ii8 Fragmente zur deutschen Literatur.
Wie nun? batte man an so etwas gedacht,wenn man über Ursprung und Kindheit der Spracheurtheilen wollte — wo wären denn so manche phi-lologische Hvvothesen geblieben, die blos nach demverjüngten Maasstabe unserer Zeiten abgemessen wa-ren ? wo so manche Urtheile der Verwirrung, die allesin schiefen, halben verzerrten Figuren erblickten, weilsie ihren Lehnstuhl zum Sehepunkt nahmen, und indie Zeiten und Umstände sich nicht zu setzen wußten,in denen die Sprache ward und war? wo derdiktatorische Eigensi'nn, der sich unterstand, Nachrich-ten der Alten zu widersprechen, ohne sie zu wider-legen: sie nach seinem Kopf zu drehen, und wennsie sich nicht drehen ließen, sie wegzuwerfen, zu ver-spotten? Und wo die ganze Hypothese vom göttli-chen Ursprünge der Sprache aus der Naturderselben dargethan?
Aus der Natur derselben? wäre dies geschehen,auch neulich von Süßmilch*) geschehen: wie hätteer denn einen spaten, einen vollendeten Zu-stand der Sprache für den Ursprung, und eine g e-bildcte Sprache, an der auch selbst bei dem rohe-sten Volke Jahrhunderte arbeiteten, zu der Mil-lionen Menschen zutrugcn, die so viel Zeitalter über-lebt hat — wie hätte er die für eine werdendeSprache nehmen können? Siehe diesen Baum, mitseinem starken Stamme, mit seiner prächtigen Krone,mit Aesten und Laub, Blüthen und Früchten, aufseinen Wurzeln, wie auf einem Throne — siche ihn,wie er ist: du wirst bewundern, erstaunen, und
*) Süßmilch über den Ursprung der Sprache.