I. G. v. H e r d e r s sämmt liehe Werke. Vom Geist der Ebräischen Poesie. Zweiter Th eil. Mit Großher;oglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carlsruhe, i in Büre au der deutschen Classiker. 1826. Religion und Theologie. Zweiter Th eil. Vom Geist der Ebraischen Poesie. Eine Anleitung. für die Liebhaber derselben und der ältesten Geschichte des menschlichen Geistes. Zweiter Theil. Mit einigen Beilagen. »783. Herders Werke z. Rel, U. Theol. H. U Vorerinnerung, c^ch wiederhole bei diesem zweiten Theile die Bit» ten, die ich in der Vorrede des etsi.n Lhcils rhat, Und füge nur einiges hinzu, das riesen besonders NNgchr. Die Einkleidung in Gespräche ist wcgqefalleN, Weil sie in so einzelnen Materien nur lästig gewesen wäre und den Eindruck der Untersuchung geschwächt haben würde. Der Leser setze sich lesend mit denk Verfasset oder mit sich selbst in ein Gespräch, und der Fortgang in Entwickelung eigner Ideen wird ihm um so angenehmer werden. Wo ihm die Abschnitte zu lang sind, findet er kleinere Ruhepunkte angegeben, da er sich Niederlassen und das Gelesene sammlen kann. Nicht bei allen Materien kann ich auf eint allgemeine Zustimmung rechnen; die Resultate einiger Untersuchungen sind vielleicht zu fremde, als daß sie sogleich Platz gewinnen könnten. Was in« A 2 dcß nicht heut geschieht, geschieht morgen ; und wem über Manches in diesem Theile noch nicht Genüge gethcm ist, den bitte ich etwa noch den dritten und letzten Theil zu erwarten. — Wissentlich habe ich niemand beleidigt; auch mit keinem Worte über jemanden abgeurtheilt. Also erweise man mir auch diese Billigkeit; man urthei- lle, aber spreche nicht ab. Ich lasse jedem seinen Kranz von Verdiensten; ich sammle nur Aehren zum Nutzen und etwa Blumen zum Vergnügen. Welche Freude wäre es für mich, die Ansicht der Heiligen Schriften von der Seite, von welcher ich sie bearbeite, leichter, natürlicher, angenehmer gemacht zu haben! Die Wirkung dieses Eindrucks erstreckte sich damit so weit! viel weiter, als ich sie auch nur mit Winken angeben mag. Die Anmerkungen, die manchen Lesern zu gelehrt Vorkommen dürften, wünschte ich diesen ungelesen; sie sind für andre da, denen die Gründe meiner Uebersetzung dargelegt werden mußten. Kein Wort ist in ihnen umsonst oder der Gelehrsamkeit wegen; denn mein Beruf ists nicht, ein Wort- kritiker der ebraischcn Sprache zu seyn, sondern die Bücher derselben verständlich zu machen und zum Nutzen anzuwenden. Weimar, den 24. April 1782. I. Vom Ursprung und Wesen der ebräi- schen Poesie. Inhalt. Ihr Ursprung ist: 1. Bild und Empfindling. Wiefern er also göttlich und menschlich sey? Erste Proben der Dichtkunst bei den Ebräern. Die älteste Bildertafel. Sprache und Poesie wird Nachahmung der nennenden, schaffenden Gottheit. Ob mau die poetischen Bilder und Em- psindunzen eines, zumal allen Volks nach andern Völkern beurtheilcn müsse? Character der Ältesten Dichtkunst. Ob man einzelne Bilder herausreissen und vergleichen könne? Beispiel an Hiobs Beschreibung des Rosses. 2 . Per sonifi ca tion. Ursprung derselben in der menschliche» Seele. Ihre Wirkung für Moral und Dichtkunst. Beispiele derselben aus der Natur, der Geschichte und dem Begriff der Gottheit. 3. Fabel. Ihr Ursprung, ihr Nutzen zur Bildung der frühesten Vernunft - Sitten - und Klugheitslehre. Achtung derselben in dem Orient, Einfluß auf ihre Dichtkunst. 6 Vom Geist h. Sage. Ihr Unterschied von der Geschichte, Proben der poetischen Geschlechtssage. 5, Dichtung. Ihr? Bestimmung, Beispiele am Cherub und andern Dichtungen, am Reich der Lobten u. f.— Sammlung dieser Gattungen zum Hauplbegriss des in seinen verschiedenen Arten, Zweite Gattung der Dichtkunst, Gesang. Unterschied desselben von der Bilderrede, Er bezeichnet höhere Empfindung, bringt Fortgang und Entwurf in das Ganze eines Liedes, will Wohlklang und war Chorgesang in den ältesten Zeiten. Zusammenstellung der Bilderrede und des Gesanges. Genius der ebräischen Dichtkunst aus ihrem Ursprünge. Stelle aus Opitz. Ursprung und Amt der Dichtkunst, ein Ps»lm. Anhang. Einige Gründe des subjeetiven Ursprungs her ebräischen Dichtkunst. ->ch^ir hielten uns bisher in der ältesten Geschichte der ebräischen Poesie nur am Fuße des Berges, und nahmen die Gegenstände wahr, wie sie ins Auge sielen, ohne sirenge Ordnung, Lassen Sie uns jetzt, da wir eine ziemliche Unhohe, den Fels Moses, erreicht, zurücksehen, und das, wovon wir uns im Gespräch frei unterhielten, nach Gegenden und Zeilen ordnen. Den besten Begriff einer Sache giebt ihr Ursprung; wir betrachten also jetzt den Ursprung der ebräischen Dichtkunst. I. Dieser ist, wie ich bei den prägnanten Wurzeln ihrer Sprache zeigte, Bild und Em- der Ebräischen Poesie. 7 pfindung. Von außen strömen Bilder in die Seele: die Empfindung prägt ihr Siegel daraus, und sucht sie auszudrücken durch Gcbcrdcn, Töne und Zeichen. Das ganze Weltall mit seinen Bewegungen und Formen ist für den anschauendcn Menschen eine große Bildertafcl, auf der alle Gestalten leben. Er stehet in einem Meer lebendiger Wellen, und die Lebensquelle in ihm strömt und wirkt jenen entgegen. Was also auf ihn strömet, wie crs empfindet und mit Empfindung bezeichnet, das macht den Genius der Poesie in ihrem Ursprung. *) Man kann diesen also menschlich und göttlich nennen, denn er ist beides. Gott wars, der die Quelle der Empfindung im Menschen schuf, der das Weltall mit seinen Strömen rings um ihn her setzte, der diese Ströme auf ihn leitete, und mit den inner» Empfindungen seiner Brust mischte. Er gab ihm also dichterische Kräfte und Sprache; und so *) ,,Sinne und Leidens chaftcn," sagt ein gedankenreicher Schriftsteller, ,,reden und verstehe» nichts als Bilder. In Bildern besteht der ganze Schatz menschlicher Erkennrniß und Glückseligkeit. Der erste Disbruch der Schöpfung und der erste Eindruck ihres Geschichtschreibers: die erste Erscheinung und der erste Genuß der Natur vereinigen sich in dem Worte: cs werde Licht! hiemit fängt sich die Empfindung von der Gegenwart der Dinge an." (Die Stelle ist vo« Hamann, in den Kreuzzügen des Philologen. 1762, S. r 63 .) 8 Vom Geist fern ist der Ursprung der Poesie göttlich. Er ist aber menschlich nach dem Maas, nach der Eigenheit dieser Empfindung und ihres Ausdrucks: denn nur menschliche Organe genossen und sprachen. Die Poesie ist eine Rede der Götter, aber nicht, daß wir durch sie wüßten, wie wirklich die Elohim unter sich sprachen und empfanden; was sie dem göttlichsten Menschen, auch durch höhere Einflüsse, zu empfinden gaben, war menschlich. Wüßten wir von diesen Einflüssen, von ihrem Umgänge mit den ersten Kindern der Schöpfung, mehr psychologische und historische Umstande: so könnten wir vielleicht auch genauem Aufschluß vom göttlichen Ursprünge ihrer Sprache und VorstcllungSart geben. Da aber die älteste Geschickte des menschlichen Geistes uns dies versagt hat, so müssen wir nur vom Erfolg auf die Ursache, von der äußern Wirkung auf die innere Art der Empfindung schlicssen, und so betrachten wir den Ursprung der Poesie nur menschlich. Die erste Dichtkunst war also ein Wörterbuch prägnanter Namen und Ausdrücke voll Bilder und voll Empfindung; ich wüßte nicht, bei wcdher Poesie der Erde dieser Ursprung reiner ins Auge fiele, als bei dieser. Das erste Stück, daS wir in ihr haben , «) ist eine große Bil- dektafcl, der Anblick des Universum, nach menschlicher Empfindung geordnet. Licht ist daS erste Wort des Schöpfers, es ist auch das Organ der Gottheit in der empfindenden menschlichen Seele: hiedurch -r) 1, Mos. 1. der Ebraischen Poesie.' 9 eröffnet und weitet sich die Schöpfung. Himmel und Erde, Nacht und Tag, Tages - und Nachtge- stirnc, Geschöpfe auf Meer und Land sind Ausmessungen des menschlichen Auges, der Bedürfnisse, der Empfindung - und Ordnungsgabc des Menschen. Das Rad der Schöpfung lauft umher, so weit es sein Blick verfolgen kann, und steht bei ihm, dem Mittelpunkt dieses Umkreises, dem sichtbaren Gott auf Erden, still. Indem er alles nennt, und mit seiner Empfindung auf sich ordnet, wird er Nachahmer der Gottheit, der zweite Schöpfer, also auch Dichter. Hat man das Wesen der Dichtkunst in eine Nachahmung der Natur gesetzt, so dürfte man, diesem Ursprünge zufolge, es noch kühner in eine Nachahmung der schaffenden, nennenden Gotthci^ setzen. Nur sind die Gedanken Gottes auch in ihrem Ausdruck thatig: sie stehen in Geschöpfen da und leben. Der Mensch kann diese Geschöpfe nur nennen, nur ordnen und etwa lenken; sonst aber blieben seine Gedanken todtcs Bild, seine Worte und Empfindungen sind an sich nicht lebendige Werke. Mit je reinerm Blick wir indeß die Gegenstände der Schöpfung sehen und ordnen, je unverdorbener und voller unser Gefühl ist, Alles mit dem reinsten Maas der Menschheit, unsrer Analogie mit Gott, zu bezeichnen: desto schöner, vollkommener und (lasset uns nicht zweifeln!) auch desto kräftiger wird unsre Dichtkunst. In dieser Empfindung natürlicher Schönheit und Größe thut es oft ein Kind einem entstellten Greise zuvor, und die einfachsten Nationen haben arr Naturbildcrn und Naturcmpsindung die erhabenste, rührendste Dichtkunst. Ich zweifle, ob dieser Ur- Vom Geist io sprung der Poesie schöner, als durch dos ebräische ausgedrückt werden könnte? Das Wort heißt drücken, prägen: ein Bild, ein Gleich» iß prägen: sodann in Sprüchen reden, und dieser Poesie sind die höchsten Sprüche: sodann entscheiden, ordnen, sp recken wie König oder Richter: endlick regieren, herrschen, mächtig seyn durch das Wort des Mundes. Siche da die Geschichte des Ursprungs und des kräftigsten Theils der Dichtkunst. Es verdiente fast nicht bemerkt zu werden, wenn es nicht des häufigen Äisbrauchs wegen geschehen müßte, daß man die poetischen Bilder und Empfindungen keines Volks und keiner Zeit nach dem Regelmaas eines andern Volks, einer andern Zeit zu beurtheilen, zu tadeln, ztchverwerftn habe. Hätte der Schöpfer es geordnet, daß wir aste auf Einem Fleck der Erde, auf einmal, mir völlig einerlei Empfindungen und Organen, unter einerlei Gegenständen geboren würden: so wäre nichts gegen die so gerühmte Einheit des Geschmacks zu sagen. Da aber nichts zarter und vielfacher ist, als das menschliche Herz, da es nichts feineres und verflochteneres giebl, als den Faden seiner Empfindungen und Leidenschaften, ja da es eben zur Vollkommenheit der menschlichen Natur gehört, daß sie unter jedem Himmel, nach jeder Zeit und Lebensweise sich neu organisire und gestalte, da endlich das leichte Lüftchen des Mundes, das wir Sprache nennen, und das doch den ganzen Schatz poetischer Bilder und Empfindungen auf seinem Schmetterlingsflügel trägt — da dieser Hauch des Mundes der Ebräischen Poesie. poch Völkern und Zeiten ein wahrer Proteus ist: so dünkt mich, zeigte es eher eine Art starrer oder stolzer Anmaßung an, wenn jede Nation auch der frühesten Zeiten so denken, reden, empfinden und dichten soll, wie wirs bcgehrm. Es ist langst bemerkt, daß das menschliche Geschlecht in seinen Zeitaltern und Revolutionen den Abwechselungen unserS Menschenlebens nachzugehen scheint; (wenigstens dichtet sichs der Mensch alsol und wie die Em- psindungs-, Sprach- und Sehart eines Kindes nicht die Act eines erwachsnen Mannes ist; wer wollte von Nationen im Kindheitszustande der Welt unsre erfahrne Geläufigkeit und Flüchtigkeit in Bildern, den Eckel und die Feinheit unsers abgebrauchten Herzens fodcrn? Lasset sic sich an einfachen "Bildern lange verweilen, diese wiederholen, anstau- nen und ins Gigantische mahlen : so sehen, so sprechen und empfinden Kinder. Sie staunen an, ehe sie anschauen lernen: alles erscheint ihnen im blendenden Glanz der Neuheit: unbekannte und also größere Wesen wirken auf ihre noch ungeübten, also lebhaft empfindenden Hrgane: sie wissen noch nicht zu vergleichen, und also durch die Vergleichung zu verkleinern: ihre Zunge strebt sich auszu- drückcn und drückt sich stark aus, weil ihre Sprache noch nicht durch hundert leere Worte und gemein gewordene Achnlichkeitcn schwach und geläufig gemacht ist: sic sprechen also oft, wie Morgenländer, wie Wilde sprechen, bis sie endlich mit dem Gange der Natur und Kunst wie geschliffene und abgc- schliffene Menschen sprechen lernen. Lasset sie ihre Jahre genießen und auch jene Morgenlander in der Bo NI Geist Kindheit der Welt, wie Kinder dichten, sprechen und froh seyn.-- Noch fremder wäre cs, wenn man ein Bild aus seinem Zusammenhänge reissen, und sein Kolorit, den Schatten einer zerpflückten Blume, mit dem Kolorit eines Bilbcs, in einem Dichter ganz anderer Zeit, Nation, Sprache und Dichtung vergleichen wollte. Keine zwei Dinge auf der Welt sind sich gleich: keins ist gemacht, daß es mit dem andern verglichen werde; und das zarteste Gewächs, seiner Stelle entrissen, verdorret am ersten. Ein Wild existirt nur im Zusammcnhamw der Empfindung: mit ihm verlierts Alles, und wird eine gedankenlose Farbenmischung, die nur ein Kind nach der Helle des Anstrichs schätzet. Vielleicht verlieren keine Dichter so viel durch Vergleichung herausge- rissener Stellen und Bilder, als die Dichter des Orients: denn sie sind die entferntesten von uns: sie sangen in einer andern Welt, zum Thcil drei, vier Jahrtausende früher, als wir von ihnen reden. Wollte man z. E. das Bild des Nosses bei Hiob mit Virgils Beschreibung davon vergleichen, und bemerkte nicht: wer bei Hiob und wozu er spreche? was zu Virgils Zeiten in Nom, und zu Hiobs Zeiten in Jdumäa ein Pferd war? wozu es dort und hier erscheine? (Sprache, Metrum, Nation, Gedichtart, Alles noch ungerechnet) würde man wohl richtig gegen einander stellen? richtig schätzen und vergleichen?^) Doch wir gehen weiter. b) Allein hat ln seinem ou tlrs SPplicatiou ol natural llistor^ to koetrx eine solche Ner- der Ebräischcn Poesie. r3 II. Dos Bild mit Empfindung begleitet, wird dem Empfindenden gar leicht zum lebendigen Wesen; Personendichtung ist also der zweite höhere Grad deS Ursprunges der Dichtkunst. Es ist die Natur der menschlichen Seele, alles auf sich zu beziehen, also auch sich ähnlich zu denken. Was uns angenehm ist, muß uns lieben» was uns zuwider ist, hasset uns, wie wirs hassen: mit dem wir gern sprechen möchten, das gleichung angestellt, und auch über Hiobs Behemoth und Leviaihan ziemlich fremde geurrheilt. Kein Dichter will und wag mit seinen Beschreibungen zu Pennam's Zoologie oder zu LinneuS animalischem Reich Beitrage liefern; worauf die Dichtkunst arbeitet, sind nicht einzelne deutlich angegebene Züge, sondern Kraft, Wirkung in Composition derselben zum Ganzen. Dieser Zweck muß auch bei Hiob erforscht werden; alsdann gehört das Gigantische, das Nathselvolle, Wunderbare dieser Bilder zum Zweck der Composition seines Buchs auf dieser Stelle. Die Entfernung Jdumaa's von Aegypten, in deren Erstem wahrscheinlich das Roß noch ein fremdes seltenes Wun-> dergeschöpf war, ließ diese Ausmalung dem Zweck des Buchs gemäß zu; ja es forderte dieselbe. Freilich, sobald man den Verfasser des Gedichts zu einem Aegvpter machte: so wäre» alle Verhältnisse seiner Bilder verfehlt und übertrieben, weil jeder in seinem Lande das Roß und den Crokodil, den Straus und das Nilpferd kennen konnte. Vom Ginstich spricht auch mit uns und der geringste Schall, die kleinste Aeusserung desselben wird also zur Sprache, zum Angesicht gedichtet. Hierin sind alle alte Nationen einander gleich; ihr Wörterbuch konnte nicht anders gesammlet, ihre Grammatik nicht anders geordnet werden, als daß Namen in beiderlei Geschlechtern, daß Begebenheiten als Wirkungen und Handlungen lebendiger Wesen nach der Analogie des Menschen gedichtet wurden. Die cbräische Sprache ist solcher Personendichtungen voll, und es ist unleugbar, daß diese Theilnehmung, diese Versetzung in fremde Gefühle nicht nur das Rührende aller Rede, sondern gewissermaßen auch das erste Wesen der Moral gebildet habe. Beziehungen und Pflichten hören auf, wo ich im lebendigen Geschöpf nichts ähnliches mit Mir denke; je inniger ich dies fühle und ohne Skrupel glaube, desto angenehmer wird mir dieTheilnehmung, also auch die Behandlung desselben nach Meiner Empfindung. Die älteste Dichtkunst, die die Bildnerin des rohen Menschen war, Nutzte diesen Quell übcrfließender Gefühle, um ihm Erbarmen und Güte anzubildett, In Abels Blute rufet die Seele desselben: alle Thiere um Adam scheinen ihm mit seiner Empfindung belebt: er sucht unter Allen seine Gehnlsin. Sonne und Mond waren Könige des Himmels, Knechte-Gottes, Regierer der Welt. Die webende Luft ward eine erwärmende Muttertaube und Gott selbst, der Schöpfer von Allem, ward Werkmeister nach Menschen- wcise, der sein Werk ansieht, sich in ihm freut und es segnet. Ja, was noch kühner als dies ist, er ward des Menschen Vater, dessen Stelle dieser verrosten sollte auf Erden. — So übertrieben diese der Ebraischen Poesie. r5 Dichtung einem kalten Deisten scheinen mag, so natürlich und notbwendig war sie der Menschenempfindung. Ohne Gott ist uns die Schöpfung Ehaos, und ohne einen menschlichen Gott, der wie wir denkt und empfindet, ist keine freundschaftliche oder kindliche Liebe, keine Vertraulichkeit mir diesem Uns so unbekannten und doch so inmgst nahen Wesen möglich. Der Unendliche ließ sich also herab, die ersten Ideen von ihm dem Menschen so nahe zu machen, als es seyn konnte; und sowohl im ersten Schöpfungsbilde, als in der Geschichte der Altväter ist diese freundschaftliche Vertraulichkeit der Grund aller Beziehungen des Menschen zu Gort und Gottes zum Menschen. Im Zelte des Hirten ist Gott Hirt, im Kreise der Familie Vater. Ec besucht sie als Freund, und last sich zu häuslichen Opfermahlen laden. Der Sohn Abel gefiel ihm mehr als der Sohn Kain: und mir Noah roch cL den lieblichen Geruch der verjüngten Erde; gegen- theils zürnt er gegen die Tyrannen und ziehet gegen Nimrod, den Unterdrücker der Erde, als ob er auch Himmelsstürmer seyn wollte, zu Felde. Von Abraham laßt ec sich, als einen Nebenbuhler väterlicher Liebe, das Liebste seines Herzens, seinen Sohn schenken, und ringt mit dem Hirten Jakob, um ihm einen Heldcnnamen zu gewähren. Im Buch Hiob haben wir einige Personendichtungen entwickelt, auf denen das Andringende der rührendsten Reden ruhete: und so ists mit Erregung der Sympathie in allen Arten der Gefühle. Wenn die älteste Poesie etwas aufs menschliche Herz gewirkt hat, (und sie hat so viel darauf gewirket!) so konnte sie es nur durch dieses Mittel rhun: La- V 1 e-L- a6 Vom Geist her wem auch zu unsrer Zeit diese Biegsamkeit des Herzens fehlet, wer Personifikationen mit kalter Vernunft oder nach geometrischen Regeln ausmißk, der wird in Hebräern und Griechen Ungeheuer der Dichtung finden. Im Ebräifchen ist die ganze Sprache auf sie gestellt: in Namen, Verben, ja in Verbindungswörtern sogar auf sie geordnet. Alles hat bei ihnen Stimme, Mund, Hand, Angesicht und was macht die Eonstruction mit Sohn und Tochter, die ihnen, wie andern Morgenländern, zum Bedürfniß geworden ist, für kraftvolle oder schone Idiotismen! P Idiotismen, die meistens zu den ärgsten Mißdeutungen Anlaß gegeben haben: denn man kann beinah allgemein die Regel setzen: „je kühner und originaler eine Dichtung, eine Figur ist, desto mehr ist sie mißverstanden und mißgebraucht worden." III. Ein pcrsonisicirter Gegenstand, sobald er in Handlung tritt, die einen allgemeinen Satz anschaulich macht, wird Fabel. Von jener Figur zu dieser Dichtung ist also nur Ein Schritt, und das Morgenland ist, so wie an Personisicutioncn, so auch an Fabeln fruchtbar. Als Gott die Thiere zu Adam führte, daß ec siebe, wie er sie nennete, setzte er den Menschen in eine Schule der Fabel. Ein Thier mit einem Namen bczeich- c) Proben davon sind in laues commeniar. pass» Lsi.iriaos zahlreich gesammlet; im Ebräischen schlage man: Mann, Sohn, Tochter, Angesicht s in Len Wörterbüchern auf. der Eb ratschen Poesie ^7 bezeichnen zu können, mußte er dessen Charakter und Instinkt erkennen: beides lernte er aus Handlungen des ThierS und seiner Lebensweise Die mindeste Reflexion, die er mit dieser Thierhandlung verband, da er dieselbe gleichsam in Zusammenhang brachte und auf sich bezog, erfand einen allgemeine» Satz aus der Handlung, und so war, auch unausgesprochen, in der Seele des Menschen die Fabel gedichtet. Das erste Gespräch mit der Schlange, , der Umstand, daß Adam unter allen Geschöpfen nicht seines Gleichen fand, setzte diese Uebunq seiner Seele voraus; sie ist das punaturrr snlieus der Fabel» Man darf sagen, daß aus ihr dem noch kindliche» Menschengeschlecht die erste Moral und Klugheit hervorgegangen sey, und daß die Dichtung, als ob Thiere nach Mcnschenweise handeln, die wahre Bildnerin seiner Vernunft gewesen. Nicht nur daß, um zu ihr zu gelangen, der Mensch die lebendige, charakteristische Schöpfung bemerken mußte; erwarb auch genöthigt, ihre Handlungen auf sich zu beziehen, mithin was Nachahmens oder nicht -Nachahmens- werth sey, zu lernen. Was wir „Geschichte des Falls" nennen, war die erste Verirrung seiner Vernunft, die übel abstrahiere Nachahmung eines Thiers, das ihm der lehrende Vater nachher in feiner wahren Gestalt zeigte und damit seine werirrte Vernunft zurecht lenkte. Wie wir jetzt durch Erfahrung gewitzigt werden, bildete sich der Verstand des natürlichen Menschen an den Geschicklichkeiten der Thiere. Ihre Kunsttricbe sind ausgebildet: ihr Charakter rein bestimmt, stark ausgedrückt, standhaft. Hier war also der Mensch in einer reichen Schule, und Herders Werke j. Net, u. Lheel. II. B >ö Vom Gei st so wie die Tradition sagt, daß er die meisten Künste den Thieren abgelernet, so isis auch gewiß, daß seine ersten Bemerkungen über Sinnesart und verschiedene Handlungsweise von Thieren genommen seyn. Die ersten Namen menschlicher Charaktere sind alle von Thieren, so wie die ersten allgemeinen Sitten - und Klugheitssprüche größtentheis ihren Ursprung, die Fabel, noch bei sich führen: wir wollen das letzte naher bemerken. Eine allgemeine Sentenz ist eine Abstraktion aus einzelnen Begebenheiten; viele Sentenzen der Morgenländer tragen diese noch in sich und sind mit ihren Bildern, mit ihrer zusammengedrangten Allegorie gleichsam nur eine verkürzte Fabel. Sv ists mit vielen Sprüchen Salomens, z. E. der Moral, die die Ameise den Faulen giebt, dem gewaffneten Mann, der den Trägen übereilet u. f.; so ists auch mit den schönsten Sprüchwörtern aller Völker. Bei einem lebendigen Vorfall ward die Fabel gemacht; aus ihr die Lehre gezogen und des Gedächtnisses, des kurzen Scharssinns wegen in eine Metapher, ein Sprüchwort oder gar in ein Rakhsel zusammen- gcdrangt. Alle diese Dichtungsarten sind im Grunde Eins; ihr Vaterland ist Orient, der sie auch sehr liebet. Dort ist die Fabel erfunden, dort sind die Sprüchwörkcr, Sinnsprüche, Räthscl, selbst die Wurzel der Sprache voll Fabel; die ganze Poesie hat bei ihnen eine Art gnomologischen Fabelgcwan- des, das von unsrer periodischen Gedankentracht weit abwcicht. Dort sind auch diese Gedichtarten die reichsten, die schönsten. Für Eine simple morgen- ländische Fabel aus dem Reich der Thiere und Baume der Ebraischen Poesie. iS gebe ich zehn künstliche Erzählungen mancher neueren Sprachen, die oft weder Fabel noch Geschichte enthalten; jene enthalt oft die reichste Dichtung. Die Pcrlenschnüre morgen ländischer Sentenzen sind aller Welt bekannt, und der schöne Teppich ihrer lehrenden höheren Dichtkunst, der seine reichgestick- tcn Blumen mit so vieler Pracht ausbreitet, dünkt ihnen königlich und göttlich. Wir werden von diesen Dichtungsarten zu seiner Zeit mehr reden; jetzt bemerke ich IV. Daß auch die Geschichte im Orient, zumal wenn sie alte Natertraduion ist, gern den Umriß der Fabel annimmt, und gleichsam poetische G e sch l e eh t s sa ge wird. Wer die historischen Schriften des A. Test, aus den frühesten Zeiten liefet, wird dies kaum laugncn; wer den historischen Styl der Morgenländer auch in andern Geschichten kennet, wird es noch weniger zu läugnen begehren. Nicht nur, daß hie und da auch in die simpelste Erzählung poetische Redensarten einfließen, weil diese vielleicht aus Liedern, oder des stärkern Eindrucks wegen, der Mund der Tradition so gab: nicht nur, daß die Erzählung selbst alle Simplici- kät des poetischen Skyls in Bindewörtern und Wiederholungen liebet; am meisten auch, baß die Rundung, der Umriß der ganzen Erzählung poetisch ist, und so wie die Fabel auf die Sentenz, diese etwa auf einen Namen, ein Denkmal, einen Geschlechtsund Familienzweck zusammengchet. Der Wahrheit thut dies keinen Eintrag; es bestimmt und bekräftigt dieselbe vielmehr dadurch, daß die Erzählung B 2 20 Vom Geist auch in ihrem Ton und Umriß gleichsam ihre Urkunde mit sich führet: nur muß dcrAuslcgcr diesen Gesichtspunkt treffen und festhalten, oder er verkennet den Ton des Stücks, den Zweck und Umriß solcher Erzählung. Die Geschichte des Paradieses, der ersten Eltern, der darauf folgenden Stammvater, der Sündfluth, des Thurms zu Babel u. f. erscheinen offenbar im Licht einer Stammes- einer Nationalfage; und so gchts hinunterzu den Geschichten der Stammvater. Die Tradition hat sie zu einer heutigen Erzählung, zu einer Art k-chula rrio- rata gemacht, wo in jedem Zuge die Gunst Jeho- vahs ihren Vätern erwiesen, die Ursprünge, aus denen sie die Herrlichkeit ihres Stammes herleiten, das Recht, das sie aus dieses Land, der Vorzug, den sie vor jenen Völkern hatten, hervorleuchtet. Was bei andern Stammen wunderbare Helden - und Abenteursagcn waren, sind bei diesem Stamm durch Geschlechtrcgister und Denkmale dokumentirte Gottes - und Vatcrsagcn, die hie und da in so einfachem Schmuck erscheinen, daß die künstlichste Erdichtung ihnen nicht beikommt. Bei allen Völkern ist die Geschichte aus Sagen erwachsen; bei den Ebräern ist sie bis zu den Zeiten der Könige hinauf, dem Styl nach, fast, immer Sage geblieben, wozu die Sprache, die Denkart des Volks und der heiligen Schreiber, am meisten das hohe Alterthum der Zeit beitrug. V. Ich komme zu der eigentlichen Fiction oder Dichtung, die in Zusammensetzung bekannter , charakteristischer Bilder zu einem unbekannten charakteristischen Geschöpf bestehet; von welcher Dich- der Ebraischen Poesie. 2i tung der Cherub die beste Probe seyn kann. Löwe, Stier, Mensch und Adler sind bekannte Wesen; die Zusammensetzung derselben zu Einem Symbol war Dichtung. Man flehet, ich brauche Dichtung hier nicht für Lüge: denn im Reich des Verstandes ist die Bedeutung des Symbols, das dichterisch zusammengesetzt ward, Wahrheit. Selbst die Stücke der Zusammensetzung sind aus der Natur, und ich kenne kein Figment der Welt, das nicht seine Theile daher nähme: daher auch die Erfindung, neuer, ganz neuer Figmente so schwer ist, daß die größten Dichter einander wiederholen, und die entferntesten Nationen in erdichteten Wesen auf wenige Haupt- fermen Zusammentreffen muffen. Eine dieser Haupt- formcn aller Nationen, die Poesien haben, ist der Cherub; vielleicht die älteste Fiction der Welt. Er steht auf den Ruinen von Pcrsepolis, die mit ihrer Schrift und Bauart über die uns bekannte Geschichte humusreichen, und liegt als Sphynx vor so vielen ägyptischen Tempeltrümmern. Von ihm reden indianische, tibetanische, sincsische, persische, arabische Mährchcn, und er kommt in den alten griechischen, so wie selbst nordischen Sagen, nur bei jeder Nation auf ihre Weise, wieder. Auch die Dichtkunst der mittleren Zeiten hat ihn gebraucht: fast keine Poesie ist ohne ein solches gegflügeltcs Wesen. DieEbraer, dünkt mich, haben die älteste reincste Sage von ihm, und den so natürlichen Ursprung der wunderbaren Zusammensetzung erhalten. Er ist ihnen ein Hüter des Paradieses, sonach ward er ein Symbol der Geheimnisse, d. i. heiliger, unzugangbarcr Orte, durch einen leichten Uebcrgang ward er in seinen Theilen selbst Geheim» 22 Dom Geist niß, Zusammensetzung des edelsten Lebendigen der Welt. Er kam auf die Buudeslade, als Hüter der Geheimnisse des Gesetzes: mithin ward er Träger der Herrlichkeit des Herrn, der darüber wachte. Er kam in die Wolken und ward erst dichtcrische, dann prophetische Vision; doch sind diese letzten Anwendungen der cbräischen Poesie allein eigen. Den Eherud vor Moses Zeiten, das Wunderge- schöpf, das Geheimnisse oder alte Schätze der Bor- welr bewahrt, kennt die ganze Welt; den Cherub nach Moses Zeiten, den Träger der Herrlichkeit Gottes, kennt Judäa allein durch Uebergänge, die ich entwickelt habe, ck) Bon diesem Cherub auf den Weg gebracht, nahm die bilderreiche Phantasie der Morgenländer Anlaß, ähnliche Dichtungen zu erfinden : sie schwang sich auf seinen Flügeln in das Land großer Fiktionen. Man lese bei Vochartv) sein sechstes Buch von erdichteten Thieren, Und erinnere sich der vielen Fabelgeschöpfe in den Erzählungen Orients. Der Grund jeder Dichtung ist meistens eine Naturwahrheit: man hat nicht so wohl erdichtet, als wahren Dingen angcdichtet, und das Seltne, Einzige, Wunderbare zum Unbegreiflichen, zum völlig Fabelhaften erhöhet. Eine Probe sey der Baum deS Lebens und der Weisheit im Paradiese; diese einfache, bei MoseS so verständliche und natürliche, Sage ward durch die spätere Tradition zum wunderbar- el) Poes, der Ebr: Th. I. Grspr. 6. e) Loabarla Uicroroic. der Ebrai sehen Poesie. 23 sten Geheimniß ausgebildet. Dort war er ein vorzüglich gesunder Baum, der dem Baume des Verbots und Todes nahe stand; bald ward er ein Gewächs physischer Unsterblichkeit, und der Baum, an dem Gott den Gehorsam der Menschen erkennen wollte, war schon in der Dichtung der Schlange ein Baum der Elohimweisheit. Denselben Gang der Phantasie wird man bei andern Dichtungen der Morgenländer finden. Hiobs Behemoth und Levia, than, die wirkliche Thiere sind, werden, weil sie entfernt, groß, schrecklich, wunderbar waren, in Zügen geschildert, denen nur der kleinste Zusatz zu völligen Fabel- und Wundergcschöpfen fehlet. In den Propheten kommen einige erdichtete Thiere vor, die damals die allgemeine Sage glaubte; sonst aber hat sich die cbraische Poesie von Ungeheuern der Einbildungskraft rein erhalten. Da sie mit Zehovah alles erfüllte: so gingen die kühnsten Zusammensetzungen ihrer Bilder dahin. Der Donner ward Gottes Stimme, eine Stimme, die von den heiligen Dichtern verstanden wird : Licht ist sein Kleid, das er wie einen Mantel um sich schlagt, und in der Morgenröthe auf die finstre Nacht ausbreitet: der Himmel sein Zelt, sein Pallast, sein Tempel: die ganze Natur ein Heer von Lebendigen , die er als seine Diener gebrauchet. Mit Engeln ward also alles erfüllet; aber auf eine schöne, Gottes nicht unwürdige, Weise: denn Dinge der Natur waren diese Boten, und der Engel seines Angesichts, das oft personificirte Wort, ist sein ausgehender Befehl und Anblick. Wenn in den 24 Dom Geist frühem Büchern k) die Götter der Heiden als Dämonen erscheinen: so war dies dem Wahn der Völker, die sie anbeketcn, selbst Hu Folge: denn die meisten Heiden glaubten das angebetctc Bild von einem Geist belebet. Die Propheten Israels ergriffen diesen Glauben, und beugten die Dämonen als schadenfrohe, schwache, unreine Wesen unter Gott; bis der große Jesajas diesen Glauben auch verwarf, und ein nichtiges Idol als Idol zeigte. Satan selbst war in den frühem Zeiten nur ein Engel Gottes, den Gott sandte; ihm steht bei Hiob ein anderer Engel entgegen Z), der für den unschuldig Beklagten vor Gott das Wort nimmt: das Bild ist also in diesem Buch ganz dichterisch und gerichtlich. Das Reich der Tobten war eine so natürliche Zusammensetzung, daß ich mich nicht wundere, wenn cs wie bei. vielen alten Nationen, auch bei den Ebraern vorkommt. Man kannte noch keine metaphysische Trennung des Leibes und der Seele, und dachte sich also den Tobten, den so sichtbar Ermatteten, auch im Grabe noch lebend; aber in einem schwachem, dunkeln, kraftlosen Zustande. Die Stimme des Ermordeten rief in seinem Blut, und die leise Stimme der Tobten unter der Erde, das Flüstern derer, die in Gräbern wohnen, ist ein allgemeiner Glaube der Ebräer, Arabers) und anderer alten Völker. Da nun die Gräber Orients t) 5 Mos. 52, 16. 17. 8) Hiob ZZ, LZ. k) S. Schultens Noten zur Hamasa S- 558. u. f. weite Holen waren, in denen viele mit einander schliefen, so war die Idee von einem unterirdischen, unter die Schatten herabgesunkencn Reich dem Auge selbst gegeben. Da gingen also ganze Familien zu ihren Vätern: Helden, Königreiche und alle Siegs- Zeichen, mit denen jene begraben wurden, stiegen nieder. Die Helden, die schon unten waren, empfingen sie: als kraftlose Schatten trieben sie, was sie im Leben getrieben hatten, den Dunst ihrer Herrlichkeit weiter. Da ward also alle diesem Heer ein König, dem Könige eine Burg, der Burg Riegel und Thore gegeben, die niemand erbrechen konnte: denn keine Gewalt führt einen Verstorbenen zurück ins Leben. Da rauschten dunkle Todesströme, weil man bei Grüften in der Erde so oft auf Ströme kommt, und in Hölcn ihr dunkles unterirdisches Weinen höret; der Sterbende hörte diese Ströme, weil, nach einer oft bemerkten Erfahrung, die Sinnen des Ohnmächtigen ihm wie rauschende Wellen schwinden. Nun ward der Tod, der immer auf Beute lauert, ein Jüger mit Netz und Strick; zugleich aber auch, da der Körper in der Erde grauerlich verweset, ein Ungeheuer, das an den Todten naget u. s. f. — So natürlich waren alle diese Ucbergangc, die mit den gewöhnlichen Veränderungen, die Land und Clima geben, fast allen alten Nationen der Erde gemein sind. Doch genug der Proben. Wir haben jetzt stufenweise eine Reihe Gattungen der Dichtkunst betrachtet, die alle vom , der Rede voll Bild und Empfindung ausgingen: denn das sichet ein jeder, daß auch die Personendichtung , die Fabelzüze, 26 Dom Geist Näthsel, Sinnsprüche, endlich die eigentlichen Dichtungen nicht nur selbst zum gehören, sondern auch so verschieden Vorkommen können, als dies sich modisicircn laßt. In den ältesten Zeiten war die Spruchredc kurz, erhaben, kräftig, ,wie wirS aus den Segenssprüchen der Altväler, den streben Hiobs und den Orakelfprüchen Bileams wahrneh- men. Von diesen sind die Sprüche der Propheten eigentlich nicht anders, als wie das Schwächere vom Starkern, das Spatere, oft Nachgeahmte von der alten Urkraft verschieden: denn auch unter den Propheten und bei Einem Propheten giebt cs sehr verschiedene Grade der Starke und Kürze ihrer Bilderrede. Die Sprache war zu ihrer Zeit schon gebrauchter: Bilder und Lehren waren gemeiner: der Geist der Poesie reichte nicht an die ersten Zeiten. Es findet also gar keine Ursache statt, mit den Propheten eine eigne Art der Poesie zu machen : es war freilich oft poetische Prose, die indeß völlig den Gang der früher» parabolischen Poesie hielt. Wenn diese in abgetrennten Sentenzen erscheint, muß sie Kürze und Würde mehr zusammennehmen: eine Sammlung solcher Sentenzen haben wir an den Sprüchen Salomons. Ihnen zum Anhänge stehen auch Näthsel, ähnlich dem, das wir von Simson haben, in dem der Ton und Parallelismus des völligen merkbar ist; also gehört dies alles zu Einer Klasse, und das cbräische die verschlungene Rede, enthält mehr als das blose Näthsel. Jeder scharfsinnige, schwer aufzulösende Spruch gehörte dazu, und ein großer Theil der niorqenländischcn Widerrede arbeitete hierauf als auf seine Hauptschönheit. der Ebrätschen Poesie. 27 Auf welchen Inhalt diese übrigens angewandt werde? ob die erhabene oder gar verschlungene Bil- dcrrede Lob oder Tadel, Liebe oder Haß, Glück oder Unglück töne? ob sie lang oder kurz siy? u. f. reicht nicht zu, um eigne Nebengattungen der Poesie daraus zu machen. Sie stehen alle unter einer Hauptgattung, dem Bilderspruche mit seinem einförmigen erhabenen Parallelismus. Aber jetzt beginnet eine zweite Gattung der Dichtkunst, Gesang. Sobalv Musik erfunden war, bekam die Poesie neuen Schwung, Gang und Wohllaut. Die Bildcrrede hatte nur die natürliche Dimension, die Systole und Diastole des Herzens und des Athems, den Parallelismus; mit der Musik bekam sie höhere Töne, abgemessenere Kadenzen, ja selbst, wie wir aus dem Liede LamechS sehen, Reime. Was voraus Arhem war, ward jetzt klingender Laut, Tanz, Choraesang, ein Saitenspiel der Empfindung. Da Musik erfunden war, war auch das Lied, ohne Zweifel auch der Tanz da; lasset uns sehen, was die Dichtkunst hierdurch gewonnen oder verloren? i. Alle musikalische Poesie will eine Art höherer Empfindung: wenn sie Bilder singet, wollen diese mit Affekt belebt seyn; hiedurch ward also der stolze Gang der Bilderceve gebändigt, und in eine Gattung höherer Harmonie gezogen. Welcher Art nun der Affekt ist, der im Liede herrschet; darnach wird sich auch sein Gang, seine Harmonie fügen: Vom Geist 28 ein staunender Hymnus und eine feurige Ode, ein sanftes Lied der Freude, oder eine Elegie der Be- trübniß, werden nicht gleich moduliren. Das giebt nun Unlereinthei,'ungen des Gesanges, die aber den Hauptbegriffnicht andern. Die Elegie () das sanfw Lied der Freude oder der Liede s ) der Lobgesang und wie die Gcfangweifen weiter sogar nach Len Instrumenten abgethcilt wurden ; alle stehen unter dem Gesänge der seinen Namen eben von den Kadenzen und Einschnitten hat, die ihm die Musik anschuf. Das Lied nach äußern Gegenständen einzutheilen, und z. E. eine besondere Gattung Idyll zu nennen, ist uncb- räiseh, selbst unpoetisch. Auch bei den Griechen war nicht jedes Idyll und alles in ihm Gesang; in dem vortrefflichen Liede der Lieder ist nicht alles Idyll, obgleich aller »PA sanfter Gesang ist. Auch die Bilderrcde selbst die künstlichste Gattung derselben, die verschlungene Aufgabe (NI'N) ist nicht schlechthin dem Gesänge entgegen, wie wir aus mchrern Psalmen sehen i); kurz, Inhalt und Gegenstand machen zur Gattung nicht, sondern die Art der Behandlung. 2. Sogleich ergiebt sichs, daß dieser Gesang eine Art -Melodie, mithin Fortgang, Plan, Entwurf in das Ganze des Liedes bringe, von dem die Bilderrede, außer so fern cs der Inhalt selbst gab, weniger wußte. Nicht daß ich aus Ho- raz oder Pindar ein Negelmaaß Vorschlägen wollte, i) Ps. h.g. 78. f. der Ebräi sehen Poesie.' 29 nach welchem man Davidischc Psalmen messen müßte; jede Empfindung hat dies Maas, mithin auch diesen Entwurf in ihr selbst, daher cs den eigentlichen Affektpsalmen nie daran fehlet. Die lehrenden Gesänge haben ihn weniger, daher sie ihre Sprüche oft sogar an Buchstaben des Alphabets reihen; allein auch dies zesst, daß das Lied als solches eine Art von Maas und Umriß haben müsse, sollte dieser auch selbst aus dem A. B. C. genommen seyn. 3. Die Musik will Wohlklang, und da die ebräische Musik wahrscheinlich noch ohne ermattende Kunst war, so konnte sie sich desto mehr dem Schwünge des Herzens nähern. Nichts ist schwerer zu übersetzen, als ein ebcäischer Psalm, zumal ein Tanz - und Chorgesang der srühcrn Zeiten : die Töne in ihm fliegen im freiesten Rhythmus; die schweren Füsse unserer Sprache, ihre sangen harten Sylben schleppen sich im Staube. Dort macht Ein luftiges klingendes Wort eine ganze Region; hier hat man zehn nöthig, die zwar alles deutlicher, aber auch viel schwerer sagen. 4 . Die meiste Jnstrumentalpoesie der Morgenländer war Chorgesang, oft Gesang mit mehreren Chören, zuweilen selbst mit Tanz begleitet. Welche begeisternde Fülle dies in so frühen Zeiten, da der Affekt noch wenig geregelt war, dem Gesänge gegeben habe, wenn ihn, um Gottes oder einer allgemeinen Wohlthat willen, voll Nationalstolz und Nationalfrcude ein versammeltes Volk sang, überlasse ich der Empfindung eines je- dcn; zu unsrer Zeit, in unserm Gemenge von Na« tioncn, in denen wir kaum einen Gott, wenig allgemeines Interesse und kein Vaterland haben, sehn wir nichts dergleichen. Dort kam es nicht auf künstliche, sondern auf begeisternde Musik und Sprache an; kein kalter Wohlstand fesselte, kein nordischer Himmel schlug Seelen und Töne zu Loden. Der Gesang Moses und der Mirjam, Chorgesang eines erretteten Heers vieler Tausend, die mit Paukenschall unter arabischem Himmel ihren Jchovah preisen; wo ist ein emporfliegcnder Gesang wie dieser ? und er ward Vorbild der Gesänge Israels in spätem Zeiten. Büberrede und Gesang sind die beiden ^»auptpfortcn der Poesie der bbräcr; und dürfte, könnte cs mehrere geben? Sie sind Poesie fürs Auge und Ohr, durch welche beide sie das Herz besänftigen oder bestürmen. In der Bildende spricht Einer; er lehret, straft, tröstet, unterrichtet, lobpreiset , sieht die Vergangenheit und enthüllet die Zukunft. Im Gesänge singen Einer oder Viele: sie singen aus dem Herzen und zerschmelzen das Herz, oder sie flößen Lehre eine, durch dcn süßen Trank der Töne. Beide Gattungen der Poesie waren bei den Ebraern heilig: die größten Bilderredner waren Propheten, die erhabensten Lieder Gesänge des Tempels. Ob beide Gattungen, Bilderredc und Gesang, in größere Formen, z. E. Dramata, Epopcen u. f. gebracht sepn? wird die Zukunft zeigen. Zum Schluß erinnere ich noch Eins, daß eben der Ebräischen Poesie. 3i der genannte Genius, der erhabene Spruch, die Bilderrede, sie bald zu einem geheimen mystischen Sinne führte. Diese Art zu erklären ist nicht nur den Ebräcrn; auch Arabern, Persern eigen, und die vcrliebtesteOde desHast; wird, wenn eS darauf ankommt, manchmal den feinsten spirituellsten Sinn geben, in dem sich oft alle Schätze der Erkenntnis finden lassen, von dem, der sie darin finden wollte. Der Grund davon liegt im Genius, im Ursprünge, in den Wurzeln der mor- genländischen Poesie selbst. Ein erhabnes, aber dunkles Bild, eine mit Scharfsinn verzogene Gleich- nißrede, ein Götterspruch, den ein räthselhafter Parallelismus gleichsam nur von fern hcrtönet; diese Arten des Ausdrucks wollen Erläuterung, Auflösung. Und wenn ein Gottvoller, begeisterter Mensch spricht, wenn er im Namen der Götter von Schicksalen der Zukunft redet; wer wird nicht gern mehr erwarten, als er vielleicht sagen wollte? Und wer wird cs nachher nicht auch in seinen Göt- tcrsprüchen gern finden, gesetzt, daß man auch kein staunender, auf den höchsten Sinn gespannter Morgenlander wäre? So ists der ebräischen Poesie Jahrhunderte durch gegangen; und wenn unsere Zeit und Nation ein Lob verdient, so ists über ihr kaltes Bestreben, sich unberauscht von Glossen und geheimer Bedeutung dem simpeln Ursinn jener Dichter nahen zu wollen, und die Gökkersprüche derselben im Gesichtskreise der ältesten Zeit zu hören. ch-OMMKMWMKer.' -MML' 22 Vom Geist Opitz von der ältesten, in sonder» heit griechischen Poesie. Die Poeterci ist Anfangs nichts anders gewesen, als eine verborgene Theologie und Unterricht von göttlichen Sachen. Denn weil die erste und rauhe Welt gröber und ungeschlachter war, als daß sie hätte die Lehren von Weisheit und himmlischen Dingen recht fassen und verstehen können: so haben weise Männer, was sie zu Erbauung der Gottesfurcht, guter Sitten und Wandels erfunden, in Reime und Fabeln, welche sonderlich der gemeine Pöbel zu hören geneigt ist, verstecken und verbergen müssen. Indem sie also so viel herrliche Sprüche erzählten, und die Worte in gewisse Reimen und Maas verbunden, so daß sie weder zu weit ausschritten, noch zu wenig in sich hatten, sondern wie eine gleiche Waage im Reden hielten, und viel Sachen vorbrachten, welche einen Schein sonderlicher Prophezeihungen und Geheimnisse von sich gaben, vermeinten die Einfältigen, es müsse etwas Göttliches in ihnen stecken, und ließen sich durch die Annehmlichkeit der schönen Gedichte zu aller Tugend und gutem Wandel anführen. Die Alten haben gesagt: die Poeterei scy di: erste Philosophie, eine Erzieherin des Lebens von Lugend auf, welche die Art der Sitten, der Bewegungen des Gemüths, und alles Thuns und Lassens lehre ll. f. Ur. der Ebraischen Poesie. 33 Ursprung und Amt der Poesie. bin Psalm.*) Der Vorsänger. HochgSlobet sey Gokt! Er gab dem sterblichen Menschen Seiner unsterblichen Kunst ein kleines leuchtendes Abbild, Dichtkunst. Singt, ihr Männer der Saiten, besinget des Ewgen Tochter, die himmlische Muse, die Völker und Welten gelehrt hat. Erster Sänger. »Mich besaß Jehovah! Eh seine Wege begannen, War ich und ordnete da der Schöpfung leuchtende Wege. Eh die Liesen noch waren und eh die Quellen noch quollen, War ich der Weisheit Quell, die Liefe der Dichtung Jehovahs." Also sprach die Muse! Wir singen die Muse, wie sie sprach. Zweiter Sänger. „Mich besaß Jehovah! Eh noch die Erde gebaut war, *) Wem diese und andere Poesien zu Ende der Abhandlungen überspannt oder fremde Vorkommen, den bitte ich, sie zu überschlagen. Sie sind sodann nicht für ihn, sondern für andere geschrieben, die wohl wissen werden, wozu sie hier beigerückt sind? Die wenigsten sind von mir» Herders Werke z. Rcl. u. Thcvl. II« b Eh er die Berge gesenkt, eh er den Himmel befestet, Da er dem Meere sein Ziel, den Wassern^ ihre Gefilde Gab; da war ich und spielte vor ihm und zeichnet' den Riß ihm." Also sprach die Muse! Wir singen die Muse, wie sie sprach. Erster Sänger. „Und ich spielte vor ihm. Die Ewigkeiten hinunter Hatt' er Gefallen an mir, an mir der holdesten Tochter Seines Thrones: ich führt' im Reigen die Söhne des Lichtes, Führte die Chöre der Morgenstern' um des Ewigen Thron her. Ewig singen die Engel und ewig jubeln die Sterne, Tanz und Gesang, den ich, die Tochter Gottes, sie lehrte." Zweiter Sänger. „Und ich spielte vor ihm. Die neugeschaffene Erde War mein Eden; da ging ich als Braut zu seinen Geliebten , Lallte mit ihnen und huldigte sie: ich pflückte der Schöpfung Schönste Blumen und krönte die Lieben am Tage der Hochzeit, Krönt' am Tage der Freuden sie mit gesellender Dichtkunst. Ewig blühen die Blumen, und ewig gesellen die Lieder." Erster Sänger. ' Oeffne mir, Muse, den Blick: du gabst dem Auge des Menschen Götterblicke, die flogen hinaus, wo Ströme des Lichtes Sich ergießen vom ewigen Quell, wo Sonnen und Monde Gottes Saitengesang, in fröhlichen Tönen einhergehn. der Ebraischen Poesie. 35 Und er stimmte die Leyer zum Gang der Sonnen und Monden, Nahm vom ewigen Quell hellleuchtende Strahlen und goß sie Auf die Sailen» Wie Pfeile des Lichts erklangen die Töne, Eilten in goldenem Flug' hinauf.zum Ohre des Schöpfers» Zweiter Sänger» Oeffne Mir, Muse, das Herz. Du gabst dein menschlichen Herzen MiteMpfindung. Es blüht' in der Blum' und mit der Cypresse Wuchs es Himmel - hinan! stieg mit der Lüste Gefieder Aus und sang; vom fröhlichen Schall frohlockten die Wälder» Und erstiMMte die Laute zu seiner fühlenden Brüder Mitgefühlen; da ächzte der Schmerz auf wimmernder Saite, Und wie ranne» die Bäche der süßen Thränen hinunter! Leis' hinunter: es schmolz das Herz, zerflossen in Tönen» Erster Sänger» Hochgelobet sey Gott! Er gab der Zunge des Weisen Seinen schnellcsten Blitz, das Wort vom Munde Jchos vahs» Sieh es zertrümmert düs Herz und schüttet hoch von dem Altar Gottes feurige Glut dem Sünder durch alle Gebeine. Fleuch ins Dunkel, Verruchter! umhülle die Seele mit Dunkel, Dennoch findet es dich das Schwert vom Munde Jehös vahs» C 2 36 Vom Geist Zweiter Sänger. Dank dem gütigen Gott! Er gab der Lippe des Weisem Seines rosigen Lhaus'dcn ersten holdesten Tropfen: Balsam flößet er ein ins Herz vcrwundcicr Unschuld, Haucht mit Arhem der Liebe sie an, die sinkende Ohm macht. Trankst du vom birtern Becher der Welt, o trinke deL Himmels Süßen Trank in Tönen, die ewig, ewig erlaben. Der Vorsänger. Auf! versammlet euch Brüder und gießt die Ströme der Lieder Milde zusammen, vereint den Gesang, der über des Lebens Letztem Ufer von allen Entronnenen freudig emporsteigt. Beide. Dank dem Ewigen! Heil! Des Lebens düstere Fabel Ist gelöset: wir lösen sie auf am Klange der Saiten, Singen in fröhliche Saiten den Spruch des Räthsels: der hohe Spruch ist: ,,Ehre Jehovah! und Heil uns glücklichen Wesen! " Ehre Jehovah und Heil uns glücklichen Wesen! Er gab uns Drunten des Himmels Sprache: wir übten lallend in Tönen Uns in Gotlesgcsängen der Seel'- erhebenden Weisheit Und zerflossen in Tönen der Balsam - träufelnden Weh- muth. Ehre Jehovah und Heil uns glücklichen Wesen! Die Wehmuih Ist vorüber, ihr letzter Gesang zerflossen in Freude, der Cbräischcn Poesie. 3? Hohe mächtige Freude: denn unsre Gesänge sind Lhat nun, Ewige Chöre voll Jubel harmonisch-wirkender Eintracht. Der Vorsänger. Schweigt ihr Brüder, und singet dem Herrn durch menschliche Lugend. Anhang. Einige Gründe des subjektiven Ursprungs der cbräischcn Dichtkunst. Die vorstehende Abhandlung betrachtete den Ursprung und das Wesen der cbräischcn Poesie obje k- tiv: sie mar bestimmt, die Acste und Zweige des Baums aus Stamm und Wurzel zu zeigen. Vielleicht wünscht mancher auch den Boden zu sehen, der den Baum trug, d. i. einige Umstande bemerkt zu finden, unter denen die Sprache solcher Bilder und Empfindungen fähig ward, und sich in Perso- nisicationen, Dichtungen, Sagen, Lieder und Weis- hcitsprüche solcher Art verbreiten konnte. Auch hiebei will ich, wie ichs bei der Abhandlung selbst gc- than habe, mehr erinnern, als ausführcn. i. Solche Bilder und Ideen, als uns auch nur die ersten Kapitel Moses gewähren , sind keinem wilden Volk möglich. So lange es als ein Erdklos auf dem Boden liegt und den drückendsten Bedürfnissen dient, wird cs nicht zu Abstractionen und Benennungen gelangen, wie sie uns das erste Gemälde der Schöpfung in einer dem sinnlichen Menschen an- Vom Geist 38 gemessenen Ordnung und Symmetrie vorführt. Von wem auch dies Srück sey; so ists in Bildern und dem Zweck ihrer Darstellung das Werk eines weisen Meisters. Kein Orpheus macht hier Tieger und Löwen zahm: kein Silcn singt das größte Pocni der Welt, die Kosmogonie, in Fabeln verwandelt; alle dies waren Geburten oder Mißgeburten eines spätem Witzes, einer verhüllenden Einkleidung. Hier ist als ob einer der Elohim selbst, der Genius der Menschheit, unsichtbar lehrte. Die leichtesten Ausmessungen und Classificationen der Gegenstände hak ec zusammengeknupft und singet den Menschen, seinem unsichtbaren Vater und Schöpfer gleich; er hebet ihn, durch eine Nachahmung desselben in Ruhe und Arbeit, zu einem Herrn der Schöpfung. 2. Und diese feine Ideen sind, selbst dem Verhältnis? nach, in dem sie hier erscheinen, schon in de» Wurzeln der Sprache da: cs ist als ob diese g if sie gepflanzt, in ihnen erwachsen wäre. Also ist diese Sprache, so viel Zeichen sie von der Kindheit dcs Menschengeschlechts in Ideen und Artikulationen an sich tragt, durchaus schon gebildet gewesen , da dies erste Stück, ich will nicht sagen, com- ponirt, sondern nur gedacht wurde. So spricht wetz r in Schallen noch im -Bau der Wörter kein Ka- ribe. Hier sind keine langen Laute, die kleinste Sache zu bedeuten, hier ist kein 'wilder Wald von Benennungen neben einander; vielmehr hangt alles an Einem Faden, und so ist die ganze Sprache an die leichtesten Wurzeln gereihet. Was Etymologie und Grammatik belrifftsich sage nichtSiinrap und Schreibart) ist die alte ebräische Sprache ein Meisterwerk der Ebraischen Poesie. 39 sinnlicher Kürze und Lrdnung. Mo» möchte sogen, ein Gort habe sie für kindliche Menschen erfunden, um mit ihnen wie rin Spiel der frühesten Logik zu. spielen. 3. Eine so früh gebildete Spruche also, war ein wahrer Schatz in den Händen des Geschlechts, das sie besaß. Sie hatte schon viel vergedachtc Bilder und Empfindungen in sich, die inan als Erb- theil bekam, die man nur anwenden durfte. Wir wissen nichts von der alten ägyptischen Sprachherr- lichkcil und Weisheit; aber das wissen wir, daß ein Phöuicier die Buchstaben nach Griechenland brachte, daß Pelasger und Ionier ursprünglich asiatische Völker waren, wahrscheinlich Verwandte dieser Sprache. Sie hat sich, wie die mosaische Urkunde sagt, aus dem Hetzern Asien am Euphrat hinabgewgen, und alhmet ganz das asiatische Klima. Ihre Ideen sind voll starker Cvntrastc, voll Licht und Dunkel, voll Ruhe und Arbeit: dies ist der Charakter des morgenlandischen Himmels, und des Genius seiner Nationen. In Grönland würde sich nichts so frühe gebildet haben. Wo die Natur angestrengt ist und der Mensch unter ihrer Last leidet, ist er vielleicht zu schweren Künsten, zu harten Geschicklichkeiten und Leibesübungen geschickt, nicht aber freier Ideen, weiter Aussichten, umfassender Empfindungen fähig. 4 . Und diese alte unter einem weiten Himmel gebildete Sprache pflanzte sich in einem Hirtenstamm fort; eine Lebensart, die sowohl zur Erhaltung als Gestalt ihrer ältesten Ideen und Nachrichten viel beitrug. Der Hirtenstand ist einer der frühesten Stände der Menschheit, von einer noch eingeschränkten Kultur; er setzt aber Kultur schon voraus, und kann ohne mancherlei Künste und Einrichtungen nicht bestehen. Diese sind alle von der sanfrestdir Art. Er entwickelt Familienbandc, und hat das häusliche Vatcrregiment befestigt: er gewöhnte Thiers an Menschen, und gebot sanfte Empfindungen gegen die Thiere: er gab Gefühl der freien Natur, das noch jetzt bei allen Beduinen unauslöschlich ist, indem sie die Städte als Kerker meiden. Wenn also in einem solchen Hirtenstamm alte Eindrücke vom Gott der Natur, von Vätern, die ihm lieb gewesen , von Sittlichkeit und Unschuld herrschten, so wurzelten sie tief in diese häusliche freie Lebensart, und fanden da ihre State. Daher sind die Sagen, die wir vom Paradiese, den Vätern, den ältesten Schicksalen unscrs Geschlechts haben, Hirtensagcn; sie erhielten so viel, als der Hirt fassen und in seinem Kreise bewahren konnte, so viel sich an seine Denkart und Lebensweise anschlang, Eben diese Lebensweise gab also auch den sanften Empfindungen Raum, mit denen wir diese Sagen bezeichnet finden: dahin gehört die Freundschaft Gottes, die Vertraulichkeit der Engel mit den Patriarchen. Man verwandle die Aufopferung Isaaks in eine Allegorie von seiner Todcskrankheit und Wiedergenesung (welches sie nicht war, wodurch sie aber unfern Sitten näher käme) welche schöne Standhaftigkeit des stillen Helden, dem sein Sohn drei Lage im Herzen todt ist, und der ihn ohne Widerrede ausopfert! Mau verwandle den Thurm zu Babel in die Allegorie eines unterjochenden, drückenden Reiches, das tirannisch auf der Erde herrscht, und Gott jetzt selbst Her Ebr äischcn Poesiel in den Himmel will: welche schone Fabel! — Jacob , der bei seiner ersten Nachtruhe außer dem väterlichen Hause den ercffuetcn Himmel sieht, und in einer drehenden Lebensgefahr zuvor mit dem Schutzengel seiner Sicherheit kämpft und ihn überwindet; diese und andre Geschichten, auch nur als Dichtungen betrachtet, wie schone Hirtensagen sind sie! —- Sie bringen ihrem nacherzahlendcn Geschlecht ihren Gott so nahe, und bringen mit ihm Zutrauen, Unschuld und Menschlichkeit in die Familie. Kein kriegender Irokese, kein jagender Hurone dichtete so, 5. Noch mehr wirkte diese Lebensart in einem abgeschlossenen Stamm, der sich mit fremden zu vermischen, viel zu vornehm achtete. Und was machte ihn so vornehm? Eben was wir bisher betrachteten , seine Sprache und Abkunft, seine Sagen und Vorzüge aus der alten Zeit, die Sprüche und Segnungen seiner Vater, Warum verachteten die Semiten den Eham und Kanaan? Weil ihr Stammvater ihn herabsetzte, weil die Schande eines Bubenstücks in der Familie auf ihnen lag. Warum wurde Ammon und Mcab von Mose so weit zurnckgesetzt, ob er sie gleich als Anverwandte zu beleidigen verbot? Weil sie Höhlenkinder, das Geschlecht einer Blutschande, waren, die nach der damaligen Lebensweise in Familien sich nie verlöschen ließ.' Woher kams, daß Israel in Aegypten noch ein Volk blieb, daß ein ägyptischer Fürst, der ange- sehne Joseph, seine Söhne mit einer vornehmen Aegypterin erzeugt, zu den armen Hirten und nicht zu 'den Acgyptern zahlte? Wenn hier nicht Geschlechtsstolz sichtbar ist, ist crs nirgends. Diese ar- men Hirten hatten große Vater, Verheißungen Gottes über ein weites Land, Genealogien bis zu Adam hinauf, über die sie auch im größten Druck ihre (Schreiber) nie verloren. Warum erwählte Moses lieber mit seinem Volk Schmach zu leiden, als Aegyptenlands Ehre zu genießen, sobald er s,ine Abkunft erfuhr? Er sah die alten Vorzüge und Ansprüche seines Geschlechts, und wollte lieber Retter desselben, obwohl mit der größesten Gefahr, als in Ruhe und Ansehen sein Unterdrücker werden. Diese Genealogien also, dieser Ahnenstolz eines unver- mischten Hirtenqeschlcchts, hat uns nebst jener uralten Sprache auch jene alten Sagen, frei von fremder Mythologie, (welche ihnen Abgötterei und Aberglaube war) frei von zugemischter Gelehrsamkeit, die sie verachteten, erhalten und ihrer Poesie den Gang eingedrückt, der aus den Segenssprüchen weissagender Vater ausging. Zm enropa-schen Gemisch der Völker waren keine so alten Denkmale, keine so reine Familienpocste möglich. In Jdumaa, wo Familienfürsten in einer Harkern Lebensart herrschten, hat auch bei ursprünglich derselben Sprache die Poesie, wie das Buch Hiob zeigt, einen flackern, festem Charakter- 6. Zu Fortleitunq der Genealogien gehörte Schrift, und ich habe wahrscheinlich gemacht, daß die Buchstabenschrift eben an diesen sehr frühe entstanden. Man sollte sich Namen merken, auf die man alles baute.; man suchte also, da das Bild einer Hauptmerkwürdigkeir aus dem Leben des Mannes nicht hinreichke, Bild und Schall zu paaren. So entstanden die Charaktere des ältesten Alphabets derEbraischen Poesie. 43 der Erde, und zugleich die Namen derselben. Beth heißt ein Haus: es wird wie ein Haus gemalt, und zugleich ungefähr die Artikulation des Mundes mit- gemalct: so weiter. Das Alphabet muß sehr alt fern: denn cs scheint uns mit der Sprache gebildet. Ich gebe dem Ebraischen damit kein Lob, das ihm nicht gebühret: cs ist eine Kindheitsprache, die sich nicht fortgebildet hat, wie die Griechische und Lateinische ; aber ihre Anlage war groß, bestimmt und weise. Ihre Buchstaben, (obwohl unvollkommene Zeichen mehr zum Wiedcrcrinncrn als zum Lernen) haben ihre Wurzeln, ihre Beugungen und Regionen geregelt; und .da alle alte Volker mit starken Accenten sprachen: so war damit, sobald diese über die Buchstaben, der Nothdurft wegen, nur in einigen Zeichen bemerkt wurden, die älteste Prosodie fertig. Daß die Accente der ältesten Sprachen nicht Accente unserer Art, sondern höhere, Notcnahnliche Unterscheidungen waren, ist ausgemacht; mithin war durch dieselbe bei den kurzen Regionen des Parallelismus die simpelste Art eines künstlichen Rhyt- mns geboren. 7. Alle diese Eigenheiten und frühen Vortheile bringen uns darauf, zu glauben, daß der Anfang der menschlichen Bildung nicht durch ein Ungefahr oder durch den Wurf der Zufälle bei einer blockenden Heerde, sondern väterlich, göttlich entstanden sey; und so wenig ich die Art dieser Beihülfc zu bezeichnen wage, so wage ichs noch weniger, sie zu bezweifeln oder zu läugnen. Hatten wir von andern Völkern Mehrere so alte Schriftdenkmale, oder fänden sie sich noch: so würde dieser Ursprung von 44 Vom Geist der Ebraischcn Poesie/ mehreren Seiten evident werden. Wie hier Nachrichten im kindlichen Hirtenton sind: so würden sie bei andern Nationen, obgleich durch das Vehikulum ihrer Denkart verändert, immer noch dieselbe Sache bezeugen. Also geht hier vom ersten frühen Anstoß alles aus, und das Geschlecht hat kein Verdienst, als daß es, seiner Sprache, seinem Elima, seiner Lebensweise nach, diese Eindrücke unvermischt und unverfeinert ferttrug. Dies dünken mich die subjektiven Gründe, die die OriZinag dieses Volks bilden: das Auge der Vorsehung ist dabei.unverkennbar« II. Beruf und Amt der Propheten». Inhalt. Vom Beruf Moses. 1. Die Erscheinung Gottes. Feuer blieb dasSyms bol der göttlichen Erscheinung. Was Engel Gottes, Ei» gel des Angesichts heiße? Erscheinung Gottes an Moses, an die Aeltesten Israels, an Elias, än Jesaias, an Ezechiel und Daniel. Vergleichung dieser Erscheinung: mit den ältesten Zeiten- Stufengang der Poesie in Entwickelung der Bilder. Was es aufldie ebräische Poesie für Einfluß hatte, daß keine Göttergestalten zu beschreiben waren? 2 . Wort Gottes an Moses, an spätere Propheten. Propheten des Worts und der Lhat nach Beschaffenheit der Zeiten. Kraft des Prophctcnworts. Ob sie nach eigner Phantasie sprechen konnten? Gestalt der ebräi- schen Poesie durch diese ernste, gewisse Begeisterung. Ihre Verschiedenheit nach den Zeiten. 3. Zeichen Moses. Wozu sie waren? wofür sic galten ? Zeichen der spälcrn Propheten in Sachen außer ihnen und an ihnen selbst. Beispiele aus Jesaias. Was der Name Prophet ursprünglich bedeutet? Wis er auf Göttersprücho in Poesie und Musik ubergegangen. Ob die Propheten Wahnsinnige gewesen? Stelle aus Jesaias. Die Propheten, ein Gedicht. Anhang. Warum waren aber Propheten so vorzüglich diesem Volk eigen? 46 Vom Geist ^)ie meisten ebraischen Dichter waren heilige Personen, Weile des Volks, Propheten; lastet uns einige Züge dieses Berufs und Charakters von fernher entwickeln. Als der vertriebene Moses in der arabischen Wüste seine Heerde weidete, kam er an den Berg Gottes Horeb, n) Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Klamme aus dem Busch; da rief ihm Gott aus der Feucrflamme, und offenbarte sich ihm als den Gott seiner Vater. Er gab ihm ein Wort des Auftrags zur Errettung des Volks z und da Moses Zweifel machte, gab er ihm Zeichen. Gesichte, Wort und Zeichen sind also, wie bei diesem ersten und grosssten Propheten, nachher einzeln oder beisammen auch die Creditive des Berufs seiner Nachfolger, mithin auch die Seele ihrer Poesie; vor All.m also müssen wir hievon reden. r. Die Erscheinung, die den Moses aufmerksam machte, war eine Feuerflamme im Busch. Möge nun dies Symbol in seiner nähern Beziehung bedeutet haben, was es wolle: so wars hier Symbol der erscheinenden Gottheit, die sich zu dieser Zeit, an diesem Ort nicht einfacher offenbaren konnte. Was war in der arabischen Wüste als etwa ein Baum, ein dürrer Busch? zudem war das Feuer von den ältesten Zeiten her in Orient und fast bei allen Nationen Symbol der Gottheit, das es auch, seines Glanzes und seiner Eigenschaften wegen, so vorzüglich seyn kann. Es ward also in der Poesie - Mos. 3. der Ebra ischen Poesie. 47 und den Anstalten Moses, doch ohne Bilderdienst und Abgötterei, Symbol Jehovahs. So oft heißt Gott bei ihm ein verzehrend Feuer, dessen Zorn bis in die unterste Liese brennet. Auf Sinai erschien er alto: in einer Feuerwolke zog er vor Israel her: heiliges Feuer siel vom Himmel und verzehrte das Dpfer: eine Wolke wie Feuer bedeckte die Wohnung. In Propheten und Psalmen sind diese Bilder gewöhnlich. Der Gott, der sich hier offenbarte, nennt sich Iehovah , und heißt auch der Engel Ichovahs. k>) So ziehet in der Wolke Zehovah vor Israel her, und doch ists auch der Engel Gottes, der vor Israel hergeht, und abermals wieder Gottes Angesicht selbst; — nur Unkunde des Geistes -Moses in diesem Idiotismus hat hier Zweifel machen, oder gar eigne Gattungen der „Engel des Angesichts" -schaffen können. Moses Iehovah ist unanschaubar; sobald er im Symbol irgend einer Natursachc erscheint: so ist diese sein Engel, d. i. sein sichtbarer Bote, oder nach Moses schönem Ausdruck: Gottes Name ist in ihm. Da es in den Mosaischen Büchern so oft und stark ausgedrückt wird: das Antlitz Gottes könne niemand schauen oder nachbilden: so werden mit großem Bedacht die Namen unterschieden. Also auch selbst dem Ausdruck nach heißt das Angesicht , Gottes „die speciellste Vorsehung und Aussicht," die vor Israel herzieht und so fern von dieser Gegen- 1>) 2 Mos. 3, 2. 4. 6. 2 Mos. ih, rg. rh. 2 Mos. 33 , 34. u. s. Vom Geist 48 wärt ein Zeichen - erscheint, ist dies Zeichen der Bote seines Anblicks, sein Gesandter. Dem Moses war die göttliche Erscheinung also nur ein Symbol; wir wissen aus seiner sparern Geschichte, wie Gott cs ihm weigert, ihm sich selbst sehen zu lassen, ob er wohl vertraulich mit ihm sprach, wie ein Freund zum Freunde. Er gehet nur, vermuthlich in Wetter und Glanz, ihm vorüber, und eine Stimme muß seine Thaten, seine, eines Geistes, Eigenschaften preisen, c) Ich glaube, es giebt in allem, was die Menschheit dichten kann, wenig so erhabne Situationen, als diese einfach erzählte Gottesgeschichte. Kam Moses zu dem heiligen Grzelt: So stieg die hohe Wolke nieder, . Und stand am Zeltesthor und sprach mit ihm. Es sah das ganze Volk die Wolke stehn An Zeltes Thor und alles Volk stand auf, Und jeder bückre sich vorm Thor des Zelts. Jehovah sprach mit Mose, Mund zu Mund, So wie ei» Mann mit seinem Freunde spricht. Und Mose sprach zu Gott: „sieh, du gebotest mir! „Laß ausziehn dieses Volk!" Und zeigtest mir nicht an, Wen du zur Hülfe mit mir senden würdest? Du sprachest nur: ich kenne dich beim Name»! Du hast vor meinem Antlitz Gnade sunden. Jehovah sprach: „mein Angesicht „Soll mit dir gehn und Ruhe dir gewahren." Er e) » Mos. Ä, 9-a3. Kap. 3H, bet Ebraischen Poesie. 49 Er sprach: „geht nicht dein Angesicht Mit uns; so führe nicht uns weiter fort. Woran soll man erkennen, Daß ich und dies dein Volk vor dir in Gnaden sey? Nicht darin, daß du mit uns zeuchst? Und ich und dies dein Volk geschieden sind Vor allem Volk der Erde?" Jehovah sprach: auch dies will ich dir thun, Weil du mir werth bist und ich dich Beim Namen kenne (meinen treuen Knecht:) „So laß mich sehen deine Herrlichkeit!" Ich will vor deinem Angesicht All meine Schöne zeigen, rufen aus Jehovabs Majestät vor dir: Denn ich begnad'ge hoch, den ich begnadige, Win sehr voll Liebe, dem ich liebreich bin. Nur sehen kannst du nicht mein Angesicht: Denn kein Mensch stehet es und lebt. Und sprach: hier ist ein Ort bei mir; Da auf dem Felsen sollt Lu stehn! Da wird vorübergehen meine Zier Und du sollt stehen in des Felsen Thor Und meine Hand dich decken, wenn ich geh vorübet« Dann will ich abziehn meine Hand Und meinen Rücken sollt du sehn i Denn mein Antlitz kann nicht gesehen werden.- Am Morgen früh stand Moses auf, Stieg auf den Berg, wie ihm der Herr geboten, Und nahm die Tafeln Stein in seine Hand» Da stieg Jehovah in der Wolke nieder Und stand vor ihm daselbst: Rief aus Jehovahs Majestät, Und ging, Jehovah ging vor seinem Antlitz über Helder- Werke z. Rel. «. Thcost II. D §c» Vom Geist Und rief: Jehovah, Jehovah, Gott! Barmherzig, gütig, ein langmüthiger, Ein sehr barmherziger und treuer Gott! Der Treu' und Güte hält auf tausend der Geschlechter, Und Unrecht trägt, und Sünd und Miffethat, Bor dem der Reine selbst auch nicht ist rein. Die Miffethat der Väter sucht er auf An Kindern und an Kindeskindern Ins dritc' und vierte Glied."- Und Moses eilete und bückte sich, Und sank zur Erde nieder. Eben so unanschaubar zeigte er sich den Aeltesten Israels: Sie sahen den Gott Israels, Au seinen Füßen wars wie glänzender Sapphir, Wie reiner Himmel anzuschaun. Ob also gleich die Erscheinung des unsichtbaren Gottes in der ältesten jüdischen Theologie nicht lag: ob es gleich, sobald er im Symbol erschien, nur Engel Jchovahs heißt, das dies Symbol darstellte: so bequemte sich doch die Gottheit der Fassung mancher später» Propheten; sie sahen und beschreiben Gottes Erscheinung. In dieser sehen wir sodann Züge aus Moses, der die Grundlage der ganzen Oekonomie blieb; nur jedesmal nach den Zeiten und der Fassung des Propheten verändert. In der schönen Erscheinung, die dem zweiten Moses, Elia, eben auch auf dem Berge Gottes Horeb, und vielleicht in derselben Höhle ward, in ihr ist die Aehn- lichkeit mit jener Geschichte unverkennbar, ä) Vier- ck) i Kön. ig, 8-iz. der Ebraischcn Poesie, zig Tage und Nächte wandert er zum Berge Gottes und kommt in die Höhle und übernachtet. Siehe, da ruft die Summe Gottes: „was timst du hier, Elia?" Er antworten und die Stimme spricht: „gehe hinaus und stelle dich auf den Berg vor das Angesicht Lehovah : " Und sieb, Jehovah ging vorüber; Ein großer, harter Llrurm, Der Berge zerriß und Festen spaltete, Ging vor Jehovah her; Doch Er, Jehovah war!m Sturme nicht. Und hinterm Sturme kam ein Erderbeben; Jehovah war im Erderbeben nichr. Und hinterm Erderbeben Feuer; Im Feuer war Jehovah nicht. Und hinterm Feuer kam gelindes, sanftes Sausen — Da das Elias Ohr vernahm, Verhüllte er sein Angesicht im Kleide Und ging hinaus, trat an das 2hor der Höhle, Und eine Stimme sprach: „Was thust du hier, Elia? u» ft" Das Gesicht sollte dem Feuereifer des Propheten, der alles im Sturm verbessern .wollte , Gottes linden Gang zeigen, und seine langmüthige sanfte Natur predigen, wie dort die Stimme es Most that; darum ward die Erscheinung so schön verändert. — Dem königlichen . Propheten Jesauls erschien Gott als thronender König in hinein ^emmlpalivst: die Ersten seines Hofes stehen um ibn: Cherubim, über denen er nach dem alten stmpeln Bilde wohnte, sind D 2 52 Vom Geist in Seraphim verwandelt, die theils von Dienern des Throns, theils von Priestern des Tempels ihre Züge nehmen. Das ganze Bild ist in Jesaias Königspracht und Würde. 6) Im Jahr, als König Usia starb, Sah ich Jehovah thronen auf hohem erhabnen Thron, Die Saume seines Glanzes Füllten den Lempelpallast: Des Thrones Diener standen um ihn her. Sechs Flügel hatte jeglicherk) : Mit zween verbargen sie ihr Angesicht, Mit zween verbargen ihre Füße sie; Mit zween flogen sie. Und einer rief und sprach dem andern zu: „Heilig, heilig, heilig, „Jehovah, der Götter Gott, „Voll ist die Erde seiner Majestät." Die Vesten der Tempelsäulen zitterten e) Jes. 6, i - t,. H Die Flügel der Seraphim sind von den Cherubim genommen; nur hier vermehrt, und sonst ist ihre Gestalt, sogar ihr Name, verändert. Seraphim, nach dem Arabischen heißen erhabene Gestalten, Vornehme, Fürsten: nur also die Menschengestalt ist an ihnen sichtbar: die vier verhüllenden Flügel sind Zeichen der Ehrerbietung gegen ihren König; die zwei Flügel zum Schwünge zeigen sie als schnelle Boten. Die Composition des Gemäldes ist nach Jesaias Geist: die Züge derselben sind alle aus Moses und den Psalmen. der Ebräischen Poesie. 53 Bor der Stimme der Rufenden, Der ganze Pallast war voll Rauch. Voll Opferrauchs nämlich, zu dem auch die glühende Kohle des Altars und der Lobgesang der Priester gehöret: Königs- und Tempelpracht sind hier zusammen verbunden. — Dem Ezechiel erscheint Gott auf einem Wagcnthron in den Wolken: der sapphirne Boden unter seinen Füßen ist aus dem Gesicht der Aellestcn bei Moses; die Fcuergestalt, in der er sich zeigte, aus Mose selbst; nur daß dieser alte Seher Gott nicht in Menschengestalt sah. Der späte Daniel ist der Erste der Propheten, der eine Menschengestalt Gottes ausführlich zu schildern waget; aber auch bei ihm ist die Erscheinung nur Nachtgesicht, nicht Anschauung; sie ist Figur unter andern symbolischen Traumsiguren: Das alles sah' ich, bis sich Thron'erhoben, Der Alte der Tage thronete: Sein Kleid war weiß wie Schnee, Wie reine Wolle seines Hauptes Haar, Sein Throp war Feuerflamme, Die Räder seines Thrones brennend Feuer. Ein wälzender Feuerstrom ging aus Bon seinem Angesicht: Tausendmal tausend dienten ihm, Zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, Er saß Gericht, Die Bücher wurden aufgethan — u. f. *) Auch dieses Bildes Züge sind vom Berge Sinai, wie sie Moses Segen, mehrere Psalmen, auch daL ') Daniel 7 , g. 54 Vom Geist Gesicht Jefaias entwickelt hatten, und wie schon Ezechiel die Menschengestalt des Thronenden vcn fern an.ulauren wogte. So cmbullete sich die Erscheinung Gottes mit den Zeiten immer mehr in Budcrn; das höchste Airertbum nnnnce diese Züge " nicht. Bei Hiob ist Gote der hohe Unbegreifliche, der im Sturmwettcr spricht und auf den r.lleuden Himmelskrciseu wandelt. Bei MoseS ist er nur im Rücken auzuschaun: er zeigt sich m seinen Eien- schaften und in -glänzenden Symbolen- Zur Zeit der Alkväter ist er mit ihnen Hirt: dem schlafenden Jacob sieht er wie der Hausvater im höbern Ge, mach des Hauses, von dem sogar auf einer Lei er seine Diener niedersteiaen. Dem Abrabam ist er ein besuchender Freund, der auch, da er in einer Gestalt erschien, nur Engel beißt. Je höher hinauf, desto mehr verschwinden die Symbole, und mich dünkr, die schweifende Ehrfurcht gegen den Unendlichen, Unnennbaren wachset. — Auch bei de» Propheten war Erscheinung Gottes in einem Gesicht kein nothwenbiges Stuck ihres Prophetenrufs; den nächsten nach Moses, Samuel, ruf Gott nur durch eine Stimme von seinem gestaltlosen Sitz über den Eherubim and die meisten andern halten Wort Gottes ohne Erscheinung. Was dies der Ebraischen Poesie für Auszeichnung von den Dichcarren aller mvtbologjschen Völker gebe, zeigt sich von selbst. Sie ward Poesie der Weisen, nicht mythologischer Göttcrseher. Hymnen und Epopeen voll kämpfender Gouergestaiten war nicht ihr Werk: die Lieder und Lobaesangc, die Gott besingen, preisen ihn in seinen Thaten, in den Vollkommenheiten seiner Werke ; mit den Symbolen seiner Erscheinung schmücken der Ebräi sehen Poesie. 55 sie sich nur sparsam, und die Ausführlichkeit dieser Züge nimmt zu, je mehr die uralte Erhabenheit der Poesie abnimmt. II. Mehr als die Erscheinung war das Wort Gottes an Mosen, die Offenbarung seines Namens und der Auftrag zu Befreiung seines Volks. Bon jenem wollen wir bei der Gesetzgebung reden; dies, das Wort Gottes, war gleichsam die Seele des Amts und der Poesie der heiligen Dichter. Hier wars ein deutlicher Auftrag, den wir auch noch bei den früher» Propheten finden: That wird ihnen an- befohlen, nicht bloS Rede. So spricht Samuel: so sprechen die Scher zu Davids Zeiten: so Elias und Elisa; sie wollen Ausrichtung eines bestimmten Befehls , daher ich sie Propheten der That nennen möchte, zum Unterschiede der spätem, die schon mehr allgemeine Lehre, Trost, Strafe und Hoffnungen sagten. Auch dieser Unterschied lag in den Zeiten. Der älteste und größcste Prophet, Moses, konnte sprechen und thun: sein ganzes Leben war Wort Gottes, Handlung. Samuel, als Richter des Volks, dergleichen. In den folgenden Zeiten war die Gewalt in der Könige Händen und den Propheten blieb nur Wort: ein Wort indeß, das sie auch als That, als die lebendigste Erfüllung malen. Daher so viel Bilder von der Kraft des Prophetcnworts, die nur durch eine ferne Analogie auf die geistliche Kraft des Wortes Gottes überhaupt angewandt werden: cs heißt ihnen ein Feuer, ein Hammer, der Felsen zerschlägt; wiederum ein erquickender Thau und Regen, wovon das liebliche Bild bei JefaiaS redet: 56 Vom Geist Ich denke nicht, wie ihr gedenkt, Ich handle nicht, wie ihr wohl handelt. Wie hoch der Himmel über der Erde ist, So handle ich, so denk ich höher als ihr» Denn wie der Regen und Schnee vom Himmel niedersteigr , Und kehrt nicht wieder zurück, bis er getränkt die Erde', Und hat sie sprossen gemacht Laub und Kraut, Daß sie dem Säenden Samen giebr und Brod. So ist mein Wort, das je aus meinem Munde ging, Es kehrt zu mir nie leer zurück, Es rhut, was ich gewollt, Es richrer aus, wozu ichs ausgesandt. So sollt auch ihr in Freude von mir gehn u. f. *) Der Name „Wort Gottes" selbst heißt bei den Ebräern oft Führung, Leitung, Rath und That. So wie nun Moses unglücklicher Weise ein doppeltes Wort bekam, sein Volk zu befreien und ein hartes Aegypten zuvor mir mancherlei Plagen zu demüthigen: so ists auch mit den Sprüchen der Propheten. In Plage und Trost, in Rettung und Züchtigung theilt sich der Inhalt ihrer Orakel, und bei beiden liegen die Thaten Moses oft wörtlich zum Grunde. Sie schlagen die Widerspenstigen mit aller Plage Aegyptens, und retten, trösten, rachen ihr Volk mit allen Bildern der Führung Gottes in der Wüste, eines schöner» Kanaans, einer gewissen goldenen Zeit. Dies hat den Dichtern Israels bei *) J-s. 55, 3. der Ebräischcn Poesie. 67 so vielen den Nomen der Menschenfeinde, der Flucher auf alle Welt gegeben; und ich will nicht laug- neu, daß die harten Aussprüche mancher von manchem Stolzen der Nation mißverstanden und mißgebraucht seyn mögen. Das ist indessen nicht wahr, daß jeder Prophet und Dichter etwa nach seinem Sinn und Temperament, aus Privatrache und schadenfroher Laune, Fluch und Segen ausfpenden durfte. Wie Mose sein Amr ungern übernahm: so ungern übernahmenS die meisten Weisen, die fast dazu gezwungen werden mußten, wie Jeremia, Ezechiel u. a. Da niemand gern Leid verkündigt, wo ec Freude verkündigen wollte: so sehen wir, daß das, was manche Propheten zu sagen haben, was sie schon als Erfüllung, als Thar betrachten, sie selbst am meisten quält. Niemand ist hier beklagenswürdiger als Jeremias: die weichste Seele muß die schlechtesten Zeiten erleben, und noch trauriger voraussehn. Mein Eingeweide, mein Eingeweide, wie quält' michs! Wie bebt mein Herz! wie ängstigt sichs! Und doch kann ich nicht schweigen: Denn meine Seele hört Trompetenklang, Kriegsgeschrei! Jammer, Jammer rufen sie aus! Verwüstet wird das ganze Land, Schnell verwüstet meine Gezelte, Meine Bedeckungen schnell hinweg!--- Wie lange soll ich noch die Fahne sehn! Wie lang' Trommeten hören! Mein närrisch Volk verstehet doch mich nicht) Vom Geist H8 Unweise Kinder, unverständige sind sie, Zum Bösen weise und zum Guten nie.- Ich schau das Land: verwüstet ists und leeres Ich schau zum Himmel; da ist kein Licht! Ich seh die Berge: sie erzitterten, Und alle Hügel taumeln schon. Ich seh, da ist kein Mensch nicht mehr. Der Bvgel unterm Himmel slog hinweg. Ich seh und Karmel ist Wüstenei: All seine Städte sind zerstört, Vorm Anblick des Jehovah, Vor seines schnaubenden Zornes Blick; Denn also spricht der Ewige — Ein Prophet, der solchen Eingang macht zu seiner Trauerbotschaft, Verkündigt sie wahrlich nicht mit Schadenfreude; und der herzlichen mitfühlenden Empfindung sind alle Propheten voll. Ihre Seele blüht auf wie eine Rose, wenn die Stürme vorüber sind; ihre geängstigte, vom Nebel erwachte Empfindung verkündigt sodann siebenfaches Gute! Daß dies „thatvolle Wort," diese Aussprache Gottes durch den Mund eines Propheten der ebrai- schen Poesie eine eigene Gestalt gebe, entwickelt sich von selbst. Ihnen waren ihre Aussprüche von der größesten Gewißheit, von der lebhaftesten Wahrheit; sie sahen die Sachen, die sie verkündigten, schon werdend; und so werden sie als Seher, ja als Schöpfer des Guten und des Unglücks betrachtet. Sie schlagen das Land mit dem Stabe ihres Mundes, und ihr mächtiges Wort befreits wieder. Gott legt auf ihre Lippen die Bothschaft und haucht sie mit göttlichem Feuer an. Voll unwiderstehlichen Tric- der Ebräischcn Poesie. Sg bes reden sie also: oft wider ihren Willen und mit schlechtem Lohn, durch eine höhere Kraft gezwungen und getrieben. Diese Gattung Aussprüche hat in der Poesie anderer Völker wenig oder nichts Gleiches Hier ward nichts zur Zeitkürzung gedichtet: der Poet entwarf keine Zerstörung Jerusalems oder Babels als Schauspiel. Hatte sich in Griechenland die Poesie der Weisen und Dichter reiner erhalten: hatten wir von ihren allen Theologen und Propheten mehr unverdächtige Neste: so würden wir mehrere Achnlichkeit sehen, die jetzt im Munde Calchas, der Eassandra bei Aeschylus und derer, die etwa in Erscheinungen oder sterbend weissagten, unverkennbar bleibet. Die spätem Propheten, die ihre Aussprüche nur in Figuren, in Rathselbildern und diese gar etwa nur in Traumen empfingen, sprechen daher weit schwächer: Gott selbst setzt jene klare Stimme, in der er mit Moses sprach, den Offenbarungen durch Gesichte, Figuren, Räthfelbildcr und Traume vor, und die Reihe der Propheten, die wir haben, bestätigt genugsam diese Unterscheidung. Was also, verglichen mit andern Völkern , die Aussprüche der Dichter Israels an Abwechselung, Einkleidung, an Spielen der Willkühr verlieren, gewinnen sie an innig geglaubter Wahrheit, an göttlicher Würde, an heiligem Eifer, und werden hierin immer einzige Merkwürdigkeiten der Welt bleiben. III. Der furchtsame Moses bekommt Zei essen: Zeichen, die für die abergläubigen , Weisheitstolzcn Aegypter eingerichtet sind, und ihre wunderthätigen Naturweisen beschämen sollten; einen absolutem Zweck haben diese Wunder nicht, sie gehören also 6c, Vom Geist auch nicht unabtrennlich zum Amt eines Propheten. Der größeste Wunderthäter ward nach dem Gesetz Moses gcprüfet, und konnte zum Tode verdammt werden, wenn er etwas wider den Jchovah lehrte. Die frühem -Nachfolger Moses, Elias und Elisa, thatcn Wunder, weil die Zeiten des schwachen, abgöttischen Israels diese Kräfte der alten Welt, gleichsam einen lauten Sieg Gottes über die Baalsdie- ncr, wie zu Moses Zeit über die ägyptischen Weisen, zu erfordern schienen; bei den folgenden und also den eigentlichen Dichter-Propheten waren die Zeichen, die sie gaben, von anderer Art. Statt Wunder, die die Gesetze der Natur aufheben, giebt der Prophet manchmal sonderbare, merkwürdige Dinge, die eben damals fick zutrugcn, zu Zeichen, d. i. zu Zeugen seines Worts, mit denen er aufmerksam macht, oder durch die er die Wahrheit seiner Aussprüche bewahret. So ist die Geburt des Kindes, von dem Jesaias redet, ein Unterpfand der Befreiung des Königreichs Judah, die er nach Jahren dieses Kindes bestimmet; nur der Zusammenhang beider Begebenheiten war das Wunderbare, weil er über die Kräfte menschlicher Aussicht reichte. Mags mit dem Schatten am Sonnenzciger Ahas gewesen seyn, wie ihm wolle; so war sein Rückgang im Munde des Propheten jetzt ein gegenwärtiges Zeichen des Rückganges der Lebensjahre Hiskias, und also in dieser Verbindung, als Unterpfand einer zukünftigen Sache, ein „Zeichen." Andern Sinn und andre Würde hat dies Wort bei den Ebräcrn nicht. Portente und Zcichendeutung wurden fremden Götzen und falschen Propheten zugeschriebcn; ihr Umlauf war verboten, Gott sparte sich seine Zeichen, als der Ebr ätschen Poesie. 6» Unterpsande und Bewährungen, oder als Erweckungen zur Aufmerksamkeit auf ein Wort Jchovahs auf; und auch da nur des Unglaubens wegen. Oft ward der Prophet selbst Zeichen; durch sonderbare Sachen, die er als Symbole darstellen mußte oder durch Schicksale, die er litt. Bom ersten sind bei Jesaja, Jeremia, Hvsea Proben; vom zweiten sind Ezechiel, der die Lust seiner Augen, sein Weib verlor, und am meisten Jesajas Zeugen. Da bei diesem durch die letzte Hälfte seines Buchs das Volk Israel, als Knecht und Kind Gottes in Leid und Freude personistcirt wird: so scheint der Prophet wiederum die ganze Last und das Schicksal seines Volks als Knecht Gottes, als eine hiezu auserwählte symbolische Person selbst zu tragen An ihm zeigt Gott, was er mit der ganzen Nation durch alle Uebel, die sie m der Gefangenschaft dulden mußte, auf alle Völker vorhabe; und da der Prophet sich in diesem oft als „Zeichen" gesetzt fühlet, so werden hiedurch so rührende, ihm selbst so nahe Entwickelungen der Zukunft veranlasset, daß ich diese Kapitel für das Evangelium des alten Testaments halte. Man hat die Verbindung einiger derselben so schwer gefunden, daß man zuletzt nicht wußte , von wem die Rede sey? mit dem jetzt gegebenen Mittelbegriff, der Personiffcation Israels in der theilnehmenden Person des Propheten werden wir, wenn von Jesaia die Rede seyn wird, einen schönen Zusammenhang und eine leuchtende Aussicht in die Zukunft finden. — Kurz, Vision, unmittcl- bare Begeisterung, und symbolische Handlung cha- rakterifiren diese heiligen Dichter, und werden uns künftig dem Geist ihrer Poesie näher führen. 62 Vom Geist Aber was bedeutet das Wort Prophet? Jsts so viel als Vsisa, Dichter? oder war Prophet ursprünglich ein Leicrmann, ein herumziehcndcr Improvisators ? oder endlich waren die Propheten Unsinnige, Schamanen, nackte Dervischc um die die Weiber tanzten? Lasset uns den Begriff des Worts ) aufsuchen; nicht aus Etymologeeen, die allemal unsicher sind, sondern nach dem klaren Gebrauch des Namens in seinen verschiedenen Zeiten. Am frühesten kommt das Wort Prophet vor, da Gott zu Abimelech saqtZ^: „gib dem Mann sein Weib wieder, er ist ein Prophet." Das Wort muß also auch dem Abimelech bekannt gewesen seyn, und da das Volk, darüber er herrscbte, ägyptischen Ursprungs war, ist darüber kein Zweifel. Propheten hießen bei den Aegyptern die Obersten ihrer Priester, die Vertraute der Gottheit, Theilnehmer ihrer Geheimnisse, Ausleger der Natur, kurz die der Mund der Götter waren. Offenbar ist dies der Begriff, in dem das Worc Prophet in den ältesten Schriften der Ebraer verkomme. Abraham ward dem Könige als ein weiser heiliger Mann, als ein Vertrauter der Gottheit vorgestellr, der auch in der Fremde unverletzlich seyn müßte. „Du sollt sein Gott seyn; Aaron soll dein Prophet seyn," sagt Gott zu Moses, ss) und zeigt damec unwidersprech- lich, daß Prophet den Mund Gottes, den Redner seiner Worte, den Verkündiger seiner Geheimnisse x) i Mos. 20, 7. k) Bergt, s Mos. 7 . 1 mit Kap. Z, r§. der Ebräischen Poesie. 6Z bedeute. In dieser, der ersten und eigentlichsten, Bedeutung kommt es in Mose und den Propheten oft vor, ja das ganze Prophetenrecht Moses wa darauf gebauet. i) Einen Propheten würde Gott erwecken, der wie Moses im Namen Gottes spräche : Gott thue nichts, er offenbare denn sein Ge- heimniß den Propheten. A) Offenbar schloß diese Bedeutung den Begriff des Musikers und Dichrers nicht in sich. Weder Abraham noch Aaron waren Dichter: von Samuels, Gads, Nathans, Ahia, Elias, Elisa Poesie weiß man nichts, obgleich einige von diesen große Propheten waren- die Orakelsprüchc, die sie gaben, waren sehr deutliche Prose. Hingegen David, Salomo waren Dichter, aber keine Propheten. Das Beispiel dessen, der einen Saitenspicler kommen ließ,1) um, wie man sagt, die Gabe der Weissagung bei sich zu erwecken, wird sehr gemißbrauchr. Ec ließ ihn kommen, seinen Zorn zu besänftigen, indem er keines Ausspruches der Vernunft, viel weniger eines göttlichen Ausspruches, mächtig war. Wenn zu Samuels und Davids Zeiten die Propheten Seher hies- sen, so werden sie deutlich damit von Spielleuten unterschieden: sie sahen verborgne Sachen, sie sahen die Zukunft: sie waren das, was wir nennen „Weise." i) Vergl. l». Mos. 12, 6. 5 Mos. r8, 15-20. Kap. 3 g., 10. k) Amos Z, 7- r Kön. 22, 22.2Z. Jer. 5, i 3 .u. f. l) 2 Kön. 3, r5. Vom Geist 64 Aber zweitens: weil diese weise Männer, sie mochten über Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft reden, der Mund der Gottheit waren: so redeten sie auch oft die Sprache der Gottheit, d. i. Göttecsprüche, geflügelte Bilderreden, und so ward diese auch dem Namen nach Sprache der Weissagung, welches die höchste Dichtkunst war. Wer wird im Namen Gottes, seiner Majestät unwürdig reden? welcher Begeisterte spricht kalt und gemein? Glaubte nickt Pythia selbst in Versen antworten z» müssen, wenn es auch schlechte Verse waren? — Der Ursprung dieses Begriffs ergiebt sich also aus dem vorigen; aber nur als Ableitung. In allen Sprachen heißen die Dichter Vstc-8; sie heißen aber nur so, weil man sie ursprünglich wirklich für Gott- begeisterte Seher und Sprecher der Zukunft hielt, und weil einige edle Männer unter ihnen auch wirklich Werkzeuge der Gottheit waren. — Nickts ist daher natürlicher, als daß „Göttersprüche reden" mit der Zeit „weissagen" hieß, wie wir z. B. noch täglich das Wort „predigen" brauchen, wenn von ähnlichen Tönen und Handlungen die Rede ist. Auf Saul kam der böse Geist und er weissagte, d. i. er sprach in seinem zornigen Wahnsinn zwar erhabne, aber tolle Reden. Aus mehreren Proben sehen wir, daß Poesie und Musik aus ihn viel Gewalt harren: diese Gewalt äußerte sich jetzt in seiner Krankheit. Die Schüler der Propheten , jene Aeltesten Israels kamen in Begeisterung und weissagten, d. i. sie sprachen erhabne Sprüche, wie die Propheten zu sprechen pflegten- Mirjam, Dcborah u. a. heißen Prophetinnen, weil sie begeisterte der Ebräischen Poesie. 65 sterte Dichterin»--» waren, und beqeisterte, insonderheit heisse, Dichtkunst immer als Sprache der Götter galt. Und weil drittens in dem damaligen Weltalter Musik und Poesie verbunden, ja Dichter und Tonkünstler bisweilen Eins waren: so ist nichts natürlicher, als daß das Reden in Gorrerspüchen auch auf diese Kunst überging. Assaph und Heman weissagten auf Saiten, d. i. sie trugen in Liedern heilige , erhabene Sprüche vor: sie löseten, wie sie selbst sagen, Räihsel der Weisheit auf beim Klange der Saiten. Die Poesie wirkt nie so mächtig, als wenn sie von der Musik unterstützt wird; der heilige Affekt also, den beide Künste vereint verbreiteten, war Enthusiasmus. Daraus folgt aber nichts minder, als daß jeder Prophet sein Instrument bei sich hatte, oder daß sein Name und Amt ihn als einen Leiermann bezeichnen sollte. Der Weissager Bileam mit seiner erhabnen Götterredc sprach ohne Instrument, und der weit schwächere Vortrag mancher spalern Propheten, der beinah zur Prost hinabsinkt , war kaum eines Gesanges fähig. Sie unterscheiden sorgfältig Lied und ihre vrophetische Sage. Endlich Prophet und toller Mensch ist nie einerlei: man muß den erhabenen politischen Geist eines Jesajas u. a. sehr verkennen, wenn man sie zu Narren zahlt. Daß manche ihrer symbolischen Handlungen sonderbar ins Auge fallen mußten, gestehen sie selbst; es war dies der Zweck ihrer Handlung. Hinter der anscheinenden Thorhcit lag ein weiser Sinn, und wenn man je das insauäre urun Herders Werke z. Rel. u. Thevl. II. E 66 Vom Geist »spisrui-r sagen kann, so wars hier. Allerdings wurden sie zuweilen dem Gelachter des rohen Po-, bels und dem Hohn gottloser Könige auSgesetzr: sobald Jehovah ein Spott ward, mußte auch e'„r hartes Orakel in seinem Namen gesagt, Thorheit dünken; leider aber! der Erfolg bewahrte es kräftig.— Jehovah Gott gab mir die Zunge der Gelehrten ml, Daß ich zu reden wisse mir dem Müden Ein Wort zu rechter Zeit. Er weckt mich Lag für Lage früh Und rührt mein Ohr zu horchen, Wie der Weisen Schüler horcht. Jehovah Gott sprach leise mir ins Ohr; Und ich wich nicht; ich widerstrebte nicht; Bot meinen Leib vielmehr den Schlagen dar, Und meine Wangen denen, die mich höhnten, Verbarg mein Angesicht für Schmach und Speichel nicht. Mein Gott, Jehovah, stand mir bei; Drum ward ich schamroth nicht, Drum macht' ich hart mein Angesicht Wie einen Kieselstein und wußte, Ich würde nicht beschämt. Der mich gerecht spricht, ist mir nah; Wer haderte mit mir? Laßt uns zusammen stehen vor Gericht! Wer etwas an mich hat, er trete her! Sieh, Gott Jehovah steht mir bei, Wer schuldigte mich an als einen Bösewicht? Sie werden alle, wie ein Kleid veralten, Verzehren wird die Motte sie! rn) Jes. So, 3. der Ebräi schon Poesie, 67 Wcr inner euch ist, der "ebooah scheut, Und merket aus dis Stimme seines Knechts? Geht er in Finsterlüsten Und steht kein Licht: Er hoffe auf Jehooah, Verlasse sich auf seinen Gott! Sieh! alle ihr, die ihr euch Feuer schlagt- Und Facreln euch anzündet, Gehr hin bei Eures Feuers Glanz, Beim Fackellichr, das ihr euch zündet an — Ein Weben meiner Hand aus euch n), Und ihr liegt schmerzhaft nieder. — Die Propheten. Gegrüßet seyd ihr mir, 0 ihr Vertraute Der Gottheit! habt ihr Ruhe nun gefunden In eurem Palmenhain? gefunden Ruhe, Die Horeb, Zion, Karmel euch nichl gaben. Viel schenktet ihr schon euren frühen Zeiten! besetze, Gottesdienst, und Trost und Pflich,en, Der Sraaen Wohlstand und der Sitten Weisheit — Wie Bache flössen sie von eurem Munde. Den» große Herzen wart ihr, die sich über Das trage Letzt, des Volkes süße Knechtschaft, n) Welch ein schweigender, erhabner Zug! Der Prophet erhebe die Hand und ihre Fackeln cerlöschen: sie liegen, schmerzhaft gefallen, im Finstern zu Boden, E 2 68 Vom Geist Sich über Zeitvertreib und Blendwerk Huden, Und rück- und vorwärts sahn das Licht der Zetten, Das Licht der Zeiten weit zurück und vorwärtr Ging auf als Gottesflamm' in ihren Seelen: Die Flamme brannte lang im stillen Dunkel Und ging hervor, ein Licht vielleicht der Nachwelt. Dann nahtet ihr in euren heiligen Holen Vertraulich euer Ohr dem sanften Lispel Der Stimme, die euch Mitternacht und Morgens Und eures Herzens schönste Saiten weckl«. Wie Regenschauer Gottes stoffen leise Die Töne, weckten, wie Gewitter Gottes, Die Schlummerwelt, als wärens späte Zeiten, Als wärens frühe Zeiten, die da sprachen. Gegrüßet seyd ihr mir, ihr reinen Seelen, Die Saitenspiel' in Gottes mächtgen Händeü, Ansleger seines Sinns, der Zeitenkunde Enträthsler und Geist der Gesetze wurden. Du, der auf Sinai sich über Zeiten Und Völker hoba), der im verdickten Rauche Das Licht sah, das ringum der Welt jetzt leuchtet, ^Und alle Weisheit ausgeschmückt mit Farben; Du, dessen Flammcngeist dem Himmel Blitze, Dem Todtenreich den Sohn der Wittwe raubtet, j: Du, der Jehovah sah im Königsglanze Und Geistesprdcht mit Königsglanz geschildert a): Ihr Weinenden, die tief in Jammertöncn, In Lhräneu nur ihr zartes Herz ergossen ck); aj Moses. t>) Elias, ck) Jeremias u. a. o) Jesaias. der Ebrai scheu Poesie. 69 Und Ihr, die spat am Abend der Propheten In Dämmerung, in Schatten sahn die Zukunfto); Ihr alle, die ihr jetzt in höhcrm Lichte, (Entkommen eurem Drang' von in - und außen) I» Palmenhainen wandelnd, athmet Ruhe, Die Horeb, Zion, Karmel euch nicht gaben; Was seh ich? mischen sich mit euch auch freundlich Die Weisen andrer Völker? die Vertrauten Der Gottheit aller Erde, der Druiten Erwählte Zahl, Pythagoras und, Orpheus, Und Plato, und wer sonst des Volkes Vater, Ein Weiser der Gesetze ward, wer traulich Und rein sein Ohr zu Gottes Stimme neigte, Und rein sein Herz zur Gottesslamme weihte. Anhang. Warum waren aber Prophten so vorzüglich diesem Volke eigen? Mich dünkt, auch dieses erhellet aus der Geschichte desselben. Da cS sein Ahnenstolz war, OriAiwes zu haben, die mit Gunstbczcugungen des Schöpfers der Welt bezeichnet, bis zum Anfänge der Welt stiegen, so mußte dies Heiligthum der Familie sich auch in der Denkart ihrer erlesensten Vater zeigen. Seth, Noah, Sem gehören dahin, und bei Abraham ward diese Bestimmung auszeich- H Daniel u. a- nend. Er verließ sein Land, um in einer Gegend, wo noch ein Melchisedek lebte, dem Gott seiner Water zu dienen. Nun war i. der Hausvater damals ein Priester des Hauses, also auch ein Bewahrer des Gottesdienstes und Hciligtbums der Familie. Bei Charakteren, wie Abraham war, bezeichnte also die Benennuna eines Propheten, d. i. eines Gonvertrauten u>d, welches noch mehr sagen wollte, eines Füllten Gottes gewiß nichts Ucberspanntes. Auch im Buche Hiob kommt ein Prophet vor. und es herrscht in demselben durchaus eine religiöse Denkart, das heilige Siegel der ersten Welt. Alle Weisbeit ging im Orient von Gott aus; alle Frömmigkeit führte auf ihn zurück. 2. Israel kam nach Aegypten, und hier, wissen wir, war alle Religion sckon politische Kunst geworden: ihre Propheten waren eine geregelte -Zunft der Priester. Da Moscs in ihrer Weisheit erzogen war, und die achtern Quellen der Vertraulichkeit Gottes mir seinen Vätern jetzt vor sich fand: so war, da ihm Gott erschien und ihn zu seinem Werk brauchte, kein edler Wort, seinen Beruf zu bezeichnen , als: „Prophet " Ans Weissagen ward bei ihm so wenig, als bei Abraham gedacht; das Wort bedeutet einen Menschen, durch den Gott spricht und handelt; konnte es zum würdigsten Geschäft einen würdigern Namen geben? Hak die Gottheit ein edleres Werk unter den Menschen, als ihre Bildung? und wer diese in so frühen Zeiten bei unabsehlichen Hindernissen ohne Unterstützung menschlicher Hulssmittel, lehrend oder handelnd. der Ebräischen Poesie. 71 zu befördern suchte, war das nickt ein Mann Gottes , Genius der Menschbeit? man sehe die zurückgebliebenen oder verwilderten Völker an: man bemerke, zu welchen Abscheulichkeiten die Menschheit herabsinkt, wenn sie nicht mit Gewalt emporgetrieben , und aus ihrer düstern Trägheit erweckt wird; so wird man das Verdienst jener frühen Schutzengel unsers Geschlechts erkennen, die mit ihrem Geist Jahrhunderten »erleuchteten, mit ihrem Herzen Nationen umfaßten, und sie mit ihrer Riesenkraft wider Willen heraufhoben. — Die Gottheit säet solche Menschen nur sparsam: menschliche Einrichtungen erschaffen sie nicht; aber menschliche Bedürfnisse fordern sie, und der Himmel laßt sie, wie Sterne in der Nacht, hoch über andern glanzen. Sie opfern ihr Leben auf, um nur das Wort, die Lhat auszuführen, die sie als Beruf Gottes in sich tragen — aniinas irmArms xroäi- Daß Moses unter die Genien der Menschheit gehöre, ist ohne alle Frage. 3 . Also auch die, die ihm zu seinem Werk halfen, wurden ,,mit einem Theil des Geistes erfüllet, der auf ihm ruhte: Gott nahm vom Geist „Moses und legte ihn auf sie," wie die Urkunde naiv saget. Und der große Mann beneidete sie darum nicht; sondern wünschte, daß alles Volk voll desselben Geistes wäre. So wurden jene verständige Männer mit dem Geiste Gottes erfüllet, die über Israel richten sollten: so jene Werkmeister des Heiligthums, weil sie durch ihre Kunst zu seinem Werk beitrugen: so hoffte er, da seine Gesetzgebung unausgeführt blieb, einen Propheten mfe 72 Vom Geist ihn, der seine Absicht vollenden sollte. Alles, was zum Wohlstände, zur Aufklärung, Freiheit und Sicherheit des Volks Jehovah beitrug, war vom Geist Jehovah erweckt und gerüster, wie die -Beispiele der Richter zeigen. Ein schöner National - Idiotismus. 4 . Wie nun auch das Edelste der Welt gemiß- braucht wird: so wards auch der Prophetenname. Oratorso lu-zii?, uclvocsti pistrias sollien sie sepn, und sie wurden mit der Zeit Priester Baals, falsche Propheten, so daß jener Micha, jener Elias sich zu ihrer Zeit als Zeugen des Gottes der Wahrheiten allein fanden und Arnos gar kein Prophet genannt zu werden begehrte. Es war mi, diesem Amt, wie mit allen Äerntern, sobald sie Handwerk werden. 5. Also stoße man sich nicht, weder an prophetische Visionen, noch an Wunder und Zeichen; beide waren zum Beruf eines Weisen nicht unumgänglich nölhig. Die Abhandlung hat gezeigt, daß die Ausmalung der Züge von der Erscheinung Gottes um so mehr zunahm, je schwacher die Zeiten wurde» , >e mehr der menschliche Geist cs norhig lwtte, durch große Gemälde gerührt zu werden. Das Wort Gottes nahm zu, je mehr seine Kraft und That abnahm. Wunder und Zeichen endlich muffen wir wach dem Sprachgebrauch Morgenlands erklären. AlleS Ausserordentliche und Treffende hieß Zeichen: auch ein Buch, eine Schrift, ein Gedicht, ein künstlicher Ausdruck; wie vielmehr denn eine ausserordentliche Begebenheit, ein aufforderndeZ Phäno- nitnon derIeit! Auf diese merkten die Weisen, und da jie ans Volk sprachen, stellten,ste dieselbe ins der Ebrai scheu Poesie. 73 größeste Licht. Sie waren der Mund der Provi- den;, und so sahen sie auch auf das, was ihnen die Providenz zeigte, 6 . Uebriqens ists unnütze Kunst, sich in den inner» Zustand der Propheten hineintaumeln oder hineingrübeln zu wollen, nachdem sich die Zeiten so sehr geändert. Bei ihnen selbst war die Weise der Gottbegeisterung nach Zeiten und Gemüthern verschieden ; was wollen, was können wir nun durch Distinclionen ausmachen, wie es mit der Seele MoseS, Elias, Jcsaias beschaffen gewesen? Wir, die eben so wenig wissen, wie cs mit der Seele Pvthagoras, Kalchas, Homers beschaffen war. Wußten wir dies, warum gestalteten wir unsere Seelen nicht so, und brächten Werke hervor, die, was das Göttliche anbet.'ifft, einen Homer, Aeschy- lus und Pinbar beschämen? Welche Ehrfurcht gegen die Götter ist in ihnen! hie und da welche beinab prophetische Würde! — Es erklärt nicht nur nichts, wenn wir dies auf Aberglauben, jenes auf warme Einbildungskraft und dergl. zurücksühren, sondern es hindert auch, ihre Werke mit rechtem Geiste zu sehen und zu gebrauchen: denn bei alle der sogenannten Einbildungskraft ist in ihnen viel Weisheit. Lastet uns jedem Propheten und Weisen seine individuelle Vorstellungs- und Schreibart gönnen, wie wir ihm ja seine Zeit und Zeitabsicht lassen müssen; wir wollen die Früchte ihres Geistes nur für unsere Zeit gebrauchen. m. Züge Gottes in der Wüste. Inhalt. Die Geschichte Moses als Materie zur Epopee betrachtet. Einfluß derselben in die ebraische Poesie. Idiotismen von der Errettung aus großen Wassern, von blühenden Wüsten, von der Schechinah. Der rih. Psalm. Das Siegesttcd Moses am Meer. Erscheinung Gottes auf Sinai. Personification der Feuerflammen auf demselben , als Reihen der Engel, Kriegsheere, Heerwagen. Gott Zebaoth. Ursprung dieses Namens. Seine späterhin erweiterte Bedeutung. Die Siegeszüge Gottes, der 68ste Psalm. Was die Feuer- und Wolkensäule, was der rauchende, glänzende Sinai gewesen? Ob der Durchgang der Israeliten durchs Meer eine Fabel sey? Wie er von den Ebräern angewendet werde? Gesang Habakuks i» Klagetönen, mit Anmerkungen begleitet. Ä?jch wundcrts, daß wir bei so manchen ebrai- schcn Heldengedichten unserer Sprache noch keine Epopee über Moses haben. Die Errettung eines Volks aus der Knechtschaft und die Bildung desselben zum reinsten Gottesdienst und freiesten Staat so alter Zeiten, wäre, dünkt mich, ein edleres Thema als Abentheuer in Schlackten und Reisen. Der älteste Gesetzgeber, den wir kennen, richtete Ideen ins Werk, die uns in manchem noch jetzt zu neu und zu hoch sind. Die Geschichte seines Lebens ist voll wunderbarer Abwechslung. In Aegypten geboren und erlogen, verbannete er sich selbst patriotisch: sein Beruf in der Wüste, der Wettstreit des Gottes seiner Vater mit Pharao und den Weisen Aegyptenlandes, die Ausreise durchs Meer, Feuer- und Wolkenfaule, die Gesetzgebung, die Wunder in Arabien sammt der Aussicht nach Kanaan hinüber, alle dies gäbe einen Stoff an die Hand, der an Reichtham und Abwechslung von Natur-, Kunst-, Religions-, Sitten- und Völkermaterien, mit dem naturvollsten Wunderbaren begleitet von selbst zur Epopee, d. i. zu einer alten Sitten- und Heldencrzahlung würde. Doch möchte ich mit dieser kleinen Exposition keinen Deutschen, sondern einen deutschen Ebräcr geweckt haben ! Ihm ist der Gegenstand national: seine unbefangenere, frühere Bekanntschaft mir den Dichtern feiner Nation müßte ihm eine altere Naivetat geben, als man von einem deutschen Gelehrten fordern könnte. Wir haben die Bücher Moses, und wenn wir da Geschlechrsreyister und Nebenumstande weglassen und die urkundlichsten, mit poetischer Fülle und Einfalt geschriebenen Sachen nur zusammcnschicben: so haben wir ja die älteste und achteste Epopee der Tha- ten und Gesetze Moses. Da wir von seinem Beruf schon geredet haben: so betrachten wir jetzt nur Eins seiner Werke, die Ausführung aus Aegypten, die Reise durchs Meer und Arabien. Offenbar ist dies die Periode der Hclden;eit ebräischer Dichtkunst. Wenn Psalmen die ganze Liturgie der Thatcn Gottes mit seinem Volk besingen, fangen sie nach dem allgemeinen Werk der Schöpfung mit den Nationalwvhl- thatcn Israels an, unter denen die Befreiung aus Aegypten, die Reise durch Arabien und die Eroberung Kanaans die wichtigste Stelle nehmen. Der ic? 4 -ro 7 te Psalm machen hierüber Ein Ganzes; ihre Abtheilungen sind nur der Abtheilung und des Gesanges wegen da. Im i35, i36tcn, (die ich für alter als jene halte,) ist diese Vorliebe zu der Geschichte Moses noch kennbarer: sie sind ohne Zweifel aus den Zeiten Assaphs und Davids, wie der ähnliche 7 öte und 68te Psalm zeiget. In den Propheten sind die liebsten und fast fortgehend alle Bilder aus den Zeiten dieser Wundergeschichte. Da Israel ein Knabe war u), Liebt' ich ihn, und rief aus Aegypten ihn Als meinen Sohn. Ich gängelte den Ephraim, Und nahm an seinen Armen ihn, Und gängelte am Leilband' ihn; An Kindes - Banden leitete ich sie, Und zog das Knechtsjoch über ihnen weg. Dein Gott war ich schon von Aegypten her: Du kanntest außer mir ja keinen Gott Und keinen Retter außer mir. der Ebräi scheu Poesie. 77 Ich weidete dich in der Wüstenei, Da wurden sie auf ihrer Weide satt, Sie wurden satt; und ihr Herz hob sich hoch Und sie vergaßen mein. — Die Bilder alle sind aus dem Liede Moses, so wie auch der Lieblings - Name des Erstgebornen aus seiner Geschichte. Daß Israel Gottes Kind, Gottes Erwählter unter allen Völkern sey, ist Jefaias Lieblings --Name vom 42ten Kapitel bis zu des Buches Ende. Das Zärtlichste dieser Stellen entgehet uns, wenn wir nicht jene Ur- und Wundcr- geschichte des Volks im Sinne haben. Oft hat es mich gewundert, wie in Psalmen und Propheten so viel Bilder von Meerestiescn, aus denen Gott errettet, von Strömen, die er durchwaten heißt, Vorkommen, da Kanaan nicht unmittelbar ans Meer granzte; offenbar ists, daß die Bilder alle vom co- then Meer und vom Jordan her sind, durch die Gott sein Volk wunderbar führte: daher wurde das Bild ein gewöhnlicher Idiotismus. ,,Ec errettete „mich: er zog mich aus großen Wassern" ist bei David das Sinnbild aller Gefahren, zu denen er sodann das Ungewitter und Gottes helfende Hand aus den Wolken mahlet. Mich dünkt, die Ausleger thun nicht wohl, wenn sie diese Bilder immer auf einzelne Umstände seiner Lebensgeschichte deuten; es war ein angenommenes National - Bild der Errettung , der wunderbarsten Sicgsgeschichte. Auch stammen allen die Redartcn daher, in denen Gott Völker für Israel giebt, Nationen für sie aufop- fcrt; wenn der Prophet sich erklärt, ists immer Aegypten, das für Israel hingegeben wird, welche 73 Vom Geist Aufopferung er auf andere Falle zärtlich einwendet. Ein gleiches istS mit de» Wüsteneien, sie Gott zu Ebnen, zu fruchtbaren Gcfidlcu macht; Bilder, in die auch die Rückkehr aus der Gefanqenschaft, ja die schönsten goldenen Zeiten der Zukunft eingcklei- det werden. Ich müßte einen großen, obwohl vielleicht den angenehmsten Thcil von Jesajas und andern durchgehn, wenn ich reiche Beieqo hievon geben wollte. Bis in jene Welt erstrecken sich die Bilder von der Befreiung aus Aegypten, vom Durchgänge durchs Meer, vom Laubhüttenfest, von der Schechina, die über ihnen wohnte, von Kanaan, das sie erlangten: und in der Offenbarung Johannes, dem feinsten Auszuge aller Propheten, sind sie aufs höchste veredelt Ich möchte also einem Jünglinge, der die Psalmen und Propheten genetisch verstehen will, statt aller andern die Hauptre- gcl geben: „lies Mosen! ließ die Momische Geschichte!" Oft giebt Ein Wort, das darin vorkommt, zur schönsten poetischen Einwickelung in ganzen Kapiteln Anlaß: was bei den Griechen Homer ist, ist bei den Ebraern Moses. Von den Plagen über Aegypten werden wir später reden; jetzt merken wir uns nur einige Sie- geslicdcr über diese Befreiung und Wundergefchichte. Ein Lied aus der Heldengeschichte Israels. Der richte Psalm. Da Israel ags ypten zog, Jakobs Geschlecht aus einem fremde» Volk: Ward Judah ihm zum Heiligthum, Israel ihm zum Reich. Es sah's das Meer und floh: Der Jordan wich zurück. Die Berge hüpften wie Böcke, Die Hügel sprangen wie Lämmer. Was war dir, Meer, daß du flohst? Du Jordan, daß du zurücke wichst? Ihr Berge, daß ihr hüpftet, wie Böcke? Ihr Hügel, daß ihr sprangt, wie die Lämmer? Vorm Blick des Herrn erbebete die Erde I Norm Blick des Gottes Israel! Der den Fels verwandelt in See, Den Stein zum Wafferquell. — Der Psalm ist eine der schönsten Oden in allen Sprachen. Die abgebrochene Kürze, mit der Alles dargestellt, die staunende Verwunderung, die dem Meer, dem Jordan, den Bergen und Hügeln mitgetheilt und in Fragen an sie verdoppelt wird, der hohe Aufschluß, daß das alles von Einem Blick des Gottes kam, der aus der Wolke blickte; ein Blick, der Fels und Stein in Ströme, in lebendige Quellen verwandelt — durch Alles dies wird die kleine Ode zum Inbegriff der ganzen Reisege- schichte. Der Durchgang durchs Meer hat das älteste und klingendste Siegslied hcrvorgebracht, das wir in dieser Sprache haben. Es ist Chorgesang: eine einzelne Stimme mahlte vielleicht die Thaten.selbst, die der Chor aufsing und gleichßnm verhallte. Sein Boik Geist Lc> Bau ist einfach, voll Assonanzen und Reime, die ich in unserer Sprache -ohne Wortzwang nicht zu geben wüßte: denn die ebraische ist wegen ihres einförmigen Baues solcher klingenden Assonanzen voll. Leichte, lange, aber wenige Worte versckwe- ben in der Luft, und meistens endlgt ein dunkler, einfylbiger Schall, der vielleicht den Bardit des Chors machte. Hier ist eine schwache Nachahmung des unübersetzbaren ältesten Siegsgcsanges der Erde b): Gesang Moses am rothen Meer. Da sangen Moses und die Kinder Israel Dies Lied dem Herrn, So sangen sie: Ich singe dem Herrn: denn groß ist Er! Roß und Wagen stürzte er Nieder ins Meer; Mein Macht-, mein Lobgesang ist Er! Mir zur Hülfe kam der Herr! Er mein Gott, ich sing', ihm Lob, Gott meiner Vater, ich preis' ihn hoch. Jehovah ist ein Kriegsheld, Jehovah heißer er! Pharo's Wagen und sein Heer Warf er ins Weer. Seiner Führer Erlesenste Sanken ins schilfge Meer. Die Fluthen deckten sie, Sie K) a Mos. iS. der Ebräischen Poesie, 8t Sie sanken zum Grunde hinab Wie ein Stein» Deine Rechte- Jchovah, hat sich hochherrlich erzeiget! Deine Rechte, Jehovah, zerbrach den Feind! Duckh deine hohe Kraft Zertrümmerst du, die wider dich stehn: Du schnaubest Rache aus, Sie müssen verwehn, Wie Spreu. Vorm Hauche deines Athems thürmten die Wasser sich, Wie Fluthenhaufen stelleten sie sich, Es starrten die Wellen Im tiefen Meer — Der Feind sprach; sie verfolgen, ergreifen, zur Beute sie theilen Will ich; an ihnen kühlen den Muth! Mein Schwert ausziehn, Wertigen sie! Da hauchte dein Wind: Sie deckt das Meer! Sie gingen hinab wie Blei In der gewaltigen Fluth. Wer gleicht dir, Herr! Unter den Göttern, wer? , Wer ist wie du hochherrlich imGottes-Pracht? Schrecklich im Lobe, voll Wundermacht! Aus recktest du die Hand; Die Erde schlang sie auf» Und führest nun mit sanfter Hand Dein auserkauftes Volk. Herders Werke z. Rel, «.Theo!» Ik. F 82 Vom Geist Du führst es tapfer fort Zu deinem Heilgen Ort. Es hören es die Völker und zittern schon! Angst ergreift die Bewohner Philisterlandes. Die Fürsten Edoms beben schon! Die Lapfern Moabs fasset Todesangst: Zerschmolzen stehn die Bewohner Kanaans. Laß fallen auf sie Furcht i Todes - Schrecken vor deinem machtgen Arm! Erstarren laß sie zu Stein, Bis daß durchhin gegangen dein Volk, Jehovah! Bis daß durchhin gegangen dein dir erkauftes Volk. Führe sie, Pflanze sie Auf deinem Erbgebirge, Dem Orte deiner Wohnung, Die du dir selbst bereitet hast, Jehovah! Zum Heiligthum, das deine Hände bauten. Jehovah herrscht ein König in Ewigkeit, In Ewigkeit! — Vielleicht endet hier der Gesang und das folgende wäre nur eine kurze Wiederholung des Inhalts: Aus zog Roß und Wagen Pharao, Mit seinen Reutern zog er in das Meer! Da ließ Jehovah über sie kommen Fluthen im Meer; Israels Stämme gingen trocken hindurch Mitten im Meer: so daß diese Zeilen gleichsam der Denkspruch waren, den von der ganzen Begebenheit jeder im Gcdacht- uiß behalten mußte. Wenn Stellen in diesem Liede der Ebraischen Poesie. 83 sind, von denen es schiene, sie konnten damals noch nicht gesungen werden: so denke man, daß Tempel, Heiliathum und daö Land, wohin sie ziehen sollten, in Gottes und Moses Geist schon da war, und daß dieser dadurch auf die Anstalten und Züge, die gemacht werden sollten, im Triumph gleichsam vorbereitete. Dies Lied nun, von dem ich einen schwachen Nachhall gegeben, gab den Ton der ebräischen Siegeslieder an, wie der Gesang der Deborab und der 63te Psalm zeigen. Eben dieselbe» Einschnitte und Absätze, eben der affonirende Freudenklang beleben den Rbythmus. Die öfteren Ausrufungen, Las wiederkommende Preis dem Jehovah! Lobsingr dem Jehovah! die Anmuntcrungen an die Zuhörer und den Sänger selbst. die bisweilen die Rede zertheilen oder vielmehr neu beleben, sind gleichsam die Stabe, an denen sich der historische Gesang aufrichret. Zn den Psalmen sind die Hallelujah daraus geworden, ein belebendes Freudengeschrei des Ekors. das viele Nationen beinah in diesen Tönen rennen, und das die Ebraer ihrem Iah oder Zehovah wciheten. Die Erscheinung Gottes auf Sinai ist in der simpeln Mosaischen Beschreibung schon fürchterlich erhadena); sehr natürlich also, daß sie ein Gegen- F 2 c) 2 Mos. rg, re». 84 Vom Geist stand der prachtichsten Poesie Word. Moses denkt an sic in seinem Segensspruch ck) sehr gesetzlich; er spricht mich hier als Gottes Vertrauter, dem die fürchterlichste Sache lieblich und lehrend war. Der Hochherrliche mit Blitzen in den Händen wird ihm ein Vater und Lehrer seiner versammleken Kinder. Die Folge wird dies weiter entwickeln; hier bemerken wir nur, daß die Erscheinung Gottes auf Sinai zu Personistcationcn Anlaß gegeben, die die ganze cbraische Poesie schmücken, der Glanz, die Feuerstrahlen Gottes wurden Engel, Ordnungen und Reihen, in deren Mitte das Gesetz gegeben war. Schon David s) bildete sie zu einem feurigen Heerlager Gottes, und Daniclk) machte sodann diese zehntausend mal tausend um Gott völlig zu seiner Befehle Dienern; eine Reihe rabbinischer Verfeinerungen , daß durch Engel das Gesetz gegeben und ausgesprochen sei), ist darauf gegründet. Da Jehovah als Kricgsgott von Sinai aufbricht, für Israel zu streiten, begleiteten ihn also diese Heere: so erscheint er im Lobgesanae der Deborah, wo sogar Schlachtordnungen der Sterne für Israel streiten Z), und ich zweifle nicht, daß daher auch der hohe Name Gottes, Jehovah Zebaoth, den Ebraern eigen worden. David braucht ihn zuerst gegen den Philister 1i) und erklärt ihn als den Namen eines Gottes der Schlachtordnungen Israels, d. i. als 'einen, der für Israel streitet. -l) 5 Mos. 3g , 2. k) Dan. 7, io. d) r Sam. 17, H5. e) Psalm 68 , 18. §) Richter 5 , ß. 20, der Ebraisch'en Poesie. L5 Er muß also aus der alten Geschichte des Volks, aus seinen Triumphliedcrn seyn; und da geben Moses, Dcborah s und so viele Psalmen die bestimmteste Auskunft. Er ist wirklich der Name des Kriegsgottes Israels; nur weil er in alteren Zeiten von jenem Glanz auf Sinai, von Blitzen und Donnerwagen, ja selbst vom Kriegsheer mitstrciten- der Sterne ausging: so konnte seine Bedeutung sehr erweitert werden, bis er zuletzt, wie alle solche vielgebrauchte poetische Göttcrnamen, die ganze Fülle der Pracht und Schöne Gottes (stille» ) in sich faßte. In den spatern Schriften der Propheten kann er also nicht eigentlich mehr durch Kriegs- golt übersetzt werden, obgleich dies seine ursprüngliche Bedeutung war: er ist ihnen ein Begriff aller Hoheit und Würde: dem Gott Zebaoth dient alles im Himmel und auf der Erde. Dies ist der einheimische Ursprung des Namens; mit den Götzen der Sabäer hatte er ursprünglich nichts zu schaffen. Wenn die Propheten auch Sterne als das Heer Gottes schildern: so thun sie's weil seiner Majestät Alles voll ist. -Moses, Dcborah, David und die Psalmen sind die Stufen, auf denen sie zu ihrem hohen Begriff stiegen. Lasset uns eine Probe sehen, wie David die Züge Gottes in der Wüste auf einen Gegenstand anwendet, wo mans eben nicht erwarten sollte, den Einzug der Bundcslade auf den Berg Zion. Er geht die ganze Reise Gottes von Berge zu Berge, von Siege zu Siege durch, und der Triumphgesang der Dcborah ist offenbar des Liedes Vorbild. Man könnte den Psalm'NIN'' die Züge Gottes nennen, welchen Ausdruck auch Habakuk daraus brauchet. 86 Vom Geist Die Siegeszüge Gottes. Der 6 8 le Psalm. Es erbebe sich Gott! Und seine Feinde zerfliehn! Es flichn, die ibn baffen, vor seinem Blick! (Der Siegesanruf Moses, mit dem er die Wolke anredete, wenn der Zue, forlging.) Wie Rauch verwebt, verwebe sie! Wie Waws zerschmilzt vor Feuers Blick; So müssen vergehn die Bösen vor Genres Blick. (Rauch und Feuer waren die Symbole der Gegenwart Gottes bei dem Auge.) Die Gerechten aber freuen sich! Sic Hüpfen auf vor Gottes Blick, Sie freun sich hoch! (weil er nemlich mit ihnen ziehet. Hier ist der Eingang des Liedes vollendet, und cs beginnt vielleicht ein zweiter Chor.) Lobsinger Gott! singt seiner Majestät! Macht Bahn ihm, der in der Wüste zeucht» Singt seinen Wundernamen Iah! Und ranzet vor ihm her. Ein Vaier der Waisen, der Wittwen Racher Ist der hockheilge Gott! Gott! den Verlassenen Gab er ein Land: Er führte aus die Gebundenen zum Glück, Und die Rebellen bewohnen den nackten Fels. (Seyn diese Rebellen Amalckiter oder Aegypter, die der Ebr ätschen Poesie. 87 sich dem Auge Gottes widersetzten; die Verlassenen, die Gebundenen sind Israel, die er auf diesem Zuge aus der Knechtschaft führet und das reiche Kanaan für sie im Sinn hat. Der andere Chor fangt an: der Zug selbst wird geschildert, ganz mit den-Wor- ten der Deborah: ) Gott, da du auszogst Vor deinem Volk her, Da du einhcrzogst In Wüstenein; Da bebete die Erde! Die Himmel trofen vor Gottes Blick! Der Sinai dort vor Gottes Blick, Dem Gotte Israels. Milden Regen ließest du nieder, Dein lechzendes Erb' erquicktest du: Auch in der Wüste könnt' dein Häuflein wohnen, Die du dem armen Volk bereitetest Durch deine Milde, Gott! — (Auf den letzten Zug kommt der Dichter eben auch durch die Beschreibung der Deborah. Sie mahlte den triefenden Himmel, den zerschmelzenden Sinai, um sich einen Uebcrgang zu den triefenden Wolken zu machen, die den Kison und die Kcdumlm auf- geschwcllt, und ihr den Sieg verschafft hatten. Der sanfte Hirt wendet das heroische Bild vom triefenden Himmel und Sinai um, daß die Wüste zum Garten, zur angenehmen Wohnung der Stamme werds. Diese ziehen also fort, und sogleich folgen Kriege und Siege: Kriegswort gab der Herr! Botschafterinnen des Siegs ein großes Heer. 88 -Vom Geist „Der Heere Könige floh»! sie flohn! Die Bewohnerin des Hauses rhcilet Beut' aus. Was ruht ihr zwischen de» Tränkrinnen da? Der Laube Federn sind gar silberhell! Und ihre Flügel funkeln gelbes Gold! Als der Allmächtge Könige zerstrcuete, Fiel Schnee auf dem Zalmon," Vermulhlich Worte aus einem asten Sicgesliedo, die gemeiniglich auch Spottlieder waren; offenbar hergenommen vom Siege der Deborah. Im nördlichen, waldigen Theil des jüdischen Landes gingen damals Freiheit über Israel aufi): die Regenzeit beförderte den Sieg, also geschieht des Schnees Erwähnung ie). Weibern wird die Siegesbotschaft i) Jes- s, 1-5. ist wahrscheinlich eine Anspielung auf diese Stelle. K) Die Worte „es siel Schnee auf dem Zalmon" gehören zur Spott-Anrede des Siegesgesanges und bedürfen also keiner Aenderung. Die zurück- bleibenden Stämme scheue» sich vor dem ungestümen Winterwetter, das eben die Heldin Deborah zu ihrem Angriff und Siege bequem fand. Wenn selbst der niedrige Berg Zalmon, der im südlichen Judäa lag, mit Schnee bedeckt war; wie viel mehr mußten es die nördlichen höhern Berge seyn, wohin der Kriegszug geschehen sollte? Diesen weisen Schluß machten die südlichen Stämme, und blieben bei ihren Tauben ruhig sitzen. Es ist als sänge der Gesang: Die ihr da zwischen Hürden ruht, Was säumt ihr Träge da? der E b'r a i s c h e n Poesie. 89 in den Mund gegeben, weil Deborah und Joel die Entscheiderinnen waren, und dies Geschlecht nachher cs nichr wird haben fehlen lassen, das Andenken ihrer Mutter Deborah zu erhalten. Der Spott über die Zurückbleibenden ist offenbar aus ihrem Siegeslicde, hier nur feiner. Sie rückte den tragen Stammen auf, daß sie lieber das Blöcken der Heerde als das Geschrei der Schlacht hatten hören wollen; hier wird ihnen vorgerückt, daß sie furchtsam und kricgesscheu in diesen rauhen Tagen lieber die Silberflügel und Goldschwingcn ihrer Tauben hatten bewundern wollen; indeß ein Weib, die Bewohnerin eines Hauses, Deborah (eine Biene) Beute aus- thciltc. „Kriegswort gab der Herr" heißt: er gab zum Kriege Befehl, er erweckte Helden und sofort auch Siegesbotschaft. , — Jetzt ist der Zug Jehovah an den Bergen. Auf dem kleinen Zion laßt er sich nieder, und wie viel schönere, fruchtbarere Gebirge waren da, die diese Ehre wünschten! Den reichen Basan war er vorbeigezogcn; hier wendet sich also der Gesang an einen der größten israelitischen Berge: Berg Gottes, Berg Basan, Du hüglicht Gebirge, Berg Basan, Was schaut ihr verachtend herab, ihr hüglichtcn Berge, Bewundernd eurer Lauben Glanz Und ihrer Flügel Gold. Als Gott der Herr die Völker schlug, Die Helden Kanaans; Da, freilich war es Wiutertag, Auf Zalmon selbst siel Schnee. 9 " Vom Geist Auf diesen, den Gott sich zurWohnu g erwählt? Es wird ihn bewohnen Jehovah Auf immerdar. (Die Abfindung ist halb Lob, halb Tadel: Basan wird genannt, wel er jenseits des Jordans lag, und Gott daselbst am wenigsten wohnen konnte; denn er gehörte nicht zum verheißenen Lande. — Zion war neu erobert, und in Jerusalem vielleicht noch Reste der Jebusttcr: Gott wohnte also seinen überwundenen Feinden in der Nähe — ein Umstand, der zum folgenden hohen Gemälde der Sie- gcszüge Gottes Anlaß giebt, seitdem er vom Sinai aufbrach:) Kricgswage» Gottes, tausendmal tausend Und zehenmal zehntausend noch: Der Herr in ihrer Mitte Bricht auf vom Pracht - erfüllten Sinai. Du schwangst den Wagen hoch! Du führtest Gefangene mit dir fort, Nahmst Mensche» an zum Siegcsgeschenk, Nimmst auch Rebellen jetzt zu Mitbewohnern an, Jehovah, Gott. Gelobt sey Gott! von Lag' zu Lage gelobt! Er legt uns Bürden auf und Hilst uns auch, Ist Hülfgott uns, ein Gott zu unserm Heil, Jehovah Gottes sind auch die Ausgang' zum Lode. Fürwahr! Gott wird das Haupt aller seiner Feinde spalten Den Haaresschadel deß, der ihm zuwider lebt: Und sollt' ich, spricht der Herr, von Basans Höh' ihn holen, derEbraischen Poesie. 9t Ihn holen aus des Meeres Grund' hinauf: Dein Fuß soll noch in ihrem Blute waten, Auch deine Hunde lecken Feindes Blut! — Gnug! und zu unserm Zweck beinahe zu viel. Man sieber deutlich, was der Harle Psalm voll stolzer Kriegsgesinnung an Siegesqeschenken Gottes unter Menschen verstehe, und was der Landcsaott auf dem neueroberten Berqe auch noch ferner lhun soll? Das Land von Feinden reinigen, die ihm wie zum Sündopfer leben. — Wir kommen zurück zu unserer Materie. Und fragen : „Was war der rauchende Sinai? „Was war die Wolken und Feucrsaule?" die zu so glanzenden Bildern Anlaß gaben. Uebcr die Feuer- und Wvlkcnsäule dürften wir beinah nicht ungewiß seyn. Sie war das heilige Feuer, das nach Gewohnheit aller Züge in diesen Gegenden dem Heer voranqetragen ward, und sowohl zum Zeichen des Aufocuchs, als zum Wegweiser diente. Als die Israeliten aus Aegypten zogen, folgte es und siand zwischen ihnen und den Aegyprern: ich erinnere mich, selbst bei irgend einem heidnischen Schriftsteller den verstellten Umstand gelesen zu haben, daß das entfliehende Volk Heiligthumer, mich dünkt, heilige Thicrc zwischen- geftt'llt, die die Aegypccr nicht hatten angreifen dürfen. Bei vielem Auszuge kommt zuerst die Wolken- und Feuersaule, nur sogleich mit wunderbaren 92 Vom Geist Wirkungen vor, die ihr auch weiter folgen I). Wenn das Heer rukte, stand sie vor der Thür des Heilig- ihums, vor dem Zelt des Heerführers , und bei ihr wurden Aiuworten gegeben. Brach das Heer auf, so ging sie als Wegweiser voran. So lange sic in der Wüste waren, wird an sie gedacht; als sic in Kanaan ankamen, ging die Lade des Bundes voran und zeigte den Weg, der Fcuersäuls geschieht nichc mehr Erwähnungen). Kurz, es war das Symbol der Gottheit, das bei Israel aber nicht blos Symbol war, sondern wunderbare, zuweilen chreckliche Wirkungen übte. Beide Stücke lasten sich so füglich vereinen, daß ich nicht sehe, warum man sie trennen dürfte. In einem Symbol wollte Gott mit Israel ziehen, und ihr Wegweiser seyn: dies hieß der Engel seines Angesichts, d. i. der Bote und das Zeichen seiner besottdern Aufsicht; und alle dies war die genannte Fcucrsäule. Tag über erschien sie als Rauch; in der Nacht als Flamme. Vor ihr war die heiligste Gerichtsstätte, das höchste Tribunal: wenn Moses und Aaron nirgends sicher waren, waren sie hier sicher, und das Feuer Gottes rächte sie empfindlich. Als der Zug geendigt war, ward vcrmuthlich das Andenken davon ins Allcrheiligste gesetzt und vielleicht noch einige AeitZerhaltcn; daher die Fabel der Juden von der l) 2 Most ist, ig. 20. Kap. 33 , g-n. st Most 9, 12-2Z. Kap. iv, 3 st- 3 l>. Kap. 12, 10. st Most ist, 10-ist. Kap. 16, ig. 35 . str - st6. 5 Mos. 3 i, i 5 . m) Iosua 3 , 3 . der Ebcaischen Poesie. Z3 ewigen Rauchwolke zwischen den Cherubim. — Nichts ist natürlicher und der Geschicht gemäßer, als diese Erklärung: sie hebt kein Wunder auf, sie zeigt nur das Mittel, durch welches Gott Wunder wirkte, weil cs der Eiigel seines Angesichts, oder wie Habakuk sagt, die Hülle seiner Gegenwart seyn sollte. Die glänzenden Erscheinungen auf Sinai haben wahrscheinlich eben solche Zeit- und Ortmäßige Na- turmittcl gehabt: denn auch kein Wunder wirkt Gott ausser durch Naturmittcl und Kräfte. Der ausserordentliche Glanz, in dem zuweilen die Sand- wüsten Arabiens erscheinen, der Rauch, in den sich die Berge hüllen, die Donner, die in diesen ge- lhürmtcn Fclsgebirgcn vervielfacht und schrecklich wiederhallcn; diese und vielleicht andere fürchterlich prächtige Phänomene der Natur vercinigie Gott hier zu Symbolen seiner Erscheinung. Wer das Wunderbare dabei laugncn wollte, müßte die Beschreibung Moses zur Fabel machen; an schauerlichen Phänomenen ist ja aber auch diese fürchterlich - ode Gegend so reich! Der Zug durchs rothe Meer endlich, war mit den beschriebenen Umstanden allerdings eine wunderbare , nicht aber unmögliche Errettung. Wahrscheinlich wollte Moses den Isthmus hinüber, als er Befehl bekam, sich zu wenden; tief drunten konnte also Israel nicht seyn/ und wahrscheinlich gingen sie bei Suez herüber, etwas südlicher, als der Zug geht, den die Karavancn nehmen. Wenn nun der Meerbusen nach Hinterbliebenen Spuren damals hoher ging, als jetzo: so war er breit ge- 94 Vom Geist nuq, daß bei verfehlter Straße, in dunkler Nacht, unter Unqewitter, Sturmwinden und panischem Schrecken, im ganzen Aegypterhcer Unordnung entstehen und sie sich selbst in die kiefern Tiefen des Meers, in die hereinbrcchende Fluth rettungslos verirren konnten; er ist aber auch noch keine zwanzig oder dreißig Meilen breit, daß der Durchzug der Israeliten in Einer Nacht unmöglich wäre. Alle Zweifel, die man neuerlichst über diese Begebenheit, wie Fluchen über Fluchen, getkürmt hat, sind übertrieben; und die alten Denkmäler der Israeliten, das Fest, das sogleich zum Andenken dieses Durchganges gestiftet ward, das Siegeslied Moses und so viel Anreden, die er an das versammlet« Israel darauf bauet, zeigen genugsam, daß ihre Erretung allerdings mit wunderbaren und füchter- lichen Umstanden begleitet gewesen, die Moses auch sehr naturvoll und local beschreibet. — Möchten nur unsere Gesänge, die von dieser Begebenheit reden, auch den ebraischen ähnlich seyn! Diese erzählen sic nicht, ob eS ihnen gleich Nakionalwohlthak und der Grund ihres ganzen Staats war, in ewigen Litaneien her, wie wir oft zu thun gewohnt sind; sondern sie wenden die alte Begebenheit auf neue Vorfälle an, schmelze» sie in den Inhalt ihres Gegenstandes um, und singen sie, wenn ich so sagen darf, pragmatisch So Deborah, so einige schöne Psalmen und Propheten; lasset uns jetzt eins der rührendsten Gedichte der Ebräer lesen, in dem das kühnste Siegsgemäldc der alten Welt zur wchmü- rhigstcn Elegie wird. der Ebräiscken Poesie. 95 Gebet Habakuks des Propheten, in Klagetönen. Jehovah , deine Gerüchte hörte ich Und bebe noch s): Dein Werk, Jehovah, zeig' es mit den Jahrend), Mach mit den Jahren es bekannt und denke Im Zorne an Barmherzigkeit. n) Die Gerüchte, die der Prophet hört, sind Sagen von den Wunderbegebenheiten alter Zeit und waS jetzt geschehen soll. Einst stritt Gott für das Volk; jetzt wird ers verlassen und Feinden hin- geben. Beiderlei Gerüchte wird der Gesang ausführen, und der Prophet verlangt Absicht, Ende Gottes bei dieser traurigen Katastrophe zu sehen. Nichts anders will die Bitte sagen: „zeige dein „Werk, mache mit den Jahren allmählich begannt, was du vorhast, und erinnere dick bei „deinen jetzigen harten Rathschlüffen an deine „alte für dieses Volk gütige Wunderthaten." K) Daß man statt „belebe dein Werk" „mache es bekannt" lese, scheint der Pa- rallelismuö zu wollen; vielleicht ist aber auch Ps. gc>, »3-17. dem Dichter vor Augen gewesen, und dann ist das Eilen, das Fördern des Werks dem Zusammenhänge nicht entgegen. Der Dichter wollte gern den baldigen Ausgang der Schicksale sehen, und ward K. 2, 3 . h. zum Harren verwiesen: hier bittet er also wie Moses, Gott wolle sein Werk beleben, fördern. 96 Vom Geist Als Gott von Lheman kam, Als der Hochherrliche vom Berge Para» zog: Da süllete die Himmel seine Zier Und seines Lobes war die Erde voll. Wie Sonne war sein Glanz, Strahlen schossen aus seiner Hand! Und das war nur die Hülle seiner Macht. Vor seinem Angesicht ging Pest, Raubvögel flogen zu Füßen ihm hervor. Er stand; die Erde wankete a): Er sah; und Völker fuhren empor. Ewge Berge zerstoben unter seinem Krill, Es krümmten sich die Höhn der alten Welt, Wo er vor Alters zog ä). Die Hütten Kufans sah ich in reger Ängste' : Es wichen hinweg die Gezelte Midians. Ist c) Mehrere Uebersetzungen haben so gelesen: Der Parallelismus forderts offenbar: wenn man statt den ähnlichen Schall 12 liefet, ist die passende Lesart da. 122^1 in sensu rnansiiivo ncmlich, wie auch das zweite Glied des Verses die Folge davon mahlet. Die Völker fliegen empor, so stark ist die Erde beweget. ä) Die sind aus dem 68ten Psalm der diesem mißverstandenen Wort den leichtesten Sinn giebt. Es sind die Züge Gottes in der alten Zeit, seine Schritte von Berg zu Berge, (Sinai, Scir, Paran, Basan,) die so viel alte Sicgesliedcr sangen, und auch diese Elegie mahlet, e) Sie arbeilea gleichsam unterAngst: sie reißen ab die Decken der Gezelte, so daß ein ganzes Zclren- Volk in wenigen Augenblicken weg ist. 97 der Eb ratschen Poesie Ist auf die Ström' ergrimmet Iehovah? Geht auf die Wellen seiner Nase Hauch? Zürnt er aufs Meerk) ? Denn du besteigst den Kriegeswagen, Gott i Du zeuchst mit Rosten einher, du Hetfersgott! Du ziehest deinen Bogen hervor Vervielfachend die Pfeile siebenfach ß). — Und die Ströme zerreißen das Land. k) Die sonderbare Wendüiig dieser Frage zeigt best Schrecken des Sehenden an, und giebt der Ode einen hohen Fortgang. Mehrere Psalmen Unterbrechen die Erzählung mit solchen unvermutheteit Kragen, wie Ps. ritt, S. 6. u. a.; ein eigner erhabner Gang der Morgenlandischen Dichtkunst, tz) Dieser Vers, der ein Kreuz der Kritiker ist, bekommt meines Erachtens allein Sinn, entweder wenn man dem Syrer folget und von Herleiter; was soll aber alsdann daS^L^ ? Wenn ich auch übersetzte: Du zogst den Bogen hervor, Blntgesattigt waren des Feldherrn Weile; so wird jedem feinen Gefühl die Verbindung hart bleiben. Daß Gott hier plötzlich genannt werde, da er durchs ganze Gedicht nicht als ein muffiger Feldherr spricht, sondern als Krieger handelt; daß die Pfeile hier schon blütgesatrigr sind, da sie erst im langsamen Fortgänge der Beschreibung V. >3. gebraucht werden — das alles macht diese Construcnon hier unerwartet. Ich habe also ganz simpel s's'irOLt als das Zahlwort Herders Werke z. Siek. ». Theek. II. G 9 « Vom Geist Es sahen dich die Berg' und zitterten: Die Wasser rannen überschwemmend dahin. Die Wogen töneten, Die Höhen fleheten. und als das karticipiuin gelesen. Daß häufig „vervielfachen" heiße, ist bekannt, und so ließe sich diese schwere Stelle, dünkt mich, aus die leichteste Weise, dem Fortgange des Bildes aufs schönste gemäß, erklären. Die Vervielfachung der Blitze, als glänzender Pfeile, ist aus dem 18. Psalm bekannt genug; welchem Bilde hier der Prophet folget. Aber wie kommts, daß jetzt, da Gott Pfeil und Bogen hervorzieht, die Flüsse durchs Land reißen? Man lese weiter fort: es wird ein allgemeiner Schauer der Natur geschildert, den wir vor dem Ungewitter bemerken. Es ist, als ob alles die Gegenwart, die Nähe des Schöpfers fühle: Der Fluß rollt schneller, und wie hier steht, die Fluchen töne» lauter, die Höhen heben erwartend die Hände. Es ist kein Zweifel, daß alle diese Bilder vom rothen Meer, dem Jordan, dem Sinai, den Zeiten des Josua und der Debo- rah, da die Ströme zurückwichen oder aufschwollen, hergenommen seyn; alle aber sind zu einem Bilde zusammengesetzt, daher man unrecht thut, wenn man jeden kleinen Zug historisch und gar- chronologisch verfolgt. Offenbar ists das fortgc- hende Gemälde eines kommenden Streilhelden und seiner Schlacht. Das Bild von der Angst der Wasser, die den nahen Gott ahnen, ist aus dem herrlichen 77tcn Psalm V. 17-21., dessen Bilder Habakuk in mehreren Stellen erweitert hak. der Ebraischon Poesie. 99 Sonn' und Mond , sie ständen in ihrem Laufe still Ii), Beim Glanzlicht deiner Pfeile, der fliegenden, Bei'm Blitzglanz deiner Spieße. Und zornig schrillst vu auf dem Lände fort!); Im GriMm zertratest Nationen dui ch) Das Bild von Sonne und Mond sind abermals aus Josua Geschichte und aus dem Liede der Der borah zusammengesetzt. Dort standen sie verwundernd stille, als Gott stritt! hier werden ihnen ^^22 zugeschrieben. Sollte nicht däsielbe Wort auch hier gestanden haben, das die Debo- rah braucht; nur hier im Lingiii-ri da es der gewöhnlichen Lesart vorn und hinten fehlet? Der Grieche scheint so gelesen zu haben, der k-.ü, i«s» übersetzt, gerade wie er Richter 5, dc>. übersetzte und das Bild wird damit schön, rund, und voll Bewegung. Sie stehen verwundernd still auf ihrem Wege, auf ihrer gepflasterten Bahn, die sie ewig wandeln; sie sehen den Glänz der Blitze, Und sind gleichsam beschämt Und verdämmert. !) Das Gemälde ist fortschreitend. Hier tritt Gott nicht erst aufs Land: der erste Tritt Gotres wurde schon im 6teN Bers gemahlt; sondern er schreitet auf dem Lande fort, und jeder Tritt zertritt Völker. Der Dichter schreitet also auch in der alten Geschichte fort, Und kommt auf der Könige, insonderheit Davids, Zeiten, wie er V. i3. deutlich saget. Daher sind auch die Bilder dieser folgenden Verse aus Davids Siegesliedern. Der G 2 100 Vom Geist Denn du zogst aus zu helfen deinem Volk, Zu helfen deinem Gesalbeten. Zerschlägst den Gipfel vom Hause des Bösewichts A); Entblößest dessen Feste bis zum Grundfelsen hinab: Durchstachst das Haupt der Führer ihrer Kricgs- reihn I). r3te und ihte ist deutlich aus Pf» 68, 22 . Pf. 110 , 6, und andern Stellen, weil David , diesen Idiotismus „das Haupt zerschmeißen oder zerspalten" oft hat. Ir) Das Bild ist von einem Hause oder Pallast hcr- genommen , dessen Gipfel zerschlagen, das bis auf den Grundstein, der auf einen Fels gelegt ist, entblößt und zertrümmert wird. Daß häufig, insonderheit in den Psalmen so gebraucht werde, darf ich nicht erinnern; die Zertrümmerung des Hauses heißt nach den Sitten des Orients der Untergang der ganzen Familie. Auf welche Feinde Davids hier gesehen werde? muß man nicht fragen: die Bilder werden hier in allgemeinem Sinn ins Gemälde gestellet. Die Partikular - Umstände alter Zeiten gehören nicht zum Zweck des Dichters. I) lieber das Wort ist mancherlei gemuthmaßr worden; mich dünkt, sein erster Sinn ist Reihen, abgethcilte Hauser oder Glieder, wie sein Stammwort sagt. Im Liede der Debo- rah (Nicht. 5,7.) sinds entweder Flecken selbst oder Versammlungen aus Flecken, aus Distrikten, kurz Stände. Hier wärcns geordnete Reihen der Feinde, die nach dem folgenden Vers im Sturm -«Mt dcr Ebrai schon Poesie. 1k)t Sie ftürmeten hinan, mich zu zerstreuen, Frohlockten schon, wie sie den Bedrängten fressen wollten Wie ein Hölcnthicr den Raub. Da stampften deine Rosse das Meer hinan: Sic kamen auf schwellende Flutm). — Das hört' ich, und mein Herz erbebet? der Stimmen), hinanziehn, ein wehrloses Volk zu zerstreuen, und sich zum Raube zu thcitcn. Der Grieche übersetzt aber gleich collcmvive, Anführer solcher Ordnungen und Glieder A,-,«?»,,-), wie Ehrennamen in allen Sprachen collearlvs gebraucht werden. Ich habe das Wort in der Uebersetzung umschrieben, weil dadurch sogleich das folgende Bild Licht erhalt, das, verglichen mit Kap. i, 9., wie mich dünkt, keiner weitern Erläuterung Roth hat. nr) Hülfebringend nemlich, wie der 8te und rate Vers deutlich sagten. Das Gemälde schließt, wie es ansing; welches eine sonderbare Schönheit ist, weil es den ganzen Anblick vereinet. Sowohl in diesem Lheil, als in der ganzen Oekonomie der Ode ist das Gedicht schön vollendet. ich Jetzt fangt ein neuer Lheil der Ode an, der abermals zum Anfänge V. i> zurückkehret. Der Dichter hat alle Wunder Gottes für Israel aus der allen Zeit gehört, und sieht jetzt so schreckliche andere Zeiten hcrannahn. Dies Unbegreifliche, Widersprechende macht den Knoten dcr Ode, so wie seiner Empfindung; die vorhergehenden Ka- Und meine Lippen zil erteil o); Schauder drang durch mein Gebein, Die Füße wanteien; Der ich doch ruhen soll dem Drangsalstage x), Wenn auf uns kommet dqs Verwüstervolk. Da wird der Feigenbaum nicht blüh», Da wird der Weiustocl keine Früchte geben: Der Oelbaum tauscht den Hystenden, Die Ae.ler bringen nichts zum Brod, Das Schaas ist meggerissen aus den Hürden, Kein Rind ist in den Ställen mehr, pilet sind der rührendste Cornmentqr darüber Insonderheit Kap. i, i. 2. >2->4. Kap. 2, ! - ir. . o) Wir haben kein edles Wort für den Small der Lippen eines Zitternden, wie ihn aus- drücht. Im fotgenven lese ich sia^ mit vielen Uebersetzungen und einige» Han.schristcn, Dqs erklärt sich aus der Geschichte des Propheten Kap, 2, r-st. Er ward von Gott zur Ruhe gewiesen; er sollte die Zeit erwarten. Das nennt er nun: ,,ruhen und harren auf den Lag der Drangsal," wenn das Volk einbrach, das er Kap. 1, schilderte. Es ist also hier nicht von einem Aussteigen nach Chaldäa, sonder» von einem Kommen ver Chaldäer die Rede, wie der folgende Vers deutlich zeiget« und das ^ vor 17 ^,'^stst offenbar nur ein res^>eorivn,n, wenn es nicht aus einem N entstanden. Der folgende Vers schildert die völlige Verwüstung des Landes durch die Chaldäer; eine Verwüstung, die das auf einmal darstellt. der Eb ratschen Poesie. ro3 Und doch will ich mich in Jehovah freuen cr), Will jauchzen über meinen Rettergolt. Jehovah Gott ist meine Kraft, Er wird mich springen machen wie ein Reh, Auf meinen Höhn trel' ich noch hoch einher! h) Hier wendet sich die Ode zum Ausgang. So dunkel es um ihn her ist, bleibt der Prophet dem Wort seines Gottes treu; (Kap. 2,1-st.) verlaßt sich auf ihn und hüpft im Namen seines ganzen Volks fröhlich. Es muß, es wird mir ihm einen guten Ausgang nehmen, ob ihn gleich der Prophet noch nicht stehet, ob er ihn gleich als den Hauptinhalt seiner Weissagung zu sehen so sehr begehrte. (Vgl. Kap. 1, 2. 3 . 1.2 -17. Kap. s, r-st. Kap. 3 , 2.) Der Umriß des Buchs ist eben solch ein schönes Ganze, wie diese Ode; die ich deshalb den Kranz lyrischer Gesänge der Ebräer nennen möchte. Daß im letzten Verse Anspielungen auf Ps. 18, Zst. und h Mos. 33 , 2g. sind, darf ich nicht erinnern. David hatte den letzten Ort auf sich angewandt, und der Prophet wendet ihn aufs ganze Volk an. Noch wird es einst seine alten Siegeshöhen wieder besteigen, und auf denselben wie ein Hirsch Hüpfen. Judäa war ein Bergland; daher auch von den Chaldäern (V. 16.) das gebraucht wird: der Ausgang des Gedichts ist patriotisch, schön und edel. Alle Empfindungen und Schicksale des Volks in Glück und Unglück trägt der Dichter in seiner Brust— (Folgende kleine Abhandlung „vom Wunderbaren.bei der Mosaischen Gesetzgebung und Reise," und eine metrische „Umschreibung des Klagegesanges Haba- kuks," fanden sich unter den Handschriften des Verfassers, und stehen am besten an diesem Ort.) A. d. H. Vom Geist Erster rlnhang. Wom Wunderbaren bei der Mosaischen Gesetzgebung und Reise. „Sollt? nicht die ganze Beschreibung dieses „Zuges in Arabien eine Art spaterer Epopee sevn, „die zu einer Zeit entstand, da schon das Wahre „der Geschichie mit wunderbaren Dichtungen Überkleider wart" Zu meinem Zweck thäce es nichts, wenn eS dies auch wäre: denn immer bleibt diese Geschichte Grundstoff der ebraische» Gesetzgebung und Dichtkunst; allein welchen Grund hätte man, dies zu glauben? Man lese die Beschreibung un- parlhcyisch, wie einfach ist sic! und wie lokal, wie genau zutreffend in Umstanden der Zeit und Gegend. Jede neue Reisebefchreibung bat das Lokale derselben neu bekräftigt oder erläutert, und noch jetzt ist die Tradition der benachbarten Völker und Stamme jene? alfen Geschichte voll. Ich weiß wohl, daß insonderheit die mohametanische Religion diese Traditionen neu erweckt habe; sie weckte sie aber pur und bauete darauf, denn sie waren auch schon vorher da. Die einsame Wüste scheint bestimmt zu seyn, daß i,r ihr diese Geschichte sowphl in Denk; pialen dey Natur als in Sagen lehy. Ware in Moses Erzählung eine poetische Absicht wie bei Homer merkbar, sähe man in ihr eine Zusammenstellung und Verschönerung der Begebenheiten zu dieser Absicht und hielte alsdann die wahre der Ebrgi sehen Poesie. Natur das,egen: so müßte man in der arabischen Wüste sowohl als auf dem §c-de vor Zjroja deutlich gewahr werden, wo die Erdichtung gnfqnqe und die Geschichte aufhöre; das erste ergäbe sich nervlich aus ihrer Absicht. Nun ist aber in Mösts nichts von diesem Zweck sichtbar. Die Reise durchs Meer ist nicht aus dem Liede entstanden, das ihretwegen gesungen ward; sondern ste geht offenbar demselben als dis kunstloseste geographische Beschreibung vor. Die Gesetzgebung auf Sinai ist plan erzählt; das Erhabene und Schauerliche der Erzählung liegt in der Sache, nicht in Worten. So ists mit den schrecklichsten und angenehmen Wundern dcr Reist; sic gehören so ungekünstelt ins Ganze der Einrichtung und Erzählung, als die langen Beschreibungen von Einrichtung der Stiftehütrc, den Gesetzen, den heiligen Gebrauchen und Kleidern, die gewiß historische Urkunden jener Zeit sind. Warum wollten wir nun Einem und nicht dem Andern glauben? Warum müßt? zu jeder Zeit alles zugehen, wie cs jetzt bei uns zügelst? Dort sollte eine Lehre und Gesetzgebung gegründet werden, die sich über Völker und Jahrtausende erstreckte: konnte das dcr emsige Moses mit aller seiner Aegyp- terweisheit, auch seine Leviten mir dazu gerechnet? konnte ers gegen einige ic>o,c>cu> rebellische Menschen? Und wie diese in der Wüstenei so lange erhalten? Wer daran zweifelt, gebe einen Verschlag an, wie es geschehen seyn möchte? daß dieser sich ja aber zwischen die Berge Sinai und Paran untz in zene Zeit und zu diesem Volk füge! — Kamst aber zwingt uns niemand z 106 Vom Geist 1. Mahrchen zu glauben, von denen die Geschichte nichts weiß und die die späten: Rabbinen über das Manna, die Wolkensäule, die gesetzgebenden Engel u. 5 aus Deutelei oder zu moralischer Absicht ersonnen haben. Vielmehr 2. Da nur Ein Gott der Herr der Natur und dieser Wunder ist, sind auch alle diese Wunder durch Mittelursachen der Natur geschehen und zu erklären. Noch Theophrast, Plinius u. a. haben vom Manna gesprochen, wie diese viel, viel altere Beschreibung, die der ganzen Naturkunde damaliger Zeit gemäß ist. Die Gewitter zwischen den arabischen Gebirgen sind eben so bekannt: der Rachengel l des Herrn, der erstickende Wind Samum, die Phänomene deS Ostwinds, in dem alle Gegenstände großer erscheinen, in dem die Sandwüste wie ein Glutmeer aussieht, gleichfalls. Es ist eine schauerliche Einöde der Natur, geschaffen gleichsam zu erhabenen Eindrücken der Furcht und des Gehorsams. 3 . Damit aber wird nach allen bisherigen Entdeckungen, die mir bekannt sind, kein Wunder der israelitischen Geschichte vollkommen erkläret. Es giebt keine Eichenwälder dortiger Gegenden, von deren Manna ein so großes Volk auf allen seinen Zügen hatte leben können; auch waren die Israeliten so gescheut wie wir, daß sie, was ein natürlicher Donner war, nicht gewußt hätten zu unterscheiden, 4. Endlich ists vortrefflich, daß alle diese Wundergegenstände außer Kanaan lagen; auf die Beobachtung der Gesetze hatten sie also keinen Einfluß. Der Sinai lag nicht in Kanaan, daß er der Ebräi sehen Poesie. r«7 etwa der Heiligkeit des Orks wegen als Gottesstätte verehrt werden durfte. Man sähe die Gewitter vorüber ziehn und auf ihnen den Herrn der Gewitter; in Kanaan lagerte er sich aber auf keinem Berge. Die Geschichte blieb, was sie war, alte Geschichte; und wenn irgend ein Elias dahin flüchtete, sich mit dem Schicksal Moses zu trösten, so hatte der Ort als Gegenstand des Aberglaubens fürs Volk keine Lage in Moses Charte, Er sandte nicht hin, daselbst Orakel zu holen, und auch die heiligen Oer- ter der Vater, Mamre, Luz, Bethel sollten keine Oerker der Abgötterei werden. Als Bethel aus politischen Ursachen ein solcher ward, verwandelt der Prophet seinen Namen Bethel (Haus Gottes) in Beth-Aven (Haus der Frevelthat); man kann also. auch das Wunderbare der israelitischen Gesetzgebung nicht beschuldigen, daß es ein abergläubisches Institut gewesen, die Gemüther des Volks Jahrtausende lang in Fesseln zu erhalten. Wie weht andre Religionen dergleichen Institute gesetzt haben. Zweiter Anhang. Habaknks Kiagegesang, in einer metrischen Paraphrase. (Da die morqenlandische Art der Darstellung immer von der unfern entfernt, und also ungeachtet langer Commencare die Verbindung der Ge- Vom Geist avij danken dem sinnlichen Anblick dunkel bleibet: so wage ich's, diese Gcdankenrcihe hie und du mit einer kleinen Einschaltung mehr nach unsrer Art zu nersisiciren; überzeugt, daß die Ode dadurch eben so viel an hoher Kürze verlieren müsse, als sie an lichterm Zusammenhangs gewinnet. Die erste sehe man in der Urschrift.) Ich hörte fernher, Gott! von deinen alten Wundern Gerüchte; noch erbeb' ich drob! — Mach' endlich kund, Iehovah, was du vorhaft! BollsührO was du vorhaft, und gedenke, Der jetzt auf uns nur rüstet Zorn Gedenk', Herr, deiner alten Vaterhuld. Als Gott vom Thema» einst, hoch vom Gebirge Paran Einherzog: o wie andre Zeit! Da füllete sein holder Glanz den Himmel, Da schaltete Lriumphlied auf der Erde! Schön, wie die Sonne, war sein Glanz, Die Fülle seiner Macht für Israel. Sein Antlitz sandte Pest auf meines Volkes Feinde, Raubvögel folgten seinem Fuß. Er trat herab, da wankete die Erde! Er blickt' umher! da bebten auf die Völker, Die Berge wichen seinem Tritt Es krümmten sich die Höhn der alten Welt, Wo er einst zog. Ich sähe Kusans Hütte» Arbeiten unter reger Angst, Abreißen, fliehen Midians Gezelce, Die Ströme fliehen-Ist auf die Ströme Jehovah Erzürnet, daß sie also fliehn? Ist er, daß es so weicht, ergrimmt aufs Meer? Denn du bestiegst, Herr de,inen Kriegeswagen, Kamst uns zu Hülfe gegen Roß Und Wagen Pharao's. Ich seh den Bogen Entblößt in deiner Hand! Ich seh die Pfeile Verdoppelt siebenfach. Es fühlt Rings die Natur, daß ihr Gebieter kommt? Die Ströme slohn. Es sahen dich die Berge Und zitterten. Sie rissen hin, Die Wasser und die Fluthen schallten lauter! Und alle Höhen hoben Angst-erwartend Die Hände. Sonn' und Mond stand still, Erwartend standen sie in ihrem Lauf. Und flohn beschämt, als deine Pfeile flogen: Der Blitzglanz deiner Spieße schoß! Du schrittest fort, zertratest Nationen, Du schrittest fort, zu helfen deinem Volke: Zu helfen ihm, den du gesalbt, Zerschlugst du seine Feinde Grund-hinab; Zertrümmertest den Gipfel ihrer Wohnung Bis aus den tiefen nackten Fels, Durchstachst das Haupt der Führer ihrer Schaaren, Der Schaaren, die im Sturm frohlockend kamen, Wie leichten Staub mich zu zerstreu», Zu fressen mich in ihrem Hinterhalt. Da stampften hinter mir die Siegesrosse Zur Hülfe mir, auf hohem Meer- So war es einst: das hört' ich, deine Lhaten Bor Alters. Und jetzund? — Mein Herz erbebet, Die Lippen beben mir, was ich anjetzt Für Angstgerüchte für mein Volk gehöret! Noch schauert mein Gebein! Die Füße zittern — Und doch soll ich dem Lage ruhn? ilc> Born Geist der Ebräischen Poesie. (So sprach mein Gott!) soll harren jenem Lage Der Drangsal, wenn nun cinbricht der Verwüster/ Hineinbricht und Mein armes Volk Weghaur, wie einen schwachen dürren Zweig. Dann blüht kein Feigenbaum! dann grünt kein Wern« stock! Der Oelbaum täuscht den Hoffenden! Die Fluren stehen traurig ohne Speise, Das Schaaf ist weggerrffen aus den Hürden- Kein Stier brüllt in den Stallen mehr: Verödet ist das weite Land Und leer. Und ich soll ruhn? Ja! ich will hoch erjauchzenb Vertrauen meines Gottes Wort. Will fröhlich seyn im Namen meines Volkes: Gort rettet mich! Er giebt mir neue Kräfte. Noch werd' ich springend wie ein Hirsch Besteigen meine alte Siegeshöhn! IV. Einrichtungen Moses. Inhalt. Vom Namen Iehovah: was er in sich hielt? und mas daraus entwickelt worden? Der 9oste und roote Psalm. Reine Gottes-Ideen der israelitischen Poesie, reine Ideen der Sittenlehre und Lebensweisheit. Moses Gesetzgebung. 1. Die Rationalfreiheit und Gleichheit, die sie gründete. Nationalversammlungen an den Festen, Lieder, die sie singen, mit Stolz und Freude. 2. Rur auf Gesetzen thronte Jehovah. Nationallieder darüber, auch gegen Unterdrücker und böse Richter. Israelische Gesetze werden mit der Ordnung Gottes in der Natur verglichen. Ein Lied darüber. 3 . Zweck und Würde des Stammes, der ihm diente. Vom Licht und Recht auf der Brust des obersten Priesters. Bilder vom Schmuck der Priester in der ebraischen Poesie. Sie sind Symbole des blühenden Staats. Anwendung derselben auf Könige Und himmlische Diener. si. Ursprung und Zweck der Opfer. Moralischer Gebrauch derselben in der Poesie. Einige Psalmen. Vom Geist 112 Allgemeine Anmerkungen über die Sprache aus der Gesetzgebung Moses, über Krankheiten und Lasier, über einzelne Stücke des Gottesdienstes und symbolische Gebräuche. Das Institut des Sabbaths hat alle alte Nachrichten und Liertr erhalten. Bilder aus demselben vom ewigen Sabba-Hs- und Jubeljahr, Moses Sliftshütte, ein symbolisches Gemälde. ^)ehovah war der Name, den Moses seinem Volk als den Namen des Gottes seiner Vater emprägte; ein reiner hoher Begriff, der Gottes Bestandheit und Treue, seine alte Dauer, seine Unvcrandcrlich- keit und ewige Würde mit sich führte s). Dieser Grundbegriff der Mosaischen Gesetzgebung heißt die Heiligkeit des Herrn b>), ein Aaisotuck, dem ich in unserer Sprache kein SvnonyMum wüßte. Nicht nur alle Bilder und Gleichnisse Gottes von Geschöpfen Himmels und der Erde wurden untersagt; mit diesem Namen ward auch der Weg eröffnet, die höchsten Eigenschalten und Vollkommenheiten Gottes zu entwickeln, die der Vernunft und Religion der Menschheit zu ewigen Grundstützen dienen werden. Es wird damit nicht gesaget, dass Moses sie alle entwickelt habe: ihm, dem Gesetzgeber, mußte Gott a) Bekanntermaaßen halt er die drei Zeiten in sich: „ich war, ich bin, ich werde seyu! " oder wie Gott selbst sagt: „ich werde seyn, der ich seyn werde!" Heiligkeit des Herrn ist seine höchste Einzigkeit/ da er nichts Gleiches hat. der Ebraischcn P oesie. nZ Gott vorzüglich ein Israelitischer Schutzgott seyn, worauf sich starke Stellen seiner Ermahnungen und Gesänge gründen. Was er indeß als Gesetzgeber nicht konnte, thatcn nachher die Weisen und Dichter Israels. War Jehovah der Einige, der Schöpfer der Welt: so war ec such der Gott aller Menschen, aller Geschlechter, und es gehörte nur Zeit, unbefangene Denkart und ruhiger Geist Gottes dazu , diesen reichen Keim -u entwickeln. Es ist hier nicht die Frage, ob ihn auch andere Nationen entwickelt haben ? Denn warum sollte man neidig ftyn und Persern, Indianern , Eelten, ja wem es sey s die Schritte nicht gönnen, die sie in Aufbewahrung und Forllcitung der ältesten Religion der Erde, jede in ihrem Maaß thaten. Genug, in der damaligen Zeit und in jenem Winkel der Erde, zwischen Aegyp- tern, Kananitecn und den arabischen wilden Völkern war MoseS Schritt einzig. Er suchte die Religion der Patriarchen, seiner Vater hervor; auch was ihm aus Aegypten zur Hülle seiner Einrichtungen und Gesetze diente, mußte das reine Licht nicht verdämmern, das ihm die Offenbarung im arabischen Feuec- busch gab, und so wurden mit der Zeit die hohen Ideen gebildet, die wir in Psalmen und Propheten finden. Das Lied, das Moses zügeschrieben wirda), mache den Anfang, es entwickelt den Namen Jehovah , d. i. die Felsentreue und ewige Bestandheit des Schöpfers der Welt: P Ps. go. Herders Werke Rel. u. Theol, Itt H Vom Geist 114 Gesang Mose, des Mannes Gottes. Der 9»te Psalm. Herr, unser Bleiben bist nur du Bon Geschleckte zu Geschlechts)! Eh' Berg' erzeuget wurden, Eh' sie die Erd', der Erdenkreis gebahr, Von Urwelt bis zu Urwelt bist du Gotte)! Den Menschen läßt du kehren in den Staub, Und sprichst: kehre wieder, neu Geschlecht der Menschen! Denn tausend Jahre sind in deinen Augen, Wie der vergangene gestrige Tag, Wie ein Lheil der Nacht. Du lassest sie erstarren: Da schlafen sie« Am Morgen waren sie wie grünes Gras, Frühmorgens grünt' und blähet es; Am Abend wars versenget und verdorret. So zehrest du uns auf mit deinem Hauch; Dein Zornhauch schrecket uns hinweg, Stellst unsre Missethaten vor dich hin, Unser Verborgnes kam ins Licht Vor deinem Blick; ä) Welche hohe Idee! Wir sind nur Phänomene, flüchtige Schatten auf der Erde; nur in dem Gott ist unsre Bestandheit, unser Daseyn, den Moses so oft einen Fels nennet, e) In allen Sekten der Vergangenheit bist du, Herr, gewesen. Drum buben abqenommen unsre Luge Durch deinen Urtheilssprnch l); Wir schwätzen unsre Jahre hin, Wie ein Gespräch- Des Menschenlebens Lage sind siebzig Jahr, In seiner Starke / achzig Jahr/ Und all sein Umfang Müh und Schmerz, Schnell fahrts vorüber; und wir sind hinweg. — Weiin der Namr Jehovah nichts als dir erhabnen Expositionen im Jesaias vom 40. Kapitel an her- vorgebracht hätte, müßte man nicht Moses Ändert- ken und Religion segnen? Es ist keine Eigenschaft, keine Vollkommenheit Gottes, die nicht in Psalmen und Propheten den simpelsten/ kräftigsten Ausdruck fände, und meistens sind diese erhabenen Entwickelungen aus dem Namen Jehovah gezogen, der in der That der Grund der ganzen natürlichen Theologie ist. ' Nie kann ich ohne Rührung den Psalm jenes Bittenden lesen A), der wegen hohen Alters die Erfüllung seiner Wünsche über Jerusalem und sein Volk Nicht zu erleben glaubet. Er ersinkt mitten auf dem Wege der Verheißung; aber der Gott der Verheißung bleibt ja, und ein anderes Geschlecht wird sie erleben! denn Gott ist Jehovah! Meine Lage gehn wie ein Schatte nieder, Wie ein Halmlei» Gras verdorre ich; t) 1 Mos. 6 , 3 . oder der Schluß Gottes/ daß alle Israeliten in der Wüste sterben sollten, s) Psalm 102. 1)6 Dom Geist Uber du Iehovah, du regierest ewig, Dein Name wahret von Geschlechte zu Geschlecht. Drum für die spätste Nachwelt sey's geschrieben! Ein ungebornes Volk lobt einst den Herrn! Don seiner Heilgen Höhe wird er schauen, Iehovah auf die Erd' aus seinen Himmeln sehn, Und hören das Geächze des Gebundnen Und machen den zum Tod' Verdammten frei. Au Zion preis't man dann die Macht Jehovahs, Sein Lob erschallt dann in Jerusalem; Wenn sich da Völker werden rings versammeln Und Königreiche zu Jehovahs Dienst. Zwar meine Kraft erliegt, eh ich dahin gelange Und meine Lage kürzen sich. Und spräch' ich auch: mein Gott, nimm mich nicht weg In Mitte meines Lebens. —- Doch deine Jahre gehn ja von Geschlechte zu Geschlecht. Du bists, der ehedem die Welt gegründet: Die Himmel selbst sind deiner Hände Werk. Auch sie vergehn, du aber bleibst! Sie alle werden alten wie ein Kleid, Denn legst du sie ab, wie ein Kleid, Alsdann sind neue Himmel da. Du aber bist derselbe, Und deine Jahre enden nie. Auch deiner Knechte Kinder werden dauern Und ihr Geschlecht wird vor dir, Herr gedeihn! — So sind jederzeit die erhabensten Eigenschaften Gottes mit den rührendsten menschlichen Empfindungen verwebt. Die Allwissenheit, Allweisheit, Allgegenwart, die einzelne Vorsorge und Aufsicht Gottes sind in Propheten und Psalmen mit einer Innig- keit geschildert, daß man sich in sich selbst gleichsam vor dem Auge Gottes nicht zu verbergen weiß bi). — Wenn die Lehren des reinsten Deismus auf die kräftigste Art ausgedrückt werden sollen: so nehmen sie aus dem A. T. ihre Sprache. Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Bedenkets doch, ihr Narren im Volk, Wahnsinnige, wann wollt ihr klüger werden? Kann etwas treffenderes auch zu unserer Zeit gegen die Gattung von Philosophen gesagt werden, die, daß Absicht in der Natur scy, laugnen? Alles, was sie von dem tobten Abstractum, Ncllur, Vorbringen, schrieben die Heiden ihren Götzen zu; und was die Propheten gegen diese sagen, gilt auch gegen jene. Je reinere Philosophie und Theologie irgend eine Dichtkunst der Erde enthalt, desto mehr wird sie sich nicht nur in allgemeinen Sätzen, sondern auch oft in Ausdrücken der Poesie des A. T. nähern. Mit der Sittcnlehre ists fast ein Gleiches; nur muß man diese nicht betrachten, wie sie vom Volk ausgeübt ward, sondern wie sie ausgeübt werden sollte. Auch muß man sie nicht in Stellen aufsuchen, wo der eingeschränkte politische Gesetzgeber oder gar Klugheitslehrer, sondern der reine Weise und Dichter sprechen. In positiven Anordnungen konnte Moses nur für seine Zeit, für sein Volk, nach der K) Einige derselben sind im ersten Theil gegeben; andere werden folgen. Nom Geist il3 Fassung desselben reden; und es ist Thorheit, mehr von ihm zu fordern. War doch noch dies Gesetz zu geistig und gut für die Israeliten; denn sie konntens und mochtens nicht Hallen. Wo Moses aber als Weiser, als Lehrer des Volks spricht, in? sonderheit in seiner setzten Anrede: wie erhabnere Rede mengt er ein! Vernimm o Israel! Jehovah, dein Gott, Jehovah, ist nur Einers lind du sollst lieben Jehovah, deinen Gott, Mit deinem ganzen Herzen, Mit deiner ganzen Seele, Mit aller deiner Kraft! — — Das Wort, das ich dir jetzt gebot, Ist nicht ein Rarhsel, das dir ferne läge; Ist nicht im Himmel, daß du erwa sagtest: ,Wer will hinauf gen Himmel und es uns holen?^ Ist nicht jenseits des Meeres, daß du sagtest: „Wer will hinübtrschiffen übers Meer? „Und es uns bringen und es uns verstand'gen, „Daß wir es etwa thun!" Gar nah ist dir das Wort in deinem Mund unh Herzen, Daß du es könntest thun!*) --- Davjd mag handeln wie er will: er mag auch in manchen Psalmen eigen- und ruhmsüchtig, grau? sam und menschenfeindlich scheinen; vor Jehovah darf er sich doch nie eines andern als guter Eigenschaften rühmen, einer geraden Redlichkeit und Offen? heit des Herzens, Alle allgemeine Lehrpsalmen, von *) 5 M?s. 6, st. 3», der Ebräischen Poesie. 119 ihm, noch mehr von Assaph und einigen Anonymen, sind voll der reinsten Lehren. Salomens Sprüche enthalten viel morgenländische Hosmoral: denn es sind eigentlich KlugheitS-, nicht abstrakte Tugend- lehrcn. Indessen ist auch in ihnen so viel reines Gold, und alle Lebensweisheit gründen auch sie auf die Furcht Jchovahs. Die Propheten treten an Fülle und Lauterkeit den meisten Gnomvlogen der Griechen weil vor und das Buch Sirachs ist ein blühender Garten voll Zucht und Lehre, auch in Bildern, auch in Gleichnissen und Gemälden. Kurz, man kann vom Gesetz Moses sagen, was dies Buch sagt: „Weisheit ist daraus geflossen , wie „Pison, Tigris, wie der Euphrat und Nilstrom, „wenn er übergehet und das Land befeuchtet." Moses Gesetzgebung hatte die Idee, ein freies Volk zu bilden, das keinem als dem Gesetz unterworfen wäre, und damit niemand ihnen die Freiheit nähme, ward Gott selbst Gesetzgeber, Gesetzbewahrer, König. Er wohnte unter seinem Volk, und das so mißbraucht Wort „Tempel" war eigentlich Haus des Gesetzbuchs, über dem Gott wachte. Das ganze Volk war ein pricstcrlich Reich: jeder also dieses Königs und seines Gesetzes Diener: „du sollst mir ein priesterlich Königreich seyn!" war das Principium, in welches Moses seine Gesetzgebung faßte. Wollen wir diese nicht Theokratie, so laßt sie uns Nomokratie nennen; nur für die Poesie, die daraus entsprang, nach der Wahrheit jener alten Zeit und Geschichte ist das Wort Theokratie viel ausdrückender und schöner. Alle bürgerliche und gottesdienstliche Poesie ward theokratisch: lasset uns sehen, was in der Gattung lag: 12 » Vom Geist Zuerst: Stamm eschre, gleiche Nationale'echte, Freiheit. Kein König lag eigentlich in der Gesetzgebung Moses; Gott und das Gesetz war König. Alle Stämme waren Ein Volk, Nachkommen der Vater, von denen sie zum Erb- theil ihren Gott und mit diesem Gott brüderliche, ja Pricsterrechte erhalten hatten, welches nach ägyptischen Begriffen der höchste Stand war. Hiezu war die Bcschneidung cingeführt, ein Unterschied, den in Aegypten nur der Priesterstand hatte; hier sollte er, (da er durch Römer und Heiden zum Schimpf geworden ist,) Nationalehre werden. Alle Stamme standen unter ihren Fürsten, jede Familie unter ihrem Haupt: so hingen sie alle in brüderlichen Gliedern bis zu dem Gericht zusammen, das im Namen Jehovahs über alle richtete. , Dreimal im Jahr an den hohen Nationalsesten war allgemeine Zusammenkunft des Volkes. Es kam nicht zusammen, sieben Tage Predigten oder Messe zu hören, sondern sich gemeinschaftlich zu freuen und sich als Ein Gottesvolk zu fühlen; alle drei waren Freiheit- und Nationalfeste. Ostern erinnerte sie an den Tag, der sie zum freien Volk gemacht: Pfingsten an das Gesetz, das diese Freiheit befestigt: das Laubhüttenfest an den Genuß derselben in den ersten Hütten der Unschuld und Familicneintracht. Alle Feste waren voll Opfcrmahlzciten, voll Musik, Lieder und Tanze: das Volk Gottes sollte vor seinem unsichtbaren Herrn und dem Zelt seines Gesetzes ein fröhliches Volk seyn. Durch diese Zusammenkünfte sollte der Nationalstolz, d. i. die Freude in Jehovah, Brudereintracht unter den Stammen, die alle nur Einen, einen unsichtbaren^König, Ein der Ebräi sehen Poesie. Gesetz, Einen Tempel hatten, erweckt, und durch gemeinschaftliche Mahlzeiten und Lieder, der Ursprung des Volks, die Geschichte und das Andenken der Altvatcr erhalten werden. Wir denken uns meistens bei den Worten heilige Mahlzeiten, Tempel, Feste, Psalmen gar nichts, oder etwas kaltes, trauriges und todtes, weil wir keine Nationalfeste und Lieder öffentlicher Freude, keinen Tempel des Väterruhms, kein Gesetz allgemeiner Nationalfreiheit haben: daher sehen wir auch die Psalmen, die von"diesem Geist beseelt sind, oft so traurig und schief an. Kein Volk hat Nationalpoesie, das nicht allgemeine Gegenstände des Stolzes und der Freude hat; ja wenn cS unter entgegengesetzten Ideen erzogen, insonderheit mit dem Wort „Gottesdienst, heilig" widrige Begriffe verbindet, mag cs sich nicht einmal in andere Zeiten fühlen. Daher der traurige, mystische Ton der Psalmenausleger, der, wenn man das Wort Psalm vergißt und statt dessen Nationalgcsang setzt, von selbst wcgfallt. Man denke an Bundcslieder der Freundschaft, an Volksgesänge , wenn Stände einer freien Nation Zusammenkommen, sich einander im Glück, inFrcude und Tugend zu ermuntern, oder über National- Unglücksfalle zu trösten: so wird ein großer Theik der Psalmen uns schöner dünken. Einige z. E. sind offenbar Anmunterungs - und Freudengesange, daß sie jetzt nach Jerusalem ziehn, sich als Nation zu freuen: Kommt! lasset uns jauchzen dem Jehorah i), Jubellicder singen dem Felsen unsres Glücks! i) Ps. SS. 122 Vom Geist Treten vor sein Angesicht mit Danken, Lieder jauchzen ihm! Denn gross ist unser Gott Jehovah, Ein großer König über alle Götter! I» dessen Hand die Gange der Erde sind, Die Höhn der Berge sind sein. Sei» ist das Meer, das Er erschuf; Das feste Land hat seine Hand gemacht. Kommt, lasset uns anbcten, vor ihm uns beugen, Und kniecn vor Jehovah, der uns zum Volk gemacht. Denn er ist unser Gott, wie seines Landes Volk, Die Heerde, die er weidet mit Hirtenhand. Heut, wenn ihr seine (des Hirten) Stimme hört) Verstecket nicht cur Herz, wie einst zu Mcriba, Zu Maffa in der Wüste u, s. Sowohl die Anwendung der letzten Geschichte, als das Heut, das oft mit übler Anwendung gequält wird, nehmen ihr Leben aus solcher Stimme der National - Zusammenberusunj) und Ankündigung des Fests, von dem niemand Zurückbleiben soll; und so wird jedes Wort voll beziehender Deutung. Ein gleiches ists mit dem »oosten und andern Psalmen. In andern wird die Freude derer ausgedrückt, die zu solchen Nationalversammlungen nach dem Tempel hinaufzichn, und hie und da die ganze Reise beschrieben Ir): Wie schön sind deine Zelte, Jehovah Zebaoth! Mein Herz verlangt und lechzt nach deinem Hofe, _ Jehovah! k) Ps. 8». der Ebräi sehen Poesie. 123 Wein Herz und Leib jauchzt auf, hin zum lcbend? gen Gott, So wie der Bogel, der seine Wohnung fand, Die Schwalb' ihr Nest, wo sie die Lungen ließ; So seh' ich deinen Altar an, Jehyvah Zebaoth, Mein König und mein Gott! Glückselige , die stets in deinem Pallast sind! Sie loben dich immerdar. Glückselig auch, der aus dich fasset Muth, Und gern zu dir die gebahnte Straße zieht I); Sie ziehn durchs Thal Bqkah, das dürr? Thal Und findens wasserreich m). Auch Segen über den, d?r ihnen zieht voran n). Sie^gehn und immer kräftig wird ihr Schritt o), Bis sie den Gott her Götter in Zion sehen. l) Offenbar die Heerstraße nach Jerusalem, die so? dann voller Reisender war. ,,Die gebahnten Straßen sind in ihrem Herzen," heißt nach ei? nem bekannten Idiotismus: sie freun sich drauf, sie ziehn gern dahin. m) Ich lese: !>N INL" von NNN trinken; wo? durch auch im Gegensätze des dürren ein schöner ungezwungener Sinn wird. Sie verges? scn den Durst, sie werden durch die Nahe Jeru? salems erquickt; denn sie sehn das Heiligthum, das Ende der Reise. Daß sie noch wandern, zeiget der folgend? Z. Vers. p) Offenbar ist dieses der der Wegweiser, der Karwanbaschi oder Ghasir, wie ihn die Pil? grimme nach M?cca nennen, p) Ob sie gleich ermattet sind und in den dürren Lhalern um Jerusalem lechzen. 124 Vom Geist Jehovah , Gott der Göttcr, Zebaoth ! Erhöre mein Gebet! Erhör' es, Jakobs Gott! Du unser Schutzgottschau, schau deinen Gesalbten an. Ein Lag an deinem Hofe Ist fröhlicher als tausend sonst. An meines Gottes Schwelle mag ich lieber stehn, Als in den Zelten des Verschwenders wohnen p). Denn GottJehovah giebt uns Licht und Schutz, Anschn und Hutv gewahret uns Jehovah, Kein Gutes weigert er dem Redlichen. Glückselig ist, Jehovah Zebaoth! Der Mensch, der dir vertraut-;). Der erste sehr mißdeutete Theil dieses Gesanges kann nicht besser erläutert werden (aksit invi- ckia cHaro!) als durch das Beispiel derer, die nach Mecca wallfahrten. Wie bei ihnen die Inbrunst zunimmt, je mehr sie in der Wüste sich dem heiligen Ort nähern; wie sie Entzückung überfallen soll, wenn sic die glänzenden Thürme der Kaaba sehen: so sehnend und immer gestärkter und freudiger geht hier der Zug nach Jerusalem durch die verbrannten Thäler. Sie werden ihnen gleichsam ganz Quell- x) Das z/Ol hat eine weite Bedeutung: Feind, Bösewicht, Unterdrücker, Räuber, Verschwender. g) D- i> der dir hold und treu ist, wie unsre Gesetzbücher sagen. Es faßt dies Wort in den Psalmen die Pflichten des Untcrthans gegen Gott, so wie die vorigen Verse die Wohtthaten des Schutzgottcs preisen. der Ebraischen Pocsie. 125 brunn, denn sie sehn in Baku schon das Antlitz Jehovahs. — Auch der zweite Lheil des Psalms ist Wort für Wort aus den eigentlichen und wahren Umstanden der Nationalanbetum, zu Jerusalem; es sind keine gezwungene mystische Bilder. Wie hier zur Zeit Davids für den König gedeckt wird: wird in andern Gesängen dem ganzen Lande Glück gewünscht, abermals im Ton einer Nationalversammlung : Ich freue mich darauf, sie sagen mir anr): Zum Hause Jehovahs werden wir zichn. Mein Fuß stand schon in deinem Lhor, Jerusalem! Jerusalem, du dichtgebaute Sladt! Wohnung an Wolmung ist in dirsj! Da-dahin ziehn die Stamme nun, Die Stämme Jehovahs, zum Gedachtnißfest Für Israel: Zu preisen da Jehovahs Majestät. Da stehn die hohen Richlerßühle, da Die Stühle, die der König hat bestellt r). r) Ps. 122. s) „Dich kann man doch eine Stadt nennen! Haus bei Haus stehet in dir!" gerade, wie bei uns ein Landmann, der nichts als zerstreute Flecken gesehen hat, bei der Hauptstadt reden würde: Vrbein, guam äicunt Itornsin , IVIsli- looes, pcilnvi Ltultns cgo stnia iiostrae siwiilcin etc» t) Und die, wie wir wissen, zum Lheil mir des Königs Familie besetzt waren. 2 Sam, 8, 18. 126 Vom Geist Wünscht Glück Jerusalem! Es gehe deinen Freunden wohl! In deinen Mauren wohne Sicherheit, In deine» prächtgen Häusern wohne Ruh! Um meiner Brüder, meiner Freunde willeit Wünsch' ich dir Segen zu! Um unsers Gottes Tempels willen Segn' ich dir Eures zu! Der junge Landeinwohner, der Jerusalem Einmal gesehen hat, und es gern wieder sehen will, kamt nicht naiver davon reden , als dies Lied redet. Andre Gesänge glückwünschen allgemein: andre preisen Eintracht der Familie und Stämme: andre die Herrlichkeit der Priester und die Pracht des Gottesdienstes. In elenden Zeiten tönen die Lieder flehend und weinend; in glücklichen fröhlich ; kurz diese Nationalversammlungen haben den Theil der Psalmen hervorgebracht, in dem wahrer Allgemeingeist herrschet. Alle, die anfangen: ,,der Herr ist König!" sind von dieser Art: die meisten anvnymischcn Dank- und Hallelujahpsalmcn gleichfalls: einige der Familie Korah, einige von Afsaph: und der rührendste Psalm Davids: „Wie der Hirsch schreiet u)!" ist auch ein Sehnen nach dem Tempel Gottes, offenbar zur Zeit solcher Nationalfeste. Es ist Nerve des Psalms, daß er eben jetzt nicht mitseyn könne — In der Stimme des Jubels und Freudengesangs, Im Haufen derer, die tanzen zu Gottes Pallast.— Moses richtete diese Nationalversammlungen ein; er ist also auch dieset Lieder Vater. n) Ps. ga. der Ebrai sehen Poesie. 127 Zweitens. Der Gott Israels war ohne Bild. Im heiligsten Ort seines GezeltS lag das Gesetzbuch in einer Lade und die Symbole des Wunderbaren und Heiligen, die Cherubim, standen darauf. Der Raum zwischen ihnen warb als die Wohnung Jehovahs angesehen und es Heist so oft: „Jehovah, der über den Cherubim wohnet." Also hatte Gott für sich keinen Thron im Tempel: das Gesetzbuch war sein Thron; er war der Bewahrer und Ausrichter desselben: er bedeckte es mit der Macht seines Ansehens. — Die schönste Borsteilung, die einen Nationalgottesdicnst mit der Constitution des Volks Eins machen, und das Gesetz selbst nur als Bund, als Berrrag, als wine Capitulation Gottes mit der Nation heiligen sollte. Nun konnte ihre Poesie keine Götzenbilder schaffen, so wenig sie der Tempel und das Gesetz litt; desto mehr aber konnte sic den Gott des Volks in seinen Landes- Gesetzen preisen. Und das that sic. So viele Nationalgesange singen den König, um den es dunkel ist, (so warS im Allerheiligsten) der aber auf Gerechtigkeit und Gericht seinen Thron gebauet hat. Sie muntern alle Obrigkeiten des Landes an, iir Gottes Namen zu richten: denn nur durch Gesetze sey Gott in seinem Volk gegenwärtig und wirkendx). Jehovah regiert! es Leben vor ihm die Völker! Er thront auf Cherubim; es zittre die Welt! In Zion ist der große Jehovah! Der Erhabne aller Völker, Er! x) Psalm gg. 128 Vom Geist Die Macht des Königs ist, daß er Gesetze liebt; Du hast Gesetz und Recht und Ordnungen In Jakob festgestellt. Erhebt Jehovah, unsern Gott! Und bückt euch tief, wo seine Füße ruhn, Borm Heiligthum. Moses und Ahron unter seinen Priestern Und Samuel in der Anbeter Schaar)-): Sie rußten den Jehovah an: Er hörte sie. Er sprach zu ihnen aus der Wolk' hinaus - Und sie bewahrten was er ihnen sprach, Gesetze und Verfassung, die er gab i). Jehovah, unser Gott, du hörtest sie, Warst ihnen mild' und rächetest ihr Werk »)> Erhebt Jehovah unsern Gott, Und werft euch nieder vor dem heiligen Berge, Wo unser Gott, der Hocherhabne, thront. Wie matt werden alle diese Dinge, wenn man sie aus ihrer ursprünglichen Verfassung reißt! wie treffend sind die Lobsprüche, wenn man sie als den Jubel eines freien, nur nach bestimmten Gesetzen Gottes zu regierenden Volks betrachtet. Gott )) Der kein Priester war. Offenbar ist hier die Abtheilung nach dem sinnlichen Anblick des Tem- peldicnstes: Priester und Layen, Dienende und Anbeter. r) Bon lauter Nationalgesehen und Landesconstitutionen ist hier die Rede; Triumph darüber ist des Liedes Geist und Nerv. n) Du standest ihnen bei, schütztest ihre Einrichtungen , halfst ihnen gegen Feinde durch u. f. Gott steht in der Versammlung seines Volks b) In Mitte der Erdcngörter halt er Gericht. Wie lange richtet unrecht ihr? Und sehet die Person der Unterdrücker an? Schafft Recht dem Armen und dem Waisen, Dem Unterdrückten, auch dem Bettler Recht l Errettet den Entkräfteten, den Armen, Errettet aus ver Hand der Bösemichter ihn. — Sie wissen, sie vcrstebens nicht! In ihrem dunkeln Sinne gehn sie hin; Drum wanken auch die Vesten unsres Landes. Ich nannte Götter euch! Des Hocherhabnen Söhn' euch allesammt; Allein wie schwache Menschen müßt ihr sterben Und allesammt wie Einer zu Grunde gehno). Erhebe dich Gott und richte das Land: Denn alle Stamme sind dein Erbreich ja. K) Ps. 82. Gott saß Gericht im Mittelpunkt des Landes, dem Allerheiligsten, wo ihn in zweifelhaften Fallen der erste Richter befragte: er saß auch in allen Collegien des Landes, die nur in seinem Namen gehalten wurden. Nur Gort war König und Richter: auch da Könige waren, konnten und sollten sie nur als Statthalter Gottes angesehen werden, über die die Landesoerfassung das Gesetz war. c) Der 7. Vers ist dem 6ten in beiden Gliedern entgegen gesetzt. Stellt man sie recht gegen einander; Götter und Menschen, allesammt und Einer; so ist die Dunkelheit verschwunden. Herders Werke z. Rel. u. Thcol. II. I So durfte der patriotische Gesang die Tyrannen schelten und ihnen plötzlich in ihren Divan den König stellen, in dessen Namen sie allein Richter und Fürsten seines Volks waren. Der Dichter erinnerte sie nur an die positive Constitution ihres Landes- Feuriger schilt der 94. Psalm, eben dieses Inhalts. Alle Gesänge, die Gott als König besingen, (politische Lobgcsänge über die Grundversassung Judäa's) sind so stolz auf diese, daß sie Meer und Erde, Nationen und Völker aufrufcn, cs einzugestehcn, daß ihr Gott allein ein rechtmäßig billiger König sey, daß Judah allein solche Verfassungen habe, die ewig, wie Gott, stark und unüberwindlich, wie die Natur, sind : denn beide seyn das Werk Eines Gottes. Es ist die Art mehrerer Psalmen, Wunder Gottes im Reich der Natur und Verfassungen unter ihnen, die sie auch als Wunder darstellen, zu paaren und wie cs scheinen möchte, durch einander zu werfen. Wahrscheinlich haben die Chöre in diesen Enumerationen abgewcchselt: sie machen aber auch den Gang des Liedes, das das Große und Kleine wie Eins betrachtet, stolz und prächtig, i. 2. Lobet Jchovah *) ! 1. Denn es ist schön, zu singen unserm Gott! 2. Denn es tönt lieblich ein wohlklingend Lob! 1. Jehovah baut Jerusalem-!), Und sammlet die Zerstreuten Israels, *) Pst ä) Ich schließe bei der Vertheilung dieses Gesanges nicht aus, daß die zwei Glieder des Parallelismus der Ebraischen Poesie. i3r Er heilt die Herz - Verwundeten, Verbinder ihren Schmerz. 2. Er zählt die Zahl der Sterne, Und nennet alle bei Namen sic. Groß und sehr stark ist unser Herr; Seines Verstandes ist keine Zahl. 1. Dem Unterdrückten Hilst Jchovah auf! 2. Und beugt den Unterdrücker tief hinab. 1. Singt dem Jehovah, singt im Wechselchor. 2. Und auf der Harfe spielet ihm darein. i. Er, der den Himmel mit Gemolken deckt. Der Erde Regen giebt, Die Berge sprossen machet zartes Gras, Den Thieren Speise giebt, Den jungen Raben, wenn sie schrein. — s. Nicht an dem starken Roß ist seine Lust; Nicht an dem schnellen Läufer seine Zier. Jehovah liebet den, der ihn verehrt, Und seiner Güte traut. a.2. Lobe, Jerusalem, den Jehovah, Lobe, Zion, deinen Gott! Denn er befestigt deiner Lhore Riegel, Und segnet in dir dein Geschlecht. Den Frieden setzt er dir zur Grenze Und sättigt mit dem Mark des Waizens dich. i, Er spricht zur Erde aus sein Wort, Schnell läuft das Wort: auch von verschiedenen Choren gesungen sind; der Zahlen waren aber zuviel geworden, und ich wollte nur die Hauptökonomie des Gesanges bemerken. I 2 Vom Geist lZ2 Da fallt, wie Wolle der Schnee: Er streut, wie Asche, den Reis: In großen Schloffen wirst er Eis herab; Und wer kann stehn vor seinem Frost? 1. Er spricht sein Wort aus und da schmelzen sie, Sein Athcm haucht, die Wasser rinnen wieder. 2. Jakobs Geschlecht hat er sein Wort vertraut, Seine Gericht' und Sprüche Israel! So that er keinem andern Volk, Die Einrichtungen wußte keins. Lobet Jehovah! — So entfernt ich von allem Gezier dramatischer Auszüge in den Psalmen bin: so dünkt mich hiär die Abwechslung ziemlich offenbar, wenn man sie auch anders vertheilen wollte. Die kühne Vermischung der Natur- und Staatswunder ist Seele des Liedes. Drittens. Jehovah, der nur durch Gesetze herrschte, hatte Diener, die in jeder guten Einrichtung die Seele seines Reichs seyn sollten: Erklärer und Aufbewahrer der Landcsconstitution, selbst die obersten Vollstrecker derselben, denn sie waren daS höchste Gericht im Lande. Außerdem Berechner der Zeit, Bewahrer des rechten Gewicbts und Maaßcs im Handel und Wandel, Urthciler über ansteckende Krankheiten, Aerztc. Sie fertigten Conlrakte des Eigenthnms aus, ordneten die Feste, nach denen alles geordnet ward, riefen das Volk zu Nationalversammlungen , und zogen mit dem Heiligthum der Nation in den Krieg, dem Heer Muth zu machen durch Lieder, Trommeten und die Gegenwart ihres Gottes. Der erste Diener Gottes, der Hohe- der Ebräischcn Poesie. i33 Priester, war der Gerechtigkeit erster Diener. Sein Brustschmuck hieß der Schmuck des Gerichts, wie bei den Aegyptern der oberste Priester und Richter bas Bild der Gerechtigkeit vor sich trug. Dieser trug kein Bild; aber die Namen der zwölf Stamme seiner Brüder, auf Edelgestcine gegraben, sollten auf seinem Herzen ruhen, und mit ihnen Licht und Recht, d. i. e) das vollkommenste Licht, der entscheidenste Ausspruch in seiner Brust wohnen. e) Daß Urim und Lhummim das völligste Wahreste Licht bedeute, leidet keinen Zweifel; und eben so wenig dürfte es Zweifel leiden, daß der Ausdruck: „du sollt den Gerichtsschmuck zum Urim und-Lhum- mim machen, (setzen, geben)," im Ebraischen nichts anders bedeute, als: du sollt es zum Kleinod und Jnsigne des höchsten, wahresten Richterspruchs setzen, bei dem keine Ausflucht, kein Zweifel mehr gelte. — Ich entscheide nicht, wie das Orakel Gottes im Allerhciligsten dem Hohepriester geantwortet habe? Ob durch eine vernehmliche Stimme, wie dem Moses, oder durch eine innere Lenkung seiner Gedanken, daß, wenn er mit seiner Frage diesen unzugangbaren heiligen Ort betrat, er sich wie von der Gottheit ergriffen und mit der Wahrheit begeistert fühlte; genug aber, der Hohepriester antwortete im Namen Gottes^ und Gott durchs Urim und Lhummim fragen, heißt nichts anders, als ihn durch die Person fragen, die das Urim und Lhummim trug, die ihn also eben dieses Kleinods wegen zu fragen berechtigt war, also legirimo niocko, durch den obersten Richter. Siehe die deutliche Stelle h Mos. 27. B. sr. Sei- Vom Geist l3ch In der Poesie der Ebracc werden die Bilder der edelsten Wurde vom Schmuck des Priesters, insonderheit des obersten Priesters genommen, weil dieser der Erste der Nation und ein geweideter Fürst vor Gort war: daher auch alle kostbare Pracht der damaligen Zeit und Gegend an ihn verwandt wurde. In Gerechtigkeit und Heil wurden die Pric- nem Ausspruch wurde also als einem Orakelspruch getraut, und man sinoet späterhin auch von menschlichen Ralhschlägen den Ausdruck: „wenn man ihn etwas fragte, warS als ob man Gott gefragt hätte." Kurz Urim und Lhummim war Weisheit und Wahrheit, wie eines Orakels Gottes, die klärste und festeste Entscheidung. Diese sollte Moses zum Gerichtsschmuck rhun, d. i. das prächtige Kleinod hiezu anordnen, einweihen und es eben dazu also gestalten. Es hatte hiemit eben die Bewandniß, wie mit dem Kopfschmuck des Hohepriesters und der Inschrift seiner Stirn: „Heiligkeit dem Jehovah ! " Dies bezeichnet? seine Königswürde, da er Gottes Stelle verrrat; jenes sein Amt und seine Pflichten, als oberster Richter das gesummte Volk auf seinem Herzen zu tragen, sie vor Gott in gute Erinnerung zu bringen , und gleichsam Mittelsperson zu seyn zwischen Gott und dem Volke. Dies war er eben durch sein Amt, durch seine Fragen an Gott in streitigen Fallen, und durch Entscheidung nach der Stimme Gottes in dessen Namen. So lange Moses lebte, fragte Er den Jehovah; als Moses nicht mehr war, wer sollte ihn fragen, als der oberste Richter? Er thats vermöge seines Amts, der Ebrätschen Poesie. i35 ster gekleidet k): d. i. weil sie Richter und heilige Personen, Bewahrer und Ausübor der Einrichtung des Landes waren, auf der die Glückseligkeit der Nation beruhete: so war ihr AmtSschmuck auch das Symbol beider, der Gerechtigkeit und allgemeinen Ordnung, des Wohlstandes der Nation und der Freude Jchovahs an derselben. Aus dieser Idee entspringen Bilder in Mose, den Propheten und Psalmen, die uns fremd und Spöttern gar lächerlich Vorkommen, weil wir nichts von solchen heiligen Symbolen, die ein Gegenstand der Hochachtung des ganzen Volks waren, mehr haben oder fühlen. Unsre Priester sind mit Verachtung bekleidet: ihr Schmuck ist der Sack der Armuth. Das Wort „öffentliche Religion"-ist in vielen Ländern so verächtlich, daß, wo wir auch aus ganz andern Verfassungen und Zeiten nur das Wort „Priester" lesen, auch das edelste Bild uns widrig und klein vorkommt. Dort konnte der Verfall des Landes dem Volk nicht rührender und sinnlicher gemacht werden, als wenn es hieß: „Das Hciligthum ist entweihet: die Krone der Herrlichkeit Gottes ist von des obersten Priesters Haupt gefallen: die Priester gehn in Säcken und trauren." Ihre Entweihung war die daher er auch ohne diesen Gerichtsschmuck nie vor Jehovah erscheinen durste. Weiter war Urim und Thummin erweislich nichts, und zwei Würfel konnten es nicht sey», weil oft solch eine bestimmte, umständliche Antwort gegeben wurde, als Würfel nie geben konnten, k) Ps. i 32 , 9. 16. i36 Vom Geist Entweihung der Nation: ihre Zier das Sinnbild allgemeiner Ordnung und Freude. Ich freue mich hoher Freuden inJehovahx), Mein Herz ist fröhlich über meinem Gott! In Glückesklcider kleidet er mich wieder, Den Fürstenmantet leget er mir um! Wie ein Bräur'gam steh ich da in Priesterpracht gekleidet, Wie eine Braut in ihrem Hochzeitschmuck r Denn wie die Erde sprosset i^r Gewächs, So wie der Garten aufsproßt seine Saat; So läßt Jehovah uns Gerechtigkeit aufspricßen, Und Bolkcsruhm vor aller Welt* *). Solche waren bei dieser Nation des HciligthumS Bilder: die Einigkeit der Familien konnte nicht schöner vorgostcllt werden, als durch den Wohlgeruch der reinsten, überfließendsten Salbe auf des Hohe- x) Jes. 61, 10. 11. *) „Simon, Onias Sohn, der Hohepriester, Der, als er lebte, Tempel, Stadt und Volk Befestigte, ziert' und verherrlichte — Herrlich erschien er vor dem ganzen Volk, , Wenn er herausirat aus des Tempels Vorhang; Wie wenn der Morgenstern in Wolken aufgeht: Wie wenn der volle Mond, die Helle Sonne Am Tempel Gottes glänzet, wie der Bogen Die Regenwolken schön wie Farben malt! — Wie eine Ros' im Lenz, wie Lilien An Wafferquellen, wie auf Libanon Die Cedcr" u. s. w. (Sirach 5 o.) der Ebräischen Poesie. ^3? Priesters Haupt. U) Wie dieser, der schönste Geruch dem Jehovah, eine sonst ungenoffenc Anmuth ringsum verbreitete (denn keine Privatperson durfte diese heilige Salbe bereiten oder sie gebrauchen:) so duftet Einigkeit der Brüder Anmuth und Wohlgeruch im reichsten Maaß vor Jehovah und Menschen umher. — Fürsten und Priester waren von den ältesten Zeiten durch den Begriff verbunden, daß sie beide die Stelle Gottes vertreten, und in diesen Sprachen waren sie dem Ursprünge des Worts nach, als Diener, die sich der Gottheit nahen dürfen, Synonyme. In den Familienregierungen der ersten Welt war der Hausvater Fürst und Priester seines Hauses, Melchiscdek König der Gerechtigkeit und Priester Gottes des Allerhöchsten. Der Psalm, der die königliche Würde aufs höchste malet, der seinen Herrn neben Jehovah, ihm zur Rechten, thronen läßt, erhöhet ihn nur durch den Begriff des Priesterthums zu dieser Würde!) : Jehovah schwur dir Heilgen Schwur: Ein Priesterfürst bist du auf ewge Zeiten hin, Ich ordne dich mir zum Melchiscdek. In den spätem Zeiten der Ebraischen Poesie wurden gar Priester und Engel verbunden k). Da jene Boten Jchovahs, d. i. Ausrichter seiner Landesgesetze waren: da sie den Vorzug hatten, sich dem Thron Gottes nahen zu dürfen, und in seinem Pallast K) Pf. -3Z. i) Pf. iio. K) Malach. 2 , 7 . Kap. 3, i. i38 Vom Geist vor ihm zu dienen: so ging natürlich, sobald der Himmel Gottes Gezclt und Tempel wurde, auch das Bild der Priester dahin über. Schon bei Je- saia sind die Seraphim Fürsten und Priester, d. i. eines im Tempel thronenden Königs Diener I). Zn Ezechiels Gesicht ist der Engel, der die Rechtschaffenen zur Schonung bezeichnet, ein Priester m): so wie auch die herrliche Gestalt bei Daniel, die ihm die Gesichte deutet n). Zn diesen Zeiten wurden alle Bilder der Reinigkeit, Würoe und Zierde jener alten Zeiten vergeistigt und auf diese Himmelsfür- stcn verwandt; in welchen Gestalten auch die Engel des N. T. erscheinen. In der Offenbarung Johannes sind Engel und himmlische Priester Eins: in ihr und im Briefe an die Ebraer ist Christus, wenn seine höchste königliche Würde angczeigt werden soll, der himmlische Hohepriester. Viertens. Vor die Fürsten des Orients durfte niemand ohne Geschenke-kommen; diese Sitte wandte Moses an, theils um den Gebrauch der alten Patriarchenopfcr in seinen Staat einzuflechten und den Sinn des Volks ganz abzulenken von Aegypten: theils andre Zwecke zu erreichen, die bald sollen gemeldet werden. Bei den Aegyptern wurden lebendige Thiere nur dem bösen Gott, Typhon, ge» opfert, und dazu schädliche, häßliche und unglückliche gewählt; die guten Götter bekamen leblose und Y Jes. 6, 2. m) Szech. 9, 3. n) Dan. rc>, 5. der Ebraischen Poesie. r3g meistens Rauchgeschcnke. Do Moses, der eifrigste Feind der Sklaverei, unaustilgbare Freiheit zum Grundgesetz seines Volks machte: so weihete er seine ganze Nation, vorzüglich die Erstgeburt, die in der letzten ägyptischen Plage verschont war, als Ei- genthum dem Jehovah. Da ließ Gott nun von seinem Rechte nach: er schenkte dem Vater seinen Sohn und nahm von ihm statt dessen ein Thier zum Geschenk an ; nothwendig ein reines Thier, weil dem heiligen Gott sich nichts unreines nahen, vielweniger ihm zum Geschenk dargebracht werden durfte. So auch mit den Früchten des Landes, das Gott zugehörte, und davon er sich die Erstlinge als ein Dankgeschenk und als ein Zeichen der Lehnbarkeit ausdung. Erstlinge und dir ganzen Opfer waren also die ersten eigentlichen Opfer der Lchnspflicht und Gerechtigkeit; wie der Psalm singet: Khu wohl an Zion, wie du es gerne thust. Dann werden dir gefallen die Opfer der Pflicht, Die Opfer, die im Rauche zu dir steigen, Die jungen Stiere auf deinem Altar. Die Sünden- und Schuldopfer hatten einen eben so guten Zweck; sie brachten auch verborgne Sünden , die das Gesetz nicht bestrafen konnte, selbst Unrerlassungsfchler vor Jehovah, d. i. vor seine Züchter, und waren also besser als Lhrcnbeichte, als Polizeiwarter und geheime grausame Fehmqerichte. Hier trat man als Mann vor Gort, das Geschenk der Entsündigung in seiner Hand; nicht als ein erzählendes büßendes Weib. Man brachte seine Strafe selbst dar, die das Ge'etz bestimmt harte, und durste sic nicht von der Willkühr des Priesters erwarten; Vom Geist 140 auch gebot die Unbequemlichkeit dieser Darbringung, die vor dem Heiligthum allein geschehen konnte, selbst Vorsicht. — Die beste Anwendung, die die Poesie also von diesen Darbringungen machte, war geistig: Erbarme dich mein, Barmherziger*)! Du Bielbarmherziger, vertilge meine Schuld! Denn sich, ein sündger Mensch bin ich, Sündhaft die Multer, welche mich empfing: Du aber liebst die innre Wahrheit nuro), Du lehrtest mich des Gesetzes verborgnen Sinn: Du mußt mich priesterlich cntsündigenx), So bin ich rein; Wenn du mich waschest, bin ich weiß wie Schnee. Sieh also nicht auf meine Miffethat, All meine Ucbertretung tilge aus; Ein reines Herz schaff' in mir, Gott! Rechtschaffenheit erneue du in mir!- Ich will auch Sünder lehren deinen Sinn, Verirrte sollen wenden sich zu dir. Errettest du mich Gott von meiner blutgen Schuld, So will ich laut von deinen Pflichten singen. Denn Opfer willt du nicht; ich gäbe sie! *) Ps. 5r. v) „Das Außenwerk bei Opfern ist nicht dein Zweck : sie haben einen geistigen Sinn, den der Pöbel nicht weiß, den du mich aber gelehrt hast." x) Dies ist also der geheime Sinn der Opfer nach Davids Lehre. Gott muß den Menschen entsündi- gen und die Entsündigung des Priesters soll ihm das nur vorbilden. der Eb rätschen Poesie. 141 Wrandopfer nimmst du nichts, Die Opfer Gottes sind ein reuig Herz, Demülhigen, zerschlagnen Geist Verschmähst du nicht.- Und in einem andern Gebet, da er für Wohltha- 1 m danket: Jehovah, viel hast du an uns gethan * *)! Deiner Wundergedanien über uns ist keine Zahl! Doch will ich sie verkünden und aussprechen, Wiewohl sie nicht zu zählen sind. Die Opfergabe magst du nicht; Mir sagtest du es insgeheim ins Ohrr): Brand- und Sündvpfer willt du nicht. Da sprach ich: sieh, ich komme gern-)! y) Für Mord und Ehebruch nämlich konnten kcinr Opfer gebracht werden. *) Ps. sio, 6. r) Der Ausdruck: „Du öffnetest mir das Ohr" bedeutet offenbar nichts anders, als was die Folge klar sagt: „Du ließest mich deinen Willen, deine eigentliche Absicht bei allen Opfergaben leise vernehmen; Du sagtest mir ins Ohr, was der -Pöbel nicht weiß, den Sinn deines geschriebenen alten Gesetzes und unsrer darin gefoderten Pflichten." s) D. i. „Der geheimen Stimme bin ich als Knecht „gern gehorsam. Wenn das der geheime und eigentliche Sinn des Gesetzes ist, so wohnt er auch „in meiner Brust. Eben das ists, was mein Herz „als Pflicht verlanget und gerne lhut," Vergl. 5 Mos. 3o, er. rr. -----. M 142 Vom Geist Das ist für mich ja im Gesetz geschrieben; Das, was du willt, mein Gott, das will auch ich: Was du von mir begehrst, wallt schon in meiner Brust. Berkündgcn will ich, was dein Wille sey, Bor allem Volk. Nicht wehren will ich meinen Lippen! Jehovah, das weißest du! — Ein öffentliches Bekcnntniß, öffentliche Reue- und Danklieder setzt David hier an die Stelle der Opfer und rühmt beidemal, daß er damit den geheimen eigentlichen Sinn des Gesetzes vollstrecke. Die Propheten sind solcher Aussprüche voll: wir haben keine Opfergesänge in der Schrift, wie die Heiden sie hatten; die Gesänge, die von den Opfern handeln, sind alle moralisch und geistig. So auch bei den ältesten und schönsten, den unblutigen Dank- und Weihrauchopfern. Wir haben einen Gesang über sie, dessen sich die aufgeklärteste Zeit nicht schämen darf: es ist Der fünfzigste Psalm, Assaphs: Der Gott der Götter, Jehovah, spricht, Und ruft die Erd' herbei Bon Sonnen-Aufgang bis zum Untergang. Vom Zion, der Landeskrone, glanzt Gott auft)! i) Wie jedesmal von den Bergen; die Wohnungen der Götter waren. Jetzt nicht mehr von Sinai, Scir, sondern von Zion, der glänzenden Krone, dem Hauptschmuck des ganzen Landes, weil Gott darauf wohnte. der Ebräischen Poesie. 143 Es kommet unser Gott und schweiget nicht, Verzehrend Feuer gehet vor ihm her, Um ihn ist mächtger Sturm. Er ruft den Himmeln oben und der Erd'u), Zu richten itzt sein Volk. „Versammlet, spricht er, meine Treuen mir, „Die über Opfern meinen Bund beschwuren." Und alle Himmel rufen ihn als Richter, Jehovah als gerechten Richter aus: „Hör' an, mein Volk, spricht er ich rede: Ich zeuge gegen dich! ich selbst dein Gott! — Nicht zeih' ich über deine Opfer dichx), Ueber den Rauch, der immer zu mir steigt; Doch sind es nicht die Stiere, die ich mag, Die Böcke, die du mir aus deinen Hecrden giebst: Denn alles Waldes Lbier ist mein, Die Thiere auf den tausend Bergen dort! Auch jeden Vogel kenn' ich unterm Himmels), Das stolze Wild ist mein. Hungerte michs; ich dürfte dirs nicht sagen, Denn mein ist ja die volle Welt. Und meinest du denn, daß ich Stierfleisch esse? u) Vor Himmel und Erde hatte Israel seinen Bund beschworen (5 Mos. 3 i, 28.) sie müssen also auch jetzt Zeugen werden, wie Israel den Bund verstanden und gehalten? Erhaben aber nimmt der Allwissende (B. 7-) in ihrem Namen das Wort: der Stichler wird selbst Zeuge. x) D. i. Der äußern Opfer wegen setze ich dich nicht zur Rede; die bringst du mir gnug dar. Nach einigen Uebersetzungen und aoäicrdus. i44 Vom Geist Und trink' der Böcke Blut? Dank opfre Gott! Was Lu gelobt hast, bring' dem Höchsten dar. Ruf mich an in der Zeit der Angst, - Und wen» ich dich errette, ehre mich! — Wer Dank mir opfert, ehret mich; Er geht den Weg, da ich ihm zeigen kann Der Gottregierung Glück r). Es wäre zu weitlauftig, mehrere Stücke der mosaischen Gesetzgebung zu durchgehen und auch in einzelnen Ausdrücken zu zeigen, wie sie die Sprache der Poesie in Propheten und Psalmen gebildet; cs sey genug, hier noch einige Samenkörner hinzuwerfen, da zu einer Ernte einzelner Bemerkungen nicht Raum ist: i. Im israelitischen Staat war alles ursprünglich ans Heiligthum gebunden, auch körperliche Krankheiten, so wie Verfall in Sitten, Laster. Also nicht nur, daß jene sehr natürlich Bilder von diesen wurden ; sondern daß auch von diesen die Propheten und Dichter in der Sprache des Heiligthums sprachen , d. i. frei, offen und ungeziert. Sie regelten sich nicht nach den Gesetzen unsers Wohlstandes, von denen sie nichts wußten; sie sprachen, wie das Gesetz Moses sprach, wie der Vater des Volks dachte. Dein r) Das Glück der Theokratie. Im ganzen Psalm spricht Gott als theokratlscher Richter, als Racher seiner Landesconstitution und Ordnung. Dem Arzt sind Ausdrücke erlaubt, die ein feiner Bube, nicht eben aus Sittlichkeit, umschreibet; und ein Arzt, der als Priester urtheilet, darf sich nicht nach der Mode eines fremden, spaten Jahrhunderts richten. Große Thorheit ists also, dies ganze Fach der Sprache und Bilder der Ebraer nach den Will- kübrlichkciten unsrer Sitten zu beurtheilen und für einem Psalm, der böse Sünden im Bilde des bösen Aussatzes mahlt oder für Kapiteln eines Propheten, der die verderbten Sitten seiner Zeit mit Wahrheit und Energie schildert, zurückzuschaudern. —> Auch hierin indessen richtet sich die Poesie nach Zeiten und dem Charakter des Dichters. Am Hofe Salomo's ward nicht gehört, was Ezechiel, der Sohrr eines Priesters, der sich am Gesetzbuch Moses, an seinem Tempel und alten Sitten müde studirt hatte, und der in Allem ausführliche Expositionen liebet, zu sagen wagte. Daß solche Dinge im Morgenlande genannt wurden, hatte den Zweck, eben durch die Schande der Exposition Grauen und Ekel zu erwecken : denn es ist bekannt, daß jene Nationen in allen diesen Punkten ekler als wir sind. Im jüdischen Gesetz wurden Unreinigkeiten schwer untersagt, -die bei uns im Schwange gehen; und ein Araber rrrölhete oft, worüber ein Europäer fragen sollte. 2. Im Heiligthum hatte jedes kleine Gerath, jedes Stück der Wand oder des Gezelts seinen Namen ; und da alle diese Dinge, als ein Riß Gottes auf Sinai betrachtet, und im Gesetzbuch so ausführlich beschrieben, auf die Nachwelt kamen, so konnte es nicht fehlen, daß diese Nachwelt nicht dar- Herders Werke i. Rel. u. Theel. II, K »46 Vom Geist über sann und dichtete. Indessen ists eben so gewiß, daß die schönsten Zeiten der Ebraischen Dichtkunst von allen den Fabeln nichts wissen, die der spate Allegoriengeist aussann. Was David vorn geheimen Sinn des Gesetzes singt, ist ganz in Mose enthalten, und die Entwicklungen der Propheten bleiben immer dem Ganzen der Institution treu, ohne jeden Nagel des Gcrüsts zu theilen- Nach der Gefangenschaft, als der zweite Tempel gebaut werden sollte, singen einzelne Expositionen an; aber noch mit sparsamer Weisheit, wie Haggai und Zacharias zeigen. Aus Aegypten zuerst verbreitete sich der Deutungsgeist in gar spatern Zeiten. — Damit sage ich nicht, daß Moses Bau und Gottesdienst auch in kleinen Stücken nicht bedeu» tungsvoil gewesen ; er wars, nur im Umfange seiner Gesetzgebung und im Verhältnis; einzelner Stücke zum Ganzen. Moses war aus Aegypten, und wir wissen, wie Aegypten die Hieroglyphe auch in heiligen Gebäuden, auch im Gottesdienst liebte. Von einigen erklärt er selbst die Bedeutung u) und bringt uns dadurch auf den Weg; nie aber muß man aus Moses Zeit, aus seinem Gesichtskreise weichen, oder man kehrt das unterste zu oberst. — Einiges hiervon wird bei Veranlassungen der Propheten Vorkommen : einiges ist in nachstehendem Gedicht angcdeu- 2) So redet Moses vom Beschneiden der Herzen, daß der Priester, wenn er ins Heiligthum gehe, die Sünde des Bolks trage u. f. Das letzte Symbol har wahrscheinlich zum schönen Lüsten Kapitel Jesaias Anlaß gegeben, wie der rite Bers zeiget» det EbraischeN Poesie. 247 tet; den Umriß des Ganzen zN zeigen gehört nicht hieher. 3. Der Zweck der Gesetzgebung Moses Wat wes der Opfern , noch Sünde - vergeben ; sondern Glückseligkeit seines Staats, politische Wohlfahrt des Volkes Jehovah. Die erleuchtetsten Propheten, insonderheit Samuel und Jesajas, gingen auf dieser Bahn sott; und keiner ist, dem dies Nicht Hauptge- sichrspunkt feinet Reden und Aussichten Ware. Wenn daher weit spätere Zeiten einzelne Sprüche, einzelne Gebrauche herausgerissen und mehr Werth darauf gelegt haben, als Moses oder seine Nachfolger im Zusammenhänge mit andern darauf legen konnten: wenn über einen sogenannten Bußpsalm, übet einen Bock, der in die Wüste gesandt ward, Systeme ersonnen wurden, an die weder David noch Moses dachten: so ist das ein gewöhnliches Schicksal der tollenden Zeit, die nicht anders fort kaNN, als daß sie das Unterste zum Obersten kehret, Man denke daran, daß die spatere Zeit eine Anzahl verschiedener Bücher hatte, beten verschiednS Ideen sie nicht nur vermischte, sondern deren Sprache sie auch zur Hülle eigner Ideen brauchte. Dü kam es Nun drauf an, welche Menschen sie brauchten? auf welche Ideen sic getiethen? welche bei ihtten vorzüglich Gunst fanden ? endlich welches Ansehen sie selbst bei der Nachwelt hatten und welche Form der Einkleidung dieser am besten gefiel? Jetzt wars die dichterische, jetzt die philosoxbilchc; am besten aber, Man lasse jede ihrer Zeit und ihrem Erfinder und gehe zur ursprünglichen Form deI alten Aegypter-Jsraeliten, Moses. K 2 Vom Geist 148 4. Wenn Ein Institut zu Aufbewahrung der Lieder und Gesetze Moses diente, wars der Sabbat: ihm sind wir die lebendige Erhaltung dieses ganzen Schatzes der Dichtkunst schuldig. Nicht nur, daß das Andenken des Weltschöpfers, (die fruchtbarste Idee des Menschengeschlechts!) aufbehalten und verbunden mit Nacionalwohlthatcn, wenigstens in einigen Gebeten und Liedern gefeiert ward: nicht nur, daß man in etwas erleuchteten und ruhigen Zeiten, mit oder ohne Sinn, Stücke des Gesetzbuchs las und auslegte: Zeitrechnung, Lesen, Schreiben, Geschichte, politische Einrichtung, alte Ideen und neue Hoffnungen, kurz Geist und Cultur des Volks erhielt sich an diesem einfachen Institut wenigstens in Resten und richtete sich in bessern Zeiten an demselben wieder auf. An Sabbat und Feste war die Ordnung des Staats und der Zeilen, an jene das Freiheit- und Jubeljahr gebunden; kann man's also den Propheten verdenken, wenn sie in diese Bilder so manchen güldenen Traum künftiger Glückseligkeit hüllen, und von ewiger Freiheit, von ewigem Jubel nach lauter Sabbatsideen frohlockend singen? Wer ist der Mensch, der ohne Hoffnung sich nur reget? und ist's nicht eben die größeste, schönste, standhafteste Seele, die sich mitten im Verfall der Zeit aus den Trümmern alter minderer Glückseligkeit eine neue und größere dichtet? der Ebraischen Poesie. Moses Stiftshütte. Ein symbolisches Gemälde. Arme Wüste, wie reich bist du! Wie kommst du zu der schönen Kleinode Pracht? Dein Rauch -umkränzter Sinai Wird Gottes bleibend Licht: Dein dürrer Fels ein reiner Wasserquelk, Dein Thau der Enget Speise?- — Der Heilgen Muse Liederkraft Isis, die auf alles Honig gießt. Entflohne Sklaven wandelt ihr Gesang Diesseit des Meeres in ein freies Volk. Die bittern Salsen und den Wanderstab, Das ungesäuert-dürre Brod, Laubhütten in dem Sandmeer trockner Glut, Und Durst und Plage, Noth und Ungemach, Weihet sie um zu ewgem Freiheitsfest.- — Die kleine Hütte steht vor mir, Des Ewigen Orakelzelt: ^ Wohnt da der Ewige? In welchem engen Raum! Und vor ihm stehen Brode dat Da brennt die Lampe! Rauchwerk steiget auf! Und vor dem Zelte fließt der Opfer Blut! — Und seine Diener, Priester gehn Wartend der Hut, diesseit des Teppiches: Und Einer geht, zu fragen ihn Ins heilge Zelt, Klingend im Gange, seine Hand voll Blut.- Vom Geist ?5g Empf-Ng! mich, heilges Licht, in welches Moses trat, Das eryig wiederglanrt von seinem Angesicht. / Sprich zu mir, Wolke, die vertraulich zu ihm sprach, So wiz ein Mgnn mit seinem Freunde spricht, Und lehre mich, was nicht Bezafeel, Nicht Nadah und Ahihu wußten. Dort Seh ich dich, du einsamer Mann! An Horebß Fuß bei deinen Schafen, seh Ich ist dein tiefes Herz;, Es weipt für seine Brüder. Da Flammt guf der dürre Busch! Ihn ruft der Vater Gott. Sie kämpfte sang', die Flamme mit Dem Zweifelnden und überwand. Sie gah ihm Wunderzeichen in die Hand Und in den Mund die Worte Aarons. Sie gingen hin, sie rissen aus der Nacht Des Todes ihre Brüder. Ewiger Preis dir, Retter deines Volks! Der's mit Gewalt aus seinen Fesseln zwang, Durch Wellen hin zu Gottes Berg' es riß, Der zu ihm sprach mit der Posaune Klang, Mit Donnerworten und doch ungestört, Mit Gottes Finger und doch nicht verstanden! Du sprachst den Fels an und dich hört' der Fels; Er öffnete sein kqlres, haries Herz. Doch also nicht dein Volk! Es tanzet dort Um's güldne Kalb. Wirf deine Tafeln hin, Heiliger Eifrer! doch ermatte nicht. Jehovahs Engel geht voran Und rächet dich. Die Hölle frißt derEbräischen Poesie. i5 Und Schlangen stechen, langsam frißt der Tod In vierzig Jahren deine Feinde weg. Sprich aus, was dir Jehovahs Mund gebot, Führ' aus, was du auf Berges Höhe sahst, Zermartre dich und stirb, im Blicke traurig-froh, An deines Landes Rande- Stirb, daß du alle Gräuel nicht Der Könige, der Landverwüster, sehst, Daß um dein heilig-weises Gottgesetz, Mißbraucht von Abcrglaub' und Heuchelei, Verkannt von Dummheit, und vom Affenstolz Verhöhnt, ja gar zernagt vom Letternzahn — Daß um das Alles dich der Eifer nicht Verzehre! — Deine Hütte muß Traurig zerfallen! Deines Gottes Thron, (Er thronte nur auf Recht und Wissenschaft!) Geraubt muß er, entweiht, vergessen werden! Veraltern mit der Jahre Flucht Nicht auch die Himmel? Altert nicht Dein Sinai? Wo liegen sie, Die Tafeln, die dein Gott dir schrieb? Begraben sind sie, wie dich Gott begrub! — Seh ich nicht da ein ander weiter Zelt? Der Unsichtbare wohnt nicht mehr in Dunkelheit: Er glänzt auf des erhabensten Propheten Angesicht. Und vor ihm flammt das siebenarmge Licht, Des Geistes Blick, gesandt in alle Welt, Und vor ihm duftet süßer Rauch (Gebet der Heiligen!) und draußen fließt , Unreiner Sünder Lod-Entsündigung, Dersöhnungsblut. 152 Vom Geist der Ebraischen Poesie. Wer ists, wer wagt hinzuzugehen Ins Heilige, ins Allerheiligste? Bekleidet mit der Unschuld Schmuck, Geziert auf seiner Stirn mir Heiligkeit Jeyovahs? Wem flammt auf der Brust In zwölf der Edelsteinen Licht und Recht? Wem klingt sein Tritt, wenn ihn Jehovah hört, Daß er Hinabschau' und begnadige? Er tret' hinzu und ftgge Gott! V. Fernere Einrichtungen Moses. Inhalt. i. Wie Moses das Bater-Regiment geschont und geeh- ret. Wirkungen davon in den Jdiorismen, dem Ton der Geschichte, den Sittensprüchen und der moralischen Poesie der Ebräer. 2 . Berhältniß des Weibes zum Mann, zum Hause. Proben davon in Stellen der Poesie und Mosaischen Gesetze. Bilder über Zucht, Ehe, Fruchtbarkeit, Liebe, Wessheit. Sittenlehre der Mutter Lcmuels an ihren Sohn: Lob einer ländlichen Ehraischen Hausfrau. 3. Verknüpfung der Familien zu einem Stamm. Unabhängige Freiheit einzelner Stämme. Ob Moses^ auf Würden in derHauptstadt, aufUeppigkcit und Krie, gesruhm seiner Nation gerechnet? Gestalt der Ebräi- schen Poesie aus ihrer ländlichen Einfalt. h. Warum die Propheten gegen Ueppigkeit und Unterdrückung so scharf geeifert? Ihre Äbsicht in Moses Verfassung, ihr Recht und ihre Vollmacht. b, Verknüpfung aller Stämme durch Ein Land Gottes und der Vatxp. Schöne Eingeschlossenheit desselben. Vom Geist r5ff Wie das Gesetz Moses zu ihm gehörte. Localgeist aller Ebraischen Schriften, Hoffnungen und Lieder. Von der bcsondern Providenz Gottes über Kanaan. Ursprung dieser VorstellungsartGebrauch derselben in Mose und den Dichtern. 6. Zweites Band der Stämme durch Theokratie. Princ-pium dieser Regierung. Würde und Schönheit desselben für vernünftige Weseq. Proben davon an Gepichten, Strafen, Abgaben, Zusammenkünften u. f. Die Meiste Poesie der Ebräep ist politisch. 7 . Einwürfe gegen Levi, daß Er die Stütze der Theokratie seyn sollte. Wie dieser Stamm dazu kam? Erster Entwurf Moses. Wie der Gesetzgeber diesen Stamm eingeschränket, was er ihm aufgelegt, wiefern Levi der ganzen Einrichtung geschadet. 8- Bon dem Propheten, auf den Moses hoffte. Trauriges Schicksal, daß Moses seine Gesetze in Kanaan nicht selbst einrichten konnte. Ursache», Folgen, sein Schmerz darüber, Das Ende des goten Psalms. Moses Hoffnung. g. Vom Gotresanschn der Gesetze Moses. Nothwen- digkeit und Nutzen desselben. Ob es nur vorgegeben wäre? ob wir hierüber entscheiden können und dürfen? Das Gesetz Gottes und Moses, eine jüdische Dichtung- ^s wird nvthig seyn, über die Sitten der Nation, don deren Poesie wir reden, über ihre Bildung durch die Gesetze Moses und überhaupt über den politischen Zweck dieser noch einige Worte zu sagen : denn man kann die Frucht nicht anders als durch den Baum kennen lernen, auf dem sie entsproß. i. Vater- und Kindesverhältnisse waren die erste Regierung der Welt, und bei einem der Ebxaisehrn Poesie, »55 Hirtenvolk, wie dieses war, blieben sie lange die stärksten Bande. Da Israel kein anderes als ein Vaterregimcnt in seinen Stammvätern vor sich hatte, so waren diese Rechte der Menschheit auch dem Gesetz Moses heilig. Es schreibt den Kindern Ehrerbietung gegen die Eltern als eine Bedingung vor, wie sie das Land des Segens genießen könnten, und dasselbe Gepräge tragen die moralischen Poesien dieses Volkes. Ihre Sprache hat keine schöneren Ausdrücke, auch den König, den Priester, den Propheten, den Vorsteher und Erfinder einer Sache zu benennen, als das Wort Vater. So wie ihre Geschichte schon eine Art kindlichen Vortrages hat, weil die früheste aus Hirtenzeitcn war, und der später» zum Vorbilde gereichte: so sind insonderheit ihre Lehrsprüche und Sentenzen mit einer Vaterliebe und kindlichen Einfalt bezeichnet, dergleichen schwerlich ein anderes Volk qufzuzeigen hätte, weil keine Poesie bis in so frühe Zeiten des Menschengeschlechts hinaufreicht- Die ersten ..apitel der Sprüche Salomo's, die dem Buch zur Einleitung dienen, sind mit einer Anmukh geschrieben, da von den Lippen des Lehrenden, der seinen Sohn zur Weisheit locket, gleichsam Milch und Honig fleußt. Selbst die harten, so bestimmten Gesetze Moses vcrläugnen diesen Ton nicht, sobald sie menschliche Verbindungen einschärfen, und das fünfte Buch hat die Würde und Andringlichkeit eines väterlichen Weisen. Man sammle sich, was über das Derhaltniß der Kinder zu ihren Eltern, so wie von häuslicher und Familien - Glückseligkeit in den Sprüchwörtern, Psalmen und Propheten gesagt ist, und man wird einen Ausbund der frühesten, süßesten Moral finden. Die Sittenpocsic der Per? i56 Dom Geist ser ist fein, der Araber scharfsinnig, der Ebraer ein- fällig uno kindlich; die zarte Speise fürs erste Alter der Menschheit. 2 . Das Weib war, nach morgenlandischcn Begriffen, dem Mann unterworfen. Man hatte keine Idee von einer gebietenden, müssigcn Hoheit dieses Geschlechts; man rühmte an ihm nur Keuschheit, Fleiß, verschleierte, häusliche, mütterliche Tugend. Sitten, wie sie die üppige Poesie späterer Zeiten besingt, wären in diesem Zeitalter der Welt Th'orheit oder Schande gewesen. Es ist daher ungereimt, galante Poesie der Eonversakion bei einem Volke zu suchen, wo das weibliche Geschlecht, eingeschlosscn, entweder wie eine Blume des Gartens blühen, oder Wie ein Weinstock Früchte sollte. Glückselig, wer Jehovah ehrt 2) Und wandelt seinen Weg; Genießen wirst du deiner Hände Arbeit, Glückseligkeit und Gutes ist mit dir! Dein Weib blüht wie ein Weinstock, Der fruchtbar deines Hauses Wand' umzieht. Wie Pflanzungen von jungen Oelbaumsprossen Sind deine Söhne rings um deinen Lisch. Und sehen wirst du deiner Kinder Kinder, Ruh über Israel. Das war die Glückseligkeit einer ländlichen Einfalt, die die Poesie sang. Die ruhvollen Zeiten der Zukunft konnten einem verwirrten Reich nicht besser vorgebildet werden, alsb): s) Ps. 1-8. K) Jer. 3i, 22 . der Ebräischen Poesie. 167 Ein Neues wird Iehovah schaffen im Lande, Das Weib umgiebt den Mann: (D. i> es ist so sicher umher, daß das Weib ihn schützen und nach dem Zustande der alten Welt in häuslicher Glückseligkeit ihn als Krone umgeben kann.) Moses Gesetze schätzen diese Familicnfreude sehr hoch. Selbst vom Kriege sprach der menschliche Gesetzgeber jeden Mann frei, der ein Haus qebauet und noch nicht eingeweiht, der einen Weinberg gepflanzt und noch nicht von seiner Frucht genossen, der ihm ein Weib vertrauet und sie noch nicht heimgcholet hatte. „Er bleibe daheim, sprach der edelfühlende Weise, damit er nicht im Kriege sterbe und ein anderer weihe-das Haus, und ein andrer genieße des Wcin- stocks und ein anderer hole seine Vertraute heim *) l" Segen auf den Gesetzgeber, der also dachte! Die Gesetze Moses sorgen daher auch so angelegentlich für die Zucht und Keuschheit der Töchter Israels, für die Grade der Verbindung und für einen öffentlichen Wohlstand der Sitten zwischen beiden Geschlechtern. Keine Unzüchtige sollte in Israel seyn: der Gesetzgeber kam allem zuvor, was die Menschheit frühe entehren, den Umgang zwischen Verwandten gefährlich oder das Weib in den Augen des Mannes verächtlich machen könnte; von allen diesen Seiten sind die Gesetze Moses die sittsamsten und bedächtigsten, die unter einem solchen Klima gemacht wurden. Man sammle die Sittcnsprüche Salomons und Sirachs, die von den Tugenden und *) b Mos. -o, 5-7. u58 Vom Geist Reizen der Weiber handeln; alle Zier der Unschuld, der Anmuth, der Verträglichkeit und des Fleißes sind in sie, wie in einen Blumenkratiz, geflochten. Das Glück einer guten, das Unglück einer mißra- lhenen Ehe wird in treffenden Bildern geschildert: nicht umsonst sollte der Bräutigam mit Oel der Freude gcsalbet, mit einer Hochzeitkrone gekrönt, und mit glückwünschenden Liedern gefeiert werden. Die Fruchtbarkeit der Ehe galt über allen irdischen ' Segen, und so manche Ausdrücke der Psalmen a) über ein unerwartetes Glück unter dem Bilde, „daß Gott die Unfruchtbare zur kinderreichen Mutter macht/ waren im Geist der Nation vom stärksten Nachdruck. So ists das Lied der Mutter SaMu.els ci), die als eine Siegerin von ihrem häuslichen Glück zum höchsten Glück des Landes und der Welt aussteigt: so sinds die öftern Verheißungen, daß Gott den Gerechten vorzüglich mir diesem Glück ehre: Siehe! Jehovahs Erbgeschenk sind Söhne e), — Sein Gunstgeschenk ist blühendes Geschlecht, Wie Pfeile in des Helden Hand, Sind Söhne in der Jugend Stolz, Wohl dem, der seinen Köcher Voll solcher Pfeile hat. Sie werden nicht erröthen, Wenn sie mit Feinden reden vor Gericht. Der Platonismus der Liebe, so wie eine Klöstekhei- ügkeit der Ehe, ist den Poesien dieses Volkes fremdes u) Psalm m 3 , g« u. f, Psalm 127. der Ebräischen Poesie. i5g wie zart und feingefüblt aber sind dafür alle Sce- nen im Garten der Liebe des Hohenliedes! Die süßesten Reste blühen da wie Blumen, die zartesten Früchte werden mit einer Unschuld der Bruder- und Schwesterliche gekostet. In den Sprüchen Salomens sind Weisheit und Thorheit Weiber. Diese konnte unter keinem warnendem Bilde, als der Personifikation einer verführenden Ehebrecherin vocgestellt werden ; jene, die belehrende und erquickende Weisheit wird dem Jünglinge Braut, Mutter, Geliebte, ja die geliebte Tochter Gottes von Ewiokeit her. Die vielleicht stärkste Stelle in Salomens Sprüchen ist eine Lehre, die ihn seine Mutter lehrte — ich glaube meinen Vortrag angenehm zu unterbrechen, wenn ich sie samnit dem ihm zugesügtcn Lobe der Weiber hicher setze; sie bestätigt, was ich sagte, durch eine Prole:k) Ach du mein Sohn! bn meines Herzens Sohn! Du aller meiner Wünsche Sohn! Gib nicht den Weibern deine Macht, Vertraue deine Wege nicht Den Könige - Berderberinnen an. Auch Wein nicht, Lemuel! den Königen, Den Königen gebührt nicht stark Getränk; Den Machtbeyerrschern nichts Berauschendes. Sie tränken und vergäßen der Gesetze Und krümmeten die Nechtssach' aller Armen, Dem Hoffnungslosen reicher Wein; Dem Bitterlichbetrübten süßen Trank. ck) Spr. Sal. Kap. zr. Vom Geist i6o Er trinke und vergesse seines Jammers, Und denke seiner Noth nicht mehr. Khu für den Stummen auf den Mund! Und nimm dich vor Gericht der Waisen an. Thu auf den Mund und richte recht Und schaffe Recht dem unterdrückten Armen. * * Ein Weib von Lugendkraft, wie selten ists zu finden ! Der Perlen Kostbarkeit reicht nicht an ihren Werth. Auf sie kann sich des Mannes Herz verlassen; So hat er Beute gnug. Nur Lieb und Gutes wird sie ihm erzeigen, Kein Leides thut sie ihm ihr Leben lang. Wewerbsam sucht sic sich Baumwoll' und Wolle, Und wirkt daran mir rascher froher Hand; Ist wie ein Kaufmannsschiff, das Maaren bringet, Won ferne schafft sie Nahrung sich herbei. Sie stehet auf, noch ist es Nacht, Eiebt ihrem Hause Brod und ihren Mägden Arbeit: Denkt auf ein Ackerfeld und kaufet es, Bon ihrer Hände Frucht pflanzt sie sich einen Weinberg. Und gürtet sich mit neuer Kraft, Stärkt ihre Arme stets zu neuem Fleiß: Denn sie schmeckt ihres Fleißes süße Frucht; Auch in der Nacht verlöscht nun ihre Lampe nicht. Sie greifet nach dem Rocke» hin, Die Spindel ist in ihrer Hand; Und öffnet ihre Hand dem Armen, Weut sie dem Jammervollen dar. Sie fürchtet ihrem Hause nicht Für harten Winters Zeit: Denn all' ihr Haus hat doppelt Kleid. Und der Ebraischen Poesie. i6r Und schöne Decken wirkt sie sich, Byffus und Purpur ist ihr Festgewand: Denn öffentlich wird schon ihr Mann genannt, Er sitzet mit den Aelt'sten zu Gericht. Sie webet Schleier und verkaufet sie: Dem Kaufmann giebt sie Gürtel zum Verkauf. Und Würd' und Ehr' ist ihr Gewand: Entgegen lacht sie jedem neuen Lage. Mit weiser Rede öffnet sie den Mund, Auf ihrer Zunge ist nur sanft Gebot. Sie merkt, was überall geschieht in ihrem Hause: Die Trägheit ißt bei ihr kein Brod- Es treten ihre Söhn' auf, sie lobpreisend, Es tritt ihr Mann auf und lobpreiset sie: „Viel Landestöchrer thaten edle Thaten, Doch du bist über alle, alle sie!" Anmuth ist trügerisch; Schönheit vergänglich; Ein goctesfürchtig Weib ist Ruhmes werth. Gebet ihr Ruhm, die Frucht von ihrem Fleiße, Lobt öffentlich die Werke, die sie that. Das war der Ruhm einer fleißigen ländlichen Frau im Ebraerlandc, denn die ganze Verfassung desselben war ländlich. 3. Alle einzelne Familien knüpfte Moses zu ihrem Stamm zusammen, dem er sein avtonomi- sches Eigenthum, das Recht eigner Anordnungen und Gerichte, ja sogar die Freiheit gab, für sich Krieg zu führen; ans oberste Gericht durste keine Streitigkeit gelangen, die nicht dahin gelangen wollte. Der Vater war Fürst in seinem Hause, der Aeltestc über seine Familie, und jeder Stamm Herders Werke z. Siel. u.Theol. II. L 162 Vom Geist hotte aus ihnen seine Fürsten. Die Geschlechter waren also durch natürliche Bande, durch Gesetze des Eigcnlhums, der Ehrerbietung, der mchrern Erfahrung und der Blutsfreundschaft verbunden. Der Richter konnte sein Land und die Geschäfte desselben kennen : es konnte Lohn seyn, Greis in seiner Familie zu werden; die grauen Haare waren der Alten Schmuck und des Stammes Krone. Ich will keine Vergleichung anstelle», was in zu policirken, zu raschen Staaten das Schicksal der Alten sey? sondern nur anführen, das! auch in der Poesie dieses Volks die Ehre der Aeltcsten, der Haus - und Stammesvater überall durchblickt. Auf goldnen Despotismus, auf sklavische Würden in einer Königsstadt hatte Moses die Ehre der Geschlechter nicht gesetzt; noch weniger den Preis seines ganzen Volks auf Ueppigkcit oder Kriegsruhm gegründet. Bewcrb- samkeit und Fleiß sollte der Nerve des Staats, Ruhe und Familienehre sollte des Fleißes und der Weisheit süßer Lohn werden. Zn diesem Lichte schildern Psalmen und Propheten die Glückseligkeit ihres Volkes, „daß jedermann seiner Hände Frucht „genieße und unter seinem Oel- und Feigenbaum ,.sicher wohne." Die schönsten Weisheitsprüche der Ebraer sind daher Lehren aus dem Munde erfahrner Greise, Rathschlage gütiger Familienvater. Auch ihre feinsten philosophischen Bemerkungen nehme» diese Gestalt an, wie Salomons Prediger und einige neuere Lehrgedichte der Ebraer zeigen. Eben daher ist die Schrift für Kinder und einfache., tha- tige, redliche Leute von so großem Reiz: sie finden die Sprache ihres Herzens, die Lehre oder die Beute ihres Lebens in ihr; alles kommt und geht von Uebung zur Uebung. In Tyrus , Sidon oder Karthago, in einem kriegerischen Staat der Cyklopcw und Kannibalen find nie Gedichte gesungen, nie solche einfach-erhabene Göttcrgedankcn erzeugt worden, als in diesem Acker- und Hirtenlandc, zwischen mühselig, aber fleißig bearbeiteten Bergen. Die Sängerin Deborah war eine Aellbewohncriir unter den Palmen: der Sänger David war ein Hirt: Amos desgleichen, und in allen Propheten ist die Einfalt der ländlichen Natur in Sprache und Bildern unverkennbar. Wahle sich daher, wer da will, Gedichte der Ueppigkeit und des glanzreichstcn Ucbermuthes; was die Menschheit in ihren engsten Bedürfnissen braucht, was sie zum daurendsten Trost oder zur frühesten Bildung nöthig hat, sind alte reife Vatergedankcn von Herzlichkeit, Einfalt und Würde. 4. Man wird hieraus beurtheilen, warum Nicht nur Samuel so ungern an die Wahl eines Königes ging; sondern die Propheten auch gegen die Ueppigkeit des Landes, zumal der Hauptstadt, so sehr eifern? Ueppigkeit sowohl, als ein König, lag nicht in der mosaischen Gesetzgebung. Ihr Land hatte die schönste Lage, die Früchte ihres Fleißes zu genießen oder abzusetzen; nie aber sollte Israel, seinem Hauptcharakter nach, ein in die Welt umlaufendes Handelsvolk oder eine kriegführende monarchische Macht werden. Ucber beide Punkte dachte der Gesetzgeber zu menschlich, zu erleuchtet. Er zog Gesundheit dem Ueberfluß, und eine arbeitsame, mäßige Glückseligkeit einem entkräftenden, tyrannischen Weltruhm vor; wer also an Nationalgcdichten L 3 164 Vom Geist nur diese bunte oder blutige Farbe liebt, muß sie bei andern Völkern suchen. Ein fleißiges und redliches Bergvolk sollte Jeschirun seyn, das nach seiner ersten Eroberung in Ruhe wohnte. Und ob cs gleich diese Ruhe selten schmeckte, weil das Land von Anfang an nicht vollkommen erobert ward und meistens sehr antimosaisch regiert wurde: so waren doch die Grundsaulen seiner Verfassung zu kenntlich, als daß nicht jeder Patriot, dem Landesgesetz nach, darauf hätte Hinweisen sollen. Wie edel handelte Moses, da er vermöge seines Propheken-Rcchts jedem Weisen erlaubte, dies zu lhun und an das Landesgesetz zu erinnern! Ob der König oder die Aeltesten ihm folgen wollten, stand bei ihnen; der Prophet indessen sprach im Namen Jehovahs, d i. in Vollmacht des Nationalgottes und der urspüng- lichen Verfassung des Landes. Dieser hohe Beruf und Name erinnerte ihn , ohne Parthcilichkeit und Lieblingsneigung, Genius des Volks, Sprecher der öffentlichen Freiheit und Tugend zu werden — ein Zaum gegen Tyrannei und Laster. Bei allen Propheten, die wir haben, ist deutlich zu zeigen, daß auch in politischen Angelegenheiten das Gesetz Moses jedesmal der Grund ihres Urkheils gewesen, daß sie in ihren Rathschlagen dem Principium der Verfassung ihres Landes treu blieben und daher nicht als Schwärmer sondern als Israeliten, als dazu berechtigte Bürger, sprachen. Uebcr manche ibrec sogenanncen Weissagungen wird uns dieser Grundsatz ein neues Licht geben; und wem der mißgedcu- tete Name „Geist Jehovah" anstößig wäre, dürfte sich statt seiner nur das modische Wort „Allgemeingeist" (j-ublla denken. der Ebraischen Poesie. i65 5. Wie knüpft aber Moses zwölf freie, unabhängige Republiken zusammen, da sie doch Ein Volk scyn mußten? Zuerst durch ihr Land; sodann durch das lindest); Band, das vernünftige, freie Wesen zusammen knüpfen kann, durchs Gesetz einer Gottescegi erring. Ich wünschte, daß jeder seine Zweifel, die , er etwa noch gegen dies verschrieene Wort hatte, so lange aufgabe, bis er einige Seiten weiter gelesen. Moses knüpfte seine Stamme zusammen durch ihr Land: cs war Jehovahs Land, das Land ihrer gemeinschaftlichen Vater, das ihnen ausschließend aus ewige Zeiten gegeben war. Jchovah gehörte cs; und nur die Nutznießung war ihr; zum Lande gehörte also das Gesetz, und zum Gesetz das Land Jehovahs. Gott wollte das Volk austreiben, sobald es davon wich, wie er die Kananiker vor ihnen ausgetrieben habe; und da ausserhalb Judäa das Gesetz, das sie zum Volk des Gottes ihrer Vater machte, nicht befolgt werden konnte: so hörten sie eben damit auf, Gottes Volk zu scyn. Damit band Moses die Herzen seines Volks an diesen Boden; er machte ihnen ihr Land lieb und unentbehrlich, weil ausser ihm Israel nicht mehr Israel war. Mit vereinter Hand sollten sie es einnehmcn, brüderlich unter sich theilcn, und sodann, alle wie Einer und Einer wie alle, ruhig bewohnen. Oben schützte cs der Libanus, zur Rechten der Jordan (die Stamme jenscit gehörten eigentlich nicht mit zum Lande) unten die Wüste und zur Linken das Meer; wir werden auch finden, daß nach Jakobs Entwurf die Stämme so gesetzt wurden, daß sie sich ewig i66 Vom Geist hätten schützen mögen. Ob nun gleich dieser Zweck nicht erreicht, und der Wille des Stammvaters nicht befolgt wurde: ,so verfehlte doch Moses seine Absicht nicht, Land und Volk von einander unabtrennlich zu machen. Daher der enge Localgeist in allen Propheten! Daher in den Psalmen und in allen Werken der Gefangenschaft die Seufzer zu diesem Lande! Nach zweitausend Jahren, voll leerer Hoffnung, sehnt Israel sich noch dahin; denn nur dort kann Gott regieren! nur dort sein Gesetz geübt werden! nur dort sotten aufwachen, die unter der Erde schlafen! — Was alle alte Gesetzgeber zu erreichen suchten , daß ihr Volk sich an sein Vaterland geheftet fühlte, hat Moses durch sein Localgesetz, durch den Nationalgott seiner Vattcr aufs kräftigste erreichet. Er pflanzte den wilden Weinstock auf dis Berge Jehovahs, und legte das Volk in der spcciellstcn L o cal-P r o vi d en z Arme. Da über das letzte Wort so viel Widriges gesprochen ist, und alle Lieder, die sich darauf gründen, so sonderbar bcurtheilt sind: so wird mir ein näheres -Wort hierüber erlaubt scyn. Offenbar war der erste sinnliche Begriff, den Moses seinem Volk über die Providcnz seines Landes cinprägte, der§): — Ein Land ist es, nicht wie Aegypten, Das sich vom Strome tränkt: Ein Land voll Berg' und Thäler, Bom Himmel selbst genährt, x) 5 Mos. ii, 12 -17. der Eb ratschen Poesie. 167 Dein Gott besucht es immer; Jehovahs Augen sehn Bom Ansange des Jahres, Zum Ende hin, darauf! — und wer die Beschaffenheit Judaa's in Vergleichung mit Aegypten kennt, siehet die genaue Wahrheit dieser Beschreibung. Die Fruchtbarkeit des Landes hing von der Gunst der Witterung ab; cs lag also gleichsam unmittelbar unter den Augen des Gottes der Himmel und wie an den Brüsten der Vorsehung ; Früh - und Spatregcn , der Wind von dieser oder jener Seite her entschied alles; und so wars natürlich, daß Moses Himmel und Erde zu Zeugen seines Bundes nahm, und zu Machern desselben bei jeder Ucbertretung aufricf. Der Himmel sollte eisern, die Erde ehern werden, Früh- und Spatregen sollte mangeln, der Ostwind sie aUfrei- ben u. f., wenn sic nicht das Gesetz des Gottes befolgten , der von diesem Himmel auf sie blickte, der ihnen diese Erd» als sein Eigenthum gebe. Jedermann begreift, wie andringend, ork- und zcitmaßig diese Stimme vom Garizim und Ebal gewesen: sie umfasset die ganze Denkart des also erretteten, hie- her verpflanzten Volks und alle Zustande des Landes. Alles mußte sie an ihr Gesetz erinnern, jede Witterung im Jahr, jeder Fruchtort, jede Aue und Plage; der Gottesdienst mit seinen Festen und Pflichten erinnerte sie daran noch mehr. Und darauf baute, das erklärte nun jener achte Nationalgeist der Psalmen und Propheten. Kein alberner Abec- oder Wunderglaube wars, was er forderte, sondern der Glaube einer speciellen Aufsicht und Vorsehung, i63 Vom Geist (den wir alle haben sollten) nur für ihr Vatergesetz und Land localisirct. 6. Und das G o tt c s r e gi m e nt, das so oft verspottet worden? Ich wollte, daß nach der Stufe unsrer Cultur wir cs alle haben könnten; denn es ist gerade, was alle Menschen wünschen, worauf alle Weisen gearbeitet haben, und was Moses allein und so frühe schon auszuführen das Herz hatte, nämlich — daß das Gesetz herrsche und kein Gesetzgeber, daß eine freie Nation es frei annehmc u n d w i ll i g b e fo l g e, daß eine unsichtbare, vernünftige, wohlthätige Macht uns lenke, und nicht Ketten und Bande. Dies war die Idee Moses; und ich wüßte nicht, ob es eine reinere, höhere gäbe? Leider aber kam er mit ihr und mit allen Anstalten, die er darauf gründete, drei, vier Jahrtausende zu früh; ja vielleicht wird auch nach sechs Jahrtausenden ein andrer Moses noch zu früh erscheinen. Alle Regierung istBedürfniß, und jede zu körperliche, zu sichtbare Regierung wird Joch, ja oft eine Schande der Menschheit. Je leiser und unsichtbarer die Bande sind, die eine Gesellschaft zu- sammenknüpsen, je mehr das Principium dcr Beherrschung auf ihr Gcmüth wirken darf, und zwar auch im Verborgnen , ohne Zeugen , als ein Motis innerer Handlungen darauf wirken kann; endlich je mehr alle Eigenmächtigkeit, Willkühr, dieAllein- behcrrschung eines oder einiger Menschen, die allemal hart fallt, dabei ausgeschlossen ist, und ein freies Nationalgesetz gleichsam auf einem sichtbaren der Ebraischen Poesie. 269 Thron herrschet: desto edler, desto menschenwürdiger ist die Verfassung. Siehe! das war Moses Gottcs- regierung. Das Gesetz herrschte, von innen mit Gottes, von außen mit der einmüthigen Stimme des Volks bekleidet: cs thronte im Nationaltempel. Dieser war ein Zelt des Landesgottes, das allen 12 Stammen angehörte, das sic alle zur Familie eines Gottes knüpfen sollte; daher die goldenen Kälber zu Dan und Bethel, die das Band der Nation zerrissen, den Propheten so verhaßt waren! An Jehovah also war man mit Pflicht und Treue gebunden; an keinen willkührlich herrschenden Menschen. Vor jenem stand man mit Gedanken und Thaten; man stand aber nicht als Knecht vor ihm, sondern als Kind, als auserwahlter Erbe; und die Wohlthaten Gottes, die er dem Volk erwiesen, wurden dem Andenken vernünftiger Menschen immer hergcuannt und neu erzählt in Gefangen und Gölterreden. — Welche feinere Art, die Bedürfnisse des Landes zu bestreiten, wenn man sie dem Heiligthum der Nation , keinem schwelgenden Thron gab, wenn man auch mit seinem Versehen vor Jehovah stand und vor keinem vielleicht sündiger» Menschen! Wer fühlt das Drückende nicht, daß Menschen über das Leben der Menschen Macht haben ? daß die Willkühr Eines verdammen und begnadigen kann? daß die Gerichte nicht von erwählten Richtern des Volks vor den Augen GotteS und der Nation, sondern von besoldeten Dienern des Fürsten, an verschlossenen Oertcrn, in einem Labyrinth von Nechtsgangen und Formeln gehalten werden u. f. -— Moses dachte die Sache höher und reiner. Leffentlich wurden die Gerichte gehalten: Vom Geist 17a dos Gesetz des Landcsgottes diktirte Strafen, und kein Richter konnte dispensiren: Gottes waren die Richterstühle und keines erschaffenen Menschen. Seine Gesetze, die Anmahnungen der Propheten hierüber sind wie die Stimmen höherer Genien der Gerechtigkeit und der Goktesurtheile. — Freude, Stolz und Ehre im Namen Jehovahs sollten die Triebfedern aller öffentlichen Handlungen werden: diese Freude, diese Ehre hieß Religion, und die Verfassung , die den Grund dazu legte, die das Gesetz des Landcsgottes zu einem ewig unverbrüchlichen Codex machte, nennen wir Theokratie. Ihres Enthusiasmus sind die Gesänge und Prophcten-Re- den der Ebraer voll: der größte Theil ihrer Poesie, den man oft nur für geistlich halt, ist politisch. 7. „Mag dies alles seyn, wird man sagen, wenn nur nicht Levi Bewahrer des Gesetzes, mithin Aufrcchlhalter der öffentlichen Freiheit hatte seyn sollen. Das abergläubige, massige Priesterregiment, das den andern Stämmen vortrat, ihre besten Einkünfte verzehrte und ihnen im Fall der Bedrängniß doch nicht helfen konnte, hat alle diese schönen Ideen vernichtet-" Einiges ist in diesem Einwurf allerdings wahr, und dies Wahre, wer sah cs besser voraus als Moses? Sein erster Entwurf war, daß die Erstgeburt aller Familie und Stamme dem Herrn heilig seyn In), mithin auch am Altar des Nationalgotlcs dienen sollte; und welche Krone d) 2 Mos, i 3 , 2. Kap- 19, 6. Kap. 20, 2!^ der Ebrai sehen Poesie/ 171 der Notion, welche Ehre der Familien wäre dies gewesen! Alle Häupter ihrer Familien, die obersten Richter, .Fürsten des Volks, Diener am Pallast Jehovahs. — Aufs innigste waren dadurch die Stamme verbunden gewesen, und keine Eifersucht hatte sie trennen mögen. Als aber Israel ums goldne Kalb tanzte, als Moses sah, daß er sich aufs rohe Volk im Ganzen nicht zu verlassen habe, ja daß dies noch viel zu weit zurück sey, um durch seine, eines Mannes, Hände zum Dienst der gesummten Nation im Namen Jehovahs zubcreitet zu werden; was blieb dem Gesetzgeber übrig, als daß er einen Stamm wählte, und durch denselben auf die übrigen wirkte? Diese Idee kam der ägyptischen Verfassung naher, und war allerdings auszuführen leichter; sie warf aber auch nothwendig den Zankapfel der Eifersucht zwischen die Stamme, die alle sich diesem Einen erwählten Stamm nachgesetzt glaubten. Natürlich wählte Moses den i), der ihm der nächste und treueste war, der sich bei Gelegenheit des goldnen Kalbes, d. i. der Rebellion gegen Jehovah treu erwiesen, überdem Aaron an der Spitze hatte. Moses Bruder, der angesehene zweite Befreier Israels, ward also der Fürst Gottes, das schöne gezierte Bild eines Königes und obersten Richters , das aber nur Bild war. Moses schonte die Freiheit seiner Nation, wie er sie schonen konnte. Der Stamm Lcvi hatte kein Erbtheil, keine ausführende, noch i) 2 Mos. 32, 2A. 272 Vom Geist » weniger gesetzgebende und am wenigsten eine despotische Gewalt. Von dcnAeltesten der Stämme des gestimmten Volkes hing jede politische Ausführung ab; Levi war nur der gelehrte, nicht aber der herrschende Stamm, und da auf seinen Schultern Auslegung des Gesetzes, ^iligthum, Rechte, Arzneikunst und alles andere ^wissenschaftliche damaliger Zeit ruhte: so wurden wenigstens diese Dinge durch eine weit aus einander gelegte Theilung dem Volk nicht beschwerlich — — In allem aber waren die Priester nur Confultoren, nur Diener. Auch bei der obersten Consultation durchs Urim und Thummim, das königliche Schild der Wahrheit, verschwand die Person des Hohepciesters: denn Gott sprach, und wenn der Priester ein Mann von einigem Gefühl war, konnte er im Schauer des AUcrhciligsicn, im Namen der ewigen Wahrheit, gewiß nicht anders als Licht und Recht sagen- Indessen bleibt es unlaugbar, daß die priester- liche Stütze der mosaischen Gesetzgebung leider am ersten brüchig geworden, und Moses scheint es in seinem letzten Segen, wenn er auf Levi kommtk), selbst zu fühlen. Bei der Eroberung und Austhci- lung des Landes finden wir das Brustschild ziemlich müssig. Es drang nicht auf die Erfüllung der Gesetze Moses, und so ward der Grund zu allen Nebeln gelegt, die unter Eli beinahe zur völligen Anarchie stiegen. Das Volk wollte also einen König haben, und mit den Königen hatte großenlheils K) 5 Mos. 33, 8 . der Eb ratschen Poesie. i?3 die ächte mosaische Verfassung ein Ende. Das Regiment der Priester nach der Gefangenschaft war auch nichts weniger, als die alte Constitution Moses; kurz, der Sinn des Gesetzgebers ist beinahe nie ganz erreicht, und also noch weniger genossen worden — das war die ewige Klage der Propheten. 8. „MoscS hoffeke ja aber auf einen Propheten, wie er war, dem Israel, wie ihm, gehörten sollte; warum kam dieser Prophet nicht? und „wie, wenn er das Werk Moses gerade zertrüm- „mert hatte?" Großer Mann, wie wirst du verkannt und m deinen edelsten Grundsätzen verlaumdet! wie wenig setzt sich unsere enge Welt in deine weite unpartheyische Seele? Das Werk Moses blieb leider ! unvollendet, denn die Hurtigkeit seines Volks und ein trauriges Schicksal seiner eignen Schwachheit hatte ihm den beneidcnswürdigen Kranz entzogen , selbst Einrichter seiner Gesetze in Kanaan zu werden. In wenigen Monaten nach dem Ausgange war der ganze Entwurf seiner Gesetzgebung ausgerichtet. nun wurden Kundschafter ausgesandt, und er ruckte, scharf an die Grenze. Aber das feige Volk ward aufrührisch: ec mußte zurück und lange 33 Jahre in der traurigen Wüste der kleinen Halbinsel im Busen des rothen Meers campiren. Nichts als ein unrühmliches Verzeichnis der Reisclagec haben wir aus diesem Zeitraum, in dem er zur Gründung seiner Gesetze so viel hatte ausrichten können und alles ausrichten wollte. Jetzt sang er den traurigen goten Psalm, in dem er Geschlechter hinwelken, in dem er sein Leben wie ein Geschwaz vorbeistceichen sieht, und sich nur an seinem einzi- -tl >«»> 1 174 Vom Geist gen bleibenden Gott aufeichtet. — Wie haben die eine Halste des erhabenen Liedes schon gehabt: lasset uns die zweite hören: Wer siehets ein, daß dies, o Gott, dein Zorn ist? Daß man dich fürchte, der so furchtbar zürner!- Lehr' uns, Herr! damit wir, unsere Lage zählend, Uns Weisheit scha/fen in das Herz. Kehr' um, Jehovah! wie so lange zürnst du l Gieb Trost uns wieder; wir sind ja deiw Volk. Erfreu uns bald mit deiner alten Huld, So jauchzen wir, so freuen wir uns noch In unfern Lebens-Lagen. In unfern Lebenslagen, Herr! erfreu uns wieder, Die du so lang betrübt, Die so viel Jahre lang nur Unglück sahn» Laß sehn uns,-Herr, was du Fürhast mit deinen Knechten, Zeig' ihnen, ihren Kindern zeige deine Gunst. Der sanfte Blick Jehovah unsers Gottes Sey mit uns wieder! Herr, befestige Die Arbeit unsrer Hände; Das Werk von unfern Händen fcst'ge du! — Umsonst! Der Bittende sollte die Befestigung seines Werks in Kanaan nicht erleben , und da er als ein Greis von 120 Jahren seinen Tod vor sich sah, da er sein Volk kannte und niemand gewahr ward, der seine Stelle ganz vertreten könnte; was blieb dem Armen übrig? womit konnte er sich aufrichten , als mit der Hoffnung, daß Gott selbst einen andern Mann wie ihn erwecken würde, der sein Werk ausführte? und dem sollte Israel gehorchen. Zerstören konnte und wollte ein solcher Moses Weck der Ebräischen Poesie. ,176 nicht: denn es war einmal Nationalverfassung, nach welcher auch die Propheten sprechen und Han« dein mußten; nur leider! fand sich kein solcher ln den entscheidenden ersten Zeiten. Josua war nur Held, Eleasar nur Priester. Die Gewalt war ge- thcilt, und die rohen Stamme verließen die Grundideen Moses. Ob es in spätcrn Zeiten, obs nach der Gefangenschaft einen Propheten, wie Moses, gegeben habe? wollen wir späterhin sehen; genug, wer ein menschliches Herz in der Brust hat, wer es fühlt, was das unausgeführte, halb verlohnt» Werk Eines Jahrs, geschweige eines ganzen Lebens, der Seele für Schmerzen und Wünsche gewahre, wird er dem sterbenden Nomokrator eine so patriotische Hoffnung nicht wenigstens als letzten Trost gönnen wollen? Es war ja der einzige Lohn seines mühsamen säuern Lebens. 9. „Daß aber Moses seine Gesetzgebung für Gottes Werk, seine Tafeln für Handschrift Jeho» vahs ausgab, und in sein Volk jenen menschenfeindlichen , religiösen Hochmuth pflanzte? —" Und wenn er sich blos dafür ausgegeben hatte: thar er nicht wohl daran? Hatte er ein ander Mittel, seine Absicht zu erreichen? Man lese, was der Mann die 4a Jahre über litt, was er bei allen Wundern, Wohlthaten und Gerichten im Namen Gottes litt; wie, wenn er mit dem kalten Lichtlein politischer Vernunft ausgetreten wäre, seine 60c»,000 Rebellen zu bändigen und zu überreden! Gesetze müssen heilig sepn, und für ein rohes Volk, wie dies war, konnten sie nicht anders als durch göttliches Ansehen heilig werden. Noch jetzt fehlt unfern besten Gesetzen Heiligkeit und Nach- 776 Vom Geist druck/ Der übertretende Theil sieht sie als Conventionen an, die er auch überspringen dürfe, und der Gesetzgeber Übertritt sie zuerst. So sollte Moses Verfassung nicht seyn. Wie Naturordnung Gottes sollte sie angesehen werden: so singen sie auch die Propheten und Psalmen. Rehmts also wenigstens für Nothwendigkeit, nehmts für Gesetzgeber-Klugheit und Dcmuth an, daß Moses Gesetze mit dem Glanz der Göttlichkeit geprägt erschienen. Zum Besten seines Volks errichtete er eine ewige Denkfaule, und sein Name sollte dabei nicht gepriesen werden; der Genius des Volks hat das Werk errichtet. Das würde ich antworten, wenn feine Gesetze auch nur vorgegeben - göttlich waren; warum müßten sie aber nur vorgegeben-göttlich seyn? Hat die Vorsehung ein anderes Werk unter den Menschen, als Gesetze und Ordnung, Licht und Wahrheit unter den Völkern zu schaffen und auszubreiten? und ist je durch eine Anstalt so viel dieser göttlichen Gaben befördert worden, als durch die reine, weise sittliche Gesetzgebung Moses? Und giebt es, nach dem Begriff aller Völker, ein edleres Werk Gottes in menschlichen Seelen, als göttliche Gedanken, höhere Regungen, Zwecke und Kräfte, die er zur Bildung Tausender Einem erlesenen Mann mitiheilt ? Jene alte Gesetzgeber, die frühesten und größten Wohlthäter der Menschheit, sind sie nicht allesammt von ihren Zeitgenossen oder Nachkommen für Genossen der Gottheit gehalten worden? und welcher derselben in so frühen Zeiten reicht an Moses? Wer der Ebrai sehen Poesie. 177 Wer wird es nun ausmachen, wo in der Seele eines solchen Mannes, gelehrt in aller Weisheit der Aegypter und vom Gott seiner Waler belebt, das Menschliche und das Göttliche sich scheide? wo in der Handschrift der Tafeln sein Finger und der Finger Gottes grenze? Grammatisch wissen wir alle, was Geist, Finger Gottes bedeute; hier kam es aber historisch auf Ausrichtung, auf That an. Und aus unserer Zeit ist diese nicht zu beur- theilen. Wir leben unter Zerstreuung, Kunst und Hülfsmitteln: alles wird uns vorgedacht, vorgeschwatzt, eingelcsen; unsre eigensten Gedanken sind nicht unser. In jene tiefere Stille, in die heilige ernste Einsamkeit jener Zeit, jener Wüste — wer ist von uns, der sich in sie setze? der über die göttliche Einwirkung in eine so reinere, stärkere Seele zu urthcilen, zu entscheiden wagte? Und warum müßten wir entscheiden? Laß jene, die am Berge standen und das Gesetz annahmcn, sich jeden Saum der wunderbaren Glorie erklären wollen, die diesen Pcachthimmel schmückte; was dürfen wirs? Genug, der Inhalt und die Wirkungen des Gesetzes Moses sind göttlich, göttlich ist auch die Dichtkunst, die es hervorgebracht hat: das Werk und die Wirkung zeugen also von ihrem Meister. - - L(>/SU kn Gsoecrrv encuEazesvog reXso-«r, rörwv As x^nr^crg Dvcocrsae «-Annnnwi- ne FeMv, r «i-Agonwv 2u§«crtv, -hrs Lxcrg« Aesp/srctt ??rs x(-areer«t. Herders Werke z. Rel. u. Lhert. II. M Vom Geist - 178 Das Gesetz Gottes und Moses. Eine jüdische Dichtung. Der Feind alles Guten, Satan, erfuhr, daß Gott der Erde ein Gesetz gegeben, darin alle Weisheit des Himmels verborgen liege und das allen Satans-Dienst zerstören sollte auf Erden. Schnell eilte er also zur Erde: „Erde, wo hast du das Gesetz, das dir Gott gegeben?" Die Erde sprach: „der Herr weiß seiner Weisheit Wege; ich kenne sie nicht." Er ging zum Meer, zum Abgrunde; das Meer und der Abgrund sprachen : ,, sie i st nicht in m ir!" Er ging zum Reich der Tobten und die Verlornen sprachen: „wir hörten von fernher ihre Gerüchte." Nachdem er die Welt durchzogen, und alle Völker, die ihm dienten, durchwandert, kam er in die arabische Wüste und sähe einen Mann mit glanzendem Angesicht, Moses. Heuchlerisch trat er zu ihm, als ein Engel des Lichts gekleidet, und schmeichelte ihm und bot sich ihm an zum Schüler. „Mann Gottes, sprach er, der du Jehovahs Weisheit besitzest und allen Verstand der Elohim hast und alle Geheimnisse der Schöpfung in dein Gesetz verborgen —" „Schweige, siel ihm Moses ins Wort mit einem Anblick, der ihn sogleich in seine Satans-Gestalt zurücksetzte, schweige! Jehovahs ist das Gesetz und nicht das Meine: bei ihm ist Weisheit der Ebraischen Poesie. 179 und Verstand, Rath und Gewalt; dem Menschen ist Furcht des Herrn Weisheit, das Böse meiden ist ihm Verstand." — Beschämt wich Satan zurück und die Engel Gottes traten hinzu, dem hohen Demülhigcn zu dienen. Sie lehreten ihn und er lehrete sie; der Fürst des Gesetzes ward sein Schutzgeist und Gott selbst antwortete aus der Wolke: „Bewahret das Gesetz Mose, meines Knechts: weik er demüthig war und mir die Ehre gab, habe ich- ihm zum Eigenthum gcschenket." VI. Segens spräche über Israel. Inhalt. Ob Jakob gedacht, daßJsrael mit gewaffneterHand Kanaan würde erobern müssen? Warum es zu Moses Zeiten traurige Nothwendigkeit war? Was ein Krieg Jehovahs heiße? Ob die Ansprüche des jüdischen Volks auf Kanaan nach unserm Völkerrecht ausgemacht werden können und dürfen? Poetischer Schenkungsbrief dieses Landes, Jakobs Segen auf die Söhne Was er bei ihnen wahrscheinlich gewirkt? Wie er befolgt worden ? Erklärung der Stelle: „er fuhr wie Wasser dahin " im Spruch auf Rüben. Erklärung des Segens Judah: eine kurze Geschichte seiner Deutung. Bestimmung Jsaschars für seine Gegend. Wo Dan wahrscheinlich hatte wohnen sollen? Erläuterung des Segens über Joseph aus Localumständen. Ganze Idee des Testaments Jakobs. Moses Segen. Unterschied desselben von jenem. Einzelne Erläuterungen. Ausgezeichnete Lage des jüdischen Landes. Sein poetischer Ruhm, Anhang. Thabor, der Berg des Heiligthums, eine weise Idee Moses. 85ls Jakob feinen Söhnen ihr Schicksal prophezeite n), ») i Mos. ssg. Dom Geist der Ebräischen Poesie. i3r dachte er schwerlich, daß sie das Land, das er ihnen versprach, mit Schwertes Schärfe würden einnehmen dürfen. Er hatte cs ruhig durchzogen und sähe es als sein Vaterland an, wohin noch im Tode seine Gebeine lechzten. So theilte cr's seinen Söhnen, nach Zügen ihres Charakters, als ein Hirten- land aus. Von blutigen Eroberungen ist in seinem Segen keine Spur; mit Entsetzen sähe er die That Simeons und Levi an b) , gegen eine kananitische Stadt und Familie, die doch sein Geschlecht beschimpft hatte. Er dachte also wahrscheinlich, daß seine Söhne bald wieder hinüberziehen, und sich hier und dort niederlassen würden, wie er's ihnen vorzeigte. Das Schicksal wollte cs anders. Vierhundert Jahre weilte das Volk in Aegypten und hatte keinen Anführer. Es gerieth in Unterdrückung, bis ihm, durch -Noth geweckt, endlich ein Erretter wurde, dem cs noch mit Mühe folgte. Welche Hindernisse fand nun dieser! In Kanaan hatte sich alles verändert: sogleich bei seinem Austritt aus Aegypten trat Amaleks Horde ihm entgegen: kein Volk wollte ihm sogar den Durchgang zuqcstehn; er mußte sich den Weg mit gewaffneter Hand bahnen. Daß Moses dieses ungern that, sehen wir aus seinem ganzen Zuge. Er wählte nicht die kürzeste Straße nach Kanaan, weil er sich durch ein Volk ägyptischen Ursprungs hätte durchschlagen müssen, und er also die Rückkehr seines unkriegerischen Heers besorgte; durch irgend eine verwandte Nation, die Edomiter etwa, glaubte er durchkom- b) i Mos- hg, 5. 6. lös Vom Geist men zu können, und sagte ihnen gut für den mindesten Schaden. Alles vergebens! und so mußte sein Volk erst einige dreißig Jahre in der Wüste umherziehn, die Alten mußten sterben und d-as junge Volk etwa zum Kriegsvolk gebildet werden, so gut es seyn konnte. Denn das ist einmal gewiß: unter den kananitischen Völkern konnte Jsreal der Gesetzgebung Moses zu Folge nicht wohnen. Diese Völker waren streifende Horden; und Israel sollte ein ruhiges Ackervolk werden. Ein Thcil derselben waren Troglodyten, Hölenbewohner; und wir wissen wie niedrig und abscheulich diese in den Augen ziehender Stämme von alter Herkunft waren. Söhne der Niedrigen, namlose Kinder sind sie, Die man aus dem Lande vertreibt. sagt Hiob c), und Moses ci): daß das Land sie ausspeien müsse wegen ihrer unnatürlichen Lebensart, ihres vermischten Beischlafs und anderer Laster. Der chamitische Aberglaube war der schwärzeste von allen: sogar Menschenopfer waren unter ihnen; und wie konnte dieses mit Moses Einrichtung und Staats- Verfassung bestehen? Also blieb nur Ein Mittel, das traurige gemeine Kriegsrecht damaliger Zeiten: das Volk weiche oder gehe unter!! Daß Moses die Härte dieses Mittels eben sowohl gefühlt habe, als Wir sie fühlen, sehen wir aus dem milden Kriegsrecht, das er auf künftige Zeiten seinen Israeliten c) Hiob 3 o, 1-8. ä) S. 3 Mos. 18, Lb- 3 o. h. Mos. i 3 , - 3 . -g. 3 i». 5 Mos. 2, 10-12. Kap. 1, 28. Kap. 9, 2. u. f. S. auch Weish. 12, z-6. verschriebe). Ec gebot sogar, der Bäume in einem bekriegten Lande zu schonen. — Also war dieser Krieg jetzt taurige Nothwendigkeit, oder, wie cr's nannte, ein Krieg Jehovahs, d. i. ein bedrängter Feldzug um des Vaterlandes, der Religion, der Gräber und uralten Ansprüche der Väter willen. Welcher heilige Krieg neuerer Zeiten darf sich damit vergleichen ? und doch, wie entsetzlich ist dieser Feldzug im Namen Jehovahs, d. i. um alter Besitz- thümer und Familienrechte willen gemißbraucht worden ! —- Israel stritt r>rc> sri» et kaois Mtrurn: denn aus diesem Lande wac's her: da lagen die Gebeine seiner Väter: da war so mancher Hain, so mancher Altar dem Gott seines Geschlechts heilig; Alles also, was jene alte Nationen Familien- Heiligthum nennen, war in ihm. In der Wüste konnte doch das Volk nicht bleiben: in kurzen 40 Jahren waren 600,000 weggestorben und zu einer ismaelitischen Räuberhorde war Israel nicht gebildet. Ein Hirtenvolk mußte einen Ort zur Ruhe haben und wohin sollten sie ziehen, als ins Land ihrer Väter? Dies ist das Erbrecht aller Zeltbewohner Orients : sie weiden, wo ihre Väter geweidet haben, und selbst die Heerden wissen auf solchen Zügen den Weg. — Es ist sonderbar, so alte, in der Lebensund Stammes-Denkart von uns ganz verschiedne Volker nach unser» Begriffen des Eigenthums recht- fertigen, oder nach unserm neuesten Völkerrecht bc- urtheilen zu wollen; beides findet bei ihnen nicht statt. Die Testamente und Rechte ihrer Vorfahren werden nicht ausgeschrieben, sondern in Traditionen, 184 Vom Geist in Liedern, in Segcnssprüchen erhalten, und sie streiten für diese als für ihr heiligstes Eigenthum, als für ihre Gottes- und Stammeschre. Statt juristischer Documcnte lasset uns also jetzt einen poetischen Schenkungsbrief durchgehn, den wir bis hic- hcr »ersparten : cs ist der Segen Jakobs , dem Kanaan wie eine Landcharke vorliegt, und der es als sein Eigenthum verthcilct. Wir wollen bemerken, wie er die Stamme pflanzet? wie er den Eingang dahin angiebt? und nachher als ein Gegcnbild den Segen Moses betrachten, wie anders schon die Einnahme damals geschehen mußte. Sofern der Segensspruch personelle Züge der Sohne entwickelt - habe ich ihn anderswo erläutert k): hier liege er uns nur als ein Nalionalstück, als die älteste poetische Landcharte Kanaans vor, bei der wir zugleich sehen wollen, was der Spruch im Geist seines Volks gewirkt habe: Jakobs Testament für seine Stämme und Geschlechter. Versammlet euch, ich will euch verkündigen, Was euch begegnen wird in später» Tagen. Versammlet euch und höret, ihr Söhne Jakobs, Höret euren Vater Israel. (Jakob giebt also nicht an, wann die Prophezeihung in Erfüllung gehen werde? Vielleicht wünscht er, bald nach Josephs Tode, weil er sich aus Aegypten wegsehnte; es standen aber dem Wunsche die 1) Briefe, das Studium der Theologie betreffend, LH. I. ür Br. 4»» Jahre in jenem Traume Abrahams entgegen, in dem gar Dienstbarkeit und Plagen seinem Geschlechts verkündiget waren. Der sterbende Schwan ahnet also spate Zeiten: dafür aber soll seine letzte Stimme das Andenken Kanaans, als eines Erb- landes, in das 'Herz seiner Söhne singen, daß sie Aegypten immer als Fremdlinge ansähen, weil auf jenen Gebirgen ihre Hoffnung lebte. Ohne Zweifel trug dies Lied , so wie die alteren Traditionen von ihren Batern, viel, bei, ihren israelitischen Geist auch in Aegypten rein zu erhalten und sich als einen mit dieser Nation nie zu vermengenden Stamm zu fühlen.) Rüben, Du! mein Erstgeborner, Du meine Jugcndkraft, der Erstling meiner Stärke! Dein Vorzugsrecht an Würde, dein Vorzugsrecht an Macht — Geht, wie die stolze Welle, dir vorüber g): 8) Ich gebe zu überlegen, ob nicht diese leichte ^ wörtliche Erklärung dem Zusammenhänge so gemäß sey, als ihn die gewöhnliche widernatürlich zerreißet? Was solls heißen? er fuhr leicht oder gar stolz wie Wasser dahin; und wie gezwungen stehts hier? Macht ein sterbender Vater Tira- den? macht er sie bei Unglücksfällen seiner Kinder, deren Erinnerung ihm das Herz fresse» mußte? Und die letzte Reihe des vorigen Verses stünde allein da? Offenbar gehört sie zum folgenden Verse: und sfgH passen auch im Bilde auf einander, und der sonst gestörte Pa- ralletismus ist jetzt vollstäsidig da. iö6 Vom Geist Du bist der Erste nicht mehr: Denn du bestiegst das Bette deines Vaters, Mein Bett' hast du entweiht, da du's bestiegst. — (Trauriger Anfang! schmerzhaft für Vater und Sohn. Dieser hat sein Geschlecht entweiht; ihm wird auch die Krone des Geschlechts, die Stammesehre der Erstgeburt, vom Haupt genommen und, wie wir sehen werden, zween andern gegeben. Ju- dah bekommt den Vorzug der Würde, den Bcfthl- stab: Joseph bekommt das doppelte Erbtheil; und das Priesterthum, (von dem indeß Jakob noch nicht wußte) bekam späterhin Levi. Wie ein gemeiner Stamm sollte Rüben erben und — der Befehl ward befolgt. Der Vater wies ihm keine Grenzen an und er erbte nachher ausserhalb dem eigentlichen heiligen Lande. Welch ein traurigschönes Bild, daß der Ueberfluß, der ihm an Würde und Macht gebühre, ihm jetzt wie eine stolze Welle vorüberrausche! feine Hoffnungen sind durch seine Schuld vereitelt.) Simeon und Levi! Brüder sind sie, Mörderwaffen waren ihre Schwerter! In ihren Blutanschlag kam meine Seele nicht, Mein Herz verband sich nicht mit ihrer Mordversammlung , Als sie im Grimm den tapfer» Mann erschlugen, Als sie von Rachsucht voll den edlen Stier entnervten b) b) Stier und Mann sind hier Synonyme. Das zeigt der Parallelismus, und wir wissen auch aus der Poesie der Griechen, daß ein prächtiger Stier das der Ebraischen Poesie. 187 Verflucht sey ihr rachsüchtger Grimm! Verflucht ihr hart verhaltner Zorn! Zertheilcn will ich sie in Jakob, Zerstreu» in Israel. (Der Befehl des Vaters ward erfüllt: die Söhne mußten die Last ihres Stammvaters tragen. Simeon war in wenigem Ansehn, und Moses laßt ihn sogar bei seinem Segen aus, vermutblich weil er ihm nach diesem altern Orakel keine Grenze bestimmen konnte. Der Stamm bekam nachher einige zer- streuete Städte in Judah und mußte sich ausserhalb Judäa nach Wohnplätzen umschn. Für Levi sorgte Moses durch 48 auch zcrstreuete Städte. — Die traurigen Befehle sind jetzt vorüber; mit dem edlen Judah geht der Segen und sogleich jder Zug nach dem Lande an: ) Jehudah, Du! Dich werden deine Brüder (als Führer) preisen i): Bild des tapfer» Mannes war. Vermuthlich führte das Entsehnen des Stiers den Jakob auf dies Bild: denn konnte die niedrige Mordgcschichle 1 Mos. zst. durch einen treffender» Zug ausgedrückt werden? Sie beschnitten Sichem und He- mor, und todteten sie, ^wie entsehnte, wehrlose Thiere, in ihren Schmerzen, i) Das schöne Wortspiel mit dem Namen Judah kann im Deutschen nicht ausgedrückt werden. „Sie werden dich als ihren Ersten anerkennen uud gegen Feinde wirst du immer der Vorderste und Tapferste seyn: die Hand zunächst am Nacken der i83 Vom Geist Deine Faust wird scyn am Nacken deiner Feinde, Sie bücken sich dir, deines Vaters Söhne. Ein junger Löw' ist Judah! Vom Raube, mein Sohn, bist du so hoch geworden ! — Er wirst sich, streckt sich nieder wie ein Löwe, Wie ein starker Löwe, wer reizt ihn auf? Nie wird der Führerstab von Judah weichen: Nie weicht der Heldenstab von seinen Zügen Ir) fliehenden Feinde/" Der Parallclismus erklärt das Bild; ganz aber in der Einfalt damaliger Zeiten. k) Ich wage cs, das zu lassen, so sehr einige für das der samaritischen Abschrift sind. Dachte wohl der alte Hirrenvater an Kriegs- fahnen, da seine Söhne als Hirten vor ihm standen und da alle andere Bilder in dieser Einfalt sind ? Judahs Faust ist am Racken seiner Feinde, er raubt wie ein Löwe, er zieht auf dem Esel als Ueberwinder und sättigt sich übcrmüthig-stolz mit Wein und Milch. — Das mahlen die Bilder; und wie kämen unter sie Kriegsfahnen? Zu dem, geht der Commaudostab zwischen diesen? oder geht er vor ihnen her? Auch der Parallelismus will etwas anders: denn dieser heißt: Nie wird wegkommenidcr Stammcsstablvom Judal,: nie wirdwegkommenjdcr Beschlstab jvon zwischen seinen Füßen; also natürlich: er wird ihn immer behalten, und da hier vom Ziehen nach Kanaan, nach Si- loh, die Rede ist, so wird der Sinn klar: „Iu- der Ebräischcn Poesie. iög Bis er zur Ruhstart kommt, Und Völker ihm gehorchen. dah soll auf seinem Zuge, auf einen Angriff gegen die Feinde nicht eher den Commandostab nie- derleqen, bis Ruhe da ist, bis die Volker unterjoch: sind." Daß nicht nur den Befehlshaber, sondern auch und zwar zunächst den B e- fehl st ab bedeute, ist aus si Mos. n>, :8., so wie hier aus dem Parallclismus deutlich. Das Wort cvrrespondirt mit , so wie da mit '.Nlsf'' correspondiren muß, welches also nach dem Verfolg des Bildes nichts anders seyn kann, als der Gang, der Tritt, der Zug Iudah. Daß ^"1 dies heiße, und daß der Name des Fußes im Ebraischen nur aus der Bewegung , dem Schritt entstanden sey, bedarf keines Erweises. (An merk. d. Herausg.) Im Manuskripte hatte der Verfasser zuerst' übersetzt: „Nie wird der Hcrrscherstab von Iudah weichen, „Stete. steht der Zürsienstab ihm zwischen Füßen." Ich gestehe, daß diese Uebersetzung mir besser gefallt, als die obige im Text. Die Scepter der alten Slammeshaupter, besonders eines Hirtenvolks, scheinen (als Nachahmung der Hirtenstäbe) sehr lang und über Mannesgröße gewesen zu seyn. Saß der Fürst zu Gericht, so ruhete er ihm zwischen den Füßen. Unter kriegerischen Völkern ward später ein Spieß daraus. Sv AgamemnonS Scepter, den man dem Pausanias in Charona» zeigte. (S- ?eitilii anriguir kkomeiia. I., Il, c. si, x. 162.) Ein neuer Monarch hat diese Sitte erneuert. 8«!i < 190 Bom Geist Denn bindet er sein Füllen an den Weinstockl) An edle Reben seiner Es'lin Sohn: Und wascht sein Kleid in Wein, Wascht seinen Mantel in der Trauben Blut: Seine Augen funkeln Wein, Seine Zähne glanzen Milch. Jeder fühlt, daß das ganze Bild nur Ein Zug scy. Judah wird zum Erstgebornen an Ansehen und Macht ernannt, damit er allen voranziehe, daß seine Faust zuerst am Nacken seiner Feinde, daß er ein tapfrer Löwe sey, damit er sich in Kanaan in stolzer Ruhe lagre. Der Zug geht nach Silo, und Jakob mochte den Ort nennen, weil er in seiner eigentlichen Gegend, zwischen Sichern und Bethel gelegen war; womit er also Judah aufgab, nicht eher den Führerstab niederzulegen, bis er in sein väterlich Erbtheil angelangt sey. ".Indessen zeigt der Parallelismus, daß es dem Weissager hier mehr als ein Name, daß es ihm eine Ruhe - und Frie- 1) In so erweitertem Sinne später diese Bilder genommen sind, so sollen sie ursprünglich nichts als den Uebermuth des Helden in seinem reichen, neuen Lande bezeichnen. Deshalb steigt er ab und bindet den Esel an die edle Rebe, wäscht seinen Mantel in Wein, spült den Mund mit Milch : sein Auge röthelt vom Wein u. f. — An moralische Deutungen dachte der Altvater schwerlich; desto mehr aber daran, daß er mit Vorhaltung der stolzen übermüthigen Ruhe den Stamm Judah zum ersten Zuge nach Kanaan zu wecken und auszumuntern strebte. der Eb rätschen Poesie. 291 bensstadt sey: denn eher bindet der Sieger nicht seinen Esel an den Weinstock und wäscht seinen Mantel im Blut der Trauben, bis die Völker ihm ruhig gehorchen. — Judah hat diese Pflichten eini- germaaßen, nicht aber ganz erfüllet. Er trieb seine Brüder nicht aus Aegypten, er ließ sich unterdrücken wie jene, bis ein Levit kam und das Volk befreite. In der Wüste zog Judah, (wahrscheinlich mit dem Panier des Löwen aus diesem Segensspruch) seinen Brüdern voran; aber sobald sie nach Siloh kamen, nahm er auch (ebenfalls gestützt aus diesen Segen) den ersten Theil dcs eroberten Landes weg, obwohl, wie doch eben auch der Vater wollte, die Völker ihm noch nicht alle gehorchten. Nun hatte er freilich ein Land, reich an Weinbergen und Waiden; allein viele seiner Brüder darbte», und als nachher die Frage ans heilige Orakel geschah: „wer soll den Krieg führen?" konnte keine andere Antwort, (auch nach diesem Segensspruch,) erwartet werden, als: „Judah soll ihn führen!" denn das war ja seines Vorranges Pflicht, nach welchem er sich zuerst das halbe Kanaan zugecignet hatte. — Seitdem der glorreichste König, David, aus diesem Stamme war, konnte es nicht fehlen, daß nicht alle Bilder des alten Geschlechkssegens vorzüglich auf ihn übertragen wurden : und so lagerte sich der Löwe aus Judah schon in einer höhern Bedeutung. Jerusalem heißt beim Propheten Ariel, Gottes Löwe: der Ueberwinder tunkte seinen Mantel jetzt ins Blut der Feinde, wie ihn der Stammvater vorher ins unschuldige Blut der Trauben getunkt hatte. Auch auf das Geschlecht Davids gingen mit der Zeit diese Bilder über und auf den zukünftigen König der Ruhe und Glückseligkeit wurden sie zuletzt alle angewandt, sogar bis auf den Esel und der Eselin Sohn in einem der letzten Propheten. Offenbar entsprangen alle aus dem Quell dieser frühen Weissagung. — Judah erhielt sich also immer im Ansehen der ersten Hoheit. Auch in der Gefangenschaft war der erste des Volks ein Fürst aus Judah , Scrubabel aus Judah zog mit dem Volke zurück: so kettete sich alles nach Zeitumstanden an einander, und eben mit diesen Zcitumstanden ging der Sinn der Weissagung immer mehr ins Große, wie wir bald ausführlicher sehen werden na). Sebulon wird am Ufer des Meeres wohnen, Wo die Schiffe landen, wohnet er, Und reicht bis Sidon hinauf. (Vermuthlich war Jakobs Meinung, daß', wenn Judah bis Siloh, als das Erbtheil seines Vaters, ihnen m) Noch merke ich nur an, daß auf diese Weise auch die buchstäbliche Deutung des Segens immer einen weilern Umfang annahm. Das "sHf, das wahrscheinlich zur zweiten Reihe gehört, ruckte man an die erste: „in Ewigkeit sollte der Sccp- ter nicht von Judah weichen" und so bekam die zweite Reihe eine ganz andere Bedeutung. Nun ward das ursprüngliche bald in bald gar in verwandelt, oder als N punkrirt u. f. Man könnte eine lange kritische Geschichte dieser Stelle schreiben; der ursprüngliche Sinn aber und, die natürliche Fortleitung der Ideen wird aus dem Gesagten ziemlich klar. der Ebrai sehen Poesie. 19? ihnen vorangegangcn wäre, Sebulon sich zur westlichen Seite halten und sich am Meere Wohnungen suchen sollte. Da sie nun unter ganz andern Umstanden nach Silvh kamen und das Land vcrtheil- len, war der Befehl zu deutlich, als daß man Sc- bulon nicht am Meerbusen Acco, den die Natur selbst zum Seehafen längs der ganzen Küste ausgezeichnet, sein Land anweisen sollte. Bis Sidon aber streckte er sich nicht hinauf, weil man oberhalb die Einnahme des Landes nicht vollendete, obwohl auch Zos. i 3 , 6. dieser Strich wirklich als Israels Erb- theil benannt wird.) Jsaschar, ein stolzes, starkes Lastthier, Das zwischen zwo Höhen sich niederlegt. Er sieht, die Ruh ist angenehm, Das Land umher ist schön; Und neigt die Schulter zu tragen Und sröhnt dem Wasserschlauch n). — n) Vom Tribut ist hier auf keine Weise die Rede r denn wie hängt dieser mit dem Bilde des Lastthiers zusammen? dessen Gleichnis doch mit dem Tragen auf den Schultern offenbar fortgesetzt wird. Daß O2 ursprünglich einen Schlauch bedeute, leidet wohl keinen Zweifel; die Bedeutung des Tributs selbst ist nur daher entstanden, daß man diesen in Schläuchen und Sacken brachte. Auch das ähnliche hat diesen Sinn. Jsaschar kam an die Kedumim, an die kleinen Ströme und Gießbäche zu wohnen, die bei der Regenzeit sehr aufschwollcn ; hier sollte er, seiner geduldige» Na- Hcrders Werke z. Rel. u. Thevl. II. N §94 Vom Geist (Er sollte nämlich das schöne Thal zwischen den zwo Höhen Thabor und Hermon für sich wählen und sich da in Ruhe hinlagern: da sev, seinem früdoiie- benden Charakter gemäß, schönes Land, schöne Aussicht. Da könne er zwischen de» Quellen und Strömen Wasser auskheilen und seiner geduldigen fleißigen Art nach andern Hirtcnstämmcn und sich selbst nützlich werden. Offenbar ist dies der erste einfache Sinn der Stelle, und wir werden bei Moses Segen sehen, wie er das Geschäft dieses Stammes für den Ort seines Heiligthums anwendcn und nüyen wollte. Sein Wort ward nicht erfüllt; aber in Jakobs Testament war die Stelle zu deutlich, als daß Jsaschar nicht seinen Theil zwischen Thabor und Hermon bekommen sollte , wo also alles, was Jakob vom schonen Lande sagt, eintraf. Es ist voll schöner Aussichten und fruchtbarer Weiden: auch d>r Charakter Jsaschars hat sich dem Worte des Stammvaters gemäß erzeiget. Viel Helden hat er nicht gegeben , ob sein langes schönes Thal gleich oft das Kriegstheater ward; aber stark auch an Mannschaft war dieser Stamm: schon in Aegypten hatte er sich sehr gemehrt o). tur nach, seine» Bruder», andern ziehenden Hirtenstämmen das Wasser vertheilen, und davon seinen eigne» Vortheil zieh». Daß in diese» Gegenden eine Versammlung der Hirten beim Wasser- austheilen war, sehn wir noch aus dem Liede der Deborah (Richter 5, n.) Welchen narürlichschö- nen Local - Zusammenhang bekommt hiemit Jsaschars Segen! ») Wahrscheinlich ist im Original auch ein versteck- der Ebrätschen Poesie 195 Luch Dan wird seines Stammes Fürst, Wie Einer der andern Stamme Israels. Eine Schlange wird Dan am Wege seyn, Eine Wurfschlang' an dem Fußsteg, Die dem Roß die Ferse beißt, Daß der Reuter rückwärts stürzt. (Mit den ersten Worten nimmt Jakob den Dan, der der Erste seiner Sohne von Kebsweibern war, unter die Zahl seiner andern Söhne auf; er sollte mit diesen gleich erben. Das konnte man nun bei der Einnahme des Landes nicht andern, aber man setzte ihn, da er der siebente war, weit zurück und betheiltc ihn am letzten und am schlechtesten. Nach Jakobs Meynung sollte er eine Gegend bewohnen, wo er feindlich einbrechende Reiterei aus engen Ge- birgwegen von hinten anfallcn und ihre Reiter rückwärts werfen sollte. Ein kleiner Theil vom Stamm Dan suchte sich also die nördlichste Gegend des Landes, wahrscheinlich als ein, nach den Worten Jakobs ihm zugestandeneS, Erbtheil. Alle Einbrüche in Judäa kamen aus Syrien durch die Thaler des Libanon: das war der Weg der Völker und dahin schickte sich Dan, falls man ihn nach dem Berühmtesten seines Stammes, Simson, beurtheilen dürfte, vortrefflich. War dieser nicht immer den Philistern eine Schlange am Wege, ein kühner Cerast, der sich der Ferse des Rosses von hinten anwirft? Durch List und wohlgewahlte Ocrter wehrte er sich gegen tes Wortspiel zwischen 'HAkss, Haufe und Esel; jener Begriff führte vielleicht aus diesen. N 2 19,6 Vom Geist mächtige Haufen und that Schaden, wo ec nicht überwinden konnte.— Auch an der Seite der Philister halte Dan ein Land voll Holen und enger Wege, wo er sich, wenigstens durch Simson, in Kriegslisten berühmt machte.) —- Auf deine Hülfe hoffe ich, Jehovah. (Mich dünkt, diese Rakhselwortc, die man so ungleich gedeutet hat, nehmen aus dem Orte, wo sie stehen, ihren ziemlich klaren Sinn. Nordwärts war das jüdische Land den mächtigsten und drohendsten Uebersallen ausgesetzt, wie auch die Geschichte aller Eroberungen und Zerrüttungen desselben gezeigt hat. Und da sollte Dan wohnen! da mußte Jehovah dem Volk helfen oder cs ging unter: und auf die Hülse hoffte der väterliche Weissager, der mit diesem Seufzer in die Bedürfnisse des Landes seiner Söhne rief hincinsah x>) GaL! (Haufe) Haufen drangen aus ihn Und Er drängt hinten auf sie. (Ein vierfaches Wortspiel. Wir wissen nicht, bei welchem Zudrange der Völker Gad wohnen sollte: x) heißt Hülfe, Beistand, Errettung. Diese hatte Jakob, wenn er in Enge» seines Lebens war, immer von Gott gehofft und erhalten; er hofft sie auch für die Sicherheit seiner Sohne, da er eben jetzt von gefährlichen Uebersallen reden mußte. Mich dünkt, dies ist die leichteste, natürlichste Erklärung, die hier der Zusammenhang giebt; gebe andere steht weither gesucht und ohne Verbindung da. der Eb ratschen Poesie. 197 denn auf das Land, das er nachher jenseit des Jordans bekam, das eigentlich nicht zu Kanaan gehörte, hatte der Erzvater schwerlich gerechnet. Auch in diesem Hordenlande indessen auf den Gebirgen Basans hatte Gad Gelegenheit, die Kraft seines Namens zu zeigen. Ec war ein tapfrer Stamm und -Moses sechs ungern, daß er jenseit des Jordans sein Erb- thcil forderte ) Wem Asser kommt ölreiches Brod: Er ists, der Kön'gen Leckerbissen reicht. (Die Stelle war zu deutlich, daß sie, zumal nachdem sie Moses nochmals erklärt hatte c>), nicht hatte befolgt werden müssen. Asser bekam ein öl- und fruchtreiches Land zwischen Bergen an der Küste.) Naphthali ist eine schießende Tercbinlhe, Die schöne Wipfel wirft. Ec bekam ein waldigtes Bergland auf der Nordhöhe Kanaans, wo er wie eine wipfclreiche Terebinthe grünte. — Und nun blickt Jakob auf den Wohl- thatcr seines Hauses, Joseph, der als ein Gekrönter unter seinen Brüdern dastand. Ec krönt ihn auch unter seinen Brüdern, giebt ihm in seinen beiden Sprossen den zweiten Vorzug, den er Nubcn genommen hatte, ein doppeltes Erbtheil; ja weil er sein Wohlthater gewesen war, giebt er ihm seinen eigensten väterlichen Segen, den Genius und Hülf- gott seiner Jugend. Der Zweig einer fruchtbaren Mutter ist Joseph, 9 ) 5 Mos. 33, ah, r5. Dom Geist 198 Der Zweig eines FruchibaumS über der Quelle: Seine jungen Sprossen schießen die Mauer hinauf» Erbittert waren aus ihn und schossen auf ihn Und hasseten ihn, die die Pfeile zu richten wußten: Dennoch blieb ihm sein Bogen fest: Seine Arm' und Hände wurden gelenk. Von den Händen des mächtgen Gottes Jakobs, Vom Namen deß, der mich auf meinem Stein bewachte r), Won deines Vaters Gott. — Er stand dir bei: Bon dem Allmächrgen — Er wird dich fürder segnen, Segen des Himmels von oben, Segen des Meers, das drunten liegt, Segen an Mutterbrüsten, a» Mutterleibern. — r) Auch diese Stelle erklärt uns Moses, (5 Mos. 3 Z, r 6 .) der statt des Aufsehers über dem Stein Israel, den Gott setzt, der ihm im Busch erschien, also den Schutzzoll seines Lebens in der frühesten Erscheinung, wie Jakob hier den Beschützer und Genius seiner Jugend in der frühesten Erscheinung nennet. Die Construction hat nichts hartes, sobald man dies als den gewöhnlich verkürzten Namen des Gottes dieser Begebenheit ansieht, wie es auch andere solche Lokalnamen Gottes gab, z. E. > Mos. 22, ih. u. f. Es heißt also soviel als der Gott Bethels. Man lese 1 Mose r 8 , r 5 .20.2i>, wo man das erklärt findet, und sage, ob man einen bequemeren Ausdruck von dieser Begebenheit im Munde eines Hirten wüßte? derEbraisehen Poesi, ^99 Die Segen deines Linkers steigen mächtig Ueber die Segen meiner Gebürgt Aum Reiz der ewigen Höhen hinaus). Sie werden kommen auf Josephs Haupt, Auf die Scheitel des Gekrönten seiner Brüder.— Sofern der vortreffliche Segensspruch Anspielungen auf Nahes und auf das frühe Schicksal Josephs enthalt, will ich die Erläuterungen darüber nicht wiederholend); hier sen er uns Eharte dessen, was Joseph in Kanaan für seine beiden Stämme erhalten sollte. D-r Vater malt es ganz in die Geschichte des Lebens Josephs: sein Zweig blüht über einem Quell , wo seine Sprossen die Mauer hinüber schießen. Ein unüberwindlicher Bogenschütze ist er, dessen Arm und Hände durch den Anfall der kühnsten Feinde nur desto gelenker werden. Er wird mit dem s) Der älteste und achteste Ausleger dieser Stelle- Moses, hat das für Berge gelesen, so com, menlirt ers in seinem letzten Segen tu Mos. 33, in.) und das will auch der Parallelismus Das NH? ziehe ich nicht zu 'NlN und lese also „meine Berge": die kleineren Berge Kanaans nämlich, die Jakob als sein umzognes Land ansieht und über welche sich der Libanon als eine Höhe der Urwelt hebt. Die Spezereien und Balsamdüfte, Josephs Haupt zu krönen, sind nach der Sprache der Poesie der Segen der Berge, der kostbarste Reiz derselben; wie Moses (bMos. 33, r5.) es abermals deutlich umschreibet. t) S. Briese, das Studium der Theologie betreffend, Th. I. / I 2or> Vom Geist sonderbaren Segen hoher Berge gekrönt, wo der Himmel oben, das Möer drunten liegt, in welchem Bilde sich der Wunsch seines Vaters bis zu den Höhen der Urwelt hebet. — Was waren also diese Höhen der Urwelt? Moses erklärt sich drüber in seinem Segen: er wird die Völker zcr stoßen, bis an die Ende des Landes; Ephraim also, das mächtige Einhorn, sollte mit seinem Bru- dcrstamm wahrscheinlich an der nördlichen höchsten Höhe des Landes, hinan den Libanon wohnen. Hier war die Quelle des schönen Fruchkbaums, Phiala, wo der Jordan entsprang, hier konnte er die Mauer hinan, ja über die Mauer des Landes schießen, und die gelenke, unermüdliche Tapferkeit beweisen, über die sein Stammvater gerühmt wird. Hier war der Himmel oben und drunten das Meer: hier sind die Segnungen der ewigen Berge, der Berge der Urwelt, von denen ihm Spezereien und Köstlichkeiten wie Diadem und Salbung auf eines Gekrönten Haupt kommen sollen. Auf solche Weise wird in diesem überschwänglichen Segen nicht nur alles zusammenhängend, sondern selbst darstellend, örtlich. Wie Libanon über Kanaan als ein Berg der Urwelt hinausblickt, oben weiß gekrönt, und hebt sich zu den Wolken: die ewgcn Cedern Gottes stehn auf ihm u), Baume, die der Herr gepflanzt hat; wie tiefer hinab er voll W"instöcke ist, die über den vielen Quellen stehen, die von ihm hinabrinncn: so soll auch dieser Stamm blühn, erquickend wie der Wein am u) Ps. iol», 16. der Ebraischen Poesie. 201 Libanon x), wie ein Feuchtbaum über der Quelle. Seine zwo Sprosse» schießen die Mauer hinüber: denn der Libanon theilt sich in zwei Arme. Er trägt Weihrauchbaume, (von denen er im Griechischen auch den Namen hat), Spezereien aufJosephs Haupt, Balsame auf den Scheitel dcS Gekrönten. Geruch des Libanons ist im Hvhcnlicde und den Propheten 5) poetischer Ausdruck der Wohlgcrüche und Spezereien — Der Paß gen Hamath, in den hier Joseph als der stärkste, gelenkste Bogenschütze gestellt wird, ist der entscheidendste über das Land, den nach Moses Bilde Ephraim und Manaffe decken sollen, mit der Gewalt eines wilden Stieres. Weiser Gedanke Jakobs ! Die Kinder seines ägyptischen SohnS entfernt er am weitesten von Aegypten: die den schwersten Paß inne hatten, fordert er auf mit allen Segnungen der Königswürde, mit allem Lobe der Tapferkeit, ja mit allen Wünschen vom starken, mächtigen Gott, dem Hüter Jakobs auf seinem Steine: denn hier seht er den Eckstein der Hut des Landes. In Süden unten sollte ein Löwe Wache halten, der tapfre Judah; nördlich sollte der wilde Stier stehn in den Pässen der Berge. — Und Benjamin , auch ein Bruderstamm, ihm zur Seite.) Benjamin wirb rauben wie ein Wolf, x) Hos. ist, 8. >) Hosea ist, 7. Hohel. st, n. Die Blumen, die Weiden, die Quellen, die Aussichten des Libanon sind eben so gepriesen: Nahum 1, st. Ies. stv, 16. Hohel. st, i 5 . u. f., 202 Vom Geist Am Morgen Raub verzehren, Am Abend Beute theüen, weil die Strcispartheien in den Morgenländern Morgens und Abends auf Beute ausgehn. Auch Er sollte also in diesen Berggegendcn wohnen. Wir wissen, daß auch dies nicht befolgt ward. Da Juda seinen Theil genommen, wollte Ephraim, der zweite mächtige Stamm, auch das Seine haben, und nahm, was ihm nicht bestimmt, womit er auch selbst nicht zufrieden war. Benjamin blieb ihm zur Seite. Das Lob des Vaters, das er seinem Wohl- thäter gab, ward also Ursache, daß die Sohne desselben ihr Lob nicht erfüllten. — Indessen scheints, daß ein Andenken ihrer ursprünglichen Bestimmung noch in Israel geblieben. Der Prophet, der am eigentlichsten dem Stamm Ephraim weissagte, Hoscas, braucht die schönsten Bilder vom Libanon. Seine Wurzeln sollen ausschlagen, seine Zweige sich ausbreiten und Geruch geben, wie Libanon. Er soll blühen, wie Libanons Wcinstock, sein Andenken erquickend seyn, wie der Wein auf ihm u. f. Auch die Berge Ephraims werden mit dem nördlichen Dan zusammengesetzt, welches an den Wurzeln des Libanons lag (Jer. 4, i 5 . 16.) und so wird Joseph recht eigentlich des Landes Krone. So dachte sich der alte Hirtcnvater seiner Stamme Wohnung, und unüberwindlich wäre das Land gewesen, wenn es der Libanon, der Jordan, das Meer und die Wüste wohlverwahrt umschlossen hatten. Sein Segen steigt wie ein Palmbaum, dessen Aeste sich mehr und mehr ausbreiten, und wird zuletzt zur Ceder Gottes auf den Gebürgen. Ware Israel früher dahin gezogen, hatte es sich allmählich, oder da es so spat hinkam, hatte es sich wenigstens mit einträchtiger, unablässiger Macht verbreitet: denn wäre das wohnende Heerlager daraus geworden, das mit den vier Panieren in der Wüste zog, die die spätere Tradition zu Bildern des Wolkenwagens Gastes uisammensetzte: ein ewiger Phalanx und in der Mitte desselben das Zelt Jchovahs. Wir kommen auf den traurigen Eontrast von Jakobs zu Moses Segen. Hier sprach kein Vater mehr, der das Land mit friedlichem Blick übersehen, und es als das seine unter Hirtensöhne thei- len konnte; es sprach der matte Gesetzgeber, der sein Grab vor sich sah und sein Leben bei einem unwürdigen Volk verlebt hatte. Driktehalb Stämme hat- l.n schon den Entwurf Jakobs zerrissen, und von den übrigen ließ sich auch nicht zu viel Gutes hoffen. Er kleidet also seine letzten Wünsche in ein Gebet, seine anmunternden Vorschläge in einen linden Segen; der aber eben sowohl ernster Befehl seyn sollte, als der letzte Wille Jakobs. Es sind sehr bestimmte überdachte Worte, das politische Testament eines abscheidendcn Weisen. Segen Moses, des Mannes Gottes, über Israel, vorm Antlitz des Todes. Er sprach: Jehovah kam vom Sinai, Ging ihnen vom Seir aus, Glanzt' auf vom Berge Paran: Vom Geist 2v^ Er kam von Kadesch Bergen a) Und um ihn wallte Feurk). Wie liebet er die Stämme! All' seines Glanzes Pracht ist um ihn her; Und Jene dir zu Füßen c), Empfangen dein Gebot. Moses gebot uns das Gesetz, Ein Erbtheil der Versammlung Jakobs! Denn Er war König Israels, Beisammen waren alle Volkeshaupter Und Stämme Israels (da er es gab.) s) Lies wie der Parallelismus soderl. i>) Daß das gewöhnliche ^"7 als „Feuergesetz" eine harte Construction sey, suhlt ein jeder; es ist hier auch dem Context zuwider. Gott kommt V. 2.3. als Lehrer des Volks: die Stämme sitzen ihm zu Füßen und lernen. Moses wird ihr Lehrer und sein Gesetz ist Ausspruch des Mundes Gottes: ein weit würdiger Bild, als wenn Gott es in der Hand mitbrachte. Vielmehr wird auch im zren Vers die strahlende Herrlichkeit der Rechte dem Ausspruch des Mundes Gottes entgegengesetzt, und Pracht von Gnade unterschieden. Ha- bakuk erklärt »ns das Bild, der das Lurch wallendes Feuer, schießende Strahlen giebt. Mit der Zeit sind die , die Reihen der Engel, daraus entstanden, die diesen Ausdruck genau erklären. o) Welch ein schöner Contrast der furchtbaren Herrlichkeit und der lehrenden Gnade! Nur Moses ^ der Ebraischcn Poesie. 2o5 So sollte Israel das Gesetz ansehen lernen, als eine frei angenommene Gvttesverfassung, als eine unterrichtende Gokleslehre. Moses war ihr König, aber nur unter versammleten Volkshauptern, also in einem freien Staat. In dieser Qualität spricht er ouch seine letzten Worte, und giebt ihnen damit das Ansehen, das er seinem Gott gab, Würde und Liebe. Rüben lebe! sterbe nicht aus! Seine Mannschaft werde zahlreich wieder! — Noch immer ein armer Segen, den der erste Stamm bekam; indessen doch ein Segen ! Simeon wird übergangen, weil Moses ihm nach Jakobs Testament kein Land zuzulheilen wußte. Zu Judah sprach er: Höre, Jehovah, die Stimme Judah«. Führ' ihn hinein zu seinem Volk ä): konnte und mochte von der Gesetzgebung so reden! Die des 3ten Verses sind offenbar nicht Engel, sondern die versammleten Stamme, die eben genannt sind, und B, 5. nochmals genannt werden: sie sitzen zu des lehrenden Vaters Füßen und lernen als Schüler. Die lernenden Engel sind spatere rabbinische Deutung. ä) Das Volk, zu welchem Judah eingeführt werden soll, ist wahrscheinlich das, was ihm auch Jakob zugesichert hatte, sr. Mose hg, ro.) sein vorzügliches, erstes Erbrheil. In diesem lagen die Gebeine der Väter: er sollte dem Volk den Namen geben, und dies sich zu ihm als dem Anführer halten; daher der Ausdruck. 2v6 Vom Geist Sein Arm wird tapfer streiten, Und wenn ihn Feinde drängen, Wirst du ihm Hülfe seyn. Auch Judahs Segen ist klein gegen dach was Jakob von ihm sprach. Unrühmlich ist er indcssen nicht: Judah wird an seine Pflicht erinnert, allen voran zu streiten. Zu Levi sprach er: Dein Licht und Recht vertrautest du Dem treuen, dir ergebne» Mann, Den du hart prüftest am Prüsungsort, Mit dem du hadertest am Haderquell. Er sprach zu seinem Vater, seiner Mutter: ,,Jch kenn' euch nicht! " Und kannte seine Brüder nicht, Und kannte seine Söhne nicht ns! — So werden sie auch treu dein Wort bewahre» Und halten über deinen Bund. Und deine Richtcrsprüche Jakob sagen, Israel dein Gesetz: Sie werden Weihrauch dir zum Wohlgeruch anzünden , Brandopfer legen auf deinen Altar. n) Die Construction, in der ich den Vers übersetzt habe, giebt ihm, dünkt mich, Licht und Würde. Der 8in§n1aris geht auf Aaron; der folgende ?Iura1is auf die Leviten, sie seinem edeln Beispiel der Unpartheilichkeit in Rechtssprüchen und der treuen Anhänglichkeit an Gott, ihren Landesherrn, folgen sollen. der Eb räischen Poesie. 207 Jehovah segne ihre Kraft ! Nimm wohlgefällig an das Werk von ihrer Hand; Wer aufstehr gegen sie, den schlage nieder, Und wer sie Hasser, muss' aufkommen nie! Hier hören wir den Leviten, der seinen Stamm von Herzensgründe segnet. Er spricht als Bruder Aarons und ehrt sein Andenken nicht nur dadurch, daß Gott ihm das höchste Gericht aufgetragen, sondern daß der, der das Brustbild zuerst trug, von großer Redlichkeit, von einem unbestechbaren Charakter gewesen. Fast beklagt er sich gegen Gott, daß dieser über einen kleinen Fehler so scharf mit ihm gehadert habe. Er nennet es einen Unglücksort, besten Schuld der redliche, verdiente Mann mit seinem Leben habe büßen müssen — und hiermit entschuldigt er verborgner Weise sich selbst. Sein war dieselbe Schuld, um derentwillen auch er jetzt vorm Antlitz des Todes stehet. (S. 4 Mos. 20, 1 - 8. und kurz vorher 5 Mos. 82, 5 c>. 5 r.) Ein schöner Uebergang ists vom Lobe Aarons auf die Pflichten des Stammes : daS Denkmal dessen, der zuerst das Gerichtsschild trug, soll ihr ewiges Vorbild werden. Ihre Pflichten werden als Hoffnungen gesagt und Gott angefleht, für einen Stamm Parthei zu nehmen, der zu Aufrcchthaltung der Landesccnstituüon so unentbehrlich sey und so viele Feinde habe. Ein feingedachter Segen des Gesetzgebers, über welchen wir schon ein mehreres gesagt haben. Zu Benjamin sprach er: Der Geliebte Jchooahs, er wird sicher wohnen! Es schwebet über ihm der Hocherhabne täglich, Und läßt ihn ruhen zwischen seinen Flügeln» 2o3 Nom Geist Dieser Segen ist zart empfunden, und nach Jakobs Spruch ganz Verändert. Der räuberische Wolf ist hier der Benjamin wieder, den dort sein Vater nicht auf die Reise lasten wolltet), den er der Obhut seiner Brüder angelegentlich empfahl. So empfiehlt ihn Moses der Obhut Jehovahs unter seinem oster gebrauchten Lieblingsbilde, eines Adlers §). Dieser schwebet über seinen Jungen, fangt, wenn sie fallen wollen, sie auf, und laßt sic sich auf dem Rük- kcn zwischen den Fittigen ausruhn. — Dies alles wendet der väterliche Gesetzgeber auf Benjamin an Ir). Au Joseph sprach er: Gesegnet von Jchovah ist dein Land Mit Köstlichkeiten, die der Himmel oben, Das Meer, Las drunten liegt, aus seinem Schooße giebt , Mit Köstlichkeiten, die die Sonn' erzeugt, Mit Köstlichkeiten, die die Monde geben. Was k) I. Mos. stZ. g) S. 5 Mos. 32 , II. 2 Mos. Ig, st. l>) Es ist unerwiesen, daß Schultern (Gottes oder Benjamins) Berge bedeurcn; und von Bergen Benjamins, zwischen denen Gott wohnen sollte, ist hier nirgends die Rede. Zwischen den Bergen Mo- riah und Zion, wenn sie auch zu Benjamin gehört hatten, wohnte Jehovah »ie. Zwischen ihnen war eine Kluft, und der Lempel Gottes stand auf den Bergen. Das doppelte muß einmal gelesen werden, wie auch die 70. gelesen haben. der Ebraischen Poesie. 209 Was auf den Ostes-Bergen Gutes sproßt, Und was der Urwelt Höhen^chönes tragen, Was Köstliches die Erd' aus ihrer Fülle bringt: Sammt dessen Huld, der mir im Busch erschien, Das alles komm' auf Josephs Haupt, Komm' auf die Scheitel des Gekrönte» seiner Brü- der! — Wie erstgebornen Stiers ist seine Heldenzier, Wie wilden Stieres Hörnet seine Hörner, Mit ihnen stößet er die Völker Bis zum Ende des Landes hin, Das werden thun die Zehntausend' Ephraims, Die Lausende Manasse's. Moses Segen über diese Stamme ist reich und gelehrt: er umschreibt den Segen Jakobs nach seiner Zeit, nach seiner Aussicht. Den Segen vom Himmel erklärt er durch den Thau und durch Ausflüsse des untern Meers, das die Mutter der Fruchtbarkeit in der allen Php« sik war; sodann durch Einwirkungen der Sonne und des Mondes zu den köstlichsten Gewachsen im Jahrsund Monden - Umlauf. Die ewigen Berge Jakobs lagert er in den Ost, weil daher die Kostbarkeiten der Gewürze, des Goldes u. f. damals kamen. Das Wort in Jakobs Segen nimmt er in der Bedeutung des Stiers und kleidet Ephraim in die tapfre Schönheit eines Erstgebornen desselben, so wie er auch mit den Zehntausenden Ephraims und den Tausenden Manasse auf den Ausspruch des Allvaters zielt, der den Ephraim zum Erstgebornen der Söhne-Josephs machte; der Segensspruch ist also gelehrt ausgemahlet. — Er ward kaum erfüllet, da Ephraim sich nicht die Ecken des Landes Herders Werke r. Rel. u. Theol. H. L 210 Vom Geist zum Besitz nahm; und vielleicht trug eben die Stelle, die Moses ihm und Benjamin gegeben hatte, dazu bei, daß er nicht ganz erfüllet wurde. Benjamin lagerte sich zwischen zwo starke Schultern, die mächtigsten Stamme Ephraim und Judah. Jenes wählte sich frühzeitig auch seinen Theil in der Mitte des Landes, der zwar fruchtbar war, nicht aber an diese Segnungen reichte Zu Sebulon sprach er: Freue dich, Sebulon, deines Handels , Und deiner Hurten, Jsaschar. Die Stämme werden eure» Berg ausrufen i) Wo sie rechrmäßge Opfer opfern werden: Denn daselbst können sie der Meere Zufluß saugen Und des Sandes verborgnen Schatz. Da ich zu viel über diese Worte zu sagen habe, verspüre ichs zu einem eigenen Anhänge dieses Ab- i) Ich habe hier nur die Uebersetzung grammatisch zu rechtfertigen: und sie istwörtlich- DaßH'^tz die Stamme sind, zeigt der 3 . und 21. Vers, das "st"! ein Berg, den genannten Stammen nicht weit entfernt, seyn müsse, zeigen die folgenden Localursachen, die ausdrücklich mit angeführt werden, und sich auf den Hafen beiAeco, so wie auf die Geburisgegend des Glases beziehen- Fremde Völker zum Berge, zu einem Berge im Stamm Judah zu rufen, um daselbst Schätze des Meers zu saugen; von diesem Allen sagt der Lext kein Wort. L l t der Ebraischen Poesie. schnitts, und werfe die Erklärung des folgenden Segens in eine Note lc): Zu Gad fprach or: Gelobt sey Gott, der Raum für Gad gemacht! Wie ein Löwe wohnet er und raubte Arm und Scheitel. Der Eroberung erste Beut' ersah er sich; Weil da sein Fürsten - Erbrheil sicher liegt; Doch wird er mit noch ziehn, dem Heer voran, Jehovahs Kriege zu vollenden, Und auszuführen die Gerichte Gottes Mit Israel. — Au Dan sprach er: Auch Dan, ein junger Löwe, Springt mit aus Basa» auf — (wo er vermukhlich damals gelagert lag. Moses K) Der Segen auf Gad enthalt Lob und Tadel. Lob derTapferkeir, da Gad der Erste der drei Stamme war, die zu seinem Trupp gehörten.» Deswegen nennt er ihn den Führer, und sagt, daß er sich sein schönes Erbtheil wie ein Löwe geraubt; tadelt ihn aber, daß er sich die erste Beute geraubt habe, und da schon wohlbedeckt in stolzer Ruhe wohne, indeß seine Brüder noch unter Jelren umherzögen. Doch rühmt er sein gegebenes Versprechen, auch künftig noch mit und dem Heere voran zu ziehn, bis alle Kriege (die Gerichte Gottes über Kanaan) vollendet sehen. Beim ersten Feldzuge thar dieses Gad (Josua h, ra.) und zog voran dem Heer. L> 2 212 Vom Geist Absicht ist also, die Stamme aufzufocdern und an- zufeuren zur Eroberung des Landes.) Au Naphthali sprach er: Gesältiget mit Huld, voll Segens von Jehovah, Besitze Meer und Miltagsland. (d. i- am See Genezarcth die Mittagsseite, gleichfalls nach dem Befehl Jakobs.) Au Asser sprach er: Gesegnet unter den Stämmen wird Asser seyn, Und wohlgefällig seinen Brüden werden: Und tauchen seinen Fuß in Ocl. Erz und Eisen werden deine Riegel! Und wie dein Leben wächst auch deine Kraft. — (Es mehret sich sein Reichthum, seine Starke, je mehr er die Produkte seines Landes nutzt, und auch wohlgefällig seinen Brüdern damit dienet. Der Segen Jakobs ist abermals sehr politisch und national verändert. Fremden Königen (wie der Hir- tenvater noch meinte) sollte Asser mit seinem Eisen, mit seinem schönen Oel nicht dienen; sondern seinen Brüdern. — So schlang Moses die Stämme zusammen! so wollte er, daß bei den Verschiedenheiten ihres Bodens, in allen Ein Bruderirieb, ein in sich gekehrter Fleiß und Nalionalgeist lebte.) Niemand, o Israel ist wie der Gott, Der auf den Himmeln dir Wie auf Kriegeowagen zur Hülfe zieht, Auf hohen Wolken zieht in seiner Majestät. der Ebraischen Poesie. 2i3 Dein Schutzgott ist der alte Gottl) Und du bist unter seinem ewgen Arm. Er stieß vor deinen Augen dir Hinweg den Feind, Und sprach: Vergeh! Ja.' Israel wird wohnen Gesichert und allein. Das Auge Jakob sichet Ein Land vor sich voll Korn und Wein, Dem seine Himmel träufeln Lhau. Beglücktes Israel! Wo ist ein Volk wie du? Das sein Jehovah schützt — Er deiner Hülfe Schild! Er deiner Hoheit Schwert! Laß aus dich Ranke suchen deine Feinde; Du wirst auf ihren Hohn Ein Sieger gehn» Mit so güldncn Worten nimmt Moses Abschied. Er bauet sein Volk auf Gott, macht ihm sein Land beliebt, auf welches er von den Höhm Basans und Gileads blickte. Hier würde Israel abgeschlossen, sicher, allein wohnen; genährt, nicht wie Aeaup- ten vom Strom, sondern unmittelbar vom Thau I) Daß das stärkste Wort Moses sey, Gottes Dauer und unverbrüchliche Treue anruzcigen, wissen wir aus Ps. gc>, >. Er erinnert sie mit dem Wort und mit den Kriegeswagen und Siegeszügen Gottes in den Wolken an dessen alte Wunder. 214 Vom Geist aus der Hand Jehovahs. Ein tapferes Brgvolk sollte Jeschirun seyn, und ungeachtet der Ranke seiner Feinde nicht Massen, bis es auf alle ibre Höhen als Sieger trete! — Ware der Wille Moses erfüllt wvcoen ! Das Land liegt abgesondert, umkranzt von Bergen, Meeren, Srrom und Wüstenei» : ein kleiner Gotteswinkel, der durch Fleiß gebauet, durch Eintracht der Stamme beschützt und blühend werden konnte. Allen drei Welttheilen liegt er wie in der Mitte, den» unabsehlichcn Asien, diesen reichen Bergen der Urwelt, lie.^t er zu Füscn, und ist sein Ausgang, sein Hafen. Ober- und unterhalb Judäa ging der Handel der alten Welt weg: es hatte, bloS seiner Lage nach, das glücklichste Bolk der Erde seyn können, wenn cs diese genutzt , und dem Geiste seines Gesetzes treu geblieben wäre. Armes jetzt kahles Land! in dem man, zum Theil durch heilige Gedichte und Lieder, noch mehr aber durch Unglücksalle und Thorhcic, fast leben Bach und kleinen Berg, jedes Thal und Dorf kennet, du kleines Land, das in der Geschichte der Menschen Jahrtausende hin durch Aberglauben, Blut und Kriege so berühmt worden; wirst du cs einst noch auf andere bessere Weise werden? oder sind deine einst so fruchtbaren Prvpherenberge auf ewig öde? der Ebratschen Poesie. 2i5 Thabor, der Berg des Heiligthums, eine weise Idee Moses. Zu Sebulon sprach er: Freue dich, Sebulon, deines Handels Und deiner Hünen, Jsaschar. Die Stämme werden Euren Berg ausrufen, Wo sie rechtmäßge Opfer opfern werden: Da werden sie der Meere Zuflucht saugen Und des Sandes verborgenen Schatz. Warum nimmt hier Moses zwei und zwar contra- stircnde Stamme zusammen? er erklärt sich selbst, dass er es wegen eines Berges thue, den die Stamme zum Ort des Heiliqthums und der rechtmäßigen Opfer ausrufen würden: denn hier, fahrt er fort, würden sie den Zufluß der Meere genießen und schöne Seltenheiten, des Sandes verborgne Schätze, das Glas, zu sehen bekommen und cinhandcln können. Er lockt sie also, wie Kinder, zum Ort ihrer Nationalversammlung, durch Gewinn und Neugier. Was war dies für ein Berg, den er ihnen, als einem freien Volk, zwar nicht anbefahl, aber mit Gründen vorschlug? Kein anderer als Thabor. Thabor liegt in der Mitte zwischen Sebulon und Jsaschar, und ist beiden Stammen die Grenze. Er liegt dem Meerbusen Acco gerade gegen über, dem natürlichsten Hafen der ganzen Küste. Der Sec Cendevia, die natürlichste und älteste Mutter Vom Geist s >6 des Glases liegt unweit von ihm, und der Back) Beins, der wegen dieser Erfindung so bekannt ist, wird durch Gewässer von Thabor her verstärkt. Die angegebenen Ursachen passen also auf keinen, als diesen Berg; ja die Worte sagen es wörtlich und deutlich. Es ist ncbmlich gar nicht davon die Rede, daß fremde Völker zu einem Berge (in der Wüste etwa und diesen zwei Grammen fern) gerufen werden sollten (oder der Text litte Gewalt); sondern die Stämme sollten emen Berg zum Orte des Heiligthums ausrufen, bei dem sie die ange- zcigien Vocrheile und Vergnügen haben könnten; und bas war Thabor. Weise Idee Möses! von allen Seiten betrachtet, weise! Thabor hieß seinem Namen nach der Nabel des Landes; er sollte also auch seiner Bestimmung nach Mittelpunkt der Stämme, wie das delphische Orakel werden. Als Zion im untersten Theile des Landes dazu erwählt ward, welch ein Weg wars zu ihm für die obersten Stämme! Sie besuchten ihn also seltner oder mit großer Mühe; und bei der ersten Veranlassung fielen zehn Stämme von diesem Hciligrhum ab und erwählten sich bequemere Oertcr zu Dan und Bethel. Wäre nun gar die Einnahme des Landes so weit getrieben, als Jakob und Moses sie wollten, bis in die Engen des Libanons hinauf, so war kein so bequemer Mittelpunkt des Landes, als Thabor. Und der Berg war, seiner Natur und Lage nach, zum Ort der Nationalversammlung recht ausgezeichnet. Auf der fruchtbarsten Ebene erhebt er sich und alle Reifende sind über seinen wunderbaren Anblick einig. Abgesondert von allen Bergen liegt er auf seiner schönen Flache allein da: vollkommen rund, als ob er durch die Hand der Kunst gebildet wäre. Er ist schwer zu ersteigen und also eine natürliche Festung, wie er denn auch zu den Zeiten der Römer gegen sie befestigt worden. Unten Stein, sodann bis an den Gipfel mit dickem Gebüsch, mit Weinstöcken, Ocl- und Fruchtbäumen bedeckt, wie wenn er mit einem grünen Kranz umschlungen wäre; und alle Gebüsche sind voll Gesanges der Vögel. Er blickt weit umher und Jeremias sagt von einem Helden: er wird hoch ein herzieh n, wie Thabor unter den Bergen. Sein Gipfel ist eine runde Fläche, ein Stadium breit, zwei Stadien lang — welch ein Platz für das heilige Zelt eines Bergvolks! Wie andre Naturscenen würden auf ihm besungen seyn, als dort beim kleinen, dürren Zion! Scenen, in denen die Fruchtbarkeit des Landes, die Aussicht auf einträchtige, glücklich verbundene Stämme, aufs Meer und den See und den Jordan geschildert wären. Der Kison und die Kedumim, die von diesem Berge fließen, hätten prächtig gerauscht in diese Lieder, stakt jenes kleinen Brünnleius der Psalmen beim dürren Berge Zion. Das war der Berg nach seiner natürlichen Gestalt , und wie erwählt war er nach seiner politischen Lage! Er lag zwischen zwei Stämmen, die nicht die ehrsüchtigsten, aber die fleißigsten, bcwerb, samsten waren, und deren keinem er auöschließcnd zugehörte; vor allen andern waren diese zu Herbergen der Nationalversammlung tüchtig. Von sei- 2t3 Vom Geist ncn fruchtbaren Ebenen konnte Jsaschar Opfer liefern und damit die Einkünfte seines Landes geltend machen. Scbulon lag am Meer und konnte sich seines Gewccbs mit den benachbarten Handelsstädten freue», wie der Gesetzgeber deutlich sagt. Keine Rivalität der Stämme war stier zu besorgen: denn beide, die Söstne einer rechtmäßigen Mutter, gaben keinem andern an Würde nach; sie stritten aber auch mit keinem um den Vorrang. Sie nutzten istre Lage durch stillen Fleiß und darauf hatte Moses gerechnet. Wenn wir seinen mit Jakobs Segen vergleichen: so finden wir's deutlich. Der Hirtenvater hatte Jsaschar mit einem geduldigen Last- tstier verglichen und ihn deohalb in diese schone Gegend zum Auötheilen des Wassers an die Heerdcn gelagert. Moses, der auf keine kananitische Sklaven , auf keine Gibeoniten, der zum Hciligthum Holz und Wasser tragen sollten, rechnen wollte und konnte, setzte also sein Heiligthum in eine Gegend, welcher das Lastthicr auf der einen, der Unterhändler fremder Waaren auf der andern Seile lag; also Bequemlichkeit und Reiz von beiden Seiten. Wo fand dieses in der Wüste Judah statt? und doch wissen wir, die Feste waren bestimmt zur Nationalere,etzlichkeit, zum Handel, zur Freude. Ein dem schönsten Hafen der Küste so naher Ort zog zur Zeit der Versammlung auch die Fremden dahin und weckte den Fleiß, beförderte den Vertrieb der Waaren des ganzen Landes: denn hier lag Acco, dort Geneza- rerh, alle blühende Geschlechter lagen rings umher - und in der Mitte stand Thabor, die Krone des Landes. der Ebrai sehen Poesie. 219 Schöne Krone, du wurdest nicht gewählt! weise Idee des Gesetzgebers, du wurdest nicht befolget! Lässig ließ das rohe Volk die Lade des gemeinschaftlichen Bundes, wo sie zuerst hinsank, und besuchte sie selten. Jeder schnappte nach seinem Besitz und bekümmerte sich nicht um die Einrichtung des Ganzen: denn Moses war todt, Josua alt, Eleasar schwach oder ohne Nachdruck. Bald gerieth das Heiligthum gar den Philistern in die Hände, her- bergte hie und da, bis David cs — auf seinen Zion holte. Nun ist's unlaugbar, daß seine Negierung dadurch sehr befestigt und geziert ward, wenn er und der Naticnalgott neben einander auf einem und zwar von ihm neu eroberten Berge wohnten. Auch machten Privatumsrandc seines Lebens und Stammes, aus dem er war, auf den er sich am meisten verlassen konnte, diese Wahl für ihn nothwendig. Indessen ists eben so gewiß und der Erfolg bekräftigte es deutlich, daß Moses großer Plan, alle Stamme durch einen freien Ort der Nationalversammlung als Brüder zu verbinden, auf immer zerrissen war und mit der Wahl Jerusalems zur Residenz Gottes und des Königs der Zankapfel zur völligen Trennung der Stamme ausgeworsen wurde. Ephraim und Judah wetteiferten um den Hauptrang, weil sie im Segen ihres Stammvaters beide mit einer Krone gekrönt waren. Und da Judah unter Davids Geschlecht zu viel Ehre, zu viel Ueber- macht bekam, trat Ephraim mit andern Stammen zusammen, und wählte sich, so wie einen eignen König, so auch eigne Oerter der heiligen Versamm- 220 Vom Geist lung. Nur Judah und Benjamin blieben vereint; offenbar weil der Tempel sie band, der auf ihren gemeinschaftlichen Bergen gebaut war — ein Erweis, daß, wäre dieser anders wohin gestellt gewesen, er die schöne Wirkung aus alle verbreitet hatte, die er jetzt nur aus zwei Stamme verbreiten konnte. Das Volk hatte sein Gleichgewicht verloh- ren; der Mittelpunkt einer freivecbündetcn Nation lag beinah an der Ecke des Landes. Forschen wir nach dem Grunde dieser Uebel, so finden wir ihn in der besten Quelle, dem Segen Jakobs. Aus Dankbarkeit gegen Joseph, aus Achtung für die Tapferkeit Judahs, hatte er diesen beiden Söhnen Vorzüge cingeraumt, die ihre schwächere Abkunft mißbrauchte. Moses Befehl war'S: das Land sollte nicht eher vcrtheilt werden, bis es ganz eingenommen wäre, und sodann sollte die Aus- theilung nach der Volksmenge einzelner Stamme erfolgen. Der Befehl war billig und nothwendig: denn, wenn die starkern Stamme zuvor ihr Theil Wegnahmen, wer stand den schwacher» bei? wer half ihnen zum Besitz? und wie war nun Ucbcrsicht und rechtmäßige Austheilung des Ganzen möglich? Indessen ward der Befehl nicht inS Werk gerichtet. Schon Moses ward gezwungen, einigen Stämmen jenscit des Jordans ihr Theil zu geben. Wir wissen , wie ungern cr's that, und daß er sie mit einem Eidschwur verband, künftig voranzuziehen und ihren Brüdern die Eroberung vollenden zu helfen. Das letzte geschah nie. Sobald Jofua ein paar glückliche Feldzüge gethan hatte, griffen die zwei mächtigsten Stamme, Judah und Ephraim, zu und der Ebraischen Poesie. 22 r nahmen für sich mehr als die Hälfte des Landes. Jndeß zogen die andern schwächeren Stämme umher, fanden sich mit den Kananitern ab, so gut sie konnten: die Theilung mußte dreimal wiederholt werden, damit jeder nur allenfalls ein Besitzthum fände Einigen reichte das ihre gar nicht hin, und sie mußten sich neue Wohnungen suchen. Die von Jakob zurückgesetzten litten dabei augenscheinlich und es ist nicht umsonst, daß Moses cs dem Volk so oft einzuschärfen sucht: „Daß Gott nur bis inS „dritte und vierte Glied die Sünden der Vater „strafe, bis ins tausendste Glied hingegen segne." Denn was hatten Simeon und Levi Schuld daran, daß ihre Väter ein Bubenstück gethan? was hatte Dan gesündigt, daß er von einem Kebswcibe geboren war und in der Theilung fast leer ausging? Kurz, das Land ward unordentlich und ungleich verthcilt, nördlich nicht ganz erobert und, was das Acrgste war, die streitbarsten Stämme fassen da, wo der wenigste Angriff seyn konnte, in der Mitte des Landes; das Gefährlichere hingegen war den schwachem, kleinern zu Theil worden. Von Aegypten hatte Kanaan nichts zu befürchten: den arabischen Horden war jeder Stamm gewachsen; aber nördlich gegen Syrien, Assyrien, Babel — da hatten Jakob und Moses den Ephraim, Manaffc, Benjamin hinbestimmt und da war jetzt das Land blos. Daher kamen nun alle Uebcrfälle, in denen zuerst Israel, dann Judah verloren ging; ja das Volk war auch gegen die Kanoniker schon von Anfang an verloren, da es sich trennte und nicht mit gewaffneter Hand stritt, bis alle Siege vollendet waren. Jetzt war keine Uebersicht, keine weise 222 Vom Geist der Ebraischen Poesie. Eintheilung des Ganzen möglich. Ans Heiligthum, das Moses mit ganzem Fleiß mehr nordwärts als südlich gelegt hatte, ward nicht gedacht; kein Knote der Stamme ward also geknüpft und sie wurden einzeln die Beute der schlechtesten Feinde. Indessen blieb der schöne Thabor, was er war, und pries auch in seiner Naturpracht, wie jener Psalm singt, die Ehre des Schöpfers. Ja auch politisch ward er (eben seiner einzigen Gestalt und Lage wegen) das erste Siegstheatcr eine: allgemeinen National-Ecretung *); daher er wenigstens als ein Berg der Tapferkeit und Freiheit im Liede der Deborah ewig grünet. *) Richter st, 5. VII. SiegeSgesänge der Israeliten. Inhalt. Geschichte Bileams im Lichte ihrer Zeit betrachtet. Neigung der alten rohen Völker, zumal im Orient, zum Segensprechen und Weissagerkünstcn. Verdienste Moses dagegen. Zweck des Brunnen-Liedes, das er anführt. Träume, Entzückungen, Visionen der Segensprecher und Weissager. Vision Bileams. Zweck derselben. Ihre Wahrscheinlichkeit in der Seele eines Schamanen. Die Segens- und Siegessprüche selbst. Bon wem sie gemacht sind? Wie sie an Israel gekommen? Wie sie wahrscheinlich erhalten worden? Buch der Kriege Jehovahs. Stücke daraus. Poetische Erklärung des Altars Mose. Wer seine Hände zum Throne Gottes erhoben, ob Amalek oder MoscS? Siegeslied über die Amoriter. Poetische Stellen im Buche Iosua und der Richter. Vom Stillstände der Sonne und des Mondes aus dem Heldenbuch. Vom Hall der Trommeten zu Jericho. Poetische Zeiten im Buch der Richter. Unterschied derselben von unfern bürgerlich-geordneten, glücklicher» Zeilen. Ton der Erzählung in diesen Helden - Sage». Lebendig geschilderte 224 Vom Geist Charaktere der Abentheurer und Helden. Probe an der Erzählung von Simsen. Slegsg'esang der Deborah, mit Anmerkungen und einem Anhang begleitet. wir im vorigen Abschnitte zwcen Segenssprüche über Israel aus verschiedener Zeit und in verschiedenem Colorit betrachtet haben: so füge ich den stärksten, wie eine Siegeskcone, hinzu. Es sind die Sprüche Bileams, da er das gelagerte Volk sah. Nur da die Geschichte, die vorhergeht, so vielen Widersprüchen und Meinungen ausgesetzt.ist, wird es nöthig ftyn, sic in dem Lichte zu zeigen, das mir für Zeit und Ort das natürlichste dünkct. Als Israel gegen Moab rückte und der König dieses Volks sich, zum Widerstande zu schwach fühlte: schickte crn) nach einem berühmten Weissager, der durch Verwünschungen thun sollte, was er selbst durch Heereskraft nicht vermochte. — Der Umstand kann uns nicht sonderbar dünken, wenn wir die Denkart alter und noch jetzt sinnlich roher Völker aus Reisen und der Geschichte kennen. Sie halten auf Verwünschungen und Segenssvcüchc ihrer Weissager viel: sie glauben, ihnen stehe Unglück bevor, wenn sie einen derselben erzürnt haben, sogar daß sic gewissen Worten und Figuren des Fluchs und Segens eine unwiderstehliche Kraft zuschreiben. Die Geschichte des Aberglaubens unter allen Nationen, selbst die klugen Griechen und Römer nicht ausgenommen ») l^ Mos. 22, 1» 225 der Ebrai sehen Poesie. nommen K), ist hierüber Zeugin; und das Morgenland , dazu hier ein wildes Volk auf den Gebirgen, zumal in so allen Zeiten, sagt damit nichts Besonderes. Es war eins von den unsterblichen Verdiensten Moses, daß er, von lauter abergläubischen Völkern umgeben, bei seiner Gesetzgebung dem Aberglauben am meisten entgegen trat und Zaubereien, Verwünschungen, Segenssprüche durchaus nicht dulden wollte. Das Lied beim Brunnen, das eben in diese Zeit fallt c), war vcrmuthlich auch dazu, um Aberglauben des Volks zu verhüten ä). Komm herauf, Brunn! Singet ihm entgegen! Diesen Brunn entdeckten uns die Fürsten! Ihn bezeichneten des Volkes Edlen, Mir ihren Sceptern! Mit ihren Stäben! — Wahrscheinlich ließ Moses den Ort durch die Stabe der Stammesfürsten bezeichnen, damit kein Zauberstab dazu käme. — Bileam mußte selbst von die- b) Die letzten hielten bekanntermaßen incantatorss. ci ss Mos. 2t, 16. ck) Noch jetzt glauben die Araber, Fische beschwören zu können, daß sie haufenweise herankomme», wenn sie ihnen Lall Lai! (komm! komm!) zu- rgfen, und gerade ist dies bas erste Wort des Liedes. (S. Niebuhrs Reisen LH. 2.) Auch bei andern Völkern habe ich von solchen Zaubertöncn gelesen, dadurch sie Wasser aus der Erde hervorzulocken glauben. Herders Werke,. Rel. u. Theol. II. P 226 Vom Geist scm Volk sogen: „Zauberei hilft nicht gegen Israel, kein Segensprcchen gilt gegen Jakob." Also auch in diesem Betracht wird die Geschichte ein Lob Israels : Moses zeigt am Beispiel des berühmtesten Segensprechers, wie leer und Gott untergeordnet diese von ihm verbotene Kunst scy. Die Gesandten Balaks kamen mit Geschenken, und Bileam hatte Lust zu folgen; als der Schutzgott des Volkes, das er verfluchen sollte, in einem nächtlichen Gesicht ihm die Reise untersagte. — Auch hier sehe ich nichts Fremdes. Waren nicht Traume in dieser alten Zeit bei allen Nationen so verehrt, so wirksam? War nicht die Seele eines Weissagers, der, wie er selbst sagt, Mit eröffnetem Aug' Orakel spricht, Und Göttersprstche hört, Der Erscheinungen mächtiger Geister sieht, Und niederstürzt und sieht mit offnem Blick — war nicht die Seele eines Menschen, der sich wachend solcher Entzückungen fähig glaubte, noch mehr im ruhigen Schlaf zu Gottergesichten tauglich ? Und warum sollte sich Gott des leichtesten Weges zu ihm nicht bedienen, da er dem Abimelcch, Ncbukadnc- zar und andern Heiden im Traum Befehle gab oder Gedanken erweckte? Kurz, Bileam, vom Schutzgott dieses Volks geschreckt, wollte nicht mitreisen. Andre Gesandte kommen mit großer» Geschenken : das Herz des Weissagers wird lüstern und — Gott erlaubt die Reise. Aber mit dem ausdrücklichen Verbot, nichts zu sagen, als was er ihm in der Ebräischen Poesie. 227 den Mund legen würde. Ja, um den Segensprc- chcr noch mehr zu schrecken, muß ihm auf dem Wege das furchtbare Gesicht erscheinen, über welches so viel gesagt ist. Stufenweise erscheint es ihm: die Eselin tritt aus, sie drangt ihn an die Wand, sie fallt auf die Knie nieder; und jetzt fangt in der Seele des Weissagers die Vision an. Er hört die Eselin sprechen , er steht den Boten Je- hvvahs mit dem blanken Schwert (vermuchlich eine glanzende, vor ihm auflodernde Feuerflamme): er hört endlich Stimme. Der Gesandte von Jeho- vah, der ihm den Weg vertrat, schilt ihn, daß er, sinnloser als seine Eselin, auf die lcisern Ahndungen nicht gemerkt habe: er drohet, ihn zu erwürgen und diese zu verschonen; giebt ihm endlich nochmals den geschärften Befehl, nichts zu reden, als was ihm dieses Volkes Gott in die Seele legte. Also geschreckt ziehet er fort: sein Mund ist mit einem furchtbaren Zaume gezäumet. — Auch in diesem Ereigniß sehe ich nichts, was nicht der Seele eines Schamanen ähnlich wäre. Man lese Reisebeschreibungen aller Länder, wo es noch dergleichen giebt s): mit Erstaunen sicht man, welcher gewaltsamen Zustande der Einbildung sie fähig sind. Ihre Seele wandert aus dem Körper, der leblos daliegt, bringt Nachrichten, was sie an dem, an jenem Ort, wo sie jetzt gewesen, gesehen habe? Das sind sodann ihre Weissagungen, di« e) S. Pallas, Gmelins, Caroer's, Lasiteau's, Leems u. f. f. Reisen. P - 228 Nom Geist dos Volk verehrt, und bei denen oft die klügsten Reisenden staunten. Alle nemlich bewunderten die Anstrengung dieser Menschen, einen gewaltsamen Zustand, gegen den diese Vision Bileams ein Kinderspiel ist. Warum sollte also die Gottheit, die sich jetzt der Stimme dieses schlauen Weissagers bemächtigen wollte, der wirklich nicht zu fluchen hinzog, nicht eben des Weges gehen, der ihm der gewöhnlichste, der auf ihn der wirksamste war? Ein fürchterliches Phänomen mußte ihm unterwegs aufstoßcn: er hörte und sah in wachender Vision wirklich, was hier erzählt wird; wie klein ists aber für uns, zu fragen: ob die Eselin wirklich gesprochen? und wie sie gesprochen? ob und auf welche Art ihr Gott Vernunft, menschliche Redorgane gegeben ? u. f. Dem Schamanen sprach die Eselin in der Vision, d. i. er hörte Stimme und sah Erscheinung; uns darf und soll sie nicht sprechen', wenn wir nicht auch Schamanen werden wollen. Von einem Manne von dieser Einbildungs, kraft wird man hohe Sprüche erwarten: und sie sinds auch. Sic haben das höchste , Würde, Kürze, Lebendigkeit, Fülle der Bilder; in den spä- tern Propheten ist wenig, in Moses Reden nichts ihres Gleichen. Sie stehen etwa dem Buch Hiob zur Seite, und die Geschichte, die zu ihnen führt, mit allen diesen Träumen und Visionen, mit dem furchtbar zu nehmenden Warnen, den verschiedenen Höhen und sieben Altären auf jeder derselben — alles ist so einfach, wiederholend und symmetrisch der Ebräi sehen Poesie. 229 erzählt, daß man auf lauter Zaubcrsprossen zu dem, was folgt, zu steigen glaubet. Bileams Segenssprüchc über die gelagerten israelitischen Zelte. Aus Aram zog mich Balak her, Vom Ostgcbirge rief mich Moabs König: „Komm her! verfluche mir Jakob! „Komm her! verwünsche Israel!" Wie kann ich fluchen, den Gott nicht verflucht? Wie kann ich verwünschen, den Jchovah nicht verwünscht! Vom Felsengipfel schau ich an das Volk, Ich übersetz' es von der Berge Hohn. Sieh an! ein Volk, das wohnem wird allein, Das andern Völkern sich nicht rechnet zu. Wer zahlet Jakobs Staub? Wer nennt die Zahl des Vierrheil - Israels ? O war mein Schicksal einst, wie dieser Lapfern k) Schicksal! O daß mein Letztes, wie das ihre sey! — Der König erschrickt, daß Bileam, statt zu fluchen, segne: er führt ihn, als ob dies ein unglücklicher Ort sey, wo vielleicht kein Opfer gelte oder er nur 5) scheint der Ehrenname Israel zu seyn ohngefahr in dem Sinne wie «/«So? in den ältesten Zeiten. Das Jeschirun kommt oft als Israels Name vor und noch im Hohenliede sind alle -«-.<» -?«/«»<» die den Salomo lieben. (Hohel. 1 , st.) Vom Geist s3c> böse Gesichte empfange, an eine andere Stelle, auf welcher er das ganze Volk bis zum letzten Zelt übersehen könne, auf den Gipfel des Berges Pisga. Sieben Altäre werden gebaut, sieben Opfer gebracht, Balak mit den Fürsten Moabs bleibt bei dem Opfer; der Weissager geht wieder in die Einsamkeit, daß ihm Evkt begegne. Er kommt zurück und spricht: Steh auf, o Balak, und höre zu! Vernimm mich, Iippors Sohn. Gott ist kein Mensch, der Lügen spricht, Kein Menschensohn, daß ihn sein Wort gereu'. Er spräch' etwas und that' es nichr? Er redete und sollt' es nicht bewähren? Sieh! Segen Hab' ich empfangen! Er segne! ich kann es wenden nicht. Kein Unglück ist zu schaun über Jakob! Kein Mißgeschick schwebt über Israel. Sein Gott Jehovah ist mir ihm, Kriumphgesang des Königs ist in ihm, Gott hat ihn aus Aegypten ausgesührt, Wie wilden Stieres ist sein starker Lauf. Wahrsagungskunst gilt gegen Jakob nicht; Kein Zukunft-Ahnen gegen Israel. Nach Zeitumstanden wird es ihm gesagt, Gesagt; was Gort zu rhu» beschlossen hat gs. Sieh an dies Volk! Wie ein Löwe steht es auf! Wie ein junger Löwe hebt es sich, x) Schöne Bestimmung des Unterschieds zwischen Wahrsagern und Propheten. der Ebratschen Poesie. 23 r Und legt nicht nieder sich, bis daß cs Raub gezehrt, Bis es Erschlagner Blut getrunken hat. Jetzt bittet Balak: er solle nur nicht segnen, wenn er auch schon nicht fluchen wolle; und führt ihn an einen dritten Ort, auf die Höhe des Peors, die gegen die Wüste hinausblickt. Nach gebauten Altären , und nach geopferten Opfern geht der Weissager nicht ferner, Augurien zu suchen: erhebt seine Angen, sieht Israel nach seinen Stammen gelagert: Begeistrung fasset ihn, er erhebt den Spruch und sagt: So spricht Bileam, Beors Sohn! So spricht der Mann, deß Auge offen ist, Es sprichts der Hörer göttlicher Aussprüche, Der das Gesicht des Mächt'gen sieht, Und, niederfallt und sicht mit offnem Blick. Wie schön sind deine Zelte, Jakob! Und deine Wohnungen, Israel! Wie Ströme sich ausbreiten, Wie Gärten an dem Fluß, Wie Aloen, von Gott gepflanzt, < Wie Cedern am Gewässer: Wasser rinnen aus seinen Quellen hervor: Und viele Ströme werden ihm Söhne sey. Höher als Agag wird sein König werden, Und hochberühmt sein Reich. Gott hat ihn aus Aegypten hergeführt, Wie wilden Stieres ist sein starker Lauf. Er frißt die Völker, seine Beangstiger, Zehrt ihre Pfeil-durchbohrten Knochen aus, Und wirft sich dann und streckt sich wie ein Löwe, Wie ein junger-Löwe; wer reizt ihn auf? 232 Vom Geist Gesegnet, wer dir segnet! Verflucht ist, wer dir flucht! Erzürnt schlägt Balak die Hände zusammen und sagt: ec soll hinziehen an seinen Ort. Bileam zum Abschiede belehret ihn noch, was dies Volk in später« Zeiten seinem eignen Volke chun werde. Hier ist die Weissagung aus ihrem Gipfel: So spricht Bileam, Beors Sohn: So spricht der Mann, deß Auge offen ist: Es sprichls der Hörer göttlicher Aussprüche, Der des Erhabnen Weisheit weiß. Er sah des Mächtigen Gesicht Und siet darnieder und offen ward sein Blick! Ich sehe ihn: noch ist er nicht! Ich schaue ihn: er ist noch fern! Da geht ein Stern von Jakob aufll), Ein Herrscherstab steigt auf aus Israel: Der schlägt die Ecken Moabs nieder, Zertrümmert alle seine festen Höhni). Edom ist sein Besitz, Das feindliche. Seir erobert er. Israel thut tapfere Lhaten, David, der Ueberwinder der Moabiter, 2 Sam. st, 2. i) Die stehen offenbar mit den im Parallelismus. Sind dies die befestigten Spitzen und Winkel zwischen den Gebirgen: so sind jenes, man möge oder lesen, etwa die Lhürme drauf oder die Leute, die sie verkhcidigen. Kinder Seths als Geschlechtsname gehören nicht hieher. der Eb ratschen Poesie. 233 Ein Ueberwinder kommt aus Jakob auf; Den Rest der Wohnungen vertilgeter. Er blickte über Amalek hinaus, erhub seine Gleich- nißrede und sprach: Erstes unter den Völkern, Amalek, Sein Ende wird seyn — Untergang. Er blickte über die Kcniter, erhub seine Gleichniß- rede und sprach: Fest ist deine Wohnung, In Felsen legest du dein Nest, Als war das Felsennest nur zum Verheeren da — , Bis Affur dich auch wegsührt. Er nahm wieder seinen Spruch und sprach: Ach! wer erlebts , wenn Gott auch dies noch ausführt ? Schiffe von Italiens Küsten l " Demüthgen Affur, Demüthgen Eber! Auch Er ist Untergang. Und Bileam stand auf und'ging fort, daß er hinginge an seinen Ort. Auch Balak stand auf und ging seines Weges. Welcher Siegeskranz für Israel! eine immer reichere Lorbeerkrone. Und dies wäre ein Betrug der Moabiter? sich zum Schaden? Israel zum Ruhm? Jsts Betrug, so ists Betrug Moses oder eines spätem israelitischen Dichters. Und wessen? welches spätem Dichters Bildernde gleicht dieser? — 2^4 Vom Geist „Was lag aber daran, ob ein fremder Weissager Segen od'cr Fluch über Israel aussprach?" Lasset uns bedenken, daß er sie nicht für uns sprach, sondern für Israel und Moab. Dem kriegesscheuen Israel hätte eS wahrscheinlich seinen Mukh noch mehr herabgesetzt, wenn ein so berühmter Se- gensprccher, wie dieser, ihm Unglück zugewüscht hatte ; so wie es jetzt Moabs Muth nicht hob, da es solche Schicksale horte. Also bequemte sich auch hier Zehovah der Schwachheit des Heers: er ergriff den Anschlag seiner Feinde, der es muthloS machen sollte, ihm Muth zu geben. „Wie crsuhr's aber Israel?" Erfuhr man's nicht in Moab und lag nicht Israel vor ihm? Lebte nicht Bileam auf dem östlichen Gebirge? Kam er nicht selbst durch die Hände Israels um? Wahrscheinlich war Geschichte und Segen in das Buch der Kriege Jchovahs verzeichnet, aus dem mehrere poetische Stellen und Lieder eben an diesem Orte angesükrt werden k). Also können wir sogar die Quelle crrathen, aus der cs ist, und die Art, wie es erhalten worden. Lasset uns diese andre Lieder sehen! — Als Moses nothgcdrungen den Amalek schlug, sing er ein Buch der Kriege Jehovahs an, das auch späterhin fortgesetzt wurde; nur wenige poetische Stellen sind uns daraus übergcblieben. k.) h Mos. ri, ih - 3o. der Ebrai scheu Poesie. 235 Zuerst eine vom Siege Moses gegen Amalekl): Vertilgen will ich, völlig vertilgen Das Gedächtnis- Amaleks unter dem Himmel! Der Altar, den Moses baute, und den er „Jeho- ,,vah, mein Siegspanier" nannte, hat ebenfalls eine poetische Erklärung: Denn meine Hand war erhoben zum Thron Je- hovahs! Jehovahs Krieg wird gegen Amalek seyn Von Geschlecht hin zu Geschlecht. — Nicht Amaleks, sondern Moses Hand war wahrend der Schlacht zum Jehovah erhoben: sie ward durch einen Stein unterstützt: dies gab also die Idee des Altars, der „Siegspanier" genannt wurde. Als Sieger hatte MvscS seine Hände erhoben auf den Thron Jehovahs. Späterhin sinken wir andere Lieder aus diesem Buch m) : das Lied beim Brunnen ist angeführt, ein Siegeslicd über die Amoriter folget. Siegeslied über die Amoriter, die Mo- abs Sieger gewesen waren. Kommet hinein nach Chcsbon! Baut und besestet Sichon! Ein Feuer ging aus Chesbon, Eine Flamme ging aus Sichon, Sie fraß die Gebirge Moabs, Die Bewohner der Höhn des Arnon. l) 2 Mos. 1.7, ill. Ni) h. Mos. 21 , ih. I 236 Vom Geist Weh dir, Moab! Du bist hin, du Volk des Chemos! Flüchtig mußten seine Söhne werden, Seine Löchtcr Gefangene werden Dem Amorirer-Könige Sichon. Ihr Joch ist nun dahin! Don Ehesbon bis gen Dibon, Wir verödeten bis gen Nophach, Wir verödeten bis gen Medbah. Die Israeliten laden ins eroberte Ehesbon und Sichert ein: sic prangen damit, daß sic die Eroberer Moabs jetzt auch besiegt haben, und rühmen spott- weise die Thaten ihrer überwundenen Feinde. Solches Spottes waren die alten Siegeslicder voll, die für uns wenig Reize mehr haben dürften. * . * Im Buch Josua finden wir dergleichen nicht; einige kühne Züge der Erzählung scheinen indeß aus Siegesliedern herzuseyn und beim kühnsten derselben, dem Stillstände der Sonne und des Mondes, wird ausdrücklich das Buch der alten Heldengesange n) w) Entweder hat dies Buch von (Gesang) den Namen, und wenn es ein Buch israelitischer Heldenlieder war: so sing cs wahrscheinlich mit dem Liede am rolhen Meer, also mit dem Worte an, und bekam vielleicht davon den Namen. Oder "lAi hieß soviel als das Heldenbuch, weil es der Name des Hcldcnruhms dieses Volks war, daß sie («/«»«,) waren, wie wir bei dem Lobe BileamS und sonst gesehen haben. der Ebrai scheu Poesie. 2Z7 angeführt; daher es zu verwundern ist, wie man diese wirklich schöne Stelle so lange habe mißdeuten können. Zosua greift die Amoriter frühmorgens an und schlagt sie bis in die Nacht, einen langen Tag also, und der Tag schien sich zu Vollführung seines Sieges zu verlängern. Sonne und Mond (denn bis in die Nacht hin verfolgte er den Feind) waren also Zeugen seiner Thaten: verwundernd scheinen sie am Himmel zu verweilen, bis er den Sieg vollendet. Die ganze Natur schien diesmal unter des Helden Befehl zu stehen und seiner Feld- Herrn-Stimme zu gehorchen: denn Zehovah selbst gehorchte ihr, nicht nur, daß er ein göttliches, d. i. panisches Schrecken auf die Feinde sandte, sondern, da sie flohen, sie auch mit einem Hagelwetter verfolgte, gleichsam als Josua's verbündeter Mitstreiter. Dergleichen Vorstellungen aus der Geschichte dcS Tages lagen zum Grunde, und nun heißts in der Erzählung: Und als sie flohn vor Israel, Den Weg hin, nach Berhhoren zu: Da warf Jchovah große Steine Bom Himmel über sie, Den Weg hin, bis gen Azekah. Sie sielen — Mehr fielen von den großen Hagelsteinen, Als gefallen waren von der Israeliten Schwert, Da wars, als Josuah zu Jchovah sprach, Beides geht auf eins hinaus, wenn man das Buch der Heldenlieder übersetzt: daß es ein solches gewesen, zeigt sein Inhalt. -! 238 Dom Geist Am Lage, da ihm Jehovah den Amoriter gab Vor allem Israel; Er sprach vor allem Israel: - „Steh Sonne still zu Gibeon! Verweile Mond im Lhal! Es stand die Sonn', es weitete Der Mond in Ajalons Lhal. Bis daß vollendet war der Sieg, Der Sieg für Israel." Denn stehts nicht ausgeschrieben im Heldenliederbuch? „In Mitte der Himmel stand die Sonne still: Ging nicht zur Ruh, abschon der Lag vollendet war. Wie dieses Sieges Lag war nie ein Tag Vor ihm und nach ihm her, Darin Gort selbst des Helden Wort gehorchte, Denn Er', Jehovah selbst, stritt mit vor Israel." Wer siehet nicht, daß dies Poesie sey, wenn auch kein Heldenliederbuch angeführt wäre ? Der Sprache Israels waren solche Ausdrücke weder kühn noch fremde. Wie oft heißts im gemeinen Styl der Geschichte: „Gott stritt für Israel." Im Liede der Deborah streiten sogar die Sterne. Sonne und Mond und eilf Sterne neigen sich dort im Traum vor einem Hirtenjünglinge: die Sonne hat ihre Schlafkammer und weiß die Zeit, wann sie zur Ruhe eingehcn kann u. f. o) o) Es kann seyn, daß Josua den Wunsch laut geäußert, daß sich der Tag verlängern möchte (haben wir nicht solche Wünsche der Helden im Homer? liegen sie nicht so ganz im Feuer des Schlacht- der Ebrai sehen Poesie. 2 3g So ists mit niedreren Stellen des Buchs Jesus und der Richter. Wenn dort vom heiligen TcommetenhaU die Mauern niederstürzen: so lese man die Beschreibung im Geiste der damaligen Zeit und man wird zu lachen aufhören. Mit dem Hall der Posaunen war das Feldgeicbrei, mithin der stürmende Angriff verbunden, und jener war nur ein Zeichen zu diesem. Sechs Tage hatte ihnen der Feldherr den Angriff untersagt, am siebenten, da die Feinde durch das müssige Umherziehn cingeschla- fert und die Mauren in der Morgenfrühe wehrlos waren, ließ er das Zeichen zum Feldgeschrei, d. i. zum stürmenden Angriff geben, und sie eroberten die Stadt. Das ganze Buch der Richter lebt in solchen poetischen Heldenzügen: es athmet den Geist seiner Zeit, den jugendlichen Muth einer neugepflanzten Vcrgnakion, die zwar oft unterdrückt wird, weil keine Ordnung, kein Regiment unter ihr herrscht, deren Flamme der Tapferkeit und Freiheit aber hie und da in einzelnen Heldenseelen auflodert. Ich geistes?) und als sich dieser bestätigte, als es ungewöhnlich lang licht blieb und der Himmel, selbst noch zuletzt durch ein Hagelwetter Israel zu Hülfe zu kommen schien; was war natürlicher, als daß der Siegesgesang dies Prachtgemalde eines Tages ohne seines gleichen zusammrnstellte, den Heiden redend einsührte, Jehovah selbst unter seinen Befehl gab, Sonn' undMond zuTheil- nehmerinnen des Sieges, zu Bewunderern seiner Tapferkeit machte, u. f. 2H0 Dom Geist möchte diese Zeit das poetische Zeitalter Israel nennen und will mich darüber erklären. Eine Zeit bürgerlicher und politischer Ordnung, friedlicher Sicherheit und moralischer Sitten ist allerdings die glücklichere für eine Nation, nickt aber eben für die thatenvolle lebendige Poesie, für den Gesang, der kühne Begebenheiten, Leidenschaften, Abentheuer und Freiheit liebet. „Zu der Zeit war kein König in Israel und jedermann that, was ihm recht bauchte" — also sehr oft das roheste, grausamste Unrecht, wie wir aus vielen Zügen dieser Geschichte sehen; er thats indeß mit feuriger, uneingeschränkter Neigung, und bei allen kleinen Hcl- denthaten heißts: „der Geist des Herrn, d. i. israelitischer Nationalgeist zog ihn an, der Landcsgott „weckte ihn auf und rüstete ihn, der Geist Jeho- „vahs sing an ihn zu treiben, dort und daauch wenn er nichts weniger, als ein moralischguter Mensch war. Es ist arm zu lesen, was diesem Buche und seinen Abentheuern für Einwürfe entgegengesetzt werden, ganz ohne Rücksicht auf die damaligen Zeiten. Jedermann weiß, daß alle alte Nationen in ihren Kriegen sich List erlaubten: alle wilde Völker thun's noch jetzt und ziehen, bei übrigens großem Muth, die List der Gewalt vor. Ein ungeordnetes, unterdrücktes Volk, dessen Nationalkraft nur in einzelnen Männern aufgeht, hat dieser Waffen noch mehr nöthig: denn wie kann, wenn man Sinn reden will, ein einzelner, auch der stärkste und muthigste, Mann gegen eine ganze Horde bestehen, stehen, da er über sie auch durch keine Kriegskünste Herr ist? Und sind diese Kriegskünste nicht auch Listen? und gicbts wohl eine dümmere List, eine tapscrkeitlofcre Tapferkeit, als die aus dem Schlunde einer Kanone? Da lasset doch den Ehud hingehcn und mir seinem Dolch, von Jehovah erweckt, den fremden Tiranne» durchstoßen; cs war National- Wort, das er ihm zu sagen hatte, entscheidender, als bei uns mit vielen blutenden Menschen ein un- cntschcidendcr Sieg. Auf einzelnen Heroismus im Muth und mit der Faust kam damals alles an und so wenig die wilde Zcltbcwohnerin Jael, das Weib Ebers, die, verbündet mit Israel, den Tprannen- feldhcrrn eines fremden streifenden Volks in ihrer Hütte durchbohrte, so wenig sie auf unfern Orden des militairischcn Verdienstes Ansprüche machte: so sehr gebührte ihr damals das Nationallob ich Gesänge der Deborah. Erst müßten wir die Horden, die gegen Israel zogen, zu regelmäßigen Völkern und ihre Zeiten zu den unfern umschaffen, wenn wir die Moral unsrer Kriege auf sie anwenden wollten. (chinlem miuistrum kulminis slitein, Lui Ilex Oeorum rexuum in even vaZes Uermisit, exportus liilelem luchter in Oeu^mecks Usvo, Olim juveutrw et Katrins vigor dliäo lsborum propulit irweium: Vermine, jsm uimbis rsmetis, lusnlitos ckoousre uisu3 Venti xaueutem: mox in ovllis Herders Werke». Rel. u. Theol. II. Q Vom Geist 242 Osmisit Iioslem viviäus impeius: lVunc in reluctsnies äesonnes Lgir snior ckspis aiguo puA"nk>e — so mahle ich mir die Thaten der Deborah, Gideons, Jephthah, SimsonS, und ich habe weiter keine langen Rettungen einzelner Umstände aus der Moral oder Naturlehre nöthig. Alles steht auch dem Tone der Erzählung nach in wunderbarem poetischen Lichte, ja einige Geschichten, z. E. die Gefangennehmung Simsons auf der Delilah Schoos, sind selbst mit poetischer Symmetrie geordnet. Einzelne Ausdrücke sind wunderbar kräftig, die Sprache der Helden ist voll Geistes Iehovah, d. i. enthusiastisch, muthig und kühn. Die Ankündigungen einiger derselben vor ihrer Geburt, die Erscheinungen der Engel oder eines namenlosen Propheten, die sonderbaren Proben theils des Rufs, theils des Muchs der Männer, die Rathsel, Wortspiele, der jugendliche Ueber- muth z. B., der alle Unternehmungen Simsons bezeichnet — das alles gicbt diesen Erzählungen mehr Poesie, als manche Heldengedichte mit dem wunderbarsten Mythus haben mochten. In den kleinsten Zügen ist jedem dieser Helden seine Geschichte charakteristisch-ähnlich, daß er in seinen Paar Kapiteln dasteht und lebet x). * * * In diese poetische Zeit also gehört der schönste Heldengesang der Ebräcr, das Lied der Deborah. x) tAnmerk. des Herausgebers. Ich denke, die Leser werden's zufrieden seyn, wenn ich an- derEbräischen Poesie. 2.4) Der 68tc Psalm will ihm folgen; aber weit von fern. Bei der Dcborah ist alles gegenwärtige, lebendige Handlung; bei David soll eine alte Helden- geschichle der Schmuck eines Staats-Einzugs werden. der immer doch nur Staats-Einzug bleibet. Vergönne mir, du Heldin unter den Palmen, daß ich mich in den Jubeltanz deines Volks mische, und deinen Gesang nachhalle in schwachen Tönen: Siegesgesang der Deborah und Baraks. Da sang Deborah Und Barak, AbinSüMs Sohn, Am Lage des Sieges sangen sie so. Daß Rache geübt hat Israels), Daß willig sich zum Streite bol das Volk, Preiset darüber den Herrn! Hört an, ihr Könige! Fürsten, neigt das Ohr! Ich will Jehovah, Jehovah will ich singen, Will spielen dem Jehovah, Israels Gott! statt einer Anmerkung, die hier stand, worin Simsons Begebenheiten kurz erklärt sind, im Anhang zu diesem Kapitel ein Gespräch über diesen Gegenstand abdructen lasse, das sich unter den Handschriften des sel. Verfassers gefunden hat.) Y) Nach dem Syrer, Araber und einigen Handschriften, die haben. Q 2 244 Vom Geist Jehovah, als du zogst von Seir ausrs, Als du einherzogst von Edoms Gebirg' : Da bebete die Erd', der Himmel troff! Die Wolken troffen Wafferstrom. Berge zerflossen vor Jchovahs Antlitz, Der Sinai vor Jehovahs Antlitz, Des Gottes Israel. In Lagen Samgars, Anath-Sohns, In Lagen Jaels feierten die Straßen, Die Straßengänger gingen krumme Pfade, ES feierten die Versammlungen Israels s) , Sie feierten, bis ich aufstand, Deborah Bis ich aufstand, die Mutter Israels. Sie hatten neue Götter gewählt t), Da stürmt' an den Lhoren der Krieg! Und war nicht Schild', nicht Lanze zu sehnu), r) Der Gesang hebt an mit dem Bilde Moses, b Mos. 33, 2 . mit dem auch David Ps. 68. und Habakuk Kap. 3. anhcben. Es scheint ein gewöhnlicher Anfang Ebräiicher Siegesliedcr gewesen zu seyn, weil sie alle dein Moses wie ihrem Homer folgten. s) Uebcr die stehe die Anmerkungen zu Habakuk 3, rir. im dritten Abschnitt. r) Das ganze Buch der Richter geht von diesem Begriffe aus und schreibt dieser Ursache, völlig nach dem Gesetze Moses, allen Verfall des Landes zu. Die Hauprerzählungen des Buchs find also so ursprünglich, wie dieser Gesang selbst, n) Nicht, daß kein Schild oder Speer in Israel gewesen wäre: sondern es war keiner, der sie er^ der Ebräischcn Poesie. 246 Unter den vicrzigtauscnden Israels — Euch dankt mein Herz, ihr Führer Israels, Und ihr, Freiwillige unter dem Volk, Preiset Jehovah mit rnirx)! Die ihr auf schimmernden Eselinnen reitet r), Auf köstlichen Decken sitzt, Und die zu Fuß die Straßen wandeln — Denkt auf ein Lied. Ein Lied zum Gesänge der Hirten»), die zwischen den Schöpferbrunnen . hob, d- i. der zum Kriege alle ha,aoo tapfre Israeliten aufbot. x) Die geführt haben und sich führen ließen, sollen alle mitpreisen: sic haben alle Theil am Siege und Siegesgesange. Es ist eine Feinheic im Anfänge und in den Wendungen des Liedes, die man von jenen Zeiten nicht erwarten sollte. 2) Vornehme. Die auf köstlichen Decken sitzen, Richter oder Fürsten: die auf den Straßen wandeln, gemeine Leute. Sie haben alle Lheil an den Früchten des Siegs, der öffentlichen Sicherheit und Freiheit. a) Das 2 nehme ich hier als auZiwentativum, wie es oft, insonderheit bei Gesangwörtern, vorkommt. Diese Deutung des dunkeln Verses empfiehlt sich, dünkt mich, sehr durch ihre Leichtigkeit und den Zusammenhang des Ganzen. Zwischen Strömen und Gießdachcn am Lhabor (vergl. B. 21. und Kap. h, 6. 7.) war die Schlacht vorgefallcn: da soll auch das Theater des Siegs ewig gefeiert werden. Der Sieg war zur Regenzeit erfochten, Mom Geisr 246 Wasser den Heerden theilen aus: Daß man allda Jehovahs Gäre preise! Jehovahs Güte preise das Landvolk Israels ss); Denn da zog hinab in die Engen Jehovahs Volk! Wohlauf! wohlauf, Deborah cf! Erwecke den Geist und singe den Sieg! „Auf, Barak! hole Gefangne dir! Abinoams Sohn!" da die Quellen und Bache aufgeschwollen waren und nach dem 21 . V. dieKananitcr wegschwemmten. Deswegen machte Deborah den Eingang vom triefenden Himmel und führt die regenbringenden Sterne als Streiter mit ein. Sogleich wird auch her Engen des Labors gedacht, in die sich das Volk stellte; also ist das Siegstheater genau bestimmt, d) Die Landbewohnerin ist insonderheit darauf bedacht, daß das Landvolk ihren Sieg und die Errettung Israels nie vergesse: wahrscheinlich wurde er dadurch auch erhalten, k) Eigentlich: „wall? auf! wall?auf!" befeur? dich, daß du ein Gemälde des ganzen Feldzugs lieferst, das auch B, i>-i5, in Schlachtordnung fortgeht. Ihre Ermunterung qn Barak (Kap. h, 6. ist.) fängt an und der Zug folgt, wie sich di? Stämme sammleten und ihr nachzogen, Sie war vom Gebirge Ephraim (Kap. ll, 5.) da war also die Wurzel des Heers und des Sieges. Wahrscheinlich hieß der Berg Amalek, auf dem sie wohnte, wie damals noch viele Berge aus alten Zeiten ihre Namen hatten. der Ebräischen Poesie. 247 Da zog mit ihm ein Häuflein Starken entgegen, JehovahS Volk zog mit mir, entgegen den Mächtigen, Won Ephraim kam ihr Anfang auf Amalek; Nach dir kamst, Benjamin, du mit deinen Völkern» Von Machir kamen Kriegesführer über: Bon Zebulon, die den Srab der Mustrung trugen ä). Auch Jsaschars Fürsten waren mit Deborah: An Kriegcsmuth dem Barak gleiche) Sprang Jsaschar ins Thal k). An Rubens Bächen nur war viel Berathung x)! Was sitzest du da, Rüben, zwischen Hürden? Zu hören etwa das Geblöke deiner Heerden? An Rubens Bächen ist gar viel Berathung! Gilead über dem Jordan blieb ja ruhig. Auch Dan, warum sollt er sonst in Schiffen wohnen? Asser am Meeresufer bleibt ja sicher! An seinen Buchten weilet er. Nur Sebulons Volk, es wagt dem Tode sein Leben, Und Napththali, auf der Berge Höhnll)! ä) Lauter Beschreibungen, daß auch die Vornehmsten und Aeltesten des Stammes mitgezogen, die andre aufboten. e) Eine besondere Ehre, daß dieser Stamm der Tapferkeit des Feldherrn gleichgesetzt wird. Zwischen Sebulon und Jsaschar lag der Thabor. k) Das Springen ins Thal erläutert sich aus Kap. st, 6. 12. »st. i 5 . Sie hielten auf der breiten Flache des Thabor. x) Hier fängt der Spott an über die Zurückgebliebenen bis V. 17. k>) Sie waren die Ersten» die Deborah dem Barak 2g3 Vom Geist Dagegen kamen die Könige nun und stritten i)! Tie Könige Kanaans stritten Zu Tanach an den Wassern Meggiddo's! Was sie begehrten, Silber empfingen sie nicht. Vom Himmel strikten (enrgegen ihnen) die Sterne! Aus ihren Bahnen stritten sie mit Sißra: Der Kison schwemmte sie weg, Die geschlängelten Ströme, der Kison — Tritt, Seele, mächtig einher k). Da stampften die Hufe der Rosse Beim Fliehen, beim Fliehen der Helden! — Flucht Meros, spricht der Bore Jehovahsk), antrug, (Kap.si, 6 .) auf deren Tapferkeit sie sich verließ, die also auch hier das letzte, schönste Lob zieret. Sie waren mir die nördlichsten Stamme Judäa's, tapfre Bergvölker. S-bulon, scheints, wird auch deswegen dem Asser und Dan entgegengesetzt, weites, wie Sie, an der Sec wohnte und doch mit erschien. i) In jedem Worte dieser Beschreibung ist spottende Verachtung. Die Siegerin ehrt sie mir Titeln, dass-sie sie zunichte mache; dieser Ton geht auch auf die Mutter Sißra's und ihre vornehmenKam- merfrauen über. k) Sie muntert sich auf, im Feuer der Schlacht das übrige zu singen und singt Fluch, Sieg, Spott, Verachtung. l ) Im ganzen Buche der Richter heißt die Stimme Gottes Engel Jehovahs; (S. Kap. 2, i-h. Kap. 6 , 12-22. Kap. iri, Z-2r.) aus der ersten Stelle ist wahrscheinlich diese Benennung hier, denn der der Eb rätschen Poesie. 2ä9 Sprecht Flüche über ihre Bewohner! Sie kamen nicht mit zur Hülfe Jehovahs, Zur Hülfe Jehovahs in seinem Heldenheer! — Gesegnet vor den Weibern sey Jacl! Des Keniten Hebers Weib! Bor allez Zellbewohnerinnen sey sie gesegnet! Er forderte Wasser : sie gab ihm Milch ins, In prächtiger Schale geronnene schöne Milch — " And griff mit der Hand zum Nagel, Griff mit der Rechten zum schweren Hammer hin — Und erschlug den Sißra, durchschlug ihm das Haupt, Und durchbohrt', durchbohrt' ihm die Schlafe! Da lag er ihr unter den Füßen gekrümmt, Er siel und lag! Unter den Füßen ihr krümmt' er sich, und sank — Wo er sich krümmte, da sank er nieder — erblaßt. Durchs Fenster aber schauetc n), Engel des Herrn, der da erschien, hatte Eroberung des Landes geboten. Der Gesang spricht hier also im Namen Gottes, d. i. als Stimme der Nation. rn) Auch hier ist Spott und nachahmende Schilderung bis zum letzten ,Odem des erschlagenen Sißras. Das Gemälde ist in der Poesie schön und charak- terisirt seine Zeit lebhaft. Daß es berauschende Milch war, wissen wir aus einer Menge morgen- ländischer Reisebeschreibungen; er hatte sich in das Innere, in das Gynäkeum des Zeltes verborgen, wo er im Schlummer der Ermattung den Lob fand. n) Der Contrast dieser Schilderungen vollendet den bittersten Spott. 25o Vom Geist Es rief die Mutter Sißra das Gitter hindurch: „Warum säumt sein Wagen zu kommen? „Warum zögern denn die Räder seines Gespanns?" Die Weisen ihrer Frauen antworteten ihr: Auch sie kehrt schnell das Wort um zu sich selbst: „Und sollen sie denn nicht Beute finden und theilen? Ein Mädchen, zwo der Mädchen für jeden Mann, Und bunte Kleider für Sißra o)! Raub der bunten, gestickten Kleider, Doppelgestickter, bunrer Schmuck zum Siegesaufzuge des Raubes." So muffen untergehn all' deine Feinde, Jehovah! Und die dich lieben, seyn wie die Sonn' hervorgeht In voller Pracht x). Verbindung der Musik und des Tanzes zum Nationalgesange. Ein Anhang zum Liede der Debora h. Der Engländer Brown hat die Hypothese ge- o) Daß er Mädchen bekommen sollte, wollten diese weise Frauen seints Harems nicht: sie wünschen bunte Kleider und etwa prächtige Decken zum Siegsaufzuge ihres Herrn und Liebhabers- x) Dieser kurze Spruch ist wie ein Siegel des Gesanges und zeiget, daß er eben so schön geordnet l^y, als er zcitmäßig national und local ist. der Ebrai sehen Poesie. 25 t wagt*), daß Poesie, Musik und Tanzkunst nie starker als in Vereinigung wirken, daß sie bei allen Naturvölkern noch in diesem Bande stehen, und daher bei ihnen so viele Gewalt äußern. Hätte er sich mit wahren Thatsachen begnügt und seine Meinung nicht auch auf Zeiten und Gegenstände ausgebreitet, wo sie nicht mehr statt findet, hätte er insonderheit die Gesetzgeber aus dem Spiel gelassen, und nicht Alles in jeder Art der Dichtkunst aus ihr erklären wollen: so wüßte ich nicht, was man ihm entgegensetzen könnte? Die Verbindung dieser Künste bei allen rohen Völkern ist ziemlich erwiesen: selbst bei den Griechen ist das Drama nur aus dem Chor, d. i. aus Poesie, mit Musik und Tanz begleitet, entstanden. Daß in einem schmalen ersten Umfange alle drei natürlich zusammen gehören, ist unläugbar: denn eine gewisse Poesie ist todt ohne Töne, und die natürlichste Musik ist todt ohne Dichtkunst. Jene giebt nur eine Reihe dunkler, unbestimmter Empfindungen, die aufgehellt, die durch Worte bestimmt werden wollen; oder sie machen zuletzt, wenn sie nicht mit einem bloßen Künstlerohr gehört werden, überdrüssig, schläfrig, traurig. Daß beide Künste zum Tanze führen, sieht man an allen Kindern. Musik will Tanz: lebhafte Empfindungen in Worten ausgedrückt, wollen Ausdruck der Geberden. Also ists wahr, was Miltyn sagt: *) Z,-oivn.'§ Oissertstion VN ibv Uisv, Union snä ?o-vvr, ibv ?i-oAressions, LexsiZrions snck. klorrnptions sncllVlusic, Uonä, 176), 252 Vom Geist Glücklich Sirenen-Paar, Musik und Wort! Himmelgeborne Schwestern, Zwillinge Der reinsten Freude, tanzend Hand in Hand, Wird euer Gang und Klang und Götterwort Dreifach belebender — In unsrer Natur sind die mancherlei Sinne vereint und wirken auf Eine Seele; warum müßten sie außer uns getrennt seyn? Warum sollte nicht das innere Auge, das Himmelsgesichte sieht, von dem inncrn Ohr, das Himmclstone hört, unterstützt werden ? und warum sollten beide zu ihrem lebendigsten Ausdruck sich nicht der Gebcrden für die Bilder, des Tanzes für den Rhythmus der Töne bedienen dürfen? Sowohl in Poesie als Musik ist der Rhythmus nichts als Tanz. Die Bilder der Ersten sind nichts anders als Gebcrden der großen, allgemein belebten Natur, die sich im Antlitz und in der Seele des Menschen spiegeln. Also sind alle drei Künste so verschlungen in einander, daß selbst eine philosophische Auseinandersetzung ihrer Begriffe nicht möglich ist, ohne daß Eine im Felde der andern sammle. Und sobald dies nicht gelaugnet werden kann, muß es einen Punkt der Ausammentreffung zwischen ihnen geben, der, wenn er meisterhaft erreicht wird, nothwcndig von der größesten Gewalt seyn dürfte. Er wirkt nämlich auf alle sinnliche Kräfte, er schleicht zur Seele oder bestürmt sic durch alle Organe; er trifft das oensoiüuin corninuns, in dem Bilder, Tone, Empfindungen und Bewegungen schlafen, und rührt dasselbe als eint Harmonie überirdischer Naturen. Eben hieraus ergicbt sich aber auch, daß der Punkt der Vereinigung dieser mächtigen Künste sparsam und zart sei). Nicht alle Bilder der Poesie erzeugen Geberden, nicht alle Töne der Musik erwek- ken den Tanz der Empfindung. Geht Eine weit vor sich: so bleiben die andern zurück, und das harmonische Dreieck, das nur Lurch eine tauschende Ueber- cinstimmung seiner Seiten schön ward, kann auf vielfache Weise ein Ungeheuer werden: in welchem Fall es ungleich besser ist. daß jede Kunst für sich ihren Gang verfolge. Dies war der Augenblick, da jede dieser Schwestern für sich Kunst ward. Was sie durch Trennung von ihren Gespielinnen verlor, mußte sie sich nun durch eignen Schmuck ersetzen: sie studirte also sich selbst, bildete sich aus aufs beste, da sie konnte, und wirkte jetzt eigenmächtig, da sic voraus immer auf andere, die doch nicht ganz ihr Wesen waren, hatte Rücksicht nehmen müssen. Unlaugbar ists also, daß jede dieser Künste, als Kunst, (objscnivs) durch die Trennung gewonnen; ob sic wohl eben so unzweifelhaft, (sulstLmivö) als Organ der Natur, verloren. Also wird cs auch nur gewisse Zeilen geben, da diese Künste mit Gleichgewicht vereinigt werden können, wenn nämlich keine derselben noch eigentliche, verseinte Kunst ist. Alsdann hat die Poesie noch keine Luftschlösser gemalt, wo ihr weder Tanz noch Ton nach kann: alsdann ist die Musik noch nicht so kunstreich, daß es einer Bögelsprache bedürfte, ihre Gange und Töne mit Worten zu bezeichnen : auch der Tanz ist in diesem Zustande weniger Kunstlabyrinth als ein natürlicher, von der Vom Geist Musik geführter Ausdruck der Leidenschaft und Handlung, eine lebhafte Gcberdensprache. Ist aber einmal die Trennung geschehen, ist Jahrhunderte durch jede Kunst auf ihren, einsamen Gange fortgeschritten und hat das menschliche Organ zu ihrer Feine fortgcbildet: so ist die Wiedervereinigung schwer und auf Einmal unmöglich. Setzt den künstlichen Tanz sinnlicher Völker, fetzt selbst den griechischen Dithyrambus vor unser Auge; unser Ohr ist. entwöhnt, so vielerlei Dinge zu Einer augenblicklichen Empfindung zu binden, cs will jedes auf seinem Wege verfolgen. Also verfehlt er das Moment des Eindrucks, die schnelle Association von Ideen, von sinnlichen Regungen und keimenden Gefühlen, in der allein der mächtige Zauber liegt. Also wird das Zeitalter dieser Verbindung auf Nationen treffen, die noch lebhaften Gefühls in wenigen, aber starken Empfindungen leben, und sich von Kindheit auf gewöhnten, mehrere in Vereinigung zu geniesten. Bei Völkern, deren Poesie dem engen Kreise ihres Geschlechts- des Vaterlandes, der Thatcn ihrer Väter, der Wünsche Und Handlungen ihres beschrankten Lebens treu geblieben, und die diese einfachen Gegenstände von Kindheit auf mit aller Wahrheit der Geberden, allen Lieblingsgangen ihres Ohrs, ihrer Musik zu verbinden gewöhnt wurden : bei Völkern , deren Musik also frühzeitig Ehor- gcsang war, und sich wenig aus diesem Kreise wagte, deren Geberoen endlich von keinen Regeln einer Scienz, sondern vom Wohlstände der Leidenschaft Und gewissen Eonvenrionen der Verständlichkeit bestimmt sind; bei ihnen, bei ihnen allein ist dek der Ebratschen Poesie. 255 Platz dreier zusammcnkommender Wege, auf dem die Zaubcrschwestern ihre Chöre feiern. Sobald die Nation in ihrer Bildung fortrückt, fliehet das schöne Phantom von selbst. Auch die Ebraische, wie alle poetisch-musikalische Nationen, hakte ein solches Zeitalter, das noth- wendig nicht der Zeitpunkt der größestcn Aufklärung seyn konnte Im Liede am rothcn Meer ist keine genaue Sylbenzahl; oder viel Klang, Chorgesang und hie und da mimische Nachahmung. Die Adufe war das Instrument der tanzenden Weiber, und die dunkeln, ciniylbigen Endworte sind wahrscheinlich der Männer Nachhall: denn so, sehen wir, fange bei Kindern die Bildung zum Gesang an. Sie stimmen in den haltenden Ton, ins letzte Wort der Reihe, selbst wenn sie dieses auszusprechen noch zu zart sind. Die Zeiten der Richter waren vielleicht der eigentliche Zeitpunkt des Zusammentreffens dieser simpeln Künste, und der Deborah Gesang scheint unter den Ebräern davon das eigentliche Muster. Statt pindarischer Strophen zeichnen sich drei Haupt« theile in ihm aus: V. r — rr. der Eingang, ver- murhlich mit öfterm Zuruf des Volks unterbrochen: V- 12 — 27. das Gemälde der Schlacht, die Hernennung der Stämme mit Lobe und Tadel, hin und wieder ganz mimisch; endlich vom 28 — 3 o. der Spott auf den Triumph des Sißra, ebenfalls nachahmend, bis der letzte Vers, wahrscheinlich als Hauptchor, alles schließet. Da alle wilde Nationen bet ihren Siegesfcsten die vornehmsten Begebenheiten in nachahmendem Gesänge feiern: so ist daS Aehnlich» bei diesem Gesänge unverkennbar, 2NÜ Vom Geist Hierdurch dürfen wir auch die Wirkung der Poesie in diesem Zeitpunkte erklären, ohne auf große Kunst derselden zu rechnen: sie war musikalischer Gesang lebendiger Thaten, lcidenschaftvolle nachahmende Dichtkunst. So wirkten jene Prophetenchöre auf Saul: -so wirkte mit seiner leiscrn Harfe David. Auch in unfern Zeiten sind Exempel dieser Art zwar selten, aber nicht unmöglich. Es wird so leicht kein Mensch von Empfindung sepn, auf den nicht einzelne Gänge der Musik, Lieblingslicder seiner Kindheit und Jugend auch im Alter noch wunderbar wirken. In Zeiten'der Traurigkeit, der Krankheit wirken sie lebhafter, oft unaushaltbar. Wie manche sonderbare Erscheinungen könnt?» hierüber angeführt werden*)! Wenn überhaupt Lonkünsiler die Licblingstöne und Gange einzelner Menschen stu- dir- *) Noch in unfern Lagen ist mir ein Beispiel glaubwürdig erzählt, das völlig ein Pendant ist zur Geschichte Sauls und Davids'. Vom hitzigen Fieber waren einer jungen Person Verirrungen nachge- blieben, die durch keine Arznei weggcbannel werden konnten: die Kranke war gesund, nur sie war nicht bei sich, sie rräunue in ihrer Wett fort. Da nichts belfcn wollte, schlug der verständige Arzt vor, der vcrirrwn Lochrcr die Lieder vorzusingcn, die sie in ihrer Kindheit am meisten geliebt hatte» Die Mutter rhats: die Tochter ward aufmerksam, zuletzt gerührt. Jetzt kam man auf den Gedanken, durch einen sanften Lonkünsiler dieselben Gange der Musik, die Lieblingsaceenle dieser Seele der Eb räi sehen Poesie.' 25 ^ dirten und nachher zur höchsten Wirkung auf dieselbe anwcndeten; welche Wunder könnten sie auf diese einzelne Menschen wirken! — Bei einfachen Nationen sind diese Töne durch Nationalgesangc gegeben , die mit gewissen Licblingsgegcnstanden des Stolzes und VatcrruhmS sich von Kindheit an des Herzens und Gehirns jedes Individuums bemächtig- len, und wenn sie nachher unter solchen und andern feierlichen Anlassen wiederkommen, jeden gleichsam verjüngen und die angenehme» Krampfe des frühesten Enthusiasmus bei ihm erneuern. Jedermann weiß, was die Zusammcnstimmung einer großen Versammlung für magische Kraft hat. Nicht etwa nur, daß die conson vereinten Luftwellcn auch die Empfindung verstärkt angreifen, und die Seele, die sich nur als Tropfe in diesem Strome fühlt, in denselben fortreißen; der allgemeine Enthusiasmus verwandter Ideen ergreift sie, und so werden die süssen Rasereien daraus, über die der Weltmann spottet und die sich der kalte Philosoph so wenig erkläret. Man nehme die meisten Begebenheiten dieser frühen Ebraischen Zeiten, welch ein Thema sind sie für die einfachste Poesie mit der einfachsten Musik verbunden, kurz sür's lyrische Gemälde! Die Seele simpel zu verändern und so rührend zu machen, als es scyn konnte. Das, Mittel gelang. Die Kranke brach in Lhränen aus und fragte : wo sie so lange gewesen? Sie wußte nichts von ihrem bisherigen Zustande: ihr Dämon war Lurch Musik verjaget. HcrdcrsWerke z.Rel. u. Theol. II. N 258 Vom Geist Tochter Jepkvtha, wie sie zum Tode geht, und Chöre der Jungfrauen uin sie klagen! Sie geht als Opfer zum Altar, als Braut in die Schatten des Todes: sie beweint ihre Jugend, nimmt Abschied von allem, was ihr lieb war im Leben, sie weissagt vielleicht am Altar — welch ein rührendes Gemälde in Worten, Tönen, Gebehrden! — David vor Saul: mehr als Ein Dichter hat die schöne Situation genutzt; mir ist aber Niemand bekannt, der David seine Harfe entwandt und eint Poesie hervorgebracht hätte, wie auch nur Dry- dens Ode in Handels Composition ist, da Timotheus vor Alexander spielet. Dem tonvollen Milton hat Simson zu einem sehr musikalischen Drama Anlaß gegeben und die Israeliten in der Wüste sind uns allen bekannt. Ehuds Schwert könnte wenigstens eben ein solches Lied erschaffen haben, als in Griechenland am panathe- naischen Feste schallte: der Gegenstand ist derselbe. Harmobius und Aristogiton hatten ihr Schwert bedeckt getragen, da sie den Tyrannen Hipparchus erlegten und Athen wieder zum Freistaat machten. Ihr Lied ist noch übrig und ihr Andenken lebt in Accenten des Ruhms. Schade, daß wir Deutschen bei diesen alten Wunderbegebenheiten nur auf die Epvpce verfielen, die doch für die meisten Gegenstände ein zu langes, kraftloses Mahrchen wird; andre Nationen haben sie zu lyrischen Gemälden erhoben , wo sie kürzer, andringender, rührender tönen. — Selbst die Meynungen dieses Zeitalters halten viel poetischen Stoff. Wer die Aufforderung des Geistes Darius in Acschylus Persern gelesen, da der verstorbene glorreiche König mitten der Ebr äischen Poesie. 269 unter Chorgesängcn erscheint, daß er über dos Schicksal des unglücklichen Reichs weissage, der wird bei Sauls Todtenbefragunq zu Endor an etwas anders denken, als an bloße Spekulationen über den Betrug der Hexe. Der aus dem Todtenreiche ausstci- gende Prophetenschatte weissagt, wie Darius, über das Schicksal des zerrütteten Reichs, über den nahen Tod Sauls und seiner Söhne. So manche Altvater, die sterbend weissagten, erinnern sie uns nicht an Hektar, an Patroklus, an Cassandra, die Aeschylus und Homer auch weissagen lassen in den letzten Augenblicken des Lebens? Endlich Jonathans Freundschaft, Davids frühe Begebenheiten — welche Gemälde für die empsindungsreiche Dicht- und Tonkunst! Kurz in diesem Zeitalter blüht die Jugend der Ebraischen Muse. Die Wunder der Wüste waren so weit fortgerückt, daß sie nicht mehr drücken, wohl aber stolz machen, erfreuen konnten. Sie waren noch keine verlebten Mahrchen, wie sie in den spätern Zeiten wurden; es war gerade der Zeitpunkt, da sie Nationalbegeisterung weckten: denn jeder Held ward ergriffen vom Geiste Jehovahs. Dieser Name und die alten Wunder, deren Früchte sie genossen, verbreitet Einheit und Anmurh auch auf manche sonst nicht reizende Thaten. Wenn Kindern alle Geschichten erzählt werden könnten, wie das Buch der Richter und Samuels die ihrigen beschreiben; sie würden sie alle als Poesie lernen. — R » Vom Geist 260 Anhang. S i m s o n. Fragment eines Gespräches. A. Also auch das Fabel- und Mahrchcnbuch der Ebräer wollen Sie rechtfertigen, das Buch der Richter? E. Ich rechtfertige nichts; ich erkläre. A- Erklären Sie mir also den heroischen Aben- theurer Simfon. E. Warum nennen Sie ihn also? A. Weil er's war, weil er sich in lauter solchen Streichen zeigte. E. Nun, so war er's. Ich rechtfertige nicht, sondern erkläre. Jovialität und leichtsinniger Ueber- muth charakterisiren ihn durch sein ganzes Leben. So war er, so schildert ihn seine Geschichte. Wein und stark Getränk war ihm versagt, desto mehr hielt sich der rasche Jüngling an Abentheuer und Liebe. A. Aber welch ein toller Gedanke: „ich will „ein Weib nehmen aus den Philistern, damit ich „eine Ursache an sie finde:" war das Liebe? E. Keine empfindsame unsers Jahrhunderts, eine Abentheuer-Liebe, oder wenn Sie so wollen, Wollust. Der junge Mensch, der seine Kräfte fühlte, wußte nicht, wie er an die Philister sollte. Sie wissen, wie schwer der erste Schritt ins Leben wird und wie unschicklich manche sich dabei betragen. Zs. Also ein Weib holen aus den Töchtern der Philister, um mit ihnen in Händel zu gerathen? E- Der sicherste Weg, wenn man sich als Sim- son fühlet. Schlugen sie sie ihm ab: so war der Aaun gebrochen. Gaben sie sie ihm; cs wäre schlimm, daß sich mit einem Weibe nicht auch Handel erhei- rathcn sollten. A. Er hcirathete also die Eris? E. Nur Er warf den Apfel hin, Nathsel. Aber Räthsel mit einer bösen Bedingung: dreißig gemeine und dreißig Sonntagskleider; das war damals viel! das lohnte der Mühe, die Braut sechs Tage zu plagen. A. Und der Tropf ließ sich das Gchcimniß ausschwatzen ? E. Weil er, wie mehrere Helden der Art, gegen Männer stark, aber sehr schwach war gegen die Weiber. Wir hatten es ja schon bemerkt, daß Jovialität und leichtsinniger Uebcrmuth die herrschenden Züge seines Lebens waren: man fand ihn entweder einer Delilah im Schooß oder im Handgemenge mit Männern. Hier brachte ihn das eine ins andre, gerade wie er bei seiner Freierei Liebe und Händel combinirte. Er entdeckt ihr das Räth- sel und geht und schlägt dreißig Philister tvdt, plündert die Hauser und bringt die Kleider: das wollte er ja eben. A. Und verläßt seine Braut und läßt sie als Dpfer der Rache — E. Das kümmerte ihn nicht: er nahm die Braut der Händel wegen. 262 Vom Geist A. Und kommt wieder mit einem Ziegenböck- - lein und will zu ihr in die Kammer — E. Das kümmerte ihn nicht: Jovialität und Leichtsinn war sein Charakter. A. Aber sie war einem andern gegeben. E. Auch das war ihm recht: „nun," sagte er, „habe ich einmal eine gerechte Sacke an die Phili- „ster:" nun konNte er Schakals fangen. A. Dreihundert Schakals? Er allein? E. Wer sagt das? hat cs einem Abcntheurer, wie Simson, je an lustigen Gesellen gesehlet? Sie hatten also den Spaß mit, und er stand für die Rechnung. A. Also dreihundert belfernde Schakals im Ge- traide der Philister — E. Sie gehn ja heerdenweile im Orient, laufen in die Hauser und sind leicht zu fangen: der Einwurf ist nicht wcrth, daß wir dabei verweilen. A. Und beim Thbr zu Gaza? E. Auch nicht: wir wissen ja nicht, wie groß da« Thor war? und wohin hatte cr's nicht schleppen können, des Schimpfs und Abentheuers wegen? Auch hier waren wieder Wollust und Tapferkeit bei einander. A. Und der Eselskinnbacken? — E. Der ist eigentlich das schönste Abentheuer: es beruht auf einem Wortspiel, die der jovialische Simson sehr liebte. Weiber, Handel und Wortspiele mußten ersetzen, was ihm an Wein gebrach. A. Seltenes Wortspiel, das tausend Philister mit einem Esels-Kinnbacken todtschlägt! der Ebrai sehen Poesie. 26Z E. Selten, aber liier wahr. Simson, der unter seinem feigen Volke nicht Beistand, nicht Sicherheit fand, wohnte in einem ticsen Felsen, unweit Lcchi — was heißt Lcchi? A. Kinnbacke. E. Er wohnte also einem Kinnbacken nahe, d. i. nahe einer Höhlung, die wahrscheinlich wie ein krummes Eselsmaul gestaltet war und wo er sich allenfalls gut vcrtheidlgen konnte. Daß der Ort auch vor seiner Abcntheucrthat so hieß, ist aus Luchter i 5 , r 3 . 14. 19. klar. A. Und weiter? E- Seine feigen Landsleute verricthcn den Philistern nicht blos den Ort, wo er war, sondern versprachen auch, ihn, gebunden, an sie auszuliesern. Sie hatten die Unverschämtheit, ihm dies selbst zu sagen, und er ließ sich binden, weil ihm sogleich ein neuer Streich beiflcl. A. Der Kinnbacke? E. Eben der Kinnbacke: er wußte den engen Paß, den krummen AuSgang aus dem Felsen, der Kinnbacke hieß. Also nahm er von seinen Landsleuten nur das Versprechen, sich ruhig zu halten: denn wenn sie ihn gebunden überliefert harren, wäre das Gelübde ihrer Feigheit erfüllet; das andre wolle er besorgen. A. Und? — E. Und er kam gebunden bis gen Lcchi, d. i. in des Kinnbackens Ocffnung, zum krummen, engen Paß: da empfingen ihn die Philister jauchzend. Ihn aber, ihn faßte Mulh und Geist Jehovahs, er zerriß die Stricke, wie versengte Fäden. 264 Bom Geist A. Und? — E. Zum Glücke seiner Rettung an diesem schicklichen Orte und zum Glücke seines Wortspielwitzes über denselben leig eben ein frischer Kinnbacke eines Esels im Wege. Er vcrtheidigle sich in dem engen Passe, wo man ihn nur einzeln angrcifcn konnte, und schlug damit den ganzen Trupp Helden, die ihn sich nicht anders als gebunden wollten überliefert haben. Jetzt war er los. A. Aber tausend? E. heißt tausend und ein Trupp t Simsen machte nachher ein Wortspiel und hatte wahrscheinlich, da er einen Scherz sagen wollte, den Haufen nicht Mann für Mann gczahlet. Eben im Doppelsinn liegt ja der Scherz deS Wortspiels dieser Zeiten. Beim-Kinnbein vom Esel ein ganzes Heer! lNDss,) Ich zerschmiß sie mir dem Kinnbein vom Esel; Die tausend Helden da. Wer solche Wortspiele eines fröhlichen siegcstrunk- nen Helden auffangen, und nach Maaß, Zahl und Gewicht berechnen will, der mag rechnen. A. Es blieb also ein Esels-Kinnbacke? E- Und wenn es denn nun auch ein nasses, mürbes Stück vom Felsen Lechi gewesen wäre, was er aus sie walzte, oder ein Haufen Steine, ja wenn cS der ganze Fels Lechi gewesen wäre, konnte er sich damit besser wahren? Das beste Gewehr ist das, was mich am besten verlheidigt und den Feind am meisten beschämt; mich dünkt, bas war hier. Er warf ihn also auf dcr Höhe nieder, und nannte den Ort Ramath Lechi, weil die eigentliche Oeffnung Lechi unten lag — ein zweites Wortspiel. A. Und die Quelle aus dem Zahne des frischen Kinnbeins? — E. Heißt Anrufers-Quell und fließt, sagt dcr Erzähler, noch jetzt aus dem (krummen Felsen) Lechi ; dcr Eselskinnbacke ist wahrscheinlich nicht mehr da. A. Und Gott öffnete ihm den Brunnen auf sein Gebet? E. Soll ich das forkgehcnde Wortspiel, das hier wirklich schön wird, noch erklären? Der kampfer- mattcte Simson will erliegen: da sieht er sich um: da fließt eine Quelle. Gott hat sie aus dem Felsen Lechi selbst gespaltet, für ihn gespaltet, sonst wäre der ermüdete Held, trotz seines Sieges, gestorben: denn der Esels - Kinn - backe thats nicht allein. — Mich dünkt, eine schöne Simplicitäl dcr Empfindung. A. Sie sprachen von andern Wortspielen Sim- sons. E. Sie dürfen nur an sein Räthselspicl auf der Hochzeit denken: Ich will mit euch nun Räthselworte rathsclnr Antwortet mir: A. So räthsele mit uns dein Rathsel; Wir hören zu. E. Bom Fressenden kam Speise, Vom Grausam-starken Süßigkeit. A. Süßer ist nichts als Honig! Starker ist nichts als dev Leu. E- Hattet ihr nicht gepflüest mit meinem Kälbchen,' So hättet ihr nicht errathen mein Näthselchen — im Original reimt sich das Letzte. Sie sehen, worin die WitzeSsreude der Hoch-eitgesellschaft bestand, und wie sauer ihnen, wie leicht Simsen der Witz, ward. Er starb ja mit einem traurig-fröhliche« Wortspiele. A. DaS ich nicht weiß. E. Erinnern Sie sich des traurigen Augenblicks, da der Weiber - schwache Held auf seiner schlanken Dclilah Schovße entschlief und der Liebe beichtete, was er keinem Menschen beichten sollte: das Geheimnis der Stärke sey in seinen Haaren. A. In seinen Haaren? da ist wieder ein Mahrchcn. E. Nicht anders. So hatte cs der junge Held von Kindheit auf gehört: er scy ein Verlobter Gottes von seiner. Empfängnis an. Diesem Gelübde seiner Mutter hakte er Zeitlebens Wein und Freude aufgeopfert: denn Sie wissen, wie heilig bei Völkern in solchem Zeitpunkte, im Genius des Buchs der Richter Gelübde gelten. Alles ist in diesem Buche voll Nationalgeist von Jehovah; nur durch ihn also, durch seinen augenblicklichen Beistand war jeder Held im Augenblicke seiner That stark und groß. Jetzt war der Gottgeweihte entweihet: die Krone Jehovahs lag ihm zu Füßen, vom Haupt ihm gerissen durch die Hände seiner unbeschnittencn Feinde. Er erwachte. Sein Geist, der Muth von Jehovah hatte ihn verlassen, wie die Helden Homers, wenn sie fallen sollen, ihre Götter. Die Philister be.mäch- ligtcn sich seiner : der einzige Schwachheitsfehler sei- der Ebrai sehen Poesie, 267 nes Lebens kostete ihm Freiheit und Augen.— JstS nicht mit allen Helden so gegangen? Das Schicksal ließ ihrer Schwachheit nur bis auf einen gewissen Punkt den Zügel: sobald sie diesen überschritten, kehrte cs sich gegen sie, und was voraus leichte, glückliche Jovialität gewesen war, ward jetzt ihr Verderben. Niemand vcrrathe auch der, die in seinen Armen schlaft, seiner Starke Geheimniß. A. Mit den Jahren aber bekam er Haare und Starke wieder. E. Auch guten Math wieder; aber nur noch zu Einem Streiche der Rache — sein Leben zu enden. Was sollte der blinde Mann weiter? der bitterste Affekt gab ihm das ein, was ihm sonst Scherz und Spott eingab, ein Wortspiel. Jehovah, Gott! denk einmal noch an mich, - Ich bitte dich, und starke mich noch diesmal, Gott! Ich bitte dich, daß ich mich rachen kann Mit Einer Rach' um meine beiden Augen. So ergriff er die beiden Pfeiler ihres alten Götzentempels und sprach: meine Seele sterbe mit meinen Feinden! und starb, wie er gelebt hatte, leichtsinnig, froh und willig, ein pradestinirter Feind der Philister von Mutterlcibe an. A- Armer Simson! E. Armer Simson! — Sie sehen, was am meisten verspottet wird, ist das charakteristisch-eigenste und schönste, die Ader seines,.Lebens. VIII. Fernere Rests aus den poetischen Zugeirdzeilen Israels. Inhalt. Jothams Fabel. Dom Geiste der Fabeln des Orients überhaupt. Simsons Räthsel. Räthsei Azurs. Liebs der Kinoer und sinnlicher Völker zu dieser Dichtungsart. Simsons Wortspiele. Von Namen- und Wort-Anspielungen der Ebräer überhaupt. Ursachen des häufigen Gebrauchs derselben bei diesem Volke und in seiner Sprache. Vom Zwecke und Werthe derselben fürs Ohr und Gedächtnis'. Liebhaberei der Ebräer, neue Ideen in alte geweihte Ausdrücke zu kleiden. Ob die Zeiten derRich- ter glückliche Zeiten waren? Gesang der Hanna: Ankündigung einer andern Zeit. Samuels Verdienst. Prophetenschulen. Was sie gewesen? Wirkung ihrer Gesänge auf Saul. Davids und Jonathans Freundschaft. Klagegesang Davids um Jonathan. ^n die poetischen Zeiten der Freiheit Israels gehört auch die schöne Fabel Jothams. Sie ward, wie Aesop und Menenius Agrippa ihre Fabeln machten, über eine lebendige Begebenheit als Lehre ans Volk Vom Geist der Ebraischen Poesie. 269 gesagt; und das ist der Fabel bester Ursprung'und bester Endzweck. Bäume reden und handeln in ihr: denn Israel lebte damals unter Baumen, in einem Hirten- oder Ackerleben. Der jüngste Sohn eines verdiente» Vater-, der von allen seinen ermordeten Brüdern allein übrig ist, tritt auf die Höhe des Berges, erhebt seine Stimme und spricht zum Volk, das. den Unterdrücker seines Geschlechts, den Mörder aller seiner Brüder zum Könige gemacht hat, also s): Ihr Männer! ihr Herren zu Sichem, höret mich! Und Gott wird euch auch hören! Es gingen die Bäum' einmal, Zu salben einen König über sich. ' Sie kamen zum Oetbaum: ,,Sey König über uns." Da sprach zu ihnen der Oelbaum: „Soll ich aufgeben meinen fetten Saft, „Ob dem mich Götter und Menschen ehren, „Und hingchn, daß ich über den Bäumen schwebe? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum; „Komm du, sey unser König!" Da sprach zu ihnen der Feigenbaum: „Soll ich aufgeben meine Süßigkeit „Und schöne Jahresfrucht, „Und hingehn, daß ich über den Bäumen schwebe? — Da sprachen die Baume zum Weinstock: „Komm du, sey unser König." Da sprach zu ihnen Vrr Weinstock: „Soll ich aufgeben meinen süßen Most, ») Richter g, 7. 270 Vom Geist „Der Götter und Menschen fröhlich macht, „Und hingehn, daß ich über den Bäumen schwebe? Da sprachen alle Baume zum Dornbusch: „Komm du, sey unser König!" Der Dornbusch sprach zu den Baumen: „Wenn es denn wahr ist, daß ihr mich „Au eurem König salbt: „So kommet und vertraut euch meinem Schatten. „Wo aber nicht, „So gehe Feur vom Dornbusch aus „Und fresse die Cedern Libanons. Die Fabel lebt ganz in den wilden Zeiten avtono- mischer Freiheit. Im Geiste und Gefühle dieser stellt sie die ruhige Glückseligkeit einzelner frucht- und saftvoller Bäume dar, die alle keine Königshöhe begehren. Sie stellt die Göttergaben ins Licht, durch die eben der Dornbusch zur Königswürde gelangt und die er beim ersten Anträge in sich fühlet. Sie zeigt die innere Art der Königswürde, nämlich kalt und dürr, ohne Oel und Freude, über blühenden Baumen zu schweben. Endlich erzählt sie auch die ersten Gnadcnbezeugungen des Dornbusches, seine Capitulation mit den Cedern auf Libanon, daß sie sich entweder unter seinen, des Dornbusches, Schatten begeben oder von ihm, dem Dornbusch, mit Feuer gefressen werden sollten. Schöne Fabel! voll trauriger Wahrheit in mehr als Einer Zeit! Der Orient ist voll solcher moralisch-politischen Fabeln. Was die Geschichtschreiber europäischer Völker in Aphorismen vortragen, kleideten sie in das Gewand der Dichtung oder des Mahrchens. Der Tyrann, der ihnen die freie Stimme nahm, mußte der Ebräischen Poesie. 271 ihnen wenigstens die.Fabel, dos Sprüchwork, das alberne Geschichcchen lassen, das. sich denn nicht nur der Seele des Volks empfahl, sondern sich gar zuweilen dem Ohre des Monarchen in demüthiger Verkleidung zu nähern wagte. So erzählte Nathan dem Könige nach dem Herzen Gottes, eine kleine Parabel vom einzigen Schaaf des armen Mannes k) : so sang JesaiaS seinem geliebten Freunde, dem Volke, ein Fabellied von einem andern geliebten Freunde u), das nichts anders enthielt , als wie jenes ein unfruchtbarer , unnützer Weinberg ft», dem dieser, der Herr des Weinberges, die schnelleste Verwüstung drohe. Die Propbeten mahlen Symbole an die Wand, oder werden selbst zum Symbol, zu einer lebendigen Fabel, und wenn dann die Neugier fragte: was ist das? was will die alberne Figur sagen? so erzählte ihnen der Prophet liebreich die Bedeutung. Oft giebt er ihnen diese auch im Wortspiel. Was siehst du, Jercmia? „Den Stab von einem Mandelbaum!" Du sähest recht! ^ Denn wache» will ich auf mein Wort, Daß ichs erfülle — ci) Welcher Anspielungen auch auf Namen, Denkmale und Begebenheiten die historischen und poetischen Schriften der Ebraer voll-sind. — Und weil nun eben auch die Räthsel- und Wortspiele Simsons in diese Zeit gehören: so wird es l>) 2 Sam. v2, 1. ä) Jex. 1, 11. i». e) Les. ö, l. 272 Vom Geist vielleicht am"besten Orte seyn, sich über beide Dinge, die der morgenlandischen Poesie so beliebt sind, naher zu erklären. ch * * Alle Sprüche im Rathsel Simsons*) sind im Original, Parallelismus oder gar Reim. Feierlich wird den Hochzeitgästcn die Frage vorgelegt und feierlich die Antwort erthcilct. Sieben Lage war ihnen Bedenkzeit gegeben und ein großer Preis aus die Auflösung gesetzt. — Lauter Beweise der Achtung, die man auf diese Spiele des Witzes in damaligen Zeiten setzte. Wir finden diese Achtung und Liebhaberei für Rathsel noch in später» Büchern. Die Königin von Saba kommt, SalcmonS Weisheit auch in ihnen zu erproben, und das vorletzte Kapitel seiner Sprüche enthalt beinahe nichts als Rathsel e) — freilich in einem andern höhern Tone. Worte Agnrs, des Sohnes Jakeh. Zu Jthicl sprach der Mann erhabne Spruche, Zu Jthiel und Uchal sprach er also: Bon Männern ich der Unverständigste, Was Menschen Klugheit nennen, Hab' ich nicht, Ich habe nicht gelernt (der Menschen) Weisheit Und sollte wissen der»Heilgen Wissenschaft? Wer stieg gen Himmel und stieg hinab? Wer fastete den Wind in seine Faust? Wer ») S. im Lten Anhänge zum vorigen Abschnitte» e) Sprüche Sal. so. der Ebrai sehen Poesie. Wer band die Wasser in ein Kleid? Wer setzt' der Erd' all' ihre Grenzen? Wie heißt der Mann? und wie sein Sohn? (sein Schüler) Sag' mir es, wenn du's weißt! — Die Auflösung dieser Räthselsprüche ist vielleicht simpler, als man glaubt, und man findet sie nicht, eben weil man zu tief sucht. Der weise Agur will zu seinen Schülern erhabne Sprüche reden; bescheiden aber fangt er an, daß man bei ihm nicht zu hohe Weisheit suche. Er, der den Männern seines Geschlechts an Verstände und Wissenschaft nachstehe, der es bekennt, Menschen-Wcishcit nicht gelernt zu haben; wie sollte er der „Gottvertrauten k)" Wissenschaft wissen? Offenbar steht hier die Weisheit der Menschen dieser als einer höhcrn Wissenschaft entgegen; die Gottvertrauten sind also solche, die sich eines höhern Lichts, einer Berathung der Götter rühmen dürfen, wie crs selbst sogleich in Fragen erklärt. Der wahre Weise muß gen Himmel gestiegen und von da wiedergekvmmen seyn, er muß die Tiefen der Schöpfung kennen und den Verstand des ganzen Weltkreises haben: sonst verdient er diese Namen nicht Z). „Und wie heißt, fragt Agur, der l) sind Heilige, Himmlisch-, mit Gott Vertraute. Von Gott selbst kommt der Name bisweilen vor; (S. Schröders Obss. I. üebi-. p-12.) und er führt immer den Begriff des Abgesonderten, Geweihten mit sich. g) Daß dies das Ideal der Weisheit bei den Mor» Herders Werke Rel. u. Theol. II. S .--i 274 Vom ".'eist Mann, der dies von sich rühmen dütfte? wo lebt er und wie heißt der Schüler, den er erzogen? Nenne mir ihn!" D. i. es gicbt keinen selchen auf der Erde. — Augenscheinlich ist dieser Ansang «in Nachhall jenes Weisheitspruches bei Hiob, da mit eben den Worten und Gründen gesagt wird, daß Gott allein der Weise sey, weil Er allein die weile Schöpfung kenne, den Wind gewogen, die Grenzen der Erde berechnet habe. Dem Menschen gebühre eine andere Weisheit und sie ist genau die, die auch Agur angiebt. Er fahrt fort: Was Gott uns anbefahl, das ist goldlautre Weisheit; Sein Ausspruch ist ein fester Schild Für den, der sich ihm traut. Au Gottes Worten füge nichts hinzu, Daß nicht, wenn er dich scharf durchfragt, Er dich unwahr und einen Lügner finde. Genau, was auch Hiob sagt: „Furcht Gottes sey dem Menschen die einzige GotteSweisheit." — Also in dieser Einleitung Agurs ist kein Nathsel; einige andre Sprüche nähern sich ihm mehr. Zwei Wünsche fürs menschliche Leben. Zweierlei begehrt' ich nur von dir: . Versage mir es nicht, so lang' ich lebe. Abgötterei und Heuchelei Entferne weit von mir, genlandern sey, sieht man schon aus i Mos. 5. Hiob -8. Sprüchw. 3, >g. so. Kap. 8, s-- 3i. «. f. der Ebräischen Poesie. 275 Armuth uns Reichthum gieb mir nicht; Laß mich genießen mein beschissen Brod, So lang' ich leb' aus Erden. Ich möchte sonst, zu satt, ein Lugner werben Und sage»: wer ist Jehovah? Oder, zu arm, möcht' ich zum Diebstahl greisen, Bergreifen mich an meines Gottes Namen (Durch falschen Schwur.) Wie schön ist die Aufgabe des Zweierlei im Leben gewandt! vielfach gewandt, und jedesmal so wahr und bescheiden! Die böse Art. Eine Art ist, die ihrem Vater flucht, Ihre Mutter selbst nicht segnet! Eine Art, die immer rein in ihren Augen ist, Und nie gewaschen wird von ihrem Koth! Eine Art, drs hoch die Augen trägt, Und stolz die Augcnlieder hebt. Eine Art, die Dolche zu Zähnen hat, Deren Vorzähne Messer sind — Die Dürftigen des Landes fressen sie weg, Die Armen unter den Menschen. — Die beiden letzten Zeilen sind die Auflösung des Rathsels; eS möge sie der Dichter selbst oder ein anderer sagen. Das Unersättliche. Ein Räthsel. Die Halukah hat zwo Töchter r „Bring' her! bring her!" S 2 276 Vom Geist Drei Dinge sind nicht zu sättigen, Bier sprachen nie: „Genug!" Das Lodtenreich, Und das unfruchtbare Weib: Die Erde, nimmer des Wassers satt, Und die Flamme, die nie gnug Nahrung hat. Die Halukah ist die Parze der morgenlandischen Fabel; wahrscheinlich die Mutter des TodtenreichS und des Abgrunds (711231 , die nach Sprüchw. 27, 28. nimmer gesättigt werdend). Sie ist hier die Einleitung und das Gleichniß zu den vier Dingen, die unersättlich, wie sie, sind; in dem eben genannten Spruche sinds auch die Augen der Menschen: Höll und der Abgrund sättigen sich nie Und Augen der Menschen, wer sättigt die? Vier verborgene Dinge. Drei Dinge mag ich ausspahn nicht Und auch das Vierte weiß ich nicht. Des Adlers Weg in den Wolken, Der Schlange Weg an dem Felsen, Des Schiffes Weg in den Wellen, Des Mannes Weg bei der Jungfrau. — Die drei ersten stehen wahrscheinlich nur des Letzten Ii) Auch in mehrern poetischen Stellen stehn sie als personificirte Wesen zusammen, z. B. Sprüchw. ab, ir. Hiob 26, 6. Kap. 28, 22. lieber die Halukah als Schicksal der Morgenländer s. Lo- aliart. Hieroroia, D. 2. p. Zoo. der Ebrai sehen Poesie. 277 wegen da; es ist die -Manier des morgenlanbischcn. Rathsels, so vorzubereitcn. Da aber das Vierte in unsrer Sprache eine Zweideutigkeit giebti), von der das Ebraische nichts weiß: so setze ich nur eine ähnliche Stelle Heck) und die Zweideutigkeit verschwindet: Wie du nicht weißt des Windes Weg, Noch wie sich Eisbeine bilden im Mutterleibe: So kannst du auch nicht cinsehn Gottes Werk, Das er thut überall. Die Art der Bildung des Menschen im Mutterleibe war den Mo^enlandern das unerforschbarste Wunder, das tiefste Ralhsel; und ist sie es nicht allen Naturweisen noch bis auf diese Stunde? Dahin zielte also die Aufgabe mit ihren weit ausholenden Bildern. — Wahrscheinlich ists jetzt ein anderer, der zu den genannten vier unerforschbaren Dingen noch ein fünftes antwortend schließt. Gleich unausspähbar ist die Ehebrecherin; Sie ißt und wischt den Mund und spricht: „Ich habe nichts gethan!" Man flehet das Spiel der Zusammcnrcihung Verls Sie entsteht aus dem Worte „Weg", das bei den Morgenländern ganz gewöhnlich Art und Weise bedeutet: das Ralhsel der Generation konnte in diesem vierfachen Wortspiel nicht eigentlicher gesagt werden. Sollte das Schleichen eines Mannes zur Jungfrau Punkt der Vergleichung seyn, so müßte wohl, statt stehen, k) Predig, rr, 5. 278 Dom Geist schiedener Sachen, die unter Einem Hauptbcgriff einander ähnlich werden. Je verschiedener, (schienS den Morgenländern), desto scharfsinniger, desto besser; insonderheit paarten sie gern Analogie aus dem Reiche der Natur und der Sitten. Aeusscrst beschwerliche und unerträgliche Dinge. Drei Dinge sind der Erde selbst beschwerlich Und auch ein Viertes ist ihr unerträglich. Der Sklave, wenn er König, Der Narr, wenn er zu satt ist; Die Gehaßte, die nun Frau wir - , Und die Magd, die ihre Frau erbt. Bier kleine und sehr geschäftige Wesen. Vier Thierchcn sind die kleinesten der Erde Und sind doch weiser als die größten Weisen. Das Ameis-Völkchen ohne Heldenkräfte, Und sammlet sich im Sommer seine Speise. Bergmäuse, auch ein Volk von keiner Stärke, Und legen doch ihr Haus hin in den Felsen. Heuschrecken; über sie regiert kein König, Und ziehen aus und lheilen pfeilschnell Alles. Die Eidechs; man kann sie mit Händen greisen Und wohnet dennoch in des Königs Hausern. — Vielleicht ward des letzten wegen die ganze Vergleichung gemacht, da ein dergleichen.Geschöpf, (die den wärmern Gegenden beschwerlich fallen und in den Mauern wohnen,) selbst in des Königs Pallast zum Vorschein kam: denn die Morgenländer lieben dergleichen Spiele und Ausgaben vorzüglich in der der Ebräischen Poesie. 279 Gesellschaft; wie sie sich denn auch eigentlich bis, «eilen dazu versammeln. Dinge von prächtigem Gang. Drei Dinge haben stolzen Gang Und auch des Vierten Tritt fallt schön ins Auge. Der Löw', ein Heldenkönig unter denLhieren; Nie kehrt' er um vor Feindes Blick. Der Hahn, der stolz auf seine Sporen trittl), Der Widder, der vor seiner Heerde zieht, Ein König, der aufbricht mir seinem Volk. Genug der Rathsel. Man sichet, wohin ihr Blick gehet? Ähnlichkeiten der Dinge aufzufassen, und sie unter einem moralischen oder künstlichen Gesichtspunkt zu vereinen. Alle Völker auf den ersten Stufen der Bildung sind Liebhaber von Räthseln; die Kinder sind es auch und aus eben demselben Grunde. Ihr Witz und Scharfsinn, ihre Bemerkungs- und Dichtungsgabe äußert sich damit über einzelne Gegenstände aus die leichteste Weise; und der Preis, den der Erfinder sowohl als der Errather eines guten Nathsels in seinem Kreise davon tragt, ist ihnen gleichsam Kampfpreis, die unschädlichste Siegcskrone. Ich wünschte, daß wir von mehreren sinnlichen Völkern, statt Beschreibungen über den Geist derselben, Proben ihres kindlichen Witzes, ihres sich k) Das zweite und dritte habe ich aus den alten Ucbersetzungen supplirt, da im hebräischen Texte beim zweiten das Subjekt, beim dritten das Prädikat fehlet. übenden Scharfsinns in Sprüchwörtern, Scherzen und Räthseln hätten; wir hätten damit die eigensten Gänge ihres Geistes: denn jeder alte Völkcr- siamm, den ich kenne, hat in Auffindung solcher Äehnlichkeiten bei seinen Lieblingsgegenstanden und Licblingsidecn ganz seine eigene Weise. Wir haben sic aber bei wenigen, weil gerade diese Dinge zum Hciligthum jeder einzelnen Sprache gehören, und oft so schwer zu verstehen als unübersetzbar sind. Wir kommen von Rathseln auf Wortspiele. Der jovialische Simson scheint sie sehr geliebt zu haben; er macht bei Einem Vorfall ihrer drei oder mehrere-*) Da diese in der Poesie der Ebcäcr so häufig als verschieden sind, und man über sie, des Namens „Wortspiel" wegen, so verschieden geurtheilt hat: so lastet uns etwas mehr hiervon reden. Wortanspielungen durchgehen alle Schriften der Ebräcr; Jesaias insonderheit liebt sie sehr, und die Dichter, die ihm Nachfolgen, folgen ihm auch hierin nach; eben deshalb werden manche ihrer kräftigsten und schönsten Stetten ganz unübersetzbar. Zufärdcrst bitte ich, daß man das Wort „Wortspiel" weglasse, und . lieber Namen-Anspielung, Schalles-Aehnlichkeit sage. Unter dem ersten denkt man sich meistens nur die schlechte Kunst, die der Engcllandcr tns not vk punninz; nennt, und von deren Uebermuth der alte Ebracr nichts wußte. Seine ) Sie sind in dem Gespräche über seine Geschichte (Anh. zum vor. Abschn.) erklärt. der Ebrai sehen Poesie. Anspielungen beziehen sich auf Nomen, Dcnkmeile, Sachen , oder sie liegen im Bedürfnis und im Bau der Sprache; aus allen diesen Quellen gingen sie sehr natürlich ins Reich der Poesie über. 1. Von den ältesten Zeiten an war bei den Ebraern alles an Namen geheftet; diese waren ihnen Geschichte, Denkmale der Erinnerung, Ueber- lieferungen des Segens. Wenn nun einem Mann, aus Umstanden seiner Geburt oder aus Begebenheiten seines Lebens, ein Name gegeben war, so folgte daraus, wenn man will, ein Wortspiel; ein sehr bedeutendes Wortspiel aber für die Geschichte. Von Adam an findet dieses statt: alle Stammvater bekamen also ihre Namen. 2 . Wenn dieser Name nach Begebenheiten dcS Lebens verändert oder modificirt ward: so entstand ein neues Wortspiel, eben so angenehm fürs Ohr und das Gedächtnis. So ward der Name Abraham, Sara, Jakob verändert rn) : so kann Kain, Noah und so viele andre verändert werden. In Erzählung ihres Lebens wird darauf Rücksicht genommen: so scherzte Isaak mit seinem Weibe Rebeckan): so wird Ephraim seinem Namen nach bald ein Fruchtrcis, bald ein Wildern),, durch eine leichte Abbiegung des Namens. 3. Insonderheit wurden die Segcnssprüche ins i Mos. 17, 5 . ib. Kap. 3 o, r8. n) 1 Mos. 26, 28. v) r Mos. sti, So. Hos. i 3 , 11. 232 Vom Geist aus Namen der Söhne genommen: Seth, Sem, Japhet, Judah, Gad, Ephraim, Danx) u. f. empfingen also ihren Segen. Beim Namen des Stammvaters erinnerte sich sein Geschlecht, was über ihn gesagt war; wenn das Geschlecht abwich, verwandte 0er strasende Prophet durch eine kleine Beugung seinen glückbringenden Namen. Das Alles war kein Spiel des Witzes, sondern ein Pfeil der Erinnerung für die, die es anging. 4. Was von Namen ailt, gilt auch von Denkmalen , von Städten. Merkwürdige Begebenheiten benannten sie; neue Begebenheiten veränderten so und so ihre Namcy. Veth-El, das Gotteshaus, wo Jakob scklief, ward Beth-Aveng); jener große Stein (1 Sam. 6, 18.) ein Trauerstein, durch eine leichte Jnflerivn des Namens. So wars mit jenem Haufen, der Zeuge seyn sollte: (i Mose 3 r, 52 .) Laban und Jakob nannten ihn anders aus Einem Grunde. Wie verschieden werden die Namen der Städte und Völker von den Propheten angewandt, die über sic weissagen! Babel, Edvm, Eananiter, Keniter, Ekron,*Gaza u. f. 5 . Ein Gleiches geschah mit Begebenheiten, entweder spottend oder zum Lobe. Jene, die auf 3 a Eseln ritten, bekamen 3 o Städte r). Na- p) 1 Mos. l», 25. D- 9, 26. 27. K. l»g, 8. 16. 19. 22. cx) Am es 5, 5. , r ) Mich, iv, l». - . 283 7 der Ebraischen Poesie. bol war ein Narr, wie sein Name sagte. Samuel ward Gott geschenkt, weil er von ihm erbeten war«), durch eine leichte Umbildung des Namens. Zu alle diesem half ausserordentlich die Sprache, die an so wenige und einander so ähnliche Wuczelwörtcr zusammen geht und mit ihren einförmigen Veränderungen so viel verändert. Eine sehr fleißige Abhandlung, die ich unten citiret), hat nach Buchstaben des Alphabets und nach Hauptvariationen die Namen - und Wortspiele der Ebräer sorgfältig gcsammlet. 6. Durch Namen also und durch den Bau der Sprache auf den Weg gebracht, durch Segcns- spüche der Vater und den Namenruhm ganzer Geschlechter auf diesem Wege fortgeführet; was konnten die Dichter anders und bessers thun, als auch ihre Lehrsprüche und Sentenzen diesem Genius des Volks und der Sprache anfügen, und, was sie dem Verstände sagen wollten, auch dem Gedächtnisse und dem Lhre sagen? Von den ältesten Zeiten an findet man daher, so wie die Segenssprüche, so auch Gesetze und Pflichten in ähnliche Worte gefaßt. Wer Menschen erschlug, dcß Blut sollte durch > > l., x i Sam. i, 27. 28. i) Elirist. Leneck. lVlicllaelis äik». äo pnrynoML- ri-> -acra. Es wäre zu wünschen, daß die gelehrten und fleißigen Dissertationen dieses Mannes zusammen gedruckt würden. S. auch Ver- seduir ckiüs. cks parononiasia in der Sammlung seiner Dissertationen. 1'. Ä- . Vom Geist 2 84 Menschen vergossen werden: die Götter der Heiden heißen Nichtigkeiten/ stumme Götzen u. f. Der glücklichste in Prägung solcher Sentenzen ist JesaiaS. Fürsten sind Widerspenstige, das G c s e tz L i c h t: wer gIäubt, der bleibt: der Traurige bekommt Schmuck für Asche: im Volk ist statt Gerechtigkeit, Schinderei, statt Rechts, Wehklagen u. st — lauter treffende Gegensätze, die, was der -Prophet sagen will, in Mark und Bein schreiben. Ein Thcil der Sprichwörter Salomons sind ähnliche Schälle, die die Bedeutung gleichsam zuspitzen oder runden. 7. Insonderheit bei Symbolen, die die Propheten sehen oder dem-Volke zeigen, bei Worten , die sie ihm aus dem Munde nehmen und gegen dasselbe selbst'deuten; — die natürlichsten, die tref- fensten Wortspiele hiebei sind meistens unübersetzbar. So ists mit jenem Stabe Sanft und Wehe, mit dem Hammer und der Zerstreuung, mit der Last Jehovahs und der Vergessenheit») u. s. s. Luther dcr große Meister unserer Sprache, hat Anspielungen dcr Art bisweilen sehr glücklich ausgedrückt; zu wünschen wäre cs, sie könnten, insonderheit in Sinnsprüchen, überall ausgedrückt werden. Mich dünkt, aus dem, was gesagt ist, erhelle deutlich, daß cs mit der Paronomasie dcr Hebräer nicht eine so verächtliche Sache scy, als man sie u) Jer. öl, 20 -rZ. Kap. LI, ZZ-3g. der Ebräi sehen Poesie. 282 sich aus dem Gebrauche der Wortspiele in neuern Sprachen denkt; jene war von einem ganz andern Baue und die Anspielungen hatten in ihr eine andre Absicht, Sie hatten keine Reime; aber Assonanzen, Alliterationen liebten sie sehr, auf die sie der Parallelismus natürlich führte. Was ist nun geistiger, was verständiger? Der Reim, der ein Wortspiel blos fürs Ohr ist; oder die veränderte Ähnlichkeit eines Schalles mit dem Sinne, da das neue Wort, wie Pope sagt, ecRo ro ilis ssnss wird? Wie schöne Wirkungen machts, wenn auch in unscrn -Reimen oder bei Sprüchwörtern, Gegensätzen , Gleichnissen, Bildern die Ähnlichkeit oder Verschiedenheit der Begriffe sich auch in einem un- gesuchten, ähnlichen Worte finden! Selbst in der Philosophie sind dergleichen glückliche Ausdrücke von großem Nachdrucke: sie heften den bemerkten Unterschied oder die Ähnlichkeit auch durchs Wort in die Seele. Im Vortrage des Witzes oder des Scharfsinnes sind sie noch mehr an ihrem Orte; und so lange eine Nation sinnlich denkt, so lange sie die Sprache in Mund und Ohr, nicht in Buchstaben und Augen mir sich tragt, sind ihr dergleichen Schälle, als Stimmen der Erinnerung, so angenehm als unentbehrlich. Daher bei allen Völkern, die keine oder wenige Bücher haben, jene Liebhaberei an Assonanzen und Wortwitz- daher bei ihnen insonderheit jene nachdrückliche, richtige Kürze, jener schnelle, unvergeßliche Ausdruck, den die Maler der Buchstaben nie erreichen. So thöricht und lächerlich cs sepn würde, den Geschmack der ebraischen Sprache in der unfern nachzuahmen, die von einem andern Bau ist und auf einer andern Stufe der 286 Vom Geist Eultur stehet; eben so lächerlich wäre eS, jenes Volk nach uns zu beurtheilen und ihnen auch hierin die Kindheit ihrer Zeit, die Einfalt ihrer Sprache, die Uebereinstimmung ihres Ohrs und ihrer Seele nicht zu gönnen. Kinder machen gern Wortspiele, und wenn sie Sinn haben, höre ich sie gern: sic zeigen, daß der, der sie macht, in und mit der Spräche denket. Poetische Nationen denken nie anders; so daß ich auch hier durch ein Wortspiel jene Rede Mosis (die selbst Wortspiel ist) anwcnden möchte: Eine Stimme der Antwortende» höre ich: Sie rufen nicht Sieg einander sich zu; Sie rufen nicht Schlacht einander sich zu; Sie singen entgegen einander im Jubelreihn*). Bei den Ebraern beruht Geschichte und Dichtkunst großentheils auf Paronomasien, wie auf oriAinibus der Sprache; nur durch den Geschmack an jenen kommt unser Ohr in die innere Bekanntschaft mit dem Geiste dieser. Und um so nöthiger ist diese Bekanntschaft, da auch in ganzen Phrasen ihre Schriftsteller gern auf einander bauen und solche, jeder in feinem, gern einem neuen Sinne entwickeln. Wenn man will, so sind dies auch Wortspiele; Wortspiele aber, die selbst die feinen Griechen liebten. Es gefiel ihnen sehr, aus Homers und anderer Weisen Munde ihre eignen Gedanken zu sagen; und wem würde dies - Mos. 3-, iS. der Ebräi.schen Poesie. 287 nicht gefallen? Sowohl der Sprechende als der Hörende freut sich; jener, weil er erfindet, dieser, weil er in einen; geliebten Gewände einen neuen Freund bekommt, d. i. in einem alten bekannten Ausdrucke einen neuen Gedanken. So brauchen die Propheten alte Bilder der Vatersprüche und Psalmen: so brauchen neuere Ebraer die Worte Aller in einem neuen Sinne, aber im schönen Nebel desselben Ausdrucks. Ihre poetische Sprache, die mitAuSdrücken der Bibel redet, ist, wenn man will, nichts als Wortspiel; aber oft wie fein! wie reizend für den, der für die Einfalt ältester Zeit, die auf solche Weise in einem feineren Schmucke erscheint, Sinn hat! Ich wünschte, daß mehrere ihrer Poesien unsrer Sprache bekannt würden, als bisher bekannt sind; meine Meinung würde sich bei vielen bestätigt finden. — Doch genug hievon; ich komme wieder zum Texte der Simsonischen Zeiten. Sie waren nichts minder als glückliche Zeiten. Ocftere Streifereien benachbarter Völker beunruhigten das Land; ja zuletzt rottete eine scheußliche Un- thatx) in einem Bürgerkriege beinahe einen ganzen Stamm aus. Oft drückte Hunger das Land; und eine dergleichen Theurung hat uns die schön-erzählte Familiengeschichte der Ruth geschenkct. Zu Eli Zeiten ») Richter ig, 20. Rousseau hat die schauerliche Unthat in ein Poem gebracht; der Levit von Ephraim; auch eine der darstellendsten Predigten von Sterne ist über diese Geschichte, 283 Vom Geist kam der Verfall des Volks, das ohne wirksames Haupt war, zur tiefsten Tiefe. Das Heiligthum selbst, die Lade des Gesetzes, ward von den Feinden geraubt, und die Familie dieses Hohepricstrrs ging auf eine traurige Weife zu Ende. — Auch hier indes ging die Stimme der Poesie nicht aus; sie nahm vielmehr bald eine andere Gestalt an. Heldenlieder schwiegen; aber die prophetische Stimme kam wieder. Jehovah erfüllte sein Wort, und gab dem unterdrückten Volke einen Mann — einigcr- maaßen im Geiste Moses. Samuels Nus im Tempel, so wie seine Geschichte, ist mit stiller Einfalt erzählet, und das Dankfagungslied seiner Mutter bringt uns eine neue, friedliche, häusliche Debo- rah wieder: Mein Herz erjauchzet über Jehovah! Denn hochcrhabcn ist mein Glückshorn durch Jehovah! Weit öffnet sich mein Mund im Siegsgesang: Denn seine Hülfe macht mich hocherfreut^). Nein! niemand ist hochhcrrlich als unser Gott! Kein Gott ist außer dir! Kein Schutz wie unser Gott! — Was redet ihr so viel von Höhn! Höhnr)! Laß weg aus eurem Munde das stolze Wort; Gott weiß es; alle Lhaten waget Er! Des F) Ein Gegensatz gegen die alten Sicgesgesange: sie singt ihn über eine stille, häusliche Wohlthat. -) Mit denen man sich befestigte, auf die man stolz that. Affaph hat Ps. 75, 6 . so wie den ganzen Gesang, so auch diesen Ausdruck nachgeahmt und schön verändert. der Ebratschen Poesie. 289 Des Helden Bogen liegt zerbrochen das), Und die da wankten, gürtet' er nzit Kraft. Die Satten betteln Brod, Die Hungrigen, sie feiren jetzt! Die stets unfruchtbar war, gebierst siebenmal Und die viel Söhne halt', ist hülfberaubr. Jehovah tödtet und belebt, Führt rief ins Todtenreich und führt hinauf. Jehovah machet arm und machet reich, Läßt fallen und richtet auf. Er richtet auf vom Staube den Niedrigen, Den Darbenden hebt er vom Feldstein auf, Daß er ihn sitzen lasse mit den Edlen, Ihn erben lasse einen Fürstenstuhlk). Denn die Grundvest' der Erde sind Jehovahs, Das Erdenrund hat er darauf gesenkt. Die Tritte seiner Treuen sichert er, Der Bösewicht verschwindet im Dunkel stumm r Denn nicht durch Starke siegt der Held. Jehovah! Seine Feinde werden beben, Wenn er im Himmel donnert über ihnen l Jehovah wird des Landes Grenzen richten Und seinem König Heldenstarke geben, Seines Gesalbten Macht gar hoch erhöhn» ») Neue friedliche Zeiten fangen an, wo auch Schwache und Arme Glückseligkeit genießen. Sie erläutert es aus ihrer eigenen Geschichte, k) Wie Samuel, da er Richter des Volks war. Auf ihn und die Familie Eli passen die folgenden Strophen sehr; ob ich ihnen gleich damit ihren allgemeinen; Sinn nicht nehme. Herders Werke z. Nel. u.Thcol. II T 2I0 Vom Geist Habe Hannah diesen Gesang gesprochen oder werde er ihr in den Mund gelegt; genug! sie kündigt andre Zeiten an, als die bisher waren. Die Krieges- Gcwitter sind vorüber. Das Pochen auf einzelne Höhen des Landes sind ein verlebtes Wort; Gott gicbt jetzt andern Siegesgesang in ihren Mund ! —> Aus der Schmach der Unfruchtbarkeit errettet, sicht sie aus der Niedrigkeit ihren Sohn aufsteigen, daß er neben den Edlen sitze, als Landesfürst, als Richter des Volks. Eli's Geschlecht verliert sich im Dunkel: Er kommt dagegen hinauf; durch ihn richtet Iehovah das wette Land bis an die Grenzen, ja durch ihn salbt Gott Israel einen tapfern , glücklichen König. — Dies fingt das Lied, und ward Vorbild vieler im Tone und Inhalte ihm ähnlichen Psalmen: denn es war die Ankündigung der Lieb- lingsmateric dieses Volks, eines neuen glücklicher» Zeitraums. Samuel hat ihn wenigstens vorbereitend gestiftet: er war der erste Prophet für die Staats-Einrichtung, nach Moses. Gott rief ihn durch kein Gesicht, sondern durch eine deutliche Stimme, in der er ihm den Untergang des bisher regierenden lasterhaften und trägen Priestcrhauses anzcigtc. Deutlich und bestimmt waren jederzeit seine Antworten: daher man ihn auch statt Prophet, d. i. eines, der Göttersprüche redet, Seher nannte. Der Ausdruck blieb auf einige Zeit im Gebrauche, und auch David hielt sich seine Seher, bis es wieder Propheten gab. Es ist unläugbar, daß Samuel die ersten friedlichen Zeiten der Staatsvcrfassung genutzt habe, wie er sie nutzen konnte, auch zum Anfänge der Kultur des Landes am Geiste: er stiftete Prophc- tcnschulenu). So ungereimte Dinge man sich an ihnen zuweilen gedacht hat, so war ihre Einrichtung von Samuel ein guter Gedanke. Ec suchte die Literatur, die damals in Musik und Dichtkunst vorzüglich bestand, aus den Händen eines Stammes weg, ins Freie, ins Allgemeine zu bringen. „Hügel Gottes" frohlockten vom Gesänge der Propheten, d. i. der Schüler einer freien Nationalweishcit: sie wohnten in einfachen Hütten die man sehr Unrecht Schulen übersetzt, und sich bei ihnen gar unsre Eollegia denket. Eine Versammlung junger oder erwachsener Menschen war es, die sich unter Samuels Anweisung, der ein Richter und Vater des Staats war, in dem übten, was damals zur Nationalklugheit gehörte; also nicht in Rasereien über die Zukunft, noch weniger in bloßen Litaneien des Tempels. Als sie dem Saul begegneten, gaben sie ihm durch den Inhalt und Flug ihrer Gesänge zuerst ein k ö n i g l i ches,H erz c!) : (das aber wirst S. 2 Sam. 7, 8. Zeph. 2, 6. u. f. sind Hirtenhäuler und Hürden. Man weiß, daß die Propheten die älteste und einfachste Lebensart liebten. ä) Man hat die Stelle lächerlich gemacht, weil man sie mißgedeutet. Nicht durch den-Schall der Instrumente gaben sie Saul ein Königsherz, sondern durch den Inhalt ihrer Gesänge, mit jenem Schall begleitet. T 2 292 Bon» Geisk der! nur, bis er auf die Höhe kam, bei ihm verweilte.) Der kleinfügige Eselsucher fühlte zuerst iw ihren Liedern, die wahrscheinlich sein KönigÄsiück, sein« Königswürde sangen, erhabnere Gedanken, freiem Muth; und auch noch spater, als er David verfolgte, vergaß er selbst seines Todfeindes und setzte sich nackt, d. i. in der einfachen Prophetenkleidung, von seinem Königsschmuck entladen, unter sie, und begeisterte seine Saiten. —Waren uns von diesen Hügeln Gottes, von diesen freien Höhen voll National- und Naturdichtung noch einige Proben übrig! — Aber sie sind nicht mehr. Die Residenz-, die Hof- und Tempeldichtkunst des Königes David machte bald diese Hügel öde, zog alles in einem engen Kreise um sich her; und jene alten Krieges- und Siegcsliedcr, jene Fabeln, jene freien Gesänge der Propheten Samuels — gingen verrohren. Doch auch von Davids Dichtkunst gehört sowohl der Keim, als die erste Blüthe in diese Zeiten. Die Auen seiner Heerde ertönten von Gesängen seiner jugendlichen Muse: ec fand durch sie den Zugang zum Könige und Jonathans Freundschaft. Mehr als alle Lieder charakterisirt diese Zeit Davids und Jonathans Freundschaft. Ein Jüngling erscheint vor ihm, nach einer raschen Jünglingslhat, die er selbst nicht vollführen konnte; und statt ihn zu neiden, gefällt er ihma): ,,cr verband sein Herz mit demHcrzen'DavidS und gewann ihn lieb", und e) 1 Sam. 18, 3 . ü. der Ebrai sehen Poesie. 293 vertrat ihn (selbst durch UnMhrheiten, die auf seinen Kopf hatten kommen dürfen) bei seinem Vater. Ehre und Leben setzte er in Gefahr: er machte sich nichts daraus, daß man glaubte, er gebe aus Schlaffheit den Thron auf, und daß ihn sein Vater einen Niederträchtigen nannte, da er doch wahrlich ein Held war! — Noch sehe ich sie, wie sie unter dem Angesichte des Himmels, unter Küssen und Thräncn ihren ewigen Bund beschwörend): ich sehe Jonathan, wie er nach langer Entfernung zu seinem Freunde in die Wüste kommt und ihm Muth zuspricht und sagtZ): „fürchte dich nicht, David: „meines Vaters Hand wird dich nicht finden. Du „wirst König werden über Israel, so will ich als- „dann der Nächste nach dir seyn." — Heroische Freundschaft! Er opfert seinem Geliebten den Thron auf, um als Freund der nächste um ihn zu bleiben! Nur poetische Zeiten und seltne, wie Jonathans Seelen, sind eines solchen Bundes der Liebe und Treue fähig. Als Jonathan starb und seinem Freunde den Thron ließ: was konnte ihm dieser für alles, was er ihm erwiesen hatte, geben, als — eine Elegie auf sein Grab: eine Elegie, in der, so schön sie ist, Sauls und Jonathans Andenken so vereint leben, als ob sie beide gleiches Recht auf sein Herz gehabt hatten! Ich weiß wohl, sie war fürs Volk geschrieben ü); aber ich für mich wünschte, daß sie für David allein, für Jonathan allein, und nicht für Saul und das Volk geschrieben wäre. k) 1 Sam. 20, hi. t>) 2 Sam. 1, 17. 18. Z) 1 Sam. sZ, 16. 294 Dom Geist Auch Mcphiboseth — ist dir's zu verzeihen, edler König, daß du den einzigen Sohn deines Jugendfreundes der falschen Anklage seines Verrathers schnell aufopfertest und ihm seine Güter nahmst, und ihm, auch da die Anklage sich falsch fand, sie nicht dreifach erstattetest, sondern nur halb wieder- gabest i)? Und wie traurig wars, daß du die Kinder Sauls, die alle doch Brüder Jonathans waren, der grausamen Bitte einer Stadt zu so schändlichem Lode aufopfern mußtcstle)? — Hier ist Davids schöne Elegie; mir bleibt das Herz Jonathans heilig : sein Name ziere ewig den Altar der Freundschaft! Klagegesang Davids um Jonathan seinen Freund. Israels Reh ! so bist du auf deinen Höhen verwundet! Chor. Achgefallendie Helden! wie sind die Helden gefallen! SagtS nicht an zuGath! Nerkündigets nicht auf den Straßen Asklons! daß sich nicht freuen die Töchter der Philister , Daß nicht Hüpfen vor Freude der Unbeschnittenen Töchter! i) 2 Sam. r6, st. 2 Sam. ig, 2g. k) 2 Sam. 21, 8-10., wo eine schöne Lhat der Rizpa, einer Mutter von zwcen dieser Söhne, erzählt wird. Jedermann fallt dabei natürlich d'-e Antigone des Sophokles bei. der Eb ratschen Poesie. 2g5 Berge Gilboa! auf euch fall fürder Regen und Lhau nicht Mehr! Nicht mehr auf euch, ihr fluchverbannete» Berge! Denn auf ihnen ward Helden ihr Schild zu Boden geschlagen, Königes Schild, als war' er nimmer mit Oele geheiligt! — Jonathans Bogen, er wandte sich nie vom Blut der Erschlagnen Nie vom Fette des Starken zurück. Auch Königes Schwert kam Müßig nimmer zurück! (Bom Blut des Erschlagenen trof es!) Saul und Jonathan! lieblich und hold einander im Leben, Giengen auch ungetrennt liebend dem Schattenreich zu. Schneller als Adler, tapfrer als Löwen waren die Helden: Töchter Israel, weinet um Saul! Er wird euch nun nicht mehr Kleiden in Purpurgewand, kleiden in goldenen Schmuck. Chor. Ach! wie sind die Helden gefallen! In Mitte des Schlachtfelds Jonathan, liebliches Reh, auf deinen Höhen verwundet! Leid ists mit um dich, mein Bruder Jonathan, leid mir! 296 Nom Geist der Ebräischen Poesie. Lieblich wärest du mir! ja ich liebte dich sehrl Sonderbar liebt' ich dich, weit über Liebe der Frauen — Chor. Ach, wie sielen die Helden! und ihre Waffen des Krieges Liegen zerschlagen umher — rx. Psalms n> Inhalt. Geschichte Davids als Psalmendichters. Wie diese Dichtungßart durch ihn in Aufnahme gekommen? Wie sie sich zur altern Poesie verhalte? Was der gemeine Gebrauch den Psalmen schade? Eigentlicher und natürlicher Anblick derselben. Regeln zu solchem Gebrauche. Was von der gewöhnlichen Einteilung der Psalmen in hohe, mittlere und niedre zu halten? Einlheilung derselben nach ihrer lyrischen Weise. Psalmen von Einem Satz oder Gemälde. Proben. Lieder von lyrischer Darstellung und Handlung. Proben. Psalmen mehrerer Gegensätze und Glieder. Proben. Psalmen der Empfindung und Lehre. Proben. Verdienste eines deutschen Dichters um den Ton der Psalmen in unsrer Sprache. Nachahmung der Men cbräischen Dichtkunst. Eine Erscheinung. Au Davids Zeiten gelangte die lyrische Poesie dev Ebraer zu ihrem Glanze: die zerstrcucte wilde Landblume ward jetzt als eine Königsblume auf den Berg 2ZS Vom Geist Zion gepflanzet. Von Jugend auf war Davids Geist musikalisch und dichterisch gewesen. Er hatte seine schönsten Jahre als ein Hirt der Heerde auf Auen durchlebt und daselbst Blumen der Idylle in sich gesammelt, die oft auch seine heroischen, auch seine traurig - bekümmerten Psalmen schmücken. Durch Musik, mit der damals nicht nur Gesang, sondern auch die Kultur der Zeit verbunden war, hatte er zuerst zur Person des Königs Zutritt gesunden ; ohne Zweifel trug dieser Umstand bei, daß er die Gaben seiner Muse noch mehr anbaucte und stärkte. Bald ward er, als ob ihm Glück und Unglück durch Gesang kommen sollte, durch den Triumph der Weiber, die ihn cinholten, für Sauls Nebenbuhler angesehen und einigemal entrann er kaum, die Harfe in der Hand, des Königes Wurfspieß. Er gerieth auf die Flucht, zog Jahre lang, einsam oder begleitet, in der Wüste Judah umher und war wie ein Vogel auf den Bergen. Hier ward seine Harfe ihm Trösterin und Freundin: ihr klagte er, was er keinem klagen konnte: sie besänftigte seine Furcht, machte ihn sein Elend vergessen, wie sie einst bei Saul den bösen Dämon besänftigt und ihn Neid und Gram vergessen gemacht hatte. Aus ihr lockte er jetzt Töne hervor, die ein Wiederhall seiner Empfindungen in Leid und Freude waren, und die zärtesten unter ihnen wurden Gebete: Gebete, mit denen sich sein Muth beflügelte, seine Hoffnung stärkte, bis er durch Schicksale Gottes über Alles siegte. Jetzt ward die Harfe in Königshänden öffentliches Dankgelübde. Nicht nur, daß er selbst, wie ers oft gelobt hatte, die Gebete seiner Angst und Errettung öffentlich machte; er der Ebräischen Poesie. 299 ordnete auch in weit höherm Maas, als sie cs vorder gewesen war, Musik und Dichtkunst zur Feier des Gottesdienstes, zur Pracht des Tempels. Vier tausend Leviten, mit besondcrn Kleidungen ausgezeichnet, wurden unter Gesangmcistern ( N22O ) in Elasten und Chöre geordnet; deren berühmteste drei, Affaph, Heman und Jedithun, wir auch in Proben ihrer Kunst kennen: denn die Kinder Ko- rah gehörten wahrscheinlich zur mittleren Clafse. David selbst fuhr fort, auch als König, die Schatze dieser Tempelmusik zu vermehren. Gefahren und Siege, zumal die größeste Gefahr, als Absalom sich empörte, weckten die entschlafene poetische Stimme seiner Jugend wieder: auch Königssorgen und Königsgcam sang seine Harfe. Jede gute Anstalt, die er machte, insonderheit die Heiligung des Berges Zion, ward durch seine und seiner Dichter Lieder in ein allgemeines Licht gestellt: sein ganzes Reich lebt noch in den Psalmen. Diese wurden an den öffentlichen Festen gesungen; geblendet von der Pracht des Königes und der Hauptstadt sang das Volk sie mit Begeisterung nach: als königliche Psalmen wurden sie aufbewahrt und erhalten: man rcihete daran, was man an sie reihen konnte: man ahmte nach, was irgend nachzuahmen war. Die Dichter Davids folgten dem glanzenden Beispiel ihres Königs, nicht nur, daß sie sangen, sondern daß sie auch wie Er sangen; und warum sollten die folgenden Zeiten, in denen David schon ein heiliger Name, Vater des ganzen Königsgeschlechts und ewiger Hoffnungen war — warum sollten sie einem so glorreichen Vorbilde nicht folgen? Selbst die Propheten folgten ihm, weil David der Lieblings- Vom Geist Zoo uame des Volks, weil seiwe Psalmen das Liederbuch der Nation waren, sofern diese irgend an Gottesdienst, Musik und Poesie Thcil nahm. — So ist also die Sammlung Psalmen entstanden, die wir unter dem Namen Davids haben. Nicht alle sind von ihm und aus seinen Zeiten; aus frühem aber ist nur der einzige Gesang Moses, und die später» folgen offenbar seinem Vorbilde, wenn sie nicht gar ihre Gesänge ihm selbst zuschreibcn. Die Ucberschrift -pl's'7, wo sie ohne weitere deutlichere Bestimmung stehet, scheint so allgemein zu sepn, als man in Weisheitsprüchen und süßen Liedern alles auf Salomo schrieb, was einigermaa- ßen in seine Zeit und auf seinen Charakter paßte. Kurz, dem glorreichsten Könige in Israel gelang cs, den lyrischen Dichterkranz mit der Sieges- und Königskrone zu vermählen. Wo bei den Ebenem von schönem Gesänge die Rede ist, , nennt man David. Nun ists unläugbar, daß David den lyrischen Gesang der Ebräcr sehr verfeinert und verschönert hat. Lehrreiche Entwickelungen der Eigenschaften Gottes , der menschlichen Natur, einzelner Tugenden und Laster, des Glücks und Unglücks der Frommen und Bösen fangen mit den Psalmen an, da sie im Gesetze Moses und in den wilden Zeiten der Richter noch nicht Platz fanden. Die kriegerische Tuba ward durch den Gesang der Hirtenflöte und sanftem Traucrharse zu einem mildern Ton gestimmt: denn so harte Gesinnungen auch noch in einigen kriegerischen Psalmen Vorkommen mögen, so ist doch der allgemeine Ucbcrgang ins Sanftere unläugbar. v der Ebrätschen Poesie. 3oi. Es wird schon die Pracht eines Königs und einer bürgerlichen Regierung besungen; das milderte und regelte die heilige Wuth der alten Muse. Auch die Geschichte andrer Völker sagt uns , > daß zur glanz, reichen Poesie der Glanz eines Königs gehöre, des, sen Regierung zwar thakcnrcichen Stoff zu Liedern giebt, dessen Regierung aber auch Ordnung und Ruhe gewahrt, Liese erbeuteten Schäze zu gebrau, chen und zu ordnen. Davids Regierung macht diese Periode der klassischen Poesie der Ebraer,, welcher Salomo und die Propheten folgten. — Indessen ist es auch unverkennbar, daß damit die rohe Starke, der lebendige Tanz > und Wohllaut der alten Poesie kaum erreicht ward: Gesänge wie Moses und der Deborah, eine Bildersprache wie Hiobs, Bileams und Jothams sucht man vergebens in den Psalmen. Offenbar herrscht Einförmigkeit in denselben, weil alles um den Berg Zion versammelt war und alles sich in den Kreis der Gesänge und Denkart Davids einschränkte. Jene Hügel der Propheten voll freier Naturpoesie wurden leer: die Scher Davids waren keine Dichter; sein verordnetcr Assaph nur weissagte auf Saiten und erst nach Jahrhunderten fand sich die Poesie der Propheten wieder. So hat alles in der Welt seinen Gang und jede menschliche Einrichtung ihre verschiedenen Seiten. Was die Poesie an gottesdienstlicher, politischer, lyrischer Kultur gewann, verlor sie vielleicht an natürlicher Starke. Kein Buch der Schrift, außer dem Hohenliede, hat das Schicksal so vieler Mißdeutungen und Ablenkungen von seinem ursprüglichen Sinne gehabt, 3n2 Vom Geist als das Psalmbuch. Wie David zu seiner Zeit seine Empfindungen allgemein und seine Gesangweise zur herrschenden im Tempel machte: so sollte das Buch auch ein Gesangbuch aller Zeiten , aller Völker und Herzen seyn, die weder mit dem Geiste noch mit den Geschäften Davids Zusammenhang hatten; und wie nun anders, als daß es einem großen Theile nach im Sinne erweitert, in Gegenständen und Empfindungen von seinem Ursprünge weggclcitet wurde? Jeder Commentator, jeder neue Reimer fand seine Zeit, die Bedürfnisse seiner Seele, sein Haus- und Familienwesen darin und so gab erS wohl gar seiner Kirche zu singen und zu lesen. Diese sang alle Psalmen Davids, als ob jedes ihrer Mitglieder auf den Bergen Judahs herumirrte, und von Saul verfolgt würde. Sie sang gegen Doeg und Ahitophel, fluchte den Edomitern und Moabitern; ja wo man nicht weiter konnte, legte man die Verwünschungen dem in den Mund, der nie schalt, da er gescholten ward, nie drauete, da er litte. Man lese die individuellsten, die charakteristisch - schönsten Lieder von David, Assaph, Korah in manchen Ncimgcbetcn; kehre alsdenn zur ersten Situation und Quelle zurück: ist oft noch ein Schatte der alten Gestalc zu finden? — Um also einigen Anblick der Psalmen als lyrischer Poesie aus Davids Zeit zu geben, sind folgende Stücke durchaus nöthig: i. Man vergesse alle neuere Nachbildungen und Eommentatoren; auch wenn es die gepriesensten, die besten für ihre Zeit waren. Sie lasen ihrem Zwecke gemäß für ihre Zeit; mit Anwendung des Psalms in Sprache, Trost und Lehre auf ihre Zeiten; hier aber wellen wir die Urzeit sehen und in ihr das Herz, den Verstand Davids und seiner Dichter. 2 . Sonach suche man zuerst die Gegenstände und Sitnarionen, auf welche gedichtet ward. Vor vielen Psalmen sind sic bemerkt; in andern giebts der ähnliche Inhalt; noch in andern lasse mans unentschieden. Für zweierlei aber hüte man sich hiebei. Zuforderst, daß man nicht über jeden kleinen Umstand im Lsbcn Davids einen Psalm fordere; noch daß man ans jedem kleinen Tropus im Psalm eine Situation seines Lebens dichte. Das erste hat man bei David gethan, wie bei jedem lyrischen Dichter: man wollte alles belegen, man wollte über jeden kleinen Umstand einen Dcnkpfosten ( haben. Bein; zweiten, aus jedem Psalmwort eine Situation zu finden, hat man gar Gräuel, (Pocken- Psalmen und andre Dinge) geboren, von denen zwar der Ausleger, nicht aber der Dichter wußte. 3. Man studire die eigne Sprache Davids und seiner Sänger durch Vergleichung verschiedner Psalmen unter sich und mit der Geschichte. Daß der königliche Dichter seine Lieblingsausdrücke habe, bedarf keines Erweises; sie lassen sich alle aus seinen Situationen erklären. „Der Herr ist mein „Schild, er ist mir zur Rechten, er macht mir „Raum, er führt mich auf Höhen" u. f. sind dergleichen: und eine Reihe andrer, die zum Theil mit ziemlich weggcbogcner Bedeutung Jahrhunderte durch der Kirchensprache geläufig geworden sind. Ein poetisches Idiotikon über diese Lieder wäre also ein Z04 Vom Geist nützliches Buch; billig sollten es wir über alle Haupt- schrifstellcr des A. T. haben. 4. Den Empfindungen, die in den Psalmen herrschen, trete man weder als Feind entgegen, noch als blinder Verthcidiger vor, sie sind Eharakterzüge einzelner Menschen, und müssen als solche erklärt werden, ohne daß man sie sogleich als Muster heiliger Empfindungen in alle Welt verschwemmen dürfte David hatte seine Affekten und Sorgen als Flüchtling und als König: wir sind, keins von beiden, dürfen also weder Feinde verwünschen, die wir nicht haben, noch gegen sie als Sieger groß- thun; aber verstehen und schätzen müssen wir diese Empfindungen lernen. Die Schrift giebt uns einen reichen Aufschluß darüber: denn sic verhehlt Davids Eharakter auch in seinen Fehlern nicht. Der Mann, der gegen Urias und Bathscba sündigte, kann sich auch in Worten übereilen: er war rasch, bedrängt und ein Krieger: er sprach oft nicht in seinem, sondern in seines Volkes Namen, als Landesvater. Immer aber war er ein Mensch: die Lieder sind ein Documcnt seiner Geschichte, die Geschichte ein Dokument seiner Lieder; wer alles in überirdischem Glanze sehen will, sieht zuletzt gar nichts*). S. *) (Anmerk. d. Herauäg.) Gewiß sehr wahr, wenn man die Psalmen bloß in ihrem ersten nächsten, also auch engsten Sinne betrachtet. Sollte aber wirklich ihr religiöser Gebrauch nur aufJsrael, und zwar bloß auf das damalige, mit Stadt, Gesetz und Tempel langst verlebte, 3o5 der Ebraischen Poesie. 5. Auch in Absicht der Kunst nehme man kein Beispiel einer andern Nation und Sprache zum Muster; denn die Eomposilion eines Gesanges will aus der eignen Natur der Empfindungen, Gesinnungen und Sprache geschätzt werden, in der sie erwachsen ist. Was will cs sagen, wenn man diesen oder jenen Psalm pindarisch nennet? Daß in ihm kühne Uebcrgange, große Sentenzen, Züge aus der Geschichte sind? in welchem Lobgesange müßte dasselbe nicht statt finden? Mehrereü aber hat David mit Pindar, in Absicht auf Kunstkomposition nichts gemein. Pindars lyrische Sprache, seine Perioden und Sylbenmaaße, die Behandlung der Materie aus Mythologie und alter Geschichte, die lebte Israel eingeschränkt seyn? Sollte es nicht eine höhere, weitere und geistige Anwendung derselben geben, welche die christliche Kirche zu allen Zeiten gebraucht hat? — Ich glaube, man thut dem Verfasser Unrecht, wenn man behaupten will, er habe mit dem hier (und in der folgenden Note e) gesagten, dieses verneinen wollen; daß er selbst diese weitere Anwendung, und wie er sie gestattete, erhellt aus dem folgenden Abschnitte (bei Z. r. 2.) — Es giebt ei» Volk Gottes das nicht dem Fleische nach diesen Namen rrägt, aber es im Geiste und in der Wahrheit ist. Diesem sind die Psalmen immer noch, da es mit den Verfassern derselben in Zutrauen und Liebe zu ihrem Gott sympathisiret, lebendige Herzenssprache; immer noch sind sie die Stimmen des rechten geistigen Zions. Herders Werke z. Rel. u. Lheol. II. U 3o6 Vom Geist Materie selbst leidet wenig Vergleichung; und cS ist Trugschluß, wenn man sich durch das Wort Ehöre blenden laßt. Ein ebräischer und griechischer Eher sind gar nicht einerlei Sache. 6. Noch weniger also beurtheile man David nach dem Gerüste lyrischer Regeln, das unsre Zeit aufgebaut hat und das nicht einmal auf alle Oden des Horaz passet, von dem doch diese Regeln abgezogen scyn wollen. Meistens war's enger Blick des Kunstrichters , der, mit den lyrischen Schätzen mehrerer Sprachen bei weitem nicht bekannt, sich an einige seiner Licblingsstücke hielt, und nach ihnen dies Gerüst auffchlug. Was solls nun für eine ganz andre Zeit? für eine viel einfachere Situation und Sprache? Wo die Regeln wahr sind, fließen sie aus der Natur der Empfindung und Beherzigung des besungenen Gegenstandes; jedesmal aber fließen Charakterzüge des Sängers, der Situation und Sprache mit ein. Sie wollen also immer lebendige und doch nur Theil - Anwendung; kurz, wo sie wahr sind, wer wird sie nicht lieber selbst in einem Gesänge originell empfinden und sich entwickeln, als sie von fremden Mustern und Poetiken betteln, und die Ureinsalt des alten Gesanges durch die erkünstelte Spitzfindigkeit eines neuern lyrischen Machwerks zerstören? Wer nicht fähig ist, die Schönheit einer musikalischen Poesie durch sich zu fühlen, wird sie durch allen Regelnzwang nicht fühlen lernen. 7. Also entwickle man die Lieder der Ebräer in ihrer ursprünglichen Natur und Schönheit, der Lehrer mache den Schüler aufmerksam: welcher Gegenstand? mit welchem Interesse? wie er besungen der Ebräisthen Poesie. poerde? welche Empfindung durch den Gesang herrsche? welchen Gang sie halte? in welche Gesinnungen sie sich ausbreite? wie sie ansange, fortgehe Und ende? Je einfacher Und andcingendcr dies dem Jünglinge gezeigt wird, ohne scholastische Kunst und ohne enthusiastische Warme: desto mehr wird der Gesang in sein Herz übergehen, was in ihm schön ist, wird er ohne schreiendes Lob lieben, originale Gange der Leidenschaft werden sich ihm von selbst eindrücken, und wenn ein Funke lyrischen Gefühls in ihm ist, wird ihn Jehovnh begeistern. Bei den ebraischen Liedern ist Einfalt der Entwicklung vor andern nölhig, da die wenigsten als Kunstwerke gemacht wurden, aber dafür als wahre Empfindungen aus einem erregten Herzen quollen. Hatten wir eine Ausgabe der Psalmen, wo David nur wie Hora; behandelt wäre! wo fern von Easuistereien der Dichter als Dichter gezeigt, seine Schönheit Nicht ins Ohr geschrieen, aber auch nicht mit Lappen einer fremden Sprache und Versart entstellt würde. In der höhecn Kritik über die Poesie der Edraer sind wir noch Kinder: entweder würgen wir uns mit Lesarten, oder wir verschönern mit modischem Putz nucrer Sprachen. Ich gehe die Psalmen durch, um einige Haupt- artcn ihrer lyrischen Weise zu bemerken. Vollkommenes gebe ich hiermit nicht, und niemand wird es erwarten, daß ich in wenigen Zügen einen Oce- an von a5o Liedern ausschöpfe. * * * Man pflegt die Psalmen in hohe, mittlere und u 2 3o8 Vom Geist niedere einzutheilen — recht gut, wenn die Einteilung nur etwas bestimmtes lehrte. Jede Sache non einigem Umfange kann man also einkhcilcn; es bleibt aber immer die Frage, wohin jedes einzelne Stück gehöre? Da ordnet nun jeder, wie er will, und bei manchen Stücken wird er doch in Verlegenheit bleiben, wohin sie gehören. Die Leiter lyrischer Hohe ist von so vielen Sprossen, von so dicht an einander liegenden, ja in einander fließenden Zwischentönen, daß es unter r5o Psalmen schwer wäre zu ordnen; und wozu diente das ganze Fachwerk? Also versuchen wirs auf einem andern Wege. i. Einige Psalmen sind kurz; sie entwickeln nur Ein Bild in Einem Tone der Empfindung, und enden cs mit schöner Rundung. Ich möchte sie Lieder des einfachen Satzes, Lröy, nennen , wenn das letzte Wort nicht fremde Ideen anknüpfte. Solcher Art ist der schöne r33. Psalm, der wie eine liebliche Rose duftet: Brüder - Eintracht. Siehe wie lieblich ists und schön, Wenn Brüder friedlich mit einander wohnen I — So duftet Wohlgeruch die reiche Salbe Auf Hohcpricstcrs Haupt: Und rinnt hinab zu seinem Bart, Und rinnt zu seines Kleides Saum. So steiget Hermons Thau hernieder Befruchtend Zions Bergen), u) Wie kann Hermons Lhau aus Zions Berge nie- der E brätschen Poesie. Zog Denn da, gebot Jehovah, Wohn' ewig ewig Gluck. Die Eintracht der Brüder, der Stämme und Familien wird mit der heiligsten schönsten Sache verglichen , die ringsum Erquickung duftet. So duftet einträchtiger Familien guter Name umher, ihnen selbst Würde und Zier. So rinnet der Thau Hcrmons nieder, die dürren Berge Zions zu wässern , daß überall Segen blühe. — Das Nationallied zum Feste, (wie der Schluß offenbar zeigt) rundet sich schön; vom herabfließenden Salböl kommts auf den herabsirömenden Thau; von diesem auf die Glückwünschung Zions — der wahre Kreis einer Ode. Aarons Name selbst stellt einen schönen friedlichen Bruder dar, den sein Bruder mit allem Wohlgefallen Gottes und aller Herrlichkeit Israels salbte. derfließen, da beide von einander so entfernt lagen? Der Text sagt nichts vom Niederfließen, sondern vom Herabsteigen über Zion, also im Thau und Regen- Der waldichte Libanus und Hermon dunstete am meisten: von da und vom Meere kam also der Regen über die dürren Berge Judäa's, und so stieg der Thau Hermons auch auf Zion befruchtend nieder. Es scheint ein angenommenes Requisition der National - und Festgesänge gewesen zu seyn, daß Jerusalem oder Zion gepriesen würde: dahin also wendet sich der Gesang, und paart, auch einträchtig, die beiden Ecken des Landes, weil Hermon mit zur größten Höhe gehörte. Den Text zu verändern hat man also, dünkt mich, gar nicht nöthig. Vom Geist Ein Hirtengesang, 3ia Der 2Zte Psalm. Jehovah weidet mich; Nichts fehlt mir je! Auf grünenden Auen Lagert er mich, Au stillen Bächen Leitet er mich, Erquickend da mein Leben. Er führ! auf sanftem Pfade mich, Der gute treue Gott. Und müßt' ich denn auch wandern Durchs dunkle, dunkle Thal; Noch fürchl' ich mix kein Unglück, Denn du bist ja bei mir. Dein Hirtenstab, dein starker Stab Ist Tröstung mir und Nutz. Schon seh ich mir vor Augen, Entgegen meinen Feinden, Bereit mein Ehren-Mahl: Du salbst mein Haupt mit Freuden, Mein Becher überfließt! Ja Glück und Gutes folgen mir All' meine Lebenszeit! Ich kehre bald zu Gottes Hause wieder, Auf lange Lebenszeit. Daß das schöne Lied auf einer Flucht gemacht sey, zeigt das Ende. Der Anfang war ruhige Idylle: ihre Empfindung zerriß aber und verließ das Bild des Schaafes. Ein Freudenmahl wird angerichlet, der Ebraischen Poesie. 3 >> ein königlich Mahl, seinen Drängern vor Augen. Die frohe Empfindung steigt bis zu der Cafarischen Ueberzeugung, daß Lebenslang ihn das Glück verfolge. — Daß das erste Bild so schnell in ein anderes übergeht, vertragt die morgenländische Ode: im Ganzen herrschet doch nur Eine Empfindung. Wer mehrere Oden dieses einfachen Ganges lesen will, lese den r 5 . 29. 6r. 67. 87. 101. i 5 o. und andre Psalmen. Ich wünschte sie alle hersetzcn zu können, weil mich ihre simple Schönheit sehr reizet. 2. Sobald sich das lyrische Gemälde, entweder dem Umfange seines Gegenstandes oder der Fülle der Empfindung nach, erweitert; fordert cs Abwechselung, Gegensätze, eine Mannichfaltigkeit der Glieder, die wir dort nur in der Knospe, in einer kleinen Wendung des Bildes gewahr wurden. Hier thun nach morgcnlandischcr Weise die veränderten Personen, Fragen und Antworten, schnelle Anreden an todte oder abwesende Gegenstände eine große Wirkung, und wenn in dies also erweiterte Bild eine Art lyrischer Darstellung und Handlung kommen kann, so ist die Ode auf ihrem Gipfel. Sie hat nchmlich sodann Anfang, Mittel und Ende, deren das letzte sich zum ersten kehrt und das Ganze zu einem lyrischen Kranze macht. Das ist, wie es die Kunstrichter nennen, die schöne Unordnung, der umkitus der Ode, der Flug, der sich irrt, doch nie verwirret; und was noch schöner ist, sie steht als ein handlungsvolles Gemälde da. Kein Wort kann weggenommen, keine Strophe verrückt werden: 3l2 Vom Geist Anfang und Ende dient der schönen Mitte, und diese Mitte bleibt im Gedächtnis. Vollkommene Oden dieser Art giebls in allen Sprachen nur wenige, weil nicht jeder Gegenstand eine solche Behandlung zulaßt; wo sie aber sind, verdienen sie unvergeßlich zu werden. Zur Gattung der Lieder mit mehreren Gliedern zahle ich unter den Psalmen den 8. 20. 2r. 48. 5 ». 76» 96-99. 108. irr- ii 3 . 120-129.; unter den vollendeten, die nicht nur Abwechslung und Gegensätze, sondern auch fortgehende lyrische Handlung haben, wage ichs, den 2. 24. 46-47. 80. 110. 114. 187. Psalm zu nennen. Einige rechnen den 29. und 68. Psalm auch hieher, weil sie dort bei der Stimme Gottes, hier bei dem Tragen der Bundesladc einen Localfortgang des Bildes annehmen; wozu ich aber keinen Grund sehe. Aus dem Innern muß die Forcleitung des Gesanges folgen, aus der lebendigen Quelle erregter Empfindung; von außen durch Geographie kann sic nicht hineingebracht werden. — Wer giebt mir Raum, aus dieser Fülle schöner lyrischer Kranze nur einige empor zu heben? und welche wähle ich? Einzug Gottes auf Zion. Der 2 4te Psalm. Alle. Jehovahs ist die Erd' und ihre Fülle! Der Wellkreis und was ihn bewohnt: Denn Er ists, der ihn über Meere gegründet, Ihn über Fluthen befestiget har. 1, Doch wer darf gehen auf Jehovahs Berg? Wer darf da stehn, wo er hochheilig wohnt? der Ebrai scheu Poesie. 3r3 2. Wer rein von Hand und rein von Herzen ist, Wer seine Seele nicht treulos verbürgt, Und nie schwur listgen Eid. 'Der wird empfangen Segen von Jehovah, Der darf hinzunahn seinem Helfersgotrb). i. Hier ist ein Volk, das nach ihm fragt, Das vor dein Antlitz gern, Gott Jakobs, will — (Veränderung der Tonart.) Chor. Erhebt, ihr Thore, das Haupt! — Erhebt euch, Lhüren der Urwelt! Denn der König der Ehre will einziehn. 1. Wer ist der König der Ehre? 2. Der starke, tapfre Jehovah, Jehovah, der Kricgesgott! — Chor. Erhebt, ihr Lhore, das Haupt! Erhebt euch, Thüren der Urwelt! Denn der König der Ehre will einziehn! Wer ist der König der Ehre? Chor. Jehovah der Götter Gott! Er ist der König der Ehre. k>) Sehr treffend wurden lauter politische Laster genannt, von denen der frei seyn sollte, der sich zum Landcsgottc nahetc: das Gute, das er empfangen soll, ist eben so wohl bürgerlich, heißt eigentlich Gerechtigkeit, d. i. bürgerliche Gerechtsame, und weil solche das Gesetz Jehovahs enthielt, weil man solche beim Zutritte zu ihm genoß, so wird es in den Psalmen das Synony- mum der Glückseligkeit, der Gnade. Vom Geist Zi4 Daß Abwechslung der Stimmen in diesem Psalm sey, Hort ein jeder; daß aber auch ein handlungs- vollcr Fortgang der Ideen in seiner Oekonomie herrsche, ist eben so unverkennbar. Prächtig fangt die Gnome an: „daß Jehovahs die Erde sev !" Er soll hier auf dem kleinen Zion wohnen, und so wird zuerst die ganze Erde vor ihm geweitet. Schön ist der Ucbergang zu diesem kleinen Berge. Es wird ein heiliger Berg, weil Jehovah darauf wohnet, moralisch und bürgerlich heilig: denn so wie sich nichts unreines in Opfern zu Gott nahen durfte, so soll auch kein unreiner Anbeter vor ihm erscheinen. Sehr schon werden nur Laster gerügt, die die Wohlfahrt des gemeinen Wesens stören: denn Jehovah wohnt hier als Nationalgvlt, als Schutzherr und Urheber des jüdischen Staats u), — Handlungsvoll schreitet der festliche Psalm weiter. Eine Schaar ist da, die an die Pforten klopft, die das Angesicht des Monarchen zu sehen wünschet; und siehe! cs ist Jehovah selbst, die Lade des Gesetzes, auf der der alte Kriegesgott wohnet. Ec, der vor Zeiten so viele Siege erfochten: ein glorreicher König, voll Kriegesruhm und erprobter Heldenstarke — so kündigt ihn der antwortende Ehoc an: so wird er auch auf diesem neuerobertcn Berge einem Heldcn- könige zur Seite wohnen. Die alten Thüren seines «) DieserLheil des Gesanges, weil er mit dem Ueb- rigen, bloß Casuellen, nicht immer in Verbindung gesungen werden konnte, ist ein eigener Nationalgeiang worden t Ps. io.), welches zu ßeyn er auch sehr verdiente. der Eb ratschen -Poesie. 3i5 Gezclts sollten also ihr Haupt heben, daß ein solcher Monarch einziehen könne! wie wählerisch und darstellend! Gott zog in ein kleines Zelt, und wollte sich von David keinen Pallast erbaut haben; die alten engen Thüren machten hier also eine kleine Ansicht. Um dem Gesänge Runde und Majestät zu geben, wird alles übergangen, was sonst bei dem Einzuge vorsiel, und was der 68ste Psalm historisch schildert. Man vergleiche beide; und man wird den Unterschied zweier Gesänge inne werden, deren eins ein handlungsvolles Gemälde, das andre eine lyrischerzahlte Geschichte ist. — Lasset uns jetzt einen Psalm dieser Gattung von sanfter Art betrachten: das schönste Epithalamium aus so frühen Zeiten. Königes Braut. Ein Lied der Liebenden 6). Mein Herz, es wallt Glückwünschungsworte auf! Dem Könige weih' ich mein künstlich Werk: Meine Zunge spricht, wie ein leichter Griffel schreibt. Schön bist du! vor den Söhnen der Menschen schön! Aus deinen Lippen ist ausgegossen die Huld: Darum beglückt dich Gott mit ewgem Glück. Gürr' an um deine Hüfte dein Heldenschwert, Leg' an es, Mächtger, deinen Ruhm und Schmuck; Dein Schmuck beglückt! Zeuch hin ins Feld Um Wahrheit willen, um der Unterdrückten Recht. ä) Ps. l;5. 3i6 Dom Geist Und deine Recht- wird furchtbare Lhatcn thun! Die scharfen Pfeile deines Köchers — (schon Seh' ich die Völker fallen dir zu Fuß! —) Sie dringen, König, in der Feinde Herz. Dein Thron, Herr, ist ein ewger, ewger Thron! Dein Königs-Sccpter ein gerader Stab! Du liebest Recht, das Unrecht hassest du. Drum' hat dein Gott, o König, dich gesalbt. Vor deinen Brüdern mit hem Freuden-Oel Des Königreichs. Bon Myrrhen, Aloe Und Casia duslet all dein Gewand. AuS Elfenbein-Pallasten Armeniens Erfreuen dich in deinem prachtgen Schmuck Biel Königstöchter. Aber dein Gemahl Steht dir zur Seite, ganz in Ophirs Gold. Hör' an, o Jungfrau, schau, neig' her deinOhr Vergiß itzt deines Volks und Vaterlands: So wird der König sich nach deinen Reizen sehnen, Denn Er ist jetzt dein Herr, neig' dich vor ihm! — Und Tyrus Töchter werden mit Geschenk Bor dir erscheinen: flehen werden dir Die Reichen ihres Volks. — Des Königs Braut Ist Schönheit ganz! ist im Verborgenen Viel glänzender, als ihrer Kleider Gold, Als alle Edelstein' auf ihrem Schmuck. Die Reichgeschmücktc, jetzt wird sie geführt Zum Könige! die Jungfraun folgen ihr, Begleiterinnen ihr, Gespielinnen. Sie werden eingeführt mit Freudenschall, Mit Jubeltanz: sie gehen jetzt hinein In Königes Pallast,— Statt deiner Väter werden, O Königin, dir deine Söhne seyn? Zu Fürsten wirst du setzen sie Im weiten Land' umher. Ich aber breite Dein Lob hin von Geschlechts zu Geschlecht, Durch meine Lieder singen dich die Völker In Ewigkeit! in Ewigkeit! Ich habe dem Gesänge die liebliche Einfalt seiner Zeit durch neuern Putz nicht zerstören mögen: auf ihr beruhet, nach den Sitten des Orients, der Fortgang und die ganze darstellende Handlung der Ode. Mit einer Ankündigung des Inhalts, gleichsam einer Dedication an den König, beginnet das Lied, das sodann zuerst den Bräutigam in allen Schmuck der Schönheit, Grazie, Helden- und Königstracht kleidet und ihn also zuforderst ehrfurchts- und liebenswcrlh macht, ehe es ihm die Braut zur Seite stellet. Aus Salomonischen Zeiten ist das Lied, wie geschilderte Pracht des Pallasts, der fremden Königstöchter, am meisten das Bild des Königes selbst zeiget, auf den alle Segnungen, die Gott Davids Geschlecht versprach, in vollem Maas gelegt werden. Als Held und König wird er in seine Waffen, den goldenen Sceptec in der Hand, das reiche Salböl auf dem Haupte, seine Kleider von Wohlgcrüchen duftend, gekleidet; und alle diese Blumen sprießen, theils aus der Geschichte Salo- monS, der vor seinen Brüdern zur Krone kam, theils aus dem Segen über ihn, daß sein Reich 5i3 Vom Geist ein friedliches ewiges Reich der Gerechtigkeit und des Beistanoes der Unterdrückten sepn sollte. — Jetzt wendet sich der Gesang zu seiner Geliebten. Viel Königstöchter erfreuen ihn in seinem Palla- ste; aber Eine ist seine Liebe, seine Schöne: als Braut und Gemahlin stehet sie ihm zur Seite, gekleidet ins feinste Gold. Kindlich-schön wendet sich der Gesang an die beschämte furchtsame Braut, daß sic aus ihrem Schleier blicke und auf ihn merke. Vergessen müsse sie jetzt ihres Vaterlandes und sich ihrem Könige neigen; er werde sie dafür lieben und sich nach ihren Reizen sehnen — alles in morgen- ländischer Sitte, wo die Braut beinahe noch ein Kind und die Uebermacht des Mannes über sie so groß war. Bald sollen ihr die Töchter Tyrus, der Handelsstadt aller Kostbarkeiten, mit schönen Braut- Geschenken aufwarten, reiche Fürsten würden bald um ihre Vorsprache bitten. Schmeichelnd tritt der Gesang naher, daß sie nicht nur im Putze schön, daß ihre größte Lieblichkeit ihr verborgenes Selbst sey, mit dem sie alle ihre Edelsteine überglänze: der Dichter aber laßt, (das wollte die keusche Sitte des Orients) dem Bilde keinen Zügel. Sogleich wieder reich bekleidet, wird sie in den Pallast geführt: der Zug geht mit Jubel und Gesang ihm aus dem Blicke, und er wünscht ihr nur, ebenfalls verschwiegen und sittsam angedeulet, er wünscht ihr den ehelichen Segen nach. Der Gesang schließt prächtig, wie er fein und künstlich ansing: ganz Bescheidenheit, Pracht und Anmurh. Ungenannter Korahitc, der du ihn sangst, eine Rose der Liebe blühe auf deinem Grabe I der Ebrai sehen Poesie. 3 19 Wir steigen zu andern Psalmen nieder, die zwar nicht von einem so weilen Umfange einer ausgezeichneten Handlung, doch aber von einem schönen Ganzen mehrerer Absätze und Glieder sind: Befreiung aus Gefahre». Ein Nationalgesangs). Ware Iehovah nicht mit uns gewesen, (Sage nun Israel!) Ware Iehovah nicht mit uns gewesen, Als Menschen stunden gegen uns auf: Verschlungen hatten sie uns lebendig In ihrem wüthenden Grimm auf uns. Ueberschwemmet hätten uns die Wasser, Hinüber wären gegangen die Wellen über unser Leben: Ueber unser Leben hingegangen die schwellende Flulh! - Gelobt sey Gott! er gab uns nicht Zur Beute ihrem Zahn. Entkommen ist unser Leben, Wie ein Vogel des Voglers Strick. Der Strick ist zerrissen, und wir sind los. Unsre Hülfe ist im Namen Iehovah, Der Himmel und Erde schuf. Offenbar nach eben der schönen lyrischen W-is« «) Psalm iale. Z2O Vom Geist ist der 12g. Psalm, der mit einem hohen Gleichnisse der Lde nusgeht: Befreiung aus Gefahren. Ein Nationalgcsnng. Ost haben sie mich gedrängt von meiner Jugend an, (Sage nun Israel.) Ost haben sic mich gedrängt von meiner Jugend an, Und doch nicht übermocht! Auf meinem Rücken pflügten die Ackerleute Und zogen ihre Furchen lang. Der gerechte Gott zerhieb die Seile der Bösewichter: Beschämt zurücke weichen müssen die Hasser Zions. Wie Gras auf Dächern müssen sie seyn, Das, eh es reift, verdorrt; Mir dem kein Schnitter seinen Arm, Kein Garbenbinder seine Hände füllt, Wo kein Vorübergehender spricht: „Segen Gottes auf Euch! Im Namen Jchovah segnen wir Gutes euch zu! " Und das schöne Lied der Rückkehr aus der Gefangenschaft, wo die erste Befreiung, die durch Moses geschah, mit der zweiten, die sie hofften, in Vergleichung gestellt wird, dadurch sich also der Zunder ihres Vertrauens ansacht: Be- der Ebraischen Poesie. 3 s r Befreiung aus der Gefangenschaft. Ein Nationalgesang. Ps. 126. . Als Gott die Gefangenen Zions zurücke kehrey ließt): Wie Träumende waren wir da: Da war voll Lachen unser Mund, Und unsre Zunge voll Freudegesang 8). Da sprach man unter den Völkern: „Der Herr hat Großes an ihnen gethank)!" Der Herr hat Großes an ihnen gethan, Deß freuen wir uns ! So wende denn auch jetzt, Herr, unsre Gefangenschaft, Wie du die Wasser dort in Süden wandtest!). Der Saemann säet in Thräsien; Und erntet mit Freudegesang. Er geht dahin und weint und trägt hinweg den Samen, Er kommt zurück und singt und bringet volle Garben. Könnte man ein Volk barbarisch nennen, das nur 1) Aus Aegypten, x) r Mos. rg. Ir) 2 Mos. r5, rü- Die Worte nehmen einen schönen und deutlichen Sinn, wenn man sie von der ersten Befreiung auslegt; die Anwendung davon macht eben das schöne Ganze des Liedes, i) Im Schilfmeer nehmlich 2 Mos. il». HnderS Werks j. Rel. «. Thevt. II. T 322 Vom Geist einige solche Nationalgesänge hatte? und wie viele? dergleichen hatte dies? — Ich kann nicht umhin, diese schöne Elasse der Psalmen mit einer Elegie zu beschließen, die offenbar aus spätem Zeiten, deshalb aber nicht minder schön ist: Gefangenschaft in Babel. Der i37ste Psalm. An Babels Strömen fassen wir Und weineten, wenn wir an Zion dachten: An ihren Weiden hiengen unsre Harfen. Zwar forderten daselbst, die uns gefangen hielten, Lieder von uns; Unsre Dränger heischten von uns Freude' „Der Zions-Lieder singet uns..doch eins!" — Wie sollen wir singen Jchovahs Lied In einem fremden Lande! Vcrgäß' ich dein, o Jerusalem! So vergesse meiner die Rechte! Es hange meine Zung' an meinem Gaum., Wenn ich nicht dein gedenke! — Wenn nicht Jerusalem allein Meine höchste Freude bleibt! Gedenk', o Her, gedenk' der Töchter Edoms Am Unglücks-Tage Jerusalems, Da sie ausriesen: Reißet ein! Reißet ein bis auf den Grund! Tochter Babels ! Verwüstete kl! K) (Verwüstete), die'gleichsam nur um verwü- der Ebcaisehen Poesie. 3-3 Heil ihm, der dir vergilt! Der dir vergilt/ was du an uns gethan/ Heil ihni/ der deine Säuglinge ergreift, Und wirft sie an den Fels. Ich nehme am letzten Fluche keinen Theil; das Lied scy aber in oder unmittelbar nach der Gefangenschaft gemacht: so ist der Gang desselben in seinen ruhrenden Accenten sehr schon. Sein liebes Vaterland wird dem Sänger übcr alles heilig. 3 . Jede Empfindung hat ihr Ganzes. Die Trauer, die sich zur Freude hebt, der Schmerz, der sich zur Ruhe senket, die Ruhe, die freudiges Zutrauen wirb, die Betrachtung, die sich zuletzt in Entzücken verlieret, das Entzücken, das sich zur ruhigen Betrachtung mildert — jeder Affekt hat seinen eignen Gang, ec giebt mithin einen ainbi- tum des lyrischen Gesanges, wobei man am Ende Vollendung fühlet. Ich müßte den größten Theil der übrigen Psalmen durchgechn, wenn ich hier ordnen wollte, denn alle sind von Empfindung belebt; hier stehen einige wenige Proben: Psalmen, die von Klage zum Trost.sich heben: Pf. 6. 22. 6o. 62. 85 . 148 und viele andre. Psalmen, in denen der Eifer- und Heldengeist stet zu werden da ist. Wir haben im ersten Lheile gesehen, daß vom Ursprünge und Namen Babels her den Ebraern beinahe Synonymum blieb, sie als eine Berwüsterin und Verwüstete, als eine Verwirrerin und Verwirrte zu bezeichnen. X 3 Vom Geist 324 anhebt , bis er sich im Andenken Gottes zur Ruhe senket: Ps» 7. 10. i 3 . 17. 26. 36 . 36 . 62- 5 g. 61. 64. 69-71. 86. 88. 94. 109. 140-142., auch dieser sind viele. Psalmen, in denen ruhiges Zutrauen spricht von Anfang bis zu Ende: Ps. 3 - 5 . 11. 17. 21. 25 . 27. 28. 3 c>. 37. 41. 44. 63 . 65 . i 3 i. 182. u. f. Andre, ganz Triumphgesang; von denen ich außer den vorangeführtcn hohen Oden nur Ps. 9. 18. 33 . 34. 66. 116-118. i 33 . und die letzten Hallelujas,-Psalmen nenne. — Es wäre zu weit- laustig, von jeder Art eine Probe zu durchgehn: der Lehrer bemerke sie seinen Zuhörern, und auch die einförmigsten Lieder werden, psychologisch betrachtet, schön werden. Hier stehe von allen angeführten nur Einer: Trauer und Hoffnung. Der 6te Psalm. Jehovah! in deinem Zorne schilt mich nicht i In deinem wallenden Grimme straf mich nicht: Erbarme dich mein, Jehovah, denn ich bin schwach, Heile, Jehovah, mich, denn meine Gebeine zittern. Mein ganzes Leben zittert sehr — Und du, Jehovah! — 0 wie so lange! Kehr um ,Jehovah, rette mein Leben, Erhalt' mich noch, Barmherziger! Denn in dem Lode denkt man dein ja nicht! Im Schattenreich, wer singt dir Lieder da? der Ebräi scheu Poesie. 325 Matt Hab' ich mich geseufzct, Die lange Nacht mein Bett mit Thräncn überschwemmt. Mein Lager floß von Lhränen. Mein Auge dunkelt schon vor Gram; ES blicket alt und matt auf alle meine Dränger — Hinweg von mir, ihr Bösewichter alle'. Denn Gott erhört die Stimme meines Weinens, Jehovah hört mein klagendes Gebet, Und nimmt cs an. Beschämt, bestürzt muß, wer mein Feind ist, werden, Zurücks weichen, erröthen, in Einem Nu! — So unpassend das Lied als ein gemeines Bußgebet seyn möchte, so ausgezeichnet schön ist der Gang seiner Empfindung, als individuelles Lied Davids betrachtet. Der abgehärmte, alternde, kranke König, der sein Unglück als Strafe Gottes fühlet, seuWt sich bis ans dunkle Todesthor hinab, und da ihm das Wort „Feinde" nur auf die Lippen kommt, fasset er Mukh und Hoffnung wieder. Da die meisten Psalmen eine ungekünstelte Darstellung individueller wahrer Situationen find: so ist von ihnen für den lyrischen Gang einer Empfindungs-Ode oder Elegie noch viel zu lernen. 4. Auch in vielen Gefangen moralischen Inhalts herrscht eine schöne Oekonomie der Lehre, wovon ich den 14. 19. 32 . 3 g. 49. gr. io 3 . ri 5 . i 3 g. und sammtliche Lchrpsalmen Assaphs mit großer Hochachtung nenne. Im 19. Psalm haben einige ein doppeltes Thema finden wollen; ich sehe cs nicht. Von der großen allgemeinen Haushaltung Gottes in der Natur, da Alles ihn preiset, Alles V 3-6 Vom Geist seine Befehle ausrichtel, kommt der Sänger auf die vertraulichere mit seinem Volke, die er in eben dem Maas sichrer und liebenswerth schildert, als sie eingeschränkter und vertraulicher wird. Der Gang des Liedes ist also Eontrast. Das erste Bild wird zur größesten Pracht geführet: sodann brjchts und die sanfte Rede geht enger und enger bis zur genauesten Freundschaft Gottes, zu seiner Vertraulichkeit mit einer Menschenseele. Auch die geheimsten verborgensten Fehler seines Freundes merkt Gott und laßt sich den stillen Zuspruch des Herzens als ein Freundesgefprach gefallen. Schöne Dekonomie des PsalmsI)! schöner Inhalt' Ueberhauvt muß man bei Lehrgesangen keinen fortreißendcn Schwung, wie bei Siegs? oder Kriegsliedern erwarten. Die Lehre liebt ebenen Boden und geht desto unvcrnick- ter zum Ziele. In den alphabetischen Psalmen endlich muß man gar keinen künstlichen Odenplan suchen. Sie sind eine Blumenlese ausgesuchter Sentenzen, und des Gedächtnisses, des Auswendiglernens wegen also geordnet. Der lange vig. Psalm bearbeitet meistens nur Einen Hauptsatz, und ist also eine Sammlung moralischer Variationen. Ich darf hier nicht viel Proben geben; da 1) Der Grund von vielen Mißdeutungen in den Psalmen ist, daß inan Gesetz, Wort, Recht, Zeugnis in einem neuern und nicht dem alten politischen Sinne nimmt, den diese Worte in der Verfassung der Juden hatten. Dis diese beziehen sich Pflichten und Wohlthaten, die die Gesänge preisen. der Ebräischcn Poesie. 3»7 einige schon angeführt und die meisten derselben in Sprüchen und Stellen jedem Kinde im Gedächtnisse sind. Es ist das schönste Kennzeichen einer Lehre, wenn sie auch ein Kind unterrichtet. Ein lyrisches Gespräch von der göttlichen Fürsorge. Der 9 ite Psalm. ,. Wer unter dem Schutze des Höchsten sitzt, Wer unter dem Schatten des Mächtigen wohnt: Der spricht zu Jehovah: „dir trau ich mich m)! — Meine Zuflucht und mein Gott bist du!" 2. Er wird dich erretten von Todes Strick, Besrein von der mordenden Pest. Mit seinen Flügeln decket er dich: Du traust dich seinen Fittigen an, Und seine Treu ist dir ein doppelt Schild. Du darfst nicht beben vorm Grau» der Nacht, Nicht vor dem Pfeil, der am Tage fliegt, Nicht-vor der Pest, die im Finstern schleicht, Nicht vor der Seuche, die den Mittag schwärzt. Und fielen tausend zur Seite dir, ' Zehn tausend dir zur Rechten noch; An dich gelangets nicht. m) Im Original heißts; „ich sprach zu Jehovah:" wie auch V. g. wiederholt wird, welches nicht wohl ausgedrückt werden konnte. 3-8 Vom Geist Mit deinen Augen wirst du schaün, Wirst Strafe der Bösen sehn. „Auf dich, Jehovah, hoffe ich!" s. So wohnst du sicher und hochl Da reicht an dich kein Unfall nicht: Da nahet keine Plag' hin an dein Zelt. Er stellt an seine Diener Befehl für dich, Dich zu bewahren, wo du gehst. Auf Flügeln tragen sie dich fort, Daß ja kein Stein beschadgc deinen Fuß. Auf Löwen und Schlangen trittst du kühn. Zertrittst den Löwen und Drachen unter dir. „Weil er auf mich vertraut, errett' ich ihn: „Weil er mich ehrte, ehr' ich ihn gar hoch. „Er rief mich an, ich erhöre ihn. „Ist er in Engen; auch ich bin da! — „Ich rett' ihn, bringe, zu Ehren ihn, „Mit langem Leben sättig' ihn „Und laß ihn sehn, was ich für Glück verleih!" Kann die Vorsehung Gottes zutraulicher, zärtlicher gelehrt werden? Chöre sind in dem Gesänge nicht; aber die Veränderung der Sprechenden thut die schönste Wirkung. Sie macht die Lehre zum fort- gehenden bis ans Ende wachsenden Vatergesprächc, wo zuletzt der höchste Vater selbst drein spricht und feine Treue bewähret. Genug der Proben! Das Schöne der schönsten Psalmen zu fühle» , wird Versetzung in die damalige Zeit erfordert, also Einfalt. Da die meisten derselben Gebete sind: so gehört jene kindliche sanfte Ergebung des Herzens zu ihrem Gebrauche, die die der Ebräischen Poesie. 32 -- Morgenländer bei ihren Religionsübungen und Gebeten fordern: jenes stille Anstürmen Gottes und seiner Werke, das sich bald zur Entzückung hebt, bald zur tiefsten Unterwerfung herabsenket. Der Gesang eilt von Spruch zu Spruch, wie von Gebirge zu Gebirge: er berührt schnell, aber tief, und wiederholt die Berührung lieber: er mahlt seine Gegenstände im Fluge. Alle Lieder voll Hirtenunschuld und Schäfer-Empfindung wollen eine stille und ruhige Seele; auf ein »erkünsteltes, spottendes Gemüth kann keine seiner Schönheiten wirken. So mahlt der Himmel sich nur im Hellen Meere: so sieht man jede kleine Welle der Empfindung im ruhigen See sich kreisen. Es wäre unbillig, hier den Namen des Mannes zu verschweigen, der uns Deutsche zuerst dem wahren Ton des ebräischen Psalms naher gebracht hat, Klop stock. Die simpelsten seiner Oden, insonderheit in aufgelösten Zeilen, sind Töne aus Davids Harfe: viele seiner Lieder und die kunstlosesten Gesänge der Empfindung in seinem Messias haben unsrer Sprache eine Einfalt und Wahrheit des lyrischen Gesanges eigen gemacht, die wir bei unfern glänzenden Nachbarn vergeblich suchen dürften. Dein Gesang erfreue dich selbst, du Assaph «nsers Volks! Dein lyrischer Genius überlebe dich und bringe für unsre Nation, wenn cs sein kann, bald einen königlichen Sauger voll That und Anstalt Davids aus alten Gräbern wieder i 33o Vom Geist Eine morgenlandische Idylle. Psalm 23 .*) Mein Gott/ der ist mein Hirt! Wo ich geh und steh. Wo er mich führt / wie er mich führt, Was fehlt mir je? Jetzt ruh, jetzt lagr' ich mich Am Bach der Au': Auf grünender Au', am kühlenden Bach, Im Morgenthau. Dann weckt, dann führt er mich Mit neuem Muth, Richtigen Wegs, sicheren Stegs Zu neuem Gui. Und auch im Thal der Nacht . Warum fürcht' ich mich? Meines Hirten Stab, meines Hirten Schall, Die trösten mich. Und hinter Graun und Nacht, Im dunkeln Thal, Siehe, da steht, Feinde, da seht Mein Freudenmahl! Seht, Freudenöhles traust Mein lockigt Haar! Becher, du schwebst, Becher, du schäumst Als trunken gar. *) Aus der Handschrift des Verfassers, dessen Lieb lingspsalm der r3ste war. der Ebraischcn Poesie. 33i Gut Heil, gut Heil wird stets, Stets um mich seyn: Freudig und satt geh ich alsdann Waylhall'*) hinein! Nachahmung der alten ebräi schien Dich tkunst. Eine Erscheinung. Ich saß im alten deutschen Barden-Hain Und lauschte der Borwelt Lied. DepDrniden - Chöre waren verhallt: Die Eichen standen stumm. Ich ries dem Nachhall-: „hast du kein Gesang?" Der Nachhall murmelte: „verstummt!" In Klüften und ans Höhen verstummet ist Das unbeschreibbar- heilige Wortn). O Schicksal warst du immer, immer schon Unhold auf Deutschlands Geist? Am Hclkla, auf den wilden Hebriden tönts o) Und unsre Haine sind stumm! Der Deutschen Ossian, Orpheus, (seyd ihr gewesen ) kommt! *) Wahlhalla, „Halle, Tempel, Gastmahl der Auserwählten." Die schönste, genetische Erklärung des Himmels. n) Die Verse der Druiden durften nicht ausgeschrieben , sondern nur gelernt werden. r>) Der Skalden und der Caledonischen Barden Reste. 332 Vom Geist Erscheint, ihr Geister der Vorwelt, mir! Laßt tönen die Harfen im Nebelgewand', Einfältig-stark und schön» Sie schwebten um mich! sie gingen daher. Die Geister der alten Zeit I Mit Harfegetön' und Hornesklang Und kriegerischem Schall» Die Tön' erstarben! sie starben um mich In leisem weinenden Laut. — Und ein Engel des Aufgangs stand vor mir, Gekleidet in Morgenroth. Mit der Harfe des Aufgangs sprach er mir: „Laß sterben die Töne! laß sie verwehn! Ist nicht zu höherm heiligen Gesang' Gebildet die Sprache dir? Er schwand im Schimmer des Abendrolhö, Und neue Stimmen erwachten um mich, Von Ottsrieds rauhen Tönen an p), Bis der mächtige Luther kamg). x) Die ältesten Gedichte der Deutschen, die wir haben, sind Commentare der Bibel. Auch der älteste Hexameter unsrer Sprache ist der iv'xte Psalm: eine Umschreibung voll kräftiger Ausdrücke, von der wir vielleicht zu andrer Zeit eine Probe geben* *). *) Der berühmte Natur- und Sprachforscher Conrad Geßner machte die ersten Versuche in deutscher» Hexametern, in seinem Mi- thridates i555, (wovon eine Probe in Baumgarten Nachr. von einer Höllischen Bibl. B> VI. 356.) Anm. d. Herausg. g) Luthers Liedersprache und Bibel-Nebersetzung hat der Ebrätschen Poesie. 333 Und Kleist! und wer den Gottesgesang Aus Davids Harf' ergriff: Ich hörte fingen Allvaters Lied In Klopstocks Hcrzenston. Und singen: „wie bei Sternenklang „Gott wog. der Heere Sieg: „Er wog und eine Schaale sank „Und eine Schaale stieg." Es tönen der Lieder noch viele mehr. Voll Assaphs Geist und Korahs Pracht; Die stille Thrane floh im Christenlied' Erquickend wie der Thau, wie die Unschuld schön! O Engel des Aufgangs, hätten wir Ein heiliges Gesetz und Vaterland! Der Freiheit Tempel und des unsterblichen Vaterruhms Und unfern alten Gott! — Der Wurm, der kriechend im Staube schleicht, Flog' er des Adlers Flug? Singet der Fisch, der im Netze keucht, Wie Lerch' und Nachtigall? Der Schwan noch etwa singet im goldenen Traum Won alter Ingendkraft, sein sakularisch Lied: Die Geister der Schwan' empfangen ihn — Er stirbt im sähen Gesang'! mehr auf die Bildung unsrer Sprache gewirkt , als ähnliche Werks bei ander» Nationen. X. Charaktere der Psalmendichtcr. Inhalt. I. Bom Charakter Davids. Seine zarte empfindende Seele in Leid und Freude. Sein Zutrauen auf Gott, woher es entstanden? Wem daher insonderheit seine Psalmen sehr lieb gewesen? Die Aufrichtigkeit und Herzenssprache in denselben. Lob Davids auf Lbner bei dessen Grabe. Sein heftiges Gefühl bei Verfolgungen der Feinde. Stellen von der Wiedervergeltung in den Psalmen. Eigenheit Davids, daß er Gott Gesänge verspricht, als das Beste, was er ihm zu geben habe. Ueber die Stellen, da er vom Gesetz Gottes, als einer Landesconstirution, redet- Wie wir das Charakteristische dieser Psalmen anzuwenden haben? H. Assaphs Charakter. Eine Lheodicee über das Glück der Bösen. Wettgesang über dieselbe Materie von David und den Korahiten- HI, Gesänge der Kinder Korah. ' Sehnsucht nach Jerusalem, eine rührende Elegie. IV. Gesänge einiger Ungenannten. Was die Stufen oder Ausstcige - Psalmen wahrscheinlich gewesen? Proben uuo Beweise davon au- ihrem Inhalte. — Ueberblick des ganzen Psalmbuchs, V. Von der Musik der-pebräer. Ihre mancherlei herrschende und begleitende Instrumente. Einfluß des Instruments auf die mancherlei Lieoer. Was das Wort Selah bedeute? — Ueber die Musik: ein Anhang. Äöic gingen bisher nur am Rande der Psalmen umher; lasset uns jetzt dem Charakter ihrer Säuger naher treten. I. Charakter Davids, als Psalmendichters. Der Hauptzug seines Charaktercs ist Wahrheit: seine Gesänge sind ein treuer Spiegel seines Lebens, seiner Empfindungen, seiner Zeit. Daher nannte sie Luthers) einen Garten, wo alle schone Blumen und Früchte blühen, wo aber auch zu andrer Zeit die stürmendsten Winde rasen. Ware seine Sprache nicht ausrichtig, sondern nur poetische Schminke: so hatte man nichts zu thun, als die schöne Farbe zu loben. Jetzt können wir in Gutem und Bösem von und an ihm lernen b). a. Ueberall zeigt sich bei David ein zartes a) S. Vorrede zu der, Psalmen, st) S. die starken Bezeugungen seiner Wahrheit Ps, 5. 17, 26, 32, 3st. 36, 63, u. f. 336 Vom Geist Herz, eine äußerst empfindbare Seele Leib und Freude schöpft er aus: und es sind Zustände des Schmerzes in seinen Psalmen, für die wir fast keine Worte haben. Der 22 . 38. 3g. und viele andre zeigcn's. Er werde von Gott oder von seinen Feinden geangstigt: (dje später» Unglücksfälle seines Reichs sah er auch als Strafgerichte Jehovahs an) wie krümmet sich sein Geist! wie wimmert seine Harfe! Er schmilzt unter Schmerz und Thranen — 2 . Zu Gott wurden diese Lhränen aber bald Zutrauen, Muth oder kindliche Ergebung. Gott hatte ihn vom Hirten der Schaafe zum Hirten der Völker gesalbet, aus so viel Gefahren ihn errettet, in so vielen Nöthen ihm beigestanden ; daS alles inußte ihm individuelles Zutrauen auf seinen treuesten, besten Freund geben, und dies Zutrauen singen seine Psalmen. Sie sind Stimme einer persönlichen Gottes - Freundschaft c) daher sie auch allen Seelen von großer Gemüthsarr und individuellem Gottvertrauen so werth waren: denn alle fanden ihre eigenste Sprache des Herzens darinnen, und wußten sich nicht besser auszureden, als mit des alten Helden Worten. Vielleicht übertrifft niemand hierin Luther, der im Psalmbuche sein ganzes Herz fand und es daher auf seine Zeit wandte, wie und wo er nur konnte. Es ist ein großes und gutes Zeichen von einem Menschen, wenn er individuelle Provihcn; glaubt: alle vielgeprüfte, c) S. Ps. ir. 18. Lt. 27. 3r. 40. U. f. prüfte, wohlbestandene Männer glaubten sie: sie kannten Gott nicht nur aus Buchstaben, sondern aus Wahrheiten ihres Herzens, aus Erfahrungen ihres Lebens. Kein Locus von Gott wird in den Psalmen der Seien; wegen entwickelt: Gott isis, der den Sänger allgegenwärtig durchblickt, der die Wahrheit und Unschuld seines Herzens, so wie seine geheime Wunden und Noth kennet: das macht ihm Leid und Freude! das macht ihn trostreich und betrübt — 3. Also werden «seine Lieder auch Ausdrücke der innersten, der individuellsten Herzenssprache. Was bei uns ruhmredig scheint, wenn wirs kalt und allgemein singen, war bei ihm Gefühl der Wahrheit m einzelnen Situationen. Seine Feinde vcrläumdeten und verfolgten ihn; er dagegen wusch seine Hände in Unschuld: kein Blut seines Volks entweihete dieselbe; dies hält er Gott vor in seinen Liedern ä). Wenn wir aufrichtig seyn wollten, müßten wir dieselbe Gelindigkeit und Biedcrherzig- keit Davids auch in seiner Regierung finden. Sein Joab war wilder und strenger, als er: denn selbst gegen Ucberwundnc handelte er so großmülhig, als es die Zeit zuließ, und gegen seine häuslichen Feinde wünschte er nie grausam seyn zu dürfen. Wie weh that ihm Absaloms Tod! wie schonte er den Si- mei! Den durch Hinterlist ermordeten Anführer seiner Gegcnparthei, Abner, ehrte er auch nach seinem Todd mit dem TraNerliede über einen biedern Heldens): ä) Ps. 7. -6. u. f. e) » Sam. 3, 33. u. f. Herders Werke z. Rel, u. TYcet. II. P 338 Nom Geist Und David sprach zu Joab Und allem Bölk bei ihm: „Zerreißet eure Kleider; Umhüllet euch mit Säcken Und weinet Abner nach." Der König selbst ging hinterm Lodlenbett. Uns da sie ihn begruben, Erhob er seine Stimme Und weinele an Abners Grabe, Und alles Bold mir ihm. Laut klagete der König über Abner Und sprach : „Nicht wie ein feiger Mann siel Abner! Nicht gebunden wurden dine Hände, Nicht gefesselt waren deine Füße; Wie man vor Böscwichtcrn fällt, So sielest du! —" Und alles Volk, es weinte lauter noch — Die Regierung des sriedscligen Salomo war in Manchem viel harter und despotischer, als des kriegenden und siegenden Davids. 4. Nothwendig also, da er unschuldig und ein Mensch war, lhat ihm die Verfolgung seiner Feinde um so weher. Diese fraßen sich mit Gram in seine Seele und kommen, auch wo es nicht scyn sollte, selbst in allgemeinen Lob - und Dankgcbetcn wieder. Jedermann weiß, was frühe Unfälle und Schicksale der Seele für eine Farbe geben! Frühzeitiges Unglück, treulose Freunde, unverschuldete Nachstellungen machen endlich düster, wo nicht bitter. Die meisten solcher Gesänge Davids sind in der Noth gemacht, da sein Herz an der Harfe Tröstung suchte; und wir wissen alle, wie freier der Ebrai sehen Poesie. 239 die Seele in der ersten lebhaften Stunde des erlittenen Unrechts sich ausgießk! Ob ich also gleich die Erinmrung an seine Feinde aus Psalmen, wie der L. 19. 23 . 104. iZgste sind, für mich und den heutigen Gebrauch wegwünsche; so gehören sie doch auch da zum Spiegel der Denkart Davids. Er hatte seine Seele verfälschen müssen, wenn er sie nicht auch in diesem Zuge Gott dargcstellc hatte; dadurch aber verband er uns nicht, daß wir diese Wünsche zur Unzeit, gar ohne Veranlassung, ihm nachsingcu sollten. Vollends im Geiste der christlichen Religion liegt das Fluchen über die Feinde gar nicht. Eben diese harten Zustande geben David Gelegenheit, Züge der W i e d c rv e rge l tu n g und der Gerechtigkeit Gottes zu entwickeln, wie es jetzt der Drang seines Herzens forderte, und in frühem Zeiten so ausführlich nicht geschehen durfte. Dem Gesetzgeber Moses war Gott ein Nationalgott, der über das ganze Volk in allgemeinen Schicksalen Vergeltung übte; David und seine Mitgenossen entwickeln schon feinere Züge der Regierung Gottes über einzelne Menschen und über die Welt. Assaph thuts als Weiser: David als ein vielerfahrner Held; viele Ausdrücke von ihnen sind noch jetzt, dreitausend Jahre spater, die treffendste», um eine moralische Aufsicht Gottes über den Zusammenhang der Dinge zu bezeichnen. In manchen Psalmen schcints, alS ob Hiob ihr Vorbild gewesen; überall aber geht alles von eignen kleinen Veranlassungen aus- 5 . Merkwürdig ist's von David, daß er Gott -S 2 3go Vom Geist so oft Gesänge verspricht, und in sic, statt Opfer und Brandopfer, die größeste Pracht, das Gott nwhlgefalligste Gelübde des Heiligthums, setzct- Das waren die „Farcen der Lippen", die auch die Propheten rühmen; sic lassen sich aus dem Charakter Davids und aus seiner Jett erklären; auf unfern Lippen aber sind sie sehr oft gcmißbrauchte Worte. Bei David war das Eigenste und Beste, was er Gott zu geben wußte, Lieder: sie waren die Blüthe seiner Kräfte, der Psalter war seine Ehre. Ochsen aus den Stallen zu geben, war dem Könige viel leichter, er verschmähet«: aber diese geringere Gabe, und wollte Gott mit dem eignen, schönsten Bekenntnisse seiner Muse ehren. Auf wen von uns passen nun diese Stellen der Psalmen? Ochsen sollen wir Gott nicht geben: neue, eigne Gesänge, wie David, können wir ihm nicht gebenvon wem fordert Gott auch solche poetische Bußen? also sind diese Worte bei uns todt und erfroren- 6. David regierte in einem theokratischcn Staate , in dem er eigentlich Gottes Stelle vertrat, und sich also auch nach dessen alten Verfügungen., der sestgestelltcn Landesconsticution, richten mußte; dies giebt seinen Liedern durchaus eine geistliche Sprache, auch wo er von lauter weltlichen Gesetzen und Verfassungen redet. Er saß als Gottes .Fürst auf dem Zion: in Gerechtigkeit und Gericht sein Priester, in Siegen sein Werkzeug, in dem Narional-Gesetze sein Diener, wie der geringste Israelit. Wenn also alle Thaten und Siege Davids Gott zugeschrieben werden , wenn sich der König in seinem Gott freuet, auf dessen Stärke stolz ist, dessen Gesetzen neue der Ebräi scheu Poesie. 3^, Treue schwöret: so sind alle diese Ausdrücke reelle eigentliche Landessprache. Wenn er die Wunder, d. i. die treffende Schönheit und Vortrefflichkeit der mosaischcn Gesetze rühmt, und flch so oft anheischig macht, nach ihnen zu regieren: so war er damit kein muffiger Frömmling, der nur mit seiner Harfe knien wollte, wie er gemalt wird; eben in denen Psalmen, wo cr von seiner Liebe zum Gesetze Gottes redet, redet cr von seinem Flcißc in Geschäften, von der Bewahrung seines Herzens, sich nicht für eigenmächtig und zügellos zu halten, kurz von seiner Hochachtung gegen Landesgesetze und Landesge- brauche. Daß cr diesi zu thun schuldig war, fühlte er sehr gut; am meisten, wenn er abwich und ihn Gott strafte. „Ich habe gesündiget gegen Jehovah, „den Landcsgokt; was haben aber diese Schaafe „gethan?" Mögen diese wenigen Züge zeigen, mit welchem freien und verständigen Geiste die Psalmen' Davids gebraucht werden müssen, wenn sie für uns seyn sollen, was sie für ihren Urheber waren. Auch hier ist Poungs Regel anzuwenden, daß man den Alten oft am nächsten komme - wenn man sich am weitesten von ihnen zu entfernen scheinet. Die Blü- the allgemeiner Lehre und Zierde soll in uns übergehen: alle süßen Worte und Gesangesweiscn können, wenn unscriHerz ihnen zuspricht, auch die unsrigen werden; jede blinde Nachahmung ist aber auch hier Vaalsdicnst, Farren und Kälber der Lippen, d. i. unvernünftige Worte. — Nur dann , werden uns einzelne Psalmen lieb, wenn wir sie in einzelnen Fallen des Lebens als die eigenste Sprache Vom Geist A42 unsers Herzens, schön, edel und uns treu Fndeu; also die alte Davidsharfc nur als den Vor- oder Nachklang unsrer Seele liebgewinnen lernen. — II. Assaphs Charakter, als Psalmendichter. In Lehrpsalmen übertrifft Affaph den David: , seine Seele war nicht so zart, aber leidenschaftloser, freier. Die besten seiner Psalmen sind nach einem schönen Entwürfe angelegt und auch seine Natienal- lieder sind vortrefflich; kurz, er verdient den Namen eines Weissagers, d. i. eines Gottesweisen auf der Harfe. Eine einzige Probe seines Lehrgesangcs möge hier genug seyn: Der 7Z. Psalm. cine The 0 dicee über das Glück der Bösen. Dennoch ist dem Rechtschaffnen Gottk) Ein guter Gott! Wer reines Herzens nur fest an ihm bleibt. Zwar hatt' ich fast geglitten, -Mein Fußtritt wich schon aus: Denn eifernd zürnt' ich auf die stolzen Thoren Z) > Mit Neid sah ich der Bösewichrer Glück. I) In mehreren Stellen wird das Wort Israel bedeutungsvoll genommen und das -A* in ihm entwickelt. 8) Die m'achen oft solche Nebenbedeutungen zur Hauptbedeutung. der Ebrai schon Poesie Kein Lodesnetz ist für sie da U); Fett und gesund sie : Sie wissen nichts von Menschenlebens Müh: Des Unglücks Geißel trifft sie nicht, Wie andre Sterbliche. Drum brüsten sie sich in Halsketten stolz, Ihr Unrecht schmückt mit prächtgcn Kleidern sic i). Aus fetter Wange geht hervor ihr Blickk), Was sie sich dichten, strömt ihr Herz hinaus! Sie spotten, reden Böses auf den Freund l), Redens mit hoher Brust. Als Himmclsgörier sprechen sic, Und was sie sprechen, muß die Erde thunm). Ir) Der Tod wird hier als Jäger vorgestcllt, wie er immer auf die Schritte der Sterblichen lauert. Diese haben mit ihm einen Bund und mit dem Grabe einen Vertrag gemacht, ihnen stellt er keine Netze — i) Nicht nur, daß sie reich und stolz sind; ihren Reichthunr hat ihnen auch die Unterdrückung Andrer gegeben. L) Will man mit den 7<>. lesen, so habe ich nichts dagegen, aber auch giebt ein treffendes Bitd. Was ihr Auge hervorblickt, muß gethan werden; so wie, was ihr Herz dichtet. 1 ) : S. den andern Psalm Assaphs Ps. So, ao. m) Himmel und Erde werden hier entgegen gesetzt. Bis zu jenem recken sie ihr Haupt, als ob sie Götter des Olymps wären; auf der Erde wandelt ihr Wort, d. r. cs wird überall schnell Vollführer. Vgl. Ps. 1H7, iS. 3^4 Dom Geist Sie trinken satt sich aus dem harten Stein n), Sie preisen reiche Wasser sich hervor; Und sagen: wie? das merkte Gott? Von uns hatt der Erhabne Wissenschaft? So denken die Verruchten Und sind die Glücklichen der Zeito) Und nehmen zu an Gut. Umsonst ists also, daß ich rein mein Herz Und meine Hände rein bewahrr! Tagtäglich trifft mich neuer Geißelstrcich, Und jeden Morgen schilt das Glück mich ausx). Wohl, sprach ich, ich will sagen, wie dem ist? ,/Das sind sie, deine Lieblinge!" — r>) Daß nach den gewöhnlichen Uebersetzungen und Conjekturen die beiden Glieder deZ Parallelismus mit einander nicht bestehen, siehec ein jeder. Der zweite Satz ist klar: also muß es am ersten liegen. Ich setze die Buchstaben nur anders ab: und es wird nicht nur Sinn und Parallclismus, sondern jeder bemerkt auch das Wortspiel mit dem gleich folgenden so daß dies wohl die wahre Lesart gewesen seyn dürfte. Es ist ein Bild der größten und glücklichsten Unterdrückung, da» die Folge schön einleitct. Auch der masorethische Text hat schon die Stelle als mangelhaft bezeichnet, o) Die sind Leute, die glücklich und ruhig leben, die Seligsten des Zeitalters, deati. x) Das Glück fahrt ihn jeden Morgen neu an: tagtäglich ein neuer Unfall. der Eb ratschen Poesie. 345 Treuloses Wort! — Ich glaubt' cs z» verstehen, Und war in eitlem Wahn. Bis ich eintrat in Gottes heilgen Rath, Und da ihr End' erfuhr. Wie hast du sie aufs Schlüpfrige gestellt! In Fallen fallen sie. Erschrocken wird man staunen über sie: „Ein Augenblick! sic sind nicht mehr! Sind wie hinweggeschrcckt g)! ' Wie ein Traum, wenn man erwacht, So hast du Herr, erwachend r) Ihr Bildniß weggescheucht. Wie stach es nun mein Herz! Wie schmerzte michs im Innersten, Daß ich so thöricht das nicht erst erkannt, Daß ich vor dir geurtheilt wie ein Thiers). Nun halt' ich immer mich an dich, g) Die Worte des Originals malen das Bild sehr lebhaft. r) Daß im Erwachen, nicht in der Stadt heiße, zeigt die ganze Composition des Bildes. s) Die Folge zeigt genugsam, was das ^85? hier bedeute. Er wär zuerst in Absicht Gottes wie ein Thier, d. i. er verstand nichts von seiner Absicht, urtheilte unvernünftig, und wollte schon ausschla- gen und abweichen. (Vgl. Ps.3a, g.) Nun denkt er auf eine andere Weise an Gott, und bleibt bei ihm, wie der folgende VerS mit Wiederholung des Worts singet. 3j6 Vom Geist Der, da ich wankte, bei der Rechten mich ergriff; Führ' immer mich, wie du nur willt, Zuletzt nimmst du mich ehrenvoll doch auft). Denn wen in allen Himmeln? wen auf Erden Hält' ich mir ohne dich? Verlangend zehret sich mein Leib ab und mein Herz. — Du meines Herzens Fels, mein Lheil bist du, O Gott, auf ewig hin. — Die sich von dir entfernen, gehn zu Grunde; Wer Fremden nachbuhlt, den vertilgest du! Ich aber! — nah bei Gott, wie wohl ist mir! Auf Gott Jehovah setz' ich mein Vertrau», Roch will ich singen alle deine Lhaten — Wie schön ist der Psalm ! Eine kurze Gnome fangt an n), das Resultat vieler Betrachtungen, womit er auch endigt. Schnell und unmerklich kommt crx) auf seine schwere Situation, schildert, woran er sich irrte, und da er dieß Gemälde zum vollesten Lichte gebracht hat, wendet sich der Gesang 7). Er wird in den Rath der Schicksale eingeführt und kommt sich selbst als Thier vor in seinem vorigen Urrheile. Neue Gelübde an Gott (immer noch dem ersten Bilde des Wankens angemessen) steigen zur wärmsten t) Vielleicht konnte man auch grammatischer lesen: Nach Müh und Lasten bin ich doch bei dir. Die Umschreibung des Worts geht nämlich immer fort. ,1) B. >. 7) B. 12 — 16. X) V. 2. 3 . der Ebraischcn Poesie. 3g 7 Empfindung?.), bis wieder eine Gnome schließt s). Schöner Lehrpsalm in Materie und Ordnung. Nur crweitre man jene nicht über ihre Grenzen. Afsaph sieht das Glück der Bösewichter und sieht cs verschwinden; das Glück der Guten bleibt treu und fest: so weit geht sein Blick. Meder die Rache an jenen, noch eine Exposition des ewigen Glücks dieser, war der Zweck seines Liedes. Irre ich nicht, so ist über diese Materie in Mehrern Psalmen ein löblicher Wettstreit. Einen Gesang dieses Inhalts hatten wir schon K); er behandelte die Aufgabe als ein Nathscl der Weisheit, lyrisch und schön, wie alle Psalmen der Kinder Ko- rah. Hier ist der Wetkgesang Davids über eben diesen Inhalt. Das Glück der Bösen. Der 3>g. Psalm. Ich sprach: ich will mich hüten Lebenslang, Daß meine Zunge sich nicht übereile, Gebieten will ich meinem Munde, daß er schweige, So lang rin Böser vor mir lebr- Jch schwieg der Rede, und schwieg auch der Freude a), rj B. 2Z — 26. 0) B. 27 — 28. 8) Psalm hg, im I. Lhcil VII. Gespräch, c) Eine feine Empfindung und wie wahr! — Das ist kein Mittel, Gedanken abzubrechen, daß man sie in sich verbirgt. Sie müssen heraus, sie müssen entwickelt werden oder sie nagen das Herz um so mehr. 3^3 Vom Go ist Der Schmerz empörte sich in mir; Mein, Herz erglühte mir im Innersten: Wenn ich nachdacht', entbrannte Feur in mir; Und — meine Zunge spracht). Jchovah, lehr bedenken mich mein Ende, Wie kurz mein Leben sey! Wie bald ich muß davon! Sieh, eine Spanne ist mein Leben nur, All' meine Zeit ist wie ein Nichts vor dir, Ein leerer Schatte nur ist Menschenleben, Das sich so bleibend denkt e). Ja wohl! im Schattenbilde geht Der Mensch, als war' er Held, daher! Ereifert sich und gisbt sich Müh umsonst, Sammlet und weiß doch nicht für wen? Worauf denn hoffe ich? Du, Herr, bist meine Hoffnung! Befreie du mich nur von meinem Fehlen Und mach mich nur dem Narren nicht zum Spott; So schweig' ich und will meinen Mund nicht öffnen, Du, Herr, wirst alles thun k)! Nimm deine Plage nur von mir! In Ohnmacht lieg' ich, Herr! weil deine Hand mich traf; ä) Murrend nämlich. Es ist fein und schön, daß er die Worte des Murrens nicht anfähret; der Gesang wendet sich sogleich weiter. e) Das im Originale ist kurz und schön. f) Du wirsts besser ausführen, 'als ich dir vorzeichnen könnte. der Ebräischen Po'.esie. 34S Denn sprichst du auch dem Stärksten Ei» hartes Wort nur über sein Vergehen zu: So schwindet er, als zehrten ihn die Motten; Nichts ist, was Mensch nur heißt. Hör' also mein Gebet, Iehovah, Vernimm mein Angstgeschrei, Und schweige, wenn ich weine, nicht. Ein Fremdling bin ich hier vor dir, Ein Wanderer, wie alle meine Vater.' Steh ab von mir, daß ich mich wieder stärke, Eh ich hingeh' und bin nicht mehr. — Ein zartes Lied, vermutlich in Krankheit gemacht, und ganz in Davids Weise, voll seiner individueller Empfindung. Wer diese liebt, wird Davids Gesang, wer Lehre liebt, Assaphs Psalm, wer lyrische Fiktion liebt, wird das Gedicht der Kinder Korah verziehen, das sich über das Schicksal der Bösen bis ins Todtcnreich wagte. Noch einen andern lehrenden Psalm (Ps. 3 y) hat David über dieselbe Materie : cs giebt mehrere solcher lyrischer Wettstreite in den Psalmen, insonderheit in Nationalliedern (Vergl. Ps. 46. und 76. Ln. 85 . 44. 78. u. f.) Sie gegen einander zu halten, ist eine angenehme Mühe, die sowohl den Charakter des Dichters, als seine Gesangweise erläutert. III. Gesänge der Kinder Korah, Waren diese Gesänge von David? warum sollte er bei ihnen nicht genannt scyn? da ihm und auch Assaph vielleicht Gesänge zugcschriebcn sind, die wahrscheinlich in spätere Zeiten gehören. Wahrscheinlich sind sie von einem aus Hcmans Chor — und ihr Verfasser ist vielleicht der prächtigste Liederdichter die- 35o V o ni Geist ser Sammlung. Seine Nationalgesange sind kurz rund, feurig: der gbste Psalm ist eins der schon sten Epsthalamien, der 42 stc'eine der schönsten Ele gicn — wir merken uns den letzten zum Beispiel: Sehnsucht nach Jerusalem. Der tz.2. HZ. Psalm. Wie der Hirsch sich schar nach Wasscrquellen, So schmachtet meine Seele, Gott, nach dir: EL durstet meine Seele hin nach Gott, Nach dem lcbendgen GottZ): WanN werd' ich wieder kommen Und Gottes Antlitz schaun! Längst waren meine Thranen mir Morgen- und Abendbrod; Da Lag für Lag man zu mir sprach:. Wo Hilst dir nun dein Gott? Da dacht' ich denn, (und floß in Lhranen über Wie ich einst auch zu Gottes Lempet ging, Mitging im Haufen Jubelnder, Danksingcndcr, im lauten tanzenden Chor. Was gramst du dich, mein Herz, in mir, Und pochst unruhig auf? Erwarte Gott! auch ich werd' ihm noch danken, Ihm meinem Retter, meinem Gott! — Und dennoch grämt sich meineSeele noch! — So will ich denn auch hier an dich gedenken, x) Der lebendige Gott wird sonst tobten Götzenbildern entgegen gesetzt; hier wird der Ausdruck schön verwandt auf die lebendige Quelle, nach der von diesen Quellen der Sänger sich sehnet. der Ebrä ischen Poesie. 35r Hier zwischen Berg und Strom, Am Jordan und den Hügeln Libanus! — — Wie Woge dort in Woge rauscht! Sie rauschen mir wie deine Ströme zu! — Denn alle deine Wogen, deine Ströme Gingen über mich hin!- Und doch hält mich am Lage noch Aufrecht JehovahL Huld Und in der Nacht ist noch sein Lied mit mir, Geber zu meinem, dem lebendigen Gott! — Ich singe zu Gott, meinem Schutz; „Warum vergissest du mein? „Warum muß ich so traurig gehn, „Bedrängt vor meinem Feind'?" Es schmettert mir durch mein Gebein, Wenn mich mein Feind verhöhnt, Wenn Tag für Tag er zu mir spricht; Wo hilft dir nun dein Gott? Was grämst du dich, mein Herz, in mir, Und pochst unruhig auf? Erwarte Gott, ich werd' ihm doch noch danken, Ihm, meinem Retter, meinem Gott! Ja richte mich, Gott, führe aus mein Recht! — Bon einem unbarmherzgen Volk, Bon einem Mann voll Trug und Bosheit rette mich! Denn du bist ja der Gott, dem ich vertrau; Warum entfernst du mich? Warum muß ich so traurig gehn, Bedrängt von meinem Feind'? — 352 Vom Geist O sende mir, Heer, deinen sichren Rathli), Daß er mich leite, daß er mich hinführe Zum Berge deiner Majestät, Zu deinem Zell. Hinein will ich dann gehn zum Altar Gottes, Zum Gott, der meine Freud', mein Jubel ist! Will mit Gesang der Harfe dir dann danken, O Gott, mein Gott ! — Was gramst du dich in mir, mein Herz, > Und pochst unruhig au f? Erwarte Gott! ich werd' ihm doch noch danken, Ihm, meinem Retter, meinem Gott. Zergliedern mag ich das vortreffliche lyrische Gemahl, de nicht: denn wer die schöne Abwechslung, den sanften Gang und Traum der sich beruhigenden Gedanken, insonderheit das Bild der Gegenden am Libanus und Jordan nicht selbst fühlt, wird sie durch die weitläuftigstc Exposition nicht fühlen lernen. Wie Jemand, der Trost sucht, den ersten Gegenstand zu Hülfe nimmt, so fallt das Auge des Betrübten eben auf die rauschenden Wogen der Strome, die aus dem Phiala stürzen. Sie rauschen ihm traurigen Schall, sie bringen ihm das Bild der Trübsal, die Jehovah auf ihn goß, in die Seele k) Dein Urim und Thummim.t die Stelle zeigt, wofür es David ansah. der Gb räisch en Poesie. 3L3 Seelei); bis er daran denkt, daß ihm noch seine Freundin, die Harfe, treu geblieben sey, und er sich mit ihr voll von Vertrauen, das schon zur sichern Gegenwart wird, in die frohlockenden Chöre Jerusalems wieder zurückzauberk Ic). — IV. Gesänge einiger Ungenannten. Wir haben eine ziemliche Anzahl ungenannter Psalmen, deren viele wahrscheinlich aus spatern Zeiten und darum nicht schlechter sind. In einigen sichet man schon eine verseintere Lehre, als sie zu Davids Zeit seyn mochte; wir werden mit manchen von diesen unscni dritten Theil zieren; hier stehe nur noch ein Wort über die sogenannten Stufenoder Aufsteige-P salmen. Man hat die Aufsteigepsalmen für Rcisclieder hei der Rückkehr aus Babel gehalten, weil diese Esra 7, 9. das Aufstcigen heißt; der Inhalt der meisten bestätigt kaum diese Meinung. Viele sind allerdings aus spatern Zeiten, und der 187. Psalm besingt die Gefangenschaft in Babel deutlich; gerade aber auf die Reise nach Judäa scheinen sich die wenigsten zu beziehen. Bedeutet das Aussteigen im Ebraischew i) Es ist nicht nur gewohnte Jdeen-Berbkndung der Ebraischen Sprache, sonder» auch eine gemeine Bemerkung, daß ein rauschender Strom den Betrübten zuerst anlocke, als ob er seinen Schmerz auf den Wogen mitnehmen wolle, bald aber ihn nur trauriger mache. ik) Th. >. S. 26h,. Th. 2. S. 121» 122, Herders Werke z. Siel, u, Lheol. II. I 3.54 Vom Geist nichts anders? war's nicht der gewöhnliche Ausdruck von denen, die nach Jerusalem, insonderheit zu den Nationalfcstcn, zogen? Wie also, wenn diese Psalmen nichts als dies? wenn sie solche Reise-, Festund Na tion a lg esan g e waren, wie wir von David, Assaph, den Kindern Korah, schon eine Menge sahen? Und offenbar sind sie's! mit diesem erweiterten Begriff erklärt sich in ihnen das Meiste. Nur fange ich ungern vom 120. Psalm an; er hat gerade das wenigste, das die Situation bezeichnet, in der er gemacht ist, und ist vielleicht eine ganz individuelle Klagte. Klage über unfriedliche Mitwohner, Der 12 oste Psalm. Zu Jehovah rufe ich in meiner Bedrangniß: Ich ruf' und er erhöret mich. Errette mich, Jehovah, von den Verläumder-Lippen, Bon der Betrüger-Aung' errette mich! „Was thut sie dir, die trügerische Zunge? „Was thur sie'dir?" Sie sticht wie scharfe Pfeile des Kriegers: Sic brennet wie brennende Kohlen von spitzem Holz. O daß ich hier herberg' in Räuber-Zelten I)! Jsts doch, als ob ich mit Kedars Mördern reiste! Lang' Hab' ichs satt, mit Menschen zusammen zu wohnen, 1 ) NDQ heißt ein Fell, eine grobe Zelldccke, von der das wilde Zeltenvolk wahrscheinlich den Namen hatte. Der Klagende sagt also: es sey ihm, als ob er mit rohen Wilden zusammenlebe." In der Ebrai scheu Poesie. 355 Die Frieden hassen und Verträglichkeit. Ich bin so ruhig; und sprech' ich ein Wort, So wird es Krieg. Ein Reisender ists, der über die Unverträglichkeit seiner Mitwohner klagt: in Zelten wohnt er und vergleicht sie also mir den arabischen Räubern: kurz ist die Zeit, die er mit ihnen wohnen darf; er wünscht also, daß sie zu Ende gehe. Weiter sagt unS der Text nichts — Und ich mag auch nichts weiter behaupten. Zogen diese Zelle nach Jerusalem? kampirten sie außer Jerusalem, wie cs so oft, während des Fests, der Volksmenge wegen seyn mußte? Ich weiß nicht. Der 12 >. Psalm erklärt sich deutlicher. Vow Babel kein Wort: es ist ein Zug nach Jerusalem, nach den heiligen Bergen. G l ückw ünsch un gs-L i ed zum Zuge nach Jerusalem. Der »arte Psalm. Ich schau, ich schau hinaus nach jenen Bergen, Kon denen Hülfe mir kommt: Meine Hülfe kommt mir vom Zehovah, Der Himmel und Erde schuf» „Er wird deinen Fuß nicht lassen gleiten! Er wird nicht schlummern, der dein Hüter ist: Mesech und Kedar sind die Israeliten nie gefangen gewesen, auch lagen diese Gegenden weit aus einander, und sind in diesem Psalm offenbar nur tropisch, wie der Parallelismus deutlich zeiget.— Z 2 356 Vom Geist Denn sieh, es schlaft und schlummert nie Der Hüter Israels. Zehovah wird dein Hüter sey», Jehooah wird dein Scharte seyn, Der mit dir zieht (als Freund) zur Seite dir: Daß Tages dir der Strahl der Sonne , Daß Nachts des Mondes Strahl nie schade dir. Der Herr behüte dich vor allem Unglück: Er nehme deines Lebens wahr! Der Herr wird dich behüten, wenn du ausziehst, Und wenn du einziehst, jetzt und künftig hin —" Man denke sich einen jungen Israeliten, der wie ein zarter Vogel aus seinem Neste nach den hülfe- bringenden Bergen hinausblickt: er will auf die Reise, will Jerusalem sehen, und sein alter Vater etwa giebt ihm diesen Segen auf den Weg: so' ist Wort für Wort erklärt. Es ist kein Auszug aus Babel: denn wer sollte da so segnen? es ist die Stimme eines zärtlichen Abschiedes, die sich nicht satt reden, nicht satt segnen kann. Auch auf der Reise konnte der Psalm einzeln und in Chören gesungen werden: man wünschte einander zur Reise Glück.- Daß der folgende 122. Psalm ein Lied des Verlangens eines jungen Israeliten sey, der schon einmal in Jerusalem gewesen und sich jetzt wieder auf den angekündigtcn Zug freuet, haben wir schon bemerktin): der 128. 126. 184. zeigen ihren hiehec gehörigen ähnlichen Inhalt offenbar. Der 124. 129. m) S. sind Danklieder über die Errettung Israels, wie inan sie etwa bei Nationalfestcn sang, und wie wir andre unter den Gesängen Assaphs und der Kinder Korah finden»). Der 126. ist dergleichen, wahrscheinlich in der Gefangenschaft gemacht und nachher zum Andenken des Zutrauens und der Freude als Nationalgesang bcibehalten. Der i 33 . preiset Eintracht der Stämme und Familwn, der 128. das Glück des häuslichen Lebens, der 127. das Glück einer zahlreichen Familie, wenn gleich ihre Erziehung Mühe und Sorgen kostet — die schönsten Materien für ein versammletes Volk. Hätten wir viele derselben auch für unsre Sitten und Lebensweise! so rein, so kurz, so voll Gesanges, wie diese für Israel waren. 'Der r 3 o. ist ein Bekenntnißpsalm der Sünden, eine Zubereitung etwa zu Opfern, wenn jemand sich derselben schuldig fühlte. Der 182. empfiehlt Gott des Königs Haus, den Zion, die Priester; also genau dieselbe Bestimmung. Endlich werden diese r 5 kleine schöne Lieder von Lobgesängen lbcschlcssen, die offenbar Tempel- und Festpsalmcu waren. 0). Wenn man auf diese Weise das Psalmbuch überblickt, so wird man sich dasselbe leicht ordnen -können, zumal wenn man die jüdische Eintheilung n) Ps. lch-lch. 7!» -8S, 0) Wahrscheinlich ist das Psalmbuch aus einzelnen kleinen Sammlungen erwachsen, und diese wäre denn ron einem, der sein Neifegesangbuch Lieder d«ä Aussteigens genannt harte. 353 Dom Geist in 5 Bucker zu Hülfe nimmt. Die Nationalpsal- ' men stehen meistens auch zwischen andern nichc einzeln, sondern in Sammlungen bei einander. Hier ist ein kurzer Anblick: Ps. i. Vorrede des Buchs. Ps 2. Ein Königspsalm, des Buches Krone. Ps. 3 -go meistens individuelle Psalmen Davids. Hier schließt das erste Buch der jüdischen Sammlung. Ps 41-49. Lieder der Kinder Korah, mancherlei JnbaltS: die meisten sind Nationalliedec und der 5 o,, der schöne Lehrpsalm Afsaphs, beschließet diese erste Sammlung der Korabiten Ps. 5 1-64. Individuelle Lebensgesanqc Davids. Ps. 65 - 68 . Nationalpsalmen: vielleicht die folgenden auch, bis der 72. Psalm aufs Salomonische Reick das zweite Buch schließet. Ps. 73 - 83 . folgen Psalmen Assaphs, und der schönste derselben fängt das neue Buch an. Ps 84-89. Lieder der Korahiten und andrer Gesangmeister: ein großer Theil abermals Nationalpsalmen. Hier schließt das dritte Buch, has ganz von Dichtern der Tempclmusik ist und wahrscheinlich denen mir dem zweiten Buche geschlossenen Davidspsalmen später hinzugesügt ward. Ps. 90. Der Gesang Moses. Ps. 91-107. und also bis zu Ende des Buchs lauter allgemeine Psalmen: offenbar eine Zugabe aus dem Tempel und zu Nationalfesten. DaS fünfte Buch endlich hält die vcrmischleste, spateste Sammlung: Ps. 108-uv. Lieder Davids oder auf David. ' der Ebraischcn Poesie, 35 g Psalm 222-128. Tempel- und Festpsalmcn. Der 229. ein Spruchbuch. Ps. 220-134. die, Aufsteige- psalmen, die mit Lobgesängcn, und Ps. 238-245. Davidische Psalmen, die abermals mit Lobgesängen beschlossen werden. Man siehet, wie sich alles in Gruppen sammlet, und ein Herausgeber, der die * Psalmen nur als Lieder betrachtete, könnte unserm Blicke und Gedächtnisse durch Anordnung hiernach sehr Helsen. * - * V. Von der Musi? der Psalmen. Ohngeachtet der fleißigen Abhandlungen x), die wir über sie haben, gewinnt man aus ihnen wenig Resultate, für die Dichtkunst und Oekonomie der Psalmen. Nichts folgt so sehr den Zeiten und Sitten , als Sprache und Tonkunst: sie schwebt auf den Lüften und fliegt auch mit den Lüften vorüber. Die alte und neue Musik des Orients und OccidentS scheidet sich so sehr, daß, wenn wir auch mehr wüßten, wenig davon für unser Ohr wäre. Ich bemerke nur weniges: 2. Die Instrumente, die in den Psalmen genannt werden, sind entweder herrschend oder bloS begleitend. Begleitende sind offenbar die lauten, die daher in keiner Ueberschrift Vorkommen: sie gehörten zur vollstimmigcn Musik der Freudcnrüfe und Tcm- pelpsalmen. Da das Volk nur im Vorhose blieb und die Musik ihm aus dem Heiligthume oder gar x) Die besteist Pfeifers über die Musik der Ebräer, Erlangen 277g. 26 c. Dom Geist unter freiem Himmel zuschallte: so wirb damit die Menge der Sänger und lauten Instrumente begreift lich. Lieber gehörten z. B die Castagnetten, die Adufe, manche Arten der Posaune und Pfeifen: es war eine Art kriegerischer Musik, weil der Gott Zions, ein Herr der Zebaoth, d. i. der Schlacht- Heere war; wozu auch der. Inhalt vieler Psalmen augenscheinlich eingerichtet worden. Wenn es heißt, daß Assaph die Castagnetten geschlagen, so werden diese damit nicht als sein einziges Instrument gemannt, sondern er lenkote mit ihnen das Chor, er schlug den Takt; bei einzelnen Gesängen aber weissagte, d. i. dichtete auch er auf Saiten. 2. Die sanftere Musik der Dichtkunst waren einzelne Instrumente; daher wird dieser Gesang der Flöte, jener der Cither und Harfe, ein andrer dem Herne zugeschrieben Es scheint, daß die Alten, bei denen Ton- und Dichtkunst inniger verbunden waren, sich mehr darauf gelegt, jedem Instrumente feinen eigentlichen Affekt abzugcwinnen und eben damit auch die Poesie zu bezeichnen: denn es braucht keines Erweises, daß jedes Instrument mit seinem rignen Tone auch gleichsam eine eigne Region der Empfindungen habe: daher man frappante Beispiele hat, was gewisse Töne auf diesem oder jenem. Instrumente, die eben dieses Hörenden Licblingsgange waren, aus ihn wirkten. Da alle Kraft der Musi? auf Simplicitat-beruhet: so hat mit einfachen Tönen eines geliebten Instruments der Tonkünstler das Herz des Liebhabers in seiner Gewalt und spielt gleichsam unmittelbar auf demselben; indeß das harmonische Geschrei aller Instrumente, der künstliche der Ebraischen Poesie. 36 r Lustbau, der je die Wolken berührte, zwar das Ohr des Kenners ergötzt, ober ein wahres Babel in den Empfindungen dessen wird, der nur gerührt zu werden wünschet. Sollten die durch Kunst getrennten Schwestern, Musik und Dichtkunst, sich einmal wieder inniger lieben lernen, so wirds abermals heißen : „ ein Lied zur Harfe, ein Lied zur Flöte: " wie bei den Gesängen Assaphs und Davids. Durch das Studium eines einzelnen Instruments lernet man die Gattung der Leidenschaft, die cs wecket, den Ton des Herzens, den es regt, tiefer kennen; und wer dies in der lyrischen Poesie glücklich aus- drücken könnte, käme damit weiter als durch alle kritische Regeln — 3. Da die alw, Zeit und noch jetzt der Orient nichts vom Lehrgebäude unsrer Harmonie weiß, da die Poesie der Psalmen offenbar nur freie Sylben- maaffe hat und wenig oder keine eigentliche Scansion nach unsrer M-ise kennet, so sind wohl alle Versuche vergebens, unsre Sprache nach jener, oder jene nach unserer zu modeln. Freie metrische Regionen schweben in der Luft: Melodie und Affekt bestimmen das Glcichmaas oder die Abwechslung derselben nur im Allgemeinen. Das sagen in den Psalmen die so oft verkommenden „Sela." Wenn man die entscheidensten'Stellen vergleicht, so wollen sie offenbar weder Pause, noch ela Lsxo, noch Intermezzo; sondern Veränderung der Tonart sagen, die sich entweder wachsend oder durch Uebergang in einen andern Takt und nioäuni äußern konnte g) Aus allen Sicisebeschrelbungen weiß man, daß die 362 Vom Geist Der Inhalt des Liedes, sein Affekt veränderte sich nämlich, und da die Melodie für Sänger und Tonkünstler noch nicht so genau bezeichnet war: so stand im Liederbuche bei den Hauptstellen dies Nota bsno. Affektvolle Lieder baben es am meisten, insonderheit wo der Inhalt des Gesanges sich sehr verändert: einsormiglehrendc und eintönige Prachtpsalmcn haben es gar nicht. Wo es am Ende des Gesanges steht, zeigt es etwa an, daß man dem Psalm noch einen andern bcizufügcn gewohnt gewesen, wie cs denn unläugbar ist, daß man solche Verkettungen und Jneinandersügungen mehrerer Psalmen geliebt habe, r) Der Grieche übersetzt Sela durch FrccchaXzicr, das Suioas u. a durch con- csntus mutaiio erklären. Es zeigt also an, daß dergleichen Lieder ganz durchcomponirt gewesen; nur freilich auf die den Morgenländern gewöhnliche sehr simple Weise, die sich dem veränderten Gesänge hier neu anschloß. — Mil allem sehen wir, daß wir zwar das Wort dieser alten Lieder haben, daß uns aber, zumal in unfern Nachahmungen, der lebcn- Morgenländer eine sehr einförmige, und, wie es den Europäern vorkommt, traurige Musik lieben; daß sie aber bei gewissen Stelle» plötzlich den Takt verändern und in eine andre Melodie übergehen. Da wars nun wahrscheinlich, wo in den Psalmen steht: Sela. r) i Chron. 16 . sind Theile aus vier Psalmen zusammengesetzt. Ps. 3o. S3. sind wahrscheinlich auch zusammengesungen worden. So mehrere. der Ebrai sehen Poesie. 363 dige Geist, der vom Vorträge abhangt, ziemlich fern ist. Ueber dis Musik-*) Ein Anhang. Der Mann, der zuerst beim Gottesdienste Musik Horen ließ, hatte wohl nicht die Absicht, sich dem Publike als Komponisten zu empfehlen; so wenig der Prophet Nathan durch seine Fiktion von dem einzigen Schaafe des armen Mannes, den Namen eines guten Fabeldichters verdienen wollte. Er war ohne Zweifel ein Mann von hoher Einsicht und Gesinnung, und ein Freund und Vater seines Volks. Die ersten Dichter jeder Nation sollen ihre Priester gewesen ferm; vielleicht geriethcn diese auch zuerst auf die Erfindung, ihren Gesängen durch Saitcnspiel mehr Eingang und Kraft zu geben. Die Musik mag indeß am Altäre entsprungen, oder in die Tempel ringeführt worden seyn; so muß man hier den Zeitpunkt cr.mehmcn, darin sie ohne alle eigene Gerechtigkeit war, und in Knechtsgestalt Wunder that. 'Im Tempel zu Jerusalem ward nicht allein des Herrn Gnade des Morgens und des Nachts seine Wahrheit verkündigt auf den zehn Saiten, und mit Spielen auf der Harfe;, es ward nicht allein nach einem Siege wider die Philister Gott hoch Asmus sämmtliche Werke, Th. i. S. 87. Vom Geist 36-j gepriesen mit Posaunen, Psalter und Harfen, mit Pauken und Neigen, mit Pfeifen und Saiten, mit Kellen Cymbeln und mit wohlklingenden Eymbeln; sondern der König David ließ auch sein Angstgcbet in sehr traurigen und kritischen Situationen, und auch die Bußsoliloquia seiner sehr erschrockenen Seele, die er glaubte, auf acht Saiten Vorsingen. Wie solche Nachrichten uns über die Endzwecke der Musik überhaupt klug machen können, so lassen sie uns zugleich auf ihre Gestalt in den Morgenländern, und auf die Idee schließen, die man von ihr hatte. Der Anekdote zufolge, daß die Musik anfänglich in Griechenland allein beim Lobe der Götter und Helden, und bei Erziehung der Jugend gebraucht worden, ist sie vermuthlich in dieser göttlichen Einfalt und unerkannten Schönheit aus dem Oriente zu den Griechen gekommen, die auch in diesem Stücke c-xr nanAes waren, und so lange daran feinertsn und feilten, bis sie eine schöne Kunst daraus gemacht hatten. In dem Lande, wo die Dichter in Nachahmer und Schmeichler der herrschenden Neigungen, und Weise in Proftssores der Dialektik ausartcten, ward die Musik, aus einer heiligen Nonne, eine verzärtelte Dirne, welche die.Vermahnungen Plato's und anderer verständigen Männer in den Wind schlug, sich bei aller Gelegenheit sehen ließ, und um öffentliche Preise und den Beifall des wollüstigen griechischen Ohrs buhlte. Sie war nun gar uicht mehr, was sie gewesen war, der, schlechte Zauberstab in der Hand des Gotterboten: der Ebraischen Poesie. 365 -IiÄll »nirnss illo enno-li Orco t?r>Ilentes, LÜ 3 » snv toislls lortiira inlitii, . Olli L0MU0S scllmirgus ei lumin-e morie re- LiAIILi» Die Musik eines griechischen Virtuosen, der in den Mhischen und andern Spielen mehr als einmal den - Preis erhalten hatte, verhalt sich zn einem Psalm Davids ohngcfahr wie ein Solo eines leichtfüßigen Gecken, der aber ein großer Lanzer ist, zu dem Lanze des Mannes Gottes vor der Bundeslade her. Plutarch sagt, daß man sich zu seiner Zeit gar nicht einmal einen Begriff mehr von der alten Musik machen konnte, die Jünglinge zu guten Bürgern bildete, und schiebt die Schuld aufs Theater. Zwar gab cs auch Musiker, die zu Delphi nicht zur Wette mitspielen wollten, weil sie beßre Absichten hatten; und gemeiniglich waren diese Dichter und Musikus zugleich. In Lykurgs Leben wird von einem Lhales, (einem lyrischen Dichter und Musikus aus Greta) erzählt, wie folget; „Seine Gesänge „waren durch ihren sanftgcordneten wohlklingenden „Gang sehr einnehmend, und munterten auf zum „herzlichen Gehorsam und zur Eintracht. Wer sie „horte, ward wider sein Wissen und Willen gerührt „und sanfter gemacht; sein Herz ward ihm warm „für die Tugend, und vergaß des Neides schier, der „es bisher besessen hatte; daß man auf gewisse „Weise sagen kann, dieser Lhales habe dem Ly- „kurg vorgearbciter, und die Bahn gebrochen, die „Spartaner auf bessern Weg zu bringen." Die Römer sind in Absicht auf die Musik weniger anzuklagen, als die Griechen; zu ihnen kam 366 Vom Geist sie aus Griechenland, und die Griechen hatten sie aus dem Oriente. Bei den übrigen Abendländern und nordischen Völkern gieng die Musik noch lange nach Christi Geburt, unter Aufsicht der Priester, mit in den Krieg, und gewann Schlachten fürs Vaterland. In den folgenden Jahrhunderten nach Christi Geburt muß sie auch als Tonkunst verfallen seyn. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie in den unruhigen Zeiten, wie die Gelehrsamkeit, in die Klöster geflüchtet sey, wo sie auch itzo noch vielleicht die besten Dienste thut, wenn sie da euren unzufriedenen, traurigen Mönch, der lange mit seinem Grame heimlich kämpfte, und auf dem Wege war, seinen Vater und den Tag seiner Geburt zu verfluchen, wenn sie den beschäftigen, und seiner Seele zu dem großen Entschlüsse , sich selbst zu überwinden, emporstreben hilft. Beim Gottesdienste in Rom versuchte die Musik von Zeit zu Zeit muthwillig zu werden, daß auch verschiedene Päpste sich gemüßigt fanden, ihrem Muthwillen Schranken zu setzen. Papst Marcellus H. wollte sie aus der Ursache gar vom Altar verbannen, aber Palcsrrina versöhnte ihn noch durch eine Messe wieder, die ohne allen Muthwillen langsam und andächtig einher geht, ihr Auge unbeweglich gen Himmel richtet, und in jedem Schritte das Her; trifft. Heut zu Tage cmpsehlen sich besonders die deutsche und italienische Musik durch hervorragende Eigenschaften. In beiden haben wir treffliche Meisterstücke, und große Meister, die den Ruhm verdienen, der Ebrä ischen Poesie. 267 daß sie durch ihre Harmonie und Melodie den Vogel auf der Spitze des Scepters in der hohen Hand Jupiters einschläfern können. Wem es aber von den Göttern aufbehalten ist, die Musik in Einfall und Kraft wieder einzuführen, der bedarf eines sol- cl-en Ruhmes nicht u. f. Xl. Königs-Psalmen. Inhalt. Einige Nationalgesichtspunkte der Psalmen. Von Gott, als dem Richter und Nationalgott im Tempel. Eingänge und Ausdrücke der Psalmen hierüber. Bon Siegesliedern gegen andre Völker in religiösem Tone. Proben. Friedliche und religiöse Scenen in kriegerischen Psalmen. Proben. Vom Könige, als dem Stellvertreter Jehovahs in einem theokratischen Staate. Der zweite Psalm mit Anmerkungen begleitet. — Vom Könige, als einem Verbündeten Jehovahs, der ihm zur Seite wohnet. Der nute Psalm, mit Anmerkungen begleitet. Von den Verheißungen über das Geschlecht Davids. Einfluß derselben in die Psalmen. Davids letzter Gesang. Salomonische Zeiten, ein Psalm. Feier des Berges Zion in den Psalmen und Propheten. Der Krieg, ein heiliger Gesang; Anthologie aus Ausdrücken der Psalmen. ^ch fühle es wohl, daß ich die innere Art der Psalmen noch wenig erschöpft habe: hierzu aber würde eine ausführliche Durchsicht ihres Inhalts gehören, und zu solcher fehlet mir Raum. Die schönsten Sprüche über Gott, seine Eigenschaften und Werke, Werke, seine Negierung und Vergeltung, über den Beistand, den er den Guten leistet, und den Werth des Gebets und der Aufrichtigkeit in seinen Augen, sind uns durch Lieder und Anwendungen so bekannt, daß die schönste Anthologie hierüber unnöthig scheinen würde. Ich darf also abermals nichts, als einige Hauptgcsichtspunkte auszcichnen, die den Inhalt einiger Lieder zeitmaßig zeigen. r. So erhabne Aussprüche von Gott in den Psalmen verkommen: so sichet man doch, daß insonderheit in denen aus Davids Zeiten Jehovah noch eigentlich als Nationalgott dargestellt werde, den man als den König und Richter des Landes im Tempel anbete. Dies gicbt den Gesängen im Ganzen so viel Kraft, als einzelnen Ausdrücken positive Bedeutung. David sah Gott als den Privatfreund seiner Person und seines individuellen Schicksals an; in den Tempel aber tritt er mir seinen Bekenntnissen und Liedern als vor das Angesicht des Richters. Daher erklären sich die Herzahlungen seiner Sünden als Krankheiten oder als Verbrechen, weil über beides im Tempel gesprochen ward: daher darf er sich seiner Unschuld gegen Feinde so laut rühmen, weil er hier vor Gericht stand. So manche Eingänge der Liedern): Hör' an, Jehovah! Gerechter! werk' auf mein Geschrei! Hör' mein Gebet an, das von reinen Lippen gehtl s) Psalm i?. Herders Werke i. Stet. u. Lheol. ll. Aa Vom Geist 370 Vor deinem Angesicht such' ich mein Recht! Dein Auge siehet auf Rechtschaffenheit. Du prüferest mein Herz, durchsuchst es in der Nacht Und lauterst mich und sinkst nicht Schlacken in mir; Denn ich sann drauf, daß nie mein Mund abwiche. Wenn ich an deiner Stelle,-redete, In jedes Sache hütete ich mich Für schnell durchfahrendem Wertst) — Ich rief dich an; und du erhörtest mich; So neig' auch jetzt dein Ohr und hör' mich an — Ja, ich Unschuldiger, ich werde Des Richters Antlitz schaun: Gesättigr werd' ich meiner Wünsche werden, Sobald sein Bild erwachte) — d. i- sobald er sich als Richter zeiget; alle diese Ausdrücke und Eingänge sind gerichtlich. Zm Orient kam man vor den Richter mit lautem Worte und st) Das, dünkt mich, hießen die Worte: Zu Geschäften der Menschen (meiner Untertha- nen) beim Worte deiner Lippen t,den Urtheilen und Verordnungen, die ich als König im Namen Gorres gab) hütete ich mich vor den Pfaden des Gewaltthätigen (des eigenmächtigen Tyrannen.) Der Betende erwartet von Gott Recht, da er nie Einem wissentlich Unrecht gesprochen oder gethan habe» c) Der Zusammenhang und Parallelismus fordert, daß das auf Gort gehe, und dem correspondire. Gestatt, Bild, Erscheinungszeichen heißt auch wenn eS von Gott gebraucht wird- 5 Mos. st, r5. » 6 . der Ebrai sehen Poesie. 87» Geschrei; und wenn er sich zeigte, wenn seyn Bild öffentlich, dazu leutselig, (glänzend) erwachte, half er dem Bedrängten. Las hieß nun: Laß auf. uns nur dein Anttitz wieder glanzen, So ist geholfen Uns! — Du sprachst ja, Herr! ihr sollt mein Antlitz suchen: Ich such' es, Herr! verbirg es nicht vor mir. und so viele andre Redarien dieser öffentlichen Lan- desditten und Klagen vor ihrem Gott. 2. Wenn daher auch in den Sicaes- und Nakionalpsalmen Zehovah den Göttern andrer Völker entgegengesetzt wird: ists meistens in diesem sp erteilen, andringcnden National-Sinne 6): Nicht uns, Jehovah, nicht uns! Nur deinem Namen sey Ehre! Der Gnade, der Treue wegen, die du an uns ge- than. Laß jetzt die Völker sagen: „wo ist denn nun ihr Gott?" Im Himmel ist unser Gott! und was er will, geschieht. Aber ihre Götzen, Silber und Gold, Sind Menschen - Hände - Wert. Sie haben einen Mund und reden nicht, Sie haben Augen und sehen nichr, Sie haben Ohren und hören nicht, Sie haben Nasen und riechen nichr, ä) Ps. rr 5 . A a 2 372 Vom Geist Sie haben Hand' und greifen nicht, Sie haben Füß' und gehen nicht — Nicht murmeln können sie in ihrer Kehle. . Wie sie, sind die, die sie gemacht, Und jeder, der auf sie traut! Israel, trau auf Gott! er ist dir Hülf' und Schild! Haus Aarons, trau auf Gott! er ist dir Hüls' und Schild! Ihr Frommen, traut auf Gott! er ist euch Hülf' und Schild! — Nimmt man diesen Psalmen ihr enges Dolksgefühl, sogar nach Standen geordnet, so entgeht ihnen ein großer Theil ihrer Kraft und ersten Bedeutung. Gott ist in Judah hoch bekannt e)! In Israel ist sein Name groß. Denn in Salem ist sein Zelt, In Zion seine Wohnung. Daselbst zerbrach er Pfeile des Bogens, Schild und Schwert und Krieg. — (Veränderung der Tonart.) Berühmt bist du, 0 Berg, Mächtiger als die Gebürge des Raubs k). Sie standen ihrer selbst beraubt, Die Muthigen! und schliefen ihren Schlaf. Sie fanden ihre Hände nicht, Die Mächtigen von Hand. e) Ps. 76. t) Worauf sich die Feinde rotteten und das Land umher beraubten. I der Ebräischcn Poesie. 373 Bon deinem Schelten, Jakobs Gott, Entschlummerte der Reuter auf seinem Roß. Furchtbarer, du! Wer kann vor dir bestehen? Wenn dein mächtiger Zornhauch schnaubt. Vom Himmel donnerst du Gericht! Die Erd' erschrickt und schweigt, Wenn du aufstehst zu richten, Gott, Zu retten die Bedrängten der Erde. (Aenderung der Tonart.) Der Menschen Grimm giebt dir nur Siegespreis, Den Rest von ihrem Grimme gürtest du Als Siegsgewand dir um. Gelobt und bringet Lriumphgeschenk. Jehovah, eurem Gott! Bringt Siegsgeschenk dem Schrecklichen, Ihr, seines Landes Grenzen. Er bändigte der Helden Stolz, De» Erde-Kön'gcn war er fürchterlich. — Wir wissen nicht, welche Begebenheit dies SicgeZ- lied feiert; Zug für Zug ist aber so national, als den Ebraern Salem, Zion, Jehovah, und diesem sein Land, seine Grenze eigen war. In unfern Krieges - und Siegesliedern sind die treffendsten Psalmausdrücke dieser Art welke Lorbeern. Der roötc, ein Morgen ge sang Davids. Bereitet ist mein Herz, 0 Gott Zum Spiel und Siegsgesang'! Erwache meine Seel', erwach' Cither und Saitenspiel. Vom Geist 374 Erwecken will ich mit Gesang Die Morgenröthc früh, Will preisen, will dir singen, Gott, Vor Volk und Nation. Denn deine Güte steiget hochx), Hoch überm Himmel hin! Es reich:, so wett die Wolken gehn, Herr, deine Bundestreu. Erhebe dich über die Himmel, Gott! Laß leuchten deinen Glanz öder die weite Welt k>). Rette deine Geliebten! hilf Mir deiner rechten Hand und höre mich. Gott hört! Gott sprach im Heiligthum i) e Drum bin ich frohen Muths. Denn Sichern theil' ich schon als mein; Und messe Succoths Lhalk). x) Anspielungen aus den sich erhebenden, entwölken- den Morgenhimmel, lrj Anspielung auf den Morgen, i) In mehrern Psalmen ist dies ein gewöhnlicher Ausdruck der Gnade und zustimmenden Huld Je- hovahs. tS. Ps. 85, g.s Die folgenden Worte sind also nicht eine Stimme Gottes, sondern Davids Worte. k) Dies sind nicht eroberte Länder, sondern Davids Eigenthum im jüdischen Lande, so fern ex König war. Er fangt mit frohem Herzen das ganze Erbtheil zu erzählen an, das ihm Gott gegeben. Sichem und das Thal Snccoth nennt er zuerst, weil dies die Wohnung und der Aufenthalt Jakobs war, also das älteste Erbtheil des jüdischen Volks in seinem Srammvaier. der Ebraischen Poesie. 878 Mein ist Gilead, mein ist Manasse, Ephraim ist mein Helm! Judah führt mein Heer! — Moab ist mein Waschgefäß 1): Auf Edvm werf' ich meinen Schuh, ^ Die Philister zisch' ich aus. Wer führt' uns in die feste Stadt? Wer leitet uns nach Edom? Warst du es nicht, 0 Gott! der Kns auch einst verstieß, Der einst auch nicht mit unfern Heeren zog. Hilf ferner uns in Dranges Noth, Denn Mennschenhülf' ist Trug! Mir Gott noch wollen wir Lhaten thun! — Er tritt die Feind' uns unter'» Fuß. Ich wüßte kein Volk, bei dem der Kriegcsgesang mit so sanften Ideen vermischt wäre, als dies; die zarteste Bitte und Klage kann an die tapferste, auch wohl härteste Gesinnung grenzen. Offenbar wars die feinere moralische Volksverfassung Moses, die selbst den Kriegsgesängen so früher Zeiten diesen sanften Ton gab; das Harle in ihnen ist Schuld der Zeit: das Zartere, Feinere, Religionswirkung 3 . Daher sehen wir auch, daß die sanftesten Stellen vom häuslichen Wohle mit kriegerischen Beschreibungen wechseln, und oft die tapfersten Gesinnungen zur Elegie werden. Jenes kommt bisweilen daher, weil mehrere Psalmen zusammen gell Jetzt fangt die Erzählung der Eroberungen und Siege an. 376 Dom Geist schoben sind, wie z. B- der i44ste zeiget. V. 1-8. ist ein eigner Gesang; mit dem gten D. geht ein neues Lied an, das sich plötzlich von den Feinden auf die Wohlfahrt Judäa's also wendet. Daß unsre Söhne blühn wie junge Bäume, Aufwachscnd in der Jugend Zier: Und unsre Töchter seyn wie schöne Säulen, Bildsäulen im Pallast. Und unsre Vorrathskammern voll von Vorrath In jeder Art: Und unsre Heerden tausende gebährend, Zehntausende gebährend auf unfern Au'n. Und unsre Stiere stark; und keine Wehklag', Kein Schade, kein Verlust auf unfern Auen sey. Wohl ist dem Volk, dems also geht! Wohl ist dem Volk, das sein Jehovah segnet! — Mit dem 65 sten Psalm ists ein gleiches; von kriegerischen geht er zu ländlichen Wünschen über. Welch ein schönes Bild ists, wie der Hirte Israels, der zu Kriegen aufgcrufen wird, sein Volk weidet: Israels Hirt! vernimm m) I Der Joseph leitet, wie ein Hirt die Heerde. Du Gort, der über den Cherubim thront, Glänz' auf dein Angesicht vor Ephraim Und Benjamin und Manaffe: Erwecke deine Macht und komm zu Hülfe uns. . O Gort! erquick' uns wieder, Glänz' aufdein Angesicht: so ist uns Hülfe da. m) Ps. 8-,. der Ebrätschen Poesie. 377 Jchovah, Herr der Zebaoth! Wie lange raucht dein Grimm bei deines Volkes Flehn? Du hast uns essen lassen Lhranenbrod; Bon Thronen uns den Becher roll gereicht: . Hast unfern Nachbarn uns zur Schmach gesetzt, Zum Hohn der Feinde um uns her. GottZcbaoth, erquick' uns wieder, Glanz' auf dein Angesicht: so ist uns Hülfe da. Aus Aegypten holtest du den Weinstock dir, Und triebst die Völker aus und pflanztest ihn: Jätetest ans vor ihm und wurzeltest ihn ein, Daß er das Land erfüllte —> Sein Schatte deckte rings die Berg' umher; Und Cedern Gottes waren seine Zweige. Du senktest seine Reben bis ans Meer, Bis an den Euphrat seine Reiserchen; Warum zerreißest du nun seine Mauer? Daß ihn beraubet wer vorübergchk. Zerwühlt hat ihn die wilde Sau, Das wilde Thier ihn abgemäht. Gott Zebaoth, 0 kehre zu uns wieder, Schau von den Himmeln her und sieh; Besuche deinen Weinstock wieder, Schütz' ihn, den du gepflanzt mit eigner Handn). w) Die Worte ^ lasse ich aus, weil sie hier keinen Sinn geben: so mühsam und sein man ihn auch darin gesucht hat. Offenbar sind sie aus dem 18 V. herüber gekommen, da bei dem Worte das dort und hier steht, 37S Vom Geist Verzehrt vom Feuer, abgemäht Dom Hauche deinesZorns, vergehet er sonst garo). Halt deine Hand auf unserm Helden, Die Rechte überm Mann, den du mir Kraft gestärkt; So weiche» nimmer wir von dir, Und neubelebt frohlocken wir von dir. Jehovah, Gott der Zebaoth, Erquick' uns wieder, Glänz' aus dein Angesicht: so ist uns Hülfe da! — Die schone Elegie mit ihrem wiederkommenden sanften Eher ist ganz theokratisch: sie beruhet auf der Geschichte des Volks, und gegen das Ende erst (V. 18.) wird die fortgesetzte Allegorie auf den Mann und Helden gedeutet, der jetzt in Zchovahs Namen wirken sollte. 4. Da Israel ein thcokratischer Staat war, und jeder Held und Regent also die Stelle Zchovahs vertrat: so nimmt die Sprache, wenn von ihnen geredet wird, einen besonder,, Flug und feierliche Würde. Schon im historischen Style das Auge des Abschreibers sich verirrte. Auch der Parallclismus will, daß sie wegbleiben: denn dieser hat zusammengezwungen werden müssen, damit sie nur Raum fänden. Das erste Glied des ibten Verses hört mit auf: das zweite mitDer 16 . V. fängt mit "1^2-1 an und endigt mit ^^ 2 '- e>s Ich lese : das 1 -gehört wahrscheinlich zum folgenden Verse. der Ebräischen Poesie. Z79 konnte es von David heißen x), daß er auf dem Throne JehovahS sitze; in der Poesie kann er also gar ein Solm Gottes, d. i. der Vertreter seiner Stelle auf Erden, heißen. Jedermann kennet den vielfachen Gebrauch des Wortes Sohn in der ebräischen Sprache: die alle Familien-Einfalt ihres Baues machte ihn zu einem Lieblingsausdruck. Von Königen, als Gvttersöhnen g), ist er allen alten Sprachen gemein, und andre morgenländische Volker haben ihn in tausend Titeln und Namen sehr übertrieben r). Es findet also kein Zweifeln statt, wenn wir folgende Stelle lesen s): Ich fand den David, meinen Knecht, Und salbte ihn mit meiner Hoheit Oel; Und meine Hand soll mächtig mit ihm seyn, Mein Arm soll starken ihn, daß ihn kein Feind an- scheuche, Daß kein Murhwilliger beleidig' ihn. Zerstoßen will ich die Feinde vor ihm her, Und die ihn hassen, schlage ich. Mein treues Wort und meine Huld Soll mit ihm seyn: Von meinetwegen soll sein Horn sich heben hoch, Daß seine Hand sich strecke bis ans Meer, Und seine Rechte bis zum Euphrat hin. x) 1 Chron. 3 o, - 3 . Sein Königreich heißt das Reich des Jehovah. 1 Chron. 29, 5 . g) Die des Homer sind jedem bekannt. r) Sie nennen sich Sohne des Himmels, der Sonne und des Mondes u. f. s) Ps. 8g. 38a Vom Geist Er wird mich nennen: Du mein Water! d n, Mein Gott bist du und meines Glückes F-ls. Luch s e h' ich ihn zu meinem Erstgebornen, Erhaben über alle Könige u. f. Die letzten Worte erklären den Ausdruck: Sohn Jehovahs, Jehovahs Erstgeborner, so deutlich, daß ich sogleich den 2ten Psalm hinzufügen darf, und er ist durch dieses Lied -Hcmans authentisch erläutert. Der zweite, ein Königspsalm. Welch wild Geräusch der Völker ertönt! — Was brausen sie leeren Schall ss)? ss) Ich bleibe in diesem Verse bei der Simplicität aller alten Ausleger, die ^">1 für „eitel, vergeblich," genommen haben, welches auch seine gewöhnliche Bedeutung ist. Das , das Murmeln, Brausen, Keuchen, Seufzen bedeutet, schicket sich sehr wohl dazu; cs ist nehmlich ohnmächtiger, leerer Schall, den die wilde brausende Menge murmelt. Mir dem Einen Worte hat der Dichter den Inhalt der ganzen Ode geschildert! die Oekonomie derselben entwickelt nichts als diese prächtige Gnome des Anfanges. Eine sonderbare Schönheit der kühnen morgenländischen Ode. Lemper all eventuwr-kestiriat et iw ureckias res — — suciitoreiw rapit. der Ebraischcn Poesie. 33r Die Könige der Erde stehen auf! — Die Fürsten daun Anschläge mit einander t) Entgegen Jehovah, Entgegen dem, den er gesalbt u). „Brechen laßt uns ihre Bande, „Won uns werfen ihre Fesseln! " Der im Himmel thronet, lacht: Jehovah spottet ihrer. Schon spricht er sie an in seinem Grimm, In seinem Zorn scheucht er sie aus einander x): „Ich habe meinen König eingesetzt 7) t) Ich habe dem Worte seine ursprüngliche Metapher, die hier freilich nur Nebenbedeutung ist, gelassen, weil die Idee des schönen Ganzen dieser Ode mit der Geschichte 1 Mos. n. Aehnlichkeit hat; hier freilich denZeiten und dem Gegenstände gemäß. Wie dort, lacht auch hier Jehovah und treibt sie durch ein Wort aus einander, n) Johovah und sein irdischer Stellvertreter stehn im ganzen Gedichte neben einander und gleichsam als Eine Person da. Dieser ist nur im Namen senes da, und hat von ihm seine Hoheit. x) Im Donner spricht er zu ihnen; im Blitze scheucht er sie aus einander. Jener ist bei den Ebraern Symbol der Zorn spräche Gottes, so wie dieser seines schnaubenden Othems. Der Parallelismus setzt also das Bild schön fort, und die Worte des folgendes Werses sind eben die kurze, erhabene Donnersprache Jehvvahs. 7) Ich bleibe hier bei dem ebraischen Texte und glaube, daß der Grieche, nur um die Sprache 382 Vom Geist fortgehender zu machen, die erste in die dritte Person verwandelt habe. Nicht nur giebt die Einführung der Rede Gottes dem ganzen Spruche einen hohen Gang, da er im Munde Davids eher prahlend als erhaben wäre; sondern i) auch in den übrigen, dieser ähnlichen, Stellen wird immer Rede Gottes angeführt, und David bezeigt sich gegen dieselbe sehr demüthig. S. Ps. 89, 4 , so. u, f. Ps. 110, l. Ps. i 3 o, 11. 12. 2) Abgebrochen kann uns diese Rede nicht scheinen, da im vorigen Verse ausdrücklich ein Wort Gottes angeführt wird, das er zu den Feinden spricht und das man hier erwartet. Der vorige Vers bliebe also unvollständig und dieser eben so unvollständig ohne jenen. Ja, wenn die Rede Gottes auch gar nicht vorbereitet wäre, so weiß man aus so vielen Stellen der ebraischen Poesie (z. B. Ps. 89, 4. u. a.), daß schnelle Ausführungen ihr gar nicht fremd sind, und die lyrische Würde sehr vermehren. 3 ) Auch der folgende Vers bezeugt ein Gleiches, da David nun das Götterwort mehr ausredet, und was Gott seiner Hoheit gemäß, nur kurz und erhaben sprach, erkläret. Das l-!- 122 d? oder hatte einen schlaffen Sinn, wenn David in der Rede fortführe; da cs jetzt offenbar heißt: „was der König des Himmels kurz sprach, will ich weiter entwickeln." 4) Im ganzen Psalm sind Gott und der König gleichsam P a r a l l e l i s m u s. (S. V. 2. 3 . 4. 11. 12.) Dieser Oekonomie würde ihre schönste Mitte, die eigentliche Handlung der Ode, genommen, wenn hier nicht Gott spräche. Setzt man sii aber hin, wie sie B. 5 . angekündigt war, V. 6. folgt, B. 7-9, erklärt, 383 der Ebrai scheu Poesie. Lus Zions Berge, meiner Hoheit Sitz a)! " Aussprechcn will ich also den Gottesspruch K) r Jehovah sprach zu mir: „Mein Sohn bist du! „Sey es von heule anoj!" Fordre von mir! Und Völker sollen dein Erdtheil seyn: V. ro-12. angewandt wird: so bekommt der Psalm seine beneidenswürdige Disposition und Runde. Kein Glied fehlt: der Ober - und Unterkönig stehen immer in gemeinschaftlicher Wirkung. Man verzeihe die Lange dieser Anmerkung, weil ich dem schönen Gange dieser Ode nicht gern seine schönste Wendung geraubt sehen möchte. ss Auch dieser Vers zeigt, daß Gott der Sprechende sey. ,,Jch selbst," sagt Gott, „habe ihn eingesetzt und zwar auf meinem Berge, dem Sitze meiner königlichen Hoheit. Was wollet ihr ihm entgegen?" K) Eigentlich das Rcichsgesetz, die neue Landesconstitution. Im theokratischen Staate will Gott von jetzt an nur durch diesen König herrschen. Dies ist , wie es oft vorkommt. cj DasNNtt '22 und sind Paralleles, mus. In welchem Verstände jenes vorkommt: so auch dieses: d. i. heute stelle ich dich als König, als meinen Sohn und Stellvertreter dar. Jes. 9, 6. ist derselbe Parallelismus, und Apost. i3, 3i». wird die Stelle auch als Darstellung eines neuen Königs angeführt. 334 Vom Geist Der Erde Grenzen dein Besitz ä). Zerschlagen solle du sie mit eiserm Scepter, Wie die Töpfcrscherbe zerschmettern sie: Und nun, ihr Könige, vernehmts! Laßt weisen euch, ihr Richter der Erde! Gehorcht Jehovah fürchtend, Verehret zitternd ihn--): Und ä) Ich lasse dem Psalm seinen Pracht-Umfang und verändere die ErdenkLnige, die Grenzen und Richter der Erde nicht; er gehört zur Vorstellung damaliger Zeiten. Der Sänger dieses Psalms wollte geographisch nicht bestimme», wie klein oder groß Judäa war? es ist ihm hier Mittelpunkt der Erde, wo Gott und der König regieret. Ps. 89 ., wo die Grenze vom Meere bis an den Strom angegeben wird, setzt Gott dennoch den König zum Erstgebornen über alle Könige der Erde. Jede Poesie der Alten muß uns in dem Lichte erscheinen, in welchem ihre Zeit sie ansah. e) Das oder 1^7 nehme ich ganz wörtlich für oirLiiire. Die Vasallen und Diener der morgenländischen Könige standen im Kreise um den Thron: die Religionsverehrungen waren gewöhnlich Umgänge um den Altar oder die heiligen Oerter, wie sie die Araber noch feiern. Daß oder *7^ einen Rund- und Freudentanz bedeute, kommt eben hiervon nur her. Das Wort macht also eigentlichen Parallelismus. Die Vasallen kommen heran und unterwerfen sich Jehovah und seinem Sohne. Sie bezeugen ihm Ehr- 8WMML der Eb ratschen Poesie. 285 Und huldiget dem Sohn, daß er nicht zürne, Und raff' euch auf dem Wege wegt); Denn augenblicklich wird sein Zorn entbrennen; Und wohl dann allen, die ihm hold und treu sind Z). — Den schönen lyrischen Fortgang des Psalms bemerkt ein jeder kr). Kühn und abgebrochen fangt er mit einem fluo? ) Die meisten Feinde Davids waren noch nicht besiegt, da David auf den Zion zog und die Lade dahin holte. Ihre Uebcrwindung gieng aber bald darauf an (s. 2 Sam. 6-8.), wie hier sogleich B. b. im Psalm. Hab' ich dich mir erzeugt o). " «) Vielleicht wundert sich mancher beim ersten Anblicke der Ucbersetzung dieses Verses; er gehe aber mit mir den Text durch, und ich wünsche, daß er mir beistimmen möge. Daß es der gewöhnlichen Lesart beinahe Wort für Wort am Sinne fehle, weiß ein jeder; es bekennen's auch so viel Versuche zu Aufklärung dieser Stellen, ohne daß doch, wie mich dünkt, der Parallelismus bisher auf einige Weise befriedigt wäre. Wir fangen vom letzten Worte an. Da das schwerlich zu rechtfertigen stehen so bringt uns der zweite Psalm, der diesem im Inhalte so ähnlich ist, leicht auf die Spur, daß es seyn dürste, und das Bild des Lhaucs aus dem Schooße der Morgcn- röthx stimmt ihm offenbar zu. Welch ei» schönes Bild! Kann es ein sanfteres in der Natur geben, als; ich habe dicb mir erzeugt, wie den Than aus der Morgenröthe: und kann ein prägnanteres zu dem Amecke seyn, was eine königliche Regierung seyn soll? — Aber das böse Wort: ^2 7^! Wird mans auswerscn müssen ? ists eine Randglosse gewesen? Ich glaube nicht. Man theile und setze das 2 vor wie mehrere alte Uebersetzungen gelesen haben: so wird der schönste Sinn, und dem übrigbleibenden ^ fehlt wahrscheinlich nur sein Das O vor ist entweder die Form des Romen oder vom vorigen Worte hingekommen; es kann uns also nicht hindern. Das zweite Hemistichium wäre also in einem leichten paffenden Sinne da. — Aber Geschworen hat Jehovahp); nun das Erste? und daß Parallelismus würde? Laß der Parallelismus laut riefe : dies ist die Bedeutung . — Laßt uns versuchen. Die gewöhnlichen Lesarten: „dein Volk der Freiwilligkeiten! in den Glänzen der Heiligkeit" Heben durchaus keinen Sinn, und ich will mich insonderheit bei dem nicht aufhalken. Wem fallt nicht sogleich aus dem ähnlichen zweiten Psalm der ""IN und aus so viel andern Psalmen die ein, die auch Symmachus hat; und sogleich geht uns ein Strahl auf, daß etwa Parallelismus mit dem Lhaue ausder Marge nröthe werden könne. Und er wirds. N2NI heißen, wie jedermann weiß, Gütigkeiten, freiwillige Gaben; sie haben im Ebräischen, ihrem Ursprünge zu Folge, das Bild des triefenden Thaues, des sanft erquickenden Regens mit sich; ein Ausdruck, der zu den dürren Bergen Zions sowohl passet, als zum Lhau der Morgenröthe; zumal wir finden, daß gewöhnlich im Ebräischen Thau und Regen einander parallelisiret, und die Milde eines glücklichenKönigs damit verglichen werde ls. -Sam. -3, 3. I». Ps. 72, 6. 7.) Und nun sind beide Berse im ungezwungensten Sinne und Parallelismus da: denn daß gelesen werden müsse» verstehet sich von selbst. (Die Construction mit ist ein Lieblingsausdruck der Psalmen, und mehrere alte Uebersetzungen haben so gelesen.) Hier sind also die Verse: Dom Geist 392 Nie reuet ihn der Schwur: F-I, ^'N ViVI N2N) ^ 2N1O ' ' s' ' 2 * ^ r ' -.- . « Soll ich poetisch paraphrasiren, so hieße es: Der Milde sanfter Regen fließt Rings auf mein heilig Land, Da, König, du, zur Seile mir Den Herrscher-Scepter führst. Wie aus der Morgenrörhe Schvoß Ich der Erquickung Thau Erzeuge: so erzeug' ich dich, Bild meines Segens mir. Indessen ist damit die Erklärung noch nicht vollendet: denn wie käme das Distichon hieher? In einen Psalm, der mit blutigen Krisgsbildern endigt? — Daß letzre hindert nicht: denn im folgenden Verse sind eben noch friedliche Bilder vom Könige der Gerechtigkeit und dem Priester an Gottes Leite; erst im 5len V. gehen die Bilder der Schlacht an. Sollte also dem Könige etwa blos gesagt werden wollen, daß er jetzt an der Seite Gottes mildthatig, gerecht, ruhig wohne? Ich glaube es nicht: denn aus Streitsucht führte David nicht Krieg, sondern aus Noth; von Härle und Ungerechtigkeit haben wir in seinem Leben keine Proben. Lasset uns die Geschichre aufschla- gen, und sie giebt uns Auskunft. Als David den Jehorah auf den Berg Zion brachte, erschien er nicht leer: Opfer und Gaben waren mit ihm: Opfer an Gott: Gaben für das versammlete Volk der Ebräi sehen Poesie. Zg3 „Du sollt mein Priester seyn auf ewig hin! (s. 2 Sam. 6, 17-,g.) und nun erklärt sich der Vers für diesen Ort rcn selbst. Freiwill'gc milde Gaben sind mit dir Am Lage deiner Siegespracht Auf meinen hcilgen Bergen: (Zn einem Siegesaufzuge nämlich holt David den Jehovah ein, und wollte nicht eher die Früchte desselben, seine neue Residenz, genießen, bis auch sein Gott mit ihm wäre; und wie schön ist nun das Gleichniß!) Vom Schoost der Morgenröthe, wie den Lhau Hab' ich dich mir erzeugt! So fruchtbar nämlich, so reich an Gaben und Güte fürs Volk,; da bei den Morgenländern der Lhau das gewöhnliche Bild der Freigebigkeit war. Auch die folgenden Versprechungen Gottes werden hiemic schön eingeleilet. Er soll Priester hier seyn in der Nähe Gottes; ein königlicher Priester auf ewige Zeiten. Als David die Bundeslade auf den Berg Zion holte, war er wirklich als Priester gekleidet, und tanzte im Lanze der religiösen Pro- cession selbst mit. Das alles wird hier auf die menschenfreundlichste und sehr moralische Weise gefeiert. x) Der unverbrüchliche Bund, den Gott mit David machte, steht 2 Sam. 7., wo das oft wiederholt wird. David selbst siehts als ein ordentliches treuverbündetes Gesclechtspactum an (2 Sam. 7, ist-'' und rechnet darauf noch in seinen letzten Worten. (2 Sam. 2ii, S.) Vom Geist 3S4 Ich ordne dich mir zum Melchisedek g)! " - ; . y) Daß sffsD einer sey, der sich zu Gott nahen dürfe, ist bekannt; so fern leitete also jetzt schon die Nähe bei Gott zu diesem Ausdrucke. Der Parallelismus aber „König der Gerechtigkeit" zeigt den Sinn genugsam. Das sollten ursprünglich die Priester seyn: Da David die Lade auf den Zion holte, wollte er sie dazu wieder cin- kleiden. (S. Ps. 1A2, g.) Wie weit es damit gekommen, wissen wir nicht; genug aber, 2 Sam. 8 , r 8 . waren die Söhne Davids Priester, d. i. Rieht er, David also der oberste Priester der Gerechtigkeit, der hier in einer schönen Anspielung Melchisedek heißt. An eben dem Orte, wohin David die Residenz legte, war dieser ehrwürdige Patriarch einst Priester der Gerechtigkeit, König des Friedens gewesen. Offenbar ists der Zweck des Psalms, dem Könige zu sagen, daß er jetzt in einer Ruhestadt, zu Salem, prächtig und sicher wohne; Gott werde für ihn fürder, als sein Mitwohncr jetzt, was noch nicht vollendet sey, vollenden. Er solle als König der Gerechtigkeit und des Friedens ausruhen; Gott werde weiter für ihn kriegen. Aber, was ist das Der Paral- lelismus zeigt deutlich, daß es eben der Schwur, das Familie np actum sey, durch welches Davids Familie auf spate Zeiten hin zur Königs- und also der vorbenannten Priesterwürde erhöht ward. Es ist genau das, was im sten Psalm heißt, Gottes unverbrüchliches Wort und Pactum. — Das Wort Melchisedek, dcr E bratschen Poesie. 3g5 Jehovah dir zur Rechten r) Zermalmt, wenn er ergrimmen wird, Die Könige. Wird unter Völkern sitzen zu Gericht — Dann liegt das Land voll Leichen, Zerquetschte Häupter liegen weit umher. Vom Bach am Wege trinket nun Der siegesmarte Held, Und hebt sein Haupt auss neue stolz empor 5). Schone Ode! deren Plan für uns nicht versteckt seyn dürfte. Sie wollte David bei seinem religiösen Siegeseinzuge auf Zion sagen, daß er jetzt auf Zion zur Seite Gottes ruhen, und ob er gleich noch von Feinden umringt sey, sicher herrschen könnet denn Gott sey ihm jetzt als sein Verbündeter und Mitreqent zur Seite: der werde, wenn er will, schon dr.s Blutgericht halten unter den Völkern. Mit „mein König der Gerechtigkeit" ist hier sehr zu gelegener Zeit gebrauchet. r) Offenbar ists, daß, wenn V. 1. Gott den König sich zur Rechten sitzen laßt, und jetzt V. 5 . ihm zur Rechten sitzt, hier von keiner Rangordnung die Rede seyn könne. Der Ausdruck wird vermischt genommen, wie Ps 16, ». 11. Ps. 91, 7. und heißt zur Seiten, Mit diesem Verse gehen die Kriegesbilöer an. s) Das Bild ist aus der Geschichte Simsons, und zeigt sehr fein, daß auch der stärkste und kühnste Held im Siege matt werde» könne; daß ihm aber alsdann ein Bach am Wege fließe, sich neu zu starken. Vom Geist Z96 neuem Ansehen bekleidet, wohnet ec jetzt Gott zur Seite; der strecke für ihn einen Befehlsstab aus, dem Alles gehorche. Er sey jetzt König der Gerechtigkeit, rin Priester Gottes in Salem. —> Was dem Ho- raz die Musen sind, sind dem Ebraischen Dichter heilige Gottesworte: Vos slrnm, miliria sirnul lbessas eokiortes adcliält oxpickis, Vliiirc: gusereniem ladores ?ierio reerearis sutro. Vvg lens consillnm er ckatis er dato ^aircleri« »ImLS r) — .— Auch im N. T. wird dieser Psalm genau in dem Sinne angeführt, daß ein höherer König nach mancher Mühe zur Rechten seines Himmclsvaters jetzt ausruh cn soll, bis dieser die Zeit erstehet, unter den Völkern Gericht zu halten und ihm Alles zu Füßen zu legen. 6. Dem Gcschlechte Davids war die Verheißung gegeben, daß es ewiglich bestehen, daß Gott ihm den Thron seines Vaters David bestätigen und sein Glück noch weiter verbreiten wolle. Wir finden diesen Gottesspruch und die Gelegenheit dazu historisch erzähltu); und eben sogleich bemerkt, wie hoch David diese Verheißung aufnahm x). Ec siehst sie als einen Familienvertrag, als ein Pactum nach Menschenweise an 5), dankt Gott sehr ehrerbietig dafür, und feiert sie noch als eine von Gott gesi- r- L. HI. Oä. IV. X) V. 18. u) 2 Scan. 7. d') 2 Sam. 7, 'g. der Ebräi scheu Poesie. chertc Capitulation über sein Reich in seinem letzten Liede 2). Diese schöne und sichre Aussicht gieng auch ju die Psalmen über. Gott wird oft an sein Versprechen erinnert, David über diesen ewigen GotteS- bund glücklich gepriesen und endlich die künftige Re gierung seines Geschlechts mit allen Farben einer glücklichen Zeit geschildert s). Lasset uns Proben davon sehen. Davids letzter Gesang. So sprach David, Jsai-Sohn: So sprach der Mann, den Gott so hoch erhöhte, Den Jakobs Gott zum König salbete, Der lieb ihm war durch Psalmen Israels. Geist Gottes spricht in mir, Auf meiner Zunge ist sein Wort: Denn also sprach Israels Gott, So redete zu mir Israels Fels: „Ein Menschenherrscher, ein gerechter Fürst b), Ein König in Gottes Furcht: Wie Morgenröthe wird er ausgehn, Wie die frühe Sonn': Sie glänzet alle Nebel weg, Und von dem reichen Lhau geht aus der Erbe Zartes Gewächs hervor." 2) 2 Sam» 2Z, I» n) Ps, 8 g. i 3 a. u. f. K) S. über den verrückten Parallelismus dieser Worte die Briefe, das Studium der Theologie betreffend LH. I. VIII. Brief. E»"" Dom Geist 3g6 Mein Haus steht also fest mit Gott c): Ein Bündniß schloß er auf die Zukunft mir, In allem festgestellt und wohlverwahrt: Denn er ist ja mein Glück und meines Herzens Liebe! — So werden also auch die Belials nicht wurzeln ä): Wie ausgerißne Dornen sind sie alle, Die man nicht angreift mit der Hand; Der Mann, der sie anrühren will, Muß seine Faust mit Schwert und Speer bewaffnen, Im Feuer gehn sie auf mit ihrer Wohnung!- So wandte der alte König den Gottesspruch c) Das ^^7 lese man nicht als Partikel, sondern als Nomen oder als Verbum: rscta sr§o ckispo- sita, paoto conkrinsts stat äoinus mss. Mi t Gott: ist Davids öfterer und Lieblingsausdruck. ä) Belials sind die Treulosen, Nichtswürdkgen., die Verrather, das Gegentheil derer, die nach so vielen Psalmen ihm fest und treu sind. Sie kommen dem sterbenden Könige schon als ausgerissenc Dornen vor, an denen man sich weiter die Hände nicht versehren dürfe, da alle seine Güte an ihnen umsonst gewesen. Sie sind nur zum Verbrennen da, und dies Ende erwartet sie, daß man auch nicht den Ort sehe , wo sie gestanden. Auch dies Bild, so charakteristisch im Munde des alten Königes,, ist aus der Gottesverhcißung 2 Sam. 7, 10. Israel wird darin als ein Weinberg vorgestellt, sein Geschlecht solle der Hüter desselben seyn: die Rebellen sind also unnütze, schädliche, treulose Dornen, der Ebräi sehen Poesie. 399 auf die Rebellen und Mißvergnügten seines Reiches an, die Salomo auch ziemlich wegschmelzte. Aber nicht bloS rächend sollte das Regiment seines Stammes seyn, sondern mit jungen Strahlen neuerwar- mend, wie dies der 72ste Psalm, eben auch iin Bilde dieser letzten Worte vom Thau und der Morgensonne, idyllenmaßig singet s). Salomonische Zeiten. Der 72. Psalm. Gott! gieb dem Könige dein Gericht, Gieb deinen Richterstuhl des Königs Sohnt); Er wird dein Volk regieren recht, Wird deine Bedrängten schützen im Gericht. Die Berge werden dem Volk ansagen Glück, Die Hügel ihm ankünden Gerechtigkeit x): Daß er des Volks Bedrängten stehet bei, Die Söhne des Armen rettet er, Den Unterdrücker zermalmend. e) Da David ausdrücklich hier das Bild vom befruchtenden Lhau als ein Wort des Gottes-Orakels über die Regierung seines Geschlechts ansührt, so ist damit unsre Erklärung von Ps. rro, z. au- thentisch bestätigt. ts Der Parallelismus zeigt, daß der Psalm eine Gläckwünschung auf den ersten sey, dem 2 Sam. 7. so viele Segnungen zugedacht wurden, g) Auch hier sind die Berge und Lhäler genannt, wie Ps. 2. no. In der zweiten Reihe fehlt das Verbum. Dom Geist Hvo So lange die Sonne glanzt, so lange das Mond- licht scheint, Wird man dich ehren von Geschlechte zu Geschlechte Ir). Wie Regen wird er fließen Auf die gemähte Flur: Wie Wolken nicderstcigen Und träufeln auf das Land. Wenn er regieret, wird der Gerechte blühen, Biel ist des Glücks, bis daß kein Mond mehr ist-'). Und seine Herrschaft geht von Meer zu Mecr k), Bom Strom zum Erdenufcr geht sein Land. Es bücken sich vor ihm die Wüstenei-BewohnerI), Und seine Feinde lecken Staub. Die Kön'ge Tarsis und der fernen Küsten Bringen Geschenk' herbei in), Die k») Diese Strophe scheint Chor einer andern Stimme zu seyn; imEbraischen ist indcß die Verwechslung der Personen gewöhnlich. Das Grmahlde ist eine schöne Umschreibung des das 2 Sam. 7. so oft vorkommt. ä) Nochmals Wiederholungen des O2 Sam. 7. Es werden Bilder von Sonne und Mond genommen, weil im Bilde der Sonne die Verhei- * siung gegeben war. (2 Sam. 2Z.) , L) Der Parallelismus erklärt, daß das eine Meer der Euphrat, das andere das mittelländische >st. 1 ) Arabische sind andre Völker, die David bezwungen hatte. m) Handelnde Machte. Spanien und die Europäischen Küste». Unterworfen sind diese Salomo nie gewe- der Ebräischen Poesie. ssor Die Könige aus Saba und aus Scba Huld'ge» mit Gaben ihm n). Sie fallen alle vor ihm nieder Und alle Völker dienen ihm. Weil er dem Armen aushilft, der da rufet, Dem Unterdrückten hilft, dem niemand half: Und schont des Schwachen und des Armen, Der Nothgedruckten Leben rettet er, Erretter es von List und von Bedrückung, Denn kostbar ist ihm auch des Aermsten Blut. So leb' er! Saba's Gold wird man ihm bringen, Und für ihn beten immerdar, Und täglich segnen ihn. In Haufen wird die Erde Korn aufsprossen; Es rauschet ihre Frucht auf aller Berge Gipfeln, Wie's rauscht auf Libanon. Und volkreich blühn die Städte, Wie die grasrciche Flur. Auf ewge Zeiten wahrt sein Ruhm, So lang' die Sonne währet, nennt man ihn» Und alle Völker wünschen sich gewesen; sie bringen ihm Freundschaftsgeschenke, des Handels wegen an seinen Küsten» rr) Saba und Seba: wahrscheinlich Arabien und Aethiopien» Die Geschichte der Königin von Saba bei Salomo ist bekannt, und beide Ufer des rothen Meers streiten um dieser Königin Ehre. Herders Werke z. Rel, u.Theol. II Cc Vom Geist ^c>2 Mt seinem Namen Glück v) Und segnen ihn. Mit diesem Liede schließen die ersten Psalmen Davids, und sie konnten mit keinem bessern schließen: in ihm kommen die Segnungen Abrahams, Judahs, Davids zusammen, und die Ideale der Propheten über eine künftige Salomonische Regierung gingen von ihnen, .wie von Urbildern, aus. Auch wenn in Psalmen stille Glückseligkeit gefeiert wird, steht Salomouck Name davor, und jenes goldene Brautlied p) singt den geraden Königssceptcr, das friedliche Regiment, die Milde und Güte gegen die Unterdrückten , völlig mit Worten dieser Verheißung. Arrch der Berg Zion, der Sitz des ewigblü- hcnden Reichs Davids, ging also mit auf die Nachwelt. So klein er war, sollte er ein Haupt der Völker werden: so dürre er war, sollten lebendige Ströme von ihm fließen: vom Zion sollte das Gesetz ausgehn, die Lehre der Glückseligkeit aller Völker. Alles aus dem Grunde, weil der König dieses Berges der Erde Ruhe, Freude, Licht, Wohlfahrt gewahren sollte: Auf Heilgen Bergen ist sie gegründet ) Pst -»5. 2) Ps. 87. der Ebräischen Poesie. 403 Glorreiche Worte sind von dir verkündet, Du Gottes - Stadt r) : (Veränderung der Tonart.) „Aegyptenland und Babel wird man zählen Zum Volke, das mich anerkennt." Philisterland, Äthiopien und Tyrus Sollen daselbst wie Eingeborne seyn. Zu Zion wird man sagen: „Auch der, auch der hat in ihr Bürgerrecht." Der Höchste selbst hat also sie gegründet! Jehovah selbst zählt ihr die Völker zu. „Auch der, auch der hat in ihr Bürgerrecht!" Und Fürsten, wie Geringe, Alles frohlockt in ihrs): — Welch ein Lob, womit diese Gottes- und Königsstadt in lyrischen Kränzen geschmückt wird! Alles soll sich hier als ein freier Eingeborner versammeln: in ihr sind heilige Gesänge und Jubeltanze, in welchen Arme und Reiche Ein antwortendes Chor werden. Man erinnere sich so viel anderer Lieder, in denen Salem als die Stadt Gottes und eines ewigen Königreiches, als das Haupt der Völker der Erde geschildert wird; und ahne darüber die reiche Entwicklung der Propheten. Ich füge ein Gedicht bei, das ich als eine r) Das Orakel wird hier angeführt, darum ändert sich die Tonart. r) Die Lesart der letzten Reihe ist zweifelhaft; diese dünkt mich die leichteste und schönste. Ec 2 Vom Geist 404 wahre Anthologie aus Propheten und Psalmen gebe, bei dem ich aber wünschte, daß niemand dabei an eine einzelne persönliche Anwendung in unsrer Zeit dächte. Es wäre mir lieb, den Dichter desselben zu wissen: denn seine Sprache iss so rein, schön und edel, als der lyrische Gang des Stücks gesetzt und erhaben fortschrcitet. Ich kenne nur wenige Stücke dieser Gattung in unsrer Sprache.- Der Krieg, Ein heiliger Gesang*). Den, der da ist und war und seyn wird, will ich singen. Ihr Himmel, jauchzet in mein Lied! Den herrlichen und starken Gott der Christen, Ihr Völker, hörr mir zu! Der meinem Fürsten Hilst, dem Herren will ich danken, Ihr Helden, danket ihm mit mir! Für Königs Schwert und Leben will ich beten, Ihr Feinde, flucht und flieht! Bon Sion, wo dein Geist in Davids fromme Harfe Des Lobes Silbcrlöne goß, Begeistre du mich selbst, von dir, Jehovah, Und merke auf mein Flehn. Denn du allein bist groß und höher als der Himmel , *) (Besonders gedruckt, r7L8. A. d- H.) der Ebräischcn Poesie. -sc>5 Der sich zu deinen Füßen neigt. Dein ist die Macht. Wer sollte dich nicht fürchten? Du höchste Majestät! Du bist der Könige und aller Fürsten König, Und bleibest ewig, der du bist, Der Götter Gott; denn deines Stuhles Festung Ist die Unendlichkeit. Als noch kein Diadem um Staub auf Thronen flammte, Strahlt' schon dein Scepter um dich her; Die alte Nacht scheint von den Strahlen wieder Und rollt in Sonnen fort. Und wenn kein Diadem um keinen Staub mehr stammet, Strahlt noch dein Scepter um dich her; Die alte Nacht scheint von den Strahlen wieder, Und rollt in Sonnen fort. Du herrschest unumschränkt, so weit die Myriade Den Raum verklärt und ihn beseelt; Dein ist das Reich im Himmel und auf Erden Und in der Hölle dein. Der Himmel jauchzet dir und machet neuen Himmeln Die Ehre deines Namens kund, Ein Seraph ruft ihn aus und nach ihm tönet Der Sphären Harmonie. Die Hölle winselt dir aus ihren öden Tiefen, - Und schleppt die Ketten deines Grimms In Flammen fort, von Abgrund bis zu Abgrund, Durch die dein Fuß sie drückt. Die Erde feiert dir, der Staub, auf dem ich wohne, Ein Staub und etwas mehr als Nichts.; Vom Geist 406 Und mehr als Alles, Gott, dein größtes Wunder, Ein Mensch und auch ein Christ. 2.*) Heil mir, daß mein Gesang dich, großer König, nennen Und deine Herrschaft rühmen darf; Denn sie ist wunderbar, in allen Landen, Und voll Gerechtigkeit. Wenn Menschen wider dich und deinen Heiland wüthen, Legst du die höchste Ehre ein; Und wüthen sie noch mehr, so bist du auch noch Gerüstet, wie ein Held. Versammlet euch und tobt, wie Oceane toben; Ihr Völker, die der Sturm empört; Und stürmet und empört euch dem entgegen. Der in der Höhe wohnt. Der in der Höhe wohnt, lacht, wenn die Völker toben, Und richtet eine Sündfluth an, Die über sie am Tage seines Eifers, In Flammen strömen soll. Sein Blitz spielt vor ihm her und hüllt die bange Erde *) Die Unterscheidungen habe ich nur zugesetzt, als Ruheplätze für einige Leser. Der Plan des Gesanges geht ununterbrochen fort. Ich habe indeß, der Länge wegen, beinahe die Halste der schönsten Strophen auslassen müssen. In Strahlen, wie in Windeln, ein; Die Felsen glühn und ihre Spitzen träufeln Wie Schnee in Thaler hin. Sein Donner redet laut die Schrecken naher Rache, In Sünder, die sein Auge fliehn; Und wirft sie, wenn sie fliehn, im tiefen Staube Bor ihm, aufs Angesicht. Er rührt die Erde an und ihre Säulen beben, Wie Eichen, die der Nordwind peitscht; Sein Hekla brüllt und schüttet seine Schmerzen Am ferne» Kagus aus. Im Wetter ist sein Gang und in den großen Tiefen Sein Pfad! noch sieht man seinen Gang Im Wetter nicht, noch in den großen Tiefen, Wo er gewandelt hat. Mit Finsterniß und Nacht verfolgt er seine Feinde, Und schüttet Strahlen über sie; Und schlagt sie, tief, mit Feuer in die Erde, Bon der er sie vertilgt. H Ar -K 3 . Der König freuet sich, mein Gott, in deiner Starke, Und fürchtet sich vor einer Welt Boll Feinde nicht: denn deine hohe Rechte Hilst ihm von Alters her. Da deine Herrlichkeit in seinen goldnen Waffen Zum erstenmal die Feinde sahn; Da bebten sie und fühlten höhre Schrecken Und flohen, wie vor dir. Sie ziehen wild herauf und Ruh und Friede fliehen, Wie sie vor meinem Fürsten fliehn; Vom Geist 408 Die Grausamkeit und traurende Verheerung Folgt ihre» Schritten nach.- Da soll kein Frühling blühn, da soll mit starrem Blicke Der Todes - Engel einsam stehn, Wo Jünglinge, entzückt in Menschenfreude, Die Fluren segneten. Vergebens winselt der, aus dessen mattem Schweiße Die milde Lehre langsam sprießt; Ihr lauter Gang im ehernen Getöse Macht seine Seufzer stumm. Sie donnern und die Welt soll ihren Donner fürchten Und fühlen, wenn sie sich empört, Und unrergehn, wenn sie nicht alle Kronen Zu ihren Füßen legt. O laß sie donnern, Gott! eh aus der Erde Trümmern Ihr Blitz in deinen Himmel fährt: Denn in der Finsterniß sehn sic den Himmel Und deinen König nicht. * * Er kommt und nahet sich, wie du in stillen Wetter« Dich Fluch - betadnen Städten nahst, Den Tausenden, die wider ihn der Störer Ins Feld des Krieges rief. — Er kommt und schaut und stürzt mit feuervollem Muthe Dem starren Heere ins Gesicht,. Und würgt sich ein und haut und stürzt und schmettert Die tiefen Reihen durch. der Eb rätschen Poesie. 409 Da fallen tausend hin zur Rechten und da tausend Sur Linken, wo sein Schwert noch knirscht, Und um sich her mit namenlosen Rümpfen Die Felder überdeckt. So fällt die reife Saat in welke Haufen nieder, Wenn durch sie hin der Schnitter rauscht, Und hinter ihm der Herbst, mit kahlen Stoppeln, Die Gegend ode macht. Bon Helden weit entblößt , die über halbe Waffen Und Menschen, die ihr Stahl geführt, Dem Tod' cntflohn; liegt nun der Kampfplatz einsam Und niemand steht als er. So steht noch, wenn um ihn die trümmervolle Fluthe Und dein Orion gnug gekämpft, Ein Fels; und schaut, wie nun in stillen Wellen Die glatte Tiefe rollt. Auf Höhen, die vom Blut erschlagner Feinde rauchen , Um die des Todes Bild sich streckt, Geht er einher und weint und hebt sein Auge Dann über de» Triumph, De» wimmernden Triumph den Helden, die der Erde Jahrhunderte erschrecklich sind, > Zu dir empor, zu dir, der du im Himmel Ihm beßre Kronen zeigst. Er sieht sie, und, nicht mehr getäuschet von dem Schimmer, Der um den Ueberwinder schwärmt, Zückt er das Schwert, und führt sein Heer die Wege, Die deine Helden gehn. Vom Geist ^ rc> Nicht der, der tausend würgt, und bei dem lauten Röcheln Der Lausende nicht weinen kann, Ist ihm ein Held; nicht der macht sich durch Lhaten Der bessern Kronen wcrth. Lm Würgen noch ein Mensch, und wenn, von seinen Wunden, Ei» redlich Auge nach ihm blickt, Kein Held, flucht er den stolzen Weltbezwingern, Die seine Feinde sind. Auf sie muß alles Blut der edlen Söhne kommen, lim die noch spat die Mutter weint; Um die noch spat, wenn er den König segnet, Der graue Laler weint. 5 . Sie fahren hoch daher auf unzählbaren Wagen Und halten Fleisch für ihren Arm, Und rühmen sich, daß über ihre Schwerter Die Menge fallen soll. Wir aber rufen an den Namen unsers Gottes, Der es den Starken fehle» laßt, Bor ihrer Macht, die Alles nicderprahlet; Und stehen aufgericht. Nicht uns, o Herr, nicht uns; nein! dir allein sey Ehre Und deinem Namen für und für: Denn du allein thust solche große Lhaten Mir deiner rechten Hand. Du reißest vor uns her die Feinde von einander Wie Wasser, die der Sturm zerreist: Dann deckt ihr Blut den Sand, wie lange Ufer Gewaschner Schädel Staub. Verkündigt seinen Ruhm, ihr Helden seiner Stärke Die ihr vor seinem Thron euch bückt, Und jauchzet ihm und sagt nun allen Landen, Daß er so herrlich ist. Verkündigt seinen Ruhm, ihr Volker seines Namens, Bei denen seine Ehre wohin, Und preiset ihn und sagt nun allen Landen, Daß er so freundlich ist. Ja, Herr der Zebaoth! von deinem großen Ruhme Ist meine ganze Seele voll: In lautem Dank und freudevollen Jubel Zerfließet sie vor dir. Schau auf den frommen Blick und auf die treue Thräne Im Auge, das dir einsam weint! Sie strömt um Mitternacht dein Lob, und fordert Für meinen König Heil- Denn unsre Seele ist in seinen Augen theuer, Und deines Volkes Wohlfahrt groß; Darum laß du auch seine Seele theuer In deinen Augen seyn. Sey seine Zuversicht, sein Fels und sein-Erretter, Wenn alle Menschen Lügner sind! Und wenn der Tod Gefahren um ihn sammlet, Sey seines Lebens Kraft- Und gründe seinen Stuhl, so lange Himmel avähren, Und laß ihn ewiglich bestehn: Sein Thron sey hoch, und herrlich wie die Sonne In ihrer größten Macht! XII. Aussicht. I n h a l t. Allgemeiner Anblick des Zeitalters unter David und Salomd. Was wir aus demselben nur übrig haben Z Wirkung dieser Stücke auf die Stimme der Propheten. Wodurch der Geist der Propheten geweckt und belebt ward? Proben an Hosea und Jesaias. Der neue David-Stamm, der neue Götter-Sohn: Königsbilder. Ursprung derselben und Entwickelung ihrer Züge aus alten Weissagungen und Psalmen. Wie die Schicksale Davids von den Propheten angewandt wurden? Wie Jerusalem und Zion in ihre Bilder übergingen? Probe. Grundsatz ihrer Entwickelung alter Verheiffungen und Geschichte. Unterschied der obern und untern Haushaltung. Vergleichung Moses mit einigen andern großen Charactcren der biblischen Geschichte. Anhang: die künftige goldne Zeit, eine Aussicht der Propheten. 1>nter Davids und Salomo's Regierung war Judäa, als Reich betrachtet, in der großesten Blüthe, die cS erlebt hat. Es erstreckte sich vom mittelländi- Vom Geist der Ebräischcn Poesie. schm Meere bis zum Euphrat, von der Wüste bis den Libanus hinüber: seine Könige waren in Ansehen und das Land genoß seine schöne Lage auch durch den Handel. Die natürliche Folge war, daß der Name dieser Könige auch in der Geschichte und Poesie für alle folgende Zeiten klassisch ward: ihre Zeit war die einzig berühmte, so lange Könige herrschten. Diesen wars jetzt schon ein großer Ruhm, auf dem Throne Davids zu sitzen, sich seine Söhne und Nachfolger nennen zu dürfen; sie warens, aber nicht in seinem Glücke. Den einzigen Salomo ausgenommen (und auch dessen Negierung reichte schwerlich an die Hoffnungen, die man sich von ihm machte, und am wenigsten an das Ideal des ? 2 ten Psalms) kam das ganze Reich Davids bald sehr hinunter. Es thcilte sich nach Salomo's Tode, und der kleinste Theil blieb an der Familie Davids. Beide Reiche wurden der Schauplatz der Verwirrungen und des öftern Uebcr- falls ihrer Nachbarn, bis sich alles im die Gefangenschaft verlor. Die Gattung von Poesie also, die eine Tochter des Sieges, der Ruhe, des Wohlstandes ist, hat nie mehr eine so glanzende Zeit gefunden, als sie unter David und Salomo erlebte. Schade, daß uns aus ihr nur Tempel- Königs- und Reichsscücke übrig geblieben sind! denn cs ist offenbar, daß die Psalmen und Salomonischen Schriften zu Einem dieser Zwecke gehören. Das Brautlied des 45sten Psalms ist uns nicht anders aufbehalten worden, als weil es einen König und die Hoffnungen seines Reichs aus Orakelsprüchen Gottes feierte, und also als Religion 4i4 Vom Geist galt. Das Hohelied Und die Sprüche waren nicht ausbehalten worden, wenn sie nicht der Name Salomo geziert und die spatere sammelnde Zeit nicht schon im ersten einen lieblichen mystischen Sinn, die Beschreibung künftiger Salomonischer Zeiten gefunden hatte! Als Braut - und Liebeslieder eines andern Dichters hatte man sie nicht aufbewahrt. — Wir haben also aus den blühendsten Zeiten der eb- raischen Dichtkunst nur wenig; so viel sich im Schiffbruche der Gefangenschaft am Namen der Könige, der Religion und Reichsgeschichke etwa retten konnte. Die Stimme des Bräutigams und der Braut -r), jene Fceudengesange der Ernte und Weinlese b), an die so oft gedacht wird, sind weggenom- men. Die Stimme der Müllerin u) und andrer Geschäfte ist verstummt; und alle Tochter des Gesanges sind im Staube entschlafen. Wie ein Rubin im Golde glanzt: so zierten Gesänge das Mahl beim fröhlichen Weine 6) : sie sind nicht mehr. Freude und Wonne der ländlichen Feste sind aus dem Felde hinweg; man hört nicht mehr das Hedad! das Jubelgcschrei der Keltertretcr in ihrem Gesanges). — Wie unbillig ists daher, die Poesie dieses Volks im Ganzen mit andern Völkern zu vergleichen, da man von ihr nur einen oder zwei Aeste, Ncligions- und Königspoesie hat, oder was man dafür ansah. Das andere ward nicht gesammelt oder ging verlohren. — ->) Jer. 7 , 34. o) Predig. 12 , 4. e) Jer. 48, 33» Jes. g, 3. Jer. eb, io. ä) Sirach, 3e, 7 . g. der Ebrai sehen Poesie. 415 Genug! wie die Lieder Moses, so wirkten auch die Psalmen, als Erläuterungen jener, gar sehr auf die folgenden Zeiten: sie waren (wahrscheinlich zuerst nur bis zum Zysten Psalm) das Liederbuch der Nation oder wenigstens des Tempels und der Propheten. Wir werden bei einzelnen Eharacreren der letzten finden, wie sehr sie sich an die Sprache des Heiligthums gehalten und sie in ihren Anreden reich paraphrasirt haben. — Jetzt sey es allein unser Zweck, im Allgemeinen den Einfluß zu zeigen, den die sogenannten Messias- oder Königs- psalmen auf die Stimme der Propheten gehabt haben; und da sage ich kurz: sie, nebst den a lter n W ei ssa g u ngen, haben die Stim- me der Propheten nicht nur erweckt, sondern die reichen Aussichten dieser sind augenscheinlich Entwickelungen jener. i. AufDavidS Geschlecht waren so große Verheißungen durch Göttersprüche gelegt, von einem ewigen Reiche, von neuer Befestigung desselben, von glücklichen Salomonischen Zeiten. Als das Reich nun durch Salomo's, Re- habeams und so vieler anderen Könige Schuld, so tief herabsank, und Gott endlich Propheten weckte: was konnten diese anders sagen, als: „ihr scyd gefallen! ihr send gesunken!" Was konnte Hoseas zum Reiche Israel sagen, als: „Kehret wieder zum rechten Jehovah; ihr send verirrt. Gehet, statt zu den Kalbern, in die Wüste Judah, zum Tempel, 4^6 Vom Geist wohin ihr gehöret: er wird euch annehmen und freundlich euch begegnen k)." Ich will mich mit dir verloben auf cwge Zcita); Ich will mich mit dir vertrauen in Gericht und Recht, In Gnad' und Huld: Mit Treue will ich mich mit dir verloben Und du wirst wieder erkennen Jehovah, deinen Gott l Der Prophet wünschte, daß Israel und Judah wieder Ein Reich würden und stellt die neue Verbindung unter dem Bilde der Verlobung dar. Dieser Sinn geht durch seine ganze Prophezeihung und ist also polnisch. Er lockt sie freundlich wieder in die Wüste Judah, zum Hause Gottes und deö Geschlechts David In), damit ihnen auch der Segen werden könne, der auf dies Geschlecht gelegt war; denn alle ältere Segnungen Abrahams, Judahs, Moses, waren durch die Gottessprüche und Psalmen auf diesem Geschlechte befestigt. Er sieht also künftige glückliche Zeilen voraus, da — Die verirrten Kinder Israels zurücke kehren Und suchen Jehovah, ihren Gott; und David, ihren König, Und ehren Jehovah und seine Landcsvater - Huld, In spater Zeit!) — So sprach ein Prophet Israels: und die Weisen im t) Hosea 2, ii. ih. Kap. ilr, 2, x) Hos. 2, ig. kg Hos. 2, it». Kap. 6 , 1. i) Hos. 3 , S. der Ebraischen Poesie. 417 im Reich Judah mußten sich über diese alten Segenssprüche und Reichsconstitutionen noch ausführlicher erklären. Da Israel mehrmals verwüstet und e tzt eben auf dem Punkte war, gefangen weggeführt zu werden, erweckte Gott in dem wenig glücklichem Judah eine Stimme vieler Propheten auf einmal, die wahrscheinlich der Geist Jesaias wo nicht aufeief, so wenigstens anfachte. Sic sahen das Schicksal ihres Bruder-Reichs, des größten TheilS der Nation: sic fühlten ihr eignes Elend und — kehrten zu jenen Weissagungen zurück, die Gott auf Davids Geschlecht gelegt hatte. Der Stamm Davids stand verachtet, klein und fast verdorret da; gestärkt im Berttaucn auf das unverbrüchliche Wort Gottes, auf den Eid, den er David geschworen, sahen sie aus seiner Wurzel ein neues Reis aufsprießen, und legten darauf allen Segen der alten Zeit aus Gottes Munde; dies ist der Schlüssel zu Jesaias schönsten Bildern, Der neue Davids-Stamm, ein Königsbild L). — Schaut auf! Jehovah Zebaoth Schlägt ab den Blüthenast mit furchtbarem Gekrach; Die hohen Stamme sind gefallt, Die Erhabnen sind gebeuget. Der dicke Wald ist mit der Axt verhaun, DerHain auf Libanon durch starkenArm gesunken.— k) Jes. 10, ZZ. Kap. ir, x s 10. Herders Werke ,. Siel. «. Lheol. II. D d Aber ein neuer Zweig sprießt aus Jsai StamM! Ein Reislein wird aus seinen Wurzeln wachsen. Und ruhen wird auf ihm Jehovahs Geist, Der Weisheit, des Verstandes Geist, Der Geist der Klugheit und der Tapferkeit, Der Geist der Kenntniß und der Furcht Jehovahs. Sein Athmen selbst ist in der Furcht Jehovahs. Nicht wie sei» Auge stehet, richtet er, Entscheidet nicht, wie es sein Ohr vernimmt, Gerecht spricht er den Armen Recht, Gerade rächet er den Unterdrückten, Und schreckt das Land mit seinem Königswort, Tödtet den Bösewicht mit seiner Lippen Hauch, Gürtet sich mit Gerechtigkeit, Wapnet sich fest mit Treu.- — Alsdann wird, was jetzt Wurzel Jsai's ist, Stehn wie der Stamme (altes) Heerpanier, Nach dem die Völker fragen, Und Ruhm sichs schätzen, daß sie an ihm ruhn. — Es wäre sonderbar, wenn nicht jeder, dem die ak ten Weissagungen auf Judah und Davids Geschlecht bekannt sind, hier Zug für Zug die Entwickelung ihrer Ausdrücke und Bilder erkennte. Der Stab Judah ist aus Jakobs Worten bekannt, und blühete im Königsscepter Davids; jetzt ist er bis zur Wurzel verdorrt, und der Prophet sieht einen neuen Zweig aufsprießen, der wieder Anführer und Heer- ' panier wird, wie es einst Judah feyn sollte. Die Völker fragen nach ihm, und halten seinen Schutz für Ehre, Sicherheit und Ruhe; wie dort dem Judah die Völker anhangen sollten. — Alle Eigenschaften des künftigen Monarchen sind aus Salo- der Ebra Ischen Poesie. 409 mo's Geschichte und Scgenssprüchen. Dieser wird gerühmt über seine Weisheit; der künftige Salomo soll ihn siebenfach übertreffcn mit Weisheit und 'Göttergabcn. Die Züge von der Gerechtigkeit seiner Regierung sind aus den Salomonischen Psalmen : so wie das schöne Gemälde der goldenen Zeit unter ihm, das unmittelbar drauf folgt und ich nicht übersetzt habe. Selbst der Idiotismus vom „Riechen in der Furcht Jehovahs" scheint durch das Gottesorakel in Davids letzten Worten veranlaßt 1 ). Der Prophet entwickelte die alten Gottcsaussprüche, Und setzte sie zusammen zu einem Glauben-erweckenden Bilde. Ich setze sogleich eine andere Stelle her, die man vielleicht nur deswegen mißdeutete oder dunkel fand, weil man die Entwickelung alter Psalmen und Geschichten nicht bemerkte Der neue Göttersohn. Ein Königsbild in). Ball Hunger und Kummer durchirrt setzt seder da- Land, Und zürnt voll Hunger und flucht Seinem König' und seinem Gott. Er schaut hinauf und schaut zur Erd' hinab — l) Stach ihm ward ein Herrscher in Gottesfurcht verheißen Jesaias, der Wortanspielungen sehr liebt, häuft also ähnliche Worte IMlN Ml u> fl) m) Zes. 6, Sr. bis Kap. 9, 7. Dd 2 420 Vom Geist Ueberall Dunkel und Noth Dickes Dunkel, gehäufte Nacht»). — Nicht ist es dunkel mehr, wo's so dickdunkel war! Gleich jener alten Zeit, da er in Zabulon Und Naphthali zuerst abwarf das Joch; Erglänzet er auch in der spätern Zeit Den Weg am Meere, über den Jordan hin, Das dunkle Bölkergewühl o). Das Volk, die Wandler im Dunkel, Sie sehen ein groß Licht! Die Wohner im Lande der schwarzen Nacht, Neber ihnen glanzet das Licht auf'. — Biel sind der Völker da; und grvßauch ihre Freude p)'. Sie frcun sich, Herr, vor dir, wie man in der Ernte sich freuet; Wie sie tanzten im Freudenchor, da sie einst Raub austheilten: n) Es ist Jesaias Art, die Gemälde des jetzigen traurigen und des künftigen fröhlichen Zustandes zu coutrastiren; man muß also diese Contraste zusammen nehmen, wenn sie auch durch Kapitel getrennt sind. o) Die erste und letzte Zeit, das ^71 und stehen mit einander im Parallelismus. Diese beiden letzten Ausdrücke sind Conlrast gegen die gehäufte, schwere Dunkelheit und dicke Nacht der vorigen Werse. x) Das ^ halte ich für die Interjektion des Wunsches und der Freude, wie sie mehrmals für udinsm', o si! vorkommt! der Ebraischen Poesie. 421 Denn seiner Bürde Joch, Den Stab, der seine Schulter schlug. Den Scepter seines Drängers Zerbrichst du, wie in den Zeiten Medians — Es konnte vom Propheten nicht deutlicher gesagt werden, woraus er mit dem Allen ziele? woher er die Bilder genommen habe? Aus den Zeiten Mi- dians und also den Siegeszeiten der Richter. Da war nordwärts im Lande die große Befreiung geschehen g), da war in den dunkeln Wäldern Naph- thali und Sebulons über das ganze Land Licht der Freiheit aufgegangen. So soll auch jetzt in diesem nördlichen Völkcrgedrange, am Wege zum Galiläer- Meere, wo sich jetzt auch die feindlichen Syrer umhcrdrangtcn, Licht der Freiheit aufgehn, und Freuden des Jubeltanzes werden, wie einst im Lied der ländlichen Deborah: NnK alle Waffen der rauschenden Kriegesschlacht Und alles Krkegsgewand, getunkt in Blut, Wird, hin zum Fcur getragen, Der Flammen Speise nun- Denn ein König wird uns geboren, Ein Himmelssohn gegeben uns, Auf dessen Schulter der Stab der Herrschaft liegt! Sein Nam' ist: Wunderbar! Rath gebe r! starker Heldi Mein Bater auf ewig hin, Des Friedens Fürst! ys Nicht, h. S. In Haroscth, d. i. im Walde oer Völker, wie jetzt im Galil, im Völkerhaufen, der sich oben umher drängte. q22 Vom Geist Konnte der Prophet abermals deutlicher zu erken? neu geben, worauf er ziele? Wahrlich auf keinen Hiskia oder Hiskias-Sohn , als ob er ein Geburtscarmen schriebe; er redet von einem Könige, der alle Namen und Segen des Geschlechts Davids auf sich trüge, und die verheißene glückliche goldene Zeit brächte. Er heißt deshalb: Sohn und Erzeugter, d. i. der Gottgcborne, welcher Ausdruck in mehrcrn Psalmen schon geweihct war; den Scepter, den Judah vor seinen Füßen trug, legt er auf die Schulter, — also der alle Stammesfürst Judah kennet in ihm wieder. Sein Name heißt: Wunderbar! so nannte sich oft David, wenn er als der verworfene Stein jetzt Ecksteine) wurde: so nannte sich der ankündigende Engel bei der Geburt des Befreiers Simsen s). Rath und starker Held heißt er; denn Jesaias pflegt beides zusammen zu fügen, um zu sagen, daß er klug von Rath, mächtig von That seyn solle: wie wirs bei der vorigen Weissagung schon betrachtet haben. Mein Vater auf ewig hin nennt er ihn; und wagt sogar nicht, die grammatische Person zu ändern, die in den Psalmen und Segenssprüchen mehrmals steht: „er wird mich nennen, mein Vater! auf ewig will ich ihm sein Reich bestätigen t)!" Fried cfürst endlich, wie der Name Salomo sagt und seine Psalmen es erklären, — Der Prophet drückt alles in die Namen zusammen, was er vom r) Ps, li8, 22 . rI. Richter iZ,. >3, t) Ps. 8 g, 27. 2 Sam. 7, 'Ü. der Cb räischen Poesie. 42A Segen und der Herrlichkeit des Geschlechts Davids zusammenfassen konnte. Und groß wird seine Herrschaft seyn, Des Friedens wird kein Ende seyn, Auf Davids Thron, in seinem Königreich, Daß ers anrichte, neu befestige Mit Recht und Gerechtigkeit Von jetzt an, bis auf ewge Zeiten hin — Der Eifergeist Jchovah - Zebaoths Wird solches thun — Der Cifergeist nehmlich für seine Ehre: denn alle diese Werte waren Verheißungen Gottes über Davids Geschlecht, die hier namentlich wiederholt werden. Ich kann mich nicht auf die Beschreibung der goldenen Zeit einlafsen, die die Propheten mit der Regierung dieses neuen Königs verknüpfen (die Folge wird dies bei jedem derselben charakteristisch zeigen): alle aber kommen darauf hinaus, daß er ein Hirte seyn soll wie David, ein Friedefürst wie Salomo, ein gerechter Richter, ein starker Held und Wieder- bringer der Furcht Jehovahs. Jchovahs Gegenwart, seine Gerechtigkeit, Huld und heilbringende Thatig- keit sollte in ihm sichtbar werden; der Zuruf an ihn sollte seyn: Jehovah, unsx-e Gerechtigkeit! Jehovah, unsre HL-lfe! Bei den Propheten werden wir den Ursprung dieser Benennungen aufsuchen, und es wird sich ergeben, daß bei denen vor und in der Gefangenschaft immer der Name des Königs, eines neuen Davids, voran- geklungen habe. Nachher, da das Regiment zwi- Vom Geist 4-4 scheu dem Fürsten und Hohepriester geth.'ilt wer, sähe Zacharias die beiden Oelkindcr vor dem Throne Jehovahs stehen u); jetzt ward also auch die Beschreibung des Zemah, d. i. des Sprößlings aus dem Stamme David,'zwogestaltig; aber auch nach Umstanden der Zeit. Den Tempel des Herrn sollte er bauen wie Salomo; und in dem Tempel den Schmuck tragen, wie der Hohepriester. Auf dem Throne Jehovahs sollte er herrschen, aber auch Priester seyn auf seinem Throne, und Friede seyn zwi- ch en den beiden x). Maleachi endlich kehrt zur ältesten Verfassung zurück, und bringt Moses und Elias, die alten Boten Gottes, die den Bund gestiftet hatten, in ihrem reinigenden Flammengciste wieder. — So kleidete sich die Weissagung jedesmal ins Gewand der Zeiten; so lange Könige waren, blieb cs meistens bei der Königs-Verheißung, die 'lener Psalm sang * *) : Ich singe Jehovahs Gnaden auf ewge Zeiten hin, Von Geschlechts zu Geschlecht will ich mit meinem Munde Verkündigen dein treues Wort: Und sage: ewge Huld soll uns befestigt werden: So lange der Himmel währt, soll währen Gotte- Spruch : „Denn ich schloß einen Bund mit meinem Erlesenen, Ich schwur dem David, meinem Knecht: u) gachar. st, ist. x) Zachar. 6, 12 . rZ. *) Psalm 8g. der Eb ratschen Poesie. 42b Auf ewige Zeiten will ich dein Geschlecht feststellen, Will bauen deinen Thron vonGeschlechte zu Geschlecht!" Die Himmel also sind des Wunderbundes Zeugen; Der Heiligen Versammlung preiset deine Treu u. f.— Dies thaten die Propheten: sie nennen den künftigen König geradezu den Knecht Gottes, David. 2. Ja, noch mehr: sie entwickeln in ihm selbst die Schicksale Davids, und des Samens, der ihm verheißen war. Jener hatte viel leiden müssen, ehe er sein weites Reich gründen konnte: dieser sollte mit Menschenruthen gezüchtigt werden^), ohne daß doch die Gnade Jehovahs, seines Vaters, von ihm wiche; beides wird bei allen den Trübseligkeiten, davon die Propheten Zeugen waren , auch auf den künftigen König und die Entstehung seines Reichs angewandt. — Dies ist der Schlüssel zu den so wunderbaren und dem Scheine nach einander widersprechenden Schilderungen der Propheten. Der 22ste und alle Leidenspsalmen Davids wurden entwickelt, und dem bedrückten Israel damit Trost zugesprochen, daß, da es das Schicksal ihres glorreichen Stammvaters gewesen, auf diese Weise zu seiner Höhe zu gelangen, cs auch ihr Schicksal und das Schicksal ihres künftigen Königs seyn müsse, sich durch diesen Druck zur Würde zu erheben. Bei den Propheten werden wir also häufige Anwendungen der Leidenspsalmen Davids finden. 2 Sam. 7, ih. 426 Vom Geist 3. Auch Zion und Jerusalem gingen solchergestalt aus Psalmen in die Propheten mit über. Die Residenz der glorreichsten Könige sollte der noch viel prächtigere Sitz des künftigen glorreicher» Königes seyn, der eigentlich in Jehovahs Namen auf Zion herrschte. Geh auf, sey Licht! denn dein Licht kommt?)! Jehovahs Glanz geht,,auf, auf dir. Sieh, Finsterniß bedeckt die Welt, Die Nationen Dunkel! Und über dir geht Gott Jehovah auf, Sein Glanz ist über dir zu schaun. Und alle Völker gehn zu deinem Licht Und Könige zum Glanz, der dir aufgeht. Erhebe deine Augen rings und sieh! Sie sammlen alle sich, kommend zu dir. Von fernher kommen deine Söhne! Der Erden Rand erzog dir deine Töchter s). Dann wirst du schau» und glänzen: Es pocht und hebet sich dein Herz, Wenn sich zu dir bas Meergetümmel wendet, Wenn sich zu dir der Völker Reichthum naht. Kameele - Karavanen decken dich, Die Dromedare Midians und Epha, Aus Saba kommen alle sie: Sie bringen Gold und Weihrauch, Preisend Jehovahs Ruhm. r) Jes. 6c>. a) zur Seite, d. i. dir fern, wie der Pa- rallelismus zeigt. der Ebrä 1 schcn Poesie. 427 Der Kedarener Heerden sammlen sich zu dir, Der Nabatäer Böcke dienen dir: Sie werden meines Altars süßes Opfer, Mein herrlich Haus will ich verherrlichen. Wer sind die, die wie Wolken fliegen her? Wie Lauben, die in ihre Häuser ziehn? Denn meinen Wink erwarten nur die Küsten Und Lharsis Schiffe sind am ersten da. Zu bringen deine Söhn' aus weiter Ferne, Ihr Gold und Silber kommt mit ihnen her Geweiht dem Ruhm Jehovah, deines Gottes, Dem Prachtgott Israels, der dich verherrlichet. Der Fremden Söhne bauen deine Mauern Und ihre Kön'ge dienen dir. In meinem Zorne schlug ich dich, In meiner Huld erbarm' ich dein mich wieder. Und immer werden deine Thore offen stehen Und Nachts und Tages nicht verschlossen werden, Zu dir zu führen aller Völker Reichthum, Zu dir zu führen ihre Könige u. f. Man lese den 22. 72. 87. 102. u. a. Psalmen; konnten ihre Aussprüche, daß fremde Völker nach Jerusalem kommen, daselbst anbeten und für Ein« gcborne geachtet werden sollen, reicher entwickelt werden? Gerade sind auch die Nationen und Ge, gendcn, die der Prophet nennet, dieselben im Salomonischen Psalm k). So ists mit Zion, der Wohnung Gottes und des Landes Krone. Was die Fest- und Nationalk>) Bergt- Ies. 60, 6. 7. iz. mkt Ps. 7s, 10. iS. ,6. 42Ü Vom Geist Psalmen vom gegenwärtigen Zustande sangen, damit schmückten die Propheten ihre Aussichten in die künftige Zeit der Regierung Jchovahs. Da wird der kleine Berg sich heben, sein kleiner Brunn ein Strom lebendiger Wasser werden, der die dürre Wüste tränket — — Es ist Thorhcit zu denken, daß die Propheten alles dies sinnlich gemeint haben , als ob dkr Berg Zion plötzlich ein Riesenge- birgc, und alles Erz und Eisen des Tempels Silber und Gold werden sollte. — Sobald wir wissen : woher diese Farben sind? daß sie sie nicht selbst erfanden und zur Lust dichteten, sondern in einer alten bekannten Sprache der Nationalwünsche und Lieder ihre Gedanken schilderten, und ihre Hoffnungen entwarfen: so werden uns dergleichen zum Lhcil sich selbst widersprechende fleischliche Auslegungen nicht in den Sinn kommen; und ihr Gegensatz, die grübelnde Mystik wird uns noch entfernter bleiben. Wir werden sehen, wie sie als Männer von gesundem Verstände und als die Gottesweisen ihrer Nation das tharen, was alle achte Weltweisen mit den Werken Gottes in der Natur thatcn. Sie bemerken sie, zergliedern sie, suchen ihre Gesetze , den Gang und Zweck ihrer Einrichtung: so hielten jene am Bunde ihres ewig treuen Gottes Jehovah, bemerkten seine Sprüche, entwickelten seine Worte, studicten alte Sitten und Personen, wandten die Begebenheiten der Vorwelt auf ihre Zeit an, und sahen in jener und dieser den Keim der entsprießenden Nachwelt. Der Geist Iehooahs leitete sie: denn ihre Gesichte waren nicht Taumel, sondern ruhige Weissagungen , Gesetze und Aussichten nach einer gegebenen höher» Ordnung. Dies ist, dünkt mich, die wahre Kette der Propheten und zugleich ihr leichtester Aufschluß. Indem wir betrachten, woher sie ihre Bilder nahmen? wozu sie sie brauchten? auf welche Zeit und in welcher neuen Gestalt jeder die scinigen anwandte ? so werden wir gleichsam mitschöpfen aus Len geweihten Quellen, aus denen sie schöpften: wir werden, wie sic flogen, als Bienen umher fliegen und saugen aus jeder Blume der Vorwclt. Die reichen Garten der alten Gottesorakel in Geschichte, Segensfprüchcn und Psalmen liegen jetzt hinter uns; die gesammlete und verarbeitete Blüthe der Propheten vor uns — schöne, belehrende Aussicht ! Und wenn wir dann Schritt für Schritt bemerken werden, wie höher jederzeit die Gedanken Gottes waren, als aller, auch seiner weisesten Lieblinge, Menschengedanken: wie diese alle nur in ihrem Kreise sahen und auch im Lichte der Gottbe- gcisterung, von der Zukunft nur nach diesem Gesichtskreise Begriff haben konnten; wie Er aber seinen großen Weg ging, und aus ihren Worten und Gesichten oft Dinge entwickelte, an die sie wahrscheinlich selbst nicht dachten: in welch Hellem Lichte wird uns der Unterschied zwischen dem, was obere und untere Haushaltung Gottes ist, erscheinen! Ueberhaupt ists wahr, was jener Lobspruch auf Moses hinter seiner Geschichte sagt: „es stand „hinfort kein Prophet in Israel auf, Vom Geist 43o „wie Moses, den derHerr erkennet hätte „von Angesicht zu Angesicht": denn in dem ganzen Zeiträume, den wir durchgangen sind, reicht nichts an seine Größe. Samuel hatte einen Strahl von seinem Lichte, aber nicht seine Kraft: er konnte den verfallenen Staat nicht emporhcben, noch weniger ihn zu den ungenützten Ideen Moses zurückführen. David war weich und zart, gerecht und tapfer; aber ein König. In die Stelle des Wohls vom Ganzen trat schon das umschranktere Wohl seiner Familie. Er umwand das mosaische Gesetz mit lyrischen Kränzen; konnte es aber nicht dauerhaft stützen, noch weniger tiefer gründen. Sa- lomo's Weisheit ging in wollüstige Feinheit, in Glanz und Pracht des Hofes über; die Verfassung des Staats schwamm damit auseinander. In der Folge der Zeit hatte Elias einen Arm von Moses Kraft; sein Zeitalter aber war zu tief gesunken; er reinigte wie Feuer und Wind, er konnte aber nicht stiften, nicht beleben. Jesajas Und andre Propheten waren der Mund Moses: sein Geist und reiner Blick erfüllte sie; wo ist aber die That, die sie schufen? das Gebäude, das sic dahin stellten? Er stellte es dahin, ganz durchdacht und mit uncrmü- delem Arme vollendet. Sein erster Entwurf, dem Ewigen einen Altar von Feldsteinen aufzurichten, und ihm von der Erstgeburt des Landes, als dem Familiengotte, dienen zu lassen, war das Reinste und Erhabenste, das bei einem Nationalgottcsdienste statt fand; und das die Propheten mit geistiger». Glanze für die künftige Zeit nur ausmahlen. Als er dem sinnlichen, rebellischen Volke, das durchaus ein Kaib wollte, nachgeben mußte: wie rein durch- d er Eb ratschen Poesie. ^ 3 e dacht war seine Stiftshütte, das Zelt des Gesetzgebers unter ziehenden Zelten! — Die Idee des Allerheiligsten , mit seinem unzugangbaren Dunkel, mit der bloßen Gcsetztafel, die cs unter den Flügeln des .Symbols der Geheimnisse verwahrte, ist so simpel-erhaben, daß nichts geändert, nichts hinzu- gethan werden kann, ohne daß sie entweihet und erniedriget würde. Sein Heiliges hatte nichts, als die Schaubrode, das Symbol der ältesten Familienopfer , die nur Gastmahle waren; hier stand das einfachste Gastmahl vor den Augen des Jehovah. Und vor ihm brannte der siebenarmige Leuchter, sein Blick in alle Welt: und vor ihm duftete der goldene Rauchaltar die süßen Opfer der Spezereien, Symbol der Gebete aus den frühesten Zeiten — weiter enthielt sein eigentlicher Tempel nichts. Nur im Vorhofe floß das Blut der Entsündigung und der Lehnspflichten; und wie weise waren auch alle diese nothdürfligen Gebrauche zum Wohle des Staates cingcleitet! Wie genau bestimmt waren seine Gesetze! und wie unermüdet besserte er daran! hielt über sie und verließ, ohngeachtet aller Hindernisse, die auch den stärksten Mann ermüden könnten, nie den Plan seines Lebens. Er faßte noch zuletzt seinen Geist zusammen, wiederholte seine Anordnung und starb als Nomokralor, der sein Land kannte und seine Einrichtungen genau auf dasselbe bezogen. — Wie weise war sein Zug! selbst das Meer machte ihm Bahn, damit er an ihm sogleich eine Mauer hätte und das Volk nicht zurückkönnte. Endlich welch ein Muth, welch ein Geist gehört dazu, eine rebellische Menge von 600,000 in einer LÜtrcn Wüste zu regieren, zu bilden, zu zahmen! — Es V o m Geist ^32 stund hinfort kein Prophet auf in Israel, wie Moses: die stärksten derselben wirkten nur durch den Finger seines Arms: die aufgeklärtesten glanzten nur im Wiederscheine seines Antlitzes mit desselben zurückgcworfenen Strahlen. Nur vor dir beuge ich mich, du himmlische Gestalt, erhabner als Moses, um so schöner, je holder du warst; umso kräftiger, je mehr du deine Kraft verbärgest. Mit zwölf arme», rohen, unwissenden Schülern richtetest du mehr aus, als jener mit seinen 600,000 Israeliten, und gründetest ein Reich der Himmel, das einzige, das seiner Na«- tur nach ewig seyn kann. Du gründetest es über die Welt; aber nur vom kleinsten Anfänge an — du begnügtest dich, das Samenkorn in die Erde zu pflanzen, was noch immer wächst und am Ende der Tage gewiß der erquickende Schatte seyn wird, auf den alle Seher der Zukunft wiesen. Mit himmlischer Kraft kamst du hernieder und fandst alle Aussprüche der Propheten in dir; fandst Much genug in dir, auch die entgegengesetzten derselben durch Armuth, Noch und den schmählichsten Tod zu erfüllen, weil sie nur auf diesem Wege erfüllt und vereint werden konnten. Moses und Elias, di« stärksten Gotteshelden der Vorwclt besprachen sich mit dir auf dem heiligen Berge; mit dir dem dritten, grosssten und sanftesten unter ihnen. Du hast deinen Ausgang erfüllt, hast und wirst alle Propheten erfüllen in deinem unsichtbar-fortgehenden Werke. Es ist das Einzige seiner Art, was je in der Welt geschah: was kein Weiser, kein Mächtiger derEbräischen Poesie. 4 33 ger halte bewirken können; und dessen Folgen sich bis in die Ewigkeit breiten. — Wir gehen jetzt dem Könige dieses Reichs entgegen; und die schöne Aue der Propheten führet uns zu ihm. Die künftige goldene Zeit, eine Aussicht der Propheten*). Ja, du blühst vor mir, du schöne Aue Der Propheten! 0 wer giebt mir Flügel, Ganz dich zu durchschweben! jeder Blüthe Balsamrhau und süßen Keim zu kosten, Mich zu wiegen auf der Morgenrosen Blättern, und auf ihr sanft einzuschlummern. Goldne Zeit! erquickend schon im Bilde! — Wenn die Wüste blühe: wie der Karmel! Lilien entsprießen aus der Dürre, Stachelloft Rosen aus den Dornen, Milch und Honig rinnt! — Des Menschen Leben Und des Freundes Lipp' ist Milch und Honig. Goldne Zeit! Ich seh den BauM aufsprießen, Der ein Lebensbaum wird allen Völkern! *) Unter der Aufschrift: Hofsn ungen eines Sehers vor dreitausend Jahren, findet sich eine andere, mehr umschreibende und den neuren Begriffen näher angepaßte, poetische Ausmahlung dieses Gegenstandes im ersten Bande der Ad raste« S. Lh.3. Herders Werke j. Rel. u. Lhcol. II. E e Vom Geist 4^4 Seine Früchte Labsal für den Matten, Seine Blatter Arzenei dem Kranken, Und sein Schatte Zuflucht; und sein Athens Himmelsgeist, ein Hauch des Paradieses. Goldne Zeit! Jehovah kommt hernieder, Wie ein guter Hirt sein Volk zu weiden, Das Verirrte sucht er und das matte, Kranke Lamm erquickt er sich am Busen. Freue, Menschheit, dich! Der Menschen Vater Wird ihr Bruder, wird ihr Freund und Heiland. Einer ist Jehovah und sein Name Ist nur Einer! Keiner wird den andern Kennen lehren seinen Gort und Vater, Den sie alle kennen. Gottes Weisheit Deckt das Land umher und Gottes Friede, Wie der Meergrund, ist bedeckt mit Wellen. Kein Verführen, Höhnen und Verderben Ist da mehr auf Gottes hcil'gem Berge. Wolf und Lamm, sie weiden mit einander; Löw' und Lieger gehn in zahmer Heerde: Und das süße Kind streckt in der Otter Nest die Hand, liebkosend mit der Schlange» Kriegen lernen dann nicht mehr die Völker! Ihre Schwerter werden Sicheln wieder, Ihre Spieße Pflugschaar: denn des Vaters Oelbaum grünet für den Sohn und Enkel, Und das zarte Weib beschützt den Helden; Sie der Kinder, sie des Hauses Krone. Kommt Jehovah? Oeffnet sich der Himmel Schon mit Nekrarströmen? O er käme! Daß die Wolken Balsam niederthauten Und die Erde neu Gewächs aufsproßte r der Ebräischcn Poesie. 435 Daß der Blinde sah, der Laube hörte Und des Stummen Zunge sänge Lieder! Ja, er kommt! Frohlockt, ihr blöden Armen! Wie die Rehe hüpft, ihr zarten Lämmer! Euer Gott kommt! Schaut den Friedenskönig! Euer Gott kommt! und er wird euch helfen. Salem steigt hervor, die Stadt des Friedens, Gottes und der Ruhe ewge Wohnung. Wo der Unschuld Spezereien duften, Wo nur Dankgebet gen Himmel steiget: Lod ist nicht mehr, noch Wehklag' und Trennung! — Denn die letzte Lhräne von den Wangen Trocknet Gott! — Er ihre Sonn' und Kühlung! — Er ihr Lamm auf ewig grünen Auen. Sohn der Jungfrau! heilger schöner Palmbaum! Unter deinem Schatten will ich ruhen: Denn er weht dem Matten süße Kühlung, Ist dem Schwachen neue Himmelsstärke. - Deiner Lippen Frucht ist ewges Leben Und dein Athem Hauch des Paradieses. Nachschrift des Herausgebers beider ist die Fortsetzung dieses Werkes nie erschienen , so sehr sich der Verfasser auf diese Arbeit freute, so oft er sie sich auch vornahm. Er wollte sich eine ruhige Zeit dazu nehmen, sie kam aber nie. Nur wenige Blätter vom Anfänge des dritten Theils fanden sich unter seinen Papieren, die ich ungern untcrgchen lasse, um so weniger, da sie eine Rekapitulation des bisher Gesagten und einen kurzen Entwurf der Forschung, (die er mit dem dritten Thcile'endigen wollte) enthalt. Hier sind sie. Wir haben bisher zimlich den Boden geebnet, um den Baum israelitischer Hoffnungen und Weissagungen aufsteigcn zu sehen, auf dem die Poesie der Propheten blühet. — Von seinem Stammvater her hatte das Volk die Aussicht, daß durch sein Geschlecht allen Völkern der Erde ein großes Gut widerfahren sollte. Das Hirtengeschlecht kam nach Aegypten, der Stammvater der zwölf Geschlecht« tbat noch mit sterbenden Augen einen Blick in das Land, wo sie wohnen sollten, und ordnete ihnen gleichsam eine prophetische Charte ihrer Wohnungen; gber er siarb, und der Fürst seiner Brüder, Nachschrift dcs Herausgebers. 4^7 Joseph, starb auch. Das Volk gerieth in Sklaverei und gab beinahe die Hoffnung seiner eigenen Errettung, geschweige der Beglückung aller Nationen, auf. Moses errettete dasselbe, bildete es mit großer Mühe, erbeutete die Erstlinge des Landes, sah das Land und starb: seine beschwerliche Mühe war in einem kleinen Kreise gewesen. Er mußte einige kleine Völker zerstören; durch ihn aber konnte die Welt nicht beglückt werden. Unvollkommen eroberte Israel nach seinem Tode das Land, cs wurde lange Jahre bald von diesem, bald von jenem Nebenvolke gedrückt und geangstigt, bis ein Löwe aus Juda aufstand und sich, gesättigt vom Raube dcr Nationen, auf seinen eroberten Siegcsberg Zion niedcrlegte. Ein Stern aus Jakob trat hervor, ein Scepter in Israel erhob sich, der zerschmetterte die Häupter Moabs, eroberte Edom, zerstreute und verheerte Amalekircr, Kcnitcr und ihres Gleichen. So lange er lebte, durste den Löwen niemand auf- schreckcn, ob ihn gleich dieser und jener reizte. Aber er starb und sein königliches Gemüth war über die Zukunft seines Reichs in Sorge: da gab ihm Gott die Verheißung, daß nicht nur sein Sohn auf dem Throne sitzen und ein festeres Reich regieren sollte, sondern eine Reihe seiner Nachkommen feilten den Scepter führen Dieser Ausspruch Gottes erhob sein Herz: er wird nicht nur in mchrern Psalmen als ein hohes Orakel der Zukunft über Land und Königsstamm gefeiert; der sterbende König umwindet sich mit diesem ewigen Lorbeerkranze noch im letzten Liede die.Schläfe *). *) 2 Sam. a3, i. ff. s, oben im XI. Abschnitte. 433 Nachschrift des Herausgebers. Mit widrigem Gemüthe dachte er darin an die Mißvergnügten seines Reichs, an denen er alle Güte versucht hatte, und die er keiner linden Behandlung mehr fähig oder werth hielt. Mit desto größerer Freude aber dachte er an den Familienvertrag, den Gott mit ihm errichtet; aus dem auch alle Bilder im Anfänge dieses letzten Liedes genommen sind und welchen der 89. 72. 182. und andere Psalmen feiern. — Das waren nun die Keime, aus denen der Baum der prophetischen Poesie hervorging: Abrahams, Judahs, Davids Segen; und da die beiden vorigen in ihm, dem siegreichsten, glücklichsten, zugleich auch religiösesten Fürsten zusammen zu treffen schienen, da er mit seiner Regierung, mit der Anordnung des Gottesdienstes, am meisten aber mit den Psalmen Epoche machte: so wars Natur der Sache, daß sein Zeitpunkt, insonderheit wie er in den Psalmen abgebildet war, für die Propheten, die sich nach diesen Liedern bildeten, und fürs Bolk, das sie sang und sich an jene Zeiten mit Stolz erinnerte, gleichsam der Mittelpunkt des Ziels ihrer Pfeile, kurz Ideal und Urbild wurde, das sie, nur vielfach glänzender, in die Zukunft verlegten. Abrahams Segen war nur allgemein; in einzelner Darstellung also geschildert zu werden, zu umfassend, zu geistig. Moses war ihnen zu entfernt: sie nahmen von ihm alle Wunder der Errettung und Hülfe Gottes in Aegypten und in der Wüste; zumal die Schechina. David war ihnen glorreicher und bekannter: denn an königliche Begriffe war nun das Bolk gewöhnt; die Eifersucht der Stämme war Nachschrift des Herausgebers. 439 ausgestorben, zur Zeit der meisten Propheten zehen schon weggeführt und nur noch ein kleiner Sproß von Judah und Davids Königsgeschlechte übrig. Hie- hcr floß also der Duft aller Weissagung, hier gingen die Ströme zusammen. Jakobs und Bileams Aussichten, die Siege, die Rcgiernng, die Gottesfurcht Davids in den Psalmen, das Versprechen ewiger, friedlicher, glücklicher Zeiten, das ihm in Nachkommen auf dem Throne gethan war — alles breitete sich durch und von ihm als dem Mittelpunkte in glänzenden Strahlen auf die Zukunft aus. Er hieß so oft in den Psalmen der Sohn Jehovahs, der Erstgeborne Gottes; er thronte neben Gott auf seinem heiligen Berge, er unterwarf sich Völker, liebte Gesang und Recht, sprach von sich gegen Gott mit Demuth und Unterwerfung: fein Nachkomme sollte ein friedliches Reich haben, ewig herrschen sollte der Same, so lange als Sonne und Mond am Himmel glanzen; Judah also, David, Salomo und der ewigrcgierende Same ward in die Zeiten des künftigen Gesalbten hingemahlet. Menschliche Einbildungskraft und Poesie kann nicht anders wirken: auch göttliche Aussichten müssen ihr unter bekannten Zügen dargestcllt werden und so brauchte natürlich die jüdische Poesie das, was sie in ihren Schätzen, zumal des glänzendsten Zeitpunkts, hatte. Und so sehen wir denn unsre Laufbahn des dritten Theils vor uns. Nach Untersuchungen über die Poesien, die dem Salomo zugeschricben werden, kommt sogleich der wahre Geist der ebraischcn Poesie, das Reich der Propheten. — — Wir sehen die einzelnen Charaktere der Propheten, ihre Lieb- Nachschrift des Herausgebers. lingsbcgriffe und Aussichten, sammt denen Aeitum- ständen, die diese etwa veranlaßt haben. Das ver- schiedne und sehr bestimmte Eolorit wird erwogen, in dem die Flüche und Weissagungen aufandre Völker gestellt sind. Wie die Gefangenschaft ihre Ideen geändert! wie ander Bilder und Figuren jetzt erscheinen ! — so hinab bis zu den verworfensten apo- kenphischen Schriften, sofern diese noch, wie z. E. das vierte Buch Esra, poetische Züge haben. Endlich blüht im N- T., im einzigen letzten Buche, wie durch eine Palingenesie aller Begriffe und Bilder der alten Propheten, ein neuer poetischer -Baum auf. Weiter fand sich nichts. Noch bemerke ich, daß mir erst seit der Herausgabe des erst? n Theils unter andern Papieren des sel. Verfassers ein vollständiger Entwurf desselben zugekommen, welcher sich von dem gedruckten tbeils durch mehrere Kürze, theils dadurch unterscheidet, daß er nicht in dialogischer Form abgefaßt ist, und in sofern an Klarheit und einem etwas systematischem Gange der Entwicklung vor jenem vielleicht einen Vorzug hat. (Er scheint viel früher verfaßt zu seyn.) In dem gedruckten sind die Ideen des Verf. vollständiger ausgcarbeitet. Somit wäre dieses Werk geschlossen, das unstreitig in der Kenntnis und richtigen Beurtheilung sowohl der cbräischen Poesie, deren Einfluß auf spatere Meinungen der Ebräer und aus die Ideen Nachschrift des Herausgebers. 44 r des Christenthums so entscheidend war, als überhaupt des Geistes und der Geschichte dieses merkwürdigen Volkes Epoche gemacht, und manchen wichtig scheinenden Zweifel und Vorwurf neuerer Zeiten gegen dieselbe und was darauf beruhet, aufs glücklichste gelöset hat *). Freilich hat auch dieses Werk selbst, wie manche andere Wecke des Genies, die in irgend einer Wissenschaft Balm brechen, manchen Mißverstand und Mißbrauch, erfahren : wozu nicht eben die schiefe Bcurtheilunq desselben in einigen kritischen JournNlen der damaligen Zeit, die nun vergessen sind, sondern hauptsächlich das zu zahlen ist, daß einige Gelehrte, die (wie Herder selbst irgendwo sagt) „nichts als ihre Zeit kennen und überall finden wollen," eben die Grundsätze über die Genesis des individuellen israelitischen Na- tionalgcistcs, nach welchen der Verfasser göttliche (oder providenticlle) und menschliche Mitwirkung dabei so glücklich erklärt hat, in einem ganz andern Sinne und dahin anzuwenden suchten, um aus der Geschichte dieses Volkes und seiner besondere! Bildung jede Spur des -fkrncm wegzuwischcn und die individuellsten Charakterzüge derselben in den Kreis unserer alltäglichen Erfahrungen herabzuziehen, kurz, jene schönen Höhen der Verwelk in gemeine Landstraßen abzuflachen, und den großen Zweck, den die Vorsehung mit diesem Volke für das ganze Menschengeschlecht hatte, so sehr wie möglich einzuschrän- Ich führe z. B. unter ander den 5ren Abschnitt des zweiten Lheiles an — gewiß einen der gelungensten des ganzen Werkes. 442 Nachschrift des Herausgebers. ken. Möge dieses Werk in dieser neuen Ausgabe neu geprüft, und die wahre Höhe seiner Grundsätze richtig erkannt und angewendet werden! In den folgenden Banden werden die ausführ- lichern Untersuchungen des Vers, über einzelne Neste der ebraischen Dichtkunst, die älteste Urkunde, die Lieder der Liebe, nebst Proben der neuern jüdischen Poesie, enthalten seyn, und das letzte vollendete Merk derselben, die Apokalypse, das Ende krönen. Berzeichniß des Inhalts. Agurs Rathsel, S. 272-279. Assaph, sein Charakter als Psalmendichter, S. Z42 -349. Asser, Weissagung über ihn, S. 297-212. Baum der Weisheit und des Leben«, als Dichtung betrachtet, S. 22. Behemoth und Leviathan, als Dichtung betrachtet, S. 23 . Benjamin: Weissagung über ihn, S. 207. 208. f. Bileam: "seine Geschichte, S. 225-228. sein Segen, S. 229-233. C. Canaan: Aussicht Jakobs auf dasselbe, S. 180. f. Rechte Israels auf das Land, S. 182-184. wird übel eingenommen und ausgethcilet, S. 19a. f. 192- 2 v 3 . 220- 222. Cherub: Sein Ursprung; Veränderungen seines Gebrauchs beim cbraischen und andern Völkern, S. 20. 21. 444 Vcr-eichniß des Inhalts. D. Dan: Weissagung über ihn, S. 196. f. 211. David vor Saul, S. 292. seine Elegie um Jonathan, S. 294. Seine Geschichte als Psalmendichter, S. 297-301, Sein Charakter als Psalmendichter , S, 335 - 342. Er thront auf dem Throne Jehovahs, S. 378. Verheißungen auf seinem Geschlecht, S. 416, ff. Seine Schicksale werden Vorbild, S. 424. f. Sein Zion und Jerusalem, Ideal der künftigen Zeit, S. 426. ff. Deborah: Gesang derselben, S, 248-260 Durchgang durchs Meer: Bilder desselben, S. 76 - 78. Siegeslicd auf denselben, S. 80-82. Seine Möglichkeit und Wahrheit, S. 9 - 1 - 94 - E. Erscheinung Gottes an Moses, S. 46-60, an die Aeltesten Israels, 2 - 307. Eintheilung derselben, S. 307-329. Einiger Ungenannte», S. 353 . f. Stufenpsalmen, S. 353 . Konigs- psalmen, S. 368 . f. -R. Rathsel: Liebe der Morgenlander zu denselben, S. 271. f. 279. Agurs R.irhscl, S. 272- 279 . Reich der Tobten, als Dichtung betrachtet, S. 24. f. Rüben: Weissagung über ihn, S. i 85 . f. 2c>5. Verzeichn iß des Inhalts. 44g S. Sauls T 0 dtenbcfragung , S. 268. f. Sebulon, Weissagung über ihn, S. -92. 210. 2l5. Segen Jakobs: was er im Sinne hatte und wie er ist erfüllt worden, S. 184-208. Segen Moses, S. 208-214. Segen Bileams, S. 229-288. Selah: Bedeutung des Worts, S. 36 i. Siegeslied über die Amoriter, S. 235 . Uebcr Jofua Sieg, S. 287. Der Deborah, S. 248-25». Ueber Amalek, S. 284. Simeon, Weissagung über ikn, S. 186. f. Simsons Charakter, S. 260-267. Seine Nach; sel, S. 265. Wortspiele, S. 262-265. Sinai: seine glanzende Erscheinungen, S. 98. Sprache des Heiligthuins über Krankheiten^ S. 144. fr Heilige Gerathc, S. ig 5 . f. Sprache der Poesie, aus Vater- und Kindes-Verhältnissen, S. 164. f. Aus Verhältnissen des Weibes zum Manne, S. i 56 - 161. In National- und Kricgeslicdern, S. 871 - 3 - 8 . Stamm eschre der Israeliten, S. 120. f. Stamm es» ater und Rechte, S. 161-168. Stiftshütte: ein symbolisches Gemälde, S, 149 - 1 . 52 . ' T. Testament Iak 0 bs, S. 184 - 208. g 5 o Verzcichniß des Jnhalt's. Theokratie s. Gotteüregierunq. Th aber, der Berg des Heiligthums, eine weise Idee Moses, S. 216-222. Tochter Jephthn h : Aufopferung derselben, S. 268. f. U. Urim und Th um mim, was es gewesen? S. i 33 . W. Weib: Ihre Ehre und Bestimmung bei den Eb- raern, S. i 56 -i 6 i. Wolken- und Feuer sä ulen: was sie gewesen ? S. 91 - g 3 . Wort Gottes an die Propheten, S. 55 - 58 . Was es der Poesie dieses Volks für eine Gestalt gebe? S. 58 . 69. Wortspiele der Morgenländer: ihr Ursprung und ihre Anwendung, S. 280-287. Z. Zalmon: Schnee auf demselben, S. 83 . f. Zebaoth: Ursprung und Veränderung des Namens, S. 8g. f. Zeichen Moses, Elias, Elisa, Jesaias und anderer Propheten, S. 5 g - 61. Der Prophet selbst Zeichen, S. 61. f. Züge Gottes in der Wüste: poetische Bilder derselben, S. 74-78. Psalm, der sie feiert, S, 86-91. W e r z e i c h n i ß der übersetzten und erläuterten Schriftsteller iMos- i. S. 8. ich. 2, ig. S. 16. 3, i. S. 17. 5, 6. S. 23. ch. S. 20. ff, 5. S. ib. io. S, iff. 8, 21. S. i5. 22, 2. S. l5. ffg. S. ,8ff. ff. 2Mos. 3, 1-6. S. ff6. ff. 15. S. 8o. ff. 17, iff. S. 235. 33, g-23, S. ff8, ffg. 3ff, 1-8. S. ffg. 5o. ffMos. 21, iff-3o. S, 235. 16. S. 22b» 22-2ff, S. 22ff-233. ZMos-6. 7. S. 11 ff. 11g. 11, 12-17. S. 17^. 33. S. 203. ff. 33,18. io. S- 20g. 2iff Zosua 10, 11-iff. S. 287. Llichler g. S. 2ff3-2bo. 9, 7. S. 26g. iff, 12-18. S. 265. 15, 16. S. 26ff. 26g. 16, 28, S, 267. iSam. 2,1-10. S. 288. 28g. ,2Sam. i, 17-27, S. 2gff.2g5, 3, 3i-3ff. S. 337. s. 28, 1-7. S. 3g7. s. 1 Kön. 19, 8-i3. S. 5o. 5i. Psalm 2. S. 37g. ff. 6. S. 3ch. 17. S. 36g. f. s3. S 3i». 3ag. f. Lff, S 3l2. 3g. S. 3i»7. ff. ffo, 6 -10. S. chi. ff2. ff3. S. 3Lo. ff. ff5. S. 3ib. ff. bo. S. iff2. 5i. S. iffo. 68. S. 86. ff. 72. S. 3gg. ff. 73. S. 3ff-. ff. 76. S. 372. f. 80. S. 876. f. 82. S. 12g. ich. S. 122. f. go. S. ich, s. ich, gi. S. 327. f. g5. S. 121. gg. S. 127. 102, S, ii5. f. 452 Verzeichiüß d. kiäerfttzt. u. cclautcrt. Schriftstcllcn Psalm 108. S. 3?3. s. 110, S. 389. ff. ich. S> 78, f. n5. S. J71. f. 120. S» 354» 121. S. 355» 122. S. 125. f. 124. S. 3ig. 126. S. 321» f. 127» S. i58. 128. S. ig6. 129, S, 320» 182. S. 388. i33. S. 3v8. Psalm 187. S. 322. f. ch7. S- i3o. ff. Spr. Sal, 80,8.272. ff. 3i. S. 169. Jes. 6, 1-4, S. 62. 8 , 21. S. 419. ff. 10, 33 . S. ^17. f. 5 c>, 3 . ff. S. 66. f. 55 , 8-1». S- 56. f. 60. S. 426. ff. 61, 10. 11. S. i36. 8er. 3i, 22, S, i56. Dan. 7, 9. 10. S. 53 . Habak. 3 . S. g 5 . ff.