I , . G. v. Herders sämmtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Erster Lheil. Fragmente zur deutschen Literatur. Erste Sammlung. Mit Großherzvglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carls ruhe, im Durra» der deutschen Classiker. i 8 n r. Fragmente z u r Deutschen Literatur. Erste Sammlung» Herders Werke z. schön, rit.u.Kunst.!. A N-nxmeE r. -Allerdings ist cmch die Sprache einer Nation eia beträchtliches Stück in der Literatur derselben, und wer über diese schreibt, wird schon durch den Namen erinnert, jene nicht aus der Acht zu lassen. Man kann die Literatur eines Volks, ohne seine Sprache Nicht übersehen — durch diese jene kennen lernen — durch sie auf manchen Seiten ihr unvermerkt beikommen ; ja beide mit einer Mühe erweitern; denn großen Theils geht ihre Vollkommenheit in ziemlich gleichen Schritten fort. Nicht als Werkzeug der Literatur allein Muß man die Sprache anscheni sondern auch als Bchaltniß und Inbegriff; ja gar als eine Form, nach welcher sich die Wissenschaften gestalten — und nutzt man diese drei Gesichtspunkte recht: so wird uns ein philosophisches Sprachcnstudium gleichsam ein sHorhof scheinen, sich dem Tempel der Literatur zu nähern. Ist die Sprache Werkzeug der Wissenschaften: so rst ein Volk, das ohne poetische Sprache große Dichter, ohne biegsame Sprache glücklich? Prosaisten, und ohne genaue Sprache große Weise gehabt hätte, ein Unding. Man trotze Meiner Behauptung, und übersetze Homer in das Holländische, ohne ihn zu travestireil: man bringe einen schlüpfrigen Crebillon in das Lappländische, und den Aristoteles in eine der wilden Sprächen, A U 4 Fragmente zur deutschen Literatur. die keinem abstrakten Begriff Herberge geben. Sollte man nicht in jedem Gebiet der Wissenschaften Gedanken und Schriften haben, die für diese und jene Sprache durchaus unübersetzbar sind? Wenigstens ist eine Mundart, in welcher die Literatur, entweder von selbst hervor geschossen, oder hinein gepfropft ist — unendlich von einer andsrn unterschieden, die man in Absicht der Wissenschaften Idiotisch nennen muß. Und es mußten, wie mich dünkt, von der Natur besondere Geister dazu ersehen werden, ihre rohe Sprache zu den Wissenschaften, oder wenn man lieber will! die Wissenschaften in der Sprache zu bilden. Da diese nun ihren innecn Beruf fühlten, daß sie gebohrcn waren, um ungedachke Dinge zu denken, und ungesagte Worte zu sprechen: so folgten sie dieser Stimme; sie verwüsteten die Sprache, um zu schaffen, jedes Hinderniß ward ihnen wie nichts, und zum Denkmal einer That; sie wurden Schöpfer und Gesetzgeber und Muster. Die Sprache ward, wie Sokrates sagt, die Bezähmerin der Wilden, und wie man dazu setzen kann, eine bildende Schöpferin in den Wissenschaften. Wer also seine Sprache zur Weltweishcit, zue Prose und Poesie zu bereiten sucht: der ebnet eben damit den Boden, daß er Gebäude und Pallaste trage. Oder noch mehr! er liefert dem Schriftsteller Werkzeug in die Hände; dem Dichter hat er Donnerkeile geschmiedet: dem Redner seine Rüstung ge- glänzet: dem Weltweisen Waffen geschärfte, und jedem andern, der bloß für das Auge dastehet, hat seine vorräthige Hand, Anzug, Putz, und wie Erste Sammlung. 5 oft auch damit seine ganze Würde und Schönheit verschaffet. Nur Schade! daß Jupiter das Verdienst seiner unterirdischen Cyklopen so wenig erkannte, und daß eine Schöne so selten die allmächtige Hand küsset, die ihr Anstand und Grazie anschuf. Die Anwendung hievon auf die Cyklopen der Sprachkunde mag Johnson seinen Engländern sagen: „Man „sieht sie für Leibeigne im Reich der Wissenschaften „an, die dazu verdammt sind, auf dem Pfade der „Erkenntnis und des Witzes, nur die Dornen und „Hecken auszurotten." Ich gebe cs gern zu, daß die Helden und Halbgötter in der Literatur keine Vorläufer nöthig haben mögen, um vor ihnen den Weg zu ebnen, sondern daß sie eben damit Herkuls Ruhm erlangen, wenn sie seine Thaten thun — Berge abtragen, Ungeheuer ausrotten, Schwierigkeiten überwinden und Ziele ereilen ; und das alles in der rauhen Sprache, die wie -Pfeil und Keule ist in der Hand des Starken — allein wenigstens kann man ihren schwacher« Nachfolgern, ihren Brüdern aus menschlichem Geblüt zu Hülfe kommen, die sich sonst auf ihrem Kunststück mit schlechtem Werkzeuge quälen, und nachher doch wohl ihre Arbeit zur Schande ausstcllen, oder zu eigner Schaam verbergen müßten. Kann man diesen ihre Instrumente bequemer, leichter, faßlicher machen : so erleichtert man ihnen wenigstens jene undankbare Mühe, die nachher ihrem Kunststück so selten anzusehen ist. Ich gebe es ferner zu, daß nicht Sprachkünsilcr, sondern Arbeiter auf eigne Hand die erste» sind, die Sprache jeder Gattung der^ Schreibart sa anzupassen, daß beide zusammen zu wachse» scheinen; 6 Fragmente zur deutschen Literatur. hier entscheidet ein Muster durch sein königlich Beispiel mehr, als zehn Wortgrübler, und klart, wenn es mit seinem Strahlenangesicht austcitt, mehr aus, als hundert Leichcnfackeln der Grammatiker. — Ja ich gebe noch mehr zu: Sprach - und Schulmeister sind die ersten, dje die Sprache verderben, daß sie, wie sie sie wollen, zu nichts taugt. Sie polirten das Instrument so lange, bis es gut zum Anschauen und Aufhangen ward: sie krümmcten, und dehnten, bis es schwach, bis es verunstaltet wurde: sie schnitzelten am Bogen, bis er brach — unselige Kimstrichtcr, und Regelnschmide; — Allein um so gelegener und wie gerufen sollten solche kommen, die diesen Sprachvepderbern das Werkzeug noch zu rechter Zeit entreißen, und es zu dem Rüstzeuge machen wollen, das in den Händen einer heiligen regellosen Unbesonnenheit Wunder thut. Desto angenehmere Gaste sollten uns die scyn, die unserer rüstigen und tüchtigen Sprache ihre alte Baumstarke wiedergeben, und alte Geheimnisse in ihr »erreichen wollen, auf die freilich mancher Pancirolli unter seinen rskus äspisräitis nicht hat kommen können. So weit, kann ich mir doch nicht cinbilden, so weit ists doch mit uns gewiß noch nicht, daß wir uns unsere Sprache gemacht haben, wozu wir sie wollen? was sie scyn kann, und seyn soll?, denn kaum und nochmals kaum — haben, wir sie so, wie sie gewesen ist- Wie? ist denn alles, was zum dichterischen, prosaischen und philosophischen Ausdruck gehört, schon so genau bestimmt, daß die Sprachlehre des Dichters und des Prosaisten ihm zur allgemeinen Casrnsitck dienen kann? Ist in ihr alles Erste Sammlung. 7- so entwikelt, und ausgefaltet, daß dem Poeten und Philosophen wahrend dem Schreiben keine Runzel, kein Knote mehr unter die Hand laufen muß, der ihn aufhalt? Ware man denn auch, wenn man gar kein Sonderling im Styl seyn will, waren denn auch nur die gewöhnlichen Postganger der Schreibart , auf ihrer alten geschlagenen Landstraße, vor allem Straucheln sicher? Sollte auch Lesern von ziemlich gesunder Verdauung nicht oft, etwas hartli- -ches aufs Herz stoßen? Sollte unsere Sprache schon so weit seyn, daß man in ihr, und in jeder Gattung der Schreibart alles so sagen könnte, als man es sagen will, und muß, so sagen könnte, daß nichts außer und über dem Gesagten ist? Kurz! ist die Sprache, als Werkzeug der Literatur vollkommen, schön, bequem genug? — Will man die Antwort auf diese Fragen, so schlage man unsere besten Uebersetzer auf, die oft nicht zu übersetzen wissen, unsere beste Journale auf, die oft nicht zu entscheiden wissen, unsere' besten Grammatiken und Prosodien auf, die keine deutschen Grammatiken und Prosodien sind. Griechen und stöömcr, waren sie auch in allem, was sie in der Sprache dachten, so weit unter uns, als cS uns oder ihnen belieben mag — in dem, wozu sie die Sprache machten, waren sie weit über uns. Was sie mit dem Werkzeuge ausgerichtet haben, mag viel oder wenig seyn; aber wie sie über ihrem Werkzeuge selbst sich Mühe gaben, laßt sich nicht verkennen, und sollte ein großer Lhcil ihrer glücklichen Unternehmungen nicht eben durch diese vor- und nebenanlaufende Mühe erleichtert seyn? Wie arbeite- 8 Fragmente zur deutschen Literatur. tcn sie nicht an ihrer Sprache, und darum gerieth ihnen auch'in derselben die Arbeit so gut. Man sollte nicht glauben, wie durstig die unsere, auch an den unentbehrlichsten Hülfsmit- teln scy, wenn man die Hülfs mittel, insonderheit nach ihrem Innern, als Instrumente der Wissenschaften betrachten will. Wenn jener Arabische Weise sechzig Kameele allein mit den Wörterbüchern seiner Sprache beladen konnte; so gehört kaum ein Maulesel dazu, unsern Frisch und unfern Bödiker wegzutragen: denn die meisten unserer vielen deutschen Gesellschaften haben an dieß edle Unternehmen auch nicht im Traume gedacht, ihre Sprache zum vollkommenen Werkzeug der Wissenschaften zu machen, auch nur so fern dieß Machwerk mechanische Arbeit forderte: und was haben wir also aufzuzeigen, wenn uns ein Grieche und Römer in unserer philosophischen Werkstatte und Rüstkammer zusprache? 2, Nun ist aber die Sprache mehr als Werkzeug: sie ist gleichsam Behaltniß und Inhalt der Literatur — wie viel fteyes Feld geben uns diese Worte zu übersehen, zu bearbeiten, zu nützen? Wenn Wörter nicht bloß Zeichen, sondern gleichsam die Hüllen sind, in welchen wir die Gedanken sehen: so betrachte ich eine ganze Sprache als einen großen Umfang von sichtbar gewordenen Gedanken, als ein unermeßliches Land von Begriffen. Jahrhunderte und Reihen von Menschenaltern legten Erste Sammlung. 9 in dies große Behaltniß ihre Schätze von Ideen, so gut oder schlecht geprägt sie seyn mochten: neue Jahrhunderte und Zeitalter prägten sie zum Theil um, wechselten damit, und vermehrten sie: jeder denkende Kopf trug seine Mitgift dazu bei: jeder Erfinder legte seine Hauptsumme von Gedanken hinein < und ließ sich dieselbe durch Wucher vermehren: ärmere liehen davon, und schafften Nutzung — falsche Münzer lieferten schlecht Geld, entweder zur Erstattung des Geborgten, oder sich ein ewiges Andenken zu prägen -— Heldenmäßige Räuber wußten sich blos durch Raub und Flammen einen Namen zu machen — und so ward nach großen Revolutionen, die Sprache eine Schatzkammer, die reich und arm ist, Gutes und Schlechtes in sich faßt, gewonnen und verloren hat, Zuschub braucht, und Vorschub thun kann, die aber, sic sey und habe was sie wolle, eine ungemein fehcns- würdige Merkwürdigkeit bleibt. — Jedes Buch ist ein Beet von Blumen und Gewächsen; jede Sprache ein unermeßlicher Garten voll Pflanzen und Bäume: giftig und heilsam, nahrhaft und dürre, für Auge, Geruch und Geschmack, hoch und niedrig, aus allen Weltthcilen und mit allen Farben, aus mancherley Geschlechten und Arten — ein schenswürdiger Anblick! — Wer wird hier blos den Riß des Gartens in tobten Linien sehen wollen, wo der l eb endige Inhalt desselben so viel zu lehren verspricht; und wer wird blos bei der dürren Form der Sprache stehen bleiben, da das Materielle, was sie enthält, der Kern ist? Und dies Materielle der Sprachen, der große gedankenvolle Raum, den sie einschließcn, I.» Fragmente zur deutschen Literatur. wird sich in verschiedenen Ausdehnungen betrachten lassen. Es gicbt eine Symbolik, die allen Menschen gemein ist — eine große Schatzkammer, in welcher die Kenntnisse aufbcwahrt liegen, die dem ganzen Menschcngcschlechte gehören. Der wahre Sprach- wcise, den ich aber noch nicht kenne, hat zu dieser dunkeln Kammer den Schlüssel: er wird sie, wenn er kommt, entsiegeln, Licht in sie bringen, und uns ihre Schätze zeigen — Das würde die Semiotik fiyn, die wir jetzt blos dem Namen nach in den Registern unsrer philosophischen Encyklopädien finden: eine Entzifferung- der menschlichen Seele aus ihrer Sprache. Jede Nation hat ein eignes Vorrathshaus solcher zu Zeichen gewordenen Gedanken, dies ist ihre Nationalsprache: ein Vorrath, zu dem sie Jahrhunderte zugetragen, der Zu-und Abnahme, wie das Mond- licht, erlitten, der mehr Revolutionen und Veränderungen erlebt hat, als ein Königsschatz unter ungleichartiges Nachfolgern: Hn Vorrath, der freilich oft durch Raub und Beute Nachbarn bereichert, aber, so wie er ist, doch eiaentlich der Nation zugchört- die" ihn hat, und allein nutzen kann '— der Gedankenschatz eines ganzen Volks. Schriftsteller der Nation! wie könnt ihr ihn nutzen? und ein Philolog der Nation, was könnte er nicht in ihm zeigen, durch ihn erklären? Alles, was dieser Nationalschatz eignes hat: Ursprung , Geschichte, und wahre Art dieser Eigenheit: Das Besondre desselben in Fachern der Armuth und des Ueberflusses: das Sehenswürdige in Gestalten der Schönheit, und in Mißgeburten: Münzen, Erste Sammlung. 11 die wohl oder übel geprägt sind: Schaustücke, die sich durch ihre Seltenheit, oder irmsrn Werth, oder durch ihre Geschichte empfehlen: Merkwürdigkeiten, auf bequemen oder unbequemen Stellen: Figuren von außerordentlich leichter oder besonders widrigen Stellungen — und hundert unerhörte Dinge mehr würden uns über diesen Eedankenvorrath eines Volks gesagt werden können, die jeder Eingcbohrne der Spra che mit begierigem Lhr hörete. Allein die Stelle eines solchen Sprachforschers ist freilich schwer zu besetzen, weil in sie ein Mann von drey Köpfen gehört, der Philosophie und Geschichte und Philologie ver- vcrbinde — der als Fremdling Völker und Nationen durchwandert, und fremde Zungen und Sprachen gelernt hatte, um über die seinige klug zu reden — der aber zugleich als ein wahrer Idiot, alles auf seine Sprache zurückführte, um ein Mann seines Volks zu seyn, Ich endige diese Allegorie, um in einer andern fortzufahren. Ist die Sprache einer ganzen Nation ein Feld von Gedanken: wie viel verschiedene Granzschcjdungen und Furchen lassen sich wieder im Kleinern ziehen, die eignen Herren zugehören. So verschieden wie sic indessen sind, werden sie unter zwey Hauptabtheilungen fallen, die aber so durcheinander laufen, daß, wenn ich Feldmesser wäre, mir der Schwindel ankommen müßte; man nennt sie das Gebiet der Wissenschaften und des gemeinen Lebens. Nun zeichne, wer da will, die Gränze, die dort jede Hauptdoctrin, hier jeder merkwürdige Stand; dort jede sonderbare Denk - hier jede eigne Lebensart: dort jede Sekte, hier jede Zunft um sich ziehet, so daß jeder in dem Mate- IS Fragmente zur deutschen Literatur. riellcn seiner Sprache eigne Ländereien, Fel- der und Blumenbeete hat. Und wenn der Landmesser zugleich des Staats kundig ist, so vernünftle er darüber, was dieses ganze Heer von Dialekten für Wirkungen auf das Ganze habe, was für Nutzen es der Republick bringen könne, wie unter allen diesen Neben - und Anwohnern eine Familiennachbarschaft zu errichten und zu erhalten sey: wie sie endlich am füglichsten durch allgemeine Gesetze regiert werden müssen, dass weder die Macht des Staats- korpers, noch die Freiheit einzelner Glieder darunter leide. Die einzelnen Glieder sind merkwürdige Schriftsteller, die, wenn nicht mehr, so einen Wcin- stock und Feigenbaum haben, den sie selbst pflanzten und erzogen, unter dem sie also sicher und friedlich leben wollen. Und gewiß auf diese Privatpersonen und ruhige Bürger in einem Winkel der Erde dürfte wohl das meiste Eigenthum, und der meiste Schatzungsanschlag kommen: da die herrschende und gangbare Schriftsteller, die Archonten und Heer- schaarcn der Schreibart meistens auf Kosten anderer leben, nichts Eignes haben, und nichts abgeben können, Das letzte bestätigt ein Namenspiel aus der griechischen Sprache, die den Eigenthümcr (t-ftw-ry?) zugleich Privatmann, und unkriegerischen ' Bürger nennt, und ihn dem Befehlshaber dem Tyrannen, und dem Krieger entgegensetzte. Mir Mühe muß ich mich von dem Plane koswinden; eine Sprache, als ein Ge danken be- hälkniß der Menschen, einer Nation, eines Stücks der Literatur, einer Schule eines Schriftstellers anzusehcn: mein Blick erweitert sich, wenn ich die Aufschlüsse betrachte. Erste Sammlung. die dadurch die abstrakte Weltweishcit, die Literatur eines Volks, jede einzelne Wissenschaft, und was das beste ist, die Kenntniß der Seele erhalten müßte. Alsdann würde man erst einzelne Schriftsteller charak- terisiren können, daß ihr Bild in der Geschichte der Wissenschaften lebte: alsdann erst Schriftsteller ver- schiedner Nationen gegen einander stellen können, um sie zu vergleichen, ihre Verdienste abzuwagen, und aus ihnen allen Züge der Schönheit zu stehlen: alsdenn erst würde man ein Feld der Literatur aus dem andern kennen, und jedem sein Recht widerfahren lassen, so viele Feindseligkeiten endigen, die sie an einander ausgeübt: Zwistigkeiten entscheiden, die sich blos hierdurch entscheiden ließen: Unordnungen heben, die aus der Verwirrung der Unterthancn ver- schiedner Herrschaften, aus dem Raube nachbarlicher Wörter, und echs nächtlichen Streifereien in die anliegenden Provinzen entstanden. Verschwunden wäre alsdann so mancher vergebliche Rangstreit: leere Wörterkriege: ewige Verwirrungen und Verwechselungen der Ideen. Jedes Gebiet der Weisheit zeigte sich in seinem eigenen Lichte, bekäme auf der Charte durch seine Sprache eigne Farbe, eigene Eränzcn: in der Beschreibung eigne Städte und Bewohner: eigne Products und Verfassung, eignes Feuer und Herd. Die Encyklopadie und die Geschichte der Wissenschaften/bekäme.mehr Abstechendes der Klarheit, mehr Unterschiedncs der Deutlichkeit, Und mehr Fruchtbares der Erfindung wegen — Man würde das Unedle, Gedankenlose verbannen, dessen sich eine Nation, eine Wissenschaft, ein Schriftsteller zu schämen hätte. Das Ideenleere, das sich in jede Scienz allmählich cingeschlichen, der falsche Ge- 14 Fragmente zur deutschen Literatur. schmack, den oft Jahrhunderte befestigt hatten, das Eitle, für welchen auch das Hciligthum der Gelehrsamkeit nicht sicher blieb, würde entlarvt, seines Ansehens entsezt, und verjagt werden. Man würde in dem Gedankcnbehaltniß einer Nation, einer Wissenschaft, eines denkenden Kopfes nichts leiden wollen, als was dessen würdig ist —- Villcicht wundert sich mancher, daß ich von einer leeren Sprachmatc- rie so viel hoffe, allein ich habe mehr Recht, mich zu wundern, wie man noch so wenige Vortheile da^ von gezogen, „daß man die Sprache als ein Vslei- „cerluni menschlicher Gedanken und den Inhalt aller „Weisheit und Kenntnisse" hatte ansehen können. 5 - Sie ist noch mehr als dies: die Form der Wissenschaften, nicht blos in welcher, sondern auch nach welcher sich die Gedanken gestalten: wd in allen Theüen der Literatur Gedanke am Ausdrucke klebt, und sich naA demselben bildet. Ich sage in allen Theilen der Literatur: denn wenn man glaubt, daß blos in der Eritik der schönen Wissenschaften, in Poesie und Rcdnerkunst, vieles vom Ausdrucke abhangt: so setzt man dieser Verbindung zu enge Granzen. In der Erziehung lernen wir Gedanken durch Worte, und die Wärterinnen, die unsere Jungen bilden, sind also unsere LchrerinNcn der Logik: bep allen sinnlichen Begriffen in der ganzen Sprache des gemeinen Lebens klebt der Gedanke am Ausdruck: in der Svrache des Dichters, er spreche Empfindungen oder Bilder, bei lebt der Gedanke die Sprache/ so wie die Seele den Erste Sa m nilun g. Körper: die ganze anschanende Erkenntniß verbindet die Sache mit dem Namen: alle WorterklarungeN der WcltwciSheit genügen sich am letzten — und in allen Wissenschaften bat cs gute oder böse ^Folgen gegeben, daß man mit Worten, und oft nach Worten gedacht hat. Da ich im dritten Thcile nnines Buchs *) eine fragmentarische Abhandlung darüber gebe: wie der Gedanke am Ausdrucke klebe? so fahre ich hier blos im allgemeinen Tone fort. Jsts wahr, daß wir ohne Gedanken nicht denken können, und durch Worte denken lernen: so albt die Sprache der ganzen menschlichen Erkenntniß Schranken und Umriß. Daher muß, auch blos auf das Symbolische der Denkart gesehen, ein großer Unterschied zwischen uns und höher» Wesen seyn, wenn man von beiden den Ausdruck Homers brauchen will: so heißt es in der Sprache der Menschen; aber die seligen Götter nennen cs anders. Es muß diese allgemeine Betrachtung der menschlichen Erkenntniß durch und mittelst der Sprache eine Negative Pbiloso- phie geben; wie weit sich die menschliche Natur in ihren Ideen nur heben sollte, weil sie sich nicht höher heben kann? wie weit man sich ausdrücken und erklären sollte, weil man sich nicht weiter ausdrüken und erklären kann? Wie vieles würde man'hier ausfeacn können, was wir sagen, ohne daß wir was dabei denken: falsch denken, weil wir eS falsch sagten: sagen wollen, ohne daß wir es denken könne». Ein Mann, der diese negative Wcltweikheit hervordachte/ stünde an dem Umfange der menschlichen Erkenntnis, wie auf einer Weltkugel, und wenn er über diese Schranken sein Haupt nicht erheben, und in freie Luft umhcr- ch Dritte Sammlung, l. L. 16 Fragmente zur deutschen Literatur. blicken könnte: so wagte er doch seine Hand hinaus, und riefe: Hier ist Leeres, und Nichts! Und der hatte in einem andern Verstände die höchste Sokra- tische Wissenschaft: Nichts zu wissen! Irre ich nicht: so würden sich alsdenn aus unserer ganzen Metaphysik von der Ontologie bis zur natürlichen Gottes- gelahrthcit Ideen wegschleichen, denen blos die Worte Eintritt und ein falsches Bürgerrecht gegeben — und eben sind es die, über die der meiste Streit gewesen. Ueber nichts laßt sich mehr zanken, als was keine Parthci versteht, und leider! ist die Menschheit zu nichts geneigter, als erklären zu wollen , was sie sich selbst nicht erklären kann. Wir denken in der Sprache; wir mögen erklären, was da ist, oder, was noch nicht da ist, suchen^ Im ersten Falle setzen wir vernehmliche Töne, in verständliche Wörter, in deutliche Begriffe uM. So lange läßt sich also eine Sache zergliedern, als Wörter für ihre Theilbegriffe da sind — und so lange eine Idee erklären, als neue Verbindungen von Wörtern sie in ein Heller Licht setzen. Im zweiten Falle, der das Erfinden neuer Wahrheiten betrifft, ist die Erfindung eine oft so unvermuthete Folge verschiedener Wortverbindungen, als in der Algebra das Produkt von verschiedenen Eombinationen der Zeichen nicht seyn kann: — und was kann also auch selbst in dem tiefsten Boden der abstrakten Wissenschaften die Sprache nicht für Eindrücke graben? Bey jeder Gattung des sinnlichen und schönen Ausdrucks sind diese Eindrücke schon sichtbarer und kenntlicher; und im gemeinen Leben ists ja offenbar, daß denken fast nichts anders sey, als sprech en. Jede Erste Sam m l u n g. ^7 Jede Nation spricht also, nachdem sic denkt, Und denkt, nachdem sie spricht. So verschieden der Gesichtspunkt war, indem sie die Sache nahm, bezeichnet« sie dieselbe. Und da dies niemals der Anblick des Schöpfers war, der diese Sache in ihrem Innern nicht blos werden sähe, auch werden hieß: sondern ein äußerer einseitiger Gesichtspunkt: sö ward dersilbe zugleich mit in die Sprache eingetragen, Eben damit konnte also das Auge aller Nachfolger an diesen Gesichtspunkt gleichsam gewöhnt, gebunden, in ibn eingeschränkt, oder ihm mindstens aenähcrt werden. So wurden Wahrheiten und Jrrthümer aufbewahrt und fortgepstanzt, wie vorrheiihafte oder Nachthcilige Vorurtheile: zum Vortheil oder Nach- thcil hingen sich Nebcnideen an, die ost starker wirken, als der Hauptbegriff: zum Vortheil oder Nach- thcil wurden zufällige Ideen mit wesentlichen vere wechselt: Facher gcfüllet, oder leer gelassen: Felder bearbeitet oder in Wüsteneien verwandelt: die drei Göttinnen der menschlichen Kenntnis, Wahrheit, Schönheit und Tugend wurden so national, als cs die Sprache war. Wenn also jede ursprüngliche Sprache, die ein Landesgewachs ist, sich nach ihrem Himmels- und Erdstriche richtet: wenn jede Nakionalsprache sich nach den Sitten und der Denkart ihres Volks bildet: so muß umgekehrt die Literatur eines Landes, die ursprünglich und national ist, sich so nach der originalen Landessprache einer solchen Mrion formen, daß eins mit dein andern zusammenrinnl. Die Literatur wuchs in der Svrache, und die Sprache in der Literatur: unglücklich ist die Hand, die beide Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. I. U i8 Fragmente zur deutschen Literatur. zerreißen, trüglich das Auge, das eins ohne das andere sehen will. Das ist der größte Philolog des Orients, der die Natur, der morgenlandischen Wissenschaften, das Naturell seiner Landessprache, wie ein Morgenlander versteht. Der ist ein origineller und nationaler Grieche, dessen Sinn und Zunge unter dem griechischen Himmel gleichsam gebildet worden; wer mit fremden Augen sieht, und mit barbarischer Zunge von griechischen Heiligthümern schwatzen will: den sieht Pallas nicht an, der ist ein Ungeweiheter im Tempel des Apollo. Die Literatur fremder Völker und Sprachen ist oft als eine fremde Eolonie unter andere Nationen eingeführt: und nothwendig hat durch diese Zusammenmischung von Ideen, und Sitten, von Denk- und Scharten, von Sprachen, und Wissenschaften, alles eine so andere Gestalt annehmen müssen, daß die Literatur ein wahrer Proteus zu seyn scheint, wenn man sie durch Völker und Zeiten und Sprachen verfolget. Entlehnte Gesichtspunkte wurden auf eine neue Art gerückt: geerbte Wahrheiten bis zum Unkenntlichen umgcpraget: halbverstandne Begriffe zu Gespenstern: unrecht angesehne Gegenstände zu abentheuerlichen Gestalten: und eine Sprache, die ihre Literatur aus verschiedenen Himmels- und Erdstrichen, aus mancherlei Sprachen und Völkern bcr hat, muß natürlicher Weise ein Gemisch von eben so vielen fremden Vorstellungsarten fern, die in einer oder der andern Wissenschaft Raum gewonnen. Nachdem sie aus verschiedenen Dialekten Colonien zum Anbau ihrer Gelehrsamkeit genommen: nachdem wird sie sich auch der babylonischen Sprachenmi- Erste Sammlung» ^9 schung nähern, und oft ein Cerberus seyn, der aus neun Rachen neun verschiedene Spracharten, wiewohl in reinen und eigenen Worten herausstößt. Wenn jede Sprache Eindrücke nachlaßt in den Wissenschaften, die in-ihr wohnen: so muß man es unstreitig der Literatur ansehen können, in wie vielen Händen und Formen sie gewesen: in wie mancherlei Sprachen übet sie sep gedacht worden. Jeder Kopf, der selbst denkt, wird auch selbst sprechen, und so wird wieder scin Vortrag nach ihm gebildet: er wird seiner Sprache Merkmale von seiner Seh-, von den Schwachen und Tugenden seiner Denkart, kurz eine eigene Form Andrücken, in welche sich scine Ideen hineinschlugen. Nun habe ich durch Erfahrungen bemerkt, daß nicht bei jedem, der da denkt und spricht, Gedanke und Ausdruck aus eine gleich feste Art zusammen zu hangen scheinen: daß nicht blos bei dcm einen der Vortrag loser und biegsamer ist, als bei dein andern; sdenn dies ist zu bekannt und leicht zu erklären;) sondern daß bei diesem der Gedanke selbst mehr an dcm Worte klebe, und gleichsam die ganze Denkart sym- bo lisch er und z e i c h en d eute n d c r sey, als bei dem andern. Es ließe sich über diese Bemerkung manches, und vielleicht manches nützliche sagen — was aber nicht hichec gehört. Hier sey es genug, daß, wenn wir auch nur einige Schriftsteller von Rang und Ansehen setzen, die ihre Gedanken der Sprache oder die Sprache den Gedanken auf so eigne Art anpassen: so giebt es nothwendig im Kleinen und Großen beträchtliche Phänomene. B 2 20 Fragmente zur deutschen Literatur. Die Materie, über die ich schreibe, daß die Sprache Werkzeug, Inhalt und gewissermaßen Zuschnitt der Wissenschaften ftp, ist so unermeßlich selbst in einem Plane, der nichts mehr, als Gesichtspunkte hinzcichnen will: daß mich dünkt, mit allem, was ich gesagt, noch nichts von dem gesagt zu haben, was ich sagen wollte. Ich breche also ab, und eile zu einem Buche, das dem Titel nach, alle meine Lücken vollfüllcn, und mehr sagen muß, als was ich sagen durste. Es ist die gekrönte Prcis- schrift: „Wiefern haben Sprachen einen Einfluß auf „Meynungen, und Meinungen auf Spra- „chen?" Und da ein Sprachvcrstandiger, der den Orient und Occident kennet, der in so manchen Sprachhypothe- sen einen philosophischen und dichterischen Kopf bewiesen , und übcrdem vor vielen andern seiner Zeitgenossen den Vorzug hat, daß er gleichsam von Grundaus und auf eignem Boden philosophiren kann, er ftp wo er wolle — da dieser der Verfasser ist: so darf ich nur getrost auf seine Abhandlung her- unterschreiben, was Thucydides selbst in seine Geschichte schrieb, daß sie mehr als ein leeres «>a>- sie ftue ftyn: ^>1^« -5 «e«. — Ich ,eft also mit durstiger Seele.*) fl. Und habe viel getrunken, ohne doch im geringsten meinen Durst Zu löschen. Der Verfasser sagt Oe l'iukluenas de» oplaions sur 1e lanAgge eto. x. lVI, Adielisells. Ersre Sammlung. 2t viel Gutes, und nichts vollständig: Die Anmerkungen und Hauptsätze sind meistens ziemlich bekannt: die Aufgabe selbst weder genau genug bestimmt, noch natürlich genug zerfällt, noch vollständig und ans voller Brust beantwortet. Er schielt immer auf Ideen, die ihm geläufig sind, und vielleicht werden mehrere Leser seyn, denen in der ganzen Schrift nichts so schätzbar ist, als — die Beispiele, und diese selbst mehr ihres anderweitigen Inhalts, als der Wirkung wegen, die sie hier zu ihrer Absicht thun können. Ueberall, wo er über einzelne Exempel philosophirt, ist er auf feiner Stelle; in den Hauptsätzen, die das Gebäude selbst ausmachen, hören wir einen andern sprechen, der kleiner ist, als Michaelis. „Der Gesichtspunkt, in welchem man eine Sache „betrachtet, hat auf die Benennung einen Einfluß — „nicht alle Meinungen fließen in die Sprache überr „— meistens nur die Meynungen des Volks — „doch auch oft der Redner, dev Philosophen, der Dichter, und selbst geistvoller Privatpersonen" — dies ist die Ausführung eines so großen und vielversprechenden Hauptstücks,. als die erste Sektion ist: vom Einfluß der Meynungen des Volks in die Sprache*), und nun gehts zu Beispielen, die lehrreich sind., aber die Sätze, hinter welchen sie stehen, immer blos lassen. Sollte man nicht den Verfasser am Ermcl zupfen und fragen, „wovon „redest du? von der Sprache, die gesprochen oder „geschrieben wird? von der Sprache,, so wie sie erfunden wird, oder wie sie sich bildet, oder gebildet *) Pag- 7 — ", 22 Fragmente zur deutschen Literatur. „ist? von der natürlichen Prose des Mundes, oder „von der Sprache innerhalb der wissenschaftlichen „Werkstätten? von dem Natureis und Genie, oder „von der Grammatik und dem Leisten der Sprache?" Alle diese Unterschwde sind verwirrt, ohne welche doch keiner seiner Satze ganz wahr ist — und so müssen wir ans der ersten Sektion mit so nüchterm Herzen weg, als wir kamen. Die zweyte*) soll von dem v or t h c i l h a ft e n Einfluß der Sprachen auf die Meyn ungen reden und lehret uns, „ daß es reiche „Etymologien gebe, die viel in sich schließen, und „aufbehaltcn: daß Namen oft Liebe oder Haß einflö- „ßcn können: daß ein Reichthum an Kunst- und Na- „turnamen vortheilhaft sey:" nun steht noch ein Paragraph , wie ein da Eapo hinten an, und die große Frage ist wieder beantwortet—beantwortet, ohne daß ein christlicher Mensch weiß, was es denn recht sey, das Vortheil bringe? Wenn denn, rund gesagt, der Portheil soll gebracht werden? Und worinn, bestimmt geredet, der Vortheil bestehen soll ? Aus dem Abschnitt selbst will ich diese Fragen nicht beantworten; denn sonst würde es scheinen, als wenn Michaelis in einer Sprache nichts als Wortetymologien und Namenregister kenne; als wenn der Schaarwcrks- dienst, dazu die Sprache aufgebotcn wird, lediglich einem Professor auf der Akadmic, vorzüglich seinem Lehrbuchs zu Statten kommen soll: und denn, daß der Borthcil Ein, ich weiß nicht was? sey, das sich nicht sagen laßt. Es folgt ein Supplement**), das seinen Namen mit allem Rechte tragt, und die so schwere *) Pag. L2 — 67, **) Pag, 68 — 73. Erste Sammlung. 23 Aufgabe: „was für V o r t h e i l e h a t die „S prache vor allen übrigen erdenklichen symbolischen Zeichen?" mit so leichtem Herzen aufloset, als die folgende: was haben Volker und Sprachen für Vor-undNach- theile gegen einander? mit Anstand und Artigkeit zerschnitten wird. Das zweite Supplement*), das eine wahre Polyglotte anmeldet, ist mir selbst in den zerstückten Anmerkungen, die eS verrath, so willkommen gewesen, daß ich derselben fast mit so vielem Verlangen entgegen sehe, als einer andern heiligen Polyglotte, zu der ganz Europa zusammen tragt. Der dritte Abschnitt**), von den schädlichen Einflüssen einer Sprache auf die Mey- nungen, weiß alles unter folgende Hauptlcute zu ordnen: „Reichthum und Uebecfluß: Vieldeutigkeit und Nebenideen: irrige Etymologien: und willkührliche Schönheiten „können schaden" aber wem? und worinn? — das frage man mich nicht; ich würde antworten müssen: den Meyn ungen und durch Meynun- gen — und nun weiß der Fragende eben so viel. Auf den vierten ***) Abschnitt, der eine Univer- salmedicin enthalt wider die Jrrthümer, zu denen eine Sprache leiten kann — ein Projekt zu Aufbewahrung nützlicher Sachen in einem Glase Sprachengeist — ein noch bewährteres zu Verbesserung der Sprachen — und denn das drohendste von allen, daß keine gelehrte Sprache zu erfinden möglich scy: **) Pag. 79 rc. *) Pag- 7ll — ?3. ***) Pag- al-o 176 . 24 Fragmente zur deutschen Literatur. über diesen Abschnitt will ich mich gar nicht einlassen, da ich weder ein Sprachendoktor, noch ein Mitglied der Zesischen Gesellschaft bin, noch auf eine gelehrte Sprache Plane aussinne. Zch bleibe bei meiner Materie, und bedaure, daß der vorgegebene Satz mit seinen vieldeutigen Worten: Sprache, Mcynung, Einfluß, Vorth eil, Nachtheil dem Verfasser Anlaß gegeben, durch sein Exempel cs zu zeigen, wie viel schädlichen E'nfluß die Unbestimmtheit einer Sprache in die Gedankenreihe dessen haben könne, der ein solches Thema, wie einen Kanzeltcxt ansteht, über den sich desto erbaulicher sprechen laßt, je vieldeutiger die Worte desselben zu allen sieben Nutzanwendungen sind. — Die abenthcucrlichen Krcuzzüge des Philologen liefern in ihrem ersten Versuch einen Plan, wie die vorgclegte Frage nach dem Singe des Philologen hatte beantwortet werden sollen. Der Plan sagt viel, so wenig die Literatur Briefe*) in ihm fanden, die mit ein paar Nußschalen davon liefen, und den Kern liegen ließen: er saat mehr, als die umständliche Beurthcilung der Preisschrift**) in den Briefen selbst, die ebenfalls, so wie der Verfasser, bei Beispielen und Ausschweifungen ihr snmniurrr bonuin findet: er sagt endlich so viel, daß die Ausführung desselben des Kranzes des Apollo selbst würdig wäre. *) Lirr. Br. Th. ob. p. 179. «*) Litt. Br. LH. h. p, 366» Erste Sammlung. 25 S. Um der Schwache meiner Augen willen, könnte ich die Frage blos aus den drei Punkten ansehcn, die ich zum voraus abgesteckt, und hoffe daß sich aus ihnen, wie in der Meßkunst aus drei gegebenen Punkten ein Mittelpunkt finden, und durch sie ein Cirkel beschreiben ließe. Ich würde also die Sprache, als das Werkzeugs den Inhalt, und die Form menschlicher Gedanken, ansehen und fragen:. Wenn das menschliche Denken meistens symbolisch ist: ja wenn wir meistens mit, in, und oft nach der Sprache denken; was giebt dies der menschlichen Kenntnis überhaupt für Umriß, Gestalt und Schranken? Und auf der andern Seite wie kann man über den Ursprung, und die Beschaffenheit einer Sprache philosophircn, wenn man die Kräfte menschlicher Gedanken und Bezeichnung gemeinschaftlich wirken laßt, um sich ein Werkzeug, eine Hülle und eine sichtbare Gestalt zu bilden? Wenn imin nun diese abgezogene Ideen unter die Menschen führet, und sich ein Volk gedenkt, das sich seine Sprache bildet: welche Natur muß dies wieder der Sprache geben, daß sie ein Werkzeug ihrer Organen, ein Inhalt ihrer Gedankenwelt, und eine Form ihrer Art zu bezeichnen, kurz, daß sie eine Nationalsprache werde? Und was entstehen für Acnderungen, wenn man eine solche werdende Sprache durch alle Tage ihrer Schöpfung begleitet? Was muß es der Denkart für Form geben, daß sie sich in mit und durch eine Sprache bildet, da wir jetzt Lurch das Sprechen denken lernen? Und 2'6 Fragmente zur deutschen Literatur. wie kann mau also die populäre Denkart des gemeinen Mannes in seiner Sprache, sowohl der Materie, als der Bildung nach aufsuchen? Lassen sich nicht einige Schattcnlinien ziehen ^ wie die Denkart des Volks mit der gelehrten Denkart neben und in einander laufe? wie beide auch die Sprache andern müssen, nachdem sie sich vermische», und in einem oder andern Gebiet zusammen wohnen? Was giebt die Denkart und Sprache des Volks dem Philosophen, Dichter und Redner, was für Maße zu bearbeiten, für Vorrath, auf seine Art anzulegen, und für Instrumente, zu seinen Zwecken zu brauchen ? Was hat dies für Vorthcile und Nachtheile für die Weisen und den Schüler des Volks? was für gegen einander stoßende Vor- und Nachtheile für Dichter und Philosophen? für das Publikum, das da liefet und spricht? Was hat in jedem Thcil der Wissenschaften die Sprache für gute und schädliche Einflüsse gehabt? Wie hat sic diesen Vorrats) geliefert? jenem Zwang aufgelegt? hier Mißgestalten gebohren? dort Wahrheit und Schönheit zur Welt gebracht? In diesem Gebiet der Gelehrsamkeit Wahrheiten dort Jrrthü- mcr verjähret? Wie hat der Geist der Literatur sich nach den verschiedenen Sprachen geändert, in die er eingetreten? Was nahm er aus allen den Oertern und Gegenden mit, die er verließ? Was nahm er von dem an, was er.vor sich fand? Und was entstand für ein Ding aus der Vermischung und Gährung so verschiedener Materie? Erste Sammlung. »7 Wie haben die vornehmsten Völker in dem Lande der Literatur ihre Sprache als Werkzeug schon gebildet? Worinn ist dies und jenes Volk einem andern vorgekommen, und einem dritten nachgcblieben, weil es sein Werkzeug so bequem fand, oder zu machen wußte — weil die Form und das Materielle der Sprache diesen und jenen Zwecken entsprach, oder widerstrebte? In welcher dieser gelehrten Sprachen ruht das meiste an körperlichem Inhalt der Wissenschaften? Welche ist als Werkzeug die bequemste für diese und keine andere Gattung der Literatur? Und was haben verschiedene Sprachen, die sich blos neben einander bildeten, von einander angenommen?- Ich kann noch lange schöpfen, ehe sich in dieser reichen Quelle — nicht auf den Boden sehen, sondern nur eine kleine Abnahme merken ließe. Je mehr man schöpft, um desto mehr macht man neuem Zuströme Raum, der sich unter das schöpfende Gefäße drängt, und es mit Macht fortstößt. — Ich gebe qlso diese Arbeit der Danaidcn auf, und wende das gesagte auf meine Sprache an. 6 . Wir haben noch keinen sprachkundigen Philosophen gehabt, der auch nur einiges für unsere Sprache gethan hatte, was ich bisher über mehrere Sprachen gleichsam in die weite Welt geredet habe. Und wie ergötzend würde mir der Anblick seyn, einige von diesen Aufgaben untersucht und im Einzelnen bestätigt zu sehen! 28 Fragmente zur deutschen Literatur. Wie fern hat die Sprache der Deutschen eine Harmonie mit ihrer Denkart? 'Wiefern ihre Sprache Eindrücke auf die Gestalt ihrer Literatur gemacht? Wir kann man cs ihrer Mundart, von ihren Elementen, von ihrer Aussprache und Sylbcnmaaßen an, bis zu dem ganzen Naturell derselben an kennen, daß sie unter dem Deutschen Himmel gebildet worden, um unter demselben zu wohnen, und zu wirken? Wie viel kann man in ihr aus der Welt von Umständen und Begebenheiten erklären, so daß der eiqentbümliche Inhalt derselben von ihrer Denk - und Lebensart gesammlet wurde? Wie manches laßt sich von der Etymologie einzelner Wörter bis zum ganzen Bau der Schreibart aus den Gesichtspunkten bestimmen, die ihnen eigen waren, so daß die Regeln der Sprachlehre mit den Grundstrichen ihres Charakters parallel laufen, und das ganze große Geheimnis des deutschen .Idiotismus ein Spiegel der Ration ist? Welche Revolutionen hat die deutsche Sprache theils in ihrer eigenen Natur, thcils durch die Zu- mischung fremder Sprachen und Denkarten erfahren müssen, daß sich ihr Geist wandelte, wenn gleich ihr Körper derselbe blieb? Wie voll fremder Colonien insonderheit die gelehrte Sprache ist, die deutsche Tracht, deutsches Bürgerrecht, und deutsche Sitten angenommen haben? Wie viel fremde Aeste auf den Stamm unserer Literatur gepfropft sind — wie sic auf demselben wo nicht ausgcartet, so doch verartct, und oft verübelt Mid? Erste Sammlung. 24 > Wie weit ist die Sprache als Werkzeug der Literatur, wenn man sie mit andern Nationen vor und neben uns vergleichet? Wie weit als Werkzeug der Literatur, so fern sie verschiedenen Gattungen angemessen wird — wie weit für den Dichter? den Prosaisten? den Wcltweisen^ Wie weit als Werkzeug der Literatur, so fern sie zu verschiedenen Zwecken arbeiten soll? Wie weit im Büchersiil? In der Sprache des Umgangs? Wie weit, um sich lesen, hören, lernen, deklamiren und singen zu lassen ? „Was liegen in ihr für Schatze von Gedanken, „für rohe Massen zu Gestalten, für ungebrauchte „Formen zu neuen Schreibarten? Was hat sie für „eigene Landesprodukte der Literatur aufzuzeigen, dis „in ihr gebohrcn, gcnährct, oder vollendet sind? „Welche Höhe hat sie erstiegen? Wer hat ihr „dahin aufgeholfen? Welche Höhe hat sie zu ersteigen? Und auf der andern Seite, worin muß sich „gegcnthcils die andere Waagschale wieder neigen?"—- Freilich große Aufgaben! denn das Was? und Wie? und Wiefern fodert nicht blos allgemeine im Traum gesagte Behauptungen: daß wohl an dem allen so etwas daran sc»n könne; „sondern genaue Bestimmung" — Beispiele, die jedesmal das Allgemeine in einzelnen Fallen zeigen — Beweise, aus der Natur, aus der Geschichte dieser und aus der Natur und Geschichte anderer Sprachen genommen — Philosophische Beobachtungen, die sich in Grundsätze von selbst zu verwandeln scheinen. Der ganzen Nation wäre ein solches Buch ein Schatz: ein Schatz für ihre ganze Literatur: Denn 3c, Fragmente zur deutschen Literatur. der Genius, der über die, Wissenschaften eines Volks wachet, ist zugleich der Schutzgott der Sprache desselben. 7- Wo ist der Mann unseres Volks , der ihm dies Opfer bringe? der uns, so wie Minerva dem Diomedes den Nebel von den Augen nahm, damit er Götter und Menschen unterscheiden könnte, uns die myopische Finsternis!, und den Nebel vonVorurthci- len wegnehmc, der uns in den meisten Fallen noch auf deü Augen liegt? der uns lehre, wie wir diesem Gott unserer Sprache opfern sollen? — Ich warte auf die Erscheinung dieses Tages, wie beim Plato Alcibiadcs auf den wartete, der ihn über Götter und Eötterdienst erleuchten sollrc. Und so ahme ich auch der Bescheidenheit dieses griechischen Jünglings nach, da er sich mit seinem Kranze nicht in den Tempel des Gottes wagen wollte, ehe diese Erscheinung käme. Auch ich hatte ein kleines Gebund Sprachanmerkungcn in einen Kranz geflochten, den ich dem Genius unsrer Literatur opfern wollte; ich warte aber vor dem Tempel auf einen Sokrates, und wenn er mich statt des Gottes unterrichtet: so sei ihm, als meinem Apollo, der Kranz heilig. Hier sind also statt eines baufälligen Systems, mit dem die Deutschen nur gemeiniglich zu früh anfangen, hier sind abgebrochene Fragmente, die nichts ganz liefern wollen: Füllsteine, die gut genug sind, >0 lange man noch nicht an ein Gebäude denken Erste Sammlung. 3 * darf. — Oder damit ich mit meinem vorigen Bilde schließe: hier ist eine Hand voll Blume», in verschiedenen Feldern unsrer Sprache gesammlet — spielend und im Vorbeigehen gesammlet; nicht mit bebrillter Nase gesucht, nicht mit gebüktem blutrothem Gesicht zusammengestoppcit — auf freiem Spatziergange lachten sic mich an, boten sich meiner Hand dar, und ich brach sie. Andere, Michaelis," Klopsto ck, Abbt, S u.l z e r, Oe st, Rammler, Breitin- ger, Bodmcr, die L i t e ra t u r b r i e fe und wer weiß mehr? sind vor mir auf dieser Blumenlese gewesen: ich lese ihnen nach, ohne daß ich mich umsehe, wer hinter mir sei. II. Eine Sprache, die sich in Grammaiikund Naturell, und also an Leib und Seele, von den nachbarlichen Sprachen ringsum kenntlich unterscheidet: die bei aller Dunkelheit ihres Ursprunges und Geschlechts, doch unstreitig gegen ihre Stiefschwestern und Stüftöch- tcr ein Glied indem Geschlechtsbaumc einnimmt, das Achtung lodert, eine Sprache, die so wie sic ist, nach allen von ihr losgcschnittencn und verpflanzten Acsten, mit allen in sie gepfropften fremden Zweigen, doch als ein selbstgcwachscner Stamm dasteht, verletzt, aber doch nicht zerstückt von rohen Händen: l ie wie ein alter Tempel erscheint, von der Nation, nach dem Urbil- de ihres Geistes, aus Materialien ihrer eigenen Stein- und Thongruben errichtet, geräumig genug, die Nation zu fassen und dauerhaft genug, um ihr ewiges Denkmal zu seyn—eine Sprache, die dies Zr Fragmente zur deutschen Literatur. ist, wäre die nicht, noch nach allen Revolutionen, eine ursprüngliche, eigenth ü m liche Nationalsprache? Ist sie es nicht; so kann cs sicherlich keine von allen jetzt lebenden gelehrten Sprachen hcifien. Ist eine; so ist es unsere Deutsche. Man betracht« ikc körperliches Gebäude von der Mechanik einzelner Glieder bis zur Bauart und Gestalt des Ganzen: man lerne in den Geist sehen, der sic gestaltet hat, der sie belebt und bewegt; so erblickt man ein Geschöpf eigen er Art, das Aehn- lichkeiten mit andern, aber das Urbild in sich selbst hat. Man gehe so weit man kann, auf die Würde ihrer Ahnen zurück; ohnaeachtet aller Völkerwanderungen, und mancherlei Schicksale der Familien, wird man in ihr das achte Geblüt der Vater finden. Mit ihren Nachbarinnen verglichen, erscheint sie wie ein feste» Land , das mit Meeren und schwimmenden J'n- -sclu umgeben, auf seiner Wurzel sicher rubt. Mit der Natur ihrer Eigenthümer verglichen, ist sie ein Gothi- scher Pallast für eine Gothische Nation, für den Ehrennamen tapferer Barbaren, eine barbarische Sprache. Können wir uns also nicht für ausgedcn, die aus eigenem Grund und Boden hervor- gcwachsen, unvermischt mit'andern, und alter als der Mond sind: so wollen wir uns doch derselben, als eines Eigenthumes rühmen und mit patriotischem Stolze Idioten seyn, nach der griechischen Bedeutung dieses Wortes. 1 . „Unsere Sprache habe wegen der überhäuften Con- „sonannten etwas barbarisches an sich" — so reden unsere Erste Sammlung. 33 unsere Weiche Nachbarn, Und dünken sich Mit ihrer schlüpfenden Mundart groß, die wegen der öftern Elisionen, wegen der vielen unnützen Wörter, die halb verschluckt werden, wegen der überall gleitenden Fortschiebung der Töne — keinen gewissen Tritt hat. Laß es seyn, daß man es unsrer Mundart anhöre, sie sei unter einem nordischen Himmel gebildet: laß es seyn, daß unsere hartliche Sprachwerkzeugc auf ihre langsame Art Svlben hervor arbeiten, die andern Völkern nicht so geläufig finde ist dies uns Zum Nachtheile? Eben dies gicbt unserer Sprache einen abgemessenen sicheren Ton, einen vollen Klang, den vernehmlichen festen Schritt, der nie über und überstürzt, sondern mit Anstand schreitet, wie ein Deutscher. Ein horchendes Ohr wird uns auch in der Sprache an dem Rauschen unserer Füsse, und an dem unübercilren Takt unsrer Tritte erkennen und hören: wer wir sind? Nun sind wir freilich keine Griechen/ deren Sprache, Sang und Klang, wie ein Snitenspiel in dem reinen Acther des hohen Olymps; gegen sic mag die Unsere wie eine Flöte unter einem dickern urid niederem HimMel dumpfer tönen. Nur wollen wiö auch keine Griechen seyn, und die um uns wohnen, sind gegen jene gestellt dem Lande ihrer Antipoden naher, als wir. Dünkt mich' recht, so stehen wir gegen unsere Nachbarn in einet glücklichen abgewogenen Mitte, so daß wie nicht, wie die SarMatischeN Völkct, die Worte heraus röcheln; noch wie die See- NationeN in hciserm Tone dämmern ; noch wie unsere sybaritische Nachbarn die Worte mehr hervor glitschen; Noch wie die Britten, mit verschluktcm Tone und oft ohne Lippen reden. Unsere Sprache ist stark und Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. I, E 34 Fragmente zur deutschen Literatur. zurückprallend; nicht aber rauh und unaussprechlich: tapfer, wie das Volk, das sie-spricht, und nur Weichlingen furchtbar und schrecklich: nicht unwirth- bar gegen Fremde; aber Landstreichern oder zu entlegenen Nationen unfreundlich anzuschauen. Es sey also, daß ein Römer unsere Sprache schildern würde, wie Tacitus unser Land: Irrkor- Msrw tsrris > coslo, trisrsiw cultu nä- s^sctuqus — wenn er sie näher kennete, würde er einen Bardengesang in ihr finden, der bei seinem rauhen Ton», bei seinem dumpfen Laut, bei seinem vollen und schweren zurückprallenden Schalle, das Lob verdienet: nee täur voaeo illns, gunrw virtutis eonLentus vläentui: Und was dürfen wir uns unsrer Eonsonanten schämen, wenn sie Eoncente der Tapferkeit sind, um Götter und Stammväter unseres Volks, Helden und Erretter der Nation zu preisen, Schlacht - und Siegeslieder andern Völkern unnachgesungen zu singen. — Damit sich aber unsere Laute nicht unter diese gehauste Eonsonantcn verlören: haben wir mehr Doppellauter und stärkere Vokale,—zwar wieder nichts als die Griechen, aber gewiß als unsere Nebensprachen. Wir verlieren viel, daß wir die hohen Doppellauter des Dorischen Dialekts zum Theil entbehren, und die Dorischen Provinzen Deutschlands lassen diese Fülle hören, selbst wo sie sich im Lesen nicht sehen läßt; Aber noch mehr verlieren die Franzosen, wenn sie unsere wenigsten Doppellauter von Ai bis Au in ihrer Sprache entbehren, wie sich hier über einzelne Stücke manches sagen ließe, Erste Sammlung. 35 wenn man sich zur Grammatik hcrablafsen wollte. — Möchte nur die Dorische offene Fülle, welcher wir uns in einer hohen Deklamation entfernet nähern, auch in das Innere unserer Sprache so, viel Einfluß haben, als sie bei den Griechen desto vollere Blüthen in die Schriftsteller ihres Dialekts einwcbte. Möchte auch bei uns in dem männlichen Ton der Ode, in starken Monologen des Trauerspiels, und in den vollen Chören des Gesanges; oder auch nur in nachdrucksvollen Lehrgedichten, und in einer gesetzten edlen Prose> die Sprache Zu hören seyn, die im Pindar und Theokrit, in den Dorischen und Aeoli- schen Schriftstellern wie Kalliopens Tuba tönet» So wollten wir gegen alle pfeifende TroglodytcN und viele schnatternde Ganse des Kapftoliums das laut sagen, was wir bisher noch sehr unter uns sagen müssen: „ihr sprechet: meine Sprache schände mich; „sehet zu, daß ihr nicht die eurigc schändet!" wie einst der königliche Scvthe Anacharsis sein Vaterland vcrtheidigte. — Hier ließe sich mit den veränderten Worten eines Dichters sagen: Wenn du noch andere fürchtest, o Sohn LeUtons, Als die von Athen: so gehören dir Klo pflock, Haller nicht an: Gleim und alle nicht an Denen ums Grab Lorbeer einst weht» 2 . Wir zählen nur fünf Selbstlauter; allein zwischen ihnen sind nach der allmählich veränderten Bewegung der Redewerkzeuge noch so viel Laute einzu- schieben, daß es gleichsam eine ganze Reihe von Wo- E 2 36 Fragmente zur deutschen Literatur. kalen giebt, wo einer mit dem andern zusammen fließt, und sich in denselben zu verlieren scheint. Unsere Sprache hat diese zusammenhängende Reihe ziemlich vollständig: sie spricht ihre Selbstlauter mit so verschiedener Höhe und Tiefe, Lange und Kürze aus; daß ihr dem Klange nach (ich rede nicht vom Schreiben) wenig Mittelglieder zwischen diesen Hauptvokalen fehlen werden, selbst bis auf das y der Griechen, und einige Nasenlaute der Franzosen. Diese Mannigfaltigkeit von einfachen Tönen, für die wir lange nicht Zeichen genug haben, giebt der lebenden Aussprache so viel Polytonie, so viel Abwechselung des Klanges, daß das stolze und eigensinnige Lhr weit seltener den Vokal wieder kommen höret, als das Auge, das schon übersehender ist, ihn nach Unserer mangelhaften Ortographic wiederkommen stehet. So werden die ungehemEn Verbindungen unserer Cvnsonanten auch durch diese seine Auf - und Abstuffungen der Vokale, die das Gehör so bald bemerket, gemildei-t: und da der Vokal die ganze Sylbe beleben muß: so bekommt durch diese Menge von Zwischenlautern die Rede mehr Abwechselung, die der barbarsich,n Monotonie begegnet. Ich würde noch weiter gehen, und bemerken, daß unsere Sprache eben den Vokalen die meisten Modistcationen gebe, die wir zur Milderung der rauhen Töne, zur Linderung starker Consonanle, zur Biegsamkeit der Rede am nöthigstcn haben: nehmlich, bei E. und I. die wir so oft und verschieden aussprechen, daß sie statt vieler gerechnet werden können. Statt so vieler, daß unsere mit Zeichen sparsame Schreibart nicht weiß, sie hinzustellen, und sie bald zu Doppellauten! macht, die Erste Sammlung. A7 keine Doppellauter sind, (a, ee und ie) bald neue Buchstaben dazu nimmt, die den Mangel ersetzen sollen, wie eh ih, und doch überlaßt sie der lebenden Aussprache noch immer zu viel. Die Deutschen Ionier sprechen daher das milde j aus, wo sie es nicht sprechen sollten, im ü: und bei den Griechen ist das y vermuthlich noch eine feine Stuffe zwischen i und ü gewesen, die unsere schwerere Zunge nicht treffen kann. So lindern also auch die häufigen sanften Vokale. Ferner: wir haben mehr Hauche in unserer Sprache, und die Aspiration gehört so sehr zum Lieblichen der Rede, als der Seufzer zu den zärtlichen Worten des Liebhabers; sie ist, wie ein West, der einen wollüstigen Tag kühler, hier den Blumen schmeichelt, dort duftende Blüthen verweht, dort angenehm durch die Saaten rauscht, und hier den Liebling zum Kuß an glüh et: — lauter Wörter, die sich selbst sanft forthau che n und so gehet in unsrer Sprache die lieblichen, zärtlichen, angenehmen Wörter durch: sie empfehlen sich alle durch ein sanftes h oder ch, das uns die rauhcrn Völker so übel nachsprechen können, die das H, wie z. E. die Russen, in ein scharfes G, das weiche ch, in ein rauhes cch, fast wie das Ain der Hebräer ausstoßen müssen. Daher ist das H bei einigen Völkern das Schibolet, woran man kennen kann, daß sie gebohrne Gergcnescr sind: und die Letten sprechen z. E. Jmmel und Eute (statt Him« mel und Heute) wie andere Völker. — Das H ist überhaupt die Gränze zwischen Laut und Mitlauter: es giebt, nach Gellius Bemerkung, dem Worte Hal- 38 Fragmente zur deutschen Literatur. tunq, und dem Schalle Munterkeit: cs nimmt dem Vokal etwas vom Laute, und giebt dem Mitlautcr etwas dazu: es verhindert die gar zu große Oeff- nung des Mundes bei den Vokalen, und die Zerrung bei den Consonanten: daher die Griechen, die dir Hauche (Ljairitrrs) bei ihrer Sprache so sehr brauchten, um insonderheit das Wsilon fortzustoßen, im physischen Verstände den Ausspruch des Horaz verdienen: — Oiajis ässtit c»rs lotunclc» logui. Und doch reicht die Griechische Sprache hierin nicht an die Morgenlandischen, deren Aspirationen, (z. E. bei den Hebräern N, N und kaum mehr zu bestimmen sind. Die Römer, die ihre Sprache so Griechisch als möglich machen wollten, nahmen daher aus ihr auch die Hauche auf, um ihre alte Mundart zu mildern, Quintilian führt an, seine Alten haben aoäus, ireus (statt stasäus, siircuo) gesprochen: aus dem' Griechischen aber habe man das H dazu genommen, Ja, wenn man das Catul- lischc Cpigramma kennet, das über ftiirkiäiso und ftionios (statt inüäiLs und ionios) spottet: so weiß man, daß die Kleinmeister vom lieblichen Ton ihn endlich zu allgemein auch bei den sanften Vokalen, die ihn nicht nöthig hatten, machen wollten. Cicero ärgert sich, daß er dem Volke zu gefallen, xuIoUer und iriurupkius, statt pulcer und tiüuni- pu8 aussprechen müßte, und Quintilian noch mehr, daß man schon ausschweifte, um clroronu und xrascUo zu schreiben*). Die Nördlichen Völ- *) Hier im Vorbeigehen eine kleine Schulanmerkung, die unserer neuen Ortographie nöthig ist. Dir Erste Sammlung. 3g ker verschlingen die Aspiration der Kehle durch den starken Gebrauch der Zunge, Lippen und des Gaumens, und da sie die Lateinischen Lander überschwemmten: so fanden sie das H unaussprechlich. Es verlor sich also aus der Jtalianischen und meistens auch aus der Französischen Sprache, in welcher das Wort Hauch selbst nach allen Elementen ein Fremdling ist. Unserer Deutschen Sprache, als einer Originalmundart blieb es, und mildert also recht sehr ihre Barbarei der Eonsonanten, so wie Kinder, die sprechen lernen, sich die schweren Vokale erleichtern, daß sie dieselbe sorthauchen* **). Alten hatten sich so in das H verliebt, daß sie es gerne sprachen, selbst wo sie es nicht schreiben durften, und auch nicht schrieben. Uns Neuern ist so wenig an diesem musikalischen Buchstaben gelegen, daß wir ihn im Schreiben so gern wegwerfen, da wo wir ihn doch nothwendig, und insonderheit bei cinsylbigen Wörtern sehr unterscheidend sprechen müssen. Die Ortographie des Denso und vieler andern ist mir also unausstehlich: die bewonen, Lon, Svn, schreiben: bald wird man also auch geen (statt gehen), aben statt haben, und An statt Hahn schreiben. Schade für unsere Sprache, wenn man zwei Menschenalter nach uns so spricht, als diese Sprachenverderber schreiben. **) Noch eins, wenn es an diesen Ort gehörte. Wenn unsere Sprache so stark an Consonanten und Doppellautern ist: so wird sie damit ungleich mehrerer Wortformen fähig, als andere weichere Sprachen: wie Lambert einige dieser Bortheile berechnet. — Allein,' wie gesagt, thut dieser Vor- 40 Fragmente zur deutschen Literatur. So habe also unsere Sprache auch in ihren Elementen das Gothische, das sie in ihren Buchstaben hat; auch hier ist mir dasselbe eben nicht so zuwider; dort aber ist es von anderer Beschaffenheit und Nutzbarkeit. In den Elementen ist es nehmlich Genius der Sprache, Eigcnthümli ches der Mundart, Charakter der Nation. Wolle uns also niemand das rauben, was Nationalschrift- stillem zur Stüze und Würde seyn kann. 3 . Natürlich wendet sich die Rede vom Sylbenbau zum Sylbenmaaße; und die Frage ist: welche Syl- benmaaße sind — nicht unserer Sprache möglich; sondern natürlich? Natürlich? und wie ist das zu sehen? Entweder aus der Natur der Sprache, oder aus Versuchen. Aus dem ersten Gesichtspunkt merke man: Nach Lowths Bemerkung ist selbst die Hebräische Sprache zu feurig und in ihren Formen zu einfach, als daß sic so einem abgemessenen Poly- metrischen Numerus, als die Griechen nachher hatten, sich hatte bequemen können. Und trifft nicht das Gegcntheil auf unsere Sprache vielleicht? Viel zu volltönig und in ihren Formen zu zcrstückt und zusam meng esez t, als daß sie sich dem Potheil nichts zu meinem Zweck, und ist mehr zur Spekulation, als zur wirklichen Bequemlichkeit, so wie die unsere auch hierin von bessern Vorzügen anderer Sprachen übertrvffen wird. Erste Sammlung. lymetrischen Numerus bequemen könnte. Jene, und unsere halten beide, Extreme, nur beide entfernen sich von der Mitte. Zu volltönig;) da die Sprache der Griechen hochtönend war, und ausser langen und kurzen auch hohe und niedrige Accente hatte; einen Unterschied, den wir entbehren. Aber für Hexameter nicht entbehren können, denn bei unscrm niedrigen vollen Accent erhöhet man sich wenig zum Daktylus, ohne einsylbige Wörter als Flickwörter in der Rhythmik nöthig zu haben. Wie kann die Sprache aber Polymetrisch seyn, die eigentlich nur zu Jamben und Trochäen eine Höhe und Tiefe hat; die sich selten in Spondaen erhalten kann, weil sie diese nicht mit den kurzen Sylben zu compensiren weiß. Zu zerstückt in ihren Formen;) Dies zeigen die vielen einsylbigen Wörter, und unsere ganze Flexion. Unsere ganze Periode bekommt also, da die meisten dieser Wörter lang sind, was steifes, oder Prosaisches. Woher aber sind diese Einsylbig- ten lang? Weil unsere volltönige Sprache, die die höheren Accente entbehrt, sie durch mehrere ersetzen muß: so fallen theils die Griechischen «i-oa« im Deutschen fort, die den Ton auf die vorhergehende Sylbe schoben; theils fallen die Lateinischen ansipi' iss weg, die den Ton, der nach einem hohen folgte, ungewiß lassen konnten. Unsere Sprache mag in der Wendung des Perioden noch so biegsam seyn; ihre Bestandthcile kann sie doch nicht andern, und selbst unsere Väter im Poetischen Zeitalter ähnlicher Sprachen, die Skaldrcr, sie haben nie auf Griechische Axt Polymctrisch gesungen; und weit weniger 42 Fragmente zur deutschen Literatur. wir, zu einer Zeit, da die Accente des Sprechens sich kaum zu erheben scheinen. Hiezu setze man nun noch Versuche? Nicht in erzwungenem, sondern in einem freien Sylben- maaß, um zu sehen, was für Füße am meisten in unferer Sprache liegen? Ob, wenn man den Gedanken den Zügel laßt, man Pindarische Oden und Tragische Chore erblicken werde, oder einförmigere Cadcncen? Und ich glaube alsdenn; tanzt unser Deutsches nicht einmal nach Griechischen Splben- maaßen ungebunden; wie viel minder, wenn es in Metrischen Fesseln so tanzen muß. Ramler that dies in einer andern Absicht: er lösete die Prose Geßners und Eberts in ihre natürliche Sylbenmaaße auf, um den Wohlklang zu zeigen. Vielleicht hatte er feurigere Stellen zergliedern sollen, die nicht mehr gelesen, sondern dekla- mirt werden müssen, um alsdenn gewiß mehr als Prosaische Harmonie zu entdecken—und ich glaube, wenn man dies thut: so wird man immer wenig'er Polymetrischcs finden, als man zu finden glaubt. Ich darf nicht mehr versuchen: es hat es ein andrer gethan: Klopstock hat „seine Poetische „Empfindungen so frei ausgedrückt, daß sie sich selbst „in symmetrische Zeilen geordnet zu haben scheinen, „die voller Wohlklang sind, aber kein bestimmtes „Sylbenmaaß haben." Er hebt am Fest der Souveränität in Dännemark an: Weht sanft, auf ihren Grüften, ihr Winde! Und hat ein unwissender Arm Der'Patrioten Staub wo ausgegraben, Erste Sammlung. Verweht ihn nicht! Veracht ihn, Leyer, wer sie nicht ehrt, Und stammt' er auch aus altem Heldenstamme, Veracht ihn! S?e habe"n uns der hundertköpsigen -Herrschsucht entrissen Und einen König gegeben. Man setze dies fort; Spondaen, Trochäen und Jamben wird jeder antreffen; Daktylen — nur in Participien und wenig andern Wörtern; und zu den übrigen vielsylbigen Tritten, sind unsere cinsylbige Wörter wirklich zu unbestimmt, und Prosaisch: ich glaube also auch in den unserer Sprache natürlichen Sylbenmaaßen einen steifen und festen Tritt zu hören, ohne zu gauckeln, und zu springen. 4 . Doch genug von diesen grammatischen Schwürig- keiten, die einem Genie immer verdrießlich seyn müssen: um vielleicht einige solche verdrießliche Genies zu versöhnen, setze ich folgende Anmerkung dazu, von der ich wünsche, angewandt zu werden. Das Klopstockische angeführte Sylbcnmaaß soll dazu Gelegenheit geben. Bei dem ersten Anblick sogleich schien es mir sehr ähnlich zu seyn mit dem Numerus der Hebräer, so viel wir von ihm wissen, und mit dem Sylbenmaaß der Barden. Ich sähe, daß es Klopstock, einem Meister in der Deutschen Sprache, 44 Fragmente zur deutschen Literatur. oft sehr wohl, und seinen Nachahmern meistens elend gelungen. Ich wußte nicht, ob diese neue glückliche Wersart nicht eher die natürlichste und ursprünglichste Poesie*) genannt werden könnte, „in alle kleinen Tbeile ihrer Perioden aufgelöset, „deren jeden man als einen einzelnen Vers eines besonder» Svlbenmaaßes betrachten könnte" statt daß ihn die Literaturbricfe eine Künstliche Prose nannten. Ich überließ mich meinen Gedanken, und glaubte endlich, daß dies Sylbcnmaaß uns vielleicht von vielem Uebel erlösen, und viel Aufschluß und Bequemlichkeit bringen könnte. Man höre mich an: Erstens: Hatten wir einen Dithyrambischen Dichter, der wirklich von dem Blitzstrahle des Bacchus getroffen, trunken, und begeistert tönen würde:—natürlich wäre kein gefesseltes Sylbcnmaaß für ihn; er zerreißtes, wie Simson die Bastfeile, als Zwirnsfäden. Allein diese Verse sind Pindarische Pfeile in der Hand des Starken: die, mit Pindac zu reden, blos für die Mitverständigc klingen, dem großen Haufen der Ausleger aber, wie eine dunkle Wolke scheinen. Unser mißglückter Dithyrambensanger kann dieser Bemerkung, durch seinen Jkarischen Fall ein Gewicht beilegen. — Und noch ein grösseres unser göttliche Skalde, der seine Gesänge in die ganze Musik unserer Sprache auflöset, der seinem Sylbcnmaaß das feierliche des Zeitalters giebt, aus welchem er kommt, und allen Wohlklang des Aeons, in welchen er erwacht — ein Dichter, der in mehr als einer Absicht vielleicht größer werden kann, als seine Zeit. *) Lit, Br. LH. 3. pag. rc>3. Erste Sammlung. 45 Zweitens: Die hohen Oden des Affekts werden natürlich ihre Empfindungen auflösen, sic mögen in kurzem Odem jauchzen, oder donnern, oder seufzen und weinen. Dies Sylbenmaaß kann, nach jener Scy- thischcn Zeichensprache zu reden, wie ein Pfeil treffen, sich wie ein Adler aufschwingen, es kann die Sprache durchgraben, und sich wieder ohne zu sinken, schwimmend erhalten. Wenn man manche Deutsche Lehr öden in ihrem gewöhnlichen Sylbenmaaße ansicht, so sollte man beinahe denken, dass das.gewöhnliche Strophenmaaß der Gränzstein eines Paragraphen seyn sollte. Das geht denn nun so hin, aber sollen diese Oden Affekt singen — ein Gesang nach einer Kirchenmelodie. Drittens: Die Gemälde der Einbildung s- k raft können ein gefesseltes Sylbenmaaß nicht ertragen, ohne daß sie, oder das Splbcnmaaß leidet. Bei Pindar und Hora; laust die Periode und das Gleichnis über die Strophe; bei den meisten deutschen Dichtern sind sie zahm genug, sich in die Strophe einzuschließen. Eine Kar sc hin, die jetzt nichts weniger, als den Perioden der Ode trifft, würde in diesem Sylbenmaaße ihre ganze Phantasie ausschüt- tcn, und freilich auch allen unregelmäßigen Wust derselben. — Will man also Klopstocks Poetische Stücke von dieser Art, auch nicht Oden nennen; am Namen liegt nichts: so lasset es Lyrische Gemälde seyn, zu denen die Griechen den Namen hatten. Ferner: Auf dem Orchester kann die Musikalische Sprache in diesem Leirbande freiet und sicherer gehen. Vornehmlich in den Necitativen, wo der Mu- 46 Fragmente zur deutschen Literatur. sikus „die Harmonie wieder zerstören muß, die dem Dichter so unsägliche Mühe gekostet hat: wo der Prosaische Wohlklang entweder von dem Musikalischen verschlungen wird, oder wohl gar durch die Collision leidet, und Wohlklang zu seyn aufhöret." In den Arien, wo ein Sylbenmaaß seyn muß, können die ilniss nHonuntss der Spanier den Reim ersetzen, und viele Freiheit dem Dichter verschaffen. Ramler in seiner Musikalischen Idylle: der May, in der ihm die zwei Schwestern der Harmonie zur Seite gestanden, hat hier mehr gezeigt, als ich sagen kann. Und für das Theater? Es kann sich dieser Vers so Prosaisch als möglich machen; und dies ist in den ersten Auftritten nöthig, wo das Sylbenmaaß oft unleidlich wird. Ec kann sich aber auch hernach 'zum höchsten Tragischen Affekt erheben, und dem Brausen des Sturmes nachahmen, der im Virgil auf de» Wogen reitet. Er kann die Theätergemalde beleben, die Diderot will, und kann die heftigen kurzen Doppelgcsprache füllen, die die Alten auf ihren Bühnen so sehr liebten, und die bei uns so sehr ausarten (auch vielleicht des Sylbenmaaßes wegen), daß bei Franzosen und ihren Nachahmern, den Deutschen, ein Wort, das den Vers unvermrithet schließen soll, aber oft durch einige gedehnte Verse deutlich genug zu crrathen gegeben wird, ein besonderes Kunststück ist. Das Ich, oder Du, oder Nein! u. st w. das alsdenn so hergeschraubt wird, gehört in ein Epigramm/ nicht in ein Trauerspiel. Wenn nun in diesem Sylbenmaaß so viel Schatz von Sprache, Leidenschaft, Einbildungskraft und Musik liegt; so muß es auch ein Muster der De- Erste Sammlung. 47 clamation scyn. Lies eine hinkende Deutsche Maische Ode; declamire sie gut: verbirg ihre Fehler: laß die Schönheiten des lebendigen Wohlkianges hören; — cs ist nicht mehr Maische Ode, es ist eine Sprache, in diese Verse zerstückt. Höre einen Redner in seinem Feuer brausen, oder zerschmelzen; du wirst einige Fußstapfen dieser Abschnitte in seiner Declamation hören; höre einen Garrick in einem Selbstgespräche mit sich selbst kämpfen, fast unterliegen und dennoch siegen; sein Affekt wird die Sprache auflösen: er wird einen Takt halten, der dich an das Kunststück der Alten erinnern wird, ihren Akteurs Noten und Ton mitzugeben. — Wie wäre cs nun? wenn dies Sylbenmaaß in den Oden die Griechischen Verse, und in der Affckt- sprache die Poetische Prose etwas einschränkte? Wenn ein Dithycambendichter, ein Pindar, ein Barde unter uns in diesem Fcicrkleide sich sehen ließe? Wenn ein Deutscher Shakespcar — oder wenigstens, wenn man den Englischen Shakespear in dieser Tracht bei uns einführte; den wir setzt, ohngeachtet der Uebersezung, noch so wenig kennen: wenn Ebert den Poetischen Perioden Poung's mit allem seinem Kolorit in dies Sylbenmaaß übertrüge — Der Kunstrichter schreibt vor: Genies, ihr müßt die Regeln durch euer Exempel gültig machen. 6 . Der Sprung ist nur klein von einem Sylben- maaße, das sich selbst seine Töne herzählt, zu einem andern, das sich dieselbe herzählen sollte. Man 48 Fragmente zur deutschen Literatur. pflegt cs das Englische, Brit tische, Mil? tonische zu nennen; ich höre aber in demselben die unserer Sprache eigenthümliche Starke so sehr, daß ich es in mancher Begeisterung das Deutsche zu nennen gewünscht habe. Kleist war in diesem Sylbenmaaße Meister: er wußte in einigen kleinen Stücken weit mehr in dasselbe zu legen, als andere darein gelegt hatten; bis endlich sein Cißides und P ach es in aller Abwechselung, Stärke und Malerei zeiget. Diebeiden Trauerspiele, die Gleim in dasselbe mit aller Kunst eines Dichters versisicirt hat, haben eben damit so viel am hohen Theakrgli- schen und fast heroischen Numerus gewonnen; als sie an kleinen lebhaften und rührenden Wendungen, die in die Prose eingewirkt waren, mögen vcrlohrcn haben. Ucberhaupt scheinen mir Kleist und Gleim diesem Sylbenmaaße vor andern eine gedrungene Kürze, die nicht in wilden Ueberfluß der Worte ausschießt, eine Abwechselung der Eadenzen und der Easur, die nicht in verworfenen Wortfügungen bestehet, und ein hohes Deklamatorisches gegeben zu haben, das schwer zu erreichen ist. Vielleicht mag es seyn, daß selbst Klvpstocks Salomo dies Lesbare und Deklamatorische nicht getroffen hat; und vielleicht, daß unfern Schauspielern die Weissischen Trauerspiele am schwersten von der Zunge gehen müssen, die diesen Vers gewählt haben. Es federt derselbe, so .leicht er scheinen möchte, sehr viel, von dem, der ihn schreibet und liefet, da hingegen der Alexandrinische Vers selbst mit seinem Reime nach Despreaux und Ra eine ns Kunststücken weit leichter fallt, zu machen und zu sagen, zusammen und hervor zu zählen. Allein 49 Erste Sammlung. Allein jener hat auch an innerm Gehalte, an Abwechselung und Deklamation so große Vorzüge, daß ich wünschte, er möchte in Heroischen Trauerspielen den unnatürlichen Alexandriner verdrängen, den wir aus keiner andern Ursache so thcuer halten rj können, als weil wir ihn von den lieben Franzosen Ä erbten, weil er den Schauspielern und den Autoren Z selbst die Arbeit erleichtert. Erleichtert, aber beiden zum Nachthcil; jenen, weil er sie einer einförmigen j H Deklamation, die eine halbe Skansion heissen kann, oft wider Willen nähert; diesen, weil ec der wahren Affektsprache, einer lebendigen Erzählung und dem Dialog äußerst viel monotonischcn und abgemessenen und zerschnittenen Zwang auflegt. Unter andern mag es ^ also vielleicht auch daher gekommen scyn, daß die f, besten Versifikatoren in diesem Styl, Schlegel, ^ Eronegk und neuerlich Clodius, oft so sehr die - Sprache der Leidenschaft, der Erzählung und der A Unterredung verfehlen, als auf der andern Seite Leßing, und in Affektvollen Stellen Weiße sich ^ mit diesem Sylbenmaaße nicht so recht vertragen können. Sollte cs gar seyn, daß diese Doppelgeschöpfe von verketteten Alexandrinern Mit Schuld wären, an jener untheatralischen, undialogischen und monotoni- schcn Sprache, die von beiden Seiten mit Lehrsprüchen, Sentenzen und Sentiments um sich wirft, und manche SceNcN unserer besten Dichter verdirbt j '— wollen wir deNn nicht einmal dem Vorurtheil entsagen: als sey diese Versart die natürlichste für unsere Sprache? — Und wollen wir nicht lieber die vorgeschlagene Jamben wählen, die weit mehr 'f, Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst, I. D 5o Fragmente zur deutschen Literatur. Starke, Fülle und Abwechselung in sich schließen, sich mehrerer Denk- und Schreibarten anschmiegen, und ein hohes Ziel der Deklamation werden können ? Nur freilich werden sich dieselben, je mehr sie sich der Materie anschmiegen, je mehr auch freie Sprünge und Eadenzen erlauben: nicht sich beständig in Jamben jagen: nicht in einerlei Casuren verfolgen: nicht in einerlei Ausgangen auf die Hacken treten: nicht werden sie sich in das theatralische Sylbcnmaaß einkerkern, das Rammler in seinem Batteup verzeichnet, um zu hinken, wenn die Region da ist , hinken zu sollen. Wenn die Materie alles belebt und beweget, wenn das Sylbenmaaß im Dialog zu plappern und zu fragen, zuvor zu kommen und hinein zu fallen weiß: wenn es einer hohen Deklamation, Tone und Ruhepunkte vorzählet: so wird es von selbst dem vorigen Klopstockischen Splben- maaße an Freiheit und Vortheilcn nahe kommen, doch aber, daß die Zügellosigkeit desselben in einigen Schranken gehet. — Es wird unserer Sprache zur Natur und zum Eigenthum werden, weil e§ Starke mit Freiheit vereinigte; und am letzten würde uns selbst die Englische Sprache, die in diesem Sylbcn- maaße schon so viel Schaze aufbewahrel, etwas nachstehen müssen. Alsdenn hieße es: Deinen Gang ans dem Kothurn, Sophokles Tönet dir nach Jamb — Anapäst. Was soll ich alle Sylbenmaaße unserer besten Dichter durchgehen, mit der thörichten Anfrage: seid ihr unserer Sprache natürlich? Sie sind da, glücklich da, und dies ist mehr als genug. Indessen wird man bei den meisten, die gleichsam aus Erste Sammlung. Sr Unserer Sprache selbst hcrvorgewachsen sind, eine Monotonische Fülle, eine einfache Festigkeit nicht verkennen, die mein Ohr den Pomp wahrer Bar- dcngesänge höreü laßt. Mehr als alle tobte Proportion der Buchstaben, und alle künstliche Struktur der Sylbenmaaße geben kann: giebt uns der lebende Wohllaut, der in unserer Sprache liegt, und ihr das höchste Lob einer ursprünglichen Sprache giebt. Alle Wurzeln derselben, sie mögen Verba, oder Nomina seyn, mahlen: sie lassen das Wesen und die Beschaffenheit der Sache im Klange hören : sie sind ini lebendigen ANschaueN derselben gebildet. Man -laufe die Reihe dieser Klangworte durch: oder besser, Man empfinde den Wohllaut derselben in unfern Dichtern, die nicht schrieben- sondern sangen, unter welchen ich Klopstock, Hagedorn, von Gersten- bcrg, und in seinen Eantaten auch Rammlern, besonders nenne: man gehe z. E. die UebersctzuNg durch, die der letzte von Dryden's Ode auf die Musik geliefert; alsdeNN erinnere MaN sich, wie weit Btockes und andere diesen lebendigen Wohl- klang haben übertreiben können: und Man wird, wie ich hoffe, nicht Mehr an der maleNdeN Musik zweifeln, die Man überall in den tiefsten Fundgruben der Sprache, in ihren einfachsten Formen findet, aus welchen sie in die Arssamniensetzungen übergeht. Seligkeit uüd Wollust fühlet das Ohr, wcNn es diesen Wohllaut seiner Sprache mit langen AüqeN trinken kann, wenn es Macht und sanfte Schwäche, Süßigkeit und Würde, Langsamkeit und Schnelle, Geräusch und Stille, Bewegung und Anstand sich D 2 k^ö- Z's st'i . l!« ..li'-fi.. 52 Fragmente zur deutschen Literatur. auch in Tonen verbilden höret, wenn cs alte diese Tonfarben in dem inner» Bau der Wörter findet, ohne daß Dichter dieselbe einzwingen dursten. Wahrlich ! die schönsten und edelsten Klangworte unserer Sprache sind erschaffen, wie ein Silberton, der in einer reinen Himmclsluft auf einmal ganz hervor tritt' sie wurden Key ihrer Geburt in das süße Meer des Wohllautes getaucht, und sind, wie im lebendigen Gefühl der Sache gebildet. Wohl den Schriftstellern unter uns, die da schreiben, als ob sie hören, die da dichten, als ob sie sangen. Warum will sich kein Deutscher Dionysius, Hep Hastion und Voßius, in die schöpferische Höhle unserer Sprache wagen, um in ihr die Zaubermusik zu hören, die unsere Klangworte belebt? Und warum wagen sich nicht alle Deutsche Dichter in dieselbe, um sich in diesen Zaubergesang einsingen zu lassen? s ! ^ 6 . Unsere Klangworte sind oft auch Machtwor- te: an diesen sind wir noch reich und stark; aber reicher und stärker gewesen. Wenn man an den ältesten Ueberbleibseln der deutschen Schreibart, diese Macht und Herrlichkeit der alten Sprache unmöglich verkennen kann; wie kommt es denn, daß man so wenig darauf gedacht hat, sic wieder zu erobern? Wie kvmmts, daß ein Gottsched, bei aller Kenntnis altdeutscher Schriftsteller, von ihrer inneren Stärke so wenig hat können erariffen werden, daß er es wenigstens unterlassen hätte, unsere Erste Sammlung, 53 Sprache zu entnerven. Keine Parthci hat in diesem Stück dem wahren Genie der Deutschen Sprache so sehr geschadet, als die G o ttschedianer. Waren es nicht noch Schimpfwörter, und pöbelhafte Ausdrücke, die man beibchielt: sonst wurde alles wäfse- rich, und eben, durch eine gedankenlose Schreibart, und durch schlechte Nebersetzungen französischer Bücher. Man entmannete sie völlig, die schon durch den Weissische», Talandrischen, und Mcnantischen Stnl wenig Mannheit behalten hatte, und es gilt von dieser Sekte, die sich der Deutschen Sprache mit Willen der irdischen, nicht der himmlischen Muse angenommen, .was jener Griechische König auf einen schwindsüchtigen und doch gefräßigen Bettler sagte: Non zb, 57-'' Lao rrujonrcl'liui vorrln knirs 1a Arass; norrs von? In ksrons;) und der Eigensinn der Französischen Construktion ist doch die methaphysische Ordnung selbst. „In wie fern Inversionen nützlich oder schädlich „ sind, muß gewiß aus ganz andern Gründen, als „solchen wörtlichen Uebersetzungen erörtert werden; „und die Ursache, warum dergleichen Partikeln in „der Deutschen Sprache so und nicht anders gesetzt „werden, mag sich doch wohl können Philosophisch „erklären lasten." Ich versuche es, sic Philosophisch zu erklären; — aber nicht die Partikel — denn jede *) louriml. etiniA. 1760, Brach Monat. 53 Fragmente zur deutschen Literatur.. Sprache hat ihren Eigensinn; sondern die Inversionen überhaupt: so wird sich ihre Erlaubniß und Nutzen von selbst zeigen.. Stillet euch, zwry Geister vor, die sich einander ihre Gedanken, und blos Gedanken unmittelbar mit- thcilen; so wird die Ordnung, in der das eine Wesen sie denket, auch zugleich die seyn, in der sie das andere erblicket. So wie die Ideen bcp dem einen sich entweder aus seinem inncrn Grunde hervorwickeln, oder so, wie es sie aus den Dingen außer sich schöpfet: - so thcilet es dieselben auch mit. Eine ruhige Vernunft, die nichts als Gedanken einer andern Vernunft saget, gehet also den gewöhnlichen Pfad der Zusammensetzung der Begriffe; sie zeiget den Gegenstand zuerst und ihr Urtheil darüber an. Hier ist also der Bau eines Perioden so regelmäßig bestimmt, daß, nach der Arabischen Prosodie zu reden, jedes Wort einen Pfosten und Säule ausmacht, der eben hier an seinem Orte stehet. Betrachtet eine Philosophische Sprache; wäre sie von einem Philosophen erdacht: so hübe sie- alle Inversionen auf: käme eine allgemeine Sprache zu Stande: so wäre bey ihren Zeichen nothwendig jeder Platz und sede Ordnung so bestimmt, als in unserer Dekadik. So lange wir aber noch keine durchaus Philosophische Sprache haben, die blos für die Weltweisheit erfunden wäre: so nehmt die, die am meisten zur Weltweishcit gebraucht wird, die Lateinische, nehmt sie, wie sie in den Büchern der Weltweisheit ist, wenn sic Lehrsätze und trockene Beweise vortragt: wie ist sie? ohne Inversionen mei- stentheils; oder wenigstens stehen diese ohne Wirkung da.. Erste Sammlung.. ZA Nun stellet euch zwey sinnliche Geschöpfe vor ,, tzgvon der eine spricht, der andere höret: Dem ersten ist das Auge die Quelle seiner Begriffe; und jeden Gegenstand kann er in verschiedenen Gesichts-, punkten sehen; dem andern zeiget er diesen Gegenstand, und es kann auf eben so verschiedenen Seiten geschehen. Nun betrachtet, die Rede, als eine. Bezeichnung dieser. Gegenstände: so habt ihr den Ursprung der Inversionen. Je mehr sich also die Aufmerksamkeit, die Empfindung, der Affekt auf einen Augenpunkt heftet; je mehr will, er dem andern auch eben diese Seite zeigen,, am ersten zeigen, im hellestcn. Lichte zeigen — und so, werden Wertumkehrungen daraus. Ein Beyspiel: Fleuch die Schlange! ruft mir jemand zu,, der mein Fliehen zu seinem Hauptaugenmerk hat, wenn ich nicht fliehen wollte. — Die Schlange fleuch!- ruft cm anderer,, der nichts geschwinder- will, als mir die Schlange zeigen;, fliehen werd' ich vo» selbst, so bald ich von ihr höre. — Er hat mir das Geld gestohlen; und kein anderer;. Er hat mir das Geld gestohlen;- ich weiß es gewiß; das Geld hat er mir gestohlen, (und keinen Ring); Mir hat er das Geld gestohlen,. und keinem andern;.- gestohlen hat er mir das Geld (nicht abgeborgt): wie viel Veränderung macht hier nicht die Inversion in der Wendung des Gedankens.. Entspringt also die Inversion von der sinnlichen Aufmerksamkeit: so muß bei einer noch ganz sinnlichen Nation ihre. Sprache unregelmäßig und voll Veränderungen scyn: wie die Gegenstände ins Auge fallen, so saget sie dieselbe; eine grammatikalische Construclion ist noch nicht eingefuhrt. So sind noch 6c> Fragmente zur deutschen Literatur. jetzt die Sprachen der Wilden, und alle alte Sprachen, die ursprünglich sind, und das Gepräge der ersten sinnlichen Lebensart führen, sind voll Inversionen, aber nicht, die die Kunst in sie gclcgct; sondern die Natur fodert. Geberden, und Accent kommt zu Hülfe, um dies Chaos von Worten verständlich zu machen. — So bald gewisse Dinge mit bestimmten Worten fortgep flanzt wurden; wie dies durch die ersten Lieder geschähe; so fing sich dieses unordentliche Ebaos an zu senken; man suchte die Ordnung der Worte aus, die dem Lernenden am faßlichsten waren; das Sylbenmaaß mußte sie cin- paffen, und so ward sic zwar kein Gesetz, keine Regel, aber ein Muster, ein Präjudicat: und man wciß, daß alle Völker nach bloßen Gebrauchen leben, che sic Gesetze haben. Die Gebrauche werden zu. G ew o hn hei t en, und so ward auch die Eonstruktionsordnung dazu, doch daß ihre Uebcrtretung noch keine Sünde war. Endlich näherte sie sich dem Ansehen cines Gesetzes, da die B ü c h er spra c h c aufkam; jetzr siel die Aktion weg, die vorher die Inversionen erläutert hatte. „Denn dem Sprechenden helfen „seine Gebärden und der Ton der Stimme den wah- „rcn Verstand bestimmen; da hingegen alles dies „im Buche wegfällt"*). Man mußte also einer gewissen Ordnung folgen, um dem Lesenden verständlich zu werden; indessen war diese noch sehr frei, wie die ursprünglichen ältesten Griechischen und Römischen Dichter bezeugen, die so viel künstliche 'l Lit. Br. Th. 17. pag. 186. Wortumkehrungen in ihre dichterische Sprache eiir- führten, daß keine neuere Sprache ihre Veränderungen nachmachen kann. Man bestimmte die Ordnung der Worte so lange, bis man endlich den prosaischen Perioden herausdrechselte, der der Ordnung der Ideen, so wie sie sich der Verstand bildet, folgte und doch auch das Ohr und das Auge zu Nathe zog. Und er ward also in seiner Struktur eine Anordnung von Bildern, so wie sie sich dem Auge barste llen würden, von Ideen, wie sie sich der Verstand denkt, von Tönen, wie sie das Ohr fodect, daß es mit Wollust erfüllet werde. Der bloße Verstand, der nichts mit Auge und Ohr zu thun hat, folgt blos der Ordnung der Ideen, und hat also keine Inversionen; so ist der logische Periode. Er verwirft jede Veränderung, weil das Einfache das einzige Deutliche ist, und jede Inversion wenigstens einen möglichen Fall macht, daß eine doppelte Beziehung entspringen kann. 8 . Nun untersuchen wir hiernach die neuern Sprachen. Je mehr eine derselben von Grammatikern und Philosophen gebildet worden; desto härtere Fesseln trägt sie; je mehr sic ihrem ursprünglichen Zustande nahe ist; desto freier wird sie seyn. Je mehr sie lebt: desto mehr Inversionen; je mehr sie zur tobten Büchersprache zurückgesetzt ist; desto mindere. Alles beweiset di,e Französische Sprache: Diderot klagt, daß ihr die Grammatiker der Mittlern Zeiten, 62 Fragmente zur deutschen 'Literatur. die ihre Sprachkunst gebildet, Fesseln angelegt, Unter Lenen sie auch wirklich noch setzt seufzet. Wegen dieses einförmigen Ganges mag cs viellucht seyn-, daß man sie eine Sprache der Vernunft nennet; daß sie eine so schone Büchersprache zum Lesen ist. Aber für das poetische Genie ist diese Sprache der Vernunft ein Fluch, und diese schöne Büchersprache hat, um im Reden nicht zu schleppen, den flüchtigen und unegewlsstn Tr-itt annchmen müssen, der für die hohe Deklamation diese galante Sprache Nervenlos macht. Wenn es von unfern jetzigen Sprachen gilt, „daß „wir eine Menge besonderer Zwecke gar nicht „durch die Wortfügung anzuzcizen vermögend sind; „sondern sie nur müssen aus dem Zusammenhangs errathen lassen;"*) so ist diese Unvollkommenheit gewiß vorzüglich bei der Französischen Sprache. Uber so ist doch ihre Sprache eine Sprache der Vernunft, weil ihre Ordnung der MethaphisischeN Reihe getreuer bleibt? Es sei so! getreuer! aber getreu bleibt sie ihr nie, und keine Menschliche Sprache sinnlicher Geschöpfe kann ihr treu bleiben; denn die Französisch« Sprache hat so gut, wie jedeandere» unphilosophischen Eigensinn — und nun schließe ich mit einemmal! ihr« Ordnung ist schlechter, als die unsere, weil die unsetige räumiger aufgcschürzt ist, um ihr« Ordnung nach jedem Zwecke lenken Zu können. Vollkommenheit kann keine Sprache erreichen; die größte poetische Schönheit auch nicht: sie bleibt also in der Mitte, und sucht : Behag- ) Lit. Br. LH. ,7. Pag. M. Erste Sammlung. 6z lichkeit,*)— und zu der gehören Auch Inversionen. Die Sprache hat den Punkt der Behaglichkeit getroffen, die Poeten, Prosaisten und Philosophen ein leichtes Werkzeug ist; die beiden ersten nutzen von den Inversionen: wenn nun ihr Nutzen dem dritten nicht nachthcilig ist; so können und muffen sie bleiben. Ich fange vom leichtesten an. Das Ohr null einen Perioden, der es durch seinen Wohlklang füllet, der genug abwechselt, und nicht zu oft wiederkom- met. Kann dies eine Rede ohne Inversionen erreichen? Schwerlich! ein Periode schießt sich, wie der andere, wenn er seine Meinung gesagt hat; das stolze Ohr wird durch einerlei Cadencen gequält: es empfindet es, die Inversionen in der Sprache sind eben so nv- thig, als das Unebenmaaß in der Malerei, und in der Musik der Mißlaut. Die Französische Sprache hat ja noch immer viele Inversionen — und doch wird ein Griechisches Ohr in ihrem Poetischen und gewöhnlichen Prosaischen' eine große Monotonie bemerken, die oft bei dem letztem den Eonftcuktionen unseres Eanzelstils gleicht. Dies gierige endlich wohl noch hin — aber der Schriftsteller, der fürs Auge, für die Einbildungskraft schreibt, der durch die Einbildungskraft, Aufmerksamkeit, Empfindung, ja öfters Leidenschaft erregen will—der braucht sie nochwendiger. ') Man erlaube mir dies Wort, das ein classischerr Schriftsteller unter uns, wenn ich nicht irre, ge- rcchrftrtigt hat: der B e r f, der PH Nos. Sehr. 64 Fragmente zur deutschen Literatur. . Er malet der Einbildungskraft ein Gemälde hin, wd jedes Wort von seinem Orte Schönheit erhält — und die.Ordnung der Phantasie ist doch gewiß nicht die Ordnung der kalten Vernunft. Diese Inversion ist, um die Aufmerksamkeit zu erregen, jene, um sie zu erhalten; diese überraschet, jene beweget die ganze Seele: diese gehört zum Hinterhalt, um'unversehens hervor zu brechen; jene gehören zur Schlachtordnung, daß jedes Wort an seinem Orte trifft, und in seinem Lichte erscheint. Hierdurch bekommt die Prosc Munterkeit, die Poesie Feuer; und die muntern Franzosen haben es bis zue muntern Prose des Umganges gebracht; und die Inversionen , die sich unsere gute Poeten haben erlauben können; gehören mit zur Deutschen Freiheit. Aber wie? leidet nicht die philosophische Sprache der Deutschen darunter? Was das anbetrifft: so fühlen wir weit cber Fesseln in der dichterischen, als philosophischen Sprache; auch wir fühlen es: „daß wir eine Menge besonderer Zwecke gar „nicht durch die ordentliche Wortfügung anzcigcn „können; die wir nur müssen aus dem Zusammenhänge errathen lassen." Unvollkommenheit unserer Sprache von der sinnlichen Seite; aber von der Seite der Vernunft? „Zur Weltweishcit *) scheint die „Deutsche Sprache, mehr als irgend eine von den „lebendigen Sprachen, auSgebildet zu seyn. Sie ist „bestimmt und reich genug, die feinsten Gedanken „des Metaphisikers in ihrer nackten Schönheit vor- „zutragcn, und von der andern Seite nachdrücklich „und bilderreich genug, die abgezogensten Lehren „durch Erste Sammlung. 65 „durch den Schmuck der Dichtkunst zu 'beleben. „Jenes hat sie Wolfen, und dieses Hallern zu dan- „ken. Zwei solche Schriftsteller sind gnug, einer „Sprache von einer gewissen Seite die gehörige Ausbildung zu geben. Die Nation hat ihnen auch so „zu sagen das Münzrechk zugesranden; denn die mit „ihrem Stempel bezeichnet«: 'Ausdrücke sind in dem „Gebiete der Weltweisheit nunmehr gang und gäbe „worden. „Der philosophische Geist hat sich bei uns auf „alle Theile tur Gelehrsamkeit verbreitet, und giebt „unfern schönen Schriften selbst eine gewisse Tein- „ture von Ernst und Gründlichkeit, die uns eigentümlich ist, und einem Ausländer den Karakter „der Nation zu erkennen geben muß. Hingegen „müssen wir Hon auswärtigen Lesern aus eben der „Ursach der Dunkelheit beschuldigt werden, so lange „sie noch mit unserer Literatur nicht genug bekannt „sind. Wenn uns Deutschen die Schriften eines „Pascal, Fontenelle, Montesquieu und „einiger andern Französischen Weltwcisen nicht begannt waren; so würden wir uns in die neuern „Schriften dieser Nation gleichfalls nicht zu finden „wissen. Und wie vielmehr muß dieses den Ausländern in Ansehung unserer Literatur widerfahren, „da bei uns die Philosophie eine merkliche Gewalt „über die Sprache gewonnen, und wir zur Äerbes- „serunq der schönen Wissenschaften, so zu sagen, „den Weg über die Metaphysik genommen haben." In diesen Gesichtspunkten hat unsere Sprache vor der Französischen voraus, und sollte cs also Gelehrten nöthig geschienen haben, diese Freiheiten Herders Werke z. jchö», Lit, u. Kunst, t. E F'rnAmeiue. 66 Fragmente zur deutschen Literatur. aufzuopfern: „seit dem sie Philosophie und Französische Sprache studirt hatten?"*) Philosophie und Französische Sprache— ein Paar, was sich hier sehr fremde zusammen findet. Ich muß indessen drei Stücke hinzu setzen, die ich hier nicht ausführcn kann. So wenig unser Deutsch an Inversionen leidet; so wcnig sind noch alle in Gang gebracht, die in den Formen dessellnn liegen. Wenn die Geschichte, der Dialog, die Pro sc des Umganges und die Poesie, jedes seine eigensinnigste Wendungen nutzen und ganz zwanglos brauchen wird: wie manches wird alsdcnn an Tageslicht kommen, das jetzt im Schooß der Nacht begraben liegt? Zweitens: so wenig unser Deutsch an Inversionen leidet: so wenig kann cs doch mit dem Griechischen und Latein verglichen werden, weil die ganze Natur widerspricht. Und denn: so wenig unser Deutsch an Inversionen lcidet: so viele noch in den Formen desselben nach der Grammatik liegen: so manche noch aus den vorigen Zeitaltern zurück gezogen werden können, die unrecht aufgegebcn sind: — so wird doch nie unsere Sprache kindisch mit Wortvcrsetzungen, wie im Brcte, spielen können. Auch in der Verkettung und Gliederfolge unserer Perioden bemerkt man den Gang cines Deutschen, der freilich nicht wie ein Kind Hüpfen, und springen will wie ein Gaukler: sondern dem cur einförmiger, gesetzter und männlicher Gang eigen ist. *) Prospekt zum lournrU etr-inAer. 176s. Erste Sammlung- 62 9 - Unsere Sprache ist reich an Idiotismen, und Idiotismen sind Patronymische Schönheiten, und gleichen jenen heiligen Oelbäumen, die rings um die Akademie bei Athen ihrer Schutzgöttin Minerve geweiht waren. Ihre Frucht durste nicht aus Attica gehen, und war blos der Lohn der Sieger am Panathenäischcn Feste. Ja da die Lace- dämonier einst alles verwüsteten: so ließ die Göttin es nicht zu, daß diese fremde Barbaren ihre Hände an diesen heiligen Hain legten. Eben so sind die Idiotismen Schönheiten, die uns kein Nachbar durch eine Ucbersctzung entwenden kann, und die der Schutzgöttin der Sprache heilig sind: Schönheiten in das Genie der Sprache verwebt, die man zerstört, wenn man sie austrcnnct: Reize, die durch die Sprache, wie der Busen der Phrvne durch einen seidenen Nebel, durch das Wasscrgcwand der alten Statuen, das sich an die Haut anschmiegct, durchschimmcrn. Idiotische Schriftsteller also, die selbst den Eigensinn ihrer Sprache nutzen, aus dem Ueberflüßigcn und Unregelmäßigen derselben Vortheile ziehen, aus ihren Fundgruben Scheätze hcraufholen, und so schreiben, als sich nur in dieser Sprache schreiben läßt, sind ein Schatz der Nation: sie sind Nationalschriststcller in hohem Verstände. Die Tugenden und Schönheiten ihres Ausdrucks wurden keinem fremden Lande entführt, sondern aus ihrer Sprache gebohren; und so wird man keine Kriege um eine geraubte Helena zu befürchten haben. Eben so schwer lassen sic sich entführen: sie sind wie Gewächse, die unter einem fremden Him- E 2 68 Fragmente zur deutschen Littratur. mcl sterben, und also Vorzüge ihres Vaterlandes. Ucbcrdcm können sie sich der Denkart ihrer Nation so genan anschmiegen, daß dieselbe in jedem Wort, das ihrer Zunge entwandt ist, in jedem Zuge, darin sie sich stnvcrmnthet wiedersindct, die Freude des Wudercrkennens fühlet, wie, wenn man unvcrmu- thct einen Landsmann, einen Verwandten, einen Gespielen unserer Jugend in einem fremden Lande erblicket. Wie wir alsdenn auswallcn und ihn umarmen: so wall.n wir auch dem cigenthümlichcn Ausdruck entgegen, der sich mit unfern Sprachwerkzcu- gen zusammen bildete, mit unfern Seelcnkrasten gemeinschaftlich aufwnchs, und der uns also an die Freuden unserer Jugend erinnert. Woher lieben die Britten so sehr das Launische in ihrer Schreibart? Auch deswegen, weil diese Laune unübersehbar und ein heiliger Jdiotismc ist. Warum haben Shake- spear und Hudibras: Swift und Ficlding: sich so sehr das Gefühl ihrer Nation zu eigen gemacht ? Weil sie die Fundgruben ihrer Sprache durchforschet, und ihren Humor mit Idiotismen, jeden nach seiner Art und seinem Maaß, gepaart haben- Warum vcrthcidigcn die Engländer ihren Shakc- spear, selbst, wenn er sich unter die Lloncstti, und Wortspiele verirrt — Eben diese Loncetti, die er mit Wortspielen vermahlt, sind Früchte , die nicht in ein anderes Clima entführt werden können: der Dichter wußte den Eigensinn der Sprache so mit dem Eigensinn seines Witzes zu paaren, daß sie für einander gemacht zu scyn scheinen: höchstens gleicht jemc dem sanften Widerstande einer Schöne, die blos aus Liebe spröde thut, und bei der ihre jungfräuliche Bescheidenheit doppelt reizet. Erste Sammlung. 69 Und nirgends reizt diese idiotistische Schreibart mebr, ja nirgends ist sie unentbehrlicher, als bei Schriftstellern der Laune, bei Dichtern von eigner Manier, und in dem Vortrage für den gemeinen Mann, der auch in Schriften leben soll. Nimmt man diesen das Idiotistische ihrer Sprache, als einer lebendigen, als einer angebohrnen, jals einer Nationalsprache: so nimmt man ihnen Geist und Kraft. Es muß auch wirklich schwer senn , zu diesen Geheimnissen der Sprache zu gelangen , weil wir unsere wahre idiotistische Schriftsteller in allen drei Gattungen leicht aufzählcn können. Deutsche Humoristen haben wir wenige, und selbst Nabner ist kein Deutscher National-S w i ft, was den Geist seiner Ebaraktcre, seiner Laune, seiner Schreibart betrifft. Von unstrn komischen Schriftstellern im lau- nigtcn Ausdruck— vielleicht keiner als Leßing, wenigstens keiner so cigenthümlich als er. Und an einen Deutschen Cervantes, Hudibras, Tri- stram, und wie die guten Leute mehr heißen, laßt sich bei unserm Antonio von R 0 saIva, bei unseren R e n 0 m in i ste n, und noch weniger bei andern Schriftstellern kaum gedenken. Die Ursachen von diesem Mangel sind eben nicht so schwer zu finden aber desto schwerer abzuthun. Daß die Deutschen so gewaltig viel Laune in ihrem Charakter haben, mag jemand*) glauben, und in die Welt hinein schreiben , der nichts weniger als eine Deutsche National- *) Löwe, Anrede an die Hambnrgischen Schauspieler rc. -o Fragmente zur deutschen Literatur. bühne im Kopfe hat, von der ich noch nicht erreichen kann, warum sie so heißte Ich für meine Person glaube dies von den ernsthaften, unsirchen, und oft gezwungenen Sitten der Deutschen nicht; mag mich aber darüber jetzt nicht einlafsen; da ich b!os von Schreibart rede. Hier -finde ich in unserer ernsthaften Sprache nicht eben so einen Ucbcrschuß von Idiotismen für das Lächerliche, und lasse hierinn z. E. der Französischen Sprache ihren Vorrang willig. Ich habe vor einiger Zeit meine Nebenstundcn auf eine Untersuchung des Lächerlichen in Sitten, und des L a- cherlichen in der Vorstellung und dem Ausdruck, nach seinem Hauptbcgrifs und seinen vielerlei Arten, gewandt: und habe im Französischen wirklich mehr Worte gefunden, weil diese Nation, die obne das mehr und lieber lacht, als die Deutschen, mehr Bemerkung aus der Cultur des Umganges zieht, als wir, und sich überbaupt Mehr zu erklären w.iß, wie oie Seele durch den Körper spricht, als unsere Sprache. Dazu kommt noch die im Französischen Angeführte Freiheit, komische Wörter schaffen zu können, die ihr komisches Lexicon noch immer vermehrt. Ich gebe also dem Vorredner des jonrnal strunAvr ni.der den Deutschen Kunstrich- tcr*) Recht, daß die Französische Sprache einen grösser» Vorrath von Lachidiotismcn habe, als die unsere — nur freilich hat die unsere deswegen noch keinen Man.-.el. Vielmehr stehet ihr hierinn nichts so sehr im Wege, als das Zierliche, das Regelmäßige, das Cla s si sc h e, das sich jeder geben will. *)'Prospecl zum journal etriinAer, iwnk. Litr. Br. Th. i6. p. 8. Erste Sammlung. 71. Kein nngcwagtes Wort soll gewagt, kein Ausdruck aus dem gemeinen Leben ausgenommen werden, der nicht schon in Büchern abgedroschen ist: kcin Ei en- sinn kann erlaubt werden, so bald er cin Eingriff in eine Regel scnn kann. Kunstrichter wünschen nichts so sehr, als geläufigen Styl, Ausdrücke, die sür alle Sprachen geräumig, für alle Denkarten gedehnt genug sind, und das, was so recht nach ihrem Sinne, wo keine Regel beleidigt, keine neue Freiheit gewagt ist, wo alles in langsamem Schritt, nie ein beladener Maulesel, trabet, das ist klassisch. Aufcinmal sind mit diesem Worte alle idi- otistische Schriftsteller weg, denn der wird nicht gerne klassisch scyn wollen? Und um dies, ist ja kein anderer Weg, als zu schreiben, wie die Regclnschmi- de, die Pedanten der Rcinigkeit, und des Ucblichen in der Schreibart, die Eroßsiegclbcwahrcr der Keuschheit einer Sprache an ihren geheimen Orten, wie diese cs wollen. Und diese wollen? — was so ist, wie sie schreiben: und sie schreiben? wie alle Mensche» vor und hinter ihnen schreiben. Nun lebet wohl, ei genthü m l i ch e Schriftsteller, dje ihr nicht so schreiben, die ihr eure Sprache weiter bringen wolltet: lebet wohl! Man pfeift euch ein Li.dchcn nach: Es war einmal rc. u. s. w> man spottet curcr, statt euch zu hören. Wollt ihr nun nicht verspottet, sondern noch drüber gelobt seyn. wohl! so schreibt, wie anders ehrliche Leute, mit vielen Worten Nichts! — So viel Christen sind auf diesem Wege in den Himmel gekommen, und so viel Schriftsteller in den Canon klassischer Autoren ausgenommen, ohne daß sie an neue Ausbildung der Sprache, an Nutzung ihrer verborgenen Schatze ge- 72 Fragmente zur deut'ch.n Literatur. dachten! der Weg ist leichter, sicherer, rühmlicher; lebe wohl Laune des Ausdrucks! Darf ichs sagen, daß wir eben dieser Sklaverei des Ueblichcn und Geziemenden wegen, noch so weit hinten sind, uns eine eigenthümliche Prose, die vom Munde weg spricht, zu geben? Wer wird es wagen, ein wahrer Schriftsteller des Volks zu se»n, den höchsten Kranz, den Abbt auf allen seinen Rennbahnen erobern wollte? Ablcnken muß man von der Landstraße unserer Predigten, unserer Wochcn- schnftcn, unserer akademischen Geschichtschreiber — und wer wird das wollen? Unsern kritischen Gesetzgebern zu Dank hat auch Abbt nicht geschrieben: und warum ist, seines Stpls ungeachtet, ungeachtet des Wenigen, was er geleistet hat, die Trauer um ibn so allgemein? Uebcrall fühlt man bei seinen Schriften mächtig, was sich nicht überall deutlich saacn laßt: er starb für Deutschland und für seine Sprache zu früh! Und wollen wir einmal über Materien des gemeinen Lebens auch in einer andern, als Katbedersprache, schreiben: so müssen idiotistische Schriftsteller seyn, die den Bücherton zur Sprache des Umgangs, der Prose die vom Munde weg spricht, herunter stimmen, und mit Anstand dem Volke seine Idiotismen rauben. Idiotismen des Ernstes und des philosopischen Nachdrucks sind in unserer Sprache die häufigsten: sie drangen sich wie die Avrmidoncn des Achills an einander: „Schild an Schild, Helm an Helm, „Mann an Mann: wie wenn ein Baumeister in der „Mauer des hohen Pallastcs Stein an St.in fügt, „um den Stürmen der Winde zu trotzen." Hierin Erste Sammlung, 7 ^ waren unsere e igen th ü m li c h st cn Dichter am glücklichsten: und wenn man seine Hand stark fühlet, um die besten Idiotismen derselben zu wagen: so wird das Ucbccgewicht gewiß auf diese Seite des Emsts fallen. Und waren Idiotismen zu nichts gut: fo cröf- nen sie doch dem Spcachweisen die Schachten, um das Genie feiner Sprache zu erkennen, es mit dem Genie der Nation zusammen zu haltcn, und beide aus einander zu erklären. Mir fallt E. cin^), daß es sich sehr wohl aus der Zcic unserer Vorfahren erklären li.ße, warum wir die Sonne lind der Mond; andere Nationen aber umgekehrt sagen; weil ncmlich die Mythologie, die Zeitrechnung und Lebensart der Volker andere Gesichtspunkte nahm, und andere Gestalten bildete *) **). So vermuthet M i- chaclis ***) aus der botanischen. Lebensart der Morgenländer, daß sie die Pflanzengeschlcchter gekannt, und sie deshalb also in den Artikeln der Sprache unterschieden. So würde, wenn das Latci- *) Zur Winkelmannischen Schrift von der Allegorie, p. 3. "s Ich finde aber, daß die deutsche Sprache vielen Wörtern in späterer Zeit das Geschlecht verändert, vielen wider ihre Natur, wie z, E. der Sonne, in die Sonne; vielen aber ihrer Natur gemäß, wie mir z. E. der Vlume, der Luft, der Rose, das Zeit, der Christenthum unnatürlich scheint. Siehe die Proben der Schwäbischen Poesie, 8. Vor bericht XL.Il. ***) Preisschrift äo UiuklnenLs cles lgntzues eto. 74 Fragmente zur deutschen Literatur. Nische kusws in Kerker*) unserer Sprache fremd wäre, die Ursache in nichts zu suchen scyn, als-daß dieser Idiotismus für unsere ^kältere und härtere Nationalsprache zu weich klänge. Die Idiotismen jeder Sprache sind Abdrücke ihres Landes, ihres Volks, Uwer Geschichte: Uebersetzer von Kopf müssen in ihnen allemal vielen Stoff zu Betrachtungen finden können: und der erste, der auf eine philosophische Grammatik für uns denkt, wird unter ihnen, wie unter Heiligthümcrn wandeln: und eben an ihnen sich zum Sprachwciscn seines Volks bilden. Auch bei einem einzelnen Autor giebt die Kühnheit und Art seiner Idiotismen Anlaß, auf sein Genie Acht zu haben. Derselbe Blick, der die Begriffe, wie Farben im Sonnenstrahl, theilt, nimmt auch die Lichtbrechung in den Nuancen der Sprache wahr. Der mittelmäßige Scribcnt bequcmt sich, nach dem ordentlichen Wege, um ins Cabinet seines Fürsten zu gelangen; dieser besticht, jener betrügt, ein anderer schmeichelt: und ein Pythagoras laßt sich beschneiden, um hinter die Vorhänge der Weisheit zu kommen. Ein kühnes Genie durchstößt das so beschwerliche Cercmoniel: findet und sucht sich Idiotismen; grabt in die Eingeweide der Sprache, wie in Bergklüfte, um Gold zu finden. Und betrügt es sich auch manchmal mit seinen Goldklumpen: der Sprachcnphilosoph probire und lautere es: wenigstens gab es Gelegenheit zu chymischcn Versuchen. Möchten sich nur viele solche Bergleute und Schmelzer in Deutschland finden, die, wenn die Deutsche Sprache eine Berg? und Weibsprache ist, Nord. Aufs. St. - 6 . Erste Sammlung. 75 auch als Gräber und Jäger sie durchsuchten. Calor schrieb über die Aehnlichkeit der Sprachen; Varro über die Etymologie; Leibni; schämte sich nicht, ein Sprachforscher zu scyn, und wir, trotz unserer Deutschen Gesellschaften, haben hierin wenig oder nichts gcthan. rn. Männlich und stark ist also unsere Sprache in ihren Elementen — rauh und fest in ihren Sylben- maaßen — gesetzt und langsam in ihren Wortver- kehrungen — nachdrücklich und ernsthaft in ihren Idiotismen: soll ich also u nscrcr ga n z en S c h re i klärt Eharakrcr geben: so nehme ich diese Stücke zusammen, und sage: ernsthafte Prose, ticf- sinnnge Poesie: dieß ist der Platz, den unsere Nation vielleicht am cigcnthümlichstcn nehmen konnte. Nehmen darf sie ihn nicht mehr: sie hat ihn schon: hat ihn vorzüglich vor Alten und Neuern: hat ihn in allen Gattungen der Schreibart; nun suche sic ihn nur zu behaupten, und sich vor den nahe liegenden Abwegen zu hüten. Der Verstand hat sie aul einen erhabenen Hügel gestcllet: hier stehe sie, ohne andern Nationen ihren Platz zu beneiden, und Gemsenartig nach dem Gipfel derselben überspringen zu wollen. Sie verliere sich aber auch nicht auf die kleinen Ncbenhügel, rings um ihren Sjz, oder steige an den Fuß des Berges, um daselbst zu schlummern. Beides haben wir gcthan. Bald andern Nationen nachgeaffct, so daß Nachahmer beinahe 76 Fragmente zur deutschen Literatur. zum Beiwort, und zur zweiten Splbe unseres Namens geworden. Bald von dem uns eignen Wege so sehr aus die nahen Abwege uns verkehren, daß wir fast mehr aus diesen auf die Hauptbahn schließen, und zwischen hin dieselbe auf gut Glück zeichnen meisten, als daß sic geschlagen und betreten vor uns wäre. Unsere Deutlichkeit hat sich bis ins Gebiet der Langcnweile vcrlohren: unsere Gründlichkeit schleicht gern in halbdunkle dämmernde Winkel: unser Rcich- thum an Gedanken und Bildern ist in wilden Uebcr- fluß nusgc^chossen: unser Ernst wird oft mürrische Trockenheit — und wenn zu allem noch die Nachahmungssucht dazu kommt: muß man da nicht patriotisch, wie Hamlet der Dane sagen: inäesck, it isless ssrorn onr atvftievsrnsnt?, tUo' zmesorm'ck nt UsiAkit, Urs pitlr airck nrarrorv ok our attrikrüts. Lastet uns einige dieser Abwege an andern, und wenn es besser ist, an uns selbst bemerken, den wahren Weg um so besser zu treffen. Unsere witzige Prose hat, nach den meisten Büchern zu rechnen, noch den Ton der alten Wochenschriften, deutlich, und bis zum Gähnen deutlich zu seyn. Weil unser Publikum nicht vor gar zu langer Zeit entweder so blödsichtig war, daß cs blos einen Flecken sähe, wo andere ein sein gezeichnetes Gemälde erblickten; so bequemten sich die Schriftsteller nach dem Leser. Das Buch ward das beste, was ihnen die angenehme Ruhe ließ, im Lesen wenig zu denken, was ihnen das Vergnügen schaffte, hie und da ein Blümchen zu finden, ohne sich beständig bü- Erste Sammlung. 77 cken zu dürfen, was sie in den süßen Traum einwieg- te, das hier zu lesen, was sie selbst schon gedacht zu haben glautcn. Das Büchcrschniben ward von Verlegern ausgepachtct, und man bcqucmt sich nach dem Geschmack seines Lehnherrn. Das Publikum bestand aus einigen Journalisten, die nicht zu denken, wohl aber zu recensircn Zeit hatten; von diesen wurden andere angeführt und gleichsam gebildet. Hier und da fand sich ein Macen, der Arbeiten liebte, lobte, und lohnte,' die ihm nicht viel Kopfbrcchens machen — nun denke man sich diese R.ihe von Lesern; man wird entweder die Feder aus der Hand werfen, oder man wird sie eintunkcn, nicht wie jener Grieche in Verstand, sondern in wasscrichtts, phlegmatisches Gehirn; dieß hat wie der Mond eine sympathetische Einwirkung auf leere Köpfe. Willst du ein Kirchenvater bei Toiletten und Ruhebetten seyn; entmanne deinen Stil, wie jener Origenes sich selbst, um des Himmelreichs willen: alsdcnn wirst du allen allerlei, wenn die Andachtsseufzer sich bei dem Lesen deiner Schriften mit dem Gähnen satter und bequemer Zuhörer vermischen können. O wenn man die Stöße von Deutschen Monats-, und Wochen - von Lehr-und Trost- und. Erbauungs - und Lustccichcn Schriften siehet, die vormals und auch noch jetzt gelobt , gesucht und geschmiert werden: muß man nicht ausrufen: O cmras stoniinnrn, «znUntuin est in. rssius inuns! Ilsio ulii^ni«, cni ciruurn liunisros sivucuntsiiiiu ^ laenu sst, üancicknluin yniäcisni sislsiu cis nars loantus kst;Mäa8, H)'xsip>)-1us, vutnrnst xlorudils si quiä 76 Fragmente zur deutschen Literatur. LIignat, et tenaro üupplsniat vcncha ^.--ssn^srs viri -- euLN intar pocnla giraerunt Ilomulielus karuri, igriiel clia ^omnsta uarrent. Daher tragt ein Christ am Sonntage, und so viel Baude Andachten, und Erholungen und Zerstreuungen, und Briefe, und — den Preis wegen der Deutlichkeit davon: sie schreiben für die lange Weile des Publikum : ihre Bücher sind also des Ee- dernöls und Marmvrbandes werth, und auf ihrem Grabe werden, nach dem Spott des Pcrsius, Rosen und Violen wachsen. Ich führe.keine namentlich an; ich müßte Aerzte, und Aufseher und Greise rc. auch nennen, Uno für diese Stande habe ich alle gehörige Ehrfurcht. Wie? würde cs den Deutschen Anstand beleidigen, wenn man Deutschen Nachdruck mit Französischer' Munterkeit, und Deutlichkeit mit Abwechselung würzte? — Endlich einmal aufhörte durch langweilige Prose gegen unsere Nachbarn so gute Alte vorzustellen, als der Ehremes des Tcrenz gegen seinen Davus? Uns fehlen freilich witzige Aebbtc — Ton angehende Damen — einmal canonisirte Galanterien — Schönheiten denen man Wahrheit und alles aufopfern muß. — Aber so etwas könnte man entbehren, oder mit der Zeit bekommen, oder schon haben — oder wie man will; allein -— Wo bliebe alsdenn die Deutsche Gründlichkeit? Ja! das hatte ich vergessen! Nun muß man wahrhaftig die Augenbraunen zu einer Wolke zusammen ziehen, um der Pallas nachzuahmen, wenn sie bei den Griechen, als Erregerin des Volks, erschien H crsn tlis Lenoki, grout in tlas Laclclls: Nlaat oou'cl as well kincl o'er, as srvaclcllo, 80 sorno ob arnxhiibious lblaturo, . eitlasr kor ilas I^anck or Water: Und denn die Französirendcn leichten Völker, die in Kritischen Briefen, und Arzneien und Posfen, mit Französischen Modeausdrückcn um sich warsen, und als Schmetterlinge umher schärmten. So hat auch die Nachahmung der Britten den Geschmack in der Dichtkunst gebohren, der nichts so gern hat als Malereien voll ausgestopfter Bilder, mit Farben und Beiwörtern überladen, der aber eben so weit von der Einfalt der Griechen, als der starken Kürze unserer Sprache abweicht. Auch in der Prose hat sich schon der übersatte Geschmack zu zeigen angefangen, der den Perioden mit Bei-und Neben-und Bindewörtern, mit Synonymen und EpithetcN überladet, ihn nach der neuesten Mode mit Griechischen Namen und antiken Bilderchen ausstaffirt, und ihn in dieser für Aug und Dhr und Seele widerlichen Gestalt vorführet. Da dieser geblümc'te Styl die neueste Modeschön- hcit ist: so wird man mich ohne ein Beispiel nicht verstehen — und so sey denn dies aus einer der neuesten Schriften. — Diesmal nur die Vorrede. Die Vorrede zu den Versuchen aus der Literatur und Moral, ist so voll Blumen und Wortschmuck, daß wir dar- Erste Sammlung. über fast keine Gedanken sehen, und wenn man endlich mit zwo geschäftigen Händen, Blumen und Blüthen aus dem Wege gescharret, erblickt man ein mageres Skelett der bekanntesten Sätze. Ucber- dem bat der Autor bei seiner gezierten, kostbare» Schreibart weder das »olle Maas eines antiken Perioden im Ohr, noch das einfältige Ideal der Griechen, über die er schreibt, vor Augen: denn schon sein erster Periode ist mit einem sechsfachen Und durchschnürt, wozu noch ein Knote von Oder kommt: er ist mit feiner Reihe von Nebensätzen, von Halb- Synonymen, nichts mehr, als künstlich und widerlich. Ja, wenn wir übcrdem den Verfasser zu einer Kleinigkeit die Hand so weit ausholcn scherst, daß uns nicht für den Streich, sondern für sein Auf- rechthalten bange wird — was können wir anders, alS diese mühsame Kostbarkeit beklagen? er will Pope's Regel anfahren: „man müsse die Alten mit „dem Geist lesen, mit welchem sie geschrieben!" Eine Regel, die eben so gut und noch eher aus Quin tili an und andern anzuführen wäre, als aus Pope, wenn nicht bei Gelegenheit des Namens Pope, und eines erborgten Urtheils von ihm, vorher in fünfzehen Reihen sollte ein Geklingel voll Belesenheit und Geschmack erregt werden *). Wird dieser *) Vorrede zu den Versuchen aus der Literatur und Moral, S. 3 und st. „Poung mag „dem Pope den Verdienst" (der Verdienst nrsr- oes, und das Verdienst niarltum sind wenigstens nach meiner Mundart unterschieden) „Original zu „seyn absprechen; hat er die Alten beraubt: so „erobert er wenigstens als ein König, der sich „die Provinz huldigen laßt, die er mit Gewal F 2 84 Fragmente zur deutschen Literatur. Geschmack in der Schreibart wieder Mode, so wie er schon in sehr berühmten, und beliebten Büchern als schön und überschön angepriesen ist; — nun! so sind wir Gort sey Dank! in dem Jahrhunderte zurück, da ein himmlischer Redner im Erbauungs- „einnimmt. Es liegt wenig daran, ob die Ge- „setze, die er von der Kritik giebt, aus dem „Aristoteles und Horaz geschöpft sind, und dies „würde ich doch nicht allgemein zugeben; wenn „sie nur wahr und auf die Natur gegründet sind. „Dieses erleuchtete Genie, das unter dem ernsthaften didaktischen Tone eben so lehrreich ist, „als unter der Maske des Hudibras und ,,M artin Skribbler, fodert u. s. w." Nun! das heißt eine magere Forderung, ein kritisches Regelchen, das der Verfasser eben so gut als Pope vorschreiben mag, gelehrt und m/t Geschmack vorbereiten! das heißt citiren! Eben als wenn Pope nicht so etwas fordern kann, wenn er auch Nicht original, nicht ein königlicher Eroberer wäre! Eben als wenn wir um seine Regel zu wissen, zu glauben, es vorher wissen und glauben müssen; „er sei ein erleuchtetes Genie gewesen, unter „dem ernsthaftesten didaktischen Tone so lehrreich, „als unter der Maske des Hudibras und Skribb- „lers! Und eben als wenn man, um dies Regel- „chen anzuführen, sich vorher mit einer Bürger- „meistersmiene darauf eintaßen müßte, ob er aus „Horaz und Aristoteles geschöpft oder nicht! „Dürfte man dem Verfasser seine Worte nicht „umkehren, die er hinzu setzt: „wie viel Worte „und wie wenig, was sie enthalten!" zu Deutsch; wo guiä nemis! Erste Sammlung. 85 styl austrat: „der Allcrdurchlauchtigste rc. rc. rc. — „König Salomo, ein leiblicher Sohn des grossen rc. „rc. rc. und der tugendhaften rc. rc. rc. der Weiseste „rc. rc. rc. der dreyhundert Weiber rc. rc. rc. — läßt „sich im — Kapitel rc. rc. rc. also vernehmen. " Nun Gottlob! Land ! — Das und noch mehr als das mag der gute Salomo alles gewesen seyn; aber Wohlchr- würdiger Herr! wer weiß das nicht schon? und wie kommt das hieher? llarri äio, kosturns, cls trib us vaxsllis. Können wir das Gute nicht anders, als im Ue- bermaaße, kosten und es nicht anders zeigen, als wenn wirs übertreiben? Hieher gehört auch bcy unser» besten Schriftstellern der Fehler, da die Fülle der Gedanken und der Vorrath an Bildern im Perioden sich hauset, sich stoßet, und aus Mangel der Oekono- mie in Unordnung gerath. Ost verrath diese Verschwendung den Mangel zuerst: so wie ausgelassene Ueppigkcit mehr den scheinbaren als wahren Wohlstand begleitet. — Wann wird unser Publikum aufhören, dieses dreyköpsichte apokalyptische Thier, halb Deutsch, Französisch und Brittisch auf einmal zu seyn? Wann wird man den Platz einnehmen, den unsere Nation verdient, Prosedes guten gesu ndenVer stände s, und Poesie der Vernunft zu schreiben? Oder vorher frage man, wann wird man aufhören, die besten Englischen Schriftsteller durch Uebersetzungcn zu verunstalten, und Prior, Milton, Poung, in elende oder mittelmäßige Hexameter zu übersetzen: ein Sylbenmaass, an das sic nicht im Traume gedacht haben? Wie lange wird man Popen in was. 86 Fragmente zur deutschen Literatur. serichter Prost, und Shake spear im ungleichsten, fast nie getroffenen Ton übersetzen? Wie riet könn- ten wir von den Britten lernen, und wie wenig haben wir gelernt! Ihr arbeitsamen Deutschen! Ein Deutscher Johnson fehlt uns noch, der das für die Deutsche Sprache wage, was jener für die sti- nige! Die Philosophie, das Nachdenken, das Sainm- lcn ist ja euer Theil, und wir stehen den Britten auch in unstrm Eigenthum nach? Wird es bald styn, daß ihr eure Sprache durch Untersuchungen, ihr Wcltwcistn! durch Sammlung und Kritik, ihr Philologen! durch Meisterstücke, ihr Genies! zu derjenigen macht, die, nach dem Plinius, „alten Sachen „Neuheit; neuen das Ansehen des Altcrthums; verkosteten Glanz; dunkeln Licht; widerlichen Reiz; „zweifelhaften Glaubwürdigkeit; allen aber Natur ^ verschaffen kann ? werden die besten Deutschen Schriftsteller zu ihrer Titelvignette, bald die drei Grazien, als Sinnbild haben können: die Thalia mit ihren» Füllhorn voll Früchte, die leichte, gefällige Euphro- syne, und die bezaubernde Aglaja? Lasset uns einige neuere Originalschriftstellcr ansühren, die diesen Grazien und mit ihnen dem Genius unserer Sprache geopfert haben, und die Ehre unserer Deutschen Literatur sind*). *) Anmerk. Ich würde meinen elastischen Schriftstellern einen Schimpf anthun, wenn ich ihre Schriften erst anführen müßt e. Man wird H a- g e d o r ne n nlchc mit dem Dichter verwechseln, von Moser seine ersten Schriften nehmen, Abbt Erste Sammlung. 87 ii. 1. Winkelmann, der Ruhm'der Deutschen selbst unter dem Römischen Himmel, den die Muse des Altcrthums und der Geschichte, die unsterbliche Clio, hat lassen gebohren werden, um die Kunst der Alten zu erklären. Ich führe es nicht an, wie ec die besten Blüthen jeder Antiken Schönheit in seine Seele gesammlet: wie er hier unter Sch'.isten, dort unter Denkmälern Auge und Geist gebildet: wie er seine Werke, so wie Raphael seine Gemälde, mit Feuer entwarf, und mit einem glücklichen Phlegma vollendete: wie er eine systematische Geschichte unter Ruinen und Ueberbleibseln liefern konnte: sondern ich muß mich hier blos auf die Schreibart einschränken. So wie die Attischen Jünglinge an dem Altar der Pallas Aglau ros ihrem Vaterlande den Eid der Liebe schwuren: so hat die Muse auch auf seine Schriften geschrieben: dem Vaterlande geweidet. Wenn ich mir zum Gebäude des Körpers die weise Einfalt des Sokrates, des Lehrers der Grazie, denke, wenn ich diesem Körper das Gewand der Natur von Lenophon, und von dem andern Schüler Sokrates, dem göttlichen Plato, die Flügel hoher Ideen gebe: so stehet ein Bild vor mir, als wenn es die Muse der Winkelmannischen Schriften wäre. Einfältig im Vortrage: natürlich in der Ausführung, und erhaben in den Schilderungen, sind im Sryl als einen deutschen Lacitus ansehen, den man lesen, studiren, nicht nachahmen muß, meine Worte von Spaldinss nicht aus den Gränzen der Literatur reißen, und die Grundlage zu der Enrwerfung des Hamannischen Charakters in seinen Kreuzzügen p. nag suchen. 88 Fragmente zur deutschen Literatur. sie Werke der Unsterblichkeit würdig, und der Name unsers Jahrhunderts. 2. Hagedorn hat der Göttin der Gemälde einen Altar von weißem Marmor errichtet, und mit vieler Annehmlichkeit um ihn Blumen zu streuen gewußt; das ganze Werk zeiget vielen Geschmack des Künstlers, noch mehr Kenntniß des Werkmeisters, und die feinste Kritik des Costume: das Bildniß der Göttin selbst aber ist dem Fleiß, der Mühsamkeit und Dauer nach, eine achte Mosaische Arbeit- Doch ich rede frei und ohne Schleier. Der Verfasser verrath viele Bekanntschaft in den Kunstsalen von hohem Geschmack, und in den Malcrakadcmien nach dem lieblichen; aber vielleicht etwas mindere in dem heiligen Haine der schönen 'Natur; daher seine philosophischen Betrachtungen über das Schöne :c. in der Kunst nie das Wesen erreichen. Für Lehrlinge ist sein Lehrbuch eine zu dunkle und in den Schönheiten zu verschlossene Encyklopadie der Malerei; desto angenehmer aber einem Leser, der eben so sehr Werkmann seyn will, als er leichte und galante Betrachtungen anhören, gelehrte und Wcltübliche Anspielungen verstehen, und dm ganzen Zuschnitt bis auf die kleinste Nuance Hofmäßig bemerken kann. Wenn Casar das Bild der Venus beständig bei sich trug, deren Sohn, ein zweiter Aeneas! er seyn wollte: so war sie freilich nach Römischem Geschmack bewaffnet; aber die Griechische Venus, wenn sie die Pallas überwinden will, ist nackt, und mit den Zierrathen ihrer irdischen Schwester nicht beharnischt. So kann auch ein Verfasser der Sohn der irdischen bekleideten Schönheit sepn, bei der man von dem Erste Sammlung. 89 schönen Gewände auf das darunter Verhüllte, und von dem schönen Anstande auf die Seele schließt- allein vielleicht würde ein Prvxenides *) über sein Kunststück urthcilen: führe diesen Paris in die Eleusinischen Heiligthümer, daß er die Schönheit nackt erblicke, und nackt sage. Indessen wer kann so genau die Granze finden, daß der Fleiß nicht Mühsamkeit verriethe, der Geschmack sich nicht manchmal mit schönem Eigensinn paarcte, und der Unterricht nicht oft nach Grundsätzen eine Lüsternheit übrig ließe. Ich urthcile frei, wie ein Deutscher I ihr Deutsche! haltet ein Werk wcrth, an dem der Franzose blos etwas vom Geschmack, der Britkevom Fleiß, und der Walsche vom Unterricht abborgen kann: das ganze ist euer! Von den Denkmälern der Kunst komme ich zu denen, die den Bürger bilden! Und da steht ein Deutscher Browne! 3 . Moser**) kennet das Schroot und Korn der deutschen Sprache: der alten Lutherischen Religion, der alten Freiheit, Ehrlichkeit, und gesunden Vernunft unserer Vater: und er kann mit mehrcrcm Rechte unser Deutscher Browne seyn, als andere Vermukhlich ein Cicerone. **) Dieses ganze Bild ist nach der Idee gezeichnet, die der Verfasser aus den ersten Moscrschen Schriften zog. Er stellet es hin, ohne untersuchen zu können und zu wollen: wie weit nachher Vielschreiberei, veränderte Situationen und halbverstandene Religionssatze den Herrn von Moser haben bringen können. go Fragmente zur deutschen Literatur. mit Platonischen Traumen, und mit ckncr hypochondrischen Fülle von politischer Tugend. Wie P arrha sin s dort den Geist der Athenienser mahlte, „der „veränderlich, rachsüchtig, ungerecht, unerbittlich „und gnädig, ruhmredig, erhaben und niedrig, „wild und feige und alles zugleich war" so könnte Moser den Geist der Deutschen mahlen, wie er war, und wie er ihn haben wollte. Alsdenn aber muß auch in dem Geschmack der Erfindung keine fromme Misanthropie, in der Zusammensetzung kein ungesunder Ucberfluß, in der Zeichnung kein schiefer Geschmack herrschen, der halb Französisch und halb Brit- tisch ist. Er liefere sein Werk auch der Form nach mit allen Deutschen Vollkommenheiten geschmückt: tiefsinnig, reich, und wahr in der Erfindung; voll Bedeutung in der Aufammcnfetzung, männlich in der Zeichnung, und in der Ausführung vollendet. Jetzo muß der ehrliche Deutsche Leser bei allen Moserischcn Schriften sämmtlich und sonders bedauren: daß der Minister zu sichtbar diktire, der Welkweise nicht Zeit genug, zu verdauen, und der Schriftsteller v nicht Muße genug, selbst zu schreiben und anzuordnen habe. Hätte der Verfasser irgend in Deutschland einen andern Amphi tryon, der die Macht und Geschicklichkeit besäße, seine zerstreuten Gedanken zu verbinden: die wassersüchtige Fülle in einen Körper zu verwandeln, wo volle gesunde Adern unter einer feinen Haut sich verbergen: ein zweiter Moser, der auch bisweilen sein Antipode ftyn könnte, um viele schwermüthige Klagen mit leichtem und gesundem Blut zu lesen, ja der ihn endlich davon abbrachte, ein Prediger in der Wüste zu seyn. — Sollte es nicht mit zur Deutschen Nationalfreiheit gehören, Erste Sammlung. 9 ^ daß ein Genie, welches selbst nicht Mutter seyn kann, fremde, wohlgebildete, aber ausgestoßenc, Kinder aufnabme, und sich an ihnen Mutterverdienst erwürbet Ein Patriot für drei Zeitalter in Deutschland verdient dies ! 4. Jetzt ein Censor, aber ein munterer Censor der Verdienste! Abbts Schriften sind für die Deutschen Original: der gute gesunde Menschen- und Bürgerverstand, der in ihnen herrschet, ist das Erbstück unserer Nation; die analytische Auslosung der Begriffe ist die beste Methode Deutscher Philosophie; die Fülle seiner Schreibart, die statt der Französischen Charaktere, und der Brirtiscken erdachten Beispiele, durch G e sc h ich l c lehrt, nährt unfern Geist, und das Eigenthümliche seiner Schreibart unsere Einbildungskraft. Das Feuer der Phantasie, in dem der Verfasser dachte und schrieb, aber niäst hatte lesen sollen, glüht jeden Leser an, der es versteht, ein Buch in eine Person, und todte Buchstaben in Sprache zu verwandeln; alsdenn hört man, und denkt und fühlt mit dem Autor. Kannst du aber, lieber Leser! nichts als lesen, nicht die Lücken, die dir überlassen wurden, in Gedanken selbst ausfüllen, nicht weiter denken, wo dir Aussichten eröfnet werden: so wirst du inne werden, was eben der Verfasser sagt: „dem Sprechenden helfen seine Gcberden „und der Ton der Stimme den Verstand bestimmen: „da dies alles hingegen in einem Buche wegsallt."*) *) Da Abbt in seiner Borrede den rverthcn Herrn Claville nennt: so führe ich einen andern Französischen Schriftsteller unscrs Jahrhunderts an: Draits äu, irrörrte p. Morrs. 1'H.blrs l.» st lvo Fragmente zur deutschen Literatur. sich diesen Namen anmaßen könnte. Eden weil ich in diesem Wert mrhr finde, als den Kern desselben, aus Grammatik und Schuloratorie heraus zu klauben, eben deswegen bin ich damit so eigensinnig und sparsam. Uebcrall höre ich clafsisch nennen: was ist denn elastisch? Elastisch für wen ? Elastisch in welcher Materie? Himmel! kann man denn alle diese Fragen übergehen? Und übergeht man sie nicht, wo wird man mit den meisten canonisirtcn Schriftstellern bleiben? Man bringt mir z. E. Gottscheds wohlweise Dicht- und Redekunst — ein elastisches Buch ? Das glaube ein anderer, als ich; ehe ich sie dafür, und für Sibyllinfcye Bücher bezahle: lieber ins Feuer! Man bringt mir Mosheims Akademische Lehrbücher — Elastische Schriften? für wen denn? zu claffinchcn Schriften träume ich mir doch ein anderes Publikum, als akademische Lehrlinge! Und in Lehrbüchern den einzigen Elas fischen Schatz der DuB'chen Nation finden zu wollen , ein ganzes Publikum zu Schulknaben zu machen — hier füble ich Schaamröthe auf meinen Wangen aufgeben! Man fakrt fort*): „Mosheims Geschichte des Servetus — Elaf- sisch!" ich bin noch verlegen! Nun ja denn endlich, wenn man will, classisch; aber doch nicht für jede Gattung der Schreibart? höchstens in einer eingeschränkten Gattung derselben, der Historie -— und noch enger in nicht nuhr als einer Gattung des historischen Styls; weiter nicht! —Jetzt tritt Abbt **) ') si Briefe über den jetzigen Zustand der sch.^ W. Breslau, 1/55. **) Lit. Br. LH. iZ. pag. g8. u. s. w. Erste Sammlung. 101 «n mich: „Uebcrsetzungen der Alten, wenn sie sind, ,,wie sie seyn sollen, kennen un ere claffischcn Schrift- „steller werden: " Ich zucke cie Schultern: kaum! denn bei d>m vortrefstichsten Anpafscn fremder Redensarten an meine Muttersprache, trete ich vielleicht ihrem eigenen Genie zu nahe: wenigstens wird mir dies nur immer die zweite Sache, und so schreibe ich nicht völlig aus, sondern höchstens nach derselben, oder derselben nicht zuwider: ist dies aber genug? Für meinen Eigensinn nicht! denn der — (nun nehme ich alle Zweifel zusammen) der wägt ein Buch nach dem Innern seiner Schreibart, und so kommen die Herrn Gottsched und Basedow gleich neben an, die vielleicht nicht einmal nach dem Aeufsern die Probe aushielten. Er will zum klassischen Schriftsteller, einen Autor für die N a- tion; und nun werden manche unserer akademischen Herren beiseit zu treten belieben. Er unterscheidet Gattungen d er S c h re i b art, deren jede ihre eigene Gcsichtszügc hat; ein Mcnschengesicht kann ja aber nicht für alle gelten, und ein Buch in einer Art d>r Diktion, nicht für alle andere ein Muster seyn. Ec fodcrt endlich, daß Rassische Schriften die Schatze ihrer Sprache aufochalten sollen : und so müssen dieselbe durchaus idiotistisch geschrieben seyn, so viel möglich, als wenn keine andere Sprache in der Welt wäre. Nun sind auch die Abbcischen Uebersetzungen fortgeschlichen, und ich stehe allein. Wo sind unsere vielen Schriftsteller, die nach ihrer Materie, und nach dem I n n ern ihres Vortrages für die Nation, aus den Tiefen ihrer Sprache, ihrer Art des Inhalts 02 Fragmente zur deutschen Literatur. aufs genaueste angemessen, so geschrieben hatten, daß sich nichts anders, nichts besser sagen laßt? Wo sind solche Schriftsteller in jeder Gattung der Schreibart? — Antworte doch statt meiner ein allzeitfertiger Kunstrichter, der blos aus seiner Grammatik und Redekunst mit leichter Zunge antworten kann, und über alle diese Bedenklichkeiten hinweg ist. Sey klassisch, wer da wolle! ich werde keinem Kranze aussetzen, noch rauben: das erste muß die Nation, das andere mögen Wortgrübler thun. Ich kann nichts, als sie wünschen, ihnen in die Hand arbeiten, und sie kenntlich anwenden. — Wollen wir claßischc Schriftsteller haben: so müssen — Akademien und Schulen nicht der einzige Sitz der Musen, und der Parnaß des Apollo sevn; denn was ist dem Charakter eines Schriftstellers der Nati on fremder, als wenn er mit dem Putz ikum , wie mit Schülern, vom Katheder herunter spricht? nirgends sein Auditorium, und seine Werkstatte vergißt? und sich alsdenn neben einen cheno- phon, Tacitus, Hume und Montesquieu dränget? Professor- und Paragrapbenslil ist hier nicht das einzige Hinderniß: ein weit größeres ist, den lehrenden Ton auch im Lehren zu vermeiden, Lesern ihre Gesichtspunkte abzulauren, bilde» und nicht unterrichten. Und Gottlob! daß wir schon so halb auf dem Wege sind: schon so weit, daß die lateini sehe Sprache nicht mehr für die Sprache Apollo's gilt: soweit, daß unsere barbarische Muttersprache uns schon anfängt, die liebste zu werden: so weit, daß die Schriftsteller der Bildung nicht allein aus Schulen und Akademien leben dürfen", oder nicht wie auf Schulen und Akademien schreiben. Nur werde dieser Ton der Welt allgemeiner: er mißrathe nicht auch bessern Schriftstellern oft: er werde herrschend in allen Schriften der Bildung, die ich hier von Gelehrsamkeit unterscheide. Wird er dies: so ist die Polhöhe zu elastischen Schriften bestimmt., Nun fange man an 'die Hauptgattungen des Vortrages , vom gesellschaftlichen Dialog an bis zur tiefsinnigen Philosophie in diesen Ton zu stimmen. Bekommt man in jeder nur einige — durch diese wenige Schaustücke ist man reicher, als durch jene Menge glatter Scheioemünzen , wo überall Kupfer durchblickt, bie leicht durch die Finger schlüpfen, und sich leicht vergeben lassen. So sind unsere lesbaren Schrist steller die kein Nationalschatz sind. Wollen sie dieses scpn, jso müssen sie zuerst in die Goldgruben der Sprache herab steigen, und auch Gesetz und Regel übertreten können. Ist also noch unsere Sprache in der Zeit der Bildung, da sie aus sich selbst vieles zurück nehmen, aus andern vieles annehmen kann: so ist sie noch in der Zeit der Versuche, der Bearbeitung. Muster und ewige Muster erwarten, (in den meisten Gattungen der Prosc,) vielleicht eine spatere Zeit» Lasset uns also nur i di v ti sti sc h e Schriftsteller, e i g en t h ü m l i c h für unser Volk, für Materie und Sprache seyn: ob wir klassisch sind, mag die Nachwelt ausmachen! io4 , Fragmente zur deutschen Literatur. III. Der Faden ist einmal gerissen; warum soll ich ihn mühsam anknüpsen? — Unsere Sprache ist in der Zeit der Bildung, und das Wort Bildung der Sprache ist beinahe als ein Losungswort anzusehen, das heut zu Tage jedem auf der Zunge ist, Schriftstellern,. Kunstlichtern, Ucbcrsctzcrn, Welt- weisen. Jeder will sic auf seine Art bilden: und einer ist ost dem andern im Wege. Wie also, wenn cs jedem erlaubt ist, zu bilden: so sey es mir dock) erlaubt, zu fragen, was bilden heißte was eine ungebildete Sprache sey? und was für Revolutionen andere Sprachen erlitten haben, ehe sie ausgcbildct erschienen? — Wenn jeder seinen eigenen Weg nimmt, um auf die Vollkommenheit einer Sprache gerade los zu gehen; ich sehe diese Wege sich durch- schneiden, gerade gegen einander laufen, von einander abgchen; ist cs nicht der Nachfrage Werth: wo denn alle hingchen? ob sie in ein Zauberschloß der Vollkommenheit zusammen treffen; oder ob man mehr als einen Merkstab stecke» müsse, wo sie hinaus laufen? — Damit will ich nun keinen Fußgänger auf seiner Bahn irre, und keinen Parthcigan- aer, dem alle Wege gleich gut sind, zu meinem Nachfolger machen: für mich selbst will ich dicSpra- che in verschiedenen Zeitaltern, auf verschiedenen Stufen, in mancherlei Gesichtspunkten der Bildung kennen lernen; vielleicht laßt sich denn über ihre Bildung was Gewisses bemerken, was Vollständiges entwerfen, und was Nützliches vorzeichnen. Allerdings behalte ich beinahe immer die Griechische Sprache*) im Auge; in und von welcher Erste Sammlung. io5 Sprache haben wir ft viele Urkunden, Nachrichten, Hülfsmittel? welche hat sich ft, ursprünglich und auf ihrem eigenen Boden zur Literatur gebildet ? welche hat sich so mancherlcy Gattungen der Literatur, auf eine ihr eigene ursprüngliche Art, anschmiegen gelernt? welche ist in allen Gattungen ft'vollkommen geworden? und welche hat ihre Zeitalter so ruhig durchlebt, dem Wachsthum der Natur ft viel Platz gelassen, und sich gleichsam Zeit genommen zur Bildung? Keine als die Griechische! Wenn Urkunden einer Sprache möglich sind; ft haben wir sie in ihr — in ihr eine Menge von Ueberblcibseln und Denkmälern und Nachrichten, als vielleicht nicht in allen übrigen der alten Sprachen zusammen genommen. Sie ist nicht wie die Literatur anderer Sprachen ein Baum, der, dem Erdreich als ein Fremdling erzwungen, durch die Kunst als ein Sklave aufgetrieben, und als Weichling erzogen, widernatürliche Pfropfreiser empfangt, und den ungesunden Fleiß seines Treibers nicht anders lohnen kann, als durch vorzeitige Früchte: durch Früchte, die das Auge betrügen, den Geschmack aufbringcn, statt ihn zu besänftigen, und am liebsten die Speise der Würmer sind: denn ft war die Literatur anderer Sprachen. Allein die ihrige war wie ein freiwilliger Baum, aus seiner Wurzel in schöner Erde langsam hervorgetreken: aus edler Natur gebar er edle Keime, gesunde Blatter, erquickende Blüthen, vollendete Früchte: ft mancherlei Gewächs - und Frucht- arten er empfing; ft wurden alle seine Säfte verwandt, und in seine Natur veredelt: nichts an ihm erstickte durch den überwältigenden Schatten eines zu nahen, hohen Baumes: nichts wurde durch die ik>6 Fragmente zur deutschen Literatur. nachbarlichen Erwachse verbittert: nichts durfte ln zu enger Luft verrotten — in freiem, seligen Revier breitete er sich mit allen Acsten und Zweigen aus, und ward die Krone aller seiner Nachbarn, und die Mutter so vieler Sprösslinge: heilig, wie jene Homerische Buche Junkers, auf welchem die Göttin der Weisheit und der Vater der Musen, Minerva und Apollo, in der Gestalt tapferer ansehnlicher Vögel saßen, und sich an den Helden vor Troja ergötzten. — Welche Sprache also, als sie, ist der Betrachtung, der Nachahmung würdiger; nur wer als ein Grieche, kann sie kennen, betrachten, nachahment — Ich wenigstens nicht, und so kann ich auch nicht völlig aus und nach ihr zeichnen: ich muß andere zu Hülfe nehmen: Muthmaßungen aufru- fen, — Hypothesen versuchen — doch warum so viel Vorbereitens auf eine Kleinigkeit, auf einen Roman! Von den Lebensaltern einer Sprache. Sowie der Mensch auf verschiedenen Stufen des Alters erscheinet: so verändert die Zeit alles. Das ganze Menschengeschlecht, ja die tobte Welt selbst, jede Nation, und jede Familie haben einerlei Gesetze der Veränderung, einerlei Lebensalter — und so die Sprache. Daß man dies bisher so wenig als möglich unterschieden, daß man diese Zeitalter beständig verwirret, werden die Plane zeigen, die man so oft macht, um eine Stufe aus der andern ausbilden zu wollen: man reiset das Kind zu früh zum Milchhaar des Jünglings; den muntern Jüngling fesselt man durch den Ernst des Mannes, und der Greis soll wieder in feine vorige Kindheit zurück kehren; oder gar eine Sprache soll auf widersprechende Art die Tugenden aller Alter an sich haben. Verkehrte Versuche, die schädlich würden, wenn nicht die Natur mit vielen nachthciligen Entwürfen einen Grad von Schwache verbunden hatte, der sie zurück halt. Ein junger Greis, und ein Knabe, der ein Mann ist, sind unleidlich, und ein Ungeheuer, das alles auf einmal seyn will, ist nichts ganz. Eine Sprache in ibrer Kindheit bricht, wie ein Kind, cinsylbichte, rauhe und hohe Tone hervor. Eine Nation in ihrem ersten wilden Ursprünge starret', wie ein Kind, alle Gegenstände an; Schrecken, Furcht und alsdann Bewunderung sind die Empfindungen, derer beide allein fähig sind, und die Sprache dieser Empfindungen sind Töne, — und Geberden. Au den Tönen sind ihre Werkzeuge noch ungebraucht: folglich sind jene hoch und mächtig an Accenten; Töne und Gcberdcn sind Zeichen von Leidenschaften und Empfindungen, folglich sind sie heftig und stack: ihre Sprache spricht für Auge und Ohr, für Sinne und Leidenschaften: sie sind größerer Leidenschaften fähig, weil ihre Lebensart voll Gefahr und Tod und Wildheit ist: sie verstehen also auch die Sprache des Affekts mehr, als wir, die wir dies Zeitalter nur aus spätem Berichten und Schlüssen kennen; denn so wenig wir aus unserer ersten Kindheit Nachricht durch Erinnerung haben, so wenig sind Nachrichten aus 108 Fragmente zur deutschen Literatur. dieser Zeit der Sprache möglich, da man noch nicht sprach, sondern tönete; da man noch wenig dachte, aber desto mehr fühlte; und also nichts weniger als schrieb. So wie sich das Kind oder die Nation änderte: so mit ihr die Sprache. Entsetzen, Furcht und Verwunderung verschwand allmählich, da man die Gegenstände mehr kennen lernte; man ward mit Auen vertraut und gab ihnen Namen, Namen, die von der Natur abgezogen waren, und ihr so viel möglich im Tönen nachahmten. Bei den Gegenständen fürs Auge mußte die Geberdung noch sehr zu Hülfe kommen, um sich verständlich zu machen: und ihr ganzes Wörterbuch war noch sinnlich. Ihre Sprachwcrkzeuqe wurden biegsamer, und die Accente weniger schreycnd. Man sang also, wie viele Völker es noch thun, und wie es die alten Geschichtschreiber durchgehends von ihren Vorfahren behaupten. Man pantomimisirte, und nahm Körper und Gcbcrden zu Hülfe: damals war die Sprache in ihren Verbindungen noch sehr ungeordnet und unregelmäßig in ihren Formen. Das Kind erhob sich zum Jünglinge: die Wildheit senkte sich zur politischen Ruhe: die Lebens - und Denkart legte ihr rauschendes Feuer ab: der Gesang der Sprache floß lieblich von der Zunge herunter, wie dem Nestor des Homers, und sauscltc in die Ohren. Mannahm Begriffe, die nicht sinnlich waren, in die Sprache; man nannte sie aber, wie von selbst zu ver- muthen ist, mit bekannten sinnlichen Namen; daher müssen die ersten Sprachen bildervoll, und reich an Metaphern gewesen seyn. Und dieses jugendliche Sprachalter war blos das Poetische: man sang im gemeinen Leben, und der Dichter erhö he te nur seine Accente in einem für das Dhr gewählten Rhythmus: die Sprache war sinnlich, und reich an kühnen Bildern: sie war noch ein Ausdruck der Leidenschaft, sie war noch in den Verbindungen ungefesselt: der Periode fiel auseinander wie er wollte — Seht! das ist die pocti che Sprache, der poetische Periode. Die beste Blüthe der Jugend in der Sprache war die Zeit der Dichter: jetzt sangen die und da cs noch keine Schriftsteller gab, so verewigten sic die Merkwürdigsten Thaten durch Lieder: durch Gesänge lehrten sie, und in den Gesängen waren nach der damaligen Zeit der Welt Schlachten und Siege, Fabeln und Sittensprüche, Gesetze und Mrtlologie enthalten. Daß dies bei den Griechen so gewesen, beweisen die Bu- chertitcl der ältesten verlohrnen Schriftsteller, und daß es bei jedem Volk so gewesen, zeugen die ältesten Nachrichten. Je alter der Jüngling wird, je mehr ernste Weisheit und politische Gesctzthcit seinen Charakter bildet: je mehr wird ermännlich, und hört auf Jüngling zu ftyn, und eine Sprache, in ihrem männlichen Alter, ist die schöne Pros«. Je mehr die Poesie Kunst wird, je mehr entfernet sie sich von der Natur. Je cingezogener und politischer die Sitten werden, je weniger die Leidenschaften in der Welt wirken, desto mehr verlieret sie an Gegenständen. Je mchr man an Perioden künstelt, je mchr die Inversionen ab- schaffct oder durch Kunst vermebret, je mehr bürgerliche und abstrakte Wörter eingeführet werden, je mehr HO Fragmente zur deutschen Literatur. Regeln eine Sprache erhalt: desto vollkommener wird sie zwar als Kunst, aber desto mehr verliert die wahre Poesie der Natur. Jetzt ward also der Periode der Prose geboren, und in die Runde gcdrehet: durch Uebung und Bemerkung ward diese Zeit, da sie am besten war, das Alter der schönen Prose, die den Reichthum ihrer Jugend mäßig brauchte, die den Eigensinn der Idiotismen einschrankte, ohne ihn ganz abzuschaffen, die die Freiheit der Inversionen mäßigte, ohne doch noch die Fesseln einer philosophischen Con- struction über sich zu Nehmen, die den poetischen Rhythmus zum Wohlklang der Prose herunter stimmte, und die vorher freie Anordnung der Worte mehr in die Runde eines Perioden einschloß: — dies ist das männliche Alter der Sprache. Das hohe Alter weiß statt Schönheit bloß von Richtigkeit. Diese entziehet ihrem Rcichthum, wie die Lacedämonische Diät die Attische Wollust verbannet. Je mehr die Grammatiei den Inversionen Fesseln anlegen; je mehr der Weltweisc die Synonymen zu unterscheiden oder wegzuwerfcn sucht, je mehr er statt der uneigentlichen eigentliche Worte einführen kann ; je mehr verlieret die Sprache Reize; aber auch desto weniger wird sie sündigen. Ein Fremder in Sparta siehet keine Unordnungen und keine Ergötzungen. Dies wäre ein philosophisches Zeitalter der Sprache. Einen Roman dachte ich denn wohl eben nicht zu schreiben, da ich meine Hypothese von der Natur einer Sprache in verschiedenen Zeitaltern, Gesichtspunkten und Gattungen der Schreibart aufsctzte. Erste Sammlung. r 2A Mein erster Augenpunkt war: wie ist sie als Sprache der Natur vor aller künstlichen Bearbeitung, in ihrer Kindheit? Wie muß sie sey», da du ersten Dichter, die Sänger der Natur, in ihr sangen? Wie wird sie sich ohngefähr mit den Sitten eines Volks zur bürgerlichen Sprache herunter bilden? Und wie, wenn sie den ersten natürlichen Prosaisten Raum giebt? In Poesien und Pcose verfolgte ich sie also nur bis an die Gränzcn der Kunst, und da ich sie unmöglich durch alle Schulen und Elasten der Gelehrsamkeit begleiten konnte: sprang ich mir ci- ncmmal zur höchsten Stuffe: wie, wenn sic eine philosophische Sprache im schärfsten angestrengten Tone wäre, wie denn? — Dies war die Seele meines philosophischen Sprachenromans, und zum Körper ward die Vergleichung mit den Z>it- und Lebensaltern der Menschen: eine Parallele, die mir natürlich, wahr, richtig und fruchtbar vorkam; ja aber immer nichts als Vergleichung blieb. Nun überließ ichs dem Leser, der gelesen hatte und denken könnte, dies Fragment von Sprachkunde sich selbst aus Geschichte, Sprachen und Wahrscheinlichkeit zu beweisen. Einige haben dies nicht gethan; andere mich gar auf unbescheidene Art gemißhandelt, über das, was sie nicht verstanden, und so muß ich an das verdrießliche Geschäfte: mich selbst zu erklären. i. Zum voraus aber ein.Wort zum Labial aufsdig- sen. dunkeln.Weg nahe an, den Ursprung einer Spra- ii2 Fragmente zur deutschen Literatur. che hin: für mich und meine Leser. — Es ist immer eins der angenehmsten Felder, auf welche sich die menschliche Neugierde verirren kann: über den Ursprung dessen, was ist, , zu philosophiren. Können wir eins nur halb mit dem süßen Traume schmeicheln, zu wissen: was etwas sey? unbefriedigt klettert unsere Wissbegierde sogleich höher an: war es immer so? wie ward es ? Zuletzt hat sie sich also bis auf den kühnen Gipfel verstiegen, auf dem sie wie ein Wol- kengefchöps erscheint: den Ursprung selbst wissen zu wollen: ihn entweder historisch zu erfahren, oder philosophisch zu erklären, oder dichterisch zu muthmaßcn. Das letzte ist freilich nur für die Einbildungskraft befriedigend: für den Verstand höchstens eine Spur von Fußtritten, um zu der Höhle zu kommen, wo der Riese selbst schlummert; aber auch in dieser Absicht voll Reiz. Die ältesten Nachrichten von der Kindchic der Welt: der Anfang merkwürdiger Verfassungen: früke Erfindungen in Wissenschaften und Künsten: die Kosmogonien, die sich jedes Volk erträumte: die dichterischen Fiktionen, in welche sich alle Weisheit und Kunst, bei ihrer Geburt, wie in Windeln cinkleideten — alle diese Ueberblcibsel von; Ursprünge der Dinge würden, wenn man sie als Reste eines alten Aeons sammlete, Baugerath zu einem Tempel seyn, der von Ruinen erbauet, groß ins Auge siele. — Mit welchem Vergnügen durch- traumen wir dichterische Erzählungen von diesem und jenem Ursprünge! hier den ersten Schiffer, dort den ersten Kuß, bier den ersten Garten, dort den ersten Tobten, hier das erste Camccch dort das erste Weib: Erdichtungen, in denen die Dichter unserer Erste Sammlung. rr3 rer Sprache noch so sparsam sind. Ovids Verwandlungen sind auf der einen Sute so unschmackhast, als Fecnmacchen nur seyn können; auf der andern aber, wenn sie aus der Mythologie uns bald dies, bald das erklären, wie es ward? fo lassen sie sich lesen als unterhaltende Anekdoten, aus dem Archiv göttlicher und menschlicher Erfinder, als Erdichtungen, die eine reiche dichterische Einbildungskraft gebar. Vor allen stehet auch hicrinn Homer voran, der eine ganze Geschichte in ein Bild; und die ganze Schöpfung einer Sache in ein mythologisches Märchen zu kleiden w.iß: in ihm laßt sich über die Philosophie der ersten Zeit so angenehm und begeistert schlummern, als in dem Tempel des dichterischen Apollo, der göttliche Träume sandte. Wüßte man nun den Dichter mit dem Philosophen zu verbinden, und was beide Isifecn, in Geschichte zu verwandeln: — ein Plan, den der elende k?o- 1)-äorus VerZilirrs so verdorben: — ei» Plan, zu dem G o g u c t mir vielem Fleiß gesammlet: — ein Plan, über dem Jselin und andere mit Ruhm gearbeitet, — was würde er werden, unter der Hand eines Weiscnüber dieKindheitder Zeiten? Gewiß mehr als ein Kräuselspiel der Phantasie und ein Zeitvertreib müßiger Leser. Mit dem Ursprünge einer Sache entgeht uns ein Theil ihrer Geschichte, die doch so viel in ihr erklären muß, und meistens der wichtigste Theil. Wie der Baum aus der Wurzel: so wachset Kunst, Sprache und Wissenschaft aus ihrem Ursprünge herauf. In dem Saamenkorn liegt die Pflanze mit ihren Thcilen; im Saamen- thier das Geschöpf, mit allen Gliedern: und in dem Herders Werke z. schön. Lit, u. Kunst, s, H F>n§mentc. , >g Fragmente zur deutschen Literatur. Ursprung eines Phänomenen aller Schatz von Erläuterung, durch welche die Erklärung desselben genetisch wird. Woher sind so viel Verwirrungen entstanden, als weil man den sparen: Zustand einer Sache, einer Sprache, einer Kunst, für den ersten nahm, und den Ursprung vergaß? Woher so viel Zrrthümer, als weil ein einiger Zustand, in dem man alles betrachtete, nichts anders als einseitige Bemerkungen, gcthcilce und unvollständige Urthcile geben mußte? Woher so viel Zwist, als weil jeder diese feine Begriffe und Regeln, so einseitig sic waren, für die einzigen ansahe, sie zu Lieblingsgedanken machte, nach ihnen alles entschied, und außcr ihnen alles für Nichts, für Abweichung erklärte? Woher endlich so viel Selbstverwirrung, daß man aus einer Sache, die nicht immer dieselbe blieb, immer verändert erschien, endlich nichts zu machen wußte — woher alles, als weil man den ersten Punkt nicht hatte, von dem sich das Gewebe der Verwirrung entspann, den Anfang nicht hatte, von dem sich nachher der ganze Knäuel so leicht abwickeln laßt, und den Ursprung nicht wußte, auf welchem die ganze Geschichte und Erklärung, wie auf ciner Grundveste ruhet. Nun tappen wir freilich in einem dunkeln Gefilde, wenn wir der fernher tönenden Stimme nach- schlcichen: wie entstand dies? und bei wenigen Entstehungen ist um uns so viel Nacht, als bei de^ Frage: wie entstand die Sprache? Die Ursachen, die diese Dunkelheit weben, lassen sich leichter zeigen, als verjagen. Ich versuche sie anzuzcigcn : denn vielleicht laßt sich eher eine Wolke zertcciben, wenn Erste Sammlung. ii5 man weiß, woher sic entstand? und wenigstens wird mancher, den dieser Weg so Helle dünkt, behutsamer gehen lernen. Der sicherste Weg zu Kenntnissen über die Kindheit der Sprache, wären historische Nachrichten; allein daß diese Nachrichten möglich, daß sie sicher sind, daß sie bis auf uns reichen —dazu wird selbst eine der schwersten und spatesten Erfindungen erfo- dcrt: die Kunst — Ich will nicht sagen, die Kunst zu denken: sonst käme ich in das Labyrinth: wie weit hat die Kunst zu denken, die Kunst zu sprechen, und diese jene gebildet und ausgcbildet? — Ich bleibe also blos bei der Kunst zu schreiben: zu schreiben, was man will: ewig zu schreiben. Und wie viel später ist diese Erfindung, als die Kunst zu sprechen, und zu sprechen was man will? Und wie viel Revolutionen hatte die Sprache überlebt, ehe man so weit kam ? und ehe man an eine schriftliche Nachricht dachte? Und wie viel Jahrhunderte gilt diese letzte Kunst, so wie sie da war, Nichts? Selbst die Tradition, damals die einzige Bewahrerin historischer Nachrichten hatte sich langst heißer ge- schrien, sich mit Lügen und Fabeln vermischt, che man die Uebcrblcibsel ihrer Sage schriftlich aufnahm. Sie konnte, wie die Echo, nur immer eine andere Echo wecken, ihr einen schwachen verkürzten und halben Laut übergeben: dieser kürzte, verdunkelte, und schwächte sich immer mehr: er verstummte beinahe, und war unvernehmlich, bis er endlich ein menschliches Lhr fand, das wenig oder nichts aus ihm buchstabircn konnte. Die griechische Sprache hatte im Homer schon ihren höchsten Gipfel erreichet, che die Kunst Bücher zu schreiben erhört war; H 2 n6 Fragmente zur deutschen Literatur. und woher nun Nachrichten vom Ursprünge der Sprache, die nicht selbst Muthmaßungcn waren? Ucberdem kcinc menschliche Erfindung ist auf einmal da, und am wenigsten die erste und gröfieste aller Erfindungen, dieSprache? Nicht war sie gleich, was sie ward, und ist. Denn siehe! diesen majestätischen Fluß: cr entsprang — aus einer Quelle, die an sich unbekannt geblieben wäre, hätte sie nicht diesen Sohn gcbohrcn. Und die Quelle selbst? das ist schwerer! Aus dem Verborgenen qu.ll sie hervor! entstand nach und nach: ihren Ursprung hat niemand bemerken wollen, und man hat genug, zu erklären, wie sie hat entstehen können. So ists mit den größten Dingen, sie waren elende Versuche, wurden Spiele <— Handgriffe — Künste — regelmäßige Künste — und spat genug eine Wissenschaft. So auch mit der Sprache: lies den großen Homer, den Inbegriff aller Sprache der Eött.r, und gehe auf den Ursprung dieser göttlichen Sprache zurück: du wirst ihn in den Hüllen menschlicher Nothdurst, in einer Wiege der Kindheit, in Windeln erblicken, deren du dich schämen müßtest. Und nehmen wir auch nicht so eine hervorragende Höhe: gehen wir auch mehr auf den Anfang zurück, wann wird das Geschöpf geboren ? wann kommt es ans Licht? wann es schon vollständig gebildet ist: im Verborgenen ward cs gebildet, und — wie es erzeuget wurde, läßt sich ihm nicht a »sehen. So giebt es bei allen menschlichen Produktionen Erzeugung und Geburt: von der letzten fangt sich Gestalt, Lebensalter und Zeitrechnung an; allein wie viel merkwürdige Veränderung, ja die ganze Erste Samm lung. 117 Gestaltung selbst wird darüber vergessen! So auch bei der Sprache: wer kann sie bemerken, che sie ist? wie sie wird? Da und vollkommen da muß sie seyn, ehe sie auch nur bemerkbar wird, und der Forscher will das erste wissen! Die meisten Dinge in der Welt werden durch ein Ohngefahr, und nicht durch abgezweckte Versuche hervor- weiter herauf- und herunter gebracht: und wo will ich nun mit meinen Vermuthungcn hin, in einem Zauberlande des Zufalls, wo nichts nach Grundsätzen geschieht, wo alles auf das sprödeste sich den Gesetzen der Willkühr und des Zweckmäßigen entziehet: wo alles, das Meiste und Kostbarste, dem Gott des Ungefährs in die Hände fallt. Hätten wir eine Geschichte der menschlichen Erfindungen: wie würden wir Erzeugungen finden, die nach der Kosmogonie des Epikurs, durch ein Zusammentreffen der Atomen entstanden! Reihen von Ursachen wirkten zusammen, gegen und nach einander: Rad griff in Rad: eine Triebfeder gegen die andere: ohne Plan und Regel drängte eins das andere: feurig und schnell veränderten sich die Würfe: das Ungefähr hatte seine schlechten Loose fast erschöpft, che bessere sielen. — Nun entwerfe man nach einer philosophischen Heuristik Plane: wie eine Sache hätte entstehen können? hätte entstehen sollen? man wird mit allen Grundsätzen n xriori ein Thor! Nicht, wie die Sprache entstehen sollte? entstehen konnte? sondern entstanden ist? das ist die Frage! ii8 Fragmente zur deutschen Literatur. Wie nun? batte man an so etwas gedacht, wenn man über Ursprung und Kindheit der Sprache urtheilen wollte — wo wären denn so manche philologische Hvvothesen geblieben, die blos nach dem verjüngten Maasstabe unserer Zeiten abgemessen waren ? wo so manche Urtheile der Verwirrung, die alles in schiefen, halben verzerrten Figuren erblickten, weil sie ihren Lehnstuhl zum Sehepunkt nahmen, und in die Zeiten und Umstände sich nicht zu setzen wußten, in denen die Sprache ward und war? wo der diktatorische Eigensi'nn, der sich unterstand, Nachrichten der Alten zu widersprechen, ohne sie zu widerlegen: sie nach seinem Kopf zu drehen, und wenn sie sich nicht drehen ließen, sie wegzuwerfen, zu verspotten? Und wo die ganze Hypothese vom göttlichen Ursprünge der Sprache aus der Natur derselben dargethan? Aus der Natur derselben? wäre dies geschehen, auch neulich von Süßmilch*) geschehen: wie hätte er denn einen spaten, einen vollendeten Zustand der Sprache für den Ursprung, und eine g e- bildcte Sprache, an der auch selbst bei dem rohesten Volke Jahrhunderte arbeiteten, zu der Millionen Menschen zutrugcn, die so viel Zeitalter überlebt hat — wie hätte er die für eine werdende Sprache nehmen können? Siehe diesen Baum, mit seinem starken Stamme, mit seiner prächtigen Krone, mit Aesten und Laub, Blüthen und Früchten, auf seinen Wurzeln, wie auf einem Throne — siche ihn, wie er ist: du wirst bewundern, erstaunen, und *) Süßmilch über den Ursprung der Sprache. Erste Sammlung. nZ ausrufen: „Göttlich! Göttlich!" Nun aber siehe dies kleine Saamenkorn, siehe es in die Erde verscharrt, sich in einem zarten Sprößlinge hervor heben, Keime treiben, Blätter gewinnen, wachsen — du wirst noch ausrufen: Göttlich! — aber ans würdigere und vernünftigere Art. Die Anwendung lasse man mich nicht machen: sie ist zu offenbar. Vollkommenheit, Ordnung, Schönheit ist in der Sprache; aber wie und wenn in sie gekommen? dies ist der Knote! Der vorige Baum hatte er, so wie er ist, aus der Erde steigen, mit seinem schönen Gipfel den Schoos seiner Gebärerin durchdringen, mit seinen tausend Armen die Mutter brechen, und mit seinem starken Stamm sich in die Lüste heben müssen: hatte er dies müssen; hätte ichs gesehen; freylich so wäre scin Ursprung unbegreiflich, unerklärlich, göttlich! Wäre die Sprache mit aller ihrer Vollkommenheit, Ordnung und Schönheit geschmückt der Erde wie eine Pallas, die aus dem Gehirn Jupiters trat, erschienen; ohne Zögerung würde ich verblendet von ihrem Glanze, zurück treten, mich verhüllen, niederfallen, und sie als eine göttliche Erscheinung aus dem Olymp anbctcn. — Aber ist dies? und woher muß es seyn? Sind nicht tausend Merkmale in einer, und Millionen Spuren >n der Verschiedenheit der Sprachen, daß die Völker eben durch die Sprache allmählich denken, und durch das Denken allmählich sprechen gelernet? Ist wohl Schönheit, Ordnung und Vollkommenheit der Sprache, so vieler, ja aller Sprachen nach einem Plan gebildet? Welche ungeheure Hypothese, in diese große Menge und Verschiedenheit ein einziges Ideal Ho Fragmente zur deutschen Literatur. zu bringen? Welche ungeheure Einbildungskraft dies Eine Ideal in allen zu finden, und offenbar sehen zu können, daß der Geist des Idiotismus in jeder Haupt-, in jeder Nationalsprache nichts als Anomalie, blos Abweichung von der Regel scy, die wir beliebten? Und wenn nun auch dies Vorbild einer Sprache für alle angenommen wäre: welcher Scharssinn, zu sehen, daß dies V o rb ild au feinmal gebildet, zu sehen, daß es in dem Göttlichen Verstände, und in keinem ander gebildet scyn müsse — zu sehen und genau sagen zu können: so viel Vollkommenheit, Schönheit und Ordnung konnte in die Sprache von Menschen gebracht werden, durch die vereinten Bemühungen ganzer Zeitalter, Jahrhunderte und Geschlechter, — Allein diese Ordnung, jene Vollkommenheit, jene Schönheit geht schlechthin über den menschlichen Verstand weg, und wenn ich ihn auch als eine Zusammensetzung von Milioncn Köpfen, als eine Produktion von ganzen Jahrtausenden, und als cin Geschöpf betrachte, zu besten Bildung ein unendlicher Zusammenfluß von Zufällen und Kleinigkeiten, cin Zustoß von unzahlichen Fehltritten und Situationen beitragen mußte. Kurz! die ganze Hypothese vom göttlichen Ursprünge der Sprache ist wider die Analogie aller menschlichen Erfindungen, wider die Geschichte aller Weltbegebenheiten, und wider alle Sprachenphilosophie. Sie setzt eine Sprache voraus, die durch Denken ausgebildet, und zum Ideal der Vollkommenheit ausgedacht ist, (cin Bild, das wir uns oft bei allem seinem krüppelhaftcn doch schön und gesund denken,) und bekleidet dies Kind des Eigensinnes, das augcn- Erste Sammlung. 121 schcinlich ein spateres Geschöpf und ein Werk ganzer Jahrhunderte gewesen, mit den Strahlen Olymps, damit es seine Blöße und Schande decke. — Und wie Süßmilch insonderheit diese Hypothese vorgetragen, Haler nichts — als gezeigt, daß ihm der philologische Geist fehle, das wahre Ideal einer Sprache zu schätzen, der Geist der Geschichte, um die verschiedenen Zcitfolgcn und Lebensalter derselben zu prüfen, und am meisten der Philosophie Genius, sie als eine En t- wickelung der Vernunft, und als eine Produktion menschlicher Seelenkrafte erklären zu können. Er denkt sich eine Sprache, wie er sic will, und kann also auch, was er will, beweisen : er hat im Kleinen überall Recht, und für das Ganze nichts gesagt! Ich darf also immer einen menschlichen Ursprung voraus setzen: jeder andere ist über unsere Sphäre; er läßt uns den Knoten der Untersuchung nicht entwickeln, sondern nach dem'Einfall des Alexanders im Gordischen Tempel, ihn abhaucn. Ueber göttliche Produktionen läßt sich gar nicht urtheilcn, und alles Philosophien darüber wird mißlich und unnütz: wir müssen sie dock) immer als menschliche betrachten, insgeheim immer einen menschlichen Urheber voraus setzen, der nur aus höhcrm Boden stchet, und mit hohem Kräften wirket. Man lasse mich also einen menschlichen Ursprung der Sprache voraus setzen, sollte es auch nur meiner leidigen Philosophie, und des bessern Theilnchmens halber, kurz! meines schwachen Magens wegen seyn. Was ist für Menschen würdiger und wichtiger, als Produktionen menschlicher Kräfte, die Geschichte Mensch- i22 Fragmente zur deutschen Literatur. lichcr Bemühungen, und die Geburten unseres Verstandes zu untersuchen? Und Wie interessant wird die Philosophie über die Kindheit der Sprache, wenn ich in ihr zugleich die menschliche Seele sich entwickeln , die Sprache nach sich, und sich nach der Sprache bilden sehe! — das größte Weck des menschlichen Geistes — Ich folge also diesmal zwecn blinden Heiden , dem Diodor von Sicilien und Vitruv: zween katholischen Christen, dem heiligen Gregor, und für mich noch heiligem Richard Simon, und in der neuern Zeit einem Akademischen und einem jüdischen Weltweisen: Maupcrtu- i s und Moses Mcndclsobn — und setze, wenn nicht mehr, so zum Spaß , voraus: „ Menschengeschlechter haben sich ihre Sprache selbst gebildet. " Und führe, wenn nicht mcbr, so zum Spaß, meine Parallele fort: ein MenselMgeschlecht und ein Mensch in seiner Kindheit, fern einander ähnlich. Nur rede ich nicht von der Erzeugung, auch nicht einmal von der Geburt: sondern blos von der Kindheit ihrer Sprache. 3 . Ebne Sprache in ihrer Kindheit? — man nenne di.s Zeitalter, wie man wolle, es bleibt ein Zustand der rohen Natur: Natur war damals noch alles: Kunst, Wissenschaft — Schriftsteller, Weltweisen, Sprachkünstler gab es noch nicht: alles war Volk, das sich seine Sprache bildete — zur Nechdurst, und dann allmahlig zur Bequemlichkeit. Erste Sammlung. 123 Der Anfang derselben war in einer einfältigen Gestalt , als Werkzeug des Gebrauchs halben: wie dieser war, wurde jenes eingerichtet. Vis auf Eigensinn, Unwissenheit, Jrrthümcr und Dürftigkeit muß also die älteste Sprache ein Spiegel der Nation und des Zeitalters scyn: man untersuche die Natur des letzte rn, so hat man die Natur des crstern, der Sprache in ihrer Kindheit. Dhne nun einen Rousseau sehen Zustand der Natur romanhaft zu erdichten, oder das Bild eines werdenden Volks zu übertreiben: muß ich doch immer auf die Stimmen des gesummten Alterthums merken, daß der erste Zustand eines Volks ein Stand der Dürftigkeit und Stärke gewesen. Wer diese tausend Stimmen nicht in den Hallen des Altcrthums selbst gehöret: der höre die Echo der- - selben in Goquets nützlichem Werke, der die Stellen hierüber gesammlet hat: er gehe unter die Wilden in allen Rcisebeschccibunqcn und lerne ihre Weise: so wird er nicht mehr zweifeln, daß ein Brittischer Beobachter Recht habe: „in der Kindheit der Staaten sind die Menschen unwissend, unentschlossen, „beherrscht von der Furcht und von ihrem Gefährten, ,,dem Aberglauben. Jeder neue Gegenstand findet „sie unvorbereitet: sie starren gleich Kindern, die die „ersten Ideen des Lichts empfangen." Ich habe nicht Lust meine Vergleichung zwischen Kindern und diesen Thicrmenschcn auszumahlen : man muß alle Nachrichten der Alten ablaugncn, und sich ganz und gar nicht aus seinem jetzigen Zustande einer gebildeten Natur, eines gesitteten, bequemen und üppigen Lebens heraus zu setzen wissen, 124 Fragmente zur deutschen Literatur. wenn man alles dies unbegreiflich findet — und findet man dies nicht, wie kann man den Einfluß auf die Sprache fremde finden? Eine Gesellschaft, die tausend Gefahren ausgesetzt, in unbekannten Gegenden zwischen den Zahnen und Klauen der Thiere und Thiermenschcn, der -Räuber und Marder umher irret: wo jeder sich durch einen Freund, wie durch einen Schutzengel seines Lebens sichert, von dem er in einem Augenblick Hülfe erwartet — eine Gesellschaft, die aus Furcht vor jedem neuen Gegenstände starret — vor jeder ungesehenen Sache, wie vor einem Wunder staunet — und aus Unwissenheit und Aberglauben vor ihr niederfällt — ein Bolk, dem also Entsetzen, Furcht, Staunen, Bewunderung, wie bei Kindern, die häufigsten Regungen seyn müssen: ein solches Volk wird diesen Geist auch seiner Sprache mitthci- len, große Leidenschaften mit gewaltsamen Geberden und mächtigen Tönen ankündigen, schleunige Bedürfnisse durch kurze und heftige Accente des Geschreies melden: unartikulirte Laute werden sich zu rauhen und cinsylbi,en Worten umarbeitcn: starke und un- gcglattcte Organe werden unbiegsame Töne hervor- stoßcn: der Othem wird sich nicht Zeit nehmen, Lunge und Perioden auszudehnen, sondern in kurzen und häufigen Intervallen kommen und wicderkom- men; das wird die Sprache seyn, die nach Horaz Menschen machte: denn so lange waren diese Thiere, bis sie Worte fanden: huibus voces ssrwrwcjws WOtLI'SNt. Um den Ton Helle und unterscheidend zu geben, habe ich die Saite scharf anzichen müssen: diese Erste Sammlung. 125 laßt van selbst nach, und wird sich aus jenem das Scharfe deS Klanges verlieren. Von den ersten Zeiten eines Volks giebt es so wenig Andenken , als von unfern unmündigen Jahren: die Erinnerung, an unser letztes Knabenalter, da wir Zucht annahmen, ist die Morqenrothe in unseren Gedächtnis: so auch die ersten Nachrichten aus dem Zeitalter der Sprache, da sie jugendliche Zucht anzunehmen begann. Diese Verspätung wird unfern zu hoch angegebenen Ton von selbst herunter stimmen. Die ältesten Sprachen haben eine Art von sinnlicher Gestaltung, so wie noch die Sprachen der Volker beweisen, die in ihrem Jugendaltec der Bildung leben: Clima und Zone kommt hier noch nicht in Betrachtung; denn sowohl die heißen Morgenländer, als die wilden Amerikaner bestätigen, was ich sage. Alles erinnert uns an den Morgen der Welt, da eine Nation sich ihre Sprache nach Zunge, Ohr und Auge bildete: und für Ohr und Auge sprach. So wie cs die älteste Schrift ist, seine Gegenstände in Bildern zu mahlen: so mahlte auch die erste Sprache: Dinge, die durch Bewegung in die Sinne sielen, dem Ohre: Dinge, die durch das Anschauen begreiflich wurden, dem Auge. Von ihr kann man also sagen, was Plutarch vom Delphischen Apollo sagte: 7"5t, Die ältesten Sprachen hatten vielen lebenden Ausdruck, wie es die Reste alter und ursprünglicher Sprachen, doch jede nach ihrem Lande bezeugen. 126s Fragmente zur deutschen Literatur. Unmittelbar nach der lebenden Natur, und nicht wie die neuern nach willkührlichen tobten Ideen, qebüdet, hatten sie nicht blos einen nachdrücklichen Gang für das Ohr; sondern waren auch bei der leichtesten Anwendung fähig, mit dem Wirbelwinde zu rasen, in der Feldschlacht zu tonen, mit dem Meere zu wüten, mit dem Fluß zu rauschen, mit dem einstürzcnden Felsen zu krachen, und mit den Thieren zu sprechen. Aus der damaligen nähern Bekanntschaft mit diesen, die wir nicht mehr die Ehre haben zu genießen, rührt auch vcrmutk.'ich die alte poetische Sage, daß in der goldenen Zeit Menschen und Thiere sich verstanden hätten. Für mich hat dieses Märchen bei Plato und andern viel Reiz und Würde; so wie es auch einige Aufschlüsse über die Kindheit der Dichtkunst geben konnte. Hier führe ich nur an, daß, wenn man es einigen ihrer ältesten Weisen zur Ehre nachsagt, daß sie, z. E. Melampus, Tiresias und andere, sich hätten mit Thieren besprechen können, noch jetzt die Morgenländer nicht ganz von der Bo- gclsprache weg sind. Ein in der Einöde lebender Araber kann leicht einige Gattungen des Thiergeschreics unterscheiden lernen, und da eine poetische schwärmende Einbildungskraft aus jedem Eindruck machen kann, was sie will: so dünkt mich diese erste thieri- sche Sprache den Saamcn zu vielen Erdichtungen in sich zu tragen. Die Helden Homers mögen also mit ihren Pferden sprechen, und Aesop die ganze Natur in Handlung setzen: mir nicht zuwider. Lange Zeit war bei den Alten singen und sp rechen , und das Hochgebildete Wort eansro) einerlei: Orakel sangen, und die Stimmen, die der Gott sang, hießen Aussprüche - Erste Sammlung. 127 die Gesetze sangen, und hießen Lieder (rszrcu), die Weissager, die Dichter sangen, und was sie sangen, hießen Reden (-^-°), Homers Helden sprechen lauter geflügelte Worte (eere« 7n§§o5v?-«) und fl ine Volksaltesten sind „Heuschrecken gleich, die auf den Baumen im Walde sitzen, und angenehmen Laut geben." Man sprach im gemeinen Leben (und ein anderes gab es noch nicht) die Worte in höheren Ton, daß man nicht blos lange und kurze Accente, sondern auch hohe und niedere Sylbcn deutlicher hören ließ: der Nhytbmus der Sprache war Heller: und in solchen rhythmischen Falltönen fiel natürlich die Sprache auseinander: in Verbindungen ungefcsselt bekam sie einförmige Eadenzen. Noch jetzt wird im gemeinen Leben der gekettete Büchcrstil widerlich und ein rednerischer Periode unausstehlich: und damals, da man noch nicht an Bücher dackte, was war die Sprache da? nichts als singende und redende Natur. Fliegende Fragmente würden sich mit einem schweren Panzer von Gelehrsamkeit übel behelfen : man ist also vor erschrecklichen Zeugnissen und Anführungen aus den Alten sicher, die V 0 ssius, Meid om und Du-BoS zum Theil gesammelt haben. Man ur- theilt immer schief, wenn man den Ausdruck singen so uncigenrlich nehmen will, als wir ihn gebrauchen: man spricht wie im Traume, wenn man das Theatersingen der Alten auf eine Modedeclamation nach dem französischen Ohr herabsetzet, vielleicht blos um der Musik und der Schaubühne seiner Zeit ein Kompliment zu machen. Alsdann thut man besser, wenn man wie Vossius gar nicht unternimmt, dies Singen der Alten zu erklären, oder daß man, wie die meisten 128 Fragmente zur deutschen Literatur. unbestimmt und verworren darüber spricht, oder am besten — man sage mit D a c i er: wenn die Griechen da sangen, wo wir sprechen, so waren sie — Narren ! kurz und gut! Durchaus muß man aus seiner Zeit, und au§ seinem Volke auszugchen wissen, um von entfernten Zeiten und Völkern zu urtheilen. Die Nation, die Sitten und Gebrauche auf gut egyptisch ohne Veränderung erhält, die Chineser, haben mit ihrer Zeichenschrift und Sachensprache auch das Singen bcibehalten: viele wilde Nationen von alten Sprachen und Sitten singen noch, sie haben auch in ihrer Prose den hohen und schweren Accent, von dem wir so wenig wissen. So wurde also das Ohr der Alten am Singen vergnügt, wie unser Ohr in der Kindheit sich mit einförmigen Ca- denzcn stillen und einschlafern ließ: Gesang war ihnen natürlich. Und in diesen Gesang für das Ohr, sprachen noch mit hundert Stimmen Geb er dun gen und Zeichen für das Auge, daß alfo die Rede im neuen Verstände Mahlerei heißt. Wollte ich die Sache acl ovo anfangen: so könnte ich mich hier darüber ausbreiten, daß Zeichen die Stelle der Schrift vertraten: daß symbolische Handlungen alles eindrücklich, ehrwürdig und feierlich machten: daß man die Zeichensprache in Frage und Antwort beliebte — allein dies alles gehört nicht hieher. Ich verweise nur darauf, daß wie wilden und freien Nationen, die noch mehr Menschen, und weniger Bürger sind, durch Gcberden des Körpers wcit mehr sprechen, als uns das eingeführte Sittsame, der Erste Sammlung. 129 der Wohlstand erlaubt: so auch die Alten west mehr mit Gebcrdungcn gesprochen, und die Rede de- klamirt haben, als wir. Ich verweise auf Homer, der in seinen kleinsten Beschreibungen es zu schildern weiß, wie mächtig die Leidenschaft durch eine einzige Geberde, und die freie Seele durch einen freien Körper spricht — wie oft wird man bcv kleinen und mächtigen Zügen ausrufen: nein, göttlicher Alter! nur du sähest Geister, und konntest Leidenschaften körperlich schildern: wir sehen sie nicht mehr: wir gaukeln, oder stehen wie Bildsäulen: jetzt spricht nicht mehr der Geist, wie er vor deinen Augen sprach aus mächtigen Gebcrden ist er in stille Mienen und Gesichtszüge geflohen, wo er — statt sich auszuredcn — stammlet und schweigt. — Immer mußte Gebcr- dung zu Hülfe kommen, wenn die noch ungebildete Sprache sich nicht zu wenden wußte — und da die Leidenschaft ohnedem die Geberden von selbst hervor rief: wie mußte diese lebendige Zntcrpunktation der Sprache, Einschnitt, Modulation und Nachdruck geben! — Noch genauer lauft die Parellele zwischen Kindern und einem neugebvhrmn Volke, wenn wir bez beiden das Innere ihrer Sprachen untersuchen. Namen sind das Wortregister eines Kindes, man heiße nun diese Namen chlornrwa. oder V sicher; und so sind auch in der Sprache diese beiden die ersten. Sogar Norrrsir und Vsrchuwr wurde in der griechischen Sprache grammatisch spät unterschieden; und die übrigen Redetheile gehören entweder zur -Familie oder zur Begleitung dieses Paars, und die einfachen Formen der morgenländischen Sprachen zeigen hinläng- Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. I. I rZo Fragmente zur deutschen Literatur. lich, daß Veränderungen und Beugungen ein Zusatz spaterer Zeiten gewesen. Noch jetzt bestehen die Sprachen der Huronen, Jroquoisen und anderer ursprünglichen NaUoncn meistens aus Verdis, und auch selbst in der un-'rigen zeiget der lebendige Laut, der in den Verdis tönet, daß sic der älteste Thcil der Sprache sind: so wie jedes Thun und Leiden, jede Handlung und Bewegung, die in Verdis gemacht wird, mehr Eindruck macht, als das thati- ge oder leidende Wesen selbst, das die Nomina auS- drücken. Mit der Zeit mußten natürlicher Weise in die ältesten Sprachen Synonymen und Pleonasmen kommen. Die Welt von Gegenständen, die um sie war, war der Inhalt ihrer Sprache — und wo war der Philosoph, der was er sah, in Elasten geordnet, und den Uebcrfluß weggeschwemmet hätte. Reue Sachen, neue Gegen- Zu- und Umstände gaben neue Namen — und so ward sie nur gar zu reich. Sinnlich wurden sinnliche Gegenstände bezeichnet — und von wie vielen Seiten, aus wie manchem Gesichtspunkte lasten sie sich bezeichnen: so ward die Sprache voll toller und ungezahmrer Wortumkehrungen, voll Unregelmäßigkeit und Eigensinn. Bilder wurden so viel möglich, als Bilder eingetragen: und so entstand ein Vorrath von Metaphern, von Idiotismen, von sinnlichen Namen. Rauhe Starke in Leidenschaften und Handlungen, in Tugenden und Lastern war das Gepränge des Zeitalters — nothwendiq auch der Sprache; die bei jedem Volk unter tausend zufälligen Umstanden so gut und so schlecht war, als Erste Sammlung. i3i sie scyn mußte, um eine Sprache des sinnlichen Volks zu scyn. 4 - Ich sammle meine zcrstreucten Bruchstücke zusammen, und sehe, was sich daraus machen laßt: Nichts minder, als eine philosophische Sprache; und das jugendliche Zeitalter derselben weiß von keiner philosophischen Grammatik: die gegen jene ein Alter mit grauen Haaren ausmacht. Ich wiederhole nochmals: man sammle die vorhergehenden Bruchstücke, eine Sprache, voll Bilder und Leidenschaften — Idiotismen und Pleonasmen — Wortumkehrungen und Eigensinn — die da sang und sich gebcrdete — für Auge und Ohr malte — was ist sie, wenn, etwas Kunst über sie kommt? — Nichts anders, und nichts besser, als eine poetische Sprache. Nicht die Sprache allein brachte Poeten hervor; sondern das Zeitalter, das die Sprache hervor brachte, schuf Poeten, die ihm damals Alles waren, die es mit Allem unterstützte, und unter diesen Unterstützungen war die Sprache, wenn nicht mehr, so die letzte. Hier zeigt sich also der Lieblingsgedanke so vieler neuen Sprachvcrbesscrer in seinem falschen Licht: „so lange eine Sprache die Mundart des sinnlichen Volks war: so blieb sie cingeschlossen und unvollkommen; das Denken, Philosophien, die schonen Künste und Wissenschaften brachten sie zur.Vollkom- I 2 132 Fragmente zur deutschen Literatur. mcnhtit*)." Ja zur philosophischen Vollkommenheit wohl; aber zum Unglück, daß die -Poesie in einem andern Elemente athmct. So löset sich auch der Zweifel eines sprachge- lehcten Mannes hiemit leicht auf **) : „Ich weiß „nicht, ob cs wahr ist, was man in vielen Bü- „chern wiederholet hat, daß bei allen Nationen, die „sich durch die schonen Wissenschaften hervor gethan „haben, die Poesie eher, als die Prose zu einer gewissen Höhe gestiegen scy?" Es ist allerdings wahr, was alle alte Schriftsteller einm üthig behaupten, und was in den neuen Büchern wenig angewandt ist, daß die Poesie, lange vorher, ehe es Prose gab, zu ihrer größten Höhe gestiegen scy, daß diese Prose darauf die Dichtkunst verdrungen, und diese nie wieder ihre vorige Höhe erreichen können. Die ersten Schriftsteller jeder Nation sind Dichter: die ersten Dichter unnachahmlich: zur Zeit der schönen Prose wuchs in Gedichten nichts als die Kunst: sie hatte sich schon über die Erde erhoben und suchte ein Höchstes, bis sie ihre Kräfte erschöpfte und im Aethcr der Spitzfündigkeit blieb. In der spatern Zeit hat man blos vecsificirte Philosophie, oder mittelmäßige Poesie. Ueberhaupt bekommt hierdurch die ganze schone Abhandlung: wie man den poetischen Styl über den prosaischen erheben könne? durchaus eine andere Wendung. Sein Grundsatz ist: „Keine „Nation ist weder in der Poesie noch in der Prose *) Breitingers Krit. Dichtk. LH. ». durchgängig. **) Klvpstockk Ubhandl. über die poet. Sprache. Erste Sammlung. i33 „vortrefflich geworden, die ihre poetische Sprache nicht „sehr merklich von der prosaischen unterschieden hat- „te." Und nach den Zeugnissen der Alten, und nach einer philosophischen Kenntniß von der Verwandlung einer Sprache nach den Sitten heißt er so: Jede Nation lieferte die vortrefflichsten Meisterstücke der Poesie, ehe sich noch die Prose von jener getrennet und zu ihrer Runde rnisgebildet hatte. Da die Sprache aus der Wildheit zur politischen Ruhe trat, war sie merklich von der prosaischen unterschieden: die stärksten Machtwörter, die reichste Fruchtbarkeit, kühne Inversionen, einfache Partikeln, der klingendste Rhythmus, die stärkste Deklamation — alles belebte sie, um ihr einen sinnlichen Nachdruck zu geben, um sie zur poetischen zu erheben. Aber da die Prose aufkam, die zuerst, wie Herodot, auch noch ihren Perioden ohne Schwung und Fülle zerfallen ließ, da sie sich mehr zur Vollkommenheit bildete, entfernte sie sich von der sinnlichen Schönheit. Der Deutlichkeit wegen wurden die Machtwörter umschrieben, die Synonyme ausgesucht, bestimmt ausgemustert, die Idiotismen gemildert: so wie das Völkerrecht jetzt im Staate zum Gesetz ward, so auch in der Sprache: man bildete eine Sprache nach der andern, mit der sic um- aieng. Es entstand ein Adel, ein Pöbel und ein Mittelstand unter den Wörtern, wie er in der Gesellschaft entstand: die Beiwörter wurden in der Prose Gleichnisse , die Gleichnisse Excmpel: statt der Sprache der Leidenschaft ward sic eine Sprache des Mittlern Witzes: und endlich des Verstandes. So ist Poesie und Prose in ihrem Ursprünge unterschieden. Noch zehn Autoren hatte ich anzuführen, die i34 Fragmente zur deutschen Literatur. diese ganze natürliche Metempsychosis der Sprachen überall verfehlt, und nicht genug aus ihrem Lande ju eine andere Zeit zurück zu gehen wissen, um von entfernten Altern und abaelcbtcn Sprachen zu urthci- len. Allein alles dies gehöret nicht zu meinem Buch: hier kann ich doch nicht, wie ich selbst weiß, diese ganze Wahrheit in ihrem völligen Lichte zeigen, mit aller Aehnlichkeit zusammen halten und gegen die Einwürfe retten, die man uns unserer Zeit macht. — Lieber wollen wir, statt zu streiten, das Gesagte auf unsere Zeit anwenden. 5 . Wo steht unsere Deutsche Sprache? Ueberall ist zu unserer Zeit die Prosc die Sprache der Schriftsteller , und die Poesie eine Kunst, welche die Sprache verschönert, lim zu gefallen. Gegen die alten und gegen die wilden Sprachen zu rechnen, sind die Mundarten Europcns mehr für die Ueberlegung, als für die Sinne und die Einbildungskraft. Die Prose ist uns die einzig natürliche Sprache, und das seit undenklichen Zeiten gewesen und unsere Poesie ist, sic sei was sie wolle, doch nicht singende Natur , wie sie cs nahe an ihrem Ursprünge war, und sc»n mußte. So wenig singende Natur, daß wir kaum in dies piwusche Zeitalter, über eine so ungeheure Kluft herüber setzen, kaum dasselbe begreifen und recht fühlen können. Eben die Bc- fremdung, mit welcher man meine Hypothese aufgc- Erste Sammlung. i35 nommen, zeigt, wie weit weg wir von diesem Lande der Dichter sind: freilich weit, und zu weit weg, um je in dasselbe zu kommen, und cs als unser Vaterland ansehen zu können; aber nicht zu weit weg, um dasselbe kennen zu lernen, und die Nachrichten daraus zu nutzen. Wir wollen hierüber etwas versuchen. So wie uns unsere besten Heldentbaten, die wir als Jünglinge thaten, aus dem Ecdachtniß verschwinden : so entgehen uns aus dem Jünglingsalter der Sprache, jedesmal die besten Dichter, weil sie vor der Schriftstclle-rci voraus gehen. Im Griechischen haben wir aus dieser Zeit eigentlich nur den einzigen Homer, dessen Rhapsodien durch einen glücklichen Zufall viele Olympiaden nach seinem Tode blieben, bis sie gesammelt wurden; da alle übrigen Dichter vor ihm, und viele nach ihm verlohren sind. Aeschylus und Sophokles und EuripidcS beschlossen die poetische Zeit; in ihrem Zeitalter erfand Pherecydcs die Prose; erodot schrieb seine Historie, noch ohne Perioden; bald gab Gvr- gias der Redekunst die Gestalt einer Wissenschaft, die Wcltweishcit sicng an öffentlich gelehrt zu werden, und die Grammatik wurde bestimmt. Der einzige Homer steht also am Ufer dieses großen dunkeln Meeres, so wie ein Pharus da, um eine große Strecke, wcnicstens hinan sehen zu können. Und dieser Sänger Griechenlandes trifft, wie mich dünkt, eben auf den Punkt, der schmal, wie ein Haar, und scharf, wie die Schärfe des Schwerins ist, da Natur und Kunst sich in der Poesie vereinigten: oder vielmehr, da die Natur das vollendete r 36 Fragmente zur deutschen Literatur. Werk ihrer Hände auf die Gränze ihres Reichs stellte, damit von hier an Kunst ansiengc: das Werk selbst aber ein Denkmal ihrer Große, und ein Inbegriff ihrer Vollkommenheiten wäre. Bei Homer ist noch alles Natur: Gesang und Sitten, Götter und Helden, Laster und Tugenden, Inhalt und Sprache. Der Gesang ist rauh und prächtig: die Sitten roh und auf dem Gipfel menschlicher Stärke: die Götter niedrig und erhaben: die Helden pöbelhaft und groß: Laster und Äugenden zwischen der Moral und dem Unmenschlichen: die Sprache voll Dürftigkeit und Ueberfluß — alles ein Zeuge der Natur, die durch ihn sang, ihn aber als ein Muster ausstellte, dem alle Kunst nacheifern und nie ihn übcrtceffen sollte. — Was ist aus seiner Sprache zu rauben ? Das Sylbenmaaß sehr schwer; wenigstens wird es bei uns nie, was cs bei Homer war, singende Natur. Damals, als noch die «oirlo«, und sangejida man auch im gemeinen Leben die Wörter in so hohem Ton auosprach, daß man nicht blos lange und kurze Sylbcn, sondern auch hohe und niedrige Accente deutlich hören ließ, daß jedes Ohr der Urthciler der Prose- die ferm konnte; damals war der Rhythmus der Sprache noch so Helle, daß die Cadence, in der man die Verse aussprach, oder nach dem Ausdrucke der Alten s a n q, d e n G a n g eines Hexameters aushaltcn konnte. Und dieser war also das gewählteste Sylbenmaaß, das die meiste Harmonie in sich schloß, das so genau in ihrer Spra- Erste Sammlung. 187 che lag, als die Jamben unserm Gesänge natürlich werden, und das ihrem Ohr und ihrer Kehle am gemäßsten war/weil ihre Melodie im Gesänge, und D e kl am at i 0 n des gemeinen Lebens eine höhere Tonleiter auf und nieder stieg, als unsere. Aber wir reden mit wenigernAccenten mono t 0 n i s ch er, man mag cs fließend oder schleichend nennen; wir sind also an die Mensur eines Hexameters nicht gewöhnt. Gebet einem guten gesunden Verstände ohne Schulweisheit, ' Jamben, Daktylen und Trochäen zu lesen; er wird sogleich, wenn sie gut sind, scandiren; gebet ihm einen gemischten Hexameter — er wird nicht damit fort- kommen. Höret den Cadencen bei dem Gesänge der Kinder und der Narren zu; sie sind nie polymer ri sch; oder wenn ihr darüber lacht, so geht unter das Landvolk, gebt auf die ältesten Kirchenlieder Acht; ihre Falltöne sind kürzer, und ihr Rhythmus einför m i g. Dahingegen sangen die Griechischen Rhapsodisten ihre lange Gedichte in im- m erwähnende n Hexametern : ohne Zweifel, we il d er H ex a m ete r i h r ein Ohr auch selbst für Gasscnlieder nicht zu lang, und ihrer Sprache nicht zu polymetrisch war: und weil ihre Prosodie und Gesangwcise jede Sylbe und Ree ion gehörig bestimmte. Aber jetzt! wollt ihr Griechische Hexameter lesen; lernet erst Prosodie, um die Sylben in ihre rechte Neeionen bringen zu können. Ihr wollt Deutsche Hexameter machen; machet sie so gut ibr könnet, und alsdann lasset dem ohngeachtet die Verseilt darüber drucken, wie man es Klopstock rierh, oder bittet, wie Kleist, dies Sylbenmaaß als P rose zu lesen. Könnet ihr Hexameter dcklamiren? i33 Fragmente zur deutschen Literatur. Wohl! so werdet ihr auch wissen, daß das die beste Deklamation ist, die seine Füsse am meisten verbirgt, und nur alsdann Horen läßt, wenn sie die Materie unterstützen. Sehet! so wenig ist der Hexameter und die polymetrischen Sylbenmaaße unserer Sprache natürlich: Key den Griechen föderte ihn die singende Deklamation, das an den Gesang gewohnte Ohr, die vieltrittige Sprache; bei uns weder Sprache noch Ohr noch Deklamation. Was sollen wir denn aus dieser Zeit nachahmcn ? Die Lenkung des Perioden? Auch nicht! Homer sang und wurde spat gesammlct! Die Tragödien des Aeschylus und Sophokles wurden, wie die Alten gemeinschaftlich bezeugen, aus der Bühne durchaus ab gesungen. Die Sprache stützte sich also damals mächtig auf eine singende Deklamation, die für uns ganz ausgestorben ist, und die ihr damals Geist und Leben gab. — Mit dieser Deklamation verlieren wir also auch den Gebrauch vieler Partikeln, Verbindungen, und Füllwörter, die zur damaligen Deklamation gehören. Das ^xx' sa-«x, womit jedesmal die Orakel ansicngcn, das «XX«, und des Homers, womit er die Glieder seiner Perioden verbindet, würden, da wir an Prosaische Perioden gewöhnt sind, sehr wunderlich in der Ucbersctzung klingen; eben so lächerlich, als wenn der ehrliche blinde Sänger ausstünde, uns seine 24 Buchstaben vorzusingcn. Er zerreißt und zerstückt seinen Perioden, aber mit dem heiligen Rhythmus, mit welchem nach Theokrits Ausdruck die Bacchantinnen den Pentheus zerstückten. Bis zur Natur diesen Hellen Rhythmus nachahmen können wir also nicht; aber doch gehört er da- zu, um die Alten dieses Zeitalters poetisch zu lesen. Wenn ich den Homer lese, so stehe ich.'im Geist in Griechenland auf einem versammletcn Markte, und stelle mir vor, wie der Sänger Zo stm Plato die Rhapsodien seines göttlichen Dichters mir vorsinget. „Wie die Eorybantcn, Don der Melodie des Gottes, „der sie begeistert, entzückt, ihre trunkene Freude in „Worten und Geberdcn zeigen; so begeistert ihn Ho- „mer, und macht ihn zum göttlichen Boten der Eöt- ,,ter." In dieser Entzückung erfüllet die ganze Harmonie des Hexameters, und die ganze Pracht seines Perioden mir Ohr und Seele; jede Verbindung , und jedes Beiwort wird lebendig, und tragt zum Pomp des Ganzen bei: und wenn ich mich wieder zurück in mein Vaterland finde: so beklage ich die, so den .Homer in einer Ucberfetzung lesen wollen, wenn es auch die richtigste wäre. Ihr leset Erricht mehr Homer, sondern etwas,- was ohngcfahr wiederholet, was Homer in seiner poetischen Sprache unnachahmlich sagte. Ich unternehme es nicht, diesen poetischen Rhythmus, zusammt seinem ganzen lebendigen Eindruck auf die Sprache des Dichters zu erklären: allein wie oft, wenn ich ihn wenigstens mir selbst lebendig zu machen gesucht wie oft habe ich alte und neue Scho- liasten beklagt, die den Homer mit Mißverständnissen, Übeln Deutungen und Zankereien übcrschwem- metcn, blos weil ihnen das poetische Ohr cntgieng, das diese Sprache des Dichters hören, fühlen und verfolgen konnte. Wie ? würden alsdenn wirklich Wortgclchrte Scholiasten, und schickliche Ucbersetzer uns. das ungriechische barbarische Ohr so oft hören »4« Fragmente zur deutschen Literatur. füllung des Perioden mit allem, was Kiese Stücke in sich schließen, so oft verwirret, so oft versäumet, und selten ganz gefühlet? Bei allen Erklärungen hat man es noch immer als die dunkelste Seite dieser Altgrichischen Sprache nachgelassen, wie mächtig und sonderbar sie den Perioden fülle und binde. Viele nutzbare Aufschlüsse muß es gebe», wenn «in Ausleger Homers mit Griechischem Obr, uns diese ganze Fülle und Verbindung des singenden -Numerus entdeckte. Wie Homers Periode sich nirgend zur prosaischen Rundung wölbe; noch in spitze Gegensätze zusammen laufe: wie er Glied nach Glied aus einander fallen laßt, und indem er sich immer halb wiederholt, eben damit immer weiter schreite: wie er ftineTöne immer aus- und in einander zieht, so daß überall Ruhepunkte, nirgends aber im ganzen Werke ein Endpunkt erscheint: wie das ganze Gebäude aus Rhapsodien besteht, durchhin aber kein Riß und keine Verkittung zu merken ist: wie mit der beständig fortgehenden Handlung auch das xn-ox im kleinsten wörtlichen Theile mit verketteten Händen in gleichen Schritten fortschreite. Der Rhythmus des ganzen Werks ist wie ein Silberton, der freilich in Wirbeln und Wellen und Kreisen sich durch die Luft fortarbcitct: Kreis umschließet Kreis: Welle schlägt Welle: Wirbel faßt in Wirbel: so wird der Schall bis zu unserm Ohr fortgetriebcn. Hier aber verlieren sich Wirbel und Welsinkreise; alles fließet in einen himmlischen Laut zusammen, der unkheilbar, wie ein Gedanke, und rein ist, wie ein Tropfe Nektar im Munde der seligen Götter. ^Das Werk Homers, mit allen Wiederholungen — mit allen neben und in einander geworfenen Absätzen — mit seiner» Erste Sammlung. 141 auS-undin einander fallenden Tönen — mit feinen einförmigen Cudenzen — seinem rauhen ungekünstelten Numerus — feinen unaufgestütztcn hinläßigen Perioden; mit allem diesem wird es eben ein Einziger hoher Gesang, der alle Harmonien der Götter und Menschen vereinigt, ein Inbegriff aller Gesang- weisen, und ein Werk, das sich dem himmlischen Einklänge der Vollkommenheit nähert. Was für Dinge ließen sich sagen — wie viel ^Streitigkeiten und Mißverständnisse über die ältesten Dichter ab- thun: wenn man in einem eigentlichem Verstände als welchen Plutarch ausführte, darüber schriebe: „wie man Sänger der Natur, und den vollkommenem Sänger derselben lesen und hören soll?" Ich darf doch wohl nicht erst selbst sagen, daß ich hier von etwas ganz anderm, als von dem sogenannten lebenden Ausdruck rede, da der Numerus Schall und Bewegung der Natur nachahmet. Wäre der Naturgesang der Poesie nichts anders als dies: so könnte man ihn eben sowohl in Virgil und warum nicht auch in vielen neuern Dichtern ? hören, in welchen ebenfalls, nach dem Ausdruck des Pope, der Schall ein Echo zum Sinne ist. Allein der Naturgesang, der mir aus der güldenen Zeit der Welt, wie aus dem Reich der Aurora entgegen schallet, mein Lhr mit lieblichen Tönen täuscht und mich in ein singendes Zeitalter zaubert, ist os> fenbar eine andere Sache, die wir mit aller unserer prosodischcn Kunst nicht nachahmcn können. 1,2 Fragmente zur deutschen Literatur. 6 . Und fast geht cs uns so mit den Inversionen, die damals in stirer bieg-amen umingeschranrten Sprache jedem Wink der Leidenschaft und des Nachdrucks nachgaben? Versucht es; unserer Sprache, selbst dem freiesten und unverworo nsten Klopstocki- schen Hexameter sind Fesseln der Consiruktion angelegt worden, die die Harmonie des Griechischen Perioden meistens zerstören w.rde». Oder sollen wir unsere Sprache in Bildung der Machtwörter, nach dem GmchssclM üben? Versucht cs; wenn ihr gleich ein Schweizer seyd, werdet ihr dieBeiwörter im Homer, Acschy- lus und Sophokles, oft genug umschreiben müssen. Ich halte die Hymnen des Orpheus für nicht so alt, daß sie, so wie sie sind, bis an den Orpheus reichen sollten ; aber, so wie unsere Kirchensprache und Kirchenpoesie, beständig Jahrhunderte zurück bleiben: so zeigen sie, nach meiner Meynung, am besten, wie die älteste Sprache der Poesie, zur Zeit des Hoheit Styls gewesen ist. Wohlan nun! versucht, diese Hymnen so ins Deutsche zu verpflanzen, als Skalier sie in Altlatein übersetzte: ihr werdet, ohngc- achtet aller Starke, doch oft das alte Deutsche vermissen, das bei den alten Druiden in ihren heiligen Eichenwäldern Lrphciisch mag geklungen haben! — Homer, Aeschylus, Sophokles schufen einer singenden Sprache, die noch keine ausgcbildete Prose hatte, ihre Schönheiten an;, ihr Ucbcrsctzer pflanzte diese Schönheiten in eine Sprache, die auch selbst im Sylbenmaaß, selbst im Hexameter, sprechende Prose bleibt, daß sie so wenig als möglich verlieren. Jene kleideten Gedanken in Worte, und Erste Sammlung. ^3 Empstndunaen in Bilder; der Ucberletzer muß selbst ein schöpferrches Genie se,n, wenn er hier seinem Original und seiner Sprache ein Genüge thun will. Ein Deutscher .pomcr, elem-vlus, Sophokles, der im Deutschen eben so klassisch ist, als jene in ihrer Sprache, errichtet ein Denkmal, das weder einem Klein - noch Schulmeister ins Auge fallt, das ab,r durch seine stille Grosse und einfältige Pracht das Auge des Meisen feste,t, und die Aufschrift verdienet: D e r N ach w e l t und Ewigkeit heilig! Ein solcher Ucbersctzcr ist unstreitig viele Kopfe größer, als ein anderer, d>r aus einer nähern Zeit, aus ein.r verwandten Sprache, aus einem Volke, das mit uns einerlei Denkart und Genie hat, ein Merk übersetzt, das im leichtesten poetischen Ton, Didaktisch, geschrieben ist, und das dem obngeachtel doch in der Uebcrsetzung sein bestes Eolorit verlieret — sollte dieser Uebersetzer auch Ebert selbst scpn. —' Sein Uoung hätte im Deutschen, zu unscnr Zeit, nach unfern Sitten und Re, li in, immer seine Nächte schreiben können; aber jene ihre Werke in unserer Sprache? in unserer Zeit ? b.i unstrn Sitten?— Niemals! So wenig als wir Deutschen je einen Homer bekommen werden, der das in allen Stücken für uns sey, was jener für die Griechen war. Ich habe von dieser Erstgeburt der Poesie immer aus Griechenland geredet, weil in dieser Sprache, so dunkel auch immer die ersten Zeiten feyn mögen, am meisten auf uns gekommen. Für die Or.- entalische Dichtkunst wird an einem andern Orr Platz seyn; und über die singende Natur in den Skaldern und Bardengesängen kann ich nicht urtheilen, da ich »44 Fragmente zur deutschen Literatur. sie nicht in ihrer Originalsprache kenne. Von den ältesten Stücken der Römer, da sich ihre Poesie gebar, werde ich aus bloßen Namen nicht urthciun, wie andere Philolcgenx können; und übe Griechische Literatur auch nur von hinten zu gesehen, wird aus allen Scribenten wissen, daß die Bildung ihrer Schreibart nicht blos auf den Gesang göttlicher Dichter gefolgt sey, sondern, daß Poesie bei ihnen Pr ose habe werden müssen: daß die ersten Prosaisten es für Kunst und Neuerung angesehen, den Gesang zur Prose herunter zu stimmen; daß die vortrefflichsten Schriftsteller, die der Prose Styl gegeben, sich ganz nach dem Dichter gebildet, der vor aller Schriftflellcrey sang, ja, daß noch der tiefsinnige Aristoteles, der durch und durch Philosoph war, halb eine Entschul- *) s. Hallische Bibliothek der sch. Miss. Herders Werke z.schön.Lit.».Kunst. I. K FraFmenrc, Z45 Fragmente zur deutschen Literatur. Ligunq vorzubriliqen scheint, warum die Pcose vom Rhythmus der Poesie in seiner ganzen Fülle bade abwcichen müssen? wie sie darüber schadlos Kalte? und ihn auf andere Art vergüte? Warum soll ich mit Lesern, die die Griechen kennen, wie mit Schülern sprechen, denen durch Hunderte von Beweisen gezeigt werden müßte: daß sie zur Bildung ihrer Schreibart den Weg über die Poesie genommen, und daß diesen Gesichtspunkt selbst die Sprachlehrer selten verfehlet haben '? Ein Buch würde dazu gehören, diese anscheinende Sonderbarkeit zü beweisen, zu erklären und mit allen ihren Folgen ins Licht zu setzen. Ich setze also in dreustem behauptenden Tone hinzu: Eine Sprache ist ein ganz ander Ding, wenn ein Volk sic stammlet — singet — singet und schreibet — schreibet und spricht — schreibet und nicht mehr spricht. Jetzt bin ich also in dem Zeitpunkt, da man sie singet und schreiben lc>nct — schreiben kann, und nicht mehr singet, sondern spricht: in dem Zeitpunkt, da aus der Lieder - eine Bücher, spräche zu werden begann: die Poesie schöne Kunst, und der prosaische Periode im bürgerlichen Leben erfunden und gebildet wurde. Erfunden habe ihn, wer da wolle: sein Name war bei den Griechen Merkwürdigkeit, noch merkwürdiger sollten uns die Namen scyn, die ihn von der Starke der Poesie zur Fülle der Prose, vom Gesänge zum Halbgesange der alten Deklamation umschufen. Für mich ist kein Zeitalter heiliger, als da sich Poesie und Weisheit, Natur und Kunst zu trennen ansing: hier ruhen Schatze von Entdeckungen, für alle Wissenschaften: hier ist der Erste Sammlung. rg7 Mittelpunkt im Cirkel der Griechischen Literaturgeschichte: allein ein dunkler, unabsehlichcr Abgrund, nn den sich noch niemand gewagt, und bios ein zweiter Curtius wagen kann. — Aween Wege gehn vor wir aus einander: Poesie, die da aufhörte, die einzige Sprache der Schrift, und darf ich kühn mit den Alten sprechen, die Sprache des Lebens zu lepN: und auf dem andern Wege! Prose, die jetzt ward, die natürliche Sprache der Schrift ward, weil sie Alten die natürliche Sprache des Lebens war. DeN ersten Weg kann ich hier nicht verfolgen, so wenig auch Spuren auf ihm, und so viel auch Kränze hinter ihm seyn mögen. Ec giebr die große Untersuchung auf: wie aus der Dichterey Dichtkunst (?ro«-lr«7) und der Sänger der Natur zum Poeten wurde? Wie die Musik (nach dem Griechischen Gebrauch dieses Worts) die bisher Gesang der schönen Natur gewesen war, allmählich Nachahmung und schöne Kunst wurde? Wie nach Homerus Gedichten, in denen an Natur nichts mehr zu über- treffen war, allmählich immer mehr Kunst in die Poesie kam? Wie aus Vieser großen Quelle, in der bisher alles, Weisheit und Schreibart, vereint gewesen war, verschiedene Gattungen, wie Bäche, ab- flossen, und viele endlich im Sande zerrannen? Was jeder große Dichter, nach Maasgabe seiner Werke, oder nach Nachrichten der Alten der PoesE für Neues gegeben? jener in der Manier: dieser in der Sprache: rin anderer in der Eesangweise: und rin vierter in der Gattung der Materie. Ich ge- K 2 «48 Fragmente zur deutschen Literatur. traue mir zu behaupten, daß dieser Fortgang der Griechischen Poesie, der die Grundlinie zur Geschichte derselben sepn muß, ziemlich genau zu entwerfen wäre: denn das ganze Griechische Alterthum hat ihn immer vor Äugen: leitet alles aus Homer her, behalt diesen immer im Gesichte: nennet die Werke und die Verdienste der Dichter meistens im Gesichtspunkt aus ihn, und ist voll von kleinen Nachrichten, die uns diesen Fortgang der Poesie auf dem Wege künstlicher Musik vcrrathen. Daß wir aber von dieser Spur noch so wenig baben bemerken wollen, daß man bei jedem Griechischen Dichter alles erkläret, beschreibet, erläutert, erzählet, erörtert, nur die einzige Kleinigkeit nicht, wiefern und worin er Dichter (7000:1^5) w ar? dies mag uns zeigen: wie wenig wir noch zu einer griechischen Geschichte griechischer Dichtkunst auch nur Materialien angeführt haben? Damit man mich nicht wieder auf erbärmliche Art zurecht weisen dürfe, als vergäbe ich der Poesie in diesem Zeitpunkte etwas: so muß ich wider Willen in Exempel ausschweifen. Wäre ich ein Ausgeber des Tyrtaus, statt aller historischen Rhapsodien von ihm, sollte es mir zum Hauptaugenmerk seyn, was dieser der Poesie für neue Kunst gegeben? wie er mit seinen Elegen und Anapästen neuen Flötengesang erfand, so kriegerisch, so schrecklich und unerhört, daß Feinde flohen, und Mutblose fechten mußten? Durch was für Wege ^r den allgemeinen Ruhm erwarb, die Hcldsnpoesie bis zur höchster Stärke des Schlachtgesanges hinauf gestürmt zu haben? Wie dem ohngeachtet, seine gewaltige Dichtkunst mit der Natur Homers verglichen, der Ausspruch Themistius wahr bleibe: i-c»' O^-i^ov — wahr bleibe, vom Innern seiner Gesänge an, bis zur Diktion und zum Numerus derselben. Alsdenn erschiene er, als. der Vater einer neuen spartanischen Poesie, für das Ohr dieser Stadt, und für ihre Seele: ich würde seine , seine voz/s? TiwXoz/ixr?? und 7r§>sa-LS7i'7u>r»?, so viel sich errathen ließe, auf die Musik Griechenlandes zurück führen, und überall in den Noten über ihn, den Mann suchen, der mit Nachdruck der Trooi'r-yx, LXL^c«o7ro«o5 und genannt wird, der neuen Schlachtgcsang erfand. — Bei mir wäre dies, wie gesagt, das Hauptaugenmerk, vielleicht bei vielen Lesern TvrtauS auch: nur Schade! daß Klotz seine letzte schone Ausgabe nicht mit einem Wort hierüber hat verschönern wollen. Wir haben vom Archilochus wenig übrig: und so kann ich auch nicht die Grabschrist erklären, die ein Inhalt seines poetischen Lebens seyn sollte: „die Muse gab ihm Jamben, damit er das „eero? Homers nicht übertrafe." Und so sind die meisten folgenden Dichter, von denen so wenig und nur zerstückle Glieder übrig sind, kaum mehr, als Namen. Aber wie aus der Sprache Homers, die Sprache theatralischer Kunst ward: den hohen Schritt derselben aus den Kothurn des Aeschylus und Sophokles; was für andere Gestalt jetzt die Poesie annahm, da sie die Musik des Dialogs und des abn Fragmente zur deutschen Literatur. Chorus unterschied; wie weit jener noch die Sprache des Lebens selbst mit seiner singenden Deklamation nachahmen konnte, dieser aber sich dem hohen Lyrischen näherte; wie manches Eigene in den Sylben- maaßen und in der Natur der griechischen Thcater- sprache lediglich hieraus erklärt, und also sehr unrecht nachgeahmt wird: wie vieles, das man dem theatralischen Gesetzgeber, Aristoteles, als Eigensinn ausgelegt hat, eben hiedurch griechisches Bürgerrecht in diesem Zeitalter erhalt: —> eine Menge anderer Betrachtungen bieten sich dar, wenn man in Ä e s c h n l u s und Sophokles dem Leitfaden nach ehen wollte: wie in ihnen das der Natur zur tragischen Kunst ward? wie cs daher durch den Weg des Entsetzens und Erstaunens zur Rührung, und durch das kühne Ucbectriebene des Aeschylus in das schone Gleichgewicht kam, da Sophokles die Sprache des Lebens auf den Kothurn erhöhete, und die hohe aber ungekünstelte Sprache des ems; in die lyrische Natur des Chorus umschuf. Da sich bei Pindar, der die lyrische Kunst auf den höchsten Gipfel brachte, ein zu reicher Vorrath' von Anmerkungen zeigen muß, wenn man ihn gegen Homer hielte: so ists besser, lieber nichts, als etwas unvollständiges zu sagen. Der Zweifel eines meiner Leser, *) wie ich mir viele wünschte, geht, wie ich glaube, von selbst aus einander: daß nach meiner Hypothese Pindar vor Homer seyn müßte. So wenig, als Kunst vor der Natur seyn kann, g Bibl. der sch. Miss. Band l»., St. r. Erste Sammlung. tSr denn bei welchem griechischen Dichter ist die Kunst in mehrerem Glanze als bei ihm? Die Schöpfung seiner Worte, und die Verkettung seines Perioden, selbst bis zur Zerreißung dcrSolbcn, selbst bis zum Ucberstrvm über die Strophe, selbst bis zu seinem mannigfaltigen Numerus, selbst bis zu seiner erscheinenden Wulh ist doch wahrlich! nicht das Werk wilder Phrenesic, sondern alles setzt so viel Wahl und vortreffliche Kunst voraus, daß, wie die lyrische Sprache schon an sich unter allen Gcdichtartcn vielleicht die künstlichste seyn sollte, mir unter allen Griechen Pindar auf der höchsten Stufe der poetischen Kunst erscheint. An die Dichter zur Zeit Philad elphus, laßt sich nicht anders, als an Dichter der Kunst denken: die Kunst kam bei Tbeokrit, bis auf das Wortspiel, das er macht, vortrefflich; bei den meisten seiner Mitgenossen ward sie schon gelehrt, sie sing an in gezierte und mühsame Künstelev auszuarten, von welcher selbst Callimachus nicht frei ist. Dem sey indessen, wie ihm wolle, ich werde in diesem Zeitalter nichts weniger gewahr, als eine» Sänger, der, wie Homer, ein Soh» der Mutter Natur wäre, — und was will man mehr? Se» die Poesie in allen Zeitaltern, was sie wolle; seitdem die Prose entstehen mußte, war sie eins nicht mehr: Gesang der Natur. Indessen ging dieser damit nicht aus: bei allen Veränderungen der Sprache des Lebens und der Bücher erhielt er sich in den ersten großen Driginalwcrken, insonderheit in Homer. Dieser blieb immer der Hürst, der Dichter, dem alle ihre Sprache nachbildeten. rö2 Fragmente zur deutschen Literatur. in sie mehr Kunst und Manieren brachten, und nur etwa nach ihrem Zeitalter sie modistcirten. So konnten jetzt also vortreffliche Dichter leben: die dichterische alte Sprache immer ihren Weg fortgchen, parallel mit der Prost; allein — Prost allein wars, die da lebte. — 8 . Den großen Unterschied, den der Zeitpunkt einer werdenden Prost macht, an wem konnte er besser gezeigt werden, als an Herodvc, dem Vater der Geschichte und dem Homer der Prosaisten. In mehr als einer Absicht steigt bei ihm der Dichter zum Geschichtschreiber herunter, und der Geschichtschreiber bei aller seiner Simplicitat zum Dichter berauf; daß, so schwer cs mir würde, im Homer Granz- sieine zu setzen, wo das Gerücht von Geschichte der epischen Erdichtung Platz mache: so schwer waren im Hcrodot die Farben zu trennen, die in seinem Bilde der Geschichtschreiber und der Sänger alter Sagen und eigner Reisen zusammen fließen läßt. Der ganze Bau seiner Geschichte hat die Einfalt d«s Dichters erreicht: alles schlingt sich in Episoden zusammen , die Thcilweise aus einander fallen; und so aus einander fallt auch der ganze Bau seiner Schreibart, die noch nichts vom Numerus des Jsokrates weiß. Wie viel würde also dazu gehören, ihn, wie es seyn soll, in unsere Sprache zu verpflanzen, und nach seiner ungebundenen Einfalt unsere weitschweifige, zu gefesselte Schreibart zu zerstücken, Elfte Sammlung. i52 ohne doch ihrer Bildung etwas zu vergeben — ein Feld, von welchem sich Gold Hagen, mit seiner Lehrlingsübersetzung, gewiß keinen Lorbeer geholet! — Und wie fein muß das Auge und die Hand dessen seyn, der einen leichten und genauen Zwischenstrich ziehen kann: wie fern zu unserer Zeit Geschichtschreiber den Herodot in seinem Halb-Epischen, in seinem Episodenmäßigcn nach - oder nicht nachahmen können. Preiset man das alles so durchweg an, wie Gatterer *) neulich gethan: so nimmt man alles überhin, und kennet Herodot nur vom Hörensagen. Gewiß, wer uns das Bild dieses Mannes, nicht nie einen Schattenumriß an der Wand; sondern im lebenden Bilde zeigen will, der muß uns Herodot aus seinem Zeitalter in Eulrur und Sitten, in Denk - und Lebensart, in bürgerlicher und wissenschaftlicher Verfassung gleichsam erklären können,, er muß diese Zeit, wie seine eigene, kennen, mit Herodot gelebt haben, und jetzt zum zweitenmal leben. Je mehr ich Herodot im ganzen Ton der Denk - und Schreibart kennen lerne: desto ehrerbietiger nähere ich mich ihm, wie einer antiken Bildsäule des Janus, der mit einem Antlitz ins Land der Poeten zurück, mit dem andern in eine neue Welt hinsiehet, in ein werdendes Zeitalter der Prose. **) H S. Histcrische Bibliothek, 2. B. Ich darf zu meinem Zwecke vom Lhucydides nichts mehr sagen, als daß auch die prosaische Schreibart der Griechen aus eine gewisse Art sich habe Fragmente zur deutschen Literatur. Wie auf dem höchsten Gipfel kunstloser Wohl- rcdcnhcit, erscheinen mir die Schüler Sokrates, Tcnophon und Plaro: klassische Schriftsteller, in welchen die Prose lebet, für mich die ersten und einzigen unter allen Nationen, die ich kenne. Wie dei Homer alle Gattungen poetischer Schreibart in seine ungekünstelte Poesie : so fließen bei ihnen alle spätere Gattungen der Prose in ihren natürlichen Vortrag zusammen — und wenn Homer die Spracht der Götter sang, so schreiben diese die Sprache vollendeter seliger Menschen. Ihr Ausdruck schwebet zwischen dem ftühcrn Pomp der Dichter, und dem sparern Pomp der Redner wie in ruhiger Milte: von da er sich bei jeder sanften Regung der Lust bald dort, bald hier hin schwingen kann, ohne auf das Aeußerste hart anzulaufcn, oder aus seiner glücklichen Mitte zu wanken. Sie sind die -sts, unter den Griechischen Schriftstellern, bei denen die Weisheit noch nicht Wissenschaft, die Schreibart noch nicht gelehrte Kunst; beides aber gemeinschaftlich ein Werk der Natur scheint, *) wo Weisheit, wie dem Ucbertriebenen, wiewohl nur von ferne, nähern müssen, bis sie in ihr ruhiges Gleichgewicht sank. H Leuten zu gut, die da glauben, ein Verfasser wisse nichts mehr, als was er schreibt, muß ich dazu setze» , daß ich wohl weiß, wie in diesem Zeitalter die Sophisterei der , wie sie Plato im PhLdrus nennet, der herrschende Geschmack war; allein um so mehr konnte daL edle krapsxo der Schriftsteller, die bei den Erste Sammlung. i55 die unsichtbare Seele ist, die vom Antlitz der Unschuld mit sanftem Elan', straklet, die Schreibart aber den schonen Körper Hiebt, den alle Huldgöttiu- nen gebildet. Mehr als von allen Lateinern kann unsere Sprache von ihnen gewinnen, um das Süße und Schöne »-«Xov) zu lernen, das ihre Prose des guten Verstandes belebt. Der historische Styl soll unserer Sprache noch erst eingebildet werden. Und von wem wird sie diese Bildung eher nehmen, als von dem edeln Teno- phon, der nichts halb sagt, und nichts übereilet, bei dem die Rede fließet, wie ein Bach in den Auen Elysiums. Wie sehr hat unsere Schreibart, die ohnedem einen ruhigen Gang liebt, wie sehr Ursache, was sie sagt, ruhig und ganz sagen zu lernen! Und wie leicht wird sie sich an einen Tenopbon an- schmiegcn! leichter, als an einen Geschichtschreiber, bei dem Gedanken und Sentenzen einander drangen und drücken: denn bei diesem kommt eine schwere Sprache zu bald in Gefahr, überladen, eine weitschweifige Sprache halb, und eine unbequeme, schielend zu schreiben. Mich dünkt, es war Aristoteles, der es nicht wagte Dialogen zu schreiben, weil Teno- Griechen von den ältesten Schriften an ein eigenes Geschlecht machten, sich von dieser herrschenden Denk - und Sprachart unterscheiden. Dies sey genug über einen Einwurf, gegen welchen sehr vieles gesagt werden müßte. *56 Fragmente zur deutschen Literatur. phon, die attische Muse, solche geschrieben: und gewiß ! es gehet kaum etwas über die einfältige Natur, über die honigsüße Freundlichkeit, über daS Feine der Symmetrie, das bis auf Kleinigkeiten in ihnen herrschet: denn die Musen selbst sprachen aus pincm' Munde. Nichts sagt er verworren, nichts falsch, nichts durch einander, wie wenn viele ineinander schreyen, und keiner ganz spricht: jedes seiner Gespräche ist wie ein schöner Teppich, mit Gold gestickt, und bis auf jeden Nadelstich voll Natur, Ordnung und Symmetrie. — So ist es denn ja eine wahre Schandsaule, die man Tenophon errichtet, wenn man ihm alle diese Schönheiten, die Symmetrie des Ganzen, das Colorit in jedem Theile, und den Wohlklang jeder Sylbe raubt, ihn in unserer Sprache alles halb, oder überladen oder verwirrt sagen laßt, und ein solches Gespräch, als wäre es die Manier zu dialogisiren, die wir an Lenophon lieben, gerade vor ein Buch aufstellt, das selbst ein Muster des Geschmacks seyn, Ueber- setzungen bcurthcilen, und uns die Griechische Kunst anpreilen will — Und wäre dies Buch selbst die Bibliothek der schönen Künste und Wissenschaften — Warum duldet man vor ihr eine elende Uebersetzung, wie die vor ihrem zweiten Bande? Und wo bleibt eine Uebersetzung des göttlichen Plato, dessen Schreibart wie Feuer brennt, und raie ein himmlischer Thau erguicket? Die Verschönerungen seines Dialogs, selbst wenn sie MoseS in ihn bringet, halten uns kaum für die Einfalt des Griechen schadlos: und doch welch ein Werk hätte Erste Sammlung. 107 - der geleistet, der uns die vornehmsten Gespräche Platons gäbe, wie Moses uns den Phadon gab? — Plato wurde dem Sokrates durch einen Traum verkündigt, daß ein junger Schwan aus dem Altar des Gottes der Liebe ausflöge, und in seinem Schooße niedersäße: nachher sich auf seinen Schwingen gen Himmel erhübe, mit einem Gesänge, der das Ohr der Götter und Menschen ergötzte. O säße in dem Schooße des Griechischen Plato auch ein solcher Schwan nieder, um, was er in seiner Sprache sang, uns in der unsrigen vorzusingcn. Sein Uebersetzer muß den Dämon Sokrats zum Freunde haben, der ihm in der Weisheit selbst, und in dem Gewände derselben, dem Sokratischcn Vorträge, Rath und Unterricht gäbe: diesem Göttlichen, was in Sokrates wohnet, opfere er, wie der junge T h enges Gebet und Opfer, und was die Weissager wollen, damit er sein Vertrauter sey. Ich habe die Griechische Prose in einem Zcit- «lter betrachtet, in welchem sie die Göttin der Ue- berredung, die Suada mit holden Lippen, auch in Büchern zu sprechen scheint: und was darf ich sie, zu meiner Absicht, in das Gebiet der Kunst begleiten, da Redner und Rcdekünstler, vom Demosthenes zum Isokra tes hinauf ihr den ganzen Umfang des schönsten oratorischen Numerus, der Weltweise Aristoteles aber mit allen seinen Nachfolgern ihr den genauen Umriß einer dogmatischen Sprache gaben. Unter allen diesen Händen müßte ich sie als ein Werk der Kunst betrachten: viele Künstler gaben ihr eigene, und' vortreffliche Künstler vortreffliche neue Gestalt. Nachdem tausend i53 Fragmente zur deutschen Literatur. Umstande, Zwecke und Hülfsmittel zusammen trafen, thcilte sich die Kunst der Schreibart in Gattungen, und jede Gattungen in Schulen: jede Schule konnte Meisterstücke, und jede Gattung neue Manieren geben. Allein für mich liegt dies alles seitwärts ab, da ich blas aus der Naiur der Sprache habe bemerken wollen, wie die Prose entstanden, und wie sie ihre schönste Natu? erreichet, da sie in her Mitte zwischen Dichterey und rhetorischer Kunst, zwischen der Ungebundenheit des Poeten, und den -Fesseln des Philosophen schwebte, und in dem edelsten Verstands Weisheit und Sprache des Volks war, wie es vormals die Poesie gewesen. Und kann ich dies Zeitalter, das in dem Lauf, den die Prost genommen, wie der Edelstein in einem Ringe ist, kann ich eS genug anpretsen, zu studircn, ihm nachzuahmcn? S Weil ich einmal über dem Geschäfte bin, mich selbst erklären zu müssen: so lasse man mich ein Buch nennen, das über dies Zeitalter der Griechischen Prost beinahe ein Evmmentar hätte werden können, hätte der Verfasser es nach meinem Eigensinn ausgeführet: cs ist das bekannte Werk eines Schottländers *) über die Schreibart Lenophons, *) ckam. vn tche compositlon anä manirer »k vritinA vk tbe ancients. Erste Sammlung. >äg Herodots, Thucydides, des Place uns Demosthenes. Ged des schrieb sein Buch nur einer genauen Kenntniß seiner Griechen, mit einem feinen Geschmack, die Eompositivn ihrer Bildcr und Gleichnisse zu schmecken, und mit dem richterlichen Ohr, das Numerus und Woklklang bis zum lieber- maaße hören will. Außerdem hat er über Plato manches andere von Nutzen gesagt, und ist ein Sammler der schönsten prosaischen Stellen der Griechen. Allem ohngeachtct aber bleibt sein Werk nichts, als das Buch eines Schulmeisters, der Tcnophon und Plato zu nichts besserm machen kann, als er selbst ist. Er legt den Satz zum Grunde, den das ganze Griechische Altcrchum uns zurufet: „die besten „Schriftsteller auch der Prose hatten ihre Schreibart „dem Homer abgclcrnet." Allein da er ihn sehr gebrochen verstehet: so giebt er allen diesen großen Leuten wahre Schulmethode zu lernen Schuld, die den Feldhcrrn Lenophon plötzlich auf eine Bank rückt, wo der Professor Geddcs sitzt, wenn er Homer und die Alten liefet. Hier sollen sie dem Homer eine Beschreibung , ein Gleichniß, ein Bildchen künstlich und kindisch nachgemahlet haben, wv ich zum Unglück das Wenigstemal einen Zug der Nachahmung entdecken kann, wenn meine Phantasie nicht Buße lhun soll. Dort haben sie ihm den lebenden Wohllaut nachgebilder, selbst wo sie in ihrer Sprache kein Wort mit Homer gemein haben? Warum denn so etwas Homer nachgebildec? Eben als wenn sie kein Ohr hatten, einen Platzregen, «inen Fluß rauschen zu hören — kein Auge hatten, die Wirkungen der Leidenschaften zu sehen — und kein» Zunge hatten, das was sie sahen und hörten, »6o Fragmente zur deutschen Literatur. auszuspcechcn! Eben als wenn Plato keine D.rglci- chung mit dem Hauche der Aura machen konnte, ohne den Zephyr Homers in dem Elysium im Sinne zu haben: und ThucydideS zum Pindar lausen müßte, wenn er ein großes Gemahl- de wagen wollte. Gewiß die größcsten Schriftsteller der Prme, die in der Welt gelebt, so weit zu SchiG lern, zu kindischen Nachahmern, zu Affen de« Numerus herab zu setzen, ist schimpflicher als wenn er sie des Gedankcndiebstahls beschuldigen würde: denn große Gedanken erobern ist königlich, aber Bilderchen nachmahlen ist kindisch, und den Numerus und Rhythmus nachpseifen, gehört für dumme Vogelköpfe. Ged des hat geschrieben, wie ein Geschöpf, das nur Einen Sinn hat: ein künstliches, Ohr — darauf kann er stolz tbun, davon kann er schreiben, aber von allen andern Sinnen — wenig oder nichts! Der muß alle, und alle wohlgebildct haben, der darüber reden will, wie die Griechischen Prosaisten ihren Homer, und wie sie einander nachsprechen/ — nicht in lappischen Kleinigkeiten, sondern in dem Innern ihrer Schreibart. Tief in dies Innere muß der Griechische Gedanke verfolgt werden, „daß alle „Weisheit und Schönheit des Vortrages aus dem „Abgründe derselben, der alten Poesie, allmählich „geflossen und sich in eigene Bache, und nachher „große Ströme gethcilt habe:" ein Gedanke, den Geddes nie ansichtig wird, so oft er auf ihn stößt. Erst muß man das Eigene in der Schreib- und Denkart jedes Schriftstellers einzeln zu bemerken, und lebendig zu schätzen wissen, ehe man sich die Frage Vorlegen kann: wie hat dieser Scribent das Ganze seiner Denk-- und Erste Sammlung. i6r und Schreibart nach einem alten Original gebildet. Ueber das erste weiß Ged des üichts, als drei Schulklassen des Styls anzuqeben; und das Ziel der zweiten Frage, und der Lorbeerkranz an demselben ist also ganz außer, oder über seinen Gesichtskreis. Sein Buch hatte ein prächtiger Borbof, und eine Einleitung in die Geschichte der Griechischen Prose werden können: jetzt ists ein kleines enges Nebenzimmer, wo man die Schreibart des Tenophon und Plato, wie in einer dunklen Kammer, Flick- weise siehet. Um von der wahren Sprache der Philosophie würdig zu reden, muß man es Ansangs vergessen: ob eine Sprache in der Welt es so weit gebracht? ob einige oder ein Schriftsteller sich derselben genähert? ob außer ihm noch ein Schriftsteller in der Welt sey? ja aus eine Zeitlang vergessen: ob eine solche Sprache Menschen möglich, faßlich und vor- thcilhaft wäre? Ueber alles dies trinke ich aus dem Fluß Lethe, und nun sind auch alle die kleinen Einwürfe vergessen, die man meiner philosophischen Sprache gemacht hat. Ich denke mir eine solche an sich, und — Dichterisch ist diese doch gewiß nicht: sie giebt ihrer innern Würde und Beschaffenheit nach alle Ansprüche auf poetische Sprachschonbeiten aus. Wohlklang der Wörter, Wechsel der Splben, rühren- Herders Werke z. schön. Lit. u. Kunst. I. L r6r Fragmente zur deutschen Literatur. der Ausdruck, Schmuck der Bilder, so viel sie anderswo geltn mögen, so gelten sie, wenn man mehr als praeter proptc-r red.n will— hier nichts. Die Wcltweisheit verschmähet diese Schönheiten, wie der Homerische Hektor die Gaben der Venus vcrschmä- hcte, oder wie Herkules ausrief, da er die Statue Adonis im Tempel erblickte: in dir ist nichts Heiliges! Sind die Gaben der Venus nicht deswegen an Paris schätzbar, wenn sich gleich Hektor aus ihnen nichts macht? Paßt sich die Statue Adonis nirgends hin, wenn sie Herkules auf seinem Altar nicht leiden kann? Wie so nicht? Nehmet den Paris aus dem Handgekecht mit Mcnelaus in das Schlafzimmer der Helena: setzet Adonis in den Tempel der Venus: so sind sie am rechten Ort. Aber nur nicht, daß Hektor und Herkules, wie Paris und Adonis schön seyn müßten! Nur nicht, daß Weltwcisbcit ihr Gesicht mit Schönpflästerchen der Poesie und Rcdnerci verstellen müßte, um schön zu seyn! Wer sie so sehen will, hat nie ihr offenes Angesicht gesellen. Wenn die Grundsätze, die eine Semiotik » priori bestimmt, bei einer wirklichen Sprache wenigstens Theilwcise anzuwcndcn wären: so geben diese Theile zusammengesetzt — eine Sprache der Phi- losopllie. Nicht rede ich also von den wenigen Zeichen, die erfunden wurden, um Syllogismen und Figuren anzuzeigen: sondern von dem strengsten Vortrage vollkommener Begriffe, Schlüsse und Beweise. Hier ist alles was zu viel oder zu wenig sagt, es sey in einem andern Gesichtspunkte so schön, so rührend als es wolle, hier ists — ein Fehler. Erste Sammlung. i63 Jeder deutliche Begriff habe hier also nur einen Ausdruck; hatte er. mehr, so waren sie überfleißig , unnütz, oder schädlich. Die Erfinder der Sprachen, ohne Zweifel nichts minder als Philosophen, druckten natürlicher Weise das durch ein neues Wort aus, was sie noch nicht unter einen andern Begriff zu ordnen wußten. So entstanden Synonyme, die dem Dichter eben so vortheuhast waren, als sic dem grammatischen Philosophen zum Aergcrniß gereichen. Dieser fragt haushälterisch: wozu sind so viel unnütze Knechte? sie stehen sich im Wege! und er hat sie abgeschafft; den übrigen aber ihr genaues Geschäfte angewiesen, um nicht müßig zu seyn. Gesetzt, ein pbilosovhischer Begriff habe zween Ausdrücke: die Gelegenheit, die beide schuf, war entweder dieselbe, oder verschieden. Dieselbe; — so ist es Fehler der Sprache: verschieden; — der gewöhnliche Sprachgebrauch, der nie philosophische Deutlichkeit zum Zwecke hat, kann immer die beiden Gelegenheiten verwirren, ohne doch seinem Zwecke zu entkommen; aber der Philosoph muß unterscheiden oder sich an ein Wort binden. Thut er nichts von beiden: so vergibt er im ersten Fall schon etwas von der Genauigkeit im Denken, und er oder ich kann von der strengen Wahrheit abirren, wäre es auch nur ein Haarbreit. Im zweiten Fall vcrgiebt er etwas von der Genauigkeit im Vortrage: denn bei Abwechselung halbgleichgültigcr Wörter, kann sich eben auf den Nebenbegriff meine Aufmerksamkeit heften, und den Hauptbegriff, wenn auch nur im feinsten Thcile, verfehlen — wenigstens kann sie sich darüber verwirren, als sei mit dem Wort auch der Gegenstand selbst geändert worden. L 2 Frömmle zur deutschen Literatur. 164 Daber halte ich auch in strengen Beweis» von dcm bcinabc Pbilosophircn nichts, du man, um, wie man sagt, nicht durch cin ewiges Einerlei zu ermüdrn, Worte Vorspielen laßt, wie ein Farbenkla- vier. Einem Auge, das sich an heften will, ist diese Vorspiegelung so unangenehm, wie eine Augenblende: eben cin Einerlen, eben das Wiederkom- mcn des Einen, was ich für Dasselbe strkcnne, will cs; starr soll eben sein Blick darauf liegen, um es gleichsam durch und durch sehen zu wollen. Für ein flatterhaftes Auge ist freilich cin schönes Wortspiel willkommener: für Damen, und die Phi- losopben, die Weiberschürhen statt Philosophischer Mantel tragen, sind solche fontencllische Spaziergänge angenehmer, da man sich an nichts minder, als an Worte bindet. Allein hat man sein Ziel unvcrrückc vor Augen: was sucht man anders, als den kürzesten Weg? Wortschmuck, schone Abwechselung und Zerstreuung, sind goldene Aepfcl d.r Atalanta, die uns im Laufe hindern. Und warum lassen unsere Schönschreiber nach der Mode eben dies suuum vv- lukils fallen? Wozu es Hippomenes fallen ließ, damit sie mit ihren lahmen Füssen zurecht kommen mögen. Doch ich falle selbst in den Fcbler, den ich tadle, und nehme kurz ein Beispiel. Die Schriften des -Philosophen Ba umgarten, und insonderheit seine Metaphysik, als Lehrgebäude in Migniatnr betrachtet — nicht betrachtet, für wen sie geschrieben sind — nicht betrachtet, wie fern sie wahr, vollständig, vollkommen sind — betrachtet blos an sich, und in der Natur des Vortrages: kann ich ibre genaue Kürze und einförmige Wiederholungen nichts anders, Erste Sammlung. r65 als loben. Denn blos durch diese harte und feste Andeutung der Begriffe kann die Wcltweisbeit zum sichern Umriß ihrer Gestalt gelangen, und dieser ungekünstelte, viereckigte Borkrag, der aus nichts als Wahrheit geht, ist besser als aller Styl, der sich in Schönhcitslini.n krümmet und windet, mit Farben spielt, und in V.rzierungen von fremder Natur aus- schweist. — In dieser Absicht danke ichs ihm, daß er den Ucberfluß entfernet, in geraden Linien zu seinem Punkt geht, ohne schön abzuwcichcn, daß er in ein jedes Wort Verstand legt, und wo der Sinn wieder kommt, auch den Ausdruck wieder kommen laßt. Ich danke es ihm, daß er eintönig, hart und wiederholend ist, wo crs scyn muß, dem Reichthum entsagt, wenn er Unordnung anrichret, der 'Schönheit, wenn sie der Vollkommenheit gegen über stehet, der Grazie, wenn sie Seiten schön übcrfchleyert, die ich nackt sehen mußte. Wußte er denn nicht Syno- nvme, um abzuwechseln? Viel bis auf synonymische Allegorien; aber, damit sie Nicht verwirren, so opfert er sie dem Gefängniß auf, und klamm.rt sie bintcr das Hauptwort ein. Oder wiederholet er sich, um sich auszudehncn? Wer ist kürzer als er, wenn ers sevn kann; und wer wiederholet sich wieder in ganzen Paragraphen so monotonisch, als der Lcyer- mann des Horaz, wo crs der Drdnung und Deutlichkeit wegen thun muß. .Oder harte er nicht Blumen , um seine dürre Schreibart zu bestreuen? leset seine Acsthctik, seine Vorreden, seine Abhandlungen, wo er sich gleichsam sich selbst überlassen kann: hier duftet aus seiner dürren freilich unter der Philosophie vertrockneten Schreibart eine Menge Blumen, die er einzuwebcn wußte — aber dies ganze Füll- r66 Fragmente zur deutschen Literatur. Horn giebt er aus der Hand, wo es aus Waffen zu sircitcn, und auf freie Hände ankommt, zu ringen. Sollte also sein trockner, harter und unverdaulicher Styl, seine zusammcngcprcßte Kürze, seine wiederholende Einförmigkeit nicht eben ein Werk des Vorsatzes, der Nothwendiqkcit seyn? Er ists! denn seine Schriften sollten eben ein Grundriß von Wahrheiten seyn, wo ich keine Schlängelungen suche, sondern Linien suche, die fest nach der Kunst, richtig dem Verstände, deutlich dem Auge seyn sollen. Wer wirst nun nicht einen topografischen Riß ins Feuer, der der Schönheit wegen von Richtigkeit wankt, für das Auge spielet und den Verstand unsicher laßt? Ja wenn dieser Riß noch ein Muster architektonischer Schönheit, oder cincEho- rographie seyn sollte*). Nun aber ist ja, um sich ein Ganzes abstrakter Wahrheiten im Verstände entwerfen zu können, das eben eine willkommene Aussicht, die dies Ganze in seiner kurzen und genauen Zusammenordnung zeigt. „Wie in Erlernung der „Musik und Sprachen dort die Töne und hier die „Sylben und Worte scharf und deutlich müssen angegeben werden , um zur reinen Harmonie und zur „fleißigen Aussprache zu gelangen: eben so führet die „Zeichnung nicht durch schwebende verlohrne und „leicht angedeutetc Züge, sondern durch männliche, „obgleich etwas harte und genau bcgranztc Umrisse „zur Wahrheit der Form!" — und durch solchen Styl die Sprache zur Wahrheit der Erkcnntniß. Freilich nähert sie sich blos von ferne diesem strengen ) Winkelman » s Geschichte der Kunst. Er ste Samm lu n g. 167 Einfachen der Wahrheit. Es müßte eine Sprache der Philosophie zu gut erfunden: die Philosophie vollendet, und die Kräfte der menschlichen Seele ohne Schwachheit seyn, wenn ein solches System erscheinen sollte. Nur lasse man-denn auch so lange diese philosophische Sprache ruhen, ohne ihr zum voraus Vorwürfe zu machen, und lasse cs bleiben, die für Barbaren und trockene Köpfe zu schelten, die sich dieser Richtigkeit in einer bekannten Sprache zu nä, Hern suchen. 11. Beides geschieht häufig, und das erste ist noch neulich von einem Gelehrten geschehen, der mit der philosophischen Sprache wie mit einem Schatten spricht und dem Kinde, das noch nicht geboren ist, und noch lange nicht geboren werden wird, nachthcilige Namen gicbt, ohne daß crs gesehen. Michaelis*) führt unter seinen Weissagungen wider die Gelehrte Sprache -an, daß sic dem Ohr übel klingend, ohne Verschönerung durch Synonymen , ohne Ausdrücke fürs Herz, ohne Reize dcS Styls, und Apollo weiß! ohne was mehr seyn würde. — Mich dünkt, wir können ihn wegsprcchen lassen; denn sic soll ja nichts als gelehrte Sprache seyn: keine poetische, oratorische oder schöne, und so kommt die Sorge für das Ohr durch Wohl- ) Michaelis Preisschr. der Beschluß der Franz. Uebersetzunz. i63 Fragmente zur deutschen Literatur. klang und Synonymen eben zuletzt — keine histo- ris che, für die Geschichte bleii't also in allen andern Sprachen Platz — reine theatralische, und Äoma- ncnsprame: folglich mögen immer die Herzens- und Milzausdrücte wegblcibe» — keine Frauenzimmer sp ra c t, e, und so mag sie trocken, Einförmig und unangenehm seyn, wie die Algebra: sic kann, alles seyn, was er ihr Schuld giebt: sie mag es aber auch, oder vielleicht muß sie cs seyn, als eine Charakteristik philosophischer Begriffe. So sind also ein guter Theil seiner Einwendungen verflogen, und die andern halten eben so wenig Stich, wenn ich unterscheide: die philosophische Sprache soll ja ein ander Ding seyn, a.ls die Sprache für den gemeinen Verstand (ssns acuniwrin), anders, als eine Sprache zum täglichen Umgänge, anders, als zum angenehmen Bücherlesen. Dieses «alles will sie ja nicht seyn, kaum sich mit allen vergleichen, am wenigsten ihnen zur Last fallen. Und überhaupt vergisst der ganze Abschnitt: ist eine gelehrte Sprache möglich zu erfinden ? seine große Aufschrift so ganz, dass der Verfasser vom Erfinden aufs haben, vom haben aufs Wissen, vom Wissen aufs Sprechen, vom Sprechen aufs hören, vom hören aufs lernen, vom lernen aufs Akademische lehren in einem halbjährigen Collegio, hievon aufs gebrauchen, aufs lesen zum Zeitvertreib und wo mehr hin? kommt H-und mit allem nur so viel beweiset: wie er seinen eigenen Vortrag ssür genügsame Dosis gelehrter Sprache, und vielleicht für die beste gelehrte Sprache halte. In beiden kann er recht haben, wenn voraus der Mittelpunkt der Be- Erste Sa mm lung. 169 zichung ausgemacht wird: die beste in welcher Absicht? gegen welche Verhältnisse? Da hat nun Michaelis und Leibniz offenbar einen ganz andern Mittelpunkt der Vollkommenheit: beide haben einen verschiedenen Begriff von dem Wort gelehrte Sprache, und so hat immer M. nichts gesagt, so viel er gesagt haben mag. Hier ist nicht von Faßlichkeit, Wohlklang, Anmuth, Herzregung, Lesbarkeit u. s. w. die Rede: sondern von intellektueller Vollkommenheit , in welcher Richtigkeit statt Schönheit, die Wahrheit statt Rührung, und Deutlichkeit statt aller Verzierungen ist. Sie sei immer barbarisch, monotonisch, trocken und ohne sinnlichen Reiz — sind diese Mangel in ihr Mittel zu Vollkommenheiten; so übersieht manl sie — sind sie selbst Vollkommenheiten: so kann man sie nicht missen, und der Wcltweise nimmt alsdenn den Namen eines Barbaren, eines simplen und trocknen Kopfes sich so züm Ruhm an, als Sokrates den Namen eines Unwissenden. Wer heißt in Rom nach der Mundart des Volks Barbar? der eine fremde Sprache spricht — und die muß der Weltweise sprechen, der ja eben die Begriffe der gemeinen Rede berichtigen, erhöhen, erklären soll. Wer heißt einförmig ? wer karg mit Worten, den schönen Luxus nicht affcktirt, der das Wohlleben in der Gesellschaft und das Wohlschrcibcn im gewöhnlichen Styl ausmacht — und dem Luxus muß der Weltweise entsagen, wenn das Gewicht seiner Worte, und die Nerven seiner Gedanken dabei leiden. So auch wer heißt trocken? Eben, wer alles auf- gedeckt vor Augen legt, ohne cs mit Blumen zu^be- 170 Fragmente zur deutschen Literatur, streuen — und dies will ja eben der Weltweise, der alles der Wahrheit aufopfern muß, der nur nach dem Namen eines tiefen Forschers geizet, der nichts als eine Philosophie sucht, die in allen Worten richtig , genau, erwiesen, einen Schatz von vollkommenst Begriffen enthält, und eben diese Vollkommenheit ist statt Schönheit. Ich setze hinzu, daß es blos von der Unvollkommenheit der Erkcnntniß, der Sprache, und der erkennenden Kräfte hcrrühre, wenn die nackte Wahrheit sich mit schönen Feigenblättern umhüllen muß, um den Augen der Menschen zu erscheinen: in der Nacktheit allein erscheint ihre ganze Schönheit. 12 . Nun aber vor den Augen der Menschen! Sind diese schwach: so kann sie sich immer cinhüllen, wenigstens nach und nach zeigen, und eigene Gestalten wählen, ohne daß man daraus schließen dürfte: so ist sie an sich. Alles bekommt also eine andere Wendung, wenn ich die Philosophie subjcctiv betrachte : wie gelangen wir zu ibr? wie weit haben wir sie? wie läßt sie sich in Sprachen, wo wir sie letzt haben, vortragen? hier kann cs wirklich seyn, daß es sich auf diesem schmalen Pfade abgezirkter Worte zur Wahrheit kaum und schwerlich kommen ließe, man gehe ihn als Untersuche«: oder Schüler. Ja wer die Wahrheit schon hatte, oder nur sie ohne minder Fehltritte suchen, und ohne minder Beschwerden lernen könnte! — Ich bringe einige wuthmaßliche Grün- Erste Sammlung. r?r de an, die aber, wenn sie alles thun, was sie sollen, nichts zeigen müssen: als daß eine behagliche Sprache — nicht die beste und einzige für die Philosophie — sondern die bequemste für uns scy. Wir sind Menschen, ehe wir Weltwciscn werden: wir haben also schon Denkart und Sprache, ehe wir uns der Philosophie nähern, und beide müssen also zum Grunde liegen, die Sprache des Verstandes der Vernunft, die Denkart des Lebens der Spekulation. Und wie viel liegt damit zum Grunde? Muttersprache, dcr ganze Umfang von Begriffen, die wir mit der Muttermilch einsogcn — «Muttersprache, die ganze Welt von Kenntnissen, die nicht gelehrte Kenntnisse sind — Muttersprache, das Feld, auf welchem alle Schriften des guten Verstandes hervor wuchsen — was ist sie also für eine Menge von Ideen! Ein Berg, gegen welchen die kleine Anzahl philosophischer Abstraktionen, ein künstlich aufgeworfener Maulwurfshügel — einige Tropfen abgezogenes Geistes gegen das Weltmeer! der Welt- weise hat also in seiner Untersuchung unendlich me h r Data, wenn er.sich dieser freien Sprache überlasset: er spreche noch immer unbestimmt, wenn cr nur vielseitig spricht: cr spaziere frei, in desto mehreren Gegenden wird er bekannt, an desto mchrern Orten kann er Früchte suchen, hie und da Minen eröffnen — hie und da die Wünschelruthe versuchen. Er kommt zeitig genug auf seine Landstraße, wenn er nur viel auf sie mitbringt — und wie viel laßt sich aus dem Gebiete der Erfahrungen, der Sprache des Lebens und dcr Vcrnunftahnlichen Kräfte mit- bringen! Das Land der Kunst ist wie dürrer Sand 172 Fragmente zur deutschen Literatur. aber auf dem Boden der Natur blühet das herrlichste Paradies! Woher lag über Jahrhunderten jener Nebel der Unterdrückung in der Philosophie? weil man einmal di? Sprache der Vernunft von der Sprache des Verstandes getrennet, und sich dunkler Wortkramcrei anvertrauet hatte. Zwischen diesen Wortschrankcn, die einmal Aristoteles vorgesteckt hatte, Schule nach Schule, durch, immer auf einer Stelle, mit starrem blinzcndcn Blick, suchte man, und man weiß, daß, wenn man am emsigsten sucht, man oft am wenigsten finde. Man harte mehr gefunden, wenn man sich nicht blind gesehen, die Aussicht nusgcbrei- tet, sich bald an grünen Farben, bald an neuen Gegenständen erholet hatte: hiemit wäre das Auge ge- starket, um cs desto scharfer zu gebrauchen. Ist es wahr, daß alle unsere erworbene Kenntnisse, Ideen und Erfahrungen in der Sprache des Lebens aufbehalten werden, so muß sich aus ihr auch die Philosophie gleichsam entwickeln, und wir fehlen leicht weit ab, wenn man blos von gewissen gegebenen Punkten der Schulfprache sein Gewebe fortleitct, ohne zu sieben, wo diese Punkte Haltung haben. Das ganze Gebäude der Spekulation kann künstlich gezimmert werden; steht cs aber nicht auf der sichern Erde: so siehe nicht hin! der künstliche Luftbau fallt. So ist also die Untersuchung abstrakter Satze, so viel möglich in der freien Sprache des Lebens, fruchtbarer und sicherer: hin und her zu treten, ob man feste gehet: freier hin und her zu spazieren , um Materialien des Denkens zu holen — als wenn man sich an einen schmalen Steig von Worten und Unterscheidungen heftet. Und wenn ist dieser Er sie S a m m l u n g> >72 freie Gang mehr anzurathen, als zu unserer Znc der philosophischen Anarchie, da man — nicht über einige Wahrheiten — nicht über Beweise — kaum selbst über die Methode der Weltw.isbcit einig geworden. Was ist bei dieser Verwirrung das beste? daß man sich jeden seinen Gang, seinen Gesichtspunkt, seine einzelne Materien, und einzelne Seiten wählen lasse. Vielleicht, daß er von seinem Standort weiter siebt; vielleicht, daß er, welches noch besser ist, bemerke, woher sei» Vorgänger oder Nachbar habe falsch sebcn müssen: vielleicht, daß er in der Sprache nach feiner Art cs finde: „wie diesem Wort eine falsche Idee anhing, und wie viel falsches sic unver- „merkt in den Verfolg der Rechnung brachte? Wie „jene Wortverbindung ein ungültiges Glied dem „Beweise unterschob? und jene Verwirrung feiner „Unterschiede Jrctkümcr zwischen Wahrheiten vernickelte?" Man kann sich zu diesem Geschäfte nicht Spielraum genug nehmen: weil man immer zu geneigt ist den Wahrheiten großer Männer, ihrer Methode und Sprache nachzuhangcn: man hütet sich zu sehr vor Irrthümern , um ganz auf seine Kosten denken zu wollen. Lieber wolle man doch.das letzte: man. irre auf seine Art: so lauft das Zirkclrad der Jrr- thümer umher, und man lernt durch Fallen um so eher gehen. Eben weil man nicht so häufig aufneue und nützliche Art fehlet: eben weil man langen Zeitraum durch nichts khat, als sich an einigen regelmäßig gespannten Luftscilln herab und herauf zu schwingen: eben weil man viel zu jung und früh an System und Gipfel des Baues dachte eben deswegen hat man verjährte Zrrthümer, und immer streitige Wahrheiten. 174 Fragmente zur deutschen Literatur. Von der Seite des Faßlichen mag ick) diesen Vortrag nicht noch empfehlen; von dieser Seite hat man ihn zu sehr und zum Schaden empfohlen. Eu- xlides Mathematik weiß für Könige keinen andern Weg, als für Schulwciscn; und ist das bequem en sä Laxtuni um nichts als der Erleichterung und des Vergnügens wegen: so ist an dieser Empfehlung wenig. Vielleicht ist aber mehr an ihr, und gar so viel, daß ich die harte und sparsame Syntbesis der philosophischen Methode dem natürlichen Gange zuwider halte, den unsere Seele nimmt, wenn sie ler. net: dies hatte freilich viel auf sich! Der Vortrag ist ohne Zweifel der beste, der da anfangt, wo ich anfangen wollte: von den Ideen, die ich schon habe: und von den Worten, in denen ich jene aufbcwahre. Er gehet auf der Balm des guten gesunden Verstandes fort, noch finde ich mich also auf bekannten Wegen: ich nähere mich dem Gebiete der Vernunft; mein Führer laßt mich aber noch nicht das Land meines Ursprunges aus dem Gesicht verlieren: ich trete endlich, kundig des Weges hinter mir, von selbst Stuffenweise höher, bis ich alles in einer Sprache übersehe, die ich mir selbst ausgc- ,dacht zu haben dünke. So ist ein Lehrbuch der philosophischen Erziehung. Lehrbücher von der gewöhnlichen Unterweisung sind das Gegentheil, aus seiner Welt- und Denkart und Sprache findet sich der Lehrling in eine andere Welt, Denkart, Sprache verzückt: er versteht nichts, er muß sich alles erklären lassen: er kommt auf nichts selbst: er muß begreifen, und den Anfang zu allem glauben. Um gebildet zu werden, mußte er Phi- Erste Sammlung. i / 5 losophie wissen, ehe er sie weiß, philosophisch denken, ehe ers lernt, und eben bei dem Anfänge, wo der Grundbegriff liegt, am schärfsten denken können. Nun ists doch nicht einerlei, einen Begriff lernen , und ihn aus sich entwickeln — ihn begreifen, und denselben sich erklären können — den Beweis wissen, und ihn aus sich wissen; und was hilft das Eine, ohne das Andere? — Der Lehrling trat in das Land der Philosophie: steil hinan steht vor ihm eine Hohe, wo von oben herab, synthetisch strenge, Begriffe und Worte herabgerollet werden — Entweder erflcuch die Hohe, oder du mußt von unten Zusehen, und nehmen, was dir zugezahlt wird! das Letzte ist leicht und gewöhnlich. Man fangt auf, was oHatz e fahr herunter kommt, d. i. man lernet nackte Satze — Eonclusionen ohne die Mittelncrve des Beweises, und laßt sich Wörter vorzahlcn, wie man den Extemporaldichtern Endreime gicbt. Man hört .einen Philosophen durch, wie ein Register zum or- bis xictus abstrakter Begriffe: man wird ein historischer Schüler derselben; ein Witzling aus, oder gar ein Spötter über die Philosophie. — Nun nehme man den kleinen Rest derer, die jene steile Höhe hinan klettern wollen: einige fallen mitten im Klettern zurück, das sind die unglücklichen Halbphiloso- phcn, die schädlichsten Geschöpfe, die sich unterstanden, alles trübe zu machen, weil sie nichts recht und ganz wußten. Andere kommen hinauf, und thun, was andere lhatcn: sie rollen ihre Begriffe und Worte so synthetisch herunter, wie ihre Vorgänger: damit gut! Wolfs Methode war der natürliche Weg für einen Geist, der sich schon an Leib n iz Schriften ge- »76 Fragmente zur deutschen Literatur. bildet: der aus ibnen 'Wahrheiten, wie Inseln, hervor hob, und Plan genug inst Kopfe hatte, sie zum festen Lande eines Systems zu verbinden. Sein letzter Blick dachte sie sich in mathematischer Kette, und so stellte er sie mathematisch hin—Vortrefflicher Anblick für den, der sic, wie er, schon alle gefaßt, geprüft, und bei sich befestigt hat, der jetzt alle diese gesammelten Ideen richtig und genau ordnen, und alsdann sie im Ganzen überschauen will — Ja, der sichet von seiner Höhe eine Reihe von Baumen, nach strenger Richtschnur gepflanzt, Glieder, die sich einander zu drangen, um für Einen Mann zu stehen: und so wird er ihn als eine Landcharte seiner eigenen Reifen und Entdeckungen durchdenken. Wer aber diese Reisen erst tbun will — ob dies denn der sicherste und natürlichste Weg sey? die Frage ist anders! Baumgartens Methode ist der natürlichste Weg für einen Geist, der sich an Wolfs Schriften gebildet: der aus ihnen Wahrheiten, wie Glieder, riß, und Plan genug im Kopf hatte, sie fast zur Tabelle zusammen zu fügen. Tabellarisch dachte sie sich sein letzter IBlick und so ordnete er sie — Vortrefflich für den, der eine synthetische Tabelle nölhig hat, um die Wahrheiten in aller Kürze und Fülle, gleichsam von oben herab zu überschauen. — Wer aber keine dieser Wahrheiten noch nicht einzeln kennet, und sie aus seiner Seele und aus seiner Sprache gern selbst analysiren will: ist für ihn die strenge Synthese? Und wenn ich ibm auch Meiers Commentarien in die Hand gäbe, so viel , Bände Bände von ihnen er auf einmal tragen kann: sie andern nichts, weil sie blos mit vielen Worten sagen, was B. mit wenigen sagt. Und wenn ich ihn auch auf B. eigenen lebendigen Vorrrag verwiese; der, wie er selbst sagt, dies Skelet mit Fleisch und Adern zu bekleiden wüßte? —' Noch wird, nichts geändert, denn hier soll man erst einen vollen Körper zergliedern, damit man hintendrein ein Skelet bekomme.— Wolfs und B. Vortrag, ist der beste, nach dem sie dachten, und jeder Philosoph denken will — aber auch der, in welchem man denken lernt? die Hrd- rrung der Natur unserer Seele? die Sprache der philosophischen Erziehung? a3. Ich bin nicht außer meinem Pfade: ich babtz zeigen wollen, daß eine Sprache, wie sie die höchste Dichtkunst, und die strengste Philosophie fodert, zwcen Endpunkte seyn, und mitten inne Platz zu allen Gattungen bleibe, die ich unter den Namen einer behaglichen, bequemen Sprache setze. So wie Schönheit und Vollkommenheit nicht einerlei ist: so ist auch die schönste und vollkommenste Sprache nicht zu einer Zeit möglich; die mittlere Größe ist unstreitig der beste Platz, weil man von da aus auf beide Seiten auslenken kann. Nun soll eine Sprache gebildet werden: wozu? Entweder zur mehr dichterischen Sprache, da- HerLers Werke z, schsn.Lit. «.Kunst. l. ' M F>a§m-nke. mit der Styl vielseitig, schön und lebhafter werde; oder zur mehr philosophischen Sprache, damit er einseitig, richtig und deutlich werde; oder wenn eS möglich ist, zu allen beiden. Das Letzte kann in einem gewissen Grade geschehen; und muß nach unserer Zeit, Denkart und Nothwendigkeit auch geschehen. Alsdenn werden wir zwar von beiden Seiten nicht die höchste Stufe erreichen, weil beide Enden nicht einen Punkt ausmachen können; allein wir werden in der Micre schweben, und von den sinnlichen Sprachen durch Üebersetzungcn und Nachbilden borgen; andernlheils durch Reflexionen der Wcltwcisheit das Geborgte haushälterisch anwcnden. Wir werden für neue Bürger Vortheile ausmachen; und nicht dcm Spartanischen Eigensinne nachahmen, der allen fremden Ankömmlingen und Gebrauchen den Eintritt versagt; wir werden aber auch, so wie die Akademie dclla Erusca, und Johnson in seinem Wörterbuche, die Landeskinder zahlen, ordnen und gebrauchen, so daß die fremden Eolonien blos die Mangel des Staats unterstützen dürfen. — Man bilde also unsere Sprache durch Uebersetzung und Reflexion. Man sehe die meisten Vorschläge zur Bildung der Sprache, und sie. fallen in ein Aeußerstes, statt das Mittel zu halten. Einige entwerfen einen Plan zur philosophischen Sprache; andere wollen sie allein auf die dichterische Seite lenken. Daß, wenn beide etwas wirken, beide einander die Stange halten, macht das Glück unserer Sprachenverbesserung. Erste Sammlung. 179 Unter so vielen philosophischen Sprachverbesse- rern nehme ich einen, zu dessen Lob ich gern unterzeichne: Sulzer, in seinem beliebten Inbegriff der Wissenschaften, in dem vielleicht kein Artikel armer ist, als der über die Sprache. Er fordert zur Vollkommenheit einer Sprache ,,r) Einen „hinlänglichen Vorrath von Wörtern und Redensarten, wodurch jeder Begriff deutlich und bestimmt ,,ausgedruckt wird." Nun! und wenn die Sprache einen überflüßigen Vorrach hat? So muß der Ucberfluß fort! — Vollkommen für den Philosophen, aber schlecht für den Dichter, der von diesem lieber- fluß leben muß, der nicht Begriffe deutlich und bestimmt, sondern Begriffe und Empfindungen sinnlich rührend und reich ausdrücken will. Wenn dieser neue Plato eine Republik errichtet, wo Synonyme, und uneigentliche Wörter verbannt werden: lebet wohl, ihr Dichter! ihr müßt von selbst Abschied nehmen. Uebcrdem ein hinlänglicher Vorrath: hinlänglich — wofür? wozu? — Jeder Begriff deutlich ausgedruckt? Und wenn er nun nicht von Menschen, in einer menschlichen Sprache deutlich ausgedrückt werden kann? So soll er weg! Auf einmal ist mir ja der Schatz aller meiner untern Kräfte, Erfahrungen und sinnlichen Ideen geraubt: was bleibt mir für ein kleiner Bettel abstrakter Ideen, deutlicher Ausdrücke übrig, und waS sollen mir die jetzt? Alle meine Sinnen sind mir geraubt, ich habe aufgehört Mensch und Thier zu seyn, und bin nichts! „2) Eine genügsame Anzahl deutlicher Lenkun- „gen." Genugsam? deutlich? für wen? wo- M 2 iLo Fragmente zur deutschen Literatur. zu ? Im Sprechen? in Büchern? in welcher Galrung der Schreibart? Und wie, wenn einige gegen einander ausschließcnd waren? „3) Eine Biegsamkeit in der Zusammensetzung ^.vieler Wörter in einen Satz, damit ein ganzer „Gedanke richtig, bestimmt und nach Beschaffenheit „der Sache leicht und nachdrücklich ausgedruckt „werde." Hier steigt schon der Wcltweise etwas herunter, weil er sieht, daß seine Sprache von Menschenkindern geredet werden soll. Wenn der Weise sich ganz genau, ganz richtig und bestimmt ausdrucken will: so braucht er keinen biegsamen, keinen leichten, keinen nachdrücklichen Perioden; die Richtigkeit ist steif, die Gründlichkeit ffest, und die Ueberzeugung statt des Nachdrucks. „ 4 ) Eine hinlängliche Mannigfaltigkeit langer „und kurzer, hoher und tiefer, Heller und dunkler „Sylben, und der daher entstehenden Füße, Perioden und Becsarten." Eine philosophisch vollkommene Sprache braucht diese gar nicht. Wenn wir blos als Geister einander Begriffe in die Seele reden: so fragen wir nicht nach hohen und tiefen Sylben: so wenig als in den Büchern, wo diese philosophische Sprache allein gelten kann , die Hellen und dunkeln Sylben ins Auge fallen. Auf die Art gehe man das ganze Stück von der Sprache durch , und man findet in allen Vorschlägen den nemlichen Fehler, daß er dem Schönen der Sprache immer zu nahe tritt. Ja waren wir ganz Geist: so sprachen wir blos Begriffe,, und Richtigkeit wäre das einzige Augenmerk; aber ln einer sinnlichen Sprache müssen uneigent- Erste Sammlung. i8r liehe Wörter, Synonymen, Inversionen, Idiotismen seyn. Sein Plan, der philosophisch seyn soll, ist also ein Hermaphrodit: die philosophische Vollkommenheit erreicht er nicht, und der sinnlichen Schönheit thut er zu viel; als Plan, was eine vollkommene Sprache seyn sollte, zu wenig; als Projekt, was irgend eine wirklich« Sprache seyn könnte, viel zu viel: und was die beste Sprache wäre, vielleicht nicht getroffen. Eben der Fehler trifft auch sein Wörterbuch: „es soll den Unterschied der beinahe gleichlautenden Wörter sorgfältig anzeigcn!" Schön! das ist die Sprache der Philosophie : lasset Sul- zern, der noch lebende Baumgarten, die Wörter: angenehm, schön, lieblich, reizend, gefällig, in seiner Aesthetik bestimmen; die Welt wird ihm vielen Dank wissen: lasset andere auf der Bahn des Baumgartens fortgehen, und einen Kant in seinen Beobachtungen über das Schöne und Erhabene, seine Unterschiede zwischen beinahe gleichen Wörtern bemerken: sie arbeiten für die Deutsche Philosophie und philosophische Sprache; aber nicht für die Sprachkunst überhaupt. Alle kannst du nicht bestimmen, philologischer Weltweise! Die wirst du vermuthlich auswerfen wollen? Aber wirft sie auch die Sprache des Umganges aus? Nein! so weit reicht noch nicht dein Gebiet, und noch minder ins Land der Dichter — Der Dichter muß rasend werden, wenn du ihm die Synonyme raubst; er lebt vom Ueberfluß. — Es ist immer ein Girard im Deutschen zu wünschen; recht sehr ru wünschen >— aber ein Gesetzgeber muß er nicht rSs Fragmente zur deutschen Literatur. durchaus werden. In einer nicht ideal-philosophischen Sprache alle Synonymen abschaffen zu wollen, gebühret einem zweiten Claudius und CHilpert ch, die neue Buchstaben einführen wollten, und Grammatiker zu ÄBC-Märtyrern machten. Immer ein Glück für den Dichter, und ein Unglück für den Weltweiten, daß die ersten Erfinder der Sprache nicht Philosophen und die ersten Ausbilder meistens Dichter gewesen sind. Und eben so ein Glück für den Prosaisten, und ein Unglück für den Weltwcisen, daß das Reich einer lebendigen Sprache, Demokratie ist; das Volk regiert, und duldet keine Tyrannen: der Sprachgebrauch herrscht und ist schwer zu bändigen: Lunc pener srbiirinm esi ei vis ei normg, lo- Heieneli. Ucber Sulzers Anschlag zur philosophischen Grammatik mag stark meiner ein Kunstrichter *) reden. Sicher sagt: „Es wäre nützlich, wenn man „eine allgemeine philosophische Grammatik hätte, „welche Regeln gäbe, nach denen die Vollkommenheit „einer Sprache beiirlhcilt werden müßte; mit diesen „Regeln könnten die durch den Gebrauch cingesühr- „ten verglichen und daraus gebessert, und vermehrt „werden." Und der Reccnscnt setzt dazu: „Ich weiß „nicht, ob die schönen Wissenschaften von dieser Ver- „gleichung Vorcheil haben würden. So wie die „Sprachen jetzt find, hat eine jede, so zu sagen, *) Lit. Br. LH, h. pag. 280. r83 -ÄH Erste Sammlung. r83 „ihre Eigensinnigkeit, die der schöne Geist vortrefflich zu nutzen weiß. Er zieht aus dem Ueberflüßi- „gen und Unregelmäßigen seiner Sprache öfters „Schönheiten, die eine richtige philosophische Sprache „entbehren muß. Nur ein einziges Exempcl anzu- „führen: die philosophische Grammatik würde ver- „muthlich die Unterscheidung der Geschlechter bei leblosen Dingen für übcrflüßig erklären, und gleich- „wohl würden sich die Französischen und Deutschen „Dichter die Schönheiten ungern rauben lassen, die „sie üus diesem unnöthigen Unterschiede der Geschlech- „ter gezogen haben. Einige Sprachen unterscheiden „die Geschlechter auch in der Eonjugation der Aeit- „wörter, welches ihren Schriften zu einer bcsvndern „Zierde gereicht." *) Ueberhaupt würde dieser weise Vorschlag, sowie jener andere: „es sollte keiner Schriftsteller werden, „der nicht die Alten gelesen," uns alle Original- schriftstcller rauben. Man lese unsere besten Dichter, besten Prosaisten, ja selbst unsere cigenthümlichen Philosophen — wie wird man den Sulz ersehen *) So ists für die Orientalischen Dichter eine bequeme und vortheilhaste Schönheit, daß sie, die bei ihren Kenntnissen in der Botanik vermuthlich auch das Geschlecht der Pflanzen schon gekannt haben, in ihrer Sprache auch das Geschlecht unterscheiden, ja sogar sür eine Pflanze, die Jungfer und Ehefrau ist, verschiedene Namen habe». So haben die Griechischen und Römischen Dichter alle u trüber setzbaren Schönheiten aus dem Eigensinn ihrer Sprache gezogen, und in ihn verwebt. 8 184 Fragmente zur deutschen Literatur. Einfall bcdauren, uns keine Jdiotism en zu taffen. Der Philosoph, der in dieser philosophischen Grammatik säße, ist wie ein ungelenkiger Alter, der muntern Knaben das Springen verbeut, weil er selbst nicht mitspringen kann. 14. Von der andern Seite hat man, um unsere Sprache auszubilden, so häufig die Uebersetzungen angepriesen, den Uebcrsetzern so manchen Rath, der leicht zu geben, und schwer anzuwenden ist, so manchen Liebes- und Gnadenschlag gegeben, und wiederum so ricle Aufmunterungen vorgchalten, daß ich über alles so oft Gesagte, nichts noch einmal sagen will. Der Ucbersetzer soll Wörter, Redartcn und Ver- bindun en, er soll seiner Muttersprache vortrcsfilche Gedanken nach dem Muster einer vollkommenern Sprache anpassen. „So machte Apoll, eaß Achilles „Rüstung Hektorn so gerecht war, als ob sie auf „s.ruen Leib verfertiget worden. Ohne Versuche, „die mit dieser Absicht verknüpft sind, kann keine „rohe Sprache vollkommen, kann kein Pcvsaiste in „derselben vollkommen werden. „Zu eignen Versuchen über die Bildung der „Sprache haben nur die öffentlichen Redner Anmun- „tcrung genug, und die größte Zahl dieser Versuche „ist vergeblich; aber man thue cs durch Versuche „nach einer bessern Sprache. Diese stellt uns schon „viele Begriffe deutlich dar, dazu wir Worte suchen Erste Sammlung. »85 „müssen, und stellt diese Begriffe so neben einander „vor, daß uns neue Verbindungen nöchig werden. „Von dem Wohlklange jetzr nicht zu reden, der bes- „ser gemessen werden kann, wenn immer das Ohr „unmittelbar vorher von einem Perioden sehr richtig „angcfüllet gewesen." Ich mag Abbten *) nicht weiter nachschrcibcn: er preiset den Uebersctzern das Griechische, Lateinische und neuere Ausländer an, verspricht ihnen elastische Herrlichkeit, um sie zu der Tugend zu reizen, guas se-rit arborss nt alter» secnlo ^rosiirt! Stakt dessen, will ich, nach unser» vorausgesetzten Prämissen, einige Worte über die Ucdersctzungen ins Allgemeine hinschwatzen: Alle alten Sprachen haben, so wie die alten Nationen, und ihre Werke überhaupt, m-hr charakteristisches, als das, was neuer ist. Von ihnen muß also unscre Sprache mehr lernen können, als von denen, mit welchen sie mehr verwandt ist; oder der Unterschied zwischen beiden liefert wenigstens den Sprachphilosophen eine Menge Stoff zu Betrachtungen. Wir haben über die Griechische etwas versucht, und zugleich einige Schranken angczeigt, an denen sich so manche Ue- bersetzer den Kopf gestoßen. Es wird sich in den folgenden Theilen bei einzelnen Autoren der Griechen und Römer sagen lassen, was sich für unsere Spra? che von ihnen nützlich ablcrnen ließe; hier lasse ich mich darüber nicht ein, und fahre fort. So sehr man Ursache hat, Uebersetzungen zur Bildung der Sprache anzupreisen: so hat doch die ) Lit. Br. LH. »3. p. gS. i86 .Fragmente zur deutschen Literatur. Sprache grössere Vorzüge, die sich vor aller Ueber-r schung bewahret. Eine Sprache vor allen Ueber- setzungen, ist wie eine Jungfrau, die sich noch mit keinem fremden Manne vermischet, um aus zweier- ley Blut Frucht zu gebaren: zu der Zeit ist sie noch rein, und im Stande der Unschuld, ein treues Wild von dem Charakter ihres Volks. Sie sey voll Armuth, Eigensinn und Unregelmäßigkeit: wie sie ist, ist sie Original- und Nationalsprache. Welche unendliche Vorthcile es gebe, wenn sich die Literatur eines Volks in allen ihren Gattungen so ursprünglich in ihrer Sprache, und diese sich mit jener gestalte: ist an keiner als an der Griechischen Sprache zu zeigen. An ihr aber auch auf vorzügliche Weise: denn wenn gleich die ersten Saamen- körucr aller Wissenschaften in sie aus andern Landern kamen: so war doch dies vor der Zeit der Büchcrsprache, folglich in einem Alter, wo diese fremde Mundart nach der Natur der Kindheit, in der die Veränderungen schnell auf einander folgen, bald konnte vcrdrungen und umgebildet werden. Und so bildete sich auch alles nach Griechischem Himmel um, und weil die Literatur dieses Volks nie ein tyrannisches Urbild hatte, was sie nachahmte: so ward ihnen alles Fremde eigen, und alles Eigne gelangte in ihrer Hand zur eigcnthümlichcn Vollendung. In einer Geschichte Griechischer Literatur und Sprache müßten diese zween Vorzüge, über deren Beschaffenheit, Granzen und herrliche Wirkungen noch wenig versucht worden, zum Grunde liegen: nemlick wie ftrn dieselbe den Adel des Ursprünglichen, und das Hcrrenrccht des Eigenthümlichen gehabt, erhalten und genutzt habe. Erste Sammlung. 167 Eine Sprache, in welcher kaum die Literatur empfangen ist, und die die ganze Gestalt derselben nach einer andern bildet, verliert eben damit wenigstens als gelehrte Sprache, ihr Originalcigenthum. Unter diesen Uebcrwundenen war die Römische die erste, die, in den Granzen gelehrter Bearbeitung betrachtet, ganz nach der Griechischen ist. Es ist erstaunend, wie tiefe Eindrücke dies bis in das Innere ihrer Literatur gemacht, die fast nie eigenthüm- lich geworden, als wo sie es scyn mußte. Da nach Wiedcraufweckung der Wissenschaften alle Volker Europens, die nicht Barbaren blieben, von Athen und Rom aus Gesetze und Muster bekommen haben, und unsere heilige Sprache dem Orient entwandt ist : so giebt cs unzählige Merkmale dieses Fremden und Seltenen in unserer Literatur und Sprache. Hierüber könnte ein Cella rius, der das für den Geist wäre, was unser Cellarius mit seiner lutiriitate ecelssiariica, cuckeins, xro- lapsn etv, für nichts als Worte ist, ein tiefsinniges und gelehrtes Werk schreiben: was unsere Literatur von der Sprache bis zur Form ganzer Wissenschaften von den Morgenländern, Griechen und Römern habe? Wie sehr unsere Sprache sich in einigen Jahrhunderten mit Leib und Seele geändert habe, würde ein Sprachkundiger mit Erstaunen sehen, der den verschiedenen Geist ihrer ältesten Ueberbleibsel, und ihrer Hauptwerke in verschiedenen Zeitpunkten grammatisch und philosophisch schätzen, und eine Geschichte derselben liefern könnte, die wir noch nickst haben. z88 Fragment? zur deutschen Literatur. So leicht unsre Handwerksrecensenten es halten, über Ucbersctzer hoch einher zu fahren, und ihnen Sprachfehler zu zeigen: so halte ichs für die feinste Kritik, genau den Mittelstrich zeigen zu können, „wie ein Uebersetzer seine» beiden Sprachen nicht auf ein Haar zu nahe treten müssen, der, aus weicher und in welche er übersetzt." Eine zu laxe Übersetzung, die unsere Kunstrichter gemeiniglich frei und ungezwungen nennen, sündigt wider beide: der einen thut sic kein Genüge, der andern erweckt sie keine Früchte. Eine zu sehr anpassende Uebersetzung, die leichte muntere Seelen sclavisch schelten, ist weit schwerer, sie eifert für beide Sprachen, und wird selten so geschätzt als sie es verdient. Da ein solcher Autor überall versuchen, anpassen, wagen muß - so erbeutet er von unfern Censoren mit hohen Augenbraun, daß sie ihn über drei mißcalhene Versuche verschreien, alles Gewagte in ihm für Sprachfehler nehmen, und den Proben eines Künstlers/ wie Lehrlingsstückcn eines Schülers, begegnen. So ging es Abbten mit seinem Sallust. Wenn sich ein muntrer Jüngling für sein Varerland wagt: so wünsche ich ihm einen alten Verständigen zur Seite: nur daß dieser nicht vergehe: und hat sich ja jener zu weit verirrt, so führe ihn ein Genius, wie ein unsichtbarer Menschenfreund, wieder zu den Seinen. — Ware aus allem, was ich gesagt, nichts zu sehen: so doch, was es für eine mißliche Sache mit dem Ideal einer Sprache sey? es gicbt so verschiedene und ausschließcnde Vollkommenheiten derselben, wenn man sie in verschiedenen Lebensaltern, zu verschiedenen Zwecken, auf verschiedenen Stufen betrachtet^ Erste Sammlung. r L9 daß, je mehr ich über dies Ideal nachdcnke, desto mehr fließen die Farben in ihm zusammen: es wird eine Luftgestalt, die mein Auge blendete, die es verwirret — und endlich ist doch alles verflogen. Ich lasse also einen andern für mich reden, und setze blos einzelne Worte hinzu, die bestimmen sollen, was er nicht genau, und anwenden sollen, was er vortrefflich sagt. r 5. Beschluß über das Ideal der Sprache. *) „Wenn man Werkzeuge nicht so vollkommen schaben kann, als man sie wünschet: so muß man „aus den vorrathigen zu machen suchen, was sich „daraus machen läßt. Leibnitzens gelehrte Sprache „ist nicht zu bekommen: wie konnten wir uns der „Deutschen z. E. noch am bequemsten zu „den Wissenschaften bedienen? Diese Frage dürf- ,,tr allenfalls eine andere als Borlauferin haben, „welche unter denen in Europa recht bekannt gewordenen Sprachen der Jdealvollkommcnheit einer „Sprache, die Worte braucht, am nächsten kömmt. „Eine gar nicht weitläufige Metaphysik der Sprache „würde uns diese Jdealvollkommenheit wenigstens „einigermaßen kennen lernen." Will man sie etwas *) Lkt. Br. Th. 17. p. 18». ^9" Fragmente zur deutschen Literatur. mehr, alS einigermaßen, kennen lernen, und auf beide Fragen so viel antworten, als sie fragen: so dürste es mit etwas Metaphysik nicht abgethan seyn, die gewiß nicht blos weit, sondern auch tief seyn müßte. Abbt überdachte sie fliegend, und freilich dünkt uns im Fluge eine Gegend kleiner, als wenn wir sie mit unfern Schritten durchmessen sollen. Bei beiden Antworten muß das äiviäs! doch das erste Wort seyn, und so bald wir die Frage in ihre Klassen, nach verschiedenen Wissenschaften, Zwecken, Zeiten, Nationen, Spracharten zectheilen, und wir jeden abgeschnitlcnen Theil wieder zu einem ganzen Polypen lebendig werden sehen: so wird man es glauben, daß die reichste Antwort noch immer zu wenig liefere. „Man kann die Sprache unter zwei Augpunk- „ten betrachten, in sofern sie einmal unverbundene ,,und unzusammenhangende Begriffe verstellt; her- „nach sofern sic diese Begriffe in Verbindungen an- „zeigt." „Dom ersten Stücke hangt der Reichthum, und „der Wohlklang und auch das Bilderreiche der Spra- „chc ab.)" Der Rcichthum kann seyn in Namen der Sachen, oder in Zeichen der Begriffe; der erste macht eine Sprache sinnlich oder Bilderreich; der zweite abstrakt oder Ged an ken- reich; und den Unterschied von beiden habe ich zu zeigen gesucht. — Der Wo hl klang hat mit Begriffen keine Verbindung , sondern muß aus der Natur der Sprach - und Hörwerkzeuge erklärt werden, wenn wlr eine Prosodie auf philosophischem Grunde haben wollen. Erste Sammlung. „Das erste Stück ist solcher Vollkommenheiten „fähig, die mit dem Tode der Sprache, wenn sie „aufhört, Landessprache zu scyn, verlöschen.)" Nicht blos mit dem Tode der Sprache, sonder» mit jedem Lebensalrer gehen gewisse Vollkommenheiten verloren, die durch Vollkommenheiten eines andern Lebensalters ersetzt werden. So lange sich eine Sprache bildet, als Sprache der Nothwendigkeit, ist bei allen Ungcmachlichkeiten der Armuth ihr Vortheil Starke: wenn die Sprache noch nicht Bücher- aber Liedersprache ist: so hat sie Reichthum an Bildern, und den höchsten Wohlklang: Wird sie Sprache des sittlichen Volks: so bekommt sie mehr Reichthum an politischen Ausdrücken, allein der hohe Wohlklang und das Bildervolle mildert sich: Als Büchersprache wird sie reicher an Begriffen; allein der poetische Wohlklang wird Prose; das Bild wird Gleichnis: die mahlenden k l i n g e n d e n Beiwörter verlieren sich : Die philosophische Sprache ist sie bestimmt, aber arm; verliert Synonymen; und Bilder und Wohlklang achtet sie nicht. Dichterisch ist eine Sprache am vollkommensten, ehe sie; und philosophisch wäre sie am vollkommensten, wenn sie blos geschrieben wird: am b r a u c h b a r st e n und b e- qu ernsten, wenn sie gesprochen und geschrieben wird. Indessen fodert und verdient die Frage; was geht mit dem Leben einer Sprache verloren? die würdigste Auflösung. „Es ist doch unstreitig, daß außer den fünf „Selbstlautern noch viele Zwischcnlaute hatten angebracht werden können; so wie die vorhergehende und „nachfolgende Bewegung der Redewerkzeuge zu solchen „Lauten noch weit mannigfaltiger einzurichten wäre.)" Nach der Bewegung der Redewerkzeuge haben wir IH2 Fragmente zur deutschen Literatur. wirklich mehr Selbstlauter als fünft: weil diese fünft mit verschiedener Höhe und Tieft, Länge und Kürze nusgedruckt werden. Daß wir nun nicht für dicfe Zwischenlautc neue Zeichen, wenigstens Unterscheidungen Huben: ist eine große Unvollkommenheit unserer Orthographie, die unter allen mir bekannten Europäischen Sprachen die letzte und für einen Lehrling die schwerste sepn dürfte. Wer wird Meer und mehr, Zehn, Zeen, Zahn, zähe u. s. w. als Fremdling bestimmt finden ? Was wir bei I zu viel an Zeichen haben, ist bei A und E zu wenig. — Und brauchen wir Accente nicht noch immer, obgleich unsere Sprache kurzsplbig und eintönig ist? Der Lächerliche-Fehler mit G cst-p e n-s te r n , statt Gespenstern ; mit vestg-lich , statt ver-q stich; mit Enter bester, statt Ent-estbeter: ist doch bei Lehrlingen immer möglich, da er uns gebohrnen Deutschen manchmal in Gedanken und bei verzerrtem Druck, oder verzerrter Hand anwandeln kann. Bei vielen Wärtern ändert sich ja die B-deutung selbst; z. E. unterhalten und u'n te r h a l ten , übersetzen und tste b er se tz e n, Uebcrse'tzer und Ue'bersetzer sind ja himmelweit verschieden. Nicht blos zu dem Hebräischen Sch in fehlt uns das Zeichen, weil ich Geschmack als ein Fremder immer eher G e s-ch m a c k lesen werde; sondern man kann überhaupt den Mangel unserer Zeichenschrift am besten aus Reise - und E r d b e s c h re i b u n-. gen sehen, wenn die Namen fremder Sprachen in unfern Buchstaben sich kaum mehr erkennen. —- Soll unser Hexameter ausstehlich werden; so muß er Accente haben, und der erste Dichter, der sich die Mühe geben wird, Griechische Hexameter zu machen, wird M'WW??WK^WWM-V' Erste Sammlung. 193 wird sich auch der Accente nicht schämen, weil er sie vor allen am wenigsten braucht. Sollte unsere Sprache sterben: Himmel! wie schlecht würde man sie aus Büchern lernen; um sic auszubilden stelle man sie sich todt vor; man nutze die Provinzialismen, um sie zu bestimmen. Man mache sie bestimmt, wie eine tobte, und fr u c h tb a r, wie eine lebendige seyn kann. „Bei der Verbindung der Begriffe kommt es „hauptsächlich an: 1) ob man sie durch bloße Abänderung des Ausdrucks für eine jede Idee; oder „H durch Zwischcnsetzung kleiner Worte, oder 3 ) durch „die bloße Stellung der Ideen anzeigen wolle. Denn „diese drei Falle sind, glaube ich, blos möglich." Der erste Fall ist der einfachste, und bei dem Anfänge jeder Sprache der geradeste gewesen; er ist daher noch bei den heutigen Sprachen von antikem Ka- rakter sehr sichtbar; gut für Dichter, aber unphilosophisch. Der mittelste ist am üblichsten, bei der Deutschen Sprache sehr gebräuchlich; und für die Sprache des gemeinen Lebens bequem. Aber weil diese zwischcngeschobene kleine Worte nicht Accent genug haben, und doch nicht wie die wenigen Wör- terchen der alten Griechen, auch nicht ganz ohne Accent sind; so entstehet daraus die Unbestimmtheit der Prosodie, die uistern neuen Sprachen so lästig fallt. — Der dritte Fall ist der philvsophischvollkommene; und wenn Leibnizens allgemeine Sp rache ja möglich wäre; so wäre es eine Algebra, wo die Verbindung der Zdcen sehr von ihrer Stellung ab henge. „2) Was für Gesetze man zur Folge einer ge- Herders Werke z. schön. Lir.u. Kunst. I. N ^c^n-nce. »94 Fragmente zur deutschen Literatur. „wissen Anzahl von Ideen, die in Verbindung ste- „hen, annchnien wolle. Hier ist das Hauptge^etz; „man lasse sie in der Ordnung folgen, die der Faßlichkeit des Gedanken und dem jedesmaligen Zweck „des Redenden gemäß ist. Nun kann der Zweck des „Redenden in tausend Fallen nur einerlei seyn; also „wird eS eine gewisse allgemeine Construktionsord- „nung geben; hundertmal aber giebt es einen „bcsondcrn Zweck des Redners, und dann ist diejenige Sprache die beste, welche raumig genug geschürzt ist, um ihre Ordnung nach diesem Zweck „wenden zu können. Ein geringes Nachdenken überzeugt uns, daß wir in unfern jetzigen Sprachen eine Menge besonderer Zwecke gar nicht durch die „Wortfügung anzuzcigcn vermögend sind, sondern sie „nur aus dem Zusammenhangs »»lerer Gedanken „müssen erreichen lassen. Unvollkommenheit derSpra- „che!" Ueber diesen philosophischen Artikel kann das Fragment ein Commcntar seyn, das unürn Nach- kheil nach Rer Griechischen und Lateinischen, aber Vortheil vor der Französischen Sprache zeigt. Man muß die Worte so ordnen, daß sie bei aller möglichen Kürze keine doppelte Beziehung der Abhängigkeit leiden: Diese Zweideutigkeit ist am ersten in Sprachen zu besorgen, die wenige Lasuo z. E. den Nominativ und Accusativ gleich haben; die nach dem vorigen zweiten Fall mit Zuschiebung kleiner Wörter flektircn, und bei denen die Consiruktionsordnung wenig bestimmt ist. Die erste Unvollkommenheit äußert sich bei der Französischen; die zweite bei dem schleppenden Perioden der Deutschen, und die dritte bei den elenden Lateins- Erste Sammlung. i.95 schcn Perioden neuerer Bücher, die sich jede Inversion erlauben, weil sie die Gesetze der alten Römer in ihrem vortrefflichen Perioden nicht k-nnen, der nichts unbestimmt läßt, und doch sür das Äuge und Ohr zugleich schreibt. „Nach dieser Vorschrift müssen wir die Sprache „der Schriftsteller ausbilden; denn dem Sprechenden „Helsen Gebenden und der Ton der Stimme den „wahren Verstand bestimmen, dahingegen alles dies „im Buche wegfällt.)" Jetzt setze ich folgende wahre Beobachtung Samuel Johnsons dazu: „Es „gicbt Werte, deren Sinn allzuftin ist, als daß man „ihn mit Worren sollte fassen, und in cine Umschreibung bringen könmn. Das sind diejenigen „Worte, weiche die Sprachlehrer partiuulu-; ox^le- „tivus, oder ausfüllende Wörter nennen. In tod- „ten Sprachen übersieht man sie als leere Töne; „als Töne, die zu anders nichts dienen, als einen „Vers auszuiullcn, oder einen Perioden wohlklingender zu machen. Aber in lebenden Sprachen wird „man bald inne, daß dergleichen Wörter mehr, als „ausfüllcnde Wörter sind, daß sie Kraft und Leben „haben, ob man gleich ihren Nachdruck mit andern „Worten nicht ausdruckcn kann." Dies wird jedem bei dem Lesen jHomers unzahligemal beifallen; Füllwörter, wo alle leben und je öfter, desto kräftiger wiedcrkommen. Ich mache mich auf eine Menge Einwürfe gefaßt, die man '.meinem Gefühl einer in Bücher lebenden Sprache machen wird. Ich antworte aber: urtheile nicht aus der Grammatik, sondern lies, als ob du hörest. „Durch was für Künste haben es die Franzo- N 2 ig6 Fragmente zur deutschen Literatur. „sen dahin gebracht, daß man ihre Sprache, die „Sprache der Bernunst nennet?)" Ich glaube, drei Ursachen dazu augebcn zu rönnen. Ibre Sprache bat b>i ibrec Bildung, durch welche Ursachen es auch ftyn möge, eine gewisse Negelmäßigkeit sich eingedrückt, die unsere Sprache nicht bat. Da ihre Construktionsordnung bestimmt ist: so kommt man minder in die Verlegenheit, sich schielend auszudrücken. Zweitens: man bat an sie so viel Politur angewandt , als nicht viel andere lebende Sprachen cr- baltcn haben: zu einer Zeit, da Deutschland noch Barbarisch oder Lateinisch schrieb, feilte man schon lange an ihr, weil die'Franzosen immer lieber für ein Publikum und schönes Publikum schreiben, wenn der Deutsche für Studiersruben und Katheder schrieb. So wie die alten Gallier zur höchsten Obrigkeit ein Wcibcrrathhaus hatten: so ward das schöne Geschlecht auch bald der Mittelpunkt ihres gelehrten Kreises: man sah die Bücher immer mehr für schriftliche Gespräche, für Unterredungen im schönen Ton an: und gab sich also die unterhaltende Miene eines Vernünftlers. Statt daß ich drittens an alle die öffentlichen Anstalten gedenken sollte, die der Sprache auf- geholfcn, will ich blos dazu setzen, daß die Französische Sprache auch nichts wäre, wcnn sie nicht dies Lob erbeutet hatte: zur Musik elend; wässerig, ner- venlos, unharmonisch für die Poesie; Zu unbestimmt für die hohe Weltweisheit, hat sie ihr Glück cbcn durch eine Mittelmäßigkeit gemacht, die weder in Weltweisheit, noch Dichtkunst eine hohe Stufe erreicht. Premonkval *) urtheilt nicht unbillig: *) UreinoutvLl preservsiik conire lg coruxtion?, 1. Erste Sammlung. 197 „soll ich bei ihrem großen Glücke einen Vorzugstitel „für sie aussinden: so würde ich ihn in einer gewissen Gleichung mittelmäßiger Eigenschaften suchen. „Nicht so sanft, als die Italienische; nicht so „majestätisch, als die Spanische; weniger zu- „sammengedrangt, als die Englische; an Nachdruck weit unter der Deutschen; an Reichthum, „an Ueberfluß fast unter jeder Sprache Europens; „hat sie doch bei ihrer Armuth, Mittel, Nachdruck, „Kürze, Majestät und Süßigkeit genug, um ein „sehr schätzbares Werkzeug der menschlichen Gedanken „zu seyn. Insonderheit legt die Klarheit^und Politesse, die sic karakterisiren, ihr großen Werth bci.^ So wie nun ein hübscher, artiger Mensch, deutlich und vernünftig in Gesprächen, im Umgänge mehr gelitten wird, als ein tiefsinniger, stiller Mann, so hat auch die Französische Sprache für der Deutschen sich das Lob des Verstandes geben lassen, da die un- srige sich den Titel einer Sprache der Ver- n u n ft anmaaßen könnte. „Stellt eine pbilosophifche Materie, die ungefähr „mit gleicher Genauigkeit in zwo Sprachen vorgetra- „gen worden, in der einen sich klarer, netter und „überzeugender jdar, als in der andern ?) " Za! und Excmpel bestätigen dies allerdings. jEine tiefe philosophische Materie kann sich in der alten reinen Lateinischen Sprache nicht so klar, so nett, so jüber- zeugend ausdrücken, als in einer gewissen neuern Lateinischen Sprache, die eben deswegen noch nicht barbarisch ist, weil sie von den Worten ^der Alten abgeht. In den Schriften des philosophischen Baum- ,98 Fragmente zur deutschen Literatur. garten herrscht ein gewisser achter Römischer Geist, feine Blumen, die gleichsam selbst aus seiner Weltweisheit zu wachsen scheinen, und nicht über dieselbe gestrcuet sind : eine w nachdrückliche Kürze, daß jeder Gedanke sich ein Wort selbst zu schaffen scheint: kurz eine Sprache, die nicht netter und überzeugender und für den denkenden Leser klarer seyn kann. Ich habe mich gezwungen, mir diesen Eigensinn auszureden , weil andere sie eben für barbarisch, oft spielend und dunkel hielten: ich sieng an in das flics- scnde Latein der Schriften des Cicere» zu übersetzen, zu umschreiben, zu verschönern ; und der Geist der Philosophie war weg. Nun versuche man gar die Ucbcr- setzung in eine andere Sprache: und cs wird immer noch mehr verlieren. Die Ursache davon liegt in dem Karakter der Sprache, die zu dieser Materie gleichsam die Fugen ibrer Gelenkigkeit gebildet hat, und an dem geschickten Schriftsteller, der sich in diese Fugen zu schicken weiß. „Daß also Dinge in der einen „Sprache sich besser ausdrückcn lassen, als in der an- „dern, kann eines Thcils von der Subtilität der Gedanken herkcmmcn; zweitens, daß man an .ihre „trockene Bezeichnung bei' dem einen Volk mehr g e- „wöhnt ist, als bei dem andern." Theils von dem Schriftsteller selbst, der als Erfinder der Gedanken, auch zugleich ein gewisses Haus- und Herrn- rccht über den Ausdruck hat, indem selten ein sUcber- setzer ihm Nachfolgen kann und darf; weil er thcils nicht mit dem Feuer des Schriftstellers selbst denkt, theils lieber aus Furcht den Gedanken dem Worte aufopfect. Nach diesen drei Ursachen muß sich so ziemlich eine Landkarte entwerfen lassen, wiefern ge- Er.ste SamM l u n g. ^99 wisse -Materien in gewissen Sprachen sich vorzüglich schön behandeln lassen. Materien der Weltweisheit theilen sich am leichtesten jeder ausgebildcten Sprache mit, weil man hier vorzüglich die Richtigkeit und Deutlichkeit der Begriffe zum Hauptaugenmerk hat, und diese sich in jeder über das Sinnliche c.rbabcnen Sprache, obgleich nicht überall gleich leicht, erreichen laßt. Daß man an die neuere Lateinische Sprache hierinn so viel Werth geknüpfct, die Weltwcisheit gleichsam nach ihren Worten bcguemct, und den Begriff einem Ausdruck zu gut erfunden: ist durch eine langwierige Gewohnheit uns fast zur zweiten Natur geworden, und muß sowohl nützlich als schädlich werden können, wovon zur andern Zeit geredet werden soll. „Eine Sprache, die wenig Unterschied in den „Zeiten angcbcn, wenig ohne Hülfswörtec thun, nicht „leicht einen Modus für den andern setzen kann, jist „nicht sonderlich zur Geschichte geschickt, wie z. „E. die Deutsche. Wir haben gar keinen Begriff „von den- teinxoiübins der Griechischen Sprache. „Der Deutsche hat selt-n das Gefühl von dem Unterschiede der beiden tsrnpvrurn pirusterltornin der „Franzosen, daß aus der Verwechselung oft lächerli- „che Mißverständnisse entstehen." Indessen ist diese Ungemächlichkeit nicht ohne Hülfe, und unbeträchtlich sogar. Sie ist nur in einzelnen Theilen des Perioden : in ganzen Inversionen haben wir sogar vor dem Franzosen viele Northeilc; und wenn einige große Männer bei uns die historische Periode in Gang bringen, und selbst als Originale vorlcuchten und locken werden; wenn man statt der Auszüge cs un- scx, Fragmente zur deutsche« Literatur. tcrnehmcn wird, einzelne Zeitpunkte der Geschichte mit allem Fleiß zu bearbeiten: so wird unsere Sprache so leicht Muster im historischen Styl bekommen » als sie schon in der Weltwcisheit hat. Schone Prose ist schon mehr in die Idiotismen verwebt; und unsere Sprache hat also in dieser Schreibart viel von der Französischen gewonnen. -Poesie ist beinahein ihren Schönheiten unübersetzbar, weil hier der Wvhlklang, der Reim, einzelne Theile der Rede, Zusammensetzung der Worte, Bildung der Redarten, alles Schönheit giebt. Aus allem diesem folgt, daß unsere Sprache unstreitig von vielen andern was lernen kann, in denen sich dies und jenes bester ausdrücken laßt (sollte cs auch nur das Schimpfen scyn, wozu den Criti- kern gemeiniglich das schönste Latein gedicnct); daß sie von der Griechischen die Einfalt und Würde des Ausdrucks, von der Lateinischen die Nettigkeit des Mittlern Styls, von der Englischen die kurze Fülle, von der Französischen die muntere Lebhaftigkeit, und der Italienischen ein sanftes Malerische lernen könne. Allein man sieht auch, daß in jeder Gattung der Schreibart kein Genie sich seiner Muttersprache schämen oder sich über sie beklagen darf, weil überhaupt für einen jeden vortrefflichen Schriftsteller die Gedanken Söhne des Himmels, die Worte Töchter der Erde sind. Inhalt der ersten Sammlung. Gerte. I. Einleitung. Die Sprache wird überhaupt betrachtet. i. Wie sie als Werkzeug der Wissenschaften aus- gebildet werden müsse. 3 s. Wie sie sich als Behaltniß und Inhalt der Literatur betrachten lasse bei Menschen überhaupt, bei einer Nation, bei einem Stück der Literatur, bei einer Schule, und bei einem Schriftsteller ... 8 3. Wie fern sie den Wissenschaften Form gebe: Schranken der menschlichen Erkenntniß überhaupt, Gestalt der Literatur eines Volks, und jedem denkenden Kops eigne Gesichtsbildung. 14 st. Michaelis Preisschrift über die Sprachen wird hiernach beurtheilt. ... au 5. Noch rückständige Fragen vorgelegt: . a5 6 . Auf unsere Sprache angewandt, . 27 7 . Und mit einem Amen beschlossen. . 3o II. Fragmente über die Eigenheit unserer Sprache. 3r In ihren barbarischen Consonanten, die durch Doppellauter verstärkt, ... 3s L. Durch mehr als fünf Selbstlautcr.'abgewechselt und durch Hauche gemildert werden. 33 3. Ueber die Sylbenmaaße, die unserer Sprache natürlich sind. . . . . . stc, st. Vorschläge über das Klopstockische freie Syl- benmaaß zu Dithyramben, Oden, Cantaten lyrischen Gemälden zum Theater und zur Deklamation. ... stZ Inhalt. Seite. 5. Das sogenannte Brirtische Sylbenmaaß für unsere Sprache betrachtet; und von dem lebenden Wohllaute derselben. . . . ss 7 6. lieber die Machtwörter unserer Sprache, und wer aus ihnen unsere Sprache verstärket? 5 ü 7. Aussicht über die Inversionen überhaupt, die b? 8. Auf neuere Sprachen, die Deutsche und Französische, vornehmlich angewandt wird. . 61 9. Anpreisung idiotistischcr Schönheit für Schriftsteller der Laune, für Dichter und Prosaisten des Umganges: Idiotismen sind der Nation, den Schriftstellern selbst, und den Sprachwei- sen nützlich. .... 67 rv. Was könnte man unserer Schreibart für Charakter geben? Vor welchen Abwegen har sie sich zu hüten? . . . . ii. Charakter einiger neuern eigenthümlichen Schriftsteller. .... 87 in. Zugabe, die von elastischen Schriften unserer Nation redet. . . . . gg III. Fragmente über die Bildung einer Sprache: wo ein Roman von ihren Lebensaltern voraus geschickt, und ein Weg eröffnet wird, sie zu erklären. ..... roi» ,. Ein Labsal auf diesen Weg: wie angenehm, wie nützlich, wie unsicher es sey, über den Ursprung einer Erfindung, und insonderheit der Sprache, zu philosophiren! . . 1 > r 2. Ob man einen göttlichen Ursprung annehmen müsse? Beiläufig wird die S ü ß mi l c h i sc h e Schrift geprüfet. . . . .118 3 . Von der Sprache eines Volks in ihrer Kindheit, nach einzelnen Merkmalen errarhen. 122 a. Wie ferne sich eine poetische Sprache daraus machen . . . . . r 3 r 5 . Und von uns nachmache» läßt? z. E. in Homers Sylbenmaaßen, Periodenlenkung und lebenden Rhythmus? . . . r 3 h 6-'. In Inversionen ? in Machtwörtern ? Warum ich hierüber blos Home r zum Beispiel nehme? ihr- Inhalt. Seite. 7. Ueber das männliche Alter der Sprache. Wie in ihm die Poesie Kunst, und Prose die Ratursprache ward? Jenes am Ly r tä u s, den Theaterdichtern, und Pin dar . . itz!» 3 , Dies an Herodot, Xenophon und Plato gezeigt: wo die schöne Prose nicht weiter verfolgt, ..... ig2 9. Und Gcddcs Buch über die Schreibart der Alten beurrheilt wird. . . . ib8 10. Bon der philosophischen Sprache im strengsten Verstände; einiqermaaßen an B a um g a r- tens Schriften gezeigt. . . . 11. Michaelis Einwendungen gegen die gelehrte Sprache werden geprüft. . . 167 a». Wie viel die philosophische Sprache Nachlasse, daß sie für uns fruchtbar, sicher, bequem und bildend sey? . . . . . 170 a 3 . Hiernach bekommen alle Plane zur Verbesserung der Sprache ihre Richtung: von der philosophischen Seite werben die Sülze r sehen Vorschläge erwägt: .... 177 il». Und wiefern Uebersetzunaen Mittel zur Sprachenverbesserung sind, im Ganzen betrachtet. i 3 l» > 5 . Beschluß^-über das Ideal der Sprache, mit Zusätzen begleitet. .... 189