der Ebraischen Poesie.' 9
eröffnet und weitet sich die Schöpfung. Himmel
und Erde, Nacht und Tag, Tages - und Nachtge-stirnc, Geschöpfe auf Meer und Land sind Aus-messungen des menschlichen Auges, der Bedürfnisse,der Empfindung - und Ordnungsgabc des Menschen.Das Rad der Schöpfung lauft umher, so weit essein Blick verfolgen kann, und steht bei ihm, demMittelpunkt dieses Umkreises, dem sichtbaren Gottauf Erden, still. Indem er alles nennt, und mitseiner Empfindung auf sich ordnet, wird er Nach-ahmer der Gottheit, der zweite Schöpfer, also auchDichter. Hat man das Wesen der Dicht-kunst in eine Nachahmung der Natur gesetzt, sodürfte man, diesem Ursprünge zufolge, es nochkühner in eine Nachahmung der schaffenden, nen-nenden Gotthci^ setzen. Nur sind die GedankenGottes auch in ihrem Ausdruck thatig: sie stehenin Geschöpfen da und leben. Der Mensch kanndiese Geschöpfe nur nennen, nur ordnen und etwalenken; sonst aber blieben seine Gedanken todtcsBild, seine Worte und Empfindungen sind an sichnicht lebendige Werke. Mit je reinerm Blick wirindeß die Gegenstände der Schöpfung sehen undordnen, je unverdorbener und voller unser Gefühlist, Alles mit dem reinsten Maas der Menschheit,unsrer Analogie mit Gott, zu bezeichnen: destoschöner, vollkommener und (lasset uns nicht zwei-feln!) auch desto kräftiger wird unsre Dichtkunst.In dieser Empfindung natürlicher Schönheit undGröße thut es oft ein Kind einem entstellten Greisezuvor, und die einfachsten Nationen haben arrNaturbildcrn und Naturcmpsindung die erhabenste,rührendste Dichtkunst. Ich zweifle, ob dieser Ur-