Druckschrift 
Religion und Theologie Theil 2 (1826) Vom Geist der ebräischen Poesie ; 2
Entstehung
Seite
64
Einzelbild herunterladen
 

Vom Geist

64

Aber zweitens: weil diese weise Männer, siemochten über Vergangenheit, Gegenwart oder Zu-kunft reden, der Mund der Gottheit waren: so re-deten sie auch oft die Sprache der Gottheit, d. i.Göttecsprüche, geflügelte Bilderreden, und so warddiese auch dem Namen nach Sprache der Weissa-gung, welches die höchste Dichtkunst war. Werwird im Namen Gottes, seiner Majestät unwürdigreden? welcher Begeisterte spricht kalt und gemein?Glaubte nickt Pythia selbst in Versen antworten z»müssen, wenn es auch schlechte Verse waren?Der Ursprung dieses Begriffs ergiebt sich also ausdem vorigen; aber nur als Ableitung. In allenSprachen heißen die Dichter Vstc-8; sie heißen abernur so, weil man sie ursprünglich wirklich für Gott-begeisterte Seher und Sprecher der Zukunft hielt,und weil einige edle Männer unter ihnen auch wirk-lich Werkzeuge der Gottheit waren.

Nickts ist daher natürlicher, als daßGötter-sprüche reden" mit der Zeitweissagen" hieß, wiewir z. B. noch täglich das Wortpredigen" brau-chen, wenn von ähnlichen Tönen und Handlungendie Rede ist. Auf Saul kam der böse Geist under weissagte, d. i. er sprach in seinem zornigen Wahn-sinn zwar erhabne, aber tolle Reden. Aus mehre-ren Proben sehen wir, daß Poesie und Musik ausihn viel Gewalt harren: diese Gewalt äußerte sich

jetzt in seiner Krankheit. Die Schüler der Prophe-ten , jene Aeltesten Israels kamen in Begeisterungund weissagten, d. i. sie sprachen erhabne Sprüche,wie die Propheten zu sprechen pflegten- Mirjam,Dcborah u. a. heißen Prophetinnen, weil sie begei-sterte