II. Dichtungen.
247
nen, als der Allwissende sie sehe, ist nicht dies daSreinste, größeste Herz? Ob viele männliche Seelensolcher Bekenntnisse fähig scyn, ist zu bezweifeln.„Ich will nicht, daß, wenn du mich zum Kampfaufrufst, du sagst: „in Schwachheit werde dieTugend vollendet; es werde niemand gekrönt, dernicht kämpfe." Ich verlange keine Siegeskrone;genug ist mir's, der Gefahr zu entweichen. Sichrerist dies, als der Kampf. In welchen Winkel desHimmels mich Gott setze, bin ich zufrieden. Dortbeneidet keiner den andern, wo Jedem das Scinigegenug ist." Heldcnmüthige Bekennerin! wegwerfendalle Heucheleyen. Die höchste Erhabenheit ist reineWahrheit.
Abälard tröstet sie — schwach; er schickt ihr einGebet, das sie für ihn und sich thun solle. Aberauch diese Formel konnte Eloisen nicht genügen. Ohnemit einer Sylbe an ihren Kummer weiter zu denken,fordert sie von Abalard eine Ordensregel fürihr Geschlecht. Dies, sagt sie, habe noch keineRegel; alle scyen für die Männer gemacht; dieweibliche Natur fordre eine eigene, ihr angemessene,lindere Regel. Mit eben so viel Zartheit als Kraftzeigt sic hievon die Gründe, enthüllt sehr anständigdie Schwachen und Gefahren ihres Geschlechts, undspricht von der äußern heuchlerischen Wcrkheiligkeitmit Sprüchen der Bibel und der Vater, wie Lu-ther. Vor allem warnt sie, daß der Stifter solcherRegel das Ideal der Vollkommenheit nicht über diemenschliche Natur hinausfctze; dem Weibe sey's ge-nug, wenn es zur männlichen Tugend gelange;eigentlich fey ihr Zweck häusliche Tugend. Mehr alsAspasia spricht in diesem Briefe, eine Priorin und