378 II. Ideen zur Geschichte und Kritik
der Nation ist schon durchaus kennbar. Er ists inden lateinischen Schriftstellern der mittleren Zeiten,wie in unfern altdeutschen Sprüchwörtern, Apophtheg-men und Reimen. Allenthalben findet ihr alt-deutschen Witz und Verstand in den kürze-sten ungekünstelten Worten. Wer am Charakter derDeutschen Nation zweifelt, darf irgend nur ein Wör-ter- oder Sprüchwörtcrbuch, Agrikola, Frank,Zinkgraf, Lehmann, oder eine Sammlungvon Geschichten, Lehrsprüchen, Liedern, Fabeln undErzählungen durchgehen. In Tri mb erg, Kai-sersberg, Brandt, Luther, Rollen Hagen,Opitz, Logau, Dach, Tscherning u. s.spricht dieser verstand- und lehrreiche Ge-nius auf allen Seiten. Vergleicht unsre DeutschenMinnesänger mit den Provenzakcn. Nicht nur vonSeiten der Sitte gewinnen die unfern, sondern oftauch in Rücksicht der innigen Empfindung. In Sü-den, wenn ihr wollt, ist mehr Lustigkeit und Frech-heit; hier mehr Liebe und Ehre, Bescheidenheit undTugend, Verstand und Herz.
Rechtliche Ehrlichkeit also, Richtigkeit in Ge-danken, Starke im Willen und Ausdruck, dabeiGuimüthigkcit, Bereitschaft zu helfen und zu dienen;dies ist die Gemüthsaet unsres Volks, die es auchim Nachahmcn, selbst im ungeschickten Nachahmcndes Fremden, nie verlaugnen konnte. Denn wohersiel das Nachahmen der Deutschen oft so ungeschicktaus - Weil sie es allenthalben zu ehrlich meyn-ten, so wurden sie oft getauscht und betrogen. Dieganze Nachahmungssucht der Deutschen rührt vonihrer G u t m üthi gkeit her. Sie dachten zu be-