74 Fragmente zur deutschen Literatur.
Nische kusws in Kerker*) unserer Sprache fremdwäre, die Ursache in nichts zu suchen scyn, als-daßdieser Idiotismus für unsere ^kältere und härtereNationalsprache zu weich klänge. Die Idiotismenjeder Sprache sind Abdrücke ihres Landes, ihresVolks, Uwer Geschichte: Uebersetzer von Kopf müs-sen in ihnen allemal vielen Stoff zu Betrachtungenfinden können: und der erste, der auf eine philoso-phische Grammatik für uns denkt, wird unter ihnen,wie unter Heiligthümcrn wandeln: und eben an ih-nen sich zum Sprachwciscn seines Volks bilden.
Auch bei einem einzelnen Autor giebt die Kühn-heit und Art seiner Idiotismen Anlaß, auf sein Ge-nie Acht zu haben. Derselbe Blick, der die Begrif-fe, wie Farben im Sonnenstrahl, theilt, nimmtauch die Lichtbrechung in den Nuancen der Sprachewahr. Der mittelmäßige Scribcnt bequcmt sich,nach dem ordentlichen Wege, um ins Cabinet seinesFürsten zu gelangen; dieser besticht, jener betrügt,ein anderer schmeichelt: und ein Pythagoras laßtsich beschneiden, um hinter die Vorhänge der Weis-heit zu kommen. Ein kühnes Genie durchstößt dasso beschwerliche Cercmoniel: findet und sucht sich
Idiotismen; grabt in die Eingeweide der Sprache,wie in Bergklüfte, um Gold zu finden. Und be-trügt es sich auch manchmal mit seinen Goldklum-pen: der Sprachcnphilosoph probire und lautere es:wenigstens gab es Gelegenheit zu chymischcn Ver-suchen. Möchten sich nur viele solche Bergleute undSchmelzer in Deutschland finden, die, wenn dieDeutsche Sprache eine Berg? und Weibsprache ist,
Nord. Aufs. St. - 6 .