272 II. Dichtungen.
daß sie also nichts mehr an ihm im rechten Lichtesah.
Sie liebte ihn zu sehr, als daß sie ihren Ver-stand recht brauchen und auch die böse und schwacheSeite von ihm hätte sehen können. Die Eindrückedes Herzens sind also ohne Bcyhülfe des Verstandesallemal trüglich, wenn sie auch noch so dan-kend waren.
Vater. Trüglich und dennoch daurend? wiereimt sich das?
Knabe n. Nichts reimt sich leider mehr, Va-ter. Trüglich, wenn man sie vor den Verstandfordert: denn das hat die Erfahrung bewiesen. Sieträumte den ihm Liebe und Glückseligkeit zu finden,und findet Elend. Daurend aber sind sie in ihremHerzen selbst, weil sie ein so gutes Geschöpf ist, des-sen kleinen Finger ihr Unwürdiger nicht verdienet.
Vater. Also meynt ihr, das Herz könne ohneVerstand sehr dauccnde Eindrücke fassen, selbst wennjener ihm die üblen Folgen derselben, mithin denJrrthum, den es beging, täglich zeiget. Aber wasmacht sie denn daurend?
Die Knaben waren verlegen zu antworten, und dieMädchen nahmen sich also ihrer Schwester an. Un-möglich, Vater, könnten ihre Empfindungen so bau»rcnd seyn, wenn sie nicht auch in sich und vor demAuge des Verstandes Wahrheit gewesen waren.Er hatte wirklich alles das Gute, was unsre Schwesteran ihm sah, und hars noch; sehen Sie aber, wie starkdie Wahrheit ihrer Empfindungen und Herzensein-drücke seyn muß, daß sie ihm auch die Fehler verzeihtund übersieht. Wann thut das euer Verstand? Ermacht lauter Spiegelgefechte pro und oontrn, undHiebt nie einen wahren Eindruck. Vater.