Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 3 (1821) Der Eid
Entstehung
Seite
259
Einzelbild herunterladen
 

D e r E i d. 209

Chöre. Aus Beyspielcn ist bekannt, daß eine starkeEinbildungskraft das Bild seiner selbst gleichsam aussich herauszuwerfen, und sich sichtbar zu machen ver-möge; daher die Erzählungen von Menschen, die sichselbst zu sehen glauvten, daher die Gespräche mit sichselbst, als mit einem guten oder bösen Genius,und Key zarten Gemüthern am liebsten das Gesprächmit einem edlern Ich, einem leitenden, lie-benden Schutzgeist. Aus der Stirn fröhlicherguter Kinder, auf dem Antlitz der unbefangenen, hei-'kern Unschuld, der reinen Liebe, der verzeihendenGroßmuth wer sah und liebte nicht jene ruhigeStille, in der uns ein Engel gegenwärtig zu wer-den scheinet? Endlich in den Schmerzen derKrankheit, der Leiden, der Verfolgung, im Tode,nach dem Tode; hier gönnet der frommen Legendeganz ihren Lauf; hier ist das Herz sich selbst einereiche Legende. Wenn eine Tochter am Sterbebettihrer Mutter das Antlitz stehet, das sie bald nichtmehr sehen wird, und ihre letzten Worte höret; wennder Blick des Redlichen, des zu Tode Gequälten sichnoch Einmal denkbar - froh gen Himmel, segnend-ftoh zu denen wendet, denen er hicnieden nichts alsGutes gethan hat; und wenige Augenblicke nachher,von der ernsten Hand des Todes berührt, sein Ge-sicht die wahre Gestalt seiner Seele im festeste;;Bilde zeiget, da lasset doch ja dem stillen Gemütheiner trauernden Kindesliebe seine Kraft, die Zügedes Sterbenden, des Gestorbenen zu einem Engelzu erhöhen, und ihn in solcher Gestalt seinem In-nersten cinzuprägcn. Lasset der Sage ihren Gang,daß ihn Stimmen gerufen, getröstet, bewillkomntthaben; daß ein ambrosischer Duft, ein himmlischer

R 2