2g3 VI. Homer,
maßen vorstellt,*) ein steifes Recitircn auswendiggelernter Verse, die unter allen Völkern Griechenlan-des Jahrhunderte lang d ic selb e geblieben wären,ganz undenkbar. Kaum laßt sich eine Geschichte, zu-mal ;m Feuer der Beredsamkeit, zweimal mit den-selben Worten erzählen; und obgleich hier der Ge-sang und das Sylbenmaas dazu da war, daß csden Sänger innerhalb fester Schranken erhalten soll-te: so waren diese Schranken doch so weit gesteckt,daß er unmöglich zu einer Sprachmaschine werdenkonnte, die unabänderlich dieselben Töne wiederholte.Es ist ein Trieb in unsrer Natur, zu dem Gelern-ten Eignes hinzuzuthun; es ist ein Trieb in ihr,diesen Augenblick, diese Stunde, diesen Kreismit etwas Eignem zu bezeichnen, wenn es auch
*) Diese griechische Lebhaftigkeit im Borrrage, demErzählen, dem Extemporiren ist aus mehrerenReisebeschreibungen noch jetzt als Charakter derNation bekannt. In jenen alten dichterischen Zei-ten mußte sie es ungeheuer mehr sey». „Ich ha-be oft, sagt Wood (S. 4g.), die lebhafte thea-tralische Deklamation der italienischen und orien-talischen Dichter bewundert, wenn sie unter frei-em Himmel Gedichte hersagen, und jeden Gegen-stand, den sie beschrieben, in einer eingebildetenScene zeigen, die sich ihre Phantasie den Augen-blick schafft, zugleich aber sich jedes natürlichenVortheils der Gegend bedienen, der sich auf ih-ren Gegenstand anwendcn laßt, wodurch sie ihrGedicht mit dem Ort, wo sie es recitiren, inVerbindung setzen. " S. auch Guys literarischeReisen in Griechenland u. a.