I. G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Zehnter T h e i l. Schriften zur griechischen Literatur. Mit Großherzogiich Badischem gnädigstem Privilegk». Carls ruhe, im Bureau der deutschen Classiker. »821. Vorrede des Herausgebers »v^an sagt im gemeinen Leben von Gartenfreunden, sie hätten eine glückliche Hand, weil alles, was sie pflanzen, glücklich fortkommt. Was unser verewigter Herder schrieb, was er aus andern Schriften übertrug, aus dem Alkerkhum sich zueignete, ward unter seiner Hand eine liebliche Blume, erhielt einen Duft von Anmuth. Die Biene wird tnstinktmaßig nach der Blume gelockt, in deren Kelch der süße Tropfen verborgen ist: Herders zar' tes Gefühl nahm sogleich die Seite wahr, von welcher ein Gegenstand sich in reiner kunstloser Gefälligkeit darstellen ließ; es war bei ihm kein langes Herumtasten, welches nur Künsteley und Affcktation erzeuget. Niemanden, der mit ihm zu fühlen weiß und des Genusses einer leichten Grazie fähig ist, kann diese Bemerkung entgangen seyn. Wird es aber in irgend einer Gattung seiner Geistesfrüchte sichtbar, so ist es in den Blumen, aus der griechischen Anthologie gesammelt' einer Auswahl, welche ganz von feinem Gefühl, verbunden mit eben so feinem Ausdruck, geleitet ward. Witz ist eine Naturgabe, die Vielen milgelheilt ist, oft mit einer Beimischung von Fremdartigem, das dem ftinern Gefühl nicht wohl thut, oder mit einer Anwendung, aus welcher eine übelgeartete Seele durchschimmert. Der Witz, der in unserer Sammlung hervorleuchtct, verlaßt nie die uaivc Eleganz, die liebliche kunstlose Grazie; er ist sanft" wie der spielende West, zuweilen ein bloßer zarter Hauch, kmckt nie die schwachen Halme ein; er hüllt sich immer in eine feine Bemerkung, in ein gutmüthiges, frommes Gefühl; bald ist es süße Schwermuth, bald eine heitere unschuldige Freude; immer flößt es dem Leser ein wohlwollendes, zartes Mitgefühl ein, das selbst die unl»elebte Schöpfung in sich aufnimmt. Wenn andere Menschen alles auf ihr Selbst beziehen, so lheilt hier der Dichter sein Selbst der stillen Natur mit, laßt den Bach sanft rieseln, die Wipfel rauschen; und tragt in das, was außer ihm ist, seine Empfindung, seine Ruhr und seinen Frieden über. Mir kömmt es nicht zu, den Commentatvr zn machen, und im Einzelnen, auch nur als Beispiel, darzuthun, wie-oft er den kleinen griechischen Ge- bichtchcn eine neue Anmuth, ein? feinere Wendung, gegeben hat. Froh bin ich, so etwas nnchzufühlen, und lasse andere in ihrem Werth, die es nicht fühlen. Nicht übersetzen wollte er, sondern den Vorrede. VII Geist des Griechen, den oft flüchtigen, duftenden Geist, den feinen Gedanken, mit der Feinheit der Darstellung in unserer Sprache, nach unserer Art, wenigstens nach seiner Art zu empfinden, wollte er wieder geben. Nachbildungen nannte er cs ja selbst; nicht Uebersetzungen, welche, wörtlich gemacht, in solchen kleinen kunstlosen Gedichten selten anders als gezwungen und erpreßt ausfallen. Es ist also keine gerechte Anklage, er habe den Gedanken deck Originals oft verfehlt; nein, er hat ihm eine andere Wendung gegeben, ihn mit einem andern vertauscht, der dem deutschen Leser gefälliger scyn sollte, auch wohl auf etwas ähnliches und verwandtes in Gefühl oder Gebilde übertragen oder mit Witz und Scharfsinn sonst verwandelt, zuweilen auch veredelt. Eben deswegen schien es mir auch unschicklich zu seyn, wie ich wohl in Versuchung war, zu jedem Gedichtchen aus der Anthologie das Original aufzusuchen und die Stelle, wo es steht, beizusctzen; denn hier war die Uebersetzungsrichtigkeit nicht zu beweisen, noch zu beurtheilen; eher konnte es in der Absicht gewünscht werden, daß man die Vergleichung von dem Austausch des Bildes, Gedankens und Ausdrucks, leichter anstellen könnte. Indessen leichte Gedichtchen sollten nicht mit schwerer Schulgelehrsamkeit belastet und erdrückt werden. Uns Sprachgelehrten ist es ztvar zu verzeihen, es bringt es unsere Schulbildung mit sich, daß, wenn wir von alter Literatur ein wenig mehr als gewöhnlich VIII Vorrede. begriffen haben, wir dann in unserm Beurthcilen gern den Schulmeister spielen und den Schulstab über das Haupt eines Schriftstellers, sey er noch so geistreich, hoch schwingen. Die Hcrdersche Sammlung ist nicht ganz von allem Tadel frey; es giebt Stellen, in denen man das Deutsche aus dem Griechischen deutlicher machen muß. Nicht zu gedenken, daß es Falle giebt, wo man erst den Verstand durch kritische Hülfe im Original feststellen muß. Allein leichte Gedichtchen sollten mit Geschmack gefühlet, aber nicht der Dichter mit der Zuchtruthe behandelt werden. Was Herder zu liefern gedachte, sollten keine mühsam gepflanzte und gepflegte Fruchtbaume seyn; es sind kleine Feld - und Gartenblümchen, die durch ihre heitere, kunstlose Unschuld an sich ziehen. Mag es seyn, daß dem Geschmack anderer solche kunstmaßig gedrechselte Wortübersetzungcn mehr behagen, die zu verstehen man erst das Griechische zur Seite legen und aus ihm das Dc tsche nach- construiren muß; cs laßt sich auch wohl für diese etwas sagen; zumal in größern Stücken, jedem andern lasse man nur auch seinen Werth in seiner Art. Die Leichtigkeit des Griechischen erreichen wir doch nicht ganz, und mit allem unserm Treiben sind und werden wir keine Griechen. Dem Aufsatz über das griechische Epigramm gestehe ich einen eigenen Werth zu, weil er die von Lcssing blos nach dem modernen Sinngedichte gebildete Bestimmung des Epigramms in den wahren Sinn und Begriff wieder zurück wies/ und vom künstlichen auf das Einfache, von der erkünstelten Pointe auf den natürlichen Gedanken über einen Gegenstand, in einem dem Zwecke angemessenen Ausdruck vorgetragen, zurückrief. Was das Zufällige beim Epigramm ist, und nur in einzelnen Fallen Statt findet, wenn der Gedanke selbst eine witzige zugespitzte Wendung darbictet, war zum Wesentlichen gemacht. Geist und Lebendigkeit muß im Epigramm sich zeigen, das verstehet sich; aber nicht in allen eine Pointe; eben so unrichtig würde man glauben, beißender Spott mache ein Epigramm und würde diese Gattung ausschließlich bewundern wollen. Freilich was sicht der große Haufe, oft auch sonst gute Menschen, lieber als daß andern, wie der feine Ausdruck ist, ein Hieb versetzt wird. Von den Uebersetz ungen der pindari- schen Siegsgesänge, können die Ansichten verschieden seyn. Eine pindarische Ode in gleichem Vers, und Sylbenmaaß nachgebildet, kann als ein Kunstwerk bewundert werden, aber nie ein lesbares Stück seyn. Die Herdersche Uebcrsetzung nähert sich dem Versbau nur von weitem, so wie auch die nachgc- bildete lyrische Sprache. Ihm kam es auf den Geist der pindarischrn Ode, den eigenen Schwung der Begeisterung, der durch einen angemessenen kräftigen Ausdruck gehalten seyn will, an; so erhielt er eine lesbare Uebersctzung; wenn auch gleich selbst diese nicht überall als nur von solchen völlig verstanden Vorrede. X werden kann, die das Stück bereits im Griechische» gelesen, studirt und verstanden babcn. Herder hatte mehrere jugendliche Versuche gemacht, die sich unter seinen Papieren gefunden Häven; nur Eine Lde, die an den Thcron (die zweite olympische) fand sich rein abgeschriebcn; eine andere an die Grazien (die vierzehnte olympische) neu umgearbcitct, stehet bereits in d»n sammtlichen Wecken im sechsten Bande zur schönen Literatur S. 217. Welch anderer Geist und Gewandtheit zeigt sich in der neuen Arbeit! Aus den übrigen Vorgefundenen Skizzen sind die wenigen hier folgenden ausgewählk; von mir sind blos hier und da kleine Veränderungen gemacht, wo ich fand, daß der Sinn merklich vom Griechischen abwich. *) Immer muß man dabei eingedenk bleiben: den Geist übertragen, ist etwas anders als die Worte übersetzen; dies letztere kann mit der größten, selbst metrischen, Kunst-Genauigkeit geschehen; aber der Geist ist verflogen. Wenn das Elftere Wenige auszuführen verstehen, so wissen es auch Wenige vom andern zu unterscheiden. Mir sey es erlaubt, hier einige allgemeine, auch sonst zerstreut angeführte, Anmerkungen zu- *) Später sind gedachte Skizzen, nach dem Wunsch einiger Freunde, noch einem der griechischen Sprache kundigen Mann übergeben worden, welcher mehrere Stellen dem griechischen Text naher anzupaffen gesucht hat. sammen zu fassen; vielleicht dienen sie ein und anderes einseitiges oder parteiisches Unheil zu berichtigen. Uebersetzungen, zumal der alten Elassiker, lassen sich aus verschiedenen Gesichtspunkten betrachten, sie können von verschiedener Art seyn, und jede kann in den Gtänzen ihrer Bestimmung und Absicht gut und verdienstlich seyn, ohne daß die eine ausschließlich für billigungswerth, und jede andre für verächtlich zu erklären sein dürfte. Eine Uebersctzung kann mannigfaltig dienen, sie kann auch die Absicht haben, den Sprachkundigen den Sinn und die Worte des Schriftstellers überhaupt verständlich zu machen: so kann sic dem Ansanger und dem Ungeübten be- hülflich seyn, den Sinn leichter zu finden, und mit dem Schriftsteller vertraulicher zu werden; sie kann zugleich die Stelle eines Commcntators vertreten- Eine andere kann aus den Geist unserer Sprache und dessen Verhältnis zu der alten vorzüglich Rücksicht nehmen; oder sie kann dahin streben, daß sie sich für sich, ohne Vergleichung des Originals, angenehm lesen läßt; hier sind viele Stufen des Wcr- thes und Vorzugs: der Uebcrsctzer kann den Geist und Charakter des Schriftstellers wieder geben wollen , ohne um jedes Wort und jeden Ausdruck ängst-. sich bekümmert zu seyn; ec kann suchen, das Werk dem Geiste unserer Sprache angemessener zu machen, unserm Zeitalter und Denkart näher zu bringen; so daß cs als ein deutsches Original sich lesen läßt, wozu der Stoff und die Behandlung den Alten ab- geborgt ist, er erlaubt sich hiezu die nöthige Freiheit' Abweichung und Abänderung: hier kam: nichts unpassender seyn als Wort gegen Wort, Phrase gegen Phrase, vergleichen wollen. Dagegen kann ein anderer Ausdruck, Wortbau, Anordnung, selbst Maas, Rhnthmüs, Wohlklang, mübsam in unserer Sprache nachbilden, welches in einigen Fallen mehr oder weniger glücken kann. Die Hauptlehre chlcibt: nicht Alles laßt sich übersetzen, nicht alles auf einerley Weise, nicht alles gut und verständlich; aber auch nicht alles braucht übersetzt zu werden. Ueberall giebt es Granzen und ein Ziel, und in jeder Kunst faßt ein und dasselbe Werk, nicht alle, nicht die ganze Kunst; jede Gattung hat ihre eigenen Vorzüge und Vortheile, die der andern abge- hcn; *) und am Ende bleiben in jeder Ucbersetzung älter Schriftsteller, vorzüglich der kunstgcbildcten in ihrer Art, noch Stellen, die nur dem verständlich werden, der das Original zur Hand nehmen und es aus eigener Alterthums-, Zeit-, Sprach - und Sachkunde verstehen und verdeutlichen kann. Die künstlichste, die bewundcrtste Uebersetzung, die sich dem Original anschmieaen, Nebenbegriffe der Ausdrücke im Original durch nachgebildekc Worte wiedergeben will, ist desto unverständlicher; dies liegt in der Sache selbst, in dem verschiedenen Genius der Sprachen. Wenn man also den alten Elassiker, vor» Pindar, Olymp. IX. ,5g. Vorrede. XIII züglich den Dichter, schon im Original, nicht völlig verstehen kann, ohne mit seiner Sprache, Zeitalt,r, Vorstellunqsarten, Kenntnissen vertraut zu seyn; was laßt sich von unserer Zugend erwarten, welche die Classiker blos aus Übersetzungen studiren, nach modernen Begriffen fassen und beurtheilen, und ästhetisch richten will! Homer, ein Günstling der Zeit: ist noch immer das Gesundeste, Einsicht-und Geschmackvollste, was über Homer geschrieben ist: mag der Aufsatz andern in Beziehung auf Gelehrsamkeit und in mehreren andern Rücksichten nachstehen, so viel man will. Die Ansicht geht nicht vom kleinen Einzelnen aus; es ist der Ueberblick eines geniereichen Mannes, aus einem höhern Standpunkt genommen, Granzen, Umfang, Erleuchtung, Helle, du.nkle Parlhien, Absonderung und Unterscheidung, stellen sich auf einem Blick dar; und nun geht man mit dem Begriff vom Ganzen in die einzelnen Gefilde über; natürlicher Weise sieht man nun vieles ganz anders; in der Schrift selbst aber ist cs blos angc- deutet. So urtheilcn wir noch, bei aller anderweitigen Verschiedenheit unserer Ansichten in mehreren einzelnen Dingen. Herder fügte späterhin mehr andere vortreffliche Einsichten in seiner Abhandlung Homer und das Epos bei; aber der edle Mann zog sich aus dem Kampfe zurück, da er sich unwürdig behandelt sah. Indessen, wer, weil er un- ritterliche Waffen gegen sich gebraucht sieht, den XIV Vorrede. Kampf aufgiebt, ist noch nicht besiegt. Der Streit über Homer, so wie er ist geführt worden, bleibt immer ein Fleck der deutschen Literatur unsers Zeitalters. Was würde erst geworden seyn, wenn man von der andern Seite sich ähnliche Waffen erlaubt hatte! Der Wahrheit sind wir aber auch um keine Linie näher gekommen, vielmehr davon abgekommen; rmd wäre sie auch erreicht worden, so wäre durch Verlust des sittlichen Gefühls und der Achtung des bessern Publikums für die Literatur und den gelehrten Stand der erhaltene Gewinn gar sehr vermindert. Auf die beiden Aufsätze im Anhang, das Göttergespräch über Mahlerey und Tonkunst, und Eäcilia wäre es unnöthig aufmerksam zu machen: die natürliche Eleganz, die Grazie, die feine Entwickelung und Bcurtheilung beider Künste, kann nicht verkannt werden. In dieser Art der Behandlung solcher Gegenstände bleibt unser verewigter Herder der Einzige. *) Göttingen, 1807. Heyne. *) Diese beiden Aufsätzt rverden im folgenden Band erscheinen. M. ML. M Inhalt des zehnten Bandes.' Seite k. Blumen aus der griechischen Anthologie. Acht Bücher, nebst Borrede des Verfassers *) . . . . S Erstes Buch. Die Biene , , . . »» Die Rose .....— An eine Schwalbe, die auf dem Bilde der Medea nistete . . , . »» Die Nachtigall .... — Die Nymphe de« Quells . , . — Warnung . . . . . »z Amor und Psyche . . . . — *) Aus dek zerstreuten Blattern, ».Sammlung nach der zweiten Ausgabe, »7g», i? Qs EM -AK XVI Inhalt. Der Schlaf . Seite Der Kranz . . il» Die Fessel . . . — Verkauf des Amors . . — Das verschonte Kind . rs Die Freundschaft . — Die Grille . . » . 16 Die Ungewißheit des Lebens . . — Milch und Honig . . . — Jupiter und Amor 17 Das einzige Ziel der Hoffnung — Anakreons Grab . . .. i 3 Der Tod . . . . . — Hesiodus Grab . — Leicht sey dir die Erde . . . Der vertrocknete Quell am Grabe . — Sohn und Mutter . » — Der spielende Knabe 2(1 Der neue Stern . — Auf das Grab des Hipponax . . — Der Neid . — Heraklitus und Demokritus 21 Das Schicksal — Die sterbende Tochter — Der Morgen - und Abendstern 22 Stimme eines Sohnes » . — Der Adler auf dem Grabe 2Z Auf das Bild Sokrates — Der Hauch des. Lebens — Die vergebliche Furcht 2h. Vergessenheit und Erinnerung . — Der gute Ausgang . . 25 ZwHtes Inhalt XVIl Seite Zweites Buch. Das wilde Kaffer >. -« 26 Abschiedswnnsch an einen jungen Helden . 27 Hoffnung und Furcht » — Ein häuslicher Altar v 28 Die Seele . v O —- Das Schaaf, das einen Wolf nähret 29 Das Kind am Ufer . » — Die belohnte Wohlrhat > > Das Gold r » ' > 3o Aristodire . ^ ^ — Die BeweincnswertheN i 3t Grabesstimme eines Kindes, das nach der Geburt starb r » > — Der Liebling » ^ 32 Die Wolken r r — Die Wünsche . ^ 33 Der vergebliche Geiz > > — Der junge Schiffer r . — Hoffnungen . , > Das enge Grab i ^ . — Die sterbende Tochter ^ > — Grab der Schwester » 3S Die Lust zu leben . - - — Der Hafen i . > 36 Die tauschende Hoffnung » — Die Zeiten des Lebens ^ 37 Die Vertraute ^ » — Än den irdenen Becher » . Ein Rathsel » » 38 Antwort » » » . — Herders W.z.schön.LitrU.Kunst. X. h 6> »e/l, I,it» XVIII Inhalt. Das Bild der Liebe Die Geschenke Ein Wunsch . Das Bad . Der zweite Paris . Venus und die Musen Der Frühling. Das Spiel . Der Neider . Der Neid Drittes Buch. Das Sinngedicht . . Der Lorbeerbaum Sophokles Grab . . Die Rose Der kleine Gesang . Auf ein Bild der Sappho . Aesculap und Plato , Epiktet . . . Erinna . . . Die Ungetrennten . , Amakreöns Grab . . Das Lodtcnopfer . . Die Insel der Liebe Das Grab eines Landmanns Die Grille . Erklärung der Liebe Die Ungenannten Die Sängerin Alles und Nichts Inhalt. XIX Die weinende Rose . Seite 5o Das Auge . . . bi. Die badende Venus . » . — Das Bad der Grazien . 52 Die Göttergestalt . . . — Auf das Bild der Venus von Praxiteles . — Das Meer der Liebe . . . 5Z Polythea . . — Auf ein Bild des Amors . . — Das verschwiegene Lob . . . bst Das Grabmal der Brüder. . — Die Lhranen . . . 55 Mutrer und Kind . . . . — Das Bild der Geliebten . . — Die Unaetrcnnten . . 56 Das Grab der Ehegatten . . — Das Gute des Lebens, . . — Lodesfreude . . 5? Das Aller . . , . — Der frühe Tod — Die Schifffahrt . . . . 58 Die Guten . — Der Oelbaum — Der erstorbene Ulmbaum ' ' ' 5g Dierkes Buch. Hellas. 6 o Homer . — Sappho . — Pindar » . . 61 . b 2 Seite 61 62 6Z Auf Jupiters Bilvsaulc von Phidias Plato .... Der Sternscher Ptolemäus . Pythagoras . Die Spartanerin . . Aeneas ..... — Das Grab Kallimachus . . . — Bias Tod . . . - . 61 » Ajax im Grabe . ... — Das Grab der Familie . . .6g Die schöne Fichte ... . — Auf eine steile Höhe . . . — Der Markt des Lebens . . . 66 Das Gebet . . . . . — Das Grabmal der Ehegatten x- . — Das mittlere Loos . . .67 Jugend und Alter . . — Die Spartaner . . »! . 63 Limokritus Grab . . ^ . . — Demokritus ... > . — Natur des Menschen ... 6g Die Henne .....— Haus und Vaterland . . . — Grab einer Tochter . . .70 Der Ausgang und Eingang des Lebens . — Auf eine Schöne, die im Flilstrom badete — Auf einen pantomimischen Tänzer, der die Rolle des Bacchus tanzte . . 7» Das Bild der Gerechtigkeit im Gerichtssaale ..... — Myrons Kuh . . . . — Auf eine Quelle die Olympias hieß . 7» Inhalt. XXI Sei« Die Jungfrau auf Sophokles Grabe . 72 Auf die Bildsäule des Damostratus 7 ? Die Lugend ohne Denkmal . . — Der Spieß des Achilles . . — Die Vergeltung . . . . 74 Leonidas . . . . . — Auf das Bild eines Richters . . 7 b Aus einen Helm, den ein Freund dem an- dern geschenkt hatte . — Bund der Freundschaft . — Fünftes Buch. An die Nachtigall, die eine Cicada davon trägt . 76 Das Opfer der Jugend . — Der Tanz . . 77 Der Kranz von Lilien und Amaranth — Das süße Finden . . . 78 Der Fruchtbaum . . . — Der Bock und der Weinstock . — Die unreif-abgerissene Traube . 79 Die Hirtenflöte im Tempel der Venus — Der reiche Arme . 8a Der neue Ankömmling — Die Erfindung der Wassermühle 8r Der warme Quell . . . — Das Bad der Götter . . 82 Wein und Wasser . — Die schüchterne Baccha . . — Der besiegte Herkules . . ' . 8S LristophaneS XXII Inhalt. Sappho . . . Seite 83 Anakreons Grab . . . . 8i» Llmors Abkunst . - 85 Der bekränzte Amor . , . — Die stille» Zeugen . . « 86 Der doppelte Pfeil . . , — Der schlummernde Amor . . . 87 Der brennende Strahl . . — Die Morgenröthe . . . — Die einseitige Liebe . ' . 83 Die Nachtigall . -» — Liebe und Hoffnung . 8g Der Acker . . . . — Das Gold und der Strick — Der frühe Tod . , 9 ° Das Vaterland und seine Söhne . , — An Lhemistokles und Epikur gi Kaiser Hadrian an Hektars Grabe . — Alexander . . — Das zerstörte Korinth . 92 Orpheus Tod . . . . — Die Schifffahrt des Lebens 9 » Sechstes Buch. Die Bienen gl» Das Geschenk der Liebe . . 95 Das schönste Geschenk . . — Der Spiegel der Lais . . . — Die Würfelspielen» . . g6 Gespräch mit dem Herzen . . . — Die gewaffnete Venus . 97 .Inhal t. XXIII Das betrogene Herz Seite 97 Die gewaffnece Venus . . . — Kallistnmi . . . . . 98 Der Spiegel der Lais . . . — Das Alter . . . . 99 Der trügende Spiegel - . . — Der diebische Schauspieler . — Der diebische Mahler . . . 10» Das Bild der Venus von Praxiteles . — Myrons Kuh . . 101 Die Grabesstätte . . — Der Weg zum Orkus . . — Das stille Grab . . . 102 Der Tod . . — Die verblühekcn Blumen . . — Das Antlitz der Entschlafenen . . io 3 Das Grab der Tochter . . . — Das umschränkte Leben . . . — Die Schifffahrt . . Der gleiche Ted . - — Der Räuber des Lobten . . . ioö Das Auge der Götter . . . — Aesopus im Bilde . . . . — Pythagoras im Bilde . . . 106 Plutarch im Bilde . . . — Pyrrho . . . 107 Diogenes . . . — Der arme Reiche , . . . — Das leichte Grab . . . . 10k) Das Spiel , . — Die Grammatiker . , . ' — Der Grammatiker . 109 XXIV Inhalt. Sekte Der dunkle Herakltt , 10I Der häßliche Neid . 1 t« Die Unsterblichkeit . -777^ Siebentes Buch. Der Griffel .. , Herodor . , . . Ein Rathsel der Sappho . . 112 Die Schrift — Das süße Geheimmß iiA Die Quelle . . . . — Das Bild Pans an einem schleichenden Strome . Der horchende Satyr — Auf das Bild eines lachenden Satyrs — Die Liebesgötter im Bilde Amor — Der gefesselte Amor >! iik Der bethauete^Krank Der Abschied d . «- — An den Mond Das Bild der Berenice — Die Flügel der Seele ^ . iiK Meleager . . . , — Die weibliche Liebe . — Haß und Liebe . 11A Das Land - und Seeleben . — Die Grazien des Todtenreichs 4, » 12« Denkmale des Lebens ^ —7 Der Schatz . . . r-t. Pandora ^ . ». » ^-7 Inhalt, Die Entschließung , , XXV Seite 12!« Noßis an Sappho , . Der treue Diener , . — Grabschrist eines Hirten . , ^ . i »3 Astacides , — Der göttliche Weise , . — Auf einen Spieltisch , . 124 Das graue Haar » , . — Aestors Jahre , , . . »rL Die Echo , , , . . Die Laut? , . , , Auf eine schöne Gegend — Auf das Bild eines schlummernden Sa- tyrs 126 Sappho im Bilde . . Aristoteles Bild . . > 12/ Anakrevn im Bilde , . Platens Bild . .. — Auf eine schöne Gegend, in der PanL Bildniß stand , , -- »LÜ Achtes Buch, Der Tempel Jupiters , 12g Die Pforte des Tempels . .. — Juno, von Polyklet gebildet . . Die Göttin am Hellespont .. Auf das Bild der Polaren» — Auf die Bildsäule der Niobe » 3 » Aus das Bild der Merca . . — Die hüpfende Baccha .. .. »32 XXVI Inhalt. Auf das Bild der Medea . Seite 1 Z 2 Zpbigenia im Bilde . — Herkules in der Wiege . . -A3 Der Läufer . — Alexander, im Bilde LysippuS . . — Germanikus » . . . Rom . . . . . — Alexanders Grab . . — Auf einen Lorbeerbaum auf dem Altar des Kaisers . . i3S Auf die Bildsäule der Göttin Roma . — Afax Tod . . . . — Die Lugend auf Aeas Grabe . - i36 Achilles Grab . . — Hektars Grab . . . . — Die getrenneten Zwillinge . - 187 Die Getrenneten . . — Die dreifach - Glückliche , . . r38 Haß der Brüder . . — Ajax . . — Philokletes . . . i3g Herkules und Antäus . . — Hippokrates . . iho Herkules und der Hirsch . , . — Der Läufer am Ziel . . — Der gelegene Augenblick . . . ilxl Die Cicade . - lt »2 Geschenke an die Nymphen - . — Inhalt. Nachlese zur griechischen Anthylogie XXVII Seite . 1^3 Das Epigramm . Die Bildsäule eines Richters . — Der unsterbliche Homer . — Der Elephant im Friedenstriumphe . Höhere Natur . . — Aeschylus . . Der Chortänzer . . . — Das Lodesuriheil . . 1 H 8 Der Löwe aus dem Grabe . . — Der greise Sieger . . . — Der todte Hekror . . Das Kriegs - Local . . — Bier Viktorien . — Die gastfreundliche Stadt » . . ibo Das alte Roß . » — Ehrbegierde . . . . Die Cicada . — Die im Erdbeben versunkene Stadt Verschiedenheit der äußern und statt , . . innern Ge- Das Glück des Lebens ,53 Der rauschende Strom . >5ir Die Rache der Juno . — Die Natur des Ligers/ ,55 Klyrämnestra zu Orestes . — Die versiegte Quelle . — Die vergebliche Wohlthat . ,56 Der Gesang des Lebens — Die Flöte . . >5/ Ein Kind setzt den Schmetterling aus den Altar . , . « . XXVIII Inhalt. Seite Hektar . . . . . aS? Der Schmetterling auf einem Grabmal . rb 3 Die Biene ..... — Das innere Olympia . . . Apollo ..... ibg Psyche, schiffend mit Delphinen . , — Ein Schmetterling auf der Leyer . . 16a Drei Schwestern .... — Der letzte Wille eines VaterK , « >6r Die Jungfrau . . . . — Amor an einer Säule . . , r6a Hypatia ..... — Archivier ..... — Das Instrument .... i 63 Leukothea's Binde . ... — Verschiedenes Schicksal der Liebe . . —> Amor, auf einem Wagen von Schmetterlingen gezogen . .. . .16!» Amors Gebilde . , . , —' Venus, hie dem Amor die Flügel nimmt -- Mars als Friedensstifter . . . r6h Die Sorge . . , . . — Alberne Frömmigkeit . . . 166 Langsame Wohlthat . . . Lebens Umgang . « . . — Was schmerzet? , . , . — Der Prahlende .... 167 Wort und That . . , . — Zwei Gattungen des Epigramms . — Lob und Tadel .... 168 Der Skrupel . . , . Der einmalige Tod . . , Inhalt. XXlX Seite III. Die Horen . . . r6g Die flüchtige Zeit . » . . — Das Orakel . 17a Der Obelisk auf dem Grabe . t 7 r Adimanrus Grab . . . — 'Die berühmte Barbarin . . — Themistokles Grab . . 172 Anmerkungen über die Anthologie dek Griechen, besonders über das griechische Epigramm. Erster Thcil *) 173 Anmerkungen über das griechische Epigramm. Zweiter Thcil . 19-7 :ilage einiger griechischen Epigramme. Auf zwei Gemählde . . 287 Die Eitle vor dem Spiegel — Abwesenheit und Gegenwart . . Der Zärtling . . — Der böse Traum . . — Amor und Bacchus . 23 g Demokrit im Todtenreiche — Der tapfre Arzt . , Der Bauch . . Der Tänzer - . — Der Arms und die Armuth . ^ — Der bekränzte Wein . , 2l»1 Die Amtsgehülfen . . . — *) Aus der ». und 2. Sammlung der zerstreuten Blatter nach der zweiten Ausgabe 179». XXX Inhalt. Seite V. Hyle. Kleine griechische Gedichte, drei Sammlungen *) . . . . 246 Erste Sammlung. Das Glück und die Liebe . . .247 Scrapis . . . « . — Der Rabe und der Skorpion . . 248 Der Verschwender . . . — Der Geizhals und die Maus . . 24g Der Landmann und der Sterndeuter . — Die beiden Krebse . . . 2bo Die beste Wahl . - . . —^ Das Rohr und die Eiche . . . 2br Der Weg der Liebe. Von Moschus . 2bs An den Abendstern. Von Moschus . — An die Göttin der Liebe . . . 2bZ Amor und die Musen. Von Bion . 2b!» Das Glück der Freundschaft. Von Bion . — Liebe-und Gegenliebe. Von Moschus . 255 Das Land - und Seeleben. Von Moschus 266 Die unnütze Mühe. Von Bion » . 2Ü7 Der ruhige Weise .... — , Zweite Sammlung. An sein Herz. Von Archilochus . . 22g Der gesetzte Muth. Von Archilochus . 260 *) Die erste und zweite Sammlung aus den zerstreuten Blatter» zweiter Sammlung. Nach der verbesserten Ausgabe t?g6. Inhalt. XXXI Seite Die Wünsche des Lebens. Von Simonides 260 Ein Rath .... 261. Der Prüfestein. Von Bacchylides . — Das Alter. Von Mimncrmus Da^daurende Vergnügen. Von Kallima- — chus . 262 Die Lebensalter. H Von Mimnermus — An die Gesundheit. Von Ariphron . Der Wein. Von Bacchylides An die Sonne, ein Morgengesang. Von 261» Dionysius . 26b An den Frieden. Von Bacchylides - 266 Das Schicksal. Von Simonides . Der unglückliche Arme und Reiche. Von Rhianus .... 267 Dem höchsten Gott. Von Kleanthus . 26g Dritte Sammlung. (Meist ungedruckt.) ü n fHym n e n *) 272, 27h,. 27b. 276. 276. Pallas-Athene. Von Proklus - -77 An den Amor . . 2«r An die Musen , . 282 An die Göttin Roma . . . 28Z Das Schicksal. Chor der Antigone, von Sophokles . . 281» G *) Diese fünf Hymnen scheinen blos im Geiste der orphischen Hymnen gedichtet zu seyn, nach Veranlassung der fünf ersten orphischen Hymnen gleichen Inhaltes. H. XXXII Inhalt. Seite VI» Homer, rin Günstling der Zeit *) » 287 VII» Homer und das Epos **) . » 827 VIII. Pindar > rin Bote der Götter » 36 t IX. Gesänge von' Pindar. (Ungedruckt.) Erster olympischer Siegsgesang. Dem Hieron von Syrakus 363 Zweiter — — An Lherön Dritter — — Demselben Lheron . 379 Vierter — — An Psaumrs 383 Fünfter — Demselben Psaumis 38l» Achter — — . An AlkiMedon 38S Eilster — — Dem Agesi- daMus 3gt Zwölfter — — An Ergoteles 392 Vierzehnter Dem Asopi- chus vonOrchomenuS Z 9 Z Eilftcr pythischer An Lhrasidäus 398 *) Aus den Horen, 1795 » Aus der Adrastea, V. 1 . r8o3» *") Ebendaselbst, XI. i8o3» l» BlUMen I. Blumen aus der griechischen Anthologie gesammlet. (Aus den zerstreuten Blättern 1786. Nach der verbesserten Ausgabe von 1791. und 1796.) > Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. X. A 6r-ecK.I.r't, Statt der Vorrede ein Gespräch*) t^heano. Hier bin ich wie eine Sibylle mit Ihren zerstreuten Blättern. Dem oder. In denen Sie auch vielleicht nicht mehr als in den Sibyllinischen gefunden haben. Ich bin begierig Ihren Spruch darüber zu hören. Theano. Den sollen Sie hören, mit dem Beding, daß Sie Mich auch die Geschichte der Blatter selbst hören lassen: denn Sie wissen, Weissagung wird nur aus Geschichte. Hier sind Blumen aus der griechischen Anthologie, gesammlet. Demodor. Ihre Geschichte ist die: sie wurden frühe gesammlet. *) Zu den zerstreuten Blättern, r. Lhell. 1791» A 2 4 Vorrede. Theano. Desto besser, da sind uns die Blumen noch Knospen. Ich habe mich an der griechischen Einsalt sehr ergötzt und mir that es wohl, ohne alle Kritik, ob dies kleine Geschöpf ein Epigramm oder eine Elegie, oder gar nur ein Sittcnspruch sey, den Ausdruck des Witzes, der Wahrheit und der Empfindung in ihnen zu genießen. In Ucbersetzungen kannte ich nur sehr wenige davon; und mich dünkt, vor manchem andern, was übersetzt ist, waren diese Kinder der Flora einer Verpflanzung werth. Wie sind Sie zu ihnen gerathen? Demodor. Wie ich sage, unter so manchem Andern siel mir auch die griechische Anthologie frühe in die Hände und da kam ich gerade auf Stücke, die mich, den Jüngling , sehr vergnügten. Ich kleidete verschiedene davon zuerst in gereimte Verse — Theano. Die ich doch nicht gefunden habe. Demodor. Sie sind langst vertilgt, weil ich fand, daß das griechische Epigramm sich in den gereimten Vers selten so glücklich kleiden lasse, daß cs nicht das Meiste von seiner Einfalt, von seiner Runde oder von seinem naiven Witz verliere. 'Indessen verfolgte mich die Anthologie, und siel mir in andern Zeiträumen wieder in die Hände. Theano. Ich begreife das wohl. Eine Blume zu pflücken ist man gerade in den Stunden der Erholung aufgelegt, wenn man andrer ermüdenden Arbeiten satt ist — Demodor. Und sich aufs neue zu ihnen stärket. Eben dies war mein Fall. Zwischen Arbeiten, auf Spaziergängen gefiel mir diese griechische Aue so wohl, Vorrede. 5 -aß ich, was mir gefiel, meiner Sprache eigen zu machen suchte und nur immer bedauerte, cs nicht besser thun zu können. Manches der kleinen Dinge ward zwei-dreimal versucht — Theano. Und zum drittenmal gerieth cs gewiß am mindsten. Die Kleinigkeit eines Epigramms zu übersetzen, ist oft eine schwere Kleinigkeit, zumal muß sie es seyn bei so verschiedenen Sprachen. Ich muß Ihnen sagen, Demodor, daß ich einige derselben in Prose übersetzt gelesen habe und oft nicht wußte, was man damit wollte. Demodor. .Machen Sie es mit dem Epigramm jeder Sprache so, zumal mir dem, was auf naiver Empfindung oder gar einer Wortstellung beruhet; es wird Ihnen eben so gehen. Oft mußte ich den ganzen Gedanken umkehren, oder wenigstens für unsre Zeit anders wenden, und so löslich ich dies that: so fürchte ich doch manchmal zur reinen Milch etwas Zucker hinzugethan zu haben, nur damit cs in unsre Sprache paßte. Theano. Immerhin. Wir sind leider keine Griechen: o die Griechen! — Demodor. Und doch find die meisten dieser geretteten kleinen Stücke nur aus spaten Zeiten. Geschmack und Sitten waren in ihnen schon sehr verfallen; indeß, die Sprache und altere gute Vorbilder halfen auch dem Armseligen auf. Die Form war gleichsam gegeben. Theano. In den Anmerkungen über das Epigramm haben Sie mich darüber belehret. 6 Vorrede. Demodo r. Die Abhandlung ist nicht ganz; der zweite Thcil wird folgen. Theano. Und gerade setzen Sie uns bei der Stelle nieder, wo man das Meiste, die Theorie des Epigramms selbst, erwartet. D e m o d o r. Die Theorie einer Blume? was ist Ihrem Geschlecht daran gelegen? T h e a n o. Wenn's mir indes daran gelegen wäre — Demodor. So werden Sie sie bei einem andern Blumenstrauß finden, der zu ihrer Entwicklung noch fehlte. Theano. Ich freue mich darauf; lieber aber wäre mirs, diese einzelnen Stückchen geheftet und — Demodor. Nur ja nicht, gedruckt zu sehen. Sie wissen, was ich von dieser schwarzen Kunst des ehrlichen D. Fausts halte. Denken Sie! eine gedruckte Blume. Theano. Und woher haben Sie sie denn? haben Sie sie nicht auch vom Druck her? und sehen Sie es nicht gern, wenn Ihnen unvermuthet Melea- gers vollständige Anthologie gedruckt zugesandt würde? Denken Sie also, daß es mehreren ungriechischen Seelen bei dieser verpflanzten kleinen Anthologie seyn kann, wie es Ihnen bei der ursprünglichen Anthologie wäre. Demodor. Der Seelen, glaub'ich, giebts nicht viel. Thean o. Rechnen Sie denn auf die Viele? Ei doch, ein Blumenstrauß für die Menge; der Vorrede. 7 müßte sehr bunt und vollwichtig seyn. Ich dächte, Sie sehen von der Seite ganz weg und hingen das Kränzchen für mich und meines Gleichen auf; waS soll es da noch etwa zehn oder zwanzig Jahre in Ihren Papieren? Auch suchen Sie mir fein den Verfolg derselben auf, damit ich das Chaos zersprenge, und die armen Gefangnen aus dem Kerker erlöse. Dem oder. Worin sie sich doch so wohl befinden. — Vorrede zur Fortsetzung der Blumenlese. -^-^ie Blumen aus der griechischen Anthologie sind Nachbildungen; Uebersetz ungen sollen und wollen sie nicht seyn. Theano ordnete diese kleinen Geschenke der griechischen Hora; und im Drucke fand sichs, daß sie beinah zu reichlich getheilt hatte. Ein Buch voll Sinngedichte ist wie ein Gastmahl von Näschereien, wo jede einzelne Süßigkeit durch die Menge ihrer Nachbarinnen leidet. Ich bitte also, m. F., auf diesen Blumenbeeten mit sparendem Blick zu verweilen; lesen Sie auf Einmal nur Weniges und wenn Ihnen hie und da ein Stück vorzüglich gefallt, nur dies Eine, denn jedes kleine Stück ist ein Ganzes. , 3 V v r r e d t. Ich wünschte, daß hiezu und überhaupt zum Wegriff von der ganzen Gattung die Abhandlung über das griechische Epigramm dienen mochte, die darauf folget. Daß ich von Lessing ausgegangen bin, gehört zur Entstehung dieses Aufsatzes: denn als 1771 der erste Theil von Lessings vermischten Schriften erschien, bekam ich eine äußere Veranlassung, dem Inhalt seiner Anmerkungen weiter nachzugchen; woraus denn diese Abhandlung erwuchs. Es wäre gut, wenn wir andere Gedichtarten eben so untersuchten : denn die Bestimmung derselben blos aus dem Namen, oder nach einem engen Kreise von Beispielen hat unsre sogenannte Theorie der schönen Wissenschaften mit manchen willkührlichen Begriffen und einer guten Anzahl geltender Halbwahrheiten angefüllet, die keine befsre Folge haben können, als den arbeitenden, oder den betrachtenden Geist bald einzuschränken, bald zu verführen. Vorrede zur zweiten Ausgabe» 1796. ie Blumen scheu Anthologie lichen Uebersetz aus der g r i ec h 1 - sollen keine Wortungen seyn; jeden Vorrede. 9 Kenner und Liebhaber aber laden sie dazu ein, sobald die Muse ihm winket. Sehr angenehm ist mirs gewesen, seit der Herausgabe dieser Blatter nicht nur Uebcrsetzungen, sondern eigne Nachbildungen des griechischen Epigramms in mehrern Sammlungen deutscher Gedichte zu finden, die mir der griechischen Muse werth schienen, und ich freucte mich bescheiden, durch meine Versuche wenigstens zu der Form beigetragen zu haben, die einen Gedanken, eine Empfindung so schön fasset, so zart ausdrückt, und die unsrer deutschen Sprache, (einer Schwester der Griechischen, aber weniger als sic vom Schicksal begünstigt) so gemäß scheinet. Irre ich nicht, so wird diese Form des griechischen Epigramms, ihrer Reinheit und Wahrheit wegen, unsrer Sprache bleiben, und ihr auch dann noch angenehm seyn, wenn einige andre künstlichere Nachahmungen der Griechen, eben weil sie für uns nicht sind, ihre» Werrh ziemlich verloren haben möchten. Ich sehe noch mancher schönen Blume dieser Art mit Zuversicht entgegen, so daß, wenn eine günstige Hora es will, vielleicht einmal eine deutsche Anthologie mit der griechischen um den Vorzug streitet. Anmerkungen über die Anthologie der Griechen. Die seit einigen Jahren erschienenen Vorarbeiten über Meleager, Leoni- das, und andere Dichter dieser Sammlung, nebst den Anwendungen derselben auf griechische Kunstwerke, insonderheit in dem alten Konstantinopel, nähern uns der Hoffnung, die Ausgabe einer erlesenen Anthologie nicht eben für Schüler, für welche sie zuerst nicht gehöret, sondern für Männer zu sehen. 10 Vorrede. wie diese sie wünschen. Die sorgfältige Bemerkung dessen, wns in ihr Nachahmung oder Anspielung sey, würde einen lehrreichen und ruhmwürdigen Commentar veranlassen, der auf sehr angenehme Nebenwege führte. Das kleine Wäldchen griechischer Gedichte enthalt Fabeln, Idyllen, lyrische Stücke, Fragmente von Lehrgedichten, Hymnen u. f. Was ich damit im Sinne habe, wird die Folge zeigen; gebrauchen Sie sie jetzt als eine Sammlung verschiedener Di ch t un g Zarten, in der Ihnen hie und da ein Stück, wenigstens der Uebersetzung nach, neu seyn wird. Was für Sie nicht ist, lassen Sie einem Nachbar. —- Herder. Erstes Buch Die Biene. Blumenkostende Biene, warum verlassest du deine Süße Blumen und störst sumsend der Liebenden Kuß- Oder willt du mir sagen: o Freund, die Biene der Liebe, Auch im süßesten Kuß, drücket den Stachel ins Herz. Ja, Las willt du mir sagen; geh hin zu deinem Geschäfte, Gute Biene, das sprach lange die Liebe mir selbst. D i e R o s e. Wenige Tage, so stirbt die Rose. Vorübergegangen Ist sie; du suchest nun Rosen und findest den Dorn. An eine Schwalbe die auf dem Bilde der Medea nistete. Gute Schwalbe, du flogst durch weite Lander und Inseln; Und nun nistest du hier auf der Medea Gebild? Trau'st ihr deine Kinder noch unbefiedcrt, und hoffest, Daß sie den Fremdlingen sey, was sie den Ihren nicht war? Die Nachtigall. Fliehend den wüthendqn Nord, der mir die Zunge geraubct. Flog ich über das Meer, Boreas stürmte mir nach. Und schon sank ich» flehe, da nahm ein frommer Delphin mich Auf den Rücken und trug mich ohne Ruder davon. Guter Schiffer, du trugst Philomelen, und Phi- lomele Singt vom Ufer herab dir nun Arions Gesang. Die Nymphe des Quells. Schöpfe schweigend. „Warum?" So schöpfe nicht. „Und warum nicht?" Nur dem stillen Genuß ström' ich erquickenden Trank. aus der griechischen Anthologie. i3 Warnung, Niemals offne das Herz der Liebe. Findet es Amor Fest verschlossen; er fliegt leicht wie ein Vogel davon. Aber öffnete sich's, und zog des brennenden Pfeiles Kleinste Spitze nur an, dränget er ganz sich hinein. Fächle dir nicht die Seele mit Liebestraumen. Sie nähren Eliederzehrendes Feu'r, seelenberaubende Glut. Amor und Psyche. Amor, quäle mich nicht! mir schwimmt in Flammen die Seele; » Oder sie hat ja, wie du, Flügel und flieget davon. Der Schlaf. Schläfst du, Aenophila? süßes Geschöpf! o würd' ich auf deinen Holden Augen anjetzt selbst der ambrosische Schlaf. Ab legt' ich die Flügel, und Jupiters schönster der Träume Sollte nicht lieblicher sich dir, o Zenophila, nahm Blumen *4 ^ Der Kranz. Heliodor«, die Blume verwelkt, womit ich dich kränzte; Heliodor«, du blühst, Blume der Blumen im Kr«nz. Die Fessel. Von ihrem H«upt zog Doris Ein einges goldncs H««r, Und b«nd mich «n den Händen Ihr zum Gesungenen. Ich lucht' der schönen Bunde, Und sprach: die reiß' ich leicht; Doch als ich es versuchte, War Eisen nie so hurt. Nun Hub' ich uufgegeben, Zu brechen sie, den Muth; Unglücklicher, ich folge Wohin ihr Haar mich zieht. Verkauf des Amors. Man verkauf' ihn! Und ob er so süß im Schooße der Mutter Wie ein unschuldiges Kind schlummre; verkaufet ihn doch. Denn er ist ungezogen, ein loser Bube, geschwätzig, Wild und böse, der ja selber die Mutter nicht aus dcr griechischen Anthologie. rü Leichtgeflügelt und keck: er kratzt mit den Nageln; er weinet Kläglich und wenn er dir weint, lacht er im Herzen dich aus. Kurz, ein Ungeheuer. Verkauft ihn. Wo nur ein ^ Schiffer- Sein begehret, er nehm' immer den Bosewicht hin. Aber sehet, er weint! er fleht! — Sey ruhig, o Lieber, Glaub's, ich lasse dich nicht! Dich und Zeno- ^ phila nie. Das verschonte Kind. Sehet, da stürzte nieder des Hauses Gipfel und schonte Selbst im Falle das Kind, ^das wie ein Amor hier schlaft. Milder Fels, du empfandst der Mutter Schmerzen; und o du Glückliche Mutter, der auch fallend der Fels sich erbarmt. Die Freundschaft. Heliodorus, ja! Des Lebens größcster Schatz ist Freundschaft; aber nur dem, der zu bewahren ihn weiß. 16 Blumen Die Grille. Liebliche Grille, du wirst nun bei dem Hause des Acis Nicht mehr singen, du wirst nimmer die Sonne mehr sehn: Denn du bist hinunter zu Pluto's Wiese geflogen, Trinkst auf Blumen daselbst zarten clysi'schcn Thau. Die Ungewißheit des Lebens. Mensch, genieße dein Leben, als müssest morgen du weggehn; Schone dein Leben, als ob ewig du weiletest hier. Milch und Honig. Göttin Svada und Pavia, nehmt, o nehmet des Dankes Reines süßes Geschenk, das euch ein Bräutigam weiht, Milch und Honig: den Honig für ihn, mit Blumen der Liebe Rings umkranzet; die Milch, für die unschuldige Braut. Jupiter aus der griechischen Anthologie. Jupiter und ÄmvQ Jupitet schalt den Amor: „ich will die Pfeile dir nehmen!" — „Donnerer, sprach er, und ich mache dich wieder zum Schwam" Das einzige Ziel der Hoffnungi Arm an Reizen ist unser Leben und dürftig aN Freuden, Wenn wir die Sorgen nicht reißen aus unserer Brust. Graue Haare pflanzen sie auf, dem grünenden Scheitel ; Zehren der Menschen Gemüth wüthend und wü- thendcr aus, Daß oft Sterben seliger ist als jammernd zu leben- Daß der Arme beinah immer sich glücklicher fühlt. Darum richte dein Herz zu Einem Ziele der Hoffnung, Andern gönne nicht Raum; Mäßigung heißet das Ziel. Herders W.z.schön.Lit.u.Kullst. X. Ä VriecÜ.Lit. i8 I. B l u m e n Anakreons Grab. Um dich müsse mit vollen Beeren der frischeste Ephen Grünen! Es müssen um dich schönere Blumen erstehn Diese Purpurwiescn! Es strömen Ströme von Milch dir: Ströme von süßem Wein dufte die Erde dir zu, Daß noch deine Asche, daß deine Gebeine sich laben, O.Anakreon, wenn Asche der Tobten genießt. Der Tod. * Saon, Dikons Sohn, der Akanthier, schlummert den heil'gen Schlaf hier; nenne ja nie Tod des Redlichen Schlaf. ' Hesiodus Grab. Als im Lokrischen Hain der Hirt Hesiodus abschied, Wuschen, im klaren Quell Nymphen den heiligen Leib Und errichteten ihm sein Grabmal. Schäfer und Hirten Gossen, zum Opfer ihm, Milch und Honig hinan: Denn das alhmeten einst des Lebenden süße Gesänge; Musen, es trank der Greis eueren reinesten Quell. aus der griechischen Anthologie. Leicht sey dir die Erde. Gütige Mutter Erde, wer dir im Leben nicht Last war, O den birgcst du sanft: birg den Ausi'gcnes so. Der vertrocknete Quell am Grabe. Nymphen, wo flöhet ihr hin? Wo sind die rieselnden Wellen, Die hier flössen, die nie tilgte der brennende Strahl?. '--Hin zum' Grabe des edlen Agrikola sind wir geflohen, "'Kühlen da weinend den Krug, der seine Asche bewahrt." Sohn und Mutter. Ach, was frommet es, Kinder mit Mutterschmerzen dem Lichte Zu gebähren, und sie sorgend aufzucrziehn? Meinem Sohne Bianor muß ich die Mutter ein Grab baun; Und ich Hoffete, Er würde das meine mir baun. 20 I. B l u m e n Der spielende Knabe. Unbarmherziger Tod! Du hast dem Schooße der Mutter Ihren Knaben geraubt, mitten im fröhlichen Spiel. Zwar es spielet auch dort das Kind auf blumigen Auen; Aber der Mutter Herz hast du so bitter durchbohrt. Der neue Stern. Unter den Sternen wohnt mein Lieber; o daß ich der ganze Himmel wäre, mit viel Augen dich anzuschaun. Auf das Grab Hipponax, eines satyrischen Dichters. Dies ist das Grab des Hipponax. Hinweg! Wenn du ein Böser bist; doch bist du gut, Und guter Eltern'Sohn; so setze dich Getrost darauf und willt du, schlummre auch. D e r N e i d. Als der gekreuzigte Thrax an einem höheren Kreuze Hangen den Nachbar fah, biß er zusammen und starb. aus der griechischen Anthologie. 21 Heraklitus und Demokritus. Heraklit, wie würdest du jetzt das Leben beweinen. Kamst du wieder zurück in die geplagtere Welt! Und Demokritus du, wie würdest jetzo du lachen, Kamst du wieder zurück in die bcthörtere Welt! Ich steh vor euch beiden und sinne, wie ich mit Weisheit Jetzt bedauren und jetzt könne belachen die Welt. Das Schicksal. Traget das Schicksal dich; so krage du wieder das Schicksal. Folg' ihm willig und froh; willt du nicht folgen, du mußt. Die sterbende Tochter. Weinend schlang die letzte der Töchter, die sterbende Myrto, Um die Mutter den Arm: „liebende Mutter, - o bleib', Bleibe bei meinem Vater und gieb mit besserem Schicksals Ihm eine Tochter, die euch spch noch im Alter erfreu." 22 I. Blumen Der Morgen - und Abendstern. Wie der glänzende Stern des Morgens, wärest du Jüngling Uns; den Tobten anjetzt gehst du, ein Hespe- rus, auf. Stimme eines Sohnes. Grausam wäret ihr Parzen, die mir die goldene Sonne Nur so wenige Zeit gönnten auf Erden zu sehn! Ward ich darum geboren, daß ich der Mutter für ihre Schmerzen mit Kummer und Gram füllte das liebende Herz? Denn mein Vater verließ mich einen Waisen in seinem Hause; die Mutter zog, zwiefach an Sorge^ mich auf. Aber sie hat mir nicht die Hochzeitfackel getragen, .. Sah vom fröhlichen Sproß keine belohnende Frucht. Unglückselige Mutter, dein Schmerz betrübt mich im Grabe, Daß ich im Leben dir keine der Sorgen vergalt aus der griechischen Anthologie. 23 Der Adler auf dem Grabe. Göttlicher Adler, warum stehst du, dem Himmel entflogen, Hier auf dem Grab' und schaust kühn zu den Sternen hinauf? „Plato's Seele bild' ich dir vorsie flog zu den Sternen; Nur den heiligen Leib decket das Attische Grab. " Auf das Bild Sokrates, der die Unsterblichkeit der Seele lehrte. Weiser Künstler, du gabst dem Bilde Sokrates Alles, Nur kein Leben; das hat Sokrates Seele allein. Der Hauch des Lebens. Was ist unser Leben ? Ein Hauch der nährenden Lüfte, Die mit dem Athem uns Dauer und Seele verleih»; 24 I. Blumen Weigert uns die Mutter nur einen nichtigen Lufthauch ; O so flieget der Geist schnell wie ein Schatte davon. Und wir Arme prangen mit uns und bilden uns hoch ein, Wir, die ein Athem der Luft nähret und wieder verweht. Die vergebliche Furcht. Warum mühest du dich und fürchtest immer die Armut!) ? Lebe mit der Vernunft und hu bist nimmer arm. Vergessenheit und Erinnrung. Holde Vergessenheit, Du, und Du, des Guten Erinnrung, Liebliche Schwestern, o macht beide das Leben mir süß. Du verdunkle das Böse mit deinem umhüllenden Schleper, ' Du erneue das Glück mir mit verdoppelter Lust. aus der griechischen Anthologie, 25 Der gute Ausgang. Sey gegrüßet, o Göttin, die alle Gerechten und Weisen Hoch verehren und weih'n alle Bestrebungen Dir! Ausgang heissest du, des Guten frohe Vollendung, Tochter der Mäßigung, Dir sey auch mein Leben ' geweiht, Zweites Buch Das wilde Wasser. Aufgeschwollener Strom, woher? Wie kommest du hieher? Und vcrschwemmest so stolz brausend dem Wandrer den Weg ? Negentrunken taumelst du hin mit schlammiger, trüber Undurchschaulicher Fluth, die du den Wolken ent- stahlst: Brause, Stolzer! Es wird dich bald die Sonne verzehren; O sie kennet, was Strom oder ein Regenbach ist. § aus der griechischen Anthologie. 27 Abschiedswunsch an einen jungen Helden. Adrastea begleitet dich, Jüngling, cs trete dir immer Auf der leuchtenden Bahn Recht und die Billigkeit nach: Denn ich furcht', 0 Drusus, ich fürchte deines Gebildes Schöne, deines Gemüths festen und göttlichen Muth, Deine Klugheit und Glück. O Jüngling, Söhne der Götter, Die dir gleichen; zu bald neiden die Götter sie uns. Hoffnung und Furcht. Zwo Göttinnen sind mir, die Hoffnung und Nemesis, heilig: Jene beflügelt den Wunsch, diese begranzet ihn mir. x 23 I. R l u m e n Ein häuslicher Altar. Nicht die Göttin des Volks; Du siehst die himmlische Venus Hier in dem Bilde, das ihr dankend Chryso- gone weiht In Amphikles Hause, mit dem sie Leben und Liebe Manche Jahre getheilt, täglich mit süßerer Lust: Denn sie begannen mit Ihr, der Himmlischen! Segen der Götter Wohnet immer um den, der der Unsterblichen denkt. Die Seele. Seele meiner Seele! Das bist du, Geliebte. Die Liebe Schuf zur Seele dich mir, bildete dick) in mein Herz. aus der griechischen Anthologie. 39 Das Schaf, das einen Wolf nähret. Wozu zwingest du mich? mit meinen friedlichen Brüsten, Soll ich mein Lamm nicht mehr, muß ich ernähren den Wolf. Hirte, du wirst's erfahren, wenn Du, wenn ich ihn erzogen:' Keine Wohlthat und Gunst ändert des Bösen Natur. Das Kind am Ufer. Hier versank ein liebliches Kind. Dem Schooße der Mutter Spielend entronnen, 0 Meer, zog es der trügende Glanz Deines Schooßes hinunter: cs trank die Welle des Todes Statt der zärtlichen Milch. Web dir, Verführerin, Meer! Die belohnte Wohlthat. Hier zog einst ein Fischer mit seinem Hamen ein Haupt auf, Schon der Haare beraubt, eines Ertrunkenen Haupt: 3o I. Blumen Und mitleidig grub er mit eignen Händen ein Greib ihm Ohne Grabscheit. Tief gräbt er dem Armen das Grab. Siehe da glänzet Gold, ein vcrgrabner Schatz, ihm entgegen — Sey mitleidig, o Mensch! Güte wird immer belohnt. Das Gold. Gold> du Vater der Schmeichler, du Sohn der Schmerzen und Sorgen: Wer dich entbehret, hat Müh; wer dich besitzet- hat Leid. A r i s t o d i c e. Me priesen dich einst, Aristodice, so glücklich: Denn du gebärest sechs blühende Söhne der Welt. - Aber es war dir Meer, es war dir Erde zuwider: Drei erkranketen; drei liegen im Grunde der See. aus der griechischen Anthologie. 3r Weine Mutter! cs weint Philomele mit dir am Grabe, Und in der Tiefe des Meers weint Halcyone mit dir. c Die Bewein enswerthen. Die beweine nicht mehr, die schon zur Ruhe gegangen; Die beweine, die stets fürchten den kommenden Tod. Grabesstimme eines Kindes- das nach der Geburt starb. Mutter Erd' und Mutter Lucina, ich grüß' euch beide! Diese half mir ans Licht: Jene bedecket mich sanft. Und sonst kenn' ich keinen; unwissend, woher ich gekommen? Wessen ich war? und wer? Alles verbarg mir di« Nacht. 32 I. Blumen Der Liebling. Süßer Vogel, o du, den alle Grazien liebten, Der mit zaubernder Kraft wie Halxyone mir sang. Hin bist du! Dein lieblicher Geist gefälliger Sitte Wohnt nun freudeberaubt in der verstummenden Nacht. Die Wolken. Arme Seele, wie lang', o wie lange willt du deN leeren Hoffnungen fliegen nach, unter die Wolken hinauf? Kalte Wolken und leere Traume jagen einander, Geben den Sterblichen Nichts, Nichts sie beglückendes hier. Komm' herunter und suche der Weisheit Gaben. Der Eitle Hasche den leeren Wind, der nur die Leeren beglückt. D i e aus der griechischen Anthologie. Z3 Die Wünsche. Sterbliche sind wir und .sterblich sind all' unsere Wünsche: Leid und Freude, sie gehn oder wir gehen vorbey. Der vergebliche Geiz. Häufst du Schätze? was ist's? Du wirst die Schätze nicht mit dir- Nehmen ins öde Grab , ' das sich des Nackenden freut. Und du verlierst das Beste;' des Lebens Tage. Die kannst du Dir nicht häufen; sie sind dir von der Parze gezählt. Der junge Schiffer. Auch ich habe beschifft des Lebens Wellen; Aganax Ist mein Name; doch ich schiffet' auf ihnen nicht lang'. Wüthender Sturm entstand; ich wollte trotzen dem Sturme, Unglückseliger! da rissen die Wellen mich hin. Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. X, C SrrccK.Ia'k. 34 I. B l-u mi e n Hoffnungen. Menschen - Hoffnungen, ach ihr leichte Göttinnen! Da liegt nun Euer Lesbuch da liegt Euer begünstigte Mann, Der mit Königen stets und mit Huldgöttinnen gewandelt — O ihr Hoffnungen, lebt, leichte Göttinnen, lebt wohl. Schweigt ihr Flöten! er höret euch nicht und was ihr ihm singet, Zst: „er liege!" Der Tod kennet nicht Neigen und Tanz. Das enge Grab. Mensch, du stehest mich hier im schmalen Grabe begraben, Weit genug mir; es hat Crösus ja selber nicht mehr. Die sterbende Tochter. Liebend blickte die sterbende Tochter den stummen Vater An und druckt' ihm die Hand. „Vater, ich bin nicht mehr! " aus der griechischen Anthologie. 35 Sprach sie, zarte Thronen bedeckten ihr brechendes Auge Und den weinenden Bück schloß die verhüllende Nacht. Grab der Schwester. Wanderer, siehe das Grab der frommen Schwester, die traurcnd Um den Bruder erblich. Ach, da verdoppelten sich Ihrer Mutter Thronen und alle Jünglinge weinten — Jeder beweinet als Sein, Sie, die,doch keines , noch war. Die Lust zu leben. Wer dem Jammer geweiht sein Leben traget, der kann nicht Sterben; er lebcte ja, da er noch lcbcte, nie. Nur dem Glücklichen, nur den, Neichen fallet der Tod schwer Und zu frühe. Mit Lust gehet der Arme zur Ruh. C 2 36 I> Blumen Der Hafen. Falsche Göttin des Glücks, und du süßtäuschende Hoffnung, Lebet wohl und betrügt, wen und wie lang' ihr ihn wollt. Ich bin jetzt in dem Hafen, ein armer Mann; aber Freyhcit Wohnet mit mir und Muth, reiche Tyrannen zu fliehn. Die tau sehende Hoffnung. Wenn des Glückes Gefährte, die süsse Hoffnung, zuweilen Auch die Sterblichen tauscht, oder mit Zögern gewährt , Was sie gewähret; wohl! ich bin ein Sterblicher, zögernd Nähre sie lange mein Herz, täusche mich lange so süß. - Gerne laß ich mich täuschen, und bin kein murrender Weiser; „Flieht ihr Sorgen!" so singt täglich Anakreon mir. «us der griechischen Anthologie. 37 Die Zeiten des Lebens. Eine Zeit ist zu spielen, die andre zu lieben, die dritte Auszuruhen; ein Thor, der nicht die Zeiten ge- nicßtt Die Vertraute. Liebe, getreue Flasche, du langgehalsete, gute, Runde Seele, die mir öfters das Leben erfrischt, Bacchus und aller Musen, auch selbst der Liebe Vertraute, Flüsternde Dienerin, mir sonst so gefällig und hold — Aber wie kommt es, Freundin? wenn ich mich fülle, so wirst du Nüchtern; und umgekehrt — heißt das gesellig gelebt? An den irdenen Becher, Tranke mich, lieber Becher! Was du bist, war ich und wcrd' ich, Erde; so kranke denn den noch genießenden Staub. 3g 1. B l u m e n Ein N a t h se'l. Wer ist die Göttin, die den Armen haßt Und llebcr bei dem Reichen wohnet? denn' Sie weiß zu l.ben, sitzet gerne weich, Geht sonderlich auf fremden Füßen gern, Und liebet Salben, Kränze, süßen Wein, Was alles ihr kein Armer reichen kann: Drum flieht sie auch des Armen harten Tritt Und siegt dem Reichen nur so gern zu Fuß. Antwort. Des Glieder-lösenden Bacchus, der Glieder-lösenden Venus Glieder - lösendes Kind — Podagra nennen sie mich. Das Bild der Liebe. Immer tönet mir noch im Ohr die liebliche Stimme, Immer schwebet da noch vor mir ihr weinendes Bild. Weder Nacht noch Tag kann Ruhe schaffen dem Herzen, Dem die Liebe sich selbst ein in das Innerste grub. «us dcr griechischen Anthologie. . 39 Amoes Boten, ihr Vögel, ihr könnt uns bringen die Liebe; Ach kein Fünkchen von ihr könnt ihr uns nehmen hinweg. Die Geschenke. Schönheit gab ihr Amor', die Huldgöttinncn den Liebreiz, Mutter der Liebe, du gabst Gürtel und Alles ihr hin. Ein Wunsch. O daß ich war' ein Lüftchen und du in Schwüle des Tages Wenn du den Bufen enthüllst, nähmest den Kühlenden auf. Oder ich wäre die purpurne Nos' und du mit dcnr Händchen Brächst vom Zweige mich ab, nähmst an den Busen mich auf. Oder ich würd' der Lilie Duft, mit süsser Erquickung Ucberströmct' ich dich, athmcte mich in dich ein. I. Blume rt Hs Das Bad. kypris badete hier mit den Grazien und mit dem Amor; Dankbar ließ sie dem Quell Eine der Grazien hier. Der zweite Paris. Nhodoklea, Mclitte und Rhodopc stehen da vor mir, Drei Göttinnen; es fehlt ihnen Unsterblichkeit nur. Schweres Amt des Paris! Ich soll die Schönste der Schönen Krönen; so krön' ich denn, Schönste der Schönen, — euch drei. Venus und die Musen. Paphia sprach zu den Musen: „verehrt, o Mädchen/ die hohe Paphia; oder ich — rüste den Amor auf euch!" Schwätzerin, sprachen die Musen, dem ungesitteten Mavors Drohe; den Musen bringt nimmer dein Knabe Gefahr. aus der griechischen Anthologie. 41 Der Frühling. Schon blüh» weiße Violen, Narcißcn blühen im Thau schon, Und ein den Bergen umher wehet dcr Lilien Duft; Aber vor allen Blumen hnt mir sich ein Röschen entknospet, Meiner Zcnophila süß - süß überredender Mund. Auen, wns prnnget ihr mit euren lieblichen Kränzen ? Süßere Blüthe gewährt meine Zenophila mir. Das Spiel. Spiel ist unser Leben und Schauspiel. Murrender, lerne Spielen oder du trägst Schmerzen und Schaden davon. Der Neider. Der Neider hasset den, den Gott geliebt? O Thor! er streitet mit den Göttern selbst, Und sauget aus den schönsten Blumen Gift. Den Gottgelicbten lieb ich willig auch. Der Neid. Neid, du großes Ucbel! Doch ist das Gute noch in dir, Daß du mit eigenem Pfeil selber das Herz dir durchbohrst. 42 4 - » I. Blumen Drittes Buch. Das Sinngedicht. < ^ Nimm dies kleine Geschenk, o Piso, nimm es mit Huld ach; Wenig Weihrauch ergötzt auch den erhabensten Gott. Der Lorbeerbaum. Schonet meiner, ihr Tninknen, ihr brausenden Sänger der Liebe, Schonet meiner, denn ich bin ein jungfräulicher Baum. Daphne hieß ich im Leben; des keuschesten Jünglin- ges Armen Wand kch ergrünend mich los; schonet mein heiliges Laub. «us dcr griechischen Anthologie. Sophokles Grab. Schleiche dich sanft um's Grab, du immergrüncndcE Ephcu, Sanft um Sophokles Grab schlinge dir Locken umher: Rosenbüsche pflanzet euch hin: mit glühenden Trauben Ziehe dcr Weinstock schlankglcitende Neben hinan: Denn dcr weise Dichter, der hier schläft, hatte dcr süßen Anmuth viel: ihm war Muse und Grazie hold.' Die Rose. Liebliche Rose, du willt den Knaben kränzen'? Ev kränzet Dich, o Blume; du bleibst immer dem Lieblichen nach. Der kleine Gesang. Wenig sprachst du, Erinna, und deine kleinen Gesänge Sind unsterbliche es deckt nie sie dcr Fittig der Nacht: Jndeß Myriaden unendlichschwätzcnder Sänger Schon der Moder benagt und die Vergessenheit drückt. I. Blumen Ä4 O ein kleiner Gesang des Schwan's, er tönet vor allem Wilden Kranichgeschrei, das in den Wolken vrrr hallt. Auf ein Bild der Sappho. Sinnend sitzest du da, du Biene süsser Gesänge.; Sehet im Bildnis noch tragt sie zusammen eis Lied. Ae sc ulap und Plato. Aiveen Aerzte verlieh den kranken Menschen Apollo, Einen dem sterblichen Leib', Einen dem ewigen Geist, Aeskulap und Plato. Du lebst, o Stifter des höchsten Staates*), nun in ihm selbst, oben im Reiche des Zevs. *) Anspielung auf die idealische Republik des Plato. ans der griechischen Anthologie. 4S E p i k t e t. Ich,war Epiktetus, ein Knecht und hinkend am Fuße; Arm wie Jrus, und doch waren die Götter mir hold. E r i n n a. Sehet die emsige Biene, die auf den Auen der Musen Jegliche Blüthe besucht, unsre jungfräuliche Braut Raubt der Tod sich zur Gattin. Das weise, liebliche Mädchen Seufzte: „muß ich hinab? O du beneidendes Grab." Die U n getr ennte n. Heil euch, tapfere Männer, ihr glücklichen Freunde! Patroklus Und Achill.es, auch jetzt noch in der Asche vereint. Mutter des allcrquickcnden Weins, jungfräulicher Wein stock, Und der Rebe, die sich kräuselnd in Ranken erhebt , Winde dich, zart Gewächs, rings um Unakreons Grabmal Reich an Trauben, und klimm' oben zur Säule hinan. Daß der trunkene Sänger des Weins auch unten die lange Nacht sich kürze mit nie'- schweigendem Eitherge- sang Von der Liebe Bathylls, daß der zur Erde gesunkne Greis zum Haupte sich noch glänzende Trauben ersetz Und mit dem labenden Thau sich netze, der von der Lipp' ihm Einst so holden Geruch süsser Gesänge verlieh. Das Todtenopfer. Thronen bring' ich dir dar zum traurigen Todtcn- opfer Unter der Erde, wo du, Heliodora, nun wohnst; Bitter-rinnende Thränen, das letzte, was Liebe dir geben, Was im Grabe dir kann geben ein bangendes Herz: aus der griechischen Anthologie. 47 Tenn ich klage dich schwer, 0 schwer betrübet, indeß du, Süsse Schattcngestalt, unter den Tobten nun wohnst, Mir entrissen. Wo bist du schone Sprosse? wer hat mir Deine Blume geraubt ? ach, der entstellende Staub. Nun so fleh' ich dich an, du allcrbarmende Mutter Erde, die sanfteste Ruh gönn' ihr in deinem Schoos. Die Insel der Liebe. Manche der Inseln nahm, statt ihres, den Namen der Menschen An und pflanze damit sich in des Ruhmes Gerücht. Insel, nenne du dich fortan die Insel der Liebe. Nemesis zürnt dir nicht, daß du den Namen erwählst: Denn den du verbirgst, an deinem heiligen User, Ihm gab die Liebe Gestalt, wie sie den Namen ihm. gab. Deck' ihn sanft, 0 Erde, den holden Knaben der Liebe, Und ihr Wellen, berührt leise sein ruhiges Grab. Das Grab eines Landmanns. Gütige Mutter Erde, nimm leicht und freundlich den alten Guten Amyntichus auf, der dich im Leben geliebt : Denn er schmückte dich unverdrossen mit emsigen Händen; Fluren von Del und Wein kränzten sein friedliches Haus: Reiche Staaten der Ceres und milde Gewächse belebten Seinen Boden, den Er tränkte, mit frohem Genuß. Darum decke nun sanft den grauen Scheitel und laß ihm Dankbar über dem Haupt Krauter und Blumen blühn. Die Grille. Gute Grille, die mich um meine-sehnenden Sorgen Oft schon tauschte, mir oft brachte den tröstenden Schlaf, Ländliche Muse, wohlauf! schlag' an die hallenden Flügel, Werd' eine Leier dir selbst, singe was Liebliches aus der griechischen Anthologie 49 Das den Kummer verjage, der mir so lange den Schlaf raubt; Auf! und erwecke den Ton, der mir das Schncn entnimmt, Meiner Liebe Schncn. — Ich will auch mit grünenden Knospen Dich beschenken; dich soll tranken der zarteste Thau. Erklärung der Liebe. Und wie lange denn flichn sich unsre Blicke? Wie lange Senden wir immer sie nur trunken-verstohlen uns zu? Laß uns sprechen! Die Liebe will offne Seelen. Und stört uns Ein hartherziger Mann, der uns die Sprache verbeut ; O so bleibet uns ja ein Mittel. Laß uns vereinet Sterben. Liebe - vereint leben und sterben wir süß. Die Ungenannten. Wißt! Ich lieb' und werde geliebt und küß' und genieße — Aber wer? und bei wem, wisse die Göttin allein. Herders Werke z, schön. Lir. u. Kunst. X. D I-tr, §o I. B l u m e n ^ Die Sängerin. Beim arkadischen Pan! Zenophila, lieblich entzückend Klingt dein goldenes Spiel, singet dein zarter Gesang. Wohin soll ich? Von Grazien rings und Musen umgeb.n, Weiß ich nirgend zu fliehn, weiß ich zu athmcn nicht mehr. Und dann blick' ich dich an: der Blick wird Feuer: ihr Amors, Musen, Grazien, rings-ringsum verzehret mich Glut. Zolles und Nichts. Schau' ich den Thercn an, so seh' ich, was ich nur wünschte; Schau' ich ihn nicht; o wie ist mir dann AllcS ^ ein Nichts. Die weinende Rose. Schenke mir ein, und ruf', ruf' nochmals: Helio- dora! Mische den Namen süß-klingend zum fröhlichen Wein. aus der griechischen Anthologie. 5r Setze mir auf den Kranz, der noch von den gestrigen Salben Duftet; es gab ihn mir ihre holdselige Hand. Doch sieh' da! es weinet an ihm die Rose der Liebe — Gute Rose, du weinst, daß mir die Liebliche fehlt. Das Auge. Alles lieb' ich an dir; nur nicht dein lachendes Auge: Warum freuet es sich, Chloe, nicht einzig an mir? Die badende Venus. Götter, ich wußt' es nicht, daß hier die reizende Venus Badet. Siche, da fließt nieder-ihr seidenes Haar Längs dem Rücken. Verzeih, o Göttin, zürne dem Auge Des Unschuldigen nicht, der dich hier nacket ge- sihn. Aber cs ist nicht Venus; es ist Nhodoklea; wie reizend Bist du, Mädchen! Du hast Venus die Schöne geraubt. I. ,B 1 u m e n 5z' Das Bad der Grazien. Grazien badeten hier; hinzu schlich Amor und haschte ^ Zhnen die Kleider; beschämt baden sie immernoch hier. Die Göttergestalt. O Praxiteles, o Polyklctus, seyd ihr gestorben? Lebet denn nirgend mehr Eure belebende-Kunst? Dieses duftende Haar der Melite, die strahlenden Augen, Ihre Göttergestalt Einem Altäre zu wcihn — Bildner, Künstler, wo seyd ihr? Das schönste Men- schcngebilde Kam vom Himmel, um uns Paphia selber zu seyn. Auf das Bild der Venus. Bon Praxiteles. Nicht Praxiteles hat dich, Aphrodite, gebildet; Wie du hier stehest, so standst Du vor dem Paris einst selbst. aus der griechischen Anthologie. 53 Das Meer der Liebe. Wohin ziehest du mich, du sanft hinschwimmendcs Auge? Ach du ziehest mich hin auf ein gefährliches Meer! Wild sind die Wellen der Liebe: die Stürme der . Eifersucht brausen Schrecklich; es walzet das Herz Wogen auf Wogen hinan. Und doch muß ich! Sie ziehen mich hin, die fliessenden Schimmer; Gute Götter, ich soll Strudel und Klippe noch sehn. P o l y r h e a. Drei sind der Huldgöttinnen und zwo Göttinnen der Liebe, Zehen Musen; in dir, Myrtho, sind glle vereint. Auf ein Bild des Amors. Sehet den mächtigen Gott, den unentweichlichen Amor Hier im Siegel; er hält wüthcnds Löwen im Zaum: 54 I. Blumen Und mit der andern Hand schwenkt er statt Gcisscl die Fackel Und viel Grazie lacht rings um das schone Gebild'. Menschentödtender Gott, mich schauert! wenn du die Löwen Also zähmest; wie wird's menschlichen Herzen ergehn? Das verschwiegene Lob. Schön bist du, o Geliebter, der schönste! — Aber warum dies Sagen? Ich wiß' cs allein, daß du der schönste seyst. Das Grabmahl der Brüder. Zween Brüder, Letous und Paulus lcbcten beide Nur Ein L.be«; sie deckt nun auch ein brüderlich Grab. Leid und Freude trugen sie gleich: sie giengen zusammen Ins Bosporische Meer »nd der Proscrxina Reich. Lebet wohl, ihr süßen einträchtigen Seelen! das kn sie . Dcnkmahl auf eurer Gruft wäre der Eintracht Altar. «us der griechischen Anthologie. 55 Die Thränen. Unter den Todtcn beweint ein jeder die Seinen; um Dich weint Klevn, die Stadt und das Land; aber die Freunde noch mehr. Mutter und Kind. Meine Theone beweint' ich herbe; doch ließ sie Ihrer Grazie Bild mir noch zum lindernden Trost, Unscrn Sohn; auch diesen hat mir die Parze geraubet ; Auch du hast mich getauscht, freundliches, tröstendes Kind. Göttin des Todtenrelches, o hör' dje Thrane des Vaters, Lege der Mutter das Kind sanft in den zärtlichen Schoos. » Das Bild der Geliebten. Meine Theodore; sie ist es lebend. O Mahler, Hältst du gcfchlcl! Ihr Bild tauscht mich nun immer mit Schmerz. S6 I. Blume n. Dir Ungetrennten. Heliodorus starb und st ine treue Geliebte Diogcnia aieng Eine Stunde nach ihm Liebend hinab, wo jetzt den Hymcnaus sie singen Und hier beide vereint zieren das bräutliche Bett. Das Grab der Ehegatten. Wanderer, diestS hat sich Agcnor erbauet, Daß er in ihm einst sanft ruhe vom Leben aus : Er und seine getreue Kallipodia. Das Grab wird Ihnen im Tode noch heiliges Ehebett styn. Das Gute des Lebens. Wer könnt' ohne den Tod dich fliebn, o Leben? Du hast zwar Tausend Uebel, und sie meiden und tragen ist schwer. Aber du schenkst uns auch viel schone Gaben, die Sonne, Meer und Erde, den Mond und die Gestirne der Nacht. Freilich ist Alles sonst voll Furcht und Schmerzen. Es schleichet Jedes Glückes Genuß immer di? Nemesis nach. aus dcr griechischen Anthologie. 5 ? T o d e s f r e u d e. Freuest du dich des Todes von deinem Gesellen; ein andrer Wird des Deinen sich sreu'n; alle gehören wir ihm. Das Alter. Schwer zu ertragen ist's, das greise Alter; indeß gcht's Leise vorüber und löscht leise die Sinnen uns aus: Kommt unsichtbar und macht, was jetzt wir sehen, unsichtbar; Ungesehenes kommt, Morgen für Morgen, ans Licht. O des Menschenlebens in Wogen zerfließende Wogen ! Tage nach Tagen, sie gehn sanft in das Bette dcr Nacht. Der frühe Tod. Weine du nicht, o Mutter, daß ich zu frühe gestorben; Kurzes Leben ist ja kurzes verschwundenes Leid. 53 I. Blumen Die Schifffahrt. Eine gefährliche Schifffahrt ist der Sterblichen Leben: Oft crgr.iset der Sturm unser gebrechliches Schiff, Und das Glück am Rüder, es lenkt uns hieher und dorthin: Zwischen Hoffen und Furcht schweben wir wechselnd umher. Der hat glückliche Fahrt; unglückliche dieser, und alle Nimmt Ein Hafen zuletzt unter der Erde uns auf.. Die Guten. Suchst du den Sayn unter den Tobten? Wo immer er feyn mag; tlnttr den Glücklichen dort ist der Rechtschaffne gewiß. Der O e l b a u m. Pallas Staude bin ich; was schlingt ihr, trunkene ^ Trauben, Euch um die Jungfrau? Ich — flieh auch im Bilde den Rausch. aus der griechischen Anthologie. 59 Der erstorbene Ulm bäum. Mich den erstorbenen Ulm umkleidet jetzo die grüne Rebe, die ich erzog, als ich noch grünte wie sie. Jetzt leiht sie mir Blätter. O Wandrer, thue dem Freunde Gutes; es lohnet dich einst noch in dem Grabe mit Dank. Viertes Buch Hellas. Wie die Blumen die Erd' und wie die Sterne den Himmel Zieren, so zieret Athen Hellas, und Hellas die Welt. Home r. Zeiten Hinab und Zeiten hinan, tönt ewig Homerus Einiges Lied; ihn krönt jeder olympische Kranz. Lange sann die Natur, und schuf; und als sie ge- schaffen, , Ruhete sie und spräche „Einen Homerus der Welt!" S a p p h o. Sappho ist mein Name: ich habe die Weiber besieget Mit Gesänge, wie euch Männer Homerus besiegt. aus der griechischen Anthologie» 61 P i n d a r. Wie die Tuba den Klang der kleinen ländlichen Flöte Ucbcrtönet: so tönt, Pindar, dein hoher Gesang Ucber alle Gesänge. Vergebens trugen die Bienen Dir, dem Kinde, nicht schon Honig im Schlummer herbe»: Selbst der manalische Pan vergissct seine Gesänge, Singt statt ihrer anjetzt, Pindar, dein heiliges Lied. Auf Jup iters Bildsäule. Bon Phidias. Dir entweder ist Zevs vom Himmel hernieder gestiegen; Oder du stiegest hinauf, Künstler, und sähest den Gott. Plato. Süsser, attischer Mund! Von allen Griechen die schönste Rcdncrblumc! wie Du blüht keine schönere mehr. 62 I. B l u NI e n Denn du echobst, o Plato, den Blick zum Himmel und lehrtest Gott uns, lehnest uns Tugend und Sitten und Recht, Mischtest Samische Weisheit zum holden Sokrat'i- schcn Becher, Gabst der erhabensten Muse die schönste Gestalt. Der Sternseher Ptolemaus. Sterblich bin ich und kurzes Lebens; doch wenn ich der Sterne Bahnen mcß' und zähl' ihre gedrangete Zahl, Dann berühret die Erde mein Fuß nur; unter den Göttern Reichet mir Jupiter selbst seinen unsterblichen Trank. Pythagoras. Lernt, o Menschen, die schwerste Klugheit, stille zu schweigen, Lernt vom weisesten Mann, diesem Pythagoras, sie Der wohl wußte zu reden und dock) im Schweigen das größte Stärkungsmittel zur Ruh' und zur Zufriedenheit fand. «us der griechischen Anthologie. Die Spartanerin, Als die spartische Malter den Sohn entflohen dem Treffen, Waffcnbcraubet sah, stieß sie das Schwerdt ihm ins Herz, Sprach: Ich habe dich nicht, dich hat nicht Sparta gebohren! Lieber Söhne-beraubt, als den Entflohncn zum Sohn. Als aus Ilions Brande der Held Aeneas den alten Vater errettend trug, sich eine hcüige Last; Rief er den Griechen: „schont! Dem Kriegesgott Schlechte Beute; dem Sohn ist er das reichste Das Grab Kallimachus. Vater und Sohn Kallimachus ruhn im rühmlichen Grab' hier; Jener durch Waffen der Schlacht; dieser als Sänger berühmt. Aeneas. ist der Greis hier, Geschenk." I. B l u ni e n 64 Nemesis zürne nicht. Wen Einmal die Musen ersahen , Bleibt bis zum meisten Haar ihnen ein zärtlicher Freund. Ä l a 8 A 0 fl. Hier Hab' ich der Enkel den Vater Rias begraben, Welchem der Jahre Schnee lange schon deckte das Haupt. Feurig redet' er noch für den Freund !und legte sein Haupt mir Sanft in den Schoos und entschlief, schlummernd dem ewigen Schlaf. Ajax im Grabe. Als an Aja,s Grabe der feige Phrygier prahlend Stand und höhnete; trug's Ajas im Grab auch nicht. Schrecklich rief er herauf vom Todtenreiche. — Der Feige Bebte dem drohenden Ruf eines Erschlag'ncn und floh. Das auS der griechischen Anthologie. 65 Das Grab der Familie. Sich und seiner Gattin und seinen Kindern erbaute Mich Androtion; noch sieh' ich ein wartendes Grab. Mög' ich es lange noch scyn; doch schlagt die Stunde des Abschieds, Wünsch' ich den Aelteren mir stets vor dem Jüngern voran. Die schöne Fichte. Wanderer, laß dich nieder an dieser Fichte. Du hörest Hoch im Wipfel des Baums spielen der Lüfte Gesang; Und dort rauschet die Quelle, wo Pan gern flötet; er wird dir Bald mit ruhigem Schlaf schließen die Augen zu. Auf eine steile Höhe. Hier von dfr grausen Höh' hing unvorsichtig ein Kind einst Fast schon fallend hinab; siehe da schlich ihm nach Seine Mutter und bot ihm die Brust und lockt' cs zurückc. Gute Mutter, die ihm zweimal das Leben geschenkt. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. X- E Ur-'ecL. I-ie. 66 I. Blumen Der Markt des Lebens. Staune nicht an den glänzenden Markt des menschlichen Lebens; Doch versäum' ihn auch nicht! Kaufe, was kaufen du kannst. Und erharre der Zeit: sie ist die Göttin des Armen, Was man heut theuer erkauft, giebt sie dir morgen umsonst. Das Gebet. Jupiter, Gutes gieb mir und wenn ich auch nicht darum bäte; BöseS wende von mir; fleht' ich auch sehnlich darum. Das Grabmal der Ehegatten. Wanderer, eile nicht! geh' nicht mit Schaudern vorüber: Denn nichts Trauriges schwebt hier um dies ruhige Grab. Kindeskinder sah ich : mein liebes einziges Weib ward Alt mit mir und sie schlaft hier an der Seite bei mir. Dreien Söhnen gaben wir Bräute, wir wiegeten fröhlich Ihr aufblühend Geschlecht auf dem verjüngenden Schoos, aus dcr griechischen Anthologie. 67 Keines Tod beweinend, und keines Throne bedauernd, Bis wir des Lebens Gemrß tauschten mit ruhigem Schlaf. Das mittlere Loos. Nicht im Sturme besuch' ich das Meer; auch sollen mich seine Spiegelwellen nicht mehr locken in Todesgefahr. Allenthalben ist mittleres L00S dem Menschen be- schieden, Maas in Freuden und Leid lieb' ich als einziges Glück. Lieb' auch Du es, 0 Lampis , und fleuch den Sturm wie die tobte Meeresstille; der West hauche dein Schiff in den Port. Jugend und Alter. Ach der fröhlichen Jugend! und ach des traurigen Alters! Jener, daß sie so flicht; dieses, daß es so eilt. 63 I. Blume u Die Spartaner. Im Lcthaischcn Kahn ^ah Pluto kommen dreihundert Krieger auf Einmal: still landeten alle sie an. „Das sind Sparter, sprach er: sie tragen die blutenden Wunden Keiner im Rücken, all' in der beherzten Brust. Ruht mm, Tapfere; satt des Krieges! Ruhet in meinem Schlaf aus, Männer des Mars, unüberwundenes Volk." .Timokritus Grab. Dieser Hügel bedecket den tapfern Timokritus: o daß Mars der Feigen so oft, selten der Tapferen schont. D e m o k r i t u s. Wer ist dieser Weise? Der weise Dcmokritus ist es, Der die weite Natur forschte und forschend bezwang. Selbst den dringenden Tod — drei Tage hielte der Greis ihn Bei sich auf und ernährt' ihn mit gastfreundlicher Kost. *) *) Demokritus, der den Lag seines Endes vorausgesagt harte, und noch gern seiner entfernten ans der griechischen Anthologie. 69 Natur des Menschern Wäre des Menschen Natur je der Unsterblichkeit fähig; Sch'st du den edlen Kleant hier nicht im Grabe verscharrt. Die Henne. Liebe Henne, du triefest von Schnee und himmli- ' scher Kalte, Jndcß immer du noch mütterlich wärmest das Nest. Seht, sie ist schon erstarrt und deckt mit schützenden Flügeln Auch im Tode die ihr zärtlich geliebcte Brut. O ihr Menschenmüttec im Schattenreiche, Mcdea, Progne, erröthet ihr nicht, wenn euch der Vogel erscheint? Haus und Vaterland. Haus und Vaterland sind Lebens-Reize; die andern Sorgen der Sterblichen sind Mühe, nicht Leben mehr. Schwester, die nicht eher zu ihm kommen konnte die Freude, ihn zu sprechen, gönnen wollte, erhielt sich noch drei Lage durch den Geruch des Brodeß und starb sodann in ihren ?lrmen. 7» I. Blumen Grab einer Tochter. Meine Tochter, so muß ich dir denn mit traurigen Händen Statt des bräutlichen Betts zieren ein dunkelcs Grab. Zwar du bist dem Leben und seinen Schmerzen entronnen, Da du als Jungfrau starbst; aber uns lassest du Schmerz. Unsere Tochter! die holde, zwölfjährige, zärtlich an Reizen Wie ein unschuldiges Kind, aber an Tugenden alt. Der Ausgang und Eingang des Lebens. Nacket kam ich und nackt geh' ich einst unter die Erde; Nackt von hinnen zu gehn, braucht cs wohl Kummer und Leid ? Auf eine -Schöne, die im Nilstrom badete. Als der Schönheit Göttin dich in den Wellen des Nilstroms Schwimmen sähe: „Wer giebt, rief sie vom Himmel herab, aus der griechischen Anthologie. 71 Wer gicbt ohne den Samen ?der Himmlischen dort eine neue Venus der Erde? Du, kühner ägyptischer Strom?" Auf einen pantomimischen Tänzer, der die Rolle des Bacchus ranzte. O Dionysus, wärest du einst im Olympus erschienen, Wie mit bezaubernder Kunst Pylades cheut dich getanzt; Juno hatte gerufen, den Haß in Liebe verwandelt: „Ich bin Mutter, nicht du Semele! Bacchus ist mein!" Das Bild der Gerechtigkeit, im Gerichrssaalc. Gute Gerechtigkeit, warum denn stehst du so traurig Hier? „Weil eben ich hier unter den Frevlern steh'." M y r 0 n s Kuh. Kalb, was suchest du hier an meinen Brüsten und blockest? Milch verlieh sie mir nicht, Myrons erschaffende . Hand. 72 I. Blumen Auf eine Quelle, die Olympias hieß. Alexander, der Held, trank meine Welle. Sie dünkt' ihm Milch der Mutter. Zum Lohn nannt' er Olym- pias mich. _ ^ Die Jungfrau auf Sophokles Grabe. „Wanderer, dies ist Sophokles Grab; ihm setzten die Musen, Deren Priester er war, seiner Unsterblichkeit Bild, Eine heilige Jungfrau. — Mir, die sonst nur auf grünen Sträuchen tanzete, mir gab er die goldne Gestalt, Zog den leichten Purpur mir an; und seit er gestorben, Fencrt vom Tanze nun mein sonst hüpfender Fuß." (Der Wanderer.) Glückliches Loos des Mannes! Was will denn aber die Locke, Die in der Hand du hältst? Welcher Bedeutung ist sie,? (Die Jungfrau.) Laß sic, wenn du Antigone liebst, der Antigone Locke, Oder Elektra's seyn. Beide sind Gipfel der Kunst. aus der griechischen Anthologie. Auf die Bildsäule des Damostratus. Wenn den Sinopischen Damostratus Du kennest durch das rühmende Gerücht, Wie sechsmal er am Isthmus Kranze trug, So schau' ihn hier im Bilde. Nie hat fallend Der schöne Rücken je den Sand berührt. In seinem Löwenantlitz sich wie noch Die tapfre Streitgier kämpft. Es ist als spräche Das Erz: o ließe dieser Platz mich los; Den siebenten der Kranz' errang' ich mir. Die Tugend ohne Denkmal. Die in des Todes Schlummer als Tapfre gingen, erhielten Statt der Säule, den Lohn neuer verjüngeter Kraft. Der Spieß des Achilles. Diesen Spieß, den Achill mit Hektars Blute ge- röthet, Stahl Ulysses. Umsonst! Jthaka sollt' ihn nicht sehn. Wellen im Schiffbruch rissen ihn fort, zum Grabe des Ajas Trugen sie ihn: das Grab klang von den Wellen und sprach: „Schläfst du, Telamons Sohn? Hier ist der Spieß des Pcliden! Was dir die Griechen geraubt, giebt dir Poseidon zurück. " Die Vergeltung. Tapfrer Löw', ertrage! Du hast schon vieles ertragen. Glaub's, kein Frevel geschieht, den nicht die Rache vergilt. L e o n i d a s. Als der große Leonidas nun, ein williges Opfer, Unter den Todten erlag, sah ihn der Perfer- monarch: Eilig warf er auf ihn den Purpurmantel. — Der Todte Hob sich murrend und sprach: „Fleuch und entehre mich nicht Mit dem Lohn, der Verrathern gebührt. Mich ziert bei den Todten Dieser Schild nup; ich geh' wie ein Spartaner hinab." aus der griechischen Anthologie. " Auf das Bild eines Richters. 75 Bild von Holze, wer bist du? Ich bin der nimmer bestochne Ptolemäus; ich mag auch im Gebilde kein Gold. Auf einen Helm, den ein Freund dem andern geschenkt hatte. Ich der glückliche Helm, den doppelte Grazie schmücket, Freunden ein holder Blick, Feinden ein sukcht- bares Erz^ War des Palamons Helm, jetzt bin ich Piso's. Ein andrer Scheitel ziemet mir nicht, wie ich nicht zieme für ihn. Bund der Freundschaft. Unsrer Freundschaft, Drest, der großen ewigen Freundschaft Kleines Denkmal sev dieser erinnernde Stein. Immer will ich dich suchen; und du auch unter den Tobten, Trinke ja über mich nie den lethaischcn Trank. 76 Fünftes Buch. An die Nachtigall, die eine .Cicada davon trägt. Attische Sängerin, wie? Philomele, du Honiggenährte, Eine Eicada trägst du für die Jungen ins Nest? Raubt die Geflügelte, raubt der singende Bote des Frühlings Eine Geflügelte, die mit ihr den Frühling besang? Nachtigall, laß die Arme! Sie ist eine Fremde, wie du bist: Keinem Sänger Apolls ziemet des Anderen Mord. Das Opfer der Zugend. Diese Locke der Jugend und diese frohe Eicada Hat Kallisthcnes euch, glänzende Horen, geweiht. I. Blumen aus der griechischen Anthologie. 77 Frisch, wie der Morgen, leuchtet der Jüngling. Schone Göttinnen, Wie die Jugend ihm jetzt, sei) auch das Alter ihm süß. Der Tanz. Kommt, ihr Lesbischen Mädchen, zum Hain der prangenden Inno, Fliegt mit fröhlichem Fuß, schlinget die Hände zum Tanz. Sappho tanzet euch vor mit goldner Leyer; es wird euch Wie der Kalliope Lied dünken ihr süßer Gesang. Der Kranz von Lilien und Amaranth. Diesen grünenden Kranz von unverwelklichem Laube, Diese Lilien, weiß wie der gefallene Schnee, Mutter der Liebe, weihen wir Dir, die mit sitli- ger Unschuld Und' mit unsterblicher Treu unsere Herzen geknüpft. ' 78 I. B l u m c n Das süße Finden. Süß wie dem durstenden Wandrer in Mittagshitze der Quell ist; Süß wie nach Wintergcfahr Schiffern das blumige Land; Also und lieblicher noch ists , wenn nach langer Entfernung Glückliche Liebe zwei sehnende Seelen vereint. Der Frucht bäum. Beneidet mir, ihr schönbelaubten Fruchtlosen Baume, meine Früchte nicht. Seht wie zerrissen ich an Zweigen bin! Nicht meiner Kinder nur beraubet, auch An Gliedern krank: denn ach! wie selten weiß Der, welcher Früchte sucht, zu brechen sie! Der Bock und der Wcinstock. Nagender Bock, du benagst mich bis zur Wurzel. Und dennoch Bleibt in der Wurzel mir Saft, der dich als Lpfer besprengt. aus der griechischen Anthologie. 79 Die unreif abgerissene Traube. Welche verwegene Faust, du Wein - ernährende Traube, Evius junges Kind, riß von der Rebe dich ab? Und da du ihm die Lippe zusammenzogest, so warf er Dich als Gräuel dem Fuß irrender Wanderer hin. Nie sey Bacchus ihm hold! dem Frevler, der wie Lykurgus Wachsende Fröhlichkeit mitten im Reifen erstickt, Der es dir nicht vergönnte, den Kelch der Freude zu füllen, Oder bei Freundes e Gesang' Herzen zu trösten im Gram. Die Hirtenflöte im Tcmpbi der Wenns. Ländliche Flöte, was thust du hier in der goldenen Cypris Pallast, wo du verstumsiit, eine Verachtete hängst? Hier sind keine Gebirge, noch wiederhallende Thale, Amor und Wollust nur tanzen und buhlen umher. Kehre zurück, Verirrte, zurück zur Aue des Hirten : Töne der Unschuld freu'n nur ein unschuldiges Herz. Willst du reich in der Armuth fcyn: so zähle dein Schaaf dir Für eine Heerde, genug, wenn cS dich fröhlich ernährt. Der neue Ankömmling.' Freunde, gen Rom ist neulich ein fremdes Mädchen gekommen, Cypris Tochter; sie ward, seit sie die Mutter gebar, Zart in Windeln erzogen, in Purpurwindeln. Ihr Auge Blickt, wie die Sehnsucht süß, sanft wie der Schlummer, umher. Aermchen hat sie wie Milch, so weich, so weiß und so niedlich; Auch kein Knöchelchen fühlt sich an der Zärtlichen durch. Wie Alcyone kommt, des Meeres Stürme zu stillen, Kommt nach Schlachten, o Nom, dir — die verzärtelnde Ruh. aus der griechischen Anthologie. 8» Die Erfindung der Wassermühle. Laßt die Hände nun ruhn, ihr mahlenden Mädchen und schlafet Lange; der Morgenhahn störe den Schlummer euch nicht. Ceres hat eure Mühe den Nymphen künftig empfohlen, Hüpfend stürzen sie sich über das rollende Rad, Das mit vielen Speichen um seine Achse sich wälzend, Mahlender Steine vier, schwere, zermalmende treibt. — Jetzt genießen wir wieder der alten goldenen Zeiten, Essen der Göttin Frucht ohne belastende Müh. Der warme Quell. Unter dem Ahorn hier lag einst in lieblichem Schlummer Amor: die Fackel lag neben die Quelle gesenkt. Siche, da sprachen die Nymphen: „was sollen wir khun mit der Fackel? Löschen wollen wir sie! kühlen der Sterblichen Herz!" Und sie tauchten sic nieder; da mischten sich Wellen und Liebe; Liebende Nymphen, ihr strömt selber nun wallende Glut. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. X. F VrkecL.Irt, Nymphen, Apoll und Bacchus, die Grazien, Amor und Cypris Schwuren einander: dies Bad sey uns auf immer gemein. Wein und Wasser. Als Dionysus einst aus Jupiters Flammen ans Licht sprang, Wuschen die Nymphen ihn freundlich am kühlenden Quell; Und noch liebt er die Nymphen und wird mit ihnen so milde; Ohne der Kühlenden Bad ist er ein brennender Gott. Die schüchterne Baccha. Seht die schüchterne Baccha! Wie wenn den Cym- bel zu schlagen Sie noch Schülerin sey, senket sie nieder den Blick. Gleich als spräche sie uns: „verlaßt, ihr Freunde, den Tempel, Nur wenn allein ich bin, üb' ich mein klingendes Spiel." aus der griechischen Anthologie. tzS Der besiegte Herkules. Herkules, sprich: wo hast du die Haut des Nemei- schen Löwen? Wo den goldenen Zweig? wo den ertödtenden Pfeil? Wo ist deine Gestalt? Du sitzest niedergeschlagen: Kummer und Leiden scheint dir in das Auge ge; mischt. < Sage, wer hat dich bezwungen und deiner Waffen beraubet? Wer vermochte die That? „Paphia's listiger Sohn." A r i s t o p h a n e s. Einen Tempel der nimmer veralte, suchten der An- muth Schwestern und fanden ihn — in Aristophanes Geist. S a p p h o. Ob du anjetzt, o Sappho, den liebenden Jünglingen Liebe Singst und zärtliche Glut hauchst in der Horchenden Herz; Oder am Helikon jetzt mit den Musen höhere Lieder Dichtest, Aeoliens liebliche Muse du selbst; F 2 8^ I. B l u m e n Oder daß du mit Hymen anjetzt beim fröhlichen Brautbett Stehest und schwingst mit ihm jauchzend die Fackel empor; Oder daß mit der Paphia du den holden Adonis Klagest, den blühenden, ach! frühe verblüheten Zweig. Wo du auch seyst, Unsterbliche, sey mir gegrüßet. Du hast uns Töchter gegeben, die auch wie die Unsterblichen blühn. *) Anakreons Grab. Dessen innerstes Herz von Smerdia's Liebe geschmelzt war, Du einst König und Freund jeder geselligen Lust, Musengeliebtcx Anakreon, der um seinen Bakhyllus Oft mit. dem fröhlichen Wein sehnende Thränen gemischt; Quellen müssen Dir noch im Todkenreichc vom süßen Nektar strömen und Dir bringen der Seligen Trank. Veilchen müssen'Dich dort und Zephyr-liebend« Blumen Kränzen, rin Myrthenkranz, sprießend im zartesten Thau; Daß du auch bei Proserpinen noch im trunkenen Tanze Fröhlich die liebende Hand um die Curipyle schlingst. *) Ihre Lieder. aus der griechischen Anthologie. Lii Amors Abkunft. Wundert ihr euch, daß Amor den Herzen brennende -Pfeile Sendet, und auf euch stürmt und der Verwundeten lacht? War nicht seine Mutter des Kriegesgottcs Geliebte? Nicht des Vulkanus Weib? Also mit Flammen und Schwert Gleich vertraulich. Und ihre Mutter, das stürmende Meer, brüllt Wilde; den Vater kennt keiner der Sterblichen ja. Also Vulkanus Weib, des Meeres Tochter, des Mavors ! Buhle, sie liebt auch im Sohn Flammen und Wunden und Sturm. Der bekränzte Amor. Knabe, wo ist dein Bogen? wo deine traurige Fackel? Wo das böse Geschoß, das uns die Herzen durchbohrt ? Wo die Flügel? Du stehst mit zween Kränzen in Händen Und am Haupte bekränzt; Knabe, wer schmückte dich so ? „Wiß', o Sterblicher, dann: kein Sohn der irdischen Venus Bin ich: ich bin nicht der, der euch mit Quasten ereilt 86 I. B l u m e n Und entfliehet. Ein Kind der reinen himmlischen Liebe Werf' ich Flammen in euch, die euch zum Himmel erhöhn. Darum trag' ich die Kranze, der Tugend Blüthen, in Händen, Und ihr heiligstes Laub, Weisheit j/umkranzet mein Haupt." ^ Die stillen Zeugen. Heilige Nacht und du, du unsrer Liebe Vertraute, Stille Lampe! ich ruf' beide zu Zeugen euch an, Euch zu Zeugen des Schwurs, den wir einander uns schwuren, Er mir ewig getreu, ich cs ihm ewig zu seyn. Ach! und er brach sein Wort. O heilige Nacht und du leuchtest, Lampe, du leuchtest ihm noch jetzt in der Buhlerin Arm? Der doppelte Pfeil. Amor, ein Gott bist du, wenn du mit doppeltem Pfeile Zwei verwundest; ein Schalk, wenn du mit Einem nur triffst. «us der griechischen Anthologie. 87 Der schlummernde Amor. Schläfst du, Amor? 0 du, der sterblichen Menschen den Schlummer Raubet und ihnen so oft Nachte voll Sorgen gewahrt; Schläfst du? — Nein! ich rühre nicht an diebrennende Fackel, Rühre den Bogen nicht an und den gefiederten Pfeil. Wag' es ein anderer; ich scheu' auch den schlummernden Amor, Wenn er im Traum auch nur meiner unfreundlich gedenkt. Der brennende Strahl. Schöner, leuchtender Jüngling! doch ach, ich fürchte die Strahlen Deines Lichtes; zu bald werden sie Flammen in uns. Die Morgenröthe. Freund, was sollen die Thränen, die über die Wange dir schleichen? Was soll schweigender Gram hier an dem Becher der Lust? 8S I. B l u m e n Bist du der Einige dann, den trügende Liebe gekränkt hat? Du der Einige, den Amor mitQuaalen belohnt? Trink' und vergiß des Grams. Bück' auf! Dort , steiget Aurora Aus den Wellen; wer weiß, ob wir den Hespe- rus schau'n. Die einseitige Liebe. Kenntest mit Einer Flamme du nicht zwei Herzen entzünden, Liebe, so nimm sie auch mir oder verbrenne, mich ganz. Die Nachtigall. Weinst du noch immer, o Freundin, um deine vergangenen Leiden? Oeffnest immer dir neu deine verwundete Brust? Nachtigall, laß die Klage. Wir Sterblichen selber vergessen Gerne des alten Grams, bis uns ein neuer be- - rückt. aus der griechischen Anthologie. 89 Liebe und Hoffnung. Süße Liebe, der Hoffnung Schwester; aber verzeih' mir;1 Holde, wenn Hoffnung mir dennoch die süßere ist. D e r A c k e r. Achamenides hatte mich einst; jetzt bin ich Menip- pus Acker; in kurzer Zeit bin ich in anderer Hand." Jeder nennet mich sein und glaubt, daß Ihm ich gehöre, Und ich gehöre doch nur Einem, dem wechselnden Glück. Das Gold und der Strick. Gold lag hier begraben; ein Dürftiger, der in Verzweiflung Sich schon knüpfte den Tod, fand das begrabene Gold, Nahm's und vergaß den Strick, den er zum Tode sich knüpfte^ Du, der das Gold begrub, such' es und finde den Strick. Du, der Proserpina Bote, wer ist es, den du, o Hermes, Schon so frühe der Schaar trauriger Schatte» gesellst? Hermes. Ein sechsjähriges Kind; cs hieß Uriston. Die Eltern Sichst du am Grabe dort weinen und klagen um ihn. Der Wanderer. Lhränenliebender Pluto, dir reist ja Alles, was athmek; Und du mähest die Frucht dir in der Blüthe hinweg. Das Vaterland und seine Söhne. Ilion sank mit Hektor; mit ihm, dem Helden, erlag auch Priamus altes Reich und der Belagerten Glück. So ist Pella mit dir, o Alexander, gesunken: Meiner zieren die Stadt; aber nicht Städte de» Mann. auS der griechischen Anthologie. 91 An Thernistokles und Epikur, beide Söhne Neokles. Heil euch, Ncokliden, ihr Töpfern beide. «Von Knechtschaft Hat der Eine sein Land, Einer von Thorheit befreit. Kaiser Hadrian an Hektars Grabe. Sey gegrüßet, 0 Hektar, und wenn du unter »er Erde Hörst: so athme du neu über dein Vaterland auf. Ilion lebet wieder, die Mutter tapferer Söhne, Zwar nicht Helden wie du, aber doch bieder und kühn. Geh und sag' es Achill: „Die Myrmidonen sind nicht mehr; veber Thessalien herrscht jetzt ein Aeneas-Geschlecht. " Alexander. O Kalliope, schau' den neuen Achilles auf Erden r Send', 0 Göttin, ihm auch einen Homerus hinab. 92 I. D l u m e n Das zerstörte Korinth. Dorische Schöne, wo bist du hin, du hohe Ko- rinthus? Wo ist dein Thurmhaupt jetzt? deine so reiche Gestalt? Wo die Tempel der Götter und deine stolzen Pal- laste? Myriaden von Volk, .Sisyphus altes Geschlecht. Keine Spuren, o Arme, sind von dir übergeblieben ; Alle vcrtilgcte sie wüthend der grausame Krieg. Uns nur schont' er, die Nereiden, Occanus Töchter, Und mit der Welle Geräusch klagen wir immer um dich. Orpheus Tod. Nicht mehr wirst du die Eichen, nicht mehr die Felsen, o Orpheus, Nicht das horchende Wild lenken mit süßem Gesang z Nicht besänftigen mehr der Winde Brausen, des Hagels Schwarzen, wolkigen Zug, an das erzürnete Meer. Denn du bist todt! Es weinen um dich des Gedächtnisses Töchter Alle; doch bitterer weint um dich Kalliope jetzt aus der griechischen Anthologie. Deine Mutter. O wir, wir Sterbliche klagen der Unfern Tod, der selber ja auch Söhne der Götter nicht schont. Die Schifffahrt des Lebens. Willst, o Sterblicher, du das Meer des gefährlichen Lebens Froh durchschiffen und froh landen im Hafen dereinst, Laß, wenn Winde dir heucheln, dich nicht vom Stolze besiegen, Laß, wenn Sturm dich ergreift, nimmer dir rauben den Muth. Männliche Tugend sey dein Ruder, der Anker die Hoffnung; Wechselnd bringen sie dich durch die Gefahren an's Land. Sechtes Buch. Die Bienen. Säuselt hinaus, ihr Bienen, ihr Kinder des Honig» tcn Frühlings, Schwärmt auf Blumen und bringt euren gesamm- leten Thau Uns. Den Sterblichen strömt aus ihren niedlichen Gellen Goldener Strom, ein Quell aus der vcrlebeten Zeit, Wo nicht Hacke noch Karst, wo Pflug und Stiere nicht gruben, Wo die Natur uns selbst Nektar in Strömen verlieh. Fliegt dann, Schwärme dev Luft, ihr Nektar-bereitende Bienen, Zeugen der goldenen Zeit, die ihr genießet und schafft. I. Blumen aus der griechischen Anthologie. Das Geschenk der Liebe. Als Praxiteles einst auch unter die Liede das Haupt bog; Schuf er der Siegerin hier seiner Empfindungen Bild, Diesen Amor. Er nahm aus seinem Herzen die Züge Und gab Phrynen ihn hin, gab ihr zum Lohne den Gott. Dafür lohnte sie ihn mit neuer Flamme. Die Liebe Kennt nur Liebe zum Lohn; Liebe zum Gegengeschenk. Das schönste Geschenk. Holde Göttin, ich weihe dir hier der schönen Gestalten Schönste, dein eigenes Bild. Fand ich ein süßer Geschenk? Der Spiegel der Lais. Als mit den Jahren Lais nun ihre Reize verblühn sah, Als sie das Alter sah kommen auf ihr.em Gesicht, I y6 I. B l u m e n Hastete sie den Spiegel, den Zeugen des kommenden Alters: „Kehre zurück, sprach sie, kehre zur Göttin zurück, Die mich lange geliebt hat! — Nimm den Spiegel, o holde Paphia! Dir nur sind ewige Reize verliehn." Die Würfelspielerin. Reizendes Kind, du spielst auf der Mutter Schooße mit Würfeln; Dreizehn Jahre, so sind Herzen der Männer dein Spiel. Gespräch mit dem Herzen. „Fliehe, sprichst du, mein Herz, o entflieh der Ze- nophila Liebe! Denk', Unglücklicher, denk' an die vergangene Quaal, An die vorigen Thranen." — So sprichst du weise Prophetin; Aber wie dann entflieh»? Warncrin, liebst du nicht selbst? Di aus der griechischen Anthologie. S7 Die gewaffnete Venus. Als die kriegende Pallas die Liebesgöttin in Waffen Sähe: „wohlan, sprach sie, laß uns versuchen den Kampf." Lächelnd crwiederte diese : „bedarf 's gewaffnctcr Kampfe? Trug ich nicht über dich nackt schon die Krone davon ?" Das betrogene Herz. „Ach ihr süßer Gesang! und ihre bezaubernde Sprache Und ihr glanzender Blick!" — Armes, betrogenes Herz, Du fängst Feuer. —„Von wem? ich weiß nichts!"— Wirst du es wissen, Wenn , unglückliches Kind, einst dich die Flamme verzehrt? Die gewaffnete Venus. Mutter der Liebe, du hast die Waffen des schrecklichen Mavors Angeleqet? wozu trägst du die eherne Last? Herders W. z.schön.Lit.u,Kunst. X. G 6,','ecK.L-r. 9^ I. B l u m e n Hast du den Gott nicht selbst in nackter Schöne besieget? Und uns Sterblichen droht eine Gewaffnctc Krieg ? K a l l i s t i u m. Ob du in schwarzem Haar, wie oder in güldenem auftrittst, Schöne Kallistium, stets trittst du als Königin auf. Alles an dir ist Reiz und wenn dick) die Jahre mit Silber Schmücken werden; du bist reizend im silbernen Haar. Der Spiegel der Lais. Ich, deren Vorsaal sonst von schmachtenden Jünglingen voll war, Die mit der Griechen Herz wie mit dem Balle gespielt; Lais weihet der Paphia jetzt den Spiegel. Er zeigt ihr Nicht was sie war; was sie ist, mag sie nicht sehen in ihm. aus der griechischen Anthologie. 99 Das Alter. Laß es kommen, das Alter; und fürchte die traurige Hand nicht, Die von der Wange dir Rosen und Lilien raubt; Grazien altern nicht: nie welkt die Rose der Anmuth, Die die Unsterblichen selbst dir in die Seele gepflanzt. Der trügende Spiegel. Traue dem Spiegel nicht, du gewählte Chloe; waS Er dir Zeiget, bist du nicht selbst, ist ein erheucheltes Bild. Aber gehe zum Quell und wasch' in der Welle das Antlitz; Was du in ihr dann sichst, Tauschende, das bist du selbst. Der diebische Schauspieler. Wiele reden so viel! und können mit alle den Worten Doch nicht sagen, was du nur in Geberden uns sagst. G 2 100 I. Blumen Thöricht ist es und fast unglaublich, was wir bewundern In dir, Lügner, du lügst selber die Thräncn uns vor. Süßer, weinender Dieb, mit deinen erheuchelten Thränen Stichlest du Gold nicht nur, stichlest uns Herzen hinweg. Der diebische Mahler. Seht den diebischen Mahler! Er stiehlt mit dem Blick die Gestalt weg; Sprachen Farben; er nahm' uns von der Lippe das Wort. Das Bild der Venus von Praxiteles. Als sich Paphia selbst in ihrem Bilde zu Knidus Fröhlich anschauete; „wie? sprach sie erröthend zu sich, Drei der Sterblichen sahen mich nackt, Adonis und Paris Und Anchises; doch wo sähe Praxiteles mich?" aus der griechischen Anthologie. 101 M y r o n s Kuh. Warum saumetest du, dein Bild sogleich zu beleben, Myron? Den Augenblick spater erstarrte das Erz. Die Grabesstatte. Halt ein, o Pflügender , halt ein den Pflug Und wühle nicht des Grabes Asch' hinauf. Mit Thranen ist die Erde hier bethaut, Und aus bcthranter Erde wachset dir Kein glücklicher, kein ahrenvollcr Halm. Der Weg zum Orkus. Allenthalben führet der Weg zu den Schatten hinunter, Gleich, ob du von Athen oder von Mcroe kommst. Also grame dich nicht, wenn du weit in der Fremde davon mußt; Auch in der Fremde geht's g'rade zum Orkus hinab. 103 I. Blume n Das stille Grab. Die Bahn des mühevollen Lebens geh' O Wandrer, schweigend hin; es geht die Zeit Auch schweigend. Geh' du ihren leise» Gang Und lebe still dir selbst. Thust du es nicht; Im .Tode birgt dich doch das stille Grab. Der Tod. Mensch, du fürchtest den Tod? und bist ja lebend im Tode; Fliehst die Schatten? und trägst mit dir der Schatten Gebiet, Deinen Körper. Entfloh'n dem Kerker quälender Schatten Lebet einst auf dein Geist, mit den Unsterblichen frei. Die verblüheten Blumen. Rosen blühen; es duften in . Knospen sprießende Blumen; Wiesen und Auen fccu'n fröhlicher Kinder sich jetzt. Aber, o Freundin, wir seh'n nicht der blühenden Auen Schöne Kinder, wir geh'n nicht in das fröhliche Thal. «UZ der griechischen Anthologie. ro3 Denn auch unsere Blumen, Kleemrh und Nhodion, blühten Gestern und heute sind beide zerfallender Staub. Das Antlitz der Entschlafenen. Schau' das holde Gesicht der entschlaf'ncn Chloe; der Seele Schönheit glanzet auch noch in der Entschlafenen süß. Das Grab der Tochter. Oft liegt über dem Grabe der Tochter die klagende Mutter, Weint und rufet den Geist ihrer Philänis hinauf : „Liebe Tochter, du gingest so früh' und eh' ich dein Brautbett Schmückte, zum gelben Strem unter die Schatten hinab." Das umschrankte Leben. Jeglicher Morgen gebieret uns neu. Die vorigen Tage Sind vorübes; du hast heute das Gestern nicht mehr, I. Blumen 104 Morgen nicht mehr das Heute. Was rühmst du, prahlender Greis, denn Dich der Jahre? Du lebst eben nur heute wie ich. Die Schifffahrt. Kühnheit, Du der Jünglinge Führerin, die du den Weg uns Auf dem trüglichen Bret über die Wellen gebahnt : Kühnheit, Du, die die Menschen mit süßer Speise gelockt hat, Mit des Goldes Gewinn in den gewisseren Tod! Ach du hast von der Erde die güldenen Zeilen vertrieben, Da der Oceanus uns fern wie der Orkus erschien. Der gleiche Tod. Ein Schiffbrüchiger ruht hier neben dem emsigen Landmann: auf Erden und Meer findet uns alle der Tod. Ach! aus der griechischen Anthologie. Lv5 Der Räuber des Todten. Mich Schiffbrüchigen trug des Meeres Welle zum Ufer Todt; doch ließ sie das Kleid ihrem Entseelten und floh. Siehe da kam ein Räuber und raubte das Kleid dem Entseelten; Nahm cs und ließ mich hier nacket am Ufer zur Schau. Wohl denn! Trag' es, Verruchter, und trag's hinab in den Orkus, Daß dich Aeakus gleich, Räuber des Tobten, erkenn'. Das Auge der Götter. Glaubst du, Frevler, du kennst mit Thaten das Auge der Menschen Fliehn? Den Gedanken an sie schauen die Götter in dir. > Aesopus im Bilde. Löblich hast du gethan, o Lysippus, daß du vor alle Sieben Weisen das Wild unsres Aesopus gesetzt. ,06 I. Blume n Jene lehren die Pflicht in schwer nufzwingcnden Sprüchen; Dieser fabelnd mit uns, spielet uns Weisheit ins Herz. Pythagoras im Bilde. Schauet den weisen Pythagoras hier, nicht wie er der Dinge Heilige Zahlen erklärt; (wenn er auch konnte, so wollt' Ihn der Künstler nicht also bilden). Den schweigenden Weisen Setzt' er hieher und nahm künstlich dem Bilde das Wort. Plutarch im Bilde. Charoncnflscher Weise, dir setzten Ausonicns Söhne Dieses lebende Bild, ihnen zum bleibenden Ruhm, Dir zum Danke: denn du verglichst mit griechischen Seelen Römer-Seelen und hast Gleiche zu Gleichen gesellt. Aber du stehest allein: denn schrieb' ein zweiter Plutarchus Dich; wen glich' er dir, da dir ein Aehrflicher fehlt? aus dev griechischen Anthologie. 107 P y r r h 0. Bist du gestorben, Pyrrho? „Ich zweifle." Zweifelst am Tode Todt du? „Schweige ! der Tod endet der Grü- ' belnden Zwist." Diogenes. Als der weise Diogenes nun im Reiche der Schatten Landete, trat ihm zuerst Crösus am Ufer herbei, Der des Goldes so viel vom Paktolstrome geschöpft: „Weiche! rief er und hielt kühn ihm entgegen den Scab, Hier bin ich der Erste: denn ich bring' alle das Meine Mit mir; Dürftiger, Du hast von dem Deinen hier nichts." , Der arme Reiche. Schatze des Reichen hast du von ausien, von innen des Armen Klcinmuth; bist du dir selbst oder den Erben nur reich? io8 I. B l u m e n ( Das leichte Grab. Wenig genoß ich im Leben, doch auch kein Ucbel beging ich, Hielte von Unrecht mich, hielte von Neide mich frei. Darum decke mich sanft, o gütige Mutter; und Hab' ich Einen Bösen gelobt, Erde, so drücke mich hart. -Das Spiel. Spiele spielend. Es herrscht im Spiel und Leben das Glück nur; Wie der Würfel gelingt, fallet Gewinn und Verlust. Rühmlich lebet und spielt, wer im Spiel und Leben der Freude Wie dem Grame das Ziel heiter und weise^ bestimmt. Die Grammatiker. Emsig-müßiges Volk der Grammatiker, stechende Wespen, Raupen, die ihr kein Blatt fremder Gewächse verschont, » aus der griechischen Anthologie. rog Es zernaget und dann wie auf Dornen gräßlich umher kriecht, Jedem Gemeinestcn Hold, jedem Bortrefflichern feind. Schmach^ der Weifen ! dem lernenden Knaben die > erste Versinstrung! In den Orkus hinab, Cerberus - Hunde, mit euch! Der Grammatiker. Ach des weisen Grammatikers! wenn sein Name mir einfallt; Schnell ist die Zunge mir in Solöcismen erstarrt. Der dunkle Heraklit. Hcrakletus bin ich; ihr Ungelehrten, was reißt ihr Mich zu Boden! ich schrieb wahrlich für keinen von euch. Für Verständige schrieb ich und Ein Verständiger gilt mir Dreizehntauscnd von Euch; schweiget ihr Nullen von mir. I 10 I. Blumen Der häßliche Neid. Neider haß' ich und neidete droben die glänzende Sonne Eine schönere; ich flöhe der häßlichen Glanz. Die Unsterblichkeit. Ehrensaulen und Bilder und laute Tafeln des Ruhmes Geben dem Lebenden hier hohe belohnende Lust; Doch nur so lang' er lebet. Ins Reich der Schatten begleitet Ihn kein ehrendes Bild , keine lobpreisende Schrift. Tugend nur und der Weisheit Grazie folgen auch dort uns Unabtrennlich und hier lassen sie blühende Frucht. Ss lebt Plato, so lebt Homerus. Sie nahmen der Weisheit Quelle mit sich und uns labt der Erquickenden Strom. Siebentes Buch Der Griffel. Schöne Leontium, nimm, nimm an den silbernen Griffel, Deiner zeichnenden Hand wird er ein güldener seyn; Denn dir gaben die Götter, was sie so wenigen gaben, Cypris die schönste Gestalt, Pallas die weiseste Kunst. H e r o d o t, dessen neun Bücher nach den Musen;genannt-sind. Als Herodotus einst die Musen freundlich bewirthet, Schenkten zum Danke sie ihm, jede derselben ein Buch. 112 I. Blumen Ein Rathsel der Sappho. Kennet ihr eine Mutter? Sie trägt viel Kinder im Schooße, Stumme Kinder und doch sprechen sie tönenden Schall Ueber das Weltmeer hin, hin über die Weite der Erde, Wem sie wollen; cs hört auch der Entfcrnete sie. Selbst der Taube vernimmt der Kinder schweigende Sprache, Und erzählet es laut, was ihm die Stummen gesagt. Ein Brief ist diese Mutter. Tragt sie nicht In ihrem Schooße viel der Kinder, die Weit über Lander, über Meere weit Abwesenden zusprcchen: selber stumm; Doch wer sie liefet, hört er nicht ihr Wort? D i e Schrift. Auch getrenncte Freunde mit süßen Banden zu knüpfen, Fand chie gute Natur uns eine Sprüche, die Schrift. Sie aus der griechischen Anthologie. Sie führt Seelen zusammen, die fern an einander gedenken, Führt den Seufzer herbei, der in den Lüften verhallt. Das süße Geheimniß. Süßer ist nichts als Liebe. Von allen Schönen der Erde Ist sie das süßeste Glück; Honig ist Galle zu ihr. Das spricht Noßis; aber nur dem, den die Göttin geliebt hat, Was in der Rose blüht, wissen die Lieblinge nur. Die Quelle. Attwr und Cypris badeten hier in der lieblichen Quelle: Amor scherzte darin, tauchte die Fackel, hinein, Siehe da mischten sich Funken der Liebe zur glänzenden Welle Und von der Göttin floß süßer ambrosischer Duft. Immer noch blinkt und duftet die Quelle von rosiger Liebe : Amor und Paphia, sie baden noch immer in ihr. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. X. H Er-eeL. L-t. Das Bild Pa ns, an einem schleichenden Strome. Unglückseliger Pan!- wie tonlos rinnet der Strom hier! Auch in den Wellen ist Echo dem Liebenden stumm. Der horchende Satyr» Warum neigest du so dein Ohr zur Flöte, du Satyr? Als gelüstete dich innig ihr lieblicher Schall. Seht, er lächelt und schweigt! Der Horcher schweiget aus Vorsatz; Sinn und Gedank' ist ihm ganz in die Töne versenkt. Auf das Bild eines lachenden Satyrs, das aus vielen Steinen zusammengesetzt war. Alles, was Satyr heißt, ist Spötter; aber warum doch, Sage mir, Satyr, warum lachest du immer für dich? aus der griechischen Anthologie. iiZ „Wandrer, ich staune mich an, wie aus der Menge von Steinen Ich zum Bilde gedieh und nun ein Satyr bin." Die Liebesgötter im Bilde» Siehe die Liebesgötter! Verwegne, hüpfende Knaben, Rüsten mit Waffen sie sich, zieren mit Beute sich aus. Und es ist Gölterbcute. Der schwingt den bacchi- schen Thyrsus; Dieser hat Mavors Schild und den gefiederten Helm: Der tragt Jupiters Blitz und Der den Köcher Apol- lo's; Dieser Alcidcs Schmuck, jener den hohen Trident. Zittert, Menschen, der Liebe; sie hat den Himmel bezwungen; Allen Unsterblichen hat Cypcis die Waffen geraubt. Amor. Schauet den Amor hier; er steht in lieblicher Schöne Nacket und zeigt euch nicht Köcher und Bogen und Pfeil. H 2 I. Blumen 116 Eine Blume nur hält die Rechte, die Linke den Delphin; Zeichen, daß er mit Huld Meer und die Erde regiert. Der gefesselte Amor. Amor, wer hat dich hier an diese Säule gefesselt? Wer überlistete dich, flüchtiger Listige, so? Und ßnun weinest du, Knabe: vergebens rinnet die Thräne; Waren dir sonst nicht auch unsere Thränen rin Spott? Der bethauete Kranz. Blumenkränze, die hier ich über die Thür ihr hefte, Hangt und schüttelt noch nicht weinend die Thränen hinab, Die ich euch anvcrtraute. Doch wenn aM frühesten Morgen Sich eröffnet die Thür; Kränze, so bald ihr sie schaut, Träufelt nieder die Tropfen auf ihre goldenen Haare, Daß ihr schönes Gesicht trinke den liebenden Thau. aus der griechischen Anthologie. 117 Der Abschied. Lebe wohl, 0 Geliebte, wenn ohne mich du cs seyn kannst; Lebe du wohl! ich kann's ohne Zenophila nicht. An den Mond. Leucht', 0 freundliche Göttin, 0 du, die Wachen der Nacht liebt, Mit vergüldendem Strahl leuchte zum Fenster hinein, Meine goldne Kallistium mir in den Armen umglanzend ; Selige Liebe zu sehn ziemet den Seligen wohl. Und 0 Holde, du schaust noch gern auf Liebende nieder; Denn du liebetest einst deinen Endymion auch. Das Bild der Berenice. Dies ist wohl eine Cypris? — Doch nein, es scheint Berenice; Sage mir, Künstler, wen hast du von Beiden gemahlt? I. Blumen Die Flügel der Seele. Unglückseliges Leben, das ohne Liebe gelebt wird! Wort und Thal; es gelingt ohne die Liebe mir nichts. Trage bin ich und schleiche dahin; bei Zenophila's Anblick Flieg' ich, glücklich und leicht, wie der geflügelte Blitz. Also rath' ich es allen, der süßen Liebe zn folgen, Nicht zu entflieh». Sie giebt Fittig' und Flügel dem Geist. M e l e a g e r. Dies ist bas Grab Meleagers, der mit den Musen und Amor Auch die Grazien süßspxechend und lieblich ve» band. Die weibliche Liebe. Ach wir Arme! Die Jünglinge lieben nicht wie wir lieben: Wcnn Verlangen sie quält, trösten einander sie sich, aus der griechischen Anthologie. 219 Suchen Freunde, vertraun dem Freunde den Kummer der Seele, Suchen Zerstreuungen, sehn Auen und Menschen und Kunst; Und wir eingeschlossene , wir khstnmüthige Seelen, Einsam zehren wir uns liebend und sehnend ins Grab. v. Haß und Liebe. Haß macht Schmerz und Liebe macht Schmerz; so will ich von beiden, Wenn ich ja wählen muß, wählen die süßere r , , Quaal. ' Das Land - und Seeleben. Als Archippus, ein frommer Landmann, unter die Erde . Gehend, den Abschied nahm, rief er die Söhne zu sich: Sprach: „ihr lieben Söhne! da habt den Pflug und die Hacke, Nehmts und liebet mir stets, was ich geliebct, das Land. Trauet dem stürmigen Meer und seiner trügenden Stille Und dem Gewinne nicht, den euch die Welle verspricht. 120 I. Blumen Wie viel süßer den Kindern die eigne liebende Mutter Vor der Fremden; so ist uns vor dem Meere das Land." Die Grazien des Todlenreichs. Die ihr auf diesen Bergen umhertreibt, weidende Hirten, Hört Klitagoras Wunsch, eines Begrabenen Wunsch. Laßt mir blocken die Schaafe, laßt hier sic weiden. Der Schäfer Sehe sich auf den Stein, spiele sein süßestes Lied. Und bekränze mein Grab mit den ersten Kindern des Frühlings, Und erquicke den Staub mir mit erfrischender Milch. Thut es, Hirten, dem Hirten. Auch bei den Verstorbenen wohnen Grazien und auch hier lohnen sie Liebe mit Dank. Denkmale des Lebens. Warum, o Denkmal, sind auf dich die Züge ger graben ? Hier ein Zügel, ein Korb, dorten ein rüstiger Hahn? aus der griechischen Anthologie. 221 Sind dies Bilder am Grabe der Frauen? „Treffende Bilder, Denn sie bezeichnen dir unsrer Lysidice Sinn: Mäßigung war der Zügel, der Sie und die Ihrigen lenkte, Gebend und sparend der Korb, weckend zum Fleiß» der Hahn." Der Schatz. Was du nicht reden darfst, laß auf der Zunge versiegelt ; Besser ein Wort bewahrt, als einen güldenen Schatz. Pandora. Dir nicht, gute Pandora; dem bösen Schicksal 'zürn' ich, Das uns Irdischen nur Güter mit Fittigen gab. Warum erhoben sie sich und sanken nicht nieder zur. Erde? Warum entflog das Glück? Weil es für Menschen nicht war. Ach da crblassetcn dir die Wangen, arme Pandora; Seit dir der Deckel entfuhr, welket die Schönheit so früh. I. Blumen Die Entschließung. Langsam gehe dir, Freund, die Freundin Entschlies- sung zur Seite; Eilt sic voran: so holt bald auch die Reue sie r ein. Noßis an Sappho. Schiffst du, Wanderer, gen Mitylene: so sage der Sappho, Wenn du die Blume dort jeglicher Grazie siehst, Sag' ihr: Auch Locris Hub' eine Musengeliebtc geboren ; Noßis heiß' ich. Wohlan! Wanderer, schiffe beglückt. Der treue Diener. Lebend war ich ein Knecht; doch meine Gebieterin gönnet Mir dies bessere Grab, weil ich ihr gerne gedient. Lebe denn wohl, du edle Timanthe. Kommst du im Alter Einst zu den Tobten hinab, dien' ich auch unten dir gern. au« der griechischen Anthologie. "3 Grabschrist eines Hirten. Furchtsam eilte die Heerde mit kalter Flocke beschneiet Von den Bergen ; der Hirt folgte der Heerde nicht mehr. Ach Therimachus schlaft hier seinen ewigen Schlummer, Unter der Eiche, wo ihn Feuer der Himmlischen traf. A st a ci d e s.. Den krekensifchcn Hirt Astacides haben die Nymphen Diesen Bergen entführt. Heil'ger Astacides, jetzt Weidest du unter den Eichen in Jovis Hainen. Ihr Hirten, Singet nicht Daphnis *) mehr, singet Astacides Ruhm. Der göttliche Weise. Ein weiser ist mir Der und selbst ein Gott, Der Schmach ertragen kann und zürnt nicht gleich. Die Zeit allein schon häuft des Frevlers Schuld, - Wie Götter-Rache langsam trifft, doch hart. *) Ein liebenswürdiger Hirt, dessen Tod viele griechische Schäferlieder besangen. 124 I. Blumen Auf einen Spieltisch. Setze dich ruhig her und spiel'; auch wenn du verlierest, Laß es ein Spiel dir scyn, keine verbitternde Quaal. Wer mit Geschäften spielt und aus dem Spiele Geschäft macht, Wirret die Zeiten und giebt keiner derselben ihr Theil. Das graue Haar. Ich kenn' ein Silber, das sich jeder wünscht, Und wenn er's hat, es lieber nicht besäße, Und dennoch gäb' er's nicht um alles Gold. Nestors Jahre. „Dreimal-dreißig Jahre (so sagt der Himmelsprophet mir) Sollt du die Sonne schaun! " Dreißig sind mir genug: Denn da blühet die Blume des Lebens. Weiter hinan kommt Nestor's Alter; und liegt Nestor im Grabe nicht auch? aus der griechischen Anthologie. »25 Die Echo. Wanderer, säume! Du gehst die schlafende Echo vorüber; Wecke sie auf: sie spricht; freundlich antwortet sie dir. Aber schweigst du, schweiget sie auch. Die bescheidene Jungfrau Redet nicht an; sie giebt liebliche Worte zurück. Die Laute. Deine Laute, Maria, sie ist die Laute der Liebe, Wenn du sie rührest, rührst du uns das innerste Herz. Aber, o Harte, du wirst nicht von Liebe beweget; Spielest du andern nur? hörest du nicht, was du spielst? Auf eine schöne Gegend. „Schäfer, o sprich, weß sind die lieblichen Bäume?" Der Oelbaum , Ist Athenäens: der Wein schlingt sich dem Bacchus empor. „Und die Aehren?" Der Ceres. „Und diese Blumen?" Der Juno Und der Cypris und deß, den sie in Blumen gebar. 126 / I. B l u m e n , „O Freund Pan, so flöte; laß nicht von den Lippen die Flöte; Hier in der rosigen Au' sinkst du die Echo gewiß. Auf das Bild eines schlummernden Satyrs. Diodorus senkte den Satyr hier in den Schlummer; Rühr' ihn an, er erwacht; laß ihn, er schlummert so sanft. Sappho im Bilde. Keiner, als selbst die Natur, die Bildnerin süßer Gestalten, Gab dem Mahler ein Bild, wie er die Sappho gemahlt. Seht das glanzende Auge, die klare blinkende Quelle, Immer mit Phantascyn reger Gedanken erfüllt: Und die reine Gestalt von allem Fremden gesondert, Wie ein sprießender Zweig, wie ein umschreibender Zug; Und auf ihrem Gesicht die Lieb' in ruhiger Freude, Eine Muse, die sanft zur Cytherea verfloß. «us der griechischen Anthologie. - 127 Aristoteles Bild. Der reine Sinn und Aristoteles Sind Eins; sie sind auch Eins im Bildniß hier. - Anakreon im Bilde. Du hast, Lyäus, deinen Anakreon, Den Tejcr-Schwan, den Gcspiel der zarten Lust, Mit deines Nektars süßestem Trank berauscht. Denn sehet, wie sein trunkenes Auge lacht! Sein Kleid entschlüpfet; der Eine Fuß ist bloß» Er stimmt die Cither zu Amors Lobgesang' — Halt ein den Alten, Bacchus! Er sinket sonst. Platons Bild. Der Weise, der den Geist zum Himmel hob, Und ihn da wandeln lehrte, Plato spricht Auch hier im Bilde; aber nur dem Geist. - --'E ^ 123 I. Blumen aus der griechischen Anthologie. Auf eine schöne Gegend, in der Paris Bildniß stand. Schweige, du Eichenhain! Ihr Quellen unter den Felsen, Murmelt leiser und ihr, Hirten und Heerden, schweigt Bor der Säule des Pans, der hier aus künstlicher Flöte Süße Gesänge lockt, locket den Schlummer herbei. Und rings um ihn schwebt der Nymphen und Ha- madryaden Und der Najaden Chor in den frohlockenden Tanz. Achtes Buch. Der Tempel Jupiters. Dem cec^opischen Zevs harrt dieser goldene Tempel t Wenn ^r den Himmel verläßt , findet den Himmel er hier. Die Pforte des Tempels. Tempel der Götter sind den Guten immer geöffnet, Weihung ist ihnen nicht noth, da sie kein Laster entstellt; Nur der Bösewicht flieh! Wird auch sein Körper enrsündigt, Sein befleckcteS Herz weihet kein Opferaltar. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. X. I 6rr'ecK.I.r't. i3c» I. Blumen Juno, von Polyklet gebildet. Polyklct, der Argiver, mit Augen sah er die Juno; Er nur; und bildete sie, wie es der Göttin geziemt. Was von ihrer Schöne dem Auge zu schauen vergönnt war, Zeigt' er; den anderen Reiz birget ihr Busen dem Zevs. Die Göttin am Hellespont. Eypris wohnet allhicr. Vom hohen Gestade gefällt ihr's, Auf die Wellen zu schaun, auf das beglanzete Meer, Schiffern euch zur glücklichen Fahrt. Das stürmende Meer schweigt Ringsum, wenn es ihr Bild, wenn es ihr Antlitz schaut. Auf das Bild der Polyxena, . von Polykletus gcmahlet. Diese Polyxena ist Polykletens. Keiner als Er hat Diese Tafel berührt; sieh ein junonisches Werks auS der griechischen Anthologie. r3r Seiner Juno die Schwester. Sie zieht den zerrissenen Schleyer Vor den Nusen, beschämt und mit verachtendem Stolz. Ach, und die Arme ras't in der Seele; alle die Leiden Troja's, den ganzen Krieg liesest im Auge du ihr. Auf die Bildsäule der Niobe. Lebend war ich, da wandelten mich die Götter zum Stein um; Aber Praxiteles schuf wieder zum Leben den Stein. Auf das Bild der Medea, von Limomachus gemähter. Als Timomachus dich, o grause Medea, dem Bilde Gab: wie kämpfte die Kunst deiner Empfindungen Kampf! Den sie weife vollendet! Im zornigen funkelnden Auge Hängen Thranen ; die Wuth schmilzt in der Mutter Gefühl — Weiter Mahlte sie nicht. „Der Kinder Blut Zu vergießen, Sprach det Künstler, geziemt nur der Medea, nicht mir." >32 I. Blumen Die hüpfende Baccha. Haltet sie ein, die Thyade, damit nicht, ob sie gleich Stein ist, Sie von der Schwelle des Thors hüpft zum Tempel hinaus. Auf das Bild der Medea, von LimomachuS genialster. Eifersucht und Muttcrgefühl, grausame Medea, Sind von Timomachus Hand dir in das Auge gemischt. Wüthcnd lächelt sie an den blinkenden Dolch; und Erbarmen Halt sie zurück; sie will tödten und retten das - Kind. Zphigenia im Bilde. Schaut Jphigenia hier! Wie der wüthenden Priesterin plötzlich Ahnend das süße Bild ihres Orestes erscheint In der Erinnerung! — Wuth und Staunen und Freud' und Erbarmen Fließen zusammen im Blick, der auf dem Fremdlinge weilt. aus der griechischen Anthologie. i33 - Herkules in der Wiege. Tapfrer Knabe, du übest dich früh zu deinen Ge- fabrcn, Giebst in der Wiege schon tödtenden Drachen den Tod; Lernst vom Kinde schon an den Zorn der Juno versöhnen, Lernst vom Kinde schon an laufen die mühende Bahn: Denn kein Becher von Erz, kein Kessel glanzet am Ziel dir; Knabe, dein Ehrenwcg geht zum Olympus hinauf. Der Läufer. Edler Läufer! Man stehet ihn nur an der Pforte der Rennbahn Rüstig stehen zum Lauf oder als Sieger am Ziel. Alexander, im Bilde Lysippus. Alexanders edle Gestalt, sein wagender Muth lebt Hier im Bilde Lysipps. Königlich-mächtiges Erz, Auf blickt er gen Himmel, als sprach' er zum Gotte des Himmels: „Mein ist die Erd', o Zevs! habe du deinen Olymp! " - i34 I. D l u m e n' G e r m a n i k u s. Pförtner des Todtenreichs, hört alle die Stimme des Pluto, Schließt die Thore, verschließt alle mit Riegel und Schloß. Der Germanikus dort gehört den Sternen, nicht mir zu; Charon, dein alter Kahn tragt den Eroberer nicht. Rom, Träte das Weltmeer auch aus jedem Ufer hinüber, Tranken den ganzen Rhein wilde Germanier aus; Rom bestehet und wird bestehn, so lang' es die Rechte Casars schützet; cs trotzt jeder verjüngten Gefahr, Also trotzet dem Stnrm die festgewurzelte Eiche; Dürre Blätter allein rissen die Winde von ihr. Alexanders Grab« Suchst dn des Maeedoniers Grab? Das Grab Alexanders Sind die Theile der Welt, die der Erobrer bezwang. aus der griechischen Anthologie. i35 Auf einen Lorbeerbaum, der am Altar des Kaisers hervorgesproßt war. Daphne floh den Apoll; sie kommt zum größeren Gotte Jupiter selbst und streckt liebend die Arme nach ihm. Nicht aus der Erd' entsproß der Lorbeer; unserm geliebten Easar sprießet der Fels seinen rmsterblichen Ruhm. Auf die Bildsäule der Göttin Roma, als ein Blitzstrahl der Victoria, die sie in der Hand hält, die Flügel getroffen hatte. Weltbeherrscherin Rom ! Die Siegesgöttin entfliegt dir Nimmer; Jupiter selbst hat ihr die Flügel verbrannt. Ajax Tod. Wanderer, dies ist die Gruft des telamonischcn Aeas, Der mit eigenem Schwert selber das Leben sich nahm: Denn es kam die Stunde, die ihm die Parze bestimmte, Und da fand sie für ihn keines BestegendenH and r36 I. Blumen Die Tugend auf Aeas Grabe. Traurig sih' ich allhier und mit zcrstreueten Haaren Uebcr des Aeas Grab; bitter im Herzen gekrankt, Daß die Griechen in ihm mir selbst der biederen Tugend Zogen die Truglist vor. Aeas, ich traure mit dir. Achilles Grab. Dies ist Achilles Grab. Dem künftigen Troja zum Schrecken Sehten die Griechen es hier an den trojanischen Strand. Sohn der Meeres - Göttin, du liegst am Ufer begraben, Daß dir die Welse des Meers rausche dein ewiges Lob. Hektors Grab. Dieses ist Hektors Grab; doch, Wandrer, miß den Begrabncn Nicht nach dem engen Mal, das die Gebeine bedeckt. Hektors Grab ist die Zlias. Alle die Hügel der Griechen Die ich hieb rings begrub, sind mir ein größeres Mal. aus der griechischen Anthologie. Die getrennten Zwillinge. i37 Eingesunken ist hier die Todtenasche; der Wind treibt Einzelne Blätter umher in dem zerfallenden Kranz. Laß uns lesen die Schrift; laß uns die Säule befragen : Wer hier schlummere? wen ziere der welkende Kranz? „Wandrer, ich war Arete, des Euphrons glückliche Gattin, Dem ich der Liebe Frucht, Zwillings-Söhne gebar. Einen ließ ich ihm droben, der einst im Alter ihn leite ; Zum Andenken an ihn nahm ich den Andern hinab." Die Getrenneten. Bist du vorangegangen, o Päta? Neidende Parzen, Die mir den letzten Weg mit der Geliebten versagt ; Wohl! ich folge dir bald und finde dich wieder im Nachtreich: Denn mir träget auch dort Liebe die Fackel voran. Die dreifach - Glückliche. Mutter der Liebe, dir weiht Kallirhoe den Kranz hier; Pallas, die Locke dir; Dir, o Diana, den Gurt: Denn ihr gäbet ihr alles; den Mann, den sie wünschte; die Jahre Kluger Vernunft; und dann Kinder, ein männlich Geschlecht. Haß der Brüder. Söhne des Oedipus, seyd auch in der Asche ge« trennet: Fern von einander ruh' euer begrabener Nest. Charon, schiffe sie nicht in Einem Kahne zum Ufer: Auch in der^Todten Brust lebet der Lebenden Haß. Schaue, wie kämpfend dort vom Holz das Feuer cmporsteigt l Wie sich da rechts und links streitend die Flamme vertheilt. Ajax. Hier liegt Acas. Er klagte nach tausend rühmlichen Siegen Ueber die Feinde nicht, über die Freunde so mehr. aus der griechischen Anthologie. i3g Philokletes. Za, ich kenne dich, Armer, dem ersten Blicke verlachst du, Leidender Philoklct, deinen inwendigen Schmerz. Wie sich das Haar ihm sträubt! Wie von der Scheitel die Locke Wilde-verwirret fallt! auch in der Farbe noch wild. Und voll Furchen des Grams umkleidet dürre die Haut ihn, Trocken, als fühlctest du selber im Blicke sie hart. Sieh und im Küstern Auge, da hangen geronnene Thronen Starrend, sie zeigen ach! — seinen unendlichen Schmerz. Herkules und Antäus. Aechzcndes Erz, wer bildete dich? Wer konnte dem tobten Werke die Kraft verleihn und den erkühnenden Much? Denn es lebet. Ich fühle des festgedrücketen Riesen Pochende Angst, ich fühl', Herkules, deine Gewalt, Die ihn ergriff und halt und drückt den Erhobenen todt schon — Siche, wie krümmt er sich! wie ihm der Athcm entfleucht! 140 ^ Blumen Hippokrates. Zitternd sah Gott Pluto den Koer kommen im Orkus : „Daß er mir nur nicht gar, rief er, die Tobten erweckt!" Herkules und der Hirsch. Was zuerst, was soll ich zuletzt für Augen und Seele Wundernd nennen, den Mann oder den fliehenden Hirsch? Siehe, wie jener dort den Flüchtigen hascht und hinaufspringt, Und mit dem Knie ihn beugt und mit den Händen ergreiftt Sein schonästig Geweih. — Doch sieh, wie dieser hier ächzet! Athem und Zunge verräth seine zerquälete Brust. Herkules freue dich: dein Hirsch lebt ewig im Bilde, Nicht am Horne nur Gold, ewig in goldener Kunst. Der Läufer am Ziel. Wie du zum Ziel' hinflogst mit schwebendem Fuß in > den Lüften, Wie mit athmendcr Brust auf zum pisäischen Kranz aus der griechischen Anthologie. igr Du dich hobest: so hat dich, Ladas, Mpron gebildet: So schwingt, leicht wie die Luft, deine Gestalt sich emvor Voll von Hoffnung. — Es schwebt ° auf äußerster Lippe der Hauch ihm : Seine gehöhlte Brust wölbet Verlangen hinauf. Fast schon hüpfet das Bild von dem Fußgestelle zum Kranz auf: O der lebenden Kunst, leicht wie der athmcnde Geist. Der gelegene Augenblick, von Lysippuö gebildet. „Bild, wer bist du?" Der mächtige Gott der Gelegenheit bin ich. „Mit geflügeltem Fuß?" Der wie ein Zephyr entfliegt. „Auf den Zehen?" — Denn leise komm'ich und schwebe vorüber Nur an der Locke der Stirn fasset der Emsige mich. „Hinten am Haupte kahl?" — Bin ich dir einmal entwichen, Haschest umsonst du nur; nimmer ereilest du mich. „Und das schneidende Messer in deiner Rechten?" So schneidend Ist auch der Augenblick meiner entscheidenden Macht. „Weises, lehrendes Bild ! " Für dich, o Sterblicher, lehrend Setzte Lysippus mich hier dicht an die Pfort« des Glücks. 14 2 I. Blumen aus der griechischen Anthologie. Die C i c a d e. Nicht auf den hohen Bäumen weiß ich nur Ein Lied zu singen in der Mittagsglut, Dem Wanderer ein süßer Dieb der Zeit: Auch auf der schönbehelmten Pallas Speer Wirst du mich sehn, o Mann: denn so wie mich Die Musen lieben, lieb' ich Pallas auch, Die weise Jungfrau, die Gesang erfreut. Geschenke an die Nymphen. Nymphen, ambrosische Töchter des Flusses, ihr Ha- madryaden, Die ihr mit rosigem Fuß über den Wellen hier schwebt, Lebet wohl und erhaltet gesund den Kleonymus, der euch / Diese Bilder zum Dank unter die Fichte gesetzt« II Nachlese zur griechischen Anthologie. (Meist ungedruckt. *) > V *) Bloß einige Stucke sind in der deutschen Monatschrist bei Vieweg in den Jahren 1790 u. f. abgedruckt: die übrigen erscheinen hier zuerst au« Herder's Handschrift. Das E p i g r ä M M» Viele Verse verschmäht die epigrammatische Muse? Lausern im Stadium ziemt nie der gekrümmete Lauf. Die Bildsäule eines Richters» Beides, die Säule des Rechts und der weisen Mäßigung Denkmal, Stehen in deinem Biid', edler Nicephorus, hier. Der unsterbliche Homer» Ammer noch tönen sie mir, der And rom ache Klagen. Zn Flammen Stehet Troja vor uns, stürzend in Trümmer und Graus. Ajax kämpfet noch jetzt vor Ilions heiligen Mauern, Hektorn sehen wir noch sinken in schmählichen Staub. Herders Werke z. schön» Lit. u. Kunst» X» K Sr-ecK. i-rt ,46 II. N a c h l e s e Einer der Mäonide, gab allem unsterbliches Leben, Und sein Vaterland ist jede bcwohnete Welt. Der Elephant im Friedenstriumphe. Nicht mehr tragt er auf seinem Rücken den Thurm mit dem Phalanx, Nicht mehr bricht er in Wuth unter die Glieder der Schlacht. Nieder beugt er den Nacken, gehorchend dem leitenden Zügel, Daß er den Wagen des Herrn ziehe mit stolzem Triumph. Sehet, der Elephant kennt auch die Zierde des Friedens , Fühlt, daß er würdiger jetzt diene dem Ordner des Staats. Höhere Natur. Wird im quälenden Hunger der Löw' an Grase sich laben ? So auch ein hohes Gemüth sinke nie unter sich selbst. zur griechischen Anthologie »47 A e s c h y l u s. Thespis ist der Erfinder; doch wer das ländliche Schauspiel Hoch vom Boden hinauf- hoch aus dein Staube des Dorfs Hob, bist Aeschylus du. Nicht schnitzelnd zierliche Worte, Gossest reissenden Strom über die Bühne du aus, Sie erneuend. O Sprache, der alten Göttergcstal- tcn Würdig, ein Halbgott war's, der dich, Erhabene, sprach. Der Chortänzer. Fröhlich blick' ich hinauf zum Chor der frohen Gestirne, Führ' auf Erden, wie sie droben am Himmel, den Chor. Blumen - umkranjet das Haar, mit musikalischem Finger Rühr' ich ein Saitenspiel, rege die Herzen mit ihm. Und so leb' ich ein schönes, ein Sternen - Leben. Der Weltbau Ohne Gesang und Tanz könnte bestehen nicht mehr. 148 II. Nachlese Das Todesurtheil. Sokrates, weißt du? Es haben die Richter zum Tode verdammt dich! Sie verdammete langst eben dazu die Natur. Der Löwe auf dem Grabe. Löwe, was thust du hier mit weitgebrciteten Füßen Auf dem Grabe? Du hebst trotzend den mahni- gen Hals. „Was ich unter den Thieren, das war Teleutias lebend Unter den Menschen; wie ich, war er der Tapferste stets." Der greise Sieger. Der ich am AlpheuS einst, der am kastalischcn Quell einst Doppelten Siegesruf, doppelte Kranze bekam, Und in Nemca noch und einst am schallenden Isthmus Schneller als Winde, flog hin zum beneideten Ziel; Jetzt veraltet und schwach, zum schweren Steine verdammet , Treib' ich die Mühle; Euch, Griechen, zur ewigen Schmach. zur griechischen Anthologie. »49 Der todteHektor. Feige Griechen, entweiht nun meinen Körper. Den tobten Löwen schmähet es nicht, wenn ihn der Hase verletzt. Das Kriegs-Local. Als er die Feinde vor - und hinter sich Wellen erblickte, Sprach der Führer des Heers: „Krieger, erwählet euch Eins! Aufzufressen die Feinde vor euch, oder hinten das Meer hier ^ Auszusaufen. Zur Flucht sind uns die Wege gehemmt." Vier Viktorien. Bier Viktorien heben auf weitbcflügelten Schultern ^ Schwebend in flüchtigem Lauf Vier der Unsterblichen hoch; Diese die kriegende Pallas, und jene die Göttin der Liebe, Diese den Herkules hier, jene den tapfere» Mars, II. Nachlese ii>o Casus, in deinem prächtigen Saal! und alle die Götter Haben dem Hause mit dir glückliche Gaben geschenkt. Die gaftfr eundliche Stadt. Wie sich Bacchus amEpheu,wie Zevs sich freut an der Aegis; Freut sich der Bürger die Stadt, freuet die Bürger der Gast. Das alte Roß. Der wie ein Adler einst die schnellsten Rosse vorbei- flog, Der die Glieder im Schmuck prangender Kleinode wieß, Den des Apolls wahrredender Mund im Kampfe gepriesen , Der im Laufe den Flug flüchtiger Vögel ereilt, Den Nemea, die Mutter der Löwen, her Isthmus und Pisa Zn her fröhlichen Bahn sahen als Sieger am Ziel; Trägt auf dem Nacken anjetzt ein Joch des Sklaven, und treibet Alt und verachtet und schwach jenen zermalmenden Stein. zur griechischen Anthologie. ibr Also gieng es auch, Herkules, dir. Nach allen den Thaten, Die du vollendet, trugst du auf dem Naken ein Joch- E h r b e g i e r d e. Als du nach Ehren rangst, verzeiht' ich den ängstlichen Traum dir, Der dir selbst dich entriß, der mit dir selbst dich entzweit. Aber anjetzt, da die Ehre dich sucht, und die Ruhe dich fliehet; Bist du, o Aengstlicher, ,etzt noch nicht von Träumen erwacht? Die C i k a d a. Warum verfolget ihr mich, ihr Ungerechten, und gönnet Eurer Cikada nicht Einen bethaueten Zweig? Ihr, der Einsamen, Ihr der Sängerin, die euch am Wege Unter des Mittags Glut, euch an der Quelle vergnügt. Fanget andere Feinde, die euch der Saaten berauben, Mir der Unschädlichen gönnt grünende Blätter unk Thau. Die im Erdbeben versunkene Stadt. Diese Ruinen sind Plataa; die bebende Erde Legte der Kinder Schaar in der Erfindenden Schoos. Also liegen wir hier erschlagen. Die liebende Mutter, Unsre zertrümmerte Stadt, ist der Begrabenen - Mal. Verschiedenheit der äußern und inner» Gestatt, Miß die Gaben des Geists Und des Gemüths Nicht nach dem Ansehn, Freund! Dieses Jünglingcs Stirn , Offen und rein, Parjschem Marmor gleich. Und das liebliche Licht, Das aus dem Paar Funkelnder Augen strahlt, Ueber Wangen, die mit Rosigem Thau Freundlich Aurora schmückt. Und sein fliegendes Haar —. Bürget cs dir Seine Gemüthsart wohl? Wohnt im schönen Pallaff Oft nicht ein Feind, Oft nicht ein Bösewicht?- zur griechischen Anthologie. i53 Und die Hütte von Stroh Birgst den Monn, Birget den Halbgott oft. Eine Muschel verschließt Perlen; ein Fels Decket den Edelstein. Das Glück des Lebens» Jedes Leben beglückt. In Häusern wohnet die Ruhe, Aus dem Lande Genuß, unter Geschäften der Ruhm, Auf dem Meere Gewinn. Sey reich an Haabe, so wird dir Ehre; besitzest du nichts, strebe nach Weisheit und Muth. Lebest du unvermählt: so lebst du Tage der Freiheit ! Nimm dir ein Weib: so baust du dir ein frohli? ches Haus. Kinder freuen und ohne Mühe lebet sich halb nur: Jugend gewährt dir Kraft, reifende Jahre Verstand. Falsch ist also die Wahl, die nicht gebohren zu werden Oder zu sterben wünscht. Jegliches Leben beglückt. II. Nachlese 164 Der rauschende Strom. Wollt ihr den Strom der Rede, dieweil er rauschet, vertrocknen? Laßt ihn. Wenn tr nur rauscht, ist er am wenigsten tief. Die Rache der Juno. Dornen der Eifersucht durchstachen die Seele der Juno, Als Ganymedes einst glanzend vor Jupiter trat. Und sie sprach bei sich selbst: „wohlan, 0 Troja, du sendest Mir eine Flamme, die mich wüthend im Inneren quält: Dafür will ich dir auch eine Flamme senden, den Paris, Geier besuchen dich einst, statt des entführenden Aars."*) *) Des Adlers, der den Ganymed entführte. zur griechischen Anthologie. i55 Die Natur des Tigers. Einen Tiger, den einst im Busch die Schlange verwund et, Heilt' ein mitleidiger Mensch; aber zum Lohne verzehrt' Ihn der Tiger. So wenn dem Undankbaren du wohlthust: Du zerschlagest am Fels selber dein irden Gefäß. Kkytämnestra zu Orestes. Wohin kehrst du das Schwerdt? Zum Leib'? Er hat dich gebühren. Dder zur Brust ? Es hat, Mörder die Brust dich genährt. Die ver siegte Quelle. Wanderer, der d« mich einst, die süß erfrischende Quelle, Kanntest, du findest jeht nirgend ein Tröpfchen in mir. Seit ein gräßlicher! Mörder in mir bluttriefende Hände Wusch, und spülte der That schändliche Flecken in mich: i56 II. Nachlese Seitdem flohn meine Nymphen das Licht. Dem einzigen Bacchus, Sprachen sie, mischen wir uns, nie dem bluttriefenden Mars. Die vergebliche Wohlthat. Thue dem Bösen Guts; Du schöpfest Wasser im Siebe, Gießest den nährenden Quell in ein durchlöchertes Faß. Der Gesang des Lebens. „Wie die Tage der Menschen, so ist der Menschen Gesinnung; Wie sie, bös oder gut, Jupiter ihnen verhängt." Nein, er verhängt nichts Böses; doch läßt er wechseln die Tage, ' Daß du im Wechsel lernst immer derselbigc seyn. Also schweift der Gesang in hoch und niedrige Stimmen; Aber Kalliope winkt, nie zu, verlieren den Ton. zur griechischen Anthologie. Die Flöte. Nimm der Heerde den Hirten mit seiner lockendem Flöte, Nimm dem Menschengeschlecht, was ihm die Muse verlieh; Sieh, es verwildert die Heerde; und statt des Gesanges der Musen Treibt ein barbarisches Volk auch ein barbarischer Stab. Ein Kind setzt den Schmetterling auf den Altar. Warum setzest du, Kind, den Schmetterling auf den Altar? „Daß ich die Seele früh reinen Betrachtungen weih'." Hektar. Hektar, o du der Held in allen Gefangen HomeruSZ Der seinem Vaterland Mauer und Stütze verlieh. Auf dir ruhte der Maonide; denn als du gefallen Wärest, o Hektor, da schwieg mit dir die Ilias auch. II. Nachlese i5ö Der Schmetterling auf einem Grabmal. Trink, o Seele, berausche dich sanft mit dem Tranke des Schlummers. Daß du verjünget und neu sehest Elysiums Flur. Die Biene. Den nur nennet den Reichen, der reich im Herzen die schönsten Gaben in sich besitzt und sie zu brauchen vermag; Wenn du dir Schatze häufst und nicht der Schatze genießest, Bist du die Biene, die auch sammelt — für andere nur. Das innere Olympia. Sind die Gaste versammelt, so laßt die Harfe sich hören. Sitzt der Richter, so tritt Redner und Sprecher vor ihn. Griechenland ist beisammen: da singen Dichter; es kämpfen Kampfer, der Lauser läuft, blickebeflügelt, zum Ziel. zur griechischen Anthologie. i5g Aber zur inner» Harfe, zum Spruch der richtenden Seele Und zum Kampfe, zum Laus nach der Vollkommenheit Kranz, Darf es keiner Versammlung und keiner Blicke. Du bist dir Hörer und Harf' und Gesang, Läufer und Richter und Ziel. Apollo. ,,Ach! daß Apollo der Schäfer nicht mehr am lieblichen Peneus Weidet! daß er so bald wieder die Erde verließ!" Glaub', er verließ sie nicht! Er weidet die Heerde der Menschen; Nur ein barbarisches Ohr hört nicht des Hirten Gesang. Psyche, schiffend mit Delphinen. „Wohin ruderst du, Psyche, von zwei Delphinen geführet? " Ueber des Lebens Strom gleit' ich, o Wanderer, hin. II. Nachlese i6c> Glücklich wurden auf ihm mir Musen-licbende Führer , Und zur sicheren Fahrt Ruder und Steuer ver- liehn. Ein Schmetterling auf der Leier» Siehe den Schmetterling, der auf der Leier umher kriecht , Seele, dein eigen Bild, wenn du die Welten erspähst. Drei Schwestern» Hoffnung und Liebe sind des Lebens fröhliche Schwestern; Jene flieget voran; diese regieret den Flug, Tragt auf ihren Schwingen und weht der leidende» Seele Kühlenden Athem zu, hebt und erquicket sie sanft. Untrennbare! verlaßt mich Nimmer, ihr lieblichen Schwestern, Ohne die Hoffnung sind Leben und Liebe dahin. D e r zur griechischen Anthologie. i6r Der letzte Wille eines Vaters. Als Antigcnes einst, der Gclenscr, zum Hudes hinabging, Ließ er der Tochter noch freundlich die Worte zurück : Liebe Tochter, von Antlitz schön, bewahre zur Freundin Dir die Spindel, sie hilft treu dir das Leben hindurch. dtnd gelangst du zur Eh', so halt' an der friedlichen Sitte Deiner Mutter, dem Mann ist sie das köstlichste Gut. D i 2 H ü N g f r ä tt. Schon ist sie» die jungfräulicheBlume. Doch blühte die BluiNc Bald ab» flöchte sie nicht HyMen zum Kranze sich ein. Drum so schäme dich nicht, du keusches Mädchen, der Liebe: Schuldig bist du für dich andere Blumen der Welt- Herders flLerke z. schön- Lit. tu Kunst. X» L VsKvK.Lkt. 162 II. Nachlese Amor an einer Säule. Sage, wer hat dich Amor an diese Säule gefesselt? Psyche; sie fesselte mich an die Beständigkeit selbst. H y p a t i a. Eine griechische Philosophie. Schau ich dich an und höre deine Reden, Ist mir, als schauet' unter Sternen ich DiefFungfrau an: denn deine Worte stammen Vom Himmel; du, der Grazie Gestalt, Der Weisheit reines, hohes Sternbild, du. A r c h i d i c e. Archidice, die Gattin des Herrlichsten unter den Griechen , Hippias Gattin, ruht hier in verborgener Gruft. Vater und Mann und Brüder und Kinder, waren Beherrscher Eriechenlandes, und sie blieb die Bescheidenheit selbst. zur griechischen Anthologie» 163 Das Instrument» SaiteN siehst du gespannt, und hörst die schlummernden Töne Nicht, und weißt du die Kunst, die sie den Saiten entlockt? Leukothea's Bindö. Lerne die Lehren der Schule; doch, gleich der Leu- kothra Binde, Bist du am Ufer, so wirf sie in die Welten zurück» Verschiedenes Schicksal der Liebe. Ach, der Liebe verschiedenes Schicksal! - Einer dek Amors, Den die Svada beglückt, ruhet der Venus im Schoos. Jener entwindet sich kautn deN Händen der dürftigen ArMuth; Diesen schließet der Kluft trauriger Kerker in sich; Und doch tauschen die Menschen sich mit unsinniger Hoffnung, Daß, wo Amor erscheint, auch ein Elysium blüh'. »64 II. N a c h l e s e Amor, auf einem Wagen von -Schmetterlingen gezogeü. Liebe, dich trägt ein Wagen von Schmetterlingen gezogen , Und du regierst sie sanft, spielend die Leier dazu! Gütiger Gott, laß nie, laß nie die Fessel sic fühlen ; Unter melodischem Klang fliegen sie willig und froh. Amors Gebilde. Liebst du aus Noch und Furcht, so ist dein Ämvr ein Bild nur; Ungetreuer ist nichts, als eine Liebe wie die. Venus, die dem Amor die Flügel nimmt. Mutter der Liebe, du hast dem Sohne die Flügel gcraubet, Und nun weint er, und fleht um ein phantastisches Glück. Gieb, v! gieb es ihm wieder. Erzwungen - beständige Liebe Quält die Geliebte mehr, als sie den Liebenden quält. zur griechischen Anthologie. r65 Laß ihn flattern, den Eitel», um manche glanzende Flamme; Sehnend kehret er doch seiner Getreuen zurück. Mars als Friedensstifter. Bringst du selber, o Mars, in deiner Rechte den Oclzwcig, Und des blühenden Horns Freuden die Fülle zurück ? Schild und Bogen und Spieß sind dir zu Fuße gesunken, Deinen umlorbeerten Helm traget der ruhige Arm. Wohl dir! Biete den Zweig der paphlschcn Göttin » sie wird dir Lohnen im seligste» Kuß, was du im Friedeir uns schenkst. Die Sorge. Nutzt dir Sorge, so meide sie nicht, und pflege den Vorsicht. „Sorge? was stll mir die? Sorge der Dämon für mich." Ohn' ihn kümmre dich nie; jedoch wenn er Sorge gebietet, Sorget er selbst für dich, derer dir Sorge befiehlt. i66 II. N a e h l e s e Alberne Frömmigkeit, Alberne Menschen! Wenn sie der Götter Gaben ge-. meßcn, Sind sie gottlos, und fromm, wenn sie her Dämon verlaßt. Lang same Wohlthat, Jede Gefälligkeit muß leicht seyn, Schleichet sie langsam Schweren Schrittes heran, ist sic nicht Grazie mehr. Lebens Umgang, Wie sich Aufrichtigkeit mit höflichem Sinne vereinigt? Vor mir sey höflich, o Mann; hinter mir redlich und klug. Was schmerzet? Daß ich mich dir vertraut, daß ich zum Freunde dich wählte, Glaub' es, schmerzet mich mehr, als die Geheimnisse selbst, zur griechischen Anthologie. r.67 Die du der Welt jetzt plauderst; Du sprichst^ ein tiefer Gcheimniß, Meinen Unverstand aus, daß ich zum Freund dich gewählt. Der Prahlende. Zeige mir, Schäfer, sprach ein feige - prahlender Jäger, Zeige des Löwen Spur mir, dem Gcwaffncten, an. Die ist nah, antwortete der, die Höhle des Löwen Will ich dir zeigen. Nun gut, sprach er, ein andermal. Wort und That. Eitel ist jedes Wort, das nicht in Thaten vollführt wird; Aber wo ist auch die That, die nicht der Rede bedarf? Zwei Gattungen des Epigramms, Dir ist das Epigramm die kleine geschäftige Biene, Die auf Blumen umher flieget und sauset und sticht. i68 H. Nachlese Mir ist das Epigramm die kleine knospende Rose, Die aus Dorncngebüsch Necktar - Erfrischungen - haucht. Laß uns beide sie dann in Einem Garten versam- mein; Hier sind Blumen, o Freund, sende die Bienen dazu. Lob und Tadel..' Lob ist freilich das Beste; der Tadel grenzet an Feindschaft; Dennoch linde gesagt, wird ec ein. honigtes Wo ft.. Dev S k v u p e l. Was vor züchtigen Ohren dir laut zu sage» erlaubt sey? Was ein züchtiges Herz leise zu thun dir er.-; laubt!. Dev Einmalige Tod« Warum fürchtet ihr denn der Ruhe, Vater ,, den sanften Tvd, der Leiden und Müh, Schmerzen und Jammer euch stillt? / zur griechischen Anthologie. 169 Einmal kommet er nur den Sterblichen; keiner der, selben Konnte klagen, daß Er mehr ihn als Einmal ge- sehn. Aber Leiden, und Schmerz ° und Lebensmühe; wie viel ist Derer und täglich mehr, täglich in neuer Gestalt. Die Horen. Seyd mir gegrüßet, ' die ihr um Jupiters ewigen Thron tanzt, Selige Horen, o seyd immer mir gütig und hold Schwebet vorüber mir, jetzt ernst,, jetzt hüpsend;, die Erste, Die mich gebohrcn einst hat,, segn' und begrabe mich sanft. Die flüchtige Zeit. Nichts beständiges ist in der Menschheit flüchtigen Dingen? Eines das schönste Wort, sagte der Chier *) dereinst t *) Hoiyer, 17» kl. Nachlese Wie die Blatter der Baume, so sind der Menschen Geschlechter; Aber der Sterbliche nimmt selten zu Ohren das das Wort, Daß er cs in der Brust bewahre. Die tauschende Hoffnung , Nahet jedem und stiehlt sich in der Jünglinge Herz. Leichten Sinnes, so länge der Jugend liebliche Blume Blühet, schweifet der Mensch irrend in Traumen umher; Zn vergeblichen Träumen: Er denkt an Alter und ' Tod nicht; Denkt, so lang' er noch blüht, nicht an den welkenden Herbst. Unverständige Kinder, die also wähnen! Sie wissen Nicht, wie im Fluge die Zeit Jugend und Leben verweht. Lern' es, Knabe, damit du fröhlichen Sinnes das Leben Ganz durchlebest und einst heiter zum Ziele gelangst. Das Orakel. Als Alexander einst zu Ammons Sitze gelangt war, Und ihn Jupiter selbst nannte den göttlichen Sohn, Tragt' er den Vater um nichts, als um die Quelle des Nilstroms, Fühlete Schicksal und Glück, ruhen in eigener Hand. zur griechischen Anthologie. 171 Auch wir wollen die Götter nur um Geheimnisse fragen; Pflicht und Tugend und Glück schrieben sie uns in das Herz. l , Der Obelisk auf dem Grabe. Schau Nicaa das Grab mit dem Sterne, berührenden Lichtstrahl Seiner Säule; sie zeigt, wer der Begrabene sey. Er,.Sa cerdos und seine Severa: sie waren den Sternen Näher verwandt als hier dieser verhüllenden Gruft. Adimantus Grab. Dies ist das Grab Adimands. Auf seinen rathenden Anschlag, Setzte der Griechen Land Kränze der Freyheit sich auf. Die berühmte Barbari n. Eine Thrazierin, Abrotonum, birget dies Grab hier; Aber den Griechen gebahr ihren Tcmistokles ich. 1)2 H, Nachlese zur griechischen Anthologie. Themistokles Grab. Setze zum Grabe mir Hellas, und Spieße über das Grabmal, Zeichen der rühmlichen Schlacht, die dich, oHellas, befreit. Und der persische Mars und Terxes sollen mein Grabmal Tragen; auf ihnen nur ruhet Themistokles Grab. Salamis fey die Säule dabcy. Dann sage die Inschrift: „Dieses that ich. O ihr, Griechen, begrübet mich klein." III. Anmerkungen über die Anthologie der Griechen besonders über das griechische Epigramm. Erster Lhetl. ^keinahe sollte man sagen, daß die Griechische Blumenlese das Schicksal natürlicher Blumen gehabt habe: sie blühn, sie werden gesammelt und verwelken im Kranz. Könnte man nur auch hinzusctzen, daß, so wie die unerschöpfliche Erde statt der verwelkten einen neuen Frühling blühender Kinder gebiert, auch die Hora der griechischen Sprache so freigebig gewesen wäre; fast aber ist nach dem Laufe des Schicksals auf unserer Erde das Letzte unmöglich. Jede Sprache der gebildeten Völker genoß mir Einmal ihre schöne Zeit; war diese vorbei, so konnte zwar das Treibhaus ersetzen wollen, was die Natur erst gutwillig gab: immer aber waren diese später» Kinder der Mühe auch vom höher» Alter ihrer Mutter Zeuge. Sie standen nur da, um die kräftigere und blühendere Schönheit ihrer früher» Geschwister entweder zu erheben— oder zu verdrängen, nachdem cs das Schicksal wollte. Beides ist der Fall der griechischen Anthologie gewesen und so ist aus dem Blumengarten der alten Welt mit der Zeit ein wilder, überschwemmter Boden worden, auf dem das Beste neben dem Schlechtesten blühet. Es ist Zeit, mein langes Bild zu enden und es in Geschichte zu verwandeln. lll. Anmerkungen Anderthalb hundert Jahr vor Christi Geburt sammelte ein asiatischer Grieche, Melcagcr von Thrus einen Kranz von Blumen d. i. von den niedlichsten kleinen Gedichten seiner Sprache. Daß er ihn Mit Wahl gesammelt habe, zeigen thcils die Namen» der Dichter und Dichterinnen, aus denen er zusaM- Menlas , thcils dck zärtliche und fein« Geschmack, der in seinen eigenen Gedichten herrschet» Wenn MaN in der Zuschrift seines Blumenkranzes an seinen Freund Diokles die vierundvierzig Namen liefet, deren Blüthcn er brach, wenn man die Liebhaberei des Sammlers betrachtet, wie er die Art eines Jeden mit einer Blume vergleicht und wie eine Biene umhcrfliegt, das Süsseste aus allen zu kosten; und nun höret, „dieser Schatz scy nicht mehr dal er sey wahrscheinlich auf immer verloren, so daß wir eine Reihe von Dichtern nur aus eben diesem Namen- verzeichniß kennen; Dichter, die doch neben einer Sappho und Erinna, neben Anakreon, Plato, Al- cäus, Simonides, Archilochus, Barchilidcs, Theo- krit u. a. stehen konnten, deren größter Theil uns abermals nur aus einigen kleinen Bruchstücken bekannt ist" — nimmt man diese Umstande zusammen und überdenkt, daß nur Einmal Griechen in unserer Welt lebten; wer wollte nicht der Koro- n a des Melcagers einen bedauernden Seufzer schenken. Hundert und fünfzig Jahr nachher stetig Philippus aus Thcssalonich aN, einen ähnlichen Fleiß Ms die Dichter zu wenden, die nach Mcleager ger blühet hatten. Die Namen einiger derselben, von denen noch Stücke zu uns gekommen, lassen uns abermals den Verlust der andern bedauern; um so mehr, über die Anthologie der Griechen rc. 177 mehr, da Meleeigcr und Philippus auch Blumen ungenannter Dichter lasen, und wir also an beiden mehr verloren haben, als selbst ihr Namenvcrzcichniß saget. Wahrscheinlich hatten sie Alles aufbehalten, was ihnen an kleinen Gedichten der Aufmerksamkeit eines guten Geschmacks wcrth schien. Aber das Schicksal! Es richtete Anthologie gerade durch Anthologie zu Grunde. In der barbarischen Zeit Justinians lebte Ag athias, ein dritter Sammler. In sieben Büchern brachte er seine und anderer Dichter Gedichte zusammen, die später als Philippus, folglich seiner Zeit und ihrem Geschmack naher waren; was anders konnte erfolgen, als daß diese schlechtere Sammlung, deren Gegenstände und Vorstellungsart im Kreise des Jahrhunderts lagen, mit der Zeit die' bessere, altere Reliquie in Vergessenheit brachte? Beide Sammlungen, Mcleagcrs und Philippus, würden .vielleicht ganz untcrgegangcn sepn, wenn nicht ein neuer Sammler wenigstens Reste von ihnen gerettet hatte. Consta ntinus Kephalas im zehnten Jahrhundert war dieser vierte Sammler. Er hatte die Arbeiten feiner drei Vorgänger noch vor sichend — wählte. Wie er gewählt? wollen wir nicht entscheiden, und ihm Dank wissen, daß er nur Das und So viel gerettet hat, als wir haben. Freilich war Er's, der durch eine Anthologie aus Anthologien am meisten beitrug, diese zu vernichten: denn sein Vorgänger, Agathias, hatte doch wenigstens die Kränze seiner Vorfahren nicht aufgelöfet und geplündert. Genug aber! auch seine Sammlung war HerdersWerke z. schön, kit, u. Kunst. X. M Vrrecb.. L-r. uns beinabe noch zu fern und kam erst durch den Dienst eines fünften Sammlers, wenigstens einem Theil nach, in unsere Hände. Im vierzehnten Jahrhundert nämlich gab Pla- nudes der Anthologie des Kephalas eine neue Gestalt : er ließ aus, er theilte ein, er setzte zwischen, wie cs ihm beliebte; und diese planudische Compilation, die in den Händen der Zeit war, ward die erste, die den Druck erlebte. Ein einziges Exemplar der Anthologie des Kephalas hatte sich in die Hei- delbergische Bibliothek gerettet, und siel glücklicher Weise, noch ehe dieser Schatz nach Rom gieng, dem Salmasius in die Hände. Er nahm davon Abschrift: seine Abschrift vervielfältigte sicht man trug zu ihr allmahlig hinzu, was man von einzelnen Stücken sonst entdeckte : man versprach, sie herauszugeben, rnM theilte einzelne Epigramme mit; bis endlich der, der es mit der wenigsten Bequemlichkeit thun konnte, am ersten zur That schritt, Rciske.*) Er gab einige Bücher der übrigen Anthologie des Kephalas heraus, bis sich endlich ein zweiter Melea- ger gefunden**),- der aus dem meisten, was uns *) Antdolog. graeo. I.ips. 17^4» Leich hatte die carmiiia sexulcralla herausgegeben, und die erotischen Epigramme ' mußte Neiske in die urisLelianea IAps. noua zerstreuen, so daß wir also durch ihn, wiewohl ohne seine Schuld, nichts Vollständiges bekommen konnten. ") Lrunll Ttnaleura veteruin poetar. ßiaecor. IV I — III, Argsiitor, 1.777. über die Anthologie der Griechen rc. 179 die Zeit aegönnet, und ibm sein glücklicher Fleiß zusammenqebracht bot, einen reichern Kranz binden, konnte. Wie Meleciger, Hot er die Stücke wiederum noch Nomen und Zeiten geordnet, und do er so viel B>rdienste um die Ausgabe griechischer Dichter Hot: so möge ihm dos Glück auch noch die Handschriften der Anthologie, die in Nom*) und sonst in Italien liegen, bescheren, bis endlich eine glückliche Hand vielleicht in Konstontinvpcl oder einem griechischen Kloster die wahre Anthologie Meleogcrs, Philippus, Agochros finde. Blumen wollen wir dem Reisenden streuen, dem dies kaum zu hoffende Glück würde! Zu meinem Zweck mag es an dieser kurzen Geschichte der Anthologie genug scyn; lasset uns sehen, was wir an dem, was noch da ist, hoben. Man ist gewohnt, sich unter der griechischen Anthologie eine Sammlung von Epigrammen noch französischer Act zu denken, und wundert sich, wenn man die wenigsten Stücke eigentlich von dieser Gattung findet. Die Erwartung selbst aber ist offenbar der Entstehung des Buchs entgegen. Meleager sammelte Blumen, d. i. kleine Gedichte allerlei Art; nicht Epigramme allein, noch weniger Epigramme von Einer, der witzigen, satyrischen Gattung. Biele *) In Ansehung der Vaticanischen Handschrift war das Glück unserm Jacobs aufbchaltcn eine genaue Abschrift davon zu erhalten, und sie auch mit seinem kritischen Sinn zu gebrauchen, (A. d. H.) M 2 , t8o lll. Anmerkungen Dichter, die er nennet, und die Art, wie er'solche charakterisiret, lassen uns daran kc'inen Zweifel. Wahrschxinlich ging Philippus auf dieser freien Bahn fort, da bei den Griechen so wenig, als bei den Lateinern die kleinen Gedichte genau von einander ge- thcilt waren. Epigramme, Idyllen, Sentenzen, Sinnsprüchc, zum Theil kleine lyrische Stücke, Elc- gieen, Fabeln und Mährchcn lagen unter oder wenigstens so nahe neben einander, daß man bei einer Blumcnsammlung zum Vergnügen nicht eben kunst- richterisch unterschied. Fände man also auch in dsiser Anthologie nicht, was man in ihr nach einer will- kührlich gefaßten Idee allein suchte; vielleicht laßt sich unter alle dem Unrarh spaterer Zeiten, der in ihr zusammengcfcgt ist, noch etwas Anderes und Besseres finden, als man suchte. Und dies andere Bessere wäre das ursprüngliche, das griechische Epigramm selbst, von dem ich zu sagen wage, daß seine Theorie auch von Lessing noch nicht eigentlich entwickelt siyn dürfte. Lasset uns unfern Weg so ruhig anfangen, als ob in Griechenland alle die schönen und rührenden Inschriften selbst uns zu sich lüden. Sprache ist das Vorrecht des Menschen, und auch das Siegel, mit dem er so gern alles in der Natur bezeichnet. Wir genießen eine Sache nur halb, wenn wir unfern Genuß nicht ausdrücken, und entweder durch Sprache oder Schrift andern mitthci- len können. Wenn auch niemand da wäre, der uns über die Anthologie der Griechen w. 181 lese oder höre; wir sprechen, wir schreiben, gleichsam nur um Besitz von der Sache zu nehmen, >md uns unscrs Genusses zu vergewissern. Ich genieße z. B. einen schönen Baum, eine reizende Gegend; warum spreche ich mit diesem Baum? was zwingt meine Hand, cs auch denen, die nicht mit mir sind, zu melden? Der Baum hört mich nicht: den Abwesenden, dem ich den Reiz der Gegend beschreibe, interessirt sie nur sehr von fern; und doch ist in uns die Neigung da, unser Vergnügen zur Sprache zu briirgen, und dies klare Bild andern mitzutbcilen. Woher dieser Trieb? und wozu legte ihn die Natur in das Herz des Menschen? Sein Ursprung zeigt seinen Zweck und der Zweck seinen Ursprung. Durch die Worte nämlich gewinnet unsere Empfindung gleichsam Form und Gestalt: unser Gefühl wird durch sie ein helleres Bild; dieß vermehrt und verfcint, ja gewissermaßen es verewigt unser Vergnügen, weil nur durch diese hellere Zeichen eine Erneuerung und Reproduo- tion desselben statt findet. Dieß, dünkt mich, sind die Zwecke dieses Triebes für uns selbst; dis Zwecke für andere fallcn mehr ins Auge. Bald ist es Geselligkeit und Freundschaft, bald die süße Lust des Ruhmes, bald ist's die Absicht, durch eine angenehme Idee des andern. Weisheit oder Freude zu vermehren — lauter Empfindungen, die sich zulctzt in das sanfte, aber sehr mannigfaltige Gefühl der Sn m- pat hjc und P hil a.nthr op i e verlieren. ZweeN also und zwar den tiefsten und' edelsten Trieben im Menschen, der Neigung nämlich seine Ideen zu erhellen und zu erwei tc r », sodann seine Gedanken und 1Ü2 III. Anmerkungen Empfindungen andern m i tzu th ci l e n, verdankt, wie jede Zuschrift, so auch insonderheit die kürzeste und künstlichste der Zuschriften, das Epigramm, sein Dascyn. Ich habe mein Beispiel von einer fröhlichen Empfindung gewählt; Key traurigen Gefühlen wirkt dasselbe Bedürfnis«, nur etwa noch reger und starker. Ein Weinender will seinem Schmerz Lust machen; und so bald er ibn in Worte bringen kann, wird das drückende Weh seines Herzens ihm leichter. Sollte auch niemand seine Seufzer hören,, oder seine Klagen lesen; genug, sie zerrannen in Thronen, sie atbmcten in Worte aus: dadurch erhcllcte und bc- rubiqke sich die Seele. In Absicht auf andere ist ebenfalls die Neigung des Betrübten, Mitleidcn eines gleichgestimmten Herzens zu erregen, starker, wenigstens wirksamer, als selbst der Trieb der sich nnttheilcnden Freude und Ruhmbegicrche. Die Empfindung des Betrübten, der seine Seufzer mir zuhaucht, weckt menschliche Mirempfindung. Ich gehe einem Grabe vorüber, und nebme Theil an dem Unglücklichen, der diese Grahschrist setzte. Er vertraute sich dabei auch meinem Herzen an, und wie sollte ich mit ihm nicht gern wenigstens die Bürde eines Seufzers thcilcn? Es erhellet von selbst, daß jeder Gegenstand der freudigen oder traurigen Empfindung seine eigene Art des Ausdrucks sowobl nach dem Gefühl des Empfindenden, als dem Standpunkt dessen habe, an den der Ausdruck gelangen soll. Allenthalben wird eine Exposition des Gegenstandes oder des Gefühls eriord.rt, mit welcher der Empfindende über die Anthologie der Griechen w. i83 sich oder einen andern zu beruhigen gedenkt; nachdem nun aber der Gegenstand zusammengesetzt oder einfach, seltner oder gemeiner ist,, nachdem er mehr den Verstand oder das Herz interessirct, u. f. nach dem allen wird sich die Inschrift richten, die der Seele des Empfindenden ein Bild geben, oder seinem Herzen Luft machen, die dem Geist des andern das Objekt gegenwärtig, oder es seinem Her, zen lebendig machen soll. Und so, dünkt mich, näherten wir uns unvermerkt einer Erklärung des Epigramms, sofern cs noch obne alle conpentioncllc Kunst ist. Es wäre nämlich, psychologisch betrachtet: Die Exposition eines Bildes oder einer Empfindung über einen einzelnen Gegenstand, her dem Anschauendcn interessant war, und durch diese Darstellung in Worten auch einem andern, gleichgestimmten oder gleichgesinnten Wesen interessant werden soll. Ein weiteres wird der Verfolg lehren; wir verfolgen noch unsirn Weg unter den griechischen Inschriften. Wenn ein Volk auf der Erde sowohl Gegenstände und Gelegenheiten, als jene schöne Redseligkeit, jene Humanität der Empfindung besaß, die zum Epigramm gehöret: so waren es die- Griechen, sie, in allem Artigen und Schönen Lieblinge der Musen. An Gegenständen und Anlässen zum Epigramm» fehlte cs keinem Vskk weniger als ihnen. Sie gcnos- 184 III. Anmerkungen sen ein schönes Klima: sic hatten Verfassungen der Ehre und Freyhcit: sie besaßen eine schöne Mythologie und eine Kunst, die sich um alles schlang, die alles verschönte; lauter Stücke, die das Epigramm insonderheit in seiner schlichtsten Gestalt vorzüglich liebet. Es liebt, sage ich, schöne Kunst in allen ihren Arten, eine einnehmende, biegsame Mythologie, die sich um Gegenstände der Natur mit angenehmer Dichtung windet, eine Verfassung der Ehre und Freyheit, ohne welche öffentliche Aufschriften nichts sind oder häßliche Lügen werden, endlich ein Klima, das nicht nur reizende Gegenstände insonderheit in der menschlichen Natur schafft, sondern auch, indem es auf die ganze Lebensart wirkt, jene leichte Empfindung giebt, die sich jedem gegenwärtigen Objekt durch laute Gedanken gern mittheilet. Ich müßte einen großen Thcil der Anthologie ausschrciben, wenn ich diese Stücke mit Exempcln belegen wollte. Man sehe ein schönes Kunstbild, sey es Statue, Gemme oder Gemählde: scheint es nicht zu uns zu sprechen und zum Lohn für das Vergnügen, das es uns giebt, eine kleine Exposition dieses Vergnügens, ein Epigramm, zu fordern? Wenn ich die Vorstellung des Ganzen in seinen Theilen verfolgt und alle Schönheiten der Theile in die Idee des Ganzen vereinigt habe; was ist der natürlichste Ausdruck meiner Empfindung, als eine Aufschrift, die dicß schöne auf mich wirkende Ganze auch in Worten darstcllt, und etwa zugleich eine kleine Spur der Empfindung nachläßt, wie ich dasselbe genossn habe. Ein schöner Thcil der griechischen Anthologie hat also Epigramme über die Anthologie dcr Griechen rc. iL5 auf Kunstwerke * **) ), deren viele so ausdrückcnd, fein und zart sind, daß in ihnen der Dichter mit dem Künstler oft zu wetteifern scheinet. Gr wetteifert nicht; der Dichter geht nur dem Künstler nach, indem er sein Werk entweder mit einem scharfsinnigen Gedanken ins Licht stellet, oder genau mit der Empfindung zu bezeichnen sucht, die der Künstler erregen wollte. Alle Epigrammen auf Statuen der Götter, der Helden, der Dichter, der Weifen gehören zu dieser Art; insonderheit scheint die zarte, einfache Vorstellung dcr Gemme das Epigramm zu lieben. Es ist ein und derselbe Sinn, dcr diese Kunstwerke und ihre Exposition in Worten hervocbrachte, beide also auch mit einem Siegel anmuthiger Einfalt bezeichnet. Ohne das schöne Symbol der Jungfrau auf Sophokles Grabe*) wäre dasGespräch nicht entstanden, das den Nuhm und die Kunst des Dichters so fein lobet, so trefflich schildert. Der Jupiter des Phidias, die Bildsäule der Niobe und Venus, die Kuh des Myrons, und so viele' andere Kunstwerke, brachten jene zahlreichen Wendungen hervor, mit denen sie in der Anthologie fast bis zum Uebermaaß gelobt sind. Was von dcr bildenden Kunst gilt, gilt *) Dle schönsten derselben wird der Verfolg liefern, wiewohl auch schon einigen Epigrammen dieses Lheiles offenbar Gemahlde, Gemmen oder Statuen vorliegcn. **) S. 62. Die Ausleger haben einen Bacchus statt der Jungfrau dahin gebracht, wodurch die Schönheit des Epigramms verloren gehr, und wovon der Text nichts saget. ,86 III. An m c r k u n g c » auch von den Erabmälcrn, den Tempeln und an-, dorn Gebäud.n der griechischen Einfalt. Wie viel Epigramme sind allein auf Bader gemacht! wie oh ist der Eine Gedanke von badenden Nymphen und Grazien gekehrt und verändert! Das Lob schöner Tänzer und Tänzerinnen, schöner Flötenspieler und Harf.nschläger ist eben so wenig geschonct. Kurz, alle Musen und Grazi-n der griechischen Kunst schmücken sich mir diesen Blumen, so daß, wer für jene cm Gefühl hat, auch die Niedlichkeiten nicht verschmähen wird, die ikre Hände berührten. Ich nannte die griechische Mythologie unter den Materiali.n des Epigramms, und der Inhalt so vieler kleinen Spiele des Witzes bestätigt,, was ich sage. Sie war kein abstraktes oder unveränderliches System, daS keiner Gattung der handelnden und mahlenden Poesie viel Stoff geben könnte;, eine Reihe von Volkssagen war sic, die durch Poesie und Kunst jedermann bekannt, mit allen Gegenständen der Natur und Gesellschaft verwebt und jeder neuen Wendung des Künstlers und Dichters fähig waren. Die orpbische Mythologie z. B. ist zu Hymnen vortrefflich , in d,r Epopce und auf dem Theater, im Jdvll oder Epigramm wäre sie unerträglich; da hingegen die homerische, die Dichter- und Künstlcrfabcl alle schöne Gestalten annimmt, die ihr der Witz oder die Empfindung geben wollten. Was ist aus Amor und den Musen, aus Nymphen und Grazien nicht Alles gemacht worden ! und wie nahe lag diese Mythologie dem gemeinen Leben, da beinahe jeder Baum, jede Duelle, jede Gegend einem Gott oder einer Göttin verwandt war. Die Sagen von alten Verwandlungen kamen dazu, und die Klagen der Prognc, über die Anthologie der Griechen w. 167 der Pbilsmele, die Stimme der Echo, die grüwnde Daphne, der flötende Pan ließen sich auch im Epigramm sehen und hören. Dadurch bekam nicht nur jeder sonst tobte Gegenstand Stimme und Leben; sondern es war auch die nächste Gelegenheit zu angenehmen Dichtungen gleichsam gegeben. Die alte Fiktion durste nur fortgesetzt, gewandt, angewandt werden: so ward aus dem alten Mährchen ein neuer Gedanke, ein anmuthiges Lob, eine sich einschmeichelnde Lehre. Ein Volk, das keine alten Sagen hat, oder dem sie nicht gegenwärtig, oder bei dem sie barbarisch und häßlich sind, wird keine dergleichen National-Dichtungen über Gegenstände, der Natur, Blumen, Baume, Spiele, Künste, Geschäfte, in welche alle sich Götter gemischt hatten, haben. Setze man nun noch den regen Aberglauben hinzu, der diese Götter gegenwärtig glaubte und jeden Gott in seinen Beruf zog: dieser alte Hirt hieng seine Flöte dem Pan auf; jener alte Krieger feinen Helm dem Mars oder der Minerva: alle Geschenke, alle Dankopfer forderten wenigstens einige Worte einer erklärenden Zu'christ; ab.rmals eine Menie Stoff zu Epigrammen der schönsten Art. Die Anthologie hat viele dieser Gattung: ewige sehr simpel; aber in ihrer Simpliritat auch noch jetzo reizend. Die Bestellungen endlich, die man vom Lodtcnreich hatte, welche schauerlich - anschauliche Bilder, welche trau- riqiuße Empfindungen erregen sie in jenen Grabschristen und Lcichrncercmonien, mit denen man die V.rstorbencn schmückte! Gerade das Dunkle, in wel-' ches sich ihr Blick einschloß, tragt zu dem wehmü- thig.n Gefühl bei, das ihre Todenmale für jeden sanftfühlenden Menschen umschwebet. Ein hellerer Blick, eine deutlichere Vorstellung vom Zustande »ach dem Tode würde offenbar die Dämmerung vertreiben, die uns jetzt mit dem Wohnen im Todtenreich oder unter den Sternen so wehe- und wohlthut. Von der Verfassung der Griechen, die auf persönliche Ehre und Freiheit gebauct war, mithin öffentliche Denkmäler und Sicgeskränze, mithin auch. Loblieder und Aufschriften auf dieselbe erweckte und wcrth hielt, darf ich nur kurz reden. Wo sind jetzt die Tempel und Bildsäulen unsrer Helden? wo sind die Aufschrift.« zu ihrem Lobe? Die schönsten Gegenden Griechenlands bezeichnten Altäre der Götter und Heroen; auf den schönsten Höhen unserer Länder steht das einzige öffentliche Denkmal, darum sich der Geist unserer Gesetzgebung bekümmcrr, Galgen und Räder. Endlich cm Klima, das allen diesen Gebäuden und Kunstdenkmalen, so wie ihren belehrenden Inschriften Dauer und Raum gab .- ein Himmel, der die schönen Menschenbildungen weckte, die in leichten und regen Empfindungen des Tanzes, der Freude, des Witzes und der Gesellschaft lebten. — Doch da komme ich unvermerkt zu meinem andern Stücke über. If. Alle äußeren Gelegenheiten sind unwirksam, wenn in uns nicht ein Trieb ist, sie zu nutzen und anzuwcnden; glücklich, wen» das Aeußerc dem Innern aufhilft, und das Innere sich dem Aeußern mittheilkt. .89 über die Anthologie der Ericchcn rc. Sowohl- alte als neue Schriftsteller haben der leichten Geschwätzigkeit der Griechen erwäbut, die sic bei allen Empfindungen des Leides und der Freude zeigten; und so waren sie eben so wohl in Schrift als in Sprache. Lucian redet von einem, der, in die kindische Venus bis zur Verzweiflung -verliebt, keine Mauer, keinen Baum vorbei ließ, der nicht mit ihm hatte ausrufcn müssen: die schöne Aphrodite! Mehrere Dichter spielen auf die allgemeine Gewohnheit der Liebhaber an, den Namen ihrer Schöne auf Blatter und Baume zu schreiben, ihre Thür mit Kränzen und Blumen zu schmücken, sie mit Lobliedern und Verben zu beehren. Ein Thcil der Anthologie enthält dergleichen süßes Geschwätz der Liebe. Da sind feine Lobsprüche und Schmeicheleien, Erklärungen und Geschenke in mancherlei Gestalt: bald Wendungen aus der Mythologie, bald kleine Umstände aus dem Umgänge oder von der Person des Geliebten*). Schlaf und Fliege, Licht und Salbe, Kranz und Saitenspiel geben dem verliebten Meleagcr Anlaß zu Tändeleien, *) Daß ich Strato's Muse und einen gute» Lheil der kephalischen Sammlung unter diesem Lobe nicht begreift, wird jeder mir ohne Erinnerung glauben. Die erste Härte vielleicht gar nicht dürfen gedruckt werden; und überhaupt ist aus jeder selbst der planudischen Anthologie für junge Leute, ja für jeden Verständigen, ein Auszug nothwen- dig. Die Auszüge, die man bishpr hat, wenigstens so viel ich deren kenne, sind ohne Geschmack und Wahl, ohne Zweck und Reize. ino III. Anmerkungen voll Witz und Empstndung. Der Schmerz der Griechen mar »bin so geschwätzig, als irre Liebe und Freude. Konnten sie cin.n gcli.bten der Asche geben, ebne noch im Grube mit ibm zu sprechen, oder ibn spr.chcn zu lassen aus dem Grabe? Manches Todtendenknial ist dah^r eine kleine Elegie, die als 'Aufschrift j-ne Kürze, Ründe und endlich den sanften Schluß bekam, den man von Gräbern so gerne mitnimmt Die Vaterlandsliebe und Ruhmsucht der Griechen reizte sie nicht weniger zu Denkmalen vcll dichterischer Sprache. Sollt.n sie auch die Geschichte verändern — wenn die Veränderung nur ein schönes Rild, eine glückliche Schmeichelei dein Ruhm ihrer Nation gab. Den Körper des Leonidas, z. B. hat TerpeS nie mit seinem Purpurmantel bedeckt; der Geschichtschreiber erzählt uns vielmehr von einer grausamen Behandlung, die der despotische Asiat dem Leichnam seines Feindes bewiesen , was thut das aber dem Dichter?*) Leonidas ist sein Held und der griechische Stolz wünschte den Pcrsermonarchen auch voni nackten todten Helden mit seiner Anerbietung verschmäht zu sehen. — Aehn- liche Züge des dichtenden Nationalruhms zeigen sich nicht nur in Inschriften und aus dem Theater der Griechen, sondern selbst in ihrer Geschichte. Dieser Liebe zu reden, auch auf öffentlichen Denkmälern zu reden, kam nun ihre Sprache so *) S. 63. über die Anthologie der Griechen ic. 19: sehr zu statte», daß Musen und Grazün sie dazu gleichsam ausgedacht zu bab.n schumn. Ich schweige der einfachen Buchstaben »nd der sanften Mischung von Vokalen und Ecnscne.nNn, die auch auf Denkmälern eine Aufschrift so lesbarer macht, als es die unsere nie werden kann; ich will bür nur vom pocti'chen Wohlklange derselben zur Inschrift reden. Wie bieg'am ist sie zu jedem Bi de, zu jeder Empfindung! wie biegsam imonderheit zu dem schönen Maas, das sich das Epigramm gewählt hat! Hexameter und Pentameter nind.n einen Kranz in Wort,», so wie sie dem Dhr in Spitzen einen vollendete» Rundtanz geben. Welche Sprache kann sich solcher Sylbcnmaaße rühmen? Selbst die römische nicht; und in der deutschen versuche man cs, wie manche Mühe die Uebersetzung eines Epigramms, insonderheit in seinem Pentameter, koste. Unsere Prosodie starrt von einsylbigcn unbestimmten Worten: Hiatus sind in ihr fast unvermeidlich, und wenn der Vers seine Flügel mit fröhlichem Spiel auf- und Zuschlägen soll: so schleppt sie sich oft in mühsamem Gange daher, treu dem Himmel, unter dem sie ertönet. Den Griechen hatte die Muse gegeben, mit offenem Munde zu reden; Gesang floß von ihren Lippen: Gesang spricht auch von ibren Steinen. Und wie das Epigramm, so hatte jede Gattung der Gedichte ihr Splbenmaaß, dem dann die Nachfolger älterer Dichter gern treu blülun. Die Epopee tönte im prächtigen Hexameter daher: das Theater gierig den Tritt des Kothurns auch in Sylbenmaaßen der Gespräche und Ehöre: das Lied Anakreons hatte seine liebliche Weise; wir könnte eine schönere zu ihm erfinden? Lehrgedichte und 192 III. Anmerkungen JdvlleU sprachen in einem ernsthaften oder lanstern Hexameter: die Elegie weinte in einem sußgebrsche- nen Full der Töne und das Epigramm schloß sich an diese, wahrscheinlich weil seine erste und gemeinste Materie traurigen oder zärtlichen Inhalts, Inschriften auf Gräbern oder Seufzer der Liebe waren. Auch dem frohesten Inhalt indeß kann sich das Sylbcn- maaß des Epigramms anschmiegen. Der Hexameter giebt ihm Aufflug, Fülle und Würde, da sodann der Pentameter gleichsam zwischen tritt, und sie zu einer siinst.n Runde, zu einer vollendenden Kürze umbicgt, oder wie ein Pfeil in die Lüfte versaufet. Glückliche Sprache, die so vollkommene, ihr zur Natur gewordene Gedankenformcn in sch hat! Der wilde Dichter wird von ihnen in Schranken gehalten, und auch der mittelmäßige auf ihren Schwingen gehoben. Die Anthologie ist Zeuge, wie sehr sch die witzigen Griechen an dieser Form übten, wie oft sie Einen und denselben Gedanken mit einer neuen Wendung zu sagen versuchten. Endlich das sanfte Maaß der Menschlichkeit, das dieser wohlgebildeten Nation in ihrem gemäßigten Himmelsstrich zu Theil worden war; es wirkte auf ihre Poesie im Größten und Kleinsten. Die Seele des griechischen Epigramms ist Mitem- psindung. Man muß einen Gegenstand genießen, ihn mit Liebe oder Ruhe anschauen, ihn gleichsam mit- und durchempsinden können, damit er in und. über die Anthologie der Griechen rc. aus uns rede; auch hierin, wie in Manchen andern, ist die Poesie eine Schwester der griechischen Kunst. Sowohl zur Hervorbringung als zum Genuß beider ist jene Ruhe, jenes stille Mitgefühl, km; eine sanftuinschriebene heitere Existenz nöthig: denn es ist der unerreichte Vorzug der griechischen Kunst und Dichtkunst, daß beide gleichsam nur für sich dastehn, und wie die Werke der Natur sich in ihrem Innern genießen. Die Sprache der Kunst, das Epigramm, konnte von keiner andern Art seyn: in seinen schönsten Stücken stehet es eben so bescheiden da, in sich vollendet und glücklich. Auch bei der Wahl der Gegenstände zeigt sich dies sanfte Gefühl der Menschlichkeit, das ein gleiches Mitgefühl fordert. Wie schöne Epigramme hat die Kindes - und Mutterliebe gedichtet! wie zart empfunden ist das Schicksal des Menschen in seinem kurzen und wandelbaren Leben, endlich in seinem Abschiede von allem, was ihn liebte! Selbst wo diese einzelnen Stimmen nur Sentenzen sind, rühren sie durch ihre traurige Wahrheit, wie die Stimme der Nachtigall auf einem Grabe. Allem thcilt sich dies Gefühl der Humanität mit, allem, was den Menschen umgiebt, was ihn erfreuet oder quält, was ihn lehrt, oder was ihm dienet- .Der Vogel und der Delphin, die Henne und die Eicada, die Biene und ihre Rose empfangen den Gruß des Epigramms; selbst unbelebte Wesen werdur mit Liebe belebet. Für den sanftcrn Menschen sind also diese kleinen Gedichte eine Schule geselliger Empfindung, und wie manches hätten wir auch sonst in den besten derselbm zu lernen! — Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. X. N t-e-cck. Ille. III. A n m erkunge n. Ich würde mir selbst viel zu lange über das griechische Epigramm geschrieben haben, wenn das, was ich sage, nur diese einzige Dichtungsart gölte. Nun aber sind mehrere mit ihr so enge vergcschwi- stert, daß ich auch über sie noch ein Wort hinzussi- gen muß, zumal die alte Anthologie sie gemeinschaftlich in ihren Schooß aufnahm. Die Griechen hatten zwo Arten kleiner Gedichte, deren eines sie §1^05, das andere ricsuXXwr, Bild, Kit n st werk nannten: von beiden hat die pla- nudische Sammlung einige Stücke; die Anthologien Meleagcrs und Philippus werden ohne Zweifel mehrere gehabt haben. Vom ersten Namen, sofern er kleine Gedichte gilt, sind die Lieder Anakreons die bekanntesten: sind sie Epigramme oder nicht? und was scheidet beide Arten? Wenn ein kleines angenehmes Gedicht auf einen einzelnen Gegenstand mit einem naiven oder witzigen Ausgang ein Epigramm wäre; welche schönere Sinngedichte gäbe cs, als manche anakrconti- sche Lieder? Ein Theil von ihnen liebt die Antithese und schließt sogar mit ihr: ein anderer enthält Dichtungen mit einem unerwarteten Ausgange; ein dritter giebt sogar eigentliche Gemählde des Bechers, des schwimmenden Stiers, fröhlicher Städte, des Bathylls, der Freundin; und doch fühlt jedermann, daß keins von diesen Stücken ein Epigramm sey, selbst nicht in der naivsten griechischen Weise. Das Sylbenmaaß macht den Unterschied nicht allein; sondern — was denn ? der ganz andere Ton des Stücks sowohl in Schilderung des Gegenstandes, als im Gange der Empfindung. Hier ist kein so einfacher Gedanke, keine so simple Darstellung mehr; über die Anthologie der Griechen re. 196 mich bei den einfachsten ist außer dem fröhlichen, lauten Aufruf offenbar eine mehrere Auflösung der Züge, kur; ein lyrisches Gemahlde, das zwar in ein Epigramm verwandelt werden kann, aber selbst kein Epigramm ist. Das Idyll der Griechen erscheint bei Bion, Moschus und Theokrit, insonderheit bei den beiden ersten, in einer Vielfachheit, die manchen Gesetzen neuerer Kunstrichter Trotz bietet. Bald ist's ein Todtengesang voll heiliger Gebrauche, voll heftiger, trauriger, schmerzlicher Affekten; bald wiederum eine ruhige Empfindung; jetzt ein Seufzer, jetzt ein Gebet, jetzt eine Dichtung mit so witzigem Ausgange, daß zum Epigramm ihm nur Sylbcnmaaß und Kürze zu fehlen scheinen. Indessen ist keins derselben ein Epigramm wie z. B. der pflügende Amor von Moschus es offenbar ist und seyn sollte. Auch Fabeln giebt's in der Anthologie, die sich in ihr nicht nur der Kürze und des Sylbcnmaaßcs, sondern auch ihrer an's Epigramm granzenden inner« Art wegen, erhalten haben: denn wie leicht und bald kann eine Geschichte oder Fabel, die die Münde und Kürze des Epigramms hat, auch der Gestalt nach ein solches werden ! Man darf die Geschichte nur etwa als Inschrift auf den Ort ihrer Begebenheit beziehen und in ihr eine allgemeine Lehre anschaulich machen: so ist die Fabel Epigramm und das Epigramm eine Fabel. Die moralischen Sinnsprüche endlich, deren auch R 2 196 III. Anmerkungen über die Anthologie rc. re. in der Anthologie eine reiche Sammlung ist — aber genug! Der Unterschied dieser kleinen Gattungen und die Theorie des Epigramms selbst erfordert Manches, das dem Leser angenehmer seyn wird, wenn rr's mit der fortgesetzten Blumenlcse selbst im folgenden Theile beisammen findet. IV. Anmerkungen ü b'e r das griechische Epigramm. Zweiter Theil der Abhandlung. I. Einleitung. H-»-ls Lcßing seine Sinngedichte neu herausgab,*) begleitete er sie mit zerstreuten Anmerkungen über das Epigramm und einige der vornehmsten Epigrammatisten, unter denen die griechische Anthologie den letzten Platz einnimmt. Er geht in dieser Abhandlung, wie auch Va- vassor und andere vor ihm gvthan hrtttcn,**) vom *) Leßings vermischte Schriften, Ltz. i. Bert. 1771. **) Ool'feaä cls toto so posmsltis gensrs, Huo-ä I^pigrrlMML äicitnv. 4. Venet. ib6g. 7 o. cls conlicienelo Lpigrsinmsie,. 4. Lonon. i6zs. Vincent. opnscnlum äe epigrainmLts» 12. lVleäiol. r6tzr» ^Vi'col. cis eonscrlkenclo epizrammr- ie. 8, knris. r6gZ, 20» IV. A nmer kungen wirklichen Denkmal und seiner Aufschrift aus, welche letzte er als einen Aufschluß zu jenem betrachtet. Hieraus entwickelt er die beiden nothwendigen Thci- le des Epigramms, die einige seiner Vorgänger zwar bemerkt, aber nicht scharf genug unterschieden hatten, und nennt sie Erwartung und A ufschl u ß. Mit Scharfsinn setzt er beide ins Licht und zeigt die Fehler dieser Art von Gedichten, sobald ihnen das eine oder das andere Stück mangelt. Seine Abhandlung vcrräth auf allen Blättern den philosophischen Geist, der ihn auch bei der kleinsten Materie nicht verließ; und über die einzelnen Dichter sind gelehrte Anmerkungen eingestreuct, die auf manche weitere nützliche Untersuchung führen. — Sollte indeß diese Entwicklung des Epigramms so umfassend und genetisch seyn, als manche andere vortreffliche Theorie dieses philosophischen Dichters? — Denn zuerst: wenn das Epigramm ein Gedicht ist, in welchem „nach Art der eigentlichen Aufschrift" unsere Aufmerksamkeit erregt, gehalten und befriedigt werden soll, also, daß, wi. bei der wirklichen Jnscription das Denkmal selbst Aufmerksamkeit gebietet, die Aufschrift diese erregte ln'nno. Grvn§§or cle epigrarniriats liker. 12. V2ris. 166g. 1672. und in seinen Oxp. lbol' Lin-r. 170g. p. 85. Es ist also sonderbar, daß EavassorCap. 2. seiner Abhandlung sagen konnte: es habe vor ibm, außer den Schriftstellern über die Poetik überhaupt, noch niemand besonders vom Epigramm geschrieben. über das griechische Epigramm. 201 Neugier nur befriedige: so müßte, dünkt mich, in der Erklärung des Epigramms, das beide Thcile, Erwartung und Aufschluß vereinen soll, auch des Denkmals selbst Erwähnung geschehen. Mithin hieße es, dieser Theorie zufolge: nach Art des Denkmals und sein er Aufschrift. Aber warum nach Art der Aufschrift? Sind manche, zumal die ältesten Epigramme, nicht wirkliche Aufschriften gewesen? Sind nicht viele der schönsten in der Anthologie als Aufschriften gedacht und verfertigt worden? Gleichviel ob sic auf Gräbern und Bildsäulen, auf Bädern und Tempeln wirklich standen oder nicht standen; — wurden -sie als Jnscripkioncn erfunden, so blieben sie solche auch in der Schreibtafel dcS Dichters. Zweitens. Das Epigramm soll wie ein Denkmal Aufmerksamkeit erregen und 'wie die Aufschrift desselben diese erregte Erwartung befriedigen ; von welcher Art ist aber die Aufmerksamkeit, die ein Denkmal erregt und feine Aufschrift befriedigt ? Es wäre übel, wenn dies bloß eine erwartende Neugierde scyn sollte: denn Neugierde, die flüchtigste und flachste aller .Bewegungen unserer Seele, wird oft durch ein Nichts gereiht und durch ein Nichts befriedigt. Jedes edlere Denkmal, ein Kunstwerk insonderheit, will aus tiefere, schönere Empfindungen wirken; warum also mußte das Epigramm, das, dieser Theorie zufolge, dem Denkmal nacheifcrt, sich mit jenem Flüchtlinge, der Neugierde, begnügen? Die schönsten Gedichte Martials, Eatulls, der griechischen Anthologie und der ncue- crn Epigrammatisten setzen sich oft ein edleres Ziel. Mithin werden die Worte Erwartung und Aufschluß, die sich übcrdem nicht völlig entsprechen, auch in solche verwandelt werden müssen, die mehrere Empfindungen in sich fassen und eine tiefere Befriedigung nicht ausschließen. Oder das Epigramm würde zu einem ermüdenden Spiel, zu einer verfliegenden Seifenblase. Und welches wären etwa diese mchrfassende» Worte? -Mich dünkt, keine andere, als Darstellung (Exposition) und Befriedigung.*) Das Denkmal selbst würde uns vorgeführt, cs wirkte auf jede Empfindung, auf die es seiner Natur nach wirken konnte, bis cs den Umfang derselben ausgefül- lct hatte und dies wäre das Ziel der Aufschrift. Ueberdcm sind Erwartung und Aufschluß dem Epigramm nicht ausschließend eigen; sie müssen bei einem jeden Werk, das die menschliche Seele unterhalten soll, statt finden. Wehe der Epope, dem Drama, ja selbst wehe der Geschichte, der philosophischen Abhandlung, sogar dem mathematischen Lehrsatz, der keine Erwartung zu erregen weiß oder diese nicht durch einen Aufschluß befriedigt! Wehe aber auch einem jeden Werk der Kunst und Dicht- ') Bavassor nennt sie expysitloneirr et clurmru- Inm: die altern Lheoristen des Epigramms nennen sie inäicmtioneiir oder nsrratioiient et enn- cMsioneni. Der Vers» der Gedanken von Deutschen llchigramrnstibirs Leipz. !i6g8. nennt sie protasin und apoäosin , welches alles auf Eins hinausläuft. über das griechische'Epigramm. 2c>3 kunst, des Unterrichts und der Lehre, das n u r Erwartung erregen und in ihr nur die Neugierde befriedigen wollte: denn überall muß diese nur Ingrediens seyn und bleiben. Sie ist das weiche, lockere Band, das bald länger bald kürzer gehalten, mehr oder minder angestrengt, sowohl die Th§ile des Werks, als unsere Empfindungen darüber zwar bindet, nicht aber sie ausmacht. Endlich. Warum müßte es bloß ein Denkmal seyn, das, mit -seiner Inschrift zusammengenommen, die natürlichen Theile des Epigramms gäbe? Mich dünkt, ein Denkmal, zumal der Kunst spreche am vollkommensten durch sich selbst und bedürfe seiner Inschrift als einer nothwendigen Halste seiner Hauptwirkung. Der Künstler, z. B. der eine Bildsäule, einen Tempel, einen Schild dahin stellt, redet durch diese in natürlichen Zeichen; und er hatte seine beste Wirkung verfehlt, wenn diese Zeichen auf den lebendigen Menschen nicht schon durch sich befriedigend und genugthuend wirkten. Was die Schrift dem Kunstdenkmal Hinzuthun kann, gehöret nicht eigentlich zur Kunst, die in willkührli- chcn Zeichen der Rede sehr unvollkommen dargcstcllt würde; es ist meistens nur ein historischer Umstand, der zwar zum äußern, nicht aber eigentlich zum inner» Verständnis des Denkmals gehöret, indem er sein Wesen nicht aufschlicßt, sondern nur seine Geschichte erläutert. Kurz, warum wollen wir des Denkmals erwähnen, da jeder Gegenstand in der Welt, lebendig oder todt, gegenwärtig oder abwesend ein Werk der Kunst oder der Natur, mir angenehm >Her widrig, ein Objekt der Inschrift werden kann, sobald ich mir solchen als gegenwärtig denke und ihn für mich oder für andere bezeichne. Als Anschrift betrachtet, wird also das Epigramm nichts als die poetische Exposition eines gegenwärtigen oder als gegenwärtig gedachten Gegenstandes zu irgend einem genommenen Ziel der Lehre oder der Empfindung. O daß Leßing lebte! Er sollte der Erste sepn, der diesen Abschnitt läse und der unparteiische Forscher des Wahren, der gegen sich selbst am strengsten war, würde auch in dieser Kleinigkeit unparthci-. isch' entscheiden. 2. Ursprung und erste Gestalt des Epigramms. Wenn wir der Geschichte nachgehen und das Epigramm als Zbufschrift bis zu seinem Ursprünge verfolgen, wie erschcint's in diesem.Ursprünge? Rein historisch. Die Alten, das heißt hier vorzüglich die Griechen schmückten ihre Gebäude und Denkmale, selbst ihre Waffen, Tafeln, Gefäße und Hausrath mit Inschriften; die Inschrift bemerkte aber nichts, als etwa wer diesen Tempel, wer dies Denkmal errichtet habe? wem und worzu es errichtet sey? u. f-, über das grieckstsche Epigramm. 20s also lauter Dinge, die der Gegenstand durch seine natürlichen Zeichen selbst nicht sagen konnte. DieS war der Natur der Sache gemäß: Venn sobald jener rohe Mahler ein Schas kenntlich zu zeichnen wußte, so durfte er nicht mehr hinzuschreiben, daß cs ein Schaf sey. Wollte er aber noch einen Nebenzweck erreichen, z. B. seinen Namen verewigen oder den. Zweck angebcn, wozu er sein Gemählde ausgestellt habe: so bedurfte es freilich dazu einiger beigcschric- hencn Worte. Historische Aufschriften dieser Art hat man eine Menge*). Nachrichten von ihnen reichen nicht nur in die ältesten Zeiten, in denen man Buchstaben kannte; sondern der älteste Gebrauch der Buchstaben selbst war Epigramm, d.i. eine Auf- oder Denkschrift für zukünftige Zeiten. Man schrieb sie auf Stein, Metall, Holz, Waffen, Geräthe u. f. und die Alten nannten solche Aufschriften, der Bedeutung des Worts nach, wirklich Epigramme, (wie Pctrvn sogar das Brandmal auf der Stirn des entlaufenen Knechts ein Epigramma nannte.) Jedermann stehet *) Außer denen, die die alten Schriftsteller selbst z. B. Herodot, Strabo, Pausanias u. a. anführen , s. das Berzeic^niß ihrer Sammlungen in Christs Abhandlung über die Literatur und Kunstwerke des Alterthums. Leipz. 0776. Abschn. Z. — lVlakkal arg cririca lapitlaria. I.uc. 176g. sollte eine kritische Geschichte derselben werden, ist aber als opus poitbuiwuni ein äußerst unvollkommener Anfang; so daß uns ein Werk dieser Art noch fehlet. IV. Anmerkungen »06 aber, daß Epigramme dieser Art das Epigramm, »vovon wir reden, nur noch in seiner rohesten Gestalt enthalten; daher man jene lieber mit einem eigenen Namen , -r-ssxo«) Bei-, In-, Auf-, Ueberschriftc n benennen und dem Epigramm diesen Namen nicht geben sollte. Indessen ist's unläugbar, daß jene Epigraphen nicht nur Vorgänger, sondern auch wirkliche Vorbilder der ältesten poetischen Epigramme wurden: denn auch diese enthielten zuförderst nur historische Umstände, die das Denkmal selbst in seiner stummen Sprache nicht sagen konnte. Bald aber ward die Poesie auch hier ihres Vorzugs inne. Indem sie den Gegenstand oder denjenigen, der ihn gesetzt hatte, nur mit einiger Empfindung nannte: so entstand unvermerkt hieraus eine schönere Exposition, die der Grund und gleichsam die Urform des griechischen Epigramms ist, ob sie gleich lange mit aller historischen Einfalt vorgetragen wurde. So sind die kleinen Epigramme die man einer Sappho und Er in na, einer My- rv, Noßis und Anyte, oder dem Anakrcon, Simonides und andern alten Epigrammatisten zuschreibt, meistens nichts als simple Expositionen der Gegenstände, d^e sic anzcigcn. Den griechischen Grabschristen, den Weihgcschenkcn an die Götter, ja allen andern Gelegenheiten, wo das Denkmal selbst gleichsam zu reden batte, blieb diese Form noch bis auf späte Zeiten eigen, so daß ich das Epigramm, das eine bloße Exposition enthält, die Urform des griechischen Epigramms nennen möchte. über das griechische Epigramm. 207 Uebcr Geschmack und Gefühl lasst 'sich nicht streiten; ich bekenne aber, dass manche dieser simpeln Expositionen für mich viel mehr Rührendes und Reizendes haben, als die geschraubte epigrammatische Spitzfindigkeit spaterer Zeiten. Dort sprechen Sachen statt der Worte; die Worte sind nur da, jene vorzuzeigen und mit dem Siegel einer stummen Empfindung, wie mit dem Finger der Andacht oder der Liebe zu bezeichnen. Beispiele werden auch hier das Beste thun und die Anthologie ist voll derselben. Wenn Sa pp ho einem armen Fischer die Grabschrift setzt:*) „Dem Fischer Pelagon hat hier sein Vater Meniskus Ruder und Reisig hingesetzt, cinDenk- „mal seines mühseligen Lebens." welches sinnreichern Schlusses bedürfte das Epigramm weiter? Das arme Denkmal auf dem Grabe spricht statt aller Worte, so daß die Zunge der Dichterin nur eine Dollmetschcrin dessen seyn darf, was das Symbol selbst zum Gedachtniß des Tobten und seines mühseligen Lebens und der Empfindungen seines ihn überlebenden armen Vaters sagen wollte. — Wenn eben diese Sappho einer verstorbenen Braut die Erabschrift setzt:**) *) Lrunclc snslect. I'. I. p. gg. **) idiä. 2o3 IV. Anmerkungen „Dies ist der Timas Asche. Vor der Hochzeit „gestorben, ging sie in's dunkle Brautbett der „Proserpina hinunter. Alle Mädchen von glei- „chcm Alter schnitten, da sie todt war, sich die „liebliche Locke des Hauptes ab mit neugeschliffe- „nem Stahl." so wird, dünkt mich, das Grab der Braut durch diese simple Exposition mehr gefeiert, als durch lange Lobsprüche von Sentenzen. Das Brautbett der Jungfrau hat sich eben vor ihrer Hochzeitfreude ins dunkle Bett der Proserpina verwandelt; d. i. sie ward wie jene die Braut des Orkus. Alle ihre Gespielinnen fühlen das Traurige dieses Falles und weihen voll mitleidigen Schreckens ihrer lobten Freundin den Schmuck ihrer jungfräulichen Jugend. Statt sich zu ihrem Feste zu krönen, liegt jetzt die Locke auf ihrem Grabe. — Jeder kennet die edle Grabschrift des Simo- nides auf die bei Thermopyla erschlagenen Spartaner: *) „Geh, o Wanderer, und sag's den Lacedemo- „niern, daß ihren Gesetzen gehorchend wir hier „liegen." und welch ein scharfsinniger Schluss, welch ein aus- schmückcndes Beiwort könnte hinzugcsetzt werden, das nicht sogleich die einsylbige spartanische Heldcnbotschaft entnervte? Cicero in seiner Uebersetzung fügt nur die *) ibiä. x. IZI, über das griechische Epigramm. 209 die heiligen Gesetze des Vaterlandes hinzu und der rauhe Spartaner spricht sogleich weicher. So sind die Epigramme, die Geschmke an die Götter begleiten, meistens simple Darstellungen dessen, was man dem Gott weiht; etwa mit einer Ursache,.warum man's ihm weihte oder mit einem Wort des Danks, des Wunsches, der Bitte, der Freude. War dies nicht alles, was der Sterbliche dem Unsterblichen sagen konnte? „Diesen krummen Bogen und diesen Köcher „hangt Promachus dem Phöbus zum Geschenk „auf; des Köchers Pfeile flogen in der Schlacht „umher und trafen die Herzen der Krieger, „ihnen ein bitteres Geschenk." „Dem Glaukus und Nereus, der Ino und dem „Melicertes, dem Zevs der Fluthcn und den „samothracischen Göttern weihet Lucilius, im „Meere gerettet, sein Haupthaar hier. Weiteres hat er nichts mehr." „Diese jugendlich-blühende Locke seines Haupts „und dies Milchhaar, dcn Zeugen kommender „Mannlicher Jahre weiht Lykon dem Phöbus; Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. X. O L-r. 2rt) IV. An merkringen „sein erstes Geschenk. Möge er ihm auch einst „sein graues Haar so weihen." Was fehlt diesen Zuschriften an Kürze, Würde und rührender Einfalt? Wenn sie mit ihrer simpeln Exposition nichts sagen; was werden sie ihm durch vieles Wortgeprange zu sagen vermögen? Indem ich also diese erste Form des griechischen Epigramms, die nur Exposition ist, für die Grundform der ganzen Gattung halte; so wünschte ich, daß wir noch jetzt Epigramme dieser Art machen könnten oder machen wollten. Sie setzten nämlich rührende Denkmale, merkwürdige Personen, Geschichten und Sachen voraus, denen man nur Sprache geben darf und sie werden dem Geist oder hem Herzen vernehmlich. Die Exposition in ihnen darf nur rein und klar, natürlich und menschlich gefühlt senn, ss wird sie, selbst in Pros-, eine Poesie für alle Ge- müther. Auch dünkt mich ist's gerade diese Gattung, die sich, ihrer natürlichen Form nach, dem Dichter von selbst aufdringt, ja die ihn sogar abhalt, eine künstlichere zu erwählen: denn wenn er von der Empfindung einer Geschichte, wenn er vom Leben oder der Anmuth und Würde einer Person und Sache durchdrungen ist, was wird, was kann er thun, als uns diesen Gegenstand mit seiner Empfindung vorführen und — schweigen? Der nähre Affekt ist stumm ; er verschmäht die Worte, weil er fühlt, daß diese doch alle unter dem, was er ausdcücken wollte, bleiben und spricht lieber durch Sachen und Thaten, Es thut unS daher wehe, wenn in manchen über, das griechische Epigramm. Sn Sinngedichten gerade die Gegenstände, die nur vor- gczeigt werden dürften, damit sie durch eine ihnen einwohncnde Erhabenheit und Würde rühren, mit Worten gleichsam erniedrigt und vernichtiget werden; denn der Eindruck, den sie durch sich selbst machen könnten, gehet damit halb oder ganz verloren. Ma,r lese z. B. in unferm Wer Nike, den ich übrigens seines Scharfsinns und bessern Fleißes wegen sehr hochschätze, den größesten Thcil seiner Uebcrschriftcn über Gegenstände der altcn Geschichte; Wer in Griechen und Römern selbst diese erhabenen Bilder kennen gelernt hat, wird er die gezwungene Art, mit der sie hier aufgeführt werden , lieben? Welche undeutliche Exposition! welche überladene Anwendung ! Der edle Römer kriecht unter einer Bürde scharfsinniger Antithesen wie ein Gefangener einher und je blendender der Raub ist, mit dem ihn der Dichter beschwerte, desto mehr wird er selbst unter diesem drückenden Gepäck gleichsam unsichtbar. Es war nicht unsecs fleißigen Dichters, sondern seiner Zeit Fehler: dxnn man weiß, wohin durch einen falschen Geschmack im vorigen und im Anfänge unsers Jahrhunderts die epigrammatische Kunst gesetzt wurde. Glücklicher Weise hat der Strom, der Zeit auch hier vielen Schlamm abgesetzt und dadurch seine Welle geläutert. Die scharfsinnigsten unserer ältcrn Epigrammatisten sind beinahe vergessen oder für uns schwer zu lesen; gerade nur die, die in der klaren, leichten Exposition dem griechischen Geschmack nahe sind, Opitz und Log au sind und zwar eben in dm Stücken am gefälligsten, in denen sie sich der O 2 212 IV. Anmerkungen griechischen Einfalt nabern. Auch die schönsten Sinngedichte Hag edorn s , Kleists, Ewalds, Gleims, KastnerS, Le sings u. f. sind von dieser Art. Sobald ihr Gegenstand in Einfalt vortreten und gleichsam durch sich selbst wirken 'konnte, ließen sie ihn wirken und waren entfernt, seinen reinen Strahl durch ihr Prisma in ein unkraftigcs Farbcnspiel aufzulösen. Wenn Kleist z. B. seine Arria vor führt: so thut er zu ihrem edlen Worte kein Wort hinzu: — Mit heiterm Angesicht ^ab sie den Dolch dem Mann und sprach: es schmerzet nicht. " denn was ließe sich hinter diesem Wort der Arria sagen? Wenn Gleim seine Niobe als ein Vorbild hoher Mäßigung aufführt, leitet er zwar durch eine edle Anwendung ein, schließt aber ganz einfach: — Sieh ihre stillen Leiden, sic duldet, aber meinet nicht. So jenes Kastnerschc Sinngedicht auf Gusta? Adolph: Und thronend rachete den Marterer der Sieg. Für mich habet! gerade diese Gedichte, die nichts als Exposition sind, in ihrer ungeschminkten Schönheit den größesten Reiz. über das griechische Epigramm. 213 3. Mehrere Gattungen des Epigramms. Aber nicht alle Gegenstände sind von der Art, daß sie nur vorgezeigt werden dürfen, um auf den Verstand oder auf das Herz zu wirken; bei andern müssen erklärende Worte hinzukommcn, die der Sache eine Richtung geben oder ihren Sinn entwickeln. Und so nähern wir uns den künstlicherer epigrammatischen Formen, wenn wir die, die wir bisher betrachteten , die einfache oder sdar stel lend e nennen möchten. Die nächste nach ihr ist ohne Zweifel die, die ohne weitere Bindung, der Exposition des Gegenstandes seine Anwendung platt und plan hinzufügt ; sie ist wenig ' künstlich, aber auch, wenig reizend. Auf die Erschlagenen bei Lermopylä. Die das Vaterland einst vom Joch der traurigen Knechtschaft Retteten; dunkel zwar liegen um Staube sie hier; Aber sie glanzen an Ruhm. Wer unter den Bü»- gern sie anschaut, Lern' an ihnen, mit Muth sterben für's Vaten land. Man vergleiche diese Aufschrift mit jener dumpfen Stimme der Tobten: IV, Anmerkungen Wanderer, sag's zu Sparta, daß, seinen Gesetzen gehorchend, wir erschlagen hier liegen. — und es wird keine Frage fern, welchem 'Epigramm mehrere Würde und Wirkung gebühre. Muß es dem Wanderer erst zugcrufen werden, daß er Liebe für's Vaterland lerne? Und wie lernte er sie an einem Grabe, dessen Aufschrift ihm nichts sagt, als daß die hier Verscharreten anderswo im glanzenden Ruhm leben? — Ueberdcm lauft ein Epigramm dieser Art immer Gefahr, in zwei Theile, die Exposition und Nutzanwendung, zu zerfallen und also, wenn beide Stücke nicht außerordentlich neu und schon sind, ein moralischer Gemeinplatz oder gar eine Fabel, ein Emblem, ein Geschichtchen, mit einer nützlichen Leh, re besetzt, zu werden;' Dinge, die von den wahren Eigenschaften des Epigramms, von seiner lebendiges Gegenwart, Einheit und Energie fern absühren. Also hat man Hülfsmittel dazu genommen, dem Epigramm auch in dieser Gattung seine bessern Eigenschaften zu erhalten. Man giebt z. B. die Lehre, auf die es angelegt ist, dem Gegenstände selbst in den Mund und macht ihn dadurch zu einem sprechenden Emblem, zu einem durch sich selbst unterrichtenden Wesen.*) Oder es wird ein Ge- *) Beispiele siehe: Blumenlesc, III. Buch, der Del- bäum. Der Ulmbaum. V. B. der Fruchtbaum. Der Acker^ über das griechische Epigramm. 21Z sprach zwischen dem Wanderer und ihm gedichtet. *) L 7 der man zog die Lehre wenigstens aus einem seltner» Fall, den man epigrammatisch erzählte; die Lehre selbst ward kurz, ausgesucht, an- nebmlich vorgctragen und mit dem Gepräge einer menschlichen Empfindung bezeichnet.**) Finden sich eins oder mehrere dieser Stücke in einer glücklichen Anwendung; warum sollte man nicht eine kleine epigrammatische Fabel, eine lehrende Geschichte, ein niedliches Emblem , das uns in wenigen Reihen mit seinem Sinnspruch ^ gegenwärtig gemach! wird , gern lesen? Ich hatte also Lust, diese Gattung das Paradigma t i s c h e oder Exempel -Epigramm zu nennen: denn ein Beispiel mit seiner Lehre ist's doch immer, woraus es hinausläuft. Nur muß dies Beispiel, d. i. der erzählte Fall oder das lehrende Bild uns gegenwärtig gemacht werden: denn heißt es blos: „es war einmal", so ist's kein Epigramm mehr, sondern eine Fabel, und wenn die Erzählung gar keine Lehre in sich faßt, ein müs- siges Mährchen. So ist's auch mit dem Emblem, dem Bilde und Gleichniß. Wird dies blos erzählt, z. B. „wie die Schifffahrt auf dem Meer, so das Leben der Menschen", so ist's, trotz aller epigrammatischen Wendung nur ein Gleichniß; stehet das *) Bl. I. Buch: der vertrocknete Quell am Grabe. Der Adler aus dem Grabe. VH. B. der lachende Satyr. **) Bl. II. B. die belohnte Wohlthat. III. D. Bild des Amors. V. B. das Gold und der Strick, u,' s. w- 2l6 IV. Anmerkungen ' Bild aber vor uns und spricht zu uns mit seiner Lehre oder Empfindung, sofort ist das Glcichniß oder Emblem Epigramm worden. * * * Da jeder das Unvollkommene dieser Gattung fühlt, indem sie ihren Gegenstand selten zu der lichten Höhe zu bringen weiß, auf welcher er gleichsam Eins wird mit seiner Anwendung und sich in sie verlieret : so hatte der menschliche Geist allerdings noch ein Feld schönerer Epigramme vor sich; und ich zweifle nicht, daß Kunstwerke ihn auf dies schönere Feld führten. Im Kunstwerk nämlich hatte der Künstler selbst schon auf einen Gesichtspunkt gearbeitet und dieser galt nicht nur dem Auge, sondern auch der Seele. Das Moment Eines Affekts, Einer Situation wollte er lebendig machen; dies durste der Dichter nur bemerken, es zum lichten Punkte seiner Beschreibung auszeichnen und daS schildernde Epigramm war ihm vom Künstler selbst gegeben. Siehe da die schönen Sinngedichte der Griechen auf ihre Kunstwerke. Bei dem leidenden Philo- klet*) z. B. steigt der Dichter von Zuge zu Zuge, von Stufe zu Stufe, um endlich im vollestcn Anblick geistiger Gegenwart von allen Zügen sagen zu können: — sie zeigen ach! seinen unendlichen Schmerz. ) Blumenlese, VIII. Buch. über das griechische Epigramm. 2^ Ja hatte er dieses auch nicht gesagt, hatte er blos wie bei Herkules und Antaus Bilde*) Zug auf Zug geschildert, um uns die Gewalt und Macht beider Ringenden , des Siegers und des Besiegten , bis zum kräftigsten Moment in die Seele zu prägen; fo hatte damit das Epigramm nichts verloren. Aus dem schildernden wäre ein d a r- stellendes worden, in welchem der Eindruck des Ganzen immer noch der letzte Punkt blieb, auf den es der Dichter anlegte. So die Epigramme auf das Gemahlde der Jphigenia, der Polyxena, der Medea. **) Der Epigrammatist bemerkte den hcllesten oder rührendsten Punkt des Moments, den uns der Künstler gegenwärtig machen wollte, und zeichnet ihn, nachahmend seiner Weisheit und Wahrheit, aus der ganzen Masse von Zügen, ja gleichsam aus des Künstlers Seele aus. Diese schildernden Epigramme sind also sehr belehrend : sie zeigen, worauf der Grieche arbeitete.und wie er fühlte. Mithin schärfen sie unser Auge für die Kunst, und unsere Seele für die wahre Kunstempfindungi denn meistens ist der Gesichtspunkt des Dichters, wie des Künstlers, menschlich und zart oder erhaben und edel. *) Z-rstr. Blätt. TH. 2. S. 98. Bl. VIH. Buch. **) Bl. VIN. Buch. 2 2l3 IV. Anmerkungen Von diesem Kunstanblick ging das Sinngedicht auch auf Gegenstände der Natur aus, um sie mit eben der Scharfe eines goldenen Lichtstrahls dem Geist oder dem Herzen zu zeigen. Ich will von den Epigrammen nicht reden, die die Liebe eingab und in denen sic auch selbst den zeichnenden Griffel führte. Sic stellte die Züge des geliebten Lbjckts auf dm Punkt zusammen, der dem Herzen genug thun sollte und der zuletzt oft in eine lichte Flamme auflodert. Db es mir gleich nicht geziemte, viele Stücke dieser Art, an welchen die Griechen sehr reich sind, in meine Sammlung aufzunchmcn: so werden doch auch unter den Gesammelten einige Proben Melcagers u. a.*), die oft bis zum lie- betrunkenen Wahnsinn hinaufsteigen, diese Gattung genugsam erklären. — Gleichcrgestalt ergiesset sich das griechische Epigramm oft beim Anschauen schöner Gegenden' itt eine Art von Göttcrgcnuß, in welchem der Dichter alle Gegenstände der Natur zuletzt belebt fühlet und rings um ihn her Göttinnen Und 'Nymphen, Dryaden und Hamadryadcn m entzückendem Tanze schweben.**) Auf den größten Theil unserer Leser mögen diese Epigramme weniger Wirkung haben, theils *) Bl. >11. Buch: die Sängerin. Die Göttergestalt. VII. B. die Flügel der Seele. **) IV. Buch, die schöne-Fichte< V. B. der warme Quell. VII. B. die Quelle. Auf eine schöne Gegend, in der Pans Bildniß stand. über das griechische Epigramm, 2lA weil uns solche belebende Pcrsonificakioncn bloße Namen sind, theils weil uns die Lebhaftigkeit des griechischen Organs in manchen Empfindungen zu fehlen sche-iiM. sich * Künstlicher wird das Epigramm bei Gegenständen, in denen sich eine Art von Zwiefachem darbeut, das, unter Einen Gesichtspunkt gebracht, dem Gedicht Wendung giebt und eine Art von Handlung verleihet. Eine Biene z. B. stört den Kuß des Liebenden;*) warum stört sie ihn? was will sie sumsend dem Küssenden sagen? Der Dichter erklärt es und sein Epigramm wird um so schöner, je unerwarteter der Gedanke ist; der aus zwei disparatcn Dingen gleichsam vor unfern Augen entsprießet. Und noch war das eben genannte Epigramm den Griechen schöner als uns, weil ihnen der Mittelbegriff „Amor als Biene" geläufiger war, ebnen also auch die Entwicklung natürlicher als uns scheinen mußte. So die weinende Ros e.**) Der Sänger jauchzet in seinem Freudenkranze; siehe da weint unter den Blumen die Blum« der Liebe: der Affekt *) I. B. die Biene. ") Im 3. Buch. 220 IV. Anmerkungen wendet sich und der Ausgang des Epigramms überrascht uns lieblich. Bei den meisten Epigrammen von der schönsten Wendung wird man dies Zwiefache im Object nicht verkennen, entweder daß zwei wirklich getrennte Gegenstände im Gesichtskreise des Dichters verbunden werden, oder in dem Einen Gegenstände etwa eine neue Eigenschaft, also ein Doppeltes erscheint, das dem Ganzen eine unerwartete Wendung vcrschaffct. Von jener Art sind z. B. die Schwalbe, die auf dem Bilde der Medea nistet; die -Nachtigall, die eine Cicada ins Nest tragt;*) von dieser die Vertraute, die weinende Rose**) u.f. Ohne Zweifel ist die letzte Art, da in Einem und demselben Gegenstände ein Zwiefaches entwickelt wird, feiner als die andere, bei der das Epigramm gleich von Anfänge an auf den doppelten Gegenstand gerichtet werden mußte: denn da? sich hier die neue Eigenschaft nur in der Mitte oder gegen das Ende entwickelt, so tritt sie ungcsuchtcr hervor und führet einen Ausgang herbei, der unerwartet-lieblich befriedigt. Die Pointe dieser Art wird kein ritzender Stachel, kein Funke, der aus hartem Stahl springt, (wie Wern eke die Pointe seiner Ucbcrschriften nannte;) vielmehr windet sich das Epigramm wie ein Kranz umher, in dem uns der Dichter zuletzt eine vor unfern Augen hervorfprießende Rose zeiget. Öder cs nähert sich, wenn cs Empfindung zu sagen hat, dem anmuthigcn Ton eines Liedes. ') B. r. u. 5. **) L. 2, über düs griechische Epigramm. 2nr Wird die Wendung des Sinngedichts, von der wir reden, weit fortgeführt: so entsteht die Art Epigramme daraus, die man die Tauschenden nennen könnte. Sie sind um so angenehmer, je ungesuchter die Täuschung war, je schöner die letzte Zeile, vielleicht nur das letzte Wort uns entzaubert. Hier z. B. scheint Venus zu baden und es ist Rhodoklea:*) hier steht ein zweiter Paris vor drei Göttinnen, um die schönste derselben zu krönen und er krönt sie alle drey:**) dort fliegt Amor einer Sterblichen in den Schoos und glaubt, sie sey seine Mutter u. f. Dergleichen Spiele, die auch von den Neuern mit vieler Anmuth nachgeahmt sind, waren bei den Griechen zu Hause und ihre Mythologie bot ihnen darin den schönsten Vorrath verhüllender oder verwandelnder Zierrathcn dar. Im Spott und im Ernst, beim Lobe und Tadel, überhaupt bei jeder unerwarteten Lehre und Bemerkung giebt eine dergleichen feinfortgeführte und wohlnusgelösete Täuschung treffende Epigramme; ja manche derselben werden beim ersten Lesen unvergeßlich. * * *) Im 3. Buch. ") Im a. Buch- 222 IV. Anmerkung en Die letzte Gattung des Sinngedichts mag die rasche oder flüchtige heißen. Unerwartet treffen zwei Gedanken zusammen und lösen einander auf; zwo Materien brausen in einander und es sprühet ein Funke. Diese Gattung liebt Kürze und einen leichten Vortrag; hier Frage und Antwort, dort einen Spott und lachenden Ausruf. Auch die Griechen haben schöne Stücke dieser Art, die Neuern noch mehr und unter unser» Epigrammatisten find, dünkt mich, Letz in g und Kästner in dieser Art Meister. Hier ist der Ausgang des Epigramms eine eigentliche Spitze oder Pointe; welchen Namen die Franzosen , deren Sprache und gesellschaftlicher Witz diese Gattung vorzüglich liebet, dem Ausgange des ihnen gewöhnlichsten Epigramms gaben, da sie die sanfter» Arten desselben lieber in ein Lied, in eine Stanze, in ein Sonnet oder Madrigal kleiden mochten. Nichts ist der Wirkung dieser leichten und losen Schaar von Einfällen mehr zuwiedec, als ein langweiliger Vortrag; denn wer wird eine Alpenreise unternehmen, um den Schwärmer zu sehen, der einem Zuschauer leichtfertig vor die Stirn fahrt? oder wer wird die Biene artig finden, die statt des Stachels mit einem Feuerhacken auf uns zukommt? Die griechischen Epigramme dieser Art find also auch die kürzesten; und es ist angenehm wahrzunehmen, wie mancher Neuere griechischen Witz sagte, ohne daß ec die Griechen kannte. Der wahre Witz nämlich ist überall derselben auch'die Art, wie er am besten gesagt wird, wicderlM sich, in allen über das griechische Epigramm. 228 Zeiten und unter allen Völkern. Da überdcm ein großer Tkicil dieser Gattung die Narren und Thoren unsers Geschlechts angcht; so ist's ja gut, daß diese in allen Jahrhunderten so ziemlich dieselben bleiben und das älteste sowohl als das neueste Epigramm ihnen denselben Hellcborus bereitet. 4. Vereinigung der Gattungen zum Hauptbegriff des Epigramms. Sieben Gattungen des Sinngedichts nahmen wir wahrwir wollen sie unter einander ordnen und sehen, was wir m ihnen zu einem gemeinschaftlichen Hauptbegriff fanden. Die erste war die einfache darstellende Gattung. Sie ist nur Exposition des Gegenstandes und trauet es diesem zu, daß er durch sich selbst belehre oder rühre. Erreicht sie diese Wirkung nicht: so ist sie blos eine historische Anzeige, Epigraphe. Die zweite fügte der Exposition eine schlichte Anwendung hinzu, die wir das Exempel - Epigramm nannten. Ihr Werth beruhte auf der Merkwürdigkeit des Objekts und seiner glücklichen Anwendung. Die dritte mahlte ein Kunstbild in und zu einem lichten Schepunkt aus, die wir also die schildernde nannten und als eine Schwester der vierten, «iL- 224 Zlnm erk ung eil der leidenschaftlichen betrachteten, die gleichfalls Einen Gegenstand der Empfindung bis zu einem höchsten Punkt des anschauendcn Genusses oder der gegenwärtigen Situation erhöhen wollte. Die fünfte bemerkte in dem Einen ein Mchre- res und wendete den Gegenstand, bis sie mit einer Art von Befriedigung schloß; die wir also die künstlichgewandte nennen möchten. Sie war die Schwester einer andern Gattung, die diese Wendung bis zu einer Art Täuschung trieb, von der sie uns nachher meistens schnell und in einem Augenblick entzaubert. Die siebente gieng rasch und kurz. Sie vereinigt Eontraste oder bemerkt, lehrt und strafet mit dcr Schnelle des Pfeils, oft in einem einzigen Worte. Ich bilde mir nicht ein, jede epigrammatische Schönheit mit diesen Abtheilungen gefesselt zu haben : denn wer mag die unzählige Mengender Gegenstände classisiciren, die eine Beute des Epigramms seyn können? und wer die unzähligen Wendungen bestimmen, mit der ein neuer Gegenstand unter einer neuen Ansicht erbeutet werden mag? Indessen dünkt mich, daß die schönsten Stücke der berühmtesten Völker sich ziemlich hiernach ordnen lassen, ja daß man nach dieser Classification die Ursachen angeben könne, warum einige Gegenstände mehr in die Eine als in die andere Elaste gehören. Die Grabschriften der Griechen z. B. die so zahlreich und von so verschiedener Art sind, erzählen entweder blos das Factum selbst; so sind sie von der ersten Gattung. Oder sie machen > - über das griechische Epigramm. 225 machen zugleich eine Anwendung davon; so gehören sie zur zweiten. Oder sic sind Klage, eine Elegie auf dem Denkmal, eine Einsegnung de-s Grabes u. f., mithin gehören sic zur vierte» Cattune. Oder sie schildern das Monument und siine bedeutenden Bilder; so sind sie aus der dritten Elassc. Lder cs sicht ein kurzer, fliegender Sinnspruch auf dem Grabe : dieser mag sich in die letzte Ordnung fügen. Künstlich gewendete, cder gar tauschende Epigramme wird man auf d.r Stela nichf suchen, auf welche ein solches Spiel nicht gehöret. Ein gleiches ist's mit den moralischen Sinnsprüchen , die so oft unter die Epigramme lauf.n. Führen sic ihre Veranlassung mit sich: so gehören sic zur zwcit.n Gattung. Stehen sie allein da und zeichnen sich blos durch die epigrammatische Wendung aus: so mögen sie sich unter die fünfte ode^ siebente ordnen: denn warum sollte nicht auch eine allgemeine Wahrheit als ein gegenwärtiges Objekt behandelt und epigrammatisch gewandt werden können § Oder endlich cs ist ein mangelhaftes Epigramm, dem seine Veranlassung fehlet. Und da lassen sich historisch die Ursachen leicht angeben, warum so viel Sinn- und Denksprüche unter die Epigramme kamen? Alle Volker im Ju- gcndalter der Aufklärung lieben Sprüche: Griechen und Morgenländer schrieben sie an Lempel und Wände, an Landhäuser und öffentliche Platze. Zuerst kurz; nachher bildeten die Dichter sie aus, streueten sie ihren Werken ein; oder man nah»! sie aus den Werken der Dichter;, die Sammler trugen ganz» HerderöWerke z. schön. ?lt. u. Kunst. X. P 6,iecl,. ttr'r. L2Ü IV. Anmerkungen Gnomolonen zusammen, die zuletzt mit andern kleinen Gedichten in Einen Kranz kamen. Da nun bei den Griechen die elegischen und° gnomischen Dichter 'mit den epigrammatischen gar einerlei Sylbenmaaß hatten; wie kannte es anders seyn, als daß alle Drei sich einander halfen, sich auf einander bezogen endlich auch mit einander vermischt wurden. Bei den Sinnsprüchcn kam viel darauf an: Wer sie gesagt batte? und Wann er sie sagte? Die Umstände ihrer Veranlassung vertraten gleichsam die Stelle der Exposition; dhse ward meistens vergessen und nur der Spruch, gleichsam der Ausgang des Epigramms, bli>b im Gedächtnis. So auch mit dem Ort, der sie darstcllte. Oft war dieses ein Grab; , Und auf berühmte Gräber z. E. Sardanapals, Ey- rus, Alexanders u. a. wurden Sprüche zu Inschriften gedichtet, die nie darauf gewesen waren. Das Grab vertrat die Stelle der Exposition, der Spruch selbst war die Anwendung. Wir Deutschen sind vorzüglich reich an Sinnsprüchcn, die uns statt wahrer Epigramme gelten. Unter den dreitausend Sinngedichten, die Log au gedichtet bat, werden sich wahrscheinlich dritthalb tausend Sinnsprüche finden, die vom wahren Epigramm wohl nichts als ttrva die Kürze und den scharfsinnigen Ausdruck haben dürften. Rücken wir also die angeführten Gattungen zusammen: mich dünkt, so breitet sich das Epigramm mit seinen kenntlichsten Farben sehr hell auseinander. Von der historischen Exposition erhebt cs sich zum Sinngedicht mit Schilderung, Wendung und Täuschung; neiget sich endlich auf der andern Seite zum sinnreichen Spruch hinunter. .über das griechische Epigramm. 227 Die Einkhcilung der alten Tbeoristen, da sic die Epigramme in einfache und zusnmmenq e-. setzte classisicirten, bekommt hiemit auch Bestimmung und Wahrheit. Die erste, oft auch die zweite, dritte und vierte Gattung wird sich zum Namen des einfachen; die fünfte, sechste, meistens auch die siebente zur Elaste zusammengesetzter Epigramme fügen, weil jenes einfach fortgeht, diese sich durch das Zwiefache, das in ihnen anfchaubar gemacht wird , mehr oder minder entfalten und sondern. Durch allch Elasten aber wird der Eine Haupt- beariff merlbar, daß das Epigramm ein gegenwar t i g e s O bj ckt zu einem einzelnen fest- bestimmten Punkt der Lehre oder der Empfindung poetisch darftelle oder wende und deute, mithin ist der Name Sinngedichte, zumal für die schönsten Gattungen sehr glücklich. Dem gegenwärtigen Objekt wird gleichsam Sinn gegeben, Sinn angedichtet und dieser in der kürzesten, angenehmsten, lebendigsten Sprache uns zum Sinne gemacht, d. i. in unsere Seele geschrieben. Die gewöhnlichen Regeln des Epigramms lassen sich aus dieser Erklärung nicht nur finden; sondern sie nehmen auch aus ihr Grund und Ursache her, Man pflegt z. B. vom Epigramm Kürze, Anmut!) und Scharfsinn (krevitmern', vs- nustatsm, auuinmi) zu fordern, und giebt zuweilen sehr unbefriedigende Ursachen an, warum man sie fordere? Ueber die Kürze sagt man: „Die Aufschrift sey für den Wanderer gemacht und ein Wanderer müsse - P 2 223 IV. Anmerkungen kurz abgefertigt werden." Wie aber, wenn der Wanderer ein muffiger Spaziergänger wäre und gern verweilte? Indem sind ja die wenigsten Epigramme Aufschriften für die Landstraßen, und. wenn sie es wären, so müßte wer sie lesen wollte, sich Zeit nehmen , sie zu lesen, sobald ihre innere Natur Weitläufigkeit forderte. Diese aber selbst fordert Kürze; und das ist der Grund der Regel. Ein Gegenstand nämlich soll zu einem einzigen Punkt der Wirkung vorgezeigt werden; wie kann dies anders geschehen, als mit strenge gehaltener Einheit, mit Sparsamkeit sowohl als mit weisem Verhältnis der Züge gegen einander und auf den letzten Punkt des Ausgangs ? Da Worte nicht wie Farben schildern, da sie uns die Züge nur nach einander, wie Tropfen, zuzählen und der vorige Zug verschwunden ist, wenn der folgende erscheinet: so muß das kleine Gedicht, das uns den ganzen Anblick, den Sinn eines Objekts ^ebcn will, nothwen- dig das Hindernis des Mediums, wodurch es wirkt» d. i. die Unvollkommenheit der successtven Sprache zu überwinden suchen und das Meiste im Wenigsten, das Ganze im kleinsten Maas, mit der bestimmtesten Absicht auf seine Wirkung geben. Die Regel über die Kürze des Epigramms loset sich also in den Begriff seiner Einheit auf: denn sobald Kürze die Klarheit der Exposition oder die Wirkung des Ausganges hindern würde: so ist sie kein Erfordernis mehr, sondern ein Fehler. Eine Reihe zu wenig kann dem Epigramm eben so wohl als eine Reihe zu Viel , schaden, wie so manche über das griechische Epigramm. 229 Beispiele unserer altern dunkeln Epigrammatisten zeigen. Eben so ist es mit der Anmukh (vannstas): sie ist keine allgemeine und erste Eigenschaft des Epigramms; ihm kommt sie nicht mehr zu, als jedem andern Gedichte. Nicht alle Gegenstände wollen an- muthig vorgetragen seyn: einige machen auf etwas Höheres, auf Würde und Rührung Anspruch; andere wollen stechen, nicht streicheln und salben. Was aber jedes Epigramm haben muß, ist lebendige Gegenwart und fortgchcnde Darstellung derselben, Energie auf den letzten P u n kt d c r Wi r ku n g. Endlich nimmt ans unserer Erklärung Das Aufschluß , was man die Pointe (aouinun) des Epigramms nennt und als ein tiefes Gebeimniß behandelt hat. Aus dem Begriff der Aufschrift folget sie nicht: denn will jeder gestochen seyn, der eine Aufschrift liefet? l.iden alle Gegenstände einen solchen Stachel? und wäre überhaupt der Begriff eines Stichs der Sinn des Worts Pointe? (aaunrarr) .und aller Epigramme trefflichste Wirkung ? Mit Nichten; der Ausdruck selbst will 'etwas Anderes sagen. Jeder Gegenstand nämlich, der vor- gezcigt werden soll, bedarf Licht, damit er gesehen werde; der Künstler also, der für's Auge arbeitet muß auf Einen Gesichtspunkt arbeiten und für ihn das Moment feines Subjekts wählen. Was dem Künstler dieser Gesichtspunkt von außen oder das Moment dieses Gegenstandes von innxn ist; das ist dem Epigramm die Pointe. Der lichte Gesichtspunkt, aus Hem der Gegenstand gesehen werden IV. Anmerkungen 23 c> sott, auf welchen also das Epigramm vom Anfänge bis'zum Ende arbeitet, oder wenn cs Epigramm für die Empfindung ist, das Moment feiner Energie, der letzte schacfgcnommcne Punkt feiner Wirkung. Aus diesem leichten und natürlichen Begriff, den die erste Idee eine-daritellendcn kurzen Gedichts mit sich führet, laßt sich sogleich beurtbeilen, wiefern eine oder die andere Gattung des Epigramms einen schärfern oder linderen Ausgang haben könne und haben werde: denn nicht jede Kunst arbeitet für ein glnch scharfes Licht: nöch weniger ist jeder Gegenstand für dasselbe tauglich. Die Statue des Bildhauers soll von allen Seiten gesehen werden; er arbeitet also für alle diese und bestimm durch, die Stellung und Wendung, die er dem Bilde giebt, nur leise, aus welchem Punkt er am liebsten gesehen zu werden wünschet. So ist's mit den Epigrammen, die Klos Geschichte oder Exposition sind; die Erzählung selbst Muß den Punkt bestimmen, aus dem sic gesehen werden wollen, sammt dem Moment, das in ihr gefühlt werden soll; jede hinzugesetzte Pointe vernichtet die Wirrung des Wer-" kes. Das edle Wort der Arria: Patus, es schmcrzet nicht! das Wort der sterbenden Tochter: Vater, ich biwnicht mehr! *) der verachtende Ausruf Leonidas: ich gehe wie ein Spartaner hinab! **) sie sind, in welcher *) Buch 2. **) B. !». über das griechische Epigramm. 23t Zeile des Epigramms sic auch stehen mögen, der Punkt, darauf gearbeitet wird, das Hauptmoment seiner Wirkung. Wcr rin scharfsinnigeres und si- neres begehrt, für den ist diese Gattung der Sinngedichte , voll großen Sinnes, nicht da. So wenig die Bildsäule bekleid,t und mit Farben geschmückt werden kann, so wenig, paßt für erhabene durch die Einfalt rührende Expositionen ,in zugespitz- tcr Witz oder etwa gar in j.dem neuen Distichon eine neue Pointe. Anders ist's mit den andern Gattungen und mit jeder nach dem Maas ihr.r Wendung; in ihnen wird nothwcickig auch der Lichtpunkt schneidender und feiner,, der das Objekt erhellet und ordnet , der seine Th.ile sondert und. sic zu Einem Ganzen verbindet. Man entkäme also d.m nnisten Mißverstände dieser Regeln, w,nn man statt Kürze Einheit, statt Anmuch lebendige Gegenwart, und smttder Pointe den Punkt der Wirkung verlangte,ider das Ganze energisch vollendet. Leicht abzusehen ist's, wie nach der gegebnen Erklärung das Epigramm sich von allen kleinen Gedichten unterscheiden lasse, die ihm am nächsten liegen. Wenn z. B. Anakreon singt: Dieser Stier, o Knabe,, scheibet Mir ei» Jupiter xu feyn: Denn er trägt auf seinem Rücken Freundlich die Sidoncrin, Und durchschwimmt v..s wei e Weltmeer, Das er mit den Hufen tbeilr. Wohl kein andrer Stier der Heerde Schiffetc, wie dieser Stier. 232 IV. Anmerkungen Sind diese Verse ein Epigramm? Und doch sind sie Exposition eines gegenwärtigen Objekts, Beschreibung eines Kunstgemabldes, in Versen; was fehlt ihnen also? Die Richtung auf einen epigrammatischen Punkt der Lehre oder der Empfindung fehlt ihnen von Anfänge bis zu Ende; die Verse sind nichts als eine historische Epigraphe. Nun aber setze man einen Endpunkt fest; wie dieser auch angelegt werde, sogleich rücken sich alle Züge anders: Sieh den schwimmenden Stier, n Knabe. Mit glänzenden Augen Blickt er umher und küßt seiner Gebieterin Fuß, Eilt durch's wogige Meer, das mit den Hufen er thci- let, .Trägt voll sehnender Glut hin zum Gestade den Raub. Sieh, es ist Jupiter selbst! Die Liebe — Pache man jetzt den Ausgang, wie man wolle: je unerwarteter und angenehmer, desto besser; die Aufschrift ist Epigramm worden. Ein Lied der Anthologie heißt: Ich flocht ein Rosenkränzchen Und fand im Röschen Amor. Schnell faßt' ich seine Flügel Und warf ihn in den Becher Und trank im Wein-in nieder. Nun sitzt er mir im Herzen Und schwirret mit den Flügeln. Das Lied ist kein Epigramm, ob es sich ihm gleich nahet. Wie aber ? wenn die kleine Reihe der Wege- über das griechische Epigramm. 233 benheiten, die hier auseinander fallend erzählt wird, auf Einen Gesichtspunkt gerichtet und aus solchem daö ganze kindische Bild behandelt würde? — Wer Meleagers Epigramme gelesen har, wird sich mehr als Einen cpigrammischen Ausgang denken. So bei Idyllen, die beinahe Epigramme scheinen, auch bei mehreren anakreontischcn Liedern. Zu einigen derselben liefert die Anthologie selbst Gegenstücke von mancherlei Art, und jeder gute ^ Ausleger hat die Parallele bemerket. *) Da ich diese Abhandlung insonderheit für Jünglinge schreibe, so füge ich ihr eins Sammlung kleiner griechischer Gedichte bei, und überlasse jedem, sich selbst den Unterschied jeder kleinen Gcdichtart zu entwickeln. ü. Schluß der Abhandlung. Aber warum, wird man sagen, warum so viel über die Bestimmung des kleinsten der Gedichtet Ist an der Theorie des Epigramms oder gar an der ganzen .Dichtungsart so viel gelegen? „Wer ist so *) Longepierre z. B. in seinen Noten zum Ana- krcon und der Sappho, Paris 1692. Schneider in seinen Anmerkungen über den Anakreon, Leipz. 1770 ein Gelehrter, der sich auf mehr als Eine Weise M die griechische Literatur verdient gemacht har. / 234 IV. Anmerku ngen stumpf, daß cr nicht ein Epigramm machen könnte, und wer so thöricht, daß cr nichts als Epigramme machen wollte? " Zuerst ist's eine ausgemachte- Sache, daß die Bestimmung eines Begriffs, wer dieser auch seyn möge, für sich, als Erkenntniß, einen Wertst habe und ihren Nutzen mit sich führe. Im Reiche der Wahrheit kommt es nicht auf Größe und Kleinheit des Objekts, sondern auf die Art an, wie cs uns bekannt gemachr wird; kur Zergliederer einer Wcidenraupe kann mehr Verdienst staben, als der unb.stimmte Lobrcdner des Eleplan- tcn. Alle Begriffe langen in der Kette der Wahrheiten an einander; die kleinste kann der größesten oft nicht nur dienen, sondern selbst unentbehrlich werden. Da cs nun bekannt ist, daß die Theoristcn des Epigramms bisher meistens nur von Martial aus- gingcu und auf die Anthologie höchstens einen Seitenblick warfen; mich dünkt, so lohnte es der kleinen Mühe, die Aussicht bis dahin zu erweitern. Die Griechen sind Meister und Lehrer in allem Schönen gewesen; und in dieser kleinen Dichtungsart sollte sie das Unglück so verfolgt haben, daß ihre zahlreichen Arbeit.» darin keine Aufmerksamkeit verdienten? Nur von ihnen bekamen >a die Römer diese wie alle Gattungen der Dichtkunst, und wenn wir das Epigramm aus den Händen neuerer Nationen haben: sind diese sammtlich und sonders es nicht auch den Griechen und Römern schuldig? Woll.n wir je eine philosophische Poetik oder eine Geschichte der Dicht- über das griechische Epigramm. 235 kunst erhalten: so müssen wir über einzelne Gedicht- arten Vorarbeiten und jede derselben bis auf ihren Ursprung verfolgen. Ucberdcm kann iclsts mir nicht cinbilden, daß das Epigramm der griechischen Akt eine so geringschätzige Sache sey, als wozu es einige seiner Verächter gemacht haben. Ich will den llnrath nicht Gold mnmn, der zumal in des Kephalas Anthologie zusammcngchäust ist und werde darüber noch einige Worte sagen; das achte und schone Gold aber, das aus den altern Zeiten mitten in diesem Vorrath hervorblickt, ist unverkennbar. Die edelsten Dichter und Weisen, Simonides, Plato, Aristoteles, Thcokrit u. a. stehen als Epigrammatisten da; und nach Wiederauflebung der Wissenschaften ist beinahe keiner DichtungSart fleißiger nachgecifert worden, als der Anthologie der Griechen. Die grö- ßesien Namen, die dem menschlichen Geist ewig zum Ruhm gereichen werden und eine Reihe anderer Männer, denen cs gewiß an Geschmack nicht fehlte, waren Uebersetzcr oder Nachahmer der Anthologie*), so daß ein fleißiger Deutscher**), der eine Sammlung dieser Uebersetzungen anfing, schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus 33i Uebersctzern sammeln konnte. Ich schäme mich also nicht, einer Reihe von Männern nachzutrcten , unter denen Erasmus, G r o t i u s, T h o m a s M o r u s, M e l a n c h- thon, Slei dein, Scaligcr, Bucha nein, S. k'gUr. bibliotli. grsec. I,. III, p. 701. 702. *') Rivinus iBachniarin) LnrileZ. Arsevolat. OotkiLS i6bi. 236 IV. Anmerkungen Dousa und so viel andere hcrvorglanzen, und wage es geradezu, diese, die einfachste Gatrüng des Epigramms, als ein schönes Vorbild jugendlicher Hebungen zu empfehlen. Und das aus folgenden Gründen. .Zuerst kenne ich keine Dichtungsart, die einen so leichten Uebergang von allem Anschaulichen, was den menschlichen Geist oder das Herz inrcrcffiren kann, zu einer reinen Exposition und zu einer bestimmten energischen Sprache gewahrte, als das Epigramm dev Griechen. Zn ihm lernt der Jüngling eine schöne Runde, eine liebliche Klarheit, ein Eilen zum Ziel-auf dem kürzesten, treffendsten Wege. Eine brausende Ode lasst sich leicht hcrschwärmen, eine lässige Idylle leicht herschlcndern; manches muffige Wort in ihnen wird übersehen, ja in manchem Ganzen weiß der Autor selbst nicht was er wollte. Bei deM'Epi- gramm nicht also. Hier ist der Gegenstand, das Ziel, die Form sehr bestimmt gegeben, kein Wort darf müssig stehen, kein Zug darf fehlen; oder beides fallt sogleich auf, und der Zweck des Gedichts wird nicht erreicht. Daher finden wir, daß manche grosse Männer, die gute Fußgänger waren, sobald sie sich an's kleine Epigramm versuchten, einen lahmen Gang zeigten: denn hier galts keinen Spazierweg, sondern den kürzesten Lauf zum Ziele. In diesem Betracht halte ich das Epigramm nicht nur für einen Probierstein des Witzes, sondern auch des scharfsinnigen Verstandes, der leichtesten Drdnung, des zweckmäßigsten Ausdrucks. Ein kr ffendcs Epigramm sagt oft mebr, als eine langweilige Abhandlung voll un- nöthiger Vorbereitungen, Scitcnsprünge und Deklamationen. über das griechische Epigramm. 237 Damit ich nicht mißverstanden werde, setze ich sogleich dieses hingt. So sehr die Griechen den Witz liebten: so war das Epigramm des Spotts bei ihnen weder das Einzige noch das Erste. Zwar hat uns die Anthologie auch in dieser Gattung eine ziemliche Menge schlechter und guter Sinngedichte aufbchaltcn; und da ich mich in meiner Sammlung lieber an mildere Gegenstände, die man öfter gern liefet, als an flüchtige Einfälle des Spottes gehalten habe: so mögen zum Behuf der Theorie wenigstens hier einige Proben, als eine lange Parenthese stehen : Auf zwei Gemählde. Fragst du, Menestratus, mich, was dein Dcukalion wcrth sey? Und dein Phaeton dort, den du in Flammen ge- mahlt? Beide sind werth des Schicksals, zu dem sie die Götter erschufen, Dieser der Flammen und der seiner ersaufenden Fluth. Die Eitle vor demSpiegel. Nein, Kleopatra, nein! Dein Spiegel, glaube mir, trüget; Sähest du dich, wie du bist; sähest du nimmer hinein. 238 sv. Anmerkungen Abwesenheit und Gegenwart. Wenn ich nicht da bin, Thrax, so tadl' und schelte mich immer; Nur verbitt' ich mir auch, bin ich zugegen, dein , Lob. Der Zärtling. Der du den siygischen Pfuhl bcschiffst mit rudernden Armen, Schwarzer Charon, o nimm leise den Cinyras auf. Reiche die Hand ihm hin, wenn vom Kahne der' Schatten er lanusam Aussteiqt/ daß er sich ja schone den zärtlichen Fuß. Den im Leben der lindeste Schuh mit Wunden verletzte : „Wehe!" ruft er gewiß, wenn er das User betritt. Der böse Traum. Großen Aufwand machte der geizige Hermon im Traum einst; Aengstig sprang er empor, lief und erhenkte sich selbst. über das griechische Epigramm. 23g Amor und Bacchus. Gegen den Amor bin ich in meinem Busen gewaff- net Durch die Vernunft) ich steh' Einer dem Einen zu Wehr. Ich ein Sterblicher ihm dem Unsterblichen. Aber ist Bacchus Zhm zur Seite, wer mag gegen zwei Götter bestehen? Demokrit im Todten rei c he. Seliger Pluto, nimm, nimm an den lachenden Weisen, Unter der traurigen Schaar hast du jetzt Einen, der lacht. Der tapfre Arzt. Wanderer, steh', hier liegen in Einem Grabe begraben Sieben Tobte. „Wer hat sieben der Menschen erlegt's" 2.j.u IV. Anmerkungen Fragst du; kennest du nicht den Stab deS mächtigen Hermes, Der in des Arztes Hand Menschen zu Schatten gesellt? Der Bauch. Bauch, du Unverschämter! Der Freiheit heilige Rechte Giebt der Schmeichler hinweg um eine Suppe für dich. Der Tänzer. „Tanzt' ich die Niobe nicht und die Daphne recht nach dem Leben? Wahrlich! Jene wie Stein, diese wie starrendes Holz. Der Arme und die Armuth. Mich verachtest du nicht; die Armuth schmähest du in mir; Ware Jupiter arm, wär' er geachtet wie ich. Der über das griechische Epigramm. 2g r Der bekränzte Wein. Hast du noch mehr des Weins, mit dem du mich gestern bewicthet? Kränze mit Epheu nicht, kränz' ihn mit grünem Salat. Die Amts geholfen. Dämon und Pythias, der Todtengraber und Doctoch Helfen in ihrer Kunst treulich einander sich aus: Dämon stiehlt dem Begrabnen die Luchenhemde zu ' Pflastern Für den Doctor, und Er schafft ihm die Kranken ins Grab. Auch die Griechen also schlossen den Spott vom Epigramm nicht aus: denn warum sollten unter al- len Gegenständen der Welt gerade Narren die einzigen seyn, die keine bezeichnende Aufschrift verdienten ? da sie sich doch selbst so oft vordrangen, uM ausgezeichnet zu werden. Leider bietet sich uns auch diese Gattung der Epigramme am meisten dar. Die Pointe springt uns gleichsam fertig iu's Gesicht, und man hat Mühe, den Stein, der aus einer plumpen Hand auf uns zuflog, wie jener Derwisch, ruhig bei sich zu stecken, wenn man fühlt, daß, vom Bogen zurückgeschnellt, er eine viel treffendere Wirkung thäte. Die Großmukh des Derwisch ist Herders W. z.schön.Lit.n.Kunst. X. O. 2g 2 IV. Anmerkungen indessen doch das Beste; und mich dünkt, es war Metastasio, der auch aufs bitterste gereizt, zwar sein Sinngedicht machte, es einem Freunde verlas, aber sodann gleich verbrannte: denn wie oft bat Ein nicht übel gemeinter loser Einfall Feindschaften erweckt und Nachtheile befördert, die nachher lange Jahre nicht wegbanncn konnten. Je treffender der Pfeil war, desto unvergeßlicher schmerzt er. Zudem giebt es Gattungen von Spott, die sich «in billiger Mann nie erlauben sollte, z. B- über körperliche Gebreche», über unverschuldete Unglücks- fallc u. dgl. ^ Die Anthologie gebt auch an solchen nicht leer aus; sie sind aber auch die, die ich ihr am wenigsten beneide. Sie tadeln und brandmarken meistens durch ein plumpes Werkzeug, die Hyperbel; oder sie bereiten eine Speise, die, nicht mit Salz, sondern mit Galle gewürzt, keine gesunde Zunge reizet. Ein Gleiches ist's mit den Obscönitaten. —> Freilich war's besser, daß bei den Griechen diese Ader sich lieber in ein kurzes Epigramm, als, wie es in spätem Zeiten geschehen ist, in lange Erzählungen und Romane ergoß; indessen auch sie wollen wir ihnen lassen und uns dagegen an die Arten des Epigramms halten, an denen sich auch nach Jahrtausenden Menschen freuen und laben. Dies sind z. B. Epigramme auf Gegenstände der Natur, auf treffliche Seelen und ihre edle Geschichte; oder die Stimmen der Dankbarkeit und Freundschaft, der Eltern - und Kindesliebe. Einem Jünglinge, der dieser Bahn folgen will, steht hier die Geschichte der ganzen Welt vor Augen. Er über das griechische Epigramm. 243 zeichne jeden edeln Geist, jede schöne That, die ihn rührte, mit Einfalt und Würde aus; das kleine Epigramm, das er einem Helden der Menschheit an den Fuß seiner Bildsäule schrieb, hat er damit auch in sein Herz geschrieben. Die klare Exposition war für seinen Verstand, der Stachel derselben für sein Gefühl, gleichsam ein Säamenkorn in seine Seele. Die würdigsten Männer der vorigen Jahrhunderte seit Wiederauflebung der Wissenschaften liebten dergleichen Auszeichnungen; ich weiß nicht, warum wir an ihnen erschöpft sind? denn die edelsten Woblthä- ter unsres Vaterlandes liegen auch in diesem Verstände ohne Kränze und Stela, unbegraben. Insonderheit sind Gegenstände der Kunst des Epigramms in der besten griechischen Art würdig ; und wie viele schöne Stücke des Alterthums sind da, die, wenn man sie mit einigem Gefühl ansieht, die zarteste Inschrift uns gleichsam zuhauchen! Glücklich ist der Jüngling, dem das Schicksal einen Lehrer schenkt, der hier sein Auge und seinen Verstand leitet. Er zeigt ihm, wörauf es der Künstler anlegte? worin seine Seele, die längst im Schattenreich ist, noch jetzt aus seinen Werken zu uns spte- che? Der Funke, der in des Meisters Gemüth qlü- hete, wird der Helle Punkt, der auch im Lehrlings zündet und die Weisheit des ganzen dastehenden Werks beleuchtet. Kleine Inschriften dieser Art mit klären, bestimmten Zügen sind mehr werth, als lange Abhandlungen voll allegorischer Gelehrsamkeit oder als Lobjauchzungen voll Wolken, Blitze und Nebel. Mit Q 2 244 IV. Anmerkungen -c. einer Inschrift nehmen wir gleichsam Besitz von dem geliebten Gegenstände; wir fühlen das Glück, daß, wenn wir ihn gleich nicht schaffen konnten, so können wir ihn dennoch, was so wenigen gegeben war, bestimmt denken und ausdrücken, genießen und uns zueignen. So ists mit manchen Gegenständen des Leides und der Freude in unserm Leben : wir genießen doppelt, wenn wir uns den Genuß sagen; die Wolke des Schmerzes entweicht, wenn wir uns ihre Ursache und Wirkung klar und bestimmt entziffern. —> — Indessen bei alle diesem Rubm und Nutzen sehe man das Epigramm für nicht mehr an, als cs seyn kann und seyn will: es ist ein vorübergehender, entwickelnder treffender Gedanke, dessen Einkleidung zwar ein Kunstwerk, aber nicht die höchste Kunst ist. Es gehört auf den Fuß der Bildsäule; die Bildsäule selbst aber ist doch etwas Anderes. ... - V. H y l e. Eine Sammlung kleiner griechischen Gedichte. 24 ' Erste Sammlun g. "Das Glück und die Liede. Ein armer Fischer lebte kummervoll; Ein reiches Mädchen warf ihr Aug' auf ihn, Nahm ihn zur Eh' und gab ihm all ihr Gut. Was folget-? Der Arme war nun reich, Der Reiche stolz, der Stolze ihr Tyrann, — Sieh', sprach das Glück zur Liebesgöttin, wer Auf Erden starker scy, ich oder du? S e r a p i S. Ein Räuber schlief an einer alten Wand; *) Da stand der Gott Scrapis ihm im Traurp Vor Augen, und weissagend sprach der Gott: *) Vermuthlich eines verfallenen Serapis-Tempels. 2^3 V. H p l e. „Elender, schläfst du hier? wach und flieh' Bo» dieser Mauer." Er erwacht und floh : Die Mauer stürzt' herab mit schnellem Sturz. Wie dankte der Errettete dem Gott! Frühmorgens bringt er schon sein Opfer dar Und wahnt — der Bube wahnt, den Göttern scy Sein Leben lieb. Doch kaum entschlief,er wieder« Als abermals Serapis vor ihm stand Weissagend: „Wie? Elender glaubest du, Daß ich der Mörder pflege? Wenn ich dich Bon diesem Tod' errettete, der schnell Und schmerzenlos auch den Unschuld'gcn triffp: So wiß': ich lhat cs, daß ich dich damit Aufsparete für Deinen Tod — das Kreuz, Der Rabe und der Skorpion, Ein frecher Rabe schoß aus hoher Luft Auf einen Skorpion und führt' ihn weg: Der Skorpion, ergriffen, säumte nicht Und stach den Stachel in des Räubers -Herz, So findet oft der schnelle Bösewicht Roch eimn schnelleren, der ihm vergilt. Der Verschwender. Menippus Sohn, mit Namen Th e r o n , hatte Sein väterliches Erbtheil ducchgebracht. Kleine griechische Gedichte. ?49 Des Vaters Freund, Euktemon, sah ihn darben, Und nahm ihn zu sich, gab ihm seine Tochter, Und mit der Tochter ihm ein großes Gut. Der schwelgerische Theron war nun reich. Und schwelgte wieder, bis gar bald darauf Der Armulh Welle wieder fort ihn riß. Euktemon sah es und bcwcinete Nicht ihn; nur seine Tochter und sich selbst. Zu spat erkannt' er, daß, wer eignes Gut Mißbrauchte, fremdes auch mißbrauchen wird. Der Geizhals und die Maus. Der Hungerleider Asklepiades Sah eine Maus in seinem Hause. „Was? Was bringst du mir, mein Manschen?" sprach er süß. „Sey ruhig, lieber Freund, antwortet sie: In deinem Hause sucht ein Mäuschen selbst Zwar etwa Wohnung, aber keinen Tisch. Der Landmann und der Sterndeuter. Ealligenes, ein Landmann, als er froh Den Saamen in der Erde batte, ging Zum Stcrnendeutec Aristophancs Zu fragen seine Weisheit: ob die Saat Auch wohl gedeihen und die Ernte wohl Gerathen werde? Stracks befragete 2.10 V. H y l e. Der Weise seine Kunst: er zeichnete Figuren, Kreise, Zahlen auf den Tisch, Hob seinen Finger nuf und sprach also: „Bekommt dein Acker Regen wie er soll, Und schießt auf ihm nicht wildes Unkraut auf, Trifft deine junge Saat nicht böser Frost Und Hagel; as't sie auch das Wild nicht ab Und bleibt sie sonst von Wetterschadcn frei; So sag' ich dir, daß Saat und Ernte gut Gerathen werde. Doch noch Eins, mein Freund, Noch Eins! — Nimm vor Heuschrecken dich in Acht/' Die beiden Krebse. „Gebe doch vor dich bin!" so sprach die Mutter des Kniffes, Warum schleichet dein Gang rückwärts in Krümmen daher?" „Gehe voran vor mir! ich will dir folgen, o Mutter ; Kinder folgen der Bahn älterer Tritte so gern." Und da gingen sie beide, wie ihre Vater gegangen, Krebsestritte. — Kritik ändert noch nicht die Natur. Die beste Wahl. Ein fremder Gastfreund trat zum Pittakus Aus Mitylene. „Schenke, lieber Greis, Kleine griechische Gedichte. 261 Mir guten Ruth. Ein zwiefach Ehebett Winkt mir zu einer Wahl: die Eine Braut Ist weit an Stand' und Reichthum über mir; Die Andre ist mir gleich; wen soll ich wählen?" Der Alte hob den Stab und zeigte: „Dort Sind muntre Knaben bei dem Krauselspiel: Tritt hin zu ihnen und sie werden dir Es sagen." — *) Als der Fremdling naher trat, Erscholl nur Eine Stimme: „Den Gleichen nimm! Den Gleichen nimm!" Der gute Fremdling zog Belehrt zurück und folgt' des Knaben Wort: Er führte, die ihm gleich war, in sein Haus Und lebte glücklich. Folg' auch, Dion, du Des Knaben Wort: so wirst du glücklich leben. Das Rohr und die Eiche. Niedergeworfen im Sturm, schwamm auf dem Strome der Eichbaum Rohrgebüsche vorbej. „Was thut ihr? sprach der Erlegte, Daß ihr so aufrecht steht und trotzt dem Sturme?" „Wir trotzen Keinem Sturme; wir beugen uns ibm: d'rum stehen wir aufrecht. " *) Die Griechen hatten im Spiel und in der Noth den Glauben, daß Worte der Kinder, insonderheit wenn man sie unrermuthet hörte, nicht ohne Bedeutung wären. 252 V. H y l e. Der Weg der Liede. Wo sich hinter Pisa der Alpheusstrom in deis Meer gießt, Eilt er zur Arethusa. *) Er führet Zweige des Oel- baums, Schöne Blätter und Blumen und heiligen Staub von der Rennbahn Als Geschenke mit sich und taucht sich unter die Wellen Tief und eilt da drunten mit keiner Welle sich mischend, Leis' hinweg; es spüret das Meer den gleitenden Strom nicht. Also hat der Knabe, der tief verwundet und Manches Leidige ausersann und schwere Dinge gelehrt hat, Auch aus Wacht der Liebe den Strom zu schwimmen gelehret. Moschus. An den Abendstern. Abcndstern, du goldenes Licht der lieblichen Cppris! Abendstern, der dunkelen Nacht ein heiliger Glanzschmuck ; ) Der Alpheus ist ein Strom in Griechenland; Arethusa eine Quelle in Sizilien. Kleine griechische Gedichte. 253 Wie vom Mond' beglanzt, so überglänzend die Sterne. . Heil dir, Lieber! Und da ich anjctzt zum Schmause des Hirten Geh': so leuchte du mir anstatt des freundlichen Mondes, Der, heut neu, gar zeitig hinabsteigt. Geh' ich zum Diebstahl Ja doch nicht, noch daß ich den nächtlichen Wandrer beraube; Sondern ich lieb'; und mit Liebenden mitzulicben ist artig. Moschus. An die Göttin der Liebe. Tochter Jupiters und des Meers, holdselige Cypris, Sage, warum du so auf Menschen und Götter erzürnt bist? Und was reizete dich zu der feindseligen Rache, Daß du den Amor gebarst? Den Amor, allen ein Ucbel, Wild und unbarmherzig, sein Sinn ist nicht der Gestalt gleich. Und noch gabst du ihm Flügel und fernhintrcffende . Pfeile, Daß wir den bittern Wunden auch nicht zu entrinnen vermögen. 2Z4 V. H y l e. Amor und die Musen. Nein! cs fürchten ihn nicht die Musen, den grausamen Amor, Vielmehr lieben sic ihn und geh'n ihm nach, wo er hingeht, Aber flieh'n den, der ihnen mit liebentsremdeter Seele Folgt, sie fliehen und weigern es, ihn Gesänge zu lehren. Aber hat dir Amor das,Herz getroffen und singst dri Dann dein liebliches Lied; auf einmal eilen sie zu dir Alle. Wie mir geschieht; der Wahrheit bin ich ein Zeuge. Preis' ich irgend jemand, der Menschen und seli^ gen Götter Einen; die Zunge stockt, sie singet nichts wie sie sonst sang: Bis ich wieder den Amor und meinen Lyeidas singe, Freudig fließet sodann der Gesang die Lippen hinunter. Bion« Das Glück der Freundschaft. Glücklich sind die da lieben und werden wieder gesiedet. Glücklich wärest du Theseus; es war Pirithous mit dir/ Selbst da du zum Hause des harten Pluto hinab- sticgst. Kleine griechische Gedichte. 255 Glücklich war Orest auch unter unwirkhlichen Wilden : Denn sein Pylades ging mit ihm an die grausame Küste. Glücklich war Achilles, als sein Patroklus noch lebte; Auch der Sterbende glücklich; er hatt' ihn gerächct im Tode. Bion, Liebe und Gegenliebe. Sehnend liebctc Pan die nahe Echo; die Echo Liebte den tanzenden Satyr; der Satyr glühte für Lyda. Aber so wenig die Echo für Pan, so wenig entbrannte Für die Echo der Satyr und für den Satyr die Lyda. Jegliches liebt' ein Andres; so viel es den Liebenden haßte, Ward cs gehastet und litt' die Strafe Wiedervec- geltung. Diese Lehren erzähl' ich den Liebentfremdeten. Liebet Die euch lieben: so werdet ihr liebend wieder ge- liebet. Moschus. 258 V. H y l e. Das Land - und Seeleben. Wenn das bläuliche Meer im sanften Winde sich kräuselt, Reget mich auf mein schüchterner Muth. Die ländliche Muse Reizt mich nicht, cs reizet mich mehr die Stille des Meeres. Aber ertönt dann wieder die grause Tiefe: daS Meer schlägt Hohle Wellen und schäumt; auf Wogen stürzen sich Wogen; Schnell wend' ich die Augen zu Erd' und Baumen, und fliehe Jenen gefährlichen Grund! des Landes Boden allein scheint Mir dann sicher, allein gefällig, der schattige Hain dann, Wo auch mitten im Sturm melodisch säuselt die Fichte. Wabrlich ein Fischer lebt ein armes Leben ; ein Nache Ist sein Haus, er ackert im Meer, er jagt in den Wellen Trüglich. Jndeß ich unter dem brcitbeblatterten Ahorn Schlummere süßen Schlaf, und höre die murmelnde Quelle, Die uns Ländliche sanft ergötzt und nimmer erschrecket. Moschus. Die Kleine griechische Gedichte. 207 Die unnütze Mühe. Sind die Gesänge schön, die ich singe, wie sie di« Muse Mir verleihet: so werden auch sie schon Ehre mir bringen. Und gefallen sie nicht, wozu die weitere Mühe? Hatte Jupiter uns, hätt' uns die windende Parze Zwo Lebzeiten zu leben gegönnt, die Eine voll Arbeit, Eine andre voll Freuden und Lust, daß man sich der Mühe Nun begeben könnt' und ihre Früchte genießen. Aber da uns die Götter nur einen flüchtigen Kreislauf Senden, ihn durchzuleben, der schnell und allen ungnügsam Wegrollt; ach wir Arme! wie lange wollen wir mühend Uns abmatten? wie lange den Geist auf Wucher » und Künste Wenden, immer begehrend mehr und reichere Güter. Wahrlich, wir vergessen, daß uns zum Tode ge« bornen Eine kurze Zeit die Parze zu leben bestimmt hat. Bion. Der ruhige Weise. Glücklich bin ich, 0 Schicksal, du hast mit seliger Ruh« Meine Seele, du hast mit Muße mein Leben beschenket: Herders W. z.schön.Lit.u,Kunst. X. R 6,','ecL. Lir. Denn was sollte mir auch des Getümmels quälende Sorge? Reichthum begehr' ich nicht, den blinden Freund, der von Einem Flieht zum Andern: ich mag der Ehre, des schwatzenden Traums nicht: Ferne mit ihm zur Höhle der Circe. Göttlichen Ursprungs Halt' ich es Schande für mich, wie ein Thier zu fressen die Eichel. Auch den zärtlichen Lotos, der süße Vergessenheit einhaucht, Vaterlands-Vergessenheit, auch der Sirenen Gesänge Flieh' ich ; sie locken mich ab von der richtigen Straße der Wahrheit. Aber was ich mir wünsche, das bist du, göttliche Pflanze, Die das Gemüth mit stärkt und den Wahn der Mcy- nungen wegtreibt. Die mir das Ohr verstopft und das Herz von Leidenschaft reinigt. Also lehrend und lebend erwart ich ruhig das Ende. Hyle. ! / s5g Zweite Sammlung^ An sein Herz. Mein Herz > mein Hetz, das in Stürmen des Utt- Ertrage ! trage! beut dem unfreundlichen Geschick die Brust; den Waffen det Feinde steh' Entgegen und streite beherzt. Und siegst du, rühme-dich nicht des Sieges frech; Und sinkst du, seufze daheim nicht krank Und schwach. Der Freuden freue dich und im Mißgeschick Betrübe dich nie zu hart. Erwäge, wie wechselnd Menschenschickfal sey.-*) glücks kämpft, Archilochus, *) Leider ein Fragment, wie mehrere der folgenden Stücke, die am Ende mit Strichen bezeichnet sind. 260 V. H y l e. Der gesetzte Muth. An nichts verzweifle. Alles ist möglich; nichts Ist ohne Hoffnung; aber auch nichts der Bewund- rung werth. Der Vater der Götter macht aus Mittag' oft Die Nacht; das Licht verschwand bei der Sonne Glanz Und traurige Furcht befallt der Menschen Herz. Nichts ist unglaublich; nichts ohne Hoffnung ganz Für Männer; aber auch nichts der Bcwundrung werth. Und sah'st du mit Delphinen des Waldes Wild Zm Meere weiden, und sah'st, daß jenem dort Der tobenden Wellen Sturm erfreulich sey Als festes Land und jenem ein nackter Fels.- Archilochus. Die Wünsche des Lebens. Gesundheit ist dem sterblichen Mann Das Erste; das Zweite Wohlgestalt; Das Dritte Reichthum ohne Betrug; Das Vierte, mit seinen Geliebten sich jung cr- freun. Simonides. Kleine griechische Gedichte. sör Ein Rath. Ich will dir sagen, mein liebster Freund Ich weiß, du hörst es gern: Den Traurigen muß man lieben und bei ihm seyn L Doch mit ihm sprechen nicht. Der P r ü f e s t e i n. Der lydische Stein erprobt das Gold; Der Männer Weisheit und Tugend erprobt Die allbehcrrschende Wahrheit.' Bacchylides. Das Alter. Ein unsterbliches Nebel bcschicd dem armen Tithonus Jupiter; schrecklicher ist's als der gefürchtete Tod, Greises-Alter. Sie sollt' uns langer wahren, die schöne Liebliche Jugend und flicht, wie ein wegeilender Traum. Und dann hanget uns bald das traurige häßliche Alter Ueber dem Haupt und gießt böse Verachtung auf uns, Selbst gehaßt und verachtet. Es macht unkenntlich den Tapfern, Löscht die Augen, es löscht Muth und Gedanken ihm aus. 262 V, H y l Er, der schönste voreinst; nim ist die Hora vorüber, Und der Vater gefallt, Kindern und Freunden nicht mehr. Mimnermus, Das daurende Vergnügen- Alle die Kränze der Lust, womit ich die Schlafe mir schmückte, Jede Salbe, die einst zierte mein lockigtes Haar Ist verflogen, o Freund; die Kranze sind alle verwelket: Auch der Zunge Genuß, jegliche niedliche Kost Ging mit der Stunde dahin. Nur was die Seele mir schmückte, Was durchs Ohr ich dem Geist schenkte, das Hab' ich, o Freund! " Kallimachus, Die Lebensalter, Wie dje Frühlingsblatter, die in der blumigen Jahrszeit Schnell entsprießen, sobald warmer die Sonne sie lockt; So blühn wenige Zeit wir in der Blüthe der Jugend Fröhlich und kannten da Böses und Gutes noch nicht. Kleine griechische Gedichte. 262 Aber es steh'n die Parzen uns schwarz zur Seite; die Eine Sendet das Alter uns bald; bald uns die andre den Tod. Einen Tag nur dauret der Jugend Blüthe; die Sonne Steigt und sinket; mit ihr sank auch die Blüthe dahin. Und ist diese vorbei, die Zeit der genießenden Jahre, ' Ach da wünsche man sich lieber als Leben den Tod. Denn da treffen die Seele gar viel Beschwerden; den Einen Häuslicher Kummer, es müht Armuth den trau- renden Geist. Jener wünschet sich Kinder und wenn er am meisten sie wünschet Muß er zur Erd' hinab in der Geschiedenen Reich; Diesen naget und frißt die Much -auszehrende Krankheit ; Jedem Sterblichen schickt Jupiter Nebel genüge- Mimnermus. An die Gesundheit. Gesundheit, Aeltste der Seligen, Möcht' ich wohnen mit dir mein übriges Leben hindurch Und möchtest du auch huldreich mit mir wohnen! Denn wenn der Reichthum Grazie hat. 264 V, H y l e. Wenn Kinder erfreuen, wenn der glücklichen Herrschaft Glanz, Wenn Lieb' ergötzet, die wir mit der Eypris heim- lichem Netz Erjagen und andere Freuden mchr Won Gott uns blühn, nach Mühe Der erquickenden Ruhe Genuß; O selige Göttin! Gesundheit, so cntsprosseten sie mit Dir, Mit Dir blüht jeder Grazie Lenz; Und ohne dich giebts keinen Glücklichen je. , Ariphroii. Der Wein. Süße Gewalt, die aus den Bechern stürmt Und streichelt unser Gemüth mit der Eypris Hand. Auch Hoffnung ist in Dionysus Trank gemischt. Die das Herz ergreift, daß schnell es der Sorgen Last In die höchsten Lüste wirst. Der Trinker erobert Städte, zerstört Mauern und dünket sich ein Monarch der Welt. Von Elfenbein und Marmor glanzt sein Haus: Ihm führen schwerbeladene Schiffe von Aegypten her Großen glanzenden Reichsthum zu, Der des Trinkers Herz hoch erfreut. -- BacchylideS- 265 Kleine griechische Gedichte. An d r e S o n n e, ein Morgengesang. Feyre ringsum, Höker Acther f Und ihr Thäler und ihr Berge, Erd' und Meer und Lüste schweiget! Schweigt ihr Vögel, schweig, o Echo, Denn zu uns wird Phöbus nah'n, Der lockige Sänger. O du der holden Aurora Vater, der ihren rosigen Wagen Mit dem Flügeltritt der Rosse verfolgt, Frohlockend im goldenen Haar Den unendlichen hohen Himmel hinan. Um dich windend den vielgelenkigcn Strahl Lenkst du den güterreichen Glanzquell Rings um die ganze Erd', Und Ströme ambrosischen Feuers Bringen von dir uns her den lieblichen Tag. Der schöne Chor der Sterne tanzt Am Olympus dir, dem Könige, Reihentanz, Anstimmend dir sein heiliges Lied, Entzückt von der phöbeischen Leycr Klang. Jndeß vor ihnen her die blasse Luna Anführt den frühen Chor, Bespannt den Wagen mit weißer Stiere Gespann. Er aber freut in seinem Gemüth sich hoch Und eilt hinüber die viel durchpfadcte Welt. Dionysius. »66 V. H y l e. An den Frieden. Die große Göttin Irene gebiert Den Sterblichen Reichthum und Blumen süßen Ge? sangs. Auf künstlich schönen Altären flammt Den Göttern die gelbe Flamme voll Opfcrdust Von Sticresschenkeln und Bjollenheerden empor. Die Jünglinge denken auf Spiel und Flötengesang Und Lustbarkeiten; indeß den eisenbeschlagenen Schild- Der schwarzen Spinne Geweb' umhüllt, Und den spitzigen Speer und das zweischneidige Schwert Der Rost benaget. Es tönt nicht mehr Der ehernen Tuba Klang; er scheucht nicht mehr Uns von der Augenwimper den süßen Schlaf, Der unser Herz erquickt. Flecken und Dörfer sind voll fröhlicher Gasterey'n, Und Gesänge der Liebe glanzen auf ihnen umher, Bacchylides, Das Schicksal. Das Endeziel von Allem ist, o Sohn, Beim hohen Zevs, der stcllt's wohin er will. Der Mensch ist sinnlos. Immer leben wir Nur Einen Tag und wissen nicht, wie Gott Mit einem Sterblichen es enden werde. Indessen nährt die süße Trägerin, Die Hoffnung uns, auch wenn zum Nichtigen Wir streben. Dieser hofft den nächsten Tag; Kleine griechische Gedichte, 287 Der andre künft'ger Sommer Ernten; da Ist keiner, der sich nicht beim neuen Jahr Ein freundliches, ein segenreiches Glück Verheiße. Jenen rafft indeß das Alter weg, Eh' ey-zum Ziel gelangte; diesen zebrt Die Krankheit auf. Die zähmt der wilde Mars Und sendet sie zur Todtenschaar hinab In Pluto's unterirrdisch - schwarzes Haus, Die sterben auf dem Meer: der Sturm ergriff, Die schwarze Welle riß sie fort mit sich; Hin ist ihr Leben, ihre Hoffnungen hin. Der greift, unglücklich Schicksal! selbst zum Strick Und raubet sich der schönen Sonne Licht, Nichts ist von Plagen frei; zehntausende Der Tode stehn, ein unabwendbar Heer Von Schmerz und Plagen stehn dem Sterblichen Ringsum. O glaubten meinem Rache sie; So liebte keiner doch sein Unglück selbst, Und zehrte sich das Herz in Unmuch ab, Simomdes. Der unglückliche Arme und Reiche, Also irren wir Menschen mit unfern Seelen, Wir alle Tragen die Gaben,, die uns der Götter prüfende Waage Juwog,, in unverständiger Brust. Der Dürftige klaget Traurig und mißt den Göttern von seinem Uebel die Schuld bei, '268 ^ V. H y l c. Achtet sich selbst nicht mehr, nicht mehr die männliche Tugend, Wagt zu sprechen nicht mehr, nicht mehr zu beginnen was Edles, Sondern schaudert und bebt, wenn die reichen Mächtigen dastehn; Kummer und Elend nagen ihm stets das welkende Herz ab. Jener im Gegentheil, dem über viele zu herrschen Gott gab und ihm Güter und Glück gewähret!, denkt nicht, Wem zu gut er die Erde mit seinen Füßen betrete; Er vergiffet, daß, die ihn erzeugten, Sterbliche waren, Donnert in seinem Stolze dem Zevs gleich, hebet das Haupt hoch, Ob er ein Zwerg gleich ist und buhlt um die schöne Minerva, Oder spähet sich gar einen Schleichweg aus zum Olympus, Daß an der Göttertafel er mit Unsterblichen speise. Aber es schleicht auch ihm mit leisen Tritten die Ate*) Ungesehen heran und unerwartet: sie gehet Auf dem Scheitel der Menschen; den Alten erscheinet sie Jungfrau, Jünglingen alt; doch bringt sie jedem Verbrechen die Strafe Und vollführet Jupiters Amt und der strengen Vergeltung. Rhianus. *) Die Göttin des Uebels und Schadens. Kleine griechische Gedichte. 269 Dem höchsten Gott. Du, der Unsterblichen Höchster, du Vielbenamter, der ewig Nach Gesetzen beherrscht die Natur, ihr mächtiger Führer, Sey mir gegrüffet, 0 Zevs: denn alle Sterblichen dürfen Dich anreden, 0 Vater, da wir ja deines Geschlechts sind, Nachhall deiner Stimme, was irgend auf Erde nur lebet. Also will ich dich preisen, und ewig rühmen die Herrschaft Deiner Macht, der, rings um die Erde, die Kreise der Welten Willig folgen, wohin du sie lenkst, und dienen dir willig. Denn Du fassest in deine nie zu bezwingende Rechte Deinen Boten, den flammenden, zweigezackten, den ewig- Lcbenden Blitz: cs erbebet die Welt dem schmetternden Schlage. Also lenkst du den Geist der Natur, der, demGroßen und Kleinen Eingepflanzet, sich mischt in alle^ Wesen und Körper. Höchster König des Alls, ohn' den auf Erden, im Meere, Nichts geschiehst, noch am ätherischen, himmlischen Pole; Außer was Sinnen-beraubt der Frevler Böses beginnet. 27 » V. H y l c. Aber du weißt auch da das Wilde zu fügen in Ordnung, Machst aus der UnforM Form und gesellst Unfreundliches freundlich. Also stimmtest du Alles zu Einem, das Böse zum Guten, Daß in der weiten Natur Ein ewig' herrschend Gesetz sey, Eins, dem unter den Sterblichen Nur der Frevler eNtfliehn will. Ach des Thoren! der immer Besitz des Guten begehret, Und verkennet des Herrn der Natur allwaltende Richtschnur, Will nicht hören, was, wenn er gehorcht', ihm glückliches Leben Und Verstand gewahrte. Nun stürmen sie alle denk Guten Grade vorbei, hieher, dorthin. Der kämpfet um Ehre Jährlichen Kampf! der läuft nach Gewinn mit niedriger Habsucht: Jener buhlet uM Ruh Und um süße Werke dct Wollust, Alle mit Eifer bemüht, dem nichtigen Wunsch zü begegnen. Aber, o Zevs, du Wolkenumhüllter, der Blitze Gebieter, Du, der du Alles gicbst, befreie die Menschen vom schweren Unsinn, nimm die Wolke von ihren Seelen, v Vater Daß sie die Regel ergreifen, nach der du billig und sicher Kleine griechische Gedichte. 27 t Alles regierst; damit Wir, denen du Ehre gegönnt hast, Wieder dich ehren und dich in deinen Thaten ber singen, Wie's dem Sterblichen ziemt: denn weder Menschen noch Göttern Bleibt ein höheres Loos, als ewig und ewig des Weltalls Herrschende Regel gerecht in Wort und Werken zu preisen. Kleanth. Dritte Sammlung Fünf Hymnen. Erste. Göttin des Anfangs, Dir sind unsere Wünsche ge- wcihet, Heilige, Reine! die frevelnden Sinn und wilde Begierden Haßt, und die Neugier tauscht, und ein heiter frohes Gemüth liebt. Unsichtbare! Du lastetest uns ins sterbliche Leben, Triebst mit sanfter Gewalt aus drängender Knospe den Keim auf, Und gabst uns zu schauen das Licht der fröhlichen Sonne. / L>pie- V. Hyle. Kleine griechische Gedichte» 273 Spielend im Kindcsaltcr voran, entwickeltest du uns Unerkannte Vermögen, und hieltest in Füßen und Armen Lange die Seel' rms fest; damit das innere Herz uns Und das Haupt genese. Du vielbcnanleter Dämon/ Der uns warnet und schreckt, und spornt zum festen Entschlüsse, Uns im Keime die Frucht, im Beginn den vollen Genuß giebt, Lasset das End' uns schaun, und schauen über das End' hin! Schlüsseltragerin, schließ' uns auf der Dinge Ge- hcimniß, Daß wir am Anfang schauen, was kommt, und halten die Thür rein: Denn da stehet dein Bild, und wer die Schwellen hinüber Stürzt, versündiget sich an der großen Göttin, die einst ihm Furchtbar erscheint im Ausgang', Treib', v Selige/ treibe Im Beginne des Werks uns schwarze Sorgen und Nebel Ferne zurück! wie der Glanz am Morgen, so heitre der Eingang Unsere Stirn, wie der Glanz am Abend, der fröhliche Ausgang. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst, X, S 274 V. H y l r. Zweite Hymne, Nacht, Du Königin! die du das Reich der Sterne beherrschest, Und den Menschen dich zeigest im prächtigen Diademe : Was die Sonne verbirgt, enthüllest du; weckest der Ahnung Hoffnungen auf, die droben sich baden im leuchten, den Weltmeer. Nacht, du Mutter der Dinge, du Mutter großer Gedanken: Selige, mächtige, sterticNgekränzte; die ewigen Kreis. lauf Uns enthüllet Und Ruh' uns zeigt in schnellester Re» gung. Ruhige Nacht, o du stille, du in der lautsten Ver» sammlung Einsame; Geberin ew'ger Gedanken und himmlischer Traume. Herzenerquickerin, labende Freundin, Mutter der Menschen Und der Götter, die droben walten in Auett des Sternheers, Sorgenentlasterin du, du Mutter lieblicher Träume, Trösterin, Pflegerin du der Kranken. Aller Betrüb, ten, Aller Ermatteten Trost: die du sie dem jüngere» Morgen Wiedcrgebierst, und erzeugst ein neues Leben den Menschen. Komm, o Selige, komm, du Erwünschte! Haucht mit deinem Kleine griechische Gedichte. 27S Lebenseithem uns an; und erneu'uns fröhliche Kräfte. Aber, 0 heilige Nacht, wer deinem Schleyer, ein Unhold, Sich vertraut» deM erschein', 0 ernste Göttin» ihn strafend! Dritte Hymne. ! Messchauender Du, und Alles Umgebender HimMel, ! Hütte der Welt , und der Götter Haus, ihr prach- ! tiger Tempel; ^ Theil der Welt» untheilbar Und sonder Anfang und ^ Ende: i Darf ich dich nennen, 0 du, du Raum der Wesen, 1 Unendlich l AusgegofseN, Und trägst auf deiner Unsterblichen - Brust Nur H Einen NarNcN, das All, der Unendliche, Alles Um-- ' armend. ^ Denn derN göttlichen Weib *) ist nur die NothweN- digkeit selber > Mächtiger! ich erliege; doch bet' ich in ruhigem Antlitz Himmelsbläue dich an, UNd schaUe SoftNeN Und ^ Sterne j Leicht hinwandeln in dir» und ahne fröhliche Zukunft. S 2 *) Der Nüttir? (H.) 276 V. H y l e. Wenn du dein Haupt verhüllst und die Stirn verdeckest mit Wolken, Zirkelnder Himmel, auch dann bist du den Sterblichen Vater. Vierte Hymne. Heiliger Aether, ich bete dich an, du aller Gestirne Schwingende Kraft, die sie halt und bezähmt, und mit lebendem Feuer Anhaucht! Mächtiger Gott, du aller Lebenden Athem, Kraft und Geist und Sinn und Gcmüth und unsterbliches Wesen! Blume der Schöpfung, du Glanz - Anssendcrin, die die Gestirne Leuchten macht, die Sonne, den Mond und die Blülhe Erde, Fröhliche- Menschen! Sie strahlen von dir, unsterblicher Aether! Fünfte Hymne. Erstgebotenes, Du, das aus dem Ein der Nacht sich Hoch in den Aether schwang, und droben auf goldenen Flügeln Negend erfreuet: 0 du, das Götter und Menschen erweckte: Kleine griechische Gedichte. -77 Licht! o du mächtiges, zartes, du vielbesungnes, und dennoch Unaussprechlich; geheim, und allenthalben im Glanze Strahlend. Du nähmest die Nacht von unserm geschloffenen Auge, Als du den hohen und heiligen Strahl fern über die Welt hin Wälztest und mit der Stille des Lichtstrahls mächtig ertöntest. Weltenkönig! Du weitbinschauender Erdenumleuchter, Bielrathschlagender, vielaussäender, glänzender Weltsproß. Sprieße den Völkern Glück, und säe Strahlen und sende Licht auf alle geschlossenen Augenlieder, und sende Leben hinab, du Zwcigestaltiger, Licht und die Liebe. Pallas - Athene, von Proklus. *) Höre mich, Tochter Zevs, die aus dem Haupte des Vaters, Wie aus dem lebenden Quell entsprang, der uncnd, lichcn Kette *) Ein vor wenigen Jahren zu Madrid gefundener Hymnus, den Jriarte zuerst und Tychsen in der Gbttingifchen Bibliothek der alten Literatur und Kunst, i. Stück, verbessert 27S, V, H y l t. Höchstes Glied, Du männlich gesinnte, die du der, Schild trägst, Und deu Spieß, und den goldenen Helm, des Ewj? gen Tochter, Pallas Tritogenia! Nimm an mit holdem Gemüth« Meinen Gesang unh laß mein Wort nicht öd' in die Lust geh'n. Die du der Riefen Geschlecht, die Himmelsstürmer, gebändigt, Die du, der Brunst Vulkans, des Lüsternen, züchtig entfliehend, Deiner Jungfräulichkeit Blume mit ehernem Zügcf bewahrtest, Unh des Dionysus Herz, als unter der Hand der Titanen herausgegeben. Ein Eommentar zu ihm steht im zweiten Stück, Die friedliche Göttin der Weis-; heit, die Erfinderin der Künste, Athene-Po-, lymetis wird hier besungen; und dabei aus der alten Mythologie mehrere Fabeln zu diesem, Zweck gedeuier. Insonderheit wird ihr Sieg über den stürmischen Neptun, der Oelbaum, den sie der Mutter aller Künste, Athen, schenkte, und ihr hoher Titz in der Burg zu Athen so anständig und lokal gepriesen, daß man diesen Hymnus ein Lempelgeschenk fürs Parthenon, den großen Minerventempel dieser Stadt, nennen könnte. Da der Gesang von Proklus, mithin, aus spaten Zeiten: so wird man in ihm, die fröhliche Einfalt der Homerischen Hymnen nicht erwarten. Er ist gelehrt, orpheisch, theurgisch. Kleine griechische Gedichte. S79 Er in den Lüsten zerfleischt ward, unbeschadet erhieltest, Und es dem Vater brachtest, damit nach heiligem , Rath sch luß Uns in Semelens Schooß ein neuer Bacchus entspränge; Du, die der zaubernden Hekate Hunden die Häupter hinabschlug, Und die Ungeheuer der thierischen Lüste vertilgend, Uns der Weisheit Pforten, wo Götter wandeln, eröffnet, Heiliger Gipfel du der Menschen erweckenden Tugend, Die, der Erfindung spürenden Sinn mittheilend dm Seelen, Unser Leben mit vielfach-blühenden Künsten geschmückt hat. Auf dem Gipfel Athens, in Akropolis, stehet dein Tempel, Sinnbild deiner Höh' in der großen Kette der Wesen. Liebend das heldenernährende Land, die Mutter der Schriften, Widerstandest du kühn Poseidons wildem Verlangen, Und gabst deinen Namen der Stadt und weise Gcmükher. Dieses Sieges ein herrliches Zeichen den spater ge- bornen, Pflanzetest du hoch auf des Berges Kipfel den Oel- baum; Sndeß tausend Wellen des Meers, von Po seid»» erreget, sbo V. H y k e, Aufs Cekropische Land mit wildem Gebraus? sich stürmen. Höre mich, du, deren Antlitz ein reines friedliche? Licht strahlt, Gicb der Seele das Licht von deinen heiligen Leh- rcn, Gicb ihr Weisheit und Liebe. Die Liebe starke mit Kräften, Daß sie vom Schyoß der Erde sich schwinge zun, Sitze des Vaters. Bin ich aber bestrickt auf böser Irre des Lebens: (Denn ich weiß, wie so viel, aus einer der Thaten die andre, Mich unheilig bestürmt und mir den besseren Sinn raubt), O so.verzeih'., du Mildgesinnte, der Sterblichen Vormund, Und laß marternden Strafen mich nicht zur Beute, gequälet, Hingestrcckt auf dem Boden, der ich doch dein zu seyn wünsche. Gieb den Gliedern zu stehen Gewalt, und halte mit deiner Holden ambrosischen Rechte die Schaar der Plagen entfernt mir. Gicb dem Schiffer, das Leben hindurch, sanft kragende Winde, Kinder und Weib und Güter und Ruhm und heitere Stunden, Süß überredendes Freundegesprach und kluge Besinnung, Kleine griechische Gedichte. 281 Kraft den Gegnern entgegen und in der Versamm, lung den Vorsitz. Höre mich, höre mich, Königin! neig' cm günsti- gcs Ohr mir. An den Amor. *) Gott der Liebe, du großer, reiner, lieblicher, süßer Gott, mit dem Bogen und Pfeil und Flügeln feurigen Laufes, Schnellen Anfalls, der mit Göttern und Menschen sein Spiel hat. Du streitbarer, doppelgestaltiger, der du den Schlüssel Trägst zu Allem, zum himmlischen Aether, dem Meere, der Erde, sind was sterblichen Menschen die allgcbärende Göttin Leben und Geist giebt, was der weite Tartarus ini? hat, sind das salzige Meer: von Allem bist du der König. Komm, ich rufe dich, Seliger, komm zu deinen Geweihten Reines Sinnes, und treibe von uns unsitkigeLustab. *) Kömmt mit der 87. orphischen Hymne überein. H. iö2 V, H y l e. An die Musen. Ihr, des Gedächtnisses, des olympischen Jupiters hylde Töchter, o Musen hört, höret des Flehenden Wunsche Schenkt ihm Glück von den seligen Göttern, und unter den Menschen Allenthalben und stets guten und redlichen Ruhm; Daß er geliebt den Freunden,, den Feinden bitter gefürchtet, Jenen der Ehrfurcht wcrth, diesen ein Schrecklicher scy. Güter begehrt' ich wohldoch diese zu haben mit Unrecht Mag ich nicht; da zuletzt sicher die Rache sie raubt. Nur der, welchen die Götter uns gaben, der Ncich- thum bestehet Fest vom Grunde des Bau's, his zu dem. Gipfel hinauf. Jener andere, den die Menschen ehren, er kontmt zwar, Von dem Unrecht gelockt, von der unseligen Müh', Doch unwillig kommt er und hinter ihm schleichet die Strafe, Die im Stillen beginnt, die wie ein feuriger Funk' *) Vielleicht nach Anleitung des Crates von Theben; s. Brunks Anfltecta, r. B. S. 187. VI. H. Kleine griechische Gedichte, Zündet; im Anfang' klein, doch endend in bitteren Schmerzen; Denn kein Frevel gelingt lange den Sterblichen wohl. An die Göttin Roma, *) Sey gegrüßet, o Nom, du Tochter Ares, Goldgekrönte, schreckliche Kriegcsgöttin, Die auf Erden den unbezwingbar-hohen Himmel bewohnet. Dir allein vergönnte das ernste Schicksal Königsruhm unerschüttert-ew'gcr Herrschaft, Daß mit höchster Gewalt im weitsten Reiche du nur gebötest, Und mit starkem ehernem. Zügel lenk'st du Meer und Erde; sie fühlen Heines Armes Kraft, mit der du die fernsten Stadt' und, Völker sicher regierest. Selbst Ke mächtige Zeit, die sonst alles ändert, Alles wankend macht und das Leben hichcr, Dorthin wandeltsie gab dir ohne Wandlung glückliche Siege. - *) Nach dem lyrischen Gedichtchen, das der Erin- na beigelegt wird; es steht auch in Lrunks /tnaloLt, t0om, I, x. gg» 284 V. H h l t. Denn vor allen Völkern gebierst, 0 Edle, Du dir Männer, berühmte tapfre Krieger: Wie der Ceres Saaten, entsprießen, Rom, dir Heldcngeschlechtcr. Das Schicksal. Chor der Antigone, *) von Sophokles. Glückselige, deren Acon **) Nicht kostet böse Geschicke: Denn wessen Haus von der Götter Hand Einmal erschüttert ward, Den verlaßt das Unglück nicht, Nachschleichend bis zu des Stammes letztem Sproß. Wie des Weltmeers Welle, wenn bei stürmenden Winden Nacht es bedeckt- den schwarzen Sand Von Grund auf wühlet, erregt vom Sturm Und ringsum Hallen ächzend die Ufer wieder. So schau' der Labdakiden Haus ich fallen. Da nach altem Unfall neuer Unfall Darauf sich drangt. Die Nachzeit rettet keinen Zweig Won diesem Stamm; denn irgend ein Gott Kehret ihn um, ihm keine Rast gewahrend. *) Schlußchor des zweiten Aufzugs. **) Lebenszeit. Kleine griechische Gedichte. 28» Dtc letzten Wurzel Sproße glanzte hier Zn Oedipus Haus; auch sie Mähet der blutige Staub der Unterirdischen ab, *) Und ihr unbedachtsam Wort, Die Erinnys in ihrer Brust. **) Deine Gewalt, 0 Jevs, welche der Sterblichen Uebermüthige Tritte hielten sie ein? Sie, die der Alles - entkräftende Schlummer nie erfaßt, In der Götter unermüdlichem Mondcnlauf. Nie-alternd herrschest, Mächtiger, Du Im glanzenden Licht des Olymps. Was war, was ist, und werden wird Gehorchet Dir! — Doch dies Gesetz Trifft Sterbliche nicht: daß immer unglücksfrey Zhr Leben sey. Zwar die vielgestaltende Hoffnung bringt Wielen der Sterblichen reichen Gewinn; Aber auch Viele tauschet sie Mit sinnesleeren Begierden. Dem Verständigen schleicht nichts herbei, *) Die Erde, die sie gegen das Verbot über ihren tobten Bruder gestreuer hatte. (Statt Staub, das sich auf eine verdorbene Lesart gründet, ließ Sichel. H.) d. i. ihr unbeugsamer Sinn, ihre hakten Worte» L86 V. H y l e. tc. Eh^ irgend einer den Fuß an's brennende Feuer gesetzt. *) Denn ein weiser Mann sprach ein berühmtes Wort: „Das Böse scheine zuweilen gut Dem- dessen Brust der Gott zum Unfall treibt." Anfangs gelinget ihm sein Werk, Jedoch nur kurze Zeit. *) d. i. Ohne vorgangige Probe und Erfahrung überlaßt er sich dem blinden Zufall nie, zumal in Gefahren. (Unbemerkt ist ihm das Uebel nah, ehe er noch seinen Fuß dem Feuer näher gebracht hat). H. Homer, ein Günstling der Zeit. >^ls Thales gefragt ward, was er für das W e i- feste in der Welt halte? antwortete er: die Zeit- denn sic hat alles erfunden. Dem geinaß qabcn die.Griechen dem Zeit-Gott (Chronos) die größesten und schönsten Namen, B a- tcr der Dinge, E n t h ü l l e r der Wahrheit, den Prüf- und Schleifstein der Gedanken, den besten Rathgeber der Sterblichen nannten sie ihn, priesen von ihm: daß et alles mildere, richte, polire; er f ö r- dre fo r tw a h r e n d tln b e ka n n te s ans Licht, und lasse Bekanntes in Dämmerung sinken, u. f. Eben so könnte Man in einer andern Allegorie sagen, daß die Sterblichen mit diesem alten Gott in einem fortwadrenden Streit leben, daß manche seiner Kinder sich anmaßcn, was keiner von ilmen, sondern Er allein gethan bat, und thun konnte; endlich , daß unter seinem Namen er manche Glückliche oft unerwartet mit dem reichsten Ruhm kröne. Wem sind nicht jene Fabelnamen des AlterthumS bekannt, deren Einer oft die Erfindungen ganzer Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. X. T 29 » VI. Home r, Jahrhunderte in sich zu begreifen scheinet? Thaaut Thcut, Thot, Hermes/ Orpheus; es ist fast keine Kunst, keine Wissenschaft, die das Leben der Menschen menschlich gemacht hat, deren Anfänge man ihnen nicht zugefchrieberr. Wie ihre, so gelten mehrere Namen des Alterthums als vklfassende Sternbilder am dunkeln Himmel, als große Constellationen der alten Zeit. Mit Begebenheiten und Unternehmungen ists wie mit den Erfindungen; sie die bloß und allein Geburten der Zeit sind, mögen wir gern einzelne» Unternehmern zufchrciben. Romulus und Numa z. B. sollen mit den Mauern und dem Gottesdienste Roms, bereits alles im Sinne gehabt haben, was innerhalb dieser Mauern nur durch Hülfe der Zeit entstand, was sich aus diesen Mauern nur durch Hülfe der Zeit über die Welt verbreitet. Alexander bei seinem Uebergange nach Asien, bei Errichtung Alexandriens, Babylonsund anderer Städte soll im Sinne gehabt haben, was in vielen Jahrhunderten, unter Anläßen so vcrschiedner Umstande, erst die viclsinnige Zeit ersann und mit ihren tausend Armen dennoch kaum ausführte. So Julius Cäsar Muhamed; so manche andre Gesetzgeber, Religionsstifter, Unternehmer, insonderheit wenn sie bei unvollendetem Werk jung starben. Selbst die Kunstwerke der Menschen, die eigensten Geburten ihrer Seele, ihreö Fleißes, ihrer Begierde — Doch ich will lieber durch Beispiele reden und über einige glückliche Günstlinge dcrZeit meine Gedanken eröffnen. Ich werde dabei selbst dem Gange der Zeit folgen dürfen, in welchem diese Wermuthungen sich bei mir entwickelt haben. ein Günstling der Zeit. '89 >> 1. Zst die Zlias und Odyssee vott demselben Dichter? Als ich in jungen Iahten den Homer fast völlig noch als ein Mähtchen las, fragte ich unbefangen , ob das derselbe Homer sey> der die Ilias und die Odyssee gedickter? Man gab mir zur Antwort: „Allerdings! nur war er dort jung, hier.alt; dort die ausgehende, hier die untcrgehcnde SonNe. " Ich ließ es Mir gefallen; nur deutete ich das Bild von der aufgehenden und untergchcnden Sonne, (das meines Erachtens von Longin hier etwas unpassend angebracht war,) auf meine Weise. Die Jliade war mir fortan ihrem Gebiet nach eike Morgen-, die Odysse eine Abend Welt. So, sprach ich, gehet es dort zu iN Himmel und auf Erden; hier also. Der Ost - Homer und der Homer in Westen; beide sollen in mir friedlich neben einander wohNcn. Ich müsste ein kleines Buch schreiben, wenn ich die Verschiedenheit beider Gedichte uNd der Dinge in ihnen, ihrer innern Beschaffenheit und äußern Con- struction nach entwickeln wollte. Und doch würde man vielleicht sagen: du träumest!*) Wie mich Mas ich hier nicht ausführen kann, wünschte ich von einem andern ausgeführt, nemlich die innere und äußere Verschiedenheit der Ilias und Odyssee- T 2 VI. Homer, 292 dünkt, hoben beide Gedichte, jedes seine eigne Luit, seinen Himmel, seine eigne Zusammenfassung der Gestalten in der Ober-Wittel- und Unterwelt. Der Eine ist unser Homer der Ostwclt; >fko ysAiou a-5,) der andre der West weit A-psi-) wie Homer selbst seine Welt cintheilet. 2. Der große Umfang der Dinge in Homers Gedichten. Als ich den Homer zum zweitenmal las, suchte ich mir, entfernt von allen Theorien und Regeln, seinen Inhalt lebendig vorzubilden; und erstaunte über den Reichthum, über die Ordnung in Vorführung der Gestalten, endlich über die ungeheure Ansicht des Ganzen in seinen kleinsten Theilen. Ich begriff es, warum die griechische Nachwelt den Homer zu einem Gott, und feine beiden Gedichte zu einer Encyklopadie alles menschlichen Wissens habe machen können : * *) denn wahrlich eine Welt von Es wäre dies ein angenehmes und nützliches Werk, nur müßte es mit gehöriger Kenncniß, völlig unbefangen und nicht ohne lebendiges Anschauen der Dinge geschrieben werden. *) Ist H 0 m e r u s ein Gott: so werd' er verehrt 'O mit Len Göttern, ein Günstling der Zeit. 2yZ Charakteren und Einsichten über Himmel und Erde siegt in ihm offen da. Welche Seite des Menschlichen Wissens ist, die er nicht berührt hatte! Er, Water der ältesten Weltkunde und Weltgeschichte, der griechischen Geographie, Genealogie, Beredsamkeit, Dichtkunst und mehrerer Wissenschaften. Wie, sprach ich, kam Homer zu dieser weiten Umfassung der Dinge mit ihrer genauesten Bezeichnung? denn nicht etwa auf dem Olymp und im Schattenreiche all.in, auch in der Welt, aufJthaka, in Troja, in jedem Busen und Thal Griechenlandes ist er mit Gegenden , Fließen, Völkern so bekannt; er .charakteri- sirt mehrere derselbcen so genau und avtoptisch, daß man wohl siehet, eine gewißc Universalität in Umfassung und Beziehung dieser Dinge im Gesichtskreise der Griechen sey bei der Zusammenordnung seiner .Gesänge Absicht gewesen. Auch dies alte Geschlecht sollte nicht übergangen , auch von jenem Volk, jener Stadt, jener Begebenheit und Gegend sollte etwas gesagt werden. Es scheint, Alles für die Griechen Interessante sollte in diesen beiden Gedichten Vorkommen; und wenn cs nirgends Raum hatte, so fand es Raum War Er ein Mensch; so sey dennoch als Gott er geehrt. Anthot. B. t». Kap. 27, r». Es erfand die Natur; sie gebahr mit Schmerzen, und ruhte, Da sie in Einen Homer all' ihre Weisheit gesenkt. Eb. das. Kap. 27. ri. 294 VI. Homer, auf dem Schilde Achills, bei den Spielen zu Ehren Patroklus, oder am Rande der Erde. Und zwar fand Jegliches einen w schönen Raum, daß ich dcy alten Sänger eben so woh: über das, was er im flüchtigsten Vorbeigehn, als was er am ausführlichsten erzählt, beneiden mußte. Man versuche, es, und gehe in dieser Absicht die Zliade und Odyssee durch; man wird über den Neichthum, die Wohlordnung, das Verhaltniß dieser Anspielungen erstaunen.*) Wie? fragt' ich, und diesen viclumfassenden, genau ordnenden Geist hatte Ein Sänger? Offenbar ist er hierin einzig: denn Hesiod und alle übri? gen Reste aus diesen uralten Sängcrzeitcn sind gegen ihn robe Massen, oder ein zusammengewcheter Vorrath. Und doch ist Homer der älteste Dichter, und diese ärmeren, unvollendeten Sänger haben nach ihm gelebcs. Ich las Blackwells vortreffliche Untersuchung,**) von dem man sagen kann, daß er über den Homer und sein Zeitalter zuerst im Großen gedacht habe; er that mir in Vielem, aber nicht in Allem Genüge. So auch späterhin Wood-s) *) Reimann hat in dieser Absicht eine sogenannte.Ilias nach.Homer zusammengetragen; es ließe sich hinter ihm eine neue Ilias zweckmäßiger bezeichnen, wenn in,an zum Grunde setzte , daß bei Zusammenordnung Aer homerischen Gesänge diese Art griechischer Encyklopädie und Weltcharte mit eine Absicht gewesen, **) Blackwells Untersuchung über das Leben und die Schriften Homers, übersetzt von W o ß, Leipz, 1776. 4 ) Wood über das Originalgenie des Homers, 1.773. ein Günstling der Zeit. 296 nicht, ob er gleich, wenn ich so sggcn darf, noch näher an die Gcburtsstatte Homers hinandringt. Ich begnügte mich also, die Quellen dieser Gedichte, wie die Quellen des Nilstroms, da ich zu ihnen nicht kommen konnte, in heiliger Ferne zu verehren. 2 . Homer, als Sänger betrachtet. bin andermal galt es die Gesangweise des Dichters; bei Homer das Hauptwerk. Denn gelesen zu werden, sind diese Gesänge ursprünglich nicht gedichtet; sie wurden gesungen; sie sollten gehört werden. *) Dahin strebt der ganze Vau des *) Auf das Alter der Buchstabenschrift in Griechenland dürfen wir uns hierbei nicht einmal einlaffen. Aus Phönicien kam sie, und wahrscheinlich ward in Jowen zuerst geschrieben; man bedenke aber was dazu gehöre, daß Werke, wie die Ilias und Odyssee, mit Buchstaben, deren einige so spät ins griechische Alphabet gekommen, vollständig und genau geschrieben werden. Die Kunst der Rhapsoden widerstand eher dem Bücherschreiben, als daß sie solches hätte fördern wollen: denn wie in Konstantinopel die Abschreiber des Korans, die Kalligraphen, der Einführung der Buchdruckerei entgegen waren, weil ihr Gewerb dadurch unter- gieng: so gieng durch Einführung der Buchst«- Hamsters, der abwechselnde, immer fortschreitende Gang seiner Bilder und Töne. Davon zeugen die oft wiedcrkommcnden Wvrre und Beiworte, die wie- derkehrcndcn Verse und Halbverse, die leichte Bindung der Gedanken durch eine Menge uns überflüssig-scheinender Partikeln, die dem lebendigen Vortrage Haltung und Schwung gaben, endlich die ganze Art loser Perioden, in der bier alles erscheinet. Für den Langer war der Hexameter gemacht. Nie konnte, nie durfte er stocken und aus- bleibcn; der Geling zog mit sich fort. Eben jene leichten und eintönigen Ausklange des Verses luden ohne Mühe zur Fortsetzung des Bildes oder der Geschichte ein; eine Reihe von wicderkommenden Ausdrücken und Versen gaben dem Sänger Zeit, weiter zu denken, indem sie immer noch das Dhr der Versammlung angenehm füllten. Stellen konnten versetzt , unzählige kleine Züge wieder angebracht werden ; so daß, wer einige Gesänge der Zliade gesungen hatte, den ganzen trojanischen Krieg in dieser Manier singen konnte. Der Sänger schwamm und bewegte sich in einem sehr freien Elemente. Gut für den Homer, der gleichsam erfindend benschrist jene Kunst der Sänger allmählich unter. Es entstand Prosc, aus dem Hexameter ein prosaischer Periodus; die Sagen der Menschen wurden Buchstaben «»vertrauet; es verstummte die Stimme der Musen, die als Töchter Mne- mosynens, den Schatz des menschlichen Gedächtnisses vorher allein aufbehalten und lebendig verbreitet hatten, Bücher waren das Grab des Epos, sang und singend crsindcn konnte; gut auch für seine Nachsängcr, die H o m e r i d e n; die Quelle des heroischen Hexameters floß ihnen umicrsieget. Wie stand es hiebei aber mit der Erhaltung solcher Gesänge im Munde der Rhapsoden? Mochten sie ihren Homer mit der gewissenhaftesten Treue gelernt haben und mit einer Art göttlicher Verehrung wiederholen: die Leichtigkeit des Verses nnd der Erzählung selbst lud zu Veränderungen ein. Hier konnte dieser, dort jener Vers eingeschaltet werden; bei ähnlichen An- und Ausklängcn bot er sich von selbst dar. Ueberdem war die griechische Sprache auf allen den Kmsten und Inseln, in allen den Ländern und Städten, wo Jahrhunderte durch Homer gesungen ward, war und blieb sie dieselbe? In Asien, dem Archipelagus, in Alt- und Groß - Griechenland, mußte nicht der Sänger, wenn er verstanden, wenn er mit Entzücken gefühlt scpn wollte, sich hie und da dem Qhre des Volks bequemen, und also verändern? Jedermann, der es versucht hat, weiß, was die lebendige Gegenwart einer Versammlung dem Sprechenden für Gesetze auflegt; hier kann er nicht alles sagen, was er dort sagen konnte; er kann es nicht auf dieselbe Art sagen. Und da es der Zweck des Rhapsoden war, mit der Versammlung gleichsam ganz Eins zu werden, und aus seiner in ihre Seelen homerische Begeisterung, Vergnügen und Muse hinüber zu strömen, wozu er sogar auch mimikchse Kunst anwandte; so ist, wenn man sich dabei die griechische Lebhaftigkeit im Vortrage, im Erzählen, im Extemporiren erdichteter Geschichte einiger- 2g3 VI. Homer, maßen vorstellt,*) ein steifes Recitircn auswendig gelernter Verse, die unter allen Völkern Griechenlandes Jahrhunderte lang d ic selb e geblieben wären, ganz undenkbar. Kaum laßt sich eine Geschichte, zumal ;m Feuer der Beredsamkeit, zweimal mit denselben Worten erzählen; und obgleich hier der Gesang und das Sylbenmaas dazu da war, daß cs den Sänger innerhalb fester Schranken erhalten sollte: so waren diese Schranken doch so weit gesteckt, daß er unmöglich zu einer Sprachmaschine werden konnte, die unabänderlich dieselben Töne wiederholte. Es ist ein Trieb in unsrer Natur, zu dem Gelernten Eignes hinzuzuthun; es ist ein Trieb in ihr, diesen Augenblick, diese Stunde, diesen Kreis mit etwas Eignem zu bezeichnen, wenn es auch *) Diese griechische Lebhaftigkeit im Borrrage, dem Erzählen, dem Extemporiren ist aus mehreren Reisebeschreibungen noch jetzt als Charakter der Nation bekannt. In jenen alten dichterischen Zeiten mußte sie es ungeheuer mehr sey». „Ich habe oft, sagt Wood (S. 4g.), die lebhafte theatralische Deklamation der italienischen und orientalischen Dichter bewundert, wenn sie unter freiem Himmel Gedichte hersagen, und jeden Gegenstand, den sie beschrieben, in einer eingebildeten Scene zeigen, die sich ihre Phantasie den Augenblick schafft, zugleich aber sich jedes natürlichen Vortheils der Gegend bedienen, der sich auf ihren Gegenstand anwendcn laßt, wodurch sie ihr Gedicht mit dem Ort, wo sie es recitiren, in Verbindung setzen. " S. auch Guys literarische Reisen in Griechenland u. a. mit etwas Ungehörigem und entbehrlichem Ware/ So vaniren alle Volkslieder auf der Erde; keine Provinz singt die ihrigen ohne Veränderung. Selbst unsre langsam - tönenden Kirchenlieder, wenn sie vom Volk auswendig gelernt werden, sind, von Ausätzen , Worteinschaltungen und Herzens - Ergießungen nicht frei. Wer also an einen Urtext Homers, wse er aus seinem Munde floß, glauben kynn, der glaubt viel. 4 - Milloisons Homer. Studiuyr Homers in Italien. Unvcrmuthet zeigte sich mir eine große Erscheinung: Villoisons Jlsas.*) Wie staunte ich diesen Reschthum griechischer Kritik und Urtheile an ! Hier fand ich meinen Jugendzweifel, oh die Ilias *) florneri Hiss, eäill. ViUowon. Venet. r/Lfl, Die Bekanntmachung dieser Schätze des Alterthums ist ein Verdienst, das allein schon Villoisons Namen verewigen kann; wie sehr ist zu wünschen, daß dieser unermüdete Gelehrte seiner Ilias auch eine Odyssee, die gelehrte Rei-, se durch Griechenland nämlich, wie er sie zu Erläuterung der gesummten griechischen Literatur ans Licht stellen will, hinzufügen möge. Vs. Homer, lind Odyssee von Einem und Demselben Homer sey, im Namen einer ganzen Sccre griechischer Kritiker, der Sonderer (Xc»§-,so»-^Ly) wieder; diese sagten: die Ilias und Odyssee sey nicht von demselben Dichter. In den Anmerkungen über den Homer fand ich die Idee, Homer» Gesänge als eine Art Ency- klopadie des Wissenswürdig.n zu betrachten, so verbreitet, wie sie uns das gesummte Alterthum zeiget. Endlich erschrack ich beinah über die Freybeit, die man sich mit dem Text Homers nebmen zu kennen, ja nebm.n zu müssen lange Jahrhunderte durch geglaubt hat. Billoisons Homer kam mir in Italien vor, als ich unter Denkmalen der griechischen Kunst, mithin auch in Homer, lebte. Denn wie uns der nördliche Herbst zu Ossian treibt, so laden uns die griechischen Altertbümer, ja selbst die Sitten und Gegenden Groß - Griechenlands zu Homer ein, als ob in ihnen hie und da sein Geist noch schwebe. Dr.it rlei insondcrb.it lernte ich an diesen unschätzbaren Resten der alten Zeit, das mir auch für Homer sehr diente: *) Wer die Ursachen hieven, sammt einer Ideenreichen und bündigen Geschichte der Behandlung Ho- w-.crs lesen will, lese Wolfs Einleitung zu seiner Ausgabe Homers blniusii et 8ai»ericli>- rrim opern et rnllcsiilgo, ?. I. I^al. 1794. Er wird vortreffliche Winke, die der weitern Untersuchung vorzüglich werth sind, darin finden. ein Günstling der Zeit. 3or 1. Die Wahrheit, Einfalt und Pracht der griechischen Bilder m ihrer schönen homerischen Fort- schr eitung. 2 . Die mancherlei Epochen der griechischen Kunst und Dichtkunst, in denen Ein Styl sich aus dem andern gleichförmig gebildet. 3. Den Werth und die Wirkungen der griechischen Schule in Wissenschaften und Künsten. S. Von der Wahrheit, Einfalt und Pracht der griechischen Bilder, angewandt auf ihre schöne homerische Fortschrcitung. Unbeschreiblich ist der Eindruck, den die Wahrheit und Einfalt der griechischen Gedanken in ihrer Kunst auf uns macht. Nie wollten sie zu viel sagen; und deßhalb sagten sie cs ganz , anschaulich, vollständig. Wie in der Kunst, so thaten sie dies auch in ihren Gesängen. In Homers lichter Welt steht alles so leibhaft da; Götter und Menschen sind so wahre Wesen, wie diese Statuen, wenn sie sich belebten. Der Wohllaut, der in diesem Gliederbau herrschet, die Wahrheit, die in diese Stellung gegossen ist, hebt auch die Gestalten jener Gesänge; und Winkel mann hat reckt gesagt: dieNordlän-, der sprechen in Bildern, da die Griechen allein auch in der Sprache Bilder geben. 302 VI. . H o m e r, Ich genoß das zauberische Vergnügen, die Kunstwerke des Vatikans, des Kapitoliums u. f. unter einer verständigen Fackel - Beleuchtung zu sehen; hier belebten sich Götter und Helden, und Mein Auge sah, wovon so viel geschrieben war, wovon auch ich im Nebel geschrieben hatte, den Gang der griechischen Epopee, den festen und sanften Tritt ihrer Erscheinungen und Gestalten. So, sprach ich, schreitet Apoll auch im Homerus einher; so saß Zevs im Olymp, als Thetis zu ihm trat; dies ist das Haupt der königlichen Juno. So gieng Diana einher; so die mütterliche Demeter; und also zeigte sich die kriegrNde Pallas. Dies ist des göttlichschönen Achilles, jenes der vielgcwandten Ulysses Haupt; so blickte Ajax zum Jupiter empor; so rettete er den tobten Patroklus. Auch auf allen erhabnen Arbeiten der griechischen Kunst aus guten Zeiten, herrscht diese schöne Fottschreitu ng in nüchterner Einfalt, in einet bedeutungsvollen Ruhe und Wahrheit. Allenthalben ist eine dau re N d e Handlung vorgestellt, die etwas hinter sich, etwas vor sich hat, und im Fortschritten den rechtes; Punkt, gleichsam das Moment eines Epos traf, von der Kunst erfaßt und verewigt. Hier kam also der Takt der alten griechischen Dichtung in meine Seele; diese sang, sie stellte dar, erzählend. Da durfte kein Bild, kein Zug des Bildes in der lebendigen Rede langer verweilen, als es der anschauende Sinn des HöreNdeN wollte; jeder Zug trat auf der Stelle hervor, wie et sich der ganzen Gestalt nach in der Seele des HöreN- den mahlte. Nichts durfte ausgelassen werden, bis dieser Zweck erreicht war; dann aber säumte das Bild auch keinen Augenblick langer; das innere Auge des staunenden Zuhörers eilte und verlangte weiter. Daher der prächtige und gehaltne Gang Homers; daher, daß in ihm bei allen Wiederholungen eigentlich nichts müßig da steht, obgleich alles so lose erscheinet. Daher auch, daß bei jeder anscheinenden Leichtigkeit übersetzt zu werden, Homer (sowie alle Dichter, die lebendig sangen und nicht schrieben), in diesem Stück fast unübersetzbar bleibet. *) Denn nicht die Harmonie des Verses ist .eigentlich das Steuer seiner Rede, sondern nur ihr Ruder. Der anschauliche Fortgang der Begebenheit, der w a c h se n d e G an g der Rede, mit jedem neu hinzusließcndem Auge; Er ist das Hauptwerk, über welchem man selbst die Harmonie des Verses vergißt, und fast unwillig wird, wenn man, unzei- tig erinnert, an sie als an etwas Besonderes denket. Bei den alten Sängern durfte dies der Fall nie seyn, oder die Harmonie selbst hinderte die Wirkung des Epos. Dies nahm sich Zeit, Alles gan; barzustellen, daß, auf dem Flügel der Rede fortgetragen, der Hörer mit Vergnügen eilte und weilte. *) Wenn Eine der gebildeten Sprachen Europa's in diesem Fortschreiten der Bilder und ihrer Züge der grichischen nachstreben kann und darf, ist es die Deursche; sie kann sie aber dennoch nie erreichen. Vossens herkulisches Verdienst in Uebcr- setzung des Maoniden ist von jedermann anerkannt und geachtet. VI. Homer, 3»4 ^ 6 . Vom Fortgang der griechischen Kunst auZ Einem Styl in den andern, auf Homer und die alten Sänger angewendet. Der sichtbare Fortgang der griechischen Kunst lehretc mich, wodurch Homer vor so viel andern Saugern vor, neben und nach ihm zu der Höhe gestiegen sey, auf der er den Griechen, als ein Einzelner da stand. Ec gelangte zu ihr auch als Künstler, als ein begünstigter Sohn der Zeit. Viele der Sänger vor ihm hatten Kosmogo- nieen und Theogonieen, Thaten der Götter, Abentheuer der Titanen und Helden, des Herkules, der Argonauten, des Theseus u. a. , wahrscheinlich auch den trojanischen Krieg Und die Rückkehr der griechischen Führer besungen; und gewiß waren darunter treffliche Gesänge. Durch ihn entstand eine Ilias und Odyssee; wie dies zu- gieng, erkläret uns die griechische Kunst deutlich. Auch sie hatte sich nemlich vom Rohesten hinauf durch allerlei Härten, zum Thcil in den gewaltsamsten Vorstellungen, zu der Höhe .hinbilden müssen , dis Man erhabnen Götter- und H e l- denstyl zu nennen gewohnt ist. Welch einen Weg hatte sie zurückqelegt, seit sie von den Figuren auf dem Kasten des Cypselu s zu den Verzierungen der Propyläen, zu Phidias Pallas, oder vdtt ein Günstling der Zeit. Zo5 von Dadalus Gestatten zum olympischen Jupiter gelangt mar! Einen gleichen Weg hatte der Gesang früher zurückgelegt, seit er von der rohesten Götter - und Heldensage zu einem Epos in Homerischem Styl gelangte. Wer dies sehen will, vergleiche den Homer und Hesiodus, oder, der Kürze wegen, nur das Schild Achilles bei Homer, und Herkules Schild in der Hesis- di sehen Sage; ein Unterschied, wie zwischen Phi- dias, und einem alten Kampanischxn Gebilde. Das Wesen der Kunst nämlich gebet auf U m- riß, auf b e d e ute n d e n En dz w c ck, auf Anne u t h , Fülle und Einb eit. Unvermerkt arbeitet sie dahin, das Ueberflüssige wegzuschaffen, dem Nothwendigen aber Kraft zu geben, und es in höchster Einfalt darzustellen, göttlich, würdig, angenehm, zierlich. Wie sich aus der Kunst also jene zähne- bleckenden, häßlichen Todes - und Plagegestalten, sammt allen Ungeheuern menschlicher Leidenschaften nothwendig verlieren mußten, so mußten mit Hülfe der Zeit auch im Gesänge, der gleichsam im Wettkampf mit der Kunst, und selbst eine hörbare Kunst war, die Ungeheuer der Titanen, wilde Abentheuer in Heldenzügen und Ritterthaten abgethan oder sittlicher geformt werden ; und hievon ward uns Homer ein frühes Muster. Auch Er kennet jene rohe Mythologie älterer Zeiten; nur er gebraucht sie äußerst sparsam und zweckmäßig. Kaum vorübergehend legt er sie seinen Göttern oder Helden in den Mund; ins wilde Getümmel der Schlacht, an die Gränzen der Erde hat er sie verleget, oder sie ist Herders W. z.schön.kit.».Kunst. X. U Sr-ecL.L-t. 3o6 VI. Homer, ihm nur Redort. Seine eignen Darstellungen sind allesammt von der Unform gesondert, rein göttlich und menschlich. Lasset uns sehen, wie auf diesem Wege, vhn' alle Regel und Vorschrift des Aristoteles, der Umriß einer Homerischen Epopee, als Begriff und Werk, entstehen mußte. Alle Sagen (sn-y) nämlich , sie betreffen Götter öder Helden, gehen unausgebildet ins Unendliche fort- Sie knüpfen und hangen sich an, oder sie lösen sich von einander, ohne nähern Zweck, in unermeßlichen Weiten. Wahrscheinlich waren die alten griechischen Sagen, die Tkeogonieen und Kosmogonicen, die He- rakliden und Thcseiden, die Argonautischcn und Cy- prischen Gedichte, selbst der trojanische Krieg, und die Irren der Helden im weiten unendlichen Meer, dergestalt unumschriebcneAbe ntheucr und Sa gen. Nolhwendig aber mußte es einem glücklichen Sänger (wer der auch gewesen seyn möge), einfallen, dieser Unendlichkeit Umriß, diesen Begebenheiten Form zu geben, und zwar auf,die leichtesteWeise; wozu ihn dann mehrere Ursachen und Umstände ein- lude». Zuerst. Nicht alle Momente einer Begebenheit oder eines lang fortgeführten Abentheuers konnten für den Hörer gleich anziehend und unterhaltend sevn. Um die interessantesten vcrsammlete sich die Menge; sie hielten die Aufmerksamkeit mit wachsendem Vergnügen fest. Also wurden Gesänge dieser Art mehr gesungen; natürlich also dcr Sänger auch auf die Ausbildung derselben als auf das glückliche Moment einer Haupthandlung geleitet. rin Günstling der Zeit. 807 Zweitens. Was von Begebenheiten gilt, gilt auch von Helden. Einer war beliebter als der andre; an jenen knüpften sich mehr ineinandergrei- ftnde Merkwürdigkeiten. Ec ward also der Hauptheld einer beliebteren Sage; sein Leben gab Momente einer Haupthandlung. Drittens. Dem Sänger selbst war eine Zu- sammenfüqung mehrerer Gesänge zu Einem Ganzen vorthcilhaft und angenehm. Ein Gesang wies sodann auf den andern, Einer floß aus dem andern ; nach Jenem ward dieser gefodert. Die Einheit einer H a n pt h a nd l u n g war also nicht nur Hülfe für sein Gedächtniß, sondern auch eine wirkliche Erweiterung der Seelenkraste und der Aufmerksamkeit für den Hörer. Aus einem anmuthigcn Labyrinth ward dieser in ein andres Labyrinth, oder von Höhe zu Höhe geft'ihrct. War Einmal ein Knote des Gesanges geschürzt, so wollte er den Knoten gelöset sehen; der Sänger mußte ihn lösen, oder er war kein Meister. Viertens. Auch die Gesänge hielten sich durch diese Verkettung an einander fester. Indem Einer an den andern erinnerte und sich an ihn schloß, konnte jener so wenig, als dieser vergessen werden. Das vorgesteckte Ziel der Handlung war die Achse des sich walzenden Rades, der Mittelpunkt , der alle Felder des Schildes an. sich befestigte und mit sich forttrug. Lasset uns die Erweise davon in Homer, verglichen mit andern Dichtern, sehen. U » 3c>8 VI. Homer, Unter Orpheus Namen haben wir ein Gedicht, die Reise der Argonauten. Der Sänger Orpheus erzählt seinem Schüler Mu saus eine berühmte Fahrt, der er mit beigewohnct, und die Erzählung geht fort, wie die Reise. Man kann, wenn uns an der Eharte nichts liegt, Glieder auS- kassen und Hinzuthun, am Ende gelangt man doch mit Orpheus zurück in seine Behausung. Ganz anders ists in der Jliade. Neun Jahre des trojanischen Krieges waren verflossen, an die der Sänger nur episodisch denket. Sein Gedicht leitet sogleich eine Handlung und mit ihr eine Reihe von Handlungen ein, die an einander leise und fester, bis zum Ausgange hinaus geknüpft sind. Ja hinter diesem Ausgange ist man selbst noch das Ende des Helden, das uns an mehreren Orten als nahe verkündigt wird, zu wissen begierig. Wie die Jliade den größesten griechischen Helden vor Troja, und aus seinem Leben die wichtigste Periode emporhob, so wählt die Odyssee unter allen rückkehrenden Helden, den Vielgewandtc- sten, der das meiste erfahren hat, der also auch am besten erzählen konnte. Bon Agamemnon, Me- nelaus u. a. hören wir hie und da, was wir hören sollen, nur episodisch. Um Ulysses schlingt und windet sich der Kranz aller Erzählungen dieser Abendgegend; und zwar so zierlich ist er geschlungen, so weise, daß es nicht gleichgültig bleibt, ob dies der Dichter oder Ulyß erzählt? ob es Eidothea, Circe, Tiresias sagen? alles ist durch und in einander schlau und verständig geordnet. ein Günstling der Zeit. 3^9 7 - Von Verknüpfung der Gesänge in Homer. Bei Homer ist die Verknüpfung mehrerer Gesänge auf die leichteste, loseste Weise, d. i. rhapsodisch bewirkt worden; lasset uns sehen, was in dieser Manier liege. Der alte griechische Sänger («oico?) sang seine Sage unendlich fort; der Rhapsode verknüpfst Gesänge; (^«rri-Li «seisyp, «oecs«^.) Davon hat er den Namen, dies ist, nebst dem lebendigen Vortrage , (ÜTrorc^erl?) sein Kunstwerk. Hiermit ist in Absicht auf Homer Alles gesagt. Fragt man nämlich: wo hört Homers Ilias auf? so ist die Antwort: wo man will. Es sind und bleiben lose Gesänge. Willt du aufhören, wo Achilles nicht mehr zürnet, (weil im Anfänge nur der Zorn Achills angekündigt worden): so höre auf. Andre werden eben jetzt entflammt seyn, den Achilles, der zwar gegen Agamemnon nicht mehr, aber gegen Hektar und die Trojaner desto mehr zürnet, in seiner Rache, in seiner Trauer um den Patroklus zu scheu; und zittern für Hektar. Die Textur von Gesängen die sie wünschen, geht also jetzt erst an. So mit andern Gesängen. Willt du die nächtliche Kundschaft des Ulysses, die Dolo nie nicht lesen; laß sie aus. Scheint mit den Spielen bei Patroklus Grabe dir der Gesang iu lange fortgezogen, so möge Patroklus ohne diese VI. Homer, - Wi> » I.'Ä 3rc» ihm gebührende Ehre, durch die Achilles Herz allein beruhigt werden kann, schlafen. Es kann wohl seyn, daß diesem und jenem Rhapsoden diese und jene Rhapsodie gefehlt habe: denn nach Belieben der Zuhörer sang er bald dieses, bald jenes; die Textur aller dieser Gesänge aber aus Einem Knote» in Einem Geist und Ton bleibt unverkennbar. So auch bei der Odyssee. Gefallt uns Jthaka, oder Mcnelaus, Alcinous Hof, die Behausung der Eirce, der göttliche Sauhirt, Polyphcm, das Todten- rcich; alles ist aufgethan ; alles steht einzeln vor uns. In der Odyssee aber ists, wie in einer Kunstsammlung, schön geordnet. Fragt man: warum ist dic Jliade so leicht und lose angekündigt, daß diese Ankündigung den Inhalt aller Gesänge kaum unter sich begreift? so dient zur Antwort: eben diese leichte Ankündigung war rhapsodisch. *) Der Sänger nahete und reihetc an den Zorn Achills, was aus ihm hervorging, oder was an ihn schicklich zu reihen jwar; der Zorn Achills aber war und blieb der Nabel ( rimkiliarw) d. i. der Bereinigungspunkt seiner Ge; sänge und Sagen. Die Odyssee scheinet genauer angekündigt; und doch sagt die Ankündigung bei weitem nicht alles, was in ihr vergeht. Selbst des *) Außer dem was Koppen u. a. hierüber geschrieben, enthalt Ilgens clisgnisitio aorionis prinoipi« in Hialle üoincri, einen Borrath von Gelehrsamkeit über diesen oft wiederholten Zweifel. , . ein Günstling der Zeit. 3r l Hauptzweckes der Erzählung, der Ankunft Ulysses auf Jthaka, und dessen, was dort geschah, thut sie fast keine Erwähnung. Wie. entfernt sind wir vom. Geist der alten Sänger-Zeiten, wenn wir diese zwo leicht und prächtig geschlungenen Kranze des Alterthums, die. Zlias und Odyssee, nach Regeln richten wollen,, die ein neuerer Geschmack für eine Gattung, die Homer ganz und gar nicht kannte, das sogenannte H eld cn-. gedieht (Epopee) erfand, und in der man Werks, die fast nichts mit einander gemein haben, die Ae- neis, Dante's göttliche Komödie, Ariost, Lasso, Milton, Klopstock, Wieland, wiederum die Henriade und Araucana mit Einem Maasstabe mißt und richtet! — Homers Ilias und Odyssee sind zwo lebendige Kriegsheere, die sich, jetzt in diesem, jetzt in jenem Trupp einzeln bewegten ; aber auch im ganzen Fortrückcn sind es wohl- gestcUete, wohlgeordnete Heere. Ohne alle Rücksicht auf die Umstände, unter denen aus einzelnen Gesängen und Sagen zusam- mengcordnete Gesänge «oe^e.w) entstanden : wie leichter und milder war überhaupt der Geschmack der Griechen in Allem, was sie Zusammenordnung (aurÄ-rrix) nannten, sey es in Kunst oder in Weisheit. Sehet ihre erhobne Bildwerke, ihre Gruppen, ihre Gemahlde. Da drangt sich nichts auf einander, um im Dreieck oder in einem Flammenpunkt gen Himmel zu fahren; friedlich sind die Figuren neben einander. Das Auge des Anschauendcn soll sie in Ruhe genießen, und im Gemüth zusammenordnen. Vom Zugespitzten 3l2 VI. Homer, unsrer Perspectiv wußten sie nichts. Man lese Homers Beschreibung von Achilles Schilde. Pausa ni ns Erzählung vom Amyklatschen und Olympischen Thron, ja alle Stellen, wo er von Z usam m c n o r dn ung eines Vielen zu Einem redet; man lese PH i lostr a ts Gemahlde, allenthalben wird man gerade eine so leise und lose Zusammenstellung, wie in der Iliade und Odyssee bemerken, ja oft sogar nach unsern Begriffen über Mangel an Einheit klagen, da sich doch die Griechen unter Morgen - und Abendländern in dem, was wahre und schöne Einfalt ist, so einzig ausgezeichnet haben. Diese Einfalt aber war bei ihnen nicht tod- tcr Mechanismus, sondern Einheit und Einfalt der Gedanken; eine gehaltene, daurende Empfindung. In ihren epischen, lyrischen, dramatischen Gedichten blieben sie auf diesem Wege; selbst ihre Denksprüche, ihre Gespräche, ihre Epigramme lieben dies ruhige Aus - und Nebeneinander. Was die Homerische S c h u l e, hierin für ganz Griechenland auf alle künftige Zeiten für Gutes bewirkt habe, wollen wir jetzt mit Wenigem andeutcn. 8 . Werth und Wirkung der Homerischen Schule auf Griechenland. Ich bemerkte von der griechischen Kunst, daß sie den Werth und die Wirkung dessen, was Schule ist, zeige. Oft ist ein Denkmal des ein Günstling der Zeit. Altcrtbums mittelmäßig gearbeitet; indessen ist seine Idee groß, mithin auch seine Wirkung. Die Regel Polyklets ist in ihm sichtbar; man kann ihm seine Aufmerksamkeit nicht versagen. Daß die Griechen dieser Kunstrcgel so treu blieben, sicherte sie; sie schweiften nicht, wie die Neuern umher, die sich alles für erlaubt halten. Homer stiftete mit seiner Gcsangsweise die wahre Schule Griechenlands, die sich bis auf sehr spate Zeiten in Blüthe erhielt. Der griechische Geschmack in Kunst, Dichtkunst und Weisheit ist dem Homer und seinenH o m er iden fast alles schuldig. Es gab einen Orphi sehen Geschmack, der sich in den Geheimnissen der Eingeweiheten lange erhielt. Wir haben davon spate Proben in Fragmenten und Hymnen: wahrscheinlich ab'er wird niemand unter uns diesen Orphischcn mit dem Homerischen Geschmack vertauschen wollen und jenem die Allgemeinheit wünschen. In Hesiod us haben wir andre Proben mehrerer uralter griechischer Denkarten ; die wenigsten davon werden wir gegen Homers reine Gestalten, gegen seine heitere, weise Denkart verwechseln. Homer nämlich änderte den alten Geschmack, dadurch, daß er gleichsam den Himmel auf die Erde zog, und, indem er jene ungeheuren abgelebten Fabeln der Vorwelt an ihrem Ort ließ, alle seine Gestalten rein menschlich machte. Von Hekdenbegeben- heiten wählte er die jüngste unter den alten, die ganz Griechenland intercssirte. Von Helden die Blume der Helden, den tapfersten, und den schlauesten. Hiedurch legte er in seine Gedichte 5 14 VI. H o m e r, Keime zu einer großen, blühenden Pflanzung; ganz im Kreise der Menschheit. Um seinen Achill vereinigte sich Griechenland und Troja mit tausend Schicksalen und Menschen-Charakteren ; durch seinen Ulyß ward uns in den vielfachsten Ansichten eine Charte der westlichen Welt, und in ihr die verschiedensten Verfassungen und Situationen des häuslichen und bürgerlichen Lebens, wohl an einander geordnet, sichtbar. Fragte man mich: sang das alles schon Homer? stehest du für jeden Zug jedes Verses, daß auch Er vom großen Altvater scy? so wüßte ich auf solche Frage keine Antwort, als etwa diese: wenn er sie nicht selbst sang, so war er Vater dieser Gesänge. Wo eine Epigen esc, d. h. ein lebendiger Zuwachs in regelmäßiger Gestalt an Kräften und Gliedern statistnden soll, da muß, wie die ganze Natur zeigt, ein lebendiger Keim, ein Natur - und Kunftgcbilde da seyn, dessen Wachsthum jetzt alle Elemente freudig fordern. Homer pflanzte einen solchen Keim, ein episches Kunstgebilde. Seine Familie, die Schule der Homeri- den erzog diesen Baum ; allenthalben umher wurden durch lebendigen Gesang seine Sprossen verpflanzet, und durch Wind und Wetter unter mancherlei Händen, die ihn bearbeiteten, die ihn vielleicht cinimpf- tcn, ihn beschnitten und an ihm feilten, gedieh der Baum zu der Gestalt, in der er jetzt vor uns stehet und wahrscheinlich, (wenige Verbesserungen ausgenommen), stehen wird, so lange menschliche Cultur dauret. ein Günstling der Zelk,. 2r5 9 - Vom Homerischen Gedankenkreise. Daß es in der Schule der Homeriden auf einen Eyklus, d. i. auf eine Art Encyklopadie des Wis- senswürdigen göttlicher und menschlicher Dinge im Gesichtskreise damaliger Zeiten, angelegt gewesen, wird jedem eindrücklich werden, der sich vom Inhalt unsrer Ilias und Odyssee ein reines Bild macht, zugleich aber auch mit ihnen die andern dem Homer zugeschriebenen Werke in Betracht nimmt. Margits s z. B. ist das Erste derselben: denn, wie späterhin in Athen, hinter vier Trauerspielen heroischen Inhalts eine Komödie zum Schluß gegeben ward: so sollte wahrscheinlich Margit es das auch im Hochfrchlichen und Komischen seyn, was die Ilias und Odyssee, jene im königlichen, diese im bürgerlichen Geschmack waren; Margites rundete gleichsam die eyklische Tafel. Das Schicksal hat uns um dieses äußerst wünschenswerthe Gedicht, dessen auch Aristoteles oft erwähnt, beneidet; die Ursache des Unterganges lasset sich aber bald einsehn. Das Komische menschlicher Sitten nämlich verändert sich schneller als sich die Gegenstände der Odyssee oder Ilias verändern; Götter - und He'ldeu- Eharaktere, Gegenden, Inseln, Wunder der Natur, Königreiche, Geschlechter, dauren, wenn das Lächerliche eines Zeitgeschmacks mit der Zeit vorübergegangen ist, und künftige Geschlechter weniger reizet. 3i6 VI. H o in e r, Ob uns also gleich ein Haupttheil dessen, was zum Homerischen Kreise d es W i s s cn s wür- digcn gehöret, entwandt ist: so darf man dennoch nur die Ilias und Odyssee selbst, sogar in dem, was uns das Entbehrlichste scheint, mit Aufmerksamkeit ansehn, um an der Zdee eines solchen Kreises von dem, was dem damahligen Griechenlands wiffenswürdig schien, nicht zu zweifeln. *) Man *) Um Mißverständnissen zuvorzukommen, merke ich an, daß hier nicht von jenem mythischen oder epischen Cyklus, d. i. von einer geschloffenen Sammlung alter Dichter und Mähr- chen die Rede sey, wie ihn die Alexandriner festsetzten; diese Anordnung, scheinet es, war blos bibliothekarisch und literarisch. Wir sprechen hier von einem Kreise des Wiffenswürdigen in einer gewissen Denk - und Seharr; ein solcher liegt in allen epischen Dichtern, in jedem nach dem Begriff seiner Zeiten. Er ist inHomer, Dante, Ariost, Milton u. f. Er bildet sich, ohne daß es der Dichter weiß; denn dieser trägt eine Welt in sich (reo-r^ou) und suchet für sie Raum in seinem Gedichte. Da nun in jenen Zeiten der lebendige Gesang und zwar im Ton der epischen Erzählung die Stelle aller Bücher vertrat, da er selbst die einzige Kunst der Unterweisung war, indem man andre Dichrungsarten, z. B. Komödie, Tragödie u. f. noch nicht kannte: so mußte man, gleichsam ohne daß man es wollte, darauf yinausgehn, in die beliebtesten Gesänge alles das zu bringen, was in Himmel und auf Erden die Menschheit interessirte. Es war Na- ein Günstling der Zeit. 817 gehe zu diesem Zweck das Verzeichniß der griechischen Schiffe, Länder und Familien, die Felder auf dem Schilde Achilles, die ganze Umfassung der Odyssee durch; mau verfolge beide Gedichte in ihren Gleichnissen, Charakteren, Sitten, Situationen , Regie- rungsartcn in der Ost- und Westwelt; sodann gehe man muthmaßend den Inhalt andrer Gesänge der berühmtesten cyklischen Dichter durch, die dem Homer, was in ihm zu mangeln schien, jeder nach seinen Kräften beifügte: mich dünkt, so wird man die Idee, daß die fortbildende Zeit cs bei einer Reihe verehrter Gesänge, die man für die vollkommensten hielt, und die es auch waren, immer mehr auf eine Art Encyklopädie, d. i. auf einen Umriß des Wis- senswürdigen in der danlaligen Sphäre der Menschheit anlegen, und darin fortarbeiten mußte, der Natur der Sache gemäß finden. Gesänge (Epos^ und zwar Gesang in dieser Form war damals das einzige, und ein so angenehmes Mittel der Unterweisung, in welches man daher alles brachte, was man wußte oder was man wissenswerth fand. Hätten wir die sämmtlichen cykllschen Dichter der Griechen, von denen wir jetzt keinen haben, so könnten wir selbst die Arten desGeschmacks bestimmen, in denen man, in Homers Schule sowohl, als aus- tur der Sache, das Werk der ewig-fortbildenden Zeit. War Homer einmal der Held der Dichter, der beliebteste Sänger geworden, so ward an ihn, wie a» einen olympischen Jupiter oder an eine Pallas-Athene alles gewandt, was seine Werke vollkommener darstellen konnte. 3,8 VI. Homer, ser seiner Schule dies Wissenswürdige an einander gereihet und forrgcbildet; jetzt kennen wir unter Homers Namen, oder aus seiner Schule, nur wenige, aber sehr schätzbare Stücke und Fragmente, die uns eben auch dahin weisen. Unter Homers Namen haben wir z. B. einen Fro sc h - M au sek r i cg. Von wem er auch sey, er erinnert uns sogleich nicht nur an so manche Spiele und Scherze , die man dem guten Altvater zuschrcibt: sondern auch an die ganze Manier, in der er Götter und Menschen betrachtet; sie ist leicht und fröhlich. Zur Jliade und Odyssee war also in der Homerischen Schule der Frosch- Mau sc krieg ein vortreffliches Drittes; eine Sehr art menschlicher Dinge, die nicht weniger als die Ilias und Odyssee im Geschmack Homers seyn konnte. Sie hatte mehrere Nachahmungen in der Homerischen Manier, den Krieg der Spinnen, der Kraniche, die Cicaden, die Ziege; (die man daher auch dem Homer zuschrieb): und es wird ihr hoffentlich nie an fröhlichen Nachahmern fehlen. Ueberhaupt ist in beiden Gedichten Homers eine Summe ruhiger Vernunft und des unbefangenen, fröhlichen S e l b s t g e n u s se's merkbar, wie in keinem andern Dichter. Dieser fröhliche Selbstgenufi scheint das Erbcheil gewesen zu seyn, das der Vater der Homeriden seiner Familie nachließ; daher aus Homers Gedichten und aus seiner Denkart, der gestinde Verstand und fröhliche Sinn der Griechen nicht nur ausgehen , sondern auch fortwährend schöpfen konnte. Auch die Hymnen Homers sind davon Zeugen. ein Günstling der Zeit. 3rg Welche Frage, ob Einer derselben von Homer sey? Vielleicht keiner: sie stammen aber alle von ihm her; denn alle .sind in seiner Denkart. Gebt uns stakt dieser 32 oder 3g. Hymnen der Homeriden, die offenbar freie Eingänge zum Gesänge waren , noch einmal soviel aus dieser Schule: (die vrphischc Schule hat 86) so würden wir auch hier einen Hymnenkreis der Homeriden sehen , schöner und wirksamer als der Cyklus orphischcr Hymnen. Es war Natur der Sache, daß sich nicht alle, selbst Hauptwerke der Homerischen Schule in immerfrischer Blüthe des Andenkens erhalten konnten; vielleicht waren ihrer zu viele: oder die Ilias und -Odyssee verdrängten die andern. Diese gingen unter, wie ehmals die Gesänge der altern, roheren Dichter durch sie untergegangen waren. Die Tafel des Gedächtnisses der Menschen ist eine enge Tafel; vor ihr sitzet die Zeit, unaufhörlich beschäftiget mit Hinzu- schrciben, Acndern und Wegthun. Nur das Wissenswürdigste, das Vortrefflichste soll diese Tafel guf- bewahrcn; Dank ihr, daß von Homer sie uns die Ilias und Odyssee erhalten. Wir können zufrieden seyn, daß wir neben ihnen aus dieser Schule noch einige Hymnen, aus H e sio d us und Orpheus Schule kleine Reste, (aus der letzten vielleicht nur das Echo des Echo) besitzen: wir können vergleichen, und durch Vergleichung zu dem Urtheil kommen, daß die Homerische Schule für alle -Zeiten den wahren, guten und sichern Geschmack gegründet. 32 » VI. Homer, ro. Verdienst Lykurgus, Sol »ns und der Pisistratid en um Homer. Ohne Zweifel ist man dem Lykurg und Salon, den beiden größcsten Gesetzgebern Griechenlands, vielen Dank schuldig, daß sie von ihrer Seite dazu beitrugen, uns den Homer zu erhalten; sie rhaten es aber nicht für uns, es erforderte solches ihre eigne Gesinnung, und der Zweck ihrer Gesetzgebung. Kein Fürst und Weiser Griechenlands wollte muth willig ein Barbar seyn, noch weniger glaubte er, barbarische Völker könnten besser, als gebildete, regiert werden; auf dem Boden der Cul- tur sproßte der Ruhm der Griechen; sich von Barbaren zu unterscheiden, war und blieb ihr wachsender Nachruhm. Eben so gereicht es dem Pisistratus und Hipparch zur Ehre, daß sie auf Tolons Wege fortgingcn und den Gesang Homers an den Pana- thenaen einführten ; nur lasse man auch dieser großen Männer Lykurgus und Solons, Pisistratus und Hipparchus Verdienst bestehn in seinen Granzen. Lykurg brachte Homers Gedichte aus Asien in seine Stadt; man weiß nicht, wie? ob in Schrift öder im Munde lebender Sänger? wenigstens hat die Homerische Dichtkunst in Lacedämon nie geblühet. Drei «in Gü n stling der Ze it. 3 ui Drei Jahrhunderte später führte Solon seine Gedichte in Athen ein; und befahl sie, Reibab, also daß Ein Sänger den andern ablosete, zu singen (s^ Zero,60X^5 Wenn keine Jusammcnordnung (crur-Hsue^) in den Gedichten Homers gewesen wäre, so hätte sie ihnen Solon, den wir aus seinen eignen Gedichten kennen, schwerlich geben können. Also glaube man nicht, Er habe die Jliade und Odyssee geschaffen; er ordnete etwa die Rhapsodien, (so viel ihrer damals waren), wie sie im öffentlichen Vortrage folgen sollten, und traf dazu von Seiten der Sänger Vorkehrung. Sein Verdienst um die Erhaltung Homers war politifch. So auch das Verdienst Pisistrat US und Hipparchus. Ich zweifle, ob diese, übrigens verdiente Männer Dichter-Verdienst um den Homer haben, und in ihn bringen konnten, was nicht da war. Als Fürsten ordneten sie, sie re- gulirten. Hätten sie dabei auch alle Weisen der damaligen Zeit in einer Regulativ - Synode zu Hülfe genommen; wir kennen ja den S im on i d e s, Anakreott,Onomakiitus u. f. aus eignen Gedichten. Zu ihren Zeiten war jener Geist, der die Jliade und Odyssee schuf, längst entwichen; sie konnten schwerlich hervorbringen, was nicht da war, aber was da war, konnten sie übersehen, te,- digiren und revidiren, ordnen (rLU«Att'.) Wie wenig man sich nachher an diese Redaktion gekchrct, zeigt die Geschichte der Auslegung Homers in den folgenden Zeiten; indessen bleibt den Herders Werke z. schön. Sir« u. Kunst. X. ch 6ri'eck. VI. Homer, L22 großen Namen Solons, PisistratuS und Hipparchus das unsterbliche Verdienst, daß sie die Gedichte Homers, wie sie sich ihnen gaben, auf ewig vom Untergange errettet haben, und in der Pallas Schleier gleichsam bargen. Fortan wurden sie nicht nur alle fünf Jahre in den Pagathenaen abgesungen, sondern in Athen, der Mutter der Schriften, kamen sie als Schrift in die Hände der Dichter, der Sophisten, der Redner, Staatsmänner und Philosophen; sie wurden ein elastisches Buch der Schulen, (so wenige Schulen damals waren), noch mehr aber ein klassisches Buch aller gebildeten Menschen, die sich auf Vortrag in Poesie oder Profe legten. ir. Schluß. Irre ich nicht, so hieng Homers Glück von drei Dingen ab, die alle unter dem Gebiet der Zeit standen. Wir wollen sie mit drei Worten, Epos, G esan g, Rhapsodie uns wiederholen. Epos war das lebendige Wort, die Stimme der Vorwelt. Sie brachte aus dem grauen Alterthum Gestalten und Sagen herab, die auf dem Flügel der Zeit sich gleichsam hoher schwangen und fortwuchsen. Was Virgil von seiner Fama singt: 323 ein Günstling der Zeit. Mobilitate vißed, vire8^us aäcxuirit önrxio; ?k>vvs inein priino; mox sese atrollil in aiirs« t,igreclit„r(;us 8olo et caput Inter nirbila eonilit;*) gilt edler von jener göttlichen Stimme owir«), die wie ein weissagender, lehrender Ton aus der Vorzeit hinabkam und sich auf künftige Zeiten fottcrbte. Die Muse des Gedächtnisses weihte ihren Sänger, daß er sich diese Stimme eigen machte, sie veredelte, und den Menschen menschlicher zuhauchte» Würden Achill und Ulysses sich wieder erkennen in Homers Gedichten? Schwerlich. Auf dem Flügel der Zeit, auf der Schwinge des lebendigen Worts und Gesanges sind ihre Gestalten so heroisch, göttlich und groß worden, daß sie hier andre Wesen sind, als sie int sterblichen Leben waren. Das Epos gehört in die Kindheit, der Welt. Da horcht das abergläubische Ohr auf Stimmen der Vorwclt, und erträumt sich gern wunderbare, höhere Gestalten. Was das Auge nüchtern sieht, wird durch die Rede, zumal durch die von Geschlecht zu Geschlecht forttönende Rede, wie in trunkener Begeisterung fortgcbildet und erhebt sich wachsend. Da traf nun Homer!den rechten Punkt; ein Bote der Vorweg der aber weise für seine Zeit war, und in allem die Umrisse traf, die, wohlgedacht, *) Regend belebt sie sich; fortschreitend wachset die Kraft ihr; Klein zuerst und erhebt sich schncst in die Lüste; sie wandelt Unten am Boden, das Haupt hoch in der Wolke verbergend. X » leicht übersehbar, geschlank und fröhlich, das Auge künftiger Geschlechter mit Anmuch und Würde ewig festhielten. Dazu half ihm sein Gesang, ein einfacher Strom, in den alle Belehrung floß, der in lyrische und -dramatische Ströme, wie in bunte M ä- ander, noch nicht vertheilt war. Gesang und Drama, Redekunst und Weisheit blühen in ihm noch auf Einem Baume; erst spatere Zeiten kamen und pflanzten jede besonders. Denn aus Homers Kunst, die aus dem Munde der Muse Gesänge reihet und ordnet, aus diesem einfachen Kunstwerk, in welchem sich Vieles zu Einem auf die leichteste Weise fügte, entsprang eben unter den Händen der Zeit jene andre Kunst und Dichtung, die beide immer ein Eins in Mehreren«, mithin Handlung, Knoten, Fortleitung und Auflösung lieben. Nur Er schlang dies Band der Gesänge mit fast unmerklicher, leiser Hand; die holde, günstige Zeit wars, die diesem alten Propheten eine Familie, d. i. Kinder gewährte, die das von ihm geschlungene Band weiter zogen und fortknüpftcn. Das liebliche Jonien, die Mutter aller Künste, gebahr Homer; die griechischen In sein bis zur westlichen Welt hin, haben seine Gesänge erzogen; Athen nahm sie auf, bildete sie im Drama und sonst vielfach aus und sprach darüber. In Alexandrien endlich gelangten sie nach vielen Fragen und Zweifeln, mit Obelisken und Asterisken geschmückt, zu der Gestalt, in der sie uns die Zeit übergeben. Als ich in Rom das berühmte Denkmal der Apotheose Homers*) sah: „Jupiter, Apollo, *) Bekanntlich haben es Tu per, Schott u. a. erkläret» Eine andre Vergötterung Homers führe ein Günstling der Zeit. 32 Z Mnemosyne und die Musen sind über ihm vom Gipfel herab in höheren Gegenden des Felsen ; er sitzet da wie ein Gott: die Ilias und Odyssee knien an seinem Stuhl und stützen denselben. Ihn, der darauf sitzt, krönen die geflügelte Zeit und die bewohnte E rd e Vor ihm stehet ein Altar, bei dem der Mythus als Knabe dienet, auf dem die Geschichte Weihrauch opfert; die Poesie, das Trauer- und Lustspiel stimmen den Ovferge- sang an; die Natur als ein Kind, die männliche Tugend, das aufbcwahrende Gedachtniß, ich aus Winkelmanns Gesch. der Kunst (S. 33g. Dresdn. Ausg.) mit seinen eignen Worten an: „Der Dichter sitzet auf einem Adler, von welchem er in die Luft getragen wird. Auf beiden Seiten sitzen zwo weibliche Figuren auf Zierra- then von Zweigen, beide mit einem kurzen Schwert an der Seite. Die zur Rechten har einen Helm; mit der rechten Hand fasset sie an ihr Schwert, und sitzt, mit gestütztem Haupt, kn tiefen Gedanken. Die andre hat einen spitzigen Hur, wie ier dem Ulysses gegeben ist, hat ebenfalls die Eine Hand am Schwert, und mit der andern Hand hält sie ein Ruder. Jene bedeutet die Ilias; diese die Odyssee. Die Schwane unter den Zierrathen über der vergötterten Figur haben auch ihre Deutung auf den Dichter." Diese Apotheose, da sie auf einem Silbergefäß ist, ist zierlich , jene, >m Pallast Colonna, gewiß nach einem ältern Kunstwerke gemacht, ist groß. (Ist in Kupfer gestochen und erläutert, im tischbeinischen Homer nach Antiken gezeichnet, i. Band, Kro. III.) 326 VI, Homer w, die Treue, die Weisheit wohnen dem Fest bei;" da erinnerte ich mich ganz des Glückes dieses ruhmvollen Sohnes der Zeiten. Er stand auf seiner Stelle, cmpfleng von seinen Vorfahren einen reichen Schatz dessen, was er durch Geschmack, und zwar den wahren Geschmack eines reinen Menschengefühls zu veredeln wußte; und stiftete damit eine ewige Schule seiner fyrtarbeitenden Verehrer. Dichter sangen nach ihm weiter; Gesetzgeber ehreten ihn und führten seine Gesänge ein, Aesehylus nährte sich von Brosamen seiner Tafel; die Genossen desselben , mit ih, ncn die Dichter jeder andern Gattung schöpften aus seiner Quelle; nach ihm bildete sich der erste Geschichtschreiber; dje Kunst wetteiferte mit ihm; und ergab dem Phidias seinen Jupiter, seine Pallas- Athene; die Philosophen sprachen über ihn; die Redner aus ihm bis endlich eine Literatur und Eultur sich unter die Völker verbreitete, der Er der erste große Beförderer gewesen. Sein lebendiges Wort (sT-wr), das die Zeit auf ihren Flügeln um- hcrgetragen, war zu Athen, im Tempel der Pallas, festliche ewige Schrift worden, und tönt vom cecro- pischen Felsen noch fort in die Seelen der Menschen. Von ihm kann man sagen: er habe den Flug der Zeit durch Kunst der Rede gefesselt; willig nahm sie die Blumenfessel an. und hat ihn dafür mit ewigem Ruhm gekranzet. Homer und das Epos v^amuel Clarke's ist die Ausgabe des Homer, mit der wir uns, seit Erncsti sie, nachläßig genug, ab- drucken ließ, auch in Deutschland ein halbes Jahrhundert getragen haben. Mit dem Anfänge des neuen ist ein Homer erschienen, der selbst die Frucht der Mühe und des kritischen Fleißes eines halben Jahrhunderts ist, seinem Herausgeber ein daurendcs Ehrendenkmal.*) Vier große Genien des 'Alterthums, Homer und Virgil, Tl bull und Pindar danken Ihm ihr neueres besseres Gewand, und wie viel andre danken es Ihm durch andre, die Er weckte, die Er belehrte. Langsam schritt man durchs ganze vergangene Jahrhundert über Homer fort, und kam dahin, wo wir jetzt sind. In Frankreich, wo man zu Anfänge des Jahrhunderts große Rangstrcitigkeiten zwischen den Alten und Neuen führte, war zuletzt und fast immer Homer das Stichblatt. Von beiden Seiten traf man dann und wann trefflich, für die Literatur *) Iloinsii «»rining, ourante Re^ne; lAxs» cd I»onäini 1802» in 8 Bänden» "o VII. Homer aber ohne Fortschritt: denn was sollte der ganze Streit auswirken, in welchem man ruf so ungleich- artigun Boden kämpfte? Homer konnte Fcnelons Tclemach so wenig schreiben, als Fenelon die Odyssee und Jliade Wenn Ter.rasson jenes Gedicht für das vollkommenste Werk des menschlichen Geistes . hält und es in unsrer Denkart mit Recht preiset, so hat es Hausen von Männern gegeben, die dem Homer eben ein solches und ein noch größeres Lob beilegten. — Fehlen konnte es indessen nicht, daß man in diesem Kampf au'' Lücken stieß, die man sonst übersehen oder vcrtüncht hatte. Terrassen inson bcrhcit, der ein Heller, mathematischer Kopf und in antiquarischen Kenntnissen nicht unbewandert war, ob es ihm wohl ganz an poetischem Geist fehlte, warf hie und da kühne Blicke auf den Alten, den er übrigens für die Zeit, in der er gelebt haben soll, ungerecht tadelt.*) Die Verschiedenheit der Jliade und Odysse blieb dabei nicht unbeachtet. Dreister schritt d'Aubignac vor, der Jliade und Odyssee für einen zusammcngcnäheten Teppich vieler Gesänge ansah und den Homer so gut als ins Läugncn stellte.**) Da das seine, ein posthumes *) Dissertation critique snr l'IIiacke cl'Doindre oü L l'ooeasion «ie ce Voeine on elierche les kegles li'une koeti^ue fonllss snr Is llaiso» et les exeinples äes tlnoiens et lies IVlollernes. p. i'^khe Verrasson. Var. 171g. llonjeetures ^crxieini ^ues ou Dissertation snr i'IIialle, OnvraAs postbuine, tronve äsns les reelierches «i'un Aavant. kar» 2715, und das Epos. 331 Werk, mehr zulammengcrafft, als geschrieben war, so machte es wenig Aufsehen : denn im Grunde sagte es nichts mehr, als was Küsters kritische Geschichte Homers der Wclt durch un- verwerfliche Zeugnisse früher und bündiger gesagt hatte, *) nämlich, ,,dafi das Zeitalter Homers und seine Person selbst, wenigstens allen äußcrn Umständen nach, sehr ungewiß sey, daß seine Gedichte zuerst und lange Zeit als einzelne Gesänge cxistirt, und'von Rhapsoden gesungen, angeblich dann von Lykurg ge- sammlet, von Pisistratus geordnet worden u. f." , wie dann die Zeugnisse darüber auf der ersten Seite des Elarkischen Homers auch dem Unverständigsten vorgedruckt sind. Wer nun glauben kann, daß einzelne, zerstreute Gesänge sich Jahrhunderte lang im Mund? umberzicbender Rhapsoden bis auf Wort und Sylbe unverändert erhalten, daß sie sich also von Jonien aus bis nach Sicilien bin in Alt - und Neu-, Groß- und Klein-Griechenland auf all. n griechischen Inseln, im Dialekt jedes Völkchens erhalten konnten , der mag es glauben« Und wer verbürgt uns denn, daß Lykurg sw vollständig und genau gesammlet? daß Pysistra- tus oder Solon sie über jeden Zweifel hinaus in höchster Vollkommenheit geleimt haben? Wem die ungeheure Verschiedenheit der griechischen Sagen und Mythen, die Verschiedenheit der Erdstriche und Ver- *) Historis crirics Homeri, ooUect.i ei nnc> ve- luil oonspecrii exliihits L Urrcknlk. Itusterc». krt. sä Vliickr. i6g6. 332 VII. Homer fassungen, überhaupt aber die Lebhaftigkeit dieser Nation bekannt ist, kann an eine tormulu uonuoreliss hiebei ohne abergläubigen Petantismus kaum denken. Es war also nur ein höchst vorsichtiger, schwacher Wortritt von Jens und andern Kritikern, wenn sic gegen dies und jeneS Buch, gegen diese und jene Stelle, ob sie homerisch sey, Zweifel erhoben. Hatte Bent lei Veranlassung gehabt, sich über Homer zu machen, wie er sich über Phalaris, Aesop, Horaz machte und über da reue Testament machen wollte; einem halben Jahrhundert wäre er voran getreten. Er hatte Einschiebsel, Zusatze, Lücken bemerkt, und die Lagen selbst ernst geschieden. Wovon gieng die Kritik der hebräischen Schriften des alten Testaments aus? Daß man ordnete und schied; anerkennend, wie verschieden Das von Jenem, untersuchend, woher Beides geflossen seyn möge? Nach Ort und Zeit also scheidend und lauternd. Wie? und wir dürften an Homer nicht die freie Kritik üben, die Spinoza, Richard Simon, und nach ihnen so viele auf offen-betretenem Wege an heilig - inspirirten Schriften frei und langst geübt hatten? Lykurg, Hipparch, und Pisi- strats Ordner, oder die Scholiasten über Homer vorzüglich die Alexandriner, waren wohl auch wie jene sicbenzig Ucbersctzer gegen jeden Fehler geschützt und begeistert? Wenn es also in dergleichen Dingen Axiome giebt, so sind diese Satze gewiß Axiome: i. Gesänge, die Jahrhunderte lang sich im Munde der Sänger erhalten, müssen Veränderungen und Verschiedenheiten leiden, um so mehr, je verschiedener die Länder, Umstande und Dialekte sind, in denen und das Epos. 233 ihre Stimme ertönet. Dies gilt, es möge die Schreibekunst erfunden oder nicht erfunden gewesen seyn; der mangelhafte Zustand, in dem jede beginnende Kunst sich findet, konnte jene Gesänge vor Veränderungen und Verschiedenheiten um so weniger schützen, da ja der lebendige Vortrag jedes Sängers oder Rhapsoden in sc in er Gewalt lag und von dem Kreise, von der Stunde abhing, da Er ihn zu thun hatte. 2. So zweifelhaft-ausgenommen« besänge können durch die höchste Kunst des feinsten und sorgsamsten Sammlers schwerlich so gebunden und eingerichtet werden, daß man glauben könnte, ja, glauben müßte, wir hatten sie aus dem Munde Homers selbst; Homer selbst habe sie durch Samuel Clarke drucken lassen und abgcsungen, stans psäs in nno. In ihrer Art sind sie eben sowohl Rhapsodien wie Quint us Ca lab er, Tzetzes sind, undalle cyklischen Gesänge, nach dem, was man von ihnen weiß, seyn würden. Zeder auf sie gewandte Fleiß der Grammatiker und Scholiasten von Pisi- stratus zu Zenodot, Apion, Longin, Ehalcon dylas kann und darf uns also unsere eigenen Augen, wie unser eigenes Urtheil über Homer nicht rauben. Dem Ruhm aller rrefflichen Vorgänger unbeschadet, war es vorzüglich Anton Blackwells Untersuchung über Homers Leben und Schriften*), die über den Dichter ein neues Ur- ) uebersetzr von Voß, Leipz, >776, 334 VII. Homer theil aufweckte und forderte. Indem er beides, Homers Leben und Schritten, unzertheilt, als Eine Erscheinung der Vor weit ansnh, die er sch erklären, nls Ein Problem, das er aul scn müßte , trug er Mit vielem Verstände Zusammen, was dahin diente; er setzt uns, wenn man so sagen darf, in der Zeit der Sänger, (--co«-§wr) entfernt von unserer schnftstellenden Poeterei, fest. An Z aM mcnstcllung der Umstande, so wie an umfassendem Blick, ist seine Schrift weit über einer andern viel- und zuvielgepriesenen, Robert Woods Versuch übcr das O r i g in a l g e n i e Homers*), wie jener denn auch die Bahn brach. Hoher noch an poetischem Geschmack und gesundem Uctheil, stehet sic über Bryants Abhandlung vom trojanischen Kriege**), in welcher nicht Nur Troja in Phrygien und der ganze Feldzug dahin geläugNet, sondern Homer selbst auch, nach einigen ans dem Alterthum hekabgekommenen Mahrchett, zum Jtha- censer und gar zum Ulyß von Jlhaka gemacht wird. Am Ende des Jahrhunderts waren wir in eine solche Bucht getrieben! — Unbekümmert um anderer Urtheil lasset uns sehen, was zum VerstandNiß der Entstehung homerischer Gesänge in der Natur desEpos überhaupt und des griechischen Epos bcsond.rs liegen mochte. Wir knüpfen den Faden an, wo wir ihn *) Frankfurt 1770. Zusätze und Veränderungen 1771. **) Uebersetzt von Röhden. Braunschweig 1796. ließen*). Auch Aristoteles verknüpft das Heldenspiel und das Epos. I.Von der Natur und dem Ursprünge des Epos. 1. Epos heißt Wort, Rede; Homer nennt die Worte seiner Helden geflügelte Worte; ist das Epos in weiterem Verstände des Worts etwas anders als eine lebendige B olkssage? Jede Nation, die sprechen kann, hat dergleichen: denn durch Rede, durch Erzählung ward jeder Einzelne in ihr gebildet. Das Ganze hielt sich an Gegenstände und Erzählungen, die der Nation merkwürdig, interessant, ruhmreich waren, an Begebenheiten, Schicksale, Ebentheuec ihrer Helden. Den nordischen Nationen fehlt es daran so wenig als den südlichen, wie ihre Schlacht- und Kriegslieder, überhaupt aber die Volksgesänge aller Menschen - Nationen bezeugen. Seiner Wurzel nach steht also das griechische Epos unter demselben Gesetz, unter dem alle LTv»;, als Volksgesange, stehen; es ist national, ein Kind der Umstände, des Locals und der Zeiten; eine Volkssage. 2 . Wie bei allen Volkstraditionen der Ursprung äußerst ungewiß ist, so gewiß bei diesen lebendr- Adrastea St, g., S, 36r, 33Ü VII. H o m c r gen, geflügelten Worten. Man fragt nicht, wer der Urheber der Sage scy? sondern wenn sie ruhmreich gefallt, wenn sie die Ehre der Nation oder einzelner Geschlechter und Stamme sichert, höret man sie gläubig, und pflanzt sie weiter. Wer hat König Artus oder Arthurs Geschichte erfunden? Gottfried von Monmouth oder Caradoc gewiß nicht. So viel Localbcncnnungcn von Arturs Sitz, Arturs Hügel, Arturs Tafe'l u. f. in Süd-England, so viele Erzählungen dabei vom Knaben und dem Horn, dem Mantel, den Rittern, der Königin u. f. waren im Munde des Volks, daß solche ein einzelner Ehronikschreiber unmöglich veranlassen konnte. Vielmehr nahm E r seine Erzählung aus jenen Volks- sagcn, die, wie erweislich ist*), meistens auf Localitätcn, jedoch mit verändertem Geschmack im Fortgange der Zeiten, gegründet waren. Denn die Volkssage, ein Kind der Phantasie und alten Geschichte, ist eine lebendige Fama z sie läuft und wächst und gestaltet sich mit dem Fortgänge der Zeiten. 3. Bemerken wir die sogenannte vorho me rische Sage der Griechen, so bleibt cs Nicht zweifelhaft , woher sie ihre Nahrung, oder wohin sie ihren Lieblingsweg genommen habe. An die Küsten, woher ihnen an Erfindungen so vieles gekommen war, woher ihnen alle Wohlhabenheit, aller Reichthum kommen mußte, nach Asi en. Dahin giengen ihre A r g o- *) An einem andern Ort soll dieser Ursprung gezeigt werden. und das Epos. 33 ? Argonauten, das goldene Vließ zu holen, daher war von Zevs die Europa entführt: da siedelten sich im schönsten Erdstrich Klein-Asiens so viele griechische Stamme an; durch Künste, Fleiß und Cultur blüheten sie in Rcichthum; der Handelsverkehr ging dorthin; dort war das Land der Götter, des Apollo, des Zcvs auf den Bergen, so vieler Götter und Göttinnen aus den benachbarten Inseln überhaupt der Geburtsort der alten Fabel, das Hciligthum der Urwelt. An Aegypten und Thracien mochten sich die Geheimnisse halten; die offene Volks- und Landesfabel gieng nach Asien hinaus, ins Land der Wunder. 4. Dies um so mehr, da der größeste Theil der frühesten griechischen Dichter, ja auch Geschichtschreiber und Philosophen, von der Küste Asiens und den nahe gelegenen Jnftln gebürtig waren, wie Blackwell deren eine Reihe herzahlet.*) Das alte Griechenland lag ihnen als eine Großmutter da; in Asien belebte sich Heller der Schauplatz. Aber auch in ihm war Kolchis zu fern, die dahinreichenden Fabeln zu alt; die Ebene vor Troja lag da; dahin konnte sich das gesammte Griechenland versammeln, und Held nach Held seine Tapferkeit zeigen. Gleichsam ein Musterplatz griechischer Volksführer und Stammesfürsten ward diese Ebene vor Troja; der Helden, die nachher auf ihrem Rückzuge so viele Schicksale erlitten, so manche Fabeln erzeugten, *) Untersuchung über das Leben und die Schriften des Homer. S. 10, Herders Werke z. schon, Lit. u. Kunst. X. P 6 ri'eck. lA't. / HL 538 VII. Homer so manchen Gegenden und Städten neue Namen ga- ben. Was in den mittleren Jahrhunderten die Kreuz- züge auf Europa wirkten, war der trojanische Krieg für's alte Griechenland wenigstens in der Fabel. 5. Bekanntlich war Homer nicht der erste, der den trojanischen Krieg sang; er hatte Vorgänger und hinter sich eine Reihe Nachfolger. Daß allen diesen Mitwerbern um den Kranz damaliger Lieblingsgesänge in Klein-Listen eine örtliche Veranlassung zum Grunde gelegen, ist wohl ohne Zweifel; die meisten von Bryant dagegen erhobene Bedenken erweisen nichts als seine Armuth an poetischem Geschmack und ächtem Urtheil über die ältesten Aeit- fabeln. Da wir aber andern Theils nicht genau wissen, wann und wo diese Gesänge verfaßt sind? was in ihnen bei der und j e n er Einrichtung hinzugesetzt oder weggelaffen worden ? so bleibt hie und da dennoch das Urtheil schwer, warum dies und jenes also erzählt und bestimmt, jenes dagegen verschwiegen und kaum berührt worden? In dieser Rücksicht eine zeit mäßige Geographie und Architektonik der homerischen Gesänge zu entwerfen, erforderte die Hand eines Meisters; gewiß wird sie Heyne entworfen haben, so daß wir auch die Grenzen und Llrullen geschiedener Volkssagen unter seiner Anlei-, tung bemerken. 6 . Heist H omerus 'ein Mitsänger oder U e b ere in st i m m er des G esa ng e s *), so zweifle ff llomsri nomen, si reetS viäeo, äerivsncluirr est, ex s,UL>iI ei «Lw, ruiäe et und das Epos. ich , ob seinem Genius ein bedeutenderer Name gegeben werden konnte. Nach dem Geschichtschr.iber Charax leitet ihn Suidas also her: „Der Aethusa, einer Thracerin Sohn, war Linus, dessen Pierus, dessen Oeagrus, dessen Or-> pheus, dessen Dres, dessen EukleeS, dessen Jdmonides, dessen Philoterpes, dessen Euphemus, dessen Epiphrades, dessen Mein n o p u s , dessen Apelles, dessen Mävn, der mit den Amozvnen nach Smyrna kam , des Ev e- pes, Sohn des Mnesigenes, Tochter, die E u- metis, heirathete, und den Homerus erzeugte."*) Da die meisten dieser Namen als Sänger und Dichter bekannt und bedeutend sind, was hindert uns, sie als eine Genealogie des griechischen Gesanges selbst anzusehen, der bekanntlich von Thracien über Thessalien nach Griechenland kam, und sich natürlich von Geschlecht zu Geschlecht, von c^§>5USW - ssoiners, suociirars i. s. rln-Ap,» <^SW. Xpuä Rsrioänm legimus Xt 0z2^^k!) Z64 VIII. Pindar, in Stämmen, Familien, Städten und Staaten, Erfindungen und Einrichtungen, mithin alles Lob- und Nuhmwerthe, dem der Dichter vergleichen, von dem er ableiten konnte, hervor. Nehmt ihm Götter und Helden der Vorzeit, so nehmt ihr ihm den sternenreichen Aether, und gebt ihm dagegen eine unendliche Tiefe, ein unersetzbares Nichts. Olympische, nemeische, pythische, isthmische Spiele, Sieger aus mythischen Gegenden und Geschlechtern, in jener sagenreichen Zeit, sich ohne glorreiche Sagen besungen und verehrt denken, hieße sie ohne griechische Zunge singen und preisen. Wie aber dieser Preis geschah, wie jene Sagen ungezogen und genutzt wurden, das ist die Frage. Die Antwort daraus ist: eben so verständig als ruhmvoll, eben so edel als weise. Rohe Mythen werden milde ausgelegt, entweder vcrfeint oder entschuldigt. In sanfteren Zügen, in einer höheren Sprache, oft der Götter und Helden selbst, treten sie vor, oft ganz verändert; oder ein Epiphonema hebt, rundet und schließt sie, der Geschichte des Siegers und seinem Geschlecht ruhmvoll, oder ermunternd, warnend, tröstend, ansügend. Bei den meisten Oden wissen wir diesen Zusammenhang; bei andern dürfen wir ihn sicher voraussetzen oder ahnen. Allenthalben ist der Bote der Götter hörbar, der unter dem Klange der Saiten alte Stammes - und Volkssagen berichtigt, lehrreich macht, anwendct und wendete Schiene auch uns die daraus gezogene Lehre gemein; für uns sang Pindar nicht; unser war nicht jene Sage. Und doch, wie selten ist sie gemein! wie weiß Pindar seine Lehren zu heben, ein Bote der Götter. 365 zu veredeln! Wenn Horqz Lebensweisheit singt, so singt Er Ehre und Pflicht, Lob und Ruhm, schwere und eben dadurch seltene, hohe, ewige Tugend, der er als letztes Ziel allenthalben nur Mäßigung, Maaß der Begierden und Kräfte, ja der Glückseligkeit selbst Vorhalt. Priester der Adrastea! lehrender Bote der Götter, Pindar, wie erquicken deine Gesänge! wie ermuntern und erheben sie den Jüngling! Entrissen fühlt er sich in Dir, seiner namenlosen, trägen Zeit, seinem göttcr - und heldenlecren Stamm entrissen, unter Jünglinge versetzt, die ein Vaterland, die Gefühl der Ehre hatten, die auf der Bahn eines großen, ja göttlichen Ruhms nach dem Muster großer Vorbilder oder Vorfahren, Körper und Geist lonmäßig zusammenübten. In Dir siehet er ihre schönen Glieder, hört ihre hohen Gesinnungen von dir, edler Herold, die du ihm, bald als einen güldenen Becher voll stärkenden Weins, bald als eine heilsame, obgleich bittere Arzcney darreichest. Dem Müden wird deine Lehre ein erquickendes Bad, da er in deinen Geschichten zwischen Bildsäulen und Bildern wie in einem Königspallast wohnet. Und am Ende der Laufbahn stehen immer Herkules Säulen mit der Aufschrift: „bis hieher! strebe nicht weiter!" Ungemein fern sind die von Pindars wahrem Geiste und seiner liefern Einsicht, die ihn, nachahmend oder erklärend, für einen unbesonnenen Stürmer, für einen trunkenen tollen Schwärmer halten. Sein Gang ist so fest Und kühn, der Plan seiner Oden ist, Gebäuden gleich, so tief und groß angelegt, seine Bilder sind so erlesen, die Pfeile seines Gesanges treffen so kühn, daß, wie schon 366 VIII. P i n d a r, Horaz aus eigener Erfahrung meldet, diesem Dä- dalus nachzufliegen ein Wagstück seyn möchte. Ihn hebt und treibt Himmelsluft, und in ihr sein eigener, nicht stürmischer, aber starker und erhabener Geist. Gegen ihn ist Horaz in seinen meisten und besten Stücken ein fröhlicher Gesellschafter, ein sanfter, gefälliger Hausfreund, in andern ein wohlwollender Römer, Freund seines Vaterlandes, Rarh- geber zum Frieden, Lehrer der Weisheit und Harmonie eines mäßigen stillen Lebens. Er that, was seine Zeit von ihm forderte und sein Genius zulicß. Pindar, als ein Held des Gesanges, weckt und führt zum Ruhm, er singet Griechen, die. von Göttern und Helden entsproßt waren, er bildet und schafft Helden. Bildnerey, Eidv- und Eido- lopöie möchte man seine lyrische Gattung nennen, wie er denn auch seine Gesänge selbst mit lebendigen redenden Bildsäulen vergleichet. Nach dem, was geschehen ist, erwartet im an- gekretenen Jahrhundert Den noch ein schöner Kranz, der unserer Sprache eine ächte rbvlhmische Ueberse- tzung Pindars schenket. Eine rhythmische: denn bei einem musikalischen Dichter erreicht die beste poetische Prose den Accent und Gang seines Gesanges nicht, sie schwebt in einer andern Region und spricht wie in einer andern Tonleiter. Rhythmischen Gang und Accent fordert Pindar; dagegen aber nicht, daß man sich, dem Geiste unserer Sprache zuwider, seinen Strophen und Metern, seinen Sylben - und Versarren sklavisch nnschmiege. Für Pindars Sprache und Musik eingerichtet, faßt sie unser Ohr mühsam, behält sie kaum, und in unsrer Sprache sie zwanglos auszudrücken, ist fast unmöglich. ein Bote der Götter. 367 In einem höheren Sinn leuchtet Pindar allen lyrischen Dichtern vor, als Bote der Götter, Bildner der Jugend, Ausleger der Geschichte und Sagen. Ohne Dichtkunst liegen diese wie tobte Steine Deu- kalions und der Pyrrha da; der lyrische Dichter erhebt sie, wirst sie, und siehe, sie leben. Ein Oden- macher, der, in den engen Kreis der Gegenwart ein- gcscklosscn, blos lobt, tadelt, oder zum Genuß reizet, bleibt ein Dichter des Moments, wird von der fortrückenden Zeit bald vergessen, oder bestehet vor ihr mit Schande. Der lyrische Dichter, der rückwärts und vor sich hinausblickt, der die Vergangenheit und Zukunft in seinem Herzen traget; gesandt vom Himmel, erhebt er das menschliche Gemüth und wird ein Ausleger, ja ein Schöpfer der Zeiten. Wie wir im göttlich-heroischen Pindar mit Göttern und Heroen wandeln, wie, wenn der furchtsamere Horaz uns, in das Alterthum rückführend, wir die tollen Kriege der Riesen, die Zwiste der Centauren anschauen, und dagegen die Stimme der Juno, des Regulus hören laßt, wir alte Römer werden: so, wenn in unserm Uz der römische und altdeutsche Patriot, oder Plato, Sokrates spricht, und wir in Balde, Nbingulph, in Cowley, Collins u. a. die Vorbilder älterer Tage ansehen; unser Geist rafft sich auf; der Dichter wird uns, oft mit wenigen Worten, ein Ausleger, ein Anwender der Zeiten. Sende uns, nachdem der thebanische Sänger saust im Tempel entschlief, die Muse solche Exegcten der Geschichte und die müßiggewordene lyrische Poesie wird wieder geheiligt. 368 IX. Gesänge von Pin dar. (Ungcdruckt.) Pindars erster olympischer Siegsgesang. Dem Hieron, von Syrakus. Das Beste ist Wasser: Gold Geht allem stolzen Reichthum vor, Wie brennend Feuer strahlet aus der Nacht. Doch willst du Kampfe singen, o mein Herz, So such' am Tage dir Kein milderes hochleuchtcndcs Gestirn Im weiten leeren Aether, als die Sonn'; Und keinen cdlcrn Kampf zu singen, als Llympias: von da der Weisen Sinn Vielstimmige Gesänge flicht, Zu preisen Kronos Sohn; Indem sie eingehn zu dem reichen Glücksel'gen Heerde Hierons. Gerechten MkMWWW^ ,.„^W IX. Gesänge v o n P in d ab. 869 Gerechten Scepker führet Er fruchtreichen Sicilien , Und bricht von allen Tugenden Die Blulncn. Auch im Kranz Der Tonkunst glanzet er, wenn mit Gesängen wir Um seine freundliche Easttafel Uns vergnügen. Aber auf! Nimm deine dorische Cikher von der Wand; Wenn Pisas und des Phcrenikus Ruhm Die süssesten Gedanken dir Ins Herz gab: als am Alpheus er UNangesvornt hinstürmete, Und seinen Herrn zum Siege trug; Den König Sytakusens, ihn, DeN roffeliebenden. Es glanzt sein Ruhni Bei Pelops edler Pflanzstadt, den Der macht'ge Erdumfasscr, Poseidaon, So hock) einst liebete; nachdem die Parce ihn Mit neuer Schulter, glänzend Wie Elfenbein, vom reinen Kessel hob. Fürwahr, es giebt der Wunderdinge viel; Und Fabeln tauschen oft, Mit bunten Lugen ausgcschmückt, Noch über Wahrheit selbst der Menschen SeekeN- Die Huldin, die den Sterblichen Annehmlich alles macht, Und Würde giebt, Macht auch Unglaubliches Geglaubet oft, -Herders Werke z. schon. Lit. u. Kunst. X. Aa 6,-eck,Isst. .7^ ^ ,L.. Mt! > >7- 370 IX. Gesänge Da sind die künftigen Tage Die weisesten Bewahrer dann. Doch ziemt's dem Menschen von den Göttern wohl Zu sprechen; dies vermindert seine Schuld. Du Sohn des Tantalus, so will ich auch von dir. Nicht wie die Dichter vor mir singen: Will sagen: als dein Vater Zum gegenseitigen, rechtmäßigsten Gastmal die Götter lud In sein geliebtes Sipylum, Daß da der Gott des goldenen Tridents, Entflammt von Liebe gegen dich, Dem Gastmal dich geraubt, Und schnell auf goldnen Rossen Zum höchsten Hause Jovis dich geführt: Wohin nachher auch Ganymedes kam Dem Gott zu gleichem Dienst, Als dich nun niemand sah, Und niemand aller Suchenden Dich deiner Mutter brachte; Da sprach geheim der neid'gen Nachbarn einer, Sie hätten mit dem Schwert Am siedendheißcn Wasser Gliedweise dich zcrstückt, Und an der Tafel dich Umher gereicht, und dich genossen. Mir ist's ungereimt, der Sel'gen einen Schlemmer zu nennen. Ich stehe ab: der Schade traf Oft schon den Lästerer. . von Pin dar. 370 Wenn Einen Sterblichen Die Wächter des Olympus je geehrt, War's dieser Tantalus. Doch könnt' er nicht Die hohe Seligkeit vertragen, Uebermuth Zog ungeheure Straf' auf ihn; Den mächk'gen Stein, den ihm der Götter Vater Hieng über's Haupt, den sucht er immer nun Vom Haupte weqzuwendcn, Und irrt der Freuden fern: Und führet hülflos immerdar Ein kummervolles Leben; Mit dreien noch die vierte Qual: Weil er den Nektar, die Ambrosia, Die ihn unsterblich machten, Den Göttern raubend, seinen Freunden gab. Der trügt sich, der den himmlischen Etwas verbergen will. Und deßhalb sandten Ihm die Unsterblichen Den Sobn auch wieder, Zum schnellverblühcndcn Geschlecht Der Menschen. Als in blühender Jugend ihm Milchhaar das braune Kinn umschattete, Dacht' er der ihm bereiteten Vermahlung mit der hehren Hippodamia; wie er sie Zu Pisa von dem Vater möcht' erhalten. Er gieng zum grauen Meer, Allein, in dunkler Nacht, Rief den schwerrauschenden Tridentumsaffer an: der dann Aa 2 Dicht vor den Füßen ihm erschien. Da sprach zu ihm der Jüngling: Sind, o Poseidon, dir die lieblichen Geschenke Der Cypria je werth, so halt zurück Des Ocnomaus chrnen Speer, Und bring auf schnellstem Wagen mich Gen Elis, und zum Sieg hinan. Denn dreizehn Freier hat er schon Ertödtet, und vcrzencht Der Tochter Hochzeit. Große Fahr Ergreifet nie den unbchcrzten Mann! Wer dennoch sterben muß, Was sollte der ein namenloses Alter, Im Dunkeln sitzend, nutzcnlos verzehren, Untheilhaft jeder cdcln That? Nein, mir sey dieser Kampf bestanden! Du aber gicb erwünschten Ausgang. So sprach er, und vergebens waren nicht Die Worte, die er sprach. Der Gott Erfreute ihn, und gab Ihm goldncn Wagen, und im Fluge Uncrmüdetc Rosse. Und also zwang er Oenomaus Kraft. Und nahm die Jungfrau zum Gemahl, Und zeugete sechs Heldenführer, Söhne, Die sich um Tugend müheten. Er aber ruht an Alpheus Ufer jetzt, Genießend schöne Todtcnopfer In seinem rings umgangnen Grabe, von Pindar. A?3 Am vielbesuchten Altar. Und fernhin strahlt der Ruhm Olvmpias In Pelops Laufbahn, wo Fußschnelligkeit, Und in Gefahren kühne Ringekrast Wetteifern. Und wer überwindet Genießt sein übrig Leben In honigsüsser Heiterkeit, Um seiner Kampfe willen. Das immer wiederkehrende Gut Ist Sterblichen das Höchste. Ich aber soll nach Sicgsgesetz Jetzt diesen mit äolischem Gesänge krönen: Und bin gewiß, daß ich nie einen Gastfreund Des Schönen kundiger, und herrlicher an Muth, Vor allen, die jetzt leben, zieren werde Mit Ruhmesflechten der Hymnen. Ein Gott ist's, der dein Wächter ist,' Und sorgt, o Hieron, für deine Sorgen. Berlässet er dich nicht, so hoff' ich bald Noch einen süssem Lobgesang Zum schnellen Wagenkamps zu singen; Mit ncugcfundner schöner Bahn Der Worte kommend Zum Sonnenhügel Kronions. Die Muse nährt mir noch mit Kraft Den stärksten Pfeil: denn über andere Sind andre groß; der höchste Gipfel aber Gebührt den Königen: und fürder blicke nicht! Dir werde, deine Lebenszeit » 374 IX. Gesänge In Hoheit hinzuwandeln; mir, Mit solchen Sicgesrampfern umzugehn, Vorscheinen!» überall an Weisheit Unter den Hellenen. Pindars zweiter olympischer Siegsgcsang An T h e r 0 n. Eithcrbeherrschende Hymnen! welchen Gott, Welchen Helden, welchen Edlen, Singen wir? — Pisa ist Jovis Stadt, den olympischen Kampf Stiftete Herkules,. Erstlingsfrucht seiner Beute. Theron aber, ob des siegenden Viergespanns, Singe jetzt der laute Gesang; Den edlen Gastfreund, Die Säule Agrigents, Nuhmgcnannter Väter Blume, Den Aufrechtsteller seiner Stadt. Viel ausgestanden hatten seine Väter Mit Mutbe; da gewannen sie Des Stromes heü'gen Aufenthalt, und wurden Sicilicns Auge: Nun kam des GlückeS Schicksalszeit, ' Die Reichthum ibnen bracht' und LebenSanmuth, Zu angebohrnen Tugenden. von Pindar. Z 7 5 O Sohn des Kronos, Rhea's Sohn, Der den Olympus beherrscht, Und der Kämpfe Gipfel, Und den Strom des Alpheus; Verleih', erfreut von meinen Hymnen, Verleihe gnädig ihrer Väter Sitz Den spätsten Enkeln noch! Was einmal, recht und unrecht, ist gescheht!, Das kann auch selbst die Mutter aller Dinge, Die Zeit, nicht widerrufen. Doch Vergessenheit Des Alten kommt bei neuem Glück. Ucberwunden dann von schöner Freude Stirbt das zornverlaßne Böse, Wann Gottes Schicksal hohen Wohlgenuß Von fernher bringt. Es gilt dies Wort Den jetzo glücklich thronenden Töchtern des Kadmus; auch sie litten viel: Doch nicdcrsank der schwere Gram Vor größrer Seligkeit. Sie lebt nun in der Zahl der himmlischen, Die einst vom Donncrstrahl crtvdtet siel, Die langgelockte Semele; Und Pallas liebt sie ewig; Zeus, Der Vaters, liebt sie sehr; es liebt sie ihr Epheubekranzter Sohn. So, sagen sie, lebt auch im Meere Mit Nereus Töchtern ein unsterblich Leben Die Ino immerdar. 376 IX. Gesänge Den Sterblichen ist wahrlich nicht bekannt Ihr Lodesziel; noch wann wir einst Den Ruhebringcr, unfern letzten Tag, Der Sonne Sohn, mit unverrücktem Glück Vollenden werden. So stürmten auch Auf Fluthcn Fluthen Der Freuden und der Mühe, Auf diese Männer an. Die Schickfalsgottin, die den Vätern einst Ein schönes Land mit gottbeschied'ner Seligkeit Verlieh, sie gab zu andrer Zeit Auch Unglück; seit den Laues dort Sein Sohn ertädtetc, begegnend ihm, Und Pythons alten Götterspyuch vollzog. i Erinnys, sehend das mit scharfem Blicks . Ertödtet ihm im Wechselkampf Sein kriegerisch Geschlecht. Dem auch erschlag'nen Polynices blieb Tbersander nur, in neuen Kämpfen, In Kriegesschlachten Ruhm erringend, Der Adrastiden Hause Aufhclfender Glückessproß. Auf besten Wurzel Theron jetzt, Acncsidamus Sohn, Der Li-.dcr und der Leier Ruhm erlangt, Denn zu Olympia cmpsieng er Siegespreis, Bei Python auch, und auf dem Isthmus, brachten ^ Gemesnsamfreundliche Huldinnen ihm, Und seinem gleichbcglückken Bruder, Des Viergespanns, nach zwolfmak «mgewandtey Laus von Pin dar. Z77 Siegsblumen zu. Wer aber Sieg erlangt Im kühnvcrsuchten Kampf, dem lösen sich Die schwarzen Sorgen; Und Reichthum, ausgeziert mit Tugenden, Führt Tugenden und Kämpfen Reife zu; Indem die tiefe spähende Sorge Nach edlem Ruhm er unterstützt; Ein Heller Stern im Dunkeln, er Dem Edclen rin wahrer Glanz.-— Wer ihn besitzt, bedenkt die Zukunft auch. Daß der Verstorbenen Hier ungebandigtc Gcmüthcr Dort ihre Strafe finden: denn was hier, Im Reiche Jupiters für Nissethar geschieht, Da^z richtet Einer unter der Erde, Der mit feindseliger Nothwepdigkeit Sein Urthejl spricht- Aber ewig, Tag und Nächte, Scheint den Guten dort die Sonne? Unbemühet ist ihr Leben: Sie brechen nicht die Erde mehr Mit harter Hand; Sie brechen nicht die Fluthen mehr Zu ihrer Nothdurst Unterhalt; Sondern bei den hochverehrten Göttern Führen sie ein thränenlofes Leben; Weil sie Eidestreue hier bewahrten: Hingegen jene tragen Dem Blick unaushaltbare schwere Last. IX. Gesänge 878 Wer aber harrend, dreimal hier auf Erden, Ueberall von allem Frevel rein Die Seele ;u erhalten sich erkühnte, Tritt an den Weg des Jeus Nach Kronos Burg: Wo der Ewiqsel'gen Insel Meereslüfte rings umsäuseln, Wo, wie Gold, die Blumen glanzen, Auf dem Boden, aus den schönen Baumen, Auf dem Meere, Und sie flechten daraus sich Kranze Um die Arme, um das Haupt. So sprach es Rhadamanthus rechter Spruch Den Bater Kronos sich zum tüchtigen Gerichtsgenoffen gab, Nhea's Gemahl, Die über alle ^ Am höchsten thront. Auch Peleus, Kadmus, sind dort unter ihnen; Auch den Achilles hat die Mutter Dahin gebracht, Nachdem sie flehend Jovis Brust erweichte; Ihn, der den Hektor, Troja's feste Unüberwundene Saul', erschlug; Der, der Aurora Sohn, den Aethiopicr, Den' Lykeus auch, dem Tode gab.- Niel schnelle Pfeile sind mir unterm Arm Im Kocher noch, die den Vcrstand'gcn tönen, Dem großen Haufen aber unverstanden Ausleger fordern. Weise nur Ist der, den die Natur viel lehrt; Die Lerncr schwätzen laut und viel , Und unverschämt, wie Raben, entgegen Dem Vogel Zeus, dem königlichen Adler. — Wohlan, mein Geist! recht' deinen Bogen nun Zum Ziel. Wen suchen unsre Ruhmespfeile, Gesandt aus milder Brust? — Nach Agrigent hin ziel' ich, und ich schwäre Wahrhaften Schwur, Daß keine Stadt in langen hundert Jahren Den Freunden solchen herzensmildcn, Wohlthat'gen Mann gebracht, Als Theron; obgleich Uebcrmuth Trat ungerecht entgegen seinem Ruhm, Und siel ihn an: der Rasenden Geschwätz Wollt' seine guten ihm mit bösen Thaten Dunkeln. Aber, wie der Sand Unzählbar ist, So slnd's die Freuden, die er andern gab; Wer mag^sie auseczählen ? Pindars dritter olympischer Siegsgesang. Demselben Theron. Den gastfreundlichen Tyndariden wünsch' ich Au gefallen, und der schöngelockten Helena, Da ich, das ruhmgcnannte Agrigent Au ehren, Therons olympischen 33o IX. G e sä n g ? Sicgsgesang aufstclle, Unermüdeter Rosse Schmuck. Ja, die Muse stand mir bei, Als neue Sangesweisen ich erfand, Den tanzbcglänzcndcn Gesang Dem dorischen Eothurne anzupassen: Denn die den Mahnen cingeflochtnen Kränze Erfordern von mir diese Schuld, Ein gottgegcbnes Werk; Der ssithec reichen Klang, Der Flöten Schall, Der Worte schön Gebäu', Dem Sohne des Aenesidamus Anständig zu vermahlen. Pisa auch Erfordert Lob von mir, von der. Gottverliehene Gesänge Zu Menschen kommen; Dem Sieger, dem, Vollziehend Herkul's alte Stiftungen, Der unpartheiische Hellencnrichter, Der Actolische Mann, Hoch über die Augbraunen, Um die Haare wirft Des dunkeln Oclbaums Schmuck. Jenen Zweig, Den von des Jsters Schattenquellen einst Der Sohn Amphitryons Hcrbracht, das schönste Denkmal, Der Kampf Olxmpiens, von Pin dar. 381 , Mit gutem Willen der Hyperboreer, Der Diener des Apoll. Er meynt' es treu, Und bat um diese Schattenpflanze Für Jovis allaufnehmenden heiligen Hain, Und zur gemeinen Krone Menschlicher Tapferkeit. Schon hatt' er seinem Vater die Mare Geweiht, schon wiederstrahlete Die Mana*), voll im goldnen Wagen glanzend, Die Monatthcilerin, des Abends Auge. Und schweren Kämpfen hatt' er heiliges Gericht, Und der fünf Jahre Zahl an Alpheus steilen Geweihten Ufern festgesetzt: Allein der Ort hiezu Im Thale Pelops des Saturniets Grünt nicht von schönen Baumen: Es dünkte ihm die nackte Flur Zu untecthan der Sonne scharfen Strahlen. Wahrlich da trieb ihn sein Muth Jn's ferne Istrien, Wo ihn Latoncns Tochter, Die Rosselenkerin, **) Aufnahm, ankommendcn Von Höh'n Arkadiens und vielgekcümmten ThaleM. Weil den Befehlen des Eurystheus ihn Des Vaters Ausspruch untergeben, l *) Luna. **) Diana» 382 IX. Gesänge Den goldgehörnten Hirsch herbeizufühccn, den Taygeta Ortbosien einst geweiht, Und heilig überschcieben. Ihn Verfolgend sah er auch dies Land im Rücken Des kaltwehenden Boreas; Und stand da still, bewundernd diese Baume: Jhx> faßte süsse Lust, sie rings Um's zwölfmal umgefahrne Ziel Des Rosseslaufs zu pflanzen. Und nun besucht er gnädig dieses Fest, Mit beiden Göttersöhnen Der tiefgegürteten Leda, denen er, Auf zum Olympus gehend, anbefahl, Das hohe Kampfspiel zu verwalten, Und Mannertüchtigkcit und schneller Wagen Lauf. Und darum treibt mich auch mein Muth Zu sagen, daß den Emmeniden Und Theron Ruhm gekommen scy, Aus Gunst der rosseschnellen Tyndariden: Die jene weit vor allen Sterblichen Mit gastfreundlichen Tafeln ehren, Und der Seligen Gebrauche Mit Andacht pflegen. Wie das Beste Das Wasser ist, und Gold Der herrlichste Besitz, So ist nun Theron an dem Gipfel Der Mannerkrast, und reicht von Pindar. 383 Von Haus aus an des Herkul's Säulen. Was weiterhin, ist Weisen und Unwcisen Ungangbar: das verfolg' ich nicht. Zch wäre Vermessen sonst. Pindars vierter olympischer Siegsgcsang. An P s a u IN i tz. Höchster Treiber des unermüdet- -Füssigen Donnergcspanns, Zeus! (Denn deine Horen, unter Gesang Der vielfach klingenden Eicher sich umwälzend, Sandten zum Zeugen mich der höchsten Kämpfe. Wenn aber Freunden es wohlgehch, freuen Sich bei der süssen Botschaft schnell Die Guten.) Du, Kronos Sohn, Der jene windumbrauste Last Des hundertköpfigcn starken Typhons, Den Aetna, hält, nimm, um der Grazien willen, Gnädig an den olympischen Siegsgcsang.' Das zcitendauerndstc Licht Kraftvoller Tugenden. Es kommt auf Psaumis Wagen näher, Der, hochumkranzt mit Pifa's Oelzweig, Ruhm Kamarincn zu erwecken eilt. Ein Gott se» gnädig seinen andern Wün'chen! Ich rühm' ihn jetzt, der rüstige Rosse pflegt, IX. Gesänge 384 Der Aufnahm' aller Fremden sich erfreut; Zur Ruhe, Freundin seiner Stadt, Die reinen SinNe lenkt: So rühm' ich ihn; und tünche nicht Mit Lüge meine Rede: denn Erfahrung Ist der Beweiß der Sterblichen. Sie, die dett Sohn des Klimenus Bom Vorwurf der LcmnicriNncn rettete. In chc'ner Rüstung hielt er aus dett Lauf, Sprach zu Hypsipylc, als er zur Krone schritt t Der bin ich, meiner- Schnelle Gleicht Arm und Muth. Auch jungen Männern sproßt oft graues Haar, Selbst gegen ihres Alters Zeit. Pindars fünfter olympischer Siegsgesang. Demselben Psaumis- Hoher Tugenden, und der Kranze Olympia's süsse Blüthe, Und des unermüdeten Maulthicr - Wagens, Und Psaumis Geschenk, Nimm, Tochter des Okeanos, Mit frohem Herzen an. Erweiternd deine Stadt, Die Völkernahrerin , 0 Kamarina l Hm von Pinda r. 38 Hat et sechs Zwillingsaltär' ausgeschmückt Zu großen Götterfesten, mit Stieropftrn In fünftägigem Spiel' und Kampfe Mit Rossen und Maulthieren Und dem einzelgezäumten Zelter. Dir aber hat er schonen Ruhm geweiht, Der Sieger; ausgerufcn seinen Vater Akron, Und seinen neugepflanzten Sitz. Von OrNoMäus und des Pelops Lieblichen ^Wohnungen kommend, preiset et, O Pallas, Stadt'- Erhalterin , Deinen heil'gen Hain, und des Oanos Strom, Den vaterländ'schen See, die heil'gen Waffergänge Mit denen Hipparis die Völker trankt, Und einen hohen Wald von festen Hausern schnell Zusammenfügt, und führt dies Städtevolk Aus'Unbehülflichkcit an's Licht. Um Tugenden kämpft Arbeit stets Und Aufwand zum Werke mit Gefahr bedeckt: Doch dem's gelingt, der scheint Selbst seinen Bürgern weise. Hoch in Wolken herrschender Erretter Zeus! der du den kronischen Hügel bewohnest, den breitströmenden Alpheus ehrest, und die heilige *) Zu Olympia, HerdersWerke z. schon, Lit. u, Kunst. X. Bb 6,-iecL. L»'r. I! _ 386 IX. Gesänge Jda-Höhle: Sieh, ich komme, dir Demüthig flehend, mit Gesang Lydischer Flöten, und bitte dich, Die Stadt mit weitberühmten Mannertugenden Zu zieren; und daß du, olympischer Sieger, an neptunischen Rossen freuend dich, Bis zur Vollendung hin Ein wohlgcmuthet Alter führen mögest, Umringt von deinen Söhnen. Wer wohlerworbenen Rcichthum pflegt, Und andern davon theilt, und Lob dazu Erwirbt, begehre nicht Ein Gott zu werden. Pindars achter olympischer Siegsgesang» An Alkimedon. Der goldumkranzendcn Kämpfe Mutter, Wahrheitkönigin, Olympia! Wo Seher aus Opferglut Zeichen merken und Kunden Vom schnellblitzenden Zeus, Ob er Menschen pflegt, die, großen Herzens, Tugend und Tugendlohn Anstreben? Und das wird Nach Wunsche dann erreicht, Durch frommer Männer Beten. Du, Pisa's bäumebepflanztes Heiligthum von Pin dar. 387 Am Alpheus, empfange Frcudengesang und Ruhmkranz ! Denn hoher Ruhm ist's, Wem kommt dein Ehrenpreis. Auf Menschen kommen Gaben Mannigfaltig, und viel sind Gnadenwege der Gottheit. Euch aber, 0 Timosthencs, > Hat von Geburt an Zeus Mit Wohlgcschick begnadet: Dich, zu Nemea leuchtenden; Und den Alkimedon macht' er bei Kronos Hügel Olympisch siegend. Schön war er an Gestalt, und seine Thal Enlehrete das Ansehn nicht. Im Faustkampf Sieg erringend, Rief er sein Vaterland, Aegina, aus, die weithinsegelnde: Wo die Heilverleiherin Themis, Des gastfreundlichen Zeus Gespielin, Vor allen Völkern hoch verehret wird. Denn, wo viel schwankt und vielerlei, Da ist es schwer mit sichrem Sinn, Und nach dem Maas der Dinge zu entscheiden. Denn hier auch setzte der Unsterblichen Beschluß Dies mcerumarmte Land Allhcrversammleten Völkern Zur herrlichen Säule. Nie ermüde Bb 2 MMSqv.«- . E» -««- - - HH' 286 IX. Gesänge Sie zu erhalten die kommende Zeit. Ihr hat schon längst gepflegt Ein dorisch Volk, seit Anakus, Den einst Latonens Sohn und der wcitherrschendt ' Poseidon rief, um Ilion Zu setzen einen Maucrkranz, Als Mitgehülfe: doch das Schicksal hatte, Nach Krieg und Städte-verwüstenden Schlachten, Bestimmt, in dicken Rauch es zu verhauchen. Und kaum vollendet war der Bau, da sprangen Flammcnblaue Drachen drei Mauerhinan: und starr, Betäubt, cntathmend, sanken Zween danieder ; Einer nur erschwang Lautzischend den Gipfel: und übers,nncnd Das Unholdzeichen, wcißagete Apollo dem Anakus: „o Mann- Siehe, wo deine Hand Hat Mauer errichtet, da wird Erstürmt einst Pergamus ! Und das spricht Des Donneres Wundergesicht mir. ^ Doch ohne dein Geschlecht nicht: denn Es wird beginne» Mit deinem Ersten, und wird enden Mit dem Vierten deiner Söhne." Er sprächs Der Gott, und trieb zum Lanthus hi», Und zu den wohlberittncn Amazonen Und zu dem Jster sein Gespann. Und des Tridents Regierer Wagen lenkete zum Isthmus, Auf goldenen Rossen führend den Aeakus; Zum Gurt der Meere bei Korinth, allda Zum festlichen Mahle. '-M von Pin dar. 36g Es ist nicht Allen Alles gleich Ergötzlich. Wann ich jetzt Komme, Mileflas Ruhm verkündend, Den er durch, Jünglinge erlangt;*) So treffe mich dann Des Unwills rauher Stein nicht! Denn gleichen Ruhm . ^ Verkünd' auch in Nemea ich von ihm; Und nachher in dem Mannerkampf Im Pankration. Lehren ist Dem leichter, der die Sache versteht; doch wer Nicht selbst erlernt, der lehret Nur Unverstand, Der Unversuchten Sinn Ist Leichtsinn! Er vor allen andern Hat Kampfe lehren können, und die Art, Wie Männer aus dem heil'gen Kampfe Erwünschten Ehrenpreis erholen: Und nun erhielt, welch hoher Ruhm, für ihn! Alkimedvfl, den dreißigsten dex Siege.**) Der jetzt durch Wohlgeschickes Gunst, Und festen Mannes Muth, vier Jünglingen Traurigen Heimgang hat gegeben Und ruhmverstummte Zung', und heimlich Versteckten Eintritt in das Haus. *) Milesias war der Lehrmeister der beiden Hel den dieses Gesangs, Limosthenes und Alkimedon. **) Jetzt war es der dreißigste Sieg, der von solchen, die er unterrichtet harte, erhalten ward. «HUM- - 390 IX. Gesänge Aber Er hat muthbeseclt Dm greifen Vater, hat Ihn sreudcnvergnügt. Die Freude Kämpft mit dem Alter selbst; » Und Glückcsgewinn Verlöscht die Sorge des nahen Todes. Andenken wecken muß ich, muß Dem Blcpsiasgefchlecht noch Siegslied singen, Frucht ihrer Tapferkeit; Der sechste Kranz blüht jetzt, > « Aus frchcn grünenden Kämpfen, Um's Haupt des Stammes. Denn auch Gestorbenen gebührt ihr Thcil An preisgekrönten Thaten; Und nicht die Asche dckt Der angestammt,» edlen Rubin. Jphirm, hat er im Todtcnreiche angehörk Des Hermes Tochter, die Verkündigung, Verkünd' er selber dem Kallimachos, Olympia's edlen Schmuck, verliehen Vom Göttervater, seinem Stamme. Verleih' denn di.flr seinem Stamme au Noch That auf That; und wende Der Krankheit Leiden ab! Laß er doch nie, Ich flehe, eine hadersüchtige Nemesis In ihres GlKes Loos sich mischen; sondern Fortdauern ungcfährten Laufs ihr Leben, Und heb' empor Stadt und Geschlecht. von Pin dar. 39i Pindars eilster olympischer Siegsgesang. D e m A g esid amus , ein Zins. Die Menschen haben oft der Winde mehr Bcdürfniß Und oft der regnenden Wasser des Himmels, Töchter der Wolken. Doch wer mit Mühe Gutes schafft, Dem werden süßtönende Hymnen Künftiger Reden Ursprung, ^ Und großex Tugenden treues Pfand. Neidlos gebührt Olympia's Siegern Dieser Ruhm; und unsere Zunge Soll ihn verwalten. Von Gott blüh'n weise Gedanken , . In eines Mannes Brust. Wisse denn, Archestratus Sohn, O Agesidamus! um deines Faustkampfs willen, Flecht' ich zum Kranze dir des goldnen Oelzweigs Süsser Gesänge Zier; Epizcphyrischer Lokrier Volkesstamms Eingedenk. Allda, ihr Musen, Führet den Reihen auf! Ihr kommet, ich gelob' es euch, zu keinem Gastscheuen Volke; keinem Unkundigen des Schönen; sondern Höchst weisem und auch tapfcr'm. Denn Art und Sitte kann Nicht ändern der feurige Fuchs « Noch der mächtigbrüllcnde Löwe. Pindars zwölfter olympischer Hiegsgesang, An Ergoteles, Ich rufe dich an, des frciheitrettendcn Zeus Tochter! für's weitmächtige Himera, Heilerhalterin, Tychc! Denn du regierst im Meer Die schnellen Schiffe, regierst des Erdcnreichs Reißende Krieg', und die rathschlagenden Versammlungen der Volker. Aber Der Menschen Hoffnungen walzen Bald auswärts sich, bald abwärts, Der Lügen eitles Meer hurchschncidcntz. Keiner noch der Irdischen Fand künftig werdender Begegniß Gottherab ein sichres Zeichen. Blind auf die Zukunft ist der Sinn: Viel fällt den Menschen wider ihren Wahn, Entgegen ihrer Freude zu; Und oft, wenn sie in Unglückestürme Treffen, beginnet schnell Mit Unfall wechselnd, großes Gut. Sohn Philanors! so wär' auch dir, Wie dem hauskämxfendcn Hahn, von Pin dar, ZgZ Beim väterlichen Heerde ^ Der Ruhm der Schnelle preislos hingewelkt z Hätte dir männerzwistiger Aufruhr Nicht dein knoßisches Vaterland geraubt; Nun aber gekrönt zu Olympia, Zweimal zu Python, und zu Isthmus auch, Ergo? telcs! Nun verherrlichst du die warmen Bäder,*) Wandelnd auf den heimischen Gefilden. Pindars vierzehnter olympischer Siegsgesang. Dem Asopichus von Orchomenus. Die ihr den Eephifusstrom und der schönen Rosse Nährerin-Flur zu eurem Sitze bekamt, Ihr des glänzenden Orchomenus gepriesene Königinnen , Won Alters her Aufseherinnen des Mmyerstammes. Ich fleh' euch, Grazien, hört! Denn nur durch euch, wird, was den Sterbliche« lieblich Und süß ist. Wer ein weiser, wer ein schöner, Ein glanzender Wann ward, ward's durch euch. Selber die Götter begehn Ohn' euch, Ehrwürdige, Weder Reigentänze, noch Mghle; *) Von Hkmera. IX. Gesänge 294 Sondern alles ordnen im Himmel Die Grazien an; Neben dem pythischcn Mit dem goldnen Bogen bewehrten Apollon, Setzen sie ihre Thron' und preisen Des olympischen Vaters unvergänglichen Ruhm. Töchter des mächtigsten unter den Göttern, Ehrwürdige Aglaja, du Liederfreundsir Euphrosyne, höret mich: Du auch, Gcsangesfreundin, Thalia, die jctzh Auf günstigem Glück den Hymnenchor Lcichtschwebcnd daherziehen steht: 'Denn in lydischer Weise, Mit vorbedachten Gesängen, Den Asoxichus zu singen kam ichchiehcr; Da der Minyer Stadt in Olympia Siegerin ward, Thalia durch dich! Echo, geh' in das fchwarzummauerte Haus Persephonens, bringend Dem Vater fröhliche Botschaft, Wenn du dort den Kleodamus sichst; « Melde vom Sohn ihm, Daß er sein jugendlich Haar Im Schooßc der herrlichen Pisa Gekränzct habe mit der edelsten Kämpfe Fittigenl Pindars eilfter pythischer Siegsgesang. An Thrasydäus. Kadmus Töchter, Semele, Der Olympierinnen Genossin nun, Und Ino Leukorhea, jetzt Der Meeresgöttinnen Gespielin; Geht mit Herkules edler Mutter Zur Mclia hin, zu dem Schatz Goldener Tripoden, in's Heiligthum, Das herrlich Apollo geweiht; Ismenium nannt' er's; den Sitz Wahrsagender Weisheit. O Töchter Harmonias, dahin Ruft Euch Melia jetzt, der Heldengenossinnen hohe Versammlung; Zu singen die heilige Themis, Und Python, und den wahrhcitrichtenden Nabel der Erd', Apollo's Orakel, Hoch am AbenH; Zum Preis der siebenpfortigen Thebe, Und Kirrha's Kampf: in dem ThrasidauS Dem heiligen Heerde der Vater Den dritten Kranz gab; Sieger anjetzt in Pylades lachender Flur, Des Gastfreund's des lakonischen Orestes: Den (der Vater war gefallen schon) 3g6 iX. Gesänge Klytämnestrens mordenden Händen Aus höllischer List entstahl Die Nährerin Arsinoe. Da Priams Tochter, die Dardanide Cassandra, mit funkelndem Stahl Zu Agamcmnons Seele An Acherons schattiges Ufer Vom grausamen Weibe gesand ward, War's Jphigenka, die Am Euripus geschlachtet, ferne dem Vaterlande, Zu solchem Grimme Die schreckliche Thätcrin trieb? Oder war's die unzüchtige Nachtumarmung? Ach jungen Gattinnen Freilich die häßlichste Vergehung! Auch fremden Zungen Nicht zu verschweigen. Der Bürger schwatzt Das Bose gern, und hoher Stand hat Nicht kleineren Neid: Wer niedrig wohnet Lebt ungesehn. Held Atrides, zurückgckommen Zum rüchtigen Amyklä, lag Erschlagen; und mit ihm erschlagen Die weissagende Prjestcrin; so ward Gerächet Troja's Brand, Und seines Prachtes Verwüstung. Zum Gastfreundgrcise Stxophjus floh Der Knab' Orest, an den Fuß von Pindar. S97 Des ParNgssus; bis er gewaltsam Lange nachher die Mutter erschlagen, Und den Vatermörder Aegisthus. Wie weit, Freünde, bin ich in meiner Bahn Auf Dreizackwege verirret! Und ging erst richtig einher. Oder hat meinen Gesang Auf seinem Wege der Sturm verschlagen, Als ein Fahrzeug des Meeres? Du aber, Muse, wurdest um Lohn Du Eins, die Stimme für Silber Gesängen zu geben, so milche Zu andrer Zeit du andre Geschichten: Nun aber singe Den Vater des Siegers, oder Thrasidaus den Sieger selbst; Deren Freud' und Ehre flammaufglanzet. Schon waren sie einst auf rüstigen Wagen Im vielgesuttgnen olympischen Kampf Mit schnellen Rossen edle Sieger: Und als bei Python sie nackt In die Rennbahn schritten, UeberwandeN an Schnelle sie die griechischen Kämpfet. Von Göttern staMme mir Gutes: Doch wünsch' ich mein Leben hinab Nur mögliches mir. Denn immer fand ich in Städten Des^Mittelstandes Glückseligkeit Z98 IX. Gesänge von Pin dar. Weitdaucrndern Looses; Und schelte das Schicksal der Tyrannen. Nur gemeine Tugenden streb' ich hinan; Die Ncidigen strafet die Schuld. Wer am Gipfel ist, und Ruhe genießet, Der entflieht dem Uebermaas, Und reicht an's schönste Ziel. Er laßt dem süßen Geschlechts nach ihm Des Guten schönstes, edlen Nachruhm: Der dich, o Jphikles Sohn, Jolaus, in Gesängen verherrlicht; Und dich, o mächtiger Kastor, und dich König Polydeukes, der Göttersöhne; Die Einen Tag in Therapna, Den andern wohnen im Olymp.