III. A n m erkunge n.
Ich würde mir selbst viel zu lange über dasgriechische Epigramm geschrieben haben, wenn das,was ich sage, nur diese einzige Dichtungsart gölte.Nun aber sind mehrere mit ihr so enge vergcschwi-stert, daß ich auch über sie noch ein Wort hinzussi-gen muß, zumal die alte Anthologie sie gemein-schaftlich in ihren Schooß aufnahm.
Die Griechen hatten zwo Arten kleiner Gedich-te, deren eines sie §1^05, das andere ricsuXXwr,Bild, Kit n st werk nannten: von beiden hat die pla-nudische Sammlung einige Stücke; die AnthologienMeleagcrs und Philippus werden ohne Zweifel meh-rere gehabt haben. Vom ersten Namen, sofern erkleine Gedichte gilt, sind die Lieder Anakreons diebekanntesten: sind sie Epigramme oder nicht? undwas scheidet beide Arten?
Wenn ein kleines angenehmes Gedicht auf ei-nen einzelnen Gegenstand mit einem naiven oderwitzigen Ausgang ein Epigramm wäre; welche schö-nere Sinngedichte gäbe cs, als manche anakrconti-sche Lieder? Ein Theil von ihnen liebt die Anti-these und schließt sogar mit ihr: ein anderer ent-hält Dichtungen mit einem unerwarteten Ausgange;ein dritter giebt sogar eigentliche Gemählde des Be-chers, des schwimmenden Stiers, fröhlicher Städte,des Bathylls, der Freundin; und doch fühlt jeder-mann, daß keins von diesen Stücken ein Epigrammsey, selbst nicht in der naivsten griechischen Weise.Das Sylbenmaaß macht den Unterschied nicht allein;sondern — was denn ? der ganz andere Ton desStücks sowohl in Schilderung des Gegenstandes,als im Gange der Empfindung. Hier ist kein soeinfacher Gedanke, keine so simple Darstellung mehr;