HO Fragmente zur deutschen Literatur.
Regeln eine Sprache erhalt: desto vollkommener wirdsie zwar als Kunst, aber desto mehr verliert diewahre Poesie der Natur.
Jetzt ward also der Periode der Prose geboren,und in die Runde gcdrehet: durch Uebung und Be-merkung ward diese Zeit, da sie am besten war,das Alter der schönen Prose, die den Reich-thum ihrer Jugend mäßig brauchte, die den Eigen-sinn der Idiotismen einschrankte, ohne ihn ganz ab-zuschaffen, die die Freiheit der Inversionen mäßigte,ohne doch noch die Fesseln einer philosophischen Con-struction über sich zu Nehmen, die den poetischenRhythmus zum Wohlklang der Prose herunter stimm-te, und die vorher freie Anordnung der Worte mehrin die Runde eines Perioden einschloß: — dies istdas männliche Alter der Sprache.
Das hohe Alter weiß statt Schönheit bloß vonRichtigkeit. Diese entziehet ihrem Rcichthum,wie die Lacedämonische Diät die Attische Wollustverbannet. Je mehr die Grammatiei den Inver-sionen Fesseln anlegen; je mehr der Weltweisc dieSynonymen zu unterscheiden oder wegzuwerfcn sucht,je mehr er statt der uneigentlichen eigentliche Worteeinführen kann ; je mehr verlieret die Sprache Reize;aber auch desto weniger wird sie sündigen. EinFremder in Sparta siehet keine Unordnungen undkeine Ergötzungen. Dies wäre ein philosophischesZeitalter der Sprache.
Einen Roman dachte ich denn wohl eben nichtzu schreiben, da ich meine Hypothese von der Natureiner Sprache in verschiedenen Zeitaltern, Gesichts-punkten und Gattungen der Schreibart aufsctzte.