I. G. v. Herders sämintliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Sechster Th eil. Dramatische Stücke und Dichtungen. Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carlsruhe, im Düreau der deutschen Classiker. 1821. Vorrede. übergebe hier den sechölen Band der ästhetischen Werke Herders den Freunden seiner Muse, und füge nur wenige Worte hinzu, um dem Leser die richtige Ansicht einiger Stücke zu erleichtern. Möge der innere Sinn, die obwaltende Sprache des reinen Herzens zu einem jeden selbst reden. A d m e t u s H a u s ist die letzte Arbeit deS Verewigten. Im Sommer r8o3, in den Sonncnblicken der Hoffnung einer Genesung, ward sie vollendet. Sie ist somit das Ver, mächtniß einer zarten, dem Himmel schon verwandten Seele, ein Kranz für eheliche Liebe und Tugend. Die Form entlehnte der Dichter von den Grieche». Die hohe Einsalt deS griechischen Drama, der tiefe Sinn des griechischen Chors schwebte ihm vor Augen, und sofort ist Admetus Haus, wie dessen frühere Schwestern, Ariadne und der entfesselte Prometheus, Versuch, das griechische Drama auf deutschen Boden zu verpflanzen. Die VI Vorrede. weiteren Motive, die nähere Denkart des Verfassers über diese Dichtart sind und werden später noch entwickelt. Gern fügten wir den reiferen Früchten der dramatischen Muse unseres Dichters auch jugendliche Blüthen in Philoktet und Brutus bey; sie sind in den Jahren 1774 — 75 zu Bückeburg und für die Composi- tion geschrieben. Der nähere Umgang mit dem damals regierenden Grafen Wilhelm I. und seiner Gemahlin, daS Interesse, wcl, cbeö sie vereint an allem Edlen und Gu, ten der Geschichte und Philosophie, Dichtkunst und Musik nahmen, veranlaßten diese Stücke. Der Graf unterhielt eine kleine Kapelle, der dabey angestellte würdige Kapellmeister, Christian Bach, Freund des Verfassers, komponirtc beyde nebst noch einigen biblischen Cantaten, welche bey Hof aufgeführt wurden. DaS Vorhaben des Verfassers, noch in seinem letzten Lebensjahre diese Heyden früheren Versuche umzuarbciten und dem Geiste unserer Zeit näher zu bringen, blieb unausgeführt. Es folgt den dramatischen Stücken eine Sammlung von Dichtungen, die bisher einzeln in Zeitschriften zerstreut waren und jetzt vereint freundlich zusammen treten. DaS HauS- gespräch, Verstand und Herz, war bis jetzt noch nicht bekannt, und ist. wie die Para- mythicn, dem nie im Druck erschienenen Tiefur- Vorrede. VII ter Journal entlehnt, welches in den i^Laer Jahren in dem gesellschaftlichen Zirkel der verehrungswürdigsten Frau Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar auf Höchstdero Veranlassung, als eine fröhliche geistvolle Unterhaltung, errichtet wurde. Oft erinnerten sich die Theilnchmer mit Vergnügen dieser Blumengesellschaft, wo, unter der sanften Gegenwart der vortrefflichen Fürstin, lebhafte Geister sich mild vereinigten, von ihren Berufsgeschastcn sich erholten; wo durch zwanglose Gespräche, anständige Diskussionen über Gegenstände eines gemeinsamen Jn- teresse'S, Funken des Geistes lebendiger erweckt wurden, als die Einsamkeit sie zu wecken vermögend ist. So viel zum Geschichtlichen. Der Geist der zarten Poesie umschwebe nun den Leser selbst und erheitere seinen Verstand und sein Herz. Weimar, 16. Febr. 1806. O. Wilhelm Gottfried v. Herder. VIII Vorrede. Nachschrift. Leider! ist auch der Verfasser obiger Vorrede, H c r d e r s Erstgeborner, der Liebling seiner Eltern und Geschwister, nicht mehr unter den Sterblichen! — Ein in Weimar grassiren- des Nervenficber, woben er mit gewissenhaftester Treue und übermäßiger Anstrengung seine zahlreichen Patienten bediente, und in ganzen Tagen kaum auf eine Stunde zu Hause kam, griff zuletzt auch ihn an. Am rr. May d. I. wurde er sanft und schmerzenlos, unter heitern Phantasien von himmlischer Musik, der Erde entrückt, und starb, in seinem 32. Lebensjahr, des schönsten Todes, ein Opfer seines Berufs, im Laufe guter Werke, mit Wehmuth zurückgcsehnt von den Seinigen, geehrt und geliebt von seinen Mitbürgern hohen und nicdcrn Standes, und von allen, die ihn kannten, durch Bescheidenheit und sanfte theilnehmende Güte dieser Liebe und eines gesegneten Andenkens Werth. Sie ruhe im Frieden, die friedliche Seele! Schaffbausen I o h. G e o rg M ü lle r, S. Junius rüo6. Prof. !. Drama- l Dramatische Stücke. HerdirsW.;. sch. Lit. u. Kunst. VI. A vi-am. I. A - metus Haus. Der Tausch des Schicksals. Ein Drama mit Gesängen. (Ungedruckt). P r o l o g u S. 2benn ein Ereigniß sich am Himmel zeigt, Die Sonn' erlischt, der Mond verdunkelt sich, Aus Nacht wird Tag, im Dunkel glanzt ein Licht, Ein Stern erscheinet Neu und wunderbar; Zusammen tritt die Menge dann und staunt, Erschrickt und fraget um die Ursach. Wer Sie ihr erklärt, ist der Natur Prophet. Im Menschenleben, wenn rin Unolücksfast Das schönste Glück der Sterblichen zerstört, A s 4 I. Dramatische Stücke. Ein Blitz trifft ihre Hütte; jäher Sturm Stürzt den Pallast hinab von seiner Höh; Die Menge staunt, erschrickt und fragt um Nach Den Weisen, der die Schickung ihr erklärt. Wenn in dem Labyrinth des Lebens zwey Verschlungne Seelen, die die Liebe band, Ein widriges Geschick mit wilder Macht Zerreißend trennet und «in gütiges Sie unverhofft und froh zusammenführt, Wenn, die sich auf der Woge roll'ndem Lauf Ucber dem Abgrund jetzt das einz'ge Brct, Das beyde trug, einander willig lassen, Und dem Erbarmen sich der Fluth vcrtrau'n; Mit Thranen sicht vom sichern Ufer dann Der Harte selbst, der Liebe letzten Kampf Um Tod und Leben, klagt die Götter an, Und dankt den Göttern, wenn die Liebenden Großmülhigen, das Ufer beyde froh Betretend, wechselnd sich das Leben danken. Ein Sturm des Unglücks wird Euch dargestellt, Ihr Freund'; ein Blitz, der auch in Tcmpe's Thal, In eines Gottes Näh', das Heiligste, Die reinste Freude, die auf Erden blüht. Ein häuslich Glück zerstörte, unerbittlich. — Im Schiffbruch werdet Ihr der Liebe Kampf Erblicken; über Tod und Leben wie Die Loose sich verändernd wechseln, und Nicht im Olymp allein, im Orkus selbst Die tapfre Liebe siegt. I. Dramatische Stücke. 5 O schets an Mit Augen deS Gemüthes, nicht mit schwacher Zerstreuter Rührung nur : (denn rühren kann Der Unsinn auch, den die Vernunft verwirft, Das Herz verabscheut.) Wagen soll der Kampf Großmüthiger Gesinnungen, was auch Der Zärtlichkeit und waS ihr nicht gezieme; Wem wir das Leben schuldig sind, wem nicht; Was Ehr und Pflicht gebieten und was sie Auch als ein williges Geschenk verschmähn; Wie hülfreich uns des weisen Freundes Rath, Des Güt'gen That in der Verwirrung sei), Wenn sich des Schicksals Loose wechseln. Seht Mit festem Muth die Fabel an und hofft Dm schönsten Ausgang — der Gerechtigkeit, r. (Chor der Alte« i« Abmets, Gebiet). Der Chorführer. ^)n banger Todesstille Schweiget der Pallast, Wo täglich sonst der Freude Jubel tönten,, Denn sein Bewohner, unser König, stirbt. In Blüthe seines Lebens, im Genuß Der schönsten Freuden Mit Vater und Mutter Und Kindern und Gemäht Mähet den Guten, den Wohlthätigen, Des Todes Hippe langsam - früh hinweg. So bald verblüh'» auch die unschuldigsten Der Lebensfreuden, wenn die Parze winkt, Cho r. Admct, der Gute, der Wohllhätige, Der Hochbeglückte, stirbt. Der Chorführer. Seit Pböbus? Apoll den Hlymp verließ, Verbannt von seines Vaters Zorn, Wählt' er die Auen Admets, I. Dramatische Stücke. 7 Des schonen Tempe Thal; er weidet' unsre Heerden Mit Segen, und Ruh und Glück. Um ihn tanzten Chöre der Schäfer und Schäferinnen, Die Er bevm Klange der Leyer zum Dlymp erhob; Um ihn scherzten Mütter und Kinder, Die er zu sanften Sitten bildete; Den Pallast Admets umtönten früh und spät Gesänge des dankenden Volks, Des glücklichen Thessaliens. — Apoll entzieht sich unsrer Flur; Er weidet fern von uns. Thessaliens Volk singt Trauertönc jetzt, Trauertöne, Chor. Admel, der Gute, der Wohlthätige, Der Hochbeglückte, stirbt. Der Chorführer. Die tiefste Klag' ertönt im Jammer -erfüllten Hause dort, Der Sorgen Wolke brütet auf ihm, , Seufzen und Aechzen ruft Das Erbarmen an, das ach! die Parze nicht kennt. Seht! Aus dem Pallaste tritt Die Gemahlin hervor, Tief verhüllet. Sie trägst selbst, Ihre Kinder und Dienerinnen tragen Weihgelübde, sühnende Geschenke Den Göttern der Unterwelt — doch nein! Den guten Göttern ihres Hauses. Seht! 8 I. Dramatische Stücke. Die Königin entschleiert sich. Mich dünkt, Ein Strahl der Hoffnung glänzt auf ihrem Ange, sicht. Heil dir, Königin, Heil. Chor. Trost dir, Königin, Trost! Die Vorigen. Die Königin. Königin. Thessaliens Bürger, die ihr unser HauS Und cuern König liebt, o helft mit mir Die Götter anflel'n, daß sie der schwarzen Nacht Begier zum Leben meines Gemahls . Abwenden und die hohe Parze besänftigen. Oder ist AdmetuS Haus verschuldet, liegt Ein geheimer Fluch auf seinem kleinsten Gut, Wenn etwa wir unwissend, dennoch sündig, Der Götter Gunst undankbar angewandt, Daß sie Anzeigung uns und Kunde der Versöhnung geben. — Wißt daher, ich sandte (So riech es mir mein pochend - sehnend Herz) Nicht ohne Strahl der Hoffnung sandt' ich noch Zu unsirm Freund' Apollo, der uns liebt, Und in der Nahe, wie ich freudig hörte, Noch bey uns weidet, Botschaft sandt' ich ihm, I. Dramatische Stücke. ^ Daß cr ein Mittel uns der Hülfe, der Errettung sage: denn Der Seher kennt die Zukunft; auch hicnicde'k Ist ihm der Götter Nathschluß offenbar. Indes; vereinet euch mit mir, ihr Bürger, Zu stehn den Guten, den Unsterblichen. Alc e sti s (zum Altar der Hausgötter auf dem offenen Platz vor dem Hause tretend, nimmt Blumen und Krank ze aus den Hände» ihrer Kinder und be? kränzt den Altar). Unsrer Auen Geschenk —> Euer Geschenk, ihr Himmlischen, Kräuter rmd Blumen, Und Kranze weihen wir euch: Denn was kann den Unsterblichen Ein Sterblicher geben, als ihr eigen Geschenk? Jsts euch Freude, blühende Gefilde, Lachende Fluren zu sehn und fröhliche Geschlechter ; O so schonet der Auen Admetus, Schonet des edlen Haupts! Chor. Schont, o schonet der Auen Admetus, Schonet des edlen Geschlechts. Königin. -Milch und Honig weih' ich euch, Götter, Die stets beglückten unser Haus. Von den Händen unschuldiger Kinder I. Dramatisch; Stück«,. ro Nehmet sie an für ihren geliebten Vater, Und laßt sie nicht verwaiset stehn. Chor. Schont, o schonet des liebenden DaterS, Und laßt sie nicht verwaiset stehn, Königin. Gastfreundliche Götter! War unser Pallast Dem Fremden offen, dem Freund ein heiliges Haus, Eine Zuflucht jedem, dem rettende Hülfe gebrach, L so rettet den Herrn des Hauses, Mit froher Botschaft vom weissagenden PhöbM Apollo. Eher. O fo rettet den Herrn des Hauses, Mit froher Botschaft vym weissagenden Phöbus- Apollo. Chorführer. Der Bote kömmt; mich dünkt, mit Glückeszeichen — Dein Wort, o sag' es an! 3 . Die Vorigen, Der Bote» Bote. Der Königin geziemets mich zu fragen. I. Dramatische Stücke. rr Königin. So rede, wie denn auch die Antwort fty, Bote. Apollo saß im Schatten eines Baumes; Neben ihm lag die Leyer stumm; er sprach: „Ametus Leben kann gerettet werden, Wenn Einer seines Hauses sich für ihn Dem Tode willig weiht. Wo nicht, so schneidet Die Parze heut den Faden unerbittlich." Er nahm die Leyer, und sang den Parzen Ein Trauerlied, das — das ich nicht verstand. Königin, Verstandest du denn seine Rede? Strichst Du mir zuxrst das Wort des Schicksals? Mir? Bote. Ich suchte dich in dem Pallast und sprach Es seinem Väter, seiner Mutter aus. Sie wandten sich, blaß und entrüstet. Königin. Ich — So steh ich von Admctus Hause dann Für ihn allein' Denn meiner Kinder kann Sich kcins für ihn zum Opfer stellen. Ich —> Die Mutter zwar gehört den Kindern an, Von ihnen unzertrennlich. Welchen Abschied Soll ich von euch, ihr Mutterlosen, nehmen? Ihr Hülfsbedürftigen! Wie euch verlassen? Verwaiset, tief gesenkt zu Boden; Blumen I. Dramatische Stücke. 13 Entrissen meinem Stamm, der euch erzog. Im Orkus noch und im Elysium Wird sich nach euch mein Herz verlangend sehnen. (Sie nimmt eins nach dem andern auf ihren Arm.) Doch sehet ihr nicht eurem Vater gleich? Und bleibet ihr nicht eurem Vater? Er Wird eure Mutter seyn! — Und kann ers seyn? So gern ers wollte. Wird er euch nicht eine — Was sprech' ich? eine böse Mutter geben? — Nein) O nein! das wird er nie! Er wird in euch mich lieben, seines Lebens Mit euch genießen, meiner eingedenk — Und Ich? Ach, mein blutloses ödes Herz, Den welken Schatten im Elysium Erwärmt, ich fühl's, die Mutterliebe noch; Auch im Elysium bleib' ich die Eure, Ihr Kinder, und vielleicht gewähren mir, Der Mutter, die für euren Vater sich Hingab, die Götter Eine Bitte noch, Euch nah, die Zeugin Eures Glücks zu seyn. Kommt, meine Lieblinge! Kinder. Was sprichst du, Mutter? Du bleibest bey uns. Du verläßt uns nicht! Chor. Hör' auf der Kinder Wort, o Königin! In ihnen schlagt dein Herz, in ihnen fließt Dein wallend Blut; verlaß, verlaß sie nicht! Die Mutter, sprachst du recht, gehört den Kindern, Von ihnen unabtrennlich. — I. Dramatische Stücke, >2 Königin. Und die Gattin Ist des Gemahls. Als ich zum Weibe mich Ihm gab, vertraut' ich ihm mich selbst, Auf jeden Zufall. Härte mich nicht Krankheit- Mein erstes Mutterbett hinraffen können, Wie andre Mütter? Ließen Mich die Götter Mein Leben froh bisher genießen, ihm Zur Freude, so genoß ich cs in Ihm. Er lebte für uns. O ein zarter Band Ward von den Charitinnen nie gewebt, Won Rosen und Jasmin und goldnen Früchten Durchflochten, ewig fest gebunden. Cho r. Und Du willst's zerreißen? Willst dem liebenden Gemahl ein traurig Leben hinterlassen: Und deine schöne Jugend, willst dein Her; Dem freudenlosen .Orkus weihn? Kö n i g in. Füb ihn! Noch einmal sprich mir, Bote, sprich noch einmal Das süße Wort, das dir Apollo sprach. Bote. Er sprach. Königin. Vernahmst du recht? 1'! t. Dramatische Stücke. Bote. Auf jeden Laut. >,Admetus Leben kann gerettet werden, Wenn Einer seines Hauses sich für Ihn Dem Tode Willig weiht." Königin. Für Ihn! für Ihn! sdie Hände a»f den Altar breitend). So nehmt denn an, ihr großen Götter, nehmt Mit diesen Weihgeschenken, diesen cheil'gen Vcrsvhnungsgaben, auch mein Leben hin, Das ich euch willig weihe; nehmets hin Zu Lösung für Admctus Leben. Legt Ihm meine Jahre, Meine Jugend bey, Laßt Ihn sie laug und froh genießen, laßt Auch diese Kinder glücklich seyN mit Ihm. Ein gutes Zeichen ists, daß ihr Ihn liebt, Indem ein fremdes Leben für das Seine Ihr anzunehmen würdigt. Gebt auch mir, Daß mein Geschenk mit Huld und Güte Ihr Annehmet und sein Leben Ihm erneut; Ihr guten Götter, gebt ein Zeichen mir. (E)» sanfter Donner ertönt ; ein Blitz Umleuchtel den Altar), Unterirdische Stimmen. „Wir Nehmen, wir nehmen Alcestis für Admetus Seele Zur Lösung an." Kö n igin. Ihr Unterirdischen antwortet Mir? Auf meinen Schatten seyd ihr so begierig ? - - I. Dramatisch- Stücke. 2 Was fühl' ich in mir? Welch sondre Glut! Ein Fieber wallt durch meine Adern, tritt Zu meinem Herzen. — Kommt, ihr Kinder, zum Pallast, damit ich langsam scheidend mütterlich An meinem Arm euch halte, daß mein Auge Auf eurem süßen Angesicht im Anblick Sanft breche, Meine kalte HaNd an euch Ersterbe. — In mein Brautqewand will ich Mich kleiden, wie ich dem Admetus einst Vertrauet ward, vertrau' ich mich für Ihn Dem wüsten .Orkus jetzt; für Ihn! für Ihn! Ihr Bürger, lebet glücklich, lebet wohl! (Die Königin mit Kindern und Dienerinnen geht läng» s»M in den Pallast). 4 Chorführet. O welch ein großes Herz! Sah je die Erde eine That, wie die? Chor. Und wie Altestis eine Königin? CHo rfü h rer» Im Tempel nicht, in heitrer Ueberlcgung Der Mutterliebe, der Muttersorgen voll, Weiht sie dem Tode willig sich Für den Gemahl. 16 Dramatische Stücke. Cho c. Verlassend ihre Kinder, Aufopfernd ihre Jugend, zählt die Jahre, Die sie verliert, den scinigen sie zu. In Ihm, dem Lebenden, ein Schatte selbst, Noch fort zu lebe». Welch ein großes Herz! Sah je die Erde eine Thal, wie die? S. A d m e t. (Aus dem Pallast tretend). Erfreuet euch mit Mir, Thessalier! Wißt, euer König lebt. Ein Wunder hat ihr» Dem Tod entrissen. Hört! Danieder lag ich, Den letzten Augenblick erwartend; schon Umfingen mich des Orkus Schrecken; schon Hört' ick die Wogen rauschen des Cocpt's, Des Acherons. Der blassen Schatten Heer Winkte mir zu; mir winkte Cbaron , in Den Kahn zu steigen — Da ergriff mich eine Hand; Ich sah mich Um; Alcestis war's; sie winkte Mir liebreich zu; sie zog mich sanft zurück; — Da schwand der furchtbar-angenehme Traum, Und ich erwachte. Denkt , ihr Bürger, denkt! Wie neugebohren durch den Traum, gesund. ; Eh.or-- »7 I» Dramatische Stücke. C h o r fü h c e r. Wem also dankst du, König, die Gesundheit? Avmet. Zuerst den Göttern. Dann verdank' ich sie, (Dies lehret mich der Traum zu deutlich) Ihr, Die eben ich hier suche. Chorführer. Weißt du auch, Um welchen Preis? Adme t. Um welchen Preis? Ihr Lebert, Ihr frohes Herz und ihre Liebe sind Den guten Göttern sie nicht Preises gnug? Ihr Flehn, ihr Bitten, ihre Thränen — wer? Wer widerstände ihnen? — Sie erreichten Der Götter Hcrzs die schcnketen mich Ihr. Als ich vom Traum erwachte, sucht' ich Sir Zuerst; ich fand sie nicht; ich suchte sie Hier beym Altar. Chör. Gil' in dein Haus zurück, O König i Dort, dort findest du sie jetzt, Als eine Braut geschmückt, die dir sich weihte. A d m c t. Sie kleidete als eine Braut sich an — (Das ist sie mir und wird mir's ewig seyn) Mein ucnverjüngtes Leben neu verjüngt, Herders W. z. sch. Lit. w. Kunst. VI. B I. Dramatische Stücke. 18 Mein neugeschenktes Lehen neu geschenkt Mit mir zu leben. Chor. Eile zu ihr, König! (Admet eilt in den Pallast). 6 . Chorführer. Du Glücklich-Unglückseliger, du weißt Noch nicht, was bald dein Herz durchbohren wird. Chor. Sind die Schmerzen des Todes, Oder ist der Seele langer unendlicher Schmerz Schwerer zu dulden? Du wirsts Erfahren, v König! daß, Dem einen entrissen, der andere harrt. Umsonst nicht schenkten die Götter Das Leben dir wieder; sie verkauften dirs, Um hohen Preis, zu langer, langer Pein. Wer nennt im Busen die blutende Wunde? Wer Kennt den stechenden Schmerz, An des liebenden unglückseligen Gatten Tode Die traurige Schuld zu feyn. Du tödtetest sie, Zerreißend ihrer Jugend lieblichen Kranz, Raubend den Kindern die liebende Mutter, Du. I. Dramatische Stücke. 19 Was kannst du Ihnen, was kannst du Ihr Dagegen- Unglücklicher- seyn? Bald spricht also das Her; in deiner Brust, und weckt Mit immer neu gewaltigem Schlag Die Natter des Vorwurfs dir, die mit giftigem Gezisch Jede Freude dir raubt, im innersten Gemüth Nagend. — -,Sie starb für dich!" Tönen vom Orkus herauf die Stimmen der Furien. -,Sie Wandelt ein Schotte Mit Schatten änjetzt, Freudelos - blutlos." Unglücklich-Glücklicher du! 7 - (Äemach der Königin. Wie eine Braut geschmückt, auf dem Ruhebette, matt; vor sich ihre Kinder- Erblickend den eintretenben Admet, raffet sie sich zusammen, will ihni entgegen eilen, sinkt aber schwach nieder). Älcestis. Heil dir, Ädmet! Ins Neue Leben Heils Ich kleidete Mich an als eine Braut, Um mit dir diesen Tag- den ersten deines Verjüngten Lebens freudig zü begehn, Dankend deN Göttern. Da erfaßte Mich, Vom Schicksal mir gesandt, ein Zufall, eine — Wie nenn' ichs? — eine Mattigkeit. Sie tvchd Vorübetgehm B 2 20 I. Dramatische Stücke. Die Kinder. O Vater, Vater! Die Mutter stirbt für dich. Admet. Für mich? Eicklare, Erklär', Älceste, mir das schreckliche Gcheimniß. Alcestis (gefaßt und sanft)» Ja, für! Dich, Admet, und gern. Die Götter federten für Dich ein Opfer, Der Deinen Eins; ein willig Opfer. Wer? Wer, o Admet, ist mehr dein als Alccstis? Wer dem Gemahle naher, als sein Weib? Sie ist sich ganz ihm schuldig. Hab' ich nicht Der schönen Tage viel mit dir gelebt? Besaß ich nicht dein Herz, wie keine Braut Es je besaß? Ich war dir die Geliebte, Mit jedem Tage neu und schöner dir, Mit jedem Tage du mir neu und schön; Vergönne mir den schönsten Brautschmuck heut, Indem ich dir mich ewig, ewig weih'. — (Ueberirdische Töne taffen sich hören. Während ihrer Schweigen und Staunen. Sie verhallen, AlcestiS fährt fort). Zwar muß ich dich und diese Kinder hier Verlassen; doch — Admet, gelobe mirs! Komm, lege deine Hand hier auf mein Herz, Und schwöre mir auf deiner Kinder Haupt, Daß nie du ihnen, diesen mutterlosen, Stakt meiner eine böse Mutter gebest. I. Dramatische Stücke. 2l. Das schwöre mir. Doch nein! wozu der Schwur? Mir und den Kleinen bürget es dein Herz. (Die einladenden Töne kommen wieder). Admet. AlcestiS, nein, du sollst nicht sterben; nicht Für mich. Mit welcher Schmach ertrüg' ich je Mein Leben, so erkauft — mit deinem Tode? Was lebt' ich für ein Leben ohne dich? — Alcestis. So wirfst du mein Geschenk zurück, Admet? Die Liebe schenkt es dir, die treuste Liebe; Die Götter nahmens an. Admet. Wer von den Göttern Sprach den grausamen, sprach den ungerechten, Den harten Spruch, der dir für mich zu sterben Gebot? A lcestis. Nein, nicht gebot. Niemand gebot Es mir. Apollo, unser Freund, der Seher, Au dem ich, als du schon dem Tode nah Daniederlagst, um deine Rettung sandte, Er offenbarte mir der Götter Schluß, Daß, wenn der Deinen Jemand willig sich Für dich dem Orkus weihte — Admet. Gnug! genug! 22 I, Dramatische Stücke. / Alcestis. Ich fühlt' im Herzen mich die nächste dir, Ich überlegte reif der Trennung Schmerz, Der Kinder Schicksal, lieber Alles siegte, Daß du in ihnen mich noch lieben wirst, Admet, die froh für dich ihr Leben gab. Du mußt nicht sterben. Dein bedarf die Stadt, Das Land, dein Haus, Du, König milden Herzens, Du, Vater, Freund, Gemahl, wie keiner war! Du mußtest leben. Ohne dich, was waren Wir alle, und Alcestis selbst? — Adme t. Ihr Götter! Vertilget ihr Gelübd', als war' cs nie Gesprochen! Legt die Loose, wie sie lagen! Ich eile zu Apoll. Die Götter können Nicht ungerecht und grausam deine Liehe, Dein großmuthvolles Herz für meine Schuld Annehmen und für meinen milden Dank. Alcestis. Umsonst! umsonst! Leb innig, innig wohl, Geliebter, und in diesen Kindern denke, Gedenke meiner. Meine Tage legen Mit Freud' und Segen dir die Götter zu. (Admet reißt sich hinweg). I. Dramatische Stücke. 23 8 . unser." Also steh' ich hier, Der Tobten Wächter, selbst bewegt, die Stimme Selbst fürchtend, wenn sie ruft. Denn ist die ganze, Die ganze reife Erndte der Sterblichen, Unkraut und Kraut nicht unser? Warum früh Die schönste Blume, die auf Erden blüht, So selten blüht, warum die himmlische, Häuslicher Liebe Glück, unzeitig mahn, Und grausam? Warum frech zerreißen, ihn, Der Vater- Mutter- Kinderliebe Kranz, Den zartesten, den Charitinnen flochten ? Ich hoff' es, Hermes selber weigert sich Solch' eine Seel' ins Schattenreich zu führen, Die großmuthvoll den Orkus selbst bezwang. Es siege droben seine Beredsamkeit! — Horch! Welch ein Glanz tritt ein in dieses Haus ? Ich höre des Olympus Töne. Nahn Sich mir nicht Wohlgcrüche, meinem Alhcm Zuwider? (Er weicht zurück). IO. (Hy ge a tritt ein. Weißgekleidet; einen Blumenkranz auf dem Haupt; eine» andern um di« Brust; den Stab Asklepios fAeskulaps) in der Hand, ebenfalls »on Blumen umwunden). Hygea. Von hinnen, böser Tod! Du wirst die Stimme Der Unterirdischen, die du erwartest, 26 I. Dramatische Stücke. Nicht hören. „Unser ist sie!" sprachen alle Die Himmlischen, „ist unser!" Und die Parze,. Sie selbst, gerührt von der erhabnen Großmuth, Die sich so rein im Andern fühlete, Vergaß zu schneiden, und des Schicksals Waage — Tod. O sage mir, du sonst mir widrige, Jetzt freundliche Erscheinung, sage, wie? Wie wägete die Waage? Was überwog? Hygea. Als lange schon der Kampf gedauret, drang Apollo'ä Stimme zum Dlymp empor. Apollo, dieses Hauses Gastfreund, der Admetus Au'n und seines Hauses Glück Seither beschützt' und liebte; mächtig drang Sein Lied empor; er sang den edlen Freund, Den milden, gütigen, gerechten König, Den liebenden Gemahl, den Vater, ihn, Der Lieder und der Menschen seltnen Freund, Der Musen heiligen Verehrer; da Sank fcvhbcladcn seine Lebensschaale. Noch Einmal sang er der Alcestis Lob In wen'gen Tönen; und die Todesfchaale, Sie flog empor! Entweiche! Tod. Gern! o gern! Ich Haffe selbst mein Sklavenwerk, bey solchen Geliebten, Glücklichen, und fühl' es tief: I. Dramatische Stücks, 27 „Die Lieb' ist stärker als der Tod, Sie sollten Unsterblich seyn." Hygea. Und sind, und sind unsterblich! Tod. Wohl ihnen! Doch sag', 0 Hygea, mir, Wie kommest du hieher, da deinen Vater Asklepios der stärkste Gott zum Orkus Hinabwarf, als er eine Beut' uns raubte? Apoll, sein Vater, er verließ aus Unmuth Darüber den Olymp und weilet noch Auf Erden; und du, feine Enkelin, Asklepios Tochter, fürchtest nicht die Rache Der Unterirdischen? Hygea, Entweiche, Tod! Mein Vater ist m>k Jupiter versöhnt; Apollo kehrt zum Himmel wieder, wen» Er seinen Freund gerettet. Deß erfreu» Sich alle Götter; sie sandten mich Einmüthig nieder, Fort, du störst mein Werk- Es gilt hier keines Gaumens. (Der Tod versinket). 28 II Dramatische Stücke. 1 ». (Eine himmlische Musik hebt an, zuerst in Tinen ohne Worte; die Seele der Alceliis vom Rande des Schattenreichs sanft jurückführend. Hygea mit Äes- kulaps Stade berührt ihre Stirn: ein Chor der Unsichtbaren in langsam t wachsenden Tönen); Chor. Süßer Strom des Lebens, Kehre der Entschlafncn Sanft zurück. Kehrt zurück ihr, ihr Gedanken, Die am Rande der Schatten itzt Schlummernd wanken; Ztim Reich des Lichtes kehrt zurück. Zu neuer Freude, zu neuem Glück. Hygea. Zum Reich des Lichtes kehrt zurück, Zu neuer Freude, zu neuem Glück. (Hygea mit dem Stabe ihr Herz berührend). Chor. Hebe dich wieder und schlag' entzückt Großmüthig-mütterlich Herz! Des Gatten Herzen entgegen, Der Kinder Herzen entgegen, Wall', o liebende Brust, Jugendlich wieder empor. -9 I. Dramatische Stücke. Hygea. Drs Gatten Herzen entgegen, Der Kinder Herzen entgegen, Wall', o walle, liebende Brust, Jugendlich wieder empor. (Hygea berührt mit dem Stabe die Augen und Lippen der Tobten). Mehrere Chöre. 1) Erwacht, ihr Augen, die Sonne wieder zu ^ fth», Das liebliche Licht! 2) Erwacht, ihr Augen, die Blumen wieder zu sehn, Auf Tempe's Flur! 1. 2) Erwacht, die Lieblinge wieder zu sehn, Die holder euch sind, als Blumen und Sonn' und Licht. Hygea. Ocffnet euch, ihr süßen Lippen, Reiner Athem, kehre wieder Mit deinem Silberkon, Mit deiner sanften Rede. Oeffnet euch, ihr Rosenlippen, Heilger Athem, kehr zurück. (Alceliis, sanft - erwachend, richtet sich empor). A l c e s t i s. Wo bin ich? Sanft zurück ins Leben riesen Mich süße Töne. Wärest, wärest du Es nicht, Geliebte, die mich rückwärts zog? 3o I. Dramatische Stücke. 83er bist du? Hier in meinem Brautgemach? Seh' ich dich wieder, schöne Sonne? Wer, Wer bist du, Holde, der mein Leben ich Verdanke? Wo sind meine Kinder? Wo — H V g e a. Beruhige dich, Alcestis! Sanften Schlummers Gingst du hinab zuM Rand der Unterwelt - Und sanften Weges führten dich die Götter Durch ihre Dienerin- durch mich- cMpor. Wie euer Leben- so ist euer Abschied - Den Guten sanft- den Bösen fürchterlich. Hygea bin ich, Phöbus Enkelin, Fortan die Freundin deines Hauses. Nimm Hier diese Blumen, deinen neuen Brautkranz. (Sie nimmt den Kranz von ihrem Haupt und setzt ihii ^ der Alcestis auf). Und diese Blumen wahr' ich deinen Kindern, Und diesen Helferstab dem Ehgemahl. Alcestis. Wo ist er, Mein Verehrter? Hygeä. Mit Apollo - Dem Hirt-m, Nahet er- zu dem er floh, Der von den Göttern dich erbitten half. Alcestis. Das weiß ich. Ach, was sah Mein Todestraum! Il Dramatische Stücke. Hygea. Beruh'ge dich, Alcestis! Alcestis. Die Erinnrung Des hohen Traumes gibt mir hohe Ruh. Ich sah die Waage schweben, die Verdienst Und Schuld, die Tod und Leben waget. Mein Verdienst, das kleine, schwebte leicht. Da drang Mit seinen Bitten, mit Admets Verdienst Als König und Gemahl, als Vater, Freund Und Bücgerfreund, Apoll zum Himmel auf. Da sank die Waage schwer; ihm bin ich jetzt Mein neues Leben schuldig. O wie lvhnt Die Menschengüte! — Nein! Der Götter Waage Richtet leichtsinnig nicht; der kleinste Fehl, So wie die kleinste Tugend, steigen kühn Und wunderbar ans Licht, dem Wichtigsten Den Ausschlag gebend. Näher als wir wahneU Hangt Unsichtbares und die Sichtbarkeit Zusammen, zart verschlungen, fest vereint!. Entfernt den Meinen, war ich ihnen doch So nah! Der Mutter Sehnen zog und hielt Den Geist zurück. Wo das Geliebte wohnt, Da, da ist unser Herz. Sieh, meine Kinder! Mein Wunsch zog sie herbcy. 32 I. Dramatische Stücke, > 2 . (Di» Kinder furchtsam eintretenb). Kinder. Sohn. Laß sehen uns, Ob noch der schwarze Todtcnmann bey unsrer Geliebten Mutter weilet? Tochter. Ach sie lebt! Du lebst, o Mutter, wieder? (Zu ihr eilend» Mütterliche Umarmung). Und wer ist Die Göttin da? Die schöne Jungfrau? Ach, Sie hat so schöne Blumen. , (Zu Hvgea). Gib Mir eine, Du Freundliche, und eine meinem Bruder. Die Mutter hat, o welchen schönen Kranz! — Hygea. Nehmt, Kinder, was ihr wünschet. Freut euch eurer Geliebten Mutter. Freud' und Leben bringen, Wenn ihr sie pfleget, diese Blumen euch. Komm, Knabe, wähle! — Sieh, ein Sprößchen Lorbeer, Und eine Lilie; du wählest recht! Alcestis I. Dramatische Stücke. 33 Alcestis Tochter — wählt der Myrthe Zweig Und eine Rose.' Dieser ganze Kranz (Sie nimmt den Kranz von der Brust). Ist eu'r, o Kinder, Glück für euch und Freude« Wie der auf eurer Mutter Haupt, Gesundheit. Tochter. Ich weiß ein schönes Lied auf die Gesundheit, Apollo lehrt' cs uns. Hygea. So sing' cs, Kind. Tochter. Hygea, Schönste der Seligen, Möcht' ich wohnen mit dir Mein ganzes Leben hindurch, Und möchtest du auch huldreich mit mir wohnen ! Denn was das Leben Liebliches hat, An Kindern Freude, wohlthakiger Herrschaft Glanz, Wenn Lieb' ergötzet, und was Schönes uns Der Reichthum giebt, genießen wir, Selige, nur durch dich! Knabe (der Schwester in de» Gesang fallend). Auch ich weiß ein schönes Lied, das mich Mein Vater lehrt'; es heißt Admetus Lied. Dir Freundschaft, dir zur Ehre Erschallen unsre Chöre — Herders W. z. sch. Lit. u. Kunst. VI. C vram. Stücke. §4 I. Dramatische Stücke» i3. (Apoll» und Admet treten hinein). Knabe. Sieh, da kommt unser Vater. Tochter. Und Apoll - Der uns die schönen Lieder lehrte. Vater! Sieh, unsre Mutter lebt! Admet. Wie neu verjüngt! Jetzt meine Braut! (Umarmung). Alcestis. Durch dich verjüngt- durch dich! Nur dein Verdienst zog mich zurück ins Leben. Solchem Gemahl und König, solchem Mann, Wollte die Parze selbst sein Glück nicht rauben. „Geh, sprach mit freundlicher Geberde sie Au mir, und bleibe deines Mannes Weib, Die Mutter deiner Kinder. Lohnen wollen Die Götter euer Glück; nicht es zerstören." Dein bin ich doppelt jetzt, Admet; mein Leben Ist deiner Güte Lohn. Admet. Das danken wir, Alcestis, unsetm Freund'. O welch ein Glück I. Dramatische Stücke. 35 Jsts, eines GotteS Gunst genießen! Reich Und edel lohnt die Milde! Dir, Apoll, Verdank? ich längst den Segen meiner Au'n Und Fluren, so wie meiner Volker Liebe, Und ihrer bessern, sanften Sitten Bildung; Jetzt dank' ich dir die Krone meines Hauses, Mein Weib, der Kinder Mutter, all mein Glück.— Apoll). Und wer ist diese Himmlische, die sich Zu deiner Seite halt? — (Zu Alcestis). Wie ward sie dir Bekannt, Alccstis? Apollo. Meine Enkelin, Hygea ist ihr Name. A lcest i s. Durch sie riefen Die Götter mich ins Leben sanft zurück, Mit diesen Blumen kränzte sie mein Haupt, Und diese Blumen gab sie unfern Kindern. Hygea. Und diesen Stab reich' ich dem Könige, Den Wunderstab Asklepios, meines Vaters, Der Tobte aufweckt. Solch ein Helferstab Gebührt dem Könige. Gebrauch' ihn lang', Admet, den Sceptcr deiner schönst n Macht, Lechzendes zu erquicken, Krank-entseeltes Neu zu beleben. —- C 2 Sb !. Dramatische Stücke. Apollo. Und ich weihe dir, Alcestis, diese Lyra, die mir hier So manchen Schmerz verfang. Froh kehr' ich jetzt Auf zum Olymp: denn ich verlaß auf Erden Im schönsten Thal der friedlich-schönsten Sitten Und Würde Glück. Wenn meinem Freunde du Das Sinnbild eurer süßen Harmonie, Die Lyra, rührest, ihm den kleinsten Harm Verscheuchest und dein Herz zum Himmel hebst, So denke mit den andern Göttern auch Phöbus - Apollo's. Auf, hinaus, Admetus l Zu deinem Volk, das freudig dich erwartet. Alcestis. Und ich mit euch zu meinem Weihaltar. 14. Die Vorigen. Das versammelt« Volk. Alcestis. (Mit der Lyra vor den Altar tretend. Sie tegt ihren Kranz, die Kinder ihre Blumen, Admet den Stab Asklepios auf den Altar). (Aür Lyra singend:) Don Cocytus Ufer bring' ich euch zurück Des Landes Sonne, der Bürger Glück. I. Dramatische Stücke, ?7 Chor. Zu Dank und Freuden kehret uns zurück Des Landes Sonne, der Bürger Glück. Alcestis. Den Göttern Dank! Apollo Dank! Und unser Leben sey sein Lobgesang» Chor. Den Göttern Dank! Apollo Dank! Und unser Leben sey sein Lobgesang. Alcestis. Don Cocytus Ufer kehr' auch ich zurück, Mich zog zu euch der sehnenden Liebe Blick, Den Göttern Dank! Hygea Dank! Und all mein Leben sey ihr Lobgesang. Chor. Zu Dank und Freuden kehrest du zurück, Des Hauses Sonne, deiner Kinder Glück. Den Göttern Dank! Hygea Dank! Und all dein Leben sey yin Frohgesang I A d w e t u s. Mein Scepter ist fortan der segnende, Der Stab des Heils, ihr Bürger! (Er erhebt AsklepioL Stab in segnender Bewegung). 38 I. Dramatische Stücke. A l c e s t i s. Dein Geschenk Apollo, bleibt itzt meines Lebens Lyra. Da, wo du weiltest, wo du mir den Spruch Der Rettung gäbest, grüne dir ein Hain! Admet. Und in ihm steh' am Ort des Hciligkhumes Hpgea's Bild. H y g c a. Du wirst cs seyn, Aleestis! Apollo. lind du das meine, segnender Admet! Jahrhunderte lang nennt man deinen Namen Wey Freundschaft, Freud' und stiller Liebe Glück. Lebt, Bürger, wohl! Ich kehre zum Olymp Mit größer« Freude», als ich niedersticg, Chor des Volkes. Alle. Den Göttern Dank! Die Männer. Apollo Dank! I. Dramatische Stüche. 8- Die Weiber, Hygea Dank! Alle, All' unser Leben scy ihr Lobgesang! sEhore von Schäfern und Schäferinnen schlingen sich ta n« zend um den Apollo, der unvermerkt aus ihrer Mit« te verschwindet. Hygea desgleichen. Admet und Alcrstis mit den Kindern fährt der Tanz in den Pallast zurück). I, Dramatische Stücke. 40 E p i l 0 g u s. In Einem Wort, ihr Freunde, liegt das Glück Des Menschenlebens, wie der Wesen Ordnung Und innigster Zusammenhang. Ein Wort Entrathselt uns des Weltalls Labyrinth In Lust und Schmerz, im Lohne süßer Müh Und freudiger Aufopferung im Streben Der schwersten Tugend. — Was ist schwer und leicht? Was Lust und Pein? Ein Wort vermischt die Grenzen In süßester Verwirrung, macht den Schmerz Znr höhern Lust, den Mangel zum Genuß, Den Tod zum Leben, zum Triumph die Qual — Es ist das süße Zauberwort: „Für dich!" „Für dich!" ruft eine Mutter aus und stirbt Für ihre Kinder. Für den Ehgemahl Arbeitet, duldet, mühet sich das Weib; Für Weib und Kinder der Gemahl, der Vater; Für seinen Freund der Freund; für Vaterland, Und alles Gute, was die Zukunft birgt, Der Tapfere, der Weise; für die Nachwelt Auch wider Willen lebt und stirbt der Mensch. I. Dramatische Stucke. 4 - Entfesseln wollt' uns die Natur, befceyN Von engen Schranken unsers armen Selbst, Als sie das Wort aussprach.- „In andern, niclst In dir, o Mensch, sey deines Dascyns Reiz Und Seligkeit und deines Wirkens Ziel. " Vom Element, vom kleinesten Atom Erhebt sich dies Gesetz der Einigung, Des Füreinanderseyns und Wirkens, bis Zur reinsten Flamme, die auf Erden glüht. Der ehlich-mütterlichen Zärtlichkeit. Oft fragt ihr: „Welch Geschlecht am stacksten liebe?" Gewiß nur das, was sich des andern Glück Großmükhig, freudig, willig, zart ergiebt, Das keine Qualen achtet, seine Pflichten Als Lust ausübet; im Geliebten lebt, Von sich entfesselt; wer wahrhaftig liebt. Glaubt ihr', die Götter mischten ungerecht Des Schicksals Loose? War's in ihrer Macht? Da unser Herz die Urn' ist, die sie mischt, Und schüttelt, und jetzt dieß, jetzt jenes zieht, > An Freud' und Schmerz, wozu es selbst sie macht. Niemand ist glücklich, als der Liebende, Noch glücklicher, wer sich in Liebe müht, Am glücklichsten, wer seiner Mühe Lohn Im Andern froh und unerkannt genießt: So (glaubt es und nicht anders) mischten droben Die Götter unsre Loose. Aeußres Glück Entscheidet nie; für die Empfindung ordnen, Für Herzen mischen, schmelzen, wechseln sie, 4 » I. Dramatische Stücke, So Glück als Unfall; und die höchste Lust — (Ihr wißt cs, die des Lebens Schauspiel mit Verstand und Herz erwägen,) die höchste Lust Erschufen weise sie aus Lieb' und Schmerz. Dank euch, ihr hohen Götter, daß ihr uns Das Mäthscl lös'tet, und des Schicksals Faden Treu in die Hand gabt; Wer in sich erliegt, Ist elend; wer für andre wirkt, in ihnen Genießt und lebt, er ist der Selige. Zm Lebensbecher mischen sich die Seelen, Im Lebensringe tauschen sich die Loose, Das Aaubmvort der Liebe heißt: „Für Dich!" I. Dramatische Stücke. 43 2 . Ariadne-Libera. Ein Melodram«. (Taschenbuch Hey Vieweg. 180Z.) Unter edlen Thaten kann kaum eine edlere gedacht werden, als die Bcfteyung der Menschheit von einer sie entehrenden Schmach, von einem sie Zeiten hinab drückenden, lastenden Ucbel. Je fürchterlicher dieses, je entehrender jene Schmach war, desto herrlicher wird das Geschenk der Befrcyung. Nicht leicht findet sich hievon ein schöner Symbol, als die Geschichte Thescus und der Ariadne in ihrem ersten Theile. Sechs Jünglinge und sechs Jungfrauen *), die Blüthe Athens, mußten, nach einem schimpflichen *) Rach andern sieben. 44 I. Dramatische Stücke. Vertrag mit dem Könige Minos in Kreta, ihm jährlich als Zoll abgcliefert werden, um, wie die poetische Sprache sagt, dem Minotaur zur Beute zu dienen. Deute man nun diesen Minotaur, wie man wolle, so daß das Loos dieser Abgclieferten auch nur Sklaven in einem fremden Lande, Tempeldienst u. dgl. gewesen wäre; entehrend war der Zoll für Athen, schmerzlich den Eltern, deren Kinder das Loos traf, und über alles traurig der schuldlosen Blüthe der Jugend, die, ihrem Vaterlande und den Ihrigen entrissen, Lebenslang ein so schimpfliches Lpfer werden mußte. Liebend verehren wir also den Königssohn Thcseus, der nicht besser als andre seyn wollte, und sich selbst wider Willen des Vaters zur Mitfahrt anbot; dankbar ehren wir die kretische Königstochter Ariadne, dw dem fremden Helden- Jünglinge den Faden, aus dem Labyrinth und allen Gefahren zu entkommen, reichte. Er erlegte, sagt die Fabel, das Ungeheuer, den Minotaur, und be» freyte damit sein Vaterland vom schimpflichen Tribut der Knechtschaft; Sie, sagt die Fabel, folgte ihm, verlassend ihr Vaterland, dem sie diesen entehrenden Zoll entzogen hatte; Er, ein Befreyer, Sie, die Errctterin eines schuldlosen Thcils der Menschheit. So weit hat die Geschichte etwas Großes und Edles. Unsre Einbildung gewinnet in ihr Raum, an so manchen Minotaur zu denken, dem die Blüthe des Menschengeschlechts hingcopfert wird, ohne daß ein The- seus vor sie trete und eine Ariadne zur Rettung ihm den Faden reiche. Auch ist, nach der Erzählung eines Reisenden *), VoxaZs liit^raire els 1» p, karis »776. T. I. Uottra ili. diese schöne That dem Andenken der Nation nicht entfallen. Ein Tanz, der kretische, oder die Eandiote genannt, symbolisirt und feyert diese Be-- sreyung aus dem Labyrinth. Verschlungen wird er, den Faden der Ariadne in der Hand, von Jünglingen und Mädchen gctanzet; eine fröhliche Lhe- seide! 4 - * 4 - Nun aber verlaßt der Errettete seine Errcttcrin «uf der wüsten Insel D i a oder Napos; traurige Katastrophe! Warum verließ er sie? Hier irrte die Fabel so und anders umher; die gemeine Sage blieb bey dem Faktum selbst: „ Theseus verließ die Ariadne." In Erzählungen wurden beyde Namen der Prototyp eines Romans, der leider oft wiederholt ist, eines treulos - Verlassenden , einer Unglücklich- Verlassenen. Allerdings war er sofern ein warnendes Muster. Ariadne's Klagen und Verwünschungen fanden hiebey den freyesten Ausdruck, wie sie auch unter den römischen Dichtern Catull schauerlich wiederholt hat. Nach dem vorhin angeführten Reisenden soll auch ein Tan; diese Katastrophe verewigen ; er wird, zu Symbolisirung der rufenden Ariadne und des fliehenden Segels , mit wehenden Tüchern getankt. * . Der zarte griechische Sinn indeß für Gerechtigkeit und Großmuth ließ die Geschichte hier nicht enden. Der frcudegebende Gvtt fand die Verlassene, und erhob sie zur Königin der Freude. Das Hoch- zeilfest beyder, des ewigen Jünglings und der ewigen Jungfrau ward fortan das höchste Symbol aller Hochzeitfreuden und Feste, voll Tanzes und l. Dramatische Stücke. fröhlicher Bilder. Wer kennt nicht das wonnctrunk- ne Haupt der Ariadne? * **) ) Wer sah i» manchen Vorstellungen nicht jene Freudenzüge und Tänze vor dem Wagen des Bacchus und der Ariadne?"*) Auf Sarkophagen wurden sie oft wiederholt, Sinnbilder des Ueberganges aus dem höchsten Schmerz in un- zerstörliche Freuden. In den Mysterien ward Bacchus als Gott Liber, Ariadne als Libera symbo- lisirt. Ariadnens bräutliche Krone, ihre Haarlocke, kam ans Firmament unter die Sterne. Ist eine prächtigere Entwickelung und Vollendung dcr Geschichte dieser Großmüthigen, dieser Verlassenen, denkbar? Mögen alle Thaten edler Menschen - Errettung , zutrau- endcr Großmuth, so ihre Krone finden! Auch dem Theseus erließ die gerechte Fabel der Griechen seine Vergeltung nicht. Er, der einem Vater seine Tochter geraubt hatte, fand seinen Vater nicht mehr; ja er tödtete ihn durch seine Rückkunft. Unvorsichtig kam das Schiff mit dem schwarzen Segel, dem verabredeten Zeichen von Theseus Tode, zu Athen an; und König Aegeus stürzte sich vom Felsen. Warum diese Geschichte nicht auf dem Theater zu Athen erschien, ist leicht bemerkbar; aus eben der Ursache, aus welcher Theseus die Ariadne, die in den Augen Athens eine zweote Medea gewesen wäre, dahin nicht zu bringen wagte. Mit einer Wendung, die dem Dichter freysteht, kann sein sonst so schwarzer und roher Undank gemildert, ja sogar hinwcgge- *) Auf dem Kapitol war der schönste Kopf derselben, ein bekanntes Ideal. **) S. Archäologisches Museum von Völliger. Erstes Heft» Ariadne» . I. Dramatische Stücke. 47 schafft werden; und die Fabel bestehet doch in ihren drey trefflichen Scenen. Warum sie auf dem neueren Theater nicht erschien? Vielleicht weil kein lebender Thcseus an seine verlassenen Ariadnen erinnert, und er auch kein Dionysus seyN wollte, eine Verlassene zu belohnen. Sonst hatte offenbar in allen drey Scenen die Fabel zum Ballet und zur Lper den reichsten Stoff mit dem fröhlichsten Ausgange in sich. Gerstenberg, der sie im vergangenen Jahrhundert *) auf unfern Parnaß brachte, widmete sie sogleich der Muse, die ihr gebührte, der Tonkunst. Seine vortreffliche Kantate: Ariadne auf Naxos **), Melodie und Rhythmus vom Anfänge his zum Ende, die vielleicht auch Veranlassung zu Ramlers trefflicher Ino war, hielt sich im Kreise der Kantate. Nur dse verlassene Ariadne, diese aber in allen Wendungen ihrer Empfindung, lasset sie hören. Fröhlich begrüßend Aurora, erwacht die ün TheseuS Arm Entschlafene; sie ahnt keine Ver- lassung. Um ihres Geliebten Leben besorgt, ist sie nur in ihm lebend. Schrecklich reißt die Orcade der Insel den tauschenden Schleyer von ihren Augen: „Cr ist auf ewig dir entflohen ! " und bahnet damit in rührenden Uebergangen jedem Ausdruck des Entsetzens, der Erinnerung voriger Liebe, der Verwünschung, der Reue, des inneren Vorwurfs, endlich der Verzweiflung, den offene» Weg. Wo soll die Unglückliche hin, da die Lreade selbst sie auf ihrem Felsen nicht duldet? Keine Zuflucht ist ihr übrig, als in den Wellen. Hinter allen JdyllensceNen des *) Im Jahr 1768. ") S. Eschenburgs Unterhaltungen. Wand 8. St. 5 . S. 384. I. Dramatische Stücke. 48 Schreckens, der Liebe, des Jammers, durste eine Kantate so enden. Wenn nun aber ein Schauspieler diesen Gesang ergriff und ein sogenanntes M onvdram a mit gleichem Schluffe daraus machte, wie anders! Nichts als eine Verlassene in allen ihren Klagen zu hören, zuletzt eine Verzweifelnde zu sehen, die vom Felsen hinab einen halsbrcchendcn Sprung thun muß, wäre dies ein Drama? Ein Monodrama ists. Ein Monodrama! *) Doch wozu dies hier? Vor einem Melodrama, das mit einem Monodrama nichts gemein haben mag. Jenes soll die treffliche griechische Fabel der Ariadne nicht nur im Zusammenhänge ihrer drep Scenen, sondern auch (dies war die Absicht) unter das hohe Gesetz des griechischen Drama gestellt zeigen, nach welchem über Lhaten und Verirrungen der Sterblichen ein lohnendes und strafendes Schicksal waltet. Zugleich auch wollte cs, selbst auf dieser wüsten Insel, versuchen, wie Chöre des griechischen Drama, ohne welches dieses sich schwerlich denken laßt, zwanglos eingeführt werden möchten. Ucbrigens spreche der Charakter des Stücks, ohne alle Anmaßung, sich selbst aus. *) Vom ADerthe dieser ganzen Gattung an einem andern Orte. (Ein griechisches Schiff auf dem Meere, nahe dem Ufer» unter einem Ungewitter, bas sich nach und nach legt. Ariadne und Theseus treten ans Ufer)» Ariadne. Entflohen endlich diesem Üngcwitter, Betreten wir die Mutter-Erde wieder, Die Heilige, die Feste; laß uns danken, O Theseus! (Sie wendet den Blick gen Himmel und schaut umher). Zwar seh' ich rings umher Nur Fels und Wüsteney. Ein heimlich Grauen Erfaßt mich. Ist mir's nicht, als sah' ich dies Einsame wilde Ufer schon im Traum? Berlaß mich nicht auf ihm, o Theseus! Du, Mein Einziger! Theseus. Was ist dir, Ariadne? Warum schwimmt Dein Blick in Thränen? Was beängstet so Dein unschuldvolles Herz?' Ariadne. Dein schuldig Herz) So sprich, Geliebter! Auf mir lag die Schuld Herders W. z. sch. Lit. u. Kunst. VI. D Ornm LrusL«. 5c> I. Dramatische Stücke. Des Ungewitters, das ihr littet, dem Ihr kaum entaangen seyd; auf mir! auf mir! Schrecklich walzten sich die Wogen, Die Winde des Meeres heulten laut; Zn meinem Busen tobten Wilde Stürme, die ich dir verbarg. Meer, Himmel, Erd' und Luft verkündigten Die Wahrheit, die in meinem Herzen ruft: „Ich trage Schuld auf mir!" Theseus. Und welche Schuld? Ariadne. Nicht jene, daß ich dich mit Staunen, Bewundernd und voll Liebe sah. Wer liebte nicht den Retter seines Volks, Der für Unschuldige Sein Leben wagt? Mein Vater that es auch. Daß ich, dem Labyrinthe zu entkommen, Den kund'gcn Faden dir, o Theseus, gab, Gereut mich nicht. Ich gab' ihn heute dir Und tausendmal ihn wieder. Den Tribut Der Menschen, Krcta's Schimpf, hinwegzuthun Gebot mein Herz. Theseus. Und was denn ängstet dich? Ariadne. Daß ich dir folgte. Daß ich meinen Vater, Daß meine theure Mutter ich verließ, Die Hand dir reichend. — Götter! Hier, 1. Dramatisch? Stücke. Hier steh' ich, unbefleckt, wie der Diana Geweihte Jungfrau; dennoch sehr befleckt, Ein Opfer großer Schuld. Mir folget Der liebsten Eltern Fluch; und fluchte» sie. Die Gütigen, mir nicht, so eilt mir nach Der Uncntweichliche, der Götter Zorn. In seinen Netzen Hang' ich. Auf mich zürttte Das Meer und öffnete den Rachen laut. T h e s e u s. Besänftige dein edles, großes Herz! Wir schiffen unter dem Geleite der Erhabnen Cypris. AriadNe, LheseuS, ja, ich flehte Im wilden Stutm das heilge Bildniß a» - Ich knieete und sank in einen Schlaf. (Sie wankt)» Theseus. Ermanne dich, Geliebte! Bist dü nicht In unsrer Pallas, in der Götter Schutz? AriädNe. (Sich fassend). Im Traum sah ich Athen, die hohe Burg Der Pallas und sie selbst, die Schreckliche! (Zitternd). An deiner Hand trat zitternd ich vor sie; Sie wandte weg ihr hohes Haupt Und ihre Aegj.s klang. — I. Dramatische Stücke. 52 Wie sprech ich aus das Grausen, Die Ohnmacht, die mich faßte! — Deine Göttin, Die Göttin, unter deren Schutze wir Absegeltcn, trat vor die Drohende. Sie sprach für uns. Umsonst. „Athene duldet, Antwortete sie, keine Königin. Die Königin Athens ist Pallas." Ich, Entsunken war ich deiner Hand, und fand mich — (O schrecklich Wiederfinden eines Traums!) Einsam auf dieser Insel. Diese Felsen Hab' ich gesehn. Sie sind's-O Theseus! Verlaß mich nicht! Sey nicht der Götter Werkzeug! Und doch — du wirst's. Der Götter Rathschluß Aendert der Sterbliche nie. In Nacht ergreifen sie ihn, sie reißen ihn fort Au ihrem Ziel. Theseus. Zur Unthat zwingen keine Götter. Mich, So lang ich lebte, zwang kein Mißgeschick Zu frevelhafter That. Und Pallas, der du Zum cwgen Ruhm Athens die Jünglinge, Die Jungfrau'» rettetest — Ariad ne. (Begeistert). Ich sah die Drohende, Schrecklich - Erhabene, Sie hob den Speer! Ihr Blick durchbohrete l I. Dramatische Stücke. sr Die Aegis klang, Ich sank, ich sank- (Ariadnen ergreift Begeisterung; die Musik geht in ein» andere Tonart über). Wie neue Lüfte Wehn mich an! Berauscht Bon süßen Wohlgerüchen schweb' ich, Schwimm' ich umher. Was seh ich? Kranze dortl In jenem nackten Felsen eine Grotte, Geschmückt mit Epheukranzen? Leite mich Dahin, o Lheseus! Götter, schützet mich In eines guten Gottes Hciligthum. (Thefeus führet sie wankend dahin. Sie sinkt in ihr nieder und entschlaft. Rings auf dem Felsen um-, her ertönet ungesehen das Chor der Oreaden)» L. Chor der Oreaden. (Eine Hälfte des Chors). Schlummre, schlummre Schwerbeladncs, tiefgebeugtes Edles Haupt! (Iweyte Hälfte des Chors), Ruhe, ruhe Tiefverwundet - angstgequälteS Großes Herz! r. Deinem Ohr entschlafen die Winde, Der Occan entschlaft. 2. Deinem Herzen entschwebt die Sorge, Des Vaters Zorn entschwebt. 54 I. Dramatische Stücke. Andre Gefahren erwarten dich! 2, Au größerem Jammer starke dich' i. 2. Schlummre! Ruhe! (Die Töne yerhallen). Theseus, Mitleidige Göttinnen dieser Insel« Die ihr der Menschen Schicksal kennet, scykl Mir günstig! Sprecht zu mir! Chor der Or enden, (Eine Hälfte). Ariadne, Minos Tochter, Sie, die Verlassen», Sie wird verlassen werden. Theseus, Vom Theseus nie! Und, hart wie eure Felsen, O sprechet weiter > (Des EhorS zwcyte Hälfte). Ariadne, Minos Tochter, Die Menschen - Retterin, Sie wird gerettet werden, Theseus, Durch wen? So sprechet denn auch Theseus Schicksal Beyde Chöre, Wer ihrem Vater seine Tochter raubte, Der stehet seinen Vater nie mehr lebend; Er tödtet und begräbt ihn schmcrzensvokl. I. Dramatische Stücke. 55 T h e s e u s. Ihn nicht mehr lebend sebn? und doch ihn tödten? (Die Grieche» des Schiffs treten heran). 3 . Theseus. Gefährden meiner Reise, Mitgenossen Auch der Gefahr! und ihr, Gerettete! Kommt und entreißt mich meinem wilden Schmerz! Was ist geschehn? K a l c h a s. Wir stiegen an das Land, Die Götter mit Gebet und Opfer zu Versöhnen. Alle Zeichen waren glücklich; Nur Eine bleibet hier. Thcseus. Wer? K a l c h a s. Ariadne. T h e sc u s. Sie, unsre Retterin? Als Sklaven wollten Wir > r Erbarmen, ihre Großmuth mit Verrach belohnen? Und als feige Räuber Von hinnen segeln? O so spannet aus Das schwarze Todessegel über mich I 56 I. Dramatische Stücke. Kalchas. Als Räuber fuhren wir aus Kreta. Dürfen Wir also in Athen erscheinen? Höre Den Götterwink, o Held! Das Opfer war Vollendet, und vom Felsen schwang ein Adler Sich in die Lüfte, aus der See ein Schwan, Sic steuerten den Flug, wohin wir steuern, Hin nach Athen, Und eine Eule schoß Entgegen ihnen, die sie trennete i Der Schwan entsank ins Meer, Theseus. Pallas, die Edle, liebet nicht Verrath, Verrath an Ihresgleichen. K a l c h a s. Ihresgleichen' Will Pallas nicht in ihrer Burg, Athen, Wo sie allein gebietet. Theseus. Königthum Und Hoheit geb' ich auf. Der Bürger Freiheit Ist mir ein Diadem. Vereinigung Der Stamme und durch sie der Stadt Gewinn, Der Künste Flor, Athen zur Königin Der Welt zu machen, dieses ist mein Ziel! Ariadne steht mir bey; sie schafft und wirkt, Der Pallas Tochter. §7 I. Dramatische Stücke. K a l c h a s. Lastre nicht. Medea Vergissest du, die auch mit Jason kam. T h e s e u s. Ariadne ist Medea nicht; ich bin Nicht Jason. Minos Tochter, sie, erzogen Im weisesten Gesetz, — ihr hohes Haupt Tragt in sich der Gedanken reichen Knaul, Den sie uns hülfreich gab. Junqfrau'n, spreche^ Sprecht, Jünglinge! was euer Herz gebeut. Darf Theseus eure Retterin verlassen? Chor der Jungfrau'», Verlassen? Die Retterin l Die Liebende! Zutrauende, die Schlummernde! -7- Es spricht das Herz, die Treu' und Ehre spricht ; Verlaß sie nicht- Chor der Jünglinge. (Rasch ciiifallend). Besiege dich, wie bang das Herz auch spricht, Dir winkt die Pflicht. Theseus. Und welche Pflicht? Wo Ehr' und Recht gebeut, Soll da unedle Klugheit siegen? —- Geht! mit dem frühen Tage schiffen wir. Ich bleibe dieser Schlafenden zum Schutz. I. Dramatische Stücke. SN 4 . (D>e Griechen entfernen sich» Thesen? setzt sich auf ein Felsstück, nahe der Grotte, nieder). Wer über Recht und Ehr' und Treue zweifelt, Hat Untreu, Schand' und Unrecht schon gewählt. — — Was überfallt mich hier für eine heil'ge Gewalt'gc Macht? Mein Auge sinkt. Mir schlummern Die Sinne. Götter! schützet, schützet sie! (Er entschlaft), Chor der Oreaden. So trennt der gottgesandte Schlaf Euch beyde dann auf immer. 1. Nie wirst du, Theseus, Ariadnens Auge, 2. Nie Ariadne Theseus Auge sehn, i. 3. Nie Wiedersehn. 5 . (stibex sin der gemeinen Sprache Bacchus genannt) er« scheint. Epheu bekränzt den Rebenstab in seiner Hand; die schönste Gestalt eines blühenden Lüng- lings. Amor, ei» schöner Knabe, ihm zur Seite, Sie treten vor hie schlafende Ariadne), Am or. Dies ist die Braut, die ich zum Lohne dir Für deine schöne Thatm auserkohr. I. Dramatische Stücke. §S Zum Wohl der Menschen unternahmst du sie; Dafür empfange dann die edelste Der Menschen Töchter. Nur ein Her;, wie ihr es Im Busen schlägt, empfindet deinen Werth. Sie rettete, wie du, sie fühlt, wie du, Den zauberischen Wahnsinn, wohlzuthun, Zur Menschenfreude. Schau' ihr Angesicht! Die klugheiksschwangre Stirn! Von Liebe trunken Wird dich ihr Auge mit.Entzückungen Beseligen. Berühre diese Stirn. Verwand!', o Freudengeber, ihre Traume Des Kummers, in Erquickung. Vor ihr stehe Dein Bild als Theseus, und des Traumes Wahtt Vermische beyde lieblich, Liber, (Um ihre Stirn ein Band schlingend). Holde Traume Umschweben dich, du jungfräuliche Stirn! Ich schlinge dieses Band um dich, das einst Leukothea, die Retterin des Meeres, Mir freundlich gab. „Nimm, sprach sie, dies Geschenk Für deine Braut. Es rettet sie dereinst." So rette diese Binde dich, Geliebte, In Angstgefahren, die ich dir abwenden Nicht kann; bald wird dies Band dir Diadem. Amor. Komm in der Götter Saal, ich will den Kranz AU deiner Thatenzüge dir erstehn. Lc> I. Dramatische Stücke. Liber. Ruh! Edle, wohl! (Sie entfernen sich; einige Griechen treten hinan). U iH A a l c h a s. Er schläft. Erwecken wir ihm seine Schmerzen L Wozu? Die Götter sandten ihm den Schlaf, Den Nuhegcber, den entlastenden. Auf! leitet sanft ihn und gelind' hinweg > (Schlafend wird Thessus fortgeleitet. L» her Fern, tönt das Lied der Griechen zur Abfahrt). Eher der Jünglinge. Schaut, wie die Eos^) dort auf blauen Wellen / hervorbricht! Heil dir, rosige Göttin, Heil! *) Die Morgenröthe. l ''t. / I. Dramatische Stücke. 6r Chor der Jungfrau'». Glückliche Fahrt verleih' Amathuntia*) unserem Segel! Trost dir! Unserer Retterin, Trost! Der Anführer. Schlagt die Wellen! Er schläft von der Götter Schlafe gefesselt. Schlummre, Theseus, bis gen Athen! Chöre der Schiffenden. Hin nach Athen! Hin nach Athen! Ins Vaterland! Ins Vaterland! Es wallen die Wellen, es schlagen die Nudek, Die Winde wehn, es säuselt das Segel, Hin nach Athen! Hin nach Athen! 8 . Ariadne. (Erwachend; sie stehet umher). Verlassen! — Sprach es mir mein Herz nicht langst? Verlassen! — Hört' ich nicht den Freudenruf Der Segelnden im Schlaf? — Dort fliegt das Schiff. *) Benus, die Göttin des Meeres. 62 I. Dramatische Stücke. Oreaden, die ihr mir im Schleife sangt, Erb a rmung! Chor der OrcadeN. (Unsichtbar, von allen Felsen umher). Erbarmung! Ariadne. Erscheinet wir, Göttinnen s Oder weckt Zlch! meine Stimme nur den Widerhall? Verscufz' ich mich in dieser Wüsteney Umsonst? Verlassen Von aller Welt, ich, die Verlassen»! Chor der Oreaden. (Nachhallend). Berlasserin! Ariadne. Ja, ich verließ die Eltern, denen ich Ihr Ein und Alles war, den gütigen, Den stets gerechten Vater, der in Kreta Das lebend ist, was sein ehrwürd'ger Urahn Im Reich der Schatten, ein gerechter Richter. Ich kniee vor dir,'Minos! Sei) mir nicht Mehr Vater; sey mir, was dein Urahn ist, -Der Tobten Richter. Sprich! Verdamme mich! Du blickst Mich gütig an? O blicke grausam! Dein milder Blick durchbohrt mein Innerstes. Sprich! — — Meine Thranen sind versieget. Sprich! — Nein, schweige! Deine Stimme, die ich einst I. Dramatische Stücke. 63 In jugendlicher LUrschuld froh vernahm, Sie, die mich lallen lehrte, zu sich rief, Aufs Knie mich hob, an deine Vakcrbrust Mich drückte, meiner Kindheit Fehle mir Liebreich verzieh — die süße Stimme bin ich Zu hören nicht mehr werth. Verwandle sie In Fluch mir und Verwünschung. — In Verwünschung ? Nein! Minos fluchet nicht; er straft. So strafe Mich dann, o Richter! — Hört' ich nicht im Traum Das Urtheil schon, das mir gebührte: „Die Verlassen», sie muß verlassen werden." Chor der Oreaden. (Nachhall-»!,). Sie muß verlassen werden. Ariadne. Ihr Vrtheilssprccherinncn, redet mehr! Verlassen hier, dem .^ungeetode nah, Der Löwen Beute. — Nein! o nenne mir, Mein Mund, das Gräßlichste, des Spottes Preis, Der inneren Verachtung Vorwurf, und Der unaustilgbar-ewigen, der Schuld. Wie büß' ich meine Schuld? Nur mit dem Tode, Du schaffest also mir Versöhnung, Tod? Entsündigt tret' ich dort vor meinen Vater: „Sieh, Minos! an dein Kind. Sieh deine Tochter! Sie fehlete, und büßte ihre Schuld."- Wohl denn! Geliebte Mutter, hier nehm' ich Von dir den Abschied, den ich dort nicht nahm. O Schwerbeleidigte, ich weiß, du nähmest 64 I. Dramatische Stücke. Mich wieder gern zur Tochter auf. Ich weiß, Du reichtest mir die Hand. — Brecht aus hier meine Thranen! Za, deine gramvcrsunkne Wange, dein Geliebtes Haupt dürft' ich berühren! (Lm Affekt berührt sie ihr eignes Haupt)» Götter! Was Umschlingt Mein Haupt? Wer gab mir diese Binde Im Traume sah ich einen Gott vor mir; Wie Theseus wars, derselbe, nicht derselbe. Er rührte meine Stirn' an, wand ein Band Um meine Schläfe. Nannt' ers nicht ein Unglücks Ein Rettungsband in Nebeln, die mir dröhn? Wer du auch wärest, himmlische Gestalt, Du zeigtest mir die Rettung, weihetest Durch diese Binde mich zum Todesopfer. Wohlan, ich komme. Heilig, heilig Meer, Empfange mich, entsünd'ge meine Schuld! (Sie stürzt sich ins Meer, sogleich ertönt)» 9 ' Das Chor der Meeresgötter. a. Empfangt sie, Wellen, Tragt sie empor! Die Binde der Göttin Ist um ihr Haupt. I. Dramatische Stücke. 65 2. Heiliges Meer! Entsündige sie, Ihr eigener Schmerz hat ihre Schuld Abgethan. Erstes Chor der Tritonen. Versölmunq! Hallende Wellen, ihr, die alle Lande verbinden, Gen Kreta rufet und gen Athen: Versöhnung! Zweytes Chor der Tritonen. Versöhnung! Aus jedem Horn, aus jeder Muschel ertöne Versöhnung! (In der Zno Armen betritt Ariadne das Ufer ber schönste» Gegend der Insel, wo Alles zum Bacchischen Hochzeit« feste geschmückt ist. L» sie ward die Scene schnell ver> ändert). IO. In o, Mein heiliges, geliebtes Kind, In diesem Arm cmpsieng ich dich» In diesem Arme wiegt' ich dich Auf meinen Wogen. Tritt hinan! Eö ist nicht jene Insel mehr, Obwohl dieselbe, Schau umher! Herders W. z. sch.Lit. u.Kunst, VI, E StücL-. 66 I, Dramatische Stücke. Ariadn e. Wo bin ich? In Elysium? Wie himmlische Gerüche wehn mich an, Gleich jenen, die mich einst zur Grotte luden! — Erhabne, wer bist du? die freundlich mich, Ihr Kind mich nannte, die mich überm Schlund Des LodcS hob. Da fühlt' in deinen Armen Ich mich wie neu verwandelt. Bin ich Noch? Bin ich Nicht mehr? Ino. Du bist mein Kind. Wie deines, War einst mein Schicksal. Ino bin ich, die Einst Vielgeprüfte. Meine Zuflucht war, Wie dir, das Meer, das hohe, rettende. Da löste sich mein Gram. Auf meinen Armen Das Kind, das ich emporhob, das ich ängstig In Mutter-Todes-Angst den Göttern weihte, War Gott Palämon, ich Leukothca. Bedrängten beyzustehn ist unser Amt, Und mein ist diese Binde, (Sie löset ihr solche ab). die ich dir, Vorsehend deinen Gram, zur Rettung sandte. Ariadne. Durch wen? durch wen? Ino. Durch einen, den du bald Liebend verehren wirst. Er kommt! Er kommt! I. Dramatische Stücke. L? ii. (Liber lBacchus) mit seiner Matter Semet«, auf dem Siegeswogcn, gezogrn von Tigern» Sein zahlreicher G,folge vor ihm her). Chor des Zuges. Singt dem Erhabenen Menschrnbeseliger, Singt! Trauren und Leiden Werden zu Freuden, Wenn er den Epheu schwingt. Gram und Sorgen ersticken im Meer, Fröhliche Gestalten glanzen umher. Singt dem Erhabenen, Menfchenbeseliger, Singt! Ariadne. Ist er's nicht, den ich jüngst jm Traume sah? Fall' ich zu seinen Füßen nieder? — (Sie knieet nieder). Gott! Mein Retter, Liebenswürdiger! Verehrter! S e m e l e. (Sie aufrichkenb). Empfange meinen Sohn aus meiner Hand, ' Und sey mein Kind. Die Götter haben die Für dein Vertrauen, deinen hohen Muth, Der Seligkeiten Krone zuerkannt. E 2 63 I. Dramatische Stücke» Liber. Bon meiner Hand nimm an dies Diadem, Ein Denkmal deiner Großmuth, soll cs ewig Am Himmel glanzen. Reiche mir die Hand! — In Theseus liebtest du den Helden für Der Menschen Wohl, und halfest rettend ihm. Sein Werk ist unser, und ein höheres, Menschen erfreuen und beseligen. Durch alle Lande fahren wir und schaffen Zum Paradiese jede Wüsteney, Den nackten Fels zum Rebenhügel. Milch- Und Wein - und Honigquellcn rinnen aus Dem Felsen; unser Fußtritt sprießet Blumen , Und reiche Früchte. Ariadne. Herrlicher! O frag' ich Nach deinem Namen? Bist du Liber? Liber. Der Bin ich, und du fortan bist Libera. Bey diesem Namen soll die Welt dich ehren, Der Himmel preisen: denn der Menschen Rettung Ist aller Seligkeiten Anfang, aller —^ Ist aller Tuqcnden Erzeugerin ; In jedem Labyrinthe reichest du Den Faden mir und fühlst Beseligung. Bald fahren wir nach Kreta, nach Athen, Und zwischen beyden Reichen knüpfen wir Ein Bündniß, das von keinem Menschenzoll, Bon keinem Minotaurus ewig weiß. I. Dramatische Stücke. Lg Von Thcseus blühet auf Athen, der Welt Die erste Burg gleichmäßiger Gesetze,, Gegründet auch durch dich, o Lihcrg! Ariadne. O Semele, du meine Mutter! du Mir Retterin, o Ino, lebe wohl! Ino. Leb' wohl, o Kind! Semele. Und ihr, Mänaden, Hort! Ein neuer Zeitenraum beginnt. Fortan Ist aus für euch die alte Taumclzeit. Auf! feyert eure neue Königin! (Liber, Libcra und Semele besteigen den Wagen. Ino geht nach der Meerseite zurück). Libers Ehöpe. Singt der Erhabenen Menschen - Befrcyecin, Singt! —. Fesseln zerspringen, Thaten gelingen, Wo sie dem Helden winkt. Wo Liber erscheint, ist Freude ha, Freyheit der Herzen in Liberal Singt der Erhabenen Menschen - Erretterin, Singt! I. Dramatische Stücke. -o Ariadnens Krone. (Statt des Epilogus). Unter den Sternen glanzt Ariadnens brautlir che Krone Mit bescheidenem Glanz *); ringsum von mächtigen Hütern Tapfer bewacht, vom Hüter des Pols**) und dem Träger des Drachen ***), Und vom Herkules selbst, der der heiligen Krone das Knie beugt st). Ruhmbild deines Geschlechts! Du winkst zu erhabenem Ruhme, Und die Leyer tönet dir zu , und der himmlische Schwan singt stst). Als die Natur die Geschlechter schied, und jedem ein Loos gab, *) Ariadnens Krone am nördlichen Himmel, in einem bescheidnen Raum, sehr kennttich. Ein Gestirn von 21 Sternen; sein größter Stern ist von der zweyten Größe. *') Bootes, ein glanzendes Gestirn, sein Arctur ist von der ersten Größe. Opiuolius, ein minder funkelndes Sternbild als die Krone. st) Der Held auf den Knicen, Engonasi. sts) Nachbarliche Gestirne. 'Ä j I. Dramatische Stücke. 71 Sprach sie dem Manne: „se y ein Beschützer! Walte beglückend! Dazu gab ich Gewalt dir und Much!" — Der sanfteren Tochter Schenkte die Mutter ein zarter Geschenk, den Faden der Klugheit, Aus dem Labyrinthe den Mann zu leiten. Sie gab ihr Still ihr eignes Herz, ausdauernd - liebende Groß- muth. „Dir vertrau' ich mein Heiliges an, die Keime der Schöpfung, Sprach sic, deiner Pflege dje kommende glückliche Nachwelt. Wie Atalanta schwebe zum Ziel hin über Gefahren! Rastlos sey dein Werk, und Hey dir stehe die Hoff- n u n g." Als Pandora den Deckel erhob und manche Gebilde Ihr entflohen, erhaschte sie schnell die letzte, die schönste, Aller Gestalten; „Du bleibst mir treu, Unabtrenn- liche von mir, Hoffnung!^ Und sic blieb der Frauen unsterbliche Freundin. Ehret die Frauen! ihr Nam' ist Befreyung- Anfang und Ende Stehen in Einem Blick ihnen da! Auch Wege zum Ausgang. Rettend schauet ihr Blick, wo dem Helden selbst das Gcmnth brach, Weihend zum Opfer sich, des Ausgangs glückliche Beute. 72 I. Dramatische Stücke. Schaut Ariadnens Krone, ihr Retterinnen, und reichet, Reichet den Faden der labyrinth - verirrecen Menschheit! Sinnt und erziehet (ihr könnt cs allein) die glückliche Nachwelt! 1 . Dramatische Stücke. 73 3 - Der entfesselte Prometheus. S c e n e n. (Adr astea. St. VII. 1802.) An Gleim. -^hrer Meynung, daß die harte Mythologie der Griechen aus den ältesten Zeiten von uns nicht anders als milde und menschlich angewandt werden dürfe, war ich stets. Eine Probe davon scy die Bey- lage, „der entfesselte Prometheus." Kein Wettstreit mit Acschylus sollten diese Sce? nen seyn; sie nennen sich nicht einmal Drama. Denn wer vermochte der Melpvmenc dieses gewaltigen Dichters ihre Keule zu entreißen, und sic mit seiner Macht fortzuschleudern? Wer mochte aber auch zu unsrer Zeit Prometheus Charakter, wie Aeschylus ihn darstcllt, foctzuführen wagen? 74 I. Dramatische Stücke. Indessen bleibt die Fabel des alten Halbgottes ein sehr lehrreiches Emblem. Sein Name, so wie der Name seines ihm so ungleichen Bruders *), die Geschichte der Pandora, die Er verschmähte, sein Bruder aber aufnahm, und die dem Geschlechts der Menschen so viel Unheil brachte; die Bildung dieses Geschlechtes selbst und das Geschenk, das Prometheus ihm vom Himmel holte; die Strafe, die er dafür leiden mußte, die Befreyung seiner durch Herkules; seine Verwandtschaft mit der Erde und Themis selbst — alle diese Umstande sind ein so reicher Stoff zu Bildung eines geistigen Sinnes in ihren Gestalten, daß sie uns zuzurufen scheinen: „gebrauchet das Feuer, das Euch Prometheus brachte, für Euch! Lasset es Heller und schöner glänzen: denn es ist die Flamme der immerfort g e h c n d en M e n s ch en b il d un g," Bekanntlich gab Acschylus hrey dramatische Stücke in Einem Zusammenhänge, den fe u e r b ri n g e n- dcn, den gefesselten und den entfesselten Prometheus. Das erste und dritte ist verloren **) der Stoff von beyden ist sehr reich. Der licht- und *) Pro m e the u s heißt einer, der voraus-, E p i, metheus, der hinten nach überdenket. Die Töchter des letzten hießen Prophasis (leere Vorspiegelung! und Metamelia (spate Reue). Bedeutende Namen! **) Das mittlere, der gefesselte Prometheus, haben wir in Uebersetzungen von Schloß er, Jakobs (S. Wielands attisches Museum B. 3 Heft 3.) und dem Grasen F. L. von Stolber g. I. Dramatische Stücke. 7t> feucrbrmgcnde Prometheus müßte den ganzen Entwurf seines Werks enthalten; ein gefahrvoller Entwurf, in seinen Folgen aber wie groß,.wie nützlich' Stand es dem Bacv und so manchen andern frey, in die Geschichte Prometheus ihren Sinn zu legen; wem sollte diese Freyheit versagt seyn, zumal wenn er den edelsten, vielleicht auch den natürlichsten Sinn in sie legt, die Bildung und Fortbildung des Menschengeschlechtes zu jeder Kultur; das Fortstreben des göttlichen Geistes im Menschen zu Aufweckung all s e inrr K r aste. Nach alten Denkmalen stand Pallas dem Prometheus in seinem Werk zur Seite; möge sie nie von seinem Geschlechte weichen und am Ende sein Werk krönen! I. Dramatische Stücke. ?b i. Prometheus, (Sitzend auf dem Felsen, gefesselt). Dis Zeit Hilst Alles tragen. Die lindernde Wacht alle Schmerzen, alle Qualen leicht. Wie ächzt' ich einst, als mir Gewalt und Macht Die Kesseln schlugen, als Hephastus sie Mir, jammernd selbst, anlegte! Bald erfuhr ich, Daß bcy hochherzigem gefaßtem Muth Die Bande selbst sich weiten, wie der Schluß Des hohen Schicksals naht. O Zeitenlauf, Den ich am Felsen hier verlebte! Viel Der Sonnen sah ich auf- und untergehn, Der Monde viel. Und immer sprach zu mir Zn mir die heilige Weissagung: „Dulde, Prometheus! Wenn der stärkste deiner Menschen Die größte That vollbracht hat, wenn du selbst Die tapferste vvllführt; dann lösen sich Die Fesseln, und du siehst dein großes Werk Gedeih» auf Erden." Ja gedeihn! Die Gabe, Die meinen Menschen ich gefahrvoll gab, Das Fcucc, das ich ihnen nicht im Nohr I. Dramatische Stücke. 77 Allein zubrachtc> das in ihren Geist Ich hauchte, das in ihrer Fel senbrust Ich still entzündete, es glimmt und brennet, Und strahlt und zündet. Davon sprachen mir Zu Tag und Nachten Lust und Meer. Es tonten Sicgslieder mir vom sternenreichen Acther; Und von der Erde meiner Menschen — da Besuchten mich Gestalten mancher Art, Bald klagend, fluchend, gar verwünschend mich , Bald hoffend und erwartend. Alle sie Bcrkündeten, was laut mein Herz mir sprach: „N ernnnft gedeiht auf Erden." — Immer großer Und stiller ward mein Muth. Kaum zürn' ich noch Dem Gott, der mich hieher geschleudert. — Fcob Gedenkend meines Werks, vergess' ich ihn. — Auf! rege dich Prometheus^ lange dir Die Fesseln. —' Hör' ich dort nicht ein Geräusch? Das wohlbekannte meiner Nachbarinnen, Oceaniden. Es weht ihr Duft mich an, Des Weltmeers Athem. Ihre Flügel schlagen. (Musik aus der Ferne). 2 . Chor der OceanidcN. Weh dir, Prometheus, weh! Gestört ist unsrcrs Meeres heilge Ruh. Ueber den Häuptern schweben sie uns Auf trüglichem Bcct, die kühnen Sterblichen. — Weh! 78 1. Dramatische Stücke. Prometheus (für sich). Das ist mein tapfres Volk. Sie wagen Viel. Chor der Oceaniden. Weh dir, weh! Wie der Walisisch stürmen sie durch die Wo. gen hindurch, Farben mit Blut das Meer und stürzen hinab Leichname, vor denen die Oceanide bebt. Prometheus (für sich). So spült in Strömungen sie schnell hinweg Ans Land, daß ihre gute Mutter sie Und Pflegerin, die Erde, sanft begrabe. Chor der Oceaniden. Weh dir, weh! Vom Himmel herab strömte die heilige Flulh, Allem Lebendigen des Lebens Quell; Entweihet ward durch dich die heilige Woge, Weh dir, Prometheus, weh! Prometheus. Laßt nieder euch, Freundinnen, die ihr mich Sonst gütiger besuchtet, — Meinen Rath, Den Menschen wohlzuthun, unfreundlich nicht Vernähmet. Thut ihr ihnen selbst nicht wohl? Erquickend sie und stärkend. Wer dann kühlt Der Sonne Brand? Wer sendet ihnen Regen Und Wohlgcdeihn und Lebens Alhem? Zieht, I. Dramatische Stücke. 79 Der Himmel nicht aus euch der Fülle Kraft, Und alles Segens reiche Quellen? Seht, Dort euern Vater — 3 . Qcenanus. (auf seinem Greif). Prometheus. Komm, mein Freund! Du flehest Hier deine Tochter rings um mich; sle klage» Und rufen Weh Mir! Weh! Oc ea n u s. . Dtis thu' auch ich, Prometheus! Deine Menschen wagen Viel. Sie fahren auf deM Nacken mir und gaukeln, Störend Mein unberührbar-heilig Reich» Prometheus. Dein Reich, Oteanus? Drin unberührbar- Heiliges Reich? Im weiten Welten-Raum Gehöret Alles Allem. Droben, drunten Herrschet ein gleich Gesetz: „was irgend lebt Und wirkt, wirkt für einander." Wähnest du Dich unberührbar? Auch die Flamme war Für mich berührbar, die den Menschen ich Vom Himmel brachte. Freund Qceanus, Gewöhne dich der Menschen Flug auf dir 1. Dramatische Stücke. Zu schm, wie ich dort der Vögel Zug, Wie du in deinen Wcllen selbst der Fische Zahllose Schaaren sichst. Die gaukeln auch, Sie lieben, morden und verfolgen sich Einander. Dceanus. Lebe wohl! Prometheus. Erzürnt' ich dich? O wüßtest du, wcts deinem Reiche noch Bevorsteht! Dceanus (erschrocken). Was? Prometheus. Durchschiffen werden sie Den Ocean, bis dahin, wo dein Reich In Eis erstarrt. Zersprengen werden sie Des Eises Berg'; auf deinem Rücken wirst Du donnern hören, in deinen Fluthen Feuer Zischende Feuer sehn! Hinunter dringen Sie in dein Haus) sie lösen deinen Töchtern Perl' und Korallen ab von ihrem Haar; Verändern deines Reiches Grenze, binden Zusammen Meer und M,cr, und trennen sie — Occanu s. Und trennen sie? Ist das auch recht gethan? Promethe u s. Recht ists und wohl. Denn bist du > Meeresgott Mächtig genug, der Menschen Reich zu trennen; Wohl! I. Dramatische Stücke. 81 Wühl! Meine Menschen, sic besiegen dich. Dem tapfern Mann Al cid es wies ich selbst Die Wege zu der Hespcriden Frucht. So knüpfen einst sie Welt an Welt, vermählen Zone mit Zonen, führen Früchte sich Und Blürh' und Saamcn dort - und daher — Lceanus. Kommt, meine Töchter! Kommt! Prometheus. Nein, Oceanus I Hört alle noch des Schicksals lezten Spruch >' „Du, Weltumgürtcr sollst der Mittler scyN, Der Fciedestifter zwischen allen Völkern." Um Erdeschollen mögen sie sich blutig Wie Wölfe beißen: denn des Wolfes Art Mischt' ich auch leider! in den Leimen ein; Der Erde fern wird dein Gebiet zuerst Das unverletzbar - Freye, Heilige, Frey wie die Luft, untheilbar wie die Woge, Ein Band der Nationen aller Welt. (Musik aus der Ferne). Ehor der Tritonett. Friede! Friede I Auf unbefchdet - offnem , freyem Meer, Wö Winde wehen und Segel fliegen, Und Wellen rauschen, herrscht Gemeinsamkeit Und Frey heit. (Chor der Oceaniden, antworten dem Vorhalt). Herders W. z, sch. Lit. u. Kunst. VI. F Den,er. Stücke. 3, I. Dramatische Stücke. Chor der Tritonen. Wo- Wellen rauschen und Klippen dröhn, Brüderlichkeit. Und wo die Tiefe verschlingt, wo der Sturm zerreißt, Erbarckcn. Chor der Oceanideu. (Nachhallenb den Gesang, und forlfahrend). Heil, o Prometheus, dir! Heil, Heil! Mit Perlen umwinden wir einst dein Haar, Die Schlafe mit Krystallen, Wenn unfern Fluchen die goldneAeit erscheint. Prometheus. Sie erscheinet erst nach langem wildem Kampf, Allein sie kommt gewiß und dauret. Chor der Tritonen und Oceaniden. Heilig und hehr und frey ist des Himmels Gabe, Das untheilbare Meer! Wie der Aether frey! (Sie schwingen sich auf, und eilen fort). O c e a n u s. Glück deinem Werk! Prometheus, lebe wohl! (Oceanus folgt jenen). I. Dramatische Stücke. LZ Prometheus. Mein Herz erweitert sich in meiner Brust — Weit sch' ich dorther kommen? Jsts nicht meine Verehrte Ahne - Gaa*) selbst. Sie bringt Mt Nachricht wohl von ihreNi tapfersten Der Sohne. ö. G a ä. sll'tf einem Wägen von Löwen gezogen- umgeben vost eineNt Gefolge der Dryaden ünd HatNadryaden)- Chor der Dryaden. (Erste Halste). Weh dir - Prometheus- weh! Zerrissen ist deiner Mutter Brust, Befleckt mit ihrer Kinder Blut. Weh, weh! Alveytes Chor. Verödet stehn im alten Hain Der Götter Altäre. Weh! *) Die Erde, Gveßmritter dtß Prdinet^ur. F 2 Ü4 I. Dramatische Stücke. Weissagende Traume, Gestalten der alten Zeit, Die Geister der Berg' entstehn! — Weh! Beyde Chöre. Geschont wird keines heiligen Baums, Keiner Dryade geschont! Weh! Gäa. (Sprechend von ihrem Löwenwage»). In deiner Wüstcney besuch' ich dich, Unglücklichster von allen meinen Söhnen! Hörtest du meiner Dienerinnen Lied? Prometheus. Ich hör's; es tönet noch in meinem Ohr. Doch darf der Heilgen Themis*), deiner Tochter, Nicht unglückseliger Sohn um eine Gabe Dich bitten? Gäa. Sprich! -Prometheus. Langmülhge Göttin, du, Die alles duldet, schenke meinen Menschen, Was jedem Kraut und Unkraut du auf dir Gewährest. — *) Themis, das Recht, Gä a's Tochter, die Mutter des Prometheus. I. Dramatische Stücke. 85 Gaa. Was? Prometheus. Geduld. Was du der Ecder, Dem Felsen hier, der Ephemere dort, Was jeder Blume du gewährest, gönn' Auch meinen Blumen, meinen Ephemeren. Zur Reife Zeit, — in lang' und kurzem Daseyn Zu wachsen, dann zu blühn und zu verwelken. Gaa. Doch deine Ephemeren wagen Viel! Pr ometheus. Wozu die Noth sie zwinget, wozu sie Geschick und Ungeschick, Muihwill' und Kraft Jugendlich treiben. War der Mann nicht einst Ein Jüngling, ein unbändger Knabe? Mutter, Erinnere dich, was war dein weites Reich Uranfangs? Schlamm und Fels und Wüstenetz. Durch mein Geschlecht, durch deiner Kinder Kraft Wird cs ein Garten einst, ein Paradies, Und du des Sonnen-Gottes schönste Braut. Gä a. Ja, schmeichle mir, da deine junge Brut Mir meine ältesten Geschlechter raubt, Und frech vertilget! Nas't Alcides nicht Tollkühn umher, ertödtcnd meiner Jugend Mächtige Kraft. ,, 86 I, Dramatische Stücke, Prometheus, Die Ungeheuer? Mutter, Erinnere dich der Titanen. Wo? Wo sind sic? Blieb von ihnen ich allein -Nicht übrig? Ich, der menschlichste, den Vorsicht Allein nur rettete. — Veredeln sollen Die Menschen deine Thiere, sollen sie Zum Fleiß erziehn , ja, ist es möglich / ihnen Vernunft gewahren. Den Löwenbändiger, Den Riesentödter Alcides rüstet' ich, Ich selbst mit Klugheit aus. —- Wo ist er jetzt? G ä a. Wo jetzt er ist? — Er stieg zur Höbst hinab ^ Den Freund zu retten und Aides Reich Zu stürmen. — Horch! —- (Man hört ein unterirdisches Rrausen, Erschrocken eilt. Gäa auf ihrem PZagen mit ihrem Gefolge fort). Prometheus, (Allein), „Er stieg zur Höst' hinab,, Den Freund zu retten und Aides Reich Au stürmen." — Wohl ist das die größte That, Der edelste Entschluß, der einem Menschen. Zu Theil ward, Denn wer muthig für den. Freund. I. Dramatische Stücke. 87 Sein Leben wagt, wird es für Weib und Kind, Und Braut und Murrer, für sein Vaterland, Für die Gesellschaft aller Edlen, für Das Schönste, was in seiner Seele blüht, Auch muthig wagen. — Schlag' empor, mein Herz! Auf diesen Grundstein baut' ich mein Geschlecht, Auf Freundschaft, auf Verbrüderung. Getrost Al cid cs! Kampfe muthig deinen Kampf! Du siegest und erlösest mich. — Doch wo? W- ist dann meine größte That? 0 7 . Ceres-Demeter. (Mit einem Aehrenkranze geschmückt, in einem Gefolge »011 Schnittern und Schnitterinnen). Chöre der Schnitter und Schnitterinnen. Aehrenbekcanzte Göttin, Mutter der Sterblichen, Dank dir! Für den goldenen Saamen, Für die reichste der Erndten, Für das erquickende Brod l Wechselnde Stimmen, r. Unter Lerchen-Gesänge Streuten wir munter die Saaten, 68 I, Dramatische Stücke. Unter Nachtigalltönen Sproßten sie grünend hervor. 2, Unter dem Schlage der Wachtel Unter Freude-Gesängen, Unter Gesängen der Liebe Führten wir jauchzend sie heim. Chor, Aehrenbckränzte Göttin, Mutter der Sterblichen, Dank dirf Für den goldenen Spanien, Für die reichste der Erndten, Für das ergrückende Droh! Ceres-Demeter. tRohend dem Prometheus), Seit meine Tochter mir vom Unter - Gott Entrissen ward, und keiner der Himmlischen Auf meine Klagen achtete, den Schmerz Der Mutter Niemand fühlte; da verließ Ich traurig den Olymp und wandte mich Au deinen Menschen; hülfreich dir, Prometheus,. Zu deinem großen Werk. Ich lehrte sie Die cdeln Saaten säen und erzichn. — Entwöhnend sie von Blut und Streifcreyen, Gewahrt' ich ihnen Eigenthum und Recht. Ich lehrte sie auf jede Jahreszeit, Auf jede Hora merken, bildete Des Weltalls Ordnung ihnen thätig ein« Dann baut' ich ihnen väterliche Hütten Und labete, (so tröstet sich, beraubt Der eignen süßen Tochter, eine Mutter I. Dramatische Stücke. «9 An fremden Kindern), also labt' ich mich An ihren Mutterfreuden, sab in jeder Jetzt neubegrabnen, jetzt aufgrünenden Fröhlichen Saat, Proserpina, mein Kind: — Ach süß ists, für di? Menschen sorgen, wirken, Mit ihnen leiden, hoffen und sich freun! Nimm diesen Achrenkranz, Prometheus! Prometheus. Er Gebühret deiner Muttcrsorge. Komm, O Königin, und theile sie mit mir. (Sie setzt sich zu ihm »jeder). Du mühtest dich mit meinen Menschen viel; Der Borsicht und des Fleißes süße Frucht Gewahretest du ihnen; lehrtest sie Arbeiten, dulden. — Dulden! Ja, das ist Des Erdbewohners große schwere Pflicht. Denn, Göttin, weißt du auch, was meinen Menschen , Die du erzogst, für Uebel dröhn? Tyrannen Werden das arbeitsame stille Volk, Zertreten, unterjochen, zu Leibeignen Der Scholle selbst sie machen und am Heerd', Am eignen Heerde würgen. Tief gebückt Zu Boden, wird ihr Geist und Herz und Muth Erkranken, kummervoll und ängstig sich Unter des Lebens Last erliegend, lang' — Sich lang' umsonst nach seinem Grabe sehnen. Das saget mir mein Herz und enget sich. Auch meine Bande zichn sich fest und fester Zusammen. —> go I. Dramatische Stücke, Ceres. Dort kommt einer, o Prometheus, Der deine Sorg' und Zweifel lösm wird. 8 , fBacchuS mit «inem Gefolge vhn Winzern und Winzerinnen), Cho r, Freude dem Freudegeber! Dem Könige der Hoffnung, Heil! Bacchus. (Iu Prometheus tretend, berührt den Felsen mit dem THYksuS), Hinweg, ihr Sorgen! Edler, über dir Soll sich die Lauhe wölben , die deinen Menschen Fröhlichen Muth und Geist und Sinn versteh, (Eine traubenreiche Wein - und Epheuloubc sproßt auf ihm empor, überschattend den Prometheus, Bacchus se^et sich ihm zur Rechte»), Mühsam ernährt der Halm die Sterblichen; Vorsicht, die in die dunkle Zukunft blickt, Wird Sorge. Drum, Prometheus, pflanzte ich Die Himmclspflanze. Vom Erdenbrod erhalt Ein niedres Feuer sich, des Körpers Leben; Ein edleres quillt aus der Traub' empor. I, Dramatische Stücke, gr Chor. Freude dem Freudegeber! Dem Könige der Freude, Heil! ^ Wechselnde Glimmen, r. Von der Erde wächst Der Erde Kind, Die Geduld, empor, 2, Vom Himmel entsprang, In der Traube Saft Des Abens höhere Glut, die erquickende H aff- n u N g. 1. 2, Singet des Himmels Kind, die frohe Rath- gebcrin, Die Trösterin, die Muthcrweckerin, Die Besanftigerin, die Hoffnung. Prometheus, Fröhlicher Gott, o meine Bande zichn, Ziehn fester sich zusqmmm! Welche Gräuel-. Verwirrung wird dein süßer Zauhertrank Meinem Geschlechte bringen! Raferey Und tolle Wuth, Wollust und Zank, und ach! Das fahrlichste von allen, falsche Hoffnung. 92 I. Dramatische Stücke» 9 - Hermes. (Mit einer Berschleyerten hinzutretend). Versöhnt ist der Olymp. Die Götter senden In dieser Wohlgestalt für dein Geschlecht Dir alle Gaben. Schau das Götterbild! (Die Gestalt entschleyert sich allmählich). Pallas begabte sie mit Witz und Geist, Mit Liebreiz Aphrodite; ich, dein Freund, Mit jeder Suada Wohlgcfalligkeit. Sich ihren Schmuck; (Die Gestalt entschleyert sich, haltend mit beyden Händen den Schleyer). Die Huldgöttinnen sechsten Ordneten ihn an Haupt und Haar und Brust. Sieh diese Kränze, dieses Diadem, Und diesen Gurt und diesen Mantel! — Sprich, Pandora, sprich, laß deine süße Stimme Laß deinen Wohlleyut hören! — Prometheus. Trugbild, schweige Du bringest meinem schwachen Erdgeschlecht In falsche» Gaben die Hölle selbst. Nicht Pallas Gab ihr den Geist; du Götterbote, du, Der schlauste, falscheste, verderblichste Won meinen Feinden, gabst der Listgestalt Die zauberische Rede, die Begier I. Dramatische Stücke. 93 Wohlzugefallcn und die süße Kraft Zu hintergehn, anmuthig zu betrügen. Hinweg aus meinen Augen, falsche Kunst! In Armuth lieber, unterm Druck der Noch Lebe mein Volk, als tausendfach betrogen, Du Heuchlerin, durch dich. (Sir verschwindet, Merkur schleicht Hinweg). 10 . Prometheus. Ich fühl's. Es naht Des Schicksals Stunde. Schwebt nicht über mir Der Adler? Es erbebt der Fels? (Ein Nngewstter. Finsterniß bedeckt den Felsen. Bacchus und der Eeres Gefolge entfliehn. Die Erde bebt unh spaltet; aus der Kluft lassen sich Stimmen hören). Unterirdische Stimmen. Weh, weh! Gcstöret ist der Tobten heiliges Reich! Die Schattengestalt, die Medus' entflicht! Weh, weh! Die Gebundenen, die Gefangenen ziehn empor! Der Höllenwächter, Cerberus heult und stirbt. — Weh! — 94 I. Dramatische Stücke. il. (Die Finstcrniß entweicht. Alcides mit seinem Freund« Thescus steigen aus der Unterwelt hervor). Aliides. O göttlich Licht, seh' ich dich wieder? — Jetzt Genieste, Freund, mit Mir der Sonne Glanz Im neuverjüngten Leben. Athme froh Die erquickende Luft.— Wen seh' ich dort gefesselt? Ist es der Menschen Freund, Prometheus, Noch? Ich will mit Meinem Vater rechtest. Falle - 2 Der Geyer, der ihm lang' am Herzen fraß. (Er spannt den Bogen und schießt, der Adler fällt. Tre» tend zU Prometheus, löset er ihm die Fesseln). Alcides. Die größte deiner Thaten ist vollbracht, O du, der Menschen Retter, ihr Befreycr, Ich ladt dich vor deiner Mutter Thron. Prometheus. (Au Alcides). Und du, Meist Retter, mein Befreyet! Komm! Ich geh' ihn stolz, best schönen Ehrengang, Begleitet vost den menschenfreundlichsten Der Götter, und der Menschen edelsten. Doch eh' ich diesen Fels verlasse, der Mein Bette war so manchen Tag ustd Nacht, Sprech' ich zu ihm: Teilhaber Meister Schmerzest! Wie lastge Höretest du meinen Fckuth! Und bliebest stuMm; dann meine fanftre Klagest, I. Dramatische Stücke. SS Da, dünkte mich, du wiederholtest sie; Dann meine Sorgen, und da war es Mir» AlS fühletest du meine Sorgen, ließest Sich weiten meine Bande; stiller ward Und freudiger mein Herz. Wohl dann! Entsprieße , Ein Paradies auf dir, durch meiner Menschen Sieghafte Hand. Gewahrt, ihr Götter» mir Ein gutes Zeichen! (Ein Oelbaum sprießet auS dem Felsen hervor). Du gedenkest mein, O hohe Pallas, freudig dank' ich dir. Blüh', heilger OelbauM, neben Libers Laube» Und werde Meinen Menschen hold und werth! (Der Zug erbebt sich. Prometheus gebt voran, umgeben von Alcides und Theseus. E?res und Bacchus folgen. Eine sanfte Musik laßt sich hören, zuerst ohne Worte, dann mit Warten). Chor der Unsichtbaren. Der Menschen Vorsicht irret in Nacht umher; Der Menschen Trugsinti findet der Wege viel; Und du allein bist, die sie ordnet, Göttliche, menschliche, weise Themis! Du beugst den Stolzen, hebest den Niedrigen; Am starren Nacken stürzend den, Uebermuth. Der Erde tiefgebeugte Völker / Flehen dir alle, der Heilgen Göttin. 96 1. Dramatische Stücke. ( 2 . Themis auf dem Thron. (Bor ihr ein Altar. Auf den untern Stufe» des Throns sitzen Oleanus und Gäa. Der Zug ordnet sich vor dem Altar). Hermes. Der, hohe Themis, ist der Sträfliche, Der den Olympiern die Flamme stahl. Themis. Zu spat verklagst du ihn, da ihr euch selbst, Olympier ihr, ein grausam wildes,Recht Durch Macht euch und Gewalt genommen. War Ein sträfliches an ihm; er büßt' es lang'. Hermes. Dafür dann schalt uns seine Zunge laut. Themis. Und darf die Zunge schweigen, wenn der Aar Dem Nimmer-(Überzeugten am Herzen frißt? Gewalt und Macht sind nicht Gerechtigkeit. Grausame Rache fodert Rachsucht nur, Der weiseren Vernunft, dem bessern Herzen Hilft sie nicht auf. (Zu Atcides). Dafür empfange du, Erretter deines Freunds, empfange du, Der I. Dramatische Stücke. 97 Der seines hoben Vaters Schuld versöhnt, Den menschenfreundlich - ehremverthen Namen Herakles. Mit der ewgen Lugend, einst Verbunden, wirst du seinem Menschenvolk Ein that'qer Schutzgott seyn. — Prometheus, du! Auch Geistes - Ucbermuth ist nicht gerecht! Für ihn hast du gelitten, und dadurch Die größte That gelernct und geübt, Beharrlichkeit! Auf deinem Felsen fest- Gehestct, bliebst du, der du warst, Prometheus, Verschmähend jeden Weg der falschen Kunst. Indessen ist, o Sohn, dein Werk gediehen, Es preiset dich vor den Olympiern. Ja wisse, selbst zu Fördrung deines Zwecks War dir der Arm gebunden. Hattest du, Was langsam nur geschehen konnte, schnell Und rüstig übereilt; du hattest selbst Dein Werk zertrümmert, das du ruhig jetzt Gelassen, wo cs fehlt, und freudevoll Die Erndte deiner Saat anschauen darfst. Die menschenfreundlichsten der Götter sind Hülfreich dem Unterfangen, das du begannst, Das zu Aeonen reift. Der Olympus ist Fortan auf Erden.? Prometheus. Preis, Gerechte, dir! (So nenn' ich dich; nicht meine Mutter jetzt) Preis dir, daß du, mein Werk beschirmend, mich Rechtfertigest und beugest. Aber dröhn Mir und den Meinigen nicht Götter noch, Die mir Pandora jüngst zusandten? Herders W, z. sch. Lit. u. Kunst. VI, G Oram. 98 I. Dramatische Stücke. Themis. Traue Dem Schicksal! denn cs ist gerecht Und gut. iS. Pallas (mit einet Nerschleyetten vertretend)» Nimm diese an auf meine Bürgschaft. Prometheus» Wen? Pandora? Pallas. Ja, sie ists, die wirkliche; Nicht jene, die mit Recht und Klugheit du Verschmähtest. Sie ward zur Prüfung dir Bon Freunden Und von Feinden zugcfandt. Prometheus. Ach zum Verderben einst dem Menfchenvolk Durch meinen blöden Bruder. Pallas. Dieser gab Ich selbst von meinem Geist; und alle Götter Alle Göttinnen, die dir günstig sind, Begabten sie mit Gaben, reich an Werth I. Dramatische Stücke. 93 Und Anmuth. Feindin alles Trugs wird sie Der falschen Schwester siegreich widerstehn, Und dein Geschlecht mit achter Seligkeit Begaben. (Psllas entschleyeri sie). -Prometheus. >unend)» In hoher Einfalt, welche Anmuth! Holdselige, du wirst Begleiterin, Nathgeberin mir scyn und Schwester. Sprich, Wie ist dein Name? Pallas. Deines Werkes Ziel, Agathia, die reine Menschlichkeit. Ihr Musen alle, singt Prometheus Werk Weissagend; alle Götter sind mit ihm. Eher der Musen. Was Himmlisches auf der Erde blüht, Was Menschen hoch zu Göttern hebt, Ihr Holdestes, Ihr Seligstes, Ist dein Geschenk, Agakhia, Ist Mensc hlichkeit. Wechselnde Stimmen. Also preisen wir Apollo, Und die keuscheste der Schwestern *), G 2 ') Diana. 160 I. Dramatische Stücke. Führer Er der Hcldenjugeiid, Sie, die Wächtern, der Jungfrau», Er, ein Hirt mit zarten Tönen, Sie, die Löscrin der Schmerzen; Singt Apollo, singt Diana, Päan und Jlythia. *) Dich auch preisen wir, du hohe Meisterin der Künste, Pallas! Sie erzieht der Menschen Tochter Sittlich-ernst, zu stillem Fleiße, Haucht dem Helden, haucht dem Weise»' Muth und Geist ein, Gottgcdanken. Singt die Ordnerin der Staaten, Die Regiecerin der Welt! Und den höchsten Gott desGastrechts **), Treuer Pflicht und heilger Schwüre; Und die Stifterin der Ehen, Königin der Nuhmgeschlechter ***), Die Bewahrerin der Flamme, Schützerin des Vaterheerdes st), Aller Gottgeschenk' und Gaben Geberinncn preisen wir. *) Päan hieß Apollo als Arzt; Jlythia hieß Diana als «ine Hülfbringende in der Geburrs- stunde. *')Zevs, Jupiter. *") Hera, Jun». st) Vesta, I. Dramatische Stücke. L01 Sie, die Nährerin der Völker, Saerin der goldnen Saaten *); Ihn, den Gott der süßen Traube, Der Gekrankten Schutz und Beystand **); Und den Gott der Wunderwerke, Nützlicher Erfindung Meister ***); Und die Göttin keuscher Freuden, Keuscher Liebe, fcyern wir ch). Was vom Himmel auf die Erde Niederkam und himmlisch leuchtet, Himmlisch leuchtend und erwärmend, Jeden falschen Trug zerstreuet, Deine Gaben, o Prometheus, Und Agathia's Geschenke, Acchter Menschenlieb' und Weisheit Süße Früchte preisen wir. Chor. ^ Was Himmlisches auf der Erde blüht, Was Menschen hoch zu Göttern hebt, Ihr Holdestes, Ihr Seligstes, Ist dein Geschenk, Agathia, Ist Menschlichkeit. *) Ceres, Demeter. *'°> Dionysus, Bacchus. *") Hephästus, Vulkan, st) Aphrodite, Venus. 102 I. Dramatische Stücke. 4 » Aeon und A e o n i s. Eine Allegorie. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. (Adrastea. Stück I.) i. Aeon. *) (Allein, auf einem breiten Ruhestuhls sitzend). Der alte Aeon bin ich. Lang' gelebt, Hab' ich und viel erfahren, Ungemach Und Glück. Auch Hab' ick deren bcyde selbst Den Sterblichen in gutem Maas beschieden. (Ein Horn und eine Trompete tönen IN der Firne). In meiner raschen Jugend tönte mir Der Hörner und Trommeten Klang, zu Jagd Aeon, ein Zeitlauf von vielen Jahren. I. Dramatische Stücke. io3 Und Schlachten, lieblich. Meine Hund' und Heere, Voran mir, weckten mich, zu Jagd und Schlacht, Frühmorgens; darum nannte man mich Ares*). Auch Pracht und Hoheit liebt' ich, Festlichkeit Der Tafel, und der Becher lauten Klang; Auch reiche Diener, stattliche Genossen Der Freuden meines Hofes, und was sonst Au Tag' und Nacht dem Fürsten wohlbehagt. (Pause), — Jetzt ist es anders. Es ergötzet mich So manches nicht mehr , . . Auch ertönen Klagen find Seufzer um mich, di« mir sonst der Schall Des Hifthorns raubte, die mir sonst der Klang Der Pauken und Trommeten glücklich barg, (erruft.). Kommt, meine treuen Diener! 2. (Herkommen und Ansehen treten hinein. Jener in einer gerichtlichen Staatskleidung, dieser in einer Hof« uniform, die mit vielen Ordensbändern begabt ist). Aeo n. Ihr Stützen meines Reiches, kommt! Erzählt Mir etwas Fröhliches. Dem Alten ziemt Statt einem Mädchen jetzt ein junges Mahrchen. — Vor allem aber rücke mir das Polster Zurecht, Herkommen! Herkommen (für sich.) Es ist ziemlich kahl. *) Ares, der Kriegsgott. I. Dramatische Stücke. Ae on. 104 Und du, Frevherr von An sehn, rücke mir Den Schemel. A n seh en. Ach, Gebieter, lcidtt steht Auf seinen eignen Füßen dieser schlecht. Aeon. So! — Nun erzählet! Herkommen. Böse Zeitung zu Vermelden. Allenthalben, hoher Fürst, Schmäht und verschmäht man mich und in mir — dich! Es heißt, du alterst, du vertrauest dich Zu sehr den Dienern deines Reiches, mir, Dem treuen Diener, und dem Festen dort, Marschall von Ansehn. Unser Daseyn, heißt es, Geht mit dem deinen bald zu Ende. Aeon. Ich spüre so was. Freylich,' Gemahlin — Herkommen. Meine muntere I. Dramatische Stücke. ro5 Aeon. Wie besind't sie sich? Die Frau Von Her komm. Herkommen. Achtlos nennet man sie jetzt, Die blinde Meynung. Aeon. Sieht sie denn nicht gut? Herkommen. Zwar etwas schwach und stumpf ist ihr Gesicht; Doch desto muntrer ihre Zunge, desto Geschäftiger sind unsre Kinderchen; Du kennest sie, die Vorurtheile. Aeon. Sollt' Ich sie nicht kennen? Bin ich doch mit manchen Verwandt. Ich weiß, du zürnst nicht, guter Alter! Zwar hinken cin'ge — Herkommen. (Sich verbeugend). Doch sie hinken artig. v Aeon. Zwar schielen andre — Herkommen. Doch höchst liebenswerth. Soll ich sie rufen? io6 I. Dramatische Stücke. Aeon. Laß! — (Sich wegwendend)» Baron von Ansehn! An sehn. Unübertrefflicher! Ich habe nicht Niel Tröstliches zu sagen. Meiner spottet Man gar, wenn jenen alten weisen Rath Man nur verachtet. Nennen sie ihn doch Abkommen, Herkomannus, alten Item — Aeon. ttzüchelnd). Und wie- denn dich? A n se h n. An Titeln fehlt mirs nicht; (An Parodien meiner Titel), N sl L8t notrs klaislr, nennt man gewöhnlich mich, Baron von Ansehn ohne Ein sehn. Selbst Die Ahnen, die mir Agamemnon doch Nicht nehmen kann; auch dje Geschenke, die, Huldreichster, du mir und den Meinen gabst Aus ewig-ew'ge Zeiten — Aeon. Freylich war Das etwas stark von mir! vorgreifend etwas: Denn künft'gen Zeiten kann ich nicht gebieten, Und ihren Lindern, Freund, durch deine Kinder Nichts rauben. I. Dramatische Stücke. 107 Ansehn. Meine stattliche Gemahlin — Ae on. Die Frau von Ansehn? Nun. was macht chr Hof? Die Artigkeiten alle, (Für sich). (Ziemlich grob). Und Zeitvertreibe, Putz und Spiel und Tanze, Langweil'ge Kurzweil und — (Gähnend) Am 0 res Aus Langerweile .. An sehn. Alle sind in tiefer Trauer; Sie knirschen ob der Pöbel-Arroganz. A e 0 n. Und schlaft denn eure Polizcy? A n se h n. Man weckt sie Und halt sie ziemlich in Bewegung. Herr, Du kennest meinen trefflichen Beamten, Gewalt für Recht; jetzt wird er rücklings aus Der Thür gestoßen. „Buchstabir' Er, Freund, Sich rückwärts," rufen sie, Recht für Gewalt. loö 1. Dramatische Stücke. Herkommen. Und meine alte Waffen, Daumenschrauben, Verließ und Scheiterhaufen kann ich gar Nicht mehr gebrauchen: denn das Holz ist theuer—- Aeon. Und was will denn der Pöbel? Herkommen. Der will viel? Statt meiner, des Herkommens, will er — (Sich besinnend) Was doch? Jetztseyn, er will die jetzge Nutzbarkeit. Ansehn. Und statt Ansehens will er Ein sehn, statt Des Scheines Sepn; er trotzt auf Recht und Pflicht. Aeon. So wars in meiner Jugend nicht; da schwebten Die Hirngespinnste noch in keinem Hirn. Und worauf hoffen dann die Thoren? B e y d e. Herrl Auf deiner Tochter junges Regiment. Herkommen. Die, sprechen sie, sey aufgeklärt und weise. I. Dramatische Stücke. An sehn. Die, sagen sie, sey billig, mild' und gut. Herkommen. Won jungem Sinn und sehe neu die Dinge. Ansehn. Doll junger Kraft, und ordne alles selbst. Herkommen. Und ordne, wie es jetzo sich gebührt, Nicht, wie's vor tausend Jahren nützlich war. A n s e h n. Und schlichte unpartheylich, ohne Anschn, Ohn' alles Borurtheil für Rang und Stand. Aeo n. Ich Hab' ein Kind, ein ebenbürtiges, Das seine Mutter, meine Jugendliebe, Mir bald entzog und selber mit ihm ging. Sie wollt' es, sprach sie (und ich konnte mich Auf sie verlassen, die mich nie getauscht) Vom Hofe fern, nach ihrer Väter Sitte Mir auferziehn. Seitdem vergaß ich sie. (Pause). Doch weiß ich Eins, daß weder Mutter, noch Die Tochter mir nach meinem Reiche streben, So lang' ich lebe. Meiner Tochter ist Mein Reich gewiß; die Mutter denket bieder. <10 I. Dramatische Stücke. Arete*) hcifit sic. Und Aconis nannten Wir unser Kind. Erschienen sie! — Doch nein! Ihr Kommen ist das Zeichen meines Todes. Herkommen und An sehn. «.Eifrig). Sie sind schon da in Abgesandten. Aeon> Wo dann? Herkommen. In Abgesandten, die ihr Reich verkünden. A n s e h n. Und wollen es bereiten. Ae vn. Wer? Das thut Mein Kind nicht, noch auch seine Mutter- Sie thun's. Herkommen. Herr! Aeon. Durch wen dann? Redet oder schweigt. Herkommen. Durch eine Schwätzerin, Allwissenschaft, ') Kraft, Lugend. I. Dramatische Stücke. nr A n se h n. Durch einen Allgebieter, Egoismus. Aeon. Gespenster — Geht und laßt mich schlummern. Geht! (Für gch). Vielleicht mein letztet Schlummer. (Sie geh» ab). 3 . Aeon. - (Mein). Sanfter Schlaf! Verscheuche mit die Bildet. — Alles that Ich freylich nicht; doch that ich, was ich konnte, Und — mochte. War cs nicht das Beste stets; So das Gelegenste, was meine Diener, Herkommen angab, An sehn billigte, Und ich dann — wollte. Und ich wollte stets, Wie mir es dann so dünkte. Denken war Zu meiner Zeit noch nicht so streng' im Brauch. Man nahm und that, so wie sich's gab und fügte. (Die Kriegs- und Jagdiustrmncnte, die Rügungen und alle Iierralhen an der Wand bewegen sich ertönend). Was regt sich da in meinem Hause? Spielt Ein Geist mit meinen Jugendzeitvertreiben? Ein Trauerkvn. Er seufzet! — Und da fällt »12 I. Dramatische Stücke. Der welke Lorbeerkran; von meiner Stirn, Zerfallen; nur noch ein'ge Zweige grünen. (Er betrachtet ihn). Auch Tropfen Bluts daran; noch frisches Blut, Und doch so langst vergossen. — Mich ergreift Ein Schauer. Rinnt in meinen Adern Blut, Verwandt mit dem auf diesem Lorbeer? Auch Der Schemel wankt, das Polster weicht? Ich schlummre. (Er fallt in einen unruhigen Schlaf. Eine sanft-traurige Musik laßt sich hören, zwischen inne von wilden Gän» gen und rauhen Tine» der Jagd« und Kriegsmusik unterbrochen, bey benen jedesmal der schlafende Greis im Traum sich regt und sein Herz bedeckt, immer aber, wenn die Töne sich sanft auslösen, wieder zur Ruhe finket» Unterbeß tritt Leonis hinein, weiß gekleidet, wie eine Vestalin verschleyert. Awey Knaben, mit Palmzweigen in der Rechten, treten ihr voran» Be» scheiden schauet sie nieder)» 4 . Aeonis. Tret' ich dich, hcil'gcr Bodcn? Fand ich dich, Geliebte Thür der alten Vaterwohnung? Von der so oft ich hörte, und die nie Mein Auge wissend sah. — Entkommen endlich Dem graulichen Getümmel derer, die mich Ab-- I. Dramatische Stücke. rr3 Abkonterfeyn und damit listig-grausam Verhaßt mich machen, eh man mich gesehn, Verachtet machen, eh man mich gekannt. Zwei) Knaben, sagte mir die Mutter, würden Unsichtbar mich geleiten, an der Schwelle Sichtbar empfangen. Sprecht, wer scyd ihr, Holde? Sah ich euch beyde nicht bey meiner Mutter? Erster Knabe. Mein Nam' ist: „guter Wille." Zweyter Knabe. Meiner ist: „Der gute Ausgang." Unabtrennlich wollen Wir dienen dir, wenn du uns treu und hold bist; Doch ohne meinen Bruder dien' ich nie. A e o n i s. Geliebte Knaben, meiner Mutter Freunde, Ihr, die ihr mich unsichtbar leitetet, Und sichtbar jetzt mich führen werdet. Euch Verlass' ich nie, verlaßt auch ihr mich nicht. — Schlaft dort mein Vater? (Sie tritt näher dem Schlafenden). Heilges Angesicht! Schau ich dich endlich? Doch, wie blaß und matt! Auf dieser holden Stirn so schwere Tropfen! Die rechte Hand am Herzen, schlummert er, — Unruhig, scheint es. Und ein welker Kranz Auf seinem Schoos, zerfallen, hie und da Noch grünend, blühend. Vater, schlummre sanft! — Dürft' ich die Schlafe küssen! Dieser Stirn Herders W.z. sch. Lit.u. Kunst, VI. H Onam.srüeke. a IH. I. Dramatische Stücke. Den Schweiß enttrocknen! Doch das darf ich nicht. Wenn du erwachest, will ich vor dich treten. (Sie siehet umher). Verehrte Wohnung! Doch was seh' ich in dir? Gerathe, die mein Auge nimmer sah. Sie schrecken mich. Dort blinkendes Metall, Geschoß und Schwert. Hier Stammestafeln, Spicl- werk, Und Bänder, Bänder mancher Art. Ich staune. (Sie erblickt einen Altar, an bcm die Knaben sie erwarten). Doch dort auch ein Altar! Die Knaben stehn Erwartend mich. Ich komme. — Wem ist er Geweiht? (Sie liefet die Inschrift). „Der heiligen Vergangenheit!" (Anbetend kniet sie nieder). O seyd mir gütig, ihr Unsterblichen! Ihr hohen Ahnen, die, noch nicht vergangen. In Thaten, in Erfindung ewig leben. Vorbilder und Gedankenführer, ihr Schutzgeister meines Lebens, seyd mir hold, Daß, komm' ich einst zu euch, ihr mich mit Ruhm Empfanget, und die nach mir Kommenden Mit Dank mich nennen mögen. Aeon. (Erwachend). Täuschet mich Mein Auge? Welche weibliche' Gestalt I. Dramatische Stücke. nS Kniet vorm Altäre Meiner Vater dort, Verhüllt? Aeo nis. (Vor ihm kniend)» O du, Mein Vater, segne Mich! Mich, deine Tochter. Ae o n. Ich dich segnen? Zwar Du gleichest deiner Mutter und mein Herz Beruhigt sich bey deinem süßen Anblick, So wunderbar. Es ziehet mich zu die — A e o n i s. Mein Vater, segne mich! Aeon. Kind! Ich dich segnen! Die du mir Meine letzten Stunden trübst, Und mir mein Reich verwirrest? (Die Knnben treten hinan, wehend die Palnijweige über seinem Haupt)» B e y d e. Flieht , ihr Nebel! Ihr Nebel, flieht! Erster Knabe. Versündige dich, Greis, An deiner Tochter nicht. Sie selber litt, H u giö I. Dramatische Stücke. Auf ihrem Wege zu dir, vom Gezücht Der sie Vor affen den. Wir führten sie Durch ein Gedrang, das ihr den Weg vertrat. Es ist von deinem eignen Hofe. Diese Verhaßt zu machen, wählten sie die Larven. Das Weib, die Wisseri», ist deines Dieners Herkommens Weib, die alte blinde Mey nu ng; Jetzt neu geputzt, in Spinngeweb gekleidet. Zweyter Knabe. Der Egoismus, der zwey Sylben nur Gelernt hat und sie fodernd wiederholt: ,j,Man soll! mit reinem Soll!" ist deines A n- schns Lallender jüngster Sohn. — Verwechsle nicht Dein Kind, o Greis, mit ihren ärgsten Feinden. ' Aeon. Nun so verzeih, verzeih mir, Tochter! — Doch Dich segnen kann dennoch die Rechte nicht, Die diesen Kranz berührte. Segen sey dir Mein unvollendet Werk; vollend' cs, froh Und glücklich. Spotte deines Vaters nie. Er läßt dir manches, manches Gute nach. Verbcßre, was er that; was er versäumte, Das thue du. Dies werde dir zum Kranz, Zum bessern, als der jetzt vom Knie mir fällt. (Er schüttelt ihn zur Erde). Komm lege deine Hand hier auf mein Herz Und schwöre, mit gewissenhafter Treu Dein Wort zu halten. Au verbessern, was Ich ansing' oder auch versäumete. I. Dramatische Stricke. 117 A e 0 n i s. (Die Hand auf sein Herz legend). Mein Wort sey dir Gclobung, hcilges Her;! Aeon. Es wird mir leichter. Kühlet mir die Stirn, Ihr Knaben! — Kind, in deiner Jugend nannten Wir dich Aeonis. Deines Vaters Name Ward dir gegeben. Sprich, wie nannte dich Seitdem die Mutter? Aeonis. Bald Aeonis, bald Agape *). Aeon. Nun so führe diesen Namen, Den trefflichsten, den je du führen kannst: Denn Ehr' und Tand verschwindet, Liebe bleibt. Ihr Knaben, leitet zum Altäre mich, Dem furchtbaren der Allvergangenheit. Dein weißer Schleyer decke mich, 0 Tochter! (Die Knaben führen den Greis zum Altar; anbetend kniet er nieder. Aeonis hebt vom Boden die grünenden, blühenden Zweige beS zerfallenen Kranzes auf, bindet sie sorgsam und legt sie auf den Altar» Nach einer kleinen Stille schlügt die Glocke; beym ersten Schlage sinkt Aeons Haupt nieder. Aeonis nimmt den Beilchenkranz von ihrem Haar, und legt ihn aufs *) Liebe. ^ ^ i,3 I. Dramatische Stücke, Haupt de« Tobten, da« sic mit ihrem Schleyer «er! hüllet. Ein Gesang Unsichtbarer läßt sich hören in sanften Tönen). Chor. Steig' hinunter zu den Schatten, Mit dem Schicksal ganzer Völker Schwer beladen. Deine Thatcn, Deinen Willen, deine Fehle Wagt und misset die gerechte, Linde Adrastea dort. An die Folgen seiner Thaten Bleibt der Geist mit ewgen Banden Angesesselt. Bös' und Gute Lohnen, strafen ihn mitfühlend; Bis, hinweggctilgt die Bösen, Ihn empfangt Elysium. Steig' hinunter zu den Schatten, Mit dem Schicksal deines Lebens Schwer beladen. Deine Tochter Tilget bald aus deine Leiden; Sendet bald von schönen Früchten Athem dir des Dankes zu. l .V / I I. Dramatische Stücke. t lg 5 . (Die Musik verändert sich. Die Pforten eines Innern hell- erleuchteten Tempels gehen auf, in dem zu Heyden Seiten fröhliche Arbeiter, und Arbeiterinnen, Erwachs»» und Kinder, mit mancherley Gewerben beschäftiget sind. Singend bey ihrer Arbeit). Bey de Chöre. Sie kommt, sie kommt, die muntre Zeit! In ihrem Hellen Jugcndschmuck, Aeonis kommt. Chor der Arbeiter. Ihr Blick belebet jeden Fleiß; Wie von der Sonne güldnem Strahl Die Welt erklingt. Denn Müßiggang ist ihr verhaßt, -Anmaßung, Krieg und Neid und Haß, Sie fliehen bald! Freut euch, ihr Mütter, Töchter ihr! Denn euer ist nun Bruder, Sohn Und Bräutigam. Chor der Arbeiterinnen. Freut euch, ihr Väter, Söhne ihr! Denn euer ist nun Bruder, Sohn Und Braut und Kind. Frey wie die Luft, und wie das Licht Erfreuend, ist nun unfer Fleiß, Und Geist und Herz. 120 I. Dramatische Stücke. Von süßer Arbeit flicht die Zeit, Die immerflechtcnde, den Kranz Dem Menschenheil. Bcyde Chöre. Sie kommt, sie kommt, die muntre Zeit! In ihrem Hellen Freudcnschmuck, Aeonis kommt. (Aeonis, die so lange vor dem Tempel harrte» betritt seine Schwelle. Im Bürgergewande das Recht, Wahr» heit im Priestergewande biete» ihr die Hand, sie einführend), , Aeonis. Seh' ich euch wieder, heilige Gefährten, Wohlthater meiner frohen Jugend, die Ihr mir mein bestes Ich, mich selbst, gewahrtet. Du, heilge Wahrheit, lehrtest die Natur, Du, heilges Recht, der Menschen Weise kennen, (Von Leid und Freude, Thorheit und Vernunft Ein sonderbar Gewebe;) wie aus Thorheit Nur Leid, und nur aus Tugend Freud' entspringt, Die daurendste. Ihr lehrtet bcyde mich Es Mitempfinden, wodurch Jeder litt, Durch Einen Biele, oft Unzahliche. Da pflanztet ihr in mich die cwge Liebe Für Recht und Wahrheit, nie verdrossen, sie Zu üben, jedem schlauen Hinderniß Sie zu entreißen, bis an meinen Tod. — O weichet nie von mir, und wenn ich euch Entweiche, straft mit euren Pfeilen mich Im Busen Nacht und Tag. Ich bin die Eure. (Au den Arbeitern und Arbeiterinnen sich wendend). I. Dramatische Stücke. i?.r Ihr Fleißigen, die ihr mich rufet, mich In Liedern preiset, euch beschützen sollen Die Wahrheit und das Recht; belohnen wird Euch euer Werk. Es darf nicht fremden Lohnes. Vorgänger und Gehülfen seyd ihr mir, Zn rascher Munterkeit will ich euch folgen. Die Wahrheit. (Sie nimmt einen Rosenkranz vom Altar des Innern Tempels). Nimm, die du deines Vaters greises Haupt Mit Veilchen deiner Jugend schmücktest, die du Jedwede Blüth' aus seinem Kranze sorgsam Vom Boden sammeltest; nimm diesen Kranz! Und jeder Dornbusch trage Rosen dir. Das Recht. (Nimmt den Konigsmantel vom Altar). Nimm, die du deines Vaters Heilgen Leichnam Mit deinem Jungfrauschleyer decktest, ihm Entsühnung auf sein Herz gelobctest, Nimm diesen Königsmantel, blau und glold. Rein wie der Himmel, wie die Sonne glanzend, Hell und erfreuend sey dein Regiment. Zum Purpur werde dieser Mantel nie! — Wie wird dein Name seyn? Aeonis. Agape. Recht und Wahrheit. Sey er's! irr I. Dramatische Stücke. Das Recht. (Au de» Versammelten). Des alten Aeons und Aretens Tochter, Aeonis, als Agape wird sie jetzt von euch Verehret und geliebt- Stimmen. Wir lieben sie. (Di- deyden Knaben treten zu ihr mit ihren Palmzweigen). B e y d e. Statt Schwert und Scepters nimm hier diese Palmen. Erster Knabe. Die Palme, guter Wille. Zweyter Knabe. Gut Gelingen. (Agape schwingt die Palmen und legt fle auf den Altar). Chor der Arbeiterinnen. Sie wehn uns Lust zu jedem Guten zu. Chor der Arbeiter. Und süße Ruhe nach gelungner That. Agape. Ihr überströmet mich mit Hoffnungen; Und doch entbehr' ich noch mein Theuerstes, Wo ist sie, meine Mutter? (Ein Vorhang hinter dem Altar geht auf. Arete in ihre Arme eilend). Meine Mutter! I. Dramatische Stücke. 123 Arete. Du, meine Tochter, nichts, nichts soll uns ttennen! Chor der Arbeiterinnen. Freudig singen Wir eure Äebe den Enkeln einst, Die schyn're Nachwelt sey Gesang von euch. Chor der Arbeiter. Dankbar tragen Wir eure Thg'ten in unsrer Brust, Die beßre Nachwelt sey euch Preis und Ruhm. (Ein Gesang der Unlichtbaren läßt sich hären). Aeonen weben den Gang Der Gestirn' und Erden und Menschen, Den Wahrheit zeichnete, den Fcsthalt das Recht, Und Lieb' und Tugend beleben. Sterbliche, betet an Den Gott der Aeonen; 124 I. Dramatische Stücke. 6 » P h i l o k t e t e s. Seenen mit Gesang. (Ungedruckt). Phi loktetes. (Eine einsame, felsigte, waldigte Gegend. Ln der Ferne sieht man das Meer). ' Neoptolem. Und hier In dieser grausen Wüste liegt Der hohe Philoktetes verworfen So lange schon! — Dem einst, dem einz'gcn Sterblichen, Alcides seine -Pfeile In Octa's Flammen gab. Er liegt verworfen Und seine Pfeile ruhn! I. Dramatische Stücke. 12b Kaum fristen sie dem Elenden, Verlassenen in dieser Wüsteney Sein krankes Jammerlcben! Hier die nackte Höhle! da Sein Bette, wildes Laub! Ein edler König! — Götter! Ihr schätzet theuer eure Gaben! — Sieh, Sein armer Becher! ach! und da Zerrißne Binden, eitervoll Non seinen Leiden! ^- Unglückseliger, Wo bist du? irrest um Nach einer Speise! suchest dir Den einigen Arzt, den einzigen Freund, Ein schmerzenlindernd Kraut! — — Weh mir! Und Ihn Soll ich vcrrathen? Ihn Nach Troja zwingen? Vaterland Und Göttecwort und Gricchenheer, Was foderst du? — Pflicht, Erbarmen, Was wähl' ich mir? Weh dir Armen! Wehe mir! Vater Pelides, Ich rufe dich, Nett' ihn, Alcides, Rette mich! Ich höre Töne! ach! Ein Aechzender, ein Wimmernder — er klaget, Die Felsen klagen nach. P h i l o k t e t. Komm bald, o liebe Höhle, Mein Aufenthalt! I. Dramatische Stücke. 126 Der Pfeil, er brennt gewaltsam, Komm bald! Wohin umber ich blicke, Ist öder Wald. Komm bald, 0 lieber Schlummer, Komm bald! Kein Retter hier, der Tod ist Mein einz'ger Freund. Kein Auge, das mich tröstet Und weint. (Er erblickt NeoptoleMl. Ha, ein Lebendiger, ein Grieche! — Du , Freund, Jüngling, Grieche, sprich, Wer bist du? — Ach! er bebt Vor Meiner wilden Waldgestalt. O Sohn, erbebe Nicht! Ich bin ein elender, Verlassener, verschmähter Kranker! ^ Hier Wo lange Jahre schon Mein Auge niemand sah, Wie kommest du Verschlagen in die Wüsteney? O rede! Laß Huldreicher Mund, laß noch Einmal Der Griechen süße Stimme Mich hören. Ne 0 pt 0 lem. Ich bin Neoptolcm!^ P h i l 0 k t e k. Achilles Sohn! DeS tapfersten der Helden, du, I. Dramatische Stücke. 127 Sohn meines Freundes! — Und wo ist Er? Neopto lem. Im Grabe! — Phil 0 ktet. , Ach! Und ich hier lebe noch! Nimm, Frcundesschatte, diese Thräne! — Ne 0 ptolem. Unglücklicher, Was trauerst du Um fremde Leiden? Ihn Hat Phöbus nur besieget!— Aber Mich Verachteten die Griechen, weigerten Mir meines edlen Vaters Waffen, Drum geh' ich. P h i l 0 k t e t. Wohl von dem Heere, du edler Jüngling, auch ge schmäht, Von den Treulosen, Undankbaren Geschmäht, wie ich! — Neopt 0 lem. Und wer bist du? Phil 0 kcet. O Jammer, daß der leere Hall Auch nicht mein Unrecht nennt! — Sieh, Edler, ich bin Philoktet, 123 I. Dramatische Stücke. Und dies sind Herkuls Pfeile! und Hier frißt die Otter mich! — Da klagt' ich (der Elende kann Nur klagen). — Da Verdroß mein Jammer sie. Hartherzige! sie störcte Mein cinz'ger Trost. Und da ich hier In Friede schlummre, rauben sie Mir meine Schiffe, rauben sie Mein Volk und lassen mich Hier! O denke, Jüngling, dir, als ich erwachte, mich, Und diese Felsen sah! Ich bebte, fluchte, heuletc, Umsonst! So sind mir nun Der langen Jahre zehn dahin, Und, Gottheit, kommst nun du! Erbarme dich! Rette mich! Um aller Götter willen, Ein Elender umfaßt dein Knie, Laßt mich nicht hie! Um meines, deines Vaters willen, Kannst mein Gebet so leicht erfüllen, Mich retten ist dir ew'ger Ruhm — Bist du noch stumm? Erbarme dich! Rette mich! Um aller Götter willen! Ein Elender umfaßt dein Knie, Laß mich nicht hie! Nevpto- I. Dramatische Stücke. 129 Ne 0 ptolem. O wüßtest, Philoktetes, du, Womit ich kämpfe! — Komm! Ich will, und wollte gleich! Phil 0 ktet. Du willst? Ich Elender genieße Noch einen Freudenblick! Du tauschest mich doch nicht? Dich wird doch nicht mein Grauen, nicht Mein Jammer reuen? Nein! Achilles Sohn! du willst und wolltest gleich! So komme denn! — Wie ist mir? — Ist cs Traum! Ich scheide, scheide noch Von dieser Wüsteney! Ich soll mein Land, ich werde Noch meinen Vater sehn, Wo er nicht schon mit deinem Im Grabe ruht — Leb wohl denn, liebe Höhle, Mein Aufenthalt' Seh bald nun meine Fluren, Nun bald! Leb wohl, du bunt Gefieder, Und Wild und Wald! Seh bald nun all die Meinen, Nun bald! Hab aus nun hier gcklaget, Ich seh, ich seh- (Die Töne hemmen, andern sich, der Schmerz beginnt). Herders W. z. sch.Lit. ».Kunst. VI. I ^tüeLe. I. Dramatische Stücke. »3ci Ach Schlange, brennst gewaltsam Weh weh — Neoptolein. Wie wird dir? Philo ktet» Ach! Neoptolem. Sage mir Philoktet. Ach! O nichts, Mein Sohn! Ich fühle Linderung — Ihr Götter, weh!-Es reuet dich doch nicht? — Mein Sohn, dich reuet nicht ! Ach Gott! ach Gott! — Es lobt In Meinen Adern! Glut, Hölle, Brand! — Gicb mir dein Schwerdt! — Ertödte! — Schlage! — Ach! Nimm diese Pfeile, treuer Sohn! — Da sprüht das Blut! Ich traue dir, o Sohn! Ich werde schlummern! — Weh! Zum Herzen, Tod! Heilige Erde, Nimm mich auf! (Sr sinkt hi»). Neopto lem. Der Schlummer kommt, der treue Freund Der Elenden! I. Dramatische Stücke. Sein Haupt erblaßt — von kaltem Schweiße traust Sein armer Leichnam! — Und da sprüht Schwarzes Blut! — Chor der Nymphen und Dryaden. Schlummre sanft zum letztenmale. Sanfte, süße Nuh; Hier zum letztenmale lispeln Wir dir Kühle zu. Ruhm und Heil und Wonne schweben Nah schon über dir! Aus ist hier dein Jammcrleben, Ausgestanden hier. Aber noch zum letztenmale Steht dir Kampf bevor! Ueberwinde! Held Alcides Stieg im Kampf empor. Schlummre sanft zum letztenmale, « Traume Sieg und Ruh! Groß, wenn heut du überwunden. Groß, o Held, bist du! Philvktet (erwachend). O schönes Licht, kann ich dich Wiedersehen! Und treuer, treuer Freund, Du standst dem Armen Key. Wohlan! Laß uns aufs Meer! Die Winde sausen schön! All meincn Schatz und Haabe Die Pfeile, hast du ja . In treuer Hand! — I 2 I. Dramatische Stücke. i3u Du zögerst, zitterst? Ach! So reuet dichs? So hat mein Schmerz Auch dich geschreckt? — L> wirf Elenden mich In eine Enge ! — Nur verlaß mich nicht — Und bring' und bringe mich Ins Vaterland! — N e opto l e m. Ich kann nicht trügen, Mein Herz zerbricht! Die Götter fügen, Die Menschen nicht! Bey diesen Pfeilen In meiner Hand, Du mußt nach Troja! — Nicht ins Vaterland! Philokt et. Nach Txoja? Nein Eieb mir die Pfeile. N e o p t ol em. Nein! Ich bin hieher gesandt. Ich kann Den Schwur nicht brechen. Griechenland, Die Götter federn dich! — P h i l o k t e t. Treuloser, und du wägetest Auf mich zu schwören! Kämest her I. Dramatische Stücke. »33 Mich zu betrügen? Lüstetest Mit mir zu triumphiren? Du, Achilles Sohn! Ich trauet' ihm, o Götter, Mein Leben an, Er kam, mich zu verrathen, Er hats gcthan! Sey Zeuge, Fels und Höhle, Betrognen mir! Ich kann es niemand klagen, Ich klag' cs dir! O Sohn Achilles, kehre wieder! Denke Wen du betrogest, einen Elenden, Der dir vertraute! Denke An meine Freuden, da du sprachst, Ins Vaterland! — Neoptolem. Es ist der hohen Götter Wort, Du mußt nach Troja! Alcides Pfeile Erobern Troja nur. Du mußt Nach Troja. P h i l o k t e t. Zu den Treulosen, Den Undankbaren, daß sie mich Verhöhnen, meiner spotten! Bin ich nicht Auch fteygebohren? — Wer Will mir gebieten? I. Dramatische Stücke. Neoptolem. Nun so bleibe» Verschmachte hier allein! P h i l o k t e t. Grausamer! sieh! er geht Mit meinen Pfeilen — laßt mich hier In Klauen der Hunger-Furien Langsam verwesen! — So komm denn, Jammerhöhle, Ich laß nicht ab, Ich will mich an dich klimmen » Sev noch mein Grab! — Weh mir Betrognen, weh, weh, weh! Wo ich bin, wo ich um mich seh, Da streists auf Bergen blutdürstiglich, Komm Wild von Bergen, zerfleische mich! Die Wunde glühet, Dolch und Brand! Seyd Mord ihm, Pfeil in Vcrrathers Hand Weh mir Betrognen, weh, weh, weh! Wo ich hin, wo ich um mich seh, Sie kommen, die Furien der Hungersnoth, O komme, Tod! Ich trauet' ihm, o Götter, Mein Leben an — Er kam, mich zu verrathen, Er hatS gethan! — I. Dramatische Stücke. >35 Neoptolem. Nein! nicht verrathen? Nimm Die Pfeile wieder, und sey Grieche, Sey Mann und komme frey! — P h i l o k t e t. Weh mir! ein Glanz! der Himmel bricht — Alcides, seh ich dich? Herkules (erscheint). Kleinmüthiger! um deinetwillen komm' Ich vom Olympus nieder! Denkest du Alcides Pfeile dir umsonst In deiner Hand? Gedenke, Nach welchen Leiden, welchem Dulden — In welchem Flammenmeer und Schmerz Ich zum Olympus aufstieg! auf, Und fasse dich! Verzeih' und überwinde Mir nach! — Vor Troja blüht Mit meinen Pfeilen dir Gesundheit, Sieg und Ruhm! P h i l o k t e t. O Göttlicher! o Himmlischer! O Vater! Sieh! ich knie Und folge dir! Gleitet schnell, ihr Wellen! schwindet hin, ihr Winde, Daß ich bald das Ufer finde, ' Wo mein Sieg den Kranz erreicht. 1Z6 I. Dramatische Stücke. Alles, Alles wird im Ueberwinde» Leicht! Chor. Alles, Alles wird im Ueberwinde» Leicht! PH i l o k te t. Edler Jüngling, statt mich zu betrüge», Halfest du mir mich besiegen! Neopto le m. Wer sich unters Schicksal schmiegt, Hat's besiegt! Chor. Wer sich unters Schicksal schmiegt, Hat's besiegt. I. Dramatische Stücke. 187 6 . Brutus. Drama zur Musik. (Ungedruckt.) B r u t, y 8. Erste Handlung. Erste Seene. (Eine Straße Roms, Nacht, Ungewitter») Cassius. Welch eine Nacht! so fürchterlich, So grausend! Flammcnheer' Am Himmel kampfend! Und der dunkle Hitymel Zersplittert. Will die Erde Beben?-Walzen iZ8 I. Dramatische Stücke. Nicht untcrird'sche Donner? — Alles heult! Mit offnem Feuerrachen brüllt, Ha, welche Löwin! Götter! Es zittert Rom Mit Tempeln und Pallösten! bebt, Wie unter Casar; Sclavin! falle, Wie unter Casar! — Wenn ibr braus't, Ihr Element', und bangt und tobt! und Alles Nothfühlendc wehklaget! ächzt Ob eures Grimmes Schicksal! Zu Rom und Casar! Wuth und Elend! Die Löwin brüllt und bebt und flieht! Und jene Schmeichler bleiben — bebend Im Staube! — Cäsar! — was ist Er, Ich nicht? — Ein Mensch, wie ich! muß ängsten, schmachten, siechen! — Ein sterblich Thier! — Und Casar Ein Gott! der Ein' auf Erden! alle Welt Für ihn da, kriechend, schmeichelnd! — Donner, kommst du wieder — Nicht auf mein Haupt? was säumst du, Schreckenbild Don Cäsars Hohn-Wuth! Tödte! nimm Mein elend Sklaven-Leben! Elend Leben! Mühselig, ohne Muth Hin sich leben, Zm Staube kleben, Wurm im Blut Sterbender Wurme beben, Elend Leben! I. Dramatische Stücke. Freyheit! Gottheit! unter allen Wettern Mein Gut! Freyheit! vor Tyrann und Höllengöttern! Tödte Dolch! fließe Blut! Zweyte Scene. (Die Feinde Casars versammelt in Pompejus Halle). Cassius. Ihr Brüder, edle Römer, seyd In welches edlen Römers Hall'! Er sank, Der hohe Mann! Pompejus sank im Blut Durch Schicksal und Verrath dem Jünglinge, Dem alle wir im Blute liegen. Wir Nicht Römer mehr, nur Römerschatten, gehn, Ein Leichnam nur daher, den sein stolzseliger Dämon bewüthet! bebt nicht Ihm Die weite Welt? Auf Einen Wink Verbannt, gefangen wir und sehns und dulden! — Ihr Römer, wer, der mehr als sehn Und dulden will für Vaterland Und Freyheit? Die Verschwornen. Wir, wir alle! C a s s i u s. Wer, Ders wagen kann, zu wählen. Tod Tyranncns oder Seinen? — i j/H.' » 4 « I. Dramatische Stücke. Die Verschwornen. Wir, wir alle! Ca ssius. Der Heb' auf den Dolch und schwör's empor, Zu retten Rom und Römerherz Und Freyheit! Die Verschwornen. Alle! CassiuS. Hört, Es donnert! donnernd hat's Der Himmel mit geschworen! — Äuf! Pompejus Geist ist um uns! Mittemacht, Dein heilig Grausen weht um uns! Sey Zeuge Dem Heilgen Wort, und werd' es That! — Fallen soll er! Alle. Er soll fallen Hoch von seiner Allmacht Thron! C a ssi u s. Rom gerächt, gerettet werden. Alle. Von uns allen! von uns allen! I. Dramatische Stücke. Eassius. Opfer sinken! Er zur Erden! Alle. Bon uns allen! Rom, dein Festtag nahet schon! Ca ssius. Großer Tag, blutig schön, Die Nachwelt wird ihn ueidend sehn Und schaudern, „er war schön!" Fallen soll er! Alle. Er soll fallen Won uns allen! Rom, dein Festtag nahet schon! Dritte Scen». (Brutus Wohnung). Brutus. Porcia. Porcia. Im Grame tief! Was wälzest du In deiner Seele, Brutus, So lange schon? Dein Leben steht! ein schwerer Traum! Als pflegen droben im Muthe dir Die hohen Götter Rath! — r-t» 1. Dramatische Stücke. Und schwelgest? Nacht und Tag In schwerer Ruhe, öd', allein, Versunken! — — Brutus, Ist Cato Tochter, Brutus Weib, So lange Brutus Weib, Genossin nur Des Thierlebens? — Mitgenossin nicht Der Seele — seines Leids Und seiner Freuden? Sich! Das schwache Weib, eh's zu dir trat, Erst selbst verzagete Es seiner Tugend, seinem Muth Zu schweigen und zu leiden! — Sieh, Da prüfet's seinen Muth Mit dieses Stahles Wunde!- (zeigt ihm die Wunde; die Instrumente des AccomPagne- ments in immer steigender Bewegung drücken Leid und Freude, Schmerz und Verwunderung aus). Die Wunde blutet! doch Sie schmerzet nicht, O minder noch die Wunde — Brutus, Noch schweigest du? Brutus. Das Vaterland, Es liegt und jammert! Niemand reicht Dem sinkenden die Hand! Sie bleicht! Mein Weib, Sie blutet! — Götter, scy Ich ihrer werth! Das Vaterland, Es liegt und jammert! Niemand reicht Dem sinkenden die Hand! — I. Dramatische Stücke. VicrteScene. Brutus (allein). O könnt' er sonder Tod ersterben! fallen, Und nicht sein edles Herz verbluten! Er, Mir Vater, Freund und Bruder! Fehlend So edel — grausam edel! Casar, Mein Leben, traut sich mir! — Und Durch mich sei) er nicht mehr? Soll Valcrherz Die Hand durchbohren? Vatersblut Du Dolch mir einst in starren Tropfen zeigen? Grausam! --Und soll er leben? Soll Verjochen Vaterland? Soll Tugend, Recht Aus aller Welt verbannen? Und wird er's nicht? Und hat's gethan? Die Krone Der Welt ihm schon bereitet! Wenige, Die's fühlen, und die wenige Vertrau'n sich mir, Rom, Freyheik, Tugend, Welt zu retten und —- Ich zweifle? zögre? opfre mir Allein in Casar — mir? Schwach Gefäß, voll Streit und Kummer Menschenherz! Muthgedanken, Wahngedanken Streiten, zanken, Bis ein Schlummer, Ach, ein öder Todesschlummer Drückt das Herz Niederwärts! Du willst siegen, Freundeshand? 144 ! Dramatische Stück. Und erliegen, Vaterland? Tand! Tand! Schwach Gefäß, voll Streit und Kummer Menfchcnherz! Fünfte Scene. Brutus. Die Wer fchwornen. Brutus. Sie kommen, die Verbündeten, verhüllt! (O Mordverrath, so auch der schwarzen Nacht Mußt du dein Haupt verhüllen?)- Wer, Freunde, seyd ihr? — Alle Send edle Römer, wcrth der That, Die groß wird feyn und ewig! Brüder! Ach! nicht auch blutig? —- Aber, nun — Wohl, ich bin mit euch, Römer! schlummre nicht. Er falle! fall' ein Opfer Gottes! Der Freiheit Opfer! — Reicht Die Hände! — Schwören nicht! — Wir halten! — Echt Erheitert Brüder; unumwölkt Die Stirn mit Mörderwolken! Seht, Der Tag bricht an, nach solcher Nacht, nach Grau'» und Tprannep Der Freyheit schöner Morgen! Sie -- I. Dramatische Stücke. 14t» Sie thun's, die Götter! Der Menschen Hand Ist Waffe! Wir weihn, wir weihn die Hand Fürs Vaterland! Chor. Fürs Vaterland! Sie sehn's, die Götter! Unser Sinn Blickt nicht auf Wuth, auf Blutchat hin, Auf Freyheit hin! Chor. Aus Freyheit hin! Zweyte Handlung. (Musik, die Casars Tod fern verkündiget). Erste Scene. Casar vorch Capitol. (Morgen). Wenn alles zitterte, was sollte mich Die Nacht erbleichen? Wunder? Weissagung? Aberglaub'. Stimme. Hinan! Antonius. Sie drangen sich um Casar! Dolche, Mörder! Er fallt! Herders W. z. sch.Lit. ».Kunst. VI. K Uran,. LtücL«. 1^6 I. Dramatische Stücke. C a sa r. Auch du, mein Brutus! Antonius. Ach! Er sprach's und hülle? ein Sein Angesicht in Todcsnacht und sank — Und liegt, wie wundenvoll, wie blutend! „Auch du, mein Brutus !" und es brach Sein holder Blick! sein hoher Geist Floh auf, von blut'ger Freundeshand, Verzeihend! — Ach! du, edler Mann, Treulosen Freunden nun zu Füßen! Des Feindes todtem Bilde nun Zu Füßen — o gefallen tief! Ein Edler schnöd' erschlagen! — dem Die Welt nicht gnügete. Der hohe Geist! das große Herz — — Schmaler Raum — Und schlagt im Blut! — Stimme t. Armseligkeit! Des Menschen Geist, Er umfaßt die Welt, Fleucht in Sterne, Baut in Ferne, Sich Ewigkeit, Und fallt und fallt In den Staub. — Stimme 2. Mühfeligkeit! Des Menschen Herz, Es hat nimmer Ruh, Immer wallend, Steigend, fallend, Ein Abgrund weit! Und schleußt sich zu In das Grab. I. Dramatische Stücke. 147 1. Des Edlen Geist! Ich sch! Er erflcucht Den Olymp! Es preist Der Olymp willkommen den edlen Geist. „Zu groß, zu groß der Niedecwclt!" 2. Des Tobten Geist! Ich seh'! Er ersteigt Aus der Gruft einst! reißt Sie hinab, die Mörder! Rom fallt! fallt! O war'! 0 war' er dein nun, Welt! Armseligkeit! Mühseligkeit! Zweyte Scene. Brutus vor dem Volke. Ihr schaudert alle, Römer! Hort, Warum wir schaudern! Casar fiel, ' Und Brutus stieß ihn nieder! Casars Geist Stieß er danieder! Sein Tyrannenherz! Den Kncchtcgeist! Hakt' Einer Den lebend tobten können, Brutus Das können — Cäsar lebte! Aber wer Vermocht's, dis Allgewalt, Den Göttcrgcist zu zwingen? Seht, er ist, Er ist bezwungen! Tyranncy Liegt stumm im Blut! der Freyheikmördcr, Sohn, Dec's Vaterland verjochte, stumm K 2 I. Dramatische Stücke. Im Blut! — Seyd frcy, ihr Römer! BrutuS will Nicht Casars Thron, weil diesem Thron Den Grössten, Edelsten, weil seinen Freund Er diesem Thron entfließ. Die That Ist recht und gut! und scy sie glücklich! Molk. Triumph Dem edlen Brutus! Dem Vater Roms! dem Tyranncnsiegcr! Dem Freyheitstifter! Kronen, Triumph! Dritte Scene. Antonius vor dem Volke. So gönnet, edle Römer, dann Noch Einen Blick dem edlen Casar! ach! Ein Leichnam! blaß und blutend! wie Zerrissen! Seht sein Kleid, Von Fcindcspftilen einst Durchbohret dort und da! Die edle Brust durchbohrt so oft Mit Siegerwunden — Römer, Fluch! Auch jetzt für euch durchbohret! Arme Wunden, Umsonst, daß ihr einst flösset! all umsonst, Daß du einst Erden unterjochtes, Welten Rom gabst, ihm Vater warst und Vater euch. X I. Dramatische Stücke. ->49 Nie Testamente! Römer! ungeracht Fließt da das Blut, das schon erstarrt! Verzeih, o Blut! verzeih Du stummer, kalter, blasser, holder Leichnam! Und der du schwebst hier, Casars Geist! Verzeih, dein Waise kann Für dich nicht reden! Feindesherzcn, Nicht deiner Freunde Herzen rühren! Sie verzeiht. Dem Mörder, wie du ihm verzeihst! Du wirst Hier unbeweint und ungeracht Verwesen — Volk. Triumph Dem edlen Casar! Dem Vater Roms! dem Weltenbezwinger! Rache den Mördern! Rache! Blut! Einer ans dem Volke. Sie fliehn! sie wüthcn! wüthcn Rache, Grausames Spiel, der Menschen Rath! Brutus Göttersache, Ist nun Lastcrthat! Dunkel ist des Schicksals Pfad, Auf des Weltmeers rollenden Wogen Hier hinunter nun geflogen Dies Schifflein unter die Wogen — Wer, der's that? Sie fliehen! sie wüthcn! wülhen Rache, I. Dramatische Stücke. Grausames Spiel, der Menschen Rath! Brutus Göttersache, Ist nun Lasterthat! Dritte Handlung. Erste Scene. * Brutus. Sieh, Cassius! die Götter wollen's so! Da sind wir! Fcinde Roms nun, die für Rom Den besten Freund aufopftrten! den Freund, Der mich im Todesstich umarmte. — —- Wollüstlinge! Anton und Unterdrückung siegt! Es siegt Die böse Sache Roms — die Götter lassen Uns sinken! — Wer versteht, o Cassius, Der Götter Waage?-Auch mein edles Weib Ist todt aus Gram, und schweren Todes Gestorben! — Alles flieht uns! ist entronnen Ehre, Der Pöbelhauch! er hauche weg! — Mir gleich Feind' oder Freunde Roms! Im Herzen nur Freund Roms und Vaterlandes Freund und wertst Der Welt und Menschen. Grämt, o Cassius, Dich selbst der Götter Richten? Weißt du, Cassius , Denn, wie sie richten? — Aber daß im Leben Mich keine Menschenseele je verließ! Kein Freund mir untreu ward — o Bruder, I. Dramatische Stücke. r5r Das ist mir süßer Blick im Tode — — Komm, laß uns die letzten Stunden Noch genießen, Bruder, Freund, Was ich auf der Welt gefunden, Keinen Freund Hab' ich gefunden, Der's unedel mir gemeynt. Ha, wenn wir uns dort begegnen — Wenn wir, was wir hier gewählt Und verfehlt, Ruhig dort verseynen, Bruder, Freund! — Zweyte Scene. Brutus (gegen Mitternacht). Sie schlummern alle! auch mein Cassi'us! — Mein treuer Lucius ist ob der Abendharf' Entschlafen, und die Saiten lispeln noch Den letzten matten Stcrbcton — komm du! O Sokrates, wie du von hinnen gingst, Und sey mein Lehrer der Mitternacht! du große Seele Mein Wohllaut in den Schlummer! — Auch Er Ging scheiternd unter, sah die Folge nicht — Die Wahrheit und der Tugend Schöne siegte Erst spat — sah's sterbend nicht! — und doch Wie göttlich starb er! — Götter, was ist das? Ein Wahnbild meiner Augen! Blasses Bild, Grauser Schatte, wer bist du? — „Brutus! „Dein Todesgeist!" — Und, Lodesgeist, was ists? »52 I. Dramatische Stücke. „Daß morgen zu Philipp! du mich sehen sollt!" So sch' ich dich! — Er ist verschwunden! — blaß Und grausend. — Alle schlummern! — Schlum» mernder Freund Cassius, mein Ende naht! — Ich soll Ihn zu Philippen sehn! — Woblan! Auch Casar Werk' ich dann sehn! Und heiter wird er mir Begegnen, wie er starb: „Auch du, mein Brutus!" Kommst — Hast auf der Welt des Jrrthums dich geirrt An Tugend! ich an Größe! — bist erlegen, Wie ich!- Rings um meine Seele schwimmt Welche Nacht! Zauberhülle — Arme Schatten, die sich fanden Unten hier und strebend — Und einander widerstrebend schwanden — Abgelegt nun eure Hülle, Welch ein Blick auf diese Welt! Entnommen Nun dem Taumel dieser Welt Die sich hier als Schatten fanden, Wähnten, ahneten, verschwanden. — Wenn sie dort zusammen kommen, Welch ein Blick auf diese Welt! Komm, grauser Genius! der Vorhang fallt. Gesiegt — ! Nichts mehr! — ich bin in andrer Welt. I. Dramatische Stücke. i53 Letzte Scene. BrUtllS (unter dem Sternhimmel zu Philipp!). Aus ists! Roms Heil! die Freyheit! Alles Gut Der Erd' erloschen — Ucbcrwundcn! nun Die Knechtschaft obgesiegt! auf immer Nom Verloren! — Armes Nom! Tyrann wird auf Tyrann Dich frohnen! dich im Blute baden! dich ohnmäch- tig, Aufopfern, Priestern und Barbaren — Gräber Der Väter! unsre Gräber! — welche Welt Wird auf euch wandeln! Urnen suchen, und — Ob ihrer Väter Urnen nicht erröthen! wird Verargen immer! Tugend! — ach! ich hoffte, Freystatt dir auf der Erd' zu hintcrlaffen! Ich hofft' umsonst! du bist verschwunden! — Verschwunden , Weil Römer - Freyheit stirbt! Rom stirbt! — Was weiß ich, Was nachbleibt und wohin ich geh'? — Ich stand — (Die Götter würdetcn mich's), auf dem Rande Des Abgrunds! Scheidepunkt! stand zwischen Freyheit Und Elend! wollte Freyheit retten, ewigen! Vollbrachte letzte Freyheitthat — ich sch' Mißlingen sie! — und sterbe freu und froh Der Letzte! — Edler, schöner Tod, auf welch Ein ehrenvolles Leben! — Himmel Voll Sterne, tu bist schön! — Die Götter rufen I. Dramatische Stücke. Wohin mich unter Sterne? — Genius, Ich sehe dich! ich komme!- EafsiuS. Er ist entflogen Der Pfeil! Sein Bogen Liegt ausgcspannt! ermattet schwer, Und droben wandeln die Sterne daher. Wo auf aller Erde Gründen Ist, wie Er, Ein edler Feind, — Kein edler Freund zu finden. Er ist entflogen. Dichtungen i. Paramythien. Dichtungen aus der griechischen Fabel. (Zerstreute Blatter Sammlung r. 178V.) Bruchstück aus einem Gespräch. Thean 0. Paramythien? Was bedeutet das Wort? D c m 0 d 0 r. Paramythion heißt eine Erholung; und wie Guys erzählt, nennen noch die heutigen Griechinnen die Erzählungen und Dichtungen, womit sie sich die Zeit kürzen, Paramythien. Ich konnte den meinen noch aus einem dritten Grunde den Namen geben, weil sie auf die alte griechische Fabel, die Mythos heißt, gcbauet sind und in den Gang dieser nur einen neuen Sinn legen. II. Dichtungen. r5U Thcano. Ein schöner Name zu einer schönen Sache: denn Dcmodor, ich wünschte, daß ich alle abgetragene, zu oft gebrauchte, Mährchen der Mythologie wenigstens in einer neuen Absicht wieder kommen sähe. Ja, mir wäre es lieb, wenn ich jeden schönen Gegenstand um mich her mit einer Dichtung aus alten Zeiten gleichsam verwandeln und neu zu beleben wüßte. Demodor. Versuchen Sie cs, Thermo, und Sie werden unvergleichbar schönere hcrvorbringen, als hier versucht sind. Wissen Sie, wie diese entstanden? Durch das Spiel eines Wettstreites auf einigen Spaziergängen. Zwey Einsiedler gaben sich auf einigen ihrer Spaziergänge Gegenstände auf, darüber eine Fabel, eine Dichtung oder was ihnen sonst einfiele, zu sagen. Ich war einer derselben, setzte auf, was gesagt wurde, und so sind diese Erzählungen worden. In einigen werden Sie noch Spuren des Wettstreites finden. Th e a n o. Ein Spiel, das nicht jedem glücken wird. D emodor. Ihnen gewiß, und ich sehe schon schöneren Pa- > ramylhicn über einige Ihnen geliebte Gegenstände entgegen. Niemals dichtet die Seele angenehmer, als in solchen Spielen, und ich wollte, wie schon Lcssing be» der äsopischen Fabel gesagt hat, daß II. Dichtungen. 169 mein auch Kinder darin übte. Die alte Mythologie würde ihnen durch diese Verwandlung lieb werden, ihre Erfindungskraft wird geschärft, und ich bade Proben, wie naive Gedank.en zuweilen aus der Seele eines Schooskindes der Natur, das alle Gegenstände noch mit neuer frischer Liebe ansteht, lieblichen Knöspchen gleich, hervorkeimen. Da sie diese kindliche Einfalt lieben, Theano, will ich Ihnen zu einer andern Zeit einige derselben miltheiien. Th eano. Und ich will versuchen, ob ich auch noch Kind seyn kann, und mir einige Gegenstände jugendlich mahlen. Wenn nicht so blumenreich — D e m 0 d 0 r. Das Blumenreiche gehörte hier zu den Gegenständen; sonst wäre cs ein Fehler. Je schöner Ihre Dichtung seyn wird, desto weniger hat sie des Schmucks nvlhig. Sie kennen das griechische Epigramm : Schön bist du, Aglaja, die ringsum alles verschönet , Schön im Schmucke; doch nackt bist du die Schönheit selbst. Der Verfasser. 11. Dichtungen. 'ün Die Morgenröthe. Eine Schaar fröhlicher Mädchen beging mit Tänzen und Lobgcsängcn das Fest der Aurora. „Schönste, seligste Göttin, sangen sie, du in Rosen,gestalt, in ewiger Jugendschönheit! Täglich erwachest du neu, gebadet im, Quell des Genusses und der erquickenden Blüthe!"' — Als eben, da die Sonne aufging, Aurora ihr Gespann zu ihnen lenkte und vor ihnen stand, die schönste, aber nicht die glücklichste aller Göttinnen. Thränen waren in ihren Augen, und der Duft des Schlepers, den sie von der Erde gezogen hatte, lag wie eine feuchte Wolke vor ihrem leuchtenden Rosenantlitz. Kinder, sprach sie, die ihr mich mit Lobgesan- gen ehret, eure jugendliche Unschuld hat mich hcrge- zogcn, euch mich, wie ich bin, zu zeigen. Ob ich schön sey? sehet ihr selbst; ob ich glücklich sey? mögen euch die Thränen sagen, die ich täglich in den Schoos meiner Schwester Flora weine. Unbedachtsam in meiner Jugend, vermahlte ich mich jenem alten Tithonus, aus dessen Armen ihr mich täglich so früh emporeilen sehet. Ihm und mir zur Strafe ward ihm seine graue Unsterblichkeit ohne Jugend, die auch mir, so lange ich bey ihm bin, Glanz und Schönheit raubet. Deswegen eile ich so früh an mein kurzes Geschäft, die Schatten zu verjagen, und verberge mich Tagüber im Strahl der Sonne, bis ich von ihm, so bald er mich wieder erblickt, mit II. Dichtungen. i6r mit Thranen und Schaamröthe in sein graues Bette hinuntergezogen werde. Spiegelt euch, ihr Mädchen, an meinem Beyspiel, und glaubt nicht, daß die schönste von euch auch die glücklichste seyn müsse, wenn sie nicht auch so weise als schön ist und sich »inen ihr gleichen Gatten zur Glückseligkeit wählet. Aurora verschwand; aber ihr Bild glänzte fortan den Mädchen in jeder Thräne des Thaues wieder. Sie priesen sie nicht mehr als die glücklichste der Göttinnen, weil sie die schönste sey, und wurden weise durch ihr Exempel. Der Schlaf. In jener Schaar unzählbarer Genien, die Jupiter für seine Menschen erschaffen hatte, um durch sie die kurze Zeit ihres mühseligen Lebens zu beglük- ken und zu vergnügen, war auch der dunkle Schlaf. „Was soll ich, sprach er, da er seine Gestalt ansah, unter meinen glänzenden gefälligen Brüdern? welches traurige Ansehen habe ich im Chor der Scherze , der Freuden und aller Gaukeleye» des Amors? Mag es seyn, daß ich den Unglücklichen erwünscht bin, denen ich die Last ihrer Sorgen entnehme, und sie mit milder Vergessenheit tränke. Mag es seyn, daß ich dem Müden gefällig komme, den ich doch auch nur zu mühseliger neuer Arbeit stärke. Aber denen, die nie ermüden, die von keiner Sorge des Herders W. z, sch. Lrt. u. Kunst. VI. H Dram. Stück- »6-2 II. Dichtungen. Elendes wissen, denen ich immer nur den Kreis ihrer Freuden störe? " Du irrest, sprach der Vater der Genien und Menschen, in deiner dunklen Gestalt wirst du aller Welt der liebste Genius werden. Denn glaubst du nicht, daß auch Scherze und Freuden ermüden? Wahrlich, sie ermüden früher als Sorg' und Elend, und verwandeln sich dem satten Glücklichen in die langweiligste Trägheit. „Aber auch du, fuhr er fort, sollst nicht ohne Vergnügungen seyn; ja in ihnen oft das ganze Heer deiner Brüder übcrtrcffen." Mit diesen Worten reichte er ihm das silbergraue Horn anmuthiger Traume. Aus ihm, sprach er, schütte deine Schlummerkörner, und die glückliche Welt sowohl, als die unglückliche, wird dich über alle deine Brüder wünschen und lieben. Die Hoffnungen, Scherze und Freuden, die in ihm liegen, sind von deinen Schwestern, den Grazien, mit zauberischer HaNd von unsern seligsten Fluren gesammlrt. Der ätherische Thau, der auf ihnen glänzet, wird einen jeden, den du zu beglücken denkst, mit seinem Wunsch erquicken, und da sic die Göttin der Liebe mit unserm unsterblichen Nektar besprengt hat: so wird die Kraft ihrer Wollust viel anmuthiger und feiner den Sterblichen seyn, als alles, was ihnen die arme Wirklichkeit der Erde gewähret. Aus dem Ehor der blühendsten Scherze und Freuden wird man fröhlich in deine Arme eilen: Dichter werden dich besingen, und in ihren Gesängen dem Zauber deiner Kunst nachbuhlen: selbst das unschuldige Mäd- » II. Dichtungen. i63 chm wird dich wünschen, und du wirst auf ihren Augen hangen, ein süßer beseligender Gott. — Die Klage des ^Schlafs verwandelte sich in tri- umphirenden Dank, und ihm ward, die schönste der Grazien, Pasithea, vermahlet. Der Tod. Ein Gespräch an Lessings Grabe. Himmlischer Knabe, was stehest du hier? die verglimmende Fackel Nieder zur Erde gesenkt; aber die andere flammt Dir auf deiner ambrosischen Schulter an Lichte so herrlich! Schöneren Purpurglanz sah ja mein Auge nie! Bist du Amor? — ' „Ich bins! doch unter dieser Umhüllung Ob ich gleich Amor bin, heiß' ich den Sterblichen Tod. Unter allen Genien sahn die gütigen Götter Keinen, der sanft wie ich löse das menschliche Herz. " Und sie tauchten die Pfeile, womit ich die Armen erlöse, Ihnen ein bitter Geschoß, selbst in den Becher der Lust. L 2 ,64 H- Dich tun geil. Dann geleit' ich im lieblichen Kuß die scheidende Seele Auf zum wahren Genuß bräutlicher Freuden hinauf." „Aber wo ist dein Bogen und Pfeil?" Dem tapferen Weisen, Der sich selber den Geist langst von der Hülle getrennt, Brauch' ich keiner Pfeile. Ich lösche die glanzende Fackel Sanft ihm aus; da erglimmt eilig vom purpurnen Licht Diese andre. Des Schlafes Bruder, gieß' ich ihm Schlummer Um den ruhigen Blick, bis er dort oben erwacht. „Und wer ist der Weise, dem du die Fackel der Erde Hier gelöschet, und dem jetzo die schönere flammt?" Der ists, dem Athene, wie dort dem tapfern Ty- didcs Silber schärfte den Blick, daß er die Götter ersah *)- Mich erkannte Lessing an meiner sinkenden Fackel, Und bald zündet' ich ihm glänzend die andere an. Die Wahl der Flora. Als Jupiter die Schöpfung, die er zu schaffen gedachte, in idealischen Gestalten vor sich rief, winkte er, und es erschien unter andern die blumige Flora. *) Anspielung auf die Schrift: Wie die Alten den Tod gebildet. II. Dichtungen. i65 Wer mag ihre Reize beschreiben? wer ihre Schönheit schildern? Was je die Erde aus ihrem jungfräulichen Schooße gebar, war in ihrer Gestalt, in ihrem Wuchs, in ihren Farben, in ihrem Gewände versammlet. Alle Götter schauten sie an; alle Göttinnen beneideten ihre Schönheit. Wahle dir, sprach Jupiter, aus dieser zahlreichen Schaar von Göttern und Genien einen Liebling; doch siehe zu, eitles Kind, daß dich deine Wahl nicht trüge! Leichtsinnig blickte Flora umher: und o hatte sie den schönen, den in Liebe für sie entbrannten Phö- bus gcwählet! Aber seine Schönheit war dem Mädchen zu hoch: seine Liebe für sie zu verschwiegen. Flüchtig lief ihr Blick umher, und sic erwählte — wer hatte es gedacht? — einen der letzten aus der Zahl der Götter, den leichtsinnigen Zephyr. „Sinnlose' sprach der Vater, daß dein Geschlecht auch in seiner geistigen Urgestalt schon jede« buhlerischen, leicht auffallenden Reiz einer höhern stillem Liebe verziehet! Hattest du diesen gewählt (er winkte auf Phöbus), du und dein ganzes Geschlecht hatte mit ihm die Unsterblichkeit gcthcilet. Aber jetzt, genieße deines Gatten! " Zephyr umarmte sie, und sie verschwand. Sie verflog als Blumenstaub ins Gebiet des Gottes der Lüfte. Als Jupiter die idealischen Gestalten seiner Welt zur Wirklichkeit brachte, und der Schooß der Erde dastand, die verstobnen Blumenkcime ins Leben zu 166 II. Dichtungen. gebähren, rief er dem über der Asche seiner Geliebten entschlummerten Zephyr: „wohlauf! o Jüngling, wohlauf! Bring' deine Geliebte her, und siehe ihre irdische Erscheinung." Zephyr kam mit dem Blumenstaube: der Blumenstand flog hin über die Weite der Erde. Phöbus aus alter Liebe belebte ihn: die Göttinnen der Quellen und Ströme, aus schwesterlicher Neigung, durchdrungen ihn: Zephyr umfing ihn, und Flora erschien in tausend vielfältigen sprießenden Blumen. Wie freute sich jede derselben, da sie ihren himmlischen Buhler wieder fand! sie überließen sich alle seinem tändelnden Kuß, seinen sanft-wiegenden Armen. Kurze Freude! Sobald die Schöne ihren Busen geöffnet, und das hochzeitliche Bett in allen Reizen des Wohlgeruchs und der Farben bereitet hatte, verließ sie der satte Zephyr; und Phöbus, voll Mitleid über ihre zu gutwillig betrogene Liebe, schaffte mit seinem zehrenden Strahl ihrem Gram ein früheres Ende. Jeden Frühling, ihr Mädchen, beginnet aufs neue dieselbe Geschichte. Ihr blühet wie Flora; wählt euch einen andern Geliebten als Zephyr, Die Schöpfung der Turteltaube. Awey Liebende saßen zusammen im ersten holdseligen Traum ihrer Wünsche; aber ach! ihre Wünsche sollten ein Traum bleiben. Neidend schnitt die II. Dichtungen. 167 7 unerbittliche Parze, und ihre Seelen schieden in Einem Kuß, in Einem Seufzer unzertrennt mit einander. Das Erste, was sie, von ibrem Körper getrennt, erblickten, war die um sie schwebende Göttin der Liebe. Traurig und klagend flohen sie in ihren Schooß. — „Du standest uns nicht Key, gute Göttin! Du sähest unsre Wünsche, und ließest sie uns nicht genießen im Menschenleben. Aber wir wollen uns auch als Schatten noch ungetrennt lieben. " Die Liebe der Schatten, sprach die bewegte Göttin, ist eine traurige Liebe. Nun stehets zwar nicht in meiner Macht, euch das Leben der Menschen wieder zu geben; aber das vergönnt mir das Schicksal, euch in eine Gestalt meines Reichs zu verwandeln. Wollt ihr die Tauben seyn, die trium- phicend meinen Wagen ziehen, und im Ehoc der Buhlereycn und Scherze von ambrosischer Speise leben? Eure Treue, eure Liebe verdient diese Belohnung. „Verzeih, 0 gütige Mutter, sprachen die Liebenden mit Einem Munde, verzeihe uns die zu gefahrvolle, zu glänzende Belohnung. Im Chor der Scherze und Buhlereyen, im ewigen Geräusch und Glanz deines siegreichen Hofes, wer ist uns Bürge für unsre Treue, für unsre Liebe? Sollen wir Tauben seyn, so sende uns in die Einsamkeit, damit wir in unscrm armen Nest uns einander alles werden , alles bleiben." Die Göttin sprach das Wort der Verwandlung; siehe, da flog das erste Paar girrender Turteltauben. »68 II. Dichtungen. Sie girreten Dank der Göttin, und flogen ihrem Grobe zu, wo sie mit ihrer Treue, mit ihrer rührenden Kluge die alte Parze bewegen wollen, daß sie ihnen ihr ungcnossenes Menschenleben wiedcrgebe. Aber auch ihre gemeinschaftliche Klage ist ihnen Trost; die zarte, treue Liebe, die sic in ihrer Wüste genießen, ist ihnen mehr, als alle Scherze und Freuden an Venus Throne. Jsts Neid oder Güte, daß ihnen die Parze noch immer ihre Taubcngestalt laßt, und sic vor dem gefährlichen Loose eines wandelbaren MenschcnherzenS bewahret? Die Lilie und die Rose. Sagt mir, ihr holden Töchter der rauhen, schwarzen Erde, wer gab euch eure schöne Gestalt? denn wahrlich von niedlichen Fingern seyd ihr gebildet. Welche kleine Geister stiegen aus euren Kelchen empor? und welch Vergnügen fühletet ihr, da sich Göttinnen auf euren Blattern wiegten? Sagt mir, friedliche Blumen, wie theilten sie sich in ihr erfreuend Geschäft, und winkten einander zu, wenn sie ihr feines Gewebe so vielfach spannen, so vielfach zierten und stickten? — Aber ihr schweigt, holdselige Kinder, und ge- nicssct eures Daseyns. Wohlan! mir soll die lehrende Fabel erzählen, was euer Mund mir verschweiget. II. Dichtungen. 16g Als einst, ein nackter Fels, die Erde dastand: stehe, da trug eine freundliche Schaar von Nymphen den jungfräulichen Boden hinan, und gefällige Genien waren bereit, den nackten Fels zu beblümen. Vielfach theiltcn sie sich in ihr Geschäft. Schon unter Schnee und im kalten kleinen Grase sing die bescheidne Demuth an, und webte das sich verbergende Veilchen. Die Hoffnung trat hinter ihr her, und füllte mit kühlenden Düften die kleinen Kelche der erquickenden Hyacinthe. Jetzt kam, da es jenen so wohl gelang, ein stolzer prangender Ehor vielfarbiger Schönen. Die Tulpe erhob ihr Haupt: die Narciffc blickte umher mit ihrem schmachtenden Auge. Viel andere Göttinnen und Nymphen beschäftigten sich auf mancherley Art, und schmückten die Erde, frohlockend über ihr schönes Gebilde. Und siehe, als ein großer Theil von ihren Werken mit seinem Ruhm und ihrer Freude daran verblühet war, sprach Venus zu ihren Grazien also: „Was säumt ihr, Schwestern der Anmuth? Auf! und webet von euren Reizen auch eine sterbliche, sichtbare Blüthe." Sie gingen zur Erd' hinab und Aglaja, die Grazie der Unschuld, bildete die Lilie: Thalia und Euphrosyne webten mit schwesterlicher Hand die Blume der Freude und Liebe, die jungfräuliche Rose. Manche Blumen des Feldes und Gartens neideten einander; die Lilie und Rose neideten keine, und wurden von allen beneidet. Schwesterlich blühen sie zusammen auf Einem Gefilde der Hora, und zieren II. Dichtungen. WA einander: denn schwesterliche Grazien haben unge- tcennt sie gcwebet. Auch auf euren Wangen, o Mädchen, blühn Lilien und Rosen; mögen auch ihre Huldinnen, die Unschuld, Freude und Liebe, vereint und unzertrennlich auf ihnen wohnen! A u r o r «. Aurora beklagte sich unter den Göttern, daß sie, die von den Menschen so viel gelobt, von ihnen so wenig geliebt und besucht werde; am wenigsten aber von denen, die sie am meisten besangen und priesen. Grame dich nicht über dein Schicksal, sprach die Göttin der Weisheit, gehets mir anders? Und dann, fuhr sie fort, siche die an, die dich versäumen, und mit welcher Nebenbuhlerin sie dich vertauschen. Blick' auf sie, wenn du vorbeyfährst, wie sie in den Armen der Schlaftrunkenheit liegen und modern an Leib und Seele. Ja hast du nicht Freunde, hast du nicht Anbeter genug? Die ganze Schöpfung feycrt dir: alle Blumen erwachen, und kleiden sich mit deinem Purpurglanz in neue bräutliche Schönheit. Das Chor der Vögel bewillkommt dich: jedes sinnet auf neue Weisen, deine flüchtige Gegenwart zu vergnügen. Der fleißige Landmann, der arbeitsame Weise versäumen dich nie: sie trinken aus dem Kelch, den du II. Dichtungen. ihnen darbeutst, Gesundheit und Starke, Ruhe und Leben: doppelt vergnügt, daß sie dich ungestört genießen, ununterbrochen von jener geschwätzigen Schaar schlafender Thoren. Hältst du eS für kein Glück, unentweihl genossen und geliebt zu werden? Er ist das höchste Glück der Liebe bey Göttern und Menschen. Aurora erröthete über ihre unbedachte Klage; und jede Schöne wünsche sich ihr Glück, die ihr gleich ist an Rcinigkeit und Unschuld. Nacht und Tag. Nacht und Tag stritten mit einander um den Vorzug; der feurige, glänzende Knabe, Tag, sing an zu streiten. Arme, dunkle Mutter, sprach er, was hast du wie meine Sonne, wie meinen Himmel, wie meine Fluren, wie mein geschäftiges, rastloses Leben? Ich erwecke, was du gelobtet hast, zum Gefühl eines neuen Daseyns; was du erschlafftest, rege ich auf — Dankt man dir aber auch immer für deine Aufregung? sprach die bescheidne, vcrschleyerte Nacht. Muß ich nicht erquicken, was du ermattest? und wie kann ich's anders, als meistens durch die Vergessenheit deiner? — Ich hingegen, die Mutter der Götter und Menschen, nehme alles, was ich erzeugte, mit seiner Zufticdeüheit in meinen Schooß: so bald 172 II. Dichtungen. es den Saum meines Kleides berührt, vergißt es alle dein Blendwerk und neiget sein Haupt sanft nieder. Und dann erhebe, dann nähre ich die ruhig gewordne Seele mit himmlischem Thau. Dem Auge, das unter deinem Sonncnstrahle nie gen Himmel zu sehen wagte, enthülle ich, die verhüllete Nacht, ein Heer unzähliger Sonnen, unzähliger Bilder, neue Hoffnungen, neue. Sterne. Eben berührte der schwatzende Tag den Saum ihres Gewandes, und schweigend und matt sank er selbst in ihren umhüllenden Schoos. Sie aber saß in ihrem Stcrnenmantel, in ihrer Sternenkcvne, mit ewig ruhigem Antlitz. Die Rose. „Alle Blumen rings um mich her sehe ich welken und sterben; und doch nennet man nur immer mich die vcrwelkliche, die leicht vergängliche Rose. Undankbare Menschen! mache ich euch mein kurzes Dasepn nicht angenehm genug? Ja auch selbst nach meinem Tode bereite ich euch ein Grabmal süßer Gerüche; Arzneyen und Salben voll Erquickung und Stärkung. Und doch hör' ich euch immer singen und sagen: ach, die vecwelkliche, die leicht zerfallende Rose! " So klagte die Königin der Blumen auf ihrem Thron, vielleicht schon in der ersten Empfindung ih- II. Dichtungen. rer auch hinsinkenden Schönheit. Das vor ihr stehende Mädchen hörte sie und sprach: „Erzürne dich nicht über uns, süße Kleine! nenne nicht Undankbarkeit, was höhere Liebe ist, der Wunsch einer zärtlichen Neigung. Alle Blumen um uns sehen wir sterben, und halten's für Schicksal der Blumen; aber dich, ihre Königin, dich allein wünschen und halten wir der Unsterblichkeit werth. Wenn wir uns also in unserm Wunsche getäuscht sehen: so laß uns die Klage, mit der wir uns selbst in dir bcdaurcn. Alle Schönheit, Jugend und Freude unsres Lebens vergleichen wir dir; und da sie wie du verblühen, so singen und sagen wir immer: „ach, die verwelk- iiche, die leicht zerfallende Nose!" Die Echo. Glaubet es nicht, gutherzige Kinder, glaubt nicht der Fabel des Dichters, daß die bescheidne Echo je eine ansprechende Buhlerin des eitlen Narcissus oder eine schwatzhafte Verrätherin ihrer Göttin gewesen: denn nie zeigte sie sich ja einem Sterblichen, nie kam ein Laut zuerst aus ihrem Munde. Aber höret zu, daß ich euch die wahre Geschichte der Ech» erzähle. Harmonia, die Tochter der Liebe, war eine thätige Mitgehülfin Jupiters Key seiner Schöpfung. Mütterlich gab sie aus ihrem Herzen jedem werdenden Wesen einen Ton, rinen Klang, der sein Jnne- -74 II. D i c h l unge ». reS durchdringet, sein ganzes Daseyn zusammenhält und es mit allen vergeschwisterten Wesen vereinet. Endlich hatte sie sich erschöpft, die gute Mutter, und weil sie ihrer Geburt nach nur halb eine Unsterbliche war, sollte sic sich jetzt mit dem Leben von ihren Kindern scheiden. Wie ging ihr der Abschied so nab! Bittend siel sie vor dem Thron Jupiters nieder und sprach: „Gewaltiger Gott, laß meine Gestalt verschwinden unter den Göttern; aber mein Herz, meine Empfindung tilge nicht aus und trenne mich nicht von denen, denen ich aus meinem Herzen das Da- seyn gegeben habe. Wenigstens unsichtbar will ich um sie seyn, damit ich jeden Hall des Schmerzes und der Freude, mit dem ich sie glücklich oder unglücklich begabte, mit ihnen fühle, mit ihnen theile." „Und was würde es dir helfen, sprach der Gott, wenn du ihr Elend unsichtbar mit ihnen fühltest und ihnen nicht beyzustehen, ihnen auf keine Art sichtbar zu werden vermöchtest? denn das letzte versaget dir doch der unwiderrufliche Spruch des Schicksals ?" „So laß mich ihnen nur antworten dürfen; unsichtbar nur die Laute ihres Herzens wiederhole» können, und mein Mutterherz ist getröstet." Jupiter berührte sie sanft, und sie verschwand, sie ward zur gestaltlosen, allvcrbreiteten Echo. Wo eine Stimme ihres Kindes tönet, tönet das Herz der Mutter nach: sie spricht aus jedem Geschöpf, aus jedem brüderlichen Wesen, den Laut des Schmerzes und der Freude mit dem Gleichlaut einer harmonischen Saite. Auch der harte Fels wird von ihr durchdrungen, auch der einsame Wald wird von ihr j ' - H II. Dichtungen. 17Ü belebet; und 0 wie oft hast du mich, zärtliche ut-M ter, du scheue Bewohnerin der Einsamkeit und der stummen Haine, mehr in ihnen erquickt, als in dem öden Kreise tonloser Menschenhcrzen und Menschenseelen. Mit sanftem Mitleid giebst du mir meine Seufzer zurück; so verlassen und unverstanden ich seyn mag, fühle ich doch aus jedem deiner gebrochenen Tone, daß eine alles durchdringende, alles verbindende Mutter mich erkennt, mich höret. Der sterbende Schwan. „Muß ich allein denn stumm und gesangloS seyn?" sprach seufzend der stille Schwan zu sich selbst, und badete sich im Glanz der schönsten Abend- röthe; „beynah ich allein im ganzen Reich der gefiederten Schaaren. Zwar der schnatternden Gans und der gluckenden Henne und dem krächzenden Pfau beneide ich ihre Stimmen nicht; aber dir, 0 sanfte Philomele! beneide ich sie, wenn ich, wie festgchal- ten durch dieselbe, langsamer meine Wellen ziehe und mich im Abglanz des Himmels trunken verweile. Wie wollte ich dich singen, goldne Abendsonne! dein schönes Licht und meine Seligkeit singen, mich in den Spiegel deines Nosenantlitzes niedcrtauchen und sterben! " — Still - entzücket, tauchte der Schwan nieder, und kaum hob er sich aus den Wellen wieder empor, ,76 II. Dichtungen.. als eine leuchtende Gestalt, die am Ufer stand, ihn zu sich lockte. Es war der Gott der Abend - und Morgensonne, der schöne Phäbus. „Holdes, liebliches Wesen, sprach er, die Bitte ist dir gewahrt, die du so oft in deiner verschwiegenen Brust nährtest und die dir nicht eher gewahrt werden konnte." Kaum hatte er das Wort gesagt, so berührte er den Schwan mit seiner Leyer und stimmte auf ihr den Ton der Unsterblichen an. Entzückend durchdrang der Ton den Vogel Apollo's; aufgelösct und ergossen sang er in die Saiten des Gottes der Schönheit, dankbar froh besang er die schöne Sonne, den glanzenden See und sein unschuldiges, seliges Leben. Sanft, wie seine Gestalt war das harmonische Lied: lange Wellen zog er daher in süßen entschlummernden Tönen, bis er sich — in Elysium wieder fand, am Fuß des Apollo in seiner wahren, himmlischen Schönheit. Der Gesang, der ihm im Leben versagt war, war sein Schwanengesang geworden, der sanft seine Glieder auflöscn mußte: denn er hatte den Ton der Unsterblichen gehört und das Antlitz eines Gottes gesehen. Dankbar schmiegte er sich an den Fuß Apollo's und horchte seinen göttlichen Tönen, als eben auch sein treues Weib ankam, die sich in süßem Gesänge ibm nach zu Tode geklaget. Die Göttin der Unschuld nahm beyde zu ihren Lieblingen an; das schöne Gespann ihres Muschelwagens, wenn sie im See der Jugend badet. Gedulde dich, stilles hoffendes Herz! Was dir rm Leben versagt ist, weil du cs nicht ertragen könntest , giebt dir der Augenblick deines Todes. Der n. Dichtungen. 177 Der Sphinx. Eine Erd- und Menschen geschieht e. 1 . Sehet ihr jene dunkle Wolke? sprach Jupiter SN einem Tage, da die Götter in Freude lebten. Helldunkel und verwirrt schwebt sie tief unter unserm Fuß in den Lüsten; was gilts, wenn wir sie zu einem Wohnplatz belebter Wesen und zu einem neuen Spiel unsrer Freuden machten? Er sprachs, und alle Götter stimmten ihm bey. Sogleich sandte Rhea, die Mutter der Götter, den künstlichen Vulkan hernieder, und gab ihm von ihrem ewig-brennenden Altar das himmlische Feuer in seine Hände. Ungestüm fuhr er hernieder und zerstieß am Felsen, dem Kern der Wolke, seinen Fuß, daß er noch davon hinket. Er ging iN die Klüfte des Felsen mit seiner Flamme, und bereitete sie zum Heiligthum der Vesta: er bildete Gange in denselben, wo er noch seine Metalle schmiedet. Juno, seine unsterbliche Mutter, sah ihm nach, und erheiterte mit dem Lächeln ihres Blicks die oberste trübe Lust. Neptun goß seine Wasser aus die Erde: da wurden Meere und Ströme. Pallas warf ihren Schleyer hinab: da ward die schöne Blaue der Herders W. z. sch. Lic. u. Kunst. VI. M Oram. Ltü'cL«. 178 II. Dichtungen. Lust, geschmückt mit goldenen Sternen. Apollo fuhr rings um sie her, und goß auf sie seine Strahlen. Seine keusche Schwester fuhr langsam ihm nach, und ließ den Schmuck ihres Hauptes, den Mond, über ihrer Atmosphäre. Ceres leerte ihr Fruchthorn aus, voll Saame» und Kräuter; und die himmlische Venus ließ sich nieder, alles erfüllend mit Leben und Liebe. Der ncire Schauplatz grünte und blühete; und alle Götter vereinigten sich, ein Geschöpf zu schaffen, das dies neue Tempe genösse und fühlte. Da winkte der Vater der Götter, und Leben quoll in den Staub: cs regte sich ein Gebilde in Göttergestalt, und die Göttinnen eilten hinzu, cs aufzurichten von der Erde. Pallas berührte seine Stirn, und der Funke der Weisheit zündete an in seinem Haupte. Juno berührte seine Augen, und sie blickten majestätisch umher. Venus berührte seine Lippe, und die schönste Gabe ihres Schatzes, Uebcr- redung der Liebe, floß auf dieselbe. So bildeten sie einen Mann: so bildeten sic ein Weib: Göttinnen und Götter freuten sich ihres Gebildes — — Als plötzlich der Bote der Götter ankam, der eben ausgesandt war, das Schicksal um einen Spruch zu befragen, und erschrocken die Nachricht brachte, daß die mächtigen Götter des Tartarus über ihr neues Gebilde zürnten. „Ohne sie zu befragen, sprach er, habt ihr ihnen ein so weites Gebiet ihrer dunkeln Herrschaft entrissen; darum ist Pluto ergrimmt , die alten Parzen, die wüthcnden Erynnien zürnen : Nemesis hat euch beym Schicksal verklagt, und die unerbittliche Mutter hat ihren Klagen Gehör gegeben. Vernehmt ihre strenge Entscheidung." n. Dichtungen. '>79 „Ein kurzes Leben sey den Lebendigen auf ihrer neuen Erde bestimmt; und da sie aus dem Felsen hervvrgebracht ist, so sey der Sterblichen Leben ein hartes Leben. Das Metall in seinem Schvoße sey ihnen ewige Mühe, ein immer wachsender Hader und Vielen der mordende Tod. Brüder werden Brüder erwürgen, und Hirten der Menschen ihre Völker schlachten. Der Freund stellt seinem Freunde nach Leben und Ruh; und selbst die süßen Gaben der Himmlischen, Verstand und Uebcrredung und Liebe, werden ihnen ein immerfließendec Quell des Jrr- thums und des Truges und des Jammers. Also will es das Schicksal^" Erblasset staNden alle Götter da, als Merkur sprach: denn eben als er Noch sprach, trat schon die Dienerin des Schicksals, die ehrwürdige Nemesis heran, sie- die immer die Erde durchwandert, zu vergelten das Gute - zu strafen das Böse. Ungesehen geht sie umher und zeichnet die Thaten an; und wie sie ihr Buch der Unerbittlichen vorlegt - so wagt das Schicksal. L. Die Götter waren bestürzt; doch nicht ohne Rach und Hülfe. Sie wußten - das Schicksal sey unerbittlich- aber auch gerecht; widerrufen laßt sich sein Ausspruch nicht, aber er läßt sich anwenden und mildern. Im Unheil, das Merkur gebracht hatte, war nicht bestimmt, daß die Ncuerschasfnen ein Eigenthum der Unterirdischen seyN sollten; noch wem- M 2 II. Dichtungen. r8o ger war die Linderung der Leiden, die ihnen daS Schicksal auflegte, einem mitleidigen Wesen versagt. Aufs neue also sandten sie den Merkur ans hohe Fatum hinauf, mit einer zwiefachen Vorstellung, zu lindern den Spruch des Schicksals. Gerechte Göttin, sprach Merkur, und trat vor die ewigen Tafeln, der Mensch ist unschuldig an seinem Dascyn: er hat sich nicht selbst geschaffen. Vergönne also, daß die, die ihn ins Leben riefen, ihm auch sein kurzes gefährliches Leben versüßen und lindern. Die ewige Tochter der Nothwcndigkeit neigte bejahend ihr Haupt und Merkur sprach weiter. Gerechte Göttin! Der Boden der Erde ist den Unterirdischen abgewonnen und so bleibe er das Gebiet ihrer Herrschaft, aus dem sic Gift und Qualen den Sterblichen senden. Aber alles Lebendige auf und über der Erde ist der himmlischen Götter Werk: vergönne, daß cs in ihrer Herrschaft bleibe. Wenn die Parze schneidet: so werde der Leib des Menschen zu Staub; aber mir erlaube, daß ich den himmlischen Athcm ins Reich der Himmlischen führe, aus dem er entsprang. Du bittest zu viel, sprach das Schicksal, und Nemesis Nemesis trat heran und sprach: die ewigen Gesetze fordern Wiedervcrgeltung. Wer Böses auf der Erde verübt und cs nicht büßet, der büße es im Tartarus ab, bis seine Seele rein ist: dann führe sie, wohin du willt. Die Reinen und Guten kannst II. Dichtungen. 181 du mitten durch den Orkus führen; ich wehre dir nicht den Weg. Das Schicksal winkte Ja, und Merkur verließ den gerechtesten der Throne. 3 . Welch eine andre Scene begann nun auf der Erde! Die Himmlischen und Unterirdischen waren im feindlichen Kampf mit einander um die glücklich-unglückliche Menschenheerde: denn ihre Grenzen waren vom Schicksal geschieden, und die gerechte Nemesis war Bewahren» dieser Grenzen. Der Schlund des Tartarus brachte Unheil ans Licht: Krankheiten und Seuchen, Erdbeben und Feuerströme stiegen hervor; das verführende Gold und das mordende Eisen. Die Parzen webten und schnitten ab: die Erynnien schwungen ihre Fackeln in die Herzen der Menschen; doch nicht anders, als ihnen die thatcnverzeichnende Nemesis Erlaubnis gab und winkte. Gcgenthcils thaten die Götter aus helfendem Mitleid mehr für die Menschen, als sie zur bloßen Zeitkürzung würden gethan haben: denn die Elenden waren ihr Werk. Merkur ging hernieder und gab ihnen das Geschenk der Sprache^ Apollo ging hernieder, und ward ein jugendlicher Hirte: er lockte sie in ein friedliches Thal und erweichte die Herzen der Jugend durch Gesang und Liebe. Bacchus ging hernieder und zeigte den Menschen die erquickende Traube: er preßte sie in den Becher des GastrechtS, l32 II. Dichtungen. den ,cr mit Rosen der Freundschaft und mit dem Lotos milder Vergessenheit kränzte. So mischten sich tausendfachunerkannt und in vielen Gestalten, die Götter unter die Menschen: sie besuchten die Hütten der Armen, und waren insonderheit bcym Spiel der unschuldigen Jugend. Grazien und Tugenden aus dem Gefolge der Venus beschäftigten sich mit der schönsten Zeit des Menschen, wenn er im Liebreiz blühet, und allen sanften Eindrücken gern Raum giebt. Ja endlich bekam, zu noch größerer Sicherung, jeder Mensch gm Tage seiner Geburt einen hülfreichen Genius, der ihn unsichtbar begleite, der aber, um seine Vernunft zu eigner Thatigkcit zu gewöhnen, ihn minder lehre als warne, ihn kräftiger rette als führe. 4 . Was sollten die Götter mehr thun, als sie tha- ten? und dennoch sahen sic viel vergebliche Mühe vom Weck ihrer Hände. Gern hätten sie den Menschen den kleinen Stolz gegönnet, daß sie alles das erfunden haben, was eigentlich die Genien und die verkleideten Götter für sie erfanden; wenn nur auch die Geschenke ihrer schönsten Erfindungen dem kindischen Geschlecht Nutzen gebracht hätten. Aber nach dem Spruch des Schicksals ward ihnen das Beste zum Aergsten. Bacchus mit seiner gekelterten Traube, Apoll mit seinem Gesang und Tynz, Merkur mit seiner Eyther und seiner überredenden Sprache, am meisten endlich Venus mit ihrem Zauberkclch der II. Dic-h tu iigen. 18Z Freude und Liebe, sahen Folgen, an die sie nicht gedacht hatten, und für die sie keine Mittel mehr wußten. Die Thörichten und Verkehrten! sie singen an, den Gott auch in seiner tiefsten Verkleidung zu erkennen und zu fliehen. Tugenden und Grazien wurden aus allen Spielen verbannt: der Liebreiz und die ercöthende Schaam flohen die Wangen der Jugend , und für die Stimme des Genius war jedes Ohr taub, jedes Herz eisern. „Wir sind keine Götter, sprachen sie, und wollen unter uns leben. Vernunft ist uns gegeben, und so bedürfen wir keiner einhauchendcn Stimme beschwerlicher Lehrer." Die Parzen schnitten und die Erpnnicn streuten Funken: Nemesis zeichnete an: die Erde war voll unglücklicher, und der Tartarus voll büßender Menschen. Voll Traurigkeit und Zorn über den Undank der Menschen zogen die Götter in den Olymp, und ließen ihnen ihre thiecische Behausung. 5 . Bis Pallas einst vor Jupiter erschien, und ihn mit einem Andenken ans versunknc Menschengeschlecht störte. Ruhest du, Vater? sprach sie: kannst du ruhen und dir verzeihen, daß du Unglückliche gemacht hast? „Ich habe sie nicht zum Unglück erschaffen wollen," sprach er, und schwieg. 184 II. Dichtungen. Das beruhigt dich, Vater, fuhr die fürsprechende Göttin fort; aber auch dich nicht ganz: noch weniger jene Unglückliche selbst, und am wenigsten das hohe Schicksal, das dir alle Mittel der Linderung und Verbesserung ihres Zustandes in deine Hand gestellt hat. „Und welche waren übrig? antwortete er im Un- muth. Sind sie nicht alle versucht worden, um Undankbare zu verbinden, und Unglücklichen durch ihre eigne Schuld das Unglück zu mehren? Laß mich, Tochter! " Zürne nicht, Vater, sondern höre mich gütig an, wie du mich sonst hörtest. Die Mittel, die wir bisher an den Sterblichen versucht haben, waren ihnen auswärtige, fremde Mittel. Ein Gott mußte ihnen beystchen, ein Genius sollte sie warnen, ein höherer Geist für sie erfinden; was Wunder, daß sie diese fremden Woblthaten sich zur Beute gemacht und gcmißbcaucht haben? was Wunder, daß sie endlich dieses ganzen störenden Götterumgangs müde geworden sind? Das Gute quoll nicht aus ihrem Herzen: es ward nicht in ihrer eignen Seele gebühren. — „Und was folgte daraus, meine Tochter?" Daß es ihnen auch nicht die Freude der Selbst- empfangniß gab, den Grund der daurendsten mütterlichen Freude. Offenbar, 0 Vater, versahen wir's in unsrer Mcnschenbildung, daß wir den Thon zu schwach und zu fein nahmen, daß der Hauch unscrs Mundes sich ihnen in zu geringem Maas »ruttheilte. II. Dichtungen. i35 als daß sie die Gefahren bestehen könnten, die ihnen das Schicksal auflegte. Wir müssen uns ihnen also noch enger zu verknüpfen, ihre inneren Kräfte zu stärken und das Menschengeschlecht durchs Menschengeschlecht zu erheben suchen. — Die dunkle Pbilosophin hakte vielleicht noch lange so fort geredet; aber die schalkhafte Venus unterbrach sie, und warf dem Jupiter zu — den Apfel der Liebe. Pallas schwieg und schlug den Schleyer nieder : denn das hatte ihr dunkler Nach nicht gemcynel; die Auslegung der Venus aber gefiel, und Jupiter ging den Göttern vor am Beyspicl. Ec schlüpfte hinunter, bald als goldner Ncgen, bald als Schwan, bald in andern Gestalten, wo irgend er nur eine Schönheit fand, in der ein Funke von Götterseele gedeihen konnte. Einige Götter und selbst Göttinnen folgten nicht ungern; insonderheit ließ sich die zärtliche Mutter des Menschengeschlechts, die den Rath mit dem Apfel gegeben hatte, auch die Ausrichtung des Nathes sehr angelegen seyn, so daß zuletzt jeder entzückte Liebhaber in seiner Ehloris eine Venus oder Grazie zu umarmen glaubte. Selbst die keusche Diana ward von der großmüthigen Begierde, Menschen zu veredeln, ergriffen, und hing, da sie sich ihrem Endymion leibhafter Weise zu nahen nicht wagte, mit zärtlich begeisterndem Blick über seinem schlummernden Auge. Nur zwo Göttinnen, Juno und -Pallas, blieben keusch; jene aus Stolz und Eifersucht; diese, deren Rath gänzlich verfehlt war, aus schamhafter Weisheit. Die Scene des Menschengeschlechts ward nun in ihrem Innern verändert. Halbgötter und Heroen erschienen; nicht durch fremde, sondern durch eigene Kräfte: der Saame der Göttlichkeit war in sterbliche Leiber gepflanzet. Welche größere Thaten geschahen jetzt! welchen weitern Begierden gab die enge menschliche Brust Raum! Aeskulapius, Jupiters Sohn, erweckte Tobte und verminderte dem Tartarus sein Reich, Herkules und so manche andre seiner Art befreyten die Erde von Ungeheuern, und drangen als Sieger selbst in die unterirdische Wohnung, Sanftere Göttersöhne kamen auf sanftere Art den Unterdrückten zu Hülfe: manchen frühem Simonides erretteten Castor und Pollux, ohne daß die Geschichte ihre Sagen erhalten. Als eine hülfreiche Flamme schwebten sie über den Masten der Schiffe, als glanzende Sterne über dem Schlachtfelde , und standen den Streitenden Key. Der Sohn Apollo's und der Muse zähmte abermals thierische Menschen mit seinem Sajtenspiel, und drang seiner geliebten Eurydice bis ins Reich der Schatten nach. So stifteten Göttersöhne den Bund der Freundschaft und Treue bis über das Grab: Heroen warens, die Königreiche gründeten, Gesetze gaben, Staaten stifteten, und noch in ewigem Nachruhm leben. Sie warteten nicht auf den Stab Merkurs, sic durch die Thaler der Unterirdischen zu füh- .7^' II. Dichtungen. 187 rcn; in Flammen gereinigt stiegen sie selbst zum Himmel empor, und die Götter bewillkommten sie als ihre Söhne und Brüder. Im Himmel und aus der Erde siegprangten die Göttersöhne und Wenns lächelte über ihren Apfel der Liebe, Aber wie bald ging auch diese Scene vorüber! Die alten Götter wurden ihres Werkes müde, und allmghlig sing ihr Geist an unter den Sterblichen zu verhauchen. Die Abkömmlinge der Heroen waren zwar auf ihren Ursprung stolz; allein cs war nur ein fremder, ererbter Vorzug, den sie jetzt zur Unterdrückung anderer Sterblichen mißbrauchten. Trage floß das Götterbfut in ihren Adern, und dafür schmückten sie sich mit Wappen und Ahnen. Schon wollte Jupiter der Pallas Vorwürfe machen, wie sehr ihre Weisheit sie diesmal bey solchem Puppenspiel betrogen; als sie, ohne sich über einen Rath zu rechtfertigen, den sie niemals gegeben hatte, stillschweigend zur Erde Hinabstieg, und ihr Werk selbst flnsing. Unter allen Göttern und Göttinnen hatte nämlich Pallas allein den Vorzug, daß sie ohne äußere Berührung im Haupt Jupiters erzeugt war, und also auch unmittelbar auf menschliche Seelen wirken konnte. Keiner Verkleidung bedurfte sie daher, um die Sterblichen zu unterrichten, noch weniger einer i83 II. Dichtungen. -tauschenden Verführung. Sie warf die Flöte weg, die ihr Merkur leihen wollte, und die doch immer mehr auf die Ohren, als auf die Gemüthcr der Menschen, wirkte; dagegen theilte sie sich unmittelbar lehcbegierigen Seelen mit, die ihren Werth erkannten , und ihre schweigende Gestalt liebten. Sie lehrte den Pythagoras schweigen und denken: ohne wachende Traume enthüllte sic ihm die Gesetze des Weltalls, und öffnete sein Ohr der Harmonie der Sphären. Den begeisterten Plato führte sie ins Reich der Seelen, sie zeigte ihm den Staat der Götter, und selbst die himmlische Liebe. Den Brutus und Scipio bewaffnete sie mit ihrem undurchdringlichen Schilde, und flößte das Gefühl in sie, nicht nur das Vaterland, sondern auch die Tugend zu lieben, den Neid zu verachten, und sich durch sein Schlangcnhaar nur anreizen zu lassen zu größerer Tugend. Deßhalb setzte sie das Haupt Medu- scns auf ihre Brust, und gab der Furie daselbst eine himmlische Schönheit. Mit ihrer schlichten Lanze, die einst die Riesen niedergeworfen hatte, schlug sie den FelS, und cs ging aus ihm hervor der wvhl- thatige Oelbaum. Nicht Sieger der Feinde, sondern Wohlthatcr der Menschen krönte sic mit seinem friedlichen Laube; am liebsten aber den, der sich selbst überwand, und mit sich in Friede lebet. Auch sah sie bcy dieser Belohnung aus keinen Stand, auf kein Geschlecht, auf kein Alter. Sie brachte sie dem Eklavcn Epiktet sowohl, als dem geplagten Mark- Uurcl auf seinem bestürmten Throne; innwendiq in »hce Seele goß sie aus das Oel des himmlischen Friedens. Auch das weibliche Geschlecht entging nicht ihrer schwesterlichen Aufsicht: sie erfand, nicht II. Dirhcungen. 189 für sie, sondern in ihnen, alle Künste der Arbeitsamkeit und des stillen häuslichen Fleißes. Mit der Penelope webte sie ihr frommes Gewand, und erquickte die Harrende durch Thrancn ihrer gcdultigen Hoffnung. Selbst den Tod lehrte sie einige Edle ihres Geschlechts verachten. Sie gab der Arria den Dolch in die Hand, und verwandelte die Kohle der Porcia in glühenden Nektar. Ihren besten Lieblin. gen aber, Männern und Weibern, gab sie ihr Bild, das Palladium der Unschuld. Als Siegerin erschien sie jetzt im Olympus, ohne Stolz, in ihrer bescheidenen schweigenden Größe. Jupiter gab ihr das menschliche Geschlecht, um welches sie die grös- sesten Verdienste hatte, zu eigen, und sie erwählte sich, statt aller Lustbarkeiten des Himmels, die Erde zu ihrer stillen und vertraulichen Wohnung. Am liebsten wohnet sie bey dem überlegenden und geschäftigen Weisen, und freuet sich des stillen Glücks einer guten Erziehung, eines häuslichen, arbeitsamen Lebens. Dafür höhnte nun fceylich die umschweifende Venus sic mit dem Symbol einer dunkeln Nachteule; das Schicksal selbst aber sandte ihr, als der einzigen und besten Ausführerin seiner Rathschlüffe, ein Sinnbild edlerer Art, den Sphynx, das Bild einer verborgenen Weisheit. Noch ist dein Reich, 0 große Göttin, hie und da nur im Dunkeln auf der Erde; möge cs bgld ein allgemeines lichtes Reich werden! » 9 » II. Dichtungen. Minerva*). Die Schutzgöttin der Frauen. 1 . Ihrer Bescheidenheit ungeachtet, hatte Minerva bald alle Göttinnen gegen sich : denn auch im Olymp, sagt man, ist Neid eine gemeine weibliche Tugend. Sehet doch, sprachen sie, die Allclnweise! Sie fliehet Unsre Gesellschaft, siS kann sich mit uns nicht würdig genug unterhalten. Und was Mag sie > denn in ihrer Einsamkeit thun? Unterhält sie sich etwa mit ihrem KaUtze? — Bescheiden trat Minerva hervor und zeigte ihre neue, schone Erfindung, das Gewebe. Sehet, sprach sic, meine Schwestern, was Mein Zeitvertreib sey, die stille, nützliche Arbeit. Die Kunst meines Sinnes und Meiner Hände wird den Menschen zur Kleidung, zur Zierde werden: mein Geschlecht wird sich angenehm beschäftigen Und die Männer durch Bande des Fleißes fester an sich ziehn und an sich erhalten, als durch alle Netze müßiger Liebe. Glaubt ihr denn auch nicht, daß Ein sinnreicher Gedanke *) ungedruckt. II. Dichtungen. nützlicher Erfindung unendlich anmuthiger sei), als alle Geschwätze und langweiligen Spiele? — Sie kehrte in ihre Einsamkeit zurück und bekümmerte sich nicht weiter um die Nachrede des trägen , gcschaftlosen Neides. 2 . Die übekwuNdcnen Göttinnen rüsteten sich auf einen andern Angriff. Wenigstens sieht man offenbar, sprachen sie, Minerva taugt nicht zur Liebe. Und wie könnte sie's auch? Ist sie nicht aus dem kalten Hirn unsers Alkvaters gebildet! Ihr Herz schlagt nicht, denn auch ihr Herz ist nur Gedanke: kein Feuer, das aus zärtlicher Umarmung floß, wallt in ihren Adern. Lasset sic verehrt, lasset sie nützlich werden; angenehm, gesucht, geliebt werden, wird sie nie — und geht etwas über die allbeseligende, liebliche Liebe? Der Vater der Götter nahm sich sein selbst in seiner Tochter an: Glaubt ihr, sprach er, daß der Lebenssaft meines Hauptes nicht auch aus meinem Herzen «mporquvll? bereitete nicht eben mein Herz seine feinsten Safte? — Und dann, wie unweise wähnet ihr, daß eine wahre Götterverehcung, ohne Liebe, und je Liebe ohne Verehrung statt finde? Gehet hin und fragt darüber alle Lieblinge der Minerva, in beyden Geschlechtern: um Eine Gabe der Weisheit lieben sie sie herzlicher und inniger, als 192 n. Dichtungen. euch um hundert luftige Geschenke des leichtsinnigen Amors. Du insonderheit, meine schaumgeborne Tochter, ob ich dich gleich sehr lieb Hube, erinnere dich deines Ursprungs und deines täglichen Schicksals! — Er schwieg: aber Göttinnen und Götter sühltens, was er damit sagen wollte. Die feinste Liebe ist hohe Weisheit, und nur die höchste Weisheit wird die wirksamste, dauerndste Liebe. 3 . Venus bereitete sich zum dritten Angriff. Nun denn, sprach sie, über Eins ist die Sache entschieden, über ihre und meine Schönheit. Paris sah uns beyde, der unpartheyische feine Paris. Paris? siel Juno ihr ins Wort, der partheyisehe, grobe Hirt? Schämst du dich nicht seines Unheils, und der verderblichen Bestechung, mit der du ihn verführtest? — Laß uns nicht zanken, Königin der Götter, sprach sie, laß uns vergessen die alte Geschichte und nur gegen die anmaßende Thörin Eins sepn, die dir und mir schadet. Hätte sie mein schönes Haar, würde sie'S unter ihrem Helm verbergen? Hätte sie deine stolze Brust und meinen Gürtel, würde sie ihren drückenden Harnisch wählen? Laß uns aufs neue vor Paris treten; aber nicht einzeln, sondern alle zusammen, und alle — Schweige, II. Dichtungen. ig3 Schwelge, sprach Jupiter, und rege nicht wieder die Eris auf, die, eures eitlen Wahns wegen, Göttern und Menschen genug zu schaffen gemacht hat, um die Grille. Wenn meine Tochter je fehlte, so war's, da sie sich mit dir und vor solch einem Richter in einen Streit einließ. Diesmal allein, und eben nur am zartesten Punkt eures weiblichen Herzens, zeigte sie weibliche Schwachheit. Gesetzt nun auch, sie hatte nicht dein Haar, nicht deine anlockende Bildung; will sie sie haben? und macht sie darauf Anspruch? Sie läßt dich prangen und buhlen in deiner Nacktheit und verbirgt jungfräulich auch ihre unläugbaren Reize. 4 » Die Göttin der Weisheit erschien auf der Erde; und alle Damen wollten fortan Göttinnen der Weisheit werden. Was, dachten sie, ist leichter als dieses? Ihren Helm mit der Eule pflanzen wir auf unser Haupt, und verschönern ihn zu einem bebuschten männlichen Hute. Ihren Harnisch zieren wir unendlich aus, daß er die schlankeste, schönste Brustwehr werde; das Bild ihrer Meduse endlich, soll auf unsrer Brust, in unfern Gesprächen glanzen — wie wollen von nichts als unfern Siegen über stolze Nebenbuhlerinnen sprechen. Was fehlt uns, sprachen sie, zu leibhaften Göttinnen der Weisheit? Eine Kleinigkeit, versetzte Mincrvens Eule; nämlich, daß hinter dieser ganzen palladischen Nü- Herdcrs W. z. sch. Lit.ü. Kunst. Vl. N Ooam.drücke. <94 H. Dichtungen. stunq eine Pallas wohne. Meine Federn leihe ich euch nicht, ihr würdet sie auch selbst verschmähen; der stolze Psau Muß euch kleiden. Euern Brustharnisch schont Amor nie: ihr schnürt ihn selbst so vor- sichrig, daß seine Pfeile überall Leffnung finden. Mcduscns Antlitz endlich — macht ja nicht, daß Pallas zürne, und euch, wie sie schon einer Nachahmerin, der Arachne, lhat, in das, was ihr nicht seyn wollt und so oft desto mehr seyd, leibhaft verwandle. Wollt ihr Miiierv'en Nachfolgen, fuhr die ernste Eule fort, meiner eingezogenen, geschäftigen Königin, Minerva, hier habt ihr, wenn sie den männlichen Speer ablcgt., ihr liebstes häusliches Werkzeug. — Die Eule wollte ihnen Minecvcns Erfindung und Heiligthum, die Spindel, reichen — und alle Damen flohen die ernste, häßliche Eule. b. Eine feile Lehrmeister!» nach der Mode sollte ein junges Mädchen zu guten Grundsätzen und Sitten bilden; sie sing ihren Unterricht also an: Vor allen Dingen, mein Kind , erzürne keine Göttin! vernachlässige keinen Dienst und keine Mode des Dienstes, der irgend einer derselben gebühret. Du weißt, welches die drey mächtigsten und beliebtesten sind: Venus, Juno, Pallas. Vom Dienst der Venus fange an : den» sie ist eine Freundin und II. Dichtungen. ag5 Gesellin der Jugend; die Jugend währt nicht lange, und mit ihr verlassen uns, leider! die schönsten Gaben der Venus. Zur Erinnerung dessen, siehe, da hast du ihren Spiegel und ihren Apfel. — Mit zunehmenden Jahren wirst du von selbst in den Dienst der Inno treten. Durch Pracht kannst du zu ersetzen suchen, was dir dann an Blüthe dev Schönheit gebricht; und was sie dir nicht geben kann, wögen Kühnheit und Stolz dir geben. — Zum Andenken dessen, nimm an deN schönen Schweif ihres Psäu's, und pflanze ihn auf dein Haupt zu künf- rigeiN Siege. — Kommt endlich das einsame, run- zelvolle Alter; alsdann ists Zeit, dich m die Gestalt der Minerva zu kleiden. Ahme ihre Tugend, ihr Verdienst, vorzüglich aber ihre ernste, strenge Rei- nigkeit nach, und du wirst --- Vom Blitze Jupiters war plötzlich das ZimMek entflammt, und vor ihnen stand die erhabene, edelzürnende Pallas. „Verführerin , rief sie, und blickte sie an, mit ihrem blauen, schakfstrahlcNden Auge; Mißbrauchst du meinen NaMen so schändlich? Werde, was du bist, aber nicht scheinest." Schnell war die Verführerin von Pallas scharfsttahleNdem Blick in die fürchterliche Meduse verwandelt. Zur Furie wurden die Züge ihres Gesichts, zu züngelnden Schlangen zischten empor ihre Haare. Das Mädchen erschrak , aber die freundliche Pallas nahm sie zärtlich auf ihren Schoos und sagtet Erschrick nicht, liebes Mädchen, ich habe der Verführerin kein Leid ge- lkan; sie erblickte ihre Gestalt in meinem glänzenden Vrustharnisch, vor dem keine Lüge, keine Verstellung bestehen kann, und mußte, was sie ist, wer- N 2 II. Dichtungen, 196 den. Glaube ihr nicht, unschuldiges Kind ! Die erste Lugend meines Dienstes ist jungfräuliche Sittsamkeit und Unschuld; wie kannst du je eine Tochter Minek-- veus werden, wenn du die schönsten Jahre deines Gebens schnöde verkühlt hast ? Ich fordre und kröne nur stille Arbeitsamkeit, prachtlose Bescheidenheit, häusliche Treue und Einfalt; wie kann Pfauenpracht und junonischer Stolz mit ihnen bestehen und wie zu ihnen führen? Mein höchstes Geschenk endlich 'ist geprüfte Leutseligkeit, stille Wahrheit. Die Furie wollte dich zu der machen, die mit der häßlichsten, unreinsten Falschheit meine Gestalt nachahmte und den Namen der Weisheit zum verwerflichsten aller Namen machte. -— Wende deinen Blick von ihr und begleite mich zu meinem Heiligthumc. Die häusliche Pallas erzog das junge Mädchen, und stattete sie au§, vhne Reichchum., ohne junonische Prachtgeschenke. Pallas Bild, ein Palladium, ward ihre ganze Morgengabe, ihr täglicher Spiegel, und an der Hütte des Bräutigams sproßte ein schöner Oelbaum; der nützliche, friedliche Oelbaum warb das Bild ihrer armen, aber glückseligen Ehe. 2 . Das Fest der Grazien. (Horen. St. ir. 1795.) t-»nvermuthet habe ich auf meiner Reise das Vergnügen genossen, einem Feste bevzuwohncn, das man das Fest der Grazien nannte. Mein Freund empfing mich in seiner reizenden Gegend und machte mich mit einigen Familien bekannt, die seit langen Jahren in Freundschaft mit einander lebten. Sie waren in einem großen und schonen Landhaus«: versammlet; und kaum hatte ich ihre Bekanntschaft gemacht, kaum hatten sie mir gesagt, daß sie am heutigen schönen Tage das Fest ihrer Freundschaft und eines gemeinschaftlichen Geburtstages feyerten: so trat ein Chor Kinder mit einem Gesänge herein, der das Fest begann. Sie brachten Blumen, sic brachten Kranze, und jedes erzählte ohne Prunk, was ihm im vorigen Jahre das Angenehmste, das Erfreulichste gewesen. Einige erinnerten die Eltern an diese und jene Gegend, die sie genossen, an.Geschenke, die sie em- II, Dichtungen. 198 pfangen hatten, an mancherlei) kleine Umstände und Augenblicke, die ihnen insonderheit lieh gewesen wa-, rcn. Es war ein freudiger Wettstreit zwischen ihnen; jenes pries den Aufgang der Sonne, den es zum erstenmal gesehen hatte; dieses die Abendröthe; ein anderes Geschenke an Kleidern, Büchern; dies Lektionen im Unterricht, oder an der Hausarbeit. Alan sagte Stellen aus Dichtern her, und hatte Kranze gewunden, um das Brustbild dieses und jenes Dichters zu schmücken. Ich freuete mich, die Namen unsrer besten lebenden und verstorbenen Weisen nennen zu hycen, und bemerkte in jedem Kranze di? Blumen charakteristisch gewahlct. Noch merkbarer war die verschiedne Neigung der Kinder zu dem oder jenem Vergnügen, die jedes srey. bekannte, und von der es die Züge in seinem Gesichte, wie in seinem Betragen, trug. Häusliche, sittliche, literarische Vergnügungen flogen, wie Schmetterlinge von mancherlei, Farben, durch- und übereinander hin; einige der Eltern nannten sehr ernste Bücher, sehr ernste Geschäfte und Freuden, Die Eltern , als ob diese Kinder ihnen gemeinschaftlich angehyrtcn, nahmen an jeder frohen Erinnerung Theil; hie und da bogen sic den Kranz des Andenkens sanft zurecht und verschönten ihn gleichsam durch neue Blumen der Erinnerung, Kleine Winke an sie wurden mir cin- geflochtcn; man munterte auf, man lobte, man dankte; allenthalben aber blickte aus diesen Unterredungen die Seele des Tages durch, Freude über sein Daseyn« über sein thätiges Zusammenleben mit einander in sittlicher Bildung. Die Eltern freueten sich in den Kindern, die Kinder i n den Eltern, Hirse sich unter- und II. Dichtungen. 199 mit einander. Es war wirklich ein Fest deS Genius dieser Familien, und der sittlichen Grazie, die sie in sich und in andern anbaueten, genossen und liebten. Nachdem das junge Heer sich in den Garten zerstreuet hatte, um das Andenken seiner vergnügten Augenblicke hie und da emblem arisch zu bezeichnen, setzten die Eltern das Gespräch fort. Auch sie erinnerten sich des Angenehmen und Unangenehmen voriger Tage; letzteres wurde kurz abgekhgn, und meistens dabey bemerkt, wie auch aus dem Bösen etwas Gutes entsprossen sei), oder wie es noch daraus erwachsen könne. Hiezu bot einer dem andern seine Hand, seinen Rath, seine Neyhülfe an, weil sie sich alle als Eine Familie ansahen. Der erfreuenden Scenen wurde desto reicher gedacht; diese wurden von Zugend auf gleichem noch einmal durchlebet. Da die Geschichte eines jeden Menschen interessant ist, sobald das Herz daran Theil nimmt: so erschienen mir bey diesen Erzählungen viel angenehme Scenen. Der Traum des menschlichen Lebens, fühlte ich, werde Hann nur schön geträumt, wenn er sympathetische Erinnerungen erwecket und nachläßt. Di? fröhliche Zugend rüste uns jetzt zur Ansicht ihrer Embleme, unter welchen wir viel artige Gedanken, einfach und rührend ausgcdrückte Empfindungen, allgemein aher eine Grazie des Vergnügens bemerkten, die dem ganzen Feste Leben und Wonne gab. Kranze, Inschriften, Tanze gehörten mit darunter, ohne welche sich die Zugend, 20(1 II. Dichtungen. insonderheit des weiblichen Geschlechts, kaum freuen zu können glaubet. So kamen wir zu einem kleinen offenen Tempel, in welchem drey bekleidete Grazien standen, mit der Inschrift: Wohlwollen, Dankbarkeit, Freud«; ineinander geschlungen standen sie auf einem Altar, an dessen Einer Seite das Profil des Mannes erhaben gearbeitet war, der Stifter dieses Festes gewesen. Wir lagerten uns um dies verborgne Tempelchen; die Chöre der Kinder zcr- sireucten sich zu ihren Spielen und Erfrischungen; unter uns siel das Gespräch natürlich auf den Stiftendes Festes. Man rühmte dessen menschenfreundliche, holdselige Denkart, und zeigte mir das -Papier, worauf er in wenigen Worten zu dieser Anstalt Gelegenheit gegeben hatte. Ich theile den Anfang des Aufsatzes mit: „Die Menschen beklagen sich über die Unannehmlichkeiten des Lebens, und gestehen ein, daß diese meistentheils von den Gesinnungen der Menschen gegen einander herrühren. Wie also? wenn cinige unter uns zusammentraten mit dem festen Entschluß, einander, so viel an uns ist, das Leben angenehm zu machen, und auch unsre Kinder dazu zu gewöhnen?" „Man beklaget sich oft über Undank; und sind wir selbst wohl in Allem und über Alles dankbar? Wie wäre es, wenn wir zusammentraten, Erkenntlichkeit in unserm Gemüth über Alles zu erwecken« was uns im Laufe der Dinge von der Vorsehung oder von Menschen Gutes widerfahret, und auch unsre Kinder zu dieser dankbaren Gemüthsart zu gewöhnen?" II. Dichtungen. 201 „Man beklaget sich oft über Erschlaffung der Seele, über Mangel der Triebe zu guten Handlungen. Damit wir diese leicht und fröhlich verrichten; wie? wenn wir zusammcntratcn, die fröhliche Thatigkeit in uns zu starken, und auch die Unsrigen dazu zu gewöhnen?" „Wohlwollen ist die erste Grazie des Lebens. Eine Handlung, die ich aus Zwang verrichte, wird mir schwer; leicht wird, wozu uns die Liebe beflügelt. Es gibt keinen holderen Aufenthalt, als in menschlichen Seelen zu wohnen, mit dem Gcmüth für ein andres Gemükh sich zu bemühen, zu wachen, zu wirken, und auch die kleinste Handlung mit einem guten Willen zu bezeichnen." „Erkenntlichkeit ist die zweyte Grazie des Lebens. Wie durch Vergleichung und Ableitung der Dinge von einander, durch Bemerkung der Ursachen und Folgen die Vernunft der Menschen gebildet wird: so durch Erkenntlichkeit die sittliche Vernunft des Menschen. Ich fühle, was ich andern schuldig bin, indem ich in ihren Seelen lese, was sie mir Gutes thun wollten. Diese Wiederholung ihrer Wohlthaten, dies Zurücksetzcn meiner in ihre Empfindung macht Seelen mit einander Eins; ihre Wohlthaten selbst machen die ihrige zu einem Theil meiner Seele. Ich gehöre mir nicht ganz, sondern auch ihnen; wie sie sich mir gaben und mir zugehören. Die zweiste Huldgöttin schließet sich also fest an die erste." „Und die dritte ist von ihnen unabtrennlich: freudige Thatigkeit im Fort wirken für 202 II. Dichtungen. andre. Möge der Erfolg fern wie er wolle ; ich gehöre mir nicht zu,, sondern andern. Ich habe empfangen und muß geben. Je gutmüthigcr und freudiger, desto schöner. Was von Herzen kommt, gehl zu Herzen; untrennbar von der wahren Grazie ists, daß sie das Gcmüth erhebt und beflügelt, daß sie des andern Gemüth ergreift und ihm das Herz raubet. So umfassen sich die drcy,. und wirken auf Menschen und Geschlechter." Nach diesem Anfänge beschreibt der Stifter die Anordnung seines Festes, 'zu welchem dann seine Freunde gern beytraten, und das bereits viele Jahre hindurch viel Gutes gestiftet hatte. Wirksame Fröhlichkeit, häusliche Vertraulichkeit, und jener Liebreiz des zuvorkommenden, dankbaren, geselligen Umgangs waren dieser Familien auszcichnender Charakter. Mich ergriff das Wvhlgefühl der Harmonie, die in diesem Kreise herrschte, wie die Musik aus einer Welt der Seelen. Ich fühlte, daß, was die innigste, eine unversiegbare Freude des menschlichen Lebens gewahre, sey die Z u sa m m en sti m m u n g der Gcmüth er, ein gem ei n s< h afr I jede s Empfangen und Geben, ein Fortwirkcn mit und zu einander, nach der großen Regel des Wohllauts, dcp in uns tönet und der unser wahres Seyn ist, Aber, sagte ich, verzeihen Sie mir Einen Zweifel. Schweigt Ihnen diese Musik der Seele niemals? Werden Ihre Saitenspiele nie verstimmt, hier durch Neid, dort durch das Ucbelwollen einer nicdern Begierde? Wie ists, wenn Sie Undank erleben, oder II. Dichtungen. 203 sonst zogen sich selbst auf der Hut seyn müssen? Wird Ihre Seele durch diese Grgzientuqcnd nicht zu weich, zu weiblich, da unser Leben eher ein Kampf, als ein fortwährender Freudentanz ist. Ein ernster Mann nahm das Wort und sagte: Ich weiß, worauf Sie deuten; viele Philosophen gebieten eine Tugend, die immer steif und müßig steht, Mit geschloßnen Armen, das Gewehr auf der Schulter, und ruft: wer da? Diese Lugend hat einen vornehmen Ton, an ihrem Platz ist sic auch nölhig; Mw stehet sie einsam da; sie stehet sich müde, und wartet auf Ablösung. Die Gemüchsneigung eines fvrtwirkcnden, ich möchte sagen, eines lebendigen Lebens, auf welches doch die Natur gerechnet har, ist eine andre, „Lassen Sie mich hierüber als Mutter reden, unterbrach ihn bescheiden eine Frgu vom edelsten Anstande : Einer der uneigennützigsten, und, wenn Sie so wollen, der unbelohntesten Triebe ist doch wohl die Mutterliebe. Er ist so stark, daß er alle Gefahren verachtet, daß ihm keine Mühe verdrießlich, und der Tod selbst nicht schinerzhaft ist, wenn dieser ein geliebtes Kind rettet, oder sonst sein Glück befördert. Woher, meynen Sic, entsteht dieser Heroismus ? Etwa dadurch, daß eine Mutter sich von ihrem Kinde zuvörderst getrennet denkt, und sich fragt: ob dies ohec jenes zu thun, ihr ihre Würde, die Würde des Gesetzes der Vernunft gebiete? Nicht also; und ich Ware fast überzeugt, daß steife Uebec- iegungen dieser Art sie vielleicht zu einer gelehrten, aber nicht zu einer thatigcn, liebenden Mutter ma- II. Dichtungen. 204 chen werden. Wohlwollen ists, was sie streikt, was sie beseelet, das uneigennützigste und zugleich eigennützigste Wohlwollen: denn sie sieht ihre Kinder nicht gckrcnnet von sich, sondern als ihre Kinder, als Gebilde an, die unter ihrem Hirzen erwuchsen. So wenig sic damals einen Unterschied zwischen sich und ihrer ungesehenen Frucht kannte; um so weniger kennet sie jetzt einen Unterschied, da sie ihre Kinder, gebildet, vernünftig, fühlend, lic- bcns- oder mitlcidswürdig, vor sich siehct. Mit siebenfacher Stimme ruft ihr jetzt die Natur zu; das Wort derselben ist ihr deutlicher, vernehmlicher geworden, da es sich in mancherlei) Sorgen und Rücksichten getheilt hat. Sie lebt jetzt ungleich mehr in ihren Kindern, als da sie körperlich mit ihr Eins waren; in jedem isolirten Zurückkommen auf sich, würde sie sich als einen vertrockneten Stamm, als eme verdorrets Blume fühlen." Ein Vater verfolgte das Wort. „Mit allen andern Banden reiner menschlichen Beziehungen nicht anders. Welcher Vater genießet nicht siebenfach, wenn seine Kinder sich freuen und genießen? Welcher Freund lebt nicht in seinem Freunde, der Ehegatte im Ehegatten, der Geliebte im Geliebten, unendlich zarter und inniger, als ob er selbst mit ab- jtrahirtkm Genuß empfände? Das ganze Geheimniß der lüebe, ja, ich möchte sagen, der ganze Zusammenhang der Schöpfung ist auf diese heilige Verwirrung und Mitthcilung der Gemüther, auf einen wechselseitigen, im Genuß des andern siebenfach verstärkten Genuß gegründet. Wir sollen nicht in uns selbst, abgetrcnnt und felbstsüch-ig, leben; sonst sind II. Dichtungen. Psi5 wir falbe Herbstblattcr, die^in her Lust flattern., um bald am Boden ganz zu ersterben. In Andern sollen wir leben; da, sagt der Stifter unsers Festes, da leben wir gelautert, rein, vielfach, verjünget, unsterblich. Nicht in sich wohnet das Wohlwollen, hie erste Grazie, sondern in ihren Schwestern. Das Gcmüth Anderer ist ihr heiliger, unzerstörbarer Tem- ,pel." — Eben kam der Chor der Kinder im Tanze bei) uns vorüber, der, was gesagt werden sollte, ungezwungen sagte! Es war ein Wechscltanz, der das Du für Mich, Ich für Dich, geistvoll, naiv und bescheiden ausdrückte. Der Chor schwebte vorüber. Und einer der altern Sohne, der sich hinter uns gelagert hatte, nahm das Wort. Nicht anders, sagte er, haben die Griechen das Wort Charis (Grazie) ehemals verstanden. „Ich thue das deiner halben, dir zu Liebe, dir zur Freude und zum Wo hlgefallcn;" das war der ursprüngliche Sinn dieses Worts, aus dem sodann die zweyte Grazie „ich freue mich; ich empfinde dies Wohlgefallen und bringe dir erfreulichen Dank dafür," natürlich folgen mußte. An eine erkünstelte Anmuth, oder gar an nackte Figuren, dachte man damals bey diesen Worten noch nicht. — Der Züngüng führte eine Reihe von Ausdrücken an, da die Griechen jede Gefälligkeit, Gunst und Wohlthat, wenn sie mit Artigkeit gegeben und genommen wird, Charis nannten. Bey dem Lateinischen Kiertis und dem Deutschen Huld wurde ihm u.l ^ V06 II. Dichtung c n. die Sache Hoch klarer, und er war beredt zu zeigen, daß, was auch in det Schönheit Grazie (Anmuth) sey, immer von einem Zuge der Gefälligkeit, von einer Gcberd« herrühre, in welchem sich ein gefallendes Gewüth offenbare. „So, sagte er, sprachen die Griechen von Augen und AugenbrauncN, von Lippen und Küssen der Grazie, eben Nm sie von der tobten Schönheit zu unterscheiden." — Er war mit der jüNgern Kunst unzufrieden, die durch tue Entkleidung dieser Göttinnen beynahe ihren Charakter verfehlt habe. „Was ist, fragte er, an die- sen drey wiederholten, weiblichen Körpern bedeutend? Nur ihre Stellung, ihre zusammengeschlungenen Hände, ihr« Angesichter würden diese bey einer leichten Bekleidung nicht noch bedeutender feyn?" Er wies auf die drey bekleideten sokratischcn Grazien im kleinen Familien-Tempel. „Genug, (unterbrach ihn ein Alter, der als der Vater aller Familien angesehen ward,) genug, mein Sohn, von Worten und Bildern; laß uns zur Sache selbst zurückkehren. Mögen die Griechen unter Charis zuerst Reiz des Körpers oder Gefälligkeit der Seele verstanden haben; alle Grazien sind Schwestern und streiten nicht unter einander, welche von ihnen die ältere sey. Wahre Anmuth strahlt allein auS der Seele, sie theilt sich aber allem Mit, nicht nur jeder Gcbetde des Körpers, sondern auch jedem Wurf des Gewandes. Wir feyern das Fest sittlicher Grazien; mich dünkt, sprach er, und winkte auf mich, daß Sie auch gegen unsre zweyte Huldgöttin, die Dankbarkeit, einen Zweifel hegten." „Kennen Sie, wiederholte ich, keinen Undank?" l II. Dichtunge n. 207 „Unter Ms, anrwortcte der Alte, fürchten wir ihn nicht; wo er sich außer unserm Kreise sindek, suchen wir auch ihn in Dank zu verwandeln. Und eS gelingt uns meistens. Glauben Sie, mein Freund, fuhr er fort, es spricht von Undank, wer am wenigsten davon sprechen sollte. Man beklaget sich über ihn, und behauptet doch in demselben Athen», daß die Tugend Pflicht sey, und GroßMuth keine» Dank erwarte. Man beklaget sich über Undank, und ist überzeugt, daß man ihn verdiene: denn der verdient ihn, der mit einer geringen Wc'hlthat nach großem ewigem Dank haschet, der durch eine kleine Gefälligkeit, die Pflicht war, den andern Zeitlebens zum Knecht, zum Schmeichler, zum unwürdigen Sklaven gemacht haben will. Ich kann deswegen die Worte Devotion, Verbindlichkeit, Verbundenheit, so wenig als die goldnen Worte, Huld und Gnade, recht leiden: denn sie werden zu oft gemißbraucht. Das schone Wort Huld, z. B. das meistens Mil G»sde zusammengesetzt wird, hat dadurch ganz seinen Werth verloren. Gin Mensch, der, wodurch es auch sey, sich über alle Sterblichen erhaben glaubt, und ihnen mit seiner Macht, mit seinen Talenten , mit feinet Geschicklichkeit oder seinem ReichthuM nur Gnade erweiset, für welche er auf unermeßlichen Dank rechnet, ist dieses Danks weder Werth noch fähig. Hatte Er sich vom Bande der Gefälligkeit, das ihn mit seinen Brüdern zusammenschlang, losgcmachl, und ist ein Gott geworden, so sind auch andre von ihm los; ihm dufte Weihtauch. Die ächte Grazie des Danks, die ihrer ältern Schwester, dem wirklichen und wahren W 0 h lw 0 l- len, unzerttennl zur Seite ist, sucht er vergebens. 2o3 II. Dichtungen. Wie kann jemand Andre der Undankbarkeit ankla- gen, ohne zu fühlen, was er mit diesem Wort sage? welchen harten Vorwurf er ihnen vielleicht ungerecht mache? wer das kann, der hat die Grazie nicht gesehen: er suchet sie scheltend, und sie fliehet ihn als einen Wilden. „Undankbarkeit, fuhr ec fort, ist vielleicht nicht immer ein Laster; aber eine Barbarey des Ge- müths, und, wie das Wort Uncrkcnntlich- keit selbst sagt, ein Unbesinnen, eine Rohheit der Seele ist sie, die ihren Verschuldeten selbst peinigt. Haben Sie je die häßlichen Charaktere bemerkt, die einen Menschen nicht leiden können, sobald sic ihm verbunden zu seyn glauben? Er ist ihrem Gedanken, ihrem Anblick unerträglich, weil sie durchaus niemanden verbunden seyn wollen; je großer die Wohlthat ist, die er ihnen erzeigt hat, desto verdrießlicher wird er ihnen. Hatte er ihnen das Leben, oder sie aus einer Verlegenheit gerettet, die sic selbst schaamroth macht; fortan trage er die Schuld dieser Schaamröthe! — Was halten Sie von einer solchen Gemüthsart? Strafet sie nicht aufs empfindlichste sich selbst? Was ist süßer als Dank!" — „Was ist süßer als Dank! fuhr die Tochter des Greises fort, die seine Knie umfaßte. So oft ich daran denke, waS meine Mutter, mit der ich nicht mehr sprechen, der ich meinen Dank sichtbar nicht mehr bezeugen kann, an mir that, so oft lebe ich mit ihr, und mit euch, Vater, meine fröhliche Kindheit und Jugend noch einmal wieder. Jede schöne Situation meines Lebens kommt mir, und mich H. Dichtungen. 209 mich dünkt, geläutert, wie ein schöner Engel, wieder. Die Gcbccde meiner Mutter ist vor mir; ihr sanfter Ton klingt meinem Ohre; ich glaube, sie sey um mich, sie sey auch jetzt um mich, da ich so innig an sie gedenke. Vergelten kann ich ihr nichts, was sie an mir that; ihre Asche hört meinen Dank nicht; aber ihr guter Geist hört ihn, ihr Geist, der mit dem meinigen Eins ist: denn ein Theil von ihr wohnt gewiß in meiner Seele. Das beste, was in mir ist, ist das ihrige; meine besten Gedanken sind noch jetzt ihre Gedanken; meine reinsten Empfindungen und Gewohnheiten hat sie mir eingebildet. Sie ist um mich, sie ist in mir!" — Die Tochter schwieg, und senkte ihr Haupt auf den Schoos des Vaters: sie erhob cs wieder und sagte: „Die Griechen, so traurig ihre Bilder vom Todtenrcich waren, ließen dennoch auch in diesen dü- stern Gegenden, dem Verstorbenen mit seinen Nachlebenden die Mitempfindung. Auch der Schatte sreuetc sich, wenn zu ihm von den Hinterlafsenen eine fröhliche Nachricht hinabkam; und ihre Gesänge sandten deshalb die.Echo, als eine Botschafterin zu den Vätern hinunter. Man glaubte, daß Verstorbene die Opfer annehmcn, die man ihnen am Grabe brachte, und auch da noch Liebe mit Dank belohnten." — Der Greis, der die zu starke Regung ftiner Tochter mäßigen wollte, antwortete schmeichelnd: „mein Kind! der beste Dank, den man den Verstorbenen bringt, ist ein Leben nach ihrem Sinn. Dann leben sic in uns, wir setzen ihr Leben fort: auch mir lebt deine Mutter in dir." Herders W. z. sch. Lit. u. Kunst. VI. O Dram.Stü-^«. 2rc» II. Dichtungen. Er wandte dir Rede zu mir. „Meine Tochter hat recht, daß ein großer Lhcil der Undankbarkeit wirklich aus Mangel von Nachdenken, aus Un ge fühl herrühre. Es ist ein eigner Zauber in der Wiedcrerinnerung an empfangene Wohlthatcn. Das Leben, das wir in ihrem Andenken nochmals leben, ist geistig, genialisch, ambrosisch. Alles Widrige, alles Störende ist davon getrennt; die Ehart s hat ihren süßesten Reiz darüber ausgegossen, und es gleichsam von jeder Schlacke der Sterblichkeit gelautert. Danklosigkeic kann also wirklich nur aus Zerstreuung, aus Schwache des GeMÜrhs und blosser Unbesonnenheit hcrrühren; man will nicht Nachdenken, man kann nicht Nachdenken; sonst würde man sich die süßen Augenblicke dieses Zurücklebens in einer freundlichen Wiederholung genossener Wohl- thaten gewiß nicht versagen. In meiner Familie ist es jeden Abend, jeden Sonnabend ein angenehmes Fest, das von andern empfangene Gute des Tages oder der Woche durchzugehn, und wir bereiten »Ns dadurch wöchentlich und täglich zub Feycr des benti- gen Tages. Wie mancher Groll wird dadurch abgs- than, wenn einer am andern unzcitigcn Verdacht geschöpft hat! wie mancher geheime Vorwurf wird in Dank und Liebe verwandelt!" „Wenn Ein Stand zu solchen Festen der Dankbarkeit buchstäblich ermuntert wird, so ist» euer Stand, ihr Gelehrten! Was wißt ihr, das ihr nicht gelernt? was habt ihr, das ihr nicht von andern empfangen habt? Jedes Buch ist ja ein Repertorium der Gedanken Andrer; jede Wissenschaft ein Gebäude, an welchem Völker' und Jahrhunderte Karreten. Nehmt weg, was ihr alten und neuen Nali»- n. Dichtungen. 2ii nen schuldig seyd, was bleibt euch? und was seyb ihr euren Lehrern, dem täglichen Umgänge, der fortgesetzten Lektüre nicht schuldig? Ihr solltet also Key jedem Büch ein bsneclicittz und Aratiao ^ten, nirgend aber fluchen und lästern. Könnt und wißt ihrs besser- so sagts und thuts mit Grazie; der Andre half euch vielleicht auf eure bessern Gedanken. Ein Schüler, der seinen Lehrer verfolgt- weil dieser jetzt alt ist, und Er weiter zu sehen glaubt, tragt die Nemesis auf dem Rücken, und das Zeichen' ber Verwerfung an seiner Stirn. Wir wollen ihm nicht wünschen, daß die Zeiten des Undanks einer so häßlichen Harpye noch forldauern und ihm in seinem Alter ein Gleiches widerfahre." „Arme Menschen, worauf seyd ihr stolz? warum verbittert ihr euch das Leben? Gibt cs nicht viele und niancherley Gaben? Bedarf das Auge nicht der Hand? die Hand des Auges? Haben wir nicht alle in der Welt, und wenn wir es verdienen, im Tempel der Unsterblichkeit Raum? Bedarf die Menschheit nicht noch unzähliger neuer Verdienste? Glauben <^ie mir, mein Freund, was allen Neid austreibt, und den Verdienstvollcsten nicht nur dankbar und bescheiden, sondern selbst demüthig macht, ist Mnemo sy nen s Tochter, die erinnernde Must: Mit den Grazien wohnt sie zusammen; sie ist selbst eine Ehari s." „Ich hatte einest Bruder, fuhr er fort, der eist Gelehrter, aber ein sehr bescheidener Gelehrter war, und als er uns einmal während dieses Festes besuchte, sich außer diesem Tempelchcn noch einen ungeheuergroßen Tempel- ein Pandaistonium, ausbat. Hier sollte das Andenken aller um die Menschheit L> 2 verdienten und berühmten Mariner und Weiber laut geseyert werden; das stille Verdienst sollte diesem verborgnen Tempelchcn heilig bleiben. „Ihr könnt nicht glaube», sagte er, was eine laute Anerkennung und richtige Abwägung srcmdcrVcr- dlenste für eine heilsame Kraft aufs menschliche Gemüth hat. Sie gibt ihm Bescheidenheit unb Würde, Schranken und Umriß, Entschluß und De- muth. Wenn ich, sagte mein Bruder, mit euch in dies Pandämonium treten und euch erzählen würde, was jeder dieser Geister fürs menschliche Geschlecht gedacht, gewollt oder gekhan hat? wie weit ers brachte, und warum es nicht weiter gedieh? wie würdet ihr euch freuen, wie würdet ihr hoffen und danken!" — „Und warum richteten Sie ein solches Denkmal der Verdienste nicht auf?" „Theils, well mein Bruder nicht bcy uns blieb ; am meisten aber, weil wir kein« Gelehrte sind, uns also auch die namentliche Erinnerung aller verdienten Männer in allen Zeiten nicht obliegt. Wir wiesen ihn in seine Bibliothek, als in ein achtes Pandamonium, wenn er in ihr Bücher und Bilder gut sammle; und versicherten ihn, daß uns bas Tempelchen des namenlosen, stillen Verdienstes heilig bliebe. Meine Kinder, wie hold und süß ist die Grazie eines namenlosen, stillen Verdienstes! Was ist Name? der Schall einiger Sylben, der mit uns keine Gemeinschaft hat. Unsre Form selbst, ist sie nicht abwechselnd und verschwindend? Aber wir haben empfangen und sollen geben. Verwebt in die Kette der Dinge können wir nicht anders als auf einander wirken; wie wollen wirS thun? Uns mit Gefälligkeit einander die Hände bieten, oder uns einander fortstsßcn? Die Grazien, singen die Dichter, tanzen in cwigverschlungenen Reigentänzen, nicht nur am Eephisusstrom, sondern auch an Jupiters Throne, nahe seinem unsterblichen Haupt; die ganze Schöpfung ist auf dies freudige Fortwirken im Geben und Nehmen berechnet." „Am schönsten also, meine Kinder, leben wie für und in einander. Schauet umher, wie Gott in seinen Werken lebet; ihr sehet ihn nirgends stehen, nirgends umherwandeln. Aber die Blume sprießt durch seine Kraft; sein Saft ist in allen Gewachsen, und der edelste Lebenssaft, den wir kennen, sind wohlwollende Neigungen, fröhlich fvrtwir- kcnde Gedanken. In dem allen erfreuet sich Gott; er erfreuet sich in uns, wenn dieser edelste Lebenssaft sich in uns rein lautert, und in andern Seelen erfreuetl Da lebt unser bester Theil in andern. Die Kette dieser Gedanken und Empfindungen ist . unendlich; sie reichet übers Grab hinaus, so wie sie auch jcnseit des Grabes herkommt. Unsre Sichtbarkeit ist nur Form und Schein; was uns beseelt, stärkt, erquicket und regelt, haben wir non denen, die vor uns waren; wir lassen cs denen, die nach uns seyn werden. Jenen geben wir Dank, den sie vielleicht mit uns empfinden; mit Wohlwollen und Liebe reichen rvir, was wir empfinden, vermehrt weiter. Diese freundliche Thatigkeit, voll Erkenntlichkeit, und voll guten Willens ist unser Elysium hier, es ist die wahre Geister- und Menschenwelt, ein Reich Gottes in menschlichen Seelen, zvo auch das Grab nichts trennet und abreißr." — 214 II. Dich t ungc n. Mit stiller Rührung Hütte der Greis dies gesprochen; die Sonne ging unter, der Mond eiuf. Ein paar Gesandte der kleinen Gesellschaft luden uns zu einem Spaziergange ein; er endigte zwischen Gräbern. Zwey Geschwister batten im vorigen Jahre ihre Geschwister, ein Neffe seinen Oheim verlohren, der als Vater ihn geliebt und erzogen hatte. Denkmale der Liebe standen auf den Gräbern der Verstorbenen; und mit herzlicher Einfalt bekannt?» die Ue- bcrblicbcnen den Abgeschiedenen den Dank für ihr Leben. Nickt Worte waren es, was sie sprachen, sondern Thaten, die sic bervorriefen, Situat i o- nen des Lebens, an welche sie die Abgeschiedenen gleichsam erinnerten, und zu denselben vom Himmel herab riefen. Der Mond schien freundlich.; schön ging die Sonne unter;, es dünkte, uns sammtlich einige Augenblicke, als ob die Verstorbenen noch mit uns wären. An ihren Gräbern ward ein Bund geschlossen, ein Bund des unsterblichen Dankes gegen sie, und des freudigen Fortlebens in und mit einander durch Wohlwollen, D a n k und. t h a t i g e L i e b. e.. Wir schieden. Der Freund, der mich eingeführt hatte, begleitete mich und machte mir im Namen seiner Freunde ein Geschenk, das G c s a ng b uch der Gesellschaft; die dry) bekleideten Grazien standen voran. Ich freuete mich, in ihm die schönsten Gesänge der Dichter alter und neuer Zeiten zu finden, die diese drey Huld innen des menschlichen Geschlechts besungen Hatten, kein einziges entehrendes Lied des Bacchus, Mars oder der sinnlichen Venus, fand ich darunter. Noch erfreuender aber wars für mich, als auf den folgenden Eag mein II. Dichtungen. 2r5 Freund erschien und mir das Archiv der Gesellschaft zeigte. Vielleicht kann ich Ihnen Einiges daraus mittheilen., — Die griechische Charis. Eine Anmerkung-, Es sey mir erlaubt, dem, was im vorstehenden Aufsatze der Jüngling über die Bedeutung des Worts Charis (Grazie) bey den Griechen sagt, mit einer Note nachzuhelfcn. Zuerst ists keinem Zweifel unterworfen, daß das Wort Charis von Freude, Fröhlichkcit obstammt; mithin heißt das Gra- tivse alles, was Freude und Fröh- lichkeit gewahret. Dies ist der älteste und weiteste Begriff des Worts, ohne Rücksicht, wodurch diese Freude und Fröhlichkeit gewährt werde. Auch personiflcirt führten die Griechen die Grazien ursprünglich als Freudegeberinnen auf den Altar. Bey den Laccdamoniern hießen sie P h a- enna und Kleta, Göttinnen, die einen glanzenden Ruhm verleihn, weil Laccdamon vor Allem den Ruhm liebte. In Athen war ihr Name Hegemone und Auxo; jene die Führer in, diese die Mehrerin des Wohlstandes, den Athen yninschte. So nennet Pin dar alles, was uns ec- 2r6 II. Dichtungen, freulich begegnet, Ruhm, Sieg, Ncichthum, Wohlstand, jede Anmuth des Lebens Charis; und hat in seinen Glückpceisungen darüber die herrlichsten Stellen. Zweytens. Eben so unzweifelhaft ist die Bedeutung des Worts , das jede Gefäl. ligkeit und Gegengefälligkeit, wodurch ich den andern erfreue oder ihm dankend meine Freude bezeuge, ausdrückt. Insonderheit bemächtigte sich die Liebe dieses Worts; ihre höchste, letzte Gunst hieß Charis. Grazienlos, (oder gar eine Steingrazie) nannte Sappho jenes Mädchen, das der Liebe ungefällig war; die stolzen Centauren waren m wtlden Umarmungen ohne die Grazien erzeuget. Sehr natürlich war also jene Personifikation Homers, der eine Anzahl Grazien zum Gefolge der königltchen Juno machte; auf wartende Gefälligkeit war ihr Charakter. Für eine Gefälligkeit, die ihr der Schlaf erwiesen hatte, versprach sic ihm Eine der jüngsten, also auch der gefälligsten, Grazien, Pasithea, zum Dank, zum Lohne. Drittens. Da Schönheit und Reiz sowohl zum Erfreulichen als Gefälligen des menschlichen Lebens gehören: so ging der Begriff der Grazie sehr bald auf persönliche Anmuth über. Jener Jüngling war mit Grazie geschmückt, (übergossen, gesalbet,) diesen Helden zierte Pallas mit Anmuth. Auch diese dritte Bedeutung ward frühe zur Personifikation. Schon beym Homer ist es dev 4 H. Dichtungen. 21 ? Grazien Amt, als Dienerinnen die göttliche Aphrodite zu schmücken, zu salben, zu kleiden; und bey Hesiodus schmücken die Grazien sammt der P i- tho die junge Pandora. Hephastus (Vulkans) Gemahlin, ist eine Charis, weil Kunst da.s Gefällige sucht und sich mit Anmuth paaret. Bey Pindar ist es die Charis, die Allem, insonderheit der Poesie, dem Gesänge, dem fröhlichen Gastmal, dem Tanz, jedem Siegs-Aufzuge Leben und Anmuth giebt. Nichts ist gefällig, nichts ist erquickend, was nicht in ihrem Garten wuchs, was ihre holde Hand nicht berührte. Hier geselleten sich also Grazien und Musen, die auf dem Parnaß neben einander wohnen: denn auch die Werke der Musen waren ohne sie ungefällig und reizlos. — Die Charis ists, die den Menschen alles versüßt, Die den Reden Ansehen schaffr; Oft macht sie selbst das Unglaubliche glaubhaft. Der Dichter Hermcsianax konnte also mit Recht Eine der Huldinnen Pitho, die Uebcrre- dung, nennen; und Pindar ist der Dichter der Grazien dadurch worden, daß er sie in jeder Bedeutung des Worts als Lank, Ruhm, Freude, Anmuth des Lebens, Süßigkeit des W ohlgefallens und des guten Beyfalls« als die Blülhc jeder Kunst und Weisheit, preiset. Pindars Gesang an die Grazien. Die ihr den Cephisusstrom und der schönen Rosse Ltahrerin-Flur zu eurem Sitze bekamt, II. Dichtungen. SlL Ihr des glänzenden Orchomenus gepriesene Königinnen , Von Alters her, Aufseherinnen des Minyer- stamms; Ich fleh' euch, Grazien, hört! Denn nur durch euch wird, was den Sterblichen lieblich Und süß ist. Wer ein weiser, wer ein schöner, Ein glänzender Mann ward, war's durch euch. Selber die Kötter begehn Ohn' euch, Ehrwürdige, Weder Reigentänze, noch Mahle; Alles ordnen im Himmel Die Grazien an;. Sieben dem pylhischen, Mit dem goldnen Bogen bewehrten, Apoll» Setzen sic ihre Thron'' und preisen Des olympischen Vaters unendlichen Ruhm. Töchter hes mächtigsten' unter den. Göttern, Ehrwürdige Aglaja, du kiederfreundin Euphrosyye, höret mich: Du auch, Gesangesfrcundin, Thalia, die jetzt Auf günstigem Glück den Hymnenchor Lcichrschwebcnd daherziehen sieht: (Denn in lydischer Weise Mit vorbedachten Gesängen Den Asopichus zu singen kam ich hieher; Da der Minyer Stadt in Olympia Siegerin ward, Thalia durch dich.) Echo, geh'-in das schwarzummauerlc Haus "Der Pr ose rpi na, bringend II. Dich tun ge«. 2rg Dem Vater die fröhliche Botschaft. Wenn du dort den Kleodamus siehst, Melde vom Gohn ihm, Daß er sein jugendlich Haar Im Schooß der herrlichen Pisa Gekränzt hat .mit der edelsten Kampfe Fittigen! Viertens. Nach diesem Gesänge Pindars sollte man kaum erwarten, daß die ehrwürdigen Göttinnen Agfaja, Thalia und Euphrosyne blas als hübsche Mädchen, als gesellige Schwestern und angenehme Gesellschafterin- n e n vorgestellct würden, an denen nichts bedeutend ist, als Hände, die sich umschlingen, und etwa ein Anblick fröhlicher Unschuld. Man wird sagen: Dies seyn die Grasten Hesiods*); von Anbeginn aber ists nicht also gewesen. Nicht im Olymp allein sitzen Pindars Grazien neben Apollo, und sin- H Aber Oceanus Tochter, Eurynome, herrlich " an Ansehn, Ward die Mutter der drey Huldinnen, schön- wangige Mädchen, Euphrosyne, Thalia, die lieblich, sammt ^ der Agfa ja Holde, von deren Augcnliedern die süßeste Liebe Traust, die die Glieder uns löst; so huldreich blicket ihr Auge. Hesiod. Lheogon, 907.. Auch im orphischcn Hymnus heißen sie X«Au- gen mit ihm das Lob des höchsten Gottes; ans Erden auch waren sie, sobald sie nicht mehr in rohen Steinen verehrt wurden, und goldene, marmorne, oder aus Marmor und Gold zusammengesetzte Bildnisse bekamen, nie ohne Bekleidung. Neben dem Apollo, oder mit den Eumenidcn verehrt, waten sie ehrwürdige Göttinnen ; zu Delphi selbst standen ihre Wilder neben dem Gottcsbildc; in Smyrna standen sie den Göttinnen des Orts, der zweyfachen Nemesis zur Seite. In Athen hatten sie ausge-, zeichnete Altäre, im Odcum, beym Eingänge der Acropolis (wo Sokrates sie gebildet hatte,) allenthalben bekleidet. Pausanias weiß nicht, wer sie zuerst nackt zur Schau gestellct habe; wenigstens war cs kein Weiser. Denn unser Jüngling hat recht: Drey unbekleidete, weibliche Körper in cincr- ley Stellung, in welcher kaum die Hände bedeutend sind, können am Ende zu nichts, als zum muffigen Aicrrath dienen; daher wir für den Eharakter, den diese Grazien ausdrücken sollen, unstreitig lieber die Kindheit wählen würden. Dieser vierte Eharakter ist schwesterliche Geselligkeit im jugendlichen Tanz und fröhlicher Unschuld. Weder Liebreiz soll er ausdrücken, noch eine Würde Hoher Anmuth; er tändelt jugendlich mit Rose, Myrthe und dem Spiel- würfel (ralus). Wenn also von Vorstellungen der Kunst die Rede ist, so muß man durchaus Grazie als eine Eigenschaft oder Charakter, von den drey nackten Grazien des neuern Styls unterscheiden. Jener, die Grazie, ist ein so umfassender, hoher und reicher Begriff, baß er durch drey nackte Mad- n. Dichtungen. Ä2r chen, die stch einander die Hände reichen, weder nusgedrückt werden konnte, noch sollte. Selbst wenn Winkelmann in seiner vortrefflichen Beschreibung der Grazie in den Werken der Kunst (Geschichte der Kunst S. 229. Dcesdn. Ausg.) die zwcy ältesten ehrwürdigen Grazien der Griechen hieher zieht und sie mit der himmlischen und irdischen Venus vergleicht» wenn et die Bilder dieser Görlinnen an Jupiters Thron und in der Juno Krone hieher zieht; so ists blos Schmuck der Rede: denn seine Beschreibung der ohcn Grazie in Werken der Kunst ist fast ein Hymnus. Sonst hat er jene himmlische Charis, die sich über Werk« der Schönheit ausgiesst, von den Kunstgcbilden, die man Grazien nennet, sehr wohl unterschieden, und die letzten blos als Dienerinnen an den Ort gesetzt, der ihnen gebühret. Es wäre zu wünschen, daß dieser Unterschied den allen bemerkt wäre, die über Grazie und die Grazien schrieben. Drey Zierrachgestalten haben das Glück gehabt, welches selbst Pallas, Juno und Aphrodite nicht hatten, daß man von ihnen theils nie etwas Böses, wohl aber ein tausendfaches Gutes sagte, das nicht ihnen, sondern der Charis selbst gebührte. Fast haben sie uns erstickt mit süßduftenden Worten. Künstler von gutem Geschmack trugen Sorge, ihren Grazien etwas zu thun zu geben, um sie ihrem handumschlingenden Müssiggange zu entreißen. Die Jungfrau'n mußten an ihr Geschäft: eine Göttin , oder wer der Göttin gleich seyn sollte, zu schmücken, zu salben, zu zieren. Sie brachten sie mit Kindern, mit dem Amor, dem Merkur, 22H II. Dichtungen. Apollo, oder sonst in Gesellschgst. Die Kleider, die ihnen Amor geraubt hatte, würden ihnen wicder- gegebcn, und so konnten sie in tausend Schmeiche- leyen und Artigkeiten anmuthig werdcm Endlich ging ihre ursprüngliche Bestimmung, die das Wort Gefälligkeit, Dank gratis,) sagte, auch in sittlichen Deutungen hervor. P l uta r ch, die An t h ol 0 g i e u. a. haben der- ' gleichen Bezeichnungen; die subtilste von allen hat Seneka aus dem Chrysippus; (äs Kenskls. D. 1. 6. 3 , 4.) wo sogar jeder Umstand ihrer Vorstellung auf dasGeben, Empfangen und Wieder ge den der Wohltbaten deutet. Ich wünschte die schöne Stelle anführen zu können; sie ist aber zu lang und etwas zu subtil; dadurch schadet sie der unstreitig schönsten Bedeutung dieses Bildes ; Geben, Empfangen und Wiedergeben der Wohlthat oon Zraria j mit Am m u t h. Unsre deutschen Worte: hold, holdselig, Huld, Huld in, Anmuth u. f. drücken aus, was die griechischen Worte ; und die lateinischen Zr-rtia, Qrarias ausdrückten; nur in Fortlcirung und Anwendung dieses Begriffs, haben wir nicht eben, wie die Griechen, der Grazie geopferte Jeder Versuch, der uns die achten Grazien der Menschheit, Wohlwollen, Dankbarkeit und t h a t i g e F r e ud e bekannt macht, ist eines freundlichen Blicks der Charis werth, die in wohlwollenden Herzen wohnet: denn was heißt anniuthig, als was uns hold anmuther, was wahr und lieblich unserm Hcrzen z 11 spricht § 223 il. Dichtungen. An die Huld gö ttinncn. Ein orphischer Hymnus. Höret mich, Huldgöttinnen, in großem Namen Verehrte, Töchter Zevs und der schönen Eünomia, glänzend an Ansehn - Du, Ag.laja - Thalia, Euphrosyne, Fröhliche, Holdere udegewährerinnen - ihr Liebenswürdige, Reine, JmmerblühenLe, Vielgestaltige, schwebend in Tanzen;' Stets den Menschen erwünscht und erfleht- Anmu« thigc, Süße, » -Kommt, Glückbringerinnen - und seyd den Geweih heten günstig. 3 K a l l i g e rr i a, die Mutter der Sch.önheit. Ein L r a u m. L Laschenbuch für 180Z. Frankfurt). Sanft ermüdet von der Reise des guten Gau- Le nt io di Lucca ins innere Afrika *) (schreibt KalliaS) entschlief ich und befand mich selbst im Traume auf einer Reise. Kalligenia suchte ich auf, das Land der Schönheit. Mehrere, die Mir begegneten, fragten: „Wohin gilt die Reise? Nach Kalli genial Vergebliche Mühe! Es giebt kein solches Land. Lange suchten wir allenthalben umher, haben aber weder den Urquell der Schönheit, noch die sich darin badende Göttin gefunden. Kehre ') Ein Roman des Bischofs Berkley, der mehrmals ms Deutsche übersetzt ist. II. Dichtungen. 22Z Kehre zurück, Jüngling!" Ach kehrete mich aN ihre Rede nicht, und ging weiter. Du grrieth ich in eine ungeheure Wüste, in der ich kaum fortkommeN konnte ; der Gang im tiefen Sunde ermattete mich sehr. Noch mehr verwunderte mich, was ich sah. Knaben fußen um BodcN und spielten, zeichneten, bildeten im Sunde; andre hauchten Saifenblasen in die Luft. Andere theilten die Sandkörner. „Was thut ihr?" fragte ich sie. „Wir trennen das Schone vom Angenehmen, das Gute vom Schönen, um dies rein zu gewinnen; wir machen das Schöne." Ich eilte weiter. Und kam an das Land des Abscheus. Seine Gestalten auszudrücken, hat die Sprache keine Worte, „Wir suchten das Land der Schönheit im Lande der Wollust, ächzten die Elenden, und liegen hier." Schaudernd eilte ich vorüber. Als auf einmal mich welch ein schon uM sichlest- ftnes Thal empfing! Erfrischend wehrten seine Lüfte; erquickend blühten mancherlei) von mir noch Nie gesehene Blumen rings umher > und auf den Zweigen der Baume lockten mich ambrosische Früchte. Durstend wollte ich einige brechen, aber die Zweige wichen Meiner Hand; die Blumen wandten und verschlossen sich, gefühlvoll wie eine Mimosa. Da ertönte eine liebliche Stimme: „Beleidige nicht den GarteN der Unschuld! Kein Ungeweihter darf ihn berühren. Im lauternden See bad' er zuerst." Ich schaute umher, und siehe da, von Gebüschen bedeckt, der Helleste Spiegelsee, den je mein Aug' er^ blickte. Ein Gebilde von weisem Marmor, die Göttin der Gesundheit, stand in seiner Mitte auf einer Muschel, um welche die Wellen freundlich Herders W. z, sch.Lit. u.Kunst, VI. P 226 II. Dichtungen. spielten. Schnell entkleidet von meiner staubigen Hülle trat ich in ihn; aber seine sanften Wellen, wie scharf durchdrangcn und lauterten sic! Indem ich in den Spiegel des Wassers und in den blauen Himmel sah, der in ihm schwamm, sah ich in mein Innerstes; mein Leben mit allen seinen Thorhciren und Fehlern war auf Einmal in meiner Seele. Es stand als Summe gegenwärtig, unbeweglich da. Ich tauchte nieder, bewegte mich; mit sanftem Schmerz riß und zog jede spülende Welle wie einen Pfeil aus meinem Busen. Heitrer und heitrer blickte ich auf, bis ich einen Augenblick der Gesundheit und des Wohlseyns fühlte, dem an stiller Seligkeit nichts gleicht. Ich umfing daS Bild der Göttin mit meinen 'Armen, und die vorige liebliche Stimme sprach - -,Fremdling, du bist geläutert. Nur gesund erkennet und genießt man die Schönheit. Zur Unform wird sie dem Kranken. Aus, und labe dich jetzt an den Früchten dieses Thals und ziehe weiter." Ich enstieg dem See; meine staubigen Kleider waren verschwunden, ein weißer Talar lag da. Und indem ich mich ankleidete, indem ich erquickende Früchte genoß, spielten die Lüste um mich; unsichtbare Genien sangen: Heilige Luft! und du, des Himmels Tochter 0 Quelle! Bleibt dem Jünglinge hold, badet ihn täglich gesund. Bor Aurorens Auge genieß er an jeglichem Morgen Neue Kräfte, die ihm freudige Ue.bung gewahrt. Verjüngt und wiedergebohren stand ich auf, und empfahl mich dankend den Unsichtbaren; als auf ein- II. Dichtungen. 227 mal in lebendem Bilde der Parnaß vor mir stand, wie er aus Raphaels unsterblichem Gemahlde in der Seele des Träumenden lebte. Die Dichter aller Zeiten, in Gruppen gelagert, wurden mir jetzt sichtbar. Was empfand ich, als ich euch sah, ihr hohen Seelen der Verganqenbeit, deren Gedanken und Tone in zahllosen Seelen unsterblich leben. Wie viele derselben wachten in mir auf! — Wer zuerst zu mir trat, war Kleist. Ich kannte ibn, ohne daß man ihn nannte; in seinem Anblick klangen mir die Tone: *) ,,Jch mahlte die Natur, Belauscht' und haschte den Lenz auf blumiger Flur; Mich liebte der West und der Lerchen Heer, Und Nachtigallen sangen, wo ich sang, um mich her. Ich pries die Tugend, die ich empfand." Freundlich befragte er mich um feinen Freund Gleim, und führte mich zu den friedlichen Gruppen aller Erlesenen. Jdyllen-Fabel-Iyrische Dichter; auch in Elysium setzten sie ihre lehrreich-frohen Spiele fort, in lieblicheren Tönen, als manchem ihrer die irdische Lyra gegönnt hatte. Petrarka und Pin- dar, Sappho und Anakceon, Horaz und Uz, Theokrit und Gcßner; sie thatcn dort, was sie hier gcthan hatten, preisend die Harmonien der Schöpfung. Auf einem höheren Hügel saßen die *) Aus G erstenbergs chondristen S. ng. Hymne. S. den Hypo- P s 22Ü II. Dichtungen. Barden der Vorzeit, Homer und Ossi an, DaN- te, A r i o s t, Tusso, Äl i l t o n. „Die Töne eures Kiopsrocks sind zu uns herüber geschallet," sprach M i I r o n. „Und seine Bardengesange," sprach Ossi an. „Und seine lyrische» Herzenstöne, sprach Petrarka; noch bleibe er euch!" „Und Gleim," sprachen Tyrtaus und Kleist, Ana- kceon und G uarin i. „Und Wieland" sprachen Arioft und Horaz, ckenophon und Cervantes. Da trat Lessing zu mir, mich freundlich umarmend. „Mit welchem Unkraut ist euer Parnaß jetzt bedeckt! Nie fehlte es ihm daran; aber waS ist er jetzt worden! Komm zur S c h u l e A t h e n s." Und sie stand vor mir lebendig, nach Raphaels Gemahlde. Wie war dies in Elysium verklärt! Sokrates und Plato, Pythagoras, Aristoteles, Ep i kur, Zeno, und wer von Neuern der Halle der Weisheit wcrth war, Eampanella, Bako, Sarpi, Montag ne, Locke, Leib- nitz, Shaftesburi, Hartley, Montesquieu, und viele andre. Friedlich besprachen sie sich über die Ereignisse, Bemühungen und Entwürfe ihres Lebens. Manches ihrer Worte, die ich dort hörte, ist meiner Seele noch heilig. Lächelnd winkte Lessing auf den Eyniker: „Zu dem haben jene Key euch mich gesellet?" — Winkelmann und Mengs traten zu uns; wir sahen die Werkstatte der Künstler. Gesellig lebte die alte und neue Kunst mit einander; Zwiste und Streitigkeiten waren verschwunden. Raphael undApelles, da Vinci, M i c h e l A n g e l o, Bramante, Palladio, der verschiedensten Künste Künstler, nachbarlich den n. Dichtungen, 229 Weisen wohneten sie und übten das Gebeimniß jeder ihrer Künste; Z u sa m m e n st i m m u n g und W 0 hl 0 rdnung in Reiz und A n m u t h. DeS Träumenden Seele hörte in Allein Einen Klang, den Hymnus der Schöpfung, Die beydcn Dichter geleiteten mich, wie einst Virgil und Statius den träumenden Dante, weiter. Ich kam in einen großen Garten, wo Linnss, wie Orpheus, stand und zahlte und nannte Gattungen und Geschlechter, die Büfson beschrieb. Aus allen Landern E u r 0 pa' s waren treffliche Männer mit ihnen; neben dem heroischen Camper standen unsre Förster. Allenthalben sähe ich Gesetze der Natur, hohe Ordnung. „Ach, sprach ich, lauter zerstreuete Schönheiten! Abdrücke des Urbilds; aber wo ist das Urbild selbst? Kaliigenia zu suchen, bin ich hier; ich erfreue mich an Abflüssen, wo ist die Quelle? " Plötzlich setzte mich der Traum auf die Höhe eines Berges; über mir ui^d um mich waren Gestirne. Kopernikus empfing mich , und K e p- ler, Galilai, Newton, Tobias Mayer, Lambert, sie zeigten mir, wohin sie seitdem gelangt waren. Freundlich nannten sie die Namen ihrer Mitbrüder; Herschel, Schröder, Zach, Olbers. Ihr lebt unten in einer merkwürdigen Periode, sagte Kepler, ihr betrachtet euren jungen Planeten. Beschauet ihn recht." — In einem Entzücken, welches mir weder der Parnaß noch die Schule der Weisen hatte geben können, war ich hier. Welten umwandeltm mich; mir war's, als empfände ich hier Gottesgedanken, die Regel der 23 o II. Dichtungen. Schöpfung, die Kepler mir in Harmonien erklärte. Wie von einem Hauch geweht, wie von einem sanften Strome getragen, war ich in dunkler heiliger Nacht, — wo war ich? War's die Grotte der Natur? oder dieMitte d er Sc h ö p fu n g? Nichts konnte ich bey mir selbst sagen, als: „Hier ist gut seyn !" Ich genoß und empfand hohe und höchste Einheit, die U e b e r e i n st i m m u n g und rastlose Wirksamkeit der Natur, ewige Palingencsie, immer junges Leben. Ich sah, daß nichts sich übereilen könne, daß Alles sich folgen müsse und ewig folge. Maas, Zahl, Gewicht, Bewegung schwanden mir mit den Sinnen dahin. Eines lösete sich in das andre auf. „Laß mich ein Symbol sehen dieses sanften S treib ens, dieses unendlichen W erd en s, du unsichtbare Kraft!" rief ich in innigster Bewegung. — Und siehe da! Licht glanzte vor mir, ein Strahl des rcinestes Lichts. Da er sich rheilte, war's, als sähe ich in ihm alle Gestalten der Dinge in der ganzen Eintracht ihrer Verhaltniste und Formen, Punkt, Linie Kreis, Säule, Würfel, jede Schwebung und Schwingung der Natur, Blumenkettcn in allerlei) Farben, jede auf dem kürzesten Wege zu ihrem Ziel eilend; dann sich hebend zur sanftesten Flamme, aufstrebend zu einem Punkt harmonischen Lebens. „Heil, heilig Licht! rief ich, du warst es, von dem die Wesen im Schooß der kalten Mitternacht erwachten; sie regten sich und lebten. Da hoben sich die Himmel droben In blauer Pracht. Es hoben II. Dichtungen. s3r Die Wellen sich und sanken nieder Und spiegelten den Himmel wieder ; Es rhat sich auf Aurorens Thor; Die Sonne trat hervor.. Und aus den Wellen stieg der Erde weit Gebiet; Die Sonne schaut sie an, sie blüht. Licht-Geister, die auf goldnen Strahlen Auf Farbensitiigen, hell gewebt; Mit zarten Zügen Ihn, durch welchen Alles lebt, In Auge und Gcmüth uns mahlen, Sprecht, wie der Geist zum Geiste spricht, Sah't ihr den Ewigen? „Wir sah'n ihn nicht!" sprach 'schweigend der Lichtstrahl. Aber ein hoher Gesang erklang; der Gesang, durch den sich einst, (so dünkte mich's) die Sonnen ordneten und alle Welten ein Chor wurden: „Im weiten All ist Er! Im weiten All Lönet Ein Mitgefühl, Sein Wiederhall. Niederknicen wollte ich und anbetcn, als eine Eer stalt vor mir stand; zuerst vcrschleyert, dann — wie spreche ich ihre Majestät und Schönheit aus? Eine Mutter stand vor mir, auf ihrem Arm ein Kind tragend, das sich an ihre Brust schmiegte. Bon Sternen ein Diadem umschlang ihr Haar; Rosen blühten auf ihren Wangen, eine Rose auf ihrer mütterlichen Brust. Liliengewand ihr Kleid, mit Blumen gegürtet, und hinter ihr weit in die Lüfte floß «in blauer, goldgestickter Mantel. „Ich bin, 232 II, Dichtungen. die du suchest, sprach sie mütterlich-freundlich, Kal- liqenia, die Mutter der S c h ö n h e i t: mein Kind ist die Natu r. Aus Schönheit entspringt Liebe; Liebe erschaffet und genießt die Scho n- h ei t. Sie glanzt in Allem, was hold ist; am reinsten in Dir, wenn du weise, gut und mächtig handelst. Forsch? nicht nach dem Quell; strebe bandelnd nach dem höchsten Schönen; auch aus Mißklangen erschaffe dir höheren Wohlklang, Kallias ist dein Name. Du sabest mich, dir bleibe mein Bild!" Sie rührte mich an, schreibt Kallias, und ich erwachte. Mein Traum entfloh; aber ihr Bild allenthalben suche ich cs auf, in Gesinnungen, Thatcn und Gestalten; sein kleinster Abglanz entzückt mich, mich erinnernd an Sie— Kalligenia, die müt- terlichd Liebe, Quell aller Schönheit, 4 , E l o i s e. Ihr Charakter. Namen an ihrem Grabe. ^)edem edleren Gemükh ist es ein schmerzliches Gefühl, hochachtungswürdige Namen verunglimpft zu sehen; Namen, zumal von Personen, die sich nicht rechtfertigen können, von Tobten. Unser Inneres empört sich hiebcy gegen jede Unbilligkeit: denn daS Gericht über Hingegangene will Wahrheit. Noch mehr gilt dieses Key weiblichen Charakteren. Der zartere Umriß, den sie fordern, will durchaus eine linde und zugleich sichere Hand, eine rein? Sonderung der Faden, aus denen daS weibliche Herz gewebt ist. Große Seelen dieses Geschlechts gemein dargcsteilt zu sehen, verwundet mehr, als die gewöhnliche Verunglimpfung oder fal- II. Dichtungen. 234 sche Lobpreisung der Männer in der Geschichte. Dieser Berühmten gibt es viel, jener so wenige eben deshalb werden die Namen der Frauen im Guten und Bösen gar bald Sprüchwoct. Eben deshalb aber gibt es kaum ein unedleres Beginnen der Männer , als mit dem guten Namen seltner Personen des andern Geschlechts, aus Unkunde oder der Mode wegen, Scherz zu treiben. Dem Namen der Eloise ist's so gegangen, einem Namen, den man nur mit Hochachtung nennen sollte. So lange man sich mit der Oberfläche ihrer und Abälards Begebenheit begnügt, mags zu entschuldigen i'cyn, wenn man sie für das hält, was mehrere in solchem Fall scyn würden. Wer aber ihre drey Briefe, diese tiefe Wahrheitszeugen ihres Herzens, gelesen, und die Geschichte ihres Lebens im Zusammenhänge geprüft hat, wenn der sie noch für eine solche halt, so ist er unwcr.'h, daß ihm je das Bekcnntniß eines reinen und hohen weiblichen Herzens werde. Entweder muß Pope ihr eigentliches Leben nicht gekannt und ihre Briefe sehr oberflächlich gelesen haben , oder es galt ihm gleich viel, wie er in seinem berühmten Gedicht, das in aller galanten Britten Gedächtniß ist*), ihren Charakter zeichnete. Seine *) I leneev IVlr. elegant p r 0 il n e- tion lieart, I ainusecl ni^sslk h)' repieatinK AS I retnrnell to lVogenr, sagt ein galanter brittischer Reisender (Henryl, der unter dem Gesänge der Nachtigallen und dem Glanz« II. Dichtungen. 235 Lloiso io AGsIsrä ist gerade das Gegenbild dessen, was sie war, und vwlleichc das Widrigste, was ein weibliches Geschöpf se.m kann, eine lüsterne, eine heuchelnde Bahlen» im Nonnenkleide. Und mit so täuschenden Zügen ist dies Bild dargestellt, daß ein Landsmann, ja ein Neligionsvecwandtcr Pope's selbst, Joseph Berington, es für eine gefährliche Schrift, für ein verführerisches Gedicht erklärte. Glücklicherweise ists aber auch eben so falsch * *), als gefährlich; ja, man mochte sagen, treulos. DaS Bekeuntniß einer edlen Seele, das sie (um Eloisens Ausdruck zu gebrauchen) in der Bitterkeit ihres Herzens dcMMigen thut, den sie mehr als Beichtvater der Johanniswürmchen nach Eloisens und Abä- lards Kloster zum Paraklet unlängst spatzierre. „Der kleine Fluß Arbuffon, sagt er, gleitet das Lhal hinab, und da die Weingärten viel leuchtende Würmchen lglmv-rvorms) Hervorbringen, und die Nachtigallen diese gerne speisen, so ist's kein Wunder, daß da viele Nachtigallen sind." Lugatelies, 1767, lUirropv-rir LkaAnrirre 1795. P. rr-g. *) S. Beringtons Geschichte Abälards und der Eloise, übersetzt von Hahnemann 1789. S. 822. u. f. Warum ist die Zergliederung des Popischcn Gedichts, die dessen historische Unrichtigkeiten zeigt (S. 3 n 3 .), nicht mir übersetzt worden? Da das Gedicht selbst nicht nur mehrmals ins Deutsche übersetzt, sondern auch das Vorbild so manches schmachtenden Nonncnromans worden ist, die aus ihrer Celle hinaus ins Mondlicht schweben? II. Dichtungen. -36 achtete, allein zu dem Zweck thut, daß er sie, alle« ihres Ruhms ungeachtet, nicht für starker und heiliger halten sollte, als sie sey, mithin sie nicht verlassen, sondern ihr zu Hülfe kommen müsse; ein solches, ikrc Schuld offenbar übertreibendes, Bekenntnis zu einem Klingklang einer heuchelnden Buhlerin zu machen, wäre das nicht Veruntreuung einer mißverstandenen, mißdeuteten Herzcnssprache? Möge die Kunst des Dichters so fein seyn , als sie wolle, mit der er, wie Prior berühmt*^: Vor Abälardens Mißgeschick Mit zarter Hand und mildem Blick Ein seidenes Gewebe webr, Dran jede Farbe blüht und letzt. ") O äbslarst — Illran, kops kor ill^ liliskortlilis grisv'st leinst coiiseril sust sstill das vesav'st ^ silsten -veb; allst ne'er sliall käste kr- solours: das lis laist Istls ruanrls o'sr säst stistres;, ^Iiä Veii,i; sliall tlls texrurs Illesa» 8s o'er tlis lvsspinA dlaii lias äralvn 8usst artkul kolsts ak sacrsst lawn; st'Ilak Love, lvitll e^ual Krisk allst prists LllnII ses riis criins, sts slrivss Vs Kiste; ^nst sokrl^ strawing basst lks veil l^lle Lost sliall ko bis vok'ries isll Lacli sorlssious ksar, easli blussting grase, ssstak äesst'st stear kllolsa's lass. krior's ltlirra, Lanka II. 11. Dichtungen. 23? Artig hing er ein Mäntelchen Bor seine zwey Zarrtiebenden, Woran dem kleinsten Fädenchen Die Benns ihren Segen gibt. Dem Nönnchen auch, das weint und liebt, Gab er, den Blick halb abzuhalten, Kunstreich den Schleyer mit viel Falten, Daß Liebe, stolz und süß gequält, Doch stehet, was er fromm verhehlt. Cupido zieht ihn sacht' zurück Und zeiget seines Günstlings Blick Jedwede Zähre schuldbewußt, Jedweden Reiz voll Schaam und Lust, Der Eloisens Angesicht So lieblich zierte — Unwürdige Anwendung der Kunst zur entehrenden Lüge! Wie Eloise Abalard geliebt habe, werden in folgendem Gedichte ihre Worte sagen. In ihrer Jugend , (ein Mädchen von achtzehn Jahren) als sie seine Schülerin war, legte sie in ihn so hohe Begriffe, daß Alles, was e^ ihr von Weisheit der Ulten vortrug, die unglaublich auf sie wirkte, ihr aus ferner Seele zu entspringen schien, und er ihr also ein Muster der Vollkommenheit dünkte. Wunderbar tief faßte in der damaligen dunkeln Zeit die Denkart deS Alterthums Wurzel in dieser seltnen weiblichen Seele; ihre Briefe zeigen, daß sie, auch in reiferen Jahren, da sie langst Aebtissin war, selbst wenn sie christliche Worte sprach, als eine Römerin dachte. Unbefangen nannte sie ihren Sohn sAstrolabus) einen von den Sternen Empfangenenund hat -38 II. Dichtungen. sich seiner so wenig geschämt, daß sie ihn, da sie schon im ganzen Glanze ihres geistlichen Ruhms stand, dem ehrwürdigen Abt zu Elugni (kstrus Vsns- rakilis) empfahl, der ihn dem Bischöfe zu Paris empfehlen sollte. Die Schuld ibrer Verführung gestand Abälard frcy; sie selbst hat sich über diesen Punkt ihrem Verehrten ins Angesicht, mit einer bescheidenen und so ungewöhnlichen Offenheit, erklärt, daß sie in ihrer Schuld selbst als eine Jungfrau dasteht. „Zweycrley, sagt sie, ich bekenne cs, zwey Vorzüge waren dir eigen, womit du jedes weibliche Herz sofort an dich ziehen konntest, Anmuth im Sprechen, Grazie im Gesänge; Dinge, um welche sich sonst die Philosophen am wenigsten bekümmern. Spielend, zur Erholung von philosophischen Uebun- gen, verfaffetest du mehrere Liebesgesänge, die der unendlichen Anmuth ihres Ausdrucks und ihrer Melodien wegen oft und häufig gesungen wurden, so daß dein Name in Aller Munde war und auch Un- gelehrten durch deine süßen Gesangweisen wohlbekannt ward. Dies insonderheit flößte unserm Geschlecht« die sehnende Liebe zu dir ein. Und da der größeste Theil dieser Gedichte unsre Liebe besang, so ward ich durch sie vielen Gegenden bekannt und von vielen meines Geschlechts beneidet. Denn welch ein Gut des Geistes oder des Körpers schmückte nicht deine Jugend?" Hiezu kam Abälards Ruhm. Wie Paris für den Sitz der Wissenschaften, galt er für den größten Philosophen der Welt. „Keine Entlegenheit der Gegend*), (sagt einer seiner Freunde) keine Höhe der *) S. bist, oslariut. II. Dichtungen. , 23 g Berge, keine Tiefe der Thaler, keine mit Lebensgefahr und Straßenraub bedornte Reise konnte Eure Schüler von Euch zurückhalten. Rom sandte seine Kinder, von Euch Unterweisung zu empfangen. Britanniens Jugend strömte nach diesen Küsten; die cnt- secntern Eilande sandten ihre rauhen Söhne. Germanien , Spanien, Flandern, die Bölker aus Norden und Süden strömten zu Euch; sie bewunderten, priesen, erhoben Euch; Euer Name war in Aller Munde." Wenn dieser Allg.pricscne nun den Namen Eloisens auch so berühmt machte, daß er in seinen süßen Liedern allenthalben auf Straßen, in Hausern gehört wurde; welche Fesseln der Reize für ein junges weibliches Herz! Und doch war, wie sie aufrichtig bekennet, ihre Liebe von höherer Art; sie war Gefälligkeit, Ergebung. Daß Eloise, als Abalard ihr die Heyrath an- truq, seinen Ruhm, das Gute, das er in seiner Laufbahn der Welt leisten könne und müsse, daß sie sein Glück dem ihrigen vorzog, zeigt ihre erhabene Seele, auch dadurch, daß sie diese Entäußerung aller Ansprüche an ihn mit ganzer Einfalt des Sinnes, in ernster Festigkeit lhat. Eine Resignation, die abermals nur im reinsten weiblichen Charakter lieget. Wie der gemeine Hause in Prarcnsionen schwimmt und nur in ihnen lebet, so weiß das edlere Weib sich zu vergessen, und wird dadurch groß, daß es ungenannt bleibt und gleichsam verschwunden wirket. Als Abalard die Heyrath wollte, willigte Elvis» ein, ob sie wohl wußte, daß ihres allen Lheims 240 II. Dichtungen. ergrimmtes Gemüth damit nicht »ersehnt sey. Wie genau sie das Glück der Ehen, wie hoch sie ihr Glück zu schätzen gewußt habe, zeigt eine Stelle ihres Briefes, die den verflochtenen Knoten der Frage! gibts eine glückliche Ehe? durch Ein Wort austulö- sen scheinet. Sie führet Aspasia redend ein, die zu TenophoN und seinem Weibe, um bende auszusöhnen , sagt: „wenn ihr dahin gekommen seyd, so werdet ihr auch immer das Beste, das Angenehmste an einander suchen und finden. Der Mann wird die beste Frau, die Frau den besten Mann haben!" „Eine heilige (fährt Eloise fort) und mehr als philosophische Sentenz, ein Ausspruch der Weist heit! Heilig ist auch ein Irrthum, selig ein Trug hierin bey Eheverbundnen. Vollkommene Liebe muß das Band des Ehestandes unversehrt halten, nicht sowohl durch körperliche Enthaltsamkeit als durch Keuschheit der Seelen." „Was Andern Jrrthum sevn mag, war Mir offene Wahrheit. Was jene von ihren Ehegatten wahnen, wußte ich von dir, ja die Welt wußte es ; ich durfte es nicht erst glauben. Daß also meine Liebe zu dir um so wahrer war, je weiter sie von aller Täuschung entfernt stand. Denn welcher König, welcher Philosoph hatte einen Ruf wie du? Wü war eine Gegend, eine Stadt, ein Dorf', das dich zu sehen nicht brannte? Wer, ich bitte dich, eilte Nicht hinzu, wenn du öffentlich austratst, oder, wenn du hinweggicngst, wer sah nicht mit vorgebogenem Halse, mit festen Blicken dir nach ? Frau und Jungfrau schmachtete nach dir, wenn du abwesend, brannte nach II. Dichtungen. 24 c nach dir, wcnn du zugegen wärest. Welche Königin oder große Frau beneidete mich nicht, mich, deine Geliebte, deine Gattin?" Eine Ehe in so glückseligem Wahn würde kaum ein Dämon der Holle gestört haben, und ein Domherr thats, ein Greis, der gegen Eloise Vaters Stelle vertrat, ein Oheim. Wie Eheleute untereinander Eins werden, häuslich zu leben, darüber sind sie keinem Dritten Rechenschaft schuldig; wcnn also Eloise ihrem Gemahl seine Laufbahn, den Lehrstuhl, überließ, und für sich in der Stille lebte, so war dies ihrer Denkart sowohl als Äbalards Bestimmung gemäß, rein und edel. Und wenn jetzt der Rachsüchtige, der Unversöhnte seinen Groll darüber so ausließ, daß er durch einen nächtlichen Verrats» in Äbalards Hause die Gewallthatig^eit auSübcn ließ, die nicht nur seinen Körper verstümmelte, seine Ehre untergrub, seinen ruhmvollen Namen zum ewigen Spott machte, sondern auch die Ehre, die Ruhe, das Glück seiner Nichte,' oder vielmehr Tochter, untergrub, und beyde fortan vor aller Welt in eine unwiderrufliche Schande stürzte; so harte Aba- lard recht, daß dem alten Verbrecher viel zu gelinde geschah, wcnn ihm vor dem bischöflichen Gerichte blos seine Stelle genommen und seine Güter einge- zogcn wurden. Aber welche Strafe konnte eine solche Unthat entsühnen? Einen Teufel straft keine menschliche Strafe. — Von Eloisen finden wir beym tiefen Gefühle dieser Unthat den Namen ihres Urhcbers nirgend genannt ; sie hat sich, dünkt mich, weder in dieser noch in jener Welt mit ihm — begegnet. Herders W» z, sch, Lit, u, Kunst. VI. O. D,-um.5t!-cL-. »42 II. Dichtungen. Daß der beschimpfte Abalard in höchster Verzweiflung die Tramontane des Lebens, seinen gesunden Verstand, verlor, da alle Plane seines Ruhmes und Glücks zcrstückt waren, und er sich von der glänzendsten Höhe, auf die ihn Wahrheit und Eitelkeit erhoben, ins fürchterlichste Elend gestürzt sah, ist Natur der Sache. Wir sind unbarmherzig, wenn wir ihm fortan Etwas zur Last legen. Außerordentliche Glücks- und Unqlücksfalle verwirren der Menschen Gemüth, und ein Schicksal dieser Art, das sich ihm in Allem darstcllte, verwirrte es unwiederbringlich. Wenn er also seine Gattin vor sich hin ins Kloster trieb, (ein Mißtrauen, das ihr Herz tief verwundete) und sie Jahre lang darin vergaß, wenn er sich selbst zum Mönch machte, und als seine Schüler ihn vom Kloster hinaus wieder auf den Lehrstuhl rissen, mit einem sauren Gemüth Alles um sich her gegen sich aufccgtc; wie anders? In der Seele, in der einst Blumen geblüht hatten, wuchsen jetzt Disteln, Nesseln, stechende Dornen. Der Kranz seines Ruhms war beschimpft; jeder Niederträchtige wagte sich an ihn. Helle Meynungen, die «r in glanzender Jugend als Lehrer der Nationen siegreich würde verfochten haben, und ?die seitdem Vernunft und Geschichte lichlhell bestätigt hat, sie wurden jetzt dem cntmanneten Mönch als Verbrechen angerechnet. Er entfloh endlich und fand eine Wüste des Trostes. Als er in den Wäldern von Champagne irrte, erinnerte er sich eines angenehmen, ehedem von ihm bemerkten, Thales, durch welches ein kleiner Fluß rann, ohnweit Nogent an der Seine. Er fand es, blieb die erste Nacht mit seinem Begleiter unter II. Dichtungen. 24Z einem Baume; am Morgen gefiel ihm die einsam wilde Gegend so sehr, daß ec sich hier anzubauen wünschte. Er flocht (nach dazu erhaltener Erlaub- niß: denn der Graf von Champagne hatte ihn in Schutz genommen und der Bischof von Troycs vergönnte es gern) von Aesten der Baume ein Gotteshaus (eine Kapelle) mit eignen Händen; man half ihm, sich eine Hütte zu bauen, und Abalard lebte da, entronnen dem Neide und der Verfolgung, einige Zeit glücklich. Bald späheten ihn seine Schüler aus; viele Hunderte wallfahrtet,!: zu ihm; er hielt ihnen Vorlesungen unter den Baumen. Auch sie baueten sich Hütten, und halfen ihm nachher mit Geld und Kräften ein festeres Gotteshaus bauen, das er dem tröstenden Geist wcihcte und Paraklet nannte. Konnte ein schicklicherer Name gefunden werden? Dazu war er rein dogmatisch, biblisch. Und Loch ward er verketzert; Abalard mußte auch über diesen Namen Ungemach ausstehen. „Lu allein, nächst Gott (schreibt Eloise), bist dieses Lrtes Stifter; du hast dies Bclhaus erbauet, du diese Versammlung gegründet. Alles ist hier deine Schöpfung; auf keinen fremden Grund bauetcsi du. Dem Wilde und den Räubern dienete diese Einöde; kein Haus kannte sie, keine menschliche Wohnung. Zn diesem Wild- lager, in diesen Räuberhöhlen, wo der Name Gottes nicht genannt ward, bauctest du einen Tempel und weihetest ihn dem heiligen Geist. Nichts brachtest du zu diesem Bau aus Gütern der Könige und Fürsten; was geschah, gehöret dir allein. Deine hieher strömenden Schüler gaben alles Nothwendige her; Geistliche, die selbst von Wohlthaken der Kirche lebten, Hände, die sonst nur zu nehmen, nicht zu Q 2 geben wußten, waren verschwenderisch, zudringlich im Geben. Dein also, ganz dein ist diese neue Pflanzung." Die Vorsehung selbst, die von fernher vorbereitet, schien sich in den traurigen Roman dieser Liebenden zu mischen, um durch die Hände Abalards Eloisen in diesem Thale eine Zuflucht zu bereiten, an welche damals weder er noch sie dachte. Kaum wußten sie von einander. Bald verließ Abälard die Einöde, von den Mönchen zu St. Gildas gelockt, die ihn zum Abt wählten. Bald mußte es sich auch fügen, daß der Abt S üg er, (damals der Allgewaltige in Frankreich) seine Ansprüche auf das Kloster Argentcuil geltend machte, in welchem Eloise als Priorin lebte. Er zog cs zur Abtey St. Denis; sie mit den Schwestern mußte wandern. Jetzt kam Paraklet ihr zu Hülfe; das leerstehende Heiligthum ward ihre Zuflucht, und gewiß waren es die leichtesten Tage in der dunkeln Hälfte von Abälards Leben, da er sie einführen, da er ihr, seiner Gattin, Alles übergeben konnte. Nun hatte er doch Etwas für sie thun können; sie wurde Aebtifsin des neuen Klosters. Er besuchte cs von St. Gildas zuweilen und half es einrichten, bis ihn auch von da aus das Schicksal forttrieb. Die boshafte Widerspenstigkeit seiner Mönche ward ihm unerträglich; er floh zu einem Freunde in Bretagne und schrieb die Trauerge- schichte seines Lebens: Historra c-rlainitu- tum. Paraklet indcß blühte unter Eloisen zu einem Thal der Sittsamkeit und Andacht, der Tugend und selbst weiblicher Gelehrsamkeit auf. Mehr als Eloi- scns berühmter Name wirkte ihr edlesBetragen; der II. Dichtungen. 34L Graf von Champagne, als Landesherr, die benachbarten Besitzer, der nachbarliche König in Frankreich, selbst in Rom der heilige Vater gaben, schenkten jeder auf seine Weise, Land, Gerechtsame, Freyheiten, Geschenke. In kurzer Zeit brachte Eloise das Pa- raklet weiter, als Abalard es sein Lebenlang würde gebracht haben: denn Ihr war Alles geneigt, gegen Ihn schien Alles verschworen. In dieser Zeit ihrer glücklichen, stillen Regentschaft kam Eloisen, die von ihm lange nichts gehört hatte, die Geschichte seines Jammerlebens (liistorin calarnitLturn) in die Hand, von welcher sie ein so großer Theil war; man denke mit welcher Wirkung auf ihre Seele! Nicht, daß manches von Abalard nicht so ganz genau oder zart dargestellt seyn mochte, sondern die Farbe seines Gcmüths selbst, da er allenthalben nur Feinde sah, allenthalben sein Leben in Gefahr fühlte, dies schlug ihre Seele nieder. Ausgerissen wurden in ihr alle alten Wunden; ihr einziger Gedanke aber war, ihres Gatten und Freundes Wunden zu lindern, ihn über sich selbst zu erheben. Sic schrieb ihren ersten Brief*). Mit wie zarter Schonung, in wie künstlichen Ueber- gangen er abgefaßt sey, erhellet erst dann, wenn man ihn mit Abalards wilder Geschichte seiner Calamita- tcn vergleichet. Jede sanfte Erinnerung bietet sie auf, um zu seinem Herzen Eingang zu gewinnen, seinen Geist vom grübelnden Unmuth wegzulenken, und da *) Ihre Briefe und Abalards Antworten sind B e» ringlons Geschichte Abälards und der Eloise, Larein und Deutsch beygesüget. 2^6 II. Dichtungen. sic ihm selbst keinen Aufenthalt im Paraklct geben konnte, seinen Geist dahin einzuladen. Vergessen sollte er Feinde und Mönche; für seine Pflanzstätte, für Gattin und Töchter sollte er leben. Wie Leu- kothea wirft sie, sie, dem Sturme der Welt Entkommene, ihrem Geliebten, gefährlich Schwimmenden, die Binde zu, das; er nicht erflnke. Abalard, fühlend die ganze Uebcrmacht ihres großen Betragens, antwortet voll Ehrerbietung. Eloi- sens Nennen, als seiner gelicbtesten Schwester, setzt er dem seinigen voran, empfiehlt sich in ihr Gebet, stellet in Lcbsprüchen das weibliche Geschlecht hoch empor u. f. Mit Allem dem war Eloise nicht befriedigt.' Naher dringt die große, wahrheitliebende Frau an ihn, lehnt alle übertriebene Lobsprüche ihrer und ihres Geschlechts ab, entschleyert ihr Herz wie vor Gott, zeigt, daß sie allerdings seines Beistandes bedürfe, daß er idr solchen nicht versagen könne, sie erniedrigt sich selbst und zwingt mit süßer Gewalt seinen Beystand zu sich hinüber. In diesem, rein wie das Sonnenlicht gedachten, heldenmäßig geschriebenen -Briefe ist nun jene Stelle, die man, aus 'dem Zusammenhänge einer ernsten Herzenssituation gerissen, buhlerisch-niedrig mißdeutet hat. Eloise könnte mit ihr vor dem Thron des Herzcnsverküudigers erscheinen , und würde gerade da mit ihr vielleicht den höchsten Siegeskranz erhalten. Nicht an - oder vorüberfliegende Gedanken und Erinnerungen, verdammen; sondern Gedanken, die wir lieben und nähren. Ein Herz, das jede Bemäntelung wegwirft, das sich selbst Unrecht thut, um, trotz aller menschlichen Vcc- hcrung, vor ihrem Geliebten nicht besser zu ersehe!- II. Dichtungen. 247 nen, als der Allwissende sie sehe, ist nicht dies daS reinste, größeste Herz? Ob viele männliche Seelen solcher Bekenntnisse fähig scyn, ist zu bezweifeln. „Ich will nicht, daß, wenn du mich zum Kampf aufrufst, du sagst: „in Schwachheit werde die Tugend vollendet; es werde niemand gekrönt, der nicht kämpfe." Ich verlange keine Siegeskrone; genug ist mir's, der Gefahr zu entweichen. Sichrer ist dies, als der Kampf. In welchen Winkel des Himmels mich Gott setze, bin ich zufrieden. Dort beneidet keiner den andern, wo Jedem das Scinige genug ist." Heldcnmüthige Bekennerin! wegwerfend alle Heucheleyen. Die höchste Erhabenheit ist reine Wahrheit. Abälard tröstet sie — schwach; er schickt ihr ein Gebet, das sie für ihn und sich thun solle. Aber auch diese Formel konnte Eloisen nicht genügen. Ohne mit einer Sylbe an ihren Kummer weiter zu denken, fordert sie von Abalard eine Ordensregel für ihr Geschlecht. Dies, sagt sie, habe noch keine Regel; alle scyen für die Männer gemacht; die weibliche Natur fordre eine eigene, ihr angemessene, lindere Regel. Mit eben so viel Zartheit als Kraft zeigt sic hievon die Gründe, enthüllt sehr anständig die Schwachen und Gefahren ihres Geschlechts, und spricht von der äußern heuchlerischen Wcrkheiligkeit mit Sprüchen der Bibel und der Vater, wie Luther. Vor allem warnt sie, daß der Stifter solcher Regel das Ideal der Vollkommenheit nicht über die menschliche Natur hinausfctze; dem Weibe sey's genug, wenn es zur männlichen Tugend gelange; eigentlich fey ihr Zweck häusliche Tugend. Mehr als Aspasia spricht in diesem Briefe, eine Priorin und II. Dichtungen. 24Ü Acbtissin, die so viele Jahre hindurch das weibliche Herz kennen gelernt harte und von Ordensregeln ungekränkt in der ganzen Jugcndstärke des Altcrthums dachte. Davon nun durfte Abalard sich nicht zurückzie- hcn; als Stifter Paraklets mußte er unterweisen, lehren. Er schrieb für's Kloster; Eloise hatte ihren Zweck erreichet. Man schickte ihm Probleme zu, die es ihm oft schwer ward aufzulöscn. Hätte ihn diese dankbare Arbeit, die mit so viel Liebe empfangen ward, genüget! Bald aber zog er sich einen neuen Feind zu, und Eloise war daran die unschuldige Ursache. Von ihrem Ruhme, von der gepriesenen Zucht, Ordnung und Gelehrsamkeit der Zöglinge dcS Paraklcts angclockt, kam der heilige Bernhard, das Kloster zu besehen, vielleicht auch — Fehler darin zu finden, da er ein geheimer Feind Abälards war. Er fand keine; vielmehr mußte er, wider seinen Willen, die Weisheit und den schönen Anstand aller Einrichtungen Eloisens bewundern; mit der größestcn Hochachtung gegen sie schied er aus dem Kloster. Ein Ausdruck war ihm auffallend gewesen, der ihm als eine Neuerung vvrkam, das Wort Irans substantiell; Eloise gab Abalard von dem Besuche Nachricht und meldete ihm unbefangen auch dieses. Natürlich würde ein andrer, der Bernhards großes Ansehen und seinen Charakter kannte, das Wort oder die Anmerkung darüber haben fallen lassen; er hatte sich am Lobe begnüget. Abalard nicht also. Er schrieb an Bernhard einen hefiigcn Brief, rettete das getadelte Wort, bezüchtigte ihn viel mehrerer Neuerungen in dem von ihm aufgcrlchlcten .Orden, und ^ I II. Dichtungen. -49 machte ihn sich dadurch zum unversöhnlichen Feinde. Bald trat eine Ketzerklaqe gegen Abälard aus dessen langst geschriebenen Schriften auf; ein Concilium ward zusammenberufen, Abälard vorgefordert, verdammt, und wiewohl der Papst auf seine Erklärung die Sache niederschlug, und man ihm sonach nichts anhaben konnte: so war einmal doch des Ketzer-Makel auf ihn geworfen. Bitter und vcrdrußvoll zog er sich ins Kloster Clugni, wo ihn der ehrwürdige Abt, Petrus Venerabilis, wie ein Engel und Patriarch aufnahm. Hier verlebte er seine letzten Jahre ruhig und fromm, aber übcrdrüßig des Lebens; er erkrankte; um bessere Luft zu genießen, wurde er nach St. Marcell gebracht, wo er — starb *). Trauriger Lebenslauf! Der Unglückliche war zu schwach, die harten Schicksale, die ihn eines JugendfchlerS wegen trafen, zu ertragen; er unterlag ihnen. Sobald Eloise seinen Tod erfuhr, (der cbrwür- dige Abt meldete ihn ihr selbst cbrerbictig) meldete sie den alten Wunsch Abalards, im Paraklet zu ruhen. Er ward ihr gewähret; zur Nachtzeit begleitete ihn Peter, der Ehrwürdige, selbst dahin, und verrichtete selbst die Epequien mit gerührtem und rührendem Andenken. Auf Bitte der Eloise fertigte ec ein Absolutorium des Verstorbenen aus, das mit großen schönen Buchstaben geschrieben über sein Grab gehängt ward. Zwanzig Jahre überlebte ihn Eloise, verehret und geliebt, ein Muster ihres Standes. Sie starb ii63. den siebcnzehnten May an einem Sonntage. Neben Abälard ward sie begraben. *) Im Jahre 11 H 2 . den rr, April. SS- - i> i s5o II. Dichtungen. Das folgende Gedicht hebt ihren Charakter in ihren eigenen Worten au§ Reden und Thatcn hervor. Agathe und Agnes sind nicht erdichtet; sie lebten in ihrem Kloster, Nichten Abälards, von ihr erzogen und gebildet. Die Kenntniß der Alten und die Liebe zu ihnen, die im Paraklct Herrschte, ist nicht Dichtung; Eloise lebte in den Alten; die gelehrten Sprachen waren Studien im Paraklet; szum Andenken Eloiscns ward noch viele Jahre nach ihrem Tode der Pffngstgottcsdicnst griechisch gehalten. Lucan und Seneca, scheint cs, waren Lieblingsschriftsteller dieser geistigen Heldin, offenbar ihres Inhalts wegen, an welchem sic ihr Gemüth erhob und stärkte. Bey dem außerordentlichen Schicksale, das sie traf, bedurfte sic die Denkart außerordentlicher, großer Seelen; daher ist auch ihr Styl männlich, kräftig, eher rauh als geglättet; in jedem Zuge der Gedanken eben so zart als bestimmt, ein tiefer Zeuge innerer Herzenswahrheit. Keine Zeile in Pope gränzt auch nur von fern an ihre Denkart. Drey schwere Probleme hat Eloise in ihrem Charakter aufgelöset oder vielmehr drey Vollkommenheiten, vielleicht im feinsten Lichtpunkt, gezeiget, weibliche Liebe, weibliche Stärke, weibliche Hoheit. Die Liebe nämlich, die sich bergisset und nur im Geliebten cristiret, die in ihm Leiden und Freuden fühlet. Ihn zu erfreuen, ihm zu helfen ist sie da; in ihm nur ist ihr Besitz, ihr Genuß, ihre Wohnung. Die höchste weibliche Stärke zeigte sie, auch bey den herbsten Unfällen, Resignation, durch die ein Weib Alles vermag. Diese Resignation hält ihre Sinne zusammen, ihren Muth und gesunden Verstand aufrecht. Jndeß der Mann sich leichf II. Dichtungen. 2ZI verwirrt und damit selbst verlieret, nimmt sie aus dm Händen des Schicksals, was da kommt, und gebraucht es thaiig. Dadurch überwindet sie, auch im Verhaßtesten, das Schicksal. Die höchste weibliche Hoheit endlich ist Wahrheit; Wahrheit, die von keiner Schminke, von keinem falschen Selbstlobe weiß, und falschen oder schlechten Ruhm auch von andern nicht duldet. In diesem Gefühle vermag das Weib Dinge zu sagen oder zu lh'un, die der Mann nicht zu sagen oder zu thun weiß, wenn sie entfernt von jeder Anmaßung aus nngcborner oder ungebildeter Größe, aus Herzensreinheit handelt. Die falschen Tugenden und Verdienste ihres Standes, des Christenthums selbst, waren Eloisen höchst zuwider; durch solche wollte sie, wäre es auch im Himmel, keine höhere Stelle oder Velobnung. Ihr Summum der Weiblichkeit war Manneskraft in jeder zarten und ausdauernden Güte des Weibes. Daß sie ihren beschimpften, geschmähten, verfolgten, sauren, unleidlichen Abalard nie sinken ließ, daß in ihr immer, von keinem Flecken getrübt, sein reines, hohes Jugendbild schwebte, daß keine Urkheilc der Welt sie anfochten, darin das kleinste zu andern, vielmehr, auch angebetet in ihrem Kreise, vor ihm verschwand, indem sie ihn, nur Ihn aufrecht zu halten , emporzuheben suchte; diese nie welkende, nie verblühende Jugendkraft und Tugend ü ckel Oonnegco In Lima*). *) Ist der Weiblichkeit Gipfel. N e n i e n» Agnes und Agathe. Nichten LbälardS von Eloisen im Kloster Pa räklet als ihre Töchter erzogen vor Eloisens offenem Sarge. A g a t h e. Flöten sollten ertönen am Grabe der liebenden Heldin, Die auch im hcil'gen Gewand Griechin und Römerin war, Sappho-Cornelia sie! Sophonisbe!—- — Nein, Eloise — Süsserer Name für uns, höherer Name für sie« Eloisen nenne das Lied, dem der Hain und das Thal horcht; II. Dichtungen. 253 Schweigend nennet ihn stets unser verwaisctcs Herz. Agnes. Nimm die Harf', o Agathe, wie ich die Laute. Wir singen In die Saiten, die uns liebend die Mutter gelehrt, Ihre Schicksale, — nein! die hohe männliche Seele, Die sie in Thronen uns oft, oft im Triumphe vertraut. Ach, daß ihr Ohr uns hörte! (Man sagt: die Seele des Lobten Weil' im Gehöre;) sie selbst segnete unsern Gesang. Agathe. Bis die Glocke sie ruft; und die tief - auftönende Orgel Und der Chor sie empfangt und das geweihete Grab, Laß uns erwecken die Stimme der Sanstentschlafe- nen. Laute! Fließt in Tönen dahin, wie sie die Himmlische sprach. Agnes. „Ewig ward er geliebt von mir, der Jugcndgeliebte, In dcß göttlichem Geist ich ein Elysium sah, Zn deß holder Gestalt mir alles Schöne der Bor- welt Glänzte; die Weisheit selbst, glaubt' ich, sie spräche durch ihn. 254 II. Dichtungen. Griechen - und Römerweishcit erklang die liebliche Stimme, Stimm' und Geberde klang tief in der Schülerin Herz. Alle Augen hingen an ihm; mich neideten alle Frauen; an Ruhm ging er Helden und Königen vor. Unser Jugendtraum umfasset Welten; Ach! auf ihrem langen Lebenswege Bleibt ein ewigsüßes Angedenken Sterblichen der kurze Jugendtraum." Agathe. Liebend gab sie sich ihm. „Gott weiß es, Abälard liebt' ich, Nichts als ihn; er selbst war mir die reineste Lust. Ihm zu gefallen, sein mich wcrth zu machen, vergaß ich Alles; das Härtere war stets das Geliebtere mir. Als er die Hand mir bot zum Gemahle: „Abälard, sprach ich, Abälard, du mein Gemahl? ende den liebenden Scherz. Was ist Eloise zu der, der sie dich entzöge? Sokrates winket dir zu: „Bleibe der Lehrer der Welt!" .Offen stehn dir die Pforten des Ruhms, die Ehren der Kirche; Und ich verschlösse sie dir? Wähne mich nimmer so klein. Feil ist die Dirne, die Reichthum freyt, und Ehren , , und Stand freyt; II. Dichtungen. 255 Wer mehr bietet, dem giebt sie sich so williger hin. Böte Cäsar-August mir die Kaiserhand und die Welt an; Abalards Buhle war' ich höher als Casars Gemahl. Aber das Schicksal ruft und die Pflicht ruft: „Keine Genossin, Als die Göttliche, der selbst dich der Himmel cr- kohr. Alles gab' ich um dich; du bist mir Alles; in dir nur Lebt Eloise; sie lebt, wenn du die Geister erhellst. " Agnes. Doch der erzürnte Oheim drang, die Thrane des Greises Rührte den Jüngling; ach! — und er vertrauere ihr; Kannte die Furie nicht, die in schwarzer nächtlicher Höhle Lauret und lang' anglüht ihren verderbenden Brand. Traurig erschien ihr Hymen; mit Schmerz-weissagenden Thränen, Dunkler Ahnungen voll gab sie die Hand dem Gemahl. Meine Laute verstummt der unmenschlich-grausamen Rache; Meine Lippe verstummt — 256 II. Dichtungen. Agathe. Zorn, du wülhende Furie, Entstiegen der Hölle, mit dir die tückisch verborgene Rachsucht, und Tisiphone, du, Der gekrönte Stolz, Mit dem Mordstahl brechen sie ein, gerüstet Zu Unthat, Greuel und Schmach, Wcrrätherisch unter der Hülle der schaudernden Nacht; Schanden den heiligen Schlaf, verbitternd Des Lebens Kelch Unwiderruflich; Grausam trennend Gemahl und Gemahl Streuen sie Funken ewig-kränkenden Hohns Mit der Hölle Gelachter. Nächtlich lagen vor Abälard itzt die Pfade des Lebens; Seinen blühenden Kran; deckte mitleidiger Spott. Wilde verzweifelnd wie Berccynthia's tobender Atys Sah er den Himmel schwarz, vor sich den offenen Schlund. Agnes. Aus dem Sturme der Welt floh er in den Hafen der Kirche. Agath e. Aus dem Sturme der Welt trieb er die Gattin voran. „Abälard, II. Dichtungen. 267 „Abälard, sprach sie beschämt, durchglüht von heiligem Schaamrolh, Dein Mißtrauen, Gemahl, stieß mir den Dolch in das Herz. Warst du zur Hölle geeilt, voran dir hatt' ich mit Freuden, Wenn es dein Wink gebot, mich in die Gluten gestürzt. Und du wahnetest: Ich — wie Loths rücksehcnde Säule Weitete hinter dir; Freund, ich crröthe für dich! Nichts that ich um Gott; ich erwarte keine Belohnung ; Alles that ich um dich, Alles aus Liebe zu dir. Nicht in meinem Busen, in deinem, einig in dir schlug -Mein Herz; nirgend ists, wenn es in deinem nicht schlägt." Agnes. Horch, die Glocken ertönen. Der erste Puls — Benedcyung! Ave der Seele, sie stieg frey in ein lebendes Grab. Als zum Altar sie trat, wie ein Opferlamm, mit der Blüthe Geistiger Jugend geschmückt, zart in gefälligem Reiz, Sie, das Wunder der Zeit, die des Jünglings sustr^ Gesänge Jeder Cyther genannt, jedem gesungen ins Herz, Griechin, Römerin sic, die Vielbeneidete! Standhaft Herders W. z» sch,Lit, u,Kunst. VI. N Stücke. 258 - II. Dichtungen. Trat sie hinan und sprach, sprach mit gebrochenem Laut! *) „Großer Gemahl! Unwürdige ich, dein Gatte zu werden! „Hat? auf ein solches Haupt so harte Rechte das Schicksal? „Warum gab ich die Hand dir frevelnd? den ich in Elend „Stürzen sollte! Dafür dann nimm die büßende Strafe, „Die freywillig ich leiden werde." Sie kniete nieder, * Rollender Thränen Fluch ward von dem Schleyer erstickt. Agathe. Und sie versagte sich Alles. Sie hatte gewählt, was im Leben Ihr das Gchafiteste war, und sie ertrug es mit Much. *)..... o lunxirna conjux! O tllalainis ineÜKns rnois! Hoc juris baUedat In tsntuin Fortuna aaput! tlur irnpia nupsi, Li iniskn'uni kaotura kui? lVunc uccipv poenas, 8eä guas rponte lusni. Uiioan, kllarsal. I. 8. Worte der Cornelia, der Gemahlin Pompejus, die Eloise vor dein Altäre laut sprach. ü. Dichtungen^ 2^9 Agnes. Nur das Vergessen Nicht ihres Geliebten. „Lange vergaß er, Sprach sie, die Wankende mich, die sich im Grame verlor. Schülerin, Weib, die Geliebte, die Liebende, ach! und des Jammers Ursach, die ich in ihm tausendfach schmerzend empfand. Agathe. Nein, er vergaß sie Nicht. Berecynthia sagte den Armen Jetzt auf den lehrenden Stuhl, ferne vom lehrenden Stuhl Hin in die Wüste.- Siehe, die Schwestern kommen.— Ihr Schwestern, Singet des Stifters Lob - singet der Stiften» Ruhm. Hier in der Wüste fand et vor der Schlange des Neides Nuh; und ein Gotteshaus flocht er mir eigener Hand. Dankbar weihet' er es dem Geist, dem himmlischen Tröster, Chor der Schwestern. Noch umschwebet uns hier schützend der tröstende Geist. N 2 n6o II. Dichtungen. Agathe. Auch in der Einöd' spähet' ihn bald die lernende Schaar aus; Akademia ward dieses geweihcre Thal. Eher. Akademia blieb unser gewcihetes Thal. Agathe. Selige Tage verlebt' er hier im Schutze des Trösters ; Jünglinge bauten mit ihm, und er crbauete sie. Eho r. Uns erbaut' er, und mußt' cs nicht, eine Hütte der Zuflucht, Uns den Tempel, den er himmlischem Tröste ge- we iht. A gnes. Eloisen erbaut' er hier die Hütte der Zuflucht, Ihr den Tempel, den er himmlischem Tröste geweiht. Frech von kühner Gewalt aus ihrer Zelle gestoßen, Fand mit den Schwestern sie bier Abalards heiliges Thal. Wie im Triumph übergab der Geliebte der Leidenden alles, Wie im Triumphe genoß Gatte des Garten Verdienst. II. Dichtungen. 261 O wie verwebt das Geschick der Menschen Freuden und Leiden! Was die Thrane gcsa't, erndtet ein lieblicher Dank. Chor. Was die Thrane gesä't, erndtet ein ewiger Dank. Agathe. Zur Akademia blühte nun auf die heilige Wüste; Jahre verliehn, was sonst mühend ein Sakulum giebt. Fürsten, Könige, selbst in Rom der heilige Vater Ehrten den Namen, der hier unsre Gebieterin war. Halias T 0 chter! Erzählt, ihr Schwestern, was sie uns lehrte, Was sie mit liebendem Ton lief in die Herzen uns sprach. Eine Schwester. Keuschheit des Herzens, sie ist aller Tugenden Mutter ; Rein von außen zu seyn, lautre dm Geist und das Herz. Die zweyte. Hell nur dienet man Gott. Der höchste Geist, der ein Licht ist, Liebet' Hellen Verstand, liebt ein verständiges Herz. Acußeres ist nur Schein; am Schein? grübelt der Heuchler; Der die Herzen erforscht, kennet das Schwerere, Seyn' Die vierte- Unversehens komme, was kommen mag! Ich er-. blinde Gerne der Zukunft, Furcht störe das Hoffen Mir nie! Agnes, Also erzog sie uns. Eine Schule weiblicher Tugend Ward Pgraklet, ein Sitz häuslichgesclligcr Zucht. ' Von der frühesten bis zur spatesten Hora der Andacht Wechselten Fleiß und Ruh, Hören und süßes Gespräch. Unsre geringe Kost, sie würzten große Gedanken, Die in frischerer Welt Hellas und Roma gedacht. Unsre geringe Tracht, vom frohen Flciße gewebet, Ist der Genüge Bild älterer, weiserer Zeit. Domina, Dank sey dir, die nie uns über die Menschheit. Hob, die das weibliche Herz stärkte zu männlichem Muth. II. Dichtungen. 26» Chor. Domina, Dank scy dir, die uns in thätiger Wahrheit Zeigte die stärkste Kraft, übte den zartesten Sinn. Agathe. Horch! die Glocken ertönen. Zn Paaren sammlet das Volk sich; Braut und Bräutigam will ehren das bräutliche Paar. Streun sie nicht Blumen voran? Mit Rosmarin und der Myrthe Traurig geschmückt. Wohlauf! singet den Thra- nengesang: „Hymen, komm, Hymcnäus! Zur Ruhestätte deS Trostes! Hebe die Fackel nicht, senke sie weinend hinab." Chor. Hymen, komm, Hymenäus! Zur Ruhestätte des Trostes! Hebe die Fackel nicht, senke sie weinend hinab. Agnes. Als vom Jammer erkrankt der Märtyrer nichts als die Gruft sah, Seinen Leiden ein Ziel, seiner Verfolgungen Rand, Wünscht' er zu ruhen bey uns. Eloise, mächtigen Herzens, II. Dichtungen. 264 Rüste zum Leben ihn auf, geistig zu leben für uns. „Ach, an deinem Grabe mit Weinen, Murren und Klagen, Trübe, verwirrten Sinns, dient man dem Ewigen nicht. Lebe für uns! " Chor. Er lebe für uns in reicher Belehrung. Ave des Stifters Geist! Ave der Stifterin Herz! - Agathe. Zwanzig Jahre ruhet er hier; die Jahre, sie säumten , Wo die Vcrmahlete sich täglich zum Himmel erhob An des Entkörpertcn Gruft. Wie Flammen, so ziehn sich Geister und Geister, es ziehn Herzen und Herzen sich an, Ueber das Grab hinüber. Die letzten Glocken ertönen : Hört, die tiefeste ruft: „Domina, Domina, komm! II. Dichtungen. 265 Komm zur Nuhe! —" Das Volk drängt an; es nahen die Fackeln; Schwestern, was schenken wir ihr in die hoch- , zeitliche Gruft? Ich eine Rose, vom Dorne gesproßt; sie war cs im Leben, Agnes. Ich ein Vergiß uns nicht! auf amacanthener Au. Chor der Schwestern. Nimm die Fülle der Blumen, den immergrüncnden Ephcu, Veilchen und Rosmarin, Myrthcn und Aloe hin. Weinende Lilien bleiben uns hier, und die ernste Cypresse — Mutter, vergiß uns nicht auf amaranthener Au. Chor der Kirche. Kommt, ihr heiligen Engel Gottes, Traget sie auf euren Flügeln; Eure reine Schwester traget Vor des Ew'gen Angesicht. Der Verzeihende ist Richter, Der Vergelter wird vergelten; 286 H. Dichtungen In ihm schlägt ein Herz voll Liebe, Ein geprüftes Menschenherz. In des großen Königs Reiche Lebet alles. Jede Prüfung ft Lohnt mit immer reichern, Lohne, Jede Tieft führt empor. Stimmen. ». Aus der Tieft heben Unsre Seufzer sich; s. Auch im Thränenthale Tönet Lobgesang. Chor der Orgel. r. Geh nicht ins Gericht mit deinen Knechten. Denn wer könnte sonst vor dir bestehen? Heiliger! s. An dem furchtbar großen Schreckenstage, Wann die Himmel weichen, Wann die Berge fallen, a.Ls. Geh nicht ins Gericht mit deinen Knechten. Allbarmherzigcr! Chöre der Stimmen. a. Ins Paradies geleiten dich die Engel, 2. Des Lebei^ Märtyrer empfangen dich. , II. Dichtungen, 367 t. Dein Winter ist vergangen; Der ewge Lenz ist da. 2. Die sprossen neue Blumen, Die nie verblühn. 1. Ruhe sanft im Schoos des Friedens, 2. Ruhe sanft im Arm der Gottheit! . 2, Ewges Licht umstrahle dich! Z. Verstand und Herz. Ein Hausgespräch am langen Winterabend. (Ungedruckr). Ein Baker saß mitten unter seinen Kindern, die sich durch Spiele, Scherze und Gespräche den langen Winterabend kürzten. Diesmal hatte ihr Gespräch eine sehr philosophische Miene: denn sie stritten über Geist und Herz, und was jedes von Heyden für Eindrücke gewähre? das macht: dies waren sehr metaphysische Kinder. Die Knaben nahmen natürlich alle die Parthie des Verstandes, weil sie sehr Verständige Knaben seyn wollten; die Mädchen alle die Parthie des Herzens, und logirten also die größte Wirkungskraft im Menschen tiefer hinunter. Jene mahlten dazu Gesichter, in denen alle Eindrücke des Geistes sichtbar seyn sollten; diese schnitten flammende und geflügelte Herzchen aus, von denen sic behaupteten, sie flögen sehr schnell, und zündeten über- 51. Dichtungen. 269 all und brennten ewig. Als sie sich, wie leicht zu erachten war, nach langen Repliken nicht vereinigen konnten, gingen sie ihren Vater an, der, eine doppelte Schlafmütze auf seinem greisen Haupte, zwischen iimen seine Pfeife rauchte und an etwas anders dachte. Er wachte wie aus dem Traume auf, da ihm von feinen Knaben und Mädchen die Frage vorgelegt ward: „welche Eindrücke oder Empfindungen wahrer und daurender sind? ob die des Verstandes oder des Herzens?" ,,Eindrücke und Empfindungen?" Er schob die Schlafmützen zu beydcn Seiten. „Wahrer und daurender?" Er schob sie nochmals herum und rückwärts. „D es Verstandes oder des Herzens?" Er nahm sie beyde ab, legte sic auf den Tisch, klopfte die Pfeife aus und sprach: das meine Kinder, ist eine schwere Frage. Ich möchte wissen, wie ihr auf die kommt? Sie sagten einhellig, daß es zugleich eine sehr wichtige Frage ssey, maßen sie zu ihrer ganzen Bildung und Lebensführung die Form und den Grundriß gebe. Sie müßten genau wissen, wie sich Verstand und Herz zu einander verhalte? wo jedes lo- gire und was es beherbergen könne? wie bequem und dauernd die Herberge fey? u. s. f. — Wenn nichts weiter ist, sagte der Alte, und setzte seine beyden Mützen wieder auf, so ist die Sache leicht entschieden. Braucht bepde recht, meine Kinder, wie und wozu sie euch Gott gegeben. Bringt vor den Verstand, was vor ihn gehört und vor euer Herz desgleichen. Sucht mit jenem richtig zu denken, mit diesem treu und rein zu empfinden: so sind II. Dichtungen. 27c» ihrer beyder Eindrücke und Empfindungen wahr und ewig. Endlich sucht sie beyde, so viel möglich, zu gesellen, denn Gott gab sie euch ja in Eine Menschheit: den Verstand in den Kopf, das Herz in die Brust. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, oben; und euer Lämpchen rein brennen in der Mitte eures Viesens. Das Herz muß nicht ohne Kopf gallopircn und euer Kopf nicht ohne Brust und Herz eine kalte, steinerne Büste werden: so werden sich mit der Zeit beyde zusammensinden und vereinigen , und ihr werdet durch beyde glücklich werden; ohne das wirds immer mit euch verdorben Werk bleiben. — Was habt ihr da gemacht? Köpft?— Warum Köpfe? habt ihr je Köpft ohne Rumpf wandeln gesehen? Und ihr, was habt ihr? geflügelte Herzchen? Nun denn, welche Kinder ihr seyd! sähet ihr je brennende Herzchen fliegen? und daß ihnen der körperlose Flug wohl bekommen wäre? Mahlt doch wenigstens ins Herz ein Auge herein, so habe ich nichts gegen eure Symbolik. „Vater! schrien die Mädchen, das bedeuten schon die Flammen und die Flügel: wo's brennt und fliegt, da bedarf man kein Auge, da ist das Auge schädlich." Glaubts nicht, kleine Thörinnen, ein fliegendes Herz ohne Auge fliegt überall an, wird allenthalben gespießt und verwundet. Ein immer brennendes Herz brennt sich aus. — „Aber, Vater, ein Herz, das ganz Auge ist, ist auch zu delikat und kann nirgend ruhen. Wo cs hinkommt, siehts zu genau, zu nah und will immer weitet. " Der Vater. Ich sage euch nicht, daß eure Herzchen ganz Auge seyn sollen, nur sollen sie Augen II. Dichtungen. haben: eben damit sie wissen, wo sie Ruhe finden können und wo sicher zu ruhen sey. — Aber genug des Bildes. Ich will meine Pfeife anzünden und einen kleinen Katechismus über Verstand und Herz mit euch anstellen. Seyd ihr zu antworten fertig? es wird sich fodann ergeben, auf wessen Seite der Sieg sey? — Sie waren alle dazu sehr bereit und der Vater Hub an: Nicht wahr, Mädchen, euch ist von eurer altern Schwester bekannt, was sie in ihrer Ehe gelitten hat und noch leidet; und ihr wisset doch, sie hat aus blo- ser Liebe geheyrathet. Es war Herzens -Affaire bey ihr, die sie lange unterhielt, von der sie sich durch nichts abwendig machen ließ: denn ich und alle, die sie liebten, widcrriethen ihr die Heyrath. Was meynt ihr, woran der Fehler ihrer Wahl lag? Am Mangel ihres Verstandes, riefen die Knaben, den sie nicht zu Rathe gezogen, sie hat blvS mit ihrem Herzen gewahlet. Und leider! jetzt hat sie's oft bereut. 'Also meynt ihr, waren die Eindrücke ihres Herzens nicht richtig; abcrseht! l eb h aft und also w a h c waren sie doch immer: ja auch dauernd sind sie: denn sie liebt ihren treulosen, niedrigen Ehemann noch jetzt, wie sie ihn am Tage der Verlobung liebte, Und dem Mangel ihres Verstandes könnt ihrs doch auch nicht zuschreiben: denn sie ist von jeher ein kluges Mädchen gewesen, und hat ihre Wahl lange geprüft. Ihr Bräutigam ist oft von uns gesichtet und seine Fehler ihr deutlich genug vorgehaltcn worden; woran lags also? Die Knaben. Sie hat nicht recht geprüft: ihr guter Verstand war von ihrem Herzen bestochen, 272 II. Dichtungen. daß sie also nichts mehr an ihm im rechten Lichte sah. Sie liebte ihn zu sehr, als daß sie ihren Verstand recht brauchen und auch die böse und schwache Seite von ihm hätte sehen können. Die Eindrücke des Herzens sind also ohne Bcyhülfe des Verstandes allemal trüglich, wenn sie auch noch so dankend waren. Vater. Trüglich und dennoch daurend? wie reimt sich das? Knabe n. Nichts reimt sich leider mehr, Vater. Trüglich, wenn man sie vor den Verstand fordert: denn das hat die Erfahrung bewiesen. Sie träumte den ihm Liebe und Glückseligkeit zu finden, und findet Elend. Daurend aber sind sie in ihrem Herzen selbst, weil sie ein so gutes Geschöpf ist, dessen kleinen Finger ihr Unwürdiger nicht verdienet. Vater. Also meynt ihr, das Herz könne ohne Verstand sehr dauccnde Eindrücke fassen, selbst wenn jener ihm die üblen Folgen derselben, mithin den Jrrthum, den es beging, täglich zeiget. Aber was macht sie denn daurend? Die Knaben waren verlegen zu antworten, und die Mädchen nahmen sich also ihrer Schwester an. Unmöglich, Vater, könnten ihre Empfindungen so bau» rcnd seyn, wenn sie nicht auch in sich und vor dem Auge des Verstandes Wahrheit gewesen waren. Er hatte wirklich alles das Gute, was unsre Schwester an ihm sah, und hars noch; sehen Sie aber, wie stark die Wahrheit ihrer Empfindungen und Herzenseindrücke seyn muß, daß sie ihm auch die Fehler verzeiht und übersieht. Wann thut das euer Verstand? Er macht lauter Spiegelgefechte pro und oontrn, und Hiebt nie einen wahren Eindruck. Vater. II. Dichtungen. 273 Vater. Nie einen wahren Eindruck, meine Töchter? Töchter. Daß er des Namens „Eindruck" werth wäre — nein, Vater! den gibt allein das Her;. Jener gibt bloße Ideen, bey denen wir un- thatig, unentschlossen und kalt bleiben. Heißt daS Wahrheit? heißt das Empfindung oder Eindruck? — Sehen Sie doch die größesten Vcrstandesheldcn an; was sind sie für arme Tröpfe! Sie wissen alles und fühlen nichts; wissen alles, aber können und lhun nichts; sind heute von einer Sache überzeugt und morgen nicht mehr, wenn ein neues Staubkörnchen- auf die sogenannte Waagschale ihrer deutlichen Be- wcgungsgründe fallt. Wir loben uns das Herz: das gibt auf Einmal wahren, lebhaften, vielseitigen, dauernden Eindruck. Ein Mensch, der herzlich überzeugt ist, redet auch herzlich, und jedermann glaubt ihm. Ein Mensch, der herzlich überzeugt ist, bleibt auch dabcp und laßt sich darüber tödten, da der Verstand immerdar wankt, nie zum Schluß kommt, und wenn er reden will, mit seinem kalten Abwagen der Bcwegungsgründe keinen tobten Hund überzeuget. Vater. Nu» , meine Tochter, ihr redet wirklich wie die flammenden geflügelten Herzchen. Ihr nanntet die Herzenscindrücke wahr: das laugnet euch niemand, wenn ihr sie als das, was sie sind, als lebhafte Empfindungen betrachtet. Ihr nanntet sie vielseitig; auch das gebe ich euch zu: denn das Herz faßt viele Seiten aus Einmal; sonst waren seine Empfindungen nicht so lebendig. Ihr nennt sie dau- rend; das mag sey», es mag aber auch nicht scyn: HerderS W.z, sch. Lit.u. Kunst. VI. S Dram.Lkücke» II. Dichtungen. 274 sobald sich die Seite des Gegenstandes verändert und gerade in diesem Herzen andre, oft entgegengesetzte, Empfindungen erreget. Endlich den Eindruck, den die Sprache des Herzens auf andre macht, könnt ihr gar nicht für euch anführen, denn oft geschieht der Eindruck blos durch Ucbcrtäubung, und verändert sich eben so schnell, wie sich die Sache selbst wendet. Also redet noch nicht von den Wirkungen, sondern von dem, was da wirkt: nicht von den Empfindungen des Herzens, sondern von dem, was daS Herz empfinden macht; ob in ihm Wahrheit und Dauer cy? Ists darin, so werden die Empfindungen des Herzens immer folgen. Da sind wir, ricfen die Knaben, auf dem rechten Wege, "und dies, was die Wirkung macht, denn allein der Verstand prüfe». Das Herz übertaubr und kann also nie über die Wahrheit Einer Sache in der Welt sichern. Es gibt oder nimmt zuviel, und kann also nichts klar und deutlich geben oder nehmen. Es schwebt immer im Dunkeln, geht in der Irre eucher; der Verstand allein gibt Licht und Wahrheit. Der theilt die Gegenstände und wendet sie von Seite zu Seite. Er leuchtet mit dem Lichtstrahl, und will nicht mit der Fackel zünden. Ec sicht, wohin er greift und tastet von allen Seiten, weiß also auch, was ec hat und empfangt. Wenn er langsam geht, geht er sicher; und wenn er seine Schätze zuzählt und nicht in einer Ueberschwemmung zurcgnet, so sind sie auch dafür lichte Goldkörner: sie dauren. Das Wasser der Herzensüberschwcmmung verlaust wie ein Schneeguß vcn den Gebirgcn. II. Dichtungen. 27s Die.Schwestern sielen ihnen in die Rede und sagten, daß das nicht so sey, daß, wenn das Herz viel auf einmal gebe, eS deswegen weder Falschheiten noch bloße Vergänglichkeiten geben dürfe: vielmehr in dem Vielen liege das Dauernde, das Wahre. Der Verstand theilt, sagten sie, aber er theilt willkühriich, unnatürlich, und also eben damit ist er die Quelle aller Nichtigkeit und Falschheit. Er zergliedert, was die Natur zusammensetzke, abstra- hirt, was sich uns ganz darstellte; kurz, mit Er- laubniß zu reden, er schindet den Gegenstand und verstümmelt ihm Nase und Dhrcn. Weis kann der scharfsinnige Verstand, der spottende Witz, die grübelnde Vernunft nicht aus einem Gegenstände machen ? und hat sie nicht aus jeglichem Alles gemacht, was ihr einsiel? Das ist alsdann kein richtiger Verstand, riefen die Knaben hinein; aber die Mädchen kehrten sich daran nicht, sondern fuhren fort, die Eindrücke des Herzens zu preisen. Das Herz, sagten sie, nimmt alle Gegenstände ganz auf, wie sie sind, wie sie die Natur geformt hat: es zerchcilt und zerstückt nicht, darum gibt es auch so große, ganze Wirkung. Lehrt uns Ein Eindruck des Herzens nicht Mehr, als hundert Eindrücke des Verstandes ? Grabt und ahnet es nicht tiefer, und bringt gleichsam das Unsichtbare ans Licht? Welch ein Reichthum von Wahrheit liegt in den Sympathien und Antipathien des Herzens, von denen der blinde Verstand kein Wort weiß, ja von denen er sich kein Wort erklären kann, wenn sic auch schon unlauqbar vor ihm liegen? Wie viel ahnet nicht em Kind, ein herzlicher Mensch S 2 »76 II. Dichtung! n. Klos nach dem ersten, unbcstochcnen Eindruck! sobald er sichs erklären will und den Eindruck zergliedert, flieht die Wahrheit: er raisonnirt ihn sich hinweg und raisonnirt sich in die'Lüge. Vater. Ich muß mich dcS Verstandes annehmen, Mädchen, ihr machts zu arg. Auch der erste Eindruck ist des Verstandes und nicht des Herzens. Nur es gibt einen grübelnden Verstand, den man meistens die spi tzf i n d ig e V e r nun ft nennt, und einen gesunden; des letzten ist der gute E i n- druck, des ersten, das spate Grübeln. Allerdings sagt der erste Eindruck viel, weil er unbefangen, schnell und ganz ist». er kann sich indeß doch auch trügen und muß sodann rcktisizirt werden. Wenn ihr auf den Verstand scheltet, der ihn rektisizirt, so schellet lieber auf die Erfahrungen, die ihn dazu zwingen, die ihm das erste Gemälde umkehren oder oft mit Schmerzen zergliedern. Unmittelbare Eindrücke aufs Herz gibts in dieser sublunarischcn Welt nicht: sie müssen immer durch einen Thcil des Verstandes gehen; wohl, 'wenn sie durchs rechte Thor passiren: denn der Verstand hat auch seine falschen Pforten, wie die Träume. Mädchen. Und welches ist die falsche Pforte? Vater. Er hat mehr als eine, und damit ich euch nicht böse mache, mag die erste seyn: die spekulirende Vernunft pforte. Seht, da gehen keine ganzen Gestalten hinein, sondern Schatten; zum Unglück gar falsch abgezogne, verstümmelte Schatten, wie ihr sie beschrieben habt, das nennen manche Philosophen abstrahiren, d. i. die Begriffe biL n. Dichtungen. -75 aufs Hemd ausziehen; oft aber nehmen sie ihnen Haut und einige Glieder mit. Solche Philosophen gebe ich euch Preis. Mit ihrer Abstraktion machen sie selten Eindruck, sie wollen auch keinen machen; sie wollen nur um die Region des Verstandes wetterleuchten. Ihnen glaubt keiner, denn sie glauben sich selbst nicht: aber desto mehr zanken sie mit einander und spießen Worte. Nehmt euch in Acht vor ihnen, meine Söhne, und bleibt dem guten, gesunden Verstände treu; die grübelnde Vernunft liefert euch nur Spinnengewebe statt Seide. Es ist, Mädchen, als ob ihr ein Buch laset und wolltet zuerst alle a, e, i, o, u, herausabstrahiren; wird euch das Lesen leicht und angenehm seyn? Töchter. Ey nein, Vater, sollen wir daS Duchstabircn umsonst gelernt haben? Und dann die abstrahirten Wörter würden ja so löcherig aussehen, als eine zerschossene Armee. Vater. Das ist ein kriegerisches Gleichnis; und setzt hinzu, daß den Wörtern noch gar alle Augen ausgeschossen sind (das sind die Vokalen) und gerade das thut oft der Grübler. Er bemerkt alles, nur nicht den Geist einer Sache, den laßt er sich entwischen , denn der laßt sich nicht zergliedern. Buchstabier also immer recht, meine Kinder, und laßt keine Buchstaben aus; thuts auch bcy den ersten Eindrücken, und haltet euch dabey hübsch an die alte Rechtschreibung; dann werden, wills Gott, eure Eindrücke, cs mögen die ersten oder die letzten seyn, ihr möget sie in den Geist oder ins Herz logiren, so wahr, richtig und daurend seyn, wie ste's für ei» 2?3 II. Dichtungen. armes menschliches Erschöpf können, das nur zwey Augen und Einen Menschenverstand bar, weil es ja auch nur Ein Herz haben sollte. Ist euer Verstand gesund und auf guter Hut: so laßt er nichts Unrechtes oder zweydcutiges durchpassircn, fordert dem Passagier d.n Paß ab, durchsucht auch wohl sein Felleisen. Wenns an die Taschen geben soll, must Verdacht da seyn; und freylich auch hier ist Irrung mö-'lich. Indes wenn der Thorschreiber redlich und gesch id ist, wenn er auch selbst aus seinen Fehlern lernt: so wird er mit der Zeit immer weniger Jrr- tbümcr machen, und das ist alles, was man von ihm fordern kann. Nur um Gottes willen, Kinder, reißt das Thor des Verstandes nicht ein, weil sein Tborschreiber Fehler machte; es ist und soll billig das einzige und Hauptthor zur Menschheit seyn; alles übrige sind nur Schleichwege und Hinterpförtchen. Die Knaben klatschten und singen an, ein grosses Thor, mit sammt der Thorfchreibersbude zu mahlen. Das Thor selbst gericth frei), hübsch und licht: es hatte einen schönen Bogen und die Ueberschrift: Dem Verstände. Sic wollten auf beyde Flügel noch binzusetzen : den» sein Eindruck ist wahr und ewig; als ihnen der verwünsch e Thorschreiber ins Auge siel, dessen Bude ihrer Aufschrift wirklich ein Pasquill machte: denn wenn alle Eindrücke des Verstandes wahr und ewig waren, so brauchw kein Thorschreiber zu seyn. Ihre Aufschrift auf die Thorflügel hatte nichts gesagt, als: unbrs Lhorschreibcrs Bude, Protokoll und Wachsamkeit ist wahr und ewig, und das woll- tcn sie nicht sagen. Sie ließen also die jubilirende, zweyte Aufschrift weg und das Thor wurde noch nicht zur Sicgespforte dekorirct. Aber Vater, sagten die Schwestern, Sie haben zuerst ein r. gesetzt, wie der Verstand auch Hin- terthüren und Schleichwege hat; wollen Sie nicht N. 2. Hinzuthun? Vater. O ja, meine Töchter, es ist daS Pfört- chen des Herzens. Es ist um so viel gefährlicher, weil nichts als Liebes da durchgelassen wird, und weil man cs so gern öffnet. Diese Pforte ist ganz contreband: denn auch alles Liebe muß zufördcrst durchs große Thor hinein. Die Brüder singen an, ihr großes Verstandes- thor zu dekorircn; die bestürzten Mädchen nahmen sich ihres Pförtchens an und sagten: Töchter. Aber Vater, wie können Sie doch so hart und gemein seyn ? Das garstige, große Thor des Verstandes, wo alles durchpassirt, Schaafe und Lchscn, Vieh und Menschen: wer mag da immer im Licht stehn, sich drangen und im Koch wandeln? Unser Thürchen ist uns so nah, cs ist so lieblich. Man ist durch dasselbe gleich im Garten und was zu uns kommt, duckt und duckt sich, weil das Thürchen klein ist. Durch das große Verstandesthor ist uns so viel Widriges zugekommen, so viel Turbulentes ; hier kommt alles so sacht, so leise — Vater. Und geht auch alles so leise heraus? Betrügt euch nicht, meine Kinder, mit eurem Her- '2stc> Ist. Dichtungen. zenspförtchen, cs ist das gefährlichste, was ihr habt. Hinein gchts lieblich; aber hernach stichts, wie eine Schlange, und brennt, wie eine Otter, oder will gar nicht wieder heraus, weil es durch einen Schlupfwinkel hineinkam. Die Obrigkeit könnt, dürft und wellt ihr nicht rcquiricen, daß sie den East hinaus- treibc: denn ihr nahmt ihn ja selbst gern und willig, ja wider die Gesetze, durch diese Thür aus. Ihr fürchtet also Schaam und Ahndung; oder wenigstens flieht ihr das offenbare Geständnis, und so bleibt mancher Gast sitzen, nur euch zu quälen und zu tur- bircn. Glaubt ihr, daß alle Wirkungen aufs Herz, weil sie daurcnd, auch deswegen erfreulich sind? Ach, es gibt O.ualen und Peinigungen des Herzens, die mancher sich gern verwünschen möchte. Tochter. Ja, Vater, da peinigt der böse Verstand daS Herz, wenn man nur dessen los werden könnte. Vater. Glaubt das nicht, meine Kinder, die Gäste peinigens, die darin wohnen: sic zerkratzen die innern Wände desselben, daß Blutströme von allen Seiten herabcinnen, weil ihr Appetit nicht mehr befriedigt wird und nicht mehr befriedigt werden kann. Endlich gerätst das Herz in Verzweiflung über seine traurige Gestalt und über die Gäste in demselben; rS peinigt sich, brennt sich, und möchte sich gern auscciben, daß aus der Asche ein junger Phönix werde. Die Empfindungen, so daurend sie scyq mögen, sind nicht holdselig. Töchter. Aber Vater, warum nur die böse Seite der Sache? Es gibt auch gute Gäste, die mit Zehrer erquickenden Gegenwart erwärmen und belohnem II. Dichtungen. 2S1 Vater. Die, meine Töchter, scheuen nie das Licht, und ärgern sich nicht an der Pforte des Verstandes. Sic lassen sich examiniren, und der Verstand , weil er der altere Bruder des Herzens ist, examinirt sie schnell und leicht; es sey denn, daß das Herz oder der Fremde ihm Argwohn gebe. Also räche ich euch, vor der Hand noch, euer Pförtchen zuzuthun und das Herz mit dem Verstände desto mehr in gutes Vernehmen zu setzen. Laßt jenes sich gut aufführcn und keine Winkelzüge suchen, damit dieser ihm den Zugang nicht erschwere. O Vater, riefen die Knaben, daraus wird nichts. Das Her; ist eine Here, so bald es mit dem Verstände zu thun hat, und besticht ihn. Es will nicht Schwester, sondern immer Geliebte seyn. ES cares- sirt seinen eigenen Bruder, damit dieser nur wieder ihre Liebhaber carcssire, und so wird des Unfriedens und des Unfugs kein Ende. Vater. Und was wollt ihr denn, Knaben? wollt ihr das Herz gar hinauSwerfen, nur damit eS den Zugang zum Verstände nicht mehr habe? Her; muß Herz bleiben: denn cs ist der Menschheit so wesentlich, als der Verstand. Der Thorschceiber ist der Stadt wegen da; nicht die Stadt des Thorschreibers wegen. Laßt das Herz eine Zauberin seyn, die gern verführen will, dafür ist der Verstand, Verstand. Er hat die Augen im Kopfe und hat Amt und Pflicht auf sich; er muß mit seiner Schwester nicht buhlen, sondern ihr Bestes besorgen wollen. Und glaubt nicht, daß alle Herzen so kokett sind; es Liebt auch einfältige gute Herzen, die sich gern vom ,82 II. Dichtungen. Verstände lcitcn lassen und ihn nicht betrügen mögen. Töchter. Das sind meist ein bischen dumme Herzen, Vater. Vater. Sagt ihr das, Mädchen? Wißt also, das Herz ist immer dumm, rvenns ganz ohne Verstand ist, so klug es sich dünke. Aber was habt ihr da neues gemahlt? was haben die Herzchen für schöne Thürchen bekommen ! mit so feinen Bändern und gar mit Blumen bekränzet! Nur das Schloß fehlt. Töchter. Das wollen wir gleich hinzumahlen, und der Schlüssel hängt innwendig, daß wir aufschließen können, wem wir wollen. Wir wollen keinem aufschließen, Vater, als dem Guten, dem Lieben, dem Schönen — nur bewahren Sie uns vor dem fatalen großen Verstandeslhor. Vater. Aber Kinder, wie könnt ihr wissen, was gut und schön ist, wenn keine Pforte des Verstandes wäre? Woklan, ich weiß eine Auskunft. Alles, was zum erstenmal koinmt, weist ab, wenn cs nicht den Paßport vom Verstände niitbringt. Kennt ihr eure Gäste schon lange, sind sie oft dagewesen und haben sich treu und redlich erwiesen: nun so könnt ihr ihnen, der Kürze wegen, das Thürchen auch unmittelbar öffnen. Töchter. Also bleibt doch das Thürchen! Triumph! Vater. Es bleibt. Nur als ein geheimes Pförtchcn der Vertraulichkeit und Freundschaft, was nicht immer offen stehn, was wohl bewacht werden muß, damit sich nicht Liebe und Räuber hineinsteh- len. Der Verstand aber ist und bleibt die Hauptpforte. Die Knaben hatten ihr- Ehren - und Triumphs- pfocte fertig. Vater. Eine schöne Pforte! Aber nun, sehet ihr nicht, was da fehlt? Knaben. Nein, Vater. Vater. Sehet ihr nicht, es ist und bleibt eine nackte, kalte Pforte. Wo wollt ihr die Fremden hinlvgiren, wenns auch die edelsten waren ? In die Thorschreibcrbude? Ihr seht also, ihr braucht das Herz, wie das Herz euch braucht. Der kalte Verstand ist nur Pforte, das Herz ist Wohnung. Töchter. Triumph! Triumph! und unser Thürchcn wird geöffnet. Im Herzen wehnt sich« so warm, so lieblich — Nur wir brauchen doch nicht alles aufzunchmen, was durch jenes Windthor kommt? Vater. Bepleibe nicht! da würde euer Kämmerchen bald viel zu klein sepn. Nehmt auf, was euch das Beste, das Lieblichste dünkt, was ihr kennt, Mit dem ihr freundschaftlich und vertraut sepd; das übrige behilft sich auf den Straßen. Eure Wohnung muß ein kleines Hciligthum bleiben. ^ Töchter. Und über diese Auswahl hat der Verstand nicht zu kommandiren? II. Dichtung«-». ^.284 Vater. Zu kommandircn nicht, aber brüderlich und mit Gründen zu rächen; ihr könnt ihm aber auch abschlagen, was er begehrt, denn das Herz ist und bleibt Herr über seine eigene Wohnung: cs ist nicht Sklavin, wo cs nicht gern und mit Uebcr- zeugung gehorchet. Ueberdcm fordert der Verstand nur leist; er pocht und tumultuirt nicht, er wird also die Herrin des Hauses nicht bestürmen. Seine abschlägige Antwort tragt er ruhig, und überlaßt das Herz seinem eigenen Schicksal. Töchter. Gut also, daß wir doch über unsre Wohnung Herr bleiben. Vater. Das bleibt ihr, und ich muß euch sagen, daß über die Aufnahme ins Herz und über die Zimmer, die man dem Gegenstände da einraumt, das Herz allein entscheiden kann. Es kennet sich selbst, der Verstand hat von ihm nur eine äußere Kcnntniß. Es hat einen Wächter in sich, der zwar blind ist, aber was diese Wohnung anbctrifst, viel genauer fühlt, als der Verstand sieht: denn dieser hat nur die allgemeine Ucbcrsicht der Dinge, und versteht sich auf die engsten Geheimnisse des Herzens nicht. Uebcrdem hat es noch eine Wachterin von außen — wißt ihr, Mädchen, wie die Wachterin heißt? Töchter. Ists nicht die Unschuld, mein Vater? Vater. Ihr habt recht: haltet die Wachterin theuer und werth, sie bekränzt euer Herz mit Lilien und Rosen. Was sie hinein läßt, ist von wahrer und e w i g a n g e n e h m e r Wirkung. Nun werdet ihr auch den andern blinden Wächter erreichen — Töchter. Es ist dock) nicht — die Liebe? Vater. Es ist so etwas. Wir wollens aber, des mißbrauchten Worts wegen, nicht Liebe, sondern Trieb des Herzens neunen. Wen» er die Wachterin von außen nicht stört und nur unter dem wählt, was der Verstand nicht für völlige Kon- trebande erklärt hat, so wählt er in Geschäften des Herzens viel richtiger, als der Verstand; er sieht auf eine uns unbegreifliche Art sehr tief, fühlt innig ; dazu umfaßt er warm und feurig, und wenn er gut gewählt hat, verwahrt er auf ewig. Bekränzt also euer Herz von allen Seiten, nur postirts nicht vor den Verstand, sondern hinter ihn und auf einen schönen frcyen Platz, aus dem Thorgedränge hinaus, in eine schöne Gartengegend. Macht ja, daß außer der Vcrstandspforte nichts zu ihm komme und daß cs nicht zu vielen Uebcrlauf habe; das letzte um seiner eignen Freyheit und Ruhe wegen, daß es seine Wahl frei) behalte und nicht bedrängt werde. Töchter. Wir wollens also in eine holde, Wüste mahlen. Vater. Auch das eben nicht: denn da kommt vielleicht Nichts gescheides zu ihm und so muß eS sich (leer wills einmal nicht bleiben) mit Ungeheuern behelfen. Die rechte Distanz zu treffen, ist die größte Klugheit des Lebens. 266 1!. Dichtungen. Töchter. Aber Vater, Wenns Flügel hatte und rückte bald naher bald weiter? Vater. Um Gottes willen keine Flügel, ich kann einmal die geflügelten Herren nicht leiden. Euer Herz muß Ruhe finden und festen Standpunkt, es muß ein beständiges, treues Herz werden, sonst flieht ihm seine Wächterin von außen, und der Wächter von innen fliegt sich matt, wund, arm und todt. Zuletzc will niemand mehr zu euch, denn er weiß ja nicht, wo ihr morgen mit ihm hinaus wollt. Töchter. Aber, Vater, der Trieb, den Sie so hübsch und beredt zum innern Herzenswach- ter machten, wie kann er besser angedeutet werden, als durch § lam m e und Flügel. Water. Daß ihr Mädchen doch immer Recht haben wollt! Und ich sage euch, Flügel und Flamme taugen nichts zum Herzen, noch weniger zu seinem Wächter. Legt das ganze kindische Symbol ab, und mahlt euch ein schönes Haus oder einen schönen Tempel des Herzens hinter die schöne und offene Pforte des Verstandes. Ich will euch zu beyden die Aufschrift geben. Jur Pforte: Dem ewigen Verstände, dies schließt in sich, daß seine Eindrücke wahr fern müssen, denn sonst können sie nicht dauren. Und auf eure Hütte oder Tempel schreibt: Dem guten Herzen, ' i II. Dichtungen. 287 daZ schließt schon in sich, daß seine Empfindungen der Wah rheit gemäß seyn müssen, sonst sind sie weder gut, noch angenehm, noch ewig. Alle Phantome, sie mögen sich dort oder hier zeigen, zerstreut der ia.ag, das ewige Licht, der Quell und Richter aller Gute, wie aller Liebe. Ihr Knaben, laßt aus-eurem Thor die Wechselbude und AcciScinnchmerey weg: macht es fest und schön, und setzt die lichte Sonne drüber. Ihr Mädchen, mahlt in euren Tempel den Altar der Unschuld und auf ihm die reine Flamme der Freude, des Danks, der Freundschaft und Liebe. Und nun bekränzt Alles aufs beste, wie ihr wißt und könnet; ' vor allen Dingen aber macht eure Seele zu beydem! — Der Alte schwieg. Sie sind auf einmal so stille und traurig, Vater! sprachen beyde. Vater. Nicht traurig, meine Kinder, aber still und sehnend. Ich dachte eben nach, was es mit unserer Sprache und unserni Leben, kurz mit unserer Menschheit hier vor ein armseliges Ding sey. Wir zertheilen und müssen zertheilen, was Eins ist: ich bin alt und sehne mich nach dem Zustande, da wir nicht mehr zertheilen, da Verstand und Her; Eins seyn werden, die Pforte des reinen Verstandes auch die Pforte zum reinen, vollen, glückseligen Herzen sepn und nichts mehr getrennt werden kann. Eure Mutter ist von mir, dort wird sie mit mir Eins seyn: eure Schwester wird glücklich seyn, die hier ein Opfer ihres guten Herzens geworden: unsre Seelenkrafte werden Eins seyn, wie sie es auch hier schon wirklich 283 II. Dichtungen. wären, wenn unser zcrlhcilter, träger Körper sie nicht theilte. Bereitet euch, meine Kinder, zur Eintracht des Verstandes und Herzens hie- nieden, so werden ihrer beyder Eindrücke und Empfindungen nicht mit Jahren, Tagen, Stunden und Lebensaltern wechseln, sondern einander befestigen und starken, und so sind ihrer beyder Wirkungen, auch in Freundschaft und Liebe, übers Grab hin wahr und Eins und ewig. Der Alte klopfte seine Pfeife aus, und alle- sammt, die Verfechter des Verstandes und des Herzens, gingen versöhnt und ruhig zu Bette. 6 . Voraussicht und Zurücksicht. Ein Gespräch. Prometheus, Epimetheus, Pallas. Epimetheus. Wir irrten uns also beyde in Bildung des Menschengeschlechtes. Du, der du ihm zu viel Vorsicht zutrautcst und ihm deshalb so gefährliche Werkzeuge in die Hand gabst; ich, der frcylich nur durch Schaden klug ward, ihm indessen, Key vielem Weh, wenigstens die Trösterin Hoffnung zubrachte. Prometheus. Sehr ungleich war unser Jrrthum, Bruder. Denn wenn dem schwachen Menschen Etwas geziemt, so ists Vorsicht. Durch mich wären deine traurigen Töchter, Neue HerdersW. z. sch. Lit, u. Kunst. VI. T Dram. LtücL«. 2gc> II. Dichtungen, und Entschuldigung, nie auf der Erde erschienen; auch die trügerische Hoffnung hatte ich in der verderblichen Büchse mit aller ihrer Begleitung den Göttern zurückgesendet, Vorsicht ist dem Menschen nöthig: sie erspart ihm jene ganze pbry- gische Kunst „durch Schaden klug zu werden," die einzige und doch auch seltne Kunst der Thoren — Epimetheus, Kann der schwache Mensch Alles voraussehn? Konnte ich voraussehen, was aus meiner Büchse davon flog? Prometheus. Ich hatte dich gewarnt, und jeder Mensch hat seinen Warner. Er darf nicht weiter voraussehen, als auf seinen Weg; Allwissenheit ist ikm nicht nöthig. Dahin aber muß er sehen , treu und ganz. Epimetheus. Und doch stehet man so gern rückwärts. Wie weit man gekommen scy? wie man den Weg machte? '— Prometheus. Zur Stärkung, zur Erholung, meinetwegen. Wenn aber das läßige Rückwärtssehen den Blick der Vorsicht schwächt, wenn es den, der ihn thut, in süße Träume wieget, oder ihn gar in eine so panische Furcht setzt, daß er keinen Tritt vorwärts waget, und, wo möglich, hinter sich selbst zurückbliebe; da ist die Rückerinnerung verderblich, äußerst verderblich. Epimetheus. Ich glaubte, daß eine kluge Vorsicht nur aus einer überlegenden Zurücksicht entspringe, daß man aus vielen erlebten Fällen doch endlich einmal lerne, wie man Key künftig zu erlebenden Fallen handeln möge. Prometheus. Armer Epimetheus! Zeder Fall, der dem St-rblichcn vorkommt, ist ihm neu; er muß Mit neuem Blick angesehen und vorausgesehen werden. Durch Abziehung und Theilung des vorigen wirst du diesen Blick nie gewinnen, sondern ihn schwachen und zuletzt verlieben. H i m Mlisch ist das Licht, das ich den Sterblichen gab; es stammet nicht von der Erde. Wer nur von andern lernen will, wird andere nie verstehen, wird sich und andere nie lehren. Epimetheus. Ich verstehe auch dich nicht, ich lerne nur von andern. Prometheus. Und lernst also Meistens zu spät, und lernst schlecht, und hast nie ausgelcrnet. Du wirst durch Schechen klug, nie also ganz klug, noch weniger durch dich selbst weise. EpiMetheus. Kam aber nicht durch mich die süße Trösterin Hoffnung auf die Erde? Prometheus. Falsche Trösterin, wenn sie sich Nicht fest an der Vorsicht halt und mit dieser wandelt. Eine wahre Hoffnung heißt Vorsicht) die falsche gehört zum Gefolge deiner Töchter. Ihnen, die ungestalt an Krücken dir nachschleichen, möge unsinnige Hoffnung die traurigen Gedanken hinwegheucheln. — Pallas. Streitet Nicht, ihr Brüder! ihr sepd von ungleicher Abkunft; so sinds auch die Menschen. Die meisten sind von Epimetheus Art; sie müssen und wollen nur durch Schaden klug werden. L 2 292 II. Dichtungen. Die Gesellschaft der Reue, der Entschuldigung, endlich auch der tröstenden, weckenden H 0 ff- nung ist ihnen unentbehrlich. Die wenigen hingegen von deiner Art, Prometheus, denen ich selbst den himmlischen Funken in die Seele senkte, sie bedürfen jenes langsamen Gefolges seltner. Mil Voraussicht eilen sic vorwärts, und doch bleiben auch sie, wie du selbst eS wärest, dem Jrrthum unterworfen. Auf alle zukünftigen Lebens-Tage vorsichtig zu seon, ist den Sterblichen nicht gegeben. Prometheus. Mich quälten, auch unter den Bissen des Geyers, jene unseligen Dienerinnen der Furien, Reue und Entschuldigung, nie. Mit Freude sah ich zurück auf das, was ich gcthan hatte; mit Freude vorwärts auf das, was aus meinem Geschenk folgen müßte. Pallas. Und doch war dir die Zeit nicht bekannt, da cs folgen würde; also war deine Vorsicht hierin auch H 0 ffnu n g. Die kühnsten Vor- ausschcnden irren sich, wie du, meistens in der Zeitfolge ihrer Unternehmungcn; was ihr Blick schnell umfaßte, kann der trage Fuß der Menschen erst langsam und mit Mühe erreichen. Denn jene Umstande, unter welchen der Erfolg menschlicher Entschlüsse wirklich wird, ruhen sie nicht allein im Schooß der Götter, im Rathe des Schicksals? Du hörtest der Parzen Gesang, Prometheus; aber nur aus dunkler Ferne. -Zeit allein, die große Mutter der Dinge, Zeit ists allein, die entwickelt, was die Voraussetzung wie in einem Knäuel erblickte, woran in der Zukunft so manchcrley Hände weben und weben werden. Woraus bildetest du den Menschen, Prometheus? II. Dichtungen. 2Z3 Prometheus. Aus Erde und Wasser. Pallas. Und welche Neigungen mischtest du in dies feuchte Gebilde? Prometheus. Alle, deren ich habhaft werden konnte, des Fuchses, des Pfaues, des Tigers, des Löwen. Pallas. Alle diese also müssen nach Gelegenheit auch ihre Rollen spielen. Bey großen Begebenheiten spielen sie solche grausamer, rascher, schneller; bis endlich doch das himmlische Feuer, das ich dem Menschen aus meinem unsterblichen Schilde ,;u- trug , über sie alle die Oberhand gewinnet, sie alle regelt und lenket. Da lausen viele Wünsche dem letzten Erfolg voran, fruchtlos voran — Prometheus. Verzeih, große Göttin, und doch waren sie nicht fruchtlos. Ihr Götter spottetet der Menschen, und ludet ihnen meine erflehte Gabe der Unsterblichkeit auf einen Esel, der sie gegen einen Trunk Wassers an die Hüterin des Quells, die Schlange, verkaufte — Pallas. Ihr würdet sic vielleicht um einen noch schlechtern Gewinn, als der Esel, verkauft haben: sie ist kein seliges Bcsitzthum für Menschen — Prometheus. Wenn auch Unsterblichkeit nicht; so doch Verjüngung. Ich kenne den Brunnen, worin sie liegt, und gewinne sie von der Schlange wieder. Pallas. Bruder des EpimctheuS, lehre die. Menschen, wie sie eurer bcyder Gaben ausS beste anwenden und vertheilen. Ihr einzelnes Daseyn ist 2Z4 II. Dichtungen. von einet kleinen Spanne bekränzt; Menschenwcis- heit ist also zu lernen, wie viel Vorsicht, wie viel Zurücks! cht sie aus jedem Punkt dieser Spanne nöthig haben und anwenden können, ohne ihr Dascyn selbst zu schwachen und zu verlieren. Ein kühnes Unternehmen durch Klugheit zu beschränken , Hoffnungen durch Erfahrung zu beflügeln und anzuordnen, das, ihr Menschen — Prometheus. Ihr Götter habt gut reden; wer Unter den Sterblichen trifft zu jeder Stunde das rechte Maas der Weisheit? Pallas. Lernt vergessen, lernt euch erinnern. Das Maas der Vorsicht werde ich euch nicht versagen. Inhalt, I. Dramatische Stücke. 1. Admetus Haus. ...... 2. Ariadne - Libera. ...... 3. Der entfessele Prometheus . . h. Aeon und Aeonis. ...... ü. Philoktetes. ....... 6. Brutus. ........ II. Dichtungen. i. Paramythien, . .. 2. Das Fest der Grazien . . . . 3. Kalligenia. ....... h. Eloise, ......... ö. Verstand und Herz. . . , . . 6. Voraussicht und Zurücksicht« . , Seite 3 . . H3 . . 73 . . ros . . 12i» . . t37 . . tÜ7 . . -97 , . 22h, . . 233 « , 268 , . 28g