über das griechische Epigramm. 201
Neugier nur befriedige: so müßte, dünkt mich, in
der Erklärung des Epigramms, das beide Thcile,Erwartung und Aufschluß vereinen soll, auchdes Denkmals selbst Erwähnung geschehen.Mithin hieße es, dieser Theorie zufolge: nachArt des Denkmals und sein er Aufschrift.
Aber warum nach Art der Aufschrift? Sindmanche, zumal die ältesten Epigramme, nicht wirk-liche Aufschriften gewesen? Sind nicht viele derschönsten in der Anthologie als Aufschriften gedachtund verfertigt worden? Gleichviel ob sic auf Grä-bern und Bildsäulen, auf Bädern und Tempeln wirk-lich standen oder nicht standen; — wurden -sie alsJnscripkioncn erfunden, so blieben sie solche auch inder Schreibtafel dcS Dichters.
Zweitens. Das Epigramm soll wie ein Denk-mal Aufmerksamkeit erregen und 'wie die Auf-schrift desselben diese erregte Erwartung befrie-digen ; von welcher Art ist aber die Aufmerksamkeit,die ein Denkmal erregt und feine Aufschrift befrie-digt ? Es wäre übel, wenn dies bloß eine erwar-tende Neugierde scyn sollte: denn Neugierde,die flüchtigste und flachste aller .Bewegungen unsererSeele, wird oft durch ein Nichts gereiht und durchein Nichts befriedigt. Jedes edlere Denkmal, einKunstwerk insonderheit, will aus tiefere, schönereEmpfindungen wirken; warum also mußte das Epi-gramm, das, dieser Theorie zufolge, dem Denkmalnacheifcrt, sich mit jenem Flüchtlinge, der Neugier-de, begnügen? Die schönsten Gedichte Martials,Eatulls, der griechischen Anthologie und der ncue-crn Epigrammatisten setzen sich oft ein edleres Ziel.