem Leben. Nehmt euch in Acht, daß Keiner von euch sich durch Widersetzlichkeit gegen die königlichen Befehle oder durch Nichtachtung und Ungehorsam gegen den gesetzlichen Vertreter der königlichen Gewalt in Gefahr bringe. Nur noch ein Murren und ich überweise Den, der es ausstößt, der strengsten Bestrafung. Ihr kennt nun meinen unwiderruflichen Entschluß, und mögt euch hüten, den Zorn derjenigen auf euch zu laden, deren Mißfallen schwerer L14 auf euch lasten mag, als die eingebildeten Gefahren des Oceans. Bedenkt, was für euch von der Furcht, und was euch von der Hoffnung zu erwarten steht. In dem einen Falle droht euch Alles von dem Zorne der Herrscher, wenn ihr in einem gewaltsamen Widerstrebe» gegen ihr Ansehen beharrt; und eine Empörung gegen euren gesetzlichen Führer, ebenso der Versuch einer Rückkehr wird zu keinen besseren Folge» führen, denn eS ist bereits zu spät, da ihr ans Mangel an Nahrung und Wasser Spanien nicht mehr erreichen könnt. Die Reise nach dem Osten zurück muß der Zeit nach wenigstens doppelt so viel erfordern, als wir zur Herfahrt gebraucht haben, und die Tonnen der Caravelen beginnen bereits ziemlich leicht zu werden. Land, und zwar Land in dieser Gegend ist uns jetzt nöthig. Nun laßt uns aber auch die andere Seite des Gemäldes betrachten. Vor uns liegt Cathay mit allen seinen Schätzen, seiner Neuheit und seinem Ruhme — ein Land, wundervoller, als je eines von Menschen bewohnt wurde, und ein Menschenstamm daselbst, der eben so edel als gastfreundlich und gerecht ist. Zu all diesem kommt noch der-Beifall der Herrscher und die Achtung, die Jedem, selbst dem gemeinsten Matrosen, der seinem Befehlshaber bei der Erreichung dieses großen Zieles muthig an die Hand gegangen ist, zu Theil werden muß." „Wenn wir Euch noch drei Tage Gehorsam leisten, Sennor, wollt Ihr dann, wenn sich kein Land sehen läßt, den Rückweg nach Spanien antreten?" rief eine Stimme aus der Menge. „Nimmermehr!" erwiederte Columbus mit Festigkeit. „Nach Indien geht meine Pflicht, und nach Indien will ich steuern, wenn ich auch noch eine» zweiten Monat auf die Vollendung der Reise verwenden müßte. Geht auf eure Posten oder nach euren Hängematten, und behelligt mich nie wieder mit derartigen Auftritten." Columbus' Benehmen zeigte so viel angeborne Würde, und seine Stimme tönte, selbst wenn er im Zorne sprach, so nachdrücklich und eindringlich, daß der gemeine Mann auf seinen Befehl, sich 415 ruhig zu verhalten, keine Splbe zu erwiedern wagte. Die Bande ging daher verdrießlich auseinander, obgleich der Geist des Ungehorsams noch keineswegs beschwichtigt war. Halte das Unternehmen nur aus einem einzigen Fahrzeuge ausgeführt werden müssen, so wäre es wahrscheinlich zu einem Akte der Gewaltlhatigkeit gekommen; aber man kannte die Stimmung in der Pinta und Ninna zu wenig, und die Achtung gegen Alonzo Pinzon war eben so fest begründet, als die Ehrfurcht gegen Columbus, und so wagten selbst die Kühnsten der Empörer vorderhand nur, ihrer Unzufriedenheit durch Murren Luft zu machen, obscho» sie im Geheim über entschiedeneren Maßregeln brüteten und nur die Gelegenheit abwarteten, mit der Mannschaft der übrigen Schiffe in Verbindung zu treten. „Dieß steht ernsthaft ans, Sennor," sagte Luis, als er sich mit dem Admiral allein in der kleinen Cajüte befand, „und beim heiligen Lucas! es möchte wohl das Feuer dieser Schufte kühlen, wenn mir Euer Errellenz erlauben wollte, zwei oder drei von den Unverschämtesten dieser Hallunken über Bord zu werfen." „Dieß ist eine Gunst, welche von Einigen unter ihnen bereits mir und Dir zngcdacht ist," versetzte Columbus. „Sancho erstattet immer genauen Bericht über die Stimmung der Mannschaft, und er theilte mir schon vor einigen Tagen mit, daß etwas der Art verlaute. Wir wollen wo möglich und so lang es geht, im Frieden auszukommen suchen, Scnnor Gutierrcz oder de MunnoS — was von Beiden Dir lieber ist. Aber sollten wirklich Umstände eintretcn, wo ich zur Gewalt meine Zuflucht nehmen muß, so wirst Du finden, daß Christoforo Colombo eben so gut ein Schwert zu führen weiß, als er diese Werkzeuge der Wissenschaft zu brauchen versteht." „Wie weit mögen wir Eurer Anficht nach noch vom Lande entfernt sehn, Scnnor Almirante? Ich frage aus Neugierde und nicht aus Furcht; denn wenn unser Schiff an dem äußersten Ende der Erde stünde und im Begriffe wäre, in die endlose Tiefe abzugleiten, so solltet Ihr doch nie eine Klage von mir vernehmen." 416 „Ich bin vollkommen davon überzeugt, edler Jüngling," cr- wiedcrte Columbus, indem er Luis freundlich die Hand drückte: „sonst wärest. Du nicht in meinem Gefolge. Wir haben von Ferro aus mehr als tausend Seemeilen zurückgelegt, und so viel mag meiner Bermülhung »ach die zwischen Calhah und Europa liegende Entfernung betragen. Wir sind also ohne Zweifel weit genug gekommen, um auf eine der vielen Inseln zu stoßen, von denen bekanntermaßen das Meer in der Nähe von Asien wimmelt. Die öffentliche Berechnung macht eine Fahrt von etwas über achthundert Seemeilen namhaft; da wir aber in der letzten Zeit so vielen günstigen Strömungen begegneten, so vermuthe ich, daß wir in dem gegenwärtigen Augenblicke volle eilfhundert Stunden, wo nicht weiter von den kanarischen Inseln entfernt sind. Den Azoren sind wir vielleicht etwas näher, da sie westlicher liegen, obschon in einer höheren Breite." „Dann glaubt Ihr also in der That, Sennor, daß wir ehestens Land zu erwarten haben?" „Mein Inneres sagt mir dieß so gewiß, Luis, daß ich — die Schmälerung des Ansehens abgerechnet — wenig gewagt haben würde, wenn ich den Bedingungen dieser verwegenen Menschen willfahrt hätte. PtolemäuS theilte die Erde in vierundzwanzig Stunde», jede von fünfzehn Graden, und ich rechne nur fünf oder sechs dieser Stunden auf das atlantische Weltmeer. Dreizehnhundert Seemeilen müsse» uns daher uothwendig an die Küsten von Asien bringen, und von diesen haben wir, wie ich glaube, bereits eilfhundert zurückgelegt." „So mag sich wohl der morgige Tag als ein ereignißvoller erweisen, Sennor Admiral. Doch suchen wir jetzt unsere Hängematten auf. Ich gedenke von einem schöneren Lande zu träumen, als je das Auge eines Christen sah, an dessen Gestade mir die schönste Jungfrau von Spanien — nein, beim heiligen Pedro! von ganz Europa — entgegen winkt." 417 > I I ColumbuS und Luis suchten nun ihre Ruhestätten. Am kommenden Morgen ließ sich jedoch aus de» verdrießlichen Blicken der Mannschaft leicht entnehmen, daß in ihrem Inneren, einem unterdrückten Vulkane gleich, Gefühle glühten, die nu^des passenden Augenblicks harrten, um in lichtcrlohe Flammen ausznbrechen. Zum Glücke zeigten sich bald Erscheinungen von so neuen, Character, daß die Aufmerksamkeit der meisten Mißvergnügten von diesem schwermiithigen Brüten abgelenkt wurde. Der Wind war kräftig, günstig wie gewöhnlich, und die See ging das erstemal, seit man Ferro verlassen hatte, wieder hoch: die Fahrzeuge trieben auf Wellen weiter, welche von der glatten Fläche, die so lange durch ihre endlose Ausdehnung die Matrosen beunruhigt hatte, durchaus verschieden waren. ColumbuS befand sich noch keine fünf Minuten auf dem Decke, als ein Freudenruf Pepe'S Aller Augen nach der Raa lenkte, auf welcher er beschäftigt war. Der Matrose zeigte lebhaft auf irgend einen Gegenstand im Wasser, worauf Alles nach dieser Seite des Fahrzeuges stürmte und das willkommene Zeichen erblickte, welches Pepe'S Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Das Schiff schoß über eine sich hebende Welle vorwärts und an einer frischen grünen Binse vorbei — eine Pflanze, die, wie Alle wohl wußten, von irgend einem Gestade kommen mußte und noch nicht lange von dem Orte, wo sie wuchs, losgeriffen seyn konnte. „Dieß ist wahrlich ein glückverheißendes Vorzeichen!" sagte ColumbuS; „Binsen können nicht wachsen ohne das Licht des Himmels, was es auch immer mit diesen Gräsern für eine Bewandtniß haben mag." Dieser scheinbar unbedeutende Vorfall änderte oder zügelte wenigstens die Gefühle der Mißvergnügten. Die Hoffnung schwang wieder einmal ihren Scepter, und wer abkommen konnte, stieg in die Takelage, um den westlichen Horizont zu beobachten. Auch die reißend schnelle Bewegung der Schiffe trug dazu bei, die geweckten Gefühle »och mehr zu heben, und die Pinta, wie die Ninna schoßen Donna Mercedes. 2te Ausl. 27 418 voll heiteren MuthwillenS vor dem Admiralschiffe hin und her. Einige Stunden später traf man wieder auf frische Gräser und um Mittag verkündigte Sancho zuversichtlich, er habe einen Fisch zu Gesteht bekummen, von dem man wisse, daß er sich nur in der Nähe felsiger Küsten aufhalte. Eine Stunde später gierte die Nimm auf das Admiralschiff an, und ihr in dem Takclwerk hängender Befehlshaber hatte augenscheinlich die Absicht, irgend eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen. „Was gibt'S, mein guter Vicente Uannez?" rief ihm Colum- buS entgegen; „Du scheinst der Bote willkommener Zeitungen zu sehn." „ES kömmt mir selbst so vor, Don Christoval," antwortete der Andere. „Wir find eben an einem Zweig von Nvscnbceren vor- bcigekommen, der sich erst ganz kürzlich von dem Strauche loSge- riffen haben kann. Dicß ist ein Zeichen, das unmöglich trügen kann." „Du hast Recht, mein Freund. Nach Westen! — nach 'Westen! Wie glücklich ist der, dessen Augen zuerst die Wunder Indiens schauen dürfen!" ES würde nicht leicht sehn, den Grab des hoffnungsvollen Entzückens zu schildern, welcher jetzt die Mannschaft zu beleben anfing. Die Verdecke ertönten von launigen Scherzen, und wo kurz vorher Verzweiflung und Trostlosigkeit geherrscht hatten, schallten nunmehr die lachenden Töne der Freude. Die Minuten entschwanden rasch und Zeder hatte in den heiteren Vorahnungen der Reize eines noch ungesehenen Westens die Heimath vergessen. Ein wenig später ließ sich ein Jubelruf von der Pinta her vernehmen, welche nur in geringer Entfernung windwärts vor dem Admiral segelte. Da dieses Fahrzeug die Segel kürzte und aufholte, ein Boot niedcrließ und unmittelbar darauf abhielt, so kam die Santa Maria bald schäumend unter seine Windvierung und rief es an. „Was gibt cs, Martin Alonzo?" fragte Columbus, der seine Beklemmung unter einer ruhigen und würdevollen Außenseite zu 419 verbergen suchte. „Du und Deine Leute scheinen vor Entzücken ganz außer sich zu seyn!" „Wir haben auch Ursache dazu. Vor ungefähr einer Stunde kamen wir an dem Stücke einer Rohrpsiauze vorbei, woraus man den Berichten der Reisenden zufolge im Osten de« Zucker macht, und wie wir eS oft in unseren eigenen Häfen zu sehen Gelegenheit haben. Aber dieß ist nur eine wenig besagende Andeutung in Vergleichung mit dem Baumstamm, welcher uns begegnete. Als ob die Vorsehung uns noch gütiger bedenken wolle, schwammen diese Artikel ganz nahe beieinander, und wir haben ste für so werthvoll gehalten, daß wir ein Boot aussetzten, um ste einzunehmen." „Lege Deine Segel an den Mast, guter Martin Alonzo, und sende Deine Prisen hierher, damit ich ihren Werth beurtheilen möge." Pinzon willfahrte, und da die Santa Maria zu gleicher Zeit beilegte, so befand sich das Boot bald an ihrer Seite. Martin Alonzo machte nur einen Sprung von dem Dost »ach dem Schand- deckel des Schiffs und befand sich bald bei dem Admiral auf dem Verdeck. Hier zeigte er eifrig die verschiedenen Gegenstände vor, welche seine Leute in das Boot geworfen hatten und die man kaum eine Stunde vorher aus dem Meere aufgefischt hatte. „Seht, edle SennoreS," sagte Martin Alonzo, der mit fast athemloser Hast seine Schätze zur Ansicht vorlegte; „hier ist ein Brett, zwar von unbekanntem Holze, aber mit ungemeiner Sorgfalt bearbeitet. Hier ist auch ein anderes Stück Rohr, jedenfalls von einer Pstanze, welche dem Lande entstammt. Das Wichtigste von Allem ist aber dieser Spazierstock, der mit außerordentlicher Kunstfertigkeit von Menschenhand geschnitzt ist." „Du hast vollkommen Recht," versetzte ColumbuS, indem er einen Artikel um den anderen besichtigte. „Gepriesen sey die göttliche Allmacht für diese tröstlichen Beweise der Nähe einer neuen Welt! Nur ein böswilliger Heide kann jetzt noch an einem glücklichen AuSgange zweifeln." „Diese Gegenstände kommen wahrscheinlich aus irgend einem umgestürzten Boote, weil man sic so nahe bei einander fand," bemerkte Martin Alonzo, der diese physischen Beweise durch eine annehmbare Theorie unterstützen wollte. „Es dürfte uns nicht Wunder nehmen, wenn» auch Leichname Ertrunkener in der Nähe gesunden würden." „Wir wollen dieß nicht hoffen, Martin Alonzo," erwiederte der Admiral, „und uns auch nicht mit so trübseligen Vorstellungen tragen. Tausend Zufälligkeiten können diese Gegenstände zu gleicher Zeit in das Meer gebracht haben, und einmal beisammen, können sie Jahre lang neben einander schwimmen, wenn sie nicht gewaltsam getrennt werden. Aber dem sey wie ihm wolle, jedenfalls sind sie untrügliche Beweise, daß nicht nur Land, sondern auch von Menschen bewohntes Land in der Nähe ist." Der Aufschwung des Entzückens, der nun auf asten Fahrzeugen herrschte, läßt sich nicht leicht beschreiben. Bisher war man nur Gräsern, Fischen und Vögeln begegnet — Zeichen, die sich oft als trügerisch erwiesen; aber jetzt hatte man einen fast unumstößlichen Beweis, daß man sich in der Nachbarschaft von Menschen befinde. Allerdings konnten derartige Artikel wohl über die ganze weite Fläche, welche die Schiffe zurückgclegt hatten, Hintreiben; dann war eS aber nicht wahrscheinlich, daß sie diesen ganzen Weg über bei einander geblieben wären. Die Beeren waren außerdem frisch, das Brett von einer unbekannten Holzart, und zumal der Spazierstock, wenn es in der That ein solcher war, in einer Weise geschnitzt, die man in Europa nicht kannte. Die verschiedenen Gegenstände gingen von Hand zu Hand, bis sie von Allen auf dem Schiffe besichtigt worden waren, und Alles, was einem Zweifel ähnlich sah, verschwand vor dieser unerwarteten Bestätigung der Voraussagungen des Admirals. Pinzon kehrte wieder zu seinem Schiffe zurück, ließ auf's Neue die Segel lösen, und die Flotte fuhr fort, bis zum Niedergange der Sonne westsüdwestlich zu steuern. 421 Es überflog jedoch die Verzagtesten der Mannschaft wie ein Schauer abermaliger Täuschung, als sie zum vierunddreißigsten- mal, seit sie Gomera verlassen hatten, die Sonne hinter einem Wafsrrhorizont hinabsinken sahen. Mehr als hundert spähende Augen bewachten in diesem inhaltsschweren Momente den glühenden Saum des Meeres; aber obgleich der Himmel wolkenlos war, so vermochte man doch nichts, als dieses Himmelsgewölbe in seinen prachtvollen Tinten und die gewöhnliche Wellenlinie der Wasscr- gränze zu entdecken. Bei Anbruch der Nacht wurde der Wind stärker, und Colum« bus rief, wie er gewöhnlich zu dieser Stunde that, die Fahrzeuge zusammen, um hinsichtlich des CurseS die geeigneten Befehle zu erlassen. In den letzten zwei oder drei Tagen hatte man stark südwestlich gesteuert, und ColumbuS, welcher sich überzeugt fühlte, daß der sicherste und nächste Weg von Land zu Land mittelst Durch- schneidung des OceanS in einer möglichst genauen, einzigen Breiten- parallele erzielt werden müsse, war darauf bedacht, seinen Lreblings- curs— den unmittelbar westlichen nämlich — wieder aufzuuehmen. Als daher die Schatten der Nacht die kleine Flotte dichter umzogen, hielten die Schiffe nach der bczeichneten Richtung ab und segelten, mit einer Geschwindigkeit von neun Meilen in der Stunde, in der Bahn des TagSgestirnS weiter, als ob sie entschlossen sehen, in die Geheimnisse seines nächtlichen Thun und Treibens einzudringcn, bis irgend eine große Entdeckung die aufgewendete Mühe lohnte. Unmittelbar nach dieser Veränderung sang die Mannschaft, wie gewöhnlich, ihre Vesper-Hymne, welche in diesem milden Meere oft bis zu der Stunde hinausgeschoben wurde, wo die Wache in dem unteren Raum ihre Hängematten suchte. Diese Nacht kam jedoch keinem der Schlaf zu Sinne, und cS war schon spät, als die Matrosen ihren Gesang mit den Worten „8alvo nexina^ begannen. Es war etwas festlich Erhebendes, diesen religiösen Hymnus auf der Einsamkeit des OceanS von dem Sausen des Windes 422 und dem Brausen der Wasser unter den Bugen begleiten zu büren, und die feierliche Stimmung wurde noch durch die Hoffnungen der Abenteurer und das Geheimnißvolle, das hinter dem muthmaßlich nun bald sich lüftenden Vorhänge lag, gehoben. Nie Vorher hatte dieser Gesang so süß in Columbus Ohren geklungen, und Luis fühlte Thräne» zu seinen Augen dringen, als er sich die sanften, schmelzenden Töne, welche Mercedes zu dieser Stunde in heiligen Hauchen gen Himmel senden mochte, vergegenwärtigte. Als der Gottesdienst vorüber war, versammelte der Admiral die Mannschaft auf der Schanze und redete sie von dem Hüttendecke aus mit folgenden ernsten Worten an: „Ich freue mich, meine Freunds," begann er, „daß ihr in einem Augenblicke, wo wir so viel Anlaß haben, Gott für die Güte, welche er uns aus der ganzen Reise erwiesen hat, dieVesver- hymne mit einem so frommen Sinne singen konntet. Blicket zurück auf die Vergangenheit und seht zu, ob Einer von Euch, und wäre er auch der älteste Matrose, sich einer Seefahrt erinnern kann, wo er so sehr durch Wind und Wetter und die Ruhe des Oceans begünstigt wurde: von der Länge der Reise gar nicht zu reden, da Keiner von Euch je eine solche durchgemacht hat. Denkt an die erfreulichen Zeichen, welche uns zur Ausdauer ermuthigten, und vergesset nie, meine Freunde, daß sich die Größe Gottes eben so sehr mitten ans dem Weltmeere, als in seinen Tempeln auf dem Lande offenbart. Er hat uns, so zu sagen, Schritt für Schritt geführt, indem er das einemal die Luft mit Vögeln füllte, dann das Meer von ungewöhnlichen Fischen wimmeln ließ und endlich Felder von Pflanzen vor uns ausbreitete, wie man sie nur selten fern von dem Strande, an dem sie wachsen, trifft; — und heute gibt Er uns die schönsten und hoffnungsvollsten Wahrzeichen. Meine Berechnungen stehen im Einklänge mit diesen Beweisen, und eS dünkt mir wahrscheinlich, daß wir noch in dieser Nacht Land erreichen. In einigen Stunden, oder wenn wir die Gränze de» 423 Horizonts vom verwichenen Abend erreicht haben, wirb es gut seyn, die Segel zu kürzen, und ich fordere Euch alle auf, wachsam zu seyn, damit wir nicht unversehens an einer fremden Küste auf den Strand laufen. Ihr wißt, daß die Herrscher demjenigen, welcher zuerst des Landes anstchtig wird, einen lebenslänglichen Jahrgehalt von zehntausend Maravedis in Gnaden versprochen haben» und dieser reichen Belohnung will ich ein SammtwammS beifügen, wie es kein Grande zu tragen verschmähen würde. Schlaft daher nicht, sondern seyd ganz Wachsamkeit, wenn die Schatten der Nacht entschwinden; denn ich erwarte, noch ehe der Morgen graut, allen Ernstes das Auftauchen des Landes." Diese ermuthigendcn Morte übten ihre volle Wirkung. Die Matrosen zerstreuten sich auf dem Schiffe und jeder suchte sich einen Posten, von dem er sich am ehesten die Erringung des ersehnten Preises versprach. Gespannte Erwartung ist immer ein stumme« Gefühl; die eifersüchtigen Sinne scheinen der Stille zu bedürfen, um sich ganz auf einen Gegenstand concentriren und ihre kräftigste Thätigkeit entwickeln zu können. ColumbuS blieb auf dem Hüttendecke, während der weniger betheiligte Luis sich auf ein Segel warf und die Nacht mit heiteren Bildern von Mercedes belebte, in denen der Augenblick seiner Heimkehr und das Entzücken eines glücklich bestandenen Abenteuers keine geringe Rolle spielten. Das todtenglciche Schweigen, welches auf dem Schiffe herrschte, hob noch die ausschließlichen Gefühle dieser wichtigen Nacht. Tie kleine Ninna glitt in der Entfernung einer Meile mit vollen Segeln vor dem Admiralsschiffe her, während sich ganz an der Spitze, etwa eine halbe Stunde weiter vorn, die schattigen Umriffe der Pinta sehen ließen, welche bei steifem Winde die rascheste Seglerin war. Sancho untersuchte in eigener Person alle Schoten und Brassen, und nie vorher hatte das Admiralschiff mit den beiden andern Fahrzeugen verhältnißmäßig so gleichen Schritt gehalten, als in dieser Nacht. Alle drei Caravelen schienen von dem Eifer 424 ihrer Mannschaft beseelt zu seyn und ini gegenwärtigen Augenblicke sich selbst übertreffen zu wollen. Hin und wieder fuhren die Matrosen auf, als ob sie in dem Pfeifen des Windes durch die Taue unbekannte und seltsame Stimmen aus einer geheimnißvollen Welt vernähmen; und so oft eine Welle eine Seite des Schiffes etwas mehr empordrängte, wandten Alle ihre Köpfe in der Erwartung, einen Schwarm unbekannter Wesen frisch aus der östlichen Welt sich über das Verdeck ergießen zu sehen. Mancher Seufzer hob sich aus ColumbuS' Brust, während er minutenlange in gespanntester Aufmerksamkeit nach dem Westen blickte, als ob seine Augen mit übermenschlichen Kräften das Dunkel der Nacht bewältigen wollten. Endlich beugte er sich vorwärts, blickte aufmerksam über die Luvgeländer des Schiffes, nahm dann seine Mütze ab und schien seine Seele in Gebeten deSDankeS zu ergießen. Luis war von der Stelle aus, wo er lag, Zeuge dieser Bewegungen und hörte jetzt auf einmal seinen Namen rufen. „Pedro Gutierrez — Pedro de MunnoS — Luis — oder wie Du immer heißen magst," sagte ColumbuS und seine schöne männliche Stimme zitterte von ungestümer Hast — „komm her, mein Sohn, und sage mir, ob Deine Augen mit den meinen übercinstim- men. Blicke in dieser Richtung — dort — mehr über diesen Deckbalken hin; kannst Du nicht etwas Ungewöhnliches bemerken?" „Ich sah Licht, Sennor — ungefähr wie dag einer Kerze, weder größer noch Heller; auch kam es mir vor, als bewege es sich und würde in der Hand getragen oder von den Wellen hin und her gestoßen." „Deine Augen haben Dich nicht getäuscht; Du siehst, daß es nicht von den andern Schiffen kommen kann, denn beide sind hier an dem Bug." „Was mag dieß Licht Eurer Ansicht nach wohl zu bedeuten haben, Don Christoval?" „Land! — ES ist entweder auf dem Lande selbst und erscheint 425 durch die Entfernung verkleinert, oder es kommt von irgend einem fremden Schiffe, welches zu Indien gehört; da unten ist Rodrigo Sanchez von Segovia, der Rechner der Flotte; steige hinab und heiße ihn heraufkommcn." Luis that, wie verlangt wurde, und bald war der Rechner gleichfalls an des Admirals Seite. Es verging eine Stunde, ehe stch das Licht wieder blicken ließ, dann aber loderte cs ein- vder zweimal auf wie eine Fackel und verschwand gänzlich. Dieser Vorfall kam schnell auf dem Schiffe herum, obgleich nur Wenige denselben für so wichtig hielten, als Columbus selbst. „Dieß ist Land," bemerkte der Admiral ruhig gegen die ihm nahe Stehenden, „und ehe viele Stunden vergehen, dürfen wir hoffen, eS zu Gesicht zu bekommen. Nun könnt ihr eure Seelen in dankbare Zuversicht ergießen, denn ein solches Zeichen kann nicht trügen. Es hat keine Aehnlichkeit mit den Lichterscheinungen des Meeres, und meiner Berechnung nach befinden wir uns in einer Weltgegend, wo cs Land geben muß, sonst ist die Erde keine Kugel." Ungeachtet dieser großen Zuversicht von Seiten des Admirals fühlte doch die Schiffsmannschaft nicht dieselbe Ueberzeugung, obgleich Alle in der Hoffnung schwammen, am nächsten Tage auf Land zu treffen. Da ColumbuS nicht mehr von diesem Vorfälle sprach, so trat das frühere Schweigen wieder ein, und in wenigen Minuten war jedes Auge aufs neue in ängstlicher Erwartung nach dem Westen gerichtet. So schwanden die Stunden hin, und die Schiffe trieben mit einer Eile vorwärts, welche ihre gewöhnliche Geschwindigkeit weit überbot, bis Mitternacht herankam. Da wurden die Schatten der Nacht plötzlich durch einen Lichtblitz erhellt und der Knall einer Kanone von der Pinta aus zitterte durch die steife Kühlte der Paffatwtnbe herauf. „Dort spricht Martin Alonzo," rief der Admiral, „und wir dürfen überzeugt sehn, daß er uns kein müßiges Signal gegeben 426 hat. Wer sitzt da oben auf der Braamsegelraa, harrend der Wunder, die sich von ferne entfalten werden?" «Ich bin'S, Sennor Don Almirantc," versetzte Sancho. „Ich sitze hier, seit wir die Abendmette sangen." «Siehst Du nichts Ungewöhnliches im Westen? — Strenge Deine Augen an, denn wir sind an der Thüre großer Ereignisse." „Ich bemerke Nichts, Sennor, als daß die Pinta ihre Segel vermindert, und daß die Ninna ihr bereits ganz nahe steht — ja, jetzt kürzt auch diese die Segel." „Gott seh Lob und Ehre für diese wichtigen Nachrichten! Sie sind Beweise, daß dießmal kein falscher Lärm ihr Urtheil irre geleitet hat. Wir wollen uns mit unfern Gefährten vereinigen, guter Bartolomäo, ehe wir einen einzigen Zoll Segeltuch einziehen." Alles war jetzt an Bord der Santa Maria in Bewegung; sie schoß eine halbe Stunde vorwärts und traf nun mit den beiden andern Caravelen zusammen, die unter gekürzten Segeln bei dem Winde angeholt hatten und langsam nebeneinander durch das Wasser schnitten, Rennpferden gleich, die sich nach einem heißen Wettlause ausschnauben. „Komm hieher, Luis," sagte ColumbuS, „und erfreue Dein Auge mit einem Anblick, wie er dem besten Christen nicht häufig zu Theil wird." Die Nacht war nichts weniger als dunkel — ein tropischer Himmel funkelte von tausend Sternen, wobei selbst das Meer ein düsteres melancholisches Licht zu entsenden schien. So wurde eS möglich, mehrere Meilen weit zu sehen, und besonders Gegenstände am Saume des Meeres zu unterscheiden. Als der junge Mann seine Augen leewärts wandte, wie ihn ColumbuS geheißen hatte, bemerkte er deutlich und klar eine Stelle, wo das Blau des Himmels aufhörte, und eine dunkle Masse sich über das Wasser erhob, die sich einige Stunden gegen Süden erstreckte, und dann endigte, wie sie angefangen hatte, indem der Waffersaum des Meeres 427 wieder die Wölbung des Firmaments berührte. Der in der Mitte liegende Raum zeigte die bestimmten Umrisse, die Dichtigkeit und die Farbe von Land, wie es sich in Mitternachtstunden auSnimmt. „Sieh', Indien!" rief ColumbuS. „Die große Aufgabe ist gelöst! Dieß ist ohne Zweifel eine Insel, aber das Festland kann nicht ferne scyn. Preis und Ehre der göttlichen Allmacht!" Zweiundzwanzigstes Kapitel. 'S gibt eine Macht, die deinen Kiel Auf bahnloscn Meeren lenket. Und die, wie einsam auch zum Ziel D» ringest, deiner stets gedenket. Bryant. Die nun folgenden zwei oder drei Stunden waren Stunden der größten Aufregung und des gespanntesten Interesses. Die drei Schiffe hielten sich in sicherer Entfernung von dem dunkeln Gestade, und strichen die meisten ihrer Segel, wie Fahrzeuge, welche müßig an einer bestimmten Stelle kreuzen und keine Ursache zur Eile haben. Hin und wieder glitten sie langsam an einander vorbei und riefen sich die herzlichsten Glückswünsche zu; aber kein Lärm, kein Ausbruch ungezügelter Freude ließ sich in dieser bedeutungsvollen Nacht vernehmen. Die durch den glücklichen Erfolg in unfern Abenteurern erweckten Gefühle waren zu tief und feierlich, um sich durch eine so niedrige Zurschaustellung ihrer Wonne kund zu geben, und vielleicht befand sich nicht ein Einziger unter Allen, welcher nicht während dieses inhaltschweren Augenblickes im Inneren seine tiefe Unterwürfigkeit und seine unbedingte Abhängigkeit von der göttlichen Vorsehung zugestanden hätte. ColumbuS schwieg. Gefühle wie die scinigen machen sich selten in Worten Luft, aber sein Herz stoß von Dank und Liebe über. Er glaubte sich in dem fernsten Osten zu befinden und diese» Theil 428 der Welt durch eine Wcstfahrt erreicht zu haben, und eS läßt sich cmnehmen, daß er mit dem kommenden Tage, der den Vorhang lüften sollte, eine von jenen Scenen orientalischer Pracht zu schauen hoffte, welche die Polo'S und Andere, welche diese fernen und unbekannten Gegenden besuchten, so beredt zu schildern wußten. Das Wenige, was er gesehen hatte, bewies hinreichend, daß diese oder andere Inseln bewohnt waren; bis jetzt war aber alles Uebrige noch Muthmaßung, und zwar eine Muthmaßung der wirresten und unsichersten Art. Die Düfte deS Landes ließen sich jedoch von den Fahrzeugen aus aus das Bestimmteste unterscheiden, und so hatten also zwei Sinne Gelegenheit, sich von der Gewißheit ihres Erfolges Neberzeugung zu verschaffen. Endlich erschien der heiß ersehnte Tag, und der östliche Himmel färbte sich in den heiteren Tinten, welche die gewöhnlichen Vorläufer eines Sonnenaufgangs sind. Als das Licht aus dem tiefblauen Ocean immer weiter glitt, und endlich die Insel erreichte, wurden die Umrisse der letzteren mehr und mehr deutlich. Auf der Oberfläche zeigten sich Bäume, Lichtungen und Felsen in buntem Wechsel, die allmählig aus dem Düster hervortraten, bis sich das ganze Gemälde in den feierlichen, grauen Farben des Morgens aufgerollt hatte. Endlich berührten die unmittelbaren Strahlen der Sonne die Insel und vergoldeten die hervorragendsten Punkte, indem sie zugleich andere in Schatten stellten. Es wurde nun klar, daß man eine nicht sehr große, waldreiche Insel entdeckt hatte, welche in dem lieblichsten Grün prangte. Das Land war niedrig, zeigte aber hinreichend anmuthige Umriffe, um in den Augen von Menschen, die eS so lange ernstlich in Zweifel gezogen hatten, ob ihr Fuß je wieder festen Grund betreten würde, für ein Paradies zu gelten. Der Anblick der Mutter Erde ist dem Matrosen, der lange nichts als Himmel und Wasser gesehen hat, stets ein erfreulicher, aber in dem gegenwärtigen Augenblicke war er dreifach entzückend, da die Mannschaft sich nicht nur von ihrer Verzweiflung geheilt, sondern 429 auch die glänzendsten Hoffnungen wieder aufleben sah. Aus der Lage des nahe liegenden Landes schloß CvlunibuS, daß er wahrscheinlich an der Insel, auf welcher er das Licht gesehen halte, vorbeigekommen sey — eine Vermuthung, welche in unseren Tagen, so weit man den Curs des großen Seefahrers kennt, fast zur Gewißheit erhoben worden ist. Die Sonne war kaum anfgegangen, als man lebende Wesen aus den Wäldern hervorkommcn und erstaunt auf die plötzliche Erscheinung von Maschinen Hinblicken sah, welche die harmlosen Inselbewohner anfangs irrigerweise als Himmelsboten betrachtete». Bald nachher legte CvlumbuS seine kleine Flotte vor Anker und stieg an'S Land, um im Namen der zwei Herrscher davon Besitz zu nehmen. Man beobachtete bei dieser Gelegenheit so viel Förmlichkeit, als die beschränkten Mittel der Reisenden gestatteten. Jede Caravele schickte ein Boot mit ihrem Befehlshaber an'S Land. Der Admiral, in Scharlach gekleidet, führte, mit der Königlichen Fahne in der Hand, den Zug an, während Martin Alonzo und Bicente Dannez Pinzon folgten und mit Kreuzen, dem Sinnbild der Expedition, versehene Banner trugen, auf denen sich die Anfangsbuchstaben der Namen der beiden Herrscher Id. und I., Fcrnando'S und Jsabella's, befanden. Als man das Gestade erreichte, fanden die bei solchen Gelegenheiten üblichen Förmlichkeiten statt. ColumbuS nahm für die Herrscher von dem Lande Besitz, brachte Gott für die glückliche Vollendung der Fahrt seine Dankgebete dar und begann dann, sich umzusehen, um sich einen Begriff von dem Werthe seiner Entdeckung zu verschaffen." ' Es ist seltsam, daß die Lage und der Name der Insel, aus welche man bei dieser berühmten Reise zuerst traf, bis auf diesen Tag ein Gegenstand — wenn auch nicht gerade des Zweifels, so doch wenigstens des Streites geblieben ist. Die meisten Historiker — und darunter welche von dem größten Ansehen — glaube», es seh Cat Island, wie sie heut zu Tage heißt, gewesen, obgleich ihr der Admiral den Namen San Salvador bei» gelegt hatte — während andere sich für TurkS Island entscheiden. Der 430 Diese Ceremonien waren kaum beendigt, als sich die Mannschaft der Schiffe um den Admiral versammelte, ihm zu dem Erfolge Glück wünschte und ihre liefe Zerknirschung über ihre Verzagtheit und ihre Widerspenstigkeit zu erkennen gab. Diese Scene ist oft als ein Beweis der Wunderlichkeit und des NnbcstandeS menschlichen UrtheilS geschildert worden, da man dasselbe Wesen, dem man kürzlich noch, als einem rücksichtslosen und selbstsüchtigen Abenteurer, gegrollt hatte, jetzt beinahe wie eine» Gott verehrte. Der Admiral fühlte sich jedoch durch diese Schmeichelei nicht mehr gehoben, als er durch die frühere Unbotmäßigkeit eingeschüchtert worden war, und bewahrte gegen die ihn Nmdrängenden seine ruhige Haltung und den Ernst seines Benehmens, obgleich ein aufmerksamer Beobachter vielleicht ei» trinmphircndeS Leuchten in seinen Auge» und die Gluth inneren Entzückens auf seinen Wangen entdeckt haben würde. „Diese guten Leute sind eben so wankelmüthig in ihrer Furcht, als schrankenlos in ihrer Freude," sagte ColumbuS zu Luis, als er sich dem Gedränge ein wenig entwunden hatte. „Gestern noch hätten sie mich gerne in's Meer geworfen, und heute sind sie geneigt, sogar Gott ob seinem unwürdigen Geschöpfe zu vergessen. Grund, de» mau für die letztere Ansicht geltend machen will, liegt in der Lage dieser Insel und in dem Curse, welchen ColumbuS später einschlug um Cuba zu erreichen. MunnoS ist der Meinung, daß eS WatlingS Island war, welches uni einen Längengrad oder um eine Fahrt von wenigen Stunden genau östlich von Cat Island liegt. Die Ansprüche Turks Island'? an diese Ehre sind ziemlich unhaltbar, denn der CurS, welcher von der Insel aus eingcschlagen wurde, war nicht westlich, sondern südwestlich; und wir finden, daß ColumbuS die Insel Cuba, welche er, den Schilderungen der Eingebornen zu Folge, für Cipango hielt, in südlicher Richtung aussuchle. MunnoS gibt für seine Behauptung keine Gründe; jedenfalls aber entspricht WatlingS Island der Beschreibung des großen Seefahrers nicht, obgleich sein CurS derselben so nahe lag, daß er ohne Zweifel in der Dunkelheit an ihr vorbei kam, ohne ihrer gewahr zu werden. Man »ermuthet, das von ColumbuS so oft bemerkte Licht setz auf dieser Insel gewesen. 431 Siehst Du nicht, daß diejenigen, welche uns durch ihre Unzufriedenheit am meisten zu schaffen machten, jetzt die Lautesten in ihre» Lobpreisungen sind?" „Das ist Menschennatur, Sennor; die höchste Furcht geht leicht in maßloses Entzücken über. Die Schufte bilden sich ein, es geschehe Alles nur zu Eurem Lobe, während sie in der That nur ihre Freude kund geben, irgend einem unbekannten aber gefürchteten Hebel entronnen zu seyn. Unsere Freunde Sancho und Pcpe scheinen lange nicht so hingerissen, denn während der Eine an dieser indischen Küste Blumen pflügt, scheint der Andere mit empfehlungS- werther Ruhe um sich zu blicken, als berechne er die Länge und Breite von des Groß-ChanS Dublonen." „ColumbuS lächelte und näherte sich mit Luis den beiden erwähnten Männern, welche ein wenig seitwärts von der übrigen Gruppe standen. Sancho hatte die Hände in die Taschen seiner Jacke gesteckt, während er zu gleicher Zeit die Scene mit der Ruhe eines Philosophen betrachtete. Gegen ihn richtete der Admiral zuerst seine Schritte. „Nun, wie stehtS, Sancho von dem Schiffsdockenthor?" fragte der große Seefahrer. „Du betrachtest ja diesen glorreichen Auftritt so ruhig, als ob Du eine Straße in Moguer oder ein Feld in Andalusien ansähest." „Sennor Almirante! dieselbe Hand hat Beides gemacht. Dieß ist nicht die erstp Insel, an der ich landete; und jene nackten Wilden sind nicht die ersten Menschen, die ich ohne Scharlachwämser sehe." „Aber fühlst Du keine Freude über den glücklichen Erfolg, keine Dankbarkeit gegen Gott wegen dieser großen Entdeckung? Bedenke, mein Freund, wir sind an den Gränzen Asiens, und doch kommen wir durch eine westliche Fahrt hieher." „DaS letztere ist wahr, Sennor — ich kann einen Eid darauf schwören, denn ich habe keinen kleinen Theil des Weges die Speichen des Steuerrads mit meinen eigenen Händen regiert. Glaubt Ihr, 432 Sennor Don Almirante, wir sehen weit genug in dieser Richtung gekommen, daß wir gerade auf der Kehrseite der Erde, oder so zu sagen unter den Füßen der Spanier stehen?" „Keineswegs! Die Reiche des Groß-ChanS werden kaum die Lage haben, auf welche Du hindeutcst." „Was wird aber dann die Dobias dieses Landes abhalten, Sennor, in die Luft zu fallen und uns für unsere Mühen nichts zu lassen, als den Ruhm, eine Fahrt gemacht zu haben?" „Dieselbe Macht, welche unsere Caravelen auf dem Meere festhält und das Wasser verhindert, aus seinem Beete zu stürzen. Diese Dinge beruhen auf natürlichen Gesetzen, mein Freund; und die Natur ist ein Gesetzgeber, der alle Achtung verdient." „Das ist alles maurisch für mich," . versetzte Sancho, indem er seine Augbraucn rieb. „Wir stehen in der That hier, wenn auch nicht unmittelbar unter den Füßen Spaniens, doch gewissermaßen an der Seite des Hauses, ohne daß ich mehr Schwierigkeiten finde, meinen Kiel gerade zu halten, als eS in Mogucr der Fall war — ja bei der heiligen Clara, in gewisser Hinsicht sogar weniger, da die guten und soliden ikereSweine hier weit seltener sind." „Nun, Du bist doch wenigstens kein Maure, Sancho, obgleich der Name Deines Vaters ein Geheimniß ist. Und Du, Pepe, was findest Du in diesen Blumen so Bemerkenswertstes, daß sie so früh Deine Aufmerksamkeit von allen diesen Herrlichkeiten abziehen?" „Sennor, ich pflücke sie für Monika. Das Weib hat ein zarteres Gefühl als der Mann, und sie wird sich freuen, zu sehen, mit welcher Art von Schmuck Gott Indien geziert hat." „Bildest Du Dir ein, Pepe, Deine Liebe könne diese Blumen lebend erhalten, bis die gute Caravele abermals das atlantische Meer gekreuzt hat?" fragte Luis lachend.' „Wer weiß, Sennor Gutierrez? Ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus. Ihr würdet, wenn Ihr das Bild irgend einer castilianischen Dame im Herzen bewahrt, wohl gleichfalls gut thun Ihrer Schönheit eingedenk zu sehn »nd einige dieser seltenen Pflanzen zu sammeln, um ihre Lacken damit zu schmücken." ColumbuS wandte sich jetzt von den Beiden ab, da die Einge- bornen geneigt schienen, sich den Fremden zu nähern, während Luis bei dem jungen Matrosen zurückblieb, der noch immer die tropischen Pflanzen zu pflücken fortfuhr. In einer Minute war unser Held in einer ähnlichen Weise beschäftigt, und lange ehe der Admiral mit den verwunderten Insulanern in den ersten mündlichen Verkehr getreten war, hatte jener einen prachtvollen Strauß gesammelt, den er bereits in Mercedes glänzenden, dunkeln Locken zu sehen glaubte. Die Ereignisse von mehr öffentlichem Character, welche jetzt folgten, sind dem Leser zu bekannt, als daß es hier einer Wiederholung bedürfte. Nach einem kurzen Aufenthalt zu San Salvador besuchte ColumbuS, zum Theil durch Neugierde, zum Theil durch die wahren oder erdichteten Berichte der Eingebornen veranlaßt, noch einige andere Inseln, bis er am 28. Oktober Cuba erreichte. Hier glaubte er eine Zeit lang, er hätte den Kontinent aufgcfunden, und fuhr beinahe einen Monat, zuerst in nordwestlicher und dann in südöstlicher Richtung, an den Küsten hin. Die Neuheit dieser Scenen verlor indessen bald ihren Reiz und die angebornen Gefühle von Habsucht und Ehrgeiz begannen in der Brust mehrerer von Denen wieder die Oberhand zu gewinnen, welche dem Admiral zuerst ihre Unterwürfigkeit bezeugt hatten, als die Entdeckung von Land so schlagend die Nichtigkeit seiner Theorien und die Armseligkeit ihrer eigenen Bedenklichkeiten bewies. Unter Andern, welche sich in dieser Weise von den Einflüssen ihres CharacterS bewältigen ließen, war auch Martin Atonzo Pinzon, der sich von der Gesellschaft des Grafen von Llera fast ganz ausgeschlossen sah, da er in den Augen dieses jungen Edeln nur eine sehr untergeordnete Stelle einnahm. Er stützte sich daher auf die Wichtigkeit seines Postens und begann ColumbuS um einen Ruhm zu beneiden, den er seiner Meinung nach recht wohl für sich selbst Donna Mercedes. 2te Ausl. 28 434 hätte verdienen können. Schon ehe man das Land erreicht hatte, waren bei mehreren Gelegenheiten zwischen ihm und dem Admiral hitzige Worte vorgefallen, und jeden Tag ereignete sich etwas Neue«, um die Kälte zwischen Beiden zu vermehren. ES liegt nicht in der Absicht der gegenwärtigen Erzählung, bei den Begebenheiten, die nun folgten, zu verweilen und die Abenteurer auf ihren Wanderungen von Insel z» Insel, von Hafen zu Hafen und von einem Flusse zum ander» zu begleiten. ES wurde übrigens bald klar, daß sehr wichtige Entdeckungen gemacht worden waren. Die Reisenden setzten Tag für Tag ihre Nachforschungen fort und folgten den übel verstandenen Anweisungen, die. wie sie sich einbildeten, auf Goldmincn Hindeutelen. Allenthalben trafen sie auf eine prachtvolle üppige Natur, Schauplätze, die das Auge bezauberten, und ein Klima, das den Sinnen schmeichelte; bis jetzt aber hatten sie den Menschen in dem ursprünglichsten Zustande der Wildheit gefunden. Man war allgemein der irrigen Ansicht, in Indien zu sepn, und jede Mittheilung, sey es durch Worte oder Zeichen, die man von den harmlosen Bewohnern dieser Gegenden erhielt, suchte man auf die Rcichthümer des Morgenlandes zu beziehen. Alle glaubten sich, wenn auch nicht unmittelbar in dem Reiche des Groß-ChanS, so doch mindestens an dessen Gränzen zu befinden. Unter solchen Umständen, wo jeder Tag neue Sccnen herbeiführte und noch viel größere Entdeckungen versprach, dachten nur Wenige an Spanien, es sey denn, daß sie sich den Ruhm einer sieg- und erfolgreichen Rückkehr vergegenwärtigen. Selbst Luis' Gedanken weilten nicht mehr mit derselben Innigkeit bei Mercedes, da ihr Bild, so liebenswürdig es auch war, vorübergehend den ungewöhnlichen Schauspielen weichen mußte, welche in rascher und unermüdeter Aufeinanderfolge vor seinem körperlichen Auge auftauchten. Außer der Fruchtbarkeit des Bodens und der Milde des Himmelsstriches fanden unsere Abenteurer allerdings wenig, wgs ihre glänzenden Hoffnungen auf pecuniäre Vortheilc verwirklicht hätte; aber jeder Augenblick gebar eine neue Hoffnung, und Niemand konnte wissen, was der andere Tag bringen mochte. Endlich schickte man zwei Kundschafter in das Innere, um Entdeckungen zu machen, und ColumbuS benützte diese Gelegenheit, um seine Schiffe kielholen zu lassen. Zur Zeit, als man die Rückkehr der AuSgesendcten erwartete, zog ihnen Luis mit einer Anzahl Bewaffneter entgegen und Sancho befand sich unter seinem Gefolge. Der Zug traf eine kurze Tagreise von den Schiffen auf die heimkehrenden Kundschafter, denen eine Anzahl Eingebvrner mit der gespanntesten Neugier und der zuversichtlichen Erwartung, diese unbekannten Besucher jeden Augenblick gen Himmel fliegen zu sehen, folgten. Als sich beide Partien vereinigt hatten, wurde zum Zwecke der Erfrischung für eine Weile Halt gemacht. Inzwischen begab sich Sancho, der sich auf dem Lande so wenig, als auf dem Meere um Gefahren kümmerte, nach einem Dörfchen in der Nähe des Lagerungsplatzes und suchte sich daselbst den Einwohnern mittelst Zeichen so angenehm zu machen, als es einem Manne von seinem Aeußeren möglich war. Sancho spielte in diesem kleinen Flecken dieselbe vortheilhafte Nolle, in welcher ein großer Mann aus der Hauptstadt auf dem Lande zu figuriren pflegt: denn seine Zuhörer waren dem Zustande der Natur noch nicht hinreichend entnommen, um sich auf den Schnitt eines Wamses und die Art, eS zu tragen, zu verstehen, oder zwischen dem Rüpel und dem Edeln einen Unterschied machen zu können. Er hatte unter diesen einfachen Wesen kaum einige Minuten den großen Herrn gespielt, als sie ihm auch schon irgend einen Beweis besonderer Auszeichnung erzeigen zu wollen schienen. Ein Mann bot dem Helden des Augenblicks in einer so ehrerbietigen Weise, wie ein Türke seine getrocknete Süßigkeiten, oder ein Amerikaner seine Kuchen darreichen würde, einige schwarz aussehcnde, getrocknete Blätter an. Sancho setzte sich in Bereitschaft, das Geschenk in Empfang zu nehmen, obgleich ihm eine Dobla, deren er, seit er die letzte von dem Admiral erhalten. 436 keine mehr gesehen hatte, lieber gewesen wäre, als sich plötzlich die meisten der Cubaner auf ihn zu bewegten und, zwar mit Ehrfurcht, aber mit Nachdruck, das Wort „Tabacco! Tabacco!" aussprachen. Auf diesen Wink zog sich der Mann, welcher die Blätter in der Hand hielt, zurück, wiederholte dasselbe Wort in anpreisender Weise, und begann das, was augenscheinlich in der Sprache des Landes Tabacco genannt wurde, zu bereiten. Er kam bald damit zu Stande, indem er die Blätter in der Gestalt einer rohen Cigarre zusammenrollte, worauf der nun verfertigte Tabacco dem Matrosen angeboten wurde. Sancho nahm das Geschenk, nickte herablassend mit dem Kopfe, widerholte das Wort so gut er konnte, und steckte den Tabacco in seine Tasche. Diese Bewegung erregte augenscheinlich einige Ueber- raschung unter den Zuschauern; aber nach einer kurzen Berathung zündete einer derselben das eine Ende einer Rolle an, steckte das andere in seinen Mund und begann nicht nur zu seinem eigenen, sondern anscheinend auch zu seiner Nachbarn großem Vergnügen, Wolken eines leichten, wohlriechenden Rauches von sich zu stoßen. Sancho versuchte dieß »achzuahmen, was aber zu dem bei Anfängern in dieser edlen Beschäftigung gewöhnlichen Ziele führte, daß er mit dem bleichen Gesichte eines Opiumeffers und einem Ekel, wie er ihn seit seinem ersten Ausflug über die Sandbank von SalteS nach der bewegten Fläche des atlantischen Meeres nicht mehr empfunden hatte — zu seiner Gesellschaft zurücktaumelte. Diesen kleinen Auftritt könnte mau wohl die Einführung des Wohlbekannten amerikanischen KrauteS in die civilisirte Gesellschaft nennen, wobei ein Mißverständniß der Spanier die Benennung der Rolle auf die Pflanze selbst übertrug. So wurde Sancho vom Schiffsdockenthor der erste christliche Tabackraucher, und brachte eine Kunst nach Europa, in welcher bald nachher einige der größten Männer seiner Zeit mit ihm wetteiferten und die sich bis auf unsere Tage fortgepflauzt hat. Nach der Rückkehr der Kundschafter ging Columbus wieder 437 unter Segel, und verfolgte seinen Weg längs der Norbküste von Cnbci. Während er gegen die Paffatwinde ankämpfte, um im Osten vorzudringen, traf er auf so starken Wind, daß er sich entschließen mußte, nach einem Lieblingshafen auf der Insel Cuba abzuhalten, dem er den Namen Puerto del Principe gab. Zn diesem Zwecke ließ er Signale geben, um die Pinta, welche weit windwärts war, zurückzurufen, und da die Nacht anbrach, wurden Lichter auSgehängt, um Martin Alonzo in den Stand zu setzen, sich an den Admiral anzuschließen. Am andern Morgen bei TageSgrauen kam ColumbnS auf das Deck, warf seinen Blick umher, und sah die Nimm unter seinem Lee beiliegen, aber von der andern Caravele keine Spur. „Hat Niemand die Pinta gesehen?" fragte der Admiral Sancho, der an dem Steuer stand, mit großer Lebhaftigkeit, „Ich sah sie, Sennor, so lang Augen ein Schiff sehen konnten, das sich unsichtbar zu machen beabsichtigt. Meister Martin Alonzo ist aus dem Ostbord verschwunden, während wir hier beigelegt hatten, um seine Herabkunft zu erwarten." Es war nun Columbus klar, daß derselbe Mann ihn verlassen hatte, der früher so eifrig in seiner Angelegenheit gewesen war und nun durch seine Handlungsweise auf's Neue erprobte, wie wenig die Freundschaft gilt, wenn Eigennutz und Habsucht ihr Spiel treibe». Die Abenteurer trugen sich mit Berichten von Goldmienen, deren Vorhandenseyn man aus den Beschreibungen der Eingebornen folgern wollte, und der Admiral zweifelte nicht, daß sein unbotmäßiger Begleiter der Segelschnelligkeit seiner Caravele vertraute, um bei dem Winde zu halten, in der Hoffnung, zuerst das Eldorado ihrer Wünsche zu erreichen. Da jedoch das ungünstige Wetter au- hielt, so kehrten die Santa Maria und die Ninna in den Hafen zurück, um zu warten, bis sich der Wind änderte. Diese Trennung fand am 21. November statt: die Flotte war damals noch nicht über die Nordküste von Cuba hinaus gekommen. Bon diesem Tage an bis zum 6. des folgenden Monats fuhr Columbus fort, diese die Insel zu untersuchen, kreuzte dann durch die seit jener Zeit so betitelte WindwärtSpaffage und berührte zum erstenmale die Ufer von Hayli. Inzwischen wurde der Berkehr mit den Eingebornen, so gut es die Umstände gestatteten, fortgeführt, und die Spanier gewannen in Folge der menschenfreundlichen und klugen Maßregeln ihres Admirals allenthalben Freunde. Allerdings kamen auch hin und wieder Gewaltthäligkeiten vor, worunter z. B. das Aufgreifen von einem halben Dutzend Indianer, um sie der Königin Donna Jsabella zum Geschenke zu machen, gezählt werden muß: doch läßt sich dieser Schritt durch die Gebräuche jenes Zeitalters rechtfertigen, da man dabei sowohl die Achtung vor dem königlichen Ansehen, als auch das Seelenheil der Gefangenen im Auge hatte. Die Abenteurer waren von dem kühnen und doch so ansprechenden Anblick von Hayti entzückter, als sie selbst bei dem der benachbarten Insel Cuba gewesen waren. Sie trafen daselbst wohlgebildetere und gesittetere Einwohner, als ihnen bisher vorgekommen waren, ohne daß sie dabei jener Sanftmulh und Gelehrigkeit entbehrten, welche dem Admiral so wohl gefallen hatte. Man traf auch Gold in beträchtlicher Menge, und die Spanier leiteten einen ziemlich ausgedehnten Handelsverkehr ein, in welchem auf der einen Seite das gewöhnliche LockungSmittel für den civilisirtcu Menschen als höchstes Ziel galt, während auf der andern Falkenschellen dahauptsächlichste Crforderniß zu sehn schienen. In dieser Weise, wie auch in manchen Ausflügen aufGerathe- wohl längs der Küste hin, war der Admiral bis zum 20. Dezember beschäftigt, als er endlich einen Punkt erreichte, in dessen Nähe dem Vernehmen nach die Residenz des großen Kaziken dieses ganzen JnselstricheS lag. Dieser Fürst, dessen Namen in der spanischen Mundart Gua- canagari lautete, hatte viele tributpflichtige Kaziken, und war, so viel man aus de» halbverständlichen Beschreibungen seiner Nnter- thanen eninehmen konnte, ein sehr beliebter Regent. Am 22., L39 nachdem die Fahrzeuge bereits ein Paar Tage in der Bai von Acul gelegen waren, sah man auf einmal ein großes Canoe in den Hafen einfahren. Kurz nachher wurde dem Admiral angekündigt, daß dieser Nachen einen Gesandten des großen Kaziken enthalte, welcher Geschenke von seinem Gebieter brächte und den Admiral ersuchen ließe, feine Schiffe eine Meile weiter östlich zu führen und vor der Residenz des Fürsten selbst Anker zu werfen. Man konnte wegen ungünstigen Windes nicht sogleich willfahren, und so wurde ein Bote mit der geeigneten Antwort abgeschickt, worauf der Gesandte wieder zurückkchrte. Luis, der des trägen Lebens müde war und neben seiner an- gebornen Vorliebe für Abenteuer auch gerne das Innere des Landes in Augenschein genommen hätte, schloß schnell Freundschaft mit einem jungen Manne, Namens Mattinao. der den Botschafter begleitet hatte, und nahm nach zuvor erbetener Erlaubniß gleichfalls Platz in dem Kahne der Indianer. ColumbuS gab zwar nur ungerne seine Zustimmung zu dieser Grille, da ihm der Rang unseres Helden Wünschenswcrth machen mußte, den möglichen Folgen irgend eines Verraths oder Unfalls vorzubeugen. Luis ließ sich jedoch nicht abweisen, und so erlaubte er ihm den AuSstug unter ernsten Einschärfungen, vorsichtig zu sehn, wobei ColumbuS nicht versäumte, den jungen Edlen auf den Tadel aufmerksam zu machen, der den Admiral treffen mußte, wenn ihm irgend etwas Ernstliches zustieß. Zur Vorsorge wurde dem Grafe» bei diesem ritterlichen Abenteuer Sancho Mundo als Knappe beigegeben. Bis jetzt hatte man in den Händen der Eingebornen noch keine furchtbarere Waffe, als einen abgestumpften Pfeil bemerkt Der junge Graf de Llera verschmähte es daher, sich mit seinem Panzer vorzusehen, und waffnete sich zu Trutz und Schutz nur mit seinem treuen Schwerte, das er so oft im Handgemenge an maurischen Harnischen und Helmen erprobt hatte, und mit einem leichten Schilde. Man hatte ihm auch eine Hakenbüchse gegeben, aber 440 er lehnte sie als eine Wehr ab, welch- ritterlichen Händen nicht zieme und ein Mißtrauen verriethe, welches die Eingebornen den Vorgängen nach nicht verdienten. Sancho war jedoch weniger bedenklich und nahm die Waffe an. ColumbuS wußte, daß er in dem gegenwärtigen Zugeständnisse von seinen eigenen strengen Gesetzen abging; er ließ daher, um die Aufmerksamkeit seines Gefolges von diesem Schritte abzulenken, LuiS und seinen Begleiter mit der Weisung ans Land setzen, an einer Stelle, nach welcher man von den Schiffen aus nicht Hinsehen konnte, in das Canoe zu steigen, damit seine Abwesenheit nicht bekannt werde. Diese Umstände, überhaupt das Geheininißvolte, welches die Theilnahme des jungen Granden an dieser Fahrt umhüllte, sind Ursache, daß die Ereignisse, welche wir jetzt mitzntheilen gedenken, nie ihren Weg in das Tagebuch des Admirals fanden und daher den spähenden Blicken der verschiedenen Gesichtsforscher, welche später diese wichtige Urkunde so fleißig benützten, entgingen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Du scheinest eine Blume hold Dem Aug' — ein zartes Kind der Lüste, DaS knospet in des Himmels Gold Und um sich hauchet süße Düfte. Sutcrmclster. Sobald sich Luis mit den Haytiatkcrn allein befand, trat ihm trotz seines angebornen MutheS und einer Gleichgültigkeit gegen Gefahr, die an Tollkühnheit gränzte, das Gefühl der Neuheit seiner Lage lebhaft vor die Seele. ES ereignete sich jedoch nichts, was Unruhe erregen konnte, und er setzte den unvollkommenen Verkehr mit seinen neuen Freunden, so gut es gehen mochte, fort, wobei er hin und wieder Sancho, der nur einer Ermuthigung bedurfte, um stundenlang an Einem fortzusprechen, eine Bemerkung zuwarf. 441 Statt dem Boote der Santa Maria zu folgen, an dessen Bord sich der Gesandte eingcschifft hatte, ruderte der Kahn einige Stunden ostwärts weiter, denn Luis hatte die Weisung erhalten, sich in der Stadt Guacanagari erst nach der Ankunft der Schiffe öffentlich zu zeigen, wo er sich dann ganz in der Stille mit seinen Cameraden wieder vereinigen und so alles Aufsehen vermeiden konnte. Unser Held hätte in der That nicht verliebt seyn muffen, wäre er gegen die Herrlichkeiten der Naturscenen, die vor seinen Augen auSgebreitet lagen, als er die Ufer von Espannola entlang fuhr, gleichgültig geblieben. Das Romantische der Landschaft wurde, wie es in dem mittelländischen Meere der Fall ist, durch die Milde eines niedrigen Breitegrades gehoben, die denselben Zauber um die Felsen und Vorgebirge wirft, welchen ein heiteres Lächeln der weiblichen Schönheit leiht. Mehr als einmal brach er in die Laute des Entzückens aus — ein Gefühl, in welches Sancho, freilich in etwas anderem Ausdrucke mit einstimmte, da er es gewiffcrmaffen als zum Dienst gehörig betrachtete, das Echo zu den poetischen Ergießungen des jungen Grafen zu bilden. „Ich zweifle nicht, Sennor Conde," bemerkte der Matroie, als sie eine Stelle erreichten, die einige Stunden über dem Ankerplatz der Schiffe lag, „ich zweifle nicht, Sennor Conde, daß Eure Er- cellenz weiß, wohin diese nackten Herren die ganze Zeit über rudern. ES scheint, daß ihnen Eile Noth thut, und daß sie einen Hafen wenn auch nicht im Auge, doch wenigstens im Sinne haben." „Ist Dir vielleicht nicht ganz Wohl zu Muthe bei der Sache, Sancho, daß Du diese Frage mit so vielem Ernste stellst?" „Wenn dieß je der Fall wäre, Don LuiS, so käme es bloS auf Rechnung der Familie de Bobadilla, welche ihr Oberhaupt verlieren würde, wenn Eurer Ercellenz irgend ein Unglück begegnete. Was kümmert es Sancho von dem SchiffSdockenthore, ob er irgend eine Prinzessin von Cipango heirathen und der Schwiegersohn deS Groß-ChanS werden muß, oder ob er als der unbedeutende Matrose aus Moguer abstirbt? Es ist ganz dasselbe, als ab man ihm die Wahl ließe, ein WammS zu tragen und Knoblauch zu essen, oder nackend zu gehen, und sich mit süßen Früchten den Magen zu füllen. Ich wette, Sennor, Eure Ercellenz würde nicht das Schloß von Llera gegen den Palast dieses großen Kaziken vertauschen." „Du hast Recht, Sancho, selbst der Rang hängt von dem geselligen Zustande ab, in welchem wir leben. Ein castilianischer Edler kann eine» Herrscher von Hayti nicht beneiden." „Zumalen seit mein Commandcur, der Sennor Don Almirante, öffentlich bekannt gemacht hat, daß unsere gnädige Gebieterin, Donna Jsabella, fortan und für immer die Königin dieser Herrscher sehn soll," versetzte Sancho mit einem schlauen Seitenblicke. „Diese würdigen Leute scheinen aber die Ehre, welche ihnen bevorsteht, gar wenig würdigen zu können, am wenigsten aber Seine Hoheit, der König Guacanagari." „Still," sagte Luis, „und behalte Deine muthwilligen Andeutungen für Dich. Unsere Freunde wenden den Bug des Canoes nach der Mündung jenes Flusses und scheinen landen zu wollen." Die Eingebornen hatten jetzt in der That die Küste, so weit es ihre Absicht war, umschifft, und bogen nun in die Mündung eines kleinen Flusses ein, der auf den edlen, die Insel durchziehenden Bergen seinen Ursprung nahm, und sich durch ein lachendes Thal den Weg zum Meere bahnte. Dieser Strom war weder breit noch tief; doch enthielt er bei weitem hinreichend Wasser für die von den Eingebornen gebrauchten Fahrzeuge. Seine Ufer waren mit Büschen gesäumt und als man längs denselben hin ruderte, begegnete Luis stets neuen Prachtscenen, so daß er wohl gerne sein Leben hier zugebracht hätte, vorausgesetzt, daß Mercedes alle diese Herrlichkeiten hätte mitgenießen wollen; denn wir haben kaum nöchig, beiznfügen, daß er auf diesen Wunderschauplätzen der Natur allenthalben seine Gebieterin in Sammt und Spitzen gekleidet, wie sich damals die hochgeborenen Damen trugen, zu sehen glaubte. und daß ihre natürliche Anmuth, verschönert durch den edlen höfischen Anstand und durch die feinen Sitten, welche der tätliche, wo nicht stündliche Umgang mit der königlichen Herrin zur Folge haben mußte — nie in seiner Seele sich verwischte. Als das Canoe zwischen den zwei Spitzen, welche die Mündung deS Flusses begränzten, an die Küste schoß, machte Sancho den jungen Grafen auf eine kleine Flotte von Kähnen aufmerksam, die vor dem Winde von Osten herabkamen und augenscheinlich, wie so viele andere, die sie den Tag über gesehen, die Absicht hatten, dem wunderbaren Fremden in der Bai von Acul einen Besuch abzustatten. Die Eingebornen in dem Kahne erblickten gleichfalls diese kleine Flottille, welche unter Baumwollcnsegeln vor dem Winde Hertrieb, und ihr Lächeln und ihre Zeichen gaben zn erkennen, daß jene wirklich eine derartige Bifite beabsichtigen. Als man in die Mündung des Stromes einfuhr, zog Mattinao unter einem leichten Baumwollenkleide, welches er hin und wieder zu tragen Pflegte, einen dünnen Reif vom feinsten Golde hervor, welchen er als eine Art von Krone auf seinen Kopf setzte. Luis erkannte aus diesem Zeichen, daß sein neuer Freund einer von den Kaziken war, welche Guacanagart Tribut zahlten, und stand daher auf, um ihm die seinem Rang angemessene Begrüßung zu zollen, was denn auch von allen Hayiianern nachgeahmt wurde. Luis schloß mit Recht aus dieser Zurschaustellung seiner Würde, daß Mattinao jetzt in die Gränzen seines eigenen Gebietes eingetreten sey. Sobald der junge Kazike sein Inkognito abgelegt hatte, hörte er auf zu rudern, nahm eine würdige und gebieterische Miene an und versuchte, sich mit seinem Gaste, so gut es bei den unvollkommenen Verständigungsmitteln gehen wollte, zu unterhalten. Er sprach oft das Wort „Ozema" aus, und Luis folgerte aus der Art, wie er eS that, daß dieß der Name eines LieblingSweibeS sey; denn die Spanier hatten bereit» ausgefunden, oder glaubten wenigstens sich überzeugt zu haben. 4LL daß die Kaziken sich die Vielweiberei erlaubten, während sie ihre Untcrthanen streng auf den Besitz einer einzigen Gattin beschränkten. Das Canoe ruderte mehrere Meilen Fluß hinan, bis es eines jener tropischen Thäler erreichte, wo die Natur alle ihre Mittel ansgeboten zu haben scheint, um zum Genüsse einzuladcn. Während die Landschaft vieles von der Freiheit einer Wildniß besaß, hatte ihr die Gegenwart des Menschen schon seit Jahrhunderten alle rauheren und wilderen Züge abgestreift. Gleich seinen Bewohnern zeigte der Ort die ganze Vollkommenheit natürlicher Nn- muih, unverkümmert von den erkünstelten Erfindungen des menschlichen Geistes. Die Hütten waren trotz ihrer Einfachheit, die mit dem Bedürfnisse ihrer Bewohner im Einklänge standen, nicht ohne Schönheit. Ungeachtet man mitten im Winter Europas stand, blühte» die Blumen und die üppigen Zweige bogen sich unter der Last nahrhafter und wohlschmeckender Früchte. Mattinao wurde von seinem Volke mit lebhafter Neugierde und unterwürfiger Hochachtung empfangen. Seine harmlosen Un- terthanen drängten sich um Luis und Sancho mit derselben Verwunderung, mit welcher der civilisirte Mensch einen der Propheten betrachten würde, wenn ein solcher zur Erde und ins Fleisch zurückkehren wollte. Sie hatten von der Ankunft der Schiffe gehört, betrachteten aber demungeachtet die Bewohner derselben als nichts Geringeres, denn als einen Besuch vom Himmel. Wahrscheinlich war dies nicht die Meinung der im Range hoher Stehenden, denn selbst in dem Zustande der Wildheit ist die Ansicht des großen Haufens selten die der wenigen Begünstigten. Sancho wurde — vielleicht wegen der größeren Nngebundenheit seines CharacterS, welche ihm gestattete, sich leichter an die Gewohnheiten der Indianer anzuschmiegen, vielleicht auch in Folge des SchicklichkeitSgefnhlS dieser harmlosen Seelen — bald der Liebling der Menge; während der Graf von Llera hauptsächlich der Sorgfalt Mattinao'S und der Vornehmsten seines Stammes überlassen blieb. Dieser Umstand brachte die beiden Spanier bald auseinander, indem das Volk Sanchv zu einer Art von öffentlichem Belustigungsplatz in der Mitte des Dorfes führte und Don Luis in der Wohnnng des Kaziken zurückließ. Mattinao war kaum mit unserem Helden und zwei seiner vertrautesten Häuptlinge allein, als die Indianer den Namen „Ozema" mit großer Lebhaftigkeit wiederholte». Es folgte nun eine sehr eifrige Besprechung, worauf man — Luis wußte nicht wohin — einen Boten abschickte. Die Häuptlinge verabschiedeten sich und ließen den jungen Castilianer niit dem Kaziken allein. Dieser legte seinen goldenen Reif bei Seite, warf, da er bisher fast nackend gewesen war, ein baumwollenes Kleid um, winkte seinem Gefährten ihm zu folgen, und verließ das Gebäude. Luis warfseinen Schild auf die Schulter, rückte den Gürtel seines Schwertes in einer Weise, daß diese Waffe ihn im Gehen nicht belästigte, und entsprach dieser Aufforderung mit so viel Zuversicht, als ob er mit einem Freund durch die Straßen von Sevilla ginge. Mattinao führte seinen Begleiter durch eine liebliche Wildniß, wo tropische Pflanzen unter mit köstlichen Früchten beladenen Baum- zweigen wuchsen, und folgte einem Fußpfade längs eines Baches, der einer Bergschlucht entströmte und seine Wasser weiter unten in den Strom ergoß. Sie gingen etwa eine halbe Meile und erreichten dann eine Gruppe ländlicher Wohnungen, welche auf einem lieblichen Bergvorsprunge lagen und eine weite Aussicht sowohl nach der größeren unten am Flusse liegenden Stadt, als auch nach dem fernen Meere zuließen. Luis sah im ersten Augenblicke, daß diese süße Einsamkeit zur Benützung des zarteren Geschlechtes bestimmt war, und zweifelte nicht, daß eS eine Art von Serail sep, wo die Weiber des jungen Kaziken wohnten. Man führte ihn in eines der Hauptgebäude, wo ihm aufs Neue die einfachen aber lieblichen Erfrischungen, deren sich die Eingeborenen gewöhnlich bedienten, angeboten wurden. 4-16 Der Verkehr eines Monats hatte nicht zugereicht, beide Theile gegenseitig mit ihren verschiedenen Sprachen besonders vertraut zu machen. Die Spanier hatten zwar einige der gewöhnlicheren, indianischen Wörter aufgefangen, und LuiS war vielleicht hierin am weitesten gekommen; doch bediente er sich derselben höchst wahrscheinlich in vielen Fällen unrichtig genug, und dieß selbst dann, wenn er sich am besten auSgedrülkt zu haben glaubte. Aber die Sprache der Freundschaft ist nicht leicht zu verkennen, und unser Held hatte, seit er die Schiffe verließ, bis zu dem gegenwärtigen Augenblick, nicht dem mindesten Gefühl von Mißtrauen Raum gegeben. Mattinao schickte sogleich nach seiner Ankunft einen Boten nach einer anliegenden Wohnung, und nachdem er dem jungen Grafen hinreichend Zeit gelassen hatte, sich zu erfrischen, stand er aus und lud seinen Gast mit einer verbindlichen Gebilde, welche einem Ccre- monienmcistcr an JsabellenS Hofe Ehre gemacht haben würde, auf's neue ein, ihm zu folgen. Sie nahmen ihren Weg längs des terrassenförmigen BergvorkprungeS hin und kamen zu einem Hause, welches die übrigen an Größe übertraf und augenscheinlich mehrere Unterabtheilungen hatte. Hier trafen sie eine Art von Vorzimmer, in welchem sie eine Weile harrten, während welcher der Kazike sich mit einer weiblichen Dienerin besprach; dann lüftete er einen kunstreich aus Seegras geflochtenen Vorhang, und ging in ein inneres Gemach voran. Sie trafen hier nur eine einzige Bewohnerin, welche unseren Hellen nur durch das einzige Wort „Ozema", das der Kazike in einem leisen, zärtlichen Tone aussprach, vorgcstellt wurde. Luis verbeugte sich vor dieser indianischen Schönheit so tief, als er wohl in Gegenwart einer hochgeborenen spanischen Jungfrau getha» haben würde; dann sammelte er sich wieder, heftete einen langen und festen Blick der Bewunderung auf die Züge des vor ihm stehenden neugierigen, aber halb erschreckten Wesens, Und rief in einem Tone, tu welchem sich Staunen und Entzücken zugleich aussprachen: „Mercedes!" 447 Der junge Kazike wiederholte diesen Namen, so gut er konnte, indem er ihn augenscheinlich für ein spanisches Wort hielt, um Bewunderung oder Vergnügen auszudrücken; während das zitternde, junge Geschöpf, welches der Gegenstand solchen Staunens war, einen Schritt zurückirat, erröthete, lachte, und mit ihrer sanften, melodischen Stimme das Mort „Mercedes" aussprach, wie ein unschuldiges Wesen irgend EiwaS, was seinem harmlosen Herzen Vergnügen gewährt, aufsaßt und wiederholt. Sie faltete dann - demüthig die Arme über ihrer Brust, und stand unbeweglich da, einer Statue des Staunens ähnlich. Wir müssen jedoch erklären, warum in diesem seltsamen Augenblicke Luis' Gedanken so plötzlich zu seiner Gebieterin zurückgcführt wurden. Zu diesem Ende wollen wir zuvörderst versuchen, eine kurze Schilderung von Ozema'S Acußerem zu geben, denn dies war in der Thal der Name der indianischen Schönheit. Alle Berichte über die Urbewohner Westindiens sprachen sich dahin ans, daß sie ungemein schön gebildet waren und eine natürliche Anmuih in ihren Bewegungen kund gaben, welche die allgemeine Bewunderung der Spanier erregte. Ihre Farbe war nicht unangenehm, und man erzählt sich besonders von den Einwohner» Hayti's, daß sie nur um ein weniges dunkler als die Spanier waren. Diejenigen, welche sich dem sengenden Sonnenstrahl! dieses ClimaS nur wenig augietzten und gewöhnlich unter dem Schatten ihrer Haine oder in der Zurückgezogenheit ihrer Wohnungen lebten — wie dieß ja auch in Europa vvrznkommen pflegt — konnte man vergleichungsweise sogar weiß nennen. Dieß war bei Ozenra der Fall, die übrigens nicht das Weib des jungen Kaziken, sondern nur seine Schwester war. Den Gesetzen Hayti's zufolge Pflanzte sich die Würde eines Kaziken durch die weiblichen Glieder fort, und so stand zu erwarten, daß ein Sohn Ozema'S der Erbe der Macht seines Onkels werde. Dieser Thaisache, wie auch dem Umstande, daß die ganze königliche Familie — wen» sich dieser Ausdruck auf 448 einen so einfache», geselligen Zustand anwenden läßt — nur noch aus diese» zwei Gliedern bestand, ist cs zuzuschreiben, daß Ozema von ihrem Stamme mehr als gewöhnlich hochgeschätzt wurde, und daher, frei von jeder Sorge, schwereren Beschäftigungen so wenig auSge- setzt war, als sich dieß mit der Lage ihres BolkeS vertrug. Sie war achtzehen Jahre alt, ohne etwas von den Mühseligkeiten erfahren zu haben, welche mehr oder minder das nothwendige Geleite des wilden Lebens sind, obgleich alle Indianer, die die Spanier bis jetzt gesehen hatten, ungewöhnlich frei von derartigen Nebeln zu sehn schienen. Sie verdankten diese Ausnahme dem üppige» Boden, der lieblichen Wärme des ClimaS und der gesunden Lust. Mit einem Wort, Ozema besaß gerade jene Vorzüge, welche Nngebundenheit, natürliche Anmulh und eine wilde Ueppigkeit der weiblichen Form zu leihen im Stande ist, wenn sie durch mildes Clima, gesunde und einfache Nahrung und vollkommene Freiheit von Mühe, Arbeit und Sorge unterstützt werden. Als ein solches Wesen könnte man sich etwa Eva denken, wie sie, unmittelbar aus der Hand ihres göttlichen Schöpfers, Adam zuerst erschien — bescheiden, ohne Arg, furchtsam und in schönster Vollkommenheit. Die Bewohner Hahti'S bedienten sich einiger Kleider, obgleich cS nicht gegen ihre Begriffe von Schicklichkeit verstieß, ganz in dem Gewände der Natur umherzugehen. Doch sah man nur Wenige von Stand ganz unbekleidet, denn man betrachtete eine Hülle des Körpers als eine Zierde und Auszeichnung, wenn man gleich ihren Gebrauch nicht für nöthig erachtete. Ozema bildete von dieser allgemeinen Regel keine Ausnahme. Ein bunter Gürtel von indianischem Tuch umschloß ihren schlanken Leib, und fiel fast bis zu ihren Knieen hinunter; ein Gewand von fleckenloser Wolle, zwar kunstlos gefertigt, aber weiß, wie der frischgefallcne Schnee und von so feinem Gewebe, daß es viele der Manufakturwaaren unserer Tage hätte beschämen können — zog sich wie eine Schärpe über die eine Schulter, war auf der andern Seite zu einem leichten Knoten vereinigt und 449 fiel in reichen Falten fast bis zur Erde hinunter. Schön gearbeitete Sandalen schützten die Sohle eines Fußes, ob dem eine Königin hätte neidisch werden können, und eine große Platte deS feinsten Goldes hing, roh gearbeitet und von einer Schnur kleiner, aber prachtvoller Muscheln gehalten, an ihrem Halse. Armbänder, gleichfalls von Muscheln, umschloßen ihre zierlichen Handgelenke, und zwei leichte Goldspangcn umfingen Knöchel, so tadellos als die der mediceischen Venus. In jenen Gegenden betrachtete man die Schönheit des Haares als ein Abzeichen hoher Geburt, wie man auch hin und wieder unter civilistrteren Völkern mit weniger triftigen Gründen Füße und Hände für einen ähnlichen Beleg gelten läßt. Macht und Rang waren seit mehreren Jahrhunderten durch die weiblichen Familienglieder fortgepstanzt worden, und so war Ozema'S Haar seidenweich, wallend, üppig und schwarz wie der Stern des Auges: es bedeckte ihre Schultern gleich einem prachtvollen Mantel und fiel bis auf ihren einfachen Gürtel herab. Dieser natürliche Schleier war so leicht und seidenartig, daß sein Ende in der sanften Strömung der Luft sich bewegte, obgleich sie nur wie ein leichter Athem durch das Gemach wehte. Dieses außerordentliche Wesen war allerdings die lieblichste unter den jungen, wilden Schönen, welche Lnis ans den Inseln zu Gesicht bekommen hatte; es waren aber nicht sowohl ihre anmuthigen und wohlgerundeten Formen, oder selbst der bezaubernde Ausdruck ihres Antlitzes, was den jungen Grafen überraschte, sondern mehr die zufällige, entschiedene Ähnlichkeit mit einer Dame, die in Spanien zurückgeblieben und so lange der Abgott seines Herzens gewesen war. In dieser Ähnlichkeit lag auch der einzige Grund, den Namen seiner Gebieterin in der erwähnten Weise auSzusprechcn. Würde man beide nebeneinander gestellt haben, so hätte sich wohl ein sehr bezeichnender Unterschied auffinden lassen mögen, ohne daß wS nöthig gewesen wäre, den geist- und gedankenvollen Ausdruck der Züge unsrer Heldin mit dem staunenden, unsicheren, halb erschreckten Blicke Donna Mercedes. 2te Aufl. 29 450 Ozcma'S zu vergleiche»; aber doch war die allgemeine Aehnlichkeit sprechend genug, um Jedem, der das Antlitz der Einen kannte, aufzusallcn, wenn er der Andern begegnete. Bei einer Vergleichung Seite au Seite würde sich heranSgesiellt haben, daß Mercedes schöner und zarter, ebenso daß ihre Züge und Stirne edler waren, daß ihr Auge den innewohnenden Geist wicderstrahlte, ihr Lächeln die Fülle der Gedanken und Empfindungen eines gesitteten WeibeS sichtbar werden ließ, ihr zartes Errölhen das Bcwußtsehn herkömmlicher Sitte verriet!), und endlich der allgemeine Ausdruck von einer höheren Bildung zeugte, als von den ungekünstelten Gefühlen und dem cng- begränzten Jdcenkreise der jungen, Tochter Hapti'S erwartet werden konnte. Demungeachtet ließ sich, was bloße Schönheit, Jugend, Farbe und Form anbelangt, kaum ein Unterschied bemerken, da in dieser Hinsicht die Aehnlichkeit augenfällig war; wie denn auch Wohl Manche die seelenvolle, natürliche Freimüthigkeit und den ganzen Zauber, welchen ein glühendes, unverhülltes Gefühl dein Weibe leiht — nicht minder die vertrauungsvolle Hingebung der jungen Indianerin der ungebildeten und würdevollen Zurückhaltung der casti- lianischen Erbin vorgezoqen haben würden. Was bei der Letzter» ernste, hochsinnige, angeborene, religiöse Begeisterung war, erschien bei der Andern als reiner Erguß ungezügelter Regungen, denen sie sich, da deren Quelle so rein weiblich war, mit ganzer Seele hingab. „Mercedes!" rief unser Held, als dieses Ideal indianischer Liebenswürdigkeit unerwartet vor seine Augen trat. „Mercedes!" wiederholte Mattinao. „Mercedes!" flüsterte Ozema, indem sie mit Erröthen und Lächeln einen Schritt zurücktrat und dann ihre Unschuldige Zuversicht wieder aufnahm, während sie das gleiche Wort, welches sie irrigerweise für einen Ausdruck der Bewunderung nahm, mehreremale mit ihrer sanften melodischen Stimme wiederholte. Da von einer Unterhaltung in Worten keine Rede sehn konnte, so blieb beiden Parthien kein andrer Ausweg, als ihre Gefühle durch 451 Zeichen und Freundschaftsbeweise auszudrücken. Luis hatte seinen kleinen Ausflug nicht angetretcn, ohne sich mit Geschenken zu versehen. Er rechnete auf eine Zusammenkunft mit der Gattin des Kaziken und hatte daher von dem Dorfe herauf einige Gegenstände mitgebracht, von denen er dachte, sie möchten ihrem ungekünstelten Geschmack entsprechen; als er aber der gegenwärtigen Erscheinung an- sichiig wurde, schienen sie ihm alle eines solchen Wesens unwürdig zu seyn. In einem seiner Angriffe gegen die Mauren hatte er einen reichen, hellfarbigen Turban erbeutet, welchen er als Siegeszeichen anfbewahrtc und hin und wieder bei seinen Besuchen am Lande aus Laune oder als eine Art von Schmuck trug, der wohl auf die einfachen Naiurkinder einen Eindruck zu machen im Stande war. Derartige Grillen vcranlaßtcn keine Bemerkungen, indem Seeleute, wenn sie der Beaufsichtigung ihrer Oberen entnommen sind, gerne solchen Wunderlichkeiten nachhängen. Er hatte diesen Turban auf dem Kopfe, als er in Ozema'S Gemach trat, und von Entzücken über diese unverhoffte Ähnlichkeit hingerissen, vielleicht auch von dem unverhofften Anblick so vieler Liebenswürdigkeit entflammt, rollte er ihn artig auseinander, entfaltele den reichen Stoff, und warf ihn als Mantel über die Schulter der schönen Ozema. Die Ausdrücke der Dankbarkeit und des Entzückens, welche diesem Naiurkinde entschlüpften, waren warm, aufrichtig und unverhüllt. Sie warf die Schärpe vor sich auf die Erde, wiederholte stets aus'S neue das Wort „Mercedes", und legte ihre Freude mit der ganzen Wärme einer edlen und einfachen Natur an den Tag. Wenn wir behaupten wollten, Ozema'S Freudeäußerung sey ganz frei von der kindischen Wonne gewesen, wie sie sich vielleicht nicht von ihrer Unwissenheit trennen ließ, so würden wir ihrem noch umnachtcten Cultnrzustandc die Erfahrung und die abgemessenen Gefühle vorangeschrittener Civilisation beilegen; aber trotz der arglosen Einfalt, mit welcher sie die innersten Regungen ihres Herzens kund gab, war ihr Entzücken würdevoll und hatte viel von dem Anstande, welcher gewöhnlich das Benehmen der höhern Klaffen in der ganzen Welt auSzelchnet. Luis fand das ihrige so anmulhsvoll, als eS natürlich und bezaubernd war. Er stellte sich vor» wie ungefähr die Dame von Valverde ein Geschenk von köstlichen Steinen aus Donna Jsabella'S gnädigen Händen hingenommen haben würde, und hielt sogar für möglich, daß die kunstlose Anmuth Ozema'S nicht weit hinter dem demüthigen Selbstgefühle, vermischt mit dankbarer Freude, welche Mercedes bei einer solchen Gelegenheit darlegen müßte, Zurückbleiben dürfte. Während solche Gedanken in seiner Seele austauchten, legte das indianische Mädchen ihre eigene, wenig anziehende Kleidung bei Seite, ohne daß ihr auch nur ein Gedanke von schüchterner Scham gekommen wäre, und hüllte ihre tadellose Gestalt in den Stoff des Turbans. Sie halte dieß kaum mit der ihrem unbefangenen Geiste eigenthümlichen Anmuth und Freimüthigkeit verrichtet, als sie die Muschelschnur von ihrem Halse nahm, einige Schritte auf unfern Helden zuging, und ihm mit halb abgewandtem Antlitz, obschon mit lachenden und wohlwollenden Blicken, welche den mangelnden Austausch der Rede mehr als ersetzten, die Gabe darbot. Luis nahm sie mit dem geziemenden Feuer in Empfang und zögerte nicht, der Vorschrift der eastilianischen Galanterie getreu, die schöne Hand zu küssen, aus welcher er die Spielerei empfangen. Der Kazike, welcher mit Vergnügen Zeuge der Vorgänge gewesen war, winkte nun dem Grafen, ihm zu folgen, und führte ihn zu einer andern Wohnung. Hier wurde Don Luis einigen andern jungen Frauen und zwei oder drei Kindern vorgestellt, von denen die einen Mattinao'S Weiber und die andern seine Sprößlinge waren. Unter Beihülfe von Geberden, einigen Worten und anderen Verständigungsmitteln, zu denen die Spanier und die Eingebornen ihre Zuflucht nahmen, gelang es ihm jetzt, sich über die zwischen dem Kaziken und Ozema bestehenden Verwandtschafts-Verhältnisse Aufklärung zu verschaffen. Es durchflog unfern Helden fast wie Freude, als er ä33 entdeckte, daß die indianische Schönheit nicht verheirathet war, und er leitete dieses Gefühl vielleicht nicht mit Unrecht von einer Art eifersüchtiger Empfindlichkeit ab, welche in der Ähnlichkeit des Mädchens mit Donna Mercedes ihren Grund hatte. Den übrigen Theil dieses Tages und die drei folgenden brachte LuiS mit seinem Freunde, dem Kaziken, in diesem seinem Lieblingsaufenthalte zu, und unser Held war natürlich für die Bewohner desselben ein Gegenstand größeren Interesses, als es diese wahrscheinlich für ihn seyn mochten. Sie nahmen sich tausend unschuldige Freiheiten gegen ihn heraus, untersuchten seinen Anzug und den Putz, welchen er trug, und ermangelten nicht, die Weiße seiner Haut mit der rötheren Mattinao'S zu vergleichen. Bei dieser Gelegenheit benahm sich Ozema am zurückhaltendsten und schüchternsten, obgleich ihr Blick jeder seiner Bewegungen folgte und ihr heiteres Antlitz die Theilnahme bezeichnet-, welche sie für Alles, was mit dem Fremden in Verbindung stand, fühlte. Luis lag tiundenlang auf duftigen Matten neben diesem truglosen, liebenswürdigen Wesen hingestrcckt, stuvirte den launenvollen Ausdruck ihrer Züge in der süßen Hoffnung, immer mehr Ähnlichkeiten mit Mercedes herauszufinden, und verlor sich bisweilen ganz in dem, was ihr ausschließliches Etgcnthum war. So lange sich der Graf an diesem nur für Mattinao und seine Familie bestimmten Orte aushielt, gab er sich Mühe, werthvolle Nachrichten über die Insel einzuholen, und er glaubte bald zu finden, daß die schöne Schwester deS Kaziken — mochte sie nun dieses Urtheil ihrem Hähern Rang, der angeborenen Neberlegenheit ihres Geistes, oder dem Zauber ihres Benehmens verdanken — sich ihm besser verständlich machen konnte, als der Jndianerfürst oder seine Weiber. Er stellte daher seine meisten Fragen an Ozema, und ehe noch der erste Tag zu Ende ging, hatte dieses schnellfaffende und aufmerksame Mädchen größere Fortschritte in der Eröffnung eines Verkehrs zwischen den Abenteurern und ihren Landsleuten gemacht, als in den vorangehenden zwei 454 Monaten zu Stande gebracht werden konnten. Sie fing die spanischen Worte mit einer fast instinktartigen Gelehrigkeit auf und sprach sie mit einem Accente wieder, der sie nur noch weicher und angenehmer in dem Ohre klingen ließ. Luis de Bobadilla war ein so guter Christ, als man bei einer strengen Erziehung, einem wandernden Leben und den Gewohnheiten des Lagers werden kann, wenn dazu noch hoher Rang, Jugend und ein feuriges Teperament kömmt. Aber er gehörte einer Periode an, in welcher die meisten Laien eine tiefe Verehrung vor der Religion hegten, mochten sie sich nun in der That ihrem läuternden Einfinffe unterwerfen oder nicht. Wenn eS überhaupt Freidenker gab, so befanden sich dieselben vorzugsweise unter der Zahl derjenigen, die ihr Leben in ihren Gemächern hinbrachten, oder unter den Geistlichen selbst, welche oft unter der Kutte nur ihren Unglauben verbargen. Die enge Verbindung des jungen Grafen mit ColumbuS hatte gleichfalls nicht wenig dazu beigetragen, sein Vertrauen auf das beständige Walten der Vorsehung zu bekräftige», und er fühlte sich nur sehr geneigt, zu glauben, daß die wunderbare Leichtigkeit, womit Ozema Sprachen lernte, eine jener halb mirakelähnlichcn Fügungen sey, deren sich Gott in der Absicht bediene, die Einführung der Religion des Kreuzes unter den Indianern zu fördern. Er schmeichelte sich oft, wenn er in die dunkeln und doch so milden Augen des Mädchens blickte, und Zeuge der Mühe war, welche sie sich gab, um sich ihm begreiflich zu machen, daß er daS Werkzeug sey, jenes große Unternehmen durch eine so jugendliche und bezaubernde Vermittlerin zu Stande zu bringen. Der Admiral hatte ihn auch auf das Grforderniß aufmerksam gemacht, wo möglich dar Vorhandenseyn und die Lage der Goldmincn ausfindig zu machen und es gelang ihm in der That, Ozema seine Nachforschungen über einen Gegenstand, der den Spaniern so hoch wichtig war, begreiflich zu machen. Ihre Antworten waren weniger verständlich, oder es kam LniS vor, als ob sie nie ausführlich genug seyn könnten, und 455 so schmeichelte er sich die ganze Zeit über, daß er nur im Interesse und nach dem Wunsche ColumbuS' handle. Den Tag nach seiner Ankunft fand ihm zu Ehren eine Zurschaustellung einiger indianischen Spiele statt. Diese Belustigungen sind zu oft beschrieben worden, um hier einer Wiederholung zu bedürfen; in allen derartigen Bewegungen und Uebungen aber, die inSgesammt einen friedlichen Character trugen, zeichnete sich insbesondere die jugendliche Prinzessin durch ihre Anmuth und Geschicklichkeit aus. Luis wurde gleichfalls aufgefordert, seine Kraft zu zeigen, und da er außerordentlich behend und stark war, so entriß er leicht seinem Freunde Mattinao die SiegeSvalme. Der junge Kazike zeigte weder Eifersucht noch Unwillen über diesen Erfolg, während seine Schwester lachte und entzückt mit den Händen klatschte, wenn er sogar in seinen eigenen Spielen durch die Ueberlcgenheit seines Gastes besiegt w»rde. Mehr als einmal schienen die Weiber Mattinao'S sich in sanftem Tadel über das Uebermaß von Theil- nahme auSzufprechen; aber Ozema begegnete demselben mit lachendem Spott, und in solchen Augenblicken erschien sie — vielleicht nicht mit Unrecht — unserem Grafen de Llera liebenswürdiger als das schönste Gebild der Phantasie; denn ihre Wangen glühten, ihre Augen funkelten wie Brillanten, und die Zähne, die zwischen den Rosenlippen sichtbar wurden, erschienen so blendend, wie zwei Perlenschnüre. Wir haben angedeutet, daß Ozema'S Augen schwarz waren, und hierin unterschieden sie sich allerdings wesentlich von den tiefblaue», melancholischen Sternen der schwärmerischen Mercedes; aber dennoch waren sie sich ähnlich, so oft sie die gleichen Gefühle ausdrückten, besonders wenn eS sich um Dinge handelte, welche mit Luis in Verbindung standen. Mehr als einmal während dieser gymnastischen Uebungen kam es dem jungen Manne vor, als ob der Ausdruck der Freude, der aus Ozema'S Augen blitzte, das lebende Abbild des tiefwurzelnden Entzückens sey, das ihm so oft im Turniere aus Mercedes Blicken entgegengestrahlt hatte, und bei 436 solchen Gelegenheiten erschien ihm die Achnlichkeit zwischen Beiden so augenfällig, daß er, die Kleidung und andere ziemlich hervortretende Umstände abgerechnet, fast dieselbe Person zu sehen glaubte. Der Leser darf übrigens hieraus nicht folgern, daß unser Held in der That seiner früher» Liebe untreu wurde. Mercedes war im Gegentheil zu tief in sein Herz eingeschloffen, um sich so leicht verdrängen zu lassen, und Luis war trotz aller seiner Fehler ein so warm fühlender und treuer Ritter, als nur irgend einer akhmele. Aber er war jung, fern von dem Gegenstand seiner vieljährigcn Anbetung und nichts weniger als unempfindlich gegen die Bewunderung, welche das arglose und gewinnende Jndianermädchen gegen ihn zu erkennen gab. Hätte Ozema auch nur durch einen unbescheidenen Blick verrathen, daß ihrem Benehmen ein angelegter Plan zu Grunde liege, so wäre er wohl im Augenblick aus seiner jeweiligen Täuschung gerissen worden. So aber war im Gegentheil bei diesem arglosen Mädchen Alles nur Natur und Unbefangenheit; denn selbst wenn sie die Theilnahme, welche sie für ihn empfand, am offensten kund gab, so geschah es mit einer so augenfälligen Einfachheit, einer so unwiderstehlichen Naivetät und einer Aufrichtigkeit, welche so deutlich der Erguß eines unschuldigen Herzens war, daß unmöglich der Argwohn einer bestrickenden Absicht aufkommen konnte. Mit einem Wort, unser Held zeigte nur, daß er ein Mensch war, indem er sich bis auf einen gewissen Grad einem Zauber hingab, welcher unter den vorwaltenden Umständen vielleicht im Stande gewesen wäre, die Treue von Männern wanken zu machen, die, hinsichtlich der Beharrlichkeit ihres CharacterS, sich eines besseren Nuss erfreuten, als der Conde de Llera. Unter stets neuen Scenen enteilte die Zeit wie auf Flügeln, und Luis selbst war erstaunt, als er bei einem Rückblicke sich erinnerte, daß er sich nun schon mehrere Tage bei Mattinao ausgehalten und den größten Theil dieser Zeit in dem Serail des Kaziken — wie man es nicht unpassend nennen konnte — zugebracht hatte. 457 Sancho von dem Schiffsdockenthor war in der Zwischenzeit gleichfalls nicht vernachlässigt worden. Er war so gut als der junge Edle, der Held seines eigenen Kreises und hatte dabei seines Auftrags, nach Gold zu spähen, nicht vergessen. Er hatte zwar kein einziges Wort von der t^ayti-Sprache gelernt und ebensowenig irgend eine der lachenden Nymphen, die ihn umgaben, auch nur eine Sylbe spanisch gelehrt, wohl aber Viele aus dem Völkchen mit Falkenschellen geschmückt und sie vermocht, ihm dafür jede Zierde, welche mit dem ersehnten köstlichen Metalle Aehnlichkcit hatte, entgegen zu geben. Dieser Verkehr wurde jedoch ohne Zweifel mit aller Ehrlichkeit und nach dem LieblingSprincipe jener Anhänger eines freien Geschäftsbetriebs geübt, welche die Behauptung aufstellcn, Laß der Handel nichts weiter scy, als ein Austausch gleich werth- voller Gegenstände, ohne daß man auf widrige Zufälle, welche für den Augenblick einen Einfluß auf die Werthbestimmung üben könnten, Rücksicht zu nehmen habe. Sancho hatte so gut seine Begriffe von Handelsverkehr, als die neueren Theoretiker, und da er mit Luis während ihres Aufenthalts in Mattinav'S Gebiete hin und wieder zusammenkam, so entwickelte er einige seiner Ansichten über dieses ansprechende Thema bei Gelegenheit einer ihrer Unterhaltungen. „Ich sehe wohl, daß Deine Leidenschaft für Dobias noch immer rührig ist, Freund Sancho," sagte Luis lachend, als ihm der alte Matrose die Vorräthe von Goldstaub und Goldplatten, die er gesammelt hatte, zeigte; „Du hast genug von diesem Metalle in Deiner Reisetasche, um einige Dutzend Stücke daraus zu prägen, von denen jedes das Gesicht des Königs, unseres Herrn, oder der Königin, unserer Gebieterin, trägt." „Verdoppeln Sie die Anzahl, Sennor Conde — verdoppeln Sie die Anzahl! — Und alles dieß für den Preis von etwa siebenzehen Falkenschellen, die mich eine Hand von Maravedi kosten. Bei der Messe! Das ist ein billiger und frommer Handel, und wie er einem ehrlichen Christen ziemt. Die Wilden da machen 458 sich ans dem Golde nicht mehr, als Enre Ercellenz aus einem todten Mauren, und um sie dafür zu strafen, halte ich eine Falkenschelle gerade eben so wohlfeil. Mögen sie so geringschätzig, als sic wollen, auf ihren Schmuck und den gelben Staub blicken, sic werden mich eben so willig finde^, mich von den zwanzig Falkenschellen zu trennen, die mir noch übrig sind. Sie sollen nur ihren Tausch fortsctzen, ich bin möglichst bereit, ihnen Nichts für Nichts z» geben." „Ist eS aber auch ehrlich, Sancho, einen Indianer seines Goldes zu berauben und ihm dafür eine Spielerei anzuhängen, die für Kupfer zu kaufen ist? Bedenke, daß Du ein Castilianer bist, und gib hinfort zwei Falkenschellen, wo Du bisher nur eine gegeben hast." „Ich vergesse meiner Geburt nie, Sennor, denn glücklicherweise liegt das Schiffsdockenthor von Moguer in Alt-Spanien. Wird der Werth einer Sache nicht durch die Marktpreise bestimmt? Fragt was immer für einen Handelsmanch, und er wird Euch dasselbe sagen, wie cs den» auch so klar, als die Sonne am Himmel ist. Als die Venezianer vor Candia lagen, konnte man aus dieser Insel Trauben, Feigen und griechische Weine für ein gutes Wort haben, während man die westliche» Artikel zu ungeheuren Preisen bezahlen mußte. Nichts liegt mehr auf flacher Hand, als die That- sache, daß Alles seinen Preis hat, und der wahre Handel besteht darin, daß man WerthloseS gegen WerthloseS austauscht." „Wenn es ehrlich ist, von der Unwissenheit eines Anderen Voriheil zu ziehen," versetzte Luis, der als ächter Edelmann den Handel nur mit Verachtung betrachtete, so muß es auch gerecht seyn, Kinder und Dummköpfe zu betrügen." „Gott und insbesondere mein Schutzpatron, der heilige Andreas, mögen verhüten, daß ich mich einer so schlechten Handlung schuldig mache! Falkenschellen, Sennor, sind in Hayti mehr Werth, als Gold, und.da ich dieß zufällig weiß, so bin ich bereit, mich von diesen kostbaren Dingen für ihren Unrath zu trenne». Ihr seht, daß ich eher großmüthig als habsüchtig bin, denn wir sind Alle auf Hayti, wo doch der Preis der Artikel bestimmt werden muß. Es ist wahr, daß sich »ach den großen Gefahren, die ich zur See zu bestehen hatte, )>nd nach den vielen Beschwerden und Wechselfällen, denen ich wohl noch ausgesetzt bin, bis ich dieses Gold nach Spanien gebracht habe — für meine Mühe etwas davonschlagen möchte, um mir für mein Alter einen ehrlichen Lebensunterhalt zu sichern. Ich hoffe daher, Donna Jsabella wird so viele Rücksichten für das Wohl dieser ihrer neuen Unterthaneu nehmen, um ihnen für immer das Seefahrergewerbc zu legen, da es, wie wir Beide recht wohl wissen, ein gar beschwerliches und gefährliches Geschäft ist." „Und warnm wünschest Du vorzugsweise diese Gunst zum Besten der armen Insulaner, Sancho? und dieß noch dazu auf Kosten Deiner eigenen Knochen?" „Einfach deshalb, Sennor," antwortete der Schalk mit einem verschmitzten Seitenblick, „damit der Handel nicht gestört werde, der so frei und uneingezwängt als möglich seyn muß. Wenn wir Spanier hieher nach Hayti kommen, so verkaufen wir eine Falkenschelle für eine Dobia in Gold; nehmen sich aber diese Wilden die Mühe nach Spanien zu gehen, so können sic für eine Dobia ihres Goldes wohl hundert unserer Falkenschcllen kaufen. Nein — nein! eS ist schon gut, so wie eS ist, und möge eine doppelte Portion Fegfeuer dem zu Theil werden, der einem guten, ehrlichen, freien und civilisirende» Handel Schwierigkeiten in den Weg lege» will, sage ich." Sancho war noch mit Auskramung seiner Begriffe über den freien Handel — der großen Mystifikation der neueren Philantro- pen — beschäftigt, als sich plötzlich von Mattinao'S Dorfe her ein Geschrei vernehmen ließ, wie man cs nur in Augenblicken der Gefahr und plötzlichen Schreckens hört. Die Unterhaltung hatte in 460 dem Haine, welcher zwischen dem Dorfe und den Privatwohnungen des Kazikcn mitten inne lag, stattgefunden, und die beiden Spanier waren gegen ihre Freunde so zutrauensvoll geworden, daß keiner derselben andere Waffen bei sich führte, als diejenigen, womit die Natur den Menschen versieht. Luis Fatte vor einer halben Stunde Schwert und Schild zu Ozema'S Füßen niedergelegt, die zu ihrer wechselseitigen Unterhaltung mit seinen Waffen die Heldin spielte, während Sancho die Hakenbüchse für ein viel zu schweres Geräth hielt, um eS beständig als Spielzeug mit sich zu führen. Sie lag in dem Gemache, das ihm zu einem behaglichen Quartiere diente. „Sollte das auf Verrath hinausgehen, Sennor?" rief Sancho. „Haben diese Blaustrümpfe vielleicht den wahren Werth der Falkenschellen ausfindig gemacht, und führen sie etwa im Schilde, den ihnen gebührenden Ncbcrschuß nachzufordern?" „Ich setze mein Leben zum Pfände, Mattinao und alle seine Leute sind zuverlässig, Sancho. Dieser Lärm hat etwas Anderes zn bedeuten. Horch! — vernimmst Dn nicht den Ruf ,Caonabo^?" „Freilich, Sennor! Dieß ist der Name des Cariben-Kaziken der der Schrecken aller dieser Stämme ist." „Eile wo möglich nach Deiner Hakenbüchse, Sancho, und dann schließe Dich in den Wohnungen oben an mich an. Ozema und die Weiber unseres Freundes müssen auf jede Gefahr hin verteidigt werden." Als Luis diesen Befehl gegeben hatte, trennten sie sich, und Sancho eilte dem Dorfe zu, welches zu dieser Zeit der Schauplatz wilden Tumultes war, während unser Held sich langsam und ver- drüßlich nach den Privatwohnungen des Kaziken zurückzog und hin und wieder hinter sich blickte, als sehne er sich, in das Getümmel des Kampfes zu stürmen. Hundertmal wünschte er sich seinen Lieblingszelter und eine tüchtige Lanze herbei, und es wäre auch in der That keine besonders schwere Aufgabe für einen Ritter von seiner Tapferkeit gewesen, tausend Feinde, wie die, welche ihn jetzt 461 bedrohten, in die Flucht zu schlagen. Hatte er ja oft allein ganze Reihen christlichen Fußvolks durchbrochen, und es ist bekannt, daß später einzelne berittene Männer Hunderte der Eingeborenen vor sich her trieben. Der Lärm war vor unserem Helden zu Mattinao'S Wohnungen gelangt. Als er in Ozema'S Behausung trat, traf er die Schwester des Kaziken von fünfzig Frauen umgeben, von denen einige bereits aus dem Dorfe hergeeilt waren, und aus Aller Mund tönte der schreckliche Name ,Caonabo*. Ozcma selbst war die Gefaßteste von Allen, übschon man Wohl sehen konnte, daß ihre Umgebung aus irgend einen, Grunde besonders für sie bekümmert war. Als Luis in das Zimmer trat, drängten' sich Mattinao'S Weiber um die Prinzessin, und er konnte bald ans ihren Worten und bittenden Geberden entnehmen, man dränge Ozema zur Flucht, damit sie nicht in die Hände des CaribenhäuptlingS falle. ES kam ihm sogar vor — und auch nicht mit Unrecht — daß die übrigen Frauen die Entführung der schönen Schwester des Kaziken als den eigentlichen Zweck des plötzlichen UcberfalleS betrachteten. Diese Vermuthung minderte keineswegs LuiS' eifrigen Wunsch, sie zu verlhcidigen. Sobald Ozema seiner ansichtig wurde, flog sie an seine Seite» rang ihre Hände, und sprach den Namen ,Caonabo° in einem Tone aus, der ein Herz von Stein hätte schmelze» können. Zugleich redeten ihre Augen in der Sprache der Hoffnung, des Vertrauens und der Bitte, deren es wahrlich nicht bedurfte, um unseren Helden für ihre Sache zu gewinnen. Im Augenblicke blinkte das Schwert in der Hand des jungen Ritters und der Schild deckte seinen Arm. Er versicherte dann die Prinzessin, so gut er konnte, seines Eifers, indem er den Schild vor ihre klopfende Brust hielt und das Schwert schwang, als ob er ihre Feinde herausforderu wolle. Er hatte kaum diese Betheurung gegeben, als alle übrigen Weiber verschwanden, zum Theil, um ihre Kinder in Sicherheit zu bringen, Alle aber, »m sich selbst in irgend einem guten Verstecke zu berge». Durch diese seltsame und unerwartete Flucht fand sich Luis, zu,» crsteninale seit dem Beginne ihrer Bekanntschaft, mit Ozema allein. Wenn man in dem Hause blieb, so konnte der Feind ungesehen hcrankommen, und die Angst- und Schreckensrufe kündigten bereits hinlänglich an, daß die Gefahr sich mit jedem Augenblicke näher zog. Luis forderte daher das Mädchen durch Zeichen auf, ihm zu folgen, nachdem er zuvor den Turban znsammcngerollt und um ihren Arm gewunden hatte, damit er ihr im Falle der Noth gewistermaßen als Schild gegen die feindlichen Pfeile diene. Während er so beschäftigt war, sank Ozema'S Haupt auf seine Brust nieder und ihre Augen brachen in Thränen aus. Diese Neußcrnng von Schwäche währte jedoch nur einen Augenblick. Als sie sich wieder aufrichtete, lächelte sie durch ihre Thränen, drückte krampfhaft Luis Arm und war wieder ganz die indianische Heldin. Sie verließen nun gemeinschaftlich das Gebäude. Luis bemerkte bald, daß sein Rückzug aus dem Hause keinen Augenblick zu früh geschehen war. Matlinao'S Familie war bereits verschwunden, und man sal, schon eine starke Partie der Feinde in tollem Nennen dem Haine zueilen; ihre Annäherung geschah lautlos, aber augenscheinlich waren sie sehr aus die Ergreifung deS Raubes erpicht. Der Graf fühlte, wie Ozema, welche seinen Arm umschlungen hatte, heftig zitterte, und hörte sie flüstern: „Caonabo — nein — nein — nein." Die junge indianische Prinzessin hatte die einsilbige spanische Verneinung aufgefaßt, und Luis deutete sich diesen Ausruf als Aeußerung ihres lebhaften Widerwille», das WcibdeS CaribenhäuptlingS zu werden. Sein Entschluß, sie zu schützen oder zu sterben, wurde durch diese un- willkührliche Aeußerung ihrer Gefühle keineswegs gemindert, obschon cs ihm nicht entgehen konnte, daß solche einigermaßen mit seiner eigenen Person in Verbindung stehe; denn trotz seiner edeln und 463 hochherzigen Sinnesart war unser Held doch ein Mensch und daher nicht abgeneigt, eine hohe Meinung von seinen ansprechenden persönlichen Eigenschaften zu unterhalten. Nur Mercedes gegenüber erwies sich Luis de Bobadilla demüthig. Fast von Kindheit an ein Krieger, sah sich der junge Graf hastig nach einer Stellung um, die seine VertheidigungSmittel unterstützen und den Waffen, welche ihm zu Gebot standen, den größten Nachdruck geben konnte. Glücklicherweise fand er ganz in der Nähe Gelegenheit dazu, und es bedurfte nur einer Minute, von derselben Vorthcil zu ziehen. Der Bergvorsprung lehnte sich an einen Felsenabsturz, und etwa fünfzig Ellen von dem Hause war eine Stelle, wo sich der jähe Fels in einem Winkel brach und so zu beiden Seiten eins Wand bildete, während die oben übcrhängende Kuppe jede Gefährdung durch herabfallende Steine unmöglich machte. In dem Winkelraume waren mehrere große Felscnstncke, die eine» Schutz gegen Pfeile abgeben konnten, während der Rasenplatz vorne hinreichend geräumig war, um einen Ritter, der im Besitze einer so vorthcil- haften Stellung war, in den Stand zu setzen, seine Tapferkeit zu entfalten. Unser Held fühlte sich nun stark, wo nicht unüberwindlich, da er nur von vorne angegriffen werden konnte. Ozema befand sich hinter einer der herabgestürzten Felsenmaffen, die ihren Körper halb verbarg; Sorge für Luis und Neugierde hinsichtlich ihrer Feinde veranlaßten sie jedoch, den ganzen oberen Thcil ihres Körpers blvSzustellen. Luis war kaum im Besitz dieses Postens, als sich etwa fünfzig Ellen vor ihm ein Dutzend Indianer blicken ließen, welche in geschloffener Reihe näher kamen. Sie waren mit Bogen, Streitkolben und Sperren bewaffnet. Ohne weiteres Schutzmittel als seinen Schild hätte dem jungen Grafen seine Lage bedenklich genug Vorkommen mögen, wenn er nicht gewußt hätte, daß die Schützenkunst der Eingebornen nichts weniger als schrcckeneinflößend war. Ihre Pfeile konnten allerdings, wenn sie auf kurze Entfernungen und einen nackten Körper abgeschossen wurden, tödten, aber es mochte sehr zweifelhaft erscheinen, ob sie auch im Stande waren, den starken Sammt, welcher Luis umhüllte, zu durchdringen; über- dieß war eine Entfernung von fünfzig Ellen nicht nahe genug, um viel befürchte» zu lassen. Der Belagerte erlaubte sich nicht, sich zu de» Felsen zurückzuziehen, da ein freier Raum zu dem Gebrauche seines guten Schwertes unerläßlich war, von welcher Waffe allein er sich den Sieg versprach. ES war vielleicht ein Glück für unfern Helden, daß sich Cao« nabo selbst nicht unter den Anrückenden befand. Dieser furchtbare Häuptling, welcher die fliehenden Frauen aus einige Entfernung verfolgte, da er diejenige, welche er suchte, unter ihnen vermuthcte — würde ohne Zweifel dem Kampfe durch einen verzweifelten Angriff ein rasches Ende gemacht haben, wo daun wahrscheinlich die Menge über den Muth und die Gewandtheit den Sieg davon getragen haben würde. Aber die Feinde, mit denen man es jetzt zu thun hatte, schlugen einen andern Weg ein, indem sie zu ihren Bogen griffen. Der Geschickteste unter ihnen legte einen Pfeil auf und ließ ihn fliegen. Das Geschoß glitt von dem Schilde des Ritter ab und traf die Wand hinter ihm so leicht, als ob hier von nichts anderem als einem müßigen Spiele die Rede sey. Ein zweiter folgte, und Luis wehrte ihn mit seinem Schwerte ab, da er es verschmähte, gegen eine solche Armseligkeit den Schild zu erheben. Die Kaltblütigkeit, mit welcher er den Angriff aufnahm, veranlaßte die Indianer, ein Geschrei zu erheben, von dem Luis nicht wußte, ob er es für Bewunderung oder für Wuth deuten solle. Der nächste Angriff war umsichtiger, da er auf einem Grundsätze beruhte, den auch Napoleon befolgt haben soll, wenn er die Artillerie spielen ließ. Die sechs oder acht, welche Bogen besaßen, entsandten gleichzeitig ihre Pfeile, und in Einem Fluge prallten diese Waffen auf dem Schilde des Angegriffenen an. Es war nicht leicht, einem derartigen vereinten Anstürmen ganz zu entgehen, 465 und unser Held wurde von einem und dem andern vorbeischießenberr Pfeile gestreift, obgleich kein Blut nachfolgte. Die Wilden schickte» sich indeß zu einer Wiederholung dieses Versuches an, als auf ein« mal das erschreckte Mädchen aus ihrem Verstecke hervoreilte und sich gleich den PocahontaS unserer eigenen Geschichte mit bemüthig vor der Brust zusammengeschlagenen Armen vor Luis stellte. Sobald sie erschien, erscholl der Ruf „Ozema! Ozema!" unter den Angreifern, die keine Cariben waren, wie jeder begreifen wird, der mit der Geschichte der Insel bekannt ist, sondern sanftere Hapti- bewohner, die unter einem Caribenhäuptling standen. Luis suchte vergebens das aufopferungsvolle Mädchen zum Rückzuge zu bereden. Sie glaubte sein Leben in Gefahr, und keine Sprache, wenn er anders bei einer solchen Gelegenheit seine Beredsamkeit hätte in Anwendung bringen können, würde sie vermocht haben, ihn in einer so schrecklichen Lage zu verlassen. Da die Indianer sich bemühten, über LuiS einen Vortheil zu gewinnen, ohne die Prinzessin zu tödten, so blieb ihm keine andere Wahl, als ein Rückzug hinter die Felsen. Er hatte kaum diesen Sicherungsposten erreicht, als sich ein wild aussehender Krieger mit den Feinden vereinigte, welche ihm alsbald den wirklichen Stand des Angriffs in lärmender Weise auseinander setzten. „Caonabo?" fragte Luis gegen Ozema gewendet, indem er auf den neuen Ankömmling deutete. Das Mädchen schüttelte nach einem ängstlichen Blick auf das Gesicht des Fremden den Kopf und umschlang zugleich mit verführerischer Hingebung den Arm unseres Helden. „Nein — nein — nein!" rief sie ungestüm; „nicht Caonabo — nein — nein — nein." Luis nahm den ersten Theil dieser Antwort als eine Andeutung, daß der Fremde nicht der Caribenhäuptling sey, und der letztere schien ihm Ozemas festgewurzelte Abneigung, dessen Weib werden zu wollen, auszudrücken. Die Berathung der Angreifenden war bald zu Ende. Ein Donna MerredeS. 2te Auft. M halbe- Dutzend von ihnen schwang die Streitkolben und Sperre und stürmte auf die Citadelle der Belagerten los. Als sie sich etwa auf zehn Schritte dem Verstecke genähert hatten, sprang unser Held rasch nach dem Rasenplatze hervor, um seinen Feinden zu begegnen. Zwei der Sperre fing er mit seinem Schilde auf, zersplitterte beide Schafte mit einem einzigen Schlage seine- scharfen und guten Schwertes, und traf bei einem zweiten Ausholen von untenherauf den aufgebobcnen Arm eine- der vordersten Keulenmänner. Unter diesem geschickt geführten Hiebe sielen Hand und Keule zu seinen Füßen nieder. Dann schwang er seine Waffe nach vorne und ritzte mit ihrer Spitze dir Brust zweier erstaunter Speerträger, die nur durch ihre Entfernung gegen eine ernstlichere Beschädigung gesichert wurden. Dieses rasche und unerwartete Manöver erfüllte die Angreifenden mit Furcht und Entsetzen. Sie waren nie vorher Zeuge der furchtbaren Gewalt gewesen, welche jolche- Metall im Kriege übt und die plötzliche Lostrennung de- Armes kam ihnen wie ein Wunder vor. Selbst der wilde Caribe fuhr erschreckt zurück und Luis schwamm in Hoffnungen des Siege-. Dieß war der erste Anlaß, bei dem e- zwischen den Spaniern und den sanften Bewohnern der neu entdeckten Inseln zu einem Gefechte kam, obgleich die Geschichtschreiber gewöhnlich ein spätere- Ereigniß als den Beginn des Kampfes bezeichnen, da das strenge Geheimniß, welches die Verbindung Don Luis mit dieser Unternehmung verhüllte, ihre seichten und oberflächlichen Untersuchungen völlig irre führte. Natürlich war auch die Wirkung einer Waffe, wie sie unser Held brauchte, den Bewohnern HaytiS so neu als schrecklich. In diesem Augenblicke verkündigte ein Freudenruf der Angreisenden und die Erscheinung einer neuen feindlichen Schaar, an deren Sp'tze sich ein hoher und gebieterisch blickender Häuptling befand — Eaonabo's Ankunft. Der kriegerische Kazike wurde schnell von dem Stande der Dinge unterrichtet und es war augenscheinlich, daß die Tapferkeit unseres Heldin ihn gleichfalls mit Verwunderung und Staunen erfüllte. Nach einigen Minuten befahl er seinem Gefolge, sich etwas zurückzuziehen, legte dann seine Keule nieder und trat unter Zeichen seiner freundlichen Absicht furchtlos aus Luis zu. Die zwei Gegner begrüßten sich mit Achtung und wechselseitigem Vertrauen. Der Caribe hielt eine kurze und ungestüme Rebe, aus welcher unser Held kein anderes Wort, als den Namen der jungen schönen Indianerin verstand. Ozema war inzwischen gleichfalls vorgetreten, als ob sie selbst zu sprechen wünsche, und ihr rauher Bewerber wandte sich mit leidenschaftlichen, wenn nicht beredten Worten an sie. Er legte seine Hand oft an seine Brust und seine Stimme wurde weich und überredend. Ozema'S Erwiederung klang ernst und trug den raschen Character eines entschiedenen Entschlusses. Als sie ihre Worte beendigte, umfing ein hohes Roth die Schläfe deS glühenden Mädchens, indeß sie, als ob sie sich auch unserem Helden verständlich machen wolle, auf spanisch beifügte: „Caonabo — nein — nein — nein! — Luis — Luis!" Der Anblick eines tropischen Orkans ist nicht dunkler oder drohender, als der finstere Blick, mit welchem der Caribenhäuptling diese unzweideutige Zurückweisung seiner Bewerbung vernahm, die noch obendrein durch eine so unverholene Begünstigung des Fremdlings begleitet wurde. Er schüttelte herausfordernd die Hand und schritt zu seinen Leuten zurück, um sie auf's Neue zum Angriff zu führen. Ein Hagel von Pfeilen ging dem Sturme voran und Luis mußte seinen früheren Versteck hinter dem Felsen wieder aufsuchen. Dicß war in der Thal auch der einzige Weg, Ozema'S Leben zu retten, denn das aufopferungsvolle Mädchen beharrte entschieden darauf, seinen Leib durch den ihrigen gegen die Waffen seiner Feinde zu schirmen. Caonabo hatte gegen den Caribenhäuptling, der sich nach dem ersten Angriff zurückgezogen, Worte des Tadels fallen lasse», und die Luft war noch von Pfeilen erfüllt, als dieser Mann ganz allein vorwärts stürzte, um seinen Namen wieder zu Ehren zu bringen. Luis empfing ihn, fest wie der Fels hinter ihm. Der 468 Angriff war ungestüm, und der Schlag, welcher auf den Schild fiel, würde einen Arm, der eine solche rauhe Begegnung weniger gewöhnt war, zerschmettert haben; aber eS glitt schief von dem Schilde ab und die Keule fuhr mit der Gewalt eines Rammblockes ^ zur Erde. Unser Held sah, daß jetzt Alles von einem kräftigen Eindruck abhinge. Sein Schwert blitzte in der Sonne, und der Kopf des Cariben fiel an der Seite der Keule nieder, indeß der Körper noch einen Augenblick stehen blieb — so scharf war die Waffe und so geschickt der Hieb. Zwanzig Wilde waren zum Sprunge bereit, aber bei diesem unerwarteten Anblick hielten sie, wie festgebannt inne. Caonaba jedoch, selbst in der höchsten Ueberraschung furchtlos, brüllte seine tt. Befehle wie ein wüthender Stier, und die wankende Menge war im Begriff, wieder vorzurücken, als sich der laute Knall einer Hakenbüchse und das Zischen der tödtlichen Kugel vernehmen ließ. Ein zweiter Haytianer stürzte todt zusammen. Dieß war zu viel für den Muth der Wilden, deren unwissendem Verstände dieser Schlag vom Himmel zu kommen schien. In zwei Minuten war Caonabo mit allen seinen Leuten verschwunden. Als sie bergabwärts stürzten, tauchte Sancho mit der Hakenbüchse, die er zur Vorsicht aus'S Neue geladen hatte, aus seinem Verstecke auf. Die Umstände gestatteten keinen Verzug. Nirgends ließ sich Jemand blicken, der zu MattinaoS Stamme gehörte, und Luis zweifelte nicht, daß Alles geflohen war. Mit dem Entschlüsse, Ozema auf jede Gefahr hin zu retten, schlug er den Weg nach dem Flusse ein, um auf einem der Kähne zu entkommen. Als sie durch das Dorf kamen, bemerkten sie, daß auch nicht ein Haus geplündert war, was die Spanier nicht wenig Wunder nahm, und Luis machte seine Gefährtin darauf aufmerksam. „Caonabo — nein — nein — nein — Ozema! —Ozema!" war die Antwort des Mädchens, welche den wahren Zweck dcS UeberfallS wohl kannte. 469 Ein Dutzend CanoeS lagen an dem Landungsplätze und fünf Minuten waren für die Flüchtlinge hinreichend, eines derselben zu besteigen und den Rückzug anzutreten. Der Strom stoß dem Meere zu, und in wenigen Stunden befanden sie sich auf dem Occan. Da der Wind beharrlich aus Osten blies, fertigte Sancho eine Art Segel an. und eine Stunde vor Sonnenuntergang landeten ste an einer Stelle, wo man ihrer von der Bai aus nicht ansichtig werden konnte; denn Luis erinnerte fich der Einschärfung des Admirals, seinen Ausflug geheim zu holten, damit nicht Andere eine ähnliche Gunst ansprechen möchten. Vierundzwanzigstes Kapitel. -Von achtzig Jahren her besinn' ich mich. Und in dem langen Zeitraum Hab' ich Bittres Erlebt und Unglückseliges erfahren. Doch diese Schreckensnacht hat all mein »orig Wissen Zum Kinderspiel gemacht. Macbeth. Ein Anblick, der unfern Helden mit einem fast eben so großen Schrecken und Entsetzen erfüllte, als die unwissenden Haptianer bei dem Knall und der Wirkung der Hakenbüchse an den Tag gelegt hatten — wartete sein , als er des Ankerplatzes ansichtig wurde. Die Santa Maria, das Schiff des Admirals, das er vor vier Tagen noch so stolz und trotzig verlassen hatte, lag mit umgestürzten Masten, zerbrochenen Planken und allen übrigen Anzeichen deS Schiffbruchs — ein gestrandetes Wrack — auf dem Sande. Die Ninna befand fich allerdings noch in einiger Entfernung wohlbehalten vor Anker, aber ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit bemächtigte fich des jungen Mannes, als er auf dieses kleine Fahrzeug blickte, welches wenig mehr als eine Felukke und nur für den Zweck dieser Reise zum Rang eines Schiffes erhoben worden war. An dem Gestade lagen überall Vorräthe aller Art, und augenscheinlich arbeiteten die Spanier und die Leute GuacanagariS gemeinschaftlich an der Erbauung einer Art von Fort — eine Andeutung, daß große Veränderungen vorgefallen waren. Ozenia wurde alsbald i» die Wohnung eines Eingebornen gebracht, und beide Abenteurer beeilten sich, mit ihren Freunden zusammenzutreffen, um über das, was sic gesehen hatten, Aufklärung zu erhalten. ColumbuS empfing seinen jungen Freund gütig, aber sehr bekümmert. Die Art, wie das Schiff verloren ging, ist oft erzählt worden, und Luis erfuhr, daß man eine Colonie in dem Fort zu- rücklafsen wolle, da die Ninna zu klein war, um die Gesammk- mannschast nach Spanien zurückzuführen. WaS nicht da zu bleiben bestimmt war, sollte unverzüglich den Heimweg antreten. Guacana- gari hatte sich sehr theilnehmend und gütig erwiesen, während Jeder zu sehr mit dem Schiffbruch beschäftigt gewesen war, um unseren Helden zu vermissen oder den Gerüchten Gehör zu geben, die über ein so gewöhnliches Ereigniß, als das des Einfalls eines Caribenhäuptlings, der eine indianische Schönheit entführe» wollte — in Umlauf kamen. Vielleicht war auch dieser Vorfall noch zu neu, um an dem Ufer bekannt zu scyn. Die Woche, welche Luis' Rückkehr folgte, wurde in größter Thätigkeit zugebracht. Die Santa Maria war am ChristtagS- inorgen 1492 gescheitert und am vierten Januar des folgenden JahrS war die Ninna bereit, ihre Rückreise anzutreten. Diese ganze Zeit über hatte Luis Ozema nur einmal gesehen und sie bei dieser Gelegenheit bekümmert, stumm und einer welkender Blume ähnlich gefunden, die selbst bei dem Sinken des Kelches noch ihre Schönheit behält. Am Abend des dritten Januars jedoch wurde er, als er sich in der Nähe des neuerbauten ForteS umtrieb, durch Sancho zu einem zweiten Besuche aufgefordert. Zu seiner großen Ueberraschung traf er den jungen Kaziken bei seiner Schwester. Obgleich bei dieser Gelegenheit die Sprache fehlte, so verstanden 471 sich doch beide Theile leicht. Ozema war nicht mehr bekümmert und von Sorge niedergedrückt, sondern ihr leichtes Lächeln zeugte von Heiterkeit und Frohsinn, und Luis glaubte sie nie so gewinnend und lieblich gesehen zu haben. Sie hatte ihre spärliche Toilette mit indianischer Gefallsucht geordnet, und das warme Eolorit ihrer Wangen verlieh ihren leuchtenden Augen einen neuen Glanz. Ihre behende leichte Gestalt, ein Vorbild ungekünstelter Anmuth, war so ätherisch, daß sie kaum die Erde zu berühren schien. Das Ge- heiinniß dieses plötzlichen Wechsels blieb Luis nicht lange «erborgen. Der Bruder und die Schwester hatten sich gegenseitig ihre Gefahren und die Art ihres Entkommens mitgetheilt, und da sie Eaonabo'S Charactcr und Entschlossenheit kannten, so waren sie zu der Ueberzeugung gekommen, daß Ozema nur in der Flucht Heil finden könne. Es wäre nutzlos, untersuchen zu wollen, was den Bruder vorzugsweise bestimmte, seiner Schwester zu gestatten, die Fremden auf der Reise nach dem fernen Spanien zu begleiten; Ozema'S Gründe sind aber dem Leser kaum ein Gehei,»niß. Man wußte, daß der Admiral eine Anzahl Eingeborener an Jsabella'S Hof zu bringen wünschte, und drei Frauen, darunter eine von Ozema'S Rang, halten bereits cingewilligt, mitzugehcn. Diese, die Frau eines Häuptlings, war nicht nur eine Bekannte, sondern auch eine Verwandte unserer indianischen Heldin. Alles schien dem Vorhaben günstig. Eine Reise nach Spanien war den Eingeborenen noch ein Geheimniß, da sie dieselbe nur wie eine etwas ausgedehnte Fahrt von einer ihrer Inseln zur andern betrachteten, und so fanden weder der Kazike noch seine Schwester iu dem AuSstuge etwas besonders Abschreckendes. Dieser Vorschlag überraschte unfern Helden nicht wenig, obgleich ihm Ozema'S Hingebung schmeichelte und gefiel, selbst während sie ihn beunruhigte. Es gab vielleicht Augenblicke, in denen er sich selbst nicht ganz traute, aber noch immer herrschte Mercedes in seinem Herzen, und er schüttelte dieses Gefühl als 472 eine Verdächtigung von sich, die ein treuer Ritter nicht aufkommen lassen dürfe, ohne der eigenen Ehre zu nahe zu treten. Wie er weiter darüber nachdachte, fand er gegen den Entwurf weniger «inzuwenden, als ihm anfangs vorgekommen war, und als man sich während des Zeitraums von einer Stunde verständigt hatte, entfernte er sich, um den Rath des Admirals einzuholen. ColumbuS war noch bei dem Fort und hörte das Vorbringen unseres Helden mit Ernst und Theilnahme an. Ein oder zweimal ließ Luis vor dem sprühenden Blicke seines Vorgesetzten das Auge sinken; im Ganzen aber entledigte er sich des unternommenen Geschäftes mit allen Ehren. „Die Schwester eines Kaziken, sagst Du, Don Luis?" er« wiederte der Admiral gedankenvoll. „Die jungfräuliche Schwester eines Kaziken?" „Nicht anders, Don Christoval; und noch obendrein ein Wesen von einer Anmuth und Schönheit, die unserer Gebieterin, der Königin, die herrlichsten Begriffe von dem Werthe unserer Entdeckung beibringen müssen." „Du wirst Dich erinnern, Sennor Conde, daß der Reinen nur das Reine dargebracht werden darf. Donna Jsabella ist das Vorbild aller Mütter und Gattinnen, und ich hoffe, daß nie etwas von ihren begünstigten Dienern kommen wird, was ihren engel- gleichen Sinn verletzen könnte. Man hat bei diesem wilden Mädchen keine Täuschung angewendet, um sie in Sünde und Elend zu führen?" „Don Christoval, Ihr könnt kaum so etwas von mir denken! Donna Mercedes selbst ist nicht unschuldiger, als dieses Mädchen, und selbst ihr Bruder kann für ihr Glück nicht besorgter sehn, als ich. Wenn der König und die Königin nach befriedigter Neugier sie entlassen werden, so habe ich im Sinne, sie unter die Obhut der Dame von Valverde zu stellen." „Je vorzüglicher die Leute sind, welche wir mitnehmen, desto besser isi'S, LuiS. Es wird, wie Du sagst, den Herrschern Freude machen 473 und sie veranlassen, günstig von unfern Entdeckungen zu denken. Auch finde ich nichts Unpassendes dabei. Die Ninna ist zwar klein, aber wir gewinnen Raum, da Viele hier zurückbleiben. Ich habe die Hauptkajüte den übrigen Frauen überlassen, denn Du und ich, wir Beide können uns schon einige Wochen behelfen. Laß daher das Mädchen kommen und sorge für ihre Bequemlichkeit." Somit war die Sache bereinigt. Ozema wurde am andern Morgen früh mit den einfachen Schätzen einer indianischen Prinzessin eingeschifft, unter denen auch der Turban sorgfältig aufbewahrt war. Ihre Verwandte hatte eine Dienerin, welche für Beide zureichte. Luis trug mit großer Aufmerksamkeit Sorge, daß ihr der bequemste und abgeschlossenste Raum auf dem Schiffe angewiesen wurde. Der Abschied von Mattinao war zärtlich und rührend, denn man schien unter diesem einfachen und edlen Volke die Familienanhänglichkeit sehr theuer zu halten; Alle betrachteten aber die Trennung nur als eine kurze und Ozema hatte ihrem Bruder wieder und wieder versichert, daß sie ihren Widerwillen gegen Caonabo, so mächtig er auch als Kazike seyn möge, nicht überwinden könne und daß ihr Entschluß, nie sein Weib zu werden, sich mit jeder Stunde mehr bekräftige. Sic hatte also nur die Wahl, sich auf der Insel zu verbergen, oder diese Reise nach Spanien mitzumachen, von denen die letztere als -das Ruhmvollere und Sicherere erschien. Mit diesem Tröste trennten sich Bruder und Schwester. ColumbuS hatte beabsichtigt, ehe er nach Europa zurückkehrte, seine Entdeckungen noch weiter auSzudehnen; aber der Verlust der Santa Maria und Alonzo'S Treulosigkeit zwangen ihn, das Unternehmen zu Ende zu bringen, damit nicht durch irgend einen widrigen Zufall das bisher Gewonnene der Welt für immer verloren ginge. Er trat daher am 4. Januar 1493 seine Fahrt nach Osten an, wobei er den CurS längs der Ufer von Hayti hin hielt. Er wollte nach Spanien zurückkehren, ehe die kleine Barke, welche ihm noch übrig war, den Dienst versagte, in welchem Falle sein Name wie 474 seine Entdeckungen für immer verloren gehen mußten. Glücklicherweise sah man jedoch am sechsten die Pinta vor dem Winde Herabkommen; denn Martin Alonzo Pinzvn hatte einen der Zwecke, um derenwillen er seinen Gefährten untreu geworden, erreicht — er hatte sich nämlich eine ziemliche Masse Goldes verschafft, obgleich cS ihm nicht gelungen war, ganze Minen, auf die er es wohl besonders abgehoben, aufzusinden. Die Einzelnheiten des nun folgenden Zusammentreffens berühren unsere Erzählung wenig. ColumbuS empfing den treulosen Pinzon mit kluger Zurückhaltung, Härte seine Entschuldigungen an und befahl ihm, Vorbereitungen zur Rückreise zu treffen. Als er Holz und Wasser in einer zu diesem Zwecke günstig gelegenen Bai eingenommen hatte, steuerten die Schiffe gemeinschaftlich ostwärts, wobei sie stets noch dem nördlichen Ufer Hayti's Espannola's oder Klein-Spaniens — wie ColumbuS dieseJnstl genannt hatte — folgten.* Erst am 16. Januar schieden unsere Reisenden ganz von dieser lieblichen Insel. Sie hatten kaum das Land außer Sicht, wobei sie einem nordöstlichen Curse folgten, als sie von den günstigen * Das Schicksal dieser schönen Insel liefert einen merkwürdigen Beweis, wie die Vorsehung Verschuldungen durch ihre Folgen straft. Hahti ist ungefähr um ein Drittel kleiner, als der Staat New-Uork und war viele Jahre der Sitz der spanischen Macht in der neuen Welt. Die sanften Ureingedornen waren zur Zeit von ColumbuS Entdeckung zahlreich und glücklich und wurde» durch die Grausamkeit ihrer neuen Herren im eigentlichsten Sinne vernichtet. Man fand dann für »öthig, Sieger aus Afrika einzuführen, um die Zucker-Pflanzungen zu bearbeiten. In der Mitte des sechSzehntcn Jahrhunderts sollen sich kaum noch zweihundert Eingeborne aus der Insel befunden haben, obgleich Ovando erst um das Jahr lötZ von den Bahamas her nicht weniger als 10Ü0U »ach derselben geködert hatte, um die Stelle der Gestorbenen einzunchinen. Später kam ESpan- nola in die Hände der Franzosen, und jeder kennt die schrecklichen Ereignisse, durch welche dieJnselin de» ausschließlichen Besitz von Abkömmlingen der Kinder Afrika's überging. Was man auch von dem vortheilhaften Einfluß, welchen die Weißen auf die Indianer üben, sagen mag — verglichen mit solchen furchtbaren Thatsachen, fällt er in ein Nichts zusammen. 473 Winden verlassen wurden und wieder mit den Paffatwinden zusammen- trafen. Das Wetter war indeß gemäßigt und da der Admiral, ungeachtet einiger Abweichungen van dem geraden Curse, mit seinen beide» Fahrzeugen den besten Gang einhielt, so hatte er endlich am 10. Februar jene Strecke des OceanS durchschnitten , in welcher diese beständigen Kühlten vorwalten, und die Breitenparallele von PaloS und seinem Hafen erreicht. Während dieser langen Querfahrt wurde die Ninna ganz im Gegensatz von früheren Erfahrungen häufig durch den trägen Lauf der Pinta aufgehalten, da der Hintermast des letzteren Schiffes gesprungen und daher nicht im Stande war, einen starken Segeldruck auSzuhalten. Die Ninna wurde außerdem noch durch die leichten Winde begünstigt, wie fie denn auch stets bei glattem Wasser und sanften Kühlten für eine rasche Seglcrin galt. Die meisten Erscheinungen, welche auf der Herfahrt bemerkt worden waren, zeigten sich auch wieder bei der Heimkehr; aber der Thunfisch erregte keine Hoffnungen mehr, ebensowenig als das Seegras Furcht hsrvorrief. Man kam an diesen bekannten Gegenständen zwar langsam, aber glücklich vorüber, und in den ersten vierzehn Tagen wurden die veränderlichen Winde erfolgreich bekämpft. Jetzt aber wurden die Koppelcurse immer mehr und mehr verwickelt, bis die Piloten, welche an eine so lange und schwierige Seefahrt, bei welcher fie weder vom Lande noch vom Wasser afiH Beistand einholen konnten, nicht gewöhnt waren, in ihren Rechnungen irre wurden und hinflchtlich ihrer wahren Lage unter sich selbst in einen hitzigen Streit geriethen. „Du bist heute Zeuge des Wortwechsels gewesen, Luis," sagte der Admiral bei Gelegenheit einer seiner wieder aufgenommenen Besprechungen mit unserem Helden — „den Vicente Vannez mit seinem Bruder Martin Alonzo und den anderen Piloten über unsere Entfernung von Spanien geführt hat. Dieses beständige Umschlagen des Windes hat die ehrlichen Seeleute verwirrt, und sie rathen an allen Theilen des atlantischen Meeres herum, ohne auf den zu kommen, wo sie sich wirklich befinden." 476 »Ihr habt eine wichtige Aufgabe, Sennor, da nicht nur unsere Sicherheit, sondern auch das Bekanntwerden unserer großen Entdeckungen auf Euch ruht." „Du hast Recht, Don Luis. Vincente Vannez, Sancho Ruiz, Pedro Alonzo Ninno und Bartolomeo Roldan, der gründlichen Rechner aus der Pinta gar nicht zu gedenken, versetzen die Schiffe in die Nachbarschaft von Madeira, was Spanien an hundert und fünfzig Stunde» näher liegt, als die Zukunft von unserer wahren Stellung auSweisen wird. Diese ehrlichen Leute haben eher ihre Wünsche als dieKcnntniß des Meeres und des Himmels zur Grundlage ihrer Berechnungen gemacht." „Und wo befinden sich nach Eurer Anficht die Caravelen, Don Christoval? — denn es ist wohl kein Grund vorhanden, mir die Wahrheit zu verhehlen." „Wir sind südlich von Flores, junger Graf, volle zwölf Grade westlich von den canarischen Inseln und unter gleicher Breite mit Nase in Afrika. Es ist mir übrigens nicht unlieb, daß sie nicht wissen, wie sie daran find, bis wir uns die Ansprüche unserer Entdeckungen vollkommen gesichert haben. Keiner von diesen Menschen zweifelt jetzt an seiner Fähigkeit, Alles, was ich gethan, selbst leisten zu können, und doch find sie nicht einmal im Stande, den Rückweg zu finden, nachdem wir das asiatische 4Reer hinter uns haben." „Luis verstand den Admiral, und da der enge Raum der Fahrzeuge für die Mittheilung von Geheimnissen nicht besonders günstig war, so wechselte die Unterhaltung. Bis zu dieser Zeit war, das öftere Umspringen der Winde abgerechnet, das Wetter günstig gewesen. Wie gewöhnlich zur See, hatten einige Böen stattgefunden, die sich jedoch weder andauernd noch heftig erwiesen. ColumbuS war über all dieses hoch erfreut, denn da die große Ausgabe, für welche er so zu sagen ausschließlich lebte, gelöst war, so fühlte er nur noch die Besorgniß, das wichtige Geheimniß möchte für die übrige Menschheit verloren gehen, und -177 befand sich daher ziemlich in der Lage eines Mannes, dem kostbare Gegenstände anvertraut sind, und der fie nun über Schauplätze der Gefahr zu bringen beauftragt ist. ES sollte jedoch anders kommen, und gerade, als sich der große Seefahrer den schönsten Hoffnungen hinzugeben begann, traf ihn das LooS, die schwerste aller Prüfungen zu erfahren. Je mehr die Fahrzeuge nach Norden vordrangen, desto kälter wurde natürlich auch das Wetter und desto stärker die Winde. In der Nacht des eilsten Februars legten die Caravelen eine bedeutende Strecke zurück, indem sie mehr als hundert Meilen zwischen dem Niedergang und dem Aufgang der Sonne abliefen. Am nächsten Morgen bekamen sie Vogel zu Gesichte, woraus Columbus vermuihete, baß sie sich in der Nähe der Azoren befänden, während die Piloten von einer unmittelbaren Nachbarschaft Madeira'S träumten. Am folgenden Tag wurde der Wind stärker, aber weniger günstig, und die See ging ungemein hoch. Die Eigenschaften der kleinen Ninna zeigten sich bei dieser Gelegenheit von einer sehr vortheilhaften Seite, da sie bis zum Mittag mit einem Ungestüm der Elemente zu kämpfen hatte, wie Wenige auf ihr vorher je gesehen haben mochten. Zum Glück waren alle Vorkehrungen, welche einer vollendeten Seemannskunst zu Gebote standen, zu ihrer Sicherung getroffen worden, so daß sie, so gut es die Umstände gestatteten, für einen Sturm vorbereitet war. Der einzige, wesentliche Mangel bestand in ihrer ungemeinen Leichtigkeit, denn ihre Vorräthe an Lebensmitteln und Wasser waren fast erschöpft und ihre Wafferdracht bedeutend geringer, als sie seyn sollte. Die Caravele war so klein, daß dieser Umstand, der bei einem großen Schiffe nicht viel zu besagen hat, recht wohl bei einem Fahrzeuge in Betracht kam, dem keine sonderlichen Mittel zu Gebote standen, den Gefahren der Böen zu begegnen. Der Unterschied wird dem Leser einleuchtender werden, wenn er erfährt, daß ein großes Fahrzeug durch plötzliche Windstöße nur seine Spieren verlieren kann, und selten anders, als durch die Gewalt der Wellen 478 auf seine Deckbalkenendcn, wie man es nennt, geworfen wird; indeß kleinere Schiffe Gefahr laufen, umzuschlagcn, wenn die Menge ihrer Segel nicht im Verhältnisse zn ihrer Schwere steht. Obgleich den Seeleuten der Ninna dieser Mangel ihrer Caravele, der gro- ßentheils in dem aufgebrauchten Süßwaffer seinen Grund hatte, nicht entging, so hofften sie doch bald , genug einen Hafen zu gewinnen, um Maßregeln gegen diesen liebelstand für nöthig zu halten. Dicß war der Stand der Dinge, als die Sonne am Abende des zwölften Februars 1493 niederging. ColumbuS befand sich, wie gewöhnlich, aus dem Hüttendecke: denn Schiffe jeder Größe hatten damals diese unförmlichen Auswüchse, obgleich jenes der Ninna so klein war, daß es kaum diesen Namen verdiente. Luis stand ihm zur Seite und Beide beobachteten das Treiben am Himmel und auf dem Meere mit ernstem Schweigen. Unser Held hatte nie vorher die Elemente in so gewaltiger Aufregung gesehen und der Admiral gestand selbst zu, daß ihm selten eine so bedrohliche Nacht vorgekommen sey. Ein Sonnenuntergang zur See, wenn die Wolken sich unheilverkündend aufhäufen und sturmbrütende Vorzeichen den Himmel umziehen, hat etwas Feierliches, von dem man sich auf dem Lande keinen Begriff macht. Di« Einsamkeit eines Schiffes, welches sich durch eine . Wüste düster aussehenden Wassers kämpft, verleiht dam geweckten Gefühle noch mehr Nachdruck, da ersteres als der einzige Gegenstand erscheint, den der Sturm mit seiner ganzen wilden Macht bedroht. Alles Andere scheint mit dem allgemeinen Kampfe in Verbindung zu treten, indem das Meer, der Himmel und die Luft nur Züge des düsteren Gemäldes bilden. Zählen wir zu allem diesem noch das winterliche Zürnen des Februars, so haben wir die Scene in ihren dunkelsten Tinten. „Dieß ist ein unheilbrütender Abend, Don Luis," bemerkte ColumbuS, als eben die letzten Strahlen, welche die Sonne gegen die Sturm verkündenden Wolken entsandte, von deren massigen 479 Umriffen entschwunden; „ich habe selten einen anderen, so bedrohlich, erlebt." „Man hat ein doppeltes Vertrauen zu der Obhut Gottes, wenn man unter Eurer Führung segelt, Sennor — das einemal zu Seiner Güte, und das anderemal zu der anerkannten Geschicklichkeit Seines Werkzeugs." „Die Allmacht des Allerhöchsten ist hinreichend, den schwächsten Sterblichen mit aller möglichen Geschicklichkeit auszustatte», wenn Er schonen will, oder aber die Kunst des Erfahrensten zu nichts zu machen, wenn Sein Zorn nur durch die zeitliche Vernichtung seiner Geschöpfe beschwichtigt werden kann." „Ihr seht einer vcrhängnißvollcn Nacht entgegen, Don Christoval?" „Ich habe selten so schlimme Vorzeichen gesehen. Hätte die Caravele nicht eine so bedeutende Fracht, so würde mich unsere Lage weniger bekümmert machen." „Ihr überrascht mich, Don Almirante! —Die Piloten bedauern, daß unser Fahrzeug so leicht sey." „Was die Materielle anbelangt, allerdings; aber eS trägt eine Fracht des Wissens, Luis, die ich nur mit kummervollem Herzen auf diesen öden Wassern zu Grunde gehen sehen kann. Bemerkst Du nicht, wie dicht nnd finster sich der Mantel der Nacht um uns zieht und wie schnell die Ninna unsere ganze Welt sehn wird? Selbst die Pinta läßt sich kaum noch als ein formloser Schatten auf den schäumenden Wogen unterscheiden und dient uns nicht als eine Gefährtin, deren Gegenwart uns erfreuen kann, sondern eher als ein Leuchtthurm, um uns unsere trostlose Lage anzuzeigen." „Ich habe Euch nie vorher wegen der Beschaffenheit des Wetters so düster gesehen, edler Sennor!" „ES ist auch sonst nicht meine Weise, junger Herr; aber mein Herz ist mit einem glorreichen Geheimniß belastet. — Blicke auf! >— Bemerkst Du tieseS weitere Abzeichen des Kampfes der Elemente?" 480 Während der Admiral so sprach, stand er mit dem Gesichte nach Spanien gekehrt, während der Blick seines Gefährten auf den unheildrohenden westlichen Horizont geheftet war, an welchem noch so viel Licht weilte, um das düstere Grollen sichtbar werden zu lassen. Er hatte die Veränderung, auf welche ColumbuS hindeutete, nicht beachtet, weßhalb er sich rasch umwandte, um sich eine Erklärung zu erbitten. Ungeachtet der Jahreszeit war der nordöstliche Kimm durch einen plötzlichen Blitzstrahl erleuchte«! worden, und während der Admiral diesen Umstand mittheilte und zugleich auf die Himmelsgegend hindeutete, in welcher das Phänomen erschienen war — zuckten zwei weitere Blitze in rascher Folge auf. „Sennor Meente!" rief ColumbuS, indem er sich vorwärts beugte, um die Gruppe düsterer Gestalten, die auf dem Halbdecke unter ihm versammelt waren, übersehen zu können. „Ist Sennor Meente Dannez unter Euch?" „Ich bin hier, Don Christoval, und beachte die Vorgänge. Wir werden noch stärkeren Wind bekommen." „ES steht uns ein Sturm bevor, würdiger Meente; und er wird aus dieser Himmelsgegend oder aus der entgegengesetzten kommen. Ist die Caravele in den Stand gesetzt, ihm zu begegnen?" „Ich wüßte nicht, was sich noch weiter thun ließe, Sennor Alinirante. Unsere Leinwand ist möglichst niedrig, alles ist gut gesorrt, und wir führen so wenig über Deck, als nur immer thun- lich ist. Sancho Ruiz! sieh nach den Presenningen, damit wir nicht zuviel Wasser über Bord kriegen." „Hängt auch Laternen aus, daß die Pinta sich nicht in der Dunkelheit von uns verliert. Dies ist keine Zeit zum Schlafen, Vicentc; stellt Eure zuverlässigsten Leute an das Steuer." „Sennor, sie sind mit großer Sorgfalt ausgewählt worden. Sancho Mundo und der junge Pepe von Moguer thun gegenwärtig den Dienst, und andere nicht minder geschickte Männer werden sie ablösen, wenn ihre Wache zu Ende ist." 481 „Recht so, braver Plnzon. Weder Ihr noch ich werden diese' 'Nacht ein Auge schließen." ColumbuS' VorfichtSmaaßregeln waren nicht zwecklos. Etwa eine Stunde nach jenem unnatürlichen Aufzucken von Blitzen erhob sich ein Südwestwind, der zwar der Richtung nach günstig war, aber mit furchtbarer Gewalt einherbrauste. Ungeachtet des lebhaften Wunsches, einen Hafen zu erreichen, fand eS der Admiral doch für räthlich, das einzige Segel, welches noch stotterte, einnehme» zu lassen, und die beiden Caravelen trieben den größten Theil der Nacht vor Tost und Takel gegen Nordost in dem Winde. Wir sagen beide, denn Martin Nlonzo, so gut er auch mit einer stürmischen See vertraut war und so gerne er ganz unabhängig gehandelt hätte, hielt jetzt, da die große Aufgabe gelöst war, die Pinta der Nimm so nahe, daß selten eine Minute verging, ohne daß man sse auf der Spitze einer schäumenden Welle reiten oder t» die hohlen Furchen stürzen sah, als ste so Hals über Kopf vor dem Sturme, hiuflog; demungeachtet blieb sie Seite an Seite bei ihrer Gefährtin, wie in Augenblicken der Nathlosigeit und der Gefahr der Mensch sich fest an den Menschen anschließt. So verging die Nacht des Dreizehenten und der Tag ließ das ganze Gemälde nur lebhafter überschauen, obgleich man glaubte, die Gewalt des Windes habe mit dem Ausgange der Sonne etwas nachgelassen. Vielleicht eristirte dieser Wechsel nur in der Einbildungskraft der Matrosen, da Gefahren im Tageslichte immer geringer erscheinen, weil es die Menschen eher in den Stand setzt, ihnen die Spitze zu bieten. Jede Caravele setzte deshalb etwas Leinwand aus und so schossen sie schäumend vorwärts, mit ihren unvorhergesehenen Nachrichten Spanien zueilend. Bei dem Weiterschreiteu des Tages ließ die Wuth des Windes merklich nach; aber mit Einbruch der Nacht kehrte er mit erneuerter Gewalt zurück, wurde widriger, und zwang die Abenteurer, jeden Fetzen Segel, den sie beizusetzen gewagt hatten, zu streichen. Dicß war aber noch nicht Donna Mercedes. Ne Ausl. 3t 482 das Schlimmste. Die Caravelen halten inzwischen einen Theil des Meeres erreicht, wo eine schwere Kreuzsee wülhete — die Wirkung irgend eines zweiten Sturmes, welcher kürzlich aus einer anderen Richtung her getobt hatte. Beide Caravelen kämpften mannhaft, um unter so widrigen Umständen ihren CurS beizubehalten; aber sie begannen in einer Weise zu arbeiten, die die Unruhe Derjenigen erregte, welche die ganze Kraft der Maschinen zu würdigen verstanden und wußten, woher die wahre Ursache der Gefahr abzuleiten war. Als die Nacht anbrach, bemerkte Colum- ius, daß die Pinta ihre» Grund nicht halten konnte, denn der Druck auf ihren Hintermast war zu groß, um ertragen werden zu können, trotz dem, daß auch nicht ein Zoll Segel flatterte. Er gab daher nicht ohne großen Widerwillen Befehl, daß die Ninna auf ihre Gefährtin abhalten sollte, da in einem solchen Augenblicke, den wirklichen Untergang ausgenommen, eine Trennung als das größte Uebel erscheinen mußte. So umhüllte die Nacht des Vierzehnten unsere einsamen, seeumschlossenen Wanderer, und was in der vorangehenden Nacht nur drohte, wurde jetzt zur schrecklichen Wirklichkeit. ColumbuS selbst erklärte, er habe nie ein Fahrzeug in einem fürchterlicheren Sturme umhertrciben sehen, wie er denn auch keineswegs den ganzen Umfang seiner Besorgnisse geheim hielt. Gegen die Piloten und die Mannschaft zeigte er sich ruhig und sogar heiter; aber wenn er mit unserem Helden allein war, sprach er offen seine Unruhe aus. Demungeachtet blieb der gefeierte Seefahrer immer gelassen und fest und keine unmännliche Klage entglitt seinen Lippen, obgleich seine Seele unter dem Gedanken fast erlag, daß seine großen Entdeckungen für immer verloren gehen könnten. Dieß war die Stimmung des Admirals, als er in den ersten Stunden dieser schreckenvollen Nacht in seiner engen Eajüte saß und des Ausgangs der Dinge harrte, mochten fle nun tröstlich oder unheilvoll seyn. Das Heulen des Windes, der die Schaum- und 483 Wogengüffe des wüthenden Meeres in Masse gen Himmel schleuderte, war in dem Toben der Wasser kaum zu vernehmen. Hin und wieder, wenn die Caravele in dem hohlen Raume zweier ungeheuren Wellen hülsloS niedersank, vernahm man allerdings den Schlag deS noch auSgesetzten Segelfetzens und die Luft schien still und ruhig; wenn aber die schwimmende Maschine sich, einein Ertrinkenden gleich, der mit den letzten ersterbenden Kräften nach oben arbeitet, wieder in die Höhe kämpfte, so schien es, als ob die Lustschichte im Sinne habe, st- leicht, wie treibenden Schaum, vor sich hinzujagen. Selbst der furchtlose Luis fühlte das Bedenkliche ihrer Lage, und die gewöhnliche Schwungkraft seines Geistes wich einem gedankenvollen Ernste, der sich selten an ihm gewahren ließ. Wäre eine geschlossene Reihe von tausend feindlichen Mauren vor unserem Helden gestanden, so hätte er wohl eher an Mittel gedacht, sie zu durchbrechen, als sich zu flüchten; aber was ließ sich gegen die empörten Elemente beginnen? In der That, man hätte eben so gut gegen den Allmächtigen ankämpfen können. Unter solchen Scenen bietet kein Muth, keine Unerschrockenheit Hülle, denn was ist Menschenkraft gegenüber dem Misten und der gewaltigen Hand Gottes? „Das ist eine wilde Nacht, Sennor," bemerkte unser Held, dessen AeußereS nichts von der Beklommenheit seiner Seele zeigte, ruhig. „Sic übertrifft Alles, was ich je von der Wuth des Sturmes gesehen habe." ColumbuS seufzte tief auf, dann entfernte er die Hand von seinem Gesichte und blickte umher, als ob er etwas suche. „Graf von Llera," antwortete er mit Würde, „wir haben noch eine feierliche Pflicht zu verrichten. In der Schublade jenes Tisches an Eurer Seite ist Pergament, und hier haben wir Schreibmaterialien. Wir wollen uns dieser wichtigen Aufgabe entledigen, so lange unS noch Frist gestattet ist, denn Gott allein weiß, wie lange wir noch zu leben haben." Luis erbleichte nicht bei diesen inhaltsschweren Worten, aber seine Züge wurden ernst und düster. Er öffnete den Schieber» nahm das Pergament heraus und legte es auf de» Tisch. Der Admiral ergriff nun eine Feder» winkte seinem Gefährten ein Gleiches zu thun, und Beide begannen zu schreiben, so gut eS bei der unablässigen Bewegung der leichten Caravele gehen wollte. DaS Geschäft war schwierig, aber man kam damit zu Stande. ColumbuS sprach jede Stelle, welche er aufzeichnete, laut, und Luis schrieb sie, Wort für Wort, auf seinem eigenen Pergamente nieder. DaS Wesentliche dieses Berichts war die Angabe der gemachten Entdeckungen, der Länge und Breite von Espannola, nebst den beziehnngsweisen Lagen der übrigen Inseln, und eine kurze Schilderung dessen, was man gesehen hatte. DaS Schreiben wurde an Ferdinand und Jsabella adressirt. Als sie damit fertig waren, umgab der Admiral sein Blatt mit einer Machstnchhülle und Luis that das Gleiche. Dann nahm jeder einen großen WachSklumpen, höhlte denselben aus, und barg das Päckchen sorgfältig in dessen Innerem, worauf man die Oessnnng mit dem hcrauSgegrabenen Wachse verschloß. ColumbuS ließ nun den SchiffSküper herbeirufen und befahl ihm, jeden dieser Klumpen in eine besondere Tonne ein- zuschlicßen. An derartigen Gefäffen wimmelt es aus Schiffen, und in wenigen Minuten waren die beiden Briefe in den leeren Tonnen verwahrt. Jeder nahm nun eine derselben zu Händen, und jetzt zeigte sich der Admiral und unser Held wieder ans dem Halbdecke. Die Nacht war so schrecklich, daß Niemand zu schlafen wagte, und die Mannschaft der Ninna, Matrosen sowohl als Officiere, hatte sich großcntheils auf dem Rösterwerk in der Nähe deS Hauptmastes Versammelt, wo sie sich — die privilegirten Plätze ausgenommen — am meisten gegen die Gefahr, über Bord geschwemmt zu werden, gesichert hielten. Aber auch hier wurden sie beständig von den überstürzenden Wellen bedeckt, denn selbst das Hüttendcck blieb nicht von derartigen rohen Besuchen verschont. Sobald man des Admirals wieder ansichtig wurde, drängte sich Alles um ihn, um seine Meinung z» hören und zu erfahren, was er jetzt im Schilde führe. Hätte ColumbuS ihnen die Wahrheit gesagt, so würde er, da die Hoffnung bereits fast erloschen war, nur Verzweiflung erregt haben, weshalb er ihnen bloS mitthcilte, daß er ein religiöses Gelübde erfülle, und dann mit eigenen Händen sein Faß in den zischenden Oeean warf. Luis stellte das seinige auf das Hüttendcck, von wo ans cs von den Welten weggespült weiden mußte, wenn die Caravelc sank. Drei und ein halbes Jahrhundert sind entschwunden, seit ColumbuS zu dieser weisen Maßregel seine Zuflucht nahm, und nie hat man eine Nachricht von dem Schicksale dieses Fasses erhalten. So, wie es war, konnte cs wohl Jahrhunderte umherschwimmen, und vielleicht treibt cS gegenwärtig noch mit seinen wichtigen Enthüllungen, von Muscheln bedeckt, auf der Oede der Wasser umher. Möglich, daß cS zu wiederholten Malen auf irgend ein sandiges Gestade rollte und ebenso oft wieder weggeschwemmt wurde, und vielleicht sind Schiffe bei tausend Gelegenheiten daran vorbeigekommen, ohne seiner zu achten, indem man es wohl mit ähnlichen Gegenständen, die man so oft auf dem Meere umhertreiben sieht, verwechselte. Fand man cS, so mußte eS geöffnet werden, und wäre es einem civilisirten Menschen in die Hände gefallen, so hätte ein so wichtiges Ercigniß unmöglich ganz unbekannt bleiben können. Nach Vollziehung dieser Pflicht nahm sich der Admiral Muße, Ainherzuschauen. Das Dunkel war jetzt so groß, daß ohne das wenige Licht, welches die empörten Wellen entsandten, cS schwer gewesen sehn würde, Gegenstände auf die Länge der Caravele zu unterscheiden. Wer nur auf großen Schiffen zur See war, kann sich unmöglich einen richtigen Begriff von der Lage der Ninna machen. Dieses Fahrzeug, kaum etwas mehr als eine große Felnkkc, war von Spanien unter der bei den leichten Küstenfahrern des südlichen Europas üblichen lateinischen Takelage auSgesegclt, die man erst ans den canarischen Inseln zu ändern für gut fand. Wenn 486 cs in einer Bucht oder in einem Flusse schwamm, mochte es kaum vier oder fünf Fuß über dem Wasser gehen, und jetzt, da es mit einem Sturme und einer Kreuzsee kämpfte — noch obendrein in einem Theile des atlantische» MeereS, wo die Winde am weitesten ausholen konnten und der Tumult der Wogen am größten war — schien es bloS ein Wasserthier zu sepn, das sich hin und wieder zur Oberfläche erhebt, um Athen, zu holen. Es gab Augenblicke, wo man glaubte, die Caravele müsse unmittelbar in den Abgrund des OceanS versinken; ungeheure schwarze Waffermaffen thürmten sich in allen Richtungen um sie auf, da das WogcnchaoS alles gewöhnliche Ebenmaß der flnthenden Wellen vernichtet hatte. So viel man auch bildlich von berghohen Wellen sprechen mag, so tritt es doch der Wahrheit um kein Haar zu nahe, wenn wir sagen, daß die Raaen der Niuna oft unter den Spitzen der nahen Wogen standen, die mit einem solchen Ungestüm in die Höhe geworfen wurden, daß man jeden Augenblick befürchten mußte, es stürze sich ein Wasserfall auf das Nöstcrwerk nieder, da ein Mittschiffbeck im eigentlichen Sinne nicht vorhanden war. Von dieser Seite aus drohte allerdings die größte Gefahr, denn sobald eine Welle das kleine Schiff füllte, so mußte eS mit seinem ganzen Inhalt hoffnungslos in den Grund sinken. Kurz, die Wogenkämme stürzten ohne Unterlaß bordelnwärts oder schoßen über den Rumps der Caravele in Güssen glänzenden Schaums, obgleich sie glücklicherweise nicht lnureichend Kraft besaßen, um die schwimmende Maschine zu überwältigen. In solchen gefährlichen Augenblicken hing die Sicherheit des Fahrzeuges nur von den gebrechlichen Presenningen ab. Hätten diese leichten Bedeckungen nachgegeben, so würden die nächsten zwei oder drei Wellen unfehlbar den Raum so weit mit Wasser gefüllt haben, daß cs unvermeidlich hätte zu Grunde gehen müssen. Der Admiral hatte Vicente Dannez besohlen, das Focksegel dicht zu reffen, in der Hoffnung, die Caravele durch dieses Wafferchaos zu einer Stelle des Meeres zu bringen, wo die Wellen regelmäßiger 487 ^abliefen. Auch war auf die allgemeine Richtung der Wellen, so weit von einer solchen überhaupt die Rede seyn konnte, Rücksicht genommen worden, und die Ninna hatte sich seit dem Einbruch der Nacht um etwa fünf oder sechs Stunden vorwärts gekämpft, oder vielmehr — vorwärts geschleppt, ohne auf eine Veränderung zu treffen. Es war nahezu Mitternacht, und noch zeigte die Oberfläche des Meeres dieselbe wilde chaotische Verwirrung. Meente Vannez näherte sich nun dem Admiral und erklärte, daß das Fahrzeug den Fetzen Segel, welchen es noch führte, nicht mehr länger tragen könne. „Die Gewalt, mit der uns die See in die Höhe wirft, zertrümmert beinahe das Fahrzeug," sagte er, „und der Rücksturz in die hohlen Wellenräume ist fast eben so bedrohlich. Es kann schlimm ausfallcn, wenn wir die Leinwand nicht streichen." „Wer hat in der letzten Stunde etwas von Marlin Alonzo gesehen?" fragte ColumbuS mit einem besorgten Blicke in die Richtung, wo sich die Pinta befinden sollte. „Du hast die Laterne heruntergenommen, Vicents Vannez?" „Sie konnte sich gegen den Sturm nicht mehr halten. Wir haben sie von Zeit zu Zeit aufgezogen, und jedesmal wurde das Signal von meinem Bruder erwiedcrt." „Ziehe sie noch einmal auf! Dieß ist ein Augenblick, wo die Nähe eines Freundes das Herz erfreut, selbst wenn er eben so hülfloS ist, als wir." Die Laterne wurde aufgehießt, und nach einem sorgfältigen Spähen sah man ein schwaches fernes Licht durch die Zerstörung des Sturmes schimmern. Man wiederholte den Versuch in kurzen Zwischenräumen, und eben so oft wurde das Signal aus stets zunehmender Entfernung beantwortet, bis sich zuletzt das Licht der Gefährtin ganz verlor. „Der Mast der Pinta ist so schwach, daß er in einem solchen Sturme nicht einmal seine Kardeel tragen kann," bemerkte Vicente 4S8 Kanne;; »und eS wurde meinem Bruder unmöglich, dem Wind sw nahe zu halten, wie wir. Er kömmt immer mehr leewärts." „Laß, wie Du gesagt hast, das Flocksegel einziehen," entgegn nete ColumbnS. „Unser schwaches Fahrzeug ist nicht länger im Stande, sich gegen diese heftigen Wogen zu halten." Meente Dannez laS nun einige seiner fähigsten Leute aus und begab sich vorwärts, um die Vollziehung dieses Befehls zu überwachen. In demselben Augenblick wurde das Ruder mittschiffs gerichtet, und die Caravcle fiel ab, bis fie todt vor den Wind kam. Das Einziehen des Segels war vergleichungsweise ein leichtes Geschäft, denn die Raa befand sich nur einige Fuße über dem Deck und war außer den Schoothörnern nur wenig ausgesitzt. Demun- geachtet bedurfte cS kräftiger Männer und geübter Hände, um sich in einem solchen Zeitpunkte in die Höhe zu wagen. Sancho hielt sich an die eine Seite des Mastes und Pepe an die andere, wobei Leide jene Eigenschaften an den Tag legten, die man uur bei den tüchtigsten Mairosen antrifft. Die Caravele driftete nun dahin, ein Spiel von Wind und Wellen; denn der Ausdruck ,Lenseick ist kaum auf die Bewegung eines so niedrigen Schiffes anwendbar, welches gegen die Wirkung des Orkans durch die Höhe der Wogen so vollkommen geschützt war. Wenn letztere die gewöhnliche Regelmäßigkeit besessen haben würde, so hätte das niedrige Fahrzeug sich überstürzen müssen; so aber verdankte es die Vermeidung eines solchen Unglücks einer Unregelmäßigkeit, welche nur die Quelle einer neuen Gefahr wurde. Demungcachtct trieb aber die Ninna schnell nach vornen, obgleich nicht mit der nöthigen Raschheit, um die jagenden Wasser zu überholen, wenn die Wellen in ihrer gewöhnlichen Ordnung und Geschwindigkeit gefolgt wären. Die Kreuzsee hinderte dieß; Melle kämpfte gegen Welle und entsandte jene Kämme, welche sonst in schäumenden Kreiseln überstürzt sehn würden, in schrecklichen Wasserstrahlen gen Himmel. Dieß war die Krisis der Gefahr. Eine Stunde lang schoß die Caravele mitten in der chaotischen Dunkelheit in einer Art übertaumelnder Wuth dahin, und zischte oft mit ihrer Seite an den Wogen vorbei, als ob der Spiegel mit aller Hast den Vordersteven cinzuholen gedenke, wodurch man die höchste Gefahr lief, eine Fluth von Wasser aus die Deckbalken stürzen zu sehen — eine Gefahr, die nur durch die Thätigkeit am Steuer abgewendet wurde, wo Sancho mit all seiner Kraft und Geschicklichkeit arbeitete, bis ihm der Schweiß von der Stirne rieselte, als sey er wieder der tropischen Sonne ausgesetzt. Envlich wurde der Schrecken so groß und allgemein, das der Admiral von der gesammten Mannschaft angegangen wurde, die herkömmlichen religiösen Opferungen anzugelobcn. Zu diesem Zwecke versammelten sich Alle, mit Ausnahme des Steuermanns, im Hinterlheile des Fahrzeuges und schicklen sich an, die Sühnloose zu ziehen. „Ihr scyd in Gottes Hand, meine Freunde," sagte ColumbuS, „und es ist ganz in der Ordnung, daß ihr Alle eure Anhängigkeit von Seiner Güte anerkennt und eure Rettung ausschließlich Seiner Huld und Gnade anheim gebt. In der Mütze, welche ihr in den Händen des Sennor de MunnoS bemerket, sind eben so viele Erbsen, als Leute auf dem Schiffe sind. Eine dieser Erbsen trägt das Zeichen des heiligen Kreuzes, und wem dieses heilige Sinnbild zufällt, der ist verpflichtet, eine Wallfahrt zur heiligen Maria von Guadaloupe zu machen und eine fünf Pfund schwere Wachskerze zu opfern. Ich, als euer Admiral und als der größte Sünder unter euch, will zuerst den Versuch machen." ColumbuS griff nun in die Mütze, brachte eine Erbse hervor, und als er sie gegen die Laterne brachte, ergab sich, daß sie auf ihrer Oberfläche das erwähnte Zeichen trug. „Gut so, Sennor," sagte einer der Piloten, „aber legt die Erbse wieder hinein und laßt uns daS Looseziehen um eine schwerere Sühnung erneuen — ich meine nämlich eine Wallfahrt 490 zu Unserer Frauen von Loretto, zu der alle gute Christen am liebsten ihre Zuflucht nehmen. Ein Büßgang zu ihrer Kapelle ist zwei andere werth." In Augenblicken der Gefahr ist das religiöse Gefühl gewöhnlich sehr mächtig, und der Vorschlag wurde daher mit aller Wärme ausgenommen. Der Admiral willfahrte gerne, und als Alle gezogen halten, fand man die bezeichnet- Erbse in der Hand eines gemeinen Matrose», Namens Pedro de Billa, der weder um seiner Frömmigkeit noch um seiner Kenntnisse willen in sonderlichem Rufe stand. „Das ist eine mühsame und kostspielige Reise," brummte der »»freiwillige Büßer; „da werde ich nicht wohlfeil wegkommen." „Laß Dich daS nicht kümmern, Freund Pedro," antwortete ColumbuS; „Du sollst nur die körperliche Anstrengung zu leiden haben, denn den Kostenpunkt der Reise will ich auf mich nehmen. Diese Nacht wird mit jedem Augenblicke schrecklicher, Bar- tolomeo Roldan." „DaS ist in der That wahr, Sennor Admiral, und ich bi» nicht sonderlich zufrieden mit einem Wallfahrer, wie dieser Pedro hier, obgleich es scheinen möchte, der Himmel selbst habe diese Wahl geleitet. Eine Messe zu Santa Clara de Moguer mit einer Nachtwache in jener Capelle — ist wohl mehr werth als derartige weite Reisen von Leuten wie er." Diese Ansicht fand nicht wenig Unterstützung unter den Matrosen von Moguer, und so wurde denn zum dritten Male das LooS gezogen, wobei die bezeichnete Erbse abermals dem Admiral zufiel. Dessenungeachtet minderte sich die Gefahr nicht, und die Caravele drohte jeden Augenblick im Tumulte der Wogen zu überstürzen. „Wir sind zu leicht, Vicente Uannez," sagte ColumbuS, „und so verzweifelt auch das Unterfangen scheinen mag, so müssen wir doch den Versuch machen, unsere leeren Fässer mit Seewaffer zu füllen. Seht zu, daß man Wafferschlangen unter die Presenuingen 491 bringt und schickt gewandte Bursche hinunter, die das Wasser gehörig in die Fässer und nicht in den Schiffsraum leiten." Dem Befehl wurde Folge geleistet, und einige Stunden wurde» in mühsamen Versuchen, diesen Dienst zu verrichten, hingebracht. Die größte Schwierigkeit dabei war, diejenigen, welche das Wasser aus denr Meere pumpten, zu schützen, denn da das ganze Element rund umher in solcher Verwirrung tobte, so war es nicht leicht, sich auch nur eines Tropfens in guter Weise zu bemächtigen. Geduld und Ausdauer führten jedoch endlich zum Zwecke, und noch vor Anbruch des Tages waren so viele leere Fässer gefüllt, als für die Stetigkeit des Fahrzeugs nöthig schien. Gegen Morgen siel der Regen in Strömen und der Wind schlug von Süden nach Westen um, ohne jedoch viel an Stärke zu verlieren. Man setzte das Focksegel auf's Neue bei, und so kam das Fahrzeug in der furchtbar aufgewühlten See einige Meilen ostwärts. Als der Tag grauetc, neigte sich die Scene zum Besseren. Die Pinta war nirgends zu sehen, und die Meisten in der Ninna glaubten, sie seye zu Grunde gegangen. Die Wolken hatten sich ein wenig aufgethan, und eine Art geheimnißvollen Glanzes ruhte auf dem Ocean, der noch immer unter wüthendcm Zischen weiße Schaumgüffe in die Höhe warf. Die Wellen wurden jedoch all- mählig regelmäßiger und die Matrosen hielten «S nicht länger mehr für nöthig, sich an dem Schiffe festzubinden, um nicht über Bord gewaschen zu werden. Man brachte weitere Segel an der Caravele au, die jetzt immer rascher vorwärts ging und mit jedem Augenblicke stetiger und sicherer in ihren Bewegungen wurde. 492 Fünfundzwanzigstes Kapitel. Doch nun entschwand dem Blicke daS Gestade Und hilflos trieben sie auf ödem Meer; Der wilde Sturm verwirrte ihre Pfade Und Niemand kannte jetzt die Richtung mehr. Der Orkan warf die Wogen Himmelan, Daß kann, das wellunibrauSte Boot die Wogen sah'n. Gesicht der Geduld. So standen die Dinge am Morgen des 15. Februars, und kurz nach dem Aufgang der Sonne ließ sich der freudige Rust „Land!" von dem Mastkorbe vernehmen. Es ist bcmerkcnswerth, daß man das Land gerade nach vorne anthat: so genau stimmten alle Berechnungen des Admirals, und so sicher war er sich seiner Lage auf der Karte bewußt. Unter den Piloten und Matrosen herrschten jedoch Dutzende von Ansichten hinsichtlich dieses willkommenen Anblickes, da einige denselben für das europäische Festland, andere für Madeira hielten. Columbus selbst erklärte öffentlich, daß es eine der Azoren seh. Jede Stunde verminderte die Entfernung zwischen diesem willkommenen Erdstecke und den Abenteurern, als auf einmal der Wind rund u,»schlug und die Insel todt windwärts brachte. Einen langen traurigen Tag suchte die kleine Barke gegen den Sturm aufzu- kommen, um den heißersehntcn Hafen zu erreichen; aber die Schwere der Wellen und der conträrc Wind ließen sie nur langsam und mit großer Anstrengung weiter kommen. Die Sonne ging wieder in winterlichem Düster unter, und das Land blieb aus der Windseite augenscheinlich in einer unerreichbaren Entfernung. Stunde um Stunde verrann, und die Ninna mühte sich noch immer, der Stelle nahe zu kommen, wo man Land gesehen hatte. ColumbuS verließ die ganze Reihe dieser beküinmernißvollen Auftritte über nie seinen Posten, denn eS schien ihm, als hinge jstzt das Geschick seiner 49Z Entdeckungen so zu sagen an einem Haare. Luis mar weniger wachsam, aber auch er begann mehr Besorgniß über den Ausgang zu fühlen, da der Augenblick herannahte, der für das Schicksal des ganzen Unternehmens entscheidend war. Mit dem Aufgang der Sonne wendete sich jedes Auge spähend nach dem ganzen Wafferhorizonte. an dem jedoch zum allgemeinen Leidwesen kein Land sichtbar war. Einige meinte». Alles sey nur Täuschung gewesen, aber der Admiral glaubte, man seh in der Dunkelheit an der Insel vorbeigckommen und holte deßhalb um. um nach Süden zu sieuren. Man hatte jedoch kaum einige Stunden diesen neuen CurS verfolgt, als man in der Richtung des Spiegels und in einer Gegend, wo man es früher nicht bemerkt haben konnte, eines neblichten Landes ansichtig wurde. Auf diese Insel legte die Caravele an, und kämpfte, bis es dunkel wurde, gegen eine starke Bö und schwere See, »in sie zu erreichen. Die Nacht brach ein und das Land verschwand aufs Neue in ihren Schatten. Die Mannschaft der Ninna hatte sich in der verflossenen Nacht zu der gewöhnlichen Stunde versammelt, um das Salve Regina oder die Abendhymne an die heilige Jungfrau zu singen; denn es gehörte mit zu den ergreifenden Begebenheiten dieser außerordentlichen Reise, daß die rohen Matrosen zuerst die Gesänge ihrer Religion und christlichen Gebete in die unbekannten Wüsten des atlantischen Meeres brachten. Während sie so beschäftigt waren, ließ sich leewärts Licht sehen, von dem man glaubte, daß es zu der Insel gehöre, die man zuerst angethan hatte. Dieß bestärkte den Admiral in seinem Glauben, daß er mitten in einer Inselgruppe sey, und daß er, wenn er stark windwärts abhielte, mit dem Morgen einen Hafen erreichen könne. Dieser Morgen hatte jedoch nur den vorerwähnten Wechsel mit sich geführt, und er machte sich jetzt daraus gefaßt, abermals eine Nacht — die des 17. Februars — in Ungewißheit zuznbringcn, als der Ruf „Land!" plötzlich die Geister Aller im Schiffe wieder neu belebte. 494 Die Nimm steuerte kühn einwärts und noch vor Mitternacht war sie dem Gestade nahe genug, um Anker zu werfen; aber Wind und See waren so schwer, daß das Tau nachgab, und so wurden sie auss Neue von den Gegenden der bekannten alten Welt zurück- geworfen, welchen sie eigentlich angehörten. Man setzte Segel aus, erneuerte die Anstrengungen, windwärts zu kommen, und mit Anbruch des Tages war die Caravele im Stand, einzulaufen und an der Nordscite der Insel Anker zu werfen. Hier erfuhren die ermatteten und beinahe erschöpften Matrosen, daß das Recht wie gewöhnlich auf ColumbnS Seite war, und daß sie die Insel Santa Maria, eine der Azoren, erreicht hatten. Die Vorfälle während des Aufenthaltes der Ninna in diesem Hafen berühren unsere Erzählung nicht und drehen sich bkoS um einen Versuch von Seite der Portugiesen, die Caravele zu capern. Sie waren die letzten gewesen, die den Admiral bei seiner Abreise von der alten Welt beunruhigten, und so zeigten sie sich auch wieder als die ersten, welche ihn bei seiner Rückkehr bedrängten. Ihre Machinationen schlugen jedoch fehl. Sie hatten sich zwar eines große» Theils von Colon'S Mannschaft bemächtigt und er hatte schon ohne diesen den Hafen verlassen, als eS ihm noch gelang, sich mit den Gegnern zu vergleichen und er mit allen seinen Leuten an Bord am 24. den Rückweg nach Spanien antrat. Die Vorsehung schien an den ersten paar Tage» die Reise der Abenteurer zu begünstigen, denn der Wind war günstig und die See ruhig. Von dem Morgen des 24. an bis zu dem Abend des 26. hatte die Caravele fast hundert Stunden auf geradem Curse nach PaloS zurückgclegt, als sie wieder aus konträren Wind und abermals auf schwere See traf. Die Bö wurde sehr heftig, obgleich der Richtung nach hinreichend günstig für eine Ostfahrt mit einer leichten Abbeugung nach Norden, da sic nur hin und wieder von vorne schralte. Dar Wetter war rauh; aber der Armiral wußte, daß er sich immer mehr dem europäischen Festland näherte, so beklagte er sich nicht mehr, sondern ermunterte im Gegentheil seine Leute mit den Hoffnungen einer baldigen Ankunft in der Heimath. So ging es bis zum 2. März, Samstag Abends, zu welcher Zeit ColumbuS ungefähr hundert Meilen von der portugiesischen Küste entfernt zu seyn glaubte, da die fortdauernden knappen Südwinde ihn so weit nördlich gebracht hatten. Die Nacht begann günstig. Die Caravele kämpfte vorwärts durch eine furchtbar wallende Sec, die von Süden einherfegte, während der Wind dwarS ging und so steif blies, daß die Segelstächen sehr vermindert werden mußten. Die Ninna hatte sich die ganze Reise über als ein treffliches Fahrzeug erwiesen und war auch jetzt stetiger als bei dem ersten Angriffe des Sturmes, da die Piloten noch mehr Fässer, als damals möglich gewesen war, mit Wasser hatten füllen lassen. „Du bist seit dem Beginn der letzten Unwetter nicht von dem Steuer weggekommen, Sancho," sprach der Admiral heiter zu dem alten Matrosen, als er ihn um die letzte Stunde der ersten Wache auf seinem Posten traf. „Es ist keine kleine Ehre, in so furchtbaren Stürmen, wie sie über u»S verhängt waren, dieses Amt zu Versehen." »Ich betrachte eS auch als eine solche, Sennor Don Almirante, und ich hoffe, Ihre Hoheiten, die durchlauchtige» beiden Herrscher werden gleichfalls dieser Ansicht sehn, so weit eS sich um die Last des Dienstes handelt." »Und warum nicht auch hinsichtlich der Ehre, Sancho?" fiel Luis ein, der seit seines willkommenen Beistandes bei den Felsen dem Matrosen sehr gewogen war. „Ehre, Sennor Pedro, ist eine gar kalte Kost, und liegt schwer in eines armen Mannes Magen. Für einen Mann, wie ich, ist eine Dobla so viel Werth, als zwei Herzoglhümer, denn die Dobla kann mir Respekt verschaffen, während die Herzoglhümer mich nur 496 lächerlich machen. Nein, nein, Sennor Pedro, — wenn Euer Gnaden meine Tasche mit Gold füllt, so überlasse ich die Ehre gerne denen, die eine Freude daran haben. Wollt Ihr einen Mann in der Welt heben, so fangt mit dem Anfänge an, oder legt einen tüchtigen Grund; dann läßt sich immerhin ein Ritter von St. Jakob aus ihm schnitzen, wenn die Herrscher seines Namens bedürfen, um ihre Liste vollzählig z» machen." „Du bist zu schwatzhast für einen Steuermann, Sancho, obgleich Du sonst ein trefflicher Bursche bist," bemerkte der Admiral, ernst. „Sieh auf Deinen CurS; an Dobla'S wird eS nicht fehlen, wenn die Reise zu Ende ist." „Schönen Dank, Sennor Almirante, und zum Beweis, daß meine Auge» nicht geschloffen sind, wenn ich auch meiner Zunge den Lauf lasse, so möchte ich Eure Ereellenz und die Piloten ersuchen, jenen Fetzen Wolke zu betrachten, der sich dort im Südwesten zusammenballt, und die Frage stellen, ob er wohl Gutes oder Schlimmes bedeutet." „Bei der heiligen Messe, der Mann hat Recht, Don Christoval," rief Bartolome» Roldan, der in der Nähe stand; „dieß ist eine unheilbrütende Wolke, und denen nicht unähnlich, welche in Afrika die weißen Böen erzeugen." „Sieh Dich vor — sieh Dich vor, guter Bartolome«," er- wiederte ColumbuS hastig; „wir haben in der That zu viel auf unser gutes Glück gebaut und sündhafter Weise den Anblick des Himmels vernachläßigt. Rufe Bicente Dannez und die ganze Mannschaft zusammen; wir sind vielleicht ihrer benölhigt." ColumbuS bestieg nun das Hültendeck, das ihm eine weitere und bessere Aussicht über Himmel und Meer darbot. Die Anzeichen waren in der That so bedenklich, als in ihrer Erscheinung plötzlich. Die Atmosphäre war mit einem Nebel erfüllt, der einem leichte» Rauche ähnelte, und der Admiral hatte kaum Zeit, sich umzusehen, als ein Getöse gleich dem Huslrilt von tausend Nossen, 497 ! die in »ollem Galopp aber eine Brücke sprengen, vor dem Winde herbrauste. Man hörte den Ocean — wie gewöhnlich in solchen Augenblicken — aufzischen, und der Sturm brach gegen das kleine Fahrzeug los, als ob neidische Dämonen beschlossen hatten, daß eS nie seine glorreichen Nachrichten nach Spanien bringen solle. Ein Knall, ähnlich dem einer schweren Musketensalve, war das erste Zeichen, daß der Sturm die Ninna erfaßt hatte. Er rührte von der zerrissenen Leinwand her, denn alle Segel waren zu gleicher Zeit gewichen. Die Caravele legte sich schief, so daß das Wasser ihre Masten berührte — es war ein athemloser Augenblick, denn selbst der älieste Matrose fürchtete, sie möchte ganz auf die Seite geworfen werden. Wenn die Segel nicht gerissen wären, so hätte sich in der That dieses Unglück ereignen können. Zudem hatte auch Sancho in Zeiten das Steuer gehoben, und als die Ninna sich von dem Stoße erholt hatte, richtete sie sich fast im Fluge wieder auf und trieb vor dem Winde. Dieß war der Anfang einer neuen Bö, welche an Heftigkeit sogar diejenige überbot, welcher sie erst vor Kurzem entronnen waren. In der ersten Stunde hatte Mißmuth und Schrecken die Mannschaft fast gelähmt, da man eigentlich nichts thun konnte, um der Gefahr, in welcher man sich befand, zu begegnen. Das Fahrzeug lensete bereits — das letzte HülfSmittel des Seemanns — und selbst die Fetzen des Segeltuches wurden stückweise von den Spieren gerissen, um der Mannschaft die Mühe, die für das Einziehen erforderlich war, zu ersparen. In diesem bedenklichen Augenblick nahm das reuige Schiffsvolk wieder seine Zuflucht zu religiösen Gebräuchen und abermals traf den Admiral das Loos, eine Wallfahrt nach irgend einem berühmten Gnadenorte zu machen. Außerdem legten Alle sammt und sonders das Gelübde ab, den ersten Samstag nach ihrer Ankunft bei Wasser und Brod zu fasten. „ES ist merkwürdig, Don Christoval," sagte Luis, als beide wieder allein aus dem Hültendecke waren, „es ist merkwürdig, daß Donna Mercedes. Sie Aust, SU 498 diese Loose so oft Euch zufallen. Die Vorsehung hat Euch dreimal zu dem Werkzeuge des DankerguffeS und der Buße auserlesen. — Das hat unstreitig seinen Grund in Eurem ungemeinen Glauben." „Sage vielmehr, Luis, es habe seinen Grund in meiner un- gemeinen Sündhaftigkeit. Schon mein Stolz sollte mir viel strengere Rügen, als diese, zuziehen. Ich fürchte, ich habe vergessen, daß ich bloS das Werkzeug gewesen bin, welches Gott zu Erfüllung seiner eigenen großen Zwecke erkoren hat, und bin in die Stricke des Satans gefalle», indem ich mir einbildete, meine eigene Weisheit und Gelehrsamkeit habe dieses Werk vollbracht, welches so un- bezweifelt nur ein göttliches Wirken ist." „Glaubt Ihr, wir sehen in Gefahr, Sennor?" „In einer größeren, als je, Don Luis, seit wir PaloS verlassen haben. Wir treiben dem Festlande zu, welches kaum dreißig Stunden entfernt sehn kann, und wie Du siehst, wird das Meer von Stunde zu Stunde wüthender. Zum Glück ist die Nacht weit vorgerückt, und mit dem Lichte des Morgens finden wir vielleicht Mittel zu unserer Rettung." Der Tag erschien wieder wie gewöhnlich; denn was immer für Störungen auf der Oberfläche der Erde eintreten mögen, ste selbst setzt ihre täglichen Umwälzungen in der Erhabenheit des Unermeßlichen fort, und gibt durch jeden Wechsel den Milben, welche fie umkriechen, unzweifelhafte Beweise, daß ein allmächtiges Wesen über allen ihren Bewegungen wacht. Das Licht brachte jedoch keine Veränderung in das Aussehen des Meeres und des Himmels. Der Wind blieb wüthend, und die Ninna kämpfte sich in dem Chaos von Wasser hin, immer näher und näher dem vor ihr liegenden Festlande zutrcibend. Um die Mitte des Nachmittags ließen sich Anzeichen von Land gewahren, und Niemand zweifelte mehr, daß sich das Schiff in der Nähe der europäischan Küste befinde. Demungeachtet war noch nichts sichtbar, als das tobende Meer, der dunkle Himmel und jene 499 Art übernatürlichen Lichtes, womit die Atmosphäre so oft während eines Sturmes erfüllt ist. Der Ort, wo die Sonne aufging, ließ sich zwar durch den Compaß, keineswegs aber durch das Auge unterscheiden; und abermals umschloß Nacht die wilde, winterliche Scene, als ob die kleine Caravele eben so sehr von der Hoffnung als von dem Lichte verlassen seyn solle. Um die Befürchtungen der Matrosen zu erhöhen, warf sich eine hohe Krcuzsee auf, und Massen von Wasser stürzten, wie cS unter solchen Umständen bei einem so kleinen Fahrzeuge immer der Fall ist, ohne Unterlaß über Bord, das Rösterwerk und seine schwache» Decken von getheertem Tuche mit Zerstörung bedrohend. „Dieß ist die schrecklichste Nacht von allen," sagte ColumbuS etwa eine Stunde, nachdem die Finsterniß sie wieder umzogen hatte. „Wenn wir in dieser entkommen, so dürfe» wir uns für Lieblinge Gottes halten." „Und doch sprecht Ihr ruhig, Sennor; so ruhig, als ob Euer Herz mit Hoffnungen erfüllt sey?" „Der Seemann, welcher selbst in der größten Gefahr nicht Herr seiner Nerven und seiner Stimme ist, hat in der Wahl seines Berufs einen Mißgriff gethan. Aber ich fühle mich eben so ruhig, Luis, als ich scheine. Wir sind in Gottes Hut — sein heiliger Wille geschehe. Meine Kinder — meine zwei arme Knaben liegen mir zwar schwer am Herzen, aber Er wirb der Vaterlosen nicht vergessen!" „Wenn wir untergehcn, Sennor, so werden die Portugiesen im Besitze unseres Geheimnisses bleiben; denn außer uns selbst ist es nur ihnen bekannt, da von Seiten Martin Alonzo'S, wie ich glaube, wenig zu hoffen steht." „Dieß ist eine andere Quelle meines Kummers; doch habe ich Schritte gethan, welche Ihre Hoheiten wahrscheinlich in Ihren Rechten sichern werden. Das Uebrige muß dem Himmel überlassen bleiben." Zn diesem Augenblicke ließ sich der erschreckende Ruf „Land!" vernehmen. Dieses Wort, welches vor Kurzem noch die Quelle der 500 größten Freude gewesen wäre, brachte nun neue Bekümmerniß. Obgleich die Nacht finster war, gab es doch Augenblicke, wo sich das Dunkel ein paar Meilen um das Schiff zu öffnen schien, und fich daher so hervorragende Gegenstände, als eine Küste ist, mit nolhdürfiiger Bestimmtheit unterscheiden ließen. Columbus und unser Held eilten dcßhalb bei diescmRuse nach dem Vordertheile derCara- vele, um auf die bestmögliche Weise des Ufers ansichtig zu werden, obgleich sogar diese gewöhnliche Bewegung gefährlich war. Das Land lag in der That so nahe, daß Alle am Bord das Toben der Brandung an den Felsen hörten oder zu hören glaubten. Niemand zweifelte, daß es die portugiesische Küste sey; aber in der gegenwärtigen Unsicherheit ihrer Lage und ohne einen Hafen zum Einlaufen mußte ein Anhalten auf dieselbe unvermeidlich zum Untergänge führen. Man hatte daher keine andere Wahl, als die Caravele in eine größere Entfernung von dem Lande zu bringen und den Versuch zu machen, bis zum Morgen sich in der offenen See zu halten. ColumbuS hatte kaum diese Nothwendigkeit angedeutet, als sich Vincente Uannez anschickte, dieses Manöver, so gut cS die Umstände gestatten wollten, auszuführen. Man hatte den Wind bisher ein wenig steucrbordwärts gehalten, da die Caravele nach Osten, mit einer Neigung von einem oder zwei Strichen nach Norden, steuerte, und es war nun die Aufgabe, den Schnabel so weit zu drehen, daß das Schiff »ach Norden mit einigen Strichen gegen Westen steuerte. Der Art nach, wie die Küste sich hinzuziehen schien, hoffte man durch diese Veränderung der Richtung sich auf einige Stunden in zureichender Entfernung von dem Ufer halten zu können. Aber diese Wendung ließ fich nicht ohne Beihülse von Leinwand ausführen, weßhalb der Befehl erlaffen wurde, das Focksegel beizusetzen. Der erste Schlag des nunmehr dem Sturme bloßgegebenen Tuches war furchtbar, und der Stoß droht«, den Fockmast von der Spur zu reißen; dann trat nach vorn eine Todtenstille ein, denn der Rumpf sank so tief 301 hinter eine Wasserwand, daß das Segel völlig ruhig wurde. Sancho und seine Gehülfen benutzten den günstigen Augenblick, die Schooten zu sichern, und als das kleine Fahrzeug wieder aufwärts kämpfte, füllte sich die Leinwand mit einem solchen Stoße, wie man es bei dem plötzlichen Anhalten eines Taues empfindet. Von diesem Augenblick an trieb die Ninna wieder langsam seewärts, obgleich sie ihren Weg durch Wogen suchen mußte, deren Wuth sie in jedem Augenblick zu vernichten drohte. „Luis!" sagte eine weiche Stimme an der Seite unseres Helden, als dieser sich an dem Pfosten der Thüre, welche zu der Kajüte der Frauen führte, festhielt — „Luis — Hapti besser — Mattiuao besser — viel schlimm — Luis." Es war Ozema, welche sich von ihrem Lager erhoben hatte, um einen Blick auf den empörten Ocean zu werfen. Während des günstigen Wetters im Anfang der Reise war der Verkehr zwischen Luis und den am Bord befindlichen Eingeborenen fortwährend ein heiterer gewesen. Obgleich Ozema ihre Lage etwas unbehaglich fand, so hatte sie doch seine Besuche stets mit arglosem Entzücken aufgenommen, und ihre Fortschritte in der spanischen Sprache waren von der Art, daß sie selbst ihren Lehrer mit Staunen erfüllten. Auch zog nicht Ozema allein aus diesem Umgänge Nutzen, da Luis, indem er sic zu unterrichten bemüht war, fast eben so viele Worte ihrer Muttersprache lernte, als er ihr von der seinigen mittheilte. In dieser Weise unterhielten sic sich, indem sie für den Fall der Noth zu den Ausdrücken beider Zungen ihre Zuflucht nahmen. Wir geben hier eine freie Uebersetzung ihrer Worte, wobei wir das Charakteristische des Gesprächs beizubehalten bemüht waren. „Arme Ozema," erwiedertc unser Held, iudem er sie sanft in eine Stellung brachte, in welcher er sie gegen die Wirkungen der ungestümen Bewegungen des Schiffes unterstützen konnte — „Du hast wohl Ursache, Dich nach Hayti und der friedlichen Sicherheit Deiner Haine zurückzusehnen." „Caonabo dort, Luis!" „Wahr, unschuldiges Mädchen; aber selbst Caonabo ist nicht so schrecklich, als dieses Zürnen der Elemente." „Nein — nein — nein — Caonabo viel schlimm — brechen Ozema'S Herz — nicht Caonabo — nicht Hapti." „Deine Furcht vor dem Caribenhäuptling, liebe Ozema, hat Dir theilweise die Besinnung verwirrt. Du hast einen Gott so gut, als wir Christen, und mußt, wie wir Dein Vertrauen auf ihn setzen. Er ist's allein, der Dich beschützen kann." „Was beschützen?" „Für Dich sorgen, Ozema — abwenden, daß Du nicht zu Schaden kömmst — ob Deiner Sicherheit und Deiner Wohlfahrt wachen." „Luis beschützen Ozema. Es versprechen Mattinao — es versprechen Ozema — es versprechen Herz." „Gutes Mädchen, ich werbe eS wohl, so weit meine Kräfte reichen. Aber was kann ich thun gegen diesen Sturm?" „Was Luis thun gegen Caonabo? — tödten ihn — erschlagen Indianer — machen ihn weglaufen!" „Das ist eine Kleinigkeit für einen christlichen Ritter, der ein gutes Schwert und einen tüchtigen Schild führt; aber diese Waffen nützen nichts gegen einen Sturm. Wir haben nur eine Hoffnung und diese besteht in dem Vertrauen zu dem Gott der Spanier." „Spanier groß — haben groß Gott." „Es gibt nur einen Gott, Ozema, der Alles leitet, sey eS nun in Hapti oder in Spanien. Tu erinnerst Dich, was ich Dir von seiner Liebe und von der Art seines Todes, durch den er uns Alle erlöste, gesagt habe, und Du versprachst mir damals, ihn anzubeten und Dich taufen zu lassen, sobald wir meine Heimath erreicht hätten." „Gott! — Ozema thun, was Luis sagen. Lieben Luis'Gott schon." „Du hast das heilige Kreuz gesehen und mir versprochen, er zu küssen und zu verehren." 503 „WoKreuz? Sehen nichtKreuz — oben im Himmel ? — oder wo? — zeigen Ozema Kreuz jetzt — Luis' Kreuz — Kreuz Luis' lieben." Der junge Mann trug Mercedes Abschieds-Geschenk auf seinem Herzen; er erhob die Hand, brachte das kleine Geschmeide zum Vorschein, drückte es mit frommer Gluth an seine Lippen, und bot cs dann dem Jndianermädchen dar. „Sieh" — sagte er — „dieß ist ein Kreuz; wir Spanier verehren und segnen es. Es ist die Bürgschaft unseres Heils." „Dies Luis' Gott?" fragte Ozema etwas überrascht. „Nicht doch, armes umnachtetes Mädchen —" „Was umnachtet?" fiel die wißbegierige Tochter Hayti'S lebhaft ein; denn kein Ausdruck, den der junge Mann auf sie anwen- detc, blieb von ihrem aufmerksamen Ohre unbeachtet. „Umnachtet nennt man diejenigen, welche nie von dem Kreuze und den unendlichen Gnaden, die demselben entströmen, gehört haben." „Ozema nicht umnachtet jetzt," rief das Mädchen, das Kleinod an ihre Brust drückend. „Haben Kreuz — behalten Kreuz — nicht umnachtet wieder, nie. Kreuz Mercedes." — Denn in Folge eines jener Mißverständnisse, die bei dem Beginne des Verkehr» zwischen solchen, welche verschiedene Sprachen reden, nicht selten find, hatte die junge Indianerin fich aus Luis' häufigen, unwill- kührlichen Ausrufungen den Begriff gebildet, daß ,Mercedes alles Herrliche und Vortreffliche bezeichne. „Ich wünschte in der That, die, welche Du nennst, hätte Dich in ihrer zärtlichen Obhut, damit sie Deine reine- Seele zur richtigen Erkenntniß Deine» Schöpfers führe! Dieses Kreuz ist nicht Mercedes selbst, sondern kommt von ihr, und Du wirst wohl thun, es zu lieben und zu segnen. Hänge die Kette um Deinen Hals, Ozema, denn dieses kostbare Zeichen kann dazu beitragen, Dich zu retten, wenn uns der Sturm noch vor dem Anbruch des Morgen» an die Küste Wersen sollte. Diese» Kreuz ist ein Sinnbild der Liebe, die nicht stirbt." DaS Mädchen verstand hievon genug, uni dem Wunsche unseres Helden zu willfahren, zumal da er sein Geheiß durch eine kleine freundliche Beihülfe begleitete, und bald hing die Kette um ihren Hals, indeß das heilige Vorbild auf ihrer Brust ruhte. Der Wechsel der Temperatur, wie auch ein Gefühl für Schicklichkeit hatte den Admiral veranlaßt, die Frauen mit weiten Kleidern aus Baumwollenzeug zu versehen. Ozema'S schöne Gestalt war gleichfalls dicht in ein solches Gewand gehüllt, unter dessen Falten sie das Kleinod, welches sie als Luis' Gabe zärtlich an ihrem Herzen hegte, verbarg. Der junge Mann betrachtete jedoch die Sache anders. Er hatte bloS im Sinne, für den Augenblick der äußersten Gefahr ihr das Kreuz zu leihen, welkes er den abergläubischen Gefühlen jenes Zeitalters zu Folge allen Ernstes für ein wesentliches Schutzmittel hielt. Da Ozema in Behandlung eines beschwerlichen und ungewohnten Gewandes keineswegs erfahren war, obgleich ihr angeborener Geschmack sie gelehrt hatte, es mit Anmuth um sich zu werfen, so half der junge Mann ihr fast nnwillkührlich, dem Kleinod seine neue Stelle anznweisen, als plötzlich ein gewaltsamer Ruck des Fahrzeuges ihn zwang, das Mädchen dadurch, daß er ihren Leib mit dem Arme umschlang, aufrecht zu erhalten. Ozema, theilweise der Bewegung der Caravele nachgebend, die sogar die Matrosen ohne Unterlaß aus dem Gleichgewicht brachte, vielleicht aber auch durch die Zärtlichkeit ihres eigenen Herzens hingerissen, tadelte diese Freiheit — di- erste, welche sich unser Held herausnahm — nicht, sondern ließ sich in vertrauensvoller Unschuld durch den Arm stütze», der ihr von allen andern der liebste und dazu bestimmt schien, ihr für ihr ganzes Lebe» Schutz zu gewähren. Im nächsten Augenblicke ruhte ihr Haupt an seiner Brust, während ihr Antlitz sich aufwärts kehrte und ihre Augen fest auf den Zügen des jungen Edeln hafteten. „Du bist weniger beunruhigt durch diesen schrecklichen Sturm, Ozema, als ich erwarten konnte. Die Besorgniß um Dich hat mich unglücklicher gemacht, als ich es je für möglich gehalten hätte, und doch scheinst Du keine Furcht zu hegen." „Ozema nicht unglücklich — nicht brauchen Hayti — nicht brauchen Mattinao — nicht brauchen irgend etwas. — Ozema glücklich — nun haben Kreuz." „Süße, harmlose Unschuld, mögest Du nie andere Gefühle kennen lernen, vertrag.« Deinem Kreuze." „Kreuz, Mercedes — Luis, Mercedes! Luis und Ozema behalten Kreuz für immer." ES kam vielleicht diesem hochgepriesencn Glücke des Mädchens zu Statten, daß die Ninna jetzt einen Sturz in die Wellen that, welcher unfern Helden unumgänglich nöthigte, sie loSzulaffen oder sie kopfüber nach der Stelle zu schleppen, wo ColumbuS stand, um seine wetterzerschlagene Gestalt gegen die größte Wuth des Sturmes zu schützen. Als er sich wieder aufrichtete, bemerkte er, daß die Thüre der Kajüte geschloffen und Ozema nicht mehr sichtbar war. „Findest Du unsere weiblichen Gefährtinnen durch dieses furchtbare Schauspiel erschreckt, Sohn Luis?" fragte ColumbuS ruhig; denn obgleich seine Gedanken ganz mit der Lage der Caravele beschäftigt waren, so halte er doch, was eben in seiner unmittelbaren Nähe vorgefallen war, bemerkt. „Es sind zwar kräftige Herzen, aber selbst der Muth einer Amazone könnte bei diesem Sturme sinken." „Sie sind unbekümmert, Scnnor, denn ich glaube, sie kennen die Gefahr nicht. Der civiliilrte Mensch steht so hoch über ihnen, daß Männer und Weiber ein volles Vertrauen in seine Mittel, sie zu retten, setzen. Ich habe eben Ozema ein Kreuz gegeben, und sie gebeten, ihre volle Zuversicht darauf zu setzen." „Du hast wohl gethan: es ist jetzt der sicherste Beschützer von uns Allen. — Halte das Vordertheil der Caravele dem Winde so nahe als möglich, so bald er etwas nachläßt, Sancho; jeder Zoll landabwärts ist eben so viel Gewinn für unsere Sicherheit." Die gewöhnliche Antwort erfolgte, und die Unterhaltung war 506 zu Ende; denn das Wüthen der Elemente und die furchtbare Weise» in der die Ninna sich abkämpfen mußte» um sich buchstäblich auf der Oberfläche des Meeres zu erhalten — gewährte allen Zeugen dieser Scene reichlichen Stoff zur Betrachtung. So verging die Nacht. Als der Tag anbrach» zeigte er einen Schauplatz winterlichen Ungestüms. Die Sonne ließ sich nicht blicken, denn die schwarzen Dünste trieben so niedrig vor dem Sturme her, daß die scheinbare Höhe des Himmelsgewölbes sich um die Hälfte gemindert zeigte» während daS Meer nur wie eine wogende Schaummaffe erschien. Bald wurde beinahe dwarS von der Caravele Hochland sichtbar, welches alle älteren Matrosen sogleich für den Fels von Lissabon erklärten. Sobald man sich über diesen wichtigen Umstand Gewißheit verschafft hatte, ließ der Admiral den Schnabel des Fahrzeugs landwärts richten und hielt auf die Mündung des Tajo an. Die Entfernung war nicht groß und mochte etwa zwanzig Meilen betragen. Aber die Nothwendigkeit» dem Sturme zu trotzen und in einem solchen Winde Segel beizusetzen, machte die Lage der Caravele bedenklicher als bei allen früheren Versuchen. In diesem Augenblick war die Politik des Portugiesen vergessen oder trat wenigstens sehr in den Hintergrund, da man augenscheinlich nur zwischen einem Hafen und einem Schiffbruche die Wahl hatte. Jeder Zoll luvwärts wurde für die Seefahrer von großer Wichtigkeit, undVicenteUannez stellte sich in die Nähe des Steuers, um das Spielen desselben mit der durch Erfahrung erworbenen Wachsamkeit einer verantwortlichen Stellung zu beobachten. Man führte nur die niedrigsten Segel, und auch diese waren so enge gerefft, als es ihre Einrichtung zuließ. In dieser Weise kämpfte sich das kleine, vom Sturme hin und hergestoßene Fahrzeug vorwärts, indem es bald so tief in die hohle See sank, daß Land, Meer und Alles bis auf die zürnenden Wogenwände und die Wolken über ihren Häuptern den Blicken entschwanden, bald wieder, so zu sagen, auS dieser ruhigen düsteren 507 Höhle in die zischende und brüllende Verwirrung des Sturmes hinauf fuhr. Die letzteren Augenblicke waren die bedenklichsten. Wenn der leichte Rumps die Spitze einer Welle erreichte und dem weichenden Elemente windwärts nachstürzte, schien eS, als ob die nächste Woge ihn unabänderlich überwältigen müßte; und doch vermied das wachsame Auge des Meente Vannez und Sancho'S ge» übte Hand jedesmal dieses Unglück. Es war jedoch unmöglich, die Waschen der Wellen ganz auSzuschließen, denn oft schossen sie, den Güssen eines Wasserfalls ähnlich, quer über das Vorderdeck, davon der Mannschaft ganz verlassen war. „Alles hängt nun von unfern Segeln ah," sagte der Admiral mit einem Seufzer; „wenn diese Stand halten, so sind wir sicherer, als wenn wir lensen — und ich glaube, Gott ist mit uns. Es kömmt mir vor, als sey der Wind weniger heftig als in der Nacht." „Möglich, Sennor. Ich glaube, wir kommen der Stelle, die Ihr mir angedeutet habt, näher." „Es ist jene Filsenspitz?. Kommen wir luvwärts um diese, so sind wir geborgen. Zm andern Falle sehen wir unser gemeinschaftliches Grab vor uns." „Die Caravele hält sich brav; ich gebe die Hoffnung noch nicht auf." Eine Stunde später war man dem Lande so nahe, daß man die Bewegungen der Menschen unterscheiden konnte. Es gibt Momente, wo sich dem Seemann Leben und Tod zugleich vor Augen stellen — auf der einen Seite Untergang, auf der andern Rettung. Als das Fahrzeug langsam dem Ufer zutrieb-, war nicht bloS der Donner der Brandung an den Felsen hörbar, sondern die fürchterliche Weise, in der das Wasser schäumend in die Höhe geschleudert wurde, vermehrte noch die Schrecken des Anblicks. Bei solchen Gelegenheiten ist es nichts Ungewöhnliches, hundert Fuß hohe Wasserstrahlen zu sehen, während die Sprühe oft auf große Entfernungen landeinwärts vor dem Winde hertreibt. Lissabon hat die 508 ganze Breite de» atlantischen Weltmeer-, von keinen Inseln oder Vorgebirgen unterbrochen, vor sich, und die Küste von Portugal ist von allen europäischen Gestaden die bloSgestellteste. Besonder- streichen die südwestlichen Böen zwölfhundert Stunden weit über dem Meere her, und die Wogen, welche sie an dem Ufer aufwerfen, sind in der That schrecklich. Zudem war der Sturm, den wir dem Leser zu schildern versuchen, keiner von den gewöhnlichen. Die Jahreszeit war ungestüm gewesen: sie hatte dem atlantischen Meere selten Ruhe gegönnt, und die von einer Bö aufgewühlten Wogen gewannen nicht Zeit, sich zu legen, als schon wieder eine neue in anderer Richtung über das Wasser hinfegte und jene unregelmäßige Bewegung erzeugte, welche einem Schiffe am schwersten zusetzt und zumalcn die Lage der kleineren höchst gefährlich macht. „Es gewinnt ein bessere- Ansehen, Don Christoval," rief Luis, als sie auf Flintenschußweite der Stelle sich genähert hatten, — „noch zehn Minuten in dieser Weis- quer, und wir sind gerettet!" „Du hast Recht, mein Sohn," erwiederte der Admiral ruhig. „Träfe uns das Unglück, bei jenen Felsen an'S Land geworfen zu werden, so würden in fünf Minuten keine zwei Planken der Nimm mehr aneinander halten. Fall ab, guter Vicente Uannez! Fall ab — um einen ganzen Strich! und dann dringe wacker vorwärts. Hält sich die Leinwand gut, so können wir um diesen Punkt herumkommen. Sieh, wie es vorwärts geht, Luis! — Blicke auf das Land und Du wirst nun unsere Bewegung gewahren." „Allerdings, Scnnor, aber die Caravcle rückt dem Punkte fürchterlich nahe." „Sey unbesorgt. Ein kühner CourS ist oft der sicherste. Es ist eine tiefe Küste und wir brauchen nur wenig Wasser." , Nun herrschte allgemeines Schweigen. Die Caravele glitt in erschreckender Eile auf die Felsenspitze zu, und jede Minute brachte sie dem kochenden Kessel, der rund umher schäumte, näher. Ohne wirklich in den Strudel zu gerathen, schoß die Nimm an dem Saume 509 desselben vorüber, und in weiteren fünf Minuten hatte sie den geraden CurS, den Tajo hinauf, offen vor sich. Das Marssegel wurde nun eingenommen und die Matrosen hielten furchtlos an, eines Hafens und der Rettung gewiß. So endete das größte Seeunternehmen aller Zeiten. Allerdings stand nun noch die Fahrt nach PaloS bevor; sie war jedoch kurz und unfruchtbar an Ereignissen. ColumbuS hatte seinen großen Entwurf durchgeführt, und der glückliche Erfolg war kein Geheimniß mehr. Seine Aufnahme in Portugal ist bekannt, nicht minder auch die Hauptereignisse, welche in Lissabon Statt hatten. Er warf am vierten März in dem Tajo Anker und verließ diesen Fluß wieder am dreizehnten. Am Morgen des vierzehnten war die Ninna in der Höhe des Caps von St. Vinzent, wo sie unter einem leichten Nordwinde nach Osten abhielt. Mit dem Sonnenaufgang des fünfzehnten befand sie sich wieder vor der Sandbank von SalteS, von der aus zweihundertvierundzwanzig Tage früher die Fahrt begonnen hatte. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Zur Abendstunde in dem Kreis der Basen Erging sie stch in süßer Klatscherei; Da donnertS draußen lärmend auf den Straßen, Und alsbald kömmt ein derber Bursch herbei; Sein blau Gewand ist reich mit Gold geschmückt, Der Schnallenschuh blinkt silbern an den Füßen, Vom stolzen Hut die Elsterfeder nickt, Zudeß den Hais ein indisch Tuch umstrickt. Die Hand ein Gertchen trägt — fürwahr ein Bursch zum Küssen. Micklc. Ungeachtet des großen Gedankens, welcher der von uns erzählten Reise zu Grunde lag, der aufopfernden Beharrlichkeit, die zu ihrer Ausführung nöthig wurde, und der Großartigkeit der Folgen, 510 die aus dem Gelingen stießen mußten, hatte das Unternehmen inmitten der stürmischen Ereignisse und der thätigen Selbstsucht jener Zeit nur wenig Aufmerksamkeit erregt, bis sein Ergebniß bekannt wurde. Nur einen Monat vor dem Vertrage mit EolumbuS hatten die beiden Herrscher den merkwürdigen Befehl zu Vertreibung der Juden unterzeichnet, und die Ausrottung eines so großen TheileS des spanische» Volkes war an sich schon ein ganz geeignetes Er- cigniß, um Aller Augen von einem Unternehmen abzulenken, das so zweifelhaft erschien und durch so unbedeutende Mittel, als ste dem großen Seefahrer zu Gebot standen, unterstützt wurde. Der Schluß des Monats Juli war den verfolgten Abrahamssöhnen als letzter AuSwanderungS-Termin anberaumt worben, und so richtete sich zu derselben Zeit, ja fast an demselben Tage, an welchem Co- lumbus von PaloS aussegelte, die Aufmerksamkeit des Volkes auf ein Ereigniß, das man recht wohl ein großes National-Unglück nennen kan». Die LoSreißung der Juden von dem Heimathlanbe glich dem AuSzuge aus Egypten; die Straße» wimmelten von beweglichen Massen, und viele »'änderten fort, ohne zu wissen wohin. Der König und die Königin hatten Granada im Mai verlassen und begaben sich nach einem zweimonatlichen Aufenthalt in Kastilien zu Anfang des Augusts nach Aragon, in welchem Königreich ste sich noch befanden, als EolumbuS' Flotte auSscgelte. Sic blieben daselbst den ganzen Sommer, um Angelegenheiten von Wichtigkeit zu bereinigen und vielleicht auch, um den Sccnen des Elends auszuweichen, welches ihr Judenedikt hervorgerufen hatte, da die meisten ihrer israelitischen Unterthanen sich in Kastilien befanden. Im Oktober besuchten ste das unruhige Katalonien und hielten den ganzen Winter über in Barcelona Hof. Auch in diesem Theile ihrer Besitzungen blieben sie nicht von wichtigen Begebnissen verschont. Am siebenten Dezember fand ein Angriff gegen Ferdinands Leben statt, wobei er eine schwere, obgleich nicht tüdtliche Halswunde erhielt. So lange man den König nicht außer Gefahr glaubte. 511 wachte Jsabella an seinem Bette mit der unermüdlichen Zärtlichkeit einer ergebenen Gattin, und ihre Gedanken weilten mehr bei dem Gegenstände ihrer Liebe, als bei irgend einem, wenn auch nach so vortheilhasten weltlichen Interesse. Dann folgten Untersuchungen über die Beweggründe des Mörders: denn man wittert bei solchen Anlässen immer Verschwörungen, obgleich die Geschichte wahrscheinlich zeigen würde, daß bei weitem die Mehrzahl solcher verruchten Versuche gegen daS Leben eines Herrschers mehr die Ergebnisse der Verblendung Einzelner sind, als die Früchte tief angelegter, verbrecherischer Plane. Jsabella, deren edle Seele über das Unglück, welches sie in ihrem Wahnglauben über die Juden verhängt hatte, tief bekümmert war, sollte nicht auch noch den Schmerz empfinden, um den gewaltsamen Tod ihres Gatten trauern zu müssen. Ferdinand genas all- mählig wieder. Alle diese Vorfälle, vereint mit den allgemeinen Regierungssorgen, hatten Columbus'Reise sogar aus dem Gedächtnisse der Königin verdrängt, während der staatskluge Ferdinand schon längst das auf die Ausrüstung verwendete Gold verloren gab. Der balsamische Frühling des Südens begann wie gewöhnlich, und die fruchtbare Provinz Catalonien hatte sich bereits an dem Schlüsse des Monats März in das entzückendste Grün gekleidet. Der König war schon seit einigen Wochen wieder seinen gewöhnlichen Geschäften zurückgegeben, und Jsabella, der ängstlichen Sorge um das Leben ihres Gemahls entnommen, verfolgte wieder den ruhigen Gang ihrer Pflichten und ihres WohlthätigkeitsstnneS. Durch die neuesten Ereignisse dem Prunke ihrer Stellung immer mehr abgeneigt und stets nach den stillen Freuden des häuslichen Lebens sich sehnend, hatte diese vortreffliche Frau in der letzten Zeit mehr, als sie je gewohnt war, unter ihren Kindern und Vertrauten gelebt — ein Kreis, der ihren Neigungen am meisten zusagte. Ihre früheste Freundin, die Marquifln von Moha, war natürlich beständig in der Nähe von ihrer Person, und Mercedes brachte ihre meiste Zeit entweder in 512 der unmittelbaren Gesellschaft ihrer königlichen Gebieterin oder in der Mitte ihrer Kinder zu. Eines Abends, am Schluffe des Monats März, fand bei Hof eine Versammlung statt, und Jsabella, die solche Scenen nicht liebte, hatte sich in ihre Privatgemächer zurückgezogen, um mit dem Kreise ihrer Vertrauten zu verkehren. Es war nahe um Mitternacht und der König wie gewöhnlich in dem anstoßenden Gemache beschäftigt. Unter den Anwesenden befanden sich, außer den Gliedern der königlichen Familie und der Donna Beatriz mit ihrer liebenswürdigen Richte — der Erzbischof von Granada, Luis de St. Angel und Alonzo de Quintanilla, von denen die beiden Letzteren zum Zwecke einer Vernehmung über die Einkünfte der Geistlichkeit durch den Prälaten vor ihre durchlauchtige Gebieterin beschieden worden waren. Die Geschästsangelegenheiten waren nun bereinigt und Jsabella verschönerte den Kreis durch ihre huldreiche Herablassung und ihre edle, weibliche Anmuth. „Hat man neuere Nachrichten von den unglücklichen, irregeleiteten Hebräern, Herr Erzbischof?" fragte Jsabella, deren edles Gefühl stets die Strenge bereute, zu deren Vollziehung sie durch die religiöse Abhängigkeit von ihren Beichtvätern verleitet worden war. „Unsere Gebete dürfen sie gewiß begleiten, wenn auch Pflicht und Klugheit ihre Vertreibung forderten." „Sennora," antwortete Fernando de Talavera; „sie dienen ohne Zweifel dem Mammon unter den Mauren und Türken, wie sie ihm in Spanien gedient haben. Laßt Euer huldvolles Herz nicht bekümmert sepn wegen dieser Abkömmlinge der Feinde und Krcuziger Ehristi, die, wenn überhaupt Leiden über sie kommen, nur die unaussprechliche Schuld ihrer Voreltern büßen. Meine gnädigste Gebieterin wolle lieber die Herren St. Angel und Quintanilla hier fragen, was aus ihrem Schützling, dem Genuesen Colon, geworden ist, und ob sie hoffen, daß er bald zurückkehre und den Groß-Chan als Gefangenen bei dem Barte herbeischleppe." 513 „Mir wissen nichts von ihm, frommer Prälat," fiel St. Angel rasch ein, „seit er die canarischen Inseln verlassen hat." „Die canarischen Inseln?" fragte die Königin etwas überrascht. „Hat man Nachrichten ans dieser Gegend?" „Nur Gerüchte, Sennora. So viel ich weiß, hat Niemand in Spanien Briefe erhalten; aber von Portugal aus kam das Gerücht, daß der Admiral zu Goniera und Canaria gelandet habe, wo er, wie es scheint, auf Schwierigkeiten stieß — und daß er bald darauf unter westlichem Curse abgesegelt sey. Seit dieser Zeit hörte man nichts mehr von den Caravelen." „Diesem Umstand, Herr Erzbischof, können wir entnehmen," fügte Quintanilla bei, „daß Kleinigkeiten die Abenteurer nicht zur Rückkehr veranlassen werden." „Ich stehe dafür, SennoreS, daß ein genuesischer Abenteurer, der Ihrer Hoheiten Bestallung als Admiral hat, sich nicht sonderlich beeilen wird, sich seiner Würde zu entledigen!" versetzte der Prälat lachend, ohne die günstige Meinung, welche seine hohe Gebieterin von ColnmbuS unterhielt, viel zu beachten. „Man wirst nicht gerne Rang, Ansehen und Einkünfte sorglos bei Seite, wenn man sie dadurch erhalten kann, daß man der Macht, welcher man sie verdankt, ferne bleibt." „Du bist ungerecht gegen den Genuesen, frommer Priester, und beurtheiist ihn zu hart," bemerkte die Königin. „In der That, ich kannte diese Nachricht von den canarischen Inseln nicht und freue mich za hören, daß Colon wohlbehalten so weit gekommen ist. Betrachteten die Seeleute den letzten Winter nicht als einen sehr stürmischen, Sennor de St. Angel?" „Allerdings, Eure Hoheit, und zwar in einem so hohen Grade, daß die Matrosen in Barcellona darauf schwören, eS hätte seit Menschengedenken keinen solchen gegeben. Sollte Colon ein Unglück zustoßen, so hoffe ich, baß man sich dieses Umstandes als einer Entschuldigung erinnern werde, wenn es mir gleich zweifelhaft Donna Mercedes. 2te Ausl. 33 514 erscheint, ob er gerade einem von unfern Stürmen und Unwettern besonders nahe ist." „Gewiß nicht!" rief der Bischof triumphirend. „Man wird finden, daß er sich in irgend einem Strome Afrika's ganz sicher eingebuchtet hat, und es soll mich nicht Wunder nehmen, wenn seinetwillen noch Mißhelligkeiten mit Dom Jao von Portugal eintreten." „Da kommt der König, der uns gleichfalls seine Ansicht mittheilen kann," fiel Jsabella ein. „Ich habe ihn lange nicht den Namen Colon'S aussprechen hören. — Habt Ihr unseres genuesischen Admirals ganz vergessen, Don Fernando?" „Ehe ich mich aus so entfernte Gegenstände cinlaffe," erwie- derte der König lächelnd, „möchte ich mich nach Dingen, die der Heimath näher sind, erkundigen. Seit wann hält Eure Hoheit über die Stunde der Mitternacht hinaus Hof?" „Nennt Ihr dteß einen Hof, Sennor? Hier find nur unsere eigenen theuren Kinder, Beatriz und ihre Nichte nebst dem wackc- den Erzbischof und diesen zwei treuen Dienern unserer Krone." „Nichtig, aber Ihr vergeht deS VorgemachS und Derer, die außen Eurer Befehle warten." „Nicht möglich zu dieser ungewohnten Stunde! Sicher ein Scherz von Euch, mein königlicher Gemahl?" „Dann hat mir Euer eigener Page, Diego de Ballesteros einen falschen Bericht erstattet. Er wollte zu dieser ungeeigneten Stunde Eure Einsamkeit nicht stören und kam daher zu mir, um mir anzuzeigen, daß ein Mensch von seltsamem Betragen und wunderlicher Tracht sich in dem Palaste befinde und auf einer Unterredung mit der Königin bestehe, möge es nun früh oder spät sehn. Die Mittheilungen über das Benehmen dieses Mannes klingen so eigenthümlich, daß ich den Befehl gab, ihn vorzulaffen, und ich komme nun, um Zeuge seines Anbringens zu sehn. Der Page sagte mir, er schwöre, alle Stunden sehen gleich und Tag wie Nacht zu unserem Gebrauche bestimmt." 513 s „Theucrster Don Fernando, könnte hier nicht ein Verrath im Spiele sehn?" „Sey unbesorgt, Jsabclla; Meuchelmörder sind nicht so kühn, und die wackeren Degen dieser Herren werden zu unserem Schutze zureichen. — Stille! — Ich vernehme Fußtritte. Wir muffen ruhig erscheinen, selbst wenn wir Schlimmes besorgen." Die Thüre öffnete sich, und 'Sancho Mundo trat vor die Herrscher. Die Miene und das ganze Aeußere eines so seltsamen Geschöpfes erregten Verwunderung sowohl als Heiterkeit, und Aller Augen flogen ihm um so mehr staunend zu, da er sich mit einigem Schmuck aus dem vermeintlichen Indien bedeckt hatte, unter denen sich auch etliche Goldspangen befanden. Mercedes allein entdeckte aus der Haliung und dem Anzuge des Mannes sein Gewerbe; sie erhob sich nnwillkührlich, schlug lebhaft ihre Hände zusammen und ließ einen leisen Ausruf entgleiten. Die Königin bemerkte diese Geberde, die ihren eigenen Gedanken auf einmal die wahre Richtung gab. „Ich bin Jsabella, die Königin," sagte sie, indem sie, ohne weiter an Gefahr zu denken, aufstand, „und Du bist ein Bote von Colon, dem Genuesen?" Sancho, der nur ungemein schwierig Zutritt erhalten hatte, nahm nun, da sein Zweck erreicht war, die Dinge wieder mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit. Zuerst ließ er sich auf die Kniee nieder, wie cS ihm von ColumbuS ausdrücklich eingeschärft worden war. Er hatte von den Eingebornen die Gewohnheit angenommen, sich des Krauts von Cuba und Hayti zu bedienen und war der erste Seemann, welcher je Taback kaute. Diese Tugend hatte sich bereits bei ihm so fest gewurzelt, daß er es für geeignet hielt, ehe er antwortete oder sobald er jene für ihn etwas neue Stellung angenommen hatte, die Winkel seines Mundes mit der anziehenden Pflanze zu füllen. Dann schüttelte er seine Garderobe — denn er trug Alles, was er von anständigen Kleidern besaß, auf dem Leibe und setzte sich in Bereitschaft, eine geeignete Antwort zu geben. 516 „Sennora — Donna — Eure Hoheit," begann er; „Jedermann hätte das auf den ersten Blick sehen können. Ich bin Sancho Mundo von dem Schiffsdockenthvr, einer von Eurer Hoheit und Exzellenz treuesten Unterthanen und Matrosen, gebürtig und seßhaft zu Moguer." „Du kommst von Colon, fragte ich?" „Ja, Sennora; ich erkenne cs dankbar, daß Eure königliche Hoheit es sogleich errathen haben. Don Christoval hat mich zu Land von Lissabon hergeschickt, denn er dachte, daß die schlauen Portugiesen gegen einen einfachen Matrosen wie ich bin, wahrscheinlich weniger mißtrauisch sepn würden, als gegen einen von diesen gestiefelten AlltagScurieren. 'S ist ein mühsamer Weg und von den Ställen zu Lissabon an bis zu dem Palaste von Barcel- lona gibt cs auch nicht ein einziges Maulthier, das geeignet wäre, von einem Christen bestiegen zu werden." „Du hast wohl Briefe? Deinesgleichen kann Wohl kaum etwas Anderes mit sich führen." „Euer Gnaden Hoheit, königliche Gebieterin, irren in diesem Punkts, obgleich ich kaum noch halb so viel Doblas bei mir führe, als ich beim Landen besaß. Bei der heiligen Messe, die Wirthe hielten mich nach der Art, wie sie mich zahlen ließen, für einen Granden." „Gib dem Manne Gold, guter Alonzo. Es ist einer von Denen, die gerne belohnt sehn wollen, ehe sie sprechen." Sancho zählte kaltblütig die Stücke, die man ihm in die Hand drückte, und da er fand, daß ihre Zahl seine Erwartung bei Weitem überstieg, so sah er keinen weiteren Grund zu Umschweifen. „Sprich, Bursche!" rief der König. „Du scherzest da, wo Du Ehrfurcht und Gehorsam schuldig bist." Ferdinands rasche, scharfe Stimme übte einen lebhafteren Eindruck auf Sancho'S Ohr, als Jsabella'S sanftere Töne, obschon selbst sein rauhes Wesen von ihrer frauenhaften Schönheit und Anmuth nicht unberührt blieb. „Wenn Eure Hoheit sich herablaffen will, mir kund zu thun, was Ihr zu hören wünschet, werde ich mit tausend Freuden antworten." „Wo ist Colon?" fragte die Königin. „Kürzlich war er noch in Lissabon, Sennora, obgleich ich glaube, daß er sich jetzt zu PaloS de Moguer, oder doch in der Nachbarschaft dieses Orts befinden wird." „Wo ist er gewesen?" „In Cipango und auf den Besitzungen des Groß-Chans, vierzig Tagereisen von Gomera, in einem Lande von wunderbarer Schönheit und Vortrefflichkeit." „Du kannst Dich nicht erkühnen, mit mir zu scherzen! Darf man Deinen Worten glauben?" „Wenn Eure Hoheit Sancho Mundo kennen würde, so könntet Ihr nicht daran zweifeln. Ich sage Euch, Sennora und allen diesen edlen Rittern und Damen, daß Don Christoval Colon die andere Seite der Erde entdeckt hat, von der wir jetzt mit Bestimmtheit sagen können, sie sey rund, da wir um dieselbe herumgefahren sind; ferner daß er gefunden hat, wie der Polarstern, einem Schwätzer gleich, der seine Neuigkeiten ausbreitet, an dem Himmel umherwandert; und endlich, daß er von Inseln, so groß als Spanien, Besitz genommen hat, wo Gold wächst, und wo die heilige Kirche bis ans Ende der Zeiten zu thun haben wird, wenn sie alle Einwohner zu Christen machen will." „Den Brief, Sancho — gib mir den Brief. Colon kann Dich kaum bloß mit mündlichen Aufträgen abgefertigt haben." Der Bursche beseitigte nun mehrere Tuch- und Papierhüllen, bis er zu Columbus Sendschreiben gelangte, welches er, ohne sich von seinen Knieen zu erheben, der Königin entgegen hielt, daß sie sich um einige Schritte vorbewegen mußte, um es in Empfang zu nehmen. Die Nachrichten waren so unerwartet und staunenerregend, der ganze Austritt erschien so neu, daß Niemand sich einzumengen wagte, weßhalb denn auch Jsabella die einzige handelnde Person blieb, wie sie in der Thal die einzige Sprecherin war. Nachdem sich Sancho in dieser Meise seines Auftrags glücklich entledigt hatte, der ihm ausdrücklich wegen seines Characters und seines Aeußern — von denen man glaubte, daß sie ihn am ehesten vor Verhaftung und Beraubung schützen würde» — anvcrtraut worden war, so kauerte er sich ruhig auf seine Fersen zurück, denn er hatte die Weisung, nicht eher aukzustehen, bis es ihm befohlen würde; dann brachte er das Gold, welches er erhalten hatte, wieder zum Vorschein und sing an, es auf's Neue kaltblütig abzuzählen. Die Aufmerksamkeit Aller war jedoch in diesem Augenblicke so sehr auf die Königin gerichtet, daß Niemand des Matrosen und seiner Bewegungen achtete. Jsabella öffnete den Brief, und ihre Blicke verschlangen den Inhalt, während sie ihm Zeile für Zeile folgten. Das Schreiben war nach Eolon'S gewöhnlicher Weise lang, und es bedurfte vieler Minuten, es zu durchlesen. Diese ganze Zeit über stand Alles bewegungslos, und jedes Auge war auf die sprechenden Züge der Königin geheftet, auf denen das höhere Roth der Freude und Neber- raschung, die Glut des Entzückens, ja des Staunens und der Lichtblick einer heiligen Begeisterung strahlten. Als Jsabella mit dem Briefe zn Ende war, wandte sie ihre Augen gen Himmel, schlug nachdrucksvoll ihre Hände zusammen und riel: „Nicht uns, o Herr, nur Dir scy die Ehre dieser wundervollen Entdeckung und alles des Guten, das wir diesem großen Beweise Deiner Liebe und Allmacht verdanken." Mit diesen Worten sank sie ans einen Sessel und zerfloß in Thronen. Ferdinand begleitete diesen Erguß seiner königlichen Gemahlin nur mit einem leichten Ausrufe, dann nahm er den Brief sanft aus ihrer nicht widerstrebenden Hand und -las ihn mit großer Aufmerksamkeit. Man hatte den behutsamen König von Aragon selten so ergriffen gesehen, als bei dieser Gelegenheit. Seine Züge sprachen Anfangs Staunen aus, dann folgte der Ausdruck der Aufgeregtheit, um nicht zu sagen der Gier, und als er mit dem Lesen zu Ende war, leuchtete sein ernstes Antlitz unzweideutig von Entzücken und Freude. „Guter Luis de St. Angel," rief er, „und Du, ehrlicher Alonzo Quintanilla! Welche frohe Botschaft muß dieß für euch Beide sehn! Selbst Du, frommer Prälat, wirst Dich freuen, daß die Kirche eine so glorreiche Erwerbung gemacht hat, obgleich Du früher eben kein Gönner dieses Genuesen warst. Weit mehr, als wir je zu hoffen wagten, hat sich verwirklicht, denn Colon hat nun in der That Indien entdeckt, unsere Reiche vermehrt, und auch sonst unser Ansehen auf eine unerhörte Weise gefördert." Es war nichts Gewöhnliches, Don Fernando so aufgeregt zu sehen, und er schien zu fühlen, daß sein Benehmen auffallen mußte, denn er trat unmittelbar nachher zu der Königin, ergriff ihre Hand und führte sie nach seinem eigenen Cabincte. Ehe er den Salon verließ, winkte er den drei Edeln, ihm zur Berathung zu folgen. Dieß that er jedoch mehr aus gewohnter Bedachtsamkeit, als mit irgend einer bestimmten Absicht, denn sein Geist war in einer Verwirrung, wie er sie nie gefühlt hatte, während koch Vorsicht eben so gut einen Theil seiner Religion als seiner Politik bildete. Sobald der König und die Königin nebst den drei Rathen verschwunden waren, zog sich die übrige königliche Familie gleichfalls nach ihren Gemächern zurück, und die Marquisin von Moya, Mercedes und Sancho blieben nun in dem ausschließlichen Besitze deS Salons. Der Letztere lag noch immer auf seinen Knien und bemerkte kaum, was um ihn vorging, so lebhaft war er von seiner eigenen Lage und von den Gegenständen seiner besonderen Herzensfreude in Anspruch genommen. „Du kannst aufstehen, Freund," bemerkte Donna Beatriz. „Ihre Hoheiten sind nicht mehr gegenwärtig." Bei dieser Aufforderung verließ Sancho seine demüthige Stellung, bürstete seine Kniee sorgfältig mit dem Aermel und sah sich 520 mit so viel Fassung um, als er bei Beobachtung des Himmels zur See an den Tag zu legen Pflegte. „Der Art, wie Du gesprochen, und dem Umstande zu Folge, baß Du die Botschaft des Admirals überbringen durftest, mein Freund, bist Du wohl ein Reisegefährte des Sennor Colon gewesen?" „Ihr dürft Euch darauf verlassen, Sennora Ercellenz, denn den größten Theil meiner Zeit brachte ich an dem Steuer zu, welches nur etliche Schritte von der Stelle steht, die Don Christoval und der Sennor de MunnoS so sehr liebten, daß sie dieselbe nie verließen, es war denn, um schlafen zu gehen, und auch da nicht immer." „War auch ein Sennor de MunnoS auf Deinem Schiffe?" nahm die Marquistn wieder auf, indem sie ihrer Mündel winkte, ihre Gefühle zu beherrschen. „Allerdings, Sennora, und ein Sennor Gutierrez, und ein gewisser Don Jemand Anders, und alle drei nahmen nicht mehr Raum ein, als ein gewöhnlicher Mensch. Ich bitte Euch, meine achtbare und angenehme Sennora, mir zu sagen, ob sich eine Donna Beatriz de Cabrera, Marquistn de Moya, eine Dame aus dem erlauchten Hause de Bobadilla an dem Hofe unserer gnädigsten Königin befindet?" „Ich bin Donna Beatriz, und Du hast wohl eine Botschaft an mich von demselben Sennor de MunnoS, von dem Du eben sprachest?" „Nun, jetzt wundert'S mich nicht länger, daß es große Herren mit schönen Frauen gibt, und arme Matrosen mit Weibern, die Niemand beneidet! Kaum kann ich meinen Mund austbun, so weiß man schon, was ich sagen will, und eine solche Allwissenheit muß wohl die eine Partie groß machen, wo dann nothwendig die andere unbedeutend zu bleiben hat. Bei der heiligen Messe! Don Christoval wird allem seinem Witze aufbieten müssen, wenn er nach Barcellona kömmt." „Erzähle uns von diesem Pedro de MunnoS, denn Deine Sendung geht an mich." „So will ich Euch also von Eurem eigenen braven Neffen, dem Conde de Llera, erzählen, Sennora, der sich unter zwei anderen 521 Namen auf der Caravele befand, von denen der eine als ein falscher gelten sollte, während doch der andere die größere Täuschung von beiden enthält." „So ist mein Neffe also wirklich erkannt worden? Sind viele Personen in sein Geheimniß eingeweiht?" „Gewiß, Sennora; denn erstlich weiß er selbst darum, zweitens Don Christoph, drittens ich, und viertens der Sennor Alonzo Pinzon, wenn seine Seele noch in seinem Fleische steckt, was aber höchst wahrscheinlich nicht der Fall ist. Dann ist auch Eure Herrlichkeit nicht unbekannt damit, und auch diese schöne Sennorita mag einige Ahnungen von der Sache haben." „Genug, ich sehe, das Geheimniß ist nicht öffentlich, obgleich ich nicht begreifen kann» wie ein Mensch von Deiner Klaffe zur Kenntniß desselben kommen konnte. Erzähle mir von meinem Neffen. Hat er auch geschrieben? In diesem Falle kannst Du mir immerhin den Brief sogleich übergeben." „Sennora, meine Abreise kam für Don Luis etwas überraschend, und er hatte keine Zeit, zu schreiben. Der Admiral hat dem Grafen die Aufsicht über die Prinzen und Prinzessinnen, die wir von Espannola mitgebracht haben, übergeben, wodurch er zu sehr in Anspruch genommen ist, um Briefe schreiben zu können, sonst würde er wohl einer so achtbaren Tante, wie Ihr, ganze Bogen voll geschrieben haben." „Prinzen und Prinzessinnen? Was meinst Du wohl mit diesen hochtönenden Ausdrücken?" „Nun, daß wir einige von diesen vornehmen Personen nach Spanien mitgebracht haben, damit sie Ihren Königlichen Hoheiten ihre Achtung bezeugen. Wir verkehren nicht mit dem gemeinen Haufen, Sennora, sondern nur mit Prinzen von Geblüt und den schönsten Prinzessinnen des Ostens." „Du willst uns also wirklich andeuten, daß so hohe Personen den Admiral aus der Rückreise begleitet haben?" 522 „Ohne allen Zweifel, Scnnora. Wir haben sogar eine von so seltener Schönheit darunter, daß die schönsten Damen von Ca- stilien aufpaffen dürfen, wenn sie nicht ausgestochen werden wollen. Sie lst zumalen Don LuiS' Freundin und Begünstigte." „Von wem sprichst Du?" fragte Donna Beatriz in der stolzen Meise, welcher sie sich zu bedienen pflegte, wenn sie auf einer unumwundenen Antwort beharrte. „Wie heißt diese Prinzessin, und woher kömmt sie?" „Euer Ercellenz, sie heißt Donna Ozema von Hapti, welches Land theilweise von ihrem Bruder, Don Maltinao, dem Kaziken oder König beherrscht wird. Scnnora Ozema ist seine nächste Verwandte und die Erbin des Reichs. Don Luis und Euer unterthä- niger Knecht haben diesen Hof besucht." „Deine Erzählung ist höchst unwahrscheinlich, Bursche. Konnte Don Luis bei einer solchen Gelegenheit wohl einen Menschen Deines Gleichen zum Begleiter wählen?" „Betrachtet die Sache, wie Ihr wollt, Scnnora; sie ist jedenfalls so wahr, als daß dieß der Hof von Don Ferdinand und Donna Jsabella ist. Ihr müßt wissen, erlauchte Marguistn, daß der junge Graf gerne mit uns Matrosen herumstreifte, und bei einer Gelegenheit traf sich'S zufällig, daß ein gewisser Sancho Mundo de Moguer dieselbe Reise machte. Dieß ist der Anfang unserer Bekanntschaft, und da ich das Geheimniß des edlen Herrn bewahrte, so wurde er Sancho'S Freund. Als Don Luis Don Mat- tinao, den Kaziken, was auf Spanisch so viel als ,Seine Hoheit^ bedeutet, besuchen wollte, sollte Sancho mit ihm gehen und Sancho ging. Als König Caonabo von den Bergen herunter kam, um die Prinzessin Donna Ozema zu entführen und zu seiner Gattin zu machen, wollte die Prinzessin nicht mitgehen, und da blieb, dem Conde de Llera und seinem Freunde Sancho vom Schiffsdockenthor nichts zu thun übrig, als sie gegen die ganze Armee zu verthei- digen, was wir auch thaten, und einen so großen Sieg errangen. 523 als Don Ferdinand, unser Königlicher Gebieter, je einen über die Mauren erfocht." „Und dann entführtet Ihr die Prinzessin selbst, wie cs scheint? Freund Sancho vom Schiffsdockcnthor, wenn dieß Dein Name ist. Deine Erzählung ist sehr sinnreich, aber sie ermangelt der Wahrscheinlichkeit. Wenn ich Dich nach Würden behandeln wollte, ehrlicher Sancho, so müßte ich Befehl ertheilen, Dir die Streiche aufzuzählen, welche Du als Belohnung für Deinen Scherz so wohl Verdient hast." „Der Mann spricht, wie man'S ihn gelehrt hat," bemerkte Mercedes mit leiser Stimme. „Ich fürchte, Scnnora, es ist nur zu viel Wahrheit in seiner Erzählung." „Seyd unbesorgt, schöne Sennorita," fiel Sancho ein, den die Drohungen in den Worten der Marquisin nicht im mindesten anfochten, „denn die Schlacht wurde geschlagen, der Sieg gewonnen, und die beiden Helden haben nicht den mindesten Schaden genommen. Diese erlauchte Sennora, der ich, als der Tante des besten Freundes, welchen ich auf Erden habe, Alles verzeihe — nämlich so lang es sich nur um Worte handelt — möge bedenken, daß die Bewohner von Hapti nichts von Hakenbüchsen wissen, mittelst derer wir Caonabo in die Flucht schlugen, wie sie sich auch wird erinnern können, daß Don Luis als ein einzelner Mann bloS mit Beihülfe seiner guten Lanze manche Reihe von Mauren durchbrochen hat." „Ah, Bursche," enlgegnete Donna Beatriz; „damals war er im Sattel, von Stahl umhüllt, und mit einer Wehr bewaffnet, vor der selbst Alonzo de Ojeda den Sand küssen mußte." „Hast Du in der That die Prinzessin, von der Du sprachst, mitfortgenommen?" fragte Mercedes ernst. ,Zch schwöre es, Sennora und Sennorita, erlauchte Dame, bei der heiligen Messe und bei allen Heiligen des Kalenders! Und noch zudem eine Prinzessin, die an Schönheit die Töchter unserer eigenen allergnädigsten Königin übertrifft, wenn ich anders die 524 schönen Fräulein, welche vorhin das Zimmer verließen, dafür zu nehmen habe." „Fort mit Dir, Schurke!" rief Donna Beatriz entrüstet; ich will nichts mehr hören. Es nimmt mich nur Wunder, daß mein Neffe einem Menschen mit so frecher Zunge seine Botschaften anvertraut. Geh, und steh morgen besonnener auf, sonst möchte selbst die Gunst Deines Admirals Deine Knochen nicht schützen. Mercedes, wir wollen zu Bette gehen — eS ist spät." Sancho wurde nun allein gelassen, und in einer Weile erschien ein Page, um ihn nach dem Orte zu führen, wo er die Nacht zubringen sollte. Der alte Matrose brummte etwas vor sich hin über die Heftigkeit von Don Luis' Tante, zählte sein Gold, auj's Neue, und war eben im Begriff, von seinem Lager Besitz zu nehmen, als derselbe Page wieder erschien, uni ihn zu einer andern Besprechung aufzufordern. Sancho, der zwischen Tag und Nacht keinen Unterschied machte, hatte nichts dagegen einzuwenden; zumal als er erfuhr, daß die liebenswürdige Sennorita, deren sanfte bebende Stimme ihn bei der letzten Besprechung so sehr angesprochen hatte, seine Gegenwart begehre. Mercedes empfing den rauhen Gast in ihrem eigenen kleinen Salon, nachdem sie ihrer Vormünderin gute Nacht gesagt hatte. Als er eintrat, glühte ihr Antlitz, ihr Auge leuchtete und ihr ganzes Benehmen würde dem, der mit den Wallungen des weiblichen Herzens vertrauter gewesen wäre, die höchste Beklommenheit «errathen haben. „Du hast eine lange und mühevolle Reise bestanden, Sancho," sprach unsere Heldin, als fie mit dem Matrosen allein war; „und ich bitte Dich, dieses Gold als einen kleinen Beweis der Teilnahme anzunehmen, womit ich die wichtigen Botschaften, die Du übcrbracht hast, angehört habe." , „Sennorita," rief Sancho mit einer angenommenen Gleichgültigkeit gegen die DoblaS, die in seine Hand fielen, „ich hoffe, Ihr haltet mich nicht für einen geldsüchtigen Menschen? Die Ehre, der Träger solcher Nachrichten zu seyn und vor so erlauchte Damen treten zu dürfen, ist ein übergroßer Lohn für Alles, was ich thun konnte." „Aber doch könnte für Deine Bedürfnisse Geld nölhig werden, und Du wirst nicht zurückweisen, was Dir eine Dame anbietet." „In dieser Rücksicht würde ich es annehmen, Sennorita, selbst wenn es zweimal so viel wäre." Mit diesen Worten brachte Sancho, sich in sein Geschick ergebend, das Gold zu dem andern, welches er bereits früher auf Befehl der Königin erhalten hatte. Mercedes befand sich nun in ciner Lage, wie sie oft Denen zu Theil wird, die ihre Kräfte allzuhoch anschlagen — mit andern Worten, da ihr jetzt die Mittel zu Gebot standen, ihre Zweifel zu lösen, zögerte sie, davon Gebrauch zu machen. „Sancho," begann Mercedes endlich, „Du hast den Sennor Colon auf dieser ganzen großen und außerordentlichen Reise begleitet und mußt viel erfahren haben, was wir, die wir ruhig in Spanien gelebt haben, gerne hören möchten. Ist Alles, was Du von den Prinzen und Prinzessinnen gesagt hast, wahr?" „So wahr, Sennorita, daß cs ein Geschichtschreiber brauchen könnte. Bei der Messe! Wenn Einer in einer Schlacht oder überhaupt Zeuge eines großen Wagnisses gewesen ist und sich die Sache hintendrein vorlesen läßt, so wird er bald den Unterschied zwischen der Thatsache und der Geschichte, die man von ihr gibt, merken! Nun, ich war —" «Ich wünsche nichts von Deinen übrigen Abenteuern zu hören, Sancho — nur das Einzige; gibt es wirklich einen Prinzen Mat- tinao und eine Prinzessin Ozema, die seine Schwester ist, und haben beide den Admiral nach Spanien begleitet?" „Ich sagte dieß nicht, schöne Sennorita, denn Don Mattinao blieb zu Hause, um sein Volk zu regieren. Es ist nur seine schöne Schwester, die Don Christoph und Don Luis de PaloS folgte." 526 „Folgte? — Besitzt der Admiral und der Conde de Llera einen so großen Einfluß über königliche Damen, um sie zu veranlassen, ihre Heimath zu verlassen und ihnen nach einem fremden Lande zu folgen?" „Ach, Sennorita, etwas derart ist vielleicht in Cafiilien oder Portugal oder sogar in Frankreich nicht üblich; aber Hayti ist noch kein christliches Land, und eine Prinzessin dort ist vielleicht nicht mehr als eine edle Dame von Castilien — jedenfalls was die Garderobe anbelangt, nicht einmal so viel. Doch eine Prinzessin ist eine Prinzessin, und eine schöne Prinzessin eine schöne Prinzessin. Unsere Donna Ozcma ist ein wundervolles Geschöpf, und fängt bereits an, unser reines Castillianisch zu plappern, als wäre sie zu BurgoS oder Toledo erzogen worden. Aber Don Luis ist ein gar ermuthi- gcnder Lehrer und hat sie ohne Zweifel so weit vorwärts gebracht, während er in ihrem Palaste so zu sagen ganz allein mit ihr wohnte, weshalb auch der eingefleischte Teufel, Don Caonabo mit seinen Leuten herunter kam, um die Dame zu entführen." „Ist die Dame eine christliche Prinzessin, Sancho?" „Der Himmel segne Eure reine Seele, Sennorita, sie kann sich in dieser Hinsicht nicht viel zu gute thun; doch hat sie so eine Art Anfang gemacht, denn ich bemerke, daß sie jetzt ein Kreuz trägt — freilich nur ein kleines, aber von gar köstlichem Stoffe, wie es auch nicht anders sehn kann, da es ein Geschenk des edlen und reichen Grafen von Llera ist." „Ein Kreuz sagst Du, Sancho?" fiel Mercedes, nach Luft haschend, ein; sie bewältigte jedoch ihre Gefühle so weit, daß der alte Matrose nichts entdecken konnte. „Ist es Don Luis gelungen, sie zur Annahme eines Kreuzes zu veranlassen?" „Allerdings, Sennorita — und zwar eines mit köstlichen Steinen geschmückten Kreuzes, das er selbst einmal an seinem Halse trug." „Kennst Du die Steine? — Waren es Türkiffe, in das feinste Gold gefaßt?" 527 «Für das Gold kann ich einstehen, meine Dame, aber bis zu der Kenntniß von Edelsteinen hat fich meine Gelehrsamkeit noch nicht verstiegen. Doch kann ich sagen, daß der Himmel von Hayti nicht blauer ist, als die Steine dieses Kreuzes. Donna Ozema nennt es Mercedes, wahrscheinlich, weil sie dabei an die Gnaden denkt, die aus der Kreuzigung für ihre umnachtete Seele fließen." „Wird denn dieses Kreuz für etwas so Gewöhnliches gehalten, daß es sogar zum Gegenstand der Unterhaltung für Leute von Deiner Klaffe geworden ist?" „Hört, Sennorita; ein Mann, wie ich, gilt an Bord einer Ca- ravele oder auf sturmbewegtem Meere mehr, als dieß wahrscheinlich hier in Barcellona, auf festem Grunde der Fall ist. Wir gingen nach Cipango, um daselbst Kreuze aufzurichten und die Heiden zu bekehren, und somit sehe ich in all diesem nichts Unpassendes. Was die Dame Ozema betrifft, so schenkt sie mir mehr Aufmerksamkeit, als irgend einem Andern, da ich in der Schlacht, welche fie dem Caonabo entriß, mitgesochten habe, und so zeigte sie mir das Kreuz an demselben Tage, als wir in dem Tajo Anker warfen, oder unmittelbar zuvor, als der Admiral mich beauftragte, sein Schreiben Ihrer Hoheit zu überbringen. Sie küßte damals das Kreuz, drückte es an ihre Brust und sagte, es wäre Mercedes." „Dieß ist höchst seltsam, Sancho! Hat die Prinzessin ein ihrem Rang und ihrer Würde angemessenes Gefolge?" „Ihr vergeht, Sennorita, daß die Ninna, wie schon ihr Name besagt, nur ein kleines Schiff ist und für einen großen Schweif von Herren und Damen keinen Raum bietet. Don Christoph und Don Luis stehen hoch genug, um ein passendes Geleite von was immer für einer Prinzessin zu bilden, und was das übrige anbelangt, so muß Donna Ozema eben warten, bis unsere gnädige Königin ihr ein Gefolge anweisen kann, das ihrer Geburt angemessen ist. Außerdem, mein gnädiges Fräulein, sind diese Damen von Hayti viel einfacher, als die unseres spanischen Adels, denn die Hälfte von ihnen ist der Meinung, Kleider seyen in ihrem milden Klima etwas sehr UnuöthigeS." Mercedes warf dem Sprecher einen Blick des Unwillens und des Mißtrauens gegen seine Wahrheitsliebe zu; ihre Neugierde und Theilnahme waren jedoch zu sehr erregt, als daß sie den Mann hätte wegschicken können, ohne eine weitere Frage an ihn zu stellen. „Und Don Luis de Bobadilla war immer um die Person des Admirals? Stets bereit, ihn zu unterstützen und der Vorderste bei jeder Gefahr?" „Sennorita, Ihr beschreibt den Grafen so treu, als ob Ihr von Anfang bis zum Ende selbst dabei gewesen wäret. Wenn Ihr gesehen hättet, wie wacker er CaonaboS Schaar mit dem Schwerte bearbeitete und wie er Alle hinzuhaiten wußte, während Donna Ozema in seiner Nähe hinter dem Felsen steckte, so hätten Wohl Eure holden Augen sich der Thränen der Bewunderung nicht enthalten können." „Donna Ozema in seiner Nähe — hinter Felsen, und Angreisende, welche er hinhielt?" „Ja, Sennora, Ihr wiederholt es, wie ein Buch. Es war ganz so, wie Ihr sagt, obgleich sich Fräulein Ozema nicht damit begnügte, hinter den Felsen zu bleiben, denn als die Pfeile am dicksten flogen, so stellte sie sich vor den Grafen und zwang dadurch die Feinde, inne zu halten, sonst würden sie gerade den Preis, um den sie kämpften, getödtet haben. Eine natürliche Folge war, daß auch das Leben ihres Ritters gerettet wurde." „Sein Leben gerettet, — das Leben Luis' — des Don Luis de Bobadilla durch eine indianische Prinzessin?" „Es ist gerade so, wie Ihr sagt, und ein sehr edles Mädchen ist sie — Verzeihung, daß ich mir von einer Dame ihres Ranges einen so respektwidrigen Ausdruck erlaube. Seit jenem Tage 520 "hat mir der junge Graf wieder und wieder erzählt, die Pfeile sehen iu solchen Wolken geflogen, daß er seine Ehre wohl hätte durch einen Rückzug beflecken oder sein Leben verlieren müssen, wenn Donna Ozema nicht gerade zur rechten Zeit gekommen wäre. Sie ist ein herrliches Wesen, Sennorita, und Ihr werdet sie wie eine Schwester lieben, sobald Ihr sie gesehen und kennen gelernt habt." „Sancho," bemerkte unsere Heldin, wie die Morgenröthe erglühend, „Du sagst, daß der Conde de Llera Dir befohlen habe, seiner Tante von ihm zu erzählen; hat er dabei nicht sonst noch eines Namens ewähnt?" „Nein, Sennorita." „Bist Du deß gewiß, Sancho?" besinne Dich — nannte er Niemand anders gegen Dich?" „Nun, schworen kann ich nicht gerade drauf; denn entweder hat er oder der alte Steuermann Diego von einer gewissen Clara gesprochen, die hier in Barcellona eine Hosterie hält und herrlichen Wein schenkt. Ich glaube aber, es wird wohl Diego und nicht der Graf gewesen sehn, da der Eine gar viel an derartige Dinge denkt und der andere kanm etwas von Clara weiß." „Du magst Dich entfernen, Sancho," sagte Mercedes mit schwacher Stimme. „Wir wollen morgen weiter mit Dir sprechen." Sancho nahm diese Entlassung nicht übel auf, sonder» kehrte vergnügt zu seinem Lager zurück, ohne sich etwas von dem Unglück träumen zu lassen, das er durch die Mischung von Wahrheit und Uebertreibung in seinen Erzählungen angestistet halte. 3t Donna Mercedes. 2te Ausl. 530 Siebemindzwanzigstcs Kapitel. So mancher suchte bündig schon Den schöne» Satz zu constatiren. Der Orang sch ein Menschensohn, Bewohnten Gründen nur entfloh», Wells ihm gefiel in Wald-Neoieren. Doch nimmtS Euch Wunder? Mancher Lasse — WaS ist er mehr als dieser Affe? Nach Lord John TownShend. Die Nachrichten von der Rückkehr Colons und von den wichtigen Entdeckungen, die er gemacht hatte, flogen wie ein Lauffeuer durch Europa und galten bald allgemein für das große Ereigniß des Jahrhunderts. Man glaubte noch immer, Indien durch eine Westfahrt erreicht zu haben und betrachtete daher das Problem, daß die Erde eine Kugel sey, für erfahrungsmäßig gelöst; denn die Entdeckung des stillen Weltmeers durch Balboa fällt um mehrere Jahre später. Die Vorfälle während der Reise, die Wunder welche man gesehen, die Fruchtbarkeit des morgenländischen Bodens, das Liebliche des Klima'S, der Reichthum an Gold, Gewürzen, und Perlen — alle die seltsamen Dinge, die der Admiral als Beweise des Gelingens seines Unternehmens mitgebracht hatte, waren nun ausschließlich die Gegenstände des TagSgesprächS, über die man sich nicht satt reden konnte. Die Spanier hatten sich Jahrhunderte lang Mühe gegeben, die Mauren von der Halbinsel zu verdrängen; da aber dieses heißersehnte Ereigniß die Folge der Zeit und eines lange fortgesetzten Kampfes gewesen war, so schien selbst das vollständige Erreichen dieses Zieles nur unbedeutend und untergeordnet, wenn man es mit dem plötzlichen Glanze verglich, der jene Entdeckungen im Westen umgab. Mit einem Worte — der Fromme freute sich in der Hoffnung, das Evangelium weiter verbreitet zu sehen; die Phantasie des Habsüchtigen wühlte in Haufen 531 GolveS; der Politiker berechnete dieZunnahme der spanischen Macht, der Gelehrte jubelte über den Sieg, welchen die Vernunft über Unwissenheit und Vorurtheil erfochten hatte, während er immer noch größere Erweiterungen des Wissens erwartete; und die Feinde Spaniens staunten und zögerten trotz des Neides, mit dem sie diese Herrlichkeiten betrachteten. Die ersten Tage, welche der Ankunft von Columbus' Boten folgten, waren Tage des Entzückens und der Neugierde. Der Admiral wurde dringend aufgefordert, seine Ankunft zu beschleunigen, man bot ihm hohe Ehre» an und sein Name tönte aus jedem Munde, wie sein Ruhm das Herz eines jeden ächten Spaniers erfüllte. Man erließ Befehle zur Ausrüstung einer neuen Flotte, und fast nirgends hörte man von etwas anderem, als von dieser Entdeckung und ihren Folgen sprechen. So verging ein Monat, bis endlich der Admiral, von den meisten Indianern, welche er von den Inseln mitgebracht hatte, begleitet, zu Barcellona anlangte. Die Herrscher empfingen ihn ans einem Throne, der in einer öffentlichen Halle aufgeschlagen worden war, erhoben sich bei seiner Annäherung und bestanden darauf, daß er sitzen solle — eine der höchsten Auszeichnungen, die gewöhnlich nur den Prinzen von Geblüt zu Theil wurde. Columbns erzählte nun die Geschichte seiner Fahrt, zeigte die Merkwürdigkeiten, welche er mitgebracht, und sprach von seinen Hoffnungen für die Zukunft. Als er mit seinem Berichte zu Ende war, knieten aste Anwesenden nieder, während die Hofkapeste das TW ävum anstimmte, und selbst Ferdinands ernstes Wesen, löste sich in Thränen dankbarer Freude über dieses unerwartete und herrliche Geschenk des Himmels auf. Columbus war lange Zeit das Ziel aller Angen, und man versäumte nicht, ihm aste Ehren und Berücksichtigungen zu Theil werden zu lassen, bis er Spanien wieder verließ, um die zweite Fahrt nach dem Osten — wie man es damals nannte, zu befehligen. Ein paar Tage vor der Ankunft des Admirals am Hofe erschien Don Luis plötzlich in Barcellona. Unter gewöhnlichen Umständen würde das Auftreten eines Mannes von dem Range und den Eigenthümlichkeiten des jungen Granden einen nicht so leicht zu erschöpfenden Gegenstand des Hofgesprächs abgegeben haben; aber die allgemeine Begeisterung für die große Reise hatte keinen Sinn mehr für die minder wichtigen Angelegenheiten und diente so auch unserem Grafen zum Schirme. Seine Anwesenheit konnte jedoch nicht unbeachtet bleiben und man flüsterte sich mit dem gewöhnlichen Lächeln und Achselzucken zu, er sey in einer Caravele, die aus der Levante kam, eingelaufen; es bildete daher einen stabilen TageSwitz, sich unter der Hand anzuvertrauen, daß der junge Conde de Llera die Ostfahrt gleichfalls mitgemacht habe. Unser Held ließ sich indessen durch all dieß wenig anfechten und begann wieder dieselbe Lebensweise, welche er sich in der Nähe der Herrscher immer hinzugeben pflegte. Er wohnte, prachtvoll gekleidet, dem Empfange des Admirals in der Halle bei und kein Edler Spaniens machte an jenem Tage durch Haltung und AeußercS seinem Range oder seiner Familie mehr Ehre, als Don Luis. Man hatte bemerkt, daß Jsabella während des Gepränges ihm freundlich zulächelte, aber mehr als ein schlauer Beobachter schüttelte über die ernste Miene den Kopf, mit der die Vertraute der Königin dem freudigen Schauspiele beiwohnte— ein Umstand, den man der unwürdigen Aufführung ihres ruhelosen Neffen zuschrieb. Niemand sah an jenem Tage mit mehr Entzücken auf Luis, als Sancho, welcher in Barcellona geblieben war, um von den Ehren seines Admirals auch etwas abzubekommen, und aus Rücksicht für seine geleisteten Dienste unter den Höflingen Platz nehmen durfte. Die Art, wie er sich des neuen Krautes, Tabacco genannt, bediente, erregte keine kleine Verwunderung, wie denn auch ein paar Dutzend seiner Nachbarn ihrem Versuche, seine Kunst nachzuahmen, die derartigen Anfangsleistungen gewöhnlich folgende Uebelkeit verdankten. Eines seiner Erlebnisse an diesem Tage war so ungewöhnlich und bezeichnet so sehr die allgemeine Stimmung 333 des Tages, daß wir nicht umhin können, die Einzelnheiten derselben hier aufzuführen. Die Audicnzfeierlichkeiten waren vorüber und Sancho verließ eben mit der übrigen Menge die Halle, als ein gut gekleideter Mann von etwa vierzig Jahren und von gefälligem Aenßeren auf ihn zutrat und sich die Ehre seiner Gegenwart bei einem kleinen Festmahle, wie sie nicht selten dem Admiral und seincnFreunden gegeben wurden, erbat. Sancho, dem die so neue Wonne der Auszeichnung noch nicht verleidet war, willfahrte mit Freuden und wurde nun zu einem Zimmer des Palastes geführt, wo sich ihm zu Ehren etwa zwanzig junge Edle versammelt halten; denn an jenem Tage hielt sich in Barcellona jeder für glücklich, wenn er auch nur den geringsten Begleiter Colon'S zur Annahme einer Einladung bewegen konnte. Sobald die Beiden ins Zimmer getreten waren, schaarten sich die jungen, castilianischen Herren um sie her, überhäuften Sancha mit Bethenrungen ihrer Bewunderung und bedrängten seinen Begleiter, den sie „Sennor Pedro", „Sennor Martir" und hin und wieder auch „Sennor Pedro Martir" nannten, mit Dutzend Fragen zumaj» ES ist kaum nöthig, beizufügen, daß dieser Mann niemand anders als der Geschichtschreiber war, der in neuerer Zeit als Peter Martir so berühmt wurde, und dessen Obhut und Unterricht Jsabella, obgleich er ein Italiener von Geburt war, die meisten jungen Edeln des Hofs anvertraut hatte. Das gegenwärtige Festmahl war veranstaltet worden, um den jungen Herren Gelegenheit zu geben, ihre natürliche Neugierde zu befriedigen, und man hatte Sancho aus dem einfachen Grunde für diesen Zweck erwählt, weil man sich mit dem Berichte eines Untergeordneten begnügen muß, wenn dieHaupt- person nicht zu haben ist. „Wünscht mir Glück, SennoreS," rief Peter Martir, sobald er zum Worte kommen konnte, „denn ich bin glücklicher gewesen, als wir hoffen durften. Was den Genuesen und all- Höherstehenden «us seiner Umgebung anbelangt, so sind sie für heute von den 534 höchsten Häusern Spaniens in Anspruch genommen; aber hier ist ein sehr würdiger Pilote, ohne Zweifel der Zweite im Range an Bord einer der Caravelen, der uns die Ehre schenken will, an unserem kleinen Gelage Theil zu nehmen. Ich habe ihn einer ganzen Schaar, die das gleiche Gesuch im Schilde führte, entrissen und bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, nach seinem Namen zu fragen, den er uns jetzt wohl selbst zu nennen so gefällig sepn wird." Sancho war nicht leicht aus der Fassung zu bringen und besaß viel zu viel natürlichen Verstand, um hier den Possenreißer zu spielen oder sich anstößige Gemeinheiten zu erlauben, obgleich wir dem Leser nicht zu sagen brauchen, daß er sich zu einem Mitgliedc der Akademie nicht besonders geeignet haben würde und auch nicht die gediegensten Kenntnisse in den Naturwissenschaften besaß. Er nahm daher eine gehörig würdevolle Miene an, und da er durch die tausend Fragen, die er in dem letzten Monat zu beantworten gehabt, etwas in Uebung gekommen war, so bereitete er sich vor, dem Wissen eines Mannes, der Indien besucht hat, alle Ehre zu machen. „Zu Dienste, SennoreS; ich heiße Sancho Mundo — bisweilen auch Sancho Mundo vom Schiffsdockenthor, obgleich ich e^ jetzt vorziehen würde, Sancho von Indien genannt zu werden, wenn nicht Seine Ercellenz Do» Ehristoval auf diesen Titel Anspruch macht, was er allerdings mit etwas besserem Rechte als ich thun kann." Hier betheuerten mehrere, daß er die allerbesten Ansprüche habe, und dann wurden Sancho vom Schiffsdockenthor einige junge Männer aus den ersten castilianischen Familien vorgestellt; denn obgleich die Spanier nicht die gleiche Sucht für derartige Höflichkeitsformen haben als die Amerikaner, so war der jetzige Anlaß doch von der Art, daß die convcntionelle Rückhaltung den natürlicheren Gefühlen weichen mußte. Nach dieser Cerenionie, bei welcher die anwesenden Mendozas, GuzmanS, CerdaS und Toledos sich geehrt fühlten, die Bekanntschaft dieses einfachen Matrosen zu machen — kehrte die ganze Gesellschaft nach dem Speisesaal zurück, wo die 535 Tafel in einer Weise besetzt war, die den Köchen Barcellona'S alle Ehre machte. Während des Mahles ließ sich Sancho durch keine Frage — denn die Neugierde veranlaßte die jungen Herren hin und wieder zu einer Abweichung von den Schicklichkeitsregeln — von der Pflicht des Augenblicks abbringen, gegen die er eine Art religiöser Verehrung unterhielt. Einmal, da man ihm etwas kräftiger als gewöhnlich zusetzte, legte er Messer und Gabel nieder und gab die nachstehende, feierliche Erwiederung. „Sennores," sagte er, „ich betrachte Speise und Trank als eine Gabe Gottes und halte es für unehrerbietig, viel zu reden, wenn die Trefflichkeit des Mahles uns einlädt, sich gegen diesen großen Geber dankbar zu erweisen. Ich weiß, Don Christoval ist derselben Meinung, und alle seine Begleiter folgen dem Beispiele ihres thcnren und hochgeehrten Admirals. Sobald ich zu sprechen bereit bin, Sennores Don Hidalgos, sollt Ihr genug zu hören bekommen, und dann sey Gott der Unwissenheit und Albernheit gnädig." Nach dieser Erinnerung blieb nichts mehr übrig, als zu schweigen, bis Sancho seinen Apvetit gestillt hatte; dann aber schob er seinen Sitz^ctwas vom Tische zurück und kündigte an, daß er nunmehr zu beginnen bereit sey. „Ich muß gestehen, daß ich mich mit der Gelehrsamkeit nie besonders abgegeben habe, Sennor Pedro Martir," sagte er; „aber was ich gesehen habe, das habe ich gesehen, und was bekannt ist, weiß ein Matrose eben so gut, als ein Doctor von Salamanka So beginnt denn in Gottes Namen eure Fragen, und seyd solcher Antworten gewärtig, wie ein armer aber ehrlicher Mann siegeben kann." Der gelehrte Peter Martir hatte im Sinne, die Gelegenheit auf's Beste auSzubeuten. Da aber in dem gegenwärtigen Augenblick jede Mittheilung, wie sie einem eben in den Wurf kam, mit Begierde ausgenommen wurde, so begann er seine Fragen so einfach und unumwunden vorzulcgcn, als ihn der Seemann zu thun aus- gefodert hatte. 336 „Nun, Sennor," begann der Mann der Wissenschaft, „wir möchten gerne über gewisse Punkte Auskunft erhalten. Wir bitten Euch daher, uns zu sagen, welches von den wunderbaren Ereignissen, die Euch während dieser Resse begegneten, den tiefsten Eindruck aus Euren Geist gemacht hat und Euch als das merkwürdigste ausgefallen ist." „Ich wüßte nichts mit der Faselei des Polarsterns zu vergleichen," lautete Sancho'S schleunige Antwort. „Wir Seeleute glaubten immer, dieser Stern sch so unbeweglich als der Dom von Sevilla; wir sahen ihn aber auf dieser Reise seine Stelle mit der Unbeständigkeit der Winde ändern." „Dieß ist in der Tbat wunderbar," rief Peter Martir, der kaum wußte, wie er diese Mittheilung nehmen solle. „Vielleicht findet aber hier ein Jrrthum statt, Meister Sancho, da Ihr Wohl nicht an die Beobachtung des Himmels gewöhnt sepd." „Fragt Don Christoval; wann das Phernomcrthon, wie es der Admiral nennt, zuerst beobachtet wurde. Wir sprachen ein Langes und ein Breites über diesen Gegenstand und kamen endlich zu dem Schluffe, daß nichts auf der Welt so beständig sey, als cS zu sehn scheine. Verlaßt Euch drauf, Don Pedro, der Polarstern treibt sich um, wie eine Windfahne." * „Ich will doch den erlauchten Admiral darüber befragen; aber was haltet Ihr, Meister Sancho, nach diesem Wandern des Sternes für das BeachtenSwertheste? — ich meine, die gewöhnlichen Dinge, da ich wissenschaftliche Fragen einer späteren Erörterung Vorbehalten möchte." Dieß war eine zu wichtige Frage, um sich so leicht beantworten zu lassen und während Sancho über die Sache nachdachte, öffnete sich die Thüre und Luis de Bobadilla trat in vollem Glanze männlicher Anmuth, durch eine reiche Kleidung gehoben, in den Saal. Ein Dutzend Stimmen riefen seinen Namen und Peter Martir erhob sich, um ihm mit gewohntem Wohlwollen, dem sich jedoch ein wenig von der Miene des Tadels beimischte, zu empfangen. „Ich habe mir die Ehre erbeten, Sennor Conde," sagte er. „obgleich Ihr schon geraume Zeit meinem Naih und meiner Aufsicht entwachsen sehd; denn ich glaube, ein Mann, der das Reisen so sehr liebt, als Ihr, könnte an den Wundern einer so glorreichen Fahrt, wie die des Genuesen ist, sich eine nützliche Lehre nehmen, und würde einer Erzählung derselben nur mit großem Vergnügen anwohnen. Dieser würdige Seemann, ein Pilot, der ohne Zweifel bei dem Admiral sehr in Gunsten steht, hat eingewilligt, an diesem merkwürdigen Tage mit unserer spärlichen Bewirthung vorlieb zu nehmen und ist eben im Begriffe, uns die interessantesten Tatsachen und Ereignisse des großen Abenteuers zum Besten zu geben. Meister Sancho Mundo, dieß ist Don Luis de Bobadilla, Condc de Llera, ein Grande aus einem der angesehensten Häuser und mit den Meeren nicht unbekannt, da er oft in eigener Person auf denselben hin und her kreuzte." „Es ist durchaus nicht nöthig, mir dieß zu sagen, Sennor Pedro," antwortete Sancho, indem er LuiS' heitern und herablassenden Gruß mit tiefer, aber etwas linkischer Erfurcht erwiederte, „denn ich sehe so etwas gleich beim ersten Blicke. Seine Ercellenz ist so gut als Don Christoval und ich selbst in dem Osten gewesen, obgleich wir verschiedene Wege gingen und Keiner von uns Cathay ganz erreichte. Ich fühle mich geehrt, Euch kennen zu lernen, Don Luis, und kann wohl sagen, daß der edle Admiral die Seereisen mehr in Aufnahme bringen wird, als dieß in den letzten Jahren der Fall war. Wenn Ihr in die Nachbarschaft von Moguer kommt, so bitte ich Euch, an der Thüre Sancho Mundo'S nicht vorbei zu gehen, ohne anzufragen, ob er zu Hause ist." „Das will ich Dir mit Freuden versprechen, mein würdiger Seemann," sagte Luis lachend, indem er einen Stuhl nahm, „und sollte ich auch das Schiffsdockenthur heimsuchen müssen. Aber Sennor Pedro, ich möchte die Unterhaltung nicht länger unterbrechen, die, wie ich bei meinem Eintreten bemerkte, recht ansprechend gewesen seyn muß." „Ich habe mich bedacht, SennoreS," nahm Sancho mit Ernst wieder auf; „und so muß ich denn sagen, daß mir nach den Faseleien des Polarsterns, der Umstand, daß es in Cipango keine Dobla'S gibt, am seltsamsten vorkommt. An Gold fehlt eS nicht, und es ist gewiß wunderlich genug, daß ein Volk, das im Besitze eines so edlen Metalls ist, nicht auf den Gedanken verfällt, Dobla'S oder eine ähnliche Münze daraus zu schlagen." Peter Martir und seine jungen Zöglinge lachten über diesen Schwank, und dann behandelte man das Thema in einer andern Form. „Lassen wir diese Betrachtung, welche eher der Staatenpolitik als dem Bereiche der Staturlehre angehürt," fuhr Peter Martir fort. „Was erschien Euch aber hinsichtlich der menschlichen Natur am merkwürdigsten?" „Was dieß anbelangt, Sennor, so glaube ich, daß man die Insel der Weiber für das Außerordentlichste aller Phernomertone betrachten kann, mit denen ich je zusammentraf. Ich weiß zwar, daß sich Weiber und auch Männer in Klöster» einschließen; aber vor dieser Reise habe ich nie von Inseln vernommen, die zu derartigen Absonderungsplätzen für irgend eines der beiden Geschlechter benützt wurden." „Und dies ist wahr?" fragten ein Dutzend Stimmen — „seyd Ihr wirklich auf eine solche Insel getroffen, Sennor?" „Ich glaube, wir haben sie von ferne gesehen, SennoreS, und ich halte es für ein Glück, daß wir ihr nicht näher kamen, denn man findet in Moguer schon genug Schwatzbasen, und eS dürfte nicht gar angenehm sepn, einer ganzen Insel solcher zu begegnen. Dann haben wir Brod getroffen, das wie eine Wurzel in der Erde wächst — was haltet Ihr davon, Sennor Don Luis — findet Ihr eine solche Speise nicht seltsam?" „Nun, Meister Sancho, das ist eine Frage aus Deiner eigenen Fabrik, und Du mußt sie daher schon selbst beantworten. Was kann ich von den Wundern Cipaago'S wissen, da Candia auf der 539 entgegengesetzten Seite liegt? Erörtere daher diese Dinge nur selber, mein Freund." „Wahr, erlauchter Conde, und ich bitte untcrthänig um Verzeihung. Es ist allerdings die Psticht Dessen, der sieht, zu erzählen, und Dessen, der nicht sieht, zu glauben; ich hoffe daher, daß Jeder der Anwesenden der setnigen gehörig nachkömmt." „Essen diese Indianer zu ihrem Brode nicht ein eben so merkwürdiges Fleisch?" fragte ein Cerda. „Allerdings thun sie dieß. edler Sennor, denn sie essen einander selber auf. Zwar wurden weder ich noch Don Christoval zu einem derartigen Festmahle eingeladen, da sie wohl denken mochten, wir würden nicht kommen: wir haben aber über diesen Punkt die zuverlässigsten Nachrichten eingezogen, und nach einem ungefähren Ueberschlage mag der Verbrauch von Menschen auf der Insel Bohio ungefähr dem der Rinder in Spanien glcichkommen." Der Sprecher wurde durch einen allgemeinen Ausruf des Ab- scheueS unterbrochen und Peter Martir schüttelte den Kopf, wie ein Mann, der gegen die Wahrheit einer Erzählung etwas mißtrauisch ist. Doch, da sich von einem Manne, wie Sancho, kein gründliches Wissen erwarten ließ, so wurde die Unterhaltung wieder ausgenommen. „Könnt Ihr etwas von den seltenen Vögeln erzählen, die der Admiral heute Ihren Hoheiten zum Geschenk machte?" fragte der Gelehrte. „Sennor, ich habe mehrere, und besonders die Papageien, recht gut kennen gelernt. Das sind gar kluge Vögel, und ich zweifle nicht, daß sie im Stande wären, manche der Fragen, die mir hier in Barcellona so häufig vorgelegt werden, zur vollkommensten Zufriedenheit zu beantworten." „Ich sehe, Du bist ein Schalk, Sennor Sancho, und liebst einen Schwank," entgegnete der Maun der Wissenschaft mit einem Lächeln. „Doch folge immerhin Deiner Laune, und wenn Da ur.S 340 auch nicht durch Deine Kenntnisse nützlich werden kannst, so unterhalte uns wenigstens mit Deinen Einfällen." „San Pedro weiß, daß ich mit Vergnügen alles thun würde, um Euch gefällig zu sehn, SennoreS. aber die Liebe zur Wahrheit ist mir angeboren, so daß ich mich nicht darauf verstehe, irgend eine Sache auszuschmücken. Was ich sehe, das glaube ich und da ich einmal in Indien gewesen bin, so konnte ich meine Augen nicht vor seinen Wundern verschließen. Da gab es auch ein GraSmeer, was kein alltägliches Mirakel ist, denn ich zweifle nicht daran, daß die Teufel alle diese Pflanzen auf dem Wasser aufhäuften, um uns zu verhindern, den armen Heiden, welche auf der andern Seite der Erde wohnen , das Kreuz zu bringen. Wir kamen durch dieses Meer eher vermittelst unserer Gebete, als durch die Beihülfe der Winde." Die jungen Herren blickten auf Peter Martir, um zu sehen, wie er diese Theorie aufnehme, und Peter Martir, obgleich nicht frei von dem Aberglauben seincsZeitaltcrS, zeigte sich keineswegs geneigt, alles, was unserem Sancho zu behaupten beliebte, hinunter zu schlingen, obgleich der Letztere eine Fahrt nach Indien gemacht hatte. „Da Ihr, SennoreS, eine so große Neugierde in Betreff Colons, der jetzt durch Ihrer Hoheiten ehrenvolle Bestallung der Admiral des OceanS ist, kund gebt, so will ich Eure Herzen einigermaßen erleichtern und Euch wiedererzählen, was ich gehört habe," sprach Luis mit ruhiger Würde. „Ihr wißt, daß ich mit Don Christoval, ehe er absegelte, häufig verkehrte und daß ich mit seiner Rückkehr nach Santa Fö, als er diesen Ort, mulhmaßlich für immer, verlassen hatte, in einiger Verbindung stand. Unsere Bekanntschaft wurde seit der Ankunft des großen Genuesen in Barcellona wieder erneuert, und wir haben manche Stunden zusammen in des Admirals Gemächern verbracht, um di- Ereignisse der letzten paar Monate zu besprechen. Was ich auf diese Weise erfahren habe, bin ich bereit, mitzutheilen, wenn Ihr mir die Gunst erzeigen wollt, zuzuhören." Die ganze Gesellschaft drückte aus'S lebhafteste ihre Zustimmung 541 aus und Luis gab nun die Geschichte der Reise im Umrisse, ließ sich bei den merkwürdigsten Hauptbegebniffen mehr auf das Beson- derc ei» und suchte die verschiedenen Erscheinungen, welche die Abenteurer in Verwirrung gesetzt hatten, durch Gründe, wie sie in der damaligen Zeit als annehmlich erscheinen mochten, zu erklären. Er sprach mehr als eine Stnnde, kam im Verlauf seiner Mittheilung von einer Insel zur andern, und verbreitete sich über ihre eingebildeten und wirklichen Erzeugnisse. Allerdings beruhte viel von seiner Geschichte auf unrichtigen Ansichten des Admirals und auf einer falschen Deutung der Zeichen und Worte der Indianer; aber die Erzählung war klar, in zierlichen, wenn nicht beredten Morten vorgetragen und hatte ganz das Gepräge der Wahrheit. Kurz, unser Held gab seinen Zuhörern die Ergebnisse seiner eigenen Beobachtungen unter dem Vorwände einer vertraulichen Mittbeilung von Seiten des Admirals, und nicht selten wurde er durch Ausrufe der Verwunderung unterbrochen, wenn er die Schönheiten der entdeckten Länder mit lebendigen und glühenden Farben schilderte. Selbst Sancho hörte mit Entzücken zu und als der junge Mann zu Ende gekommen war, stand er von seinem Stuhle aus und rief aus vollem Herzen: „SennoreS, Ihr mögt dieses Alles glaube», gleich einem Evangelium! Wäre der edle Sennor selbst Zeuge dessen gewesen, was er so vortrefflich geschildert hat, so hätte er nicht wahrer sprechen können, und ich schätze mich selbst ungemein glücklich, diese Geschichte der Reise mit angehört zu haben, so wie ich sie in Zukunft Mort für Wort auch zu der mcinigen machen will; denn so wahr ich in dem Andenken meines Schutzheiligen zu bleiben hoffe, ich werde den Schwätzer» von Moguer nichts Anderes mehr erzählen, sobald ich in diese gesegnete Stadt meiner Kindheit zurückkehre." Sancho's Wichtigkeit wurde durch den Eindruck, welchen Luis' Erzählung hervorbrachte, um ein Bedeutendes gemindert, da Peter Martir sie für einen Bericht erklärte, welcher selbst einem Gelehrten, der 542 an der Fahrt Theil genommen, Ehre gemacht hätte. Es fanden einige Berufungen an den alten Matrosen statt, um zu sehen, ob er die eben vernommenen Angaben bekräftigen könne, wodurch aber seine Betheurungcn hinsichtlich der Genauigkeit von Don Luis' Mittheilungen nur um so kräftiger wurden. Es war in der That wunderbar, welchen Ruf der Conde de Llera dieser kleinen Täuschung verdankte. Es galt als eine Art Ruhm, die angeblichen Worte Columbus' mit so viel Treue und Nachdruck wiederholen zu können; und Peter Martir, der mit Recht um seiner Gelehrsamkeit willen sehr geachtet wurde, ließ das Lob unseres Helden aller Orten erschallen, während die jungen Zöglinge des Mannes der Wissenschaft mit der Glut und dem Autoritätsglauben der Jugend das Echo seiner Worte bildeten. Der Ruhm des Genuesen war in der That so hoch gestiegen, daß man Jeden, der sich seines Vertrauens erfreuen durfte, beneidete; und tausend — wahre oder eingebildete — Thorheiten des Grasen von Llera wurden ob dem Umstande vergessen, daß der Admiral ihn der Mittheilung solcher Thatsachen und Gefühle, wie sie von Luis erzählt worden waren, für würdig gehalten hatte. Da man Luis, außerdem häufig in Don Christoval'S Gesellschaft sah, so war die Welt sehr geneigt, bei dem jungen Manne Eigenschaften zu suchen, die aus irgend einem unerklärlichen Umstande bisher der Aufmerksamkeit ganz entgangen scyen. So gewann Luis de Bobadilla au§ seinem Mnthe und seiner Entschlossenheit in der öffentlichen Meinung einige Vortheile, obgleich sie weit hinter denen zurückblieben, welche ihm ein offenes und wahres Zugeständnis wie weit er bei der Sache betheiligt gewesen, hätte erwerben müssen. Welchen Einfluß diese Eigenschaften auf seine Bewerbung um Mercedes übten, wird aus den folgenden Blättern ersichtlich sehn. Achtnndzwanzigftes Kapitel. Der Blick, der Gang — kurz alles ist so süß Und gießt auf sie ein Meer von SInmuth nieder: Wenn kaum ein Witz die holde Stirn verließ, Erschließt sich schnell ein neuer Zauber wieder. Mason. ColumbuS' Empfang zu Barcellona war für die edle und reine Königin non Castilien ein Tag stürmischer Gefühle und innigen Entzückens. Sie war sowohl hinsichtlich der Autorität als auch in Betreff der erforderlichen Mittel der bewegende Geist des ganzen Unternehmens gewesen und nie wurde ein Fürst durch die Größe der Ergebnisse, welche wohlgemeinten und eifrigen Bemühungen folgten, reichlicher belohnt. Als die Aufregung und der Lärm des Tages vorüber war, kehrte Jsabella in ihr Gemach zurück und ergoß dort, wie sie be- allen wichtigen Anlässen zu lhun Pflegte, kniefällig ihren Dank, indem sie zugleich die göttliche Vorsehung bat, sie bei der neuen Verantwortlichkeit, die sie sich auferlegt fühlte, zu unterstützen und ihre Schritte als Fürstin und Christin auf die rechten Pfade zu leiten. Sie hatte sich noch nicht lange aus ihrer betenden Stellung erhoben und saß, den Kopf auf ihre Hand gestützt, in tiefem Nach- sinncn da, als ein leichtes Pochen an der Thüre ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es gab nur eine Person in Spanien welche sich eine solche Freiheit herausnehmen durfte; so behutsam und bescheiden auch diese Anmeldung geschah. Sie erhob sich, drehte den Schlüssel um und ließ den König ein. Jsabella war noch schön. Ihre Gestalt, von jeher eine wunderbar vollendete, hatte alle ihre Anmuth beibehalten, ihre Augen kaum etwas von ihrem Glanze verloren, und ihr stets süßes und wohlwollendes Lächeln ermangelte nicht, die reinen und weiblich zarten Gefühle ihres Herzens wiederzustrahlen. Mit einem Wort, 544 man vermißte in dem Uebergang zu den milderen Reizen der Gattin und der Mutter die jugendliche Schönheit nur wenig; aber in dieser Nacht schien sich aller Zauber der früheren Jahre wieder neu belebt zu haben. Ihre Wangen glühten von heiliger Begeisterung, ihre Gestalt hob sich unter der Großartigkeit der Gedanken, in welchen sie sich erging, und ihre Augen leuchteten schwärmerisch ergriffen von gläubigen Hoffnungen. Ferdinand war ob dieser Veränderung betroffen und blieb, nachdem er die Thüre geschloffen hatte, eine Minute stumm und verwundert stehen. »Ist dieß nicht der herrlichste Lohn für so kleine Opfer, mein theurer Gemahl?" rief Jsabella, die den König unter dem Einflüsse ähnlicher Gefühls wähnte; — „ein neues Reich, so wohlseil erkauft, mit Schätzen, die alle unsere Phantasie übcrbieten, und Millionen von Seelen, welche nun durch eine Gnade der ewigen Qual entrissen werden können, die ihnen um so unerwarteter kommen muß, da sie bisher so wenig Ahnung von derselben hatten, als wir von ihrem Dastpn!" »Stets auf das Wohl der Seelen bedacht, Jsabella! Aber Du hast Recht; denn was ist aller Prunk und alle Herrlichkeit der Welt gegen die Hoffnungen des Christen und die Wonnen des Himmels! Ich bekenne, Colon hat alle meine Hoffnungen weit übertroffen und für Spanien eine Zukunft geöffnet, deren Bildern die Phantasie kaum Gränzen zu stecken vermag." „Gedenke der Millionen armer Indianer, die von unserem Scep- ter und von de» Tröstungen der heiligen Kirche Segen erwarten." »Ich hoffe, unser Netter und Nachbar Dom Joao wird uns in dieser Hinsicht nicht beunruhigen. Diese Portugiesen sind so auf Entdeckungen erpicht, daß es ihnen wohl wenig behagen wird, wenn es anderen Mächten gelingt, sich ebenfalls auszudehnen. Dem Vernehmen nach wurden dem Könige, sogar als unsere Caravelen schon in dem Tajo lagen, manche gefährliche und verruchte Vorschläge gemacht." „Colon versichert mich, Fernando, er zweifle, ob diese Indianer 545 überhaupt irgend einen religiösen Glauben hätten. Unsere Priester werden daher keine Vorurtheile zu bekämpfen haben, wenn sie^ diesen einfachen Gemüthern die hohe Wahrheit des Evangeliums verkündigen." „Ohne Zweifel hat der Admiral diese Dinge reiflich crwogeu- Er vcrmuthet, daß die Insel, welche er Espannola nannte, nur wenig kleiner sehn dürste als Castilien, Leon, Aragon und Granada oder überhaupt unsere sämmtlichen Besitzungen auf dieser Halbinsel zusammengeiionimen." „Beobachtetest Du auch, was er hinsichtlich des milden und sanften CharacterS der Einwohner sprach, und fällt Dir nicht das einfache und zutrauliche Wesen derer, welche er mit sich brachte, auf? Ein solches Volk ist wohl leicht dahin zu bringen, zuerst den einzigen und wahren Gott nach Gebühr zu verehren und dann seine Herrscher als gütige und wohlwollende Eltern zu betrachten." „Die Macht kann sich immer Anerkennung verschaffen, und Don Christoval hat mir im Vertrauen versichert, daß tausend geübte Lanzen diese östliche» Länder leicht zu bewältigen vermöchten. Wir müssen uns in Zeiten an den heiligen Vater wenden, daß er zwischen uns und Dom Joao Grenze» stecke, welche für die Folge jeder Zwistigkeit über unsere Interessen Vorbeugen. I ch habe bereits mit dem Cardinal von der Sache gesprochen und er schmeichelte mir mit der Hoffnung seines Einflusses bei Alexander VI." »Ich hoffe, daß bei dieser Verhandlung die Mittel, welche die Verbreitung des Kreuzes fördern könnten, nicht außer Acht gelassen werden; denn es lhut mir wehe, wenn ich sehe, daß die Diener der Kirche sich mit weltlichen Angelegenheiten abgeben und darüber die ihres großen Meisters vernachlässigen." Don Ferdinand betrachtete einen Augenblick seine durchlauchtige Gemahlin mit großer Aufmerksamkeit, ohne etwas zu erwicdern. Er bemerkte, daß ihre beiderseitigen Gefühle, wie cs oft bei Fragen der Politik zu gehen Pflegte, nicht ganz in Einklang standen, Donna McrccreS. Lte Aufl. 35 546 und nahm daher seine Zuflucht zu einer Andeutung, die, wenn sie am gehörigen Ort vorgebracht wurde, selten verfehlte, Jsabella'S begeisterten Gedankenflug zu mehr weltlichen Rücksichten herabzuziehen. „Deine Kinder, Donna Jsabella, werden dem Erfolge dieser unserer letzten und größten polilischen Maßregel ein schönes Erbe zu verdanken haben. Deine Besitzungen und die ineinigen werden hinfort vereinigt auf denselben Sprößling übergehen; dann kann auch diese portugiesische Heirath den Weg zu neuem Ländcrerwerb öffnen; Granada ist Dir bereits durch unsere vereinten Waffen gesichert, und hier hat die Vorsehung die Straße zu einem Reich im Osten ausgeschlossen, das alles zu übertreffen verspricht, was bis jetzt in Europa anSgcführt wurde." „Sind meine Kinder nicht auch die Deinigen, Fernando? Kann dem Einen ein Glück blühen, ohne daß das Andere Theil daran hätte? Ich hoffe, sie werden einsehen lernen, warum so viele neue Unterthanen und so viele Gebiete ihren Besitzungen beigefügt wurden, und verspreche mir, daß sie immer ihrer höchsten und ersten Pflicht, nämlich der Verbreitung des Evangeliums, treu bleiben werden, damit das Scepter der Einen kalholischen Kirche um so schneller die ganze Erde umfasse." „Demungeachtet wird es aber nöthig sehn, die errungenen weltlichen Bortheile auch durch weltliche Mittel zu sichern." „Du hast Recht, mein Gebieter, und es ziemt sich für liebende Aeltern sowohl in dieser als in jeder andern Hinsicht das Interesse ihrer Nachkommen zu wahren." Jsabella lieh nun den politischen Planen ihres Gemahls ein bereitwilligeres Ohr und sie besprachen sich wohl eine Stunde lang über einige wichtige Maßregeln, deren alsbaldige Ausführung ihr vereinter Vortheil zu fordern schien. Dann verabschiedete sich Ferdinand von seiner königlichen Gattin mit einem zärtlichen Kusse und zog sich nach seinem eigenen Cabinete zurück, um, wie er gewöhnlich that, zu arbeiten, bis sein Körper der Ruhe bedurfte. 547 Nach der Entfernung des Königs saß Jsabella einige Minuten sinnend da; dann nahm sie ein Licht und begab sich durch einige geheime Gänge, mit welchen sie vertraut war, nach dem Gemach ihrer Töchter. Hier weilte sie eine Stunde in liebevoller und sorgfältiger Erfüllung ihrer mütterlichen Pflichten, küßte dann die jungen Prinzessinnen der Reihe nach, gab ihnen ihren Segen und verließ den Flügel in derselben einfachen Weise, wie sie ihn betrete» hatte. Anstatt jedoch nach dem zu ihrer Verfügung gestellten Theile deS Palastes zurückzukehren, ging sie in der entgegengesetzten Richtung weiter, bis sie eine Thüre erreichte, wo sie leise anpochte. Eine Stimme von innen rief „herein" und derselben Folge leistend, befand sich die Königin von Castilien allein mit ihrer alten und erprobten Freundin, der Marquisin von Moya. Jsabella verbat sich mit einer ruhigen Handbewegung die gewöhnlichen GhrfurchtSbeweise, und Bcatriz, welche in dieser Hinsicht die Wünsche ihrer Gebieterin kannte, empfing ihren durchlauchtigen Gast beinahe ganz wie eine Freundin von ihrem eigenen Range. „Wir haben einen so lauten und frohen Tag gehabt, Tochter Marquise," begann die Königin, ruhig ihre kleine Silberlampe niedersetzcnd, „daß ich beinahe einer Pflicht vergessen hätte, die nicht außer Acht gelassen werden darf. Dein Neffe, der Graf von Llera, ist an den Hof zurückgekehrt und benimmt sich so klug und bescheiden, als ob er an dem Ruhme des großen Unternehmens keinen Theil hätte." „Sennora, Luis ist hier; aber das Urthcil über seine Klugheit und Bescheidenheit will ich Anderen überlassen, die vielleicht weniger parteiisch sind." „Sein Benehmen scheint mir dieses Lob zu verdienen, um so mehr, da man einer jugendlichen Seele das Entzücken über einen solchen Ansgang wohl zu gut halten müßte, aber ich komme, um mit Dir von Don Luis und Deiner Mündel zu sprechen. Dein Neffe hat eine herrliche Probe seiner Ausdauer und seines Muthes 548 abgelegt und es ist daher kein Grund vorhanden, ihrer Bereinigung weitere Hindernisse in den Weg zu legen. Du weißt, daß mir Donna Mercedes gelobt hat, sich nicht ohne meine Einwilligung zu vermählen, und ich möchte sie diese Nacht so glücklich mache», als ich mich selbst fühle, indem ich ihr erlaube, dem Zuge ihres Herzens zu folgen — nein, noch mehr, ich will ihr sagen, daß ich sie recht bald als Gräfin von Llcra sehen möchte." „Eure Hoheit ist die Güte selbst gegen mich und die Meini- gen," versetzte die Marquise kalt. „Mercedes muß sich zum innigsten Danke verpflichtet fühlen, daß ihre königliche Gebieterin in einem Augenblicke auf ihr Wohl bedacht war, wo ihr Geist von so vielen weit wichtigeren Angelegenheiten hingenommen ist." „Ich bin aus diesem Grunde in so später Stunde hierher gekommen, meine Freundin. Meine Seele erliegt fast den Gefühlen der Dankbarkeit, und ehe ich mich schlafen lege, möchte ich, wo möglich, Alle so frohen Herzens machen, als ich selbst bin. Wo ist Deine Mündel?" „Sie hat mir kurz vor dem Eintritt Eurer Hoheit gute Nacht gesagt. Ich will sie rufen, damit sie Eure Befehle vernehme." „Wir wollen zu ihr gehen, Beatriz. Zeitungen, wie ich sie bringe, dürfen nicht träge einherschlcichen." „ES ist ihre Pflicht und wird ihr Freude machen. Eurer Hoheit zu jeder Stunde aufzuwarten." „Ich weiß dieß wohl, Marquise, aber ich habe mir einmal vorgenommen, selbst die Bringerin dieser Neuigkeit zu seyn," fiel die Königin ein, indem sie nach der Thür voran ging. „Zeige mir den Weg, er ist Dir besser als irgend Jemand bekannt. Du stehst, wir besuchen sie ohne Prunk und Förmlichkeit, ebenso wie Colon aus. zog, um seine unbekannten Meere zu durchspähen, und haben doch für Deine Mündel keine weniger angenehme Kunde, als die, welche der Genuese den unwissenden Eingebornen von Cipango brachte. Diese Corridore sind unsere psadlosen Meere und diese verwickelten Gänge die verborgenen Wege, die wir abzufinden haben." 349 „Gebe Gott, daß Eure Hoheit nicht eine eben so erstaunenS- werthe Entdeckung mache, als diejenige ist, welche der Genuese eben veröffentlicht hat! Was mich anbelangt, so weiß ich kaum, ob ich allen diesen Dingen glauben soll oder nicht." „Dein Staunen nimmt mich nicht Wunder; es ist ein Gefühl, welches die außerordentlichen Ereignisse der letzten Tage in jeder Seele erzeugen mußten," erwiederte die Königin, augenscheinlich den Sinn der Worte ihrer Freundin mißdeutend. „Aber wir haben uns noch eine andere Lust Vorbehalten — wir wollen nem- lich Zeuge der Freude eines reinen weiblichen Herzens sehn, welches die ihm auferlegte Prüfung mit dem ergebenen Sinne einer christ° lichen Jungfrau ertragen hat." Donna Beatciz seufzte tief auf, ohne jedoch etwas zu erwic- dern. Sie waren inzwischen über den kleinen Salon gegangen, in welchem Mercedes ihre weiblichen Bekannten empfangen durfte und der sich in der Nahe ihres Schlafgemachs befand. Hier trafen sie eine Dienerin, welche sich beeilte, ihrer Herrin den Besuch, mit dem sie beehrt werden sollte, anzukündigen. Jsabella benahm sich gegen die, welche sie liebte, mit einer mütterlichen Freimülhigkeit; sie öffnete daher ohne Umstände die Thüre und stand vor unserer Heldin, ehe »och diese ihr entgegen gehen konnte. „Tochter," begann die Königin, sich niederlaffend, mit einem wohlwollenden Lächeln gegen das erstaunte Mädchen, „ich habe mich einer feierlichen Pflicht zu entledigen. Knie hier zu meinen Füßen nieder und höre auf Deine Königin, wie Du auf eine Mutter hören würdest." Mercedes gehorchte mit Freuden, denn in diesem Augenblicke ' war ihr Alles genehm, wenn sie nur nicht zu sprechen aufgesordert wurde. Als sie niedergekni-t war, legte die Königin zärtlich einen Arm um ihren Hals und zog sie mit sanfter Gewalt etwas näher an sich, bis das Gesicht der Jungfrau in den Falten von Jsabella'S Kleide verborgen war. „Ich habe alle Ursache, Deine Treue und Deinen Gehorsam 550 zu rühmen, Kind/' sagte die Königin, nachdem sie mit Absicht diese kleine Vorkehrung, um Mercedes Gefühle zu schonen, getroffen hatte; „Du hast Deinem Versprechen durchaus Ehre gemacht, und es liegt mir nun ob, Dich zur Herrin Deiner Neigungen zu machen und alle Hindernisse zu beseitigen, die der Verwirklichung Deiner Wünsche im Wege stehen. Ich entbinde Dich daher Deines Gelübdes, denn Du hast Klugheit und Zartgefühl genug an den Tag gelegt, um Dir die Sorge für Dein eigenes Glück überlassen zu können!" Mercedes verharrte in ihrem Schweigen; aber es dünkte Jsa- bekla, als fühle sie einen leichten convulsivischen Schauer über die zarte Gestalt des Mädchens Hinbeben. „Du antwortest nicht, meine Tochter? — Ist es Dir lieber, Andere über Dein Schicksal entscheiden zu lassen, als selbst für Dich zu handeln? Nun so will ich denn als Deine Königin und mütterliche Freundin statt der Genehmigung einen Befehl erlassen und'Dir sagen, daß es mein Wunsch und Verlangen ist, Dich, sobald eS sich mit dem Anstande und Deinem hohen Range verträgt, als die angetraute Gemahlin des Don Luis de Bobadilla Conde de Llera zu sehen." „Nein — nein — nein — Sennora — nie — nie," stüsterte Mercedes mit einer Stimme, die eben so sehr durch die innere Aufregung als die Art, wie ihr Antlitz in dem Gewände der Königin begraben war, erstickt wurde. Jsabella sah die Marquise de Moya erstaunt an. Ihre Blicke drückten weder Mißfallen noch Unwillen aus, denn sie kannte den Gharacter unserer Heldin zu gut, um irgend eine Laune oder Ziererei in einer Angelegenheit zu vermuthen, die so innig mit ihren Gefühlen zusammenhing; die Theilnahme, welche die Königin kund gab, wurde daher durch kein anderes Gefühl als durch das einer nicht zu bewältigenden Ueberraschung, welche diese unerwarteten Worte veranlaßten, umschattet. > „Kannst Du mir dieß erklären, Beatriz?" fragte Jsabella 551 endlich. „Habe ich wehe gethan, wo ich bas Beste beabstchtigte? Ich bin in der Thal recht unglücklich, denn es scheint, ich habe das Herz dieses Kindes in demselben Augenblicke tief verletzt, wo ich sie unaussprechlich glücklich zu machen wähnte." „Nein — nein —- nein — Sennora —" flüsterte Mercedes wieder, indem sic die Knie der Königin krampfhaft umklammerte. „Eure Hoheit hat Niemand verletzt — würde Niemand verletzen — kann Niemand verletzen — Ihr seyd die Güte und die Weisheit selbst." „Beatriz, ich erwarte von Dir Auskunft. Hat sich etwas zugetragen, was diesen Wechsel der Gefühle rechtfertigt?" „Ich fürchte, theuerste Gebieterin, daß ihre Gefühle noch dieselben sind, wie früher und daß der Wechsel weniger auf Rechnung dieses jungen und unerfahrenen Herzens, als vielmehr auf die deS unbeständigen Sinnes der Männer kömmt." Ein Blitz weiblichen Unwillens leuchtete aus den sonst so heiteren Augen der Königin und ihre Gestalt hob sich in dem vollen Ausdrucke ihrer angeborenen Majestät. „Kann dieß wahr seyn," rief sie. „Darf ein castilianischer Unterthan es wagen, mit seiner Fürstin — mit einem so süßen und reinen Herzen, wie das dieses Mädchens —- mit seinen Eiden und Schwüren ein solches Spiel zu treiben? Wenn der unbesonnene Graf glaubt, ein solches Unrecht straflos begehen zu dürfen, so ist er im Jrrthum. Soll ich den strafen, der seinem Nachbar ein armseliges Silberstück entwendet, und den frei ausgehen lassen, der die Seelen verwundet? Ich wundere mich über Deine Ruhe, Marquise, da Du doch sonst einem gerechten Unwillen offen und furchtlos Worte leihst." „Ach, Sennora, meine theure Gebieterin, meine Gefühle haben sich bereits Luft gemacht und die Natur verlangt nicht weiter. Außerdem ist der Knabe meines Bruders Sohn, und wenn ich ihm grollen will, wie es seine Schuld verdient, so treten die Züge dieses theuren Bruders, dessen treues Ebenbild er ist, vor meine Seele, um asten meinen Muth zu vernichten." 532 „Es ist höchst seltsam! Ein Wesen, so schön — so jung — so edel — so reich — in jeder Hinstcht so ausgezeichnet — und doch so bald vergessen! Läßt es sich nicht vielleicht aus einer vorübergehende» Anwandlung erklären, Dame von Moha?" Jsabella sprach nachsinnend, ohne daran zu denken, daß Mercedes zugegen war, wie denn wohl Damen ihres Ranges leicht untergeordnete Rücksichten übersehen, wenn ihre Gefühle heftig aufgeregt sind. Ein abermaliges convulsivischeS Schaudern über den Körper unserer Heldin ermangelte jedoch nicht, sie auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, und die Königin hätte die Prinzessin Juanna nicht zärtlicher an ihr Herz drücken können, als sie jetzt die nachgiebige Gestalt unserer Heldin umschlang. „Was kan» ich sagen, Scnnora," erwiederte die Marquise bitter. „LuiS hat in seiner knabenhaften Gedanken- und Grundsatzlosigkeit eine junge indianische Prinzessin veranlaßt, ihre Heimath und ihre Verwandten zu verlassen; er bedient sich zwar des Vor- wandeS, daß er den Tiiumph des Admirals erhöhen wollte; das Wahre an der Sache ist aber, daß er einer flüchtigen Laune »ach- gab und dem Einflüsse jener schlimmen Neigungen folgte, welche die Männer zu dem machen, was sie wirklich sind, und deren Opfer so oft das unglückliche Weib werden muß." „Eine indianische Prinzessin, sagst Du? — Der Admiral erwähnte einer solchen, aber sie war bereits vermählt und soll durchaus kein Wesen sehn, das im Stande wäre, mit Donna Mercedes de Valverde zu wetteifern." „Ach, theuerste Sennora, die, von welcher Ihr sprecht, ist allerdings nicht mit der, welche ich meine, zu vergleichen. Ozema — denn so heißt die indianische Dame — Ozema ist ein ganz anderes Wesen und nicht ohne hohen Anspruch auf persönliche Schönheit. Wenn blos die Außenseite das Benehmen des Knaben rechtfertigen könnte, so möchte er vielleicht einigermaßen zu entschuldigen sehn." 5c>Z „Woher weißt Du dieß, Beatriz?" „Weil Luis sie iu den Palast gebracht hat, königliche Hoheit. Sie befindet sich im gegenwärtigen Augenblick in diesen Gemächern. Mercedes hat sie wie eine Schwester ausgenommen, obgleich die Fremde, ohne es zu wissen, ihr Herz brach." „Hier, sagst Du, Marquise? Dann kann kein strafbares Ver- hältniß zwischen dem gedankenlosen Menschen und der Fremden obwalten. Dein Neffe kann es nicht wagen, in dieser Weise gegen alle Tugend und Sitte anzustoßen." „Hierüber beklagen wir uns nicht, Sennora. Es ist die knabenhafte Unbeständigkeit und die gedankenlose Grausamkeit des Grafen, die meine Gefühle gegen ihn waffneten. Ich habe es nie versucht, meine Mündel günstig für seine Bewerbung zu stimmen, denn ich wollte nicht, daß man mir nachsage, daß eine für unser HauS-so ehrenvolle und vortheilhaste Verbindung planmäßig durch mich herbeigeführt worden sey; jetzt aber wünsche ich von ganzer Seele, daß sie ihr edles Herz gegen seinen Unwerth stähle." „Ach, Sennora — meine Vormünderin," flüsterte Mercedes; Luis ist nicht in diesem Grade schuldig. Wir müssen Alles nur Ozema's Schönheit und meiner eigenen Armuth an Mitteln, ihn treu zu erhalten, zuschreiben." „Ozema'S Schönheit?" wiederholte die Königin langsam. „Ist denn diese junge Indianerin wirklich so vollkommen, Beatriz, daß Deine Mündel sie fürchten oder beneiden muß? Ich hätte nicht gedacht, daß ein solches Wesen lebe!" „Eure Hoheit weiß, wie die Männer sind. Sie lieben das Neue und lassen sich am meisten von den Gesichtern, welche sie zuletzt gesehen haben, Hinreißen. San Jago! Auch Andres de Ca- brera hat mich dieß fühlen lassen, obgleich eS ein Verbrechen wäre, anzunehmen, daß irgend Jemand Jsabella von Trastamara eine so harte Lehre geben könnte." „Bewältige Deine heftigen und ungestümen Gefühle, Tochter 53L Marquise," entgegnete die Königin mit einem Blicke auf Mercedes' vorwärts gebeugte Gestalt, deren Kopf jetzt ganz in ihrem Schoße begraben lag — „überfließende Gefühle entsprechen selten ganz der Wahrheit. Don Andres ist ein treuer Unterlhan gewesen und ließ Deinem Verdienste Gerechtigkeit widerfahren ; und was meinen Herrn, den König anbelangt, so ist er eben so gut der Vater meiner Kinder als Dein Herrscher. Doch um wieder auf diese Ozcma zu kommen, kann ich Sie sehen, Bcatriz?" „Ihr dürft nur befehlen, Sennora, und Jedermann wird sich beeilen, Folge zu leisten. Ozcma ist ohne Zweifel in der Nähe und kann Eurer Hoheit vorgestellt werden, sobald Ihr es wünschen solltet." „Nein, Beatriz; wenn sie eine Prinzessin und i» dem Königreiche fremd ist, so sind wir ihrem Range Rücksichten schuldig. Lasse Donna Mercedes hingegen und sie zu unserem Empfange vorbereiten. Ich will sie in ihrem eigenen Gemach besuchen. Es ist zwar schon spät, aber sie wird den Mangel an Förmlichkeit durch den Wunsch, ihr zu dienen, entschuldigen." Mercedes erwartete keinen zweite» Befehl, sondern erhob sich von ihren Knien und beeilte sich, das Geheiß der Königin zu erfüllen. Jsabella und die Marquisin blieben, als sie allein waren, eine Weile stumm, bis endlich die Erstere, wie es ihrem Range ziemte, das Gespräch eröffnete. „ES ist merkwürdig, Beatriz, daß Colon dieser Prinzessin nicht gegen mich erwähnt hat. Eine Dame ihres Standes hätte in Spanien nicht mit so wenig Förmlichkeit cingeführt werden sollen." „Der Admiral betrachtete sie als den Gegenstand von Luis' besonderer Sorgfalt und überließ es meinem irregeleiteten Neffen, sie Euren Hoheiten vorzustellen. Ach, Sennora, muß es uns nicht mit Staunen erfüllen, daß eine Jungfrau wie Mercedes so bald einem halbnackten, ungetauften, umnachteten Geschöpf Weichen mußte, dem die Kirche noch nie lächelte und deren Seele Gefahr läuft, jeden Augenblick der Verdammniß anheim zu fallen?" » 553 «gi'l-'iAi-E' ..«»MH „Man muß für diese Seele Sorge tragen, Beatriz, und zwar ohne Verzug. Ist die Prinzessin wirklich eine so vollendete Schönheit, um ein so lieblichcS Wesen als Donna Mercedes ist, verdrängen zu können?" „Dreß lst's weniger, Sennora, dieß ist'S weniger. Aber die Männer sind wankelmüihig und lieben das Neue. Auch ist die bescheidene Zurückhaltung veredelter Sitten für sic weniger gewinnend, als die Freiheit Derer, welche sogar die Kleider für etwas Un- nothigeS halte». Ich wist damit nicht sagen, daß ich Ozema'S Bescheidenheit beanstande, denn so weit eS ihre Gewohnheiten mit sich bringen, scheint sie in dieser Hinsicht vollkommen tadellos'; aber die ungeregelte Laune eines gedankenlosen Knaben findet vielleicht in ihrem feffellosen Betragen und in ihrer halb angeklcideten Person eine augenblickliche Anziehung, die dem Aeußern und dem Benehmen eines hochgebornen spanischen Fräuleins abgeht, welche auf's strengste gelehrt worden ist, sich selbst und ihr Geschlecht zu achten." „Dieß möchte vielleicht bei der gewöhnlichen Menge der Fall sehn, Bealriz; aber solche unwürdige Beweggründe können den Grafen de Llera nie bestimmen. Wenn Dein Neffe sich wirklich so treulos erweist, als Du aunimmst, so muß diese indianische Prinzessin höhere Borzüge besitzen, als wir wohl denken." „Ihr könnt Euch bald selbst davon überzeugen, Sennora. Hier kömmt Mercedes Dienerin, um uns mitznthcilen, daß die Indianerin bereit ist, den ehrenden Besuch, der ihr von Eurer Hoheit zngedacht ist, anzunehmen." Unsere Heldin hatte Ozema ans das Zusammentreffen mit der Königin vorbereitet. Die junge Tochter Hahti'S hatte inzwischen im Spanischen solche Fortschritte gemacht, daß der mündliche Verkehr nicht sehr schwierig war, obgleich sie noch in der unzusammenhängenden und abgebrochenen Weise derjenigen redete, welchen eine Sprache noch neu ist. Sie begriff vollkommen, daß sie vor die gefeierte Herrscherin treten solle, von der Luis und Mercedes so oft mit Verehrung gesprochen hatten; und da sie daran gewöhnt 556 war, Kaziken, die höher als ihr Bruder standen, mit Achtung zu behandeln, so wurde es nicht schwer sie zu belehren, daß sie im Begriffe stehe, mit der Ersten ihres Geschlechtes in Spanien zu verkehren. DaS einzige obwaltende Mißverständniß hatte in dem Umstande seinen Grund, daß Ozema Jsabella für die Königin der ganzen Christenheit und nicht für die eines besonderen Landes hielt; denn in ihren Augen waren Luis und Mercedes Personen Von königlichem Range. Obgleich Jsabella vorbereitet war, einer Gestalt von hoher Vollkommenheit zu begegnen, so bebte sie doch überrascht zurück, als ihr Auge zum erstenmal auf Ozema siel. Es war nicht so wohl die Schönheit der Indianerin, was ihr Staunen erregte, sondern vielmehr die natürliche Anmuth ihrer Bewegungen, der heitere und glückliche Ausdruck in ihren Zügen und die vollkommene Selbstbeherrschung in Miene und Benehmen. Mercedes hatte in zartem SchicklichkeitS-Gefühl ihre neue Freundin veranlaßt, sich an eine Bekleidung zu gewöhnen, die ihr auf Hayti wohl lästig geworden wäre, und sich in reiche Stoffe zu hüllen, die aus eine zwar etwas wilde aber doch eigenthümliche Weise ihre Reize noch mehr hervorhoben. Noch schlang sich Luis' Geschenk, als der kostbarste Thcil ihrer Garderobe, um ihren Hals, und Mercedes Kreuz — der geschätzteste Schmuck der Indianerin — ruhte auf ihrer Brust. „Seltsam, Beatriz," rief die Königin auf der einen Seite des Gemachs, während Ozema sich auf der anderen anmuthig und ver- ehrungsvoll verbeugte. „Kann dieses herrliche Wesen wirklich eine Seele haben, die nichts von ihrem Gotte und Erlöser weiß? Aber mag ihr Geist auch umnachtet seyn, aus diesen einfachen Zügen spricht kein Laster und kein Trug wohnt in diesem reinem Herzen." „Sennora, alles dieß ist wahr; und obgleich wir Ursache zur Unzufriedenheit haben, so lieben doch meine Mündel und ich das Mädchen bereits und könnten sic für immer an unser Herz nehmen --- Mercedes als Freundin und ich als Mutter." 557 „Prinzessin," sagte Jsabekla, mit ruhiger Würde nach der Stelle vortretend, wo Ozema mit niedergeschlagenen Augen und gebeugtem Körper stand und der Befehle der Königin harrte — „Du bist in Unserem Reiche willkommen. Der Admiral hat wohl gethan, daß er eine Dame von Deinen Ansprüchen und Deiner Stellung nicht unter Diejenigen mischte, welche er dem Volke zur Schau stellte. Er hat hiedurch seine gewohnte Umsicht nicht weniger als seine tiefe Achtung gegen die geheiligte Würde der Herrscher aus'S neue erprobt." „Almirante!" rief Ozema und ihre Augen leuchteten voll Geistes, denn sie hatte lange vorher Colon'S wohlverdienten Titel aussprechen gelernt; „Almirante — Mercedes; Jsabella, Mercedes — Luis, Mercedes — Sennora Königin." „Beatriz, was will das heißen? warum verbindet die Prinzessin den Namen Deiner Mündel mit dem des Colon, mit dem ineinigen und selbst mit dem des jungen Grafen von Llera?" „Sennora, in Folge eines seltsamen JrrthumS hält sie das Wort Mercedes für die spanische Bezeichnung alles dessen, was herrlich und vollkommen ist und verbindet es daher mit allem, was sie recht hoch zu erheben gedenkt. Eure Hoheit wird bemerkt haben, daß sie sogar die Namen „Luis" und „Mercedes" mit einander in Verbindung brachte — eine Verbindung, welcher wir ehedem so freudig entgegen sahen, die aber jetzt unmöglich zu seyn scheint und welche die arme Fremde selbst wohl am allerwenigsten wünschen kann." „In der That, ein seltsamer Jrrthum," versetzte die Königin : „der Gedanke muß auf irgend einem eigenthümlichen Grunde beruhen, denn derartige Dinge sind nicht bloße Wirkungen des Zufalls. Wer als Dein Neffe konnte etwas von Deiner Mündel wissen, Beatriz? Und wer anders könnte die Prinzessin gelehrt haben, diesen Namen als den Ausdruck des Vollendeten zu betrachten?" „Sennora!" rief Mercedes und eine hohe Glut schoß nach ihren bleichen Wangen, während der Blitz der Freude vorübergehend in ihren Augen leuchtete; „könnte dieß möglich seyn?" 598 „Warum nicht, meine Tochter? wir sind vielleicht in dieser Sache zu voreilig gewesen und habe» am Ende den innigsten Ansdruck seiner Verehrung für Dich als Beweise von Untreue und Wankelmulh genommen." „Ach, Sennora! Aber dieß ist nicht möglich- sonst könnte Ozema ihn nicht so sehr lieben." „Woher weißt Du, Kind, daß die Prinzessin andere Gefühle gegen den Grasen hegt, als diejenigen, welche ihr die Dankbarkeit für seine Sorgfalt und für den wichtigen Dienst eingibt, den er ihr dadurch leistete, daß er sie mit der hohen Bedeutung des Kreuzes bekannt machte? Hier waltet ein übereiltes Mißverständniß vor, Beatriz." „Ich fürchte, eS ist nicht der Fall, königliche Hoheit. Hinsichtlich der Gefühle Ozema'S kann kein Jrrthum statt finden, denn das unschuldige und unerfahrene Wesen ist nicht schlau genug, sie zu verbergen. Daß ihr Herz Luis ganz gehört, entdeckten wir in den ersten Stunden unserer Bekanntschaft; und cs ist zu rein, um ungesncht gewonnen werden zu können. Die Gefühle der Indianerin sind nicht bloß Bewunderung, sondern so leidenschaftliche Hingebung, wie sie der glühende Strahl ihrer heimathlichen Sonne nur immer zu erzeugen im Stande ist." „Konnte Jemand, Sennora," fügte Mercedes bei, „konnte Jemand Don Luis so oft unter Umständen, die seinen ritterlichen Muth bewährten, sehen und aus täglichem Umgang sein vortreffliches Herz kennen lernen, ohne sich gedrungen zu fühlen, ihn allen Andern weit vorzuziehen?" „Ritterlicher Muth —vortreffliches Herz?" wiederholte die Königin langsam — „und doch so unbekümmert ob des Unrechtes, das er begehrt! Er wäre weder ein Ritter noch ein Adeliger, der der Liebe einer Dame würdig ist, wenn Du Recht hättest, mein Kind." „Nein, Sennora," erwiedert« das Mädchen mit ernster Stimme, denn ihre Schüchternheit wich dem Wunsche, den Geliebten zu 539 vertheidigen; „die Prinzessin hat uns erzählt, wie er sie den Händen ihres größten Feindes und Verfolgers, des wilden und tyrannischen Jnselfürstcn, Caonabo, entriß, und wie großinüthig er sich um ihretwillen der äußersten Gefahr aussetzte." „Tochter, geh auf Dein Zimmer, und rufe zuerst die Fürbitte der heiligen Maria an, damit Du die Ruhe des religiösen Friedens und Ergebung in Gottes Willen auf Deinem Kiffen findest. Beatriz, ich will die Prinzessin allein befragen." - Di- Marquisin und Mercedes entfernten sich ohne Verzug und ließen Jsabella und Ozcma allein in dem Zimmer. Die nun folgende Unterredung dauerte länger als eine Stunde, denn soviel Zeit war nöthig, um es der Königin, bei der Beschränktheit der Mittel für einen mündlichen Gedankenaustausch, möglich zu machen, über die Miltheilungen der Fremden ins Klare zu kommen. Daß Ozema'S ganzes Herz Luis gehörte, konnte Jsabella nicht entgehen. Die Indianerin war nicht gewöhnt, die Regungen ihres Herzens zu verbergen; und wenn sie es auch hätte versuchen wollen, so würde doch ihre Uuerfahrenheit die Durchführung einer solchen Absicht unmöglich gemacht haben. Ozema hielt es außerdem in ihrer natürlichen Unbefangenheit für Pflicht, gegen Luis'Herrscherin kein Geheimniß zu haben, und enthüllte daher derselben ihre ganze Seele in der einfachsten und offensten Weise. „Prinzessin," sagte die Königin im Verlaufe des Gesprächs, als sie glaubte, sich in den Besitz der Mittel gesetzt zu haben, die Fremde zu verstehen — „Deine Erzählung ist mir jetzt deutlich. Caonabo ist der Häuptling oder wenn Du willst, der König eines Landes, welches an das Dcinige gränzt. Er begehrte Dich zur Gattin; da er aber bereits mit mehr als einer Prinzessin verhci- rathet war, so hast Du, wie es sich geziemt, seine gottlosen Vorschläge zurückgewiesen. Er versuchte es dann, sich mit Gewalt Deiner zu bemächtigen, und zu gleicher Zeit war der Conde de Llera bei Deinem Bruder ans Besuch —" 560 „Luis — Luis," fiel das Mädchen mit ihrer süßen weichen Stimme ungeduldig ein; „Luis — nicht Conde — Luis." „Recht, Prinzessin, aber der Conde de Llera und Luis de Bo- badilla sind eine und dieselbe Person. Luis also, wenn Du willst, war in Deinem Palaste gegenwärtig und schlug den anmaßenden Kaziken in die Flucht, der, nicht zufrieden, das göttliche Gesetz durch den Besitz Eines Weibes erfüllt zu haben, auf eine gottlose Weise um Dich als zweite oder dritte warb und Dich im Triumph fortge- sührt haben würde. Dein Bruder bat Dich dann, für eine Weile in Spanien Schutz zu suchen, und Don Luis, der Dich in seinen Schutz und seine Obhut nahm, brachte Dich hieher, um Dich der Sorgfalt seiner Tante zu übergeben?" Ozema verneigte sich bejahend, denn es wurde ihr nicht schwer, dis Worte der Königin zu verstehen, da der Gegenstand derselben in der letzten Zeit ihre Gedanken so sehr in Anspruch genommen hatte. „Und nun, Prinzessin," fuhr Jsabella fort, „muß ich mit der Freimüthigkeit einer Mutter zu Dir sprechen, denn ich betrachte alle Personen Deines Ranges als meine Kinder, so lange sie in meinem Reiche weilen, wie sie denn, auch auf meineu Rath und meinen Schutz ein volles Recht haben. Liebst Du Don LuiS so sehr, daß Du Deine Hcimath vergessen und die scinige an ihrer Statt adoptiren könntest?" „Ozema weiß nicht, was Adoptiren will sagen," bemerkte das Mädchen verwirrt. „Ich mochte wissen, ob Du einwilligen würdest, die Gattin des Don Luis de Bobadilla zu werden." Gattin und Gatte waren Worte, deren Bedeutung dem Jn- dianermädchen schon lange bekannt waren; sie errölhete daher, lächelte arglos und nickte bejahend. „Ich muß dieß also wohl so nehmen, daß Du erwartest, der Graf werde Dich ehelichen? denn keine bescheidene junge Dame, wie Du, könnte so freudig die Neigung ihres Herzens 561 eingestchen, ohne daß ihre Hoffnungen sich auf eine Art von Gewißheit gründeten." „Ja, Sennora — Ozema Luis' Gattin." „Du willst sagen. Prinzessin, daß Ozema erwartet, dem Grafen mit nächstem angetraut — in Balve sein Weib zu werden?" „Nein — nein — nein — Ozema jetzt Luis' Weib. Luis heirathcn Ozema bereits." „Wär'S möglich?" rief die Königin mit einem festen Blicke auf da- Gesicht der schönen Indianerin, um sich zu versichern, ob das Ganze nicht eine listige Täuschung sey. Aber das offene, unschuldige Antlitz verrielh keine Spur von Trug, und Jsabella fühlte stch gezwungen, ihren Worten zu glauben. Um sich jedoch von der Thalsache völlig zu überzeugen, stellte sic an Ozema Wohl eine halbe Stunde lang verschiedene Kreuz- und Querfragen, die aber stets zu dem gleichen Resultate führten. Als die Königin aufstand, um sich zu entfernen, küßte sie die Prinzessin, denn als eine solche betrachtete sie dieses wilde Kind eines unbekannten und neuen Staates, und flüsterte andachtsvoll ein Gebet für die Erleuchtung ihres Geistes und ihren künftigen Frieden. Als sie in ihren eigenen Gemächern anlangte, fand sie die Marquinn von Moya im Vorzimmer, denn diese geprüfte Freundin konnte nicht schlafen, ohne die Eindrücke zu erfahren, welche die Zusammenkunft auf ihre königliche Gebieterin hervorgebracht hatte. „ES steht sogar schlimmer, als wir dachten, Beatriz," sagte Jsabella, als die Marquise die Thüre hinter sich geschloffen hatte. „Dein herzloser, unbeständiger Neffe hat sich mit der Indianerin bereits verehelicht und sie ist in diesem Augenblick seine gesetzmäßige Gattin." „Sennora, hier muß ein Jrrthum vorwalten. Der unbesonnene Knabe würde es wohl nicht wagen, mich in dieser Weise zu täuschen — und noch obendrein in Mercedes' Gegenwart!" „Er mochte wohl eher seine Gattin Deiner Sorgfalt anvertrauen, Donna Mercedes, 2te Ausl. 36 362 Tochter Marquise, als die gleiche Verfügung über eine Dame treffen, welche weniger Ansprüche an ihn hätte. Doch hier kann von keinem Jrrthnm die Rede sehn. Ich habe die Prinzessin auf's genaueste ausgefragt und cs bleibt mir kein Zweifel, daß die Vermählung mit der ganzen Feierlichkeit des religiösen Ritus stattgefunden hat. ES war zwar nicht leicht, alles zu verstehen, was sie sagen wollte, aber dieser Thatsache hat sie mich oft und auf's bestimmteste versichert." „Königliche Hoheit — kann ei» Christ mit einem Weibe, das noch nicht getauft ist, ein Ehebündniß eingehend" „Gewiß nicht — wenigstens nicht in dem Auge der Kirche, welches das Auge Gottes ist. Aber ich vermuthe, Ozcma ist wirk- lich getauft, denn sie deutete, wenn sie von der Verbindung mit Deinem Neffen sprach, oft auf das Kreuz, das sie trägt. Ich glaube in der That aus ihren Mitlheilungen entnehmen zu können, sie scy eine Christin geworden, ehe sie sein Weib ward." „Und eben dieses gesegnete Kreuz, Sennora, hat der unbesonnene, wankelmüthige Knabe von Mercedes erhalten; eS ist ihr Abschiedsgeschenk und das heilige Sinnbild sollte ihn zur Treue und Beständigkeit ermahnen." „Die Welt verderbt die Herzen der Männer, Beatriz, daß sie ^ das Vertrauen und die Treue des Weibes nicht mehr zu würdigen wissen. Ich ermahne Dich jedoch, Gott kniefällig zu bitten, daß er Deine Mündel in dieser grausamen und unvermeidlichen Prüfung aufrecht erhalten wolle." Jsabella wandte sich nun zu ihrer Freundin, welche sich näherte und die Hand ihrer königlichen Gebieterin zu ihren Lippen führte. Die Königin war jedoch mit diesem Abschiedsgruße, so warm er war, nicht zufrieden, sondern schlang einen Arm um den Nacken der Donna Beatriz, zog sie an sich und drückte einen Kuß auf ihre Stirne. „Gute Nacht, Beatriz — meine treue Freundin! Wenn die Beständigkeit allenthalben weicht, so Wird sie doch nimmermehr aus Deinem Herzen entschwinden." 563 Mit diesen Worten trennten sich die Königin und die Marquise; jede suchte ihr Lager, wenn auch nicht die Ruhe. Stcunundzwanzigstes Kapitel. Nun, findest du nichts weiter, Gondarino, Um uns zu täuschen? Nicht Schattenspiel und Nebellfildcr mehr, Um unsre schwachen Sinne zu berücken? Womit kannst du genugtbun für dein Unrecht Und für die Kränkung ihrer Ehre? — Beanmont und Flctcher. Der Tag, welcher dem in dem vorigen Kapitel mitgetheilten Ereignisse folgte, war derjenige, an welchem der Cardinal Mendoza das berühmte Festmahl gab. Die meisten Glieder des hohen Adels waren bei dieser Gelegenheit dem Admirale zu Ehren versammelt und Colon wurde mit einer Auszeichnung empfangen, die wenig hinter der zurückblieb, welche man gewöhnlich gekrönten Häuptern zollt. Der Genuese benahm sich bei allen diesen Festlichkeiten zwar bescheiden, aber mit Würde, und für den Augenblick schienen Alle entzückt zu seyn, seinem großen Unternehmen Gerechtigkeit widerfahren lassen zu können und sich des Erfolges mitzufreuen, der die Erwartung Aller so weit übertroffen hatte. Aller Augen hafteten auf ihm; jedes Ohr horchte auf das gespannteste den Sylben, die seinen Lippen entfielen und jede Stimme zeigte sich bereit, sein Lob laut zu verkünden. Natürlich erwartete man bei einem solchen Anlässe, ColumbuS werde eine Erzählung seiner Reise und seiner Abenteuer geben. Dieß war keine leichte Aufgabe, da er dadurch genöthigt wurde, sich darüber auszusprechen, wie weit sein Muth und seine Ausdauer, sein Scharfsinn und seine Geschicklichkeit den Kenntnissen und dem UnternehmungSgeiste seiner Zeit überlegen war. Aber der Admiral i 564 entledigte sich derselben mit Gewandtheit, indem er nur die Hauptpunkte berührte, welche vorzugsweise mit dem Ruhme Spaniens und dem Glanze der beiden Kronen in Verbindung standen. Unter den Gästen war auch LuiS de Bobadilla. Man hatte den jungen Mann aus Rücksicht für seinen hohen Rang und das Vertrauen, womit er augenscheinlich von dem Admiral behandelt wurde, eingeladen. ColumbuS' Freundschaft war mehr als hinreichend, die leichten, ungünstigen Eindrücke zu verwischen, welche LuiS' früheres, flüchtiges Wesen eingeflößt hatte, und man ließ sich gerne durch das Beispiel des großen Mannes bestimmen, ohne viel nach dem Grunde oder dein Zwecke desselben zu fragen. Das Bewußt- seyn, das ausgeführt zu haben, was Wenige von seinem Stande und seinen Aussichten auch nur zu versuchen geträumt hätten, lieh der stolzen Haltung und den schönen Zügen des jungen Grafen einen Ernst und eine Hoheit, die ihm nicht immer eigen gewesen und hielt ihn in der guten Meinung aufrecht, obgleich er sie nur wohlfeil erkauft zu haben schien. Die Art, wie er Peter Martir und seinen Schülern die Ereignisse der Reise erzählt hatte, war noch nicht vergessen; und die Welt begann, ohne eigentlich das Warum zu wissen, ihn auf eine geheimnißvolle Weise mit der großen Westsahrt in Verbindung zu bringen. In Folge dieser zufälligen Umstände ärntete unser Held in der That einige der Vor- theilc, welche seinem Muthe gebührten, obgleich in einer Weise, wie er stch'S nie gedacht hätte — ein keineswegs ungewöhnliches Resultat, denn der Mensch fällt oft für Handlungen, die er nie beabsichtigt, dem Lobe oder Tadel anheim, als wären es solche, für die er von Rechts wegen auf das strengste verantwortlich ist. „Ich bringe die Gesundheit des königlichen Admirals über die neuentdeckten Meere aus!" rief LuiS de St. Angel, seinen Becher hoch erhebend, so daß die ganze Versammlung Zeuge seines Toastes seyn konnte. „Spanien ist ihm für das kühnste und wohllhä- tigste Unternehmen des Zeitalters zu Danke verpflichtet, und kein 565 redlicher Unterthan der beiden Herrscher wird Anstand nehmen, ihm die seinen Diensten gebührende Ehre zu erweisen!" Der Becher wurde geleert, und man horchte mit achtungsvollem Schweigen auf Columbus' bescheidene DankeSworte. „Herr Cardinal," begann der freimüthige Einnehmer der geistlichen Einkünfte, „die Sorgen der Kirche sind durch diese Entdeckungen wohl verdoppelt worden, und ich denke, die Zahl der Seelen, die durch Einschlagüng der geeigneten Wege dem Verderben entgehen, wird keinen kleinen Theil an dem Ruhme dieses Unternehmens bilden, auch wahrscheinlich zu Rom nicht vergessen werden." „Du hast Recht, guter de St. Angel," versetzte der Cardinal, „und der heilige Vater wird das Werkzeug der göttlichen Macht, wie auch diejenigen, die ihm Beistand geleistet haben, nicht übersehen. Die Wissenschaften stammen aus dem Morgenlande und wir haben lange der Zeit entgegen gesehen, wo ste — durch die Offenbarung und durch den hohen Auftrag, der uns unmittelbar von dem Urquell aller Macht zu Theil geworden ist, geläutert — wieder zu ihrer Wiege zurückkrhrcn würden; aber wir erkennen jetzt, daß ihr Lauf beständig westwärts geht und daß sie auf einem Pfade, der vor dieser großen Entdeckung jedem menschlichen Auge verborgen war, wieder nach Asten zu gelangen bestimmt find." Obgleich bei dem Festmahle die Freude allgemein zu sepn schien, so blieb doch das menschliche Herz nicht unthätig und der Neid, die niedrigste und vielleicht auch die gewöhnlichste der menschlichen Leidenschaften hob sich wohl in mehr als einer Brust. Die Bemerkung des CardinalS führte eine Zurschaustellung diekeS unwürdigen Gefühles herbei, die vielleicht sonst unterdrückt geblieben wäre. Unter den Gästen befand sich ein Adeliger, Namens Juan de Orbitello, der diese Lobeserhebungen aus dem Munde von Männern nicht länger mit Schweigen hinnehmen konnte, deren Worte er als die ausschließlichen Schöpfer des RuhmS zu betrachten sich gewöhnt hatte. 566 „Ist es denn so gewiß, froininer Prälat," sagle er zu dem Festgeber, „daß sich Gott nicht anderer Mittel hatte bedienen können, um zu jenem Ziele zu kommen, wenn die des Don Christoval fehlgeschlagcn hätten? Oder müssen wir diese Reise als den einzigen möglichen Weg betrachten, durch den jene Heiden dem Untergang entrissen werden können?" „Niemand darf sich herauSnehmcn, Sennor, der Allmacht des Himmels Gränzen zu stecken," erwiederte der Cardinal ernst; „auch ziemt es dem Menschen nicht, die angewandten Mittel zu bekritteln, oder die Möglichkeit, andere zu schaffen, wenn es der göttlichen Weisheit belieben sollte, in Zweifel zu ziehen. Am wenigsten aber steht es Laien zu, etwas zu beanstanden, was die Kirche heiligt." „Ich gebe dieß zu, Herr Cardinal," entgegnele der Sennor de Orbitcllo etwas verlegen und durch den Tadel in den Worten des Kirchenfürsten gekränkt, „und es fiel mir auch nicht im geringsten ein, etwas derart zu denken. Aber Ihr, Sennor Don Christoval — haltet Ihr Euch wirklich selbst in dieser Sache für einen Erwählten des Himmels?" „Ich habe mich immer als ein höchst unwürdiges Werkzeug, das zu diesem großen Ziele nur erkoren wurde, betrachtet, Sennor," versetzte der Admiral mit einem feierlichen Ernste, der wohl geeignet war, auf die Anwesende» Eindruck zu machen. „Ich fühlte von Anfang an, daß der Drang in meinem Innern göttlichen Ursprungs sey, und ich hoffe demuthsvoll, daß der Himmel mit dem Geschöpfe, dessen er sich bediente, nicht unzufrieden ist." „Ihr glaubt also, Sennor Almirantc, daß Spanien keinen andern Mann hätte Hervorbringen können, der eben so geeignet gewesen wäre, dieses große Work auszuführen, wenn irgend ein Zufall Eure Fahrt oder den Erfolg derselben zu Nichte gemacht haben würde?" Die Kühnheit sowohl, als das Seltsame in dieser Frage machte die ganze Unterhaltung stocken und Jeder beugte sich ein wenig 867 vor, in gespannter Erwartung der Antwort entgegensehend. Co- lumbnS blieb mehr als eine Minute schwelgend sitzen, dann griff er nach einem Ei, hielt es empor und begann, zwar sanft, aber mit würdevollem Ernste: „Sennores," sagte er, „ist Jemand hier im Stande, dieses Ei auf seine Spitze zu stellen? Wenn einer der Anwesenden diese Kunst versteht, so fordere ich ihn auf, uns eine Probe davon zu geben." Diese Anmuthung erregte keine geringe Ueberraschnng; doch schickte sich sogleich ein Dutzend an, unter Lachen und Scherzreden den Versuch zu machen. Mehr als einmal glaubte irgend ein junger Adeliger, es sey ihm gelungen; aber sobald seine Finger das Ei verließen, rollte es über den Tisch, als ob es seiner Ungeschicklichkeit Hohn sprechen wollte. „Beim heiligen LnkaS, Sennor Almirante, dieses merkwürdige Ansinnen übersteigt unsere Geschicklichkeit!" rief Juan de Orbitello. „Hier ist der Conde de LIera, der so manchen Mauren erschlug und sogar im Turnier Alonzo de Ojeda aus dem Sattel hob, und dennoch kann er mit dem Ei in der von Euch angedeuteten Weise nicht zu Stande kommen." „Es wird aber ihm und sogar Euch keinen Augenblick schwer werden, Sennor, sobald ich das Kunststück öffentlich gezeigt haben werde." — Mit diesen Worten stieß ColumbuS das spitzigere Ende des Ei'S leicht auf den Tisch, und da jetzt die Schale eingedrückt war, gewann es eine Basis, auf der cs fest und bewegungslos stehen konnte. Ein Gemurmel des Beifalls folgte dieser sinnreichen Zurechtweisung und der Herr von Orbitello zog sich schnell wieder in die Unbedeutsamkeit zurück, aus der er sich besser nie hervorgewagt hätte. In diesem Augenblick redete ein königlicher Page den Admiral an und begab sich dann zu dem Sitze Don Luis' de Bobadilla. „Ich bin aufgefordert, unverzüglich vor der Königin zu 568 erscheinen, Herr Cardinal," bemerkte der Admiral, „und versehe mich daher zu Euer Gnaden, daß Ihr meine Entfernung entschuldigen werdet. Dem Benehmen des Bote» nach handelt sich'S um eine Sache von Wichtigkeit, und Zhr werdet mir verzeihen, daß ich die Versammlung schon so früh verlasse?" Es erfolgte die gewöhnliche Erwiederung, worauf ColumbuS, nachdem er sich unter rer Thüre »och einmal gegen seinen Wirth und alle Anwesenden verbeugt hatte, das Zimmer verließ. Fast in demselben Augenblicke folgte ihm der Conde de Llera. „Wohin so eilig, Don Luis?" fragte der Admiral, als sich der Andere ihm anschloß. „Thut es Dir so Noth, ein Festmahl zu verlassen, wie eS Spanien — ausgenommen in den Palästen seiner Könige — selten steht." „Bei San Zago, nicht einmal dort, Sennor," entgegnete der junge Mann heiter, „wenn wir König Ferdinands Tafel zum Maasstab nehmen. Aber ich verlasse diese angenchme Gesellschaft in Folge eines Befehls von Donna Jsabella, die mich plötzlich vor sich rufen ließ." „Dann, Sennor Conde, gehen wir miteinander — vielleicht in derselben Angelegenheit; denn auch ich eile nach den Gemächern der Königin." „Ich bin sehr erfreut, dieß zu hören, Sennor, da ich nur einen Grund kenne, um deßwille» eine gemeinschaftliche Aufforderung an uns ergehen kann. Es handelt sich dabei um meine Freiere! und man wird Euch ohne Zweifel ein Zeugniß abverlangen, ob ich die Reise mitgemacht habe." „Meine Gedanken und meine Zeit sind in den letzten Tagen so sehr mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigt gewesen, Luis, daß ich keine Gelegenheit hatte, Dich über diesen Punkt zu fragen. Wie geht es der Dame von Valverde, und wann wird es ihr genehm seyn, Deine Treue und Liebe zu belohnen?" „Sennor, ich wollte, daß ich Euch die letztere dieser Fragen 56S mit größerer Sicherheit und die elftere mit leichterem Herzen beantworten könnte. Seit meiner Rückkehr habe ich Donna Mercedes nur dreimal gesehen, und obgleich sie ganz Güte und Offenheit war, so ist doch die Bitte, mein Glück zu krönen, von meiner Tante nur kalt und ausweichend erwiedert worden. Es scheint daß Ihre Hoheit selbst zu Nathe gezogen werden muß, und das Getümmel, das durch den Erfolg unserer Reise veranlaßt wurde, hat sie wahrscheinlich so sehr beschäftigt, daß man keine Zeit für eine solche Kleinigkeit fand, als das Glück eines unbedeutenden Wanderers, wie ich bin, ist." „So wird es wahrscheinlich diese Angelegenheit sehn, Luis, weßhalb wir vorgefordert werden; denn ich kann mir nicht denken, wie ich sonst in einer so ungewohnten und plötzlichen Weise mit Dir in Verbindung gebracht werden sollte." Unser Held gefiel sich nicht übel in diesem Wahne und er trat in die Gemächer der Königin mit einem so elastischen Schritte und so freudestrahlenden Zügen, als gälte es, sich unmittelbar der Geliebten antrauen zu lassen. Der Admiral des OceanS, wie Co- lumbuS jetzt öffentlich genannt wurde, durfte nicht lange im Vorzimmer harren, und ehe noch einige Minuten vergingen, wurden er und sein Gefährte der Königin vorgeführt. Jsabella empfing die Beiden in ihrem Privatgemache, in welchem sich nur noch die Marguise von Maya, Mercedes und Ozema befanden. ColumbuS und Luis sahen auf den ersten Augenblick, daß nicht alles richtig war. In jedem Antlitze sprach sich das Bemühen aus, eine erkünstelte Ruhe festzuhalten. Die Königin selbst war allerdings heiter und würdevoll, aber ihre Stirne umwölkte ein gedankenvoller Zug, ihr Auge blickte schwermüthig und ihre Wangen waren leicht gerüthet. In dem ausdrucksvollen Antlitz der Donna Beatriz kämpften Schmerz und Unwille und Luis bemerkte bekümmert, daß ihr Blick in einer Weise von ihm abgewendet war, wie sie gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie ein 570 ernstes Mißfallen auSdrücken wollte. Mercedes' Lippen waren bleich, wie die eines Tobten, obgleich auf jeder Wange ein Heller Scharlachflecken sichtbar war; ihre Augen ruhten auf dem Boden und ihre ganze Haltung war niedergedrückt und schüchtern. Ozema allein schien vollkommen unbefangen; doch waren ihre Blicke rasch und besorgt, obgleich ein Strahl von Freude aus ihren Augen schoß und selbst ein leichter Ausruf der Wonne ihren Lippen entschlüpfte, als sie Don Luis erkannte, den sie seit ihrer Ankunft in Barcelona — also beinahe einen Monat — nur ein einzigeSmal gesehen hatte. Jsabclla ging dem Admiral einige Schritte entgegen, und als dieser sich auf ein Knie niederlaffen wollte, kam sie rasch diesem HuldigungSakle zuvor, indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte. „Nicht so — nicht so — Don Almirante," rief die Königin; „dieß ist eine EhrsurchtSbezeugung, welche Deinem hohen Range und den ausgezeichneten Diensien, die Du uns leistetest, nicht ziemen. Wenn wir Deine Herrscher sind, so sind wir auch Deine Freunde. Ich fürchte, der Herr Cardinal wird mir den Befehl, welchen ich sandte, kaum vergeben, da er ihn Deiner Gesellschaft früher beraubte, als er ihn wohl erwartete." „Seine Eminenz und die ganze bei ihm versammelte, ehren- werthc Gesellschaft haben nun einen Stoff, Sennora, der sie Wohl noch einige Zeit beschäftigen mag," Versetzte ColumbuS, indem er in seiner ernsten Weise lächelte. „Ohne Zweifel werden sie mich jetzt weniger vermissen, als zu einer gewöhnlicheren Zeit. Wäre es aber auch nicht der Fall, so würden ich und dieser junge Graf keinen Augenblick Anstand nehmen, selbst ein reicheres Festmahl zu verlassen, wenn eS gilt, den Befehlen Eurer Hoheit zu gehorchen." „Ich bezweifle dieß nicht, Sennor; aber ich wünschte Dich noch diese Nacht über eine Angelegenheit zu sprechen, die gerade keinen öffentlichen Character hat. Donna Beatriz hier hat mir die Anwesenheit am Hofe, überhaupt die Geschichte dieses schönen 371 Wesens mitgethcilt, welches mir einen so hohen Begriff von Deinen Entdeckungen beibringt, daß ich mich wundere, warum mir die Dame nicht früher vorgestellt wurde. Kennst Dn ihren Rang, Don Christoval, und die Umstände, welche sie nach Spanien gebracht haben?" „AsterdingS, Scnnora, denn ich bin zum Teil selbst Zeuge derselben gewesen und kenne das klebrige aus den Miltheilungen des Don Luis de Bobadista. Ich betrachte den Rang der Dame Ozema nicht ganz als einen königlichen, obgleich er höher steht, als der eines Adeligen, wenn es sich anders mit unseren Begriffen verträgt. einen Stand zwischen diesen Beiden anzunchmen — wenn wir zudem dabei nicht außer Acht lassen, daß Hayü nicht Castilien ist; denn das eine befindet sich noch in der Finsterniß des HeidenthumS, während das andere sich der strahlenden Sonne des Glaubens und der Civilisation erfreut." „De,nungeachtet, Don Christoval, bleibt Rang Rang und die Rechte der Geburt werden durch den Zustand eines Landes nicht beeinträchtigt. Obgleich es dem Oberhaupt der Kirche bereits gefallen hat und wohl auch noch weiter gefasten wird. Uns in Unserer Eigenschaft als christliche Fürsten Rechte über diese indianischen Kaziken zu übertragen, so liegt hierin weder etwas Ungewöhnliches, noch etwas Neues. Das Verhältnis! der Souveränität und des LehenverbandeS ist alt und wohl begründet, und es fehlt nicht an Beispielen, daß mächtige Monarchen neben dem Lande, das sie unmittelbar Gott verdanken, auch Vasallcngütcr besaßen. Von diesem Gesichtspunkte aus fühle ich mich geneigt, die indische Dame für mehr als adelig zu betrachten, und habe daher befühlen, sie demgemäß zu behandeln, ES bleiben also nur noch die Umstände zu berichten, welche sie nach Spanien brachten," „Hierüber kann Don Luis, bessere Auskunft ertheilen, Sennora, da er mit allen Ereignissen auf's genaueste bekannt ist." „Nein, Sennor, ich möchte sie aus Deinem eigenen Munde hören, denn ich kenne bereits das Wesentlichere von des Conde de Llera Erzählung." ColumbuS fühlte sich sowohl überrascht als schmerzlich berührt, aber er zögerte nicht, de», Geheiß der Königin zu entsprechen. „Hayli hat größere oder kleinere Fürsten oder Kaziken, königliche Hoheit," fügte er bei, „und dem Vernehmen nach, sind Letztere den Er- steren zu einer Art Tribut und einer gewissen Unterwürfigkeit verpflichtet." „Du stehst, Tochter Marquise, dieß ist eine ganz natürliche Negierungseinrichtung, die im Osten so gut als im Westen üblich ist." „Zu den Crsteren gehört Guacanagari, von dem ich bereits Eurer Hoheit so viel mittheilte," fuhr ColumbuS fort, „und zu den Letzteren zähle ich Mattinav, den Bruder dieser Dame. Don Luis besuchte den Kaziken Mattinao und war Zeuge eines Einfalls Caonabo'S, eines berühmten CaribcnhäuptlingS, der diejenige, welche sich jetzt Eurer hohen Gegenwart erfreut, zu seiuer Gemahlin zu machen wünschte. Der Conde benahm sich wie ein wackerer, castiliainscher Ritter, schlug den Feind, rettete die Dame und brachte sie im Triumph zu den Schiffen. Hier wurde beschlossen, daß sie Spanien besuchen solle, einmal um den Ruhm der beiden Kronen zu erhöhen, und dann um sie selbst für einige Zeit den Gewaltlhätigkeiten dcS Cariben zu entziehen, da er zu mächtig und kriegerisch ist, als daß ihm der sanfte Stamm Mat- tinao'S Widerstand leisten könnte." „Dieß ist alles gut, Seunor, und dasselbe, was wir bereits gehört haben: aber wie kam es, daß Ozema bei dem öffentlichen Empfang in der Sladt nicht unter dem übrigen Gefolge erschien?" „Don Luis wünschte es anders, und ich willigte ein, daß er und seine Pflegbefvhlene gesondert von PaloS absegeln sollten, wobei ich sic in Barcellona wieder treffen wollte. Wir Beide waren der Ansicht, die Dame Ozema stehe zu hoch über ihren Gefährtinnen, um in einem Prunkaufzuge rohen Augen preisgegeben zu werden." 573 „Die MaaSregel zeugt wenigstens von Zartgefühl, wenn auch nicht von Klugheit," bemerkte die Königin ein wenig trocken. „Die Dame Ozema blieb also einige Wochen ausschließlich der Obhut des Conde de Llcra anheimgegcben?" „So lange, königliche Hoheit, bis sie unter den Schutz der Marquise von Moya gestellt wurde." „War dieß auch vorsichtig, Don Christoval? Konnte ein so kluger Mann, wie Du, hiezu seine Einwilligung geben?" „Sennora!" rief Luis, unfähig, seine Gefühle länger zurückzuhalten. „Stille, junger Herr!" befahl die Königin. „Ich werde alsbald Airlaß nehmen, Dich selbst zu fragen, und Du wirst dann nöthig haben, alle Deine Sinne zusammenzunehmen, um die geeigneten Antworten zu geben. — Muß Dich in dieser Angelegenheit Deine eigene Klugheit nicht einer Unbesonnenheit zeihen, Herr Admiral?» „Sennora, diese Frage — auch ihr Beweggrund ist mir ganz neu. Ich setzte das größte Vertrauen in die Ehrenhaftigkeit des Grafen, und dann wußte ich, daß sein Herz seit lange für die schönste und würdigste Jungfrau in Spanien glüht. Außerdem war mein Geist so sehr mit den wichtigen Angelegenheiten der Interessen Eurer Hoheit beschäftigt, daß ich nur wenig Gelegenheit fand, bei Dingen von minderer Wichtigkeit zu verweilen." „Ich glaube Dir, Sennor, und Du darfst unserer Verzeihung versichert seyn. Doch war es immerhin für einen so erfahrenen Mann eine große Unbesonnenheit, der Festigkeit eines wankelmü- thigen Herzens zu vertrauen, zumal wenn dasselbe in der Brust eines leichtsinnigen und unstätcn Knaben schlägt. Und nun, Conde de Llera, kömmt die Reihe an Dich, obschon Du es schwer finden wirst, mir Rede zu stehen. Du kannst Allem, was bisher gesagt wurde, nicht widersprechen?" „Nein, Sennora. Don Christoval kann keinen Grund haben, etwas zu entstellen, selbst wenn er einer solchen Niedrigkeit fähig 574 wäre. Ich hoffe, unser Haus steht in Spanien nicht in dem Rufe, daß es falsche und treulose Ritter hege." „Ich gebe dieß vollkommen zu. Wenn Dein HauS auch das Unglück gehabt hat, ein einziges untreues und trügerisches Herz hervorzubringen, so erfreut es sich zugleich des Ruhms," — sie blickte dabei ans ihre Freundin — „andere erzeugt zu haben, die an Beständigkeit den Helden,uüthigsten Seelen des Nlterthums nicht nachstehen. Der Glanz des Stammes Bvbadilla beruht nicht allein auf dem Character ihres Stammhalters! — Nein, höre mich, Seunor, und sprich nur, wenn ich Antwort von Dir habe» will, aus meine Fragen. Du hattest in der letzten Zeit im Sinne, Dich zu vermähle,,?" „Ich gebe es zu, Senuora. Ist es ein Verbrechen, vou dem glücklichen Ausgang einer langjährigen Bewerbung zu träumen, für die ich Eure endliche, huldvolle Einwilligung zu hoffen wagte?" „Es ist also, wie ich fürchtete, Beatriz!" ries die Königin; „und dieses unwissende, aber liebenswürdige Wese» ist durch eine Scheinheirath hintergangen worden; denn kein Nnterthan CastilienS könnte es wagen, so von seiner Vermählung zu sprechen, wenn er sich bewußt wäre, daß ihn seine Gelübde wirklich und gesetzlich an eine Andere banden. Selbst der Nichtswürdigste in Spanien könnte der Kirche und dem Herrscher nicht in dieser Weise Hohn sprechen." „Scnnora, Eurer Hoheit Worte klingen eben so räthselhaft als grausam," entgegncte Luis. „Darf ich mir zu fragen erlauben, ob diese harten Bemerkungen mir gelten?" „Von wem anders sollten wir sprechen, oder wem konnten sie sonst gelten?" Dein eigenes Bewußtseyn, grundsatzloser Knabe, muß Dir Deinen ganzen Unwerth vor Augen führen; und doch erkühnst Du Dich, Deiner Königin — nein, dieser engelgleichen Dulderin mit einer so frechen Miene Hohn zu sprechen, als ob Dir die reinste Unschuld zur Stütze diente?" „Sennora, ich für meine Person bin kein Engel, obgleich 573 ich gerne zugcstehe, daß Donna Mercedes ein solcher ist; auch bin ich vielleicht kein Heiliger im strengen Sinne des Worts, sondern nichts anderes, als Luis de Bobadilla; — so wenig ich aber auch die Krone des MärlyrthumS verdiene, eben so wenig verdiene ich diese Vorwürfe. Erlaubt mir, unterthänig zu fragen, welchen Verbrechens man mich beschuldigt?" „Man legt Dir einfach zur Last, daß Du entweder diese unerfahrene und vertrauensvolle indianische Prinzesfin durch eine Scheinheirath auf das grausamste getäuscht hast, oder daß Du Deine Herrscherin auf das schamloseste verhöhntest, indem Du gegen dieselbe den Wunsch aussprachst, eine Dame zu heirathen, während Dich doch Deine am Altar ausgesprochenen Gelübde an eine Andere binden. Welches von diesen beiden Verbrechen das Deinige ist, magst Du selbst am besten wissen." „lind Du, meine Tante — Du Mercedes — hältst auch Du mich einer solchen Niedrigkeit fähig?" „Ich fürchte, es ist nur zu wahr;" erwicdcrte die Marquis« kalt, „Der Beweis liegt so offen da, daß nur ein Heide daran zu zweifeln im Stande ist." „Mercedes?" „Nein, Luis," entgegnete das edle Mädchen mit einer Wärme des Gefühls, welche alle Schranken conventioneller Zurückhaltung niederbrach, „ich halte Dich nicht für so niedrig — ich halte Dich überhaupt nicht für niedrig, sondern blvS für unfähig, Deinen wankelmüthigen Neigungen zu widerstehen. Ich kenne Dein Herz — Deine Ehrenhaftigkeit zu gut, um etwas anderes, als Schwäche bei Dir zu vermuthen, die Du wohl gerne Niederkämpfen möchtest, wenn Du es im Stande wärest." „Gott und die heilige Jungfrau sey dafür gepriesen!" rief der Graf, der, während seine Geliebte sprach, kaum zu athmen wagte. „Ich will ja gerne Alles ertragen, wenn nur Du keine so entehrende Meinung von mir hegst." „Wir müssen der Sache ei» Ende machen, Beatriz, und ich kenne kein sichereres Mittel, als daß wir zu den Thatsachen übergehen," sagte die Königin. „Tritt hervor, Ozema, und laß dein Zeugniß diese Angelegenheit für immer bereinigen." Die junge Indianerin, welche das Spanische weit besser begriff, als sie sich in dieser Sprache auszudrücken vermochte, obgleich sie lange nicht alles von den gewechselten Worten verstanden hatte — gehorchte sogleich. Ihre ganze Seele war von den Vorgängen hingcnommen, während ihr Verstand sich vergebens abmühte, sich alles zurecht zu legen. Mercedes allein hatte das Schaffen ihrer Züge bemerkt, als Jsabella tadelte und Lnis seine Einwendungen vorbrachte — und es bekundete vollkommen die Innigkeit der Theilnahme, die sie für unfern Helden fühlte. „Ozema," nahm die Königin wieder auf, indem sie langsam und mit der größten Bestimmtheit sprach, um von der Angeredeten richtig verstanden zn werden; „sprich, bist Du mit Luis de Bobadilla vermählt oder nicht?" „Ozema Luis' Weib!" antwortete das Mädchen lachend und erröihend. „Luis Ozema'S Gatte." „Dicß ist so klar, als nur Worte seyn können, Don Christosal, und auf meine wiederholten angelegentlichen Fragen hat sie nie etwas anderes geantwortet. Wie und wann heirathete LuiS Dich, Ozema?" „Luis heiralhen Ozema mit Religion — mit Spanier Religion. Ozema heirathen Luis mit Liebe und Gehorsam — mit Hayti Weise." „Das ist etwas Außerordentliches, Sennora," bemerkte der Admiral, „und ich möchte wohl klarer in der Sache sehen. Darf ich mich der Erlaubniß Eurer Hoheit erfreuen, selbst einige Fragen zu stellen?" „Thuc, wie Du willst, Sennor," entgegnetc die Königin mit Kälte; „ich bin in dieser Sache befriedigt, und es ziemt meiner Gerechtigkeit, schleunig z» handeln." „Conde de Llera, gestehst Du zu oder ziehst Du in Abrede, daß Du Ozema'S Gatte bist?" fragte Columbus mit hohem Ernste. 577 „Herr Admiral, ich stelle es durchaus in Abrede. Ich habe ste weder geheiratet, noch je daran gedacht, mich mit einer Andern als mit Mercedes zu vermählen." Diese Worte trugen den Ausdruck jener offenen Freimütigkeit, welche einen der schönsten Züge in dem Character des jungen Mannes bildete. „Hast Du ihr also ein Unrecht angethan —und ihr dadurch ein Recht gegeben, zu glauben, daß Du die Absicht habest, sie zu ehelichen?" „Gewiß nicht. Ich halte meine eigene Schwester nicht mehr achten können, als ich Ozema achtete, was schon aus dem Umstand erhellt, daß ich mich beeilte, sie unter die Obhut meiner theuren Tante und in die Gesellschaft von Donna Mercedes zu bringen." „Dieß scheint vernünftig, Sennora; denn der Mann hat immer so viel Achtung gegen die Tugend des schönen Geschlechts, daß er sogar in den Anwandlungen des Leichtsinns Anstand nimmt, sie vorsätzlich zn kränken." „Zn Widerlegung aller dieser Betheurungen und des von Euch gerühmten Anstandsgefühls der Männer, Seunor Colon, dient die einfache Erklärung dieser in Täuschung unerfahrenen, einfachen Seele, deren Rang und Ansprüche einen derartigen Trug eben so unnöthig machen müssen, als er ihrer unwürdig wäre. Bcatriz, Du bist wohl der gleiche» Meinung und kannst nichts zur Entschuldigung für diesen treulosen Ritter aufsinden, obgleich er einmal der Stolz Deines Hauses war?" „Sennora, ich weiß nicht, was ich glauben soll. WaS auch immer die Mängel und Schwächen des Knaben seyn mochten — und der Himmel weiß, ihrer sind viele gewesen — Täuschung und Unwahrheit gehörten nie dazu. Ich habe sogar die Art, wie er die Prinzessin meiner unmittelbaren Sorge anheim gab, den Regungen eines Herzens zugeschrieben, das die Verirrungen des Verstandes nicht zu verhehlen beabsichtigte, indem er wohl erwarten mochte, ihre Anwesenheit in meiner Familie werde mir früher die Donna Mercedes. 2lc Ausl. 37 578 Wahrheit enthüllen. ES wäre vielleicht gut, die Dame Ozema genauer zu befragen, um uns zu überzeugen, daß wir nicht in irgend einer seltsamen Selbsttäuschung befangen sind." „Du hast Recht," bemerkle Isabella, deren Gcrechtigkeilsstnn stets geneigt war, jeden Fall, der ihrer Enlscheidung anheim gegeben war, auf das gründlichste zu untersuchen. „Das Glück eines Granden hängt von ihrem Ergebnisse ab, und es ist billig, daß er sich aller geeigneten Mittel erfreue, sich gegen die Anschuldigung eines so schändlichen Vergehens zu rechtfertigen. Herr Graf, Du magst sie in unserer Gegenwart über alles, was zum Zwecke Deiner Vertheidigung dient, befragen." „Sennora, es dürfte sich wohl für einen Ritter schlecht ziemen, bei einer Dame den Inquisitor zu spielen — und noch obendrein bei einer Dame von dem Character und den Sitten dieser Fremden," antwortete Luis stolz, indem er zugleich während seiner Worte errölhete, denn er wußte wohl, daß Ozema durchaus unfähig war, ihre Neigung für ihn zu verhehlen. „Wenn also etwas der Art geschehen muß, so dürfte dieses Geschäft wohl für jemand Anderes geeigneter scyn." „Da die ernste Pflicht, zu strafen, mir anheim fällt," bemerkte die Königin ruhig, „so will denn auch ich dieses mißliebige Geschäft auf mich nehmen. Sennor Almirante, wir dürfen uns von keiner Verpflichtung zurückziehen, welche uns der größten Eigenschaft Gottes — nemlich seiner Gerechtigkeit—näher bringt. Prinzessin, Du sagtest, Don LutS hätte Dich geehlicht und Du betrachtest Dich als seine Gattin?" — Wann und wo bist Du mit ihm vor einen Priester getreten?" Man hat so viele Versuche gemacht, Ozema zum Christenthum zu bekehren, daß sie mit Ausdrücken, welche auf die Religion Bezug hatten, vertrauter war, als mit jedem andern Theil der Sprache, obgleich man in dieser Hinsicht ihrem Geiste nur ein wirres Bild erträumter Verpflichtungen und geheimnißvoller Eigenschaften 579 beigebracht hatte. Wie bei Allen, die an einen gründlichen Gedankengang nicht gewöhnt sind, beruhte ihre Frömmigkeit mehr auf Außendingen, als auf Grundsätzen, weshalb sie denn auch weit geneigter war, den kirchlichen Ceremonien besondere Kräfte beizumeffen, als die Wichtigkeit der Glaubenslehren selbst zu fühlen. Die Frage der Königin wurde verstanden und daher ohne Arg und Hinterlist beantwortet. „Luis heirathcn Ozema mit Christenkreuz,» sagte sie, indem sie das heilige Sinnbild an's Herz drückte, welches ihr, wie der Leser bereits weiß, der junge Mann in einem Augenblicke großer Gefahr gegeben hatte. „Luis denken, er sterben müssen — beide wünschen zu sterben als Mann und Weib, — und Luis heirathen mit dem Kreuz, wie gut spanisch Christ. Ozema heirathen Luis in ihrem Herz, wie Haytimädche» in ihrer Heimath." „Hier ist ein Mißverständniß — ein trauriges Mißvcrständniß, das in der Verschiedenheit der Sprache und Gebräuche seinen Ursprung hat. Don Luis ist an diesem Jrrthume unschuldig. Ich war Zeuge, wie er ihr das Kreuz auf dem Meere während eines Sturmes gab, und kann versichern, daß es in einer Weise geschah, die mich den Eifer des Grafen in Betreff der Rettung ihrer um- nachteten Seele nur in einem günstigen Lichte betrachten ließ. Es ist da von keiner Vermählung die Rede und nur sie, die in ihrer Unwissenheit unsere Gebräuche mit den ihrigen verwechselte, konnte etwas derart in der Ueberreichung dieses Zeichens vermuthen, das keine weitere Absicht hatte, als ihr in der Stunde der äußersten Noth nützlich zu werden, da sie sich der Gnade der heiligen Sakramente noch nicht erfreut hatte.» „Don Luis, kannst D» diese Angabe bestätigen und versichern, daß Du die Gabe ausschließlich in dieser Absicht verabreichtest?» fragte die Königin. „Sennora, xs ist buchstäblich wahr. Der Tod starrte uns in'S Auge, und ich fühlte, daß diese arme Fremde, die sich mit dem einfachen Vertrauen eines Kindes unserer Obhut hingegeben hatte. 580 eines Trostes bedurfte. In einem solchen Augenblicke konnte ich keinen passenderen finden als dieses Erinnerungszeichen an den Heiland und an unsere Erlösung, welches mir nächst der Taufe als das geeignetste NettungSmittel erschien." „Du bist also nie vor einem Priester mit ihr gestanden und hast in keiner Weise ihre arglose Einfalt mißbraucht?" „Sennora, Trug verträgt sich nicht mit meinem Character, und jede Schwäche, deren ich mich Ozema gegenüber schuldig gemacht habe, soll enthüllt werden. Ihre Schönheit und ihr gewinnendes Benehmen — beides spricht für sich selbst; ebenso ihre Achnlichkeit mit Donna Mercedes. Das letztere hat mich vorzugsweise zu ihr hingezogen, und hätte mein Herz nicht bereits einer Andern gehört, so wäre es mein Stolz gewesen, die Prinzessin zu meiner Gattin zu machen. So aber trafen wir uns zu spät. Ueberhaupt führte auch gerade diese Achnlichkeit zu Vergleichungen, in welchen Diejenige, die in der Unwissenheit und im Unglauben erzogen wurde, nothwendig zu kurz kommen mußte. Ich gebe zu, daß es Augenblicke gab, wo ich zärtlicher für Ozema fühlte; aber ich muß in Abrede stellen, daß sie je im Stande war, meine Liebe für Mercedes zu verdrängen, oder auch nur zu mindern. Wenn mir Ozema gegenüber eine Schuld zur Last fällt, so ist es die, daß ich nicht immer im Stande war, die Gefühle zu unterdrücken, welche ihre Achnlichkeit mit Donna Mercedes und ihre eigene edle Einfalt — hauptsächlich aber die erstere — hervorriefen. Aber nie habe ich mich in anderer Weise — sey es in Worten oder in der That — gegen sie vergangen." „Das klingt aufrichtig und glaubwürdig, Beatriz. Du kennst den Grafen besser, als ich, und kannst daher leichter beurlheilen, in wieweit wir diesen Erklärungen trauen dürfen." „Ich bürge mit meinem Leben für ihre Wahrheit, theure Gebieterin! Luis ist kein Heuchler, und ich freue mich — ach, ich schwimme in Entzücken, daß er im Stande ist, sein Benehmen so 581 ehrlich zu rechtfertigen. Ozema, die von unfern Vermählungsfor- men hörte und Zeuge unserer Verehrung gegen das Kreuz war, hat ihre Lage und die Gefühle meines Neffen falsch verstanden und gab sich deshalb einer grausamen Selbsttäuschung hin, die einem christlichen Mädchen nimmermehr hätte begegnen können." „Die Sache kömmt mir in diesem Lichte wahrscheinlich vor," enlgegnete die Königin mit dem zarten Sinne ihres Geschlechts für die Gefühle — um nicht zu sagen, für die Rechte der Frauen — „doch dteß berührt die Empfindungen einer Dame — nein einer Prinzessin, und darf daher nicht so öffentlich verhandelt werden. Es ist daher paffend, SennorcS, daß alle weiteren Erörterungen den Frauen anheim fallen, und ich versehe mich'S zu eurer Ritterlichkeit und Ehrenhaftigkeit, daß die Vorgänge dieser Nach, ein Ge- heimniß bleiben. Die Dame Ozema ist fürderhin unter meiner Obhut, und Du, Graf von Llera, sollst meinen Schlußbescheid hinsichtlich Deiner Verbindung mit Donna Mercedes morgen erfahren." Niemand wagte etwas gegen diese mit königlicher und frauenhafter Würde vorgetragenen Worte einzuwenden, und nach den gewöhnlichen Ehrfurchtsbezeugungen gegen die Herrscherin verließen ColumbuS und unser Held das Gemach. Die Königin trennte sich erst spät von Ozema; was sich aber in dieser Zeit zutrug, behalten wir u»S für eine spätere Scene vor. 582 Dreißigstes Kapitel. Als tiefer stets von TodeSnacht Umflort ich sank, kein Arm zu helfen Sich zeigte, sah in lichter Pracht Gleich einem zarten lust'gen Elfen Dein Bild ich ob den Wogen schweben Und deine Brust in Mitleid bold erbeben, Drum lieb' ich dich, du süßes, theureS Leben. Coleridge. Als Jsabella mit Ojema und Mercedes (denn letztere sollte dem Wunsche der Königin zu Folge gegenwärtig fest») allein war, ließ sie sich auf die fragliche Vermählung mit der Zartheit einer empfindsamen und edeln Seele, aber auch mit einer Offenheit ein, welche jede weitere Mißdeutung unmöglich machte. Das Ergebniß zeigte, wie natürlich die indianische Schönheit in jene grausame Selbsttäuschung verfallen war. Glühend, vertrauensvoll und gewöhnt, unter ihrem Volke als ein Gegenstand der allgemeinen Bewunderug betrachtet zu werden, hatte sich Ozema dem Wahne hingegeben, ihre Gefühle fänden bei dem jungen Manne volle Erwiederung. Von dem ersten Augenblicke ihres Zusammentreffens an hatte sie mit dem instinktartigen Scharfblick des Weibes bemerkt, daß sie bewundert werde, und da sie dem Ergüsse ihrer eigenen Empfindungen Raum gab, so war es fast nothwendige Folge ihres Verkehrs mit Luis, daß sie dieselben erwiedert glaubte. Selbst der Umstand, daß man für den Austausch der Gedanken in Ermanglung ?er Worte, Blicke und Geberden zu Hülse nehmen mußte, trug dazu bei, den Jrrthum zu vermehren, und man wird sich erinnern, daß Luis' Treue, wenn sie auch nicht wirklich wankte, doch schwer auf die Probe gesteckt wurde. Die Bedeutung, die sie irrigerweise mit dem Worte Mercedes verband. half eine Täuschung unterstützen, welcher die männliche Zärtlichkeit und Sorgfalt, womit unser Held die Indianerin bei allen Gelegenheiten behandelte, das Siegel ausvrückte. Sogar der strenge Anstand, den Luis unabänderlich beobachtete, und die Achtung, welche er seinem Schützling zollte, verfehlte ihres Einflusses nicht auf Ozema'S Gefühle, denn so wild und ungekünstelt auch ihre Erziehung war, so ließ sie doch der tief innenwohnende und untrügliche Instinkt des Schwachen die Gewalt nicht verkennen, welche sie über den Starken übte. Hiezu kamen noch Luis Bemühungen, ihr einige Begriffe von Religion beizubringcn, die in einer unvollkommenen Erklärung und bei ihrem Haften an übelverstandenen Spitzfindigkeiten liefe und bedauerliche Jrrihümer in ihrem bildsamen Geiste zurückgelaffen hatten. Ozema glaubte, daß die Spanier das Kreuz anbetcten. Sie sah, daß man es bei allen öffentlichen Eeremonien voran stellte, davor niedcrkniete und augenscheinlich es bei jeder mehr als gewöhnlichen feierlichen Verpflichtung anrief. Wenn ein Ritter ein Gelübde that, so küßte er das Kreuz seines Schwertgriffes. Die Mairosen blickten mit Ehrfurcht darauf hin, und selbst der Admiral hatte es als ein Zeichen seines Rechtes auf das Gebiet, das ihm von Guacanagari abgetreten worden war, auspflanzen lassen. Mit einem Worte, das Kreuz erschien ihrer ununterrichteten Phantasie als ein Pfand der Treue bei allen eingegangenen Nerbindlichkeiten. Sie hatte da» kostbare Kleinod auf der Brust unseres Helden oft betrachtet und bewundert; und da es unter ihrem Volke Sitte war, als Zeichen eines geschloffenen EhebündniffeS werthvolle Unterpfänder auSzutau- schen, so glaubte sie in diesem kostbaren Schmucke die Betheurung zu empfangen, daß unser Held sie in einem Augenblicke, wo der Tod sie auf immer trennen sollte, als Gattin anerkenne. Weiter als dieß ließ sie ihre Einfachheit und Zärtlichkeit nicht folgern oder glauben. Es bedurfte wohl einer Stunde, bis Jsabella alle diese That- sachen und Gefühle Ozema entlockte, obgleich letztere nichts zu verhehlen wünschte und in der That auch nichts zu verhehlen hatte. Nun kam aber der schmerzlichste Theil der Aufgabe, nemlich der, das vertrauensvolle Mädchen zu enttäuschen und sie in die bittere 584 Schule des Schmerzes zu führen. Es geschah jedoch, und die Königin, welche eS für da« Beste hielt, alle Täuschung so schnell als möglich zu zerstreuen, brachte es endlich so weit, ihr begreiflich zu machen, daß der Graf, ehe er sie noch gesehen, seine Liebe der Donna Mercedes, welche in der That auch seine Verlobte wäre, geschenkt hätte, Jsabella'S Mittheilung hätte nicht sanfter und weiblicher gegeben werden können, als sie sie gab; aber der Schlag traf bis ins Innerste, und selbst di- Königin bebte vor den Folgen ihres Beginnens. Nie vorher war sie Zeuge des Gefühlausbruchs bei einer so ganz ungekünstelten Natur gewesen, und die Bilder dessen, was sich hier ihrem Auge offenbarte, verfolgten sie noch manche schlummerlose Nacht. ColumbuS und unser Held blieb die ganze folgende Woche über die Vorgänge im Dunkeln. Luis erhielt zwar am andern Tag ein gütiges und crmuthigendcS Schreiben von seiner Tante, und ein Page der Donna Mercedes legte schweigend das Kreuz, welches er so lange getragen hatte, wieder in seine Hände; alles Andere blieb jedoch seinen Vcrmuthungen anheimgegeben. Endlich kam jedoch der Augenblick der Entwickelung, und der junge Mann erhielt eine Aufforderung, vor der Marquise zu erscheinen. Luis hatte erwartet, in dem Salon seine Tante zu treffen; aber er fand ihn leer. Als er den Pagen, der ihn eingeführt hatte, darüber fragte, erhielt er die Weisung, er möchte sich gedulden, bis Jemand käme, um ihn zu empfangen. Geduld war aber keine von den hervorstechenden Tugenden in dem Character unseres Helden und so vertrieb er sich wohl eine halbe Stunde die Zeit damit, daß er in dem Gemache auf und ab ging, ohne auch nur eine Spur zu entdecken, daß man sich seiner Anwesenheit erinnere. Er wollte sich eben an einen Diener wenden, um sich abermals anmelden zu lassen, als sich langsam eine Thür öffnete und Mercedes vor ihm stand. Der erste Blick, den der junge Mann auf seine Verlobte warf, 583 sagte ihm, daß ein tiefer Gram in ihrem Inneren wühle. Die Hand, welche er mit Ungestüm zu seinen Lippen führte, zitterte — ihre Wangen erröthcten und erblaßten abwechselnd in einer Weise, welche den Sturm ihrer Gefühle bekundete. Dcmungeachtct lehnte sie das Glas Wasser, welches er ihr anbot, ab, indem sie es mit einem matten Lächeln bei Seite stellte und ihrem Verehrer winkte, eine» Stuhl zu nehmen, während sie sich auf einem Ta- bouret — einem der niedrigen Sitze, deren sie sich in Gegenwart der Königin zu bedienen pflegte — niederließ. „Ich habe mir die Zusammenkunft erbeten, Don Luis," begann Mercedes, sobald sie sich ein wenig gesammelt hatte, „damit fürderhin kein Grund vorhanden sey, unsere Gefühle und Wünsche zu mißdeuten. Du standest in Verdacht, mit der Dame Ozema vermählt zu sehn — es war ein Augenblick, wo Dir von Donna Jsabella'S Ungnade Vernichtung drohte." „Aber Du, thcurc Mercedes, Du konntest mir doch nie einen solchen Betrug, eine solche Treulosigkeit zutrauen?" „Ich behauptete Deine Wahrheitsliebe, Seunor, denn ich kannte Dich in dieser Hinsicht zu gut. Ja, ich fühlte, daß Luis de Bobadilla, wenn er einen solchen Schritt that, auch Muth genug haben mußte, ihn einzugestehen. Ich glaubte nie — keinen Augenblick, daß Du der Prinzessin vermählt sehest." „Warum aber dann jene kalten und abgewendeten Blicke? — Jene Augen, welche den Boden suchten, statt den Wonnestrahlen der Liebe entgegen zu fliege»? Wozu ein Benehmen, das, wenn eS nicht geradezu Widerwillen ausdrückte, doch wenigstens eine Rückhaltung und Entfremdung bekundete, die ich nimmermehr bei Dir zu sehen gefürchtet hätte?" Mercedes wechselte die Farbe und blieb eine Minute stumm, augenscheinlich im Zweifel, ob sie auch im Stande sey, ihr Vorhaben auSzuführen. Sie raffte jedoch ihren Muth wieder zusammen und die Unterhaltung ging in der früheren Weise wieder fort. „Höre mich an,. Don Luis, denn meine Geschichte wird nicht 586 lang scyn. Als Du auf mein Anrathen Spanien verließest, um Dich bei dieser großen Reise zu bclheiligen, liebtest Du mich — eine glückliche Nückerinnerung, die mir von seiner Erdenmacht entrissen werden kann! Ja, damals liebtest Du mich — und mich allein. Wir schieden unter Schwüren gegenseitiger Treue; und so lang Du abwesend wärest, verging kein Tag, baß ich nicht stundenlang auf meinen Knieen lag, und für den Admiral und sein Gefolge zum Himmel flehte." „Theuerste Mercedes, eS kann Dich nicht überraschen, daß der Erfolg unsere Bemühungen krönte; eine solche Beterin konnte nicht unerhört bleiben." „Ich muß Dich ersuchen, Sennor, mich auSreben zu lassen. Bis zu dem glorreichen Tage, welcher die Botschaft eurer Rückkehr brachte, konnte keine Spanierin mehr Sorge für den Mann fühlen, auf den sie alle ihre Hoffnungen setzte, als ich für Dich empfand. Doch wenn auch die Gegenwart mit Furcht und Bangen erfüllt war, so glänzte mir doch die Zukunft im herrlichsten Hoffnungsstrahl. Der Bote, welcher an den Hof kam, öffnete meine Augen zuerst der traurigen Wirklichkeit deS Lebens und gab mir die harte Lehre, in die die Jugend so schwer sich schicken kann — nemlich die der getäuschten Hoffnung. Damals hörte ich zuerst van Ozema — der Bewunderung, die Du ihrer Schönheit zolltest — der Bereitwilligkeit, um ihretwillen Dein Leben zu opfern." „Heiliger Lukas! wagte es dieser nichtswürdige Sancha, Dein Ohr durch Mitiheilungen zu verletzen, die mit der Kraft und der Beständigkeit meiner Liebe zu Dir in Berührung standen?" „Tadle ihn nicht, Luis, denn er hat nichts, als die Wahrheit berichtet. Seine Nachrichten haben mich auf irgend ein Unglück vorbereitet und ich danke Gott, daß es mir nur allmählich näher trat und ich daher auf Mittel bedacht seyn konnte, die mir es tragen helfen. Als ich Ozema erblickte, konnte ich mich über den Wechsel Deiner Gesinnung nicht mehr wundern — ja, ihn kaum 587 tadeln. Ihrer Schönheit, glaube ich, hättest Du vielleicht widerstanden, aber ihre zutrauensvolle Hingebung an Dich, ihre Unschuld, ihre bezaubernde Einfachheit, ihr liebenswürdiger Frohsinn und ihr bescheidenes Wesen waren hinreichend, was immer für einer spanischen Jungfrau den Geliebten zu rauben." „Mercedes!" „Nein, LuiS, — ich will Dir keine Vorwürfe machen. Auch ist es besser, der Schlag kommt jetzt, als zu einer Zeit, wo ich vielleicht nicht im Stande gewesen wäre, ihn zu tragen. Ich fühle es, daß ich als Gattin unter der Last gekränkter Liebe hätte erliegen müssen; jetzt aber kann ich meine Zuflucht zu einem Kloster nehmen und dem göttlichen Bräutigam meine Tage weihen. Unterbrich mich nicht, LuiS," fügte sie mit einem süßen Lächeln bei, in welchem sich jedoch nicht verkennen ließ, wie schwer eS ihr wurde, ruhig zu erscheinen — „cS kostet mich ohnehin schon Kampf genug, in einer Sache, der ich mich so wenig gewachsen fühle, zu sprechen. Du bist nicht im Stande gewesen, Deine Neigungen zu beherrschen; und dem Reize der Neuheit, der Ozema umgibt, nicht minder ihrer holden Unbefangenheit muß ich den Verlust züschreiben, der ihr zum Gewinne wurde. Es ist der Wille des Himmels und ich will mir Mühe geben zu glauben, eS sey meinem ewigen Heile förderlich. Wäre ich wirklich mit Dir verbunden worden, so hätte vielleicht die Zärtlichkeit, die — ich vHnsche eS nicht zu verhehlen — selbst im gegenwärtigen Augenblick noch mein Herz erfüllt, eine solche Macht über mich gewonnen, daß die Liebe, welche ich Gott schuldig bin, beeinträchtigt worden wäre. Es ist daher ohne Zweifel besser so, wie eS ist. Wenn ich hier auf Erden nicht glücklich seyn durfte, so kann ich mir um so eher das Glück des ewigen Lebens sichern. Doch nein, auch hienieden ist mir nicht alle Seligkeit entnommen; ich kan» für Dich und für mich beten, — und Du mit Ozema, ihr Beide, werdet vor allen irdischen Wesen in meinen Gedanken die Oberhand behaupten." 588 „Dieß ist so befremdend, Mercedes — so grausam — so unklug und so unbillig, daß ich meinen Ohren nicht trauen kann." »Ich sagte, daß ich Dich nicht tadeln wolle. Die Schönheit und Offenheit Ozcma'S find mehr als hinreichend, Dich zu rechtfertigen; denn die Männer folgen in ihrer Liebe mehr dem Einstuß der Sinne als dem des Herzens. Zudem" — Mercedes glühte wie Scharlach, als ste fortsuhr — „kann ein Haplimäochen in ihrer Unschuld eine Macht' üben, deren Benützung einer christlichen Dame nicht ziemen würde. Und nun wollen wir zu den Dingen übergehen, welche eine schleunige Entscheidung fordern. Ozema ist krank gewesen — ist noch krank—sogar gefährlich, wie Ihre Hoheit und meine Vormünderin glauben. Die Aerztc sagen dasselbe, aber eS steht vielleicht in Deiner Macht, Luis, ste dem Grabe zu entreißen. Besuche ste — sage ihr das Wort, das sie glücklich machen wird — sage ihr, daß Du sie nach der Weise Spaniens ehelichen wollest, wenn cS auch jetzt noch nicht geschehen sey — »ein, laß einen der frommen Priester, die beständig um sie sind, sie zur Taufe vorbereiten und Dich diesen Morgen noch ihr antrauen, ukid wir werden in der Prinzessin schnell wieder das blühende, freudestrahlende Wesen sehen, wie Du eS zuerst unserer Sorgfalt anvertrautest." »Und dieß sagst Du mir so ruhig und überlegt, Mercedes, als ob Deine Worte Deine cigenei^Wünsche und Gefühle ausdrücklen?" „Diese Ruhe ist vielleicht nur eine scheinbare," antwortete unsere Heldin in ersticktem Ton-, »aber meine Worte sind allerdings die Frucht der Ueberlegung. Du kannst nicht mein Gälte werden, während Du eine Andere liebst; und warum solltest Du denn nicht dem Zuge Deines Herzens folgen? Der Mahlschatz der Prinzessin wird nicht klein scyn; denn die in einem Kloster Einge- schloffcne bedarf weder des Goldes noch der Ländereien." Luis blickte ernst auf das schwärmerische Mädchen, welches seinen Augen nie so liebenswürdig erschienen war; dann stand er 380 auf und schritt einige Minuten im Gemache auf und ab, als wünsche er den Sturm seines Innern durch eine physische Anstrengung niederzukämpsen. AIS er die gehörige Fassung gewonnen hatte, kehrte er zu seinem Sitze zurück, ergriff Mercedes' nicht widerstrebende Hand und cntgegnete Folgendes auf ihren außerordentlichen Vorschlag: „Das Wachen an dem Krankenlager Deiner Freundin und das allzuviele Brüten über diesen Gegenstand hat Deine NrthcilSkraft geschwächt, meine Thenre. Ozema wohnt nicht in der Weise, wie Du glaubst, in meinem Herzen — hatte nie — eine vorübergehende und unstete Neigung ausgenommen —" „Ach, Luis, diese vorübergehenden und unsteten Neigungen! — Nie hat eine solche" — fie drückte beide Hände an ihr Herz — „hier Platz gefunden!" „Deine Erziehung, Mercedes, Deine Sitten und Dein ganzes Wesen können unmöglich dieselben seyn, wie die »reinigen, da ihnen bei mir ein rauher Stoff zu Grunde liegt; denn wäre es so, so könnte ich Dich nicht verehren, wie ich Dich verehre. Sogar wenn Du nicht lebtest, könnte mich eine Verbindung mit Ozema nicht glücklich machen — da Du aber lebst und der hcißersehnte Gegenstand meiner Liebe bist, so würde diese Vermählung ein Unglück auf mich häufen, dem selbst meine kräftige Natur nicht gewachsen wäre. Ich kann nie — in keinem Falle der Gatte der Indianerin scyn." Obgleich ein Strahl von Wonne einen Augenblick Mercedes' Antlitz beleuchtete, so unterdrückten ihre edeln Grundsätze und reinen Absichten schnell wieder jenen vorübergehenden und unfreiwilligen Triumph, indem sie sogar mit dem Ausdrucke des Tadels xrwiederte: „Ist dieß gerecht gegen Ozema? Haben nicht jene vorübergehenden und unsteten Neigungen ihren einfachen Sinn getäuscht? und verlangt nicht die Ehre, daß Deine Handlungen den Hoffnungen entsprechen, zn welchen Du wenigstens durch Dein Benehmen Anlaß gabst?" 590 „Mercedes, theureS Mädchen, höre mich. Es kann Dir nicht unbekannt seyn, daß ich trotz meines Leichtsinns wenigstens kein Lasse bin. Nie hat mein Benehmen etwas ausgedrückt, was das Herz nicht bestätigen konnte, und nie fühlte ich mich zu einer Andern hingezogen, als zu Dir. Hierin liegt der große Unterschied, den ich zwischen Dir und alle» andern Deines Geschlechtes mache. Ozema ist nicht die einzige Gestalt und ihre Reize sind nicht die einzigen, welche ineinen Augen einen flüchtigen und nichtssagenden Blick der Bewunderung abgelockt haben; aber Du, meine Theurc, bist als ein Heiligthum hier eingeschlossen und zu einem Theile von mir selbst geworden. Wüßtest Du, wie oft Dein Bild mich sogar strenger als mein Gewissen mahnte und bei wie vielen Anlässen die Erinnerung an Deine Tugenden und an Deine Liebe den Sieg davon trug, wenn ich die Pflichten der Religion und die Lehren .meiner Erzieher vergessen wollte, so würdest Du den Unterschied zwischen der Liebe, die ich gegen Dich hege, und den vorübergehenden, unsteten Neigungen begreifen, die Du mir zu verschie- denenmalen schon höhnend nachgesprochen hast." „Luis, ich sollte diesen verlockenden Morten kein Gehör geben, denn sie entspringen wohl aus einer Herzensgute, die mir den augenblicklichen Schmerz ersparen möchte, um am Ende mein Elend noch tiefer zu machen. Wenn Du nie andere Gefühle hegtest, warum hast Du das Kreuz, das ich Dir als AbschicdSgabe reichte, einer Andern gegeben?" „Mercedes, Du hast keinen Begriff von dem schrecklichen Augenblick, in welchem ich mich von diesem Kreuze trennte. Wir sahen den Tod vor Augen und ich gab eS ihr als ein heiliges Sinnbild, damit es einer Heivenseele in ihrer letzten Noth hülfreich werde. Es war von keinem Geschenke die Rede, denn ich habe ihr das Kreuz nur geliehen; und daß es als ein Pfand der Ehe betrachtet wurde, ist ein unglücklicher Jrrthum, den ich nicht voraus sehen konnte, wie Dir Deine eigene Kenntniß von den unter 591 Christen geltenden Gebräuchen sage» wird; wäre es anders, so könnte ich jetzt aus Dich als Gattin Anspruch machen, da Du die Erste warst, welche es mir gab." „Ach, Luis, als ich Dir dieses Kreuz gab, wünschte ich, Du möchtest^ es als ein Unterpfand meiner ewigen Treue gegen Dich betrachten." „Und was wolltest Du mir damit sagen, als Du eS mir vor etwa einer Woche wieder zurücksandtest?" „Ich sandte cS Dir, Luis, in einem Angenblicke wiederauflebender Hoffnung und auf Befehl der Königin. Ihre Hoheit ist jetzt Deine warme Freundin und mochte uns gerne verbunden sehen, wenn nicht die traurige Lage Ozema'S wäre, der man Alles auseinander gesetzt hat — Alles, mit Ausnahme der wahren Beschaffenheit Deiner Gefühle gegen uns Beide, wie ich fürchte." „Grausames Mädchen! — Soll ich denn nimmer Glauben finden? —- Weide ich nie wieder glücklich scyn? Ich schwöre Dir, theuerste Mercedes, daß Du allein in meinem Herzen herrschest — daß ich mit Dir in einer Hütte zufrieden leben könnte und daß ich ohne Dich selbst auf einem Throne höchst elend wäre. Du wirst dies vielleicht glauben, wenn Du mich auf der Erde umherirren stehst, unglücklich, ohne Hoffnungen, ohne Zweck und vielleicht auch rücksichtslos für meinen Nus; denn Du nur kannst mich zu rem machen und in dem erhalten, was ich als Mann scyn sollte. Bedenke, Mercedes, welchen Einfluß Du auf mein Temperament und meine Leidenschaften üben könntest — üben müßtest — und üben würdest. Ich habe Dich lange als meinen Schutzengel betrachtet, der mich ganz nach seinem Willen formen und mich leiten könnte, während alles Andere fehlschlagen würde. Bin ich bei Dir nicht immer sanft und lenksam — die Ungeduld ausgenommen, die Deine Zweifel erzeugen? Hat Donna Beatriz je den zehnten Theil Deiner Macht über mich geübt, und ist es Dir je mißglückt, mich selbst in meinen wildesten und ungestümsten Launen zu bändigen?" „Luis — Luis — Niemand, wer Dein Herz kannte, hat je an demselben gezweifelt." Mercedes hielt inne und das Arbeiten ihrer Züge bewies, daß der aufrichtige Ernst ihres Geliebten bereits ihre Zweifel a» seiner Beständigkeit erschüttert hatte. Demungeachtet kehrte ihr Geist wieder zu den Scenen der Reise zurück und ihre Phantasie führte sie an das Lager der unglücklichen Ozema. Nach der Zögerung einer Minute fuhr sic in leisen und erstickten Töne» fort: „Ich wist nicht in Abrede ziehen, daß es meinem Herzen wähl thut, diese Sprache z» hören, der ich, wie ich fürchte, nur zu bereitwillig mein Ohr leihe. Aber dennoch wird es mir schwer zu glauben, daß Du je eines Wesens vergessen kannst, welches selbst dem Tode Troß bot, um Deinen Körper gegen die Pfeile der Feinde zu schützen." „Glaube das nicht, theureS Mädchen. Du würdest an Ozema'S Stelle dasselbe gethan haben und von diesem Standpunkte aus werde ich eS immer betrachten." „Ich würde es wohl gewünscht haben, Luis," fuhr Mercedes fort und Thräncn entstürzten ihren Augen, „aber ich hätte vielleicht nicht die Kraft dazu besessen." „Gewiß, Du hättest es gethan — ich kenne Dich zu gut, um einem Zweifel Raum zu geben." „Wäre es nicht Sünde, so könnte ich Ozema um diese Gelegenheit beneiden! Ich fürchte, Du wirst Dich deß erinnern, wenn Du der Reize müde bist, die ihre Neuheit verloren haben." „Du hättest es nicht nur gethan, sodern es sogar weit besser gethan! Zudem gab sich Ozema in ihrer eigenen Angelegenheit der Gefahr Preis, während Dich nichts abgehalten haben würde, ihr um meinetwillen entgegen zu treten." Mercedes hielt auf's neue inne und schien sich in tiefes Nachsinnen zu verlieren. Ihre Augen leuchteten bei den beruhigenden Betheurungen ihres Liebhabers und trotz der edeln Ergebung, mit 593 Her sie sich entschlossen hatte, alle ihre Hoffnungen zu dem zu opfern, was ihr als das Glück ihres Geliebten erschien, gewann der verlockende Einfluß erwiederter Liebe bald wieder seine volle Gewalt. „So komm mit mir, LuiS, und besuche Ozema," fuhr sie endlich fort. „Wenn Du sie in ihrem gegenwärtigen Zustande siehst, so wirst Du Deine eigenen Absichten besser verstehen. Ich hätte Deine früheren Gefühle nicht in einer Privatunterredung, ohne daß Ozema gegenwärtig war, wieder neu ausleben lassen sollen, denn es gleicht einem Urtheilsspruche, für den man blos die eine Parte! vernommen hat. Und LuiS" — das höhere Roth, die Wirkung eines edlen Gefühles und nicht der Schaam, lieh dem Mädchen einen unaussprechlichen Zauber — „und Luis, wenn Du cs nach einem Besuche bei der Prinzessin für gerathen finden solltest, Deine Sprache zu ändern, wie schmerzlich es mir auch fallen mag, Du darfst für alles, was vorgefallen, meiner Verzeihung versichert sehn, und meiner Gebete —" Schluchzen erstickte Mercedes'Stimme; sie hielt einen Augenblick inne, um sich die Thränen aus dem Auge zu wischen, und wieS mit einem gewissen eifersüchtigen Gefühl hinsichtlich des Ausganges LuiS' Bewegung zurück, der sie, um sie zu trösten, in seine Arme schließen wollte, obschon diese Ablehnung mehr den Ausdruck edlen BewußtseynS als den der Empfindlichkeit trug. Als sie sich die Augen getrocknet und die übrigen Spuren ihrer Aufregung entfernt hatte, ging sie nach Ozema'S Gemach voran, wo mau der Ankunft des jungen Mannes entgegen sah. Luis bebte ein wenig zurück, als er in das Zimmer trat und bemerkte, daß die Königin und der Admiral anwesend waren,— als er ferner zugleich Zeuge der Verheerungen wurde, die sich in dem Aenßeren der schmerzlich getäuschten Ozema kundgaben. Die Farbe des Lebens war gewichen und die Btäffe des Todes an ihre Stelle getreten; ihre Augen leuchteten von einem fast übernatürlichen Glanze, und doch war ihre Schwäche so augenfällig, daß es nöthig Donna Mercedes. 2te Anfl. 38 594 wurde, sic in ihrer halb aufrechten Lage durch Kissen zu unterstützen. Ein Ausruf ungeheuchelter Wanne entglitt ihren Libyen, als sie unfern Helden erblickte; dann aber verhüllte sie in kindischer Verwirrung ihr Antlitz mit beiden Händen, als schäme sie sich, die Freude ihres Innern verrathen zu haben. Luis benahm sich mit männlicher Würde. Zwar fühlte er sei» Gewissen nicht ganz frei, wenn er der Stunden gedachte, die er in Ozema's Gesellschaft zugebracht und der Art, wie er sich vorübergehend dem Einfluß ihrer Schönheit und ihrer verführerischen Einfachheit hingegeben hatte; aber tm Ganzen kannte er sich dach van allein, was wirklich als ei» Vergehen erscheinen mochte, freisyrecheu, insbesondere aber von jedem Gedanken, seiner ersten Liebe untreu gewesen zu seyn und sich mit trügerischen Absichten getragen zu haben. Er ergriff achtungsvoll die Hand der jungen Indianerin und küßte sie mit einer Frei- mülhigkeit und Wärme, die mehr eine brüderliche Theilnahme und Zärtlichkeit als die leidenschaftliche Gluth eines Liebhabers verrieth. Mercedes wagte eS nicht, seinen Bewegungen zu folgen, aber sie bemerkte den beifälligen Blick, welchen die Königin ihrer Vormünderin zuwarf, als er sich dem Bette näherte, auf welchem Ozema lag. Diesen Blick deutete sie sich als ein Zeichen, daß der Graf sich in einer Weise benehme, welche ihren eigenen Interessen günstig sey. „Du findest die Dame Ozema schwach und verändert," bemerkte die Königin, welcher es allein zustand, ein Schweigen zu unterbrechen, das bereits drückend wurde. „Wir haben uns Mühe gegeben, ihren einfachen Geist durch das Licht der Religion zu erhellen und sie hat endlich eingewilligt, das heilige Sacramcnt der Taufe zu empfangen. Der Herr Erzbischof trifft soeben in meiner Hauskapelle die nüthigen Vorbereitungen für diese Festlichkeit und wir haben die glückliche Aussicht, ihre kostbare Seele dem Verderben zu entreißen." „Eure Hoheit trägt immer das Wohl aller ihrer Unterthanen im Herzen," entgegnele Luis mit einer tiefen Verbeugung, um die? »Mi 593 Thränen zu verbergen, welche Ozcma'S Zustand seinen Augen entlockte. „Ich fürchte, unser Klima sagt im Allgemeinen den armen Kindern Hayti'S nicht zu, da die Kranlheit, welche in Sevilla nnd PaloS unter ihnen herrscht, wenig Hoffnung zum Aufkommen gibt.» „Ist dieß so, Don Christoval?» „Sennora, ich glaube, es ist nur zu wahr. Man hat jedoch für ihre Seelen sowohl als für ihre Leiber Sorge getragen, und Ozema ist jetzt die einzige ihres Volkes in Spanien, welche die heilige Taufe »och nicht empfangen hat.» „Sennora,» sagte die Marquise, die mit überraschten und kummervollen Züge» von dem Lager der Kranken zurücktrat. „Ich fürchte, unsere Hoffnungen schlagen gänzlich fehl! Die Dame Ozema hat mir eben zugeflüstert, daß Luis und Mercedes zuerst in ihrer Gegenwart vermählt werden müßten, ehe sie einwilligen könne, in den Schooß der Kirche ausgenommen zu werden." „Dieß bekundet nicht den richtigen Sinn, Beatriz— und doch was läßt sich mit einem Wesen anfangen, dessen Geist so wenig durch das Licht von oben erleuchtet ist? ES ist aber wahrscheinlich bloß eine vorübergehende Laune, die vergessen seyn wird, wenn der Erzbischof bereit steht." „Ich glaube nicht, Sennora, denn nie hat sie noch so entschlossen und entschieden ausgesehen. Sie ist sonst sanft und lenksam; aber dieß hat sie mir dreimal und in einer Weise gesagt, daß ich wohl glauben muß, eS sey ihr völlig Ernst damit." Jsabella trat nun an das Lager, an dem sie lange und begütigend mit der Kranke» sprach. In der Zwischenzeit verkehrte der Admiral mit der Marquise und Luis näherte sich unserer Heldin. Beide Letzteren waren ungemein bewegt, und Mercedes wagte in banger Erwartung kaum zu athmen. Einige leise Worte aber gaben ihr bald eine Gewißheit, die, trotz ihrer edeln Gefühle für Ozema, nicht verfehlen konnte, sie zu beglücken — nemlich die, daß das Herz unseres Helden ganz ihr gehöre. Von diesem Augenblicke an war jeder Zweifel aus Mercedes' Brust entschwunden und Luis erschien ihren Augen wieder in dem früheren Lichte. Die Besprechung wurde, wie es in der Gegenwart königlicher Personen gewöhnlich ist, leise geführt, und es währte ungefähr eine Stunde, bis ein Page ankündigtc, daß Alles in der Capelle bereit sey, indem er zugleich eine Thür öffnete, welche unmittelbar mit derselben in Verbindung stand. „Das eigensinnige Mädchen beharrt darauf, Tochter Marquise," sagte die Königin, indem sie die Seite des Lagers verließ, „und ich weiß nicht, wie ich eS ihr ans dem Sinne reden soll. Es wäre grausam, ihr die angebotenen Gnadenmittel zu versagen, und doch ist ein solches plötzliches Gesuch an Deinen Neffen und Deine Mündel durchaus unpassend." „Was den Ersteren anbelangt, theuerste Sennora, so möchte er sich wohl bereitwillig genug zeigen, darauf einzugehen, obgleich ich sehr bezweifle, ob sich Mercedes dazu wird bewegen lassen, da Religiosität und zarter Sinn für den Anstand die Grundzüge ihres ganzen Wesens bilden." „Wir thuii vielleicht nicht gut, nur daran zu denken. Eine christliche Jungfrau muß Zeit haben, ihre Seele durch Gebete für das heilige Sacrament der Ehe vorzubereiten." „Und doch, Sennora, wird manche Ehe ohne diese Vorbereitung geschlossen! Ich erinnere mich einer Zeit, wo Don Ferdinand von Aragon und Donna Jsabella aus diesem Grunde nicht gezögert haben würden." „Eine solche Zeit hat es nie gegeben, Beatriz. Es ist Deine Gewohnheit, mich auf die Tage der Prüfung und der Jugend zurückblicken zu lassen, wenn Du irgend einen nicht gehörig überlegte» Lieblingswunsch durchsetzen möchtest. Glaubst Du in der That, Deine Mündel könnte einen solchen Mangel an Vorbereitung übersehen?" „Ich weiß nicht, in wie weit sie sich geneigt fühlen möchte, nachzugeben, Sennora; aber ich weiß, daß, wenn eS ein weibliches 397 Wesen in Spanien gibt, welches zu jederZeit im Geiste vorbereitet ist, die heiligen Sacramente zu empfangen, dieses Wesen Eure königliche Hoheit ist — und gibt es ein zweites, so ist es meine Mündel." „Geh — geh — gute Beatriz. Schmeichelei läßt Dir schlecht. Niemand ist immer vorbereitet, und wir Alle bedürfen ohne Unterlaß der Wachsamkeit. Heiße Mercedes mir in mein Closet folgen; ich will über die Sache mit ihr sprechen. Wenigstens soll keine unweibliche und unziemliche Ueberraschung statlstnden." Mit diesen Worten entfernte sich-die Königin. Sie hatte kaum ihr Gemach erreicht, als unsere Heldin mit unsicheren und schüchternen Tritten eintrat. Sobald ihre Augen denen der Königin begegneten, Lrach Mercedes in Thräncn aus, fiel auf ihre Kniee nieder und verbarg ihr Antlitz wieder in Jsabella's Gewände. Diese Gefühlsaufwallung war jedoch bald niedergekämpft und nun erhob sich das Mädchen, der Befehle ihrer Gebieterin harrend. „Tochter," begann die Königin, ich hoffe, eS herrscht kein Mißverständniß mehr zwischen Dir und dem Conde de Llera. Du kennst meine und Deiner Vormünderin Ansichten und kannst Dich in dieser Angelegenheit Unserer Besonnenheit und größeren Erfahrung sicher unterwerfen. Don Luis liebt Dich und hat die Prinzessin nie geliebt, obgleich eS Uns nicht Wunder nehmen dürfte, wenn ein so sehr in Versuchung geführter lebhafter junger Mann ein flüchtiges Gefühl gegen ein so schönes und ungekünsteltes Wesen verrathen hätte." „Luis hat mir alles bekannt, Sennora; untreu ist er nie gewesen, obgleich er seine Schwächen gehabt magen mag." „Es ist sogar für Deine Altersstufe eine harte Lehre, mein Kind," sagte die Königin ernst; „aber sie wäre noch härter gewesen, wenn Du sie in einer Zeit hättest lernen müssen, wo die Regungen des Mädchens der Zärtlichkeit der Gattin gewichen sind. Du hast di- Ansichten der Aerzte vernommen; die Prinzessin hat wenig Hoffnung, noch lange zu leben." „Ach, Sennora, eS ist ein grausames Schicksal, unter Fremden, 598 sterben zu müssen in der Blüthe der Schönheit und mit einem Herze», gebrochen unter der Last unerwiederter Liebe!" „Und doch, Mercedes, wird der Hingang ein segenvoller sepn, wenn nach dem Schlüsse der irdischen Scene sich dem erwachenden Auge der Himmel anfthut, so daß man statt der Klage ssch eher freuen sollte. Ein so junges und »»schuldiges Wesen, dessen reiner Geist sich so offen vor uns entfaltete, und dem nichts als die Frucht des religiösen Unterrichts mangelte, kann um ihrer persönlichen Jrrthümer willen wenig zu befürchten haben. Alles, was sic bedarf, besteht darin, daß man sie in den Bund der göttlichen Gnade aufnimmt und ihr das Sacrament der heiligen Taufe zu Theil werden läßt. Gewiß! kein Bischof der Kirche könnte dann mit schöneren Hoffnungen für seine Zukunft vom Leben scheiden." „Wie ich vernehme, Sennora, ist der Herr Erzbischof im Begriff, diesen heiligen Dienst an ihr zu verrichten." „Dieß hängt gewissermaßen von Dir ab, meine Tochter. Höre und übereile Dich nicht in Deiner Entschließung, da es sich dabei um das ewige Wohl einer Mcnschenseele handelt." Die Königin theilte nun Mercedes das romantische Gesuch Ozema'S mit, indem sie eS ihrer Zuhörern, in so sanften und gewinnenden Ausdrücken vorlegte, daß eS sogar weniger Ueberraschung und Unruhe hervorbrachte, als sie erwartet hatte. „Donna Beatriz trug sich mit einem Plane : der vielleicht im Anfang annehmlich erscheinen mochte, den aber eine reifliche Erwägung nicht billigen kann. Ihre Absicht war, de» Grafen wirklich mit Ozema zu vermählen," — Mercedes bebte erblassend zurück — „um die letzten Stunden der jungen Fremden durch das Bcwußtseyn zu verschönern, daß sie die Gattin des Mannes sey, den sie anbetete. Mir scheint eS jedoch, eS ließen sich ernste Einwendungen gegen dieses Ansinnen machen. Mas ist Deine Ansicht, Tochter?" „Sennora, wenn ich noch wie früher glauben könnte, daß 599 Luis eine Neigung für die Prinzessin fühle, die ihn am Ende noch zu dem Glücke jener wechselseitigen Liebe führen könnte, ohne welche die Ehe zum Fluche statt zum Segen werden müßte, so würde ich die Letzte scpn, die etwas dagegen einzuwcnden hätte. Ja, ich würde sogar Eure Hoheit auf meinen Knicen um Eure Einwilligung bitten; denn wer wahrhaft liebt, kann nur das Glück des Gegenstandes seiner Liebe wünschen. Ich bin aber fest überzeugt, daß der Graf nicht die zu einem solchen Ende nöthigen Gefühle für die Dame Ozema hegt. Und würde es nicht eine Entweihung sehn, Sennora, das Sacrament der Kirche unter Gelübden hinzunehmen, die nicht nur nicht in dem Herzen wurzeln, sondern gegen die es sogar ankämpft?" „Herrliches Mädchen, dieß sind genau meine eigenen Ansichten und in derselben Weise habe ich auch der Marquise geantwortet. Man darf mit den Gnadenmittcln der Kirche kein Spiel treiben, und wir sind verpflichtet, uns den Leiden zu unterwerfen, welche im Grunde doch nur zu unserem ewigen Wohle über uns verhängt sind, so schwer sic auch auf unseren Herzen lasten mögen. Es bleibt uns daher nur noch übrig, hinsichtlich dieser Grille Ozcma'S einen Entschluß zu fassen, und uns darüber auszusprechen, ob Du Dich trauen lasse» willst, damit ihr die Wohlthat der heiligen Taufe nicht entstehe." Ungeachtet der Innigkeit, womit unsere Heldin Luis liebte, bedurfte eS doch eines kräftigen Kampfes gegen die Macht der Gewohnheit und des Anstandsgefühles, um diesen Schritt so plötzlich und mit so wenig Vorbereitung zu begehen. Die Wünsche der Königin trugen jedoch den Sieg davon, denn Jsabella fühlte eine schwere Verantwortlichkeit auf ihrer Seele lasten, wenn sie die Fremde hinschcwen ließ, ohne daß sie zuvor in den SchooS der Kirche ausgenommen würde. Als Mercedes eingewilligt hatte, schickte Jsabella einen Boten an die Marquise; dann knieete sie mit ihrer Gefährtin nieder und brachte mit ihr gemeinschaftlich eine Stund« 600 in geistlichen Hebungen, wie sie bei einer solchen Gelegenheit üblich waren, zu. In dieser Stimmung erschienen diese zwei reinen weiblichen Wesen, ohne einen Gedanken an die Eitelkeiten des PutztischeS — sondern nur ernstlich bedacht, sich auf die feierliche Handlung vorzubereiten — an der Thüre der königlichen Capelle, in welche man eben auch Ozema auf ihrem Lager gebracht hatte. Die Marquise hatte Mercedes, aus gewohnter Achtung gegen den Altar und seine Diener, einen weißen Schleier über das Haupt werfen und noch einige kleine passende Aenderungen in ihrem Anzuge vornehmen lassen. Ungefähr ein Dutzend Personen, die man eines solchen Vertrauens für würdig hielt, waren bereits gegenwärtig, und als die Braut und der Bräutigam eben im Begriffe waren, ihre Plätze einzunehmen, trat hastig Don Ferdinand mit einem Papiere in der Hand ein, in dessen Lektüre er durch das Gesuch seiner königlichen Gemahlin, der heiligen Handlung anzuwohnen, unterbrochen worden war. Der König war ein würdevoller Fürst und wenn es ihm beliebte, so wußte kein Herrscher seine Rolle anmuthiger oder geschmackvoller zu spielen. Er winkte dem Erzbischof inne zu halten und ließ Luis niede'rknieen. Dan» warf er dem junge» Manne das Band eines seiner Orden über die Schulter und sprach: „Nun stehe auf, edler Sennor, und übe stets Deine Pflicht gegen den himmlischen Meister, wie Du sie kürzlich gegen uns geübt hast." Jsabella belohnte ihren Gatten für diesen Gnadcnakt mit einem beifälligen Lächeln — und die Ceremonie begann, welche unseren Helden und unsere Heldin für immer vereinigte. Mercedes fühlte in der Wärme, womit Luis sie an seine Brust drückte, daß sie ihn nun verstand, und für einen wonnevollen Augenblick war Ozema in der Ueberfülle des eigenen Glückes vergessen. ColumbuS hatte die Braut zum Altäre geleitet — ein Amt, welches ihm der König selbst zugewiesen, während Letzterer, in der Absicht, ihm 601 eine Ehre zu erweisen, an der Seite des Bräutigams stehen blieb und sich sogar so weit herabließ, den Himmel zu berühren, der über den Häuptern des Neuvermählten Paares gehalten wurde. Jsabella hielt sich jedoch seitwärts in der Nähe von Ozema'S Lager, deren Züge sie die ganze Ceremonie über betrachtete. Sie hatte eS nicht für nöthig erachtet, der Braut ihre Theilnahme öffentlich zu bezeugen, da sich ihre Gefühle so kürzlich noch gegenseitig in ihrem Privatverkehr ergossen hatten. Die üblichen Glückwünsche waren bald vorüber, und dann entfernte sich Don Ferdinand mit Allen, welche in Ozema'S Geschichte eingeweiht waren. Es war, aus zarter Rücksicht für die Lage einer fremden Dame, welche die ihrer Ansicht nach gewissermaßen geheiligten Vorrechte des königlichen Ranges trug, nicht der Wunsch der Königin, daß ihr Gemahl und das übrige Gefolge als Zeugen von Ozema'S Taufe zurück blieben. Sie hatte die Innigkeit des Gefühls, womit das unerfahrene Mädchen den Begegnungen des Erzbischofs und des Brautpaares folgte, bemerkt, und Thränen entströmten ihren Augen, als sie den Kampf zwischen Liebe und Freundschaft sah, der sich in jedem Zuge ihres blaffen aber liebenswürdigen Gesichtes ausdrückte. ,,Wo Kreuz?" fragte Ozema neugierig, als Mercedes sich niederbückte, die zerstörte Gestalt der jungen Indianerin umschlang und ihre Wangen küßte. „Gib Kreuz, Luis nicht heirathen mit Kreuz — gib Ozema Kreuz." Mercedes nahm selbst das Kreuz von der Brust ihres Gatten, der es, seit er eS wieder zurückerhalten, immer in der Nähe deS Herzens getragen hatte, und legte «S in die Hände der Prinzessin. „Nicht heirathen mit Kreuz also?" flüsterte das Mädchen und Thränen entströmten ihren Augen, so daß sie fast nicht im Stande war, den so hoch geschätzten Schmuck zu sehen. „Nun geschwind, Sennora, und mache Ozema Christin." Die Scene wurde zu feierlich und rührend für viele Worte, und der Erzbischof begann ans ein Zeichen der Königin die Cere- inonie. Sie war von kurzer Dauer, und JsabellaS gütiges Herz war bald durch die Ueberzeugung beruhigt, daß die Fremde, welche sie als ihrer besonderen Obhut anheimgegcbcn betrachtete, durch die sichtbare Kirche in den Bund der Erlösung ausgenommen setz. „Ist Ozema Christin jetzt?" fragte das Mädchen plötzlich mit einem Nachdruck, welcher alle Gegenwärtigen, die ihr bekümmerte Blicke znwarfen, in Staunen versetzte. „Du hast nun die Versicherung, daß Goties Gnade mit Deinen Gebeten sehn wird, Tochter," antwortete der Prälat. „Suche sie von ganzem Herzen und Dein nahes Ende wird ein gesegnetes seyn." „Christ nicht heirathen Heide — Christ heirathen Christ?" „Man hat Dir dieß schon oft gesagt, meine arme Ozema," entgegnete die Königin; es kann keine gültige Verbindung zwischen Christen und Heiden stattfinden." „Christ heirathen eine Dame, die er lieben am meisten?" „Gewiß! Es wäre eine Verletzung seines Gelübdes und eine Verhöhnung Gottes, wenn er anders thun wollte." „So Ozema denken — aber er kann heirathen zweites Weib — geringeres Weib — Dame, die er zunächst lieben. Luis heirathen Mercedes, erstes Weib, weil er lieben am meisten — dann er heirathen Ozema, zweites Weib — niedrigeres Weib — weil er lieben zunächst am meisten. — Ozema Christin nun, und wohl thun können. Komm, Erzbischof — mach Ozema Luis' zweites Weib!" Jsabella seufzte laut und zog sich nach einem entfernteren Theile der Capelle zurück, während Mercedes i» Thränen ausbrach, auf die Kniee sank, ihr Antlitz in den Decken des Bettes begrub und glühende Gebete um die Erleuchtung der Prinzessin gen Himmel schickte. Der Man» der Kirche nahm diesen Beweis der Unwissenheit und der Unbefähigung seines Beichtkindes für die eben vorge- nommene Handlung nicht mit der gleichen Schonung und Nachsicht auf. „Die heilige Tarife, die Du eben empfangen hast, umnachteteS 603 Weib," sagte er streng, „ist heilsam oder nicht, je nachdem man die darausfließende Gnade benützt. Du hast eben einen Wunsch ausgesprochen, der bereits Deine Seele mit einer schweren Sünde belastet, und die Zeit der Reue ist kurz. Kein Christ kann zu gleicher Zeit zwei Weiber haben und Gott kennt kein Hoch oder Niedrig, keinen Ersten oder Letzten zwischen denen, welche das Band seiner Kirche umschließt. Du kannst nicht ein zweites Weib seyn, so lange die erste noch lebt." „Nein, wenn ich gehören Caonabo — wenn Luis, ja. Fünfzig — hundert Weib dem lieb Luis! nicht möglich?" „Verblendetes, unglückliches Mädchen, ich sage Dir nein! Nein — nein — nein — nie — nie — und nimmermehr. Und schon diese Frage ist ein Makel, der die heilige Capelle und die in derselben befindlichen Symbole der Religion entweiht. Ja, küsse und umarme Dein Kreuz und beuge Deine ganze Seele in Zerknirschung, denn —" „Herr Erzbischof," fiel die Marquise non Moya mit einer Bitterkeit ein, welche bekundete, wie sehr ihr früherer Geist wieder rege geworden war, „genug damit. Das Ohr, das Du in einem solchen Augenblicke verwunden willst, ist taub, und die reine Seele ist bereits vor einen andern Nichterstuhl, und wie ich hoffe, vor einen milderen Richter getreten. Ozema ist todt." Es war in der Thal so. Erschreckt durch das Benehmen des Prälaten — verwirrt durch den Wechsel der Begriffe, wie er aus dem Widerstreit der Lehren, womit man in der letzten Zeit ihren Geist bedrängt hatte, und derer, in welchen sie erzogen wurden, heroorgegangen war, und körperlich gelähmt durch die Gewißheit, daß ihre letzte Hoffnung, die einer Verbindung mit Luis, dahin sey — hatte die Seele des indianischen Mädchens ihre schöne Hülle verlassen, und das Antlitz der Erblaßten zeigte noch den lieblichen Ausdruck der Gefühl-, die in den letzten Augenblicken ihres Erden- wallcns die vorherrschenden gewesen waren. 60L So entfloh die erste jener Seelen, welche die große Entdeckung aus der Nacht und Verdammniß des HeidenthumS retten sollte. Theologen und Frömmlinge »lögen untersuchen, welches LooS ihrer wahrscheinlich in der unbekannten Zukunft wartete; aber ein de- mülhiger und bescheidener Sinn wird Alles von der Güte eines gnädigen Gottes hoffen. Jsabella fühlte sich durch diesen Schlag so gewaltig erschüttert, daß der Triumph über den Erfolg ihres Eifers und ihrer Anstrengungen für eine Weile sehr gemindert wurde. Ach, sie konnte nicht vorhersehen, daß dieses Ergcbniß nur ein Vorbild der Weise war, wie die Religion des Kreuzes mißbraucht und mißverstanden werden sollte — eine Art Vorandeutung, wie die meisten ihrer frommen und edlen Hoffnungen und Wünsche unerfüllt zu bleiben bestimmt waren. Einunddrcistigstes Kapitel. Ei» edel Weib bei» Mann zur Seiten, Zu warnen, trösten und zu leiten t Und doch ein Geist, so still und klar Wie einer aus der Engel Schaar. WordSworth. Der Ruhm, welcher ColumbuS' Reise umgab, brachte die Meere in Gunst. Man betrachtete eS nicht länger als eine untergeordnete oder des Adels unwürdige Beschäftigung, auf ihren Oberflächen Abenteuer zu suchen; und dieselbe Neigung unseres Helden, die man ihm früher so sehr zu seinem Nachtheile gedeutet hatte, wurde ihm jetzt häufig zum Lobe angerechnet. Obgleich seine wirkliche Verbindung mit ColumbuS in diesen Blättern zum erstcnmale veröffentlicht wird, da die Thatsache den oberflächlichen Nachforschungen der Historiker entging, so gereichte ihm doch der Umstand sehr zum Vortheile, daß er in einer Zeit, wo die meisten von seinem Range und seinen Aussichten sich mit Abenteuern auf dem Lande begnügten, eine gewisse Neigung für das Seeleben an den Tag gelegt hatte. Der Ocean kam gewissermaßen in die Mode, und der Ritter, der sich nicht damit begnügt hatte, nur von der Muttererde aus einen Blick auf dessen weite und ununterbrochene Fläche zu Wersen, betrachtete den, welcher die geeignete Zeit seines Lebens hatte verstreichen lassen, ohne einen derartigen Ausflug zu bestehen — mit Geringschätzung, so gut er auch sonst seine Sporen verdient haben mochte. Biele Adelige, deren Besitzungen an das mittelländische oder atlanlische Meer stießen, rüstete» kleine Küstenfahrer aus; die Nachten des fünfzehnten Jahrhunderts folgten den Buchten und Vorgebirgen der ruhmvollen Gestade dieses WelttheileS und suchten Vergnügen in einer Beschäftigung, deren Nachahmung verdienstlich zu seyn schien. Es wäre eine gewagte Behauptung, zu sagen, daß es Asien gelang, hierdurch die Sitten der Höfe und Schlösser aus die beschränkten Räume von Schebekeu und Felukken zu übertragen; immerhin aber unterliegt cs kaum einem Zweifel, daß der Geist jenes Zeitalters durch solche Versuche einen gewissen Schwung bekam und daß man sich schämte, das mit Geringschätzigkeit zu behandeln, was sowohl durch die Politik als durch die Laune des Tages bedeutsam wurde. Auch trug die Nebenbuhlerschaft zwischen Spanien und Portugal viel dazu bei, solche Gefühle zu steigern, und ein Jüngling, der nie seine heimathlichen Gestade verlassen hatte, lief weit eher Gefahr, als muthloS verrufen zu werden, als ein wagehälsiger Abenteurer zu fürchten hatte, um seines unsteten und ercentrischen Wesens Witten aufzufallen. Inzwischen rückte die Zeit vor, und Begebenheiten folgten sich in dem gewöhnlichen Gange der Ursache und Wirkung. Gegen den Schluß deS Monats December leuchtete der Ocean gerade außerhalb der engen und romantischen Straße, welche Europa von Afrika trennt, während sie das herrliche mittelländische Meer mit der ungeheuren Breite des atlantischen verbindet — von de» Strahlen der 606 ausgehende» Sonne, indem diese zu gleicher Zeit Alles, was sich über die Fläche der blauen Wogen erhob, vergoldete. Die auf den Wellen sich wiegenden Gegenstände waren nicht zahlreich, sondern bestanden ungefähr in einem Dutzend verschiedener Fahrzeuge, welche unter de» sanften Kühlten der Jahreszeit langsam ihren Curscn folgten. Wir haben es jedoch nur mit einem einzigen derselben zu thun, und eS mag wohl geeignet seyn, dasselbe im Allgemeinen etwas näher zu bezeichnen. Das fragliche Schiff hatte eine lateinische Takelage, vielleicht die malerischste von allen, welche der Scharfsinn des Menschen sowohl hinsichtlich des Segelwerks, als auch was Construction und Ebenmaaß anbelangt, je erfunden hat. Auch seine Stellung war genau diejenige, welche ein Maler für seinen Pinsel gewählt haben würde: denn die kleine Felukks lief vor dem Winde, während sich auf jeder Seite eines seiner hochaufgesetzlen Segel blähte, den Flügelspitzen irgend eines ungeheuren Vogels ähnlich, der seine Schwingen zusammenzieht, als ob er eS geradezu auf sein Nest absähe. Die Spieren und Taue waren augenscheinlich ungewöhnlich propor- tionirt, während der Rumpf, welcher sich durch Linien vom schönsten Ebenmaaße auSzeichnete, mit einer Niedlichkeit und Zierlichkeit gebaut war, welche die Dacht eines Edeln bezeichnete. Das Fahrzeug hieß die „Ozema" und trug den Grafen von Llera mit seiner jugendlichen Gattin. Luis, der auf seinen vielen Reisen wohl auch der Geschicklichkeit der Matrosen ein Ziemliches abgesehen hatte, leitete die Bewegungen in Person, obgleich Sancho Mundo sich auf den Decken mit einer Würde spreizte, als sey er, wenn auch nicht der wirkliche, doch der Tilularpatrvn des Schiffchens. ,,Ja — ja — guter Bartolomeo, binde nur den Anker gehörig fest," sagte der Letztere, als er bei seiner Stundenrunde die Back beaugenscheinigte; »denn so gut auch die Kühlte und so mild auch die Jahreszeit seyn mag, so kann man doch nicht wissen, welche Kapricen daS atlantische Meer entwickelt, wenn eS gehörig aufgeweckt 607 ist. Bei der großen Cathayreise hotte man sich die Hinfahrt nicht günstiger wünschen können, während die Rückkehr nach dem leibhaftigen Tcnsel schmeckte. Donna Mercedes gibt, wie ihr Alle seht, einen trefflichen Matrosen ab, und Niemand kann wissen, wie weit den Grafen seine Laune führe» mag, wenn er einmal im Zuge ist. Ich sage euch, Bursche, jeden Augenblick kann euch Allen Ruhm und Gold in dem Dienste eines solchen Edeln erwachsen, und ich hoffe, keiner von euch hat vergessen, sich gehörig mit Falkenschellen zu versehen, die durch ihren Klang eben so gut DoblaS zu versammeln im Stande sind, als die Glocken der Cathedrale zu Sevilla Christen zusammenrufen." „Meister Mundo," rief unser Held von der Schanze aus, „laß einen Mann auf der Fockraa auslugen und das Meer im Norden und Osten ins Auge fassen!" Dieses Geheiß unterbrach eine von Sancho'S prahlerischen Tiraden und nöthigte ihn, den Befehl ausführen zu lassen. Als der Matrose, welcher den Auftrag erhielt, zu der lustigen und scheinbar gefährlichen Stellung hinangeklimmt war, erging an ihn die Frage von dem Verdecke, was er erblicke. „Sennor Conbe," antwortete der Bursche, „das Meer ist in der von Eurer Ercellenz angegebenen Richtung mit Segeln so vollgepfropft, wie die Mündung des Tajo bei dem ersten Westwinde." „Kannst Du uns wohl ihre Zahl angeben?" rief Luis. „Bei der heiligen Messe," entgegnete der Mann, nachdem er sich Zeit zum Zählen genommen hatte, „ich sehe nicht weniger als sechszehn — ja jetzt sehe ich noch ein anderes, ein kleineres, das eben hinter einer großen Carakke hervorkommt — macht im ganzen siebenzehn." „Dann sind wir in guter Zeit angelangt, meine Liebe," rief Luis, indem er sich entzückt gegen Mercedes kehrte. — „Noch einmal soll ich dem Admiral die Hand schütteln, ehe er uns wieder verläßt, um nach Cathap zu segeln. Du scheinst so erfreut als ich, daß wir keine vergebliche Fahrt gemacht haben?" 608 „WaS Dich erfreut, Luis, muß auch mir Freude machen," cr- wiederte die junge Frau. „Wo nur Ein Interesse ist, kann auch nur Ein Wunsch sehn." „Theure — theure Mercedes — Du wirst alles aus mir machen, was Du nur wünschen magst. Deine Engelsseele und Deine Bereitwilligkeit, mich auf dieser Fahrt zu begleiten, reichen allein schon hin, mich in einer Weise umzuformen, daß ich weniger mehr mir selbst, als Dir angehörc." „Bis jetzt, Luis," erwiederte die junge Frau lächelnd, „scheint eS der umgekehrte Fall gewesen zu sehn, denn es ist Dir eher gelungen, mich zu einer Hcrumstreicherin zu machen, als ich im Stande war, Dich an das Schloß von Llera zu fesseln." „Du kömmst doch nicht gegen Deine Wünsche auf das Meer hinaus, Mercedes?" fragte Luis mit der ernsten Raschheit eines Menschen, der, ohne es zu wissen, eine Unbesonnenheit begangen zu haben fürchtet. „Nein, thcuerster Luis; ich habe im Gegentheil die Fahrt gern unternommen, abgesehen davon, daß es mir Freude macht. Dir gefällig zu sehn. Zum Glück fühle ich keine Unbehaglichkeit von der Bewegung der Felukke und finde das neue Schauspiel ebenso angenehm als anregend." „Wenn wir sagen, daß Luis dieß in mehr als einer Hinficht gern hörte, so wird der Leser daraus entnehmen, daß der junge Edle immer noch ein großes Vergnügen an den Sccnen des See- lebenS fand. Nach einer halben Stunde wurde das Admiralsschiff von dem Decke der Ozcma aus sichtbar, und ehe die Sonne ihren MittagS- kreis erreicht hatte, glitt die kleine Felukke in den Mittelpunkt der Flotte, geradezu auf ColumbuS' Carakke lossteuernd. Der gewöhnliche Anruf erfolgte und als der Admiral von Mercedes' Anwesenheit benachrichtigt war, begab er sich an Bord der Ozema, um ihr persönlich seine Achtung zu bezeugen. Die gemeinschasilich bestandenen 609 Abenteuer hatten in ColumbnS eine A>t väterlicher Liebe zu LniS erzeugt, in welche sich auch Mercedes wegen des edlen Benehmens, das sie in den Begebnissen zu Barcellona an de» Tag gelegt hatte, theilte. Er kam daher dem glücklichen Paare mit würdevoller Liebe entgegen, und sei» Gruß bekundete eine innige Theilnahme seines Herzens, die von Seite des Grafen, wie der Gräfin volle Erwiederung fand. Der Gegensatz in den Mitteln, die dem Genuesen bei dieser und der früheren Reise zu Gebot standen, war ein höchst auffallender. Damals zog er aus, vernachlässigt, fast vergessen, in drei ärmlich gebauten und schlecht bemannten Schiffen — während das Meer jetzt von seinen Segeln erglänzte und «in nicht unbeträchtlicher Thcil der svanischen Ritterschaft in seinem Gefolge war. Sobald bekannt geworden, daß der Graf von Llera sich in der Felukke befinde, welche der Flotte in den Weg gekommen war, wurden von den meisten Fahrzeugen Bote ausgesetzt, und Mercedes hielt auf dem offenen Meer eine Art von Hof, wobei ihr weibliches Gefolge, unter dem sich einige Damen von Rang befanden, die CavalierS, die sich auf dem Verdecke drängten, auf eine geeignete Weise empfangen half. Der belebende Einfluß der reinen Seeluft trug dazu bei, die Heiterkeit des Augenblicks zu erhöhen, und die Ozema bot für eine Stunde eine Scene des Frohsinns und der Pracht dar, wie sie keine der gegenwärtigen Personen je vorher gesehen hatte. „Schöne Gräfin," rief Einer, der sich früher vergeblich um unsere Heldin beworben hatte — „Ihr seht, zu welchen verzweifelten Schritten mich Eure Grausamkeit getrieben hat, denn ich ziehe nun nach dem fernsten Osten ans Abenteuer aus. Es ist ein Glück für Don Luis, daß ich erst jetzt, da er Eurer Gunst gewiß ist, dieses Wagniß unternehme, da in Zukunft kaum eine spanische Jungfrau der Bewerbung eines Mannes aus dem Gefolge des Admirals Widerstand leisten wird." „Ihr habt vielleicht Recht, Sennor," erwiederte Mercedes, Donna MereedeS. 2te Aufl. 39 610 und ihr Herz schwoll in dem Bewußtseyn, daß der Mann ihrer Wahl dasselbe gepriesene Abenteuer zu einer Zeit bestanden hatte, wo Andere vor dessen Gefahr zurückschraken und das Ergebniß noch mit dem Schleier einer unbekannten Zukunst verhüllt war — »Ihr habt vielleicht Recht; aber wer so bescheiden in seinen Wünschen ist, als ich, muß sich mit diesen unbedeutenden Küstenfahrten begnügen, auf denen glücklicherweise das Meib ihren Gatten begleiten kann." „Gnädige Frau," entgegnete der ritterliche und unbekümmerte Alonzo de Ojeda — „Don Luis hat mich einmal im Turnier in den Sand rollen lassen — eS war ein schöner und männlicher Stoß, für den ich ihm keinen Groll nachtragen kann; aber jetzt will ich ihn ausstechen, denn er begnügt sich, die spanischen Ufer im Auge zu behalten und überläßt nuS den Ruhm, Indien aufzusuchcn und die Heiden dem Sceptcr der beiden Herrscher zu unterwerfen!" „Es ist eine hinreichende Ehre für meinen Gatten, Sen- nor, daß er sich deö von Euch genannten Sieges rühmen kann, und er muß mit dem Ruhme, den er durch diese einzige That gewann, zufrieden sehn." „Gräfin, Ihr würbet ihn nach einem Jahr noch mehr lieben, wenn er mit uns auszöge, um seinen Mulh unter dem Volke des Grvß-ChanS zu erweisen." „Du siehst, Don Alonzo, daß ihn der erlauchte Admiral dem- ungeachtet nicht ganz vernachlässigt. Sie halten in meiner Cajüte ein vertrauliches Gespräch, und Don Christoval ist nicht der Mann, der seine Aufmerksamkeit an einen Unwürdigen oder Trägen verschwendet." „Es ist zum Erstaunen!" nahm der verschmähte Freier wieder auf. „Die Gunst, in welcher der Graf bei dem Admiral steht, ist uns Asien schon in Barcellona ausgefallen. Wäre cS möglich, de Ojeda, daß sie sich auf irgend einer ihrer früheren Fahrten schon getroffen hätten?" „Bei der heiligen Messe, Sennor," rief Alonzo lachend, „wenn Don Luis den Admiral getroffen hat, wie er mich in den Schranken traf, so denke ich, die Begegnung könnte Beiden für den Nest ihrer Tage genügen." In dieser Weise ging die Unterhaltung fort, bald in leichtem Sinne, bald in ernsterer Stimmung, stets aber in Herzlichkeit und Freundschaft. Während sich dieses auf dem Deck- zutrug, hatte sich ColumbuS in der That nach der Cajüte zurückgezogen. „Don Luis," sagte der Admiral, als sie allein nebeneinander saßen, „Du kennst die Achtung, die ich gegen Dich hege, und ich fühle, daß Du sie in gleichem Grade erwiederst. Ich verlasse nun Spanien, um mich einem weit gefährlicheren Abenteuer zu unterziehen, als das war, bei welchem Du mich begleitetest. Damals segelte ich ans in Verachtung gehüllt und durch Unwissenheit und Mitleid vor den Augen der Welt verborgen. Nun aber lasse ich Europa und in ihm Bosheit und Neid zurück. Ich bin zu alt, um dieß nicht zu bemerken und vorauSzusehen. In meiner Abwesenheit werden sich viele über meinen Namen hermachen. Selbst die, welche mir auf den Fersen nachjubeln, werden mich mit Verläunrdungen verlolgen, um sich für die Kriecherei der Vergangenheit durch Schmähung der Gegenwart zu rächen. Man wird die Herrscher in ein Lügengewebe verstricken und jede nicht ganz entsprechende Hoffnung zu einem Verbrechen verdrehen. Doch ich lasse auch Freunde zurück — Freunde wie Jüan Perez, de St. Angel, de Quintanilla und Dich. Auf Euch also will ich mich ganz verlassen, nicht um meinetwillen, sondern nur im Interesse der Wahrheit und der Gerechtigk.it!" „Sennor, Ihr könnt unter allen Umständen auf meinen geringen Einfluß zählen. Ich habe Euch in den Tage» der Prüfung gesehen, und es wird gewöhnlichen Ränken nicht gelinge», mein Vertrauen auf Euch wankend zu machen." „Ich war hievon überzeugt, Luis, ehe Du mir diese warme und aufrichtige Versicherung gabst," erwied.rte der Admiral, indem er dem jungen Mann mit Feuer die Hand drückte. „Ich zweifle, 612 ob Fonseka, der jetzt so vielen Einfluß auf die Angelegenheiten Indiens übt, wirklich mein Freund ist. Dann gibt es auch Einen Deines Namens und Deiner Familie, der mich bereits mit mißgünstigen Augen betrachtet hat, und dem ich gar wenig Gutes zntraue, wenn sich eine Gelegenheit darbieten sollte, mir zu schaden." »Ich kenne ihn wohl, Don Christoph, und betrachte ihn als einen Mann, der dem Hause Bobadilla wenig Ehre macht." »Demungeachtet steht er bei dem Könige in Gunst, was in dem gegenwärtigen Augenblicke von großer Wichtigkeit ist. „Ach! Scnuor, von diesem schlauen und doppelzüngigen Monarchen dürft Ihr nichts Edles erwarten. So lange Donna Jsabella'S Ohr der Wahrheit zugänglich erhallen werden kann, ist nichts zu fürchten; aber Don Ferdinand wird mit jedem Tage selbstsüchtiger und engherziger. Guter Gott! Daß ein Mann, der in seiner Jugend ein so tapferer und kühner Ritter war, nun er zu Jahren kömmt, in eine Gemeinheit verfällt, wie man sie nicht einmal bei einem Mauren findet! Meine edle Tante zählt jedoch allein schon für ein Heer und wird stets sortfahren. Euch so treu zu dienen; als fle angefangen hat." „Gott ist der Lenker aller Dinge, und eS wäre Frevel, seiner Weisheit und Gerechtigkeit zu mißtrauen. Und nun, Luis, ein Wort hinsichtlich Deiner selbst. Die Vorsehung hat Dich zum Hüter des Glückes eines Wesens gemacht, wie es selten diesseits der Thore des Himmels gefunden wird. Der Mann, der mit einem so tugendhaften und treue» Weibe, wie das Deinige, gesegnet ist, sollte in seinem Herzen einen Altar errichten, auf dem er täglich, ja stündlich Gott sein DankeSopfer für diese Gabe bringt; denn er erfreut sich des reinsten und des dauerndsten aller Erdengüter und darf daher nie dieses Schatzes vergessen. Ein Weib, wie Mercedes, ist ein so zartes als seltenes Wesen. Laß daher ihren Gleichmuts) Dein Ungestüm zügeln, ihre Reinheit Deinen eigenen roheren Stoff veredeln, ihre Tugend Dir zum Vorbild dienen, ihre Liebe die 613 Deinige zu einer nie erlöschenden Flamme anfachen und ihre Zärtlichkeit nie einen vergeblichen Aufruf an Deine Nachsicht und Deinen männlichen Schutz thun. Erfülle Deine Pflichten, mein Svhn, als ein spanischer Grande und suche Dein Glück in der Freundin Deines Herzens und in der Liebe Gottes." Der Admiral gab nun Luis seinen Segen, nahm auf eine feierliche Weise Abschied von Mercedes und eilte nach seiner Carakke zurück. Boot um Boot verließ die Felukke und manche riefen noch aus der Ferne ihr Lebewohl herüber. Nach einigen Minuten setzten sich die schwerfälligen Raaen in Schwung; die Flotte steuerte gegen Südwesten und setzte ihren CurS nach der fernen Küste Indiens, wie man damals glaubte, fort. Die Ozema blieb noch eine Stunde an der Stelle, wo ColumbuS sie verlassen hatte, liegen, als ob sie ihren sich entfernenden Freundinnen nachblicken wolle; dann füllte sich ihre Leinwand und sie holte gegen die kleine Bucht um, in deren Hintergründe der Hafen von PaloS de Moguer lag. Der Nachmittag war köstlich, balsamisch, und als die Felukke sich dem Lande näherte, war die Oberfläche des Meeres so glatt wie die eines Binnensees. Es war gerade genug Wind vorhanden, die Luft zu kühlen und das kleine Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von drei oder vier Knoten die Stunde durch das Wasser zu treiben. Das Taggemach, worin sich unser Held und unsere Heldin aufhielten, befand sich auf der Schanze und wurde von außen durch eine Pressenning gebildet, die wie die Linnenüberwölbung eines Wagens emporsticg, während ras Innere mit kostbaren Stoffen auSgekleidet war, so daß das Ganze einen schönen kleinen Salon bildete. Das Gemach war vorn durch einen Leinwandvorhang den Blicken des Schiffsvvlks entzogen und gegen den Spiegel des Schiffs hin konnte man eine reiche Gardine fallen lassen, wenn man hier die Aussicht verschließen wollte. Der Letztere war nun sorglos aufgezogen und gestattete dem Auge einen Blick über die breite Fläche des Oceans und nach der Pracht der uutergehenden Sonne. 614 Mercedes lehnte auf einem geschmackvollen Ruhebette und überschaute das Meer, während LuiS auf einem Schemel zu ihren Füßen saß und in die Saiten einer Guitarre griff. Er hatte eine beliebte Volksweise gespielt und dieselbe mit seiner Stimme begleitet; da er aber bemerkte, seine junge Gattin höre nicht mit der gewohnten Aufmerksamkeit und Bewunderung auf seine Musik, so legte er das Instrument bei Seite. „Du bist gedankenvoll, Mercedes," sagte er, indem er sich vorwärts beugte, um in denselben Augen, die so oft in der Glut der Begeisterung leuchteten, nun auch den Ausdruck der Schwermuth zu lesen. „Die Sonne geht dort unter, wo das Land der armen Ozema ist, LuiSantwortete Mercedes, und in ihrer Stimme war ein leichtes Beben nicht zu verkenne». „Dieser Umstand und der Anblick des endlosen Meeres, das so viel der Ewigkeit gleicht, haben meiner Phantasie ihr Sterbelager wieder vorgeführt. Gewiß — gewiß — ein so unschuldiges Wesen kann nicht dem ewigen Verderben anheim gefallen seyn, weil ihr unerleuchteter Geist und ihre bewegten Gefühle nicht im Stande waren, alle Geheimnisse der Kirche zn begreifen." „Ich wünschte, Du dächtest weniger an diesen Gegenstands meine Theure. Deine Gebete und die Messen, die für das Heil ihrer Seele gelesen wurden, sollten Dich hierüber beruhigen; ja wenn Du willst, können die letzteren fortwährend wiederholt werden." „Ja, wir wollen dieß thun," hauchte die junge Frau, während Thräuen über ihre Wangen strömten. „Die Besten von uns bedürfen der Messen und besonders wir sind dieß der armen Ozema schuldig. Hast Du daran gedacht. Dich bei dem Admiral zu verwenden, daß er bei seiner Ankunft in Espannola Mattinao jeden möglichen Dienst leiste?" „Es ist geschehen, und so schlage Dir die Sache ans dem Sinne. Ihr Denkmal ist bereits zn Llera ausgestellt, und wenn 615 wir auch den Verlust des süßen Mädchens bedauern müssen, können wir ihn doch kaum beklagen. Wäre ich nicht Luis de Bo- badilla, Dein Gälte, meine Theure, so würde ich sie eher als einen Gegenstand des Neides denn als einen Gegenstand des Mitleidens betrachten." „Ach, Luis, Deine Schmeichelworte tonen zu angenehm, uni getadelt werden zu können, aber sie sind kaum ziemlich. Selbst das Glück, das ich in der Neberzeugung von Deiner Liebe und in dem Bewußtschn fühle, daß unser Schicksal, unsere Namen und Interessen auf's innigste verbunden sind - - ist in der That nur ein Elend in Vergleichung mit den himmlischen Freuden der Seligen, und wie innig wünsche ich, daß OzemaS Seele zu diesen Wonnen erhöht worden sehn möge." „Zweifle nicht daran, Mercedes! Gewiß ist ihr Alles geworden, worauf ihre HcrzenSgüte und Unschuld Anspruch machen kann. Ach, wenn sie sich nur halb so glücklich fühlt, als ich mich fühle, indem ich Dich so an meinem Herzen halte, so dürfen wir sie nicht bellagen, und Du sagst, sie erfreue sich — oder werde sich einer zehnmal größeren Seligkeit erfreuen." „Luis — Luis — sprich nicht so! Wir wollen noch weitere Messen für sie in Sevilla, BurgoS und Salamanka lesen lassen." „Wie Du willst, meine Liebe. Laß sie jährlich, monatlich, wöchentlich, für immer oder so lange lesen, als eS die Geistlichen für nöthig halten." Mercedes lächelte dankbar und die Unterhaltung wurde jetzt weniger peinlich, obgleich sie sortfuhr, wehmüthig zu sehn. Eine Stunde verging in dieser Weise, während welcher das Gespräch jenen süßen Character trug, welcher den Verkehr zärtlich Liebender bezeichnet. Mercedes hatte bereits eine große Gewalt über die ungestümen Neigungen und Gefühle ihres Gatten erlangt, und ihn wirklich allmählich, ohne eS selbst zu wissen, zu dem Manne umge- 616 bildet, dessen ihr Herz bedurfte. In dieser Umwandlung, welche das Ergebnis eines moralischen Einflusses, keineswegs aber das der Berechnung oder eines Planes war, wurde sie durch die männlichen Eigenschaften unseres Helden kräftig unterstützt, welche ihm stets insgeheim zuflüsterten, daß sowohl sein eigenes als das Glück einer Andern auf ihm beruhe. Dieß ist eine Aufforderung, der eine wahrhaft edle Seele selten widersteht, und ste bewirkt weit oster die Besserung kleiner Fehler, als dieß durch unmittelbares Eingreifen oder offenen Tadel erzielt wird. Vielleicht lag jedoch Mercedes' kräftigste Waffe in ihrem unbedingten Vertrauen zu dem vortrefflichen Herzen ihres Gatten, wodurch in Lnis der Wunsch erzeugt wurde, das zu seyn, wofür ste ihn so augenscheinlich hielt — eine Ansicht, welcher sein Gewissen nicht in der vollsten Ausdehnung beitreten wollte. Als die Sonne hinter dem Waffersaume versunken war, kam Sancho mit der Meldung, er habe Anker fallen lassen. „Hier sind wir, Sennor Conde — hier sind wir endlich, Sennora Mercedes, vor der Stadt PaloS und ungefähr hundert Ellen von derselben Stelle, wo Don Christoval und seine muthigen Begleiter ihre indianische Entdeckungsreise begonnen haben — Gott segne ihn tausendfältig und Alle, welche mit ihm gingen! Das Boot ist bereit, Euch an's Land zu führen, Sennora; und wenn cs hier auch kein Sevilla oder Barcellona, keine Dome oder Paläste gibt, so werden sie doch PaloS, Santa Clara und das SchiffS- dockenthor finden—drei Plätze, die fortan berühmter seyn werden, als alle Merkwürdigkeiten jener Städte: — PaloS, weil von hier ans die Erfledition ausfuhr; Santa Clara, weil die an seinen Altären erfüllten Gelübde die Mannschaft vom Untergang retteten; und die Schiffsdocke, weil darin das Schiff des Admirals gezimmert wurde." „Und auch noch andere wichtige Ereignisse daselbst vorflelen, Sancho," fiel der Graf ein. 617 „Just so, Ercellenz, auch wegen anderer wichtigen Ereignisse merkwürdig. Soll ich Euch an's Land führen, gnädige Frau?" Mercedes willigte ein, und in zehn Minuten betraten sie und ihr Gatte das Ufer, kaum sechs Klafter von der Stelle, wo Co- lumbus und Luis sich im vorigen Jahre eingeschifft hatten. Das feste Sandgestade war mit Menschen bedeckt, die in der Abendkühle spazieren gingen. Die Meisten davon gehörten der niedereren Klaffe des Volkes an, denn Spanien ist, wie wir glauben, das einzige Land, wo die Bevölkerung von Gegenden, die durch ein herrliches Clima begünstigt sind, sich an öffentlichen Spaziergängen zu dieser bezaubernden Stunde getrennt hält. Luis und seine schöne Gattin hatten sich bloS um der Erholung und Bewegung willen an's Land setzen lassen, da die Felukke ihnen jedenfalls bessere Bequemlichkeiten bot, als was immer für eine Hosteria von PaloS. Sie mischten sich daher in das Gewühl der Spaziergänger. Gerade vor ihnen befand sich eine Gruppe junger Weiber, welche in lebhaftem und lautem Gespräche begriffen waren, so daß man recht gut dem Gange ihrer Unterhaltung folgen konnte. Der Gegenstand derselben war die Reise nach Cathay, was im Augenblick die Aufmerksamkeit unseres Helden und unserer Heldin auf sich zog. „Heute," sagte eine aus dem Häufchen in dem Tone des UebergewichtS, „heute segelte Don Christoval von Cadiz aus. Die Herrscher hielten PaloS für einen zu kleinen Hafen, um zur Ausrüstung eines so großen Unternehmens dienen zu können. Ihr könnt Euch auf meine Worte verlassen, gute Nachbarinnen, denn ihr wißt, mein Mann hat eine Anstellung auf des Admirals eigenem Schiffe." „Ihr seyd zu beneiden, Nachbarin, daß ein so berühmter Mann so große Stücke auf ihn hält!" „Wie kann es auch anders sehn, da er ihn früher begleitete, als nur Wenige den Muth hatten, sich seinem Gefolge anzuschließen. 618 und dabei immer dem Admirale treu und gehorsam war? ,Monika* — nein, es hieß ,gule Monika*— sagte Seine Ercellenz in eigener Person zu mir, ,Dein Pepc ist ein wackerer Matrose und hat sich durch sein Betragen meine volle Zufriedenheit erworben. Er soll Bootsmann auf meiner eigenen Carakke werden, und Du und Deine Nachkommenschaft — alle dürfen sich bis in ihr spätestes Alter rühmen, daß sie der Familie eines so wackern Mannes angeboren*. Dicß waren seine eigenen Worte, und was er sagte, das that er; Pepc ist nun Bootsmann. Freilich könnte man aber auch mit den Paternosters und Ave Maria's, die ich betete, um ein solches Glück zu erringen, dieses Ufer pflastern." Luis trat nun vor, grüßte die Gruppe und entschuldigte sich mit seiner Neugierde, die Ginzelnheiten der ersten Fahrt kennen zu lernen. Wie er erwartete, kannte ihn Monika in seiner gegenwärtigen reichen Kleidung nicht und erzählte daher bereitwillig alles, was sie wußte und auch noch ein ziemliches mehr. Die Unterredung zeigte; wie ganz sich in diesem Weibe Hoffnungslosigkeit in Entzücken nmgewandelt halte — ein Wechsel, der hier in seiner Gesondertheit die Gefühle, welche im Allgemeine» stattgefunden hatten, repräsentirte. „Ich habe viel von einem gewissen Pinzon gehört," fuhr Luis fort, „der als Pilot auf einer der Caravelen die Neise mitmachte. WaS ist ans ihm geworden?" „Sennor, er ist todt," antworteten ein Dutzend Stimmen, unter denen sich besonders Monika'S als die lauteste anSzeichnete, so daß ihr auch zu Theil wurde, diese Geschichte erzählen zu dürfen. „Er war einmal ein großer Mann in dieser Gegend, aber jetzt ist sein Name mit seinem Leben dahin. Er war untreu und starb, wie man sagt, aus Gram, als er die Ninna in dem Fluß liegen fand, da er doch den Ruhm für sich selbst zu behalten hoffte." Luis war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt ge- 619 wesen, um früher etwas von dieser Neuigkeit zu erfahren. Er setzte daher sinnend und schwermüthig seinen Spaziergang fort. »Das ist der Lahn unerlaubter Hoffnungen und Plane, die das Mißfallen GotteS auf sich ziehen," rief er nach einer Weile. »Ich lebe des festen Glaubens, daß die Vorsehung auf des Admirals Seile war — und gewiß, theure Mercedes, auch auf der ineinigen." »Dieß ist Santa Clara," bemerkte die Gräfin. „Luis, ich mochte wohl hinein gehen, um an ihren Altären für Deine Erhaltung und Rückkehr mein Dankopser darzubringen und für Don Christophs künftiges Glück zu beten." Beiee traten in die Kirche und knieten mit einander an dem Hochaltar nieder; denn es war damals anders als heutzutage, und selbst der muthigste Krieger scheute sich nicht, seine Dankbarkeit gegen Gott, wie die eigene Rathlosigkcit öffentlich anznerkennen. Nach verrichtetem Gebete kehrte das glückliche Paar schweigend nach dem Strande zurück und ließ sich an Bord der Felukke bringen. DeS andern Morgens früh segelte die Ozcma wieder nach Malaga, denn Luis befürchtete, erkannt zu werden, wenn er länger in PaloS bliebe. Sie erreichten wohlbehalten den Hafen und langte» bald darauf zu Valverde, Mercedes' Ahnensitze, an, wo wir unseren Helden und unsere Heldin in dem Genüsse eines Glückes verlassen, wie es nur durch die Verbindung männlicher Zärtlichkeit auf der einen — mit der Reinheit des Herzens und der edlen Hingebung weiblicher Liebe auf der andern Seit- geschaffen werden kann. In späteren Tagen gab es wohl wieder Luis de BobadillaS unter Spaniens ritterlichem Adel und andere Mercedes, die die Herzen srohsinniger, hochstrcbender Jünglinge bedrängten; aber cs gab nur noch eine Ozema. Sie erschien unter der nachfolgenden Negierung am Hofe und glänzte eine Weile wie ein Stern, der 620 eben nn einem reinen Horizonte aufgegangcn ist. Ihre Laufbahn war jedoch nur kurz — sie starb jung und beweint; seitdem hat sich auch der Name verloren. Wir muffen es theilweise diesen Umständen zuschreiben, daß so Vieles in unserer Erzählung aus den verlorenen Erinnerungen jener ereignißvollen Periode her- vorgesucht werden mußte. -O -Hjtz- V-