36 Fragmente zur deutschen Literatur.
kalen giebt, wo einer mit dem andern zusammenfließt, und sich in denselben zu verlieren scheint. Un-sere Sprache hat diese zusammenhängende Reiheziemlich vollständig: sie spricht ihre Selbstlauter mitso verschiedener Höhe und Tiefe, Lange und Kürzeaus; daß ihr dem Klange nach (ich rede nicht vomSchreiben) wenig Mittelglieder zwischen diesen Haupt-vokalen fehlen werden, selbst bis auf das y der Grie-chen, und einige Nasenlaute der Franzosen. DieseMannigfaltigkeit von einfachen Tönen, für die wirlange nicht Zeichen genug haben, giebt der lebendenAussprache so viel Polytonie, so viel Abwechse-lung des Klanges, daß das stolze und eigensinnigeLhr weit seltener den Vokal wieder kommen höret,als das Auge, das schon übersehender ist, ihn nachUnserer mangelhaften Ortographic wiederkommen ste-het. So werden die ungehemEn Verbindungen unse-rer Cvnsonanten auch durch diese seine Auf - undAbstuffungen der Vokale, die das Gehör so baldbemerket, gemildei-t: und da der Vokal die ganzeSylbe beleben muß: so bekommt durch diese Mengevon Zwischenlautern die Rede mehr Abwechselung,die der barbarsich,n Monotonie begegnet.
Ich würde noch weiter gehen, und bemerken,daß unsere Sprache eben den Vokalen die meistenModistcationen gebe, die wir zur Milderung derrauhen Töne, zur Linderung starker Consonanle, zurBiegsamkeit der Rede am nöthigstcn haben:nehmlich, bei E. und I. die wir so oft und ver-schieden aussprechen, daß sie statt vieler gerechnetwerden können. Statt so vieler, daß unsere mitZeichen sparsame Schreibart nicht weiß, sie hinzu-stellen, und sie bald zu Doppellauten! macht, die