I. Dramatische Stücke. 47
schafft werden; und die Fabel bestehet doch in ihrendrey trefflichen Scenen. Warum sie auf dem neue-ren Theater nicht erschien? Vielleicht weil kein le-bender Thcseus an seine verlassenen Ariadnen er-innert, und er auch kein Dionysus seyN wollte, eineVerlassene zu belohnen. Sonst hatte offenbar in allendrey Scenen die Fabel zum Ballet und zur Lper denreichsten Stoff mit dem fröhlichsten Ausgange in sich.
Gerstenberg, der sie im vergangenen Jahr-hundert *) auf unfern Parnaß brachte, widmete siesogleich der Muse, die ihr gebührte, der Ton-kunst. Seine vortreffliche Kantate: Ariadne aufNaxos **), Melodie und Rhythmus vom Anfängehis zum Ende, die vielleicht auch Veranlassung zuRamlers trefflicher Ino war, hielt sich im Kreiseder Kantate. Nur dse verlassene Ariadne, dieseaber in allen Wendungen ihrer Empfindung, lassetsie hören. Fröhlich begrüßend Aurora, erwacht dieün TheseuS Arm Entschlafene; sie ahnt keine Ver-lassung. Um ihres Geliebten Leben besorgt, ist sienur in ihm lebend. Schrecklich reißt die Orcade derInsel den tauschenden Schleyer von ihren Augen:„Cr ist auf ewig dir entflohen ! " und bahnet damitin rührenden Uebergangen jedem Ausdruck des Ent-setzens, der Erinnerung voriger Liebe, der Verwün-schung, der Reue, des inneren Vorwurfs, endlichder Verzweiflung, den offene» Weg. Wo soll dieUnglückliche hin, da die Lreade selbst sie auf ihremFelsen nicht duldet? Keine Zuflucht ist ihr übrig,als in den Wellen. Hinter allen JdyllensceNen des
*) Im Jahr 1768.
") S. Eschenburgs Unterhaltungen. Wand 8. St. 5 .
S. 384.