I. G. v. Herders sammtliche Werke. Zur schönen Literatur und Kunst. Siebenter Theil. Abhandlungen und Briefe. ^ Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegien Carls ru he,. im Bureau der deutschen Classiker. 182t» G I n halt. I. Ursachen des gesunknen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblühet. Eine Abhandlung, welche den von der königlichen Akademie der Wissenschaften für das Jahr 1778 gesetzten Preis erhalten hat. S. L !l. Ideen, zur Geschichte und Kritik der Poesie und bildenden Künste» a?gü — 1796. *).... 6r r. Lucrez von einem Genius der Menschheit. Humanität der römischen Dichtkunst und Geschichte. ..... 63 s, Humanität der Griechen» . . Lg 3 . Resultate. Fragment eines Gesprächs von Shaftesbury. . , . !». Ueber Sh a ft e sb u ry. Ein Lehrgedicht vom Rechte der Vernunft. ... go 5 . Ueber die Humanität Homers in der Jliade. 86 '> Aus den Briefen zur Beförderung der Humanität, der dritten Sammlung. HerdersWerke z. schön.Lit.u.Kunst. VII. r * etLK.«.Lne/e. VI I kt h a l t. Seite. 6. Vom Unmuth. Von Compositionen. Musik nach 7. Fortsetzung des Fragments über die Humanität Homers in der Jliade. Diderot über die 8. Bon Lessiiigs Emilia Galorti. Diderot g. Swist über die Humanität. Sprüche aus Ueber Natur - und Pflanzengedichte. Grabschrift eines Lebenden. Sarbievius Ode ib. **) Petra rta^s Charakter und Verdienste. 16. Wie die Griechische Kunst eine Schule der Humanität sey. Vom Werthe rein dargestellter 17. Vom bedeutenden Ideal der Kindheit und des jugendlichen Alters in beiderlei Geschlechtern. Von ihrer Sprache zum menschlichen Herzen, r.71. 18. Charaktere ihrer Heldengestalten. Herkules. Laokoon.Eastor und Pollux. Verdienst dir Griechen in Darstellung dieser Js>een und Ideale. 177 19. Götkerformen. Bacchus. Ariadne. Apollo. Diana. Merkur, Aphrodite. Vesta, Won verschiede) neu Claffen Menschlicher Charaktere. » tLÄ Römischen Dichtern. Einfalt ini Home r. . über die Moralität der Schaubühne. Philemon. . . ic>. Menschentugcnd von Gleim, ir. ') Flora. . 12. Fortsetzling. . . über die Vergänglichkeit, ist. Philümele kn Tiefurt. 1Ü2 157 Ideal seiner Laura. . Gedankenformen. . 167 ') Aus der vierten Sammlung. ') Aus der fünften Sammlung. V Inhalt. VII Seite. so, Mars. Vulcan. Ceres. Pallas. Juno. Zevs. Werschiedncr Gebrauch und Untersuchung der Myrhologie in verschiedener Absicht. . ig» si. Einwendungen dagegen. . . ^g6 ss. Beantwortung derselben. Von Faunen, Saty- ren, Centauren, Masken, Ungeheuern in der Kunst. Werth dieser Unterscheidungen sür die sittliche Menschheit. ... ,97 sii. Ob die Griechen künftigen Jahrhunderten alles weggenommen haben? Charakter der heiligen Jungfrqu, Andre christliche Ideen. . 202 sh. Was uns die Griechische Kunst soll? Vom Werth einer glücklichen Bildung. Von unscrn Kleidungen, unsern Stellungen, unserm Beisam- prenseyn, verglichen mit Vorstellungen der Griechischen Kunst, Charakter der Angelika Kaufmann. . . , . 206 s 5 . Von einer formlosen Güte und Wahrheit. srs 26. Daß es eine solche für uns schwerlich gebe. Vom höchsten- Anständigen oder Geziemenden der Menschheit. . . ,, . srZ 27. Stimme der Musen zu Vorstellungen der Griechischen Kunst. In Ansehung der Mutterliebe. 218 28. In Ansehung der Kindes- und Jünglings- Jahre, andrer freundschaftlichen Bande, der Erziehung und Virtuosität des Lebens. , 22Z sg. 3 o. In Ansehung der Unfoxmen, der Gesellung verschiedener Vorstellungen der Allegorie. Von der christlichen Grazie. Raphaels und andrer Verdienst. Schluß dieser Materie. . 280 3 >. *) Vom Unterschied? der alten und neuen Völker in d?r Poesie, gls Werkzeug der Cultur und ^ Siebente Sammlung. U» VM I n h a l k. Seite'. Humanität betrachtet. Ankündigung einiger Fragmenic über diese» Inhalt. Erstes Frag- ,ncnr: Verfall der Poesie bei Griechen und Römern, und, Ursache desselben . . rZH za. Aweires Fragment: Christliche Hymnen. Gebrauch der Psalmen unrer den Christen. Eigene Gesänge. Ihr ausgezeichneter Charak- ^ ter. Ihre Wirkung auf Nationalcharakrere, Musik, Sprache, Wissenschaften, und Stimmung der Seele. Proben dieser Gesänge. . ahö 33 . Was in der Cultur des Menschen vom Ur- theil des Auges und Ohrs abhängt. Poesie des Auges und Ohrs. Resultat dessen, was nach dem Gegebnen für eine neue Denkart in Mythologie, Umriß der Begriffe, Interesse, Farbe der Handlungen und Leidenschaften und deren Ausdruck werde entstehen müssen. . 262 3 H. Drittes Fragment: Bildung eines neuen Geschmackes in Europa und dessen erste Verfeinerung. Lieder von Lhaten der Vorfahren. Unterschied der nördlichen und südlichen Lonbil- dung. Nördliches und südliches System der Anklänge und Alliterationen. Erzählungen. Hang zu Abenthcuern und Abentheuersagen, Chroniken. Grober Mönchsgeschmack. — Cultur der Araber in Spanien. Entstehung der Provenzat- poesie, als angenehme Unterhaltung. . 267 35 . Daß ein besserer Geschmack hier entstehen müssen. Warum er nirgends anders als von hier - aus also entstanden? Höflichkeit der Araber in Reimen. ..... 27L 36 . Wohin der Reim gehöre? Wem er unentbehrlich scy? Nachschrift. Große Verschiedenheit im Entstehen.dieses Geschmacks und der Inhalt. IX Seite. Cultur der Alten. Gutes, was die Provenzal- Poesie bewirkt hat, Bildung der Landessprache, Freiheit der Gedanken. . . . s85 37 . Viertes Fragment. Einfluß der Proven- zalen in die Europäische Cultur und Dichtkunst. Von der Italienischen Dichtkunst im Aeußern und Innern. Vom lyrischen Drama der Italiener. Melastasio. Vom Charakter der Franzosen, Erzählen und Repräsentiren. Von der Spanischen Dichtkunst. . . . . 2 g» 38. Wie schwer es sey, vom Charakter eines Zeitalters oder einer Nation zu sprechen! Wie schwer von der Poesie einer Nation zu reden! Was.uns dennoch dazu treibe? Wie es möglich und noth- wendig sey? . . . . 3ob Sg. Fünftes Fragment. Vom Werth der Europäischen Dichtung mittlerer Zeiten. Ihre Nachtheile und Vortheile. Ihr Charakter in Andacht, Tapferkeit und Liebe. . . 3og st». Fortsetzung. Erweiterung des Feldes der Wissenschaften. Vereinigung vieler Nationen zu Einem Zweck. Gesellung der Stände zu einander. Fröhliche Wissenschaften. . . 3i5 sti. *) Sechstes Fragment: Wiederaufle- bung der Alten. Was den Mittlern Zeiten gefehlt, und die Erweckung der Allen mit sich gebracht habe? Regel und Richtmaas. Warum die Galanterie der Mittlern Zeiten in Liebe, Ehe und Andacht ein falscher Geschmack sey? , Wozu durch Erweckung der Alten der Grund gelegt worden? . . . . 3 r 3 st». Einwendungen gegen die geglaubte Wirkung der alten Schriftsteller zu Esweckung des Genie, g Achte SammlunI, X Inhalt, Gnttt zu Läuterung des Geschmqcks, zu Mittheilung xirier guten Denkart. Wie wenig ächte Kenner des Alrerthums es gebe. . . 3^6 1,3. Beantwortung der Einwendungen. Was die Alte» thun sollen und nicht thun wollen. 33> t,!,. Was die Jugend an den Alten zu lernen habe, Composition und die Regel des Anständigen, 335 l,5, Siebentes Fragment: Schrift und Buchdruckerei, Was die Einführung der Schrift auf die Poesie der Griechen und der lebendige Vortrag auf ihre Prose gewirkt. Andre Gestalt der Schriftstellern bei den Römern als bei »ns, Mangel der Büchermateriqlien in den Mittlern Zeiten. Was die Erfindung des Papiers bewirket? Was die Buchdruckerei gegeben und genommen habe? .... 33^ stlö. Fortsetzung. Warnungen und Rathschläge. Ein Bund der Guten gegen den Mißbrauch der Buchdruckerei und Kupferstecherkunst, , , 3sttz 47 . Achtes Fra gm ent, Reformation, Hgn, , dcl und Wissenschaften. Große Veränderungen durch dieselbe. Scheidung der Völker. Neue Gestalt der Poesie in den protestantischen wandern, Warum es keine persönlichen Heldengedichte mehr gebe? Neugegebener Umriß des Lobes und Tadels. ...» 35o HZ, Unterschied der Poesie gus Reflexion und dex reinen Fabelpoesie an Englischen Dichtern ge- zciget. Chaucer, Spenser, Shakcspc?, are, Milton, Eowley, Waller, Pope , P 0 ung, Thomson. Ihre Verdienste und Charaktere. ... 3tz? stg. Bon der einkleidenden Prose der Engländer. Ursprung derselben, ihrer Wochenschriften und Inhalt. XI Seite» Romane. Ursprung ihrer humoristischen Charaktere und SchresbUrt. Addison, Sw ist, Fielding, Richardson, Sterne. Ob die Griechen den Rünian gekannt haben? 36/ tzo. uebergang zu Deutschen Werken des Geschmacks. 372 bc. Warum wir so lange zurückblieben? Und so viel nachahmten? Lob der Nachahmung. Ihr hohes Ziel. , , . » 373 ha. Ob der Deutsche charakterlos sey? Charakter der Deutschen von den ältesten Zeiten her in Lhaten und Schriften, selbst in ihren Fehlern. Dieser Charakter in ihren Dichtern gezeiget. Brakes, Hagedorn, Haller u. f. — Kleist, Lessrng und Gleim. Kl 0 p - stock, UH und andere lyrische Dichter. Wiee land und Geßner. » . . Z 77 h?. Einwendungen gegen die gutmüthige Lehrhaftigkeit der Deutschen. . , . 385 Ob die Poesie der Deutschen formlos sey? Vorzug unserer Sprache in Annäherung zur Form der Alten» Ranller, Klop stock, Gerstenberg, Göz, Lessing u. a. GL- ihe. — Ob jede fremde Form für uns sey? Probe an der Italienischen Oper und der Engs iischeii Komödie. Zachariä. » , 386 55. Ob maN den Deutschen Mangel an Kritik zn- zuschreiben habe? Charakter der Kritik bet. Deutschen. Leibnitz, A. G, Baumgärten Wcrnike, BüdMer und Breitinger» Hüller und die wissenschaftliche Kritik, die kr eingeleitet. Bibliothek der schönen Wissenschaften, LiteratUrbriese. Mangel weiterer Nach- tichren. . . r . , XII Inhalt. Seite. 56 . Auch zur Kritik ist Genius nöthkg. Zerrissene Faden zwischen uns und den Bemühungen anderer Nationen. Ob die deutsche Poesie eine Kinderpoesie sey? Gut, wenn sic es wäre. Was von der politischen Poesie zu halten? . 39s 57. Neuntes Fragment. Resultat der Vergleichung der Poesie verschiedener Völker alter und neuer Zeit. Die Poesie ist ein Proteus unter den Nationen. Nichtiger Rangstreit zwischen den Alten und Neuern. Schwierigkeit der Vergleichung. Daß jede Ration ihre Dichter werth halten müsse. Was die Deutschen von den ihrigen zu lernen haben. Verschiedene Methoden der Classification der Dichter. Fortgang im großen Gange der Zeiten und Völker. hoi, I. Ursache» I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks 1 bei den verschiedenen Völkern, da er geblühet." Mulis reusneeutur, Hu.se jsiu esciders- Eine Preisschrift. 1773. r HerdersWerke z. schön.Lit.u.Kunst. VII. A ^LL.u.Ln>/«. >^s ist cin wunderbarer Anblick, daß der Geschmack, diese schone Gabe des Himmels, die ec dem menschlichen Geiste nur in den Zeiten seiner schönsten Blü- thc bestimmt zu haben scheinet, nicht nur noch einen schmalen Strich des Erdbodens berühret, sondern auch auf diesem schmalen Striche nur durch kurze Perioden gewirkt habe. Kaum ließ er sich irgendwo auf einer glücklichen Starte nieder: so sammlete er sich auch bald Brennreiser zu seinem eigenen Grabmale, bis spät aus seiner Asche anderswo ein anderer Phönix entstand, und wieder das Schicksal hatte, wie sein Vater. Woher nun diese Wellen auf dem großen Meere des Zeitraums? Aus Ursachen von innen oder von aussen? Wer lehret uns das große Naturgesetz der Veränderungen des Geschmacks aus der Geschickte ? Wüßte man's, so erschiene zugleich, ob sich den Ursachen seines unglücklichen Verfalls nicht zuvorkommen; ob sich der gute Geschmack, wenn er flieen will, nicht fcsthalten ließe? Oder, wenn sich aus Kennzeichen seine Ankunft nahet: wie kann man sie befördern? wie selbst die Samenkörner seiner Zerstörung anwendcn, daß er sich neu belebe? Oder wenn man dies alles nicht kann, wozu wirkt selbst dieser Verfall? Zu keinem A 2 4 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks anderweitigen Guten? Nicht auch etwa zur Glückseligkeit der Menschheit? Wahrlich eine philosophische, menschenfreundliche, und selbst zur Blüthe äußerer Verfassungen mitwirkcnde Frage! Und der Weg, auf dem sie untersucht werden soll, das Buch der Geschichte, das tder Betrachtung hierüber so merkwürdige und verschiedene Falle liefert, ist allerdings die reichste, sicherste und angenehmste Straße. Hier ist die freie Wahrheit sich selbst Bestätigung und Anmuth. Ich will zuerst die Frage aus Gründen der' Seelcnlehre, meistens nur verneinend, untersuchen, und Vorurtheilc zuerst wegraumen, die uns den Gang durch die Geschichte schwer machen würden. Sodann wünsche ich die Geschichte jedes großen Aeitlaufs aus die allgemeinen Ursachen zurückzuführen, ohne welche sic in einem andern Zeitpunkte nicht genutzt werden kann. Die Folgen, die sich daraus zur Anwendung ergeben, machen das dritte Stück aus. bei den verschiedenen Völkern rc. 5 l. Grundsätze zu Betrachtung der Frage auS der Seelenlehre. Man pflegt die Verderbnisse des Geschmacks bald von gewissen Kräften des Genies, bald der Vernunft, bald moralischer oder unmoralischer Triebe herzuleiten, und den gewählten Licblings- gesichtspunkt sodann allen Begebenheiten der Geschichte vorzuschicbcn. Es ist also nöthig, hier erst in Rücksicht unsrer Frage die Provinzen ^dieser Kräfte im Gebiete der menschlichen Seele auszumachen: wie fern sie den Geschmack verderben müssen, verderben können, oder nie verderben werden? I. Wie sich auch Geschmack und Genie feiner brechen mögen, so weiß jeder, daß Genie im Allgemeinen eine Menge in- oder extensivstce- bender Seelcnkrafte sey; Geschmack ist Ordnung in dieser Menge, Proportion und alle schöne Qualität jener strebenden Größen. Mithin sind beide sich nimmer an sich einander entgegen; durch die simple Natur können sie sich einander nie verderben. Eine Betrachtung die des Anblicks wcrth ist: denn sie ist Grundlage aller künftigen historischen Phänomene. «. Genie ist eine Sammlung von Naturkräften es kommt also auch aus den Händen der Natur, und 6 Ursachen des gesunkenen Geschmacks muß vorausgelien, ehe Geschmack werden kann. Der Orient, das -Vaterland aller menschlichen Bildung, war lange das Land des rohen, starken, erhabenen Eenie's, ehe Griechenland kam und die Schönheit weckte. Ar Griechenland selbst- gingen viele rohe Namen, ungeheure Versuche, alle Falle und Würfe übertreibender und hinsinkender Kräfte voraus, ehe sich diese Kräfte in Ordnung brachten und sich der Geschmack erzeugte. Ein Kind unterliegt zuerst dem tau- sendaestaltigcn, tiefen, unermeßlichen Weltall, ehe sich ihm die Bilder vom Auge rücken, sich von einander sondern und Ideen werden. Erst durch viel Unschicklichkeiten roh angewandter Kräfte lernt der Ringer mit Gleichmaaß kämpfen und überwinden. Wir sehen also: Bei einem Volke, das noch roh ist, muß man nicht vom Verfall des Geschmacks, sondern von langsamer Bildung zum Gcsch macke, zur Wohlgestalt reden. Habe es immer hie und da glücklich oder scheinbar nachgcaffet: gebe es sich auch selbst die größestcn Lobsprüche, „wie sehr es Geschmack habe!" niemand ruft mehr, als ein probendes Kmd: „Kann ich nicht schon? Kann ich nicht schon?" Und wenn es könnte, würde cs nicht also rufen. Hier muß man also weder stören, noch Niederschlagen, sondern weisen und aufmuntern. Alle zu früh aufgedrungcne Regelnmaasse, ehe man selbst die Regel als unentbehrlich ansehcn lernt, und gleichsam von selbst darauf kommt, sind schädlich und bleiben auf immer schädlich, wie man an dem sixirten, seyn sollenden Geschmacke in Aegypten und Sina sichet. Der Schöpfer selbst ließ ja erst das Chaos aus- bei den verschiedenen Völkern rc. 7 gähren, und entwickelte die Welt nur durch innere Naturgesetze zur Harmonie, Ordnung uitd Schönheit. Eine Fliege, die aus ihrem Winterschlafs gewaltsam und widernatürlich erweckt wird, lebt auf Minuten auf, um auf immer zu sterben. A. Kann also der Geschmack nur durch Genie, d. i. durch rasch und lebend geübte Naturkräfte entstehen; so muß er in ihnen auch nur bestehen wollen; sonst ist er ein Schall in der Luft, eine nichtige Echo. Reichthum an Baumen, an Pflanzen und Fluren macht einen Garten; und ist erst der Garten da, so kann sich an ihm Ordnung, Geschmack und Gartenkunst erzeugen. Ohne Garten bauet man in die Luft. Gemeiniglich macht man Unterschiede zwischen Genie und Geschmack; „als „ob jenes des Geschmacks nicht bedürfe, als ob eS „sich selbst denselben ersetze und mehr sey, als derselbe; nur der geniclose Kopf müsse sich mit Geschmack „trösten u. dgl." Ohne alle Spekulation aber, ist der Geschmack für Genie's, in weitlauftigstem Verstände, nicht da; so weiß ich nicht, für wen er da seyn soll- Das Nichts, der Dummkopf kann ihn weder brauchen, noch fassen: denn Geschmack ist nur Ordnung im Gebrauche der Genickräfte, und ist also ohne Genie ein Unding. Im Gegenthcile, je mehr Kräfte ein Genie hat: je rascher die Kräfte wirken, desto mehr ist ein Mentor des guten Geschmacks nöthig, damit sich die Kräfte nicht selbst einander überwältigen, zerrütten, und, im Falle der Uebermacht, auch andre gute Kräfte zertrümmern. Wo also auch in einem Zeitalter der Ueppigkeit und des allgemeinen Verder- 8 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks bens sich schon die Kräfte des Genies verzehrten: man sieht, wie elend es sodann mit dein n a c hj amm crn d e n G e s c h mack e s t e h e. Ist er noch mehr als Geschmack, kann er durch That helfen, und Zzurückzichen, wohlan, so thue ers freudig, und seine That avird wirken. Denn die wahre Bildung und Zurückbildung kann nur immer in der Gestalt von Exempeln geschehen; die Lehre muß Geist und Kraft angenommen haben, sie muß Ucbung und Tugend geworden seyn: so wird sie anerkannt, so wird sie gefühlt, versucht und befolget werden; ist sie das aber nicht« so kann der bloße Zuruf nicht helfen. Ist eine Schule so verfallen, daß weder im Lehrer noch in den Schülern Kraft, Lust, Vorbild, Nacheiferung ist: so Hilst die beste Schulordnung nichts. Und ist ein lebendiger Körper im Sterben, so kann ihm die beste Diät oder Promenade nicht helfen. Das zeigen alle einzelne Stimmen in den Jahrhunderten der Barbarei und des verfallen- denGeschmacks. Waren sie blos Stimmen, so wirkten sie nichts; geselletcn sie sichaber mit Kräften, belebten sie das Genie und weckten andere Genie's aus: so ward eine bessere Zeit. Die eine Schwalbe, die der Frühlingshauch geweckt hatte, prophezcihcte mehrere und sic blieben nicht aus. Geschmack in Einer Kunst weckte den Geschmack in allen Künsten: cs war gleichsam ein harmonischer Aether da, in welchen die ähnlichen Saiten aller verschiedenen Instrumente auf einen Druck bebten und klangen. Nur also Genie's können und müssen Genie's bilden und zurückbilden zur bei den verschiedenen Völkern rc. , 9 Ordnung, zur Schönheit, zum Gleich- maaße ihrer erkcnncnden oder fühlenden Kräfte: denn auch hier wirkt Wahrheit und Schönheit nur durch Glcichgefühl und durch Nachahmung. Je gleichartiger die Saiten, desto mehr tönen sie einander nach: Bild aber und Schall in Regeln an die Wand gewählt, kann nie eine verstimmte Saite stimmen, oder in ihr einen reinen Klang bilden. Es wirken, wie Plato im Gleichnisse von den Ma.'ncten und Korybanten sagt, die Kräfte am tiefsten durch unmittelbaren Einfluß, wie durch ein halbes Wunder, aus einander. Genie's, die also gebildet sind und weiter bilden, sind Ebenbilder der Gottheit an Ordnung, Schöne und unsichtbaren Schöpferkräften; sie sind Schatze ihres. Zeitalters, und gleichsam Sterne im Dunkeln, die durch ihr Wesen erleuchten und scheinen, so viel es die Finster- niß aufnimmt. Und nun ists sonnenhell, wiefern Genie's a l l e i n den Geschmack vcrschlim - mern? rühmlich, weil er ohne sic nicht exi- stiret, und sie ihn allein verschlimmern können, wenn sie die Kräfte ihres Genie's übes anwenden. Das ist nun auf zweierlei Art möglich, durch falsche Zwecke und durch falsche Mittel. Ist ein Maaß schon voll und man gießt mehr: so fließt's über. Will der Kopf voll Kraft, was schon am Ziele ist, noch weiter treiben: so ist er jenseits des Zieles, im Lande der Unnatur und des falschen Geschmackes an Zwecken. Wählt er sich gar ein Irrlicht zum Ziele, oder will mit Jka- rgs Flügeln zur Sonne hinauffliegen: so wird er ,c> I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks Morast oder Meer mit seinem Namen zeichnen': denn er wählte falsche Zwecke und erlag also auf dem Wege. Oder ein Genie hatte ein edles, wahres, ein wohl zu erreichendes Ziel; nur es hatte dahin keinen Führer. Es nahm alfo im ersten Feu- errauschc eine falsche Bahn, sah zu spat, daß es irrete; und war Genie, hatte einiges Gute auf der falschen Bahn erreicht, sah zurück und hatte nicht Größe genug, das alles aufzugcben und neu cinzu- lenken zu einem bessern Wege. Vielmehr spiegelten sich falsche Zwischcngcgenstande ihm mit Reizen, vor denen cs nicht widerstehen konnte; es traute sich zu mit seinen Kräften aus dem schiefen Wege noch immer dahin zu kommen, wo kein anderer auf solchem Wege gekommen war: es lief fort und ward mit seinen edeln Kräften ein Urbild des falschen Geschmacks, eine verführende, n egative G röße- Das ist die traurige Theorie des verfallenden Geschmacks in allen Zeitaltern, aus dem Gesichtspunkte des Genie's b e- t r a c h t e t. Und das ist zugleich, ohne alle Deklamation, die achte Lobrede auf den Geschmack, w i c fe rn e r d ur c h das Genie wirket; er ist nemüch das Steuerruder der Kräfte desselben auf dem wüsten Meere des Zufalls. Daß jeder sich eine Bahn wählen und auf ihr mit Inbrunst streben könne, ist Werk der Natur; daß er sich eine richti- <>ge Bahn wähle, und auf ihr zu edeln , erreichbaren, nutzenden Zwecken strebe, ist Werk des Versuchs und der Erfahrung. Wohl dem, dem, wie Herkules, die Göttin erschien, ihm den Weg zu zeige», ihm Muth einzusprechen und sich ihm zur Füh- bci den verschiedenen Völkern w. ir renn zu entbieten, bis zum Ziele. Er wird sich zehn vergebliche Wege ersparen, von denen er einst mit Reue uns vergeblicher Ermattung zurückkemmt, oder die ihn nie zurückkommcn lassen. Wenn die Quelle des guten Geschmackes austrocknet, wer will sie wieder füllen und beleben? Neulinge drangen sich auf den Weg der alten, achten, simpeln Erfahrung, die die Stimme der Lehre dem Neide oder dem Unvermögen zuschreiben, die sie meistern wollen, weil sie sic nicht übertreffen können. „Der dort im Bette „wimmert," sagt man, „ist ein kranker Greis, und „wir klettern auf spitzigen, steilen Felsen. " — Das Genie ist ein solcher Funke von Göttlichkeit, daß cs, selbst aus falschem Wege eines Übeln Geschmackes, nur von Kräften des Genies und nicht von Regeln anderswobin gelockt werden will. Jedes Samenkorn der Schöpfung wird nur durch sich selbst erstattet. II. Wie das Genie, setzt man oft auch die Vernunft d em G e s c h in a c k e entgegen, und weiß sich viel, wie diese immer zu dem Versalle jenes beigetragen habe. Eine eben so falsche und verworrene Meyuung. Ist der Geschmack nichts anders, als Ordnung, als Fertigkeit der Kräfte zur Schönheit; so schnell er auch wirke und empfunden werde, so kann er immer nur durch Vernunft, durch Bcurthei- lung und Ue Verlegung wirken, durch die allein Ordnung wird. Selbst die Bicnenzclle (wenn das Genie mit dem Instinkte der Thicre, die viel--' leicht im Grunde Eins sind, verglichen werden darf) i2 I. Ursachen dos gesunkenen Geschmacks selbst sie braucht den trefflichsten Biencnvcrstand zur Vollendung, und je edler ein Genie ist, in je würdigerer Sphäre cs strebt, und je würdiger es sein Streben vollendet; desto mehr muß es treffende umfassende Vernunft zeigen, im schnellsten Flammenstrome der Thatigkcit und der Empfindung. Der Schöpfer, der alles übersah und gut fand, genoß, geistig zu reden, den Augenblick der höchsten Vernunft, und sinnlich zu reden, den Augenblick de entzückendsten Geschmackes. Als sich das griechische Trauerspiel von Thespis Karre zu Acschyius und des großen Sophokles Geschmack empor hob, was war's, das es so fortrückte? Genie mit Vernunft, Uebcrlegung mit fühlenden Kräften begleitet, kurz, Geschmack war's, was ihm Geschmack anschuf. Dies Rohe, Feierliche, Leere, Kalte ließ man hinweg; jenes Wirksame, Handlungsvolle bog man aus einander: Einheit und Mannigfaltigkeit paarten sich: da ward Geschmack, Schönheit! Als Euripides sich nachher, wenn auch mit den schönsten sokracischen Reden von diesem festen Ziele der Uebcrlegung des Einen, der Handlung, wegwandte: so zeigt Aristoteles, daß die Bühne mit allen diesen sokratischen Reden nichts gewonnen habe. Was wars also, das die Kunst der Griechen schuf? Genie- und that- vollc Uebcrlegung. Der alte ägyptische Styl war da, hart, trocken, leer von Stellung und Handlung : man dachte, man fühlte, man schuf dem Marmor seine schöne Runde, Wohllaut, Handlung an; und der Geschmack der Griechischen Kunst ward. So entstand Homer aus vielen Mahcchen, aus Schlacken und Troja-Dichtern vor ihm: so entstand d>? der der, verschiedenen Völkern u. r3 Redekunst mitten im Kampfe und Vernunftgebrauche bürgerlicher Geschäfte: so die übrigen Dichtarten aus Homer. Die Beisitzerin der himmlischen Nathschlä- ge, die Ueberlegung, leitete die Griechen bei jedem Schritte; daher kamen sie auch auf ihrem einfältigen Wege so hoch. Je mehr man sich gegentheils davon entfernte, desto mehr sank die Kunst, die Wissenschaft und Alles. Verstand ist die Seele: Genie gleichsam der Körper, und die Erscheinung beider in einander heißt guter Geschmack. Wie solle» sich die nun einander widerstreiten? Soll also die Vernunft den falschen Geschmack befördert haben, so will mair vielmehr Unvernunft, Klügelei, Sophisterei sagen. Entweder daß man sich vorlauter lieber Vernunft der sinnlichen Gegenstände entwöhnte, und das thut unsre wahre Vernunft nie: denn über Sternen zu schweben, ist uns nicht gegeben. Oder man will sagen, daß man auch über sinnliche Gegenstände die Vernunft falsch verwendet, daß man gcgrübelt habe, wo man empfinden, Merkmale getrennt, wo man sie verbinden, Regeln gegeben, wo man hatte handeln sollen. Und dann war das widcrum keine achte Vernunft, deren erstes Geschäft es ist, zu wissen', wo» hin sie gehöre, und weg - oder fern zu bleiben, wozu sie nicht tauget. Unter keinem Vorwände konnte durch sie falscher Geschmack entstehen. Das ist so wahr, daß selbst Produktionen des falschenGcschmacks in der Folge nicht umhin konnten, aufs Neue die Vernunft Hu bilden, und sich an ihr selbst zu zerstören. Mochte immer im Anfänge des Taumels die 14 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks Vernunsi bezaubert und verführt scheinen; sobald der in den Tauschungsgarten ermattete Geschmack sich im Spiegel der Wahrheit sah, ermannte er sich, und die unglücklichen Falle selbst waren ihm itzt Regeln der Weisheit. So heilig und rein ist dieser edle Strahl, daß er, wie die Sonne, zwar umwölkt und zurückgeschlagcn, nicht aber in seiner Natur verändert und in Finsterniß verwandelt werden kann. Wohin er wirkt, brennt er und wirft sein Bild ab- Eben durch den Geschmack haben also die Griechen an Vernunft und durch ihre leichte Vernunft an Geschmack gewonnen. Was für eine Welt von Veranlaß sun g en bietet der Geschmack einer prüfenden Vernunft zur Uebung dar! Und alles schwebet ihr hier sinnlich vor, Mittel und Zwecke. Das Ur- theil aus solchen Erscheinungen trifft schnell wie der Blitz, und wirkt eben so schnell weiter. In Werken der Art wird mit Feuer gearbeitet, mit Liebhaberei geurtheilt und empfunden: selbst dies Urtheil und diese Empfindung war bei den Griechen Wettlauf. Wo noch Alles Genie, d. i. rohe Kraft und ein Sturm der Handlung ist, da hat die Philosophie noch keine Statte; wo ein Volk erwacht und sich aus dem mächtigen Traume sinnlicher Kräfte sammlet, da wird Geschmack; und er in seinem schnellen richtigen Urtheile, wird ein Vorläufer der Ucberlegung selbst über die unsinnlichsten Begriffe. Nur muß man auch hier, der Vernunft keine falschen Vorrechte geben, womit man alles verdürbe. Sie, ohne sinnliche Werkzeuge und Triebe, ist eine muffige Zuschauerin; und sind ihr diese ent- bei den verschiedenen Völkern rc. ' »5 gegen, so entstehen Zwistfälle, bei denen der Geschmack nie zur Reife kommt. Ihre Einwirkung wird sodann verdanke l t, g e t ä u s c h t u n d ü b e r w o g e n ; sie ruft vergeblich. Man muß also das Verderben des Geschmacks anderswo suchen, als bei ihr. III. Man suchts in den sittlichen Kräften, und will, daß bald Frömmigkeit den Wohlgeschmack, bald Verfall am Geschmack die Gottlosigkeit nach sich ziehen müsse. Mit welchem Rechte? i) Geschmack und Tugend ist nicbt einerlei. Jener ist nur Ordnung und Gleichmanß gewisser sinnlicher Kräfte zu oder in einem Kunstwerke; diese soll Ordnung und Gleich- maaß seyn in allen unfern Kräften zum großen Werke unsers Lebens — ein großer Unterschied! Das Kunstwerk kann so eing esc h r än k t, die Kräfte der Seele darauf so eingeschränkt seyn, als der Instinkt der Biene auf die Zelle; die meisten höheren und thatigen Kräfte bleiben also ungeregelt und lobt. Das Kunstwerk kann denMenschen so an sich ziehen, daß eben diese Leidenschaft die andern Kräfte und Neigungen aus der Fassung bringt; und so wird die Wuth des Geschmacks, wie jede andere Wuth, für die Moralität ein Fallstrick. Gewisse Werke können endlich wirklich eine L ei d e n sch a ft fordern, die denn künstlich-, aber nicht moralisch-gut ist. Sie wollen Sturm, nicht aber Sonnenklarheit. Brutus war kein Cicero und Sokrates kein Perikles , kein Domesthe- nes. Die Staaten, in denen der beste GeschmaE i6 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks blühete, waren nicht eben die tugendhaftesten, und Atken mit allem seinem Geschm'acke, war selbst an Bürgcrtugend kein Lacedämon. Freilich kann der Dichter, der Mahler, der Bildhauer, der Tonkünstler von seinem Kunstgc- schmacke Anlaß , Erinnerung , Gestalt und Modell nehmen, seine ganze Seele, sein ganzes Leben zu einem gleichen Geschmacke zu bilden ; und das Ware freilich Tugend. Er kanns: ob ers aber auch wolle ? ob crs auch bis zur Thal, bis zur Fertigkeit und täglichen Gewohnheit wolle? — welch eine große Frage! Aus einem Jnstnitcsimaltheilchen soll ein Berg des Unendlichen entspringen, durch Nichts! auf einmal! 2 ) Aber das ist unläugbar, daß, wo die Sitten bis aufden höchsten Grad verdorben sind, auch der Geschmack verdorben seyn müsse, und das sebr natürlich. Geschmack ist nur ein Phänomenen der Vernunft, die im Genie durch sinnliche und begehrende Kräfte wirket. Nagt nun an diesen allen der Wurm von innen, so ist auch ihre äußere Erscheinung schändlich und häßlich, und das heißt schlechter Geschmack im weitesten Verstände. Wo Ucppigkcit, Schande, Schwäche, Knechtschaft, Lüsternheit herrschen: da hat keine Kraft der Seele mehr edle Zwecke oder edle Mittel. Man setzt abscheuliche Gottheiten auf den Altar, denen man auch abscheulich opfert. Die Ordnung der Kräfte wird zerrüttet, die Kräfte selbst nehmen ab, weil man bei de- verschiedenen Völkern rc. man sie entweder gar nicht oder verstimmt und unwürdig brauchet. Geschmack sollte das Bild und Kleid der Tugend seyn; wo sie gar nicht ist, da ist auch ihr Bild und Kleid nicht mehr kenntlich. Sofern ists also gewiß, daß Geschmack die guten Sitten mit erhält, aber nicht als gute Sitten, sondern als einen schönen Anstand, als Wohlordnung. Und gute Sitten in gewissem Grade befördern den Geschmack, sofern sie ihm Materie, Beispiel, Triebfedern zu wirken reichen. Fällt die schölte Hülle sogar weg : so ist Alles verloren. Der Geschmack war das Organ einer gemeinschaftlichen Convenienz über Begriffe der Wohlordnung, und also doch wenigstens «ine scheinbare Larve. Mi,t allen diesen Begriffen kommt man also nicht weit: und es muß nicht durch Spekulation nach solcher oder einer andern Hypothese, sondern aus der Geschichte untersucht werden, wie sich Geschmack, ein Phänomenen von Kräften des Genies, des Verstandes und sittlicher Triebe, je auf die Zrrbahn lenken konnte? In jedem Zeitalter muß dies so eigen untersucht werden, als ob cS gar keinen andern Geschmack, als die. sen, gegeben habe. Und wie kann man sicherer und tiefer gehen, als wenn man in jedem Zeitpunkte simpel fragt: Woher entstand der gute Geschmack hier? Warum dauerte rr so lang«? Alsdann wird man gleich sehen, -Herders W.z.schöii.Lit.u.Kunst. VH. B -«LA.« Lr--/». 18 I- Ursachen des gesunkenen Geschmacks daß er mit den Veranlassungen seiner guten Natur zugleich mit verfiel, indem nun andre Jeitumstande kamen, das schöne Phänomenen zu zerstören. Auf diesem Wege wirds auch offenbar, warum er in aller Geschichte so selten gewesen? Warum er nie an einem Orte in der Gestalt wiedergekommcn sey, in der er vorher gewesen und s. f.? Endlich giebt dieser Weg der Betrachtung auch die reichste und tiefste Anwendung wir versuchen ihn also. bei den verschiedenen Wölbern rc. ist II. Ursachen des gesunkenenen Geschmacks bei den verschiedenen Völkern, da er geblühet. I. Wenn wir nach den Ursachen forschen, ans denen sich der Geschmack unter den Griechen erzeugt, und zu solcher Höhe erhoben liat: so sind wir aus dem Wege, die Geschickte des verfallenden Geschmacks zu ersehen. Jene Veranlassungen wirkten, wie alles unter dem Monde, nicht ewig: es traten andere scha d- liche an ihre Stelle, und der Geschmack sank. Er sank selbst bei dem Volke, Ui dem er am meisten Natur war. r) Homer entstand im schönen griechischen Jvnien in einem Zeitalter, da er die ersten Schritte zu einer sc i n er e n'B i ld u ng sah, und von den starken Sitten der früheren Welt in lebendigen Sagen hörte. Die Heldenfabeln lebten damals im Munde der Griechen, Und nahmen in einer Zeit, wo Schrift und Prosc noch nicht erfunden war, von selbst eine dichterische Gestalt an. Der Heldenzug der Griechen vor Troja war ihnen ein Nationalgegenstand, wie es ihnen einst der Zug V 2 2. uriachen des gesunkenen Geschmacks 2-r der Argonauten gewesen war; nur war dieser Gegenstand ihnen Heller, naher und starker. In ihm lagen die Keime abgesonderter Helden - und Freiheits- staalen in jenen großen Bildern ibrer Könige vor Troja: zehn Dichter hatten ihn gesungen. Homer sang ihn auch auf eine eben so natürliche, und dazu seinem -Zeitalter die angenehmste und mildeste Weise. Die griechische Sprache trieb damals in asiatischer Hlmmelsiufc Biürhen: die Mythologie formte sich zu einer schönen, menschlichen Gestalt: die Leidenschaften der Menschen wirkten freier, ihre Seele war offen; Homer sang, wie er sie sah und horte, und seine Gesänge blieben im Ohr und Munde der Nachwelt. Lykurg sammlcte sie endlich, da eben das Zeitalter der griechischen Bürgerkultur anbrach, und so wurden sie mit der Zeit ein Codex der Sitten, der Gesetze, ja, der ganzen Geschmackslehre in den Städten; Homer ward Vater des griechischen Geschmacks auf die natürlichste Weise. Eine Reihe schicklicher Veranlassungen bildet« ihn, und Griechenland ward für ihn gebildet. 2) Eben so natürlich entstand das griechische Drama in aller Blüthe seines Geschmacks. Aus Heldenfadeln und Sxftlen, aus Musik, Zeitvertreib und Gottesdienst, (Alles auf griechische Art gefühlt, gemischt und behandelt) stieg jene Bühne hervor, auf der Aeschylus, Sophokles und Euripides ihre Wunder wirkten. Alle Bestandkheile, die Aristoteles aufzählet: Handlung, Sitten, Mey- nungen, Musik, Sprache, Verzierung, lagen im Keime der Entstehung des griechischen bei den verschiedenen Völker« rc. 21 Drama, und waren kein Schulgeheimniß. Das Wesen des Gedichts, die Vorstellung einer Handlung, war zugleich Probestein des Ganzen, und was dahin nicht wirkte, war Fehler. Zeder edle Mann von griechischer Bildung war, wie man aus den Wettstreiten stehet, darüber Richter, und auch dem Inhalte und der Wirkung nach, war die griechische Bühne eine lebendige Angelegenheit eines solchen Publikums, wie Athen war. Die ganze Dramaturgie des Aristoteles ist gleichsam dem Munde des Volks entnommen, so wie in den nordischen Gerichten erwäklte Schiedsrichter der Gemeine, jedesmal nach der Natur der Sache, über sie erkannten. Kurz, das griechische Drama war eine Naturblume der Zeit, aus Veranlassungen des damals lebenden Geschmacks hervorgewachsen, wie Jahrhunderte vorher die Mährchen und Rhapsodien der Aviden. Sophokles entstand wie Homer, und Pindar wie alte beide. Z) Die griechische Redekunst nicht anders. Sie war in den Republiken eine öffentliche Anstalt und Triebfeder: Gcmeingeist, öffentliche Rathschlagung über Geschäfte des Staats, kurz die Verfassung der griechischen Republiken war ihr Element: da gab es denn eben sowohl zu öffentlichen Vorträgen, als zu Geschäften gcbohrne Männer; die damalige Philosophie, Erziehung und Ucbung ging ebenfalls dahin, aufs Leben der Republik, nemlich aufSinnesartund Tätigkeit des Bürgers. Die griechische Sprache war in ihrer schönsten lebendigen Form; alle 22 I. Uriachen des gesunkenen Geschmacks äußere Anstalten trieben zu eben dem Zweck; sie weckten, sie bildeten und belebten. Da gabs also Pcrikles, Alcibiades und einen Demosthenes, noch ehe die Flamme verlöschte. Naturgeist einer griechischen Republik oder Lehre wchete in den Reden griechischer Redner. 4) Die Kunst endlich, die das weiteste Feld von Veranlassungen hatte, ging eben die Bahn. Die Bildung der Griechen, ihr Gefühl für Wohlgestalt, sür leichte Handlung, Lust und Freude, ihre Mytbolo- gie und Gottesdienst, die Liebe zur Freiheit, die ihre tapsern Männer und edeln Jünglinge belohnte, gnd niedrere Ursachen , die Winkelin ann vortrefflich entwickelt hat, schufen ihre Kunst zur Blume der.Schönheit: sie war eine lebendige, veredelte griechische Natur, wie alle vorigen Produkte. Was folgt aus dem Allen? Ein sehr einfacher Satz, den man sich immer gar zu gern als künstlich und vielfach denket: nemlich, der gute Geschmack war bei den Griechen in ihren schönsten Zeiten eine so natürliche Hervorbringung, als sie selbst, als ihre Stammes- und Lebensart, als ihre Situation und Verfassung waren. Er existirte, wie alles, zu seiner Zeit und an feinem Orte, zwanglos, aus den simpelsten Veranlassungen durch Zeitmittel, zu Zeitzwecken: und da diese schöne Zeitverbindunq aus einander ging, schwand auch das Resultat derselben, der griechische Geschmack. bei den verschiedenen Völkern re. 23 и) Hätte jemand der Griechen Homer seyn wollen, unter Umständen, da kein Homer feyn konnte, gewiß ists, daß er »uc ein falscher Homer geworden wäre. Apollon ius unter den Ptolo- macrn ist davon Zeuge. Er trat ins Schiff der Argonauten; wie kam er dahin? weshalb bestieg ers? konnte und wollte ihm jemand nachsteigen? Sein Zeitalter lieferte ihm dazu weder Sitten noch Sprache, weder Inhalt, n o c h O h r , noch Zweck, noch E m-p f i n d u n g : er ward also ein todter Nachahmer: e-r sang außer seinem Elemente. Hatten die Griechen früher so angestrebt und gesungen, was ihnen zu singen nicht gebührte, so hatte auch der gute Geschmack so lange nicht ge- blühet. Ihr guter Genius bewahrte sie aber vor dieser Bahn des unnützen, kraftlosen Neides. Sie sangen, worüber sie Herren waren : die Dichtkunst rückte mit dem Zeitalter weiter: sie folgten Homer, indem sie sich von ihm entfernten. к) Sobald die Zeit entwich, da die Triebfedern des guten dramatischen Geschmacks zusammengewirkt hatten, sank dieser mit ihnen. Die Gegenstände der Bühne aus dem Kreise der griechischen Fabel, den sie den Eyklus nannten, waren erschöpft: man wählte schlechtere oder behandelte die vorigen neu, das ist schlechter. Der erste glückliche Blick war von den Meistern des Drama geschehen: die Muster standen da, und verschatteten den Nachfolgern die Sonne. Man ahmte nach, statt frei zu behandeln, und eine zwischen Freiheit und Knechtschaft gctheilte Seele wirkt pie ganz und edel. Da der Geschmack nur im gan- L4 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks zen freiwirkenden Genie lebet, so wich man natür. lich um so mehr von ihm ab, je mehr man ihm in Regeln und Dorurtheilen auf eine tobte Weise nachstrebte. Auch die Umstände des Volks hatten sich geändert. Was voraus Angelegenheit des Publikums gewesen war, ward Spiel einer unmäßigen Liebhaberey. Man ließ Tage hinab mit Schau, spielen wetteifern, da dann durch die Menge der Speisen der Gaum gewiß den Geschmack verlor und schon der unersättliche Hunger von Krankheit zeugte. Wie sich derThaten - und Freiheitsgeist des Volks verlor, hatte die Bühne ihr Element verloren: der gute Geschmack lebte also in alten Resten, und zwer zu neuen Hervorbringungen todt, wie man berchs die Keime zu diesem Verfall in Aristoteles Poetik selbst siehet. c) Mit der Redekunst gings eben also. Als die Freiheit der Griechen sank, war auch ihr Feuer dahin: in Demosthenes war es, wie in der letzten Noch, eine auflodernde Flamme gewesen. Die Redekunst kroch in Schulen, oder in enge Ge- richtsschrankcn, sie krümmte sich im Staubs und verstummte. Das hat L ong in schon simpel und stark gezeiget. ck) Die Kunst, die ein großer Feld von Veranlassungen, zudem einen sehr sinnlichen, anschaubaren und beinahe mechanischen Zirkel hatte, konnte sich langer, und auch im Vorhofe der Monarchie, noch erhalten, so lange sie entweder keine Sklavin war, oder unter einem guten Joche diente. Der gute Geschmack in ihr war gleichsam fixirt, und da bei ihr Alles auf Uebung und Nach- bei den verschiedenen Völkern er. 25 «hmung beruhet, so konnte ihr diese nicht schaden, sondern erhielt sie. Viel Anwendung der Kunst, z. B. zur Verehrung der Gottheiten und idealischen Bildsäulen blieben, und die Achtung der Künstler gewann an licbhaberischcn Höfen, so wie auch Sieg und Rcichlhum ihr mehr Materialien schaffte. Die Kunst also, zusammt der Komödie, dauerten über das Zeitalter der griechischen Freiheit und Staatswirksamkeit hinaus, nur aber, wie man offenbar flehet, aus Samenkörnern voriger Zeiten. Waren diese nicht langst voraus gepflanzt und gepflegt worden, so hatten sie jetzt diese Gestalt nicht gewonnen. Auch die Kunst hatte ihre schönste Zeit gehabt, da sie am meisten Nationalblüthe und lebendige griechische Natur war, in den Zeiten des Wohlgeschmacks, des Ruhms, der politischen Wirksamkeit und Freiheit, zwischen dem persischen und pcloponnesischen Kriege. Spater brannte sie nur ruckweise und aus vorigen Funken. So gings mit dem griechischen Geschma- cke bis auf seine kleinsten Produktionen. Das Zeitalter Alexanders also, so blühend es für die Gegenwart schien, so tief untergrubs den griechischen Geschmack in seinen ersten Quellen. Sobald der republikanische Gemeingeist der Griechen, ihre leichte Art, mit Lust und Freude zu wirken, hin war : was sollte nun blühen? Dichtkunst, wo keine Sitten und Leidenschaften für die offne Muse mehr waren? Oder Redekunst des thatvollen, Muthigcn Herzens, 26 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks wo keine'Selbstwirkiamkcit, keine politische Freiheit mehr war ? Selbst die Geschichte gcrieth in Fesseln, und Alexander hat für keine Thaten keinen Lcnophon oder TKucidides gefunden, weil zu beiden es gehörte, daß kein Alexander da scyn mußte. Die Kunst blühete bie und da, und dann und wann an Höftn: diese waren aber Treibhäuser und nicht mehr Garten der Natur. Die Komödie verfemte sich mit Meuander, eben weil sie sich jetzt an seinem Spiele begnügen konnte. An Ptolomäus Hofe gabs eia Siebengestirn von Dichtern, die aber auch der Größe nach ein Siebengestirn waren. Der einige Theokrit, der sich ins Schaferlebcn, von welchem immer Reste alter Unschuld und Wahrheit überbleibeu, zurück verirreke, fand einigermaßen eine wahre Sphäre: den andern fehlte es offenbar air Inhalt, Muse, und an f r e i c m , l e b e n- digem Raume zu wirken. Die Dichtkunst wartete im Vcrgcmach auf, sie schnitzelte Becher und Blumen, wenn sie nur gefallen konnte, oder suchte durch Kunst, durch Zwang, durch Schmeichelei) und Gelehrsamkeit ihren Mangel zu ersetzen, das ist, Alles zu verderben. Selbst die griechische Sprache verfiel, da sie in andre Lander wanderte; und die Lander, wohin sie wandern mußte, waren leider Asien und Aegypten, in denen so viel Schwärmerei), so manches süße Gift keimte. Bis ins Her; von Persien und'Indien waren Griechen verstreuet. Geistige, überspannte Ideen der Perserphilosophie und des neuen Hellenismus gahrkcn also vom Caucasüs bis nach Lybien zusammen: der griechische Geschmack verlor sein Anschaubares, seine schöne Sinnlichkeit und Reinheit; ja, er wäre ein bei den verschiedenen'Völkern rc. 27 Ungeheuer geworden, wenn er nicht bald durch etwas anders verdrängt wäre. Der naturv 0 11 e Charakter der Griechen war aber nicht bestimmt, bis zum Ungeheuer erniedrigt zu werden, er erhielt sich, auch in seinem Verfall, noch Spuren voriger Schönheit. Noch bis auf den heutigen Tag haben die Griechen eine Anlage zum guten Geschmack von Natur: Leichtigkeit und eine feine Organisation, insonderheit Lust und Freude bewahren sie vor der Unnatur, der Pest des guten Geschmackes. Man sieht aus allen Nachrichten, daß nur der Gcnius einer schvnen Zeit, die vielleicht nur einmal in der Welt gewesen, von ihnen gewichen ist, und mit dem glücklichen Zu- s am m e n tr ef fe n von Umstanden schwerlich je wicderkommen dürfte. Kurz, der griechische Geschmack war die schöne Nat iona lblu me ihrer f r ei e n W i r k sa m ke i t, ihres schönheit- trunkenen Genies, ihres Hellen, treffenden Verstandes; als der schönen Blume Boden, Saft, Nahrung, Aethcr fehlte, und vcrpestendeWinde wehten, starb sie- II. Die Römer drängten sich hart auf die Griechen; der Geschmack ist ihnen aber nie geworden, was er den Griechen war, weder N a t i 0 n a l s ac h e , noch Element der Bildung. Man weiß, wie lange sie sich ohne Geschmack behalfen, ja ohne ihn groß und mächtig wurden, sogar, daß sich die alten, wahren Römer der Einführung des Geschmacks, als einer fremden, schädlichen Pflanze, widersetzten; die Griechen hatten sich wie unter dem Gesänge Amphions 2ö I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks und Homers gebildet. Den Römern sind also auch die Produktionen des Geschmacks, die bei den Griechen Grundlage zu Allem waren, Kunst und Dichtkunst, nie wirksame Triebfedern geworden; die Dichtkunst ent» stand nur spat, d. i. sie ward aus griechischem Samen in den Garten eines Kaisers verpflanzt, wo sie als eine schone müßige Blume dastand und blühte. Die Bühne (nach Aristoteles der -Mittelpunkt wirksamer Dichtkunst) hat bei den Römern nie ächte Wirkung gehabt: die Kunst eben so wenig; ihre besten Lichter waren Versisicatöre, d. i. Philosophen, Redner oder gar Schmeichler in Versen. Gleich hinter der schönsten Dichterperiode konnte, so- bald sich zwei Augen schlossen, auf Einmal der falsche Geschmack einbrechen; welches, wenn Dichtkunst, Kunst und guter Geschmack ein Nativnalmedium der römischen Denkart gewesen wäre, nie hätte scyn können. Daß aber der Geist eines Hora; und Virgils mit Nichten Geschmack des Publikums gewesen, dies zeigt des Horaz Brief von der Dichtkunst mit seiner ganzen Seele. Trotz aller Schmeicheleyen der Dichter konnte August sein goldnes Rom nicht Einen Augenblick zum Athen, in Absicht auf Geschmack und schöne Fühlung, schaffen,- Redekunst und Geschichte waren die N a li v n a lp r o dukte des römischen Geistes, an denen sich ihr Geschmack bilden konnte, und an denen er sich auch tüchtig und stark den Griechen nachgebildet hat. Die ältesten Namen derer, bei den verschiedenen Völkern rc. 29 die ihre Sprache üblen, waren Geschichtschreiber: selbst Ennius schlug dahin, und die altcn Tragiker gaben mehr Geschichte zur Anschauung, als Gedicht. Cato kam bald und gab einen starken Druck aus Bürgerredekunst und Geschichte, bis LiviuS, Cicero, Sallust, Casar, den Geschmack, der etwa Römcrgeist heißen könnte, gleichsam fesistellten. D>e Dichtkunst blühete bei erster Muse des Staats jenen Früchten nach, und hat allerdings viel zur Bildung der Sprache und Philosophie der Römer beigclragen; nur aber als ein fremdes Gewächs, das eben nicht tief aus römischem Boden sproßte, noch auch dahin einwirkte. Der Geschmack der Römer war Geschichte oder «rnsk-e gesetzgebendeBeredsamkeit, kurz That: so wie er bei den Griechen jene leichte Wirksamkeit gewesen war, die allem eine schöne Sinnlichkeit und einen süßen Wvhlklang anschuf. So lange also in RomBeranlnss ringen waren, den achten Thaten-, Re denn d Geschichrgeisl zu wecken: so wuchs auch der feste römische Geschmack. Die ersten Redner waren einfache, verehrte Obrigkeiten, Oberpriester, Feldherren, Censoren: ihre Beredsamkeit war aus dem Herzen, ihr Wort war That und Muth. Die ersten Geschichtschreiber Roms waren Chronikschreiber voll Stadt-und Bürger- und Familiengefühls, voll That und Wahrheit. Väterliche Majestät und das Gedachlniß der Vorfahren belebten Alles. Aus dem Geiste ist Rom erwachsen; in dem Geiste konnten die Gracchen wüthen, Cato donnern, Antonius fortreißen, biSCicerv 3» I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks sich endlich mit allem Wohlklange der Griechen schmückte. Thatvolle Rede war das Steuer, das ihr ruderndes Schiff lenkte, und Geschichte das weisheitsvolle Neisebuch, darnach es gelenkt ward. Die Scipionen, Eatouen, Sulla, Eraffus, Lucullus, Brutus, Antonius, Pompejus, Casar waren Redner , G e s ch i ch tsch r e i b e r . o d e r Freunde derselben: es war Geist des alten Roms. Da dieser Geist wich und das republikanische Rom unter das Joch der Monarchie kam; so hoch auch die Blumen und Kranze dieses Jochs gepriesen wurden, so wenig konnte doch ein zierlicher August und ein spielender Macenas mit allen ihren Geschenken das ersetzen, »voraus Römergeist geworden war; das siehet man sogleich nach Augusts Tode. Ein argwöhnischer, neidiger Fuchs, ein Ungeheuer über das andre waren nun schöne Auguste: und die Geschichte hats mit Blut und Lhränen geschrieben, wozu jener achte Geschmack, der.Sohn des alten R ömc r g e i sc e s, nun ward. Er ward als Rcbill und Vercäther angesehen: ein Tyrann strafte den mit dem Leben, der ihm im äolischen Dialekte antwortete; der andre will den Homer verbannen; der dritte neuen Wörtern und Buchstaben das Bürgerrecht geben; der vierte dringt gereimte Verse und eine erbärmliche , aber mit eigner Hand verfertigte Geschichte , als Muster auf: das war jetzt statt R öm e r g e sch mack s. Alles versinkt in Sklavenfurcht vor Lieblingen und Tyrannen: die wahre Geschichte schweigt und muß schweigen.; wo irgend ein besseres Genie.aufblickt, wen« x bei den verschiedenen Völkern >c. 3r es sich nicht wie Pcrsius in ein unverständliches Dunkel hüllen will, muß es seinen bessern Geschmack und die Wahrheit mit dem Leben büßen. O ihr Mörder der menschlichen Freiheit, Unterdrücker der Gesetze des Staats und der Rechte eurer Mitbürger, an welchen Gräueln der Rackwelt seyd ihr schuldig! Wenn denn nun auch Ein August mit Rübe, Geschmack und Milde zu regieren, denkt, aber Tibecen, Ealli- gula's, Claudius und Nexonen in seinem Geschleckte Platz macht, welche Folge von Untbaten und unwiederbringlichen Raubercyen ruhet auf ihm! Wo war nun die alte Römercrzichung? jene ehrwürdigen Dil der der Vorfahren? die Freiheit, selbst den Eensor mrd Diktator zu strafen ? Das Leben in Geschäften, die Bildung.für die Republik, Ehre und Werth jm Wohldes Vaterlandes, die Mächt darüber reden- ratksschlagen, überreden, handeln zu dürfen — wo war das alles itzt? In Ucppjqkeit und Schande, in Furcht und Elend war alles versunken, die Beredsamkeit stäubiqen Pedanten, die Erziehung den Sklaven, die Geschichte den Schmeichlern, das Wohl Aller dem Wink des Tyrannen und der Raserei) seines Lieblings überlassen. — Das vortreffliche Gespräch über den Verfall der römischen Beredsamkeit spricht hier, statt meiner, als Richter und Zeuge. Man denke nicht, daß dies Zeitalter kein Gefühl seiner Krankheit gehabt habe, wie man ihm oft vorzubuchstabiren pflegt. Eben das ge- Zr I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks nannte Gespräch über den Verfall der Beredsamkeit, desgleichen Qu i n til ia n u. a. entdecken die Quellen dieses Verfalls mit bitterer Empfindung. Wer hat mehr und stärkere Stellen vom einreißcnden Übeln Geschmack als Petro nius? Plinius sagt treuherzig, daß die natürlichsten Stellen seiner Rede, die ihm die wenigste Mühe gekostet hatten, auch die wirksamsten gewesen seyen. Selbst in Seneka sind Klagen über den Verfall deS Geschmacks häufig, und Per- sjus, Martins, Juvenal machen ja eben das zum Gegenstände ihrer empfindlichen Geißel, was ihnen doch oft selbst anhangt. Wie anders ists aber, ein Uebel bemerken, und es ausrotten; die Pest fühlen und ein ganzes Land von der Pest heilen. Noch weniger glaube man, es habe den L e u- ten von Geschmack (wie man das Wort in einem schwatzenden Zeitalter nimmt) damals, an Speise und Trank, an Dach und Fach gefthlet. Tiber hielt sich ja seine Akademie von Grammatikern, denen crs einst an einem Morgen antrug, eine Barbarep seines Mundes in ihre Schriften auf- zunehmen, und also viel gnädiges Zutrauen zu seiner Akademie hegte. Claudius schrieb Bücher, eine Schutzschrift für den Cicero sogar, und hieß also gewiß ein Herr von Geschmack. Er sprach in Versen, erfand Buchstaben, erweiterte Las Museum zu Alexandrien; er hieß also gewiß ein großer Beförderer der Wissenschaften. Nero raubte aus Griechenland alles Schon«, das er wegbringen konnte; er bei den verschiedenen Völkern rc. 33 er war also ein großer Liebhaber des Schönen und bereicherte Rom mit den schönsten Denkmahlen der Kunst. Der sparsame Vespasian gab den griechischen und lateinischen Rhetoren Pensionen. Domitian ehrte den Quintilian, daß er sogar die Gnade hatte, ihm die Erziehung seiner Prinzen anzuvertraucn. Trajan schrieb an den Plinius wie Freund an Freund , und ließ jungen Leuten von Hoffnung nach ihrem Tode Statuen setzen. Der beceisctc Hadrian war Kenner, Dichter, Gelehrter, Künstler: an seinem Hofe gabs Atellanische Spiele, Komödien, Rhetoren, Poeten, Geometer, Philosophen , denen er nach ihrem Tode selbst Grab- schriftcn schrieb u. s. f. — Ferne, daß wir ein einziges Goldstäubchen verunglimpfen wollten, das je vom Thron in die Harfe Eines Dichters, auf die Schrift Eines Weisen gestreuct worden; das Körnchen Goldstaub macht aber nicht Alles: vielmehr kanns die Harfe stumpf machen und der Schrift Farbe, Leben und Kraft nehmen. Nichts in der Welt kann ohne Anlässe und Triebe, ohne W a h r h e i t und rufendes Bedürfnis werden, was es werden soll; am wenigsten die edelste Gottesqabe, Geschmack und Genie. Nehmet diesen Baum aus seinem Klima und Erdboden, aus seiner freien, hohen, wilden Luft, und pflanzt ihn in die enge Luft des Triebhauscs; so fängt er doch unvermerkt zu kränkeln an, und ehe man es glaubt, ist er dahin. Füttert dies kostbare, fremde Vieh außer seinem Elemente, ganz umsonst, in öffentlichen Gebäuden; cs stirbt, trotz Speise und Trank, oder wird fett und abgeartet. Es pflanzt HerdersWerke z. schön,Lit.u.Kunst. VII. C -lLAu,L,'rc/e. 3g I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks sich gar nicht oder äußert mühselig fcrt, und ist langen leb.ndigen Todes vermodert. Sv rvars mit dem römischen Gcschmacke, da auch er gefuttert werden mußte. Traurig ist die Bemerkung, aber wahr, daß, sobald der Geschmack sein lebendiges Element verloren hat, ihn auch einzelne Regeln und gute Bemühungen nicht Herstellen können. Quintilian predigte umsonst; Plinius und Tacitus in der kleinen besseren Zwischenzeit, auf die sie trafen, b leben immer noch sehr fern von der alten Kraft und Einfalt Tie Ursachen davon ergaben sich aus ihren Werken. In einer eigen angelegten Lobrede, wenn es auch auf einen Trojan wäre, kann sich so wenig Römern beredsamkcit zeigen; als in Briefen, die man fürs Publikum schreibt und sammlet, der achte Brief- geist, gleichsam der 8xiriin8 ksiniliaris unsers Lebens athmen kann. Des Tacitus tiefsinnige, überladene Kürze ist offenbar nur zur Bedeckung seiner und seines Zeitalters Mangel. Wäre die Geschichte noch eine so offene, gemeine, republikanische Sache gewesen, als sie zu Sallust und Livius Zeiten war: so würde er gewiß nicht so raffinirt haben. In einer Republik, in der jeder anr Gan- z,n Thcil nahm und keiner solche Winkelzüge kannte, wäre er mit seinem Roman tiefer Bosheit- und Staatsgeheimnisse verachtet oder verlacht worden; ec hatte ihn aber auch nicht geschrieben. Jetzt aber, da er alles aus fernen Zeiten der Tyrannei, der List, des Ohrenblasens herholte, nahm auch seine Geschichte unvermuthet die Gestalt der bei den verschiedenen Völkern ic. 35 Zeiten an, die sie beschreibet. Sie flieht die offene Einfalt und liebt das Zulisxcln des Harpokra- tes, mit dem Finger auf dem Munde, d. i. einctt vieldeutigen, verborgnen und zusammengesetzten Charakter. Tacitus schreibt über schwarze, argwöhnische Zeiten auch argwöhnisch, schwarz und mit philosophischer Galle. Der liebe Quintilian schrieb seine Institutionen für seinen eignen Sohn aus Herzensgründe: er konnte aber nicht o! ne Wind segeln, ec war Deklamator und Sachenführer statt eines Römers und Redners. Seneka wollte sein Zeitalter übertrcffen, und übertrafs in spitzfindigem Scharfsinne und süßen Fehlern. Sein Weiser und frcywillig Armer wohnte, in Pallästen: seine Moral flog in Lüsten, deNn sie hatte auf der Erde keinen bestimmten Raum zu wirken. So wars mit den Produktionen, dis noch naher am Zeitgeiste hingen; die andern, die jenctt als Zicrrath folgten, konnten noch leichter des Weges verfehlen. Wie Seneka, der Tragiker, die Windsucht hat, weil er nämlich auf keiner Bühne eigentlich wirken konnte, was Sophokles in Athen gewirkt hatte; so hat Lukan's Muse die Wassersucht, weil seine Zeit wohl keine Heldcnflit war. Juvcnals Satyr ward ein star-- ker Waldfaun mit blutiger Geißel, weil der kleine/ leichte Satyr des Horaz jetzt nicht mehr taugte. Peksius, voller Genie, ward mit seiner Satyre, was Tacitus mit seiner Geschichte damals geworden wäre, und Silius betete Virgils Statue an, ohne seinen Dämon aus ihr zu erobern. Martial endlich pflückte unten am Parnaß, wenn auch in Morästen und Schandpfuhleii, Blumen; das beste und E2 . . 36 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks leichteste, das er für sein witziges, üppiges Zeitalter lhun konnte: denn oben in den Sturm hinauf wars zu weit, auch zu gefährlich. Ucber das Alles läßt sich nichts sagen, als: Fluch auf die Tyrannen, die mit den Kräften menschlicher Thätig- keit auch jeden cdcln Schwung des menschlichen Geistes fesseln! So schleppte sich die Zeit hinunter, bis die Barbaren andrangcn und sich allmählich schon Sprachen, Sitten und Denkarten mischten. Im großen römischen Reiche waren überall fremde Kriegsvölker: die Provinzen drängten sich mit Bürgerrecht und ohne Bürgerrecht und ohne Bürgergesinnung ins üppige Rom, ins erschöpfte, verlassene Italien: cs was also eine Sprachenverwirrung. Die Kaiser liebten barbarische Tracht und barbarischen Geschmack; die römische Ueppigkeit hatte schon, der griechischen Einfalt müde, das Ungeheuer des ägyptischen Geschmacks lange gcliebct; unter den dreißig Tyrannen goß sich auch aus Asien ein verdorbener Geschmack hinüber; cs ward also ein Taumelkelch von Sitten und Denkarten , wie von Völkern im römischen Reiche. Die Griechen verstanden unter Eommodus den Homer nicht mehr, und die lateinische Sprache neigte sich zur Rustiaa Romuna: Alles ging endlich in die große barbarische Fluch unter. Zufälliger Weise trug von den Zeiten Hadrians und der Antonine an die christliche Religion auch ihren Theil zum allgemeinen Verfalle bei: denn da die Muster des alten, ächten Geschmacks mit dem Systeme der Abgötterei verbunden waren, so mußten die Christen, bei den verschiedenen Völkern rc. 3? wenn sie Wider dies stritten, auch jenen zu schaden oder zu entweichen scheinen. Mit Götzentempeln verödeten sie auch schöne Statuen, und das Gift der Abgötterei schien ihnen auch im Honig der Dichtkunst ein zu gefährliches Gift. Ihre Religion sollte die Welt zu einem höhern, unsinnlichen Systeme lautern; vorerst ging also auch Vieles von der schönen Sinnlichkeit unter, bis endlich die barbarische Form Alles füllte. Der Verfall des römischen Geschmacks hat also eine simple Geschichte. Dieser war aus Griechenland her und in Rom lange ein Fremdling: er hielt sich so lange, als es Boden und Luft und Wartung erlaubten; und wahrender Zeit nahm er eine harte, festere, die römische Gestalt an. Sturmwinde rissen bald, wie Alles, so auch diese Pflanze aus der Erde, sie jhielt eine Zeitlang am obern Rasen, unter zufällig guten Umstanden, und insonderheit an den Resten der wirklich großen Form Roms und ihrer vortrefflichen Sprache; aber nur noch mit weniger Kraft und Wirkung. Der römische Geschmack war nur die kurze Blüthenzeit gewesen, da Nom sich in seinem Thatengeiste zuerst mit sicherer Ruhe und Majestät fühlte; Partheiengeist, Ueppigkeit und Sklaverei vertilgten bald die schöne, dem Staat minder wesentliche, Blüthe. Wehe also uns, wenn der Wunsch unsrer Grammatiker cintrafe, die von keinen Mustern der Geschichte des Geschmacks, als von den gewöhnlich figurirenden römischen Zeitaltern, dem gol- 38 1. Ursachen des gesunkenen Geschmacks denen, silbernen, ehernen u. dgl. wissen. Des völlig Zufälligen, das nie wieder kämmen kann, zu geschweigen, weissagen sie uns damit eine schleunige Vcrdcrbniß, Pestilenz und Tod auf den Rücken; das ihnen denn freilich nichts thäte, sobald man dabei nur Latein spräche. III. Im neuern Europa ist man gewohnt, Leo dem Zehnten und den Medicis die Wiederherstellung des guten Geschmacks zuzuschrciben, und nichts ist wahrer, als dies, wenn man dabei nur Genie und Geschmack unterscheidet. Die G e- nie's,diedie italienische Sprache in Dichtkunst und Prose gebildet hatten, hatten auf die Medici nicht gewartet; sie hatten in trübseligen Zeiten das Werk ihres Berufs gcthan, und auch noch zu Leo's Zeiten wurde nicht Ar io st das große Genie, sondern die Lustigmachcr und lateinischen Nachahmer belohnet. Da nun bekannter- maaßen die Wiederhcrstcller der Wissenschaften und Künste, Lorenz von Medici, Politian, Bembo, Casa, selbst der große Michael Angelroda Vinci u. s. w. allesammt Petrar- chisten, und zwar zum Theil mit unter den mit- melmäßigen Cinguccentisten waren: so sicht man, die Wiederherstellung des guten Geschmacks hatte langst im Verborgenen gearbeitet, che diese sogenannte goldene Zeit kam. Petrarca, Dante, Boccaz, Eimabue, G Lotto hatten längst gcwirket; auch war in allen dunkeln Zeiten das Schöne und die Kunst nicht so ganz weggewesen von der Erde, wie man oft wähnet; aber die Mi- bei dcn verschiedenen Völkern rc. Z9 scbnng der barbarischen Ideen hatte sich zu tief und zu weit verbreitet, als daß sie plötzlich verschwinden konnte. Der Strom des guten Geschmacks floß binttr einer so tiefen Vorburg unter der Erde, daß er erst nach vielen vergeblichen kleinen Ausbrüchen im Ganzen vcrsir>lun konnte, als cs das Schicksal wollte. Und aufdicsen Zeitpunkt, da Griechenland wieder nach Italien kam, trafen die Medici, und machten von dem, was in den dunkeln Jahrhunderten gcsact war, Erndtc. Weiß man also, was der Geschmack des Zeitalters war? woraus er sich bildete, neu bildete? wornach er strebte? so weiß man zugleich die Ursachen seines Verfalls. Die unvollkommene Genesis selbst schloß diese schon in sich. Man fand dic Alten wieder, reinigte und glättete nach ihrem Muster die Sprache, ahmte ihren Vortrag und ihre Kunst nach — eine schöne, bcncidenswcr- tbe Periode! Nur das feine, scharfsinnige, unter vieler Leidenschaft noch stille, tiefe Genie der Italiener konnte seine Vorahnen und die Lehrer derselben also nachahmcn! Wenns aber nur Nachahmung war: wie lange konnte das dauern? Bis es nach ge ahmt war und man nun nicht mehr nachahmen konnte oder wollte. Das Werkzeug war polirt, nun hing man cs auf, oder zerbrachs , oder ließ cs rosten, um cs aufs neue polircn zu köncn; — das ist, dünkt mich, die Geschichte des italienischen Geschmacks. Ho I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks Bei den Griechen war der Geschmack Natur gewesen, ein Bedürfniß, eine Angelegenheit, wozu sie zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umstanden Alles einlud; bei den Römern, obwohl in kürzerer Frist, und auf eine eingeschränktere, unvollkommenere Weise ebenfalls. In Italien jetzt ungleich weniger, als selbst in Rom. Die Alten nachzuahmcn, damit sie nachgeahMt würden, und weil, sic nach; nahmen, doch schön sei), ist ein zu kalter, bebender Zweck. Sich von einem feinen fr e i g e b i g e n s K en n c r d er Kunst belohnen zu lassen, noch ein kälterer. Mit den Alten zu wetteifern, ja sie neben ihren Werken zu übertreffen, wollte mehr sagen; ward aber von den wenigsten gesucht, und konnte nicht gesucht werden , weil nicht dieselben lebenden Antriebe da waren, die die Alten gehabt hatten, und doch immer die neuere Kunst nur bestimmt war, ein Kranz der Alten zu sevn. Wozu B. die den griechischen Göttern und Helden nachgeahmtcn Bildsäulen itzo? Etwa um Allegorien, Tugenden, Papste, biblische Personen vorzustellen? war das im mindesten mit der griechischen Kunst vergleichbar? Der Künstler ward also nicht befeuert, der Lauf der Kunst nicht von lebendiger Geschichte, noch von edcln Bedürfnissen des Volks fortgestoßen; also auch nicht durch solche bestimmt und in Schranken gehalten: und siche, darin lag schon der Verfall der Kunst. Wenns nur Nachahmung war, so durfte man auch nicht, oder nur bis zu einem g c w i ssen G ra- bei den verschiedenen Völkern ec. §1 d e nachahmcn , d. i. man durste ausschwcistn, wohin man wollte. Weder Religion, noch Geschichte, noch Staat, noch der lebendige Geschmack des Volks gab einen engen, starken Trieb und diesem Triebe regelmäßige Schranken; die Kunst schwebte also wirklich in der Lust oder beruhte nur auf einem Hauche, in dem guten Willen des Künstlers und seiner Belohnen. Selbst die Künste, die eine nähere Bestim- m u n g für ihre Zeit hatten , Mahlerei und Baukunst, bezeugen, was ich age. Allerdings fanden sich im Staate und in der Religion mehr Gegenstände, Bedürfnisse und Anwendung, als die Bildnerei; noch aber konnten sie sich an sicherer Natur mit den Griechen nicht vergleichen. Nachahmung lag doch nur zum Grunde, nicht etwa ein ur sp r ün g l i c b es, erstes, dringendes Bedürfnis. So lange also die vorstehenden Muster noch Reiz genug batten, um Liebhaberei und Nacheiferung zu erwecken, wurden sie nachgeahmt und im ersten Aeuer der Nacheiferung sehr glücklich. Als der Nachahmungen zu viel wurden, und selbst die glücklichen Nachahmungen schon verzagt machten: war es allerdings ein stumpferer Stachel, sich hinter hundert Nachahmern, vielleicht als der hundert und erste, blos leidliche Nachahmer aufgestellt zu sehen; man suchte sich also durch Originalität, d. i. durch Keckheit zu unterscheiden. Die Kunst hatte kcine neue, zum Guten und Bessern dringende, lebendige Zwecke, und gerade, was den ersten Mahlern geholfen hatte, das Lichts der Neuheit, 42 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks schreckte jetzt ab oder verjährte. Man sah selbst das Schone in seinen frappanten Zügen nicht mehr, weil man cs zu oft sah; die gesättigte Henne ging über die Körner weg und hackte nach Farben. Es war nichts als Mangel des Bedürfnisses am guten Kcschmacke, wodurch der gute G e s c h m a c k v e r d a r b u n d ein schlechterer aufkam. Tie schöne lateinische und griechische Sprache waren als Werkzeuge des Schönen in der Wissenschaft freilich viel; was sind aber Werkzeuge, sobald sie selbst Zwecke »vertun ? Wenn Ve mb o die venckianische G.schichte römisch schreibt, die doch nicht römisch g.dacht und geführt war: wenn der Kaidmal sich scheut, die Vulgate seiner Kirche zu lesin, um sich seinen Styl nicht zu verderben, und siin.n allerheiligsten Vater selbst als eimn römisch.»» Grammatiker schreiben läßt, in dessen Qualität »r doch nicht Briefe eines solchen Inhalts schreiben konnte: so sieht man das Spiel, die Disproportion z w > s c h cn Z wec k u nd Werkzeug, den phantastischen Zwang. Und alles S piel, aller Zwar» g , alle Phantaste- r e i muß sich bald selbst auflösen. Uebcr solche schöne Nachahmung der Alten ohne ihre Gedanken und Sitten war nun nichts möglich, als tobte Gelehrsamkeit, Buchstabenkram, Akrosticha und Anagrammen, die also auch alle folgten. Das sicbenzehnte Jahrhundert folgte aufs sechszchnte, und noch unterliegt Italien, einem großen Thcile nach, solchem Wüste. Die Samenkörner des guten Geschmacks sind in bci den verschiedenen Völkern rc. §3 ihm aufgeschüttet; sie können also nicht Früchte tragen. Der Verfall der Dichtkunst hat eben den Weg genommen. Da sic ganz ideali'ch war und am G e i ste d e r Zeitbed ürfn i fsc und Zwecke so wenig, als möglich, hing: so gericth ihr nächster Schritt immer ins Land des Abentheuers und des Ucb.rtriebcn.n. Das Jahrhundert des wi dererweckten griechischen Geschmacks, der doch überall auf Natur, Nichtigkeit und Wahrheit sükrte, konnte daher neb.n all n den hohen Mustern und vortreffichen Nachahmungen von elenden Petrarchisten wimmeln, ja die Nachahmer der Alten waren dies oft selbst; ein deutlicher Beweis, wie untief der damalige Geschmack war, um die ganze Natur und Seele in Allcm und für all. s griechisch zu bilde». A riost kam und bau te ein Zauberschloß mit hundert Pforten in der Luft: d.nn >imn Nati.naltempcl auf s,stein B.den kennte er nicht bauen; was drüber ging, ward natürlich Frage und Mahrchen, Lasso abm- te im Lande d.r Phantasien kalt nach: Marino überkri b — cs kennte nicht anders wurden. stin engi'cher Kunsirichtcr mevnt, man könne sich d.n Geschmack an nichts so leicht, als an italienischen, zumal Li,des- und Schaf,rgedichten, Verderb.n, und ich w.iß nicht, ob er ganz Unrecht habe? Die wirksamste und natür ichste Dichtungsart, das Trauerspiel, bat daher in Italien nie Kräfte gewonnen: der Walscke schwelt mit seiner Musik, mit seiner Kunst, und auf gewisse Art selbst mit seiner Dichtkunst in der Lust, in einem Ideale, das ihn 44 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks nie auf festen Boden kommen laßt. Der Grund' davon, daß er nicht weiter kommt, ist, weil er schon so weit kam und nichts ihn chrin- gct, etwas anders zu werden. So traurig dies auf der cincn Seite »scheint, so ists auf der andern wiederum ein gutes Werkzeug i» den Händen des Schicksals. Eben, weil die Italiener nur fanden, nur Nachbild eten und nacha hinten, dies aber auf eine Weise thaten, wie es keiner thun konnte, so idealisirten und imitictcn sie, zwar nicht enge und ti.f genug für sich, aber gewissermaßen für ganz Europa. Sie haben alle Nachbarn gebildet, und -die Samenkörner des Geschmacks über sie gestreuet: Ar io st bildete Spenser, die italienische Satyre den Rabelais, die Novellen den Shnkcspear: die neue politische Philosophie der Italiener kam mit bittern Folgen zuerst nach Frankreich und von da weiter, Karl der Fünfte und Franz der Erste eiferten an Hunst und Geschmack mit Italien und unter einander. Die Nachahmer der lateinischen Sprache keimten in allen. Landen; Italien sollte durch seine Lage und durch alle seine Schicksale eine V or r a t h s k am m e r der Materialien des guten G esch macks für alle Welt werden, und ists geworden. IV. Ein neues Zeitalter des Geschmacks kam unter Ludwig XIV. wieder, auf das sich, mit Rücksicht auf die Verschiedenheit der Umstande, entwenden laßt, was bisher bei andern Nationen ist bemerkt worden. Wie jene, war cs durch Gcnie's lange vorbereitet worden z Rabelais und M o n- bei den verschiedenen Völkern :c. /,5 teigne warteten auf keinen Ludwig; Corneille hatte Richelieu und die Akademie gegen sich; selbst die stärksten Genie's waren nicht von der Hofsekte: Paskal, Fenelon, Rousseau, la Fontaine; und Racine hatte es weniger sepn dürfen. Nicht also Genie, aber G eschm ack konnte Ludwig wecken, da er auf und hint.r ein Zeitalter des Genie's traf. Um ihn lebte Anstand, Thatigkcit, Glanz und Würde. Au ihnen also bildete sich die Sprache; so handelte Ludwig und jeder ihm nach in seinem Kreise: eine Form der Eleganz nahm also der Geschmack in allen seinen Acußerrin- gen an. Die B c r e d sa m k e i t, die nicht mehr fliegen konnte, rcgcte wenigstens mit Anstand ihr Gefieder: das Theater, das nicht mehr wirken konnte, ward eine Bühne der Sitten, des Anstandes, der Philosophie, des He- rois mus im Scheine. Die Künste, di- kcine Nationaltriebfeder mehr seyn konnten, dienten dem Stolz des Königes und seinen Thatcn. Wer nicht dichten konnte, machte schöne Verse, und wer nicht Geschichte schreiben konnte, deklamiere schön und zeichnete historische Gemahl- d e. Die Sprache, der ihre Starke, ihr Reichthum, ihre Fülle langst dahin war, bildete sich zum Ton der Gesellschaft, der Richtigkeit und des W o h l a n st an d e s. Das war die Farbe vom Zeitalter Ludwigs, die seinen Quellen völlig gemäß war. Die Verderbnisse mußten bald aus e b e n d er Q u cl l e k om m en. Wenn die Wurzeln des Geschmacks nicht lief im Bedürfniß 4 6 I. Ursache» des gesunkenen Geschmacks der Nation, in der Beschaffenheit ihrer Sitten lagen, wenn offenbar Ludwig keinen Gesetz ich tichreiber seines Reichs hatte und habui konnte, wie Lenophon und Livius gewest n waren; wenn sein Theater der Nation das unmöglich sepn konnte, was das Theater in Aty>n war oder scyn sollte; wenn stin Bourda- loue weder gegen, noch für ihn zu r.den hatte, was Demosthenes gegen d>n Philippus für Ath>n sprach, und wahrscheinlich kein Grieche bei Bossuets erhabnem lVla^ania 68t morts! IVla- clenws 68t rnorte! in Thrän.n zerfloff.n Ware: so wird offenbar, daß der glänzende Gesellst h a s t s -, der edle Hofgeschmack, der damals illl.in regierte, sich auch als solcher, bald verderben mußte. Dasselbe Publikum, dieselbtN aufgeklärtui und witzigen Kreise, die einst der Sprache Leichtigkeit, Reinheit, Anstand, verschaffet hatten, gaben ihr auch gar bald einen kleinfügigen Witz, Spitzfindigkeit, und den elenden Geschmack, durch Wendungen zu frappiren. Man verließ also, wie Fenelon, St. Mard, Racine und wer nicht mehr? klagen, die simple Größe, die u n zer st n c k te, zwanglose Natur, die edle Einfalt, und zerlegte den Gedanken so fein, so manierlich neugesagt und artig, bis kein Gedanke Mehr da war. Was deN Römern Sene- kei gewesen, ward Fontenelle: la Motte ward Petron: der jüngere Crebillon mit seinem unerschöpflichen Mahrchcnwitze brachte ans seinen Gesellschaften eine Sinesische Puppe hervor, die üppig, fein und klein ist: Marivaux zerlegte die großen b.i dut vccschiedincn Völkern rc. 47 Charakterbilder des Moli.re in Miniaturgemah.de voller Sentimens. Tie Akademie des guten Geschmacks lieferte, was sie liefern sollte, Komplimente; das Feld des Hofgeschmackes konnte nichts anders erzeugen. Unglückliche Schicksale der Negierung, von der zuletzt doch Alles abbi.ng, kamen dazu, die narürlich.r Wcise Alles sehr stör- t>n. Und da das Beste, das hervorgebracht ward, auf der Mcynung eines cng.n Publikum, d. i. eines ausgesucht.n Kreises sogurannter Kenner schwamm; so mußte das garstige Ungeheuer, Kabale, dn Geschmack hier mehr verengen, aufhalt.n und verd.r- bcn, als irgendwo, und jemals in andern Zeit.n. Die üppige Erziehung, die Lebensart der Haupts tadt drang, weil Alles auf einem M 0 d c g e sc h m ac k beruhete, bis auf Richter und Nichterinncn, also auch auf Verfasser und Künstler hin; viele andere Sprößlinge zu geschweige», die alle aus derselben Wurzel kannn. Ein Geschmack ist übel dran, sobald er nur Gesellschafts- oder Hofgeschmack seyn kann und darf: gar bald wird er schwach : und da er dem Publikum vergehn soll, bleibt er hinten. Die größestctt Männer nach der Zeit, sehn wir, mußten diese alten Vorurthcile durchbrechen, um nur freiere Luft zu athmen. Rousseau rief, wie aus der Wüste, hervor; und hatte dies nicht thun dürfen, wenn die Gegenseite nicht gar zu blühend gewesen wate. Montesquieu, wie des Horaz Marcellus, erwuchs als ein edler Baum, alsiin auf seinem Raume ; und noch hatte er manches nicht durch Esp ri^ ersetzen wollen, wenn er /j.3 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks seinen großen Gegenstand bestimmter hatte umfassen dürfen. Voltaire endlich ward wie Kolumbus groß, daß er außer dem Jahrhunderte Ludwigs noch Eine Welt glaubte. Er schiffte ins Land der Feinde seines Nationalgcschmacks, nach England hinüber und raubte Einen Brand von ihrem Feuer: er bildete sich außer den schonen Kreisen von Paris inrer ckisurirninn rorurn und ward Voltaire. Das Land, das mehrere Muster von L e i c h t i g k e i t, U n fta n d, Richtigkeit*) und Klarheit für ganz Europa ausgestellt hat, hat sich selbst vielleicht auf cineZeitlang t i c fe Or ig i n a l c m p fin d u ng erschweret. Das Licht ist in lichten Schimmer umher verbreitet, und flammt also in keine belle Flamme auf. Man steht zu dicht unter den Bild-' faulen voriger Zeiten und liefert ihmn nur Poste- mcnte. So hatten die Ursachen des Geschmacks in Frankreich auch S a a m c n - körne r seines Verfalls in ihnen selbst. Und nun gehe ich aus Bescheidenheit nicht weiter. Wir haben an den vier vcr schi ed e n c n Perioden des Geschmacks genug gesehen, um die Wahrnehmungen in ihnen zu erkennen, dazu wir sie durchlaufen sind. Nehmttch: Zeit des Geschmacks, lehn wir, ist unter allen Gestalten eine Folge der Kräfte des Genie's, wenn diese sich ordnen und regeln. So verschieden also die Zeiten sind, so verschieden muß auch die Sphäre des Geschmacks st kr^cision» bei den verschiedenen Völkern ic. 49 Geschmacks seyn, obgleich immer einerley Regeln wirken. Die Materialien und Zwecke sind zu allen Zeiten ander«. Kann nun keiner der Menschen Genies schaffen (sie keimen ans höhern und Mehrern Veranlassungen oft sehr mißlicher Umstände hervor): so, sieht man, sind auch die goldenen Zeitalter des Geschmacks nie ganz Eines Menschen Wille. Sie sind in der Geschichte des menschlichen Geschlechts wie die konso neu Punkte der Saite: cs müssen Dissonanzen zwischen liegen und auf jenen heben sich diese. Mithin wird das Rathsel erklärt, warum die großen Männer immer zusammen leben, was sich aus mechanischer Nacheiferung, Belohnung, aus dem Klima u. dgl. nur äußerst unvollkommen auflösen laßt; sie sind nemlich alle insgesammk nichts als der konsone Punkt Einer Saite. Die Dissonanzen sind erschöpft, die Zeitalter halber und ganzer Barbarcy, leerer Versuche, über einander gestürzter Riesenarbeiten sind vorbei: man fangt an natürlich zn ordnen, mit offnen Augen umherzusehn und mit geregelten Kräften zu wirken» die menschliche Seele kommt in den Wohlklang. Da sind denn alle Künste verge- schwistert, sie folgen schnell und bald auf einander, und sind im Grunde nur Eine Kunst. Da fehlen sodann weder Macene noch Maronen; in einem gewissen Kreise auch sehr verschiedener Beschäftigungen rönts konson. Herders W.z.schön.Lit.».Kunst. VlI, D -lLL.u.ri-r'c/e, Lo 1, Ursache» des gesunkenen Geschmacks ^ Der Verfall des Geschmacks wird also auch solch ein N acurphäno m enon, als sc ine Entstehung war, ja in dieser liegen schon die Anlagen zu jenem. Alles nemlich unter dem Monde ist vorübergehend: lassen nun die guten Veranlassungen nach, so treten schlechte a» die Stelle, und dcr Geschmack sinkc. Wer also auf die Geschichte des Geschmacks wirken will, muß auf seine Veranlassungen wirken: er pflege den Baum nicht am Gipfel, oder an der Blülhe, sondern in der Wurzel. Wer eine goldene Zeit schaffen will, schaffe erst Veranlassungen zu goldene» Zeiten: diese kommen von selbst. Wer den Geschmack bessern oder sichern will, schaffe die Ursachen des Schlammes weg, wodurch er sich trübet, oder sichre die Stützen, die sein Gebäude erhalten; sonst ist seine Arbeit vergeblich. Je tiefer die Veranlassungen des guten Geschmacks liegen: desto wahrer ist auch seine Natur, desto festet und langer seine Dauer. So wars in Griechenland, wo der Geschmack Na tion a l b l üthc war, und zu gewisser Zeit unter den Edeln in Rom. Das alte Griechenland ist nie wiedergekommen; also hat auch der Geschmack nie mehr so tief ge fasset, so lange gedaurel. Bei uns ist er nur immer auf der Oberfläche der Nation gewesen. In der Natur ist aber nichts müßig: Kräfte gehen nie verloren: alle Zerstörung ist bei den verschiedenen Völkern rc. 5r nur scheinbar. So auch mit dem Geschmack: er ist nur Phänomenen und kann nur als Phanomenon leiden. Das Uhrwerk der Natur wirkt gleich weiter fort zum Guten: denn nur das Unvollkommene, das Eingeschränkte (wie diese ganze Geschichcabhandlung zeigt) zerstört sich: das g ewi r kte V o l l k o m m e n e bleibt, wird immer lauterer und wirkt auf einer weiteren Flache weiter. Selbst die neuerzeugten Fehler wirken ein höheres Gute: sie sind Dissonanzen zu einem höhern Wohlklange. Nie also müssen wir, hinter dem, was gelhan ist, stehen bleiben und verzweifeln. So lange die Natur Genies weckt, bereitet sie auch Perioden des Geschmacks, und das geschieht in wechselnden Intervallen von Land zu Lande, von Zeiten zu Zeiten. Sind einmal die Spen sers, Shakespears, Miltons einer Narion da; die Steele, Pope und Addison Wirde» zu ihrer Zeit nicht ausbleiben. Vielleicht arbeitet Deutschland jetzt unter Trümmern und zerfallenden Riesenwerken einem Zeitalter des philosophischen Geschmacks entgegen, zu dem itzt Alles, Fehler und Tugenden, Theorie und Uebung, sie mögen noch so blind gegen einander stoßen, das Seine beitragt. Geschmack ist aber nur Phänomenen; und wie ihn die Natur höheren Zwecken untergeordnet hat, so sollens auch ihre Diener und Statthalter, die Menschen. Wer einen Menschen ans Kreuz schlagt, um ihn, der Kunst D 2 I. Ulriche» des gesunkenen Geschmacks zu gut, sterben zu sehen, ist ein Böscwicht, und wer Rom in Brand steckt, um den Brand von Troja zu singen, ein Nero, der zuletzt doch als ein Narr und Verzweifelnder, yrmlis artiksx xerso! sterben müßte, und in seinem Leben gehastet oder verlacht ward. Wir sind geboren, Glückseligkeit der Menschen zu schaffen; das Genie schaffet der Schöpfer, und aus mehreren Versuchen des Genies bildet sich der Geschmack von selbst. Wir müssen nur, wie Aerzte oder Hebammen (nach Sokrates Gleichnis;), der immer schaffenden, bildenden, regelnden und wiederzerstörenden Natur folgen. bei den verschiedenen Völkern rc. 53 HI. Folgen. So voll von praktischen Lehren jede Geschichte bei jedem Schritte ist: so thuts insonderheit wehe, ein Thema dieser Art in unserm Zeitalter fahren zu lassen, ohne noch einige Blicke der Anwendung thun zu dürfen. Wenn sie nicht neu seyn können: sind sie wenigstens nothwendig und nützlich. I. Muß, wer den Geschmack am sichersten pflegen will, das Genie, d. i. Kräfte der Natur pflegen: so flehet man, ist Erziehung die erste Triebfeder des guten Geschmacks. Aber Erziehung mit Geschmack, zum Geschmack, die Ausdrücke haben gar zu viel Mißdeutungen und lächerliche Anwendungen, als daß sie nicht noch naher bestimmt werden müßten. Zum Geschmacke erziehen, heißt nicht (oder es wäre bisher Alles vergebens geschrieben) Geschmack predigen, über den Geschmack murren; sondern ihn zeigen, damit an die Seele dringen,, ihn von Jugend auf m e lod i sch und thatlich lehren, oder mit andern Worten, in die Kräfte eines Zöglings mit sanft fortgehendcm, nie «achlaffendem Schwünge, Ordnung bringen. 54 I- Ursachen des gesunkenen Geschmacks der Seele desselben einen Hellen, freien und leichten Blick, seinem Herzen ein sanftes Gefühl des Schöne» und Guten, mit Beruunsc und Wahl begleitet, geben: das ist so wenig Wort und so ganz Patz a g o g i e , schweigende Lhat und Führung, als etwas seyn kann. Die Seele soll in allen Kräften und Kraftanwcnduugen konson gestemmt werden, wie die Leier Apollos, In Empfindungen, Sitten und Handlungen soll nicht weniger Geschmack herrschen, rsss in Kenntnissen der Phantasie oder des Verstandes: denn in Büchern und Schriftexer- citien ist immer nur der Schatten des Rosses sichtbar, nicht aber das Nofi mit allen seinen Kräften. I st d e r G r u n d n i eh t ti e fer gelegt, so reißt nachhe, eine heftige Neigung die Phantasie sowohl, als das Kunstgedachtmß hin; ist aber die ganze Seele gebildet, so muß der Geschmack in jeder Kunst, wenn sie geübt wird, den andern gebildeten Kräften wohl folgen.j Wie schwer aber die Bildung des Ge- schmacks in einem verderbten Zeitalter werde, ist unsäglich. Dem Zöglinge kommen lauter Gegenstände vor Augen, die ihn immer den richtigen Wink und Anstoß verderben: das Bäumchen steht am Wege, wo jeder rohe Fuß darüber hinfährt. — Das ist auch die Ursache, warum wir mit aller Theorie nie ein Griechenland des Geschmacks aufwecken können. Klima, Sitten, Gebräuche, selbst geistige Zwecke widersctzen sich, und wollen die scböne Sinnlichkeit zerstören; unsere edelste Tugend selbst scheint sich ihren Schranken zu entziehen. Der Geschmack wird bei den verschiedenen Völkern rc. ' 55 uns also immer eine subordinirte Sache bleiben müssen, die, höherer Ursachen wegen, auf- geopfcrt werden darf; und bei den Griechen war sie ein natürliches Kleid, ja der Körper der Tugend. Jede Mühe also, die auf Einigung des Geschmacks mit dem Verstände, der Lebensart und Gewohnheit angewandt wird, ist unschatzbar; und hier kommt uns der vorige Grundsatz, daß nichts in der Natur vergebens geschehe , vortrefflich zu Hülfe. QuinIiIian, der Lehrer des Geschmacks, strebte über sein Zeitalter hinaus: die alten Muster des Geschmackes noch mehr; Wahrheit und Tugendschöne ist wie das Sonnenlicht, unwandelbar, wirksam und erwärmend. Waren in jedem Zeitalter nur drei große und gute Männer, die mit vereinigten Kräften ganz wirkten, sie könnten Wunder thun, oder doch , wie jene drei Gerechte, eine Stadt vor dem völligen Verfalle des Geschmacks und der Tugend sichern. Mich, dünkt, wir sind hierin an der Schwelle einer sich entwylkenden, heitern Zukunft. Wenn Vernunft auch in die Gegenden hindringt, wo man sonst nur m ec ha ni sch e m- pfand und anordncte, wenn diese Vernunft sich einst von ihrer U e b e r sp a n n u ng erholet, und (ein noch größerer Wunschl) mit Neigung und Gewohnheit zum allgemeinen G c - sch macke des Lebens gattet; wohl alsdann dem Namen der Vorwelt, der hierzu, und zwar in den tiefsten Quellen der Gewohnheit, Denkart und Neigung, d. i. in der Erziehung beilrug. 56 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks Ein besser erzogener Prinz, eine wohlgegründete, reinere Anstalt, eine schweiqendtbatige Niederlage des guten Geschmacks ist ein Tempel, der kommenden bessern Menschheit heilig! II. Selbst die eigentlich sogenannten Werke des Geschmacks, die Muster der Alten, können in der gewohnten Erziehung, diese auch nur als Sphäre des Lernens betrachtet, oft die ärgsten Anlässe des Unqeschmacks, des Ekels und der Verführung werden; ja, was man an deren Stelle setzt, nimmt oft einen noch ärgern Ausweg. Wenn ich einen Künstlerknaben Jahre lang am Werkzeuge schnitzeln lehre, daß er die Natur selbst nie einmal zu Gesichte bekommt: so ist er statt eines Bildhauers der ärgste Tagedieb geworden, und hat' dazu sein Werkzeug zerschnitzelt und auf immer verderbet. So qehts den Schulmeistern und Phrases- drechslern bei Cicero und Homer. Nicht blos, daß sie keine Homere und Cicerone bilden (dazu gehörte noch sehr viel); ihre arme Gefangene haben den Cicero und Homer selbst nie gesehen, ja sich an ihnen verekelt, um sie ewig nicht sehn zu wollen. Motten haben sie also gebildet, den Homer und Cicero etwa in Phrases zu zernagen; sie haben Buben gebildet, die, statt zu mahlen, die Farbe vom Gcmahlde kratzen, oder die Paniere des guten Geschmacks zu Stangen brauchen, womit sie Vogelnester stören. Mitten unter Schönheiten der Alten wird sodann das Gefühl für die Schönheit verhärtet, und der Geschmack mit Gewalt gezwungen, daß er bei dm verschiedenen Völkern rc. 67 sich verwahrlose und nach elenden, kindischen, unsinnigen Zwecken laufe. Die Gegenarznei, die diesem heillosen Unqe- schmackc entgegen wirken soll, hat Alles noch mehr verderbet. Realien solltens seyn, womit die Jugend, als ein Kornboden, überschüttet würde; und dann freilich kann sie nie ein blühender Pflanzgar- tcn werden. Schon Bako hat geklagt, wie aus der Wissenschaft nichts werden könne, wenn man in ihr nur immer das Nützliche, unmittelbar jetzt Nützliche suche, und wenn dies bei der Erziehung selbst geschieht, so verliert dadurch ein ganzes menschliches Leben. Nicht Was, sondern Wie es die Jugend lerne, ist das Haupt stück der Erziehung. Geschmack, d. i. Ordnung, M aast, Harmonie aller Kräfte, ist die Leier Amphious oder Orpheus, nach der sich Steine zum ganzen Baue beleben. Wer, unter welchen Vorwänden es scy, der Jugend die Werke der Alten aus den Händen bringt, (was er ihnen dafür auch von seinen Sächelchen in die Hand gebe, Encyclopädie, Lehrbuch , Regel, Realie), er kann den Schaden mit Nichts ersetzen. Das war Julians Kunststück, wodurch er seinen Feinden die tiefste Wunde schlagen wollte. „Aber Genie! das Genie wird sich von selbst „bilden; oder der Geschmack und die Werke der Alten „können cs gar verderben!" Ein böser Dämon hat diesen Grundsatz erfunden , der die häßlichste Lüge ist. Ein Genie, das der Geschmack verderben kann -— fahre cs hin! gut, daß es selbst verdirbt, statt es andere mit verderbe. Wer nach rechtschaffener Lesung 53 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks der Men (nicht, wie sie freilich meistens gelesen werden) schlimmer ist, als er war, der scy schlim- wer! an ihm ist nichts verloren. „Shakespcar! >,Shakcspear!" ruft man — und was denn Shakespcar ? Hatte Shakespcar keinen Geschmack, keine Regeln? Mehr, als jemand; nur es war Geschmack seiner Zeit, Regeln zu dem, was Er erreichen konnte. Hätte er mit seinem Genie in den Zeiten der Alten gelebt, glaubt ihr, daß er den Geschmack mit Füßen würde von sich gestoßen haben? oder würde er dadurch schlechter geworden scyn, als er itzt ist? Aber freilich ists ein jämmerliches Wort, Geschmack, nach einem Eompcndium, auf einer Eselsbrücke von Vorlesung über die schöne Natur, hergcplaudert. Der wahre Geschmack wirkt durch Genie, und ein edles Genie ist immer wie ein Stern im Dunkeln. Licht strahlt nur Licht ab, eine Sonne nur Sonne. III. Aber endlich ist freilich die größeste, beste Schule des guten Geschmacks, das Leben. Wenn da giftige, unterdrückende Schatten stehen, wehe der zarten Sprosse! Wenn da Lustseuchen des guten Geschmacks herrschen, daß die gute Luft gar enge wird — wehe dir, rascher, begehrender Jüngling ! Wie Knechtschaft die Seele unterdrücke; wie die Begierde, reich zu werden, den Geschmack vergifte; wie endlich der Hunger nach Brod Alles Edle in den Staub trete und zerknirsche: darüber spricht Longin statt meiner. Wie Ueppigkeit, Sklaverey, Scheu gegen Wahrheit, gegen Mühe, Ver- bei den verschiedenen Völkern rc, 69 dienst und Ehre ein Abgrund sey, aus dem nichts Gutes erwachse: darüber klagt der Verfasser des Gesprächs über den Verfall der Beredsamkeit, mit edlem Römerherzen. Was Hilsts, unfruchtbar nachklagen? Wenn in manchen Standen und Berufsarbeiten der Name Geschmack noch ein Vorwurf ist: eilt hinzu, rottet die Dornen auch mit blutigen Händen aus, und der Geschmack wird über neue Provinzen herrschen. Wenn alte Gewohnheit, Neid und Kabale sich mit Schwestlfackeln in der Hand vereinigen ; wohl auch die Guten können sich vereinigen! Das Licht der Sonne ist stacker, als die Schwefelfackel. Wenn verführende Muster des Geschmacks herrschen: sprecht ihnen entgegen, warnt eben an ihren Fehlern, oder vielmehr, wenn ihr könnet, sprecht mit der überwindenden Beredsamkeit des stillen besseren Musters. Endlich, da Freiheit und Menschengefühl doch allein der Himmelsäther sind, in dem alles Schöne und Gute keimt, ohne den es hin ist und verweset: so lasset uns mehr nach diesen Quellen des Geschmacks, als nach ihm selber streben. Er ist doch nichts, als Wahr- heit und Güte in einer schönen Sinnlichkeit, Verstand und Tugend in einem reinen, der Menschheit wohlan stand i, gen Kleide. Je mehr wir also diese Hu mani- t a t auf die Erde rufen, desto tiefer arbeiten wir an 6c> I. Ulsachen des gesunkenen Geschmacks re. Veranlassungen, daß der Geschmack nie mehr eine bloße Nachahmung, Mode oder gar Hofgeschmack, auch selbst nicht mehr ein griechisches und römisches Nationalmedium, das sich bald selbst zerstöret, sondern mit Philosophie un.d Tugend gepaart, ein daurendes Organum der Menschheit Werde! IVlnsta tum, et altiara reuasLSutur, yuaur yuue eeeiäere. n Ideen zur Geschichte Und Kritik der Poesie und der bildenden Künste. Zn Briefen» »794 — 1796. t. ^ü)er vermag die Würde von solchen Dingen, dem Geiste Ihrer Erfindung gemäß, ein Lied zu dichten? Und »per hat Kraft im Busen, und Worte der Zunge, zu strömen ein Loblied Jenem vortrefflichen Mann, der solche Schatze der Wahrheit, Die sich sein Herz erworben, Uns zum Geschenke gelassen? Möcht' es auch einer wagen, von sterblichem Blute geboren? Wenn der Dinge Gewicht, die sein hoher Geist uns entdeckt hat. Ihren vortrefflichen Werth wir bedenken, so war er ein Gott uns, Za ein Gott wars, ruhmvoller Memmius! welcher zuerst uns 64 n. Ideen zur Geschichte und Kritik Jenen erhabenen Weg des Lebens gezeiger, den jetzt wir Weisheit nennen; und der, durch ihre Hülfe, , das Leben Aus dem Dunkel der Nacht, aus wogenden Fluchen gerettet, Und in den friedlichen Port, in klares Licht es ge» stellt hat. Nimm die Erfindungen andrer, die man für göttlich erkannt hat; ' Ceres pflanzte die Lehren, es lehrte die Sterblichen Bacchus Den gekelterten Most aus der Rebe drücken; da dennoch Ohne Gebrauch von diesen Dingen das Leben bestehn mag, Wie maus an Völkern ersieht, die jetzt noch ihrer entbehren. Ist die Brust dir nicht rein, so suchst du vergebens ein Glück dir) Denkest umsonst an Lebensgenuß. Drum scheint er ein Gott uns, Und mit mehrerem Recht als jene, von dem in die Herzen Mer Völker so süßer Trost für das Leben geflossen. Sollte dir aber dünken, es gingen des Herkules Lhalen Diesen weit noch voran, so würdest du gröber dich irren: Denn was hat des Nemaischen Löwen gefürchteter Rachen Schreck- der Poesie und bildenden Künste 65 Schreckbares jetzt für uns? Und der Zahn des arkadischen Keilers? Was aus Krera der Stier? was des lernäischen Sumpfes Giftige Pest, die ßHydra, mit zischenden Nattern umgürter? "Was kann die Riesenbrust des dreifachen Geryon, was die Rosse, die Flamnien schnauben, die über Lhraciens Felder Auf die bistonischen Fluren und auf die sruchtreichen Saaten, Wo sich Jsmarus hebt, Tod brachten und wildes Ber^ derben, Wodurch möchten der Stymphaliden gebogene Krallen Uns noch fürchterlich werden? wodurch der hesperische Drache, Der um den Baum gewunden in ungeheuren Kreisen, Tod aus den Augen blitzend, die goldenen Aepsel bewachet ? Was mvcht' dieser uns schaden an seiner atlantischen Küste, An dem unwirthbaren Ufer, wo keiner von uns den Fuß hin- Setzet, das der Barbar selbst zu betreten sich scheuet. Also verhält es sich auch mit den übrigen Aben- theuern. Hätte sie keiner bestanden, wer möchte sie jetzt noch bestehen? Niemand, wie ich glaube» Was sollten sie Schaben uns bringen? Noch ist voll die Welt von Ungeheuern, es herrschet HerdersWerke z. schön.Lit.u.Kunst. VH. E ALK.n.Lr-e/e, 66 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Noch i» den Thalern, den Wäldern, den tiefen Kluft ten der Berge Naubbegierige Wuth; allein was gehet sie uns a»? Aber welche Gefahr, und welche tödtende Zwie, kracht Schleicht sich in eine Brust, die von Leidenschaften nicht rein ist! Wie zerfleischen das Herz die angsttichcn, scharfen Begierden! Wie zernaget die Sorge den Menschen! wie quälet die Furcht ihn! Welche Verwüstungen richtet der Stolz nicht an, und die Geilheit, Und der Uebermuth, das Prassen, die niedrige Faulheit ! Alles dieses hat Er, mit Waffen nicht, aber mit Worten, Tief aus dem Herzen hinweggeraumet und selber gebändigt ; Und ihm gebührete nicht der Dank, der Göttern gebühret? Ihm, dem Manne, der selbst mit Götterzunge von ihnen Ost gesprochen und ganz der Dinge Natur uns enthüllt hat. Auf die Spuren von seinem Pfade tret' ich — So pries ein Römischer Dichter, Lukrez, Einen seiner Lieblinge der Vorwelt, und er hat mehrere derselben als Genien unsres Geschlechts, als Götter und Sterne an den Himmel gesetzt, weil sie Lebensweishöstt und Humanität unter d« der Poesie und bildenden Künste. 6^' Menschen gegründet oder befördert haben. Keiner seiner cdeln Mitbürger ist ihm hiebei in Wort und That nachgcblieben. Viele Ddcn des Horaz, noch mehr aber seine Sermonen und sogenannte Satycen sind feine Bearbeitungen der Menschheit; sie haben alle, wenigstens mittelbar, zum Zweck, einen Umriß in das rohe Gebilde des Lebens zu bringen, die Ideen und Sitten jener Person, dieser Stande nach dem Richtmaas des Wahren und Guten, des Anständigen und Schönen zu ordnen. Petsius, Juve- nal, LucaN und andre wirken dahin, jeder nach seiner Weise; vor allen aber bezeichnet Virgil, wo er kann, seine Gesänge mit einem zarten Druck dev Menschenliebe. Unmöglich ists, daß ein Mann oder Jüngling, dem das Innere dieser Hciligthümer aufgeschlossen wird, sein Inneres nicht durchdrungen uNd zu einer Form gebildet fühlte, die ihm vielleicht wenige Neuere Schriften gewahren. Es ist, als ob jenen großen Autoren die Menschheit reiner Vorstand, oder als ob sie mebr Kraft gehabt hatten, auch unter allen Unarten der Zeit, ihre wahre Gestalt lebhafter anzuerkenNen, stärker und reiner zu schildern; wozu denn, nebst vielem andern, auch ihre Sprache und der Begriff beitrug, den sie sich von Poesie machten. Doch Nicht bei Poesie allein blieb diese Bildung stehen i Trotz alles Harten und Drückenden zeigt sie sich auch in der Römischen Geschichte. Matt lese im Cornelius des Atticus, in Sallust Eatilina's, in Tacitus Agricola's Leben, vor al- E 2 68 II. Ideen zur Geschichte und Kritik len aber den letzten, den wegen seiner dunkeln Harte so berüchtigten Tacitus; und man müßte ein entschicdner Barbar scyn, wenn man in ihnen die tiefen Auge achter Humanität nicht bemerkte. Taci- tus beschreibt die grauelvollsten Zeiten, ?dic lasterhaftesten Charaktere; er deckt einen Abgrund von Sitten und einer Regierungsform auf, vor dem man schaudert; zeige man in ihm aber ein einziges Ge- mahldc solcher Unthaten und verderbten Seelen, das er nicht in das Licht gestellt hatte, dahin es gehöret! Livia, Tiber, Sejan, Caligula, Claudius, und wie die Unmenschen weiter heißen; gcgcntheils jede unterdrückte Sprosse des Guten, die sich auf diesem abscheulichen Boden zeigte, alle sind von ihm, wenn auch nur mit Einem Wort, in Einem Zuge, dem unpartheiischen Mit - oder Gcgengcfühl nahe gebracht; sie stehen auf ewig in der Classe menschlicher, halb- und unmenschlicher Wesen, wo sie stehen sollten. Wer uns keine Umschreibung, sondern eine Uebersctzung dieses Geschichtschreibers ganz in seinen Umrissen, in seiner Physiognomie gäbe, könnte nicht andres, als den Sinn der Menschheit auch für unsre Zeit tausendfach^ erwecken und bilden. Lassen Sie uns also glauben, daß Jung und Alt in beiden Geschlechtern, wenn es die Schriften der Alten in ihrem Geist liefet, nicht anders als zur Humanität bearbeitet werden könne. Die barbarische Rinde des Herkommens, die »ns von aussen angesetzt ist, muß einigcrmaaßcn gebrochen werden, wenn wir andere Menschen zu einer andern äußerst verderbten Zeit männlicher denken, würdiger sprechen .u» der Poesie und bildenden Künste. 6Z hören. Wir werden aus unserm Todesschlafe geweckt, und lernen in strenger» Umrissen rennen: t^uiä suniiis, seit ^uiänsnr vicNuri gitzilinrur, oräo l^uis clsrus, Slit metss c^usiii niallis Uexus, er iinds' ()>iis inextus sig^nro, g»i6. k-es optnrs, cxuiä asps^ Uliile nuinmus liebst, pstrise curis^ne propin^uis l)usniuin elarziri cleoesr, csiiem ts Dens esss isiissir ei Iiumsn-e^iis parts loLstus es in vs — Viseito, e> missvi, er csnssss cvgnoscite rernin. 2 . Die Griechen hatten das Wort Humanität nicht; seit aber Orpheus sie durch den Klang seiner Leycr aus Tbiercn zu Menschen gemacht hatte, war der Begriff dieses Worts die Kunst ihrer Musen. Ich bin weit entfernt, die griechischen Sitten und Verfassungen zu jeder Zeit und allenthalben als Muster zu preisen ; das kann indessen nicht gelaug- net werden, daß das einollir mores nec sinit esse keros mittelbar oder unmittelbar der Endzweck gewesen, auf den ihre edelsten Dichter, Gesetzgeber und Weise wirkten. Von Homer bis auf Plutarch und Longin ist ihren besten Schriften bei einer großen Bestimmtheit der Begriffe eine so reizende E ultur der Seele cingeprägct, daß, wie sich an ihnen die Römer bildeten, sie auch uns kaum ungebildet lassen mögen. 7 » II. Ideen zur Geschichte und Kritik Einzelne Blätter, die mir über die Humanität einiger Griechischen Dichter Und Philosophen in die Hände gekommen sind, sollen Ihnen zu einer andern Zeit zukvmmen; jetzt bemerke ich nur, daß, wenn in spätem Zeiten bet irgend einem Schriftsteller, er sey Geschäftsmann, Arzt, Tbeolog oder Rechtslehrer, eine feinere, ich mochte sagen, elastische Bildung sich äußerte, diese meistens auch au^ elastischem Boden, in der Schule der Griechen und Römer erworben, der Sprößling ihres Geistes gewesen. Wie die griechische Kunst unübertroffen, und in Absicht der Reinheit ihrer Umrisse, des Großen, Schonen und Edeln ihrer Gestalten, allen Zeiten das Muster geblieben: fast als» ists auch, Weniges ausgenommen, mit den Vorstellungsarten des menschlichen Geistes. Was wir kraus sagen und verwickelt denken, gaben sie hell und rein an den Tag; ein kleiner Satz, eine schlichtvorge- tragene Erfahrung enthält bei ihnen, wenn mans zu finden weiß, oft mehr als unsre verworrensten Deductjonen : die Probleme, welche die neuere Staatskunst verwickelt vortragt, sind in der griechischen Geschichte hell und klar auscinandergesetzt, und durch die Erfahrung langst entschieden. Die Kritik des Geschmacks endlich, ja die reinste Philosophie des Lebens, woher stammen sie, als von den Griechen? In den scheusten Seelen dieser Nation bildeten sie sich; hie und da hat sich ihr Geist schwesterlichen Seelen mitgethcilct. Da also die Griechen bisher dem Sturz der Zeiten, der Vertilgung wilder Barbaren und Schwärmer entronnen sind, wird, so lange sie uns nicht geraubt sind, wahre Humanität nie von der Erde vertilgt werden. der Poesie und bildenden Künste. 71 Immer wird mir wohl, wenn ich auch in unfern Zeiten einen reinen Nachklang der Weisheit Griechischer und Römischer Musen höre. Eine Ausgabe, eine Übersetzung, eine wahre Erläuterung dieses oder jenes Dichters, Philosophen und Geschichtschreibers halte ich für ein Bruchstück des großen Gebäudes der Bildung unsres Geschlechts für unsre und die zukünftigen Zeiten. Eine verständige Stimme, die über unsre jetzige Weltlage aus alter Erfahrung spricht, ist mir mehr, als ob ein Barde weissagte. 3 . Aus Ihren Briefen, meine Freunde, ziehe ich mir folgendes: i. Das weiche Mitgefühl mit ldcn Schwachen unsres Geschlechts, das wir gewöhnlicher Weise Menschlichkeit nennen, macht die ganze Humanität nicht aus. Zu rechter Zeit, am rechten Ort ziert cs den Menschen allerdings; da Sympathie in reinem Verstände, d. i. eine lebhafte, schnelle Versetzung in den Zustand des Fehlenden, Irrenden Leidenden, Gequälten, der zarteste Kitt der Vereinigung ähnlicher Geschöpfe, und unter Menschen das lindeste Band ihrer Verbindung ist. Nichts stößt mehr zurück, als gefühllose, stolze Härte. Ein Betragen , als ob man höheren Stammes und ganz andrer, oder gar eigner Art scy, erbittert Jeden- 72 II. Ideen zur Geschichte und Kritik und ziehet dem Ucbcrmcnschcn das unvermeidliche Uebel zu, daß sein Herz ungebrochen, leer, und ungebildet bleibt, daß Jedermann zuletzt ihn hasset oder verachtet. So notbwcndig indessen eine menschliche Lindigkeit und Milde gegen die Fehler und Leiden unsrer Nebengeschöpfe bleibt: so muß sie doch, wenn sie zu weich und ausschließcnd wird, den Charakter erschlaffen, und kann eben dadurch die härteste Grausamkeit werden. Ohne Gerechtigkeit bestehet? Billigkeit nicht; eine Nachsicht ohne Einsicht der Schwachen und Fehler ist eine Verzärtelung, die § eiternde Wunden mit Rosen bedeckt, und eben dadurch Schmerzen und Gefahr mehrt. 2 . Auch ist Humanität ihnen Inicht bloß jene leichte Geselligkeit, ein sanftes Auvork omni cn im Umgänge, so viel Reize dies auch dem täglichen Leben gewahret. Vielmehr ist sic, subjektiv betrachtet, 3. Ein G efübl der menschlichen Natur in ihr er Stärke und Schwäche, in Mangeln und Vollkommenheiten, nicht -hneThatigkeit-, nicht ohne Einsicht. Was zum Charakter unsres Geschlechts gehört, jede mögliche Ausbildung und Vervollkommung desselben, dies ist das Objekt, das der humane Mann vor sich hat, wornach er strebet, wozu er wirket. Da unser Geschlecht selbst aus sich machen muß, was aus ihm werden kann und fall: so darf keiner, der zu ihm gehört, dabey muffig bleiben. Er muß am Wohl der Poesie und bildenden Künste. 7^ und Weh des Ganzen Thcil nebmcn, und seinen Tbcil Vernunft, sein Pensum Tbätigkeit mit gutem Willen dem Genius seines Geschlechts opfern. 4 . Zum Besten der gesummten Menschheit kann niemand beitragen, der nicht aus sich selbst Macht, was aus ihm werden kann und soll; jeder also muß den Garten der Humanität zuerst aus dem Beet, wo er als Baum grünet, oder als Blume blühet, pflegen und warten. Wir tragen alle ein Ideal in und mit uns, was Wir seyn sollten, und nicht sind; die Schlacken, die wir able- gen, die Form, die wir erlangen sollen, kennen wir alle. Und da, was wir werden sollen, wir nicht anders als durch uns und Andre, von ihnen erlangend auf sie wirkend, werden können: so wird nothwcndig unsre Humanität mit der Humanität Andrer Eins, und unser ganzes Leben eine Schule, ein Uedungsplatz derselben. Was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht , was keusch, was lieblich ist, was wohllautct, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dessen befleißigt euch, sagt selbst ein Apostel. 5. Aste Einrichtungen der Menschen, alle Wis- schasten und Künste können, wenn sie rechter Art sind, keinen andern Zweck haben, als uns zu human« siren, d. i. den Unmenschen oder Halbmen- schcy zum Menschen zu machen, und unserm Geschlecht zuerst in kleinen ^heilen dse Form zu geben, die die Vernunft billigt, die Pflicht fodert, nach der unser Bedürsniß strebet. Daß die Wissenschaften, die man Uunianiora nennt, zum leeren Zeitvertreib oder zu eitclm Putz ausgearkct sind, ist ein Mißbrauch , den schon ihr Name strafet. Ursprünglich 74 II. Ideen zur Geschichte und Kritik war dies nicht also. Vollends Künste und Wissenschaften, die den angebohrncn Stolz, die freche Anmaßung, das blinde Vorurtheil, die Unvernunft und Unsittlichkcit starken, verschleiern, schmücken, beschö- nen, sollte man brutalisirende Künste und Wissenschaften nennen, wcrth von Sklaven getrieben zu werben, damit auf ihnen die menschliche Thier- heit ruhe. Es freuet mich, daß Sie den Dichter, der den unmenschlichen Achill besang, aus der Reihe h U - manisirender Weisen nicht ausschließen wollen; das Theater der Alten und ihre Gesetzgebung wird davon gewiß auch nicht ausgeschlossen seyn. Das Gemürh lautert, hebet und stärkt sich durch die Betrachtung: „wir sind Menschen. Nichts mehr, aber auch nichts minderes, als dieser Name saget." der Poesie und bildender^ Künste. ? 5 ' Nachschrift. Fragment eines Gespräches des Lords Shaftesburi. Tbeokles. Kann eine Freundschaft so heroisch scpn, als die gegen das menschliche Geschlecht? Halten Sie die Liebe gegen Freunde überhaupt und. gegen unser Vaterland für nichts? Oder glauben Sie, daß die besondere Freundschaft ohne solche erweiterte Neigung und obne das Gefühl dcr Verbindlichkeit gegen die Gesellschaft bestehen könne? Phjlokles. Daß man Verbindlichkeiten gegen das menschliche Geschlecht habe, wird niemand käugnen, der auf den Namen eines Freundes Anspruch macht. Schwerlich würde ich d?m nur den Namen Mensch zugestehen, der nie Jemanden Freund genannt oder nie selbst Freund geheißen hat. Aber wer sich als ein wahrer Freund bewahrt, der ist Mensch genug, und wird es der Gesellschaft an sich nicht fehlen lasten. Für meine Person sehe ich so wenig Großes und Liebenswürdiges an dem menschlichen Geschlechte, und habe eine so gleichgültige Meynung von dem großen Haufen der Gesellschaft, dass ich mir sehr wenig Vergnügen von der Liebe zu beiden versprechen kann. 76 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Th. Rechnen Sie denn Güte und Dankbarkeit unter die Handlungen der Freundschaft und des Wohlwollens? P h. Ohne Zweifel; sie sind ja die vornehmsten. Th. Gesetzt also, der Verpflichtete entdeckte Feblcr an seinem Wohlthäter, würde dies jenen von seiner Dankbarkeit lossprcchcn? PH. 'Nicht im geringsten. Th. Oder macht es die Ausübung der Dankbarkeit weniger angenehm? PH. Mich dünkt vielmehr das Gegcnthcil. D nn wenn mirs an allen andern Mitteln der Vergeltung fehlte, so würde ich mich freuen, wenigstens dadurch meine Dankbarkeit gegen meinen Wohl- thattr sicher zeigen zu können, daß ich seine Fehler als ein Freund ertrüge. Th. Und was dje Güte betrifft, sagen Sie mir, mein Freund, sollen wir denn blos denen Gutes thun, die es verdienen? Etwa blos einem guten Nachbar oder Verwandten, einem guten Vater, Kinde oder Bruder? Oder lehrt Natur, Vernunft und Menschlichkeit uns nicht vielmehr, einem Vater, blos weil er Vater, einem Kinde, blos weil es Kind ist, Gutes zu thun? Und so in jedem Verhältnis des menschlichen Lebens. PH- Ich glaube, das letzte ist das richtigste. Th. O Philoklxs! Bedenken Sie also, was Sie sagten, da Sie die Liebe gegen das menschliche Ge- der Poesie und bildenden Künste. 77 schlecht, der menschlichen Gebrechen wegen, verworfen, und den großen Haufen, seines elenden Anstandes wegen, verachteten. Sehen Sie nun, ob diese Gesinnung mit der Menschlichkeit bestehen kann, die Sie sonst so Kochschatzen und ausüben. Wo kann Edelmuth Statt finden, wenn nicht hier? Wo können wir je Freundschaft beweisen, wenn nicht att diesem Hauptgegcnstande derselben? Gegen wen wer-L den wir treu und dankbar sepn, wenn nicht gegen das menschliche Geschlecht und gegen die Gesellschaft, welcher wir so stark verpflichtet sind? Welche Gebrechen oder Fehler können eine solche Unterlassung entschuldigen, oder in jeincm dankbaren Herzen je das Vergnügen vermindern, welches aus liebevolle Erwiederung empfangener Wohlthatcn entspringt? Können Sie, blos aus guter Lebensart, aus einem natürlichguten Temperamente, Vergnügen daran finden, Höflichkeit, Gefälligkeit, Dicnstftrtigkeit zu beweisen, Gegenstände des Mitleidcns selbst aufsuchen und, wo es in Ihrer Macht steht, selbst Unbekannten dienen; kann cs auch in fremden Landern, oder, Wenns auswärtige betrifft, auch hier Sie entzücken, allen, die es bedürfen, auf die leutseligste, freundschaftlichste Art zu helfen, zu rächen, beizustehen; und sollte ihr Vaterland, oder, was noch mehr ist, Ihr ganzes Geschlecht weniger Wohlwollen von Ihnen fordern können, weniger Achtung von Ihnen verdienen, als Einer von jenen Gegenständen, die Ihnen von ungefähr in den Wurf kommen? — PH. Ich befürchte, daß ich auf diese Art nix ein Freund oder Liebhaber werde. Eine Liebe gegen eine einzelne Person kann ich s» ziemlich fassen ; ^3 II. Ideen zur Geschichte und Kritik aber diese zusammengesetzte, allgemeine Art von Liebe, (ich gestehe es, Lheokles), ist mir zu hoch. Ich kann das Individuum, aber nicht die ganze Gattung, ich kann nichts liebe», wovon ich nicht irgend ein sinnliches Bild habe. Th. Wie, Philokles? Sie könnten nie aN- - ders lieben , als auf diese Art? War Palamons ^Charakter ihnen gleichgültig, da er Sie zu dem lange» Briefwechsel vermochte, det Ihrer Neuerliche» persönlichen Bekanntschaft vorangieng? P h. Ich kann dies nicht laugnen; und jetzt dünkt mich, vekstehe ich Ihr Geheimnis, und begreife, wie ich mich dazu vorbcrcitcn muß. Denn ebett wie ick damals, als ich Palämon zu lieben ansteNg, mich genöthigt sah, mir eine Art von materiellem Gegenstände zu bilde» und immer ein solches Bild im Kopfe hatte, so oft ich an ihn dachte: cbe» so muß ichs in diesem Falle zu machen suchen — Th. Mich dünkt, Sie könnte» immer so viel Gefälligkeit gegen das menschliche Geschlecht haben, als gegen die alten Römer, in welche Sic, aller ihrer Fehler ungeachtet, doch immer verliebt gewesen sind, besonders unter der Vorstellung eines schönen Jünglings, der Genius des Volks genannt, Pb. Ware mirs möglich, meiner Seele eüi solches Bild einzudrücken, cs Möchte nu» das M e n sc h l i c h e G e sc h l e c h t oder dieNatur bedeuten , so würde das vcrmuthlich auf mich wirken und mich zum Liebhaber nach Ihrer Art machen. Noch besser aber, wenn Sie es so veranstalten könN- der Poesie und bildenden Künste. 79 ten, daß die Liebe zwischen uns wechselseitig würde; wenn Sie mich überreden konnten, zu glauben, dieser Genius sey nicht gleichgültig gegen meine Liebe und fähig, sie zu erwicdern — Th. Gut! ich nehme die Bedingung an. Mor- gen, wenn die östliche Sonne, wie die Dichter sag-n mit ihren ersten Strahlen den Gipfel jettes Hügels vergoldet, dann wollen wir, Wenns Ihnen beliebt, mit Hülfe der Nymphen des Hains dieser unsrer Liebe nachspüren, erst den Genius des Orts ancu- fen, und dann versuchen, ob wir nicht wenigstens eines schwachen, fernen Anblicks des höchsten Genius und der ersten Urschönheit gewürdigt werden. Sollte es Ihnen glücken, nur Einmal diese zu sehen: so stehe ich dafür, alle jene widrige Züge und Häßlichkeiten, sowohl der Natur, als des menschlichen Geschlechts, werden augenblicks verschwinden. Ihr Herz wird ganz mit der Liebe erfüllt werden, die ich Ihnen wünsche. So weit dies Gespräch. Wie Thevkles seinen Zweck bewirkt habe, mögen Sie in der vortrefflichen Rhapsodie: die Moralisten, beim edlen Shaf- tesburi selbst lesen*). *) Meiner Gesinnung nach ist es' -ins der schönsten Verdienste SpaldingS, daß Er, zur jener Zeit, tic» II. Ideen zur Geschichte und Kritik 4 - Mit Recht NeNneN Sie Shaftesburi einen edlett Schriftsteller; ob ihn gleich hie und da sein Stand, ich mochte sagen, seine Lord sc Haft über» eilte. Sein zuweilen zwaNavoller Styl, manche Spaße, die cd sich über die Geistlichkeit erlaubte, sein binfall: „Witz uttd Humor zum Prüfsteine aller, auch dek ernstesten Wahrheit zu machen," haben Tadler und Widerlcger genug gefunden; über seinen Kunst-Geschmack wäre auch Manches zu 'eigen. Die bessere philosophische Seele aber, die in ihm wohnte, sein Nour-stum und äsooruin in der Moral, hundert feine Bemerkungen über Grundsätze, Sitten, Composition und Lebensweise sind Nach allem Tadel uNwiderlegt geblieben. Ich kann mir nicht verstellen, daß ein unbefangener honetter Mann diesen Schriftsteller ohne innige Achtung aus der Hand legen solle tc; und für Jünglinge wünschte ich in unsrer Spreu che zum übersetzten Shaftcsburi eine Zugabe, „wie Shaftesburi zu lesen, und was in ihni zu berichtigen seyn mochte." Wie Leibe Nitz, so hielten Diderot, Lessing, Mendelssohn, von diesem Virtuos» der Humanität viel; auf i7i,b, in seiner Lage, uns Shaftesburi's Moralisten bekannt machte. Mehr als drei« ßig Jahre nachher ist zuerst die UebersetzUng des ganzen Shaftesburi gefolget. Shaftesburi philosophische Werke, Leipzig. 1.776 - » 779 - der Poesie und bildenden Künste. 8r auf die besten Köpfe unfcrs Jahrhunderts, auf Männer, die sich fürs Wahre, Schöne und Mute mit cntschicdner Redlichkeit bemühten, hat er auszeichnend gewirkt. Und doch, m. F., dünkt mir sein System dce Moral unzureichend, sofern es sich blos auf das ckssorrnn st lionesturn als auf ein G e f ü h l gründet. Es kommen starke Stellen darüber, auch als Pflicht, als Gesetz betrachtet, in ihm vor; im Ganzen aber, scheint mirs, hat er, um seine Moral liebenswürdig zu machen, mit der .menschlichen Natur etwas zu sebr gctandelt. Hier muß man hinter allem doch endlich mit der stoischen Philosophie zum alten Worte Gottes zurückgchcn: „Du sollt! du sollt nicht!" sofern uns dies nicht Convenienz, Geschmack und Vergnügen, sondern Pflicht und Vernunft Vorhalt. Neulich kam mir ein Lchrged icht zu Händen , wo mir zuerst folgende Stelle in die Augen siel: Sey liebreich mit Vernunft; Nur weise Huld ist acht, Gicbt jedem, was sie soll und kränket keines Recht. Kein Schimmer äußrer Macht, kein Geld, das Sklaven rühret, Hält den Gerechten ab, zu thun, was ihm gebühret. Gleich feurig zu dem Schutz des Edlen als des Knechts Ist er der treue Freuuv des menschlichen Geschlechts. Unfähig zu der Kunst, die den Vertrag verdrehet, Hält er dem Fürsten Wort, wie dem, der nackend gehet; Bei ihm ist, was du hast, so sicher, als bei dir, Herders Werkez.schön.Lir.u,Kunst. VlI. § e/«. 82 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Das ihm geliehne Gut zieht er dem eignen für; Im kleinsten Werk getreu, verschwiegen bis zur Baare, Und zu des Freundes Dienst bereit bis zum Altäre. Hört, Bürger der Natur, den Inhalt aller Pflicht: Lernt die Gerechtigkeit! vergesset Gottes nicht ! Gereizt durch diese Stelle, schlug ich weiter zurück und fand die Geschichte der Humanität so vocgetragen : Vernunft, der Gottheit Strahl, der rohen Völkern schien, Hieß aus des Waldes Nacht sie in die Städte ziehen ; Gab Ordnung und Gesetz, schuf Menschen aus Barbaren. Dies hob der Weisen Ruhm in Griechenland empor, Und rief aus Scythien den Anacharsis vor. So war der Menschheit Recht der Leitstern alter Weisen; Doch keiner wagte sich es andern anzupreisen- Die Welt verdankt dirs nie, unsterblicher Sokrat! Dein Fuß betrat zuerst den ungebahnten Pfad. Der alte Philosoph, vertieft in Zahl und Sternen, Erhielt von dir die Kunst, sich selbst beschaun zu lernen. Es sah der Mensch das Licht, das langst in ihm gebrannt , Und das, vom Wahn umwölkt, nur Trägheit nicht erkannt. Da fühlte sich Athen, und lernte Platons Lehren, Des Weisen von Stagyr, des Epiktets, verehren, der Poesie und bildenden Künste L3 Da tratest du auch auf, erhabner EpikUr, Der Tugend achter Freund und Kenner der Natur. — Verehrungswürdges Rom, groß durch erfochtne Kronen, Noch größer durch den Geist gepries'ner Ciceronen, O Rom, Europa selbst, von deiner Herrschaft Joch Borlängst entlediget, ehrt dein Gesetze noch. Aus Quellen der Natur sind deines Rechtes Lehren Ursprünglich hergeführr; sie müssen ewig wahren! Die Nacht der Barbarei verfinsterte dies Licht, Die Welt verwilderte und sah die Lugend nicht. Ein schwarzes Wunderrhier, der Ketzereifer siegte, Der Dummheit Lugend hieß und mir dir Wahrheit kriegte; Bis ihr verstärkter Glanz der Welt mehr Einsicht gab; Da fielen der Vernunft die schweren Fesseln ab. Der Dichter nennt Baco, Grotius, Puffe N d o r f u. a. mit verdientem Ruhme! er gehet die Pflichten durch, gegen Seele und Leib, gegen Gott und Andre. Ucbcr Jcrthum und Unwissenheit, Klugheit und Thorbeit, über die Verbindlichkeit zur Wissenschaft Und zu allgemeinen Begriffen, über Erfahrung, Vernunft, Geschichte, Fabel, Selbsterkenntnis, als Mittel zu Besserung des Verstandes und Willens, enthalt sein Gedicht schöne Stellen. Desgleichen über einzelne Pflichten, die Mäßigkeit, Sittsamkeit, Genügsamkeit, Verbindlichst zur Arbeit, über Pflichten in Glück und Unglück, über die Dankbarkeit gegen Gott, das Vertrauen auf die § 2 »4 Ideen zur Geschichte und Kritik Vorsehung, über gesellige Hülfe, Sanftmuth, Groß- muth, Wahrheitsliebe, Freygebigkeit u. ff; wob,i sowohl die cntgegcnstchcnden Laster als die Grenzen der Lugend bemerkt oder geschildert werden. Gs sind Lehren in ihm, die der Jugend Ecdachtnißsprüche werden sollten, indem sie die Grundfesten aller moralischen Wahrheit enthalten; z. B. Es ward ein gleicher Trieb in aller Herz gelegt, Und allen Sterblichen die Regel eingcprägt: Du sollr das Gute thun, du sollt das Böse lassen; Zn diesen Gotterspruch läßt das Gesetz sich 'fassen, Das die Natur uns schrieb. Er halt ein Recht in sich: Beginne, oenke, flieh, begehre, schwei- * ge, sprich. * Nicht Erz, das Rost verzehrt, nichc Blätter, die veralten, Kein Stein hat dies Gesetz der Menschen aufbehalten, Der Allmacht Tochter grub mit ewig Heller Schrift, Es in die Seelen ein, die nie Verwesung trifft. Ein ewiges Gebot, darin ich wandeln müßte, Wenn, welches ferne sey! ich auch von Gott nichts wüßte i — Zu wünschen wäre es, daß der ^Verfasser sich durchaus auf diesem strengen Pfade gehalten hatte. Da er aber das sogenannte System der Vollkommenheiten als Grund der Moral annimmt: sö wird sein Gebäude hie und da schwankend. Allerdings vervollkommnet uns die Ausübung der Pflicht; der Poesie und bildenden Künste. 85 nicht ober müssen wir sie thun, um über Gewinn an Vollkommenheiten zu markten. Das Gebot heißt: Du sollt! nicht: Du wirst! welches bloß eine höfliche Bettelei wäre. Sie halten vielleicht dies schöne Lehrgedicht für ein Manuscript; leider ists seit seiner Bekanntmachung im Jahre 1758. für Viele ein Manuscript geblieben. Es heißt „Licht Wehrs Recht der Vernunft," und scheint unsrer poetischen West so veraltet, wie Hallers, Hagedorns, Kästners, Uz, Witthofs, ja überhaupt die Lehrgedichte. Unser Publikum ist jung; es liebt Tändeleien der Jugend. 5 . Die Blatter über dieHumanitat Ho m e r s, die Sie zu sehen wünschen, nehme ich aus einer unvollendeten, größer» Schrift, die ihr Verfasser Jo- nien genannt hat, deren weitern Inhalt ich aber hier nicht zu verrathen habe. * * * 86 II. Jdccn zur Geschichte und Kritik Ueber die Humanität Homers in seiner Iliade. Wir kommen allmählich wieder in die Zeiten zurück, da man von Homers-Roheit nicht genug reden konnte. In Frankreich warf man ihm vormals nur Mangel an Geschmack vor; in Deutschland scheint es ein Lieblinqsqesichtspunkt zu werden, in den Sitten seiner Helden, mitkin wohl gar in Homer selbst Mangel an Bildung, an moralischem Geschmacks zu finden, und dies unsterbliche Gedicht endlich nur als die „h ilt or isc he 'Tr a d i ti o n w i l d e r Z e i t en " zu behandeln , die, wie man sich ausdrückt, Homers glühende Einbildungskraft aufnahm und fcstsicllte. So viel Wahres dieser Gesichtspunkt in manchem Betrachte zeigen mag, so zeigt er gewiß nicht alles Wahre, und sein Weniges gewiß nicht auf die nützlichste Weise. Dazu gehört keine Kunst, hie und da Uebcreinstimmung der Zeiten , die er besang, mit Völkern, die auf einer, wie uns dünkt, niedrigem Stufe der Cultur leben, zu finden, diese gefundene Ähnlichkeit zu übertreiben, und dabei das Auge vor allem sittlichen Gefühl, insonderheit aber vor der Kunst und Weisheit jzuzu- schließcn, die Homer unstreitig auf die Eomposition seines Gedichts gewandt hat. Bei jeder Kunstcomposition fragt man: wozu hat sie der Künstler componiret? was war dabei seine Zdee? und wie setzte er die Theile seines Werks zusammen? Sind Homers Rhapsodien die rohe der Poesie und bildenden Künste. L? Stimme eines griechischen Barden, der einem rohen Volke Mahrchcn aus roheren Zeiten vorsingt, um diese mit ihren Unförmlichkeiten ja nicht untcrgehcn zu lasten; warum wandte man Jahrtausende hindurch aus ihn so viele Mühe? Waren die Griechen, die Römer, und unter andern Nationen die feinsten Denker, waren unter den Griechen Gesetzgeber, Künstler, Weise, Dichter nicht abergläubig und blödsinnig, daß sie aus einer Tradition vergangener Unmensch- lichkeit.n so viel Wesens machten, und- einen unreinen Schlamm in so viel Bäche ableitetcn? Das hüße ja die Unmenschheit oder Halbmcnschhcit um so gefährlicher fesihaltcn, weil sie mit Homers Farben geschmückt war. Fragt man bei jeder Geschichte, bei jedem Drama: „wer spricht dies? wann? wozu spricht er's? „in welchem Charakter handelt er? wozu stellte ihn „der Geschichtschreiber oder Dichter auf?" wie? und bei der größestcn Composition der Welt wollte man nicht also fragen? Was besingt Homer? nicht den trojanischen Krieg, nicht eine Geschichte alter Zeiten, als solche; auch nicht Achilles Geschichte; sondern Den Zorn, des Peleiden Achilles Schädlichen Zorn, der tausend Jammer den Griechen gebracht hat, Und viel tapfre Seelen der Helden zum Orkus hinabstieß, Ihre Leiber den Hunden und allem Gevögel zum Raube Gab — 8k) II. Ideen zur Geschichte und Kritik wahrlich, das Heist doch den Unmuth Achills, er möge gerecht oder ungerecht ftyn, nicht unbedingt press.m Sogleich bezeichnet ihn der Dichter als eine verderbliche Plage der Götter, die uni so bcduuren-iwürdigcr war, weil sie blos aus einem u n- seligcn Zwiste entstand, den sein Held mitjdcm Kcniae Agam mnon hatte — Und wer ist Schuld an diesem Zwiste? Homer eröffnet sein Gedicht mit einer Erzählung, die keinen Leser oder Zuhörer im Zweifel lassen kann. Ein Vater, ein Priester Avolls, ein schonenswürdiger, unantastbarer Greis kommt, unter dem Schutze seines Gottes, um seine geraubte Tochter zu bitten- Er spricht weder Mitleid noch Erbarmen an; er will sic nur, und zwar überreichlich, loskaufen. Seine kurze Bitte ist so geziemend, so artig; und welche harte, ungeziemende Antwort giebt der König der Griechen dem flehenden Alten. Alter! Daß ich dich nie bei den hohlen Schiffen erblicke! Treff' ich ferner dich an; es scy, du weilest noch jetzo, Oder du kehrest ein andermal wieder: so mochte der Goldsiab Mit dem Kranze des Gotts dich nicht mehr schützen. Die Tochter Geb' ich nicht los, bis einst in unsrer Wohnung in Argos Sie, von ihrem Geburtsland sern, bei Spindel und Webstuhl, Und mein Lager bedienend, veraltet. Du aber entfliehe'! Reize mich nicht zum Zorn, wenn noch dein Leben dir lieb ist. < der Poesie und bildenden Künste. L9 Nicht den Vater, denM'reMden, den Bittenden, den Greis beleidigt diese Antwort allein; sie beleidigt den Gott in seinem Priester und ist wirklich die Rede eines übermüthigen Atriden. Nun steigt der Gott vom Olymp; die Pfeile fliegen, die Menschen sterben, die Holzstöße flammen; Achill, den die Noch deS Heers jammert, ruft die Versammlung zusammen, um die Ursache auszukun- den, warum ein Gott auf sie alle jetzt also ergrimmt scy? Kann Achill edler auf den Schauplatz gebracht werden, als also? Der Hirte der Völker war durch seinen Trotz ihr Verderben worden; sein königliches Herz machte sich keinen Vorwurf, 'ob Er vielleicht an ihrem Untergänge Schuld sey, noch suchte er Mittel dagegen; den großherzigen Achill allein kümmert die Sache des Ganzen. Als solcher erscheint er sofort in feinen Reden, unbefangen, wie es die Großherzigkeit ist, und gerade. Da der weiseste Scher sich nicht erkühnt zu sprechen, weil er sich vor dem Unwillen des Mächtigsten, dessen Gemüthsart ihm bekannt ist, fürchtet, nimmt ihn Achill für das gemeine Beste in Schutz; worauf denn der Uebcrmuth des (Königs zuerst auf den Seher, sogleich, nach einer sehr billigen Rede des Achilles, auf diesen berfallt. Und da Achilles nicht geschaffen war, sich vor der Versammlung odsr sonst schmähen, beleidigen, das Seine sich rauben zu lassen, am wenigsten aber vom stolzen Dünkel cineh übermüthigen Atriden; ko entbrennet der Zwist, so folgt die Erbitterung, bei der, (ich wage es zu sagen), Achill auch im wildesten Feuer gerecht bleibet. Pallas erscheint ihm zu rechter Zeit, ihn bei der 90 II. Ideen zur Geschichte und Kritik blonden Haarlocke zu ergreifen; und als der unbesonnene Fürst, auch nachdem er Zeit zu besserer Ucbcr- lcgung gehabt hatte, sein unbefugtes Machtwort voll- führct, und ihm sein Eigenthum, seine geliebte Bri- scis, raubet, betragt sich Achill gegen die Herolde mit einer hohen Mäßigung. Ungern, wie Briseis dahingcht, sehen wir sie hingehen, und setzen uns mit dem Gekrankten weinend ans Ufer. Da hören wir ihn der Mutter klagen, und thcilcn mit ihr den Jammer um einen so herrlichen Sohn, den, bei einem kurzen Leben, ohne seine Schuld, diese öffentliche Beleidigung, dieser Gram, dieser Unmuth treffen mußte. Mit Freuden sehen wir den Vater der Götter den großen Wink thun, und den gekrankten in Schutz nehmen. Wenn nun, ganze Gesänge der Jliade hindurch unschuldige, tapfre, edle Männer, wenn liebe Söhne, junge Gatten, blühende Jünglinge fallen: wer ist an ihrem Tode, wer an der Trauer, den Thra- nen f dem Verluste ihrer Eltern und Gatten und Braute Schuld? Achilles nicht; er streitet blos nicht mit, und kann und darf'als ein öffentlich und ungerecht Gekrankter, nicht mitstreiten. Unmu- thig sitzt er in seinem Zelt, und feine Myrmidonen murren zuletzt um ihn her, daß er sic nicht zum Streite führe. Der übermüthige König allein ists, der dadurch die Völker stürzt, daß er nicht nur jenen Helden beleidigte, sondern sogleich auch, im Wahne seines Ruhms, zu zeigen, daß er Achills nicht bedürfe, seine geliebten Völker zur Schlachtbank hinsührt. Unglaublich ists, wenn man cs nicht sähe, mit welcher moralischen Zartheit Homer dies alles einlci- der Poesie und bildenden Künste. Zr tet und beschreibet. Eben dieselbe Mutter des Beleidigten, die den höchsten Gott anfleht, hatte dem Dichter Raum gemacht, einen falschen Traum vom Himmel kommen zu lassen, der dem Könige cinbilde, Er könne jetzt, dem Achill zum Trotze, Troja im Hui erobern. Dagegen erhebt sich nun freilich der alte Nestor — Und sagte mit Weisheit: Halte den Traum von allen Achäern ein andrer erzählet , Würden wir sagen: du lügst! und ihn unwillig verschmähen. Aber ihn sah der König — Und sogleich steht der König von seinem Sitze auf, stützet sich auf seinen über Alles gepriesenen Scepter, hat sogar eine herrliche List erdacht, die Anhänglichkeit der Griechen an Ihn, an seinen Bruder Menelaus und dessen Weib, Helena, zu prüfen, überzeugt, daß sie sich ihm nicht anders, als zum Opfer geben würden. Die königliche Persuasion mißrath; der kluge Ulysses, mit dem noch unveral- tctcn Scepter Agamemnons in der Faust, kann sie kaum wieder zu ihren verlassenen Sitzen bringen; wo denn Thersites aufsteht, und Er allein, auf die unschicklichste Art, der Sache Achills erwähnet. So mancherlei über diesen häßlich-lächerlichen Thersit geschrieben worden; so steht Jedermann daS vor Augen, daß den Edelsten der Schlechteste, den Herrlichsten der Häßlichste allein und aufsNiedrigste verthcidigt. Jeder gönnet diesem die Schlä- 92 II. Ideen zur Geschichte und Kritik ge des Ulysses; es ist über große Weisheit des Homers, deiß er sie dem Thersites zukommcn lässt, in- deß alle Fürsten des Heers, deren keiner Agamem- nons Betragen gegen Achill loben konnte, dazu schwiegen. Allen bekommt dies Schweigen, die ganze Jliade hindurch, sehr unwohl; ihren Völkern aber noch übler. Es wird in einem andern Kapitel davon die Rede scvn, wie Homer, der überhaupt keinen Groll gegen ein menschliches Geschöpf, geschweige gegen den König seiner Griechen heget, den Agamemnon allenthalben nicht nur geschont, sondern, wo er irgend konnte, königlich und festlich ausgeschmückt habe. Zum Treffen laßt ec ihn ziehen: , Ganz a» Lugen und Haupt dem donnerbewaffneten Zevs gleich, Um den Gürtel dem Mars, an Brust und Schultern dem Meergott; Wie der führende Stier sich in der versammleten Heerde Lusnimmt, unter den Rindern der Erst' und Größte von Ansehn. Er lasset ihn den tapfersten Kriegern, einem Diome- deS sogar, Verweise geben; doch dies Alles thut nichts zu Sache. Nach vielen erlittenen Niederlagen muß der alte Nestor mit dem Bekenntnis! doch heraus : — Ich denke »cch heute, so wie ich schon vormals Dachte, zur Zeit, o König, als du die junge Briseis der Poesie und bildenden Künste. yli Aus des erzürnten Achilles Gezellten gewaltsam entführtest, Nicht nach unferm Ermessen; sch rieth cs mit vielen und starken Gründen dir ab; doch du, vom hohen Murhe bemei- sterr, Kränktest die Ehre des Helden, der selbst von Göttern geehrt war, Und noch hast du bei dir den Siegslohn, den du ihm raubtest. Er schlägt zur Aussöhnung Geschenke und schmeichelnde Worte vor; Achilles schlagt sie aus und muß sie ausschlagcn; ja, wäre Agamemnon selbst in siin Zelt gekommen, er hatte einen bösen Weg daraus gesunden. Nun hatte dieser Raum, seine Wunder der Tapferkeit und Oberherrschaft zu erweisen, die aber alle dahin ausgingen, daß, nach Niederlagen von allen Seiten, die Mauer der Griechen erstürmt ward, und Hektor, ans Schiff des Protesilaus greifend, ausries: „bringt Feuer!" — Hier war das Ziel. Nicht Agamemnons Geschenke, noch eines schlauen Ulysses Reden; Achilles eigner Entschluß, mit welchem sich seines Freundes Patroklus Thronen verbanden, hemmte die äußerste Gefahr des Heeres. Jetzt gab Achill dem Patroklus.seine Waffen, mit dem gemessenen Befehl, wie weit er gehen sollte. Als Patroklus diesen überschritten hatte und den Feinden erlag, als Hektar in die Waffen Achills zu seinem eigenen Verderben gekleidet bastand, und die Nachricht vom Tode des Freundes, endlich auch seine kaum noch erbeutete Leiche ins Lager kam: da war aller Groll dahin; im Himmel und auf der Erde war 94 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Friede. In neue Waffen gekleidet, erscheint er in der Versammlung; und wie klein ist gegen ihn Agamemnon, ob er sich gleich noch jetzt, zur Entschuldigung seines Fehlers, in einem Mahrchen von der Ate, dem Jupiter gleichgestellt. Wie groß dagegen ist Achilles und wie zart! zart in den Klagen um seinen Freund, in den Klagen an seine Mutter; groß in der Versöhnung mit seinem Feinde, in der Anordnung des Begräbnisses seines Freundes: Laßt Patroklus Gebein, des MenötiadeN, uns sammlen, Mit sorgfältiger Wahl; es ist nicht schwer zu erkennen. Dieses legen wir bei in goldner Urne, bis ich auch Sinke zum Hause des Pluto — Dann erhöhn wir den Hügel zum Grabmal; aber ich wünsch' ihn Nicht von stolzer Größe, nur mäßig. Breiter und höher Möget ihr, Freund', ihn künftig erbarm, so viele von euch mich Ueberleben - Groß endlich in den Kampsspielcn, in der Ueberwin- dunq sein selbst, da er den Leichnam Hektors zurück- giebt, in der Behandlung Pciamus dabei, groß von Anfänge des Gedichts bis zu Ende. Scherzend spricht er zu Priamus: Greis, wie schläfst du so unbekümmert, kein Uebel befürchtend , Wenn dich allhier Agamemnon entdeckt, und die andern Achäer: — der Poesie und bildenden Künste. 95 Dies ist das lctztemal, da Agametnnons in der Ilias gedacht wird; wie tief steht er unter Achill, in dessen Zelte sein Feind ruhig schlaft! Ich weiß wohl, daß man die gedrohte Mißhandlung am Leichnam Hektars dem Achilles hoch aufnimmt; aber preiset sie Homer? und verhindern sie die Götter nicht selbst, denen Achilles sogleich, wie ein jKind, gehorchet? Und was hatte Hektar mit Patroklus Leiche im Sinn, über die ein so hitziger Kampf war? — Man ist gewohnt, Achill und Hektor zum Nachtheile des Ersten zu vergleichen; nach welchem Maaß- stabe? Nicht mir waren es verschiedene Charaktere, und zu Achills Charakter gehörte, was er war, untrennbar; sondern Hektor war auch ein Trojaner- Daß in Troja, dem alten asiatischen Königssitze, ein größerer Reichthum, eine weichere Lebensart herrschte, als in den meisten griechischen Staaten sepn konnte, zeigt sich in mehreren Stellen der Jliade; der Charakter des ersten Trojaners mußte diesem Zustande gemäß sepn. Der Spiegel Homers, in welchem sich alle Dinge der Welt gleich klar und rein darstellen, zeigt alle Gestalten gleich menschlich und milde. Bei völligen Gegensätzen scheint eine Vergleichung kaum möglich; und doch wirft Homer auf alle, wo irgend er kann, den milden Strahl der Menschheit. Sein Gedicht endet, ehe Troja erobert wird, ehe wir also die Gräuelthaten der Griechen in dieser eroberten Stadt gewahr werden. Selbst sein Held hatte das gute Schicksal, die schreckliche Folge seiner 96 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Tapferkeit nicht zu erleben; er siel, wie wir aus andern wissen, im Thore von Troja. Und bei Homer, sobald Achill mit feinen neuen Waffen daher sicht, geht er zum Tode. Dies weissagt ihm seine Mutter, seine weinenden Rosse, der sterbende Hektar, und er selbst weiß cs. Sein Leben ist an Patroklus Leben geknüpft; Ein Hügel soll sie decken, und Eine goldene Urne Beider^Aschc am troischen Strande vereinen. Was überhaupt der Glaube an ein Schicksal, was die Thaten der Götter, ihre Hülfe und FAnd- schaft gegen Völker und Menschen, in die Eomposi- tion Homers an Rübe, Milde und hoher Ergebenheit bringen, ist unsäglich. Man nehme diese göttliche Farce, wie manche sie genannt haben, (,v.c„z>ov), aus seiner Jliade; und das Ganze wird widrig oder platt, wie fast alle politische Geschichte. Und doch ist alles Zuwirken der Götter bei ihm so menschlich, so natürlich! -Nirgends ein zerstörendes Wunder; allenthalben nur der Gang des Menschengemüths, der Mcnschenkraftc, sofern er ans Zufällige, ans Unvorhergesehene, ans Unendliche reichet. Was zumal die Götter über die Sterblichen und über Achills Rosse sprechen, die einem Sterblichen dienen, ist scelezer- schneidend. " Menschlicher Homer, wie liebe ich dich in allen deinen Formen und Gestalten! Auch Paris, auch die Sünderin Helena hast du nicht verschmähet, und beide in das schönste Licht gestellt, in welchem sie stehen konnten. Nicht vergessen sind ihre Brüder Eastor und Pollux; ibr Menelaus, sammt Ulyfi, sind mit allen Würden geschmückt, deren sie auf der Ebne vor Troja fähig waren. So Ajax, Diomed, Jdomeneus, der Poesie und bildenden Künste. 97 Jdomeneus, Nestor; jeder erscheint an seinem Orte, zu seiner Zeit in der Rennbahn des Ruhmes. Kurz oder lange leuchtet sein Schein; aber er geht nach Verdienst auf und nieder. Drei Lehren drückst du schweigend vor allen uns ins Herz: 1. Olsclts justltiain, iniserl, ei non teransrs älvos, welches ich hier so übersetzen mochte: Lernt, ihr Fürsten, gerecht seyn und treffliche Männer verehren. Dies lehrt uns mit seinem Uebcrmuche der prächtige Agamemnon in der ganzen Jliade. Er gränzt an alle Ausschweifungen, die Aristoteles Ethik kannte, an die Habbegierde (Akolafle), den Neid, die Scha am l 0 sig k e it und B ei fa llg eb ung , die Prahlsucht; doch gränzt er nur daran, denn der weise Homer hat ihn vor jedem Zuge des Verächtlichen bewahret. Er ist und bleibt bei ihm ein unsträflicher König. Achilles dagegen besitzt den Kern dessen, was die Griechen Tugend nanm ten , Großherzigkeit () und edcln Stolz, hohes Selbstgefühl und die äusserste Wahrheitsliebe. Er ist frei- ge big und auf eine anständige Art prächtig, höflich in seinem Zelte und bis zur Schaam bescheiden; dabei gebildeter, als alle Griechen: denn er war Cbirons Zögling und ergötzte mitten im Unmuth kein schw.rbcladnes Herz durch Töne. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. VH. G ^L.u.Lr-e/«. 98 II. Ideen zue Geschichte und Kritik Der wärmste Freund seines Freundes, an Stärke, Tapferkeit, Schönheit und Ruhmliebe über alle Griechen erhaben. Und an diesem gottgeliebten Sohne einer Göttin und eines Helden zeigt uns Homer 2. die erschreckliche Plage des harten, obwohl gerechten, Unmut Hs. Achill konnte ihm nicht entweichen: denn der Vorfall, der ihn dazu reizte, drang auf ihn, ohne daß er ihn suchte. Er kann, die ganze Jliade hindurch , als Achill nicht anders handeln, als er handelt. Das Unangenehme aber dieses Unmuths für ihn und für andre entwickelt der Sauger durch Worte aus des guten Phönix, ja aus Achills eignem Munde Und durch Erfolge in lauter lebendigen Situationen. Sogar das herbeieilende letzte Schicksal des Edelzürncnden sehen wir in diese Reihe der Dinge verflochten, in diesem ihm unvermeidlichen Unfälle. Konnte ein zarterer Punkt des menschlichen Herzens und Lebens zarter behandelt werden, als es der Dichter gethan hat? Gemeine Seelen wissen nichts vom edeln, göttlichen Unmuth; wie manchem größeren Gcmüthe aber ist er die Klippe des Glücks, seiner Brauchbarkeit fürs gemeine Wesen, des häuslichen und täglichen Wohl- seyns, ja endlich des Lebens selbst worden! Mehr als Ein Gekränkter hat die Klagen angestiMmt, die Achill am Ufer des Meers seiner Mütter zuseufzte; er konnte aber keinen andern Trost hören, als jenem die Göttin selbst zu geben vernivchte. 3 . Endlich, welch eine böse Sache ist der Krieg! Und wie mißlich ist jede Regieruntzsart unter den Menschen, so unumgänglich sie ist im Kriege und der Poesie und bildenden Künste. 99 Frieden! Beides hat uns Homer so vorzüglich und hell dargclegt, daß wir auch hier den Meister sehen, der in die rohesten Dinge Weisheit und Menschlichkeit brachte. 6 . Sohn! dir werden die siegende Srarke »ach ihrem Gefallen, Pallas Und Juno verleih»; du aber bezähme des Herzens Stolzaufwallenden Muth: denn gütige Triebe sind edler. Diese Lehre laßt Homer den alten Peleus seinem Achilles aus den Zug vor Troja mitgeben, unj> die ganze Jliade ist ei entlieh ein Lob der Philo- phrosyNe, d. i. gefälliger, menschenfreundlicher Gesinnung: Unmukh ist dem Homer eine Plage des Lebens, selbst wenn cs ein gerechter, göttlicher Un- muth wäre. Er frißt am Herzen, und naget ab die Blülhe des menschlichen Lebens; bei den menschlichsten Gesinnungen wird der Gekrankte wider seinen Willen ein Unmensch. Die älteste griechische Philosophie ging da hinaus, das Gemnth der Menschen vor jedem Aeußcrsten zu bewahren; die älteste Philosophie der Griechen aber war bei den Dichtern. Mit Rechtschaffenheit, Ruhm und Gesundheit ein heiteres, frohes Leben führen zu können, stelieten sie als den höchsten Wunsch der Sterblichen dar, G 2 rau II. Ideen zur Geschichte und Kritik und warnten vor jedem Uebcrmaaße, vor jeder zu hart angesessenen Neigung. Wie klar muß es in der Seele Homers gewesen scyn, da ec, sein ganzes Gedicht hindurch, gleichsam die Waage Jupiters in der Hand haltend, die Neigungen und Charaktere der Menschen gegen einander im Streike und in Folgen abwog! Der Schild Achilles zeigt bei ihm- wie er sich die Welt dachte; unbefangen sah er ihre mancherlei)- einander oft nahe entgegengesetzten Sccnen; froh.i.he und traurige, ruhige und stürmische Scenen, und schildert sic, wie dort Vulkan sic hämmerte, glanzend und unvergänglich. Wem Homers Muse den Nebel vom Auge nimmt, gewinnet über die Dinge der Welt gewiß eine große, weise und am Ende fröhliche Aussicht. Wie Achill mit seiner Leier den Unmuth sich zu zerstreuen suchte: so war es das Amt der lyrischen Dichter, der Menschen Herz zur Mäßigung in Glück und Unglück zu stimmen und eS zur Freude, Freundschaft und Heiterkeit zu ermuntern. Leider sind die meisten derselben untergegangen; die übriggebliebcnen Reste aber zeigen diese Bestimmung. Pindar selbst, ob er gleich laute Siege besingt, hat so manchen Spruch in seinen Gesängen, der zur Mäßigung im Glücke, zum behutsamen Gebrauche des Lebens einladet; so manchen, der dem Unmuthe zuvorzukommen sucht, oder nach Erfahrungen desselben die Seele des Kampfers edel erquicket. DaS feine Echo der Griechen, (wie Einer unserer Freunde ihn nannte), Horaz, lhut ein Gleiches. Es wäre zu wünschen, daß er in seiner wohlgefälligen, einschmeichelnden Art auch uns eigen werden der Poesie und bildenden Künste. ic,r könnte; vielleicht ist dies ober unmöglich: denn die meisten seiner Oden sind zu künstlich eingelegte musivische Arbeit. Mehrere derselbe», wissen Sie, sind ncich dem Lateinischen in Musik gesetzt; ich wollte, daß auch aus den, für uns nicht ganz brauchbaren, Oden alle rein - menschliche Strophen, alle beruhigende, tröstende, aufheiterndc Sprüche und Empfindungen latein compvnirt würden. Stellen aus Virgil desgleichen. Ich erinnere mich aus Luther, daß ihm einige Worte der sterbenden Dido in der Musik einen unvergeßbaren Eindruck gemacht hatten; wem würden nicht jene ewigen Sprüche der Alten, mit welchen sie im einfachsten, kräftigsten Ausdruck das Menschengcmüth starken, einen nach - und wicder- tönendcn Eindruck geben? Durch Musik ist unser Geschlecht humanisirt worden; durch Musik wird es noch humanisiret. Was dem Unmuthigcn, dem licht- lds - Verstockten die Rede nicht sagen darf: sagen ihm vielleicht Worte auf Schwingen lieblicher Töne. Wenn dies von Gefangen der Alten gilt, sollte es nicht viel mehr von Sprachen gellen, deren Genius uns vertraulicher und naher Laute des Trostes und der Weisheit zulispelt? Kein Zweifel. In den Dichtern der Italiener, Spanier, Gallier, schlummern Töne, die, wenn sie durch Musik und Anwendung zur Weisheit des Lebens würden, Völker und Stande menschlich machen müßten. Auch in unfern lyrischen Dichtern sind Strophen, die der sokratischen Schule würdig sind; warum leben sie so wenig im Ohr der Nation? warum schlafen sie mit ihren Erfindern vergessen im Staube? io2 II. Idem zur Geschichte und Kritik Die Ursache ist leicht zu finden: „weil nur ein so kleiner Theil unsrer Nettion cultivirt ist, und bei einem andern die scheinbare Cultur zu einem falschen Schmuck fremder Ueppigkeit geworden ist." Wir wollen es uns nicht bergen; man spricht viel von Cultur und Aufklärung; man affektirt und fürchtet sic so gar, vielleicht, weil man an sich selbst weiß, daß sie nicht tief gebet, daß sie selten von rechter Art ist. Denn wirklich gebildete Gemüther, (in dem Verstände, wie Griechen und Römer dies Wort uns zugcbracht haben), können am Nutzen der achten Bildung nicht zweifeln. Doch wo geratbe ich hin: Lassen Sie uns schn.ll zu unsrer Materie, zu dem unverfänglichen Wunsche nach C omposi tionen schöner Stellen aus la tei Nischen Dichtern, zurstckkeh- ren. Oft, gar oft, wenn ich geistliche Musiken über lateinische Mönchsworte hörte, regte sich das Verlangen in mir, auch altrömische Stellen mit solcher Musik begleitet zu hören; und als in Reicher cd cs Lodtenfeycr auf Friederich nach Lucche- sini's Worten altrömische Tugenden, eine nach der andern, auf des Unsterblichen Grab auch in Tönen sich zudrangtcn, ward der Wunsch aufs neue in mir lebendig. Strophen aus Hora;, (z. B. B. i. Ode 7. V. 2i. — 32 . B. 2 Ode ro. V. i 3 —2g.) oder ganze Stücke mit zweckmäßiger Abwechselung, (wie vielleicht B. 1. Ode 2g 26. B. 2. Ode 3 , 11. ig. 16. 19. 20. B. 3 . Ode 2. 9. 21. B. g. Obe 7. bpode 7.), würden der Musik nothwendig den eigenthümlichen Schwung geben, der ihr bei unsirn verbrauchten Sylbenmaaßen zu der Poesie und bildende» Künste. ro3 finden oft schwer wird. Der Hörer würde dadurch gewiffcrmaaßen in die römische Welt, oder wenigstens in Zeiten seiner Jugend versetzt, in welchen er Horciz zuerst lieben lernte. Wie glücklich war überkaupt dieser Dichter! Nicht nur im Leben, sondern auch in der Reihe von Wirkungen, die ihm nach seinem Tode das Schicksal anwies. Die lyrischen Dichter der Griechen sind untergegangen; Er fast allein hat uns mehrere Formen ihrer Gedanken, ihrer Empfindungen, ihres Ausdrucks, ihrer Sylbcnmaaßc in seinen Nachbildungen gerettet; und was damit für ein Schatz gerettet sey, hat die Zcitfolge erwiesen. Die Pindari- sche Form, die Form der griechischen Scholien und Ehyre, war und blieb den Sprachen Eucopa's unanwendbar; in der Horazischen Form erhob sich die Ode, selbst zu einer Zeit, da die Nationalsprachen der Europäischen Völker ungebildet dalagcn. In allen Ländern schlossen sich die Geister deS Gesanges dem Bcnusinischcn Schwan an, und drückten zuerst in dcp geliehenen lateinischen Sprache Gesinnungen aus, die sie in ihrer Landessprache noch nicht auszudrücken vermochten. Wie niedrig ists, was B a l- d e u. a. Deutsch sangen; wie edler, wo sie das von Hvraz geheiligte Werkzeug der Sprache anwendcn konnten! Ohne ihn hätten wir keinen Sarbievius, dessen Oden, von Götz u. a. wiederum in unsre Sprache übertragen, immer noch den Römisch-Griechischen Geist athmen. Gehen Sie in diesem Gesichtspunkt die Sammlungen durch, die Gruter u. a. von den lateinischen Dichtern der Italiener, Gallier, Belgcn, Deutschen, Dänen, iv4 H- Ideen zur Geschichte und Kritik Schotten, Engländer u. f. gegeben haben; unter vielem Wortgcklingel werden Sie unstreitig wahre ckslicias finden. Jeder edlere Dichter vergaß gleichsam den Lauf der Dinge um ihn her; über die Vorurthcile seines Landes, seiner Sccte, seines Ordens hinausgesctzt, mußte er gleichsam mit dem Römischen Dichter auch Römisch denken. Was späterhin in unsrer Sprache eben auch durch die Horazische Form geweckt und in ihr vorgetragen sey, darf ich Ihnen aus Klopftock, Götz, Uz, Rammler u. a. nicht ansühren. Horaz ist Sänger der Humanität gleichsam vorzugsweise, die Form seiner Gedanken ist oaS erwählte Lieblingsmaaß der lyrischen Muse worden. O daß wir also schon Stellen, wie solche: Virus snnrma lorsuis —nil cks- s^srancluin — Du ris guussisris — kslices tsr er uinplirrs — guock si liireicio — lingusricln isllus — nrsrnento — rekus uriAusris — slrsrr triALC.ss — recnin vivers srnem, re- cum vboanr lik-ens — in lateinischer Sprache com- ponirt hörten! Hier eine von Sarbievs unschätzbaren Oden auch in der Form des R.nurs: An die Weisheit. Die bu, höchste Vernunft, weise die Schickung lenkst; Wie zuweilen der Ernst deiner Verfügungen Uns ergötzet, ergötzen So die menschliche Spiele dich? der Poesie und bildenden Künste. rc>5 Mit freigebiger Hand streuest du Güter aus. Und wir raffen sie auf, wenn sie gefallen sind, Wie die Jugend die Nüsse , Mit kurzweiligem Zanke rafft. Wer jetzt Kronen erhascht, bricht sie; werIepter kriegt, Sieht sic wieder entführt, eh er sie tragen kann. Welt! so schwankst du, zerrissen Von den Händen der Mächtigen. Was das geizige Glück unter die Völker theilt, Ist ein Pünktchen. O laß, Weisheit, ich flehe dir ! Mich, indeß sie so zanken, Mit dir lachen und fröhlich seyn. 7- Ein zweites Fragment aus der Handschrift Zo- nicn handelt Non der Humanität Homers in Ansehung des Krieges und der Kriegführenden seiner Jliade. Lassen Sie es jetzt statt meines Briefes gelten. Selbst in dem Heldengedicht, das größtcntheils Thaten der Krieger besingt, dachte Homer über Krieg und Frieden menschlich. Nicht nur, daß er jenen so oft den t h r a n cn r e ich en, männer- fr essenden, verderblichen, harten, bösen Krieg nennet; er laßt keine Gelegenheit vorbei, ihn io6 II. Ideen zur Geschichte und Kritik seiner Natur nach, mit allen begleitenden Ucbeln, durch Thatsachen zu schildern. r. Die Jliade beginnt mit einem Greise, der um seine geraubte, liebe Tochrer vergebens flebet; und bald wird cs nicht verschwiegen, daß die Griechen alle benachbarte Küsten und Inseln geplündert, daß sie die neun Jahre her großemkeils vom Raube gelebt haben. Schon faulet das Holz an ihren Schiffen, die Seile vermodern; Ihre Weiber daheim und unerzogene Kinder Schmachten, sie wiederzusehn — daher denn, als Agamemnon ihnen den Vorschlag that, nach neun Jahren vergeblicher Arbeit wieder die Schiffe zu besteigen und — zu fliehen zum wcrthen Geburtsland; so hatte er kaum das Wort gesprochen, als die Versammlung cs in freudigem Ernst befolgte: — Der Staub stieg unter den Füßen der Männer Wallend empor, und einer ermahnte den andern zur Eile, Daß sie die Schiff' erreichten und bald ins Wasser sic zögen. Nur durch vieles Zureden und durch den gebietenden Stab des Königs konnte die kriegssatte Schaar wieder in die Versammlung, durch neue dringende Vorstellungen von Schande, Ruhm und Hoffnung wieder ins Feld gebracht werden. 2 . Denn es hatte sich zur Last des Krieges auch die Plage der Pest gefunden; eben sie unterlaßt XE'. »Mi der Poesie und bildenden Künste. 107 Homer nicht im Anfänge der Iliade schreckhaft zu zeichnen. — Die Aölker aus ArgoS Fielen bei Haufen dahin ; die scharfen Pfeile des Gottes Flogen tödtend umher im ganzen achäischen Kriegsheer, Daß man täglich die Leichen, gethürmt in Haufen, verbrannte. Denn wem ist unbekannt, daß ansteckende Krankheiten das gewöhnliche Gefolge aller Kriegs- Heere sind, und elender metzeln, als das Schwert des Feindes? 3 . Als die Göttin endlich im Buken der Griechen die Streitlust wieder erweckt, Daß sie nach unablässigem Kampf und Schlachten sich sehnen, und ihnen der Krieg wiederum viel süßer dünkt, — als vormals Ihnen die Rückfahrt schien zum werthe» Lande der Hcimath, will der Dichter dem blutigen Gefechte noch durch eine billige Auskunft zuvorkommen. Mene- laus und Paris, deren Sache es eigentlich allein ist, um deren willen Menschen hingeopfert werden, sollen durch einen Zweikampf den Zwist entscheiden. — Ihn Härten mit Freude die Griechen und Trojec Hoffend, das Ende zu sehn des elendbringenden Krieges. tz) D 108 II. Ideen zur Geschichte und Kritik 4. Da dies Mittel aber nicht gelang, und die Heere gegen einander ziehen müssen, von wem laßt sie der Dichter empören?. Die Trojcr von Mars,, den sein Vater, Zupiler, selbst späterhin also anredet ^ Wisse, dich hässlich am meisten von allen Bewohnern des Himmels: Denn du findest nur Lust an Zank und Kriegen und Schlachten. Achnlich bist du der Mutter am unerträglichen Starrsinn, Der nie weichet und kaum von mir durch Worte gezähmt wird. Dfi» Griechen regt Pallas auf, und mit beiden Aufrege rn sind ^ — Das S ch re ck e n , die Furcht, die rast- loswükhcnde Zwietracht, Schwester des menschenverderbcnden Mars und seine Gehülsin, Die, erst klein, sich immer erhebt, bis endlich ihr Haupt sich Hoch in Wolken verbirgt, indem sie die Erde be- wandelt; Diese durcheilte die Heer' und sa'te zu beider Verderben Streitgier unter sie aus, und mehrte der Krieger Getümmel. . ind diese Namen hier allegorische Kunstwerke» esp enst er sinds, die Homer eben deswegen schreckhaft einführet, weil durch Personen, die in der Poesie und bildenden Künste. 109 bestimmten Umrissen erscheinen, die Wirkung nicht hervorzubringen war, die er Hervorbringen wollte. So scheint er zu andrer Zeit den Zorn, die Schadenfreude, das schrecklichergrcifcnde To des verhau gn iß zu personisiciren; zu gleichem Endzweck, unsere Begriffe ncmlich zu verwirren durch diese un- umschriebene Wortlarven. Der Zorn ist ihm wie ein Rauch, und die Zwietracht erhebt sich gleicher Gestalt zwischen Himmel und Erde. — Von allen Künstler-Ideen weggcsehen, wie wahr und wie gräßlich! Aus einem Nichts entspringet die Zwietracht und wird in kurzem unermeßlich. Nie umschrieben in ihrem Wesen kommt sie vielleicht aus Einer Kammer hervor und durcheilt Staaten, durcheilt Heere, säet Verderben und Streitgffr umher, immer das Haupt in hohen, unabsehlichen Wolken verborgen. Selten wissen die Menschen, weshalb sie streiten; je langer aber, desto hartnäckiger hadern sie: denn von Schritt zu Schritt wachst die unersättliche Eris. 5. Jetzo trafen sie nah' auf Einem Raume zusammen, Schild und Lanzen begegneten sich und Kräfte der starken Eisengepanzertcn Männer. Es stießen die bäuchi-- gen Schilde Wechselnd gegen einander, und ward ein schrecklich Getöse. Laut ertönte zugleich das Jammern und Jauchzen der Krieger, Schlagender und Erschlagner; es strömte von Blute die Erde. rro II. Ideen zur Geschichte und Kritik Da sich Homers Jliade einem großen Thcile nach mit diesem Gemetzel beschäftigt: so wird das Menschengcmüth des Dichters hier vorzüglich fühlbar. Seine Tobten laßt er nie als Thiere fallen; er bezeichnet, so viel er kann, in einigen Versen als Menschenfreund ihr trauriges Schicksal. Dieser wird nie mebr zu seinen geliebten Eltern, zu seinen Brüdern, seiner Gattin, seinen Kindern wicderkehrcn; jener hat Reichthum, Wohlstand, eine glückliche Ruhe verlassen, die er nie mehr genießen wird. Einen andern zeichnet er als Künstlet, als einen geschickten, schönen, gottbegabten Mann; seine Kunst ist dahin, seine Schönheit verwelket, der Götter Gaben werden mit der Asche begraben. Jenen hat falsche Hoffnung, eine trüglichc Weissagung ins Feld gelockt; der Tod ergreift ihn, schwarze Nacht umhüllet sein Auge. Und ferner. Mehrere dieser Erinnerungen sind so zart, daß sie Inschriften zu den Grabmalern der Erschlagenen se»n könnten, wenn arme Kriegsccschlagenc Grabmal und Urne erhielten. 6. Merkwürdig ist hiebei, daß Homer dieses zärtliche Andenken am meisten den Trojanern schenket. Er ein Grieche, der den Ruhm griechischer Helden verewigen wollte, war zugleich ein Asiat, ein Ionier, ein Mensch, und ich möchte sagen, ein Bcdaurer des Trojanischen Schicksals. Weit entfernt von der barbarischen Kleinmurh, seine Feinde verunglimpfend zu belügen, zeichnet er ihr zarteres Gc- müth, die größere Weichlichkeit ihres Klima, ihre Familienneigunge» , ihre Künste, ihr Wohlbehagen zu Frjedenszeilen, in Zügen, an denen sich offenbar der Poesie und bildenden Künste. m das Auge des Dichters selbst ergötzte. Die armen Trojaner sind ihm eine Heerde Schaafe, die von Wölfen angefallen wird; unter ihnen sind viele fremde Bundesgenossen, die am Schicksal der bedrängten Königsstadt nur aus nachbarlichem Mitleid Thcil nehmen. Uns den inneren Wohlstand Troja's zu zeigen, unser Her; für die Bedrängten mitfühlend zu machen, führt er seinen edlen Hekcor im Anfänge des Treffens in die Stadt zurück. Er zeigt uns Priamus und seiner Söhne Wshnungen, zeigt uns die Helena selbst in einer zwar erniedrigten, aber nicht unwürdigen Gestalt; so die Acltcsten der Stadt, so endlich Andromache und ihr Kind. Rührender ist wohl kein Abschied geschildert worden, als den Hektar von ihnen beiden nahm; und cs ist eine Ueber- kritik der Grammatiker, daß in der Andromache Rede einige Verse zu allgemein und zu viel seyn sollten. Bei dem Dichter spricht sie im NaMen aller trojanischen Frauen, für sie und ihre verwässeren, gefangenen Kinder. Auch hat sich Homer wohl gehütet, uns die Unthaten selbst zu erzählen, die dieser traurige Abschied nur vorahnet, ob sich gleich der Grund seiner ganzen Odyssee, die unglückliche Rückfahrt der Griechen, großen Theils aus sie bezog. Weder mit der Grauelthat des Ajax vor dem Bilde der Pallas, noch mit des Priamus, der Polyxena und Andrer unwürdigem Morde hat seine Muse sich befleckt; die Künstler und tragischen Dichtet nahmen ihre Vorstellung dieser Scenen aus andern sogenannten cyklischen Dichtern. Hektars letzter Gang nach Troja ist bei Homer in jedem Schritte groß und heilig. Der Edle will die zornige Göttin versöhnen und seine geliebte Vaterstadt entsündigen; daher er ns 1k. Ideen zur Geschichte und Kritik auch den Missethater Paris ins Feld fordert, bis am skaischen Thore endlich, an diesem Unglücksorte, der traurige Abschied die Scene endet- Homer war keiner von denen, die ihrem Lieblingshelden die ganze Welt aufopftrn. Seinen Achilles kleidet er in gottahnüchc Große; Hcktor dagegen in alle Würde und Zierde des Verthcidigers seiner Geburtsstadt. Beide Helden konnten in dem menschenverderblichen Kriege nicht auf Einmal glanzen; indeß jener also einige Tage ruhet, lasset er diesen sein Glück aufs höchste treiben; bis er durch Anlegung der Waffen Achills die Nemesis reizet, und, dem Lode ein Opfer, dasteht. So übertrieb Patroklus seine Bestimmung und sank; nicht von Hektor, sondern zuerst von Apollo selbst rückwärts getroffen, daß Achills Waffen von ihm sielen. So sollte, hinter Homers Jliade, Achilles, da. sein Ziel erreicht war, auch sinken. DaS Schicksal aller Dreien, der edelsten Männer, ist in einander verwebt, und der Tod Eines ein Verkündiger vom Tode des Andern. Im Leben und Tode ehrt Jupiter den Hcktor. Da er vom Zorn der Juno ibn nicht erretten kann, opfert er seinen eigenen geliebten Sohn Sarpedon mit ihm zugleich auf, und seinen Leichnam entzieht er der Rache Achills auf die edelste Weise. Und wie den Hcktor, so bat Homer den alten Priamus und alle seine Kinder gechrct. D e i- phobus ist vom Apoll begeistert, wie keiner im griechischen Heere; selbst Paris Vorzüge werden bei allem Tadel, der ihm gebührt, nicht verschwiegen. 7 . War- der Poesie und bildenden Künste. 113 7. Warum untersagt Priamus bei dem Begräbnis; der Erschlagenen seinem Heere die weinende Trauerklage ? Offenbar lag dies Verbot in der Situation der Trojaner. Sie, eine Versammlung asiatischer, weicherer Völker, an die laut-weinende Traucrklage mehr noch als die Griechen gewöhnet, sie, die in der Nahe ihrer Verwandten, Kinder und Weiber, vor Troja's Mauern ihre nächsten Freunde und Landsleute bestatten, und in ihrem Tode ihr eignes Schicksal voraussahen, sie hatten ein solches Verbot nöthiger, als die härteren Griechen, die der angreifende Thcil waren, und, fern von den Ihrigen, nur ihre Mitstreiter begruben. Um Patroklus Leiche weinen die Griechen, insonderheit die Myrmidoncn, am heftigsten Achilles; auch Briseis weint und die übrigen Weiber, letztere aber Um ParrokluZ zum Schein, im Grund' um eigenes Elend» 8. Noch mehr zeigt die Menschlichkeit Homers sich in-der Weisheit, mit der er über das Schicksal des Krieges dachte. Alles Kriegsunglück laßt er durch Fehler entstehen, durch Fehler und Leidenschaften der Götter und Menschen. Das alte Troja wird vom Jupiter dem Eigensinne eines un- verföhnlichcN Weibes aufgeopfert, die eine Reihe ihrer Lieblingsstädre hingebcn will, wenn Jupiter hier nur ihren Willen erfüllet. Die keuscheste, stolzeste Göttin erröthet nicht, ihre Umarmung zum Netze des Betruges zu machen, aus tiefem Groll lieblos Liebe zu heucheln, mit geborgtem Schmucke an offe- HerdersM.z.schön.LIt.ri.KUnst. VII. H ALd.u.Lrre/b. ii4 H> Zdeen zur Geschichte und Kritik nem Tage aus der Gattin eine berückende Buhlerin zu werden, nur damit einige Trojaner mehr bluten, indeß ihr bestochener Kämmerling, der Schlaf, dem ^ schicksalwagenden Gott die Augen zuschließt. Das Aeußcrste der Rache eines Weibes! Gegen Troja stehen zwei Weiber, für Troja zwei Männer; wer zweifelt, wenn es auf Haß ankommt, welche Par- thei zum Ziele gelangen werde? Ging es in den hartnäckigsten Kriegen der Erde je anders? In der menschlichen Scene hangen, wie vorher gezeigt worden, der Griechen Unfälle bei Homer lediglich vom Stolze und Wahne des Königes ab, dem keiner der rathgcbenden Fürsten sich zu widersetzen getraute. Ein falscher Traum ist seine belehrende Gottheit; sonst erscheinet ihm keine, (deren mehrere doch andern erscheinen), während der ganzen Jliade. Dieser falsche Traum heißt Dünkel, dem Agamemnon, schon seinem Namen nach ein Jupiter auf Erden, zum Verderben seines Volkes, gehorchet. Den ältesten Rathgcber besticht er damit, daß der Traum in seiner Gestalt erschienen sey; andre Fürsten schweigen oder wetteifern thöricht mit Achilles Ruhm. So kommt durch Einen, durch Wenige das ganze Heer an den Rand des Abgrundes. Zu spät wird gesprochen, zu spät geweinel; und unter diesem allen ist und bleibt Agamemnon der sorgsamste Hirte der Völker. O Homer, so oft ich von neuem deine Jliade lese, finde ich in ihr neue Züge der ordnenden Weisheit, Klugheit und Menschenliebe, mit der du wilde Verhältnisse eines rohen Zeitalters erzählest. Und keine Lehre, keine Warnung entfließt deinen Lippen, als ob sie die der Poesie und bildenden Künste. n5 deinige wäre; jedes Lostet, jede Thorheit, jede Leidenschaft selbst lehret und warnet. Diderot über die Einfalt in Homer. „Die Natur hat mir Geschmack an der Einfalt gegeben, und ich bemühe mich, diesen Geschmack durch das Lesen der Alten vollkommner zu machen. O mein Freund, wie schön ist die Einfalt! Wie übel haben wirgethan, uns davon zu entfernen! Wollen Sie hören, was der Schmerz einem Vater eingiebt, der jetzt seinen Sohn verloren hat? Hören Sie den Priamus. Wollen Sie wissen, wie sich ein Vacer ausdrückt, der dem Mörder seines Sohns fußfällig flehet? Hören Sie eben den Priamus zu den Füßen des Achilles. Was ist in diesen Reden? Kein Witz, aber so viel Wahrheit, daß man fast glauben sollte, man würde eben so wohl als Homer darauf gefallen seyn. Wir aber, die wir die Schwierigkeit und das Verdienst, so einfältig zu seyn, ein wenig kennen, mögen diese Stellen nur lesen, mögen sie mit Bedacht lesen, und hernach alle unsere Schreibereyen nehmen und ins Feuer werfen. Das Genie.laßt sich fühlen, aber nicht nachahmen." — . H» - ii6 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Was Diderot hier von Homers Einfalt sagt, mochte ich von seiner Humanität sagen. Man lese seine Beschreibungen des Todes der Erschlagenen, man lese Hektars Abschied von seinem Weibe und Kinde, man bemerke jeden Zug, mit dem der Dichter des Achills erwähnet, insonderheit, wenn er ihn selbst redend einführet, auch was er hie und da über das Glück und Unglück des menschlichen Lebens, über Reichthum, Ehre, Adel der Seele und des Geschlechts, über Gerechtigkeit, Tapferkeit, Geduld, Weisheit, Mäßigung, Sanftmuth, Gastfreundschaft, Verschwiegenheit, Treue, Wahrheit, über die Verehrung der Götter, die Ergebung in den Willen des Schicksals, und die ihnen entgegengesetzten Thorheiten und Laster einstrcuct; welch eine Schule der Humanität ist in ihm! 8 . Lessings Emilia Galotti hat mich wieder einmal ins Theater gelockt; wie zufrieden, ja gesättigt bin ich hinausgegangen! Ein Theaterstück muß gesehen, nicht gelesen werden: denn wenn es ist, was es seyn soll, so ist ja eben auf die Vorstellung alles berechnet. Ich kann mir nicht einbilden, daß, wenn Stücke dieser Act, (aber auch keine andre als solche), wöchentlich nur Einmal, auf die leidlich- vollkommenste Weise gegeben würden, und diese Stücke lauter Stände und Situationen unsrer Welt, der Poesie und bildenden Künste. n7 wie dieses, enthielten, das Publikum ungebildet, unerleuchtet bleiben könnte. Bei der zweiten Ausgabe des Di de ratschen Theaters bezeugte Lessing diesem Schriftsteller öffentlich seine Dankbarkeit, als dem Manne, der an der Bildung seines Geschmacks großen Antheil habe. Denn, fahrt er fort, „cs mag mit diesem auch beschaffen seyn, wie cs will: so bin ich mir doch zu wohl bewußt, daß er ohne Diderots Muster und Lehren eine ganz andre Richtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eignere; aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufriedener gewesen wäre. " Und setzt sodann weiter den Einfluß ins Licht, den Diderots Stücke, insonderheit sein Hausvater auf das deutsche Theater gehabt haben. Sie wissen, wieviel Diderot darauf hielt, daß Stande aufs Theater gebracht werden sollten, und was Lessing in seiner Dramaturgie dabei zu erinnern fand. Natürlich können Stände ohne bestimmte Charaktere auf dem Theater keine Wirkung thun; aber bilden sich die Charaktere der Menschen nicht in und nach Standen? und welcher Stand hatte auf den Charakter mehr Einfluß, als der Stand eines Prinzen? Hier hatte also Lessing ein weites Feld, das philosophische Allgemeine, dadurch Aristoteles die Poesie von der nackten Geschichte unterscheidet, als Philosoph und Dichter zu bearbeiten. Er zeigt den Charakter des Prinzen in seinem Stande, den Stand in seinem Charakter, beide von mehreren Seiten, in mehreren Situationen. Nicht nur bringt er den Prinzen in seiner gegen- n3 II. Ideen zur Geschichte und Kritik wärtiqen Gemüthsstimmung mit den verschiedensten Personen, Männern und Weihern, mir Künstler und Eanzler, Kammerhcrr und Kammerdiener, mit einer Geliebten , die er jetzt nicht geliebt haben, und einer andern, die jetzt von ihm eben nicht geliebt seyn will, mit dem Vater, der Mutter, dem Bräutigam derselben, ja mit sich selbst in Gespräch und Handlung; er unterläßt auch keine Gelegenheit, in jeder dieser Situationen eigentlich nach dem Ringe zu rennen, und wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, das Prinzliche dabei zu charakterisiren. Niemand wird unverschämt genug seyn, deshalb das Stück eine Satyre aus die Prinzen zu nennen: denn nur dieser Prinz, ein italienischer, junger, eben zu vermählender Prinz ists, der sich diese Spaße giebt und bei Marinelli andre zuläßt. Auch ist sein Stand, seine Würde, selbst sein persönlicher Charakter in Allem zart gehalten, und mit wahrer Freundlichkeit geschcnet. Am Ende des Stücks aber, wenn der Prinz sein verächtliches Werkzeug selbst verachtend von sich weiset, und dabei ausruft: „Gott! Gott! ist es zum Unglücke so mancher nicht genug, daß Fürsten Menschen sind; müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?" und die unschuldige Braut dabei im Blute liegt, der Vater, ihr Mörder, sich eben vor diesen Fürsten, als vor seinen Richter stellt, Marinelli, der Unterhändler dieses Gewerbes, sich noch bedenkt, den Dolch aufzuheben; wer ist, dem, wenn in solcher Situation der Vorhang sinkt, nicht noch andre Gedanken , außer dem, den der Prinz sagt, in die Seele strömen? Nokhwendig fragt man sich, wie wird das Gericht über den alten Odoardo ablaufen? der Poesie und bildenden Künste. 119 wie lange wird Marinelli entfernt seyn? d. i. wie bald wird er, wenn sein Dienst abermals brauchbar ist,, wicdcrkchren u. f. ? Es ist vielleicht das höchste Verdienst der Poesie, insonderheit des Drama, Stande und Charaktere aller Art, (wenn mir das niedrige Gleichniß erlaubt ist), an dem feinsten Spieße, aufs langsamste am Feuer eigner Thorhciten, Neigungen und Leidenschaften umzuwendcn. In der Seele des Zuschauers werden diese Stande und Charaktere dadurch gahr, oder, mit einem edleren Ausdruck, gerundet- Man stehet, was an der Figur Ernst oder Scherz,. Wort oder That ist; man blickt auf den Grund hinunter, und greift das Beständige oder Unstatthafte ihres Charakters, ihre Bersatilitat und innere Ehrlichkeit gleichsam mit Händen. Die alte Tragödie ging darauf hinaus, durch Darstellung unerwartet-schrecklicher Königsunsalle und Katastrophen die Urlheile der Menschen zu berichtigen , ihre Grundsätze zu sichern, und das pooo zoiü und xooo Mono der Leidenschaften, der Furcht und des Mitleids, dem Zuschauer auf ächter Waage vorzuwägen. Die neuere Tragödie, wenn sie gleich ihren Bogen nicht so scharf spannen und ihre Keule so rasch schwingen kann, als die alte, hat dennoch mit ihr einerlei Endzweck. Sie spricht zum innersten Gefühl, zur treuesten Ehrlichkeit des Menschen; die Uebelthat kann sie auch jenseits der Gesetze verfolgen, so wie das Lustspiel die Thorhcit auch jenseits der Gesetze straft. Beide sind Sprecherinnen vor dem erhabensten Nichterstuhl unsers Geschlechts, vor der Humanität selbst, und ventiliren, be- i 2 o II. Zdeen zur Geschichte und Kritik scheinigen und gegenbescheinigen vor ihr auf die schärfste, freieste Weise. Lessing kannte diesen Prozeß über die innere Ehrlichkeit eines Charakters aufs genaueste; sein Tellheim ist ein von allen Seiten geprüfter, militärischer Charakter; alles, was um ihn steht, was ihm begegnet, sichtet ihn das ganze Stück hindurch moralisch. Wen solche Komödien und Trauerspiele nicht bearbeiten können, der möchte durch Worte schwerlich zu bearbeiten seyn. Man rückt Lessingen vor, daß er die zarteste Weiblichkeit, das über allen Ausdruck reizende je ns sai8 czuol des schönen Geschlechts nicht gekannt und solches eben sowohl in der Emilie als der Minna, der Recha als der Orsina verfehlt habe. Sie sind, sagt man, bei ihm Kinder oder Männer, Helden oder schwache Geschöpfe.-- Zch kann über diesen Punkt nicht entscheiden. Sollte cs aber keinen Unterschied geben, wie ein weiblicher Charakter im Romane und auf der Bühne erscheinen darf? Das neuere Theater ist bei allen Völkern Europa's, vorzüglich Spaniern und Franzosen, aus romanhaften Erzählungen und Sitten entstanden; sollte es diese nicht ablcgen dürfen? ja, sollte es sie endlich nicht oblegen müssen, da diese fremde Schminke aus der wirklichen Welt theils schon verbannet ist, theils in Manchem offenbar ihrer Verbannung zueilck? Das Theater der Alten kannte diese romantische Schminke nicht, und doch waren ihre Weiber Weiber. Wie dem auch sey, in diesem Stücke getraute ich mir, den Charakter der Emilie, Orsina, ge- der Poesie und bildenden Künste. 121 schweige der Claudia, völlig vcrtheidigcn zu können; ja, es bedarf dieser Vertheidigung nicht, da sich hier Alles in der Sphäre eines Prinzen, um seine Person, um seine Liebe, Treue und Affektion drehet. Wer kennt die Ucbermacht dieses Standes beim schönen Geschlechtc nicht? und wer darf cs der Emilie in diesen Augenblicken einer solchen Situation verargen , wenn sie den Dolch ihres Vaters einer künftigen Gefahr vorziehet? Das flatternde Vögelchen, (verzeihen Sie das naturhistorifche Gleichniß), fürchtet nicht etwa nur den anziehenden Hauch der nahen großen glanzenden Schlange; es fühlet denselben schon, sieht ihren auf sie gerichteten Blick — oder ohne Gleichniß, sie glaubt sich schon umschlungen von tausend feinen Netzen liebenswürdiger Eigenschaften , weiß, wie der Prinz ihre Empfindungen der Religion selbst vorm Altäre störte, und wagt, wie eine Heilige, den Sprung in die Fluth. Wie verstandvoll hat Lessing das Herz der Emilie mit Religion verwebet, um auch hier die Starke und Schwache einer solchen Stütze zu zeigen! Wie überlegt laßt er den Prinzen sie am heiligen Orte aufsuchen , sic in der Kapelle vor aller Welt anreden, und stellt die schwache Mutter, den strengen, groll- haftcn Fürstcnfcind, Odoardo, neben sie. Ihr Tod ist lehrreich-schrecklich, ohne aber, daß dadurch die Handlung des Vaters zum absoluten Muster der Besonnenheit werde. Nichts weniger! Der Alte hat eben sowohl, als das erschrockene Mädchen in der betäubenden Hofluft den Kopf verloren; und eben diese Verwirrung, die Gefahr solcher Charaktere in solcher Nahe, wollte der Dichter schildern. »22 II. Ideen zur Geschichte und Kritik So erlaube ich auch der Orsina, (die nothwen- dig mit Mäßigung gespielt werden muß), ihre Verhöhnung des Marinclli, selbst ihre höllische Phantasie im siebenten Auftritte des vierten Akts. Wenn sie nicht den Mund öffnet, wer soll ihn öffnen? Und sie darfs, die gewesene Gebieterin eines Prinzen, die in seiner Sphäre an Willkühr gewöhnt ist. Als eine Beleidigte, Verachtete muß sie anjetzl übertreiben, und bleibt in der gcößesten Tollheit die redende Vernunft selbst, ein Meisterwerk der Erfindung. So auch das Uebereilen des Plans, das Hineinkappen des Prinzen, und vor Allem, seine unbescholtene Rechtfcrtigkeit, Alles veranlaßt, gebilligt, ^ und am Ende doch, nachdem der Plan verunglückt, nichts befohlen, nichts gethan zu haben. In wenigen Tagen, fürchte ich, hat er sich selbst ganz rein gefunden, und in der Beichte ward er gewiß absol- virct. Bei der Vermählung mit der Fürstin von Mafia war Marinelli zugegen, vertrat als Kammerherr vielleicht gar des Prinzen Stelle, sie abzuholen. Appiani dagegen ist todt; Odoardo hat sich in seiner Emilie siebenfach das Herz durchbohret, so daß cs keines Bluturcheils weiter bedarf. Schrecklich! — Als ich, voll dieses Eindrucks, nach Hause' kam, siel Diderot mir in die Hand, und zwar folgende Stelle: „Der Schauplatz ist der einzige Ort, wo sich die Thräncn des Tugendhaften und des Bösen vermischen. Hier läßt sich der Böse wider Ungerechtigkeiten aufbringen, die er selbst begangen hätte; der -Poesie und bildenden Künste. 12) hier Hot er bei Unglücksfällen Mitlcidcn, die er selbst veranlaßt hätte; hier ergrimmt er gegen Personen von seinem eigenen Charakter. Aber der Eindruck ist geschehen, und er bleibt, auch wider unfern Witten; der Böse gehet also aus dem Schauplatze, weit weniger geneigt, Übels zu thun, als wenn ihm ein ernster und strenger Redner eine Strafpredigt gehalten hatte. „Der Dichter , der Romanschreiber, der Schauspieler dringen verstohlner Weise ans Herz, und treffen cs um so gewisser und stärker, je weniger es den Streich vermuthet, je mehr Blöße cs folglich giebt. Die Unglücksfätte, durch die man mich rührt, sind erdichtet: was thut das? Sie rühren mich doch.- Jede Zeile in dem Ehrlichen Manne, der sich der Welt entzogen, im Dechant von Killerine, im Cleveland, erregt in mir ein zärtliches Theilnehmen an den Unglücksfällcn der Tugend, und kostet mich Thronen. — Könnte cs eine unseligere Kunst geben, als die, die mich zum Mitschuldigen des Lasterhaften machte? Aber wo ist auch eine schätzbarere Kunst, als die, die mich unvermerkt für das Schicksal des- rechtschaffenen Mannes einnimmt, die mich aus der ruhigen und süßen Fassung, in der ich mich befand, reißet, um mich mit ihm umherzutreiben, mich in die Höhlen zu versetzen, in die er flüchten muß, mich zum Milgenossen der Unfälle zu machen, durch die es dem Dichter beliebt, seine Beständigkeit auf die Probe zu stellen? " „Wie sehr ersprießlich würde es für die Menschen sepn, wenn sich alle Künste der Nachahmung einen gemeinschaftlichen Gegenstand wählten, und sich 124 II. Ideen zur Geschichte und Kritik einmal mit den Gesetzen dahin verbanden, uns die Tugend liebenswürdig und das Laster verhaßt zu machen! Des Philosophen Pflicht ist es, sie dazu einzuladen; er muß sich an ^en Dichter, an den Mahler, an den Tonkünstler wenden, und ihnen auf das nachdrücklichste zurufen: „o ihr von hohem Fähigkeiten, warum hat euch der Himmel begabt?" — Wird er gehört, so werden gar bald die Mauern unsrer Pallaste nicht mehr von Gemahlden der schändlichsten Wollust bedeckt seyn; unsre Stimmen werden nicht langer die Verkündigerinnen des Lasters seyn; und Geschmack und Tugend werden dabei gewinnen." „Ich habe manchmal gedacht, daß man gar wohl die wichtigsten Stücke der Moral auf dem Theater abhandeln könnte, ohne dadurch dem feurigen und reißenden Fortgange der dramatischen Handlung zu schaden." „Nicht Worte, sondern Eindrücke will ich aus dem Schauplatze mitnehmen. Das vortrefflichste Gedicht ist dasjenige, dessen Wirkung am längsten in mir dauert." „O dramatische Dichter! Der wahre Beifall, nach dem ihr streben müßt, ist nicht das Klatschen der Hände, das sich plötzlich nach einer schimmernden Zeile hören läßt, sondern der tiefe Seufzer, der nach dem Zwange eines langen Stillschweigens aus der Seele dringt und sie erleichtert. Ja, cs gicbt einen noch heftigeren Eindruck, den sich aber nur die vorstellen können, die für ihre Kunst geboren sind, und es voraus wissen, wie weit ihre Zauberey gehen kann: diesen nemlich, das Volk in einen Stand der Poesie und bildenden Künste. 126 der Unbehaglichkeit zu setzen; so daß Ungewißheit, Bekümmerniß, Verwirrung in allen Gemüthern herrschen, und eure Zuschauer den Unglücklichen gleichen, die in einem Erdbeben die Mauern ihrer Hauser wanken sehen, und die Erde ihnen einen festen Tritt verweigern fühlen."- 9 - Als Swift über Gullivers Reisen brütete, schrieb er an Pope: „ich habe ganze Nationen, ganze Professionen und Zünfte immer gehastet; meine Liebe gehet nur auf einzelne Personen. Z. B. ich hasse die Zunft der Nechtsgelehrten, aber ich liebe den Rath N. den Richter N. N. So habe ichs, (von meiner eignen Profession nichts zu sagen), mit den Aerzten, mit den Soldaten, den Engländern, Schotten, Franzosen u. f. Vornehmlich aber Haffe und verabscheue ich das Geschöpf, der Mensch genannt, obschvn ich den Johann, den Peter, Thomas u. f. von Herzen liebe. An dieses System habe ich mich (unter uns gesagt) nun viele Jahre her gehalten, und werde mich immer daran halten. Ich habe Materialien zu einer Abhandlung gesamm- let, welche zeigen soll, daß man den Menschen unrecht durch ein vernünftiges Thier desinirt, und daß man blos ein vcrnunftfahiges Thier setzen sollte. Auf dies starke und feste Fundament der Misanthropie, (wiewohl nicht nach Timons Manier), gründet sich das ganze Gebäude meiner Reisen; 126 II. Ideen zur Geschichte und Kritik und ich werde nimmer ruhig seyn, bis alle chrliche Leute hierüber meiner Meynung sind. Die Sache ist so klar, daß sie keinen Widerspruch leidet; ja, ich will Hundert gegen Eins setzen, daß Sie und ich in dem Punkte übereinstimmen. " Diese Uebercinstimmung war ein freundschaftlicher Wahn, oder ein Eomplimcnt, das der von seiner Meynunq durchdrungene Swift sich selbst machte. Pope schien ihm Recht zu geben, äußerte aber zugleich, daß er Maximen schreiben wollte, die Rothe fouca ult s Grundsätzen insgesammt entgegengesetzt waren; wogegen Swift in noch härteren Ausdrücken den R o c he fo uca ul t, als seinen Liebling, in welchem er seinen ganzen Charakter gefun» den, heftig in Schutz nimmt. Bei Swift nemlich war diese Menschenfcind- schaft nicht witzige Laune, sondern ein bittrer Ernst, wie seine Schriften, wie sein Leben es zeiget. Er hatte einen so tiefen Groll gegen die menschliche Gesellschaft gefaßt, daß selbst seine Menschenfreund- schaft, seine strenge Sorge für die von der Natur und dem Staate verwahrloseten Unglücklichen sich in dies rauhe Gewand kleidete; er schien ein Zuchtmeister , auch wenn er ein wohlwollender Freund war. Es hieße, Worte verschwenden, wenn man über das von Swift aufgestellte Paradoxon in der Form difpuciren wollte; jedermann stehet, was in ihm wahr oder übertrieben sey. Eine andre, oft aufgeworfene Frage: ob es besser sey, von den Menschen zu gut oder zu schlimm zu denken? d. i. den Menschen zu schmeicheln, oder der Poesie und bildenden Künste. 127 sie mit Schärfe zu behandeln? führt, wie mich dünkt, ihre Auflösung auch mit sich. Man muß keins von beiden, und eben hierin bestehet die Philosophie und Kunst des Lebens. Alle Ucbcrtreibungcn sind eben so unwahr, als schädlich; meistens fallen sie auch zusammen und lösen einander auf. Poung z. B., der in seiner Schrift über die Driginalwerke den armen Swift heftig und in der Gestalt des Menschenfreundes selbst menschenfeindlich angriff, hat sich gegen das von ihm verehrte Geschlecht eben so versündigt, da er ihm in seinem jetzigen Zustande die Würde des Seraphs anschmcichcln, als Swift, da er es zum Pahoo erniedrigen wollte. Jener, um sein System zu verfolgen, ward gezwungen, den Lorenzo zu einem Teufel zu machen, damit der erdichtete Engel in sein Licht träte; dieser mußte seine vernünftigen Pferde mit allen Vollkommenheiten schmücken, die ec doch nur im Menschengeschlechts kannte. Dem guten Rousseau ist es Zn seinen Uebertreibungcn nicht anders gegangen; in der Phantasie ein Idealist fürs Gute, mußte er in einzelnen Urtheilen und im Betragen des Lebens ein leidendes Kind werden. Zwischen zwei Aeußersten giebt es keinen andern Weg der Vernunft und Rechtschaffenheit, als die Mittelstraße. Man sage so viel Gutes, man schreibe so viel Böses vom Menschen, als man wolle; lediglich kommts auf den Gebrauch an, den man von beiderlei Urtheilen macht, wie man sie durch lhätige Güte und Weisheit zusammen vereinet. Das edlere Schauspiel der Griechen hatte zum Zweck, zwischen beiden Extremen eine weise und tu- L28 II. Idem zur Geschichte und Kritik gendhafte Mitte im Menschen zu befestigen; o hätten wir Menanders und Philcmons Schauspiele! Die übriggeblicbcnen wenigen Stellen und Sprüche zeigen, daß in ihnen der Mensch von allen Seiten betrachtet und zur Lehre ausgestellt worden, wie cs denn auch Terenz, der halbirte Men and er, klar an den Tag leget: Sprüche aus Philemon. Beschwerlich ist ein unverständiger Zuhörer; vor dir sitzend, tadelt er Aus Thorheit nie sich selbst» — * Biel leichter, eine Krankheit, als den Gram Ertragen. — * Der Seele Kummer wird durch Rede leicht» * Wer unter uns dort außerhalb der Stadt Der Menschen Gräber sieht, der sage sich: Auch Jeder dieser sprach einst zu sich selbst: „Ich werde, wenn die Zeit kommt, schiffen, pflanze», „Die Mauer brechen und besitzen." Jetzt Besitzen sie ein Grab. Ihr Götter, welch ein wohlgeartet Thier Ist eine Schnecke! Kommt auf ihrem Gange Sie der Poesie und bildenden Künste. 12I Tie einem bösen Nachbar nah; sie hebt Ihr Haus und wandert weiter. Darum wohnt Sie sorgenlos, weil sie die Bösen immer flieht. Er ist ein Knecht; hat aber Fleisch und Blut Wie du: denn keiner ward durch die Geburt ein Knecht; Unglücklich Schicksal macht zum Sklaven nur. 4 - Ein böser Diener wird der Strafe nicht entgehn; Du aber sey der Strafe Büttel nicht. * Dein Wort, o Freund, hat deine schöne Lhat Geschmäht; des Reichen Lhat hat Bettlers Wort vernichtet. Rühmst du die Gabe selbst, die du dem Freunde gabst, So warst in Lhaten du ein Feldherr, und im Wort Ein Mörder. — Sprich nicht: „das will ich geben." Denn wer spricht, Der giebt noch nicht und hindert Andrer Gaben. Mit rechter Unterscheidung gib und nimm. Das kleineste Geschenk, es wird das Größeste, Wenn du's wohlmein e nd giebst. * Den Armen haß' ich, der dem Reichen schenkt; Er schilt das Glück, die Unersättliche! — Sey einem Alten, der La fehlt, nicht hart; Ein alter Baum ist zu verpflanzen schwer. * Im Alter kommt der Rcichlhum uns zu gut, Er führt den Alten glücklich an der Hand. HerdersWcrke z, schön.Lit.u.Kunst. VIl, I r3o II. Zdeen zur Geschichte und Kritik Was grämest du dich, Freund? du weißt es ja, Daß eben wenn das Glück den Menschen lacht, Zu jedem Unglück es die Pforte finde. Luch über Keines Unglück freue dich: Denn alles mischt und kehrt das Schicksal um. * l. Nie schilt das Glück. Du weißt, zu böser Zeit Gehn auch der Görter Sachen selbst nicht wohl. * Gesundheit ist mein erster Wunsch; der zweite Glück im Geschäft; der dritte Freude; dann Noch Einer: „keinem je verpflichtet seyn! " — * Erst sieht, bewundert, dann betrachtet man Und fallt in Hoffnung, und zuletzt in Liebe. „Sag' an, wie soll ich Gott gedenken mir?" Daß Er, der alles sieht, unsichtbar sey. * „Was machst du, Syra? Wie besindst du dich?" Kannst du noch also fragen einen Greis? Ein Greis ist nimmer wohl. Man sagt mit Recht, Und kann es sagen: „auch der Lod ist gut. " * „Was ist es denn? warum will er mich sehn?" Isis, wie die Kranken, wenn der Schmerz sie quält, Und sie den Lrzt erblicken, besser sind? So der Betrübte; sichet er den Freund Rur neben sich; gleich lindert sich sein Gram. * Auf Erden lebt kein Mensch, nicht Einer lebt, Der Böses nicht erfuhr, wie? oder noch Erfahren wird. Nur wer, was ihm begegnet, Aufs leichtste nimmt, nur der ist weis' und glücklich, * der Poesie und bildenden Künste. »3r Erkenne, was der Mensch ist, und du wirst Doch glücklich scyn. Hier hörst du Einen todt; Dorr ist ein anderer gebohrenj diese Gebühr nichr, jenem ging cs übel; der Har Husten; jener weint. Das alles bringt Die Menschheit mit sich; fliehe Nur den Gram. * Viel Unglück ist in dielen Hausern, das, Wenn man es gut erträgt, uns Gutes bringt. » Der Menschen Viele machen sich das Uebel Noch größer, als es ist. Dem starb ein Sohn; Dem eine Mutter; dem, beym Jupiter! Gar ein Verwandter. Rahm' ers, wie es ist, So starb ein Mensch. Das ist an sich das Uebel. Nun aber ruft er aus l „das Leben ist für mich Kein Leben mehr! Er ist dahin ! Ich wtrd' ihn Nie wieder sehn!" Er sieht den Unglücksfall Allein in sich und häuft auf Uebel Uebel. Wer alles mit Vernunft betrachtet, wie Es an sich selbst, und nicht für ihn nur sey, Empfängt das Glück Und hält das Unglück fern. In Traurigkeit sein selbst noch Meister seyn; Dies ists, was mich erhält, und was den Menschen Macht. ck Wir armen Menschen! Unser Daseyn ist Ein Leben ohne Lebest. Mcynungen Beherrschen uns, seit wir Gesetze fanden, Der Vor!- und Nachwelt MeynuNgen. Wir suchen Dem Uebel zu entgehn und finden uns Zum Uebel Vorwand. I r i 32 n. Ideen zur Geschichte und Kritik Wer, was er sagen soll, nicht saget, der Ist immer lang, und sprach' er nur zwei Sylbciv, Wer gut sagt, was er saget; ob er viel Und lang' auch spräche, der spricht nie zu lang,. Sieh den Homer. Er schrieb viel tausend Worte, Und wem schrieb er zu viel? * Wenn, was wir haben, wir nicht brauchen, und Was wir nicht haben, suchen: ach so raubt Das Glück uns Jenes, Dieses wir uns selbst. * Gerecht ist nicht, der niemand Unrecht thut; Der ists, der Unrecht thun kann und nicht will. Nicht der, der kleinen Raubes sich enthält; Der ists, der großen Raub mit Muth verschmäht, Wenn er ihn haben und behalten kann. Nicht der ists, der dies alles nur befolgt, Der ists, der ungeschminkten, reinen Sinns, Seyn ein Gerechter und nicht scheinen will. * So viele Künste es, oLachcs, gab; Kein Lehrer, alle lehrte sie die Zeit. Nicht Körper nur; es wachsen mit der Zeit Auch Dinge! — Endlich den Hauptspruch: E, T-L?'' «r-A«, >««« «L>. Du bist ein Mensch; das wiß' und denke stets daran. / der Poesie und bildenden Künste. »33 »o. Neben den Griechen ist schwer zu stehen, und doch haben auch Wir Stücke, die neben ihnen stehen können und dürfen. Menschentugend. Die Ohren und die Herzen willig her, Ihr Menschen! Euer Gott hat mich gelehrt, Was Lugend scy: ich lehr' es, Menschen, Euch! Dem Nackenden von zweien Linnen Eins Um seine Blöße selbst ihm schmiegen, und Von zweien Broden Eins dem Hungrigen Darreichen, und aus seinem Quell dem Mann, Der frisches Wasser bittet, einen Lrunk Selbst schöpfen, flöß' er noch so tief im Lhal. Ihr meine lieben Menschen, Tugend ist: Dem Hülfedürftigen zuvor mir Gold Und Weisheit kommen: seine Seele sehn, Und seinen Kummer messen; und sich frcun, Daß etwa Gold und etwa Weisheit ihn Der Freude wiederbringen; ihn auch nicht, Wer seines Kummers Ueberwinder war, Erfahren lassen — Menschen, Tugend ist: Und wenn die Bosen alle gegen euch In ihrer Bosheit wütheten, und sich Verschworen hätten alle gegen euch, iZch H- Ideen zur Geschichte und Kritik Von Menschenliebe nicht zu Menschenhaß Hinübergehen; immer, immer gut Den Bösen seyn; dem undankbaren Mann Erempel werden edler Dankbarkeit., Ihr meine lieben Menschen, Lugend ist? Dem Gorrerschaffenen Erhalter seyn, Lebendigen das Leben fristen, rohen Stoff Umwenden, so daß er durch euren Fleiß Einst Leben zu dem Leben bringen muß. Ihr meine lieben Menschen, Lugend ist? Die Summe jedes Guten, »reiches Gott In seine Welt gelegr, an seinem Lhcil Vermehren; wenn und wo und wie sie nur Vermehret werden kann. Vermehrest du Die Summe dieses Guten, dann, o dann Sey König oder Bettler, du gefällst Dem Schöpfer alles Guten, deinem Gott. Du willst ihm nicht gefallen? wie? du willst Des Guten Summe nicht vermehren? willst Des Bösen, welches Gott in seiner Welt Jum Guten lenkt, Vermehrer seyn? Sey es? Du wirst dich schämen einst und es hrreun. So unser Gleim in seinem Halladat, oder rothen Buche, dem wir jetzt lieber einen andern Namen geben wollen; es enthält Blatter zum achten Koran der Men sch e n g ü t e. Und dieser Lehrer spricht nicht nur, er thut auch also. der Poesie und bildenden Künste. r35 Während Sie, m. Fr., um den Ruhm der Nation wetteiferten, war ich in der Versammlung der blühendsten Völker der Erde. Alle standen friedlich neben einander; jedes Geschlecht, jede Art, jede Gattung in ihrem eignen Reize und Charakter. Keine neidete, verfolgte die andre; unter dem blauen Bogen des weiten Himmels genoffen alle das goldene Licht der Sonne, die Balsamkräfte der erquickenden Luft, des Lhaues und Regens. Als ich mit süßem Staunen sie anfah, sang eine Stimme: Flora, dich feiert mein Hymnus, du schönste, doch seltner als Heine Schwestern, des hohen Olymps Bewohnerinnen, gesungen ! Jauchzend gebahr dich die Erde dem alten chaotischen Winter, Dich, du Erstling und Stolz und Wonne der fühlenden Schöpfung. Selig priesen sich einst in deiner Götter-Umarmung Jupiter Pluvius selbst und Hyperions heilige Starke. Ihnen gebahrst du Proserpinens Mutter und später Pomona, Beide schön; doch schöner als beide die blühende Mutter. Und eine andre Stimme antwortete: Flora, du kleidest die Erde mit Hellem smaragdnem Gewände, Schön durchwebet und bunt mit Farben des himmlischen Bogens. i36 II. Ideen zur Geschichte und Kritik ch Prächtig glänzt in der Nacht der Sterne funkelnder Gurt hin, Welcher den blauen Tatar des alten Cölus umwallet; Aber noch reizender geht am offenen Lage die Lcllus, ^ ^ Bon dir, Flora, geschürzt mit leichrem Blumengchänge., " Und es war, als versammletcn sich die Genien der ,' s. verschiedenen Erdezonen. Eine Stimme sprach: ! " ^ Zahllos ist die Menge der blumcntragenden Pflanzen, / Die am saugenden Busen der allernährenden Müller / Mir der oberen Flache der vielgebildcren Blatter Trinken der Sonne Licht; den nächtlichen Lhau mit der unrern. Von den beschneiten Gebirgen der nordischen langen > - Polarnacht, Bis zur erdumgürrenden Zone des heißen AequatorS ' Ist kein Raum so gering' im weiten Gefilde der Schöpfung , Keine der Alpen so steil, und keine der Steppen so sandig , s' Daß sie nicht nähre Geschlechter der Pflanzen, der Lage geeignet. Pflanzen überweben Las Bett der Quellen und Ströme; - Andre nähret der Rhein, und andre der Orellana. Selbst in den finstern Liefen des crdumgürtenden Weltmeers, Wo kein Orkan sie empört, wohin kein Blei je hinabsank, Scherzen in weiten Fluren, umwallt von ragenden Hainen ' Seltsam-gebildeter Pflanzen, die Heerden der Amphi- tritc. dcr Poesie und bildenden Künste. Eine Schwestcrstimme nahm das Wort auf: Sterbliche haben gewähnt zu zahlen die Kinder der Flora, Ihre Geschlechter zu ordnen und ihre Namen zu nennen ; Zwar, wer halste besucht der Ostwelt grünende Wüsten? Wer die Quellen des Ganges und siebenarmigen N i- lus? Wer die geheimeren Fluren der Oceaniden des Aufgangs ? Ihre Gestade beschiffeten Wuchrer; der forschende Weist Seltner. Und wer sah sie, die Kranze der Nereiden, Wenn sie die grünlichen Locken umwinden im Schooße des Weltmeers. Wer hat se die Flechten, wer hat die Moose gezählet, Deren Frühling beginnt, wenn Froste den Herbst entblättern, Deren üppiger Wuchs die Scheitel ätherischer Alpen Da, wo sie Flora verlaßt, mir tausend Farben bekleidet? Hier unterbrach eine sichtbare Scene die Unsichtbaren. Ein Jüngling trat aus dcr Laube hervor, und umwand das Haupt seines Lehrers mit einem Kranze von Blumen, die alle ihm geweiht waren, und in dcr Geschichte der Pflanzen seinen unsterblichen Namen tragen. Er begleitete sie mit Worten der innigsten Herzensvcrchrung in den erlesensten Bildern und zog sich bescheiden zurück. Und von neuem erwachten Gesänge von der Vermählung und dcr nach Jahreszeiten gcord- iZ8 II. Ideen zur Geschichte und Kritik ncten Entwickelung der Blumen. Menschen-, freundliche Genien sangen also: Flora, wo deine Hand mit hymenaischem Bande Nicht im Lenz vermählte der Tellus zahllose Kinder, Trauret umher die Statur in Nahrung - entbehrender Oede. Wein- und gesanglos schleicht Autumnus; es darbet Pomona; Nichtiges Stroh entfaltet der Fackel des Sirius Ceres; Traurig stehet der Hain, der chaonischcn Eicheln entbehrend : Denn es ergrauete schon im April die Hoffnung des Jahres. Glücklich ist der Hirte, der durch gesicherte Habe, Der, durch leitende Weisheit und Güte des Staates veredelt, Lernte der Aemsigkeit Werth und Zukunft - ahnende Vorsicht. Ihn ergreifen mit eisernem Arm des darbenden Jahres Schrecken nimmer; es spendet ihm nicht, wie dem übrigen Zugvieh, Schlechte, kärgliche Kost der unfreigebige Frohnherr. Ihn treibt nicht der Hunger aus thranenloser Despoten kändchen, aus Deutschland hin zu des fernen Astrakans Oeden, Siehe, der reiche Gewinn von tiefer-geackerten eignen Saaten und üppiger Wiesen sich stets erneuernder Kleewuchs Blieb ihm von besseren Jahren. Er theilt den Ueber- sluß willig Mit dein-hülflosen Volk angränzender Sklavenländer; der Poesie und bildenden Künste. r3Z Uber die Treue des Jahrs und der wiederkehrende» Monden Milder Geschenk ersetzt ihm bald den vergessenen Mis- wachs. Eben als ich noch wünschte, daß die Unsichtbaren diese Worte in aller Frohnherren Herz singen möchten , weckte mich ein sanfterer Laut. Er sang die allmahlig anbrechende Zeit des Blumenftühlings: Sieh! im wärmeren Strahle der rückwärts - kehrenden Sonne Freut sich die Blumengöitin bei ihrer Kinder Entwick« lung, Oeffnet die Kelche der Müthen und schmückt die bräutliche Lellus. Zwar es entfalten früher die Schatlengewächse der Haine, Eh sie das Laub bedunkelt mit seiner kühlen Umrvvl- bung, Ihre zärteren Blumen dem ersten Strahle des Lenzes. Blaue Hepatika, dich und das Herzerfreuende Weilchen, Euch erziehn die Dryaden zu ihren frühesten Kränzen. Sie durchweben ihr Blau mit dem Golde des Früh- lings-Crokus Und mit den Silbersternen der A n e m o n e der Haine; Früher blüht der Helleborus, früh die duftende Daphne, Und der Aurik eln Geschlecht, verpflanzte Töchter der Alpen. Aber die späteren Blumen verschließen die duftenden Glocken iqo II. Ideen zur Geschichte und Kritik Noch dem nächtlichen Froste, dem Störer ihrer Befruchtung. Wärmere Löst' umathmen den üppiger schwellenden Frühling; Wenn, von den Horen umtanzt, der Wagen des ^Sonnengottes Steileren Pfades rollt an dem hohen Bogen des Aethers; Wenn in dem jungen Laube die Vögel sich alle begatten, Wenn in den lauen Bächen sich paarend verfolgen die Fische, Oeffnen die Blumen sich auch der allbefruchtenden Liebe. Bräutlich pranget im weiß - und röthlichen Kleide der Obstbaum, Wärmende Augenblicke, sanft wechselnde Regenschauer Ueberweben mit tieferem Grün, mir dichteren Blumen Sonnigte Gipfel und duftende Wiesen, in welchen sich zahllos Wankende Blumen mit Blumen, mit Gräsern Gräser vermählen. Hymen herrschet im Hain; es neigen sich liebesehnend Weibliche Blüthenzwcige zu männlich befruchtenden Aesten. Siehe, der Tannenwald raucht! Es öffnet die feuchte St y m p h ä a Ueber den Wellen den Schoos der Zeugung fördernden Sonne. Fcuerfarbener Mohn und blüthenbestäubter Waizen Taumeln unter einander, verwebr mit blauen Cyanen; Honigsuchende Bienen und laue Lüste befördern Ihren geheimeren Bund; doch keine der Arten verwirrt sich. Liebetrunken schlug die Nachtigall einzelne Tone in diese Beschreibung. Und sie fuhr fort, als eine der Poesie und bildenden Künste. 141 andre Stimme die Vermahlung der Blumen von denen Geschlechtern besang, — bei denen dieselbe Koralle iZn dem ambrosischen Bette voll Honigs und stärkender Düste Mit den befruchtenden Männern die weibliche Zeugungskraft einschlosi , bis zu jenen getrennten Geschlechtern, wo oft Kaum erreichbar ist der Liebesbund der Getrennten. Also entfaltet umsonst die weibliche, unvermählte Palme die Blüthentrauben in Schatten - entbehrender Wüste. Aber der Araber holte, der schmachtenden Braut sich erbarmend , Oft aus fernen Hainen befruchtende Palmenblumen. Oester bringt ein behaartes Insekt, und auf goldgefleckten Federn ein Colibri, gebadet im Blumenstaube, Die befruchtende Kraft des Meilen entfernten Gatten. Ernster wurden jetzo die Töne; liebreichwarnend und tröstend sangen die Genien von schädlichen und heilenden Krautern: Weise hast du, Natur, der Pflanzen Erzeugung geordnet , Gütig und weise die Kräfte der Erde - verschönernden Pflanzen. Nicht der Schüler allein der rettenden Göttin Hygea 142 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Kennt sie, die heilenden Kräfte der aromatischen Staude, Fern am Ganges geholt und vom Haupte der Cordt l l e r a s, (Oft verkannt an Ufern der vaterländischen Bäche;) Sichrer weiß der Wilde die schmerzenlindernde Wurzel Und den geheimeren Srand der fieberheilende» Rinde. Aber er kennet) sie auch, die tödtenden Gifte der Pflanzen, Kennt der Euphorbien Kraft Und der giftigen M a n- cinella - Die den geflügelten Pfeil Mit dem schnellsten Tode bewaffnet. Friedlicher Hütten Bewohner! Die ländlichen Gärten umblühu auch Lödtende Kräuter zuweilen, vermischt mit nährenden Pflanzen. Zwar es meidet das Vieh den Schierling, des Equisetum Und der Cicuta Berührung; es meidet die Wiesenranunkel, Durch den eignen Instinkt vorm herben Tode gesichert. Aber zu oft verkannte der harmlos spielende Knabe Falbes Stramonium, dich, und die Beere derBel- la - Donna , Der frühblühenden Daphne, der rankenden Dulta- m a ra. Tödtet sorgsam, ihr Hirten, die Pflanzen; des blauen Napellus Stauden tödter sie auch und der vielarmigen Wolfsmilch. Eben so menschenfreundlich nannte die Stimme die bekanntesten heilenden Kräuter: der Poesie und bildenden Künste. 14Z Heilend ist der Holunder an Früchten, Blüthen und Rinde, Sanft auflösend der Mohn und die rosenfarbnen Althae n. Blaue Veronica, dich und die Kerze des hohen V e r- baskum, Des Laraxacon Gold, der wuchernden Graswurzel Aufguß, Herber Ci ch 0 rien Saft, und des Löffelkrauts bittere Blatter, Eure lindernden Kräfte verkennt der weisere Arzt nicht, Sorgsam-wählend; es sind des Bescheidneren Heilungsmittel , Einfach, wie die Natur, und Deutschlands Himmel erzeugt sie. Der Inhalt dieser Gesänge dünkt mir so schön, daß ich Sie nicht zu ermüden fürchte, wenn ich Sie noch einmal davon unterhalte. Auf Wiesen und Auen, in Gärten und Feldern blühet der Menschen Gesundheit, Nahrung und Glück; da erholet, da erquickt sich die Seele. Ihr Rcalis hat Recht: „Lust zu Natursachcn ist ein Merkmal der Großmüthlg- kcit. Naturkünstc machen aufrichtig; Schulkünste stolz und grausam." 12 . Von den heilenden Kräutern Deutschlands wand-' te sich der Genius des Menschengeschlechts zu Pflan- 144 H- Ideen zur Geschichte und Kritik zcn, die die Natur jeder Zone, ihr angemessen, schenkte. Sie gab -des Betels Gewächs den Völkern am Indus, Und die Rhabarbar dem Tartar der kalten tungusi- schen Steppe, Gab die Ginseng-Wurzel dem feuchten sinesischen Reisland, Ließ die Dolde der Squilla kanopischen Sümpfen entblühen, Und in Balsamthränen zerfließen die Staude der Myrr rha; Schenkte dem armen Bewohner des reichen Potosi die Coca, Ihm des Guajacks Gummi, den sieberheilenden Baum ihm, Und den sikulischen Hirten die Perlentropfen der Manna. Aer Genius schien eine Biene zu werden, die um ihre süßesten Blumen umhcrflicgt: Aromatischen Balsam entathmen die Pflanzen der Hügel. Duftende Kalamintha, der blaue Salbey und der Thymus, Und die Melisse sind Bienen auf sonnigten Bergen ein Labsal, Wo sich der Rosmarin vermählt mit hohem Lavendel; Jenen Blüthen entwenden sie narbonensifchen Honig, Und den ftrnher-athmenden Nektar Hymettus und Hybla's. Aus der Poesie und bildenden Künste. 146. Aus der Laube erscholl die Stimme: Aber wer kennt sie alle, die Kräfte der heilsamen Pflanzen, Ost vergessene Kunde der sorgsam - forschenden Borzeit, Oder nach Säklen Erfindung der Dioskoriden der Nachwelt. Und der Genius antwortete: Wenn, von alten Systemen entfesselt, bescheidner der Forscher- Einst von Hirten auch lernt und ergrauenden Alpenbewohnern ; Auch den Bergmann verschmähet er nicht und des Gern, senjagers Nicht stets fabelnde Kunst und angeerbces Geheimniß; Siehe! dann werden Contoure der Anmuth, mit Far- benvcrschwendung Blumenfreunde nicht fesseln allein; der Genzianella Tiefgesärtigtes Blau, der Lobelia flammende Röthe, Noch der Purpur und Safran der strahlenden Poin- ciäna, Nicht der Aurikel Sammt und die Strahlen der Ringelblume (Wenn sie die goldenen Augen dem thauenden Morgenrots, aufschleußrs Fesseln allein nicht mehr der Flora sammlenden Günstling. Lhätige Weisheit umstrahlt des menschenfreundlichen Forschers Wärmere Seele, zu nützen mit Muth dem Menschengeschlechts. HerdersWerkez. schön.Lrt.u.Kunst. VII. K i/,6 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Jetzt erhob sich Linnens Urberg der Schöpfung vor mir, auf welchem vom Gipfel an bi? zur niedrigsten Tiefe alle Gewachst blühen, deren Frucht- staub seitdem über die ganze Grdc verweht ist: Reich scyd ihr an Pflanzen von Mannigfaltigen Kräften, Quellentrunkene Thäler und sonnige Hügel der Alpe». Neben dem Akonit entfalten die Gcnz^anen, Töchter desselben Hügels die heilenden ^afranglockcn. Siehe! den Teneriff' und den Flammengipfel des Aetna, Caucasus Felsenhaupt, dich, höheren Chimborasso, Decker ewiges Eis, seit euch die Fluthen umstürmten. Euer beschneieter Scheitel, dem hundert Quellen entstürzen, Der das hohe Gewölbe des Himmels zu tragen uns scheinet, Kleidet sich über den Wolken in reine ätherische Blaue. Fl.ora's Reich beginnet qm Rande des ewigen Schnee- reich s ; Grönlands kurzen Sommern entblühn grönländische Pflanzen. Malaga's Reben umranken den Fuß der Gebirge; dis Höhen DeLet der Saxifragen, der Diapensia Moos^ wuchs. Kurz ist die Lebensdauer der weißen Pigmaengeschlcchter, Welche das Renthier - Moos umkreucht und die A l p e n birk e, Tiefer vermählet der kleine Myrtill und des Rhododendron Purpurdolde sich mit dem erdwärts-kricchcnden Krumm- holz; E' der Poesie und bildenden Künste. Ihre Scharten verbergen die Alpenmaus und das Schneehuhn. Tiefer erhebet der Taxus sein Haupt und der dunkle W a c hh o l dcr, Früher als diese, die Birke, der Laryx, entblättert im Winter. Ihren Füßen entsteigt, gedeckt von ihrer Umschattung, Ein unzähliges Heer balsamischer Pflanzen der Alpen. Heerden irren hier in schwelgendem Ueberflusse Um die genügsame Sommerhülte der Freigebohrnen. Phöbus Strahl entbindet aus tausend würzigen Pflanzen Reinere Lebenslust und rosensarbne Gesundheit. Kühlende Lüft' umwehn euch, Söhne heiliger Alpen, Würziger Pflanzen Duft umsäuselt euch in der Kühlung ; Abrr betäubender ist der Duft von Auranzicn - Hainen , Welche der Wind ins Mces entführt von Portugals Küsten, Oder von Rosengebüschen des zweimalblühenden Pä- stum; Selbst bemoosten Felsen entsteigen dort Veilchengerüche. — Lieblicher seyd ihr noch, ihr Blüthen heißerer Zonen, Lausendfarbige Töchter der senkrechtstehenden Sonne, Deren Hauch mit Balsam die schwüleren Lüfte be- schwängcrt. Dichter sangen nur Rosen, nur Gärten der Hxsxeriden; Niemand feierte noch die tropischen Blüthen des Auf. gangs. K 2 148 H. Ideen zur Geschichte und Kritik Wer sang dich, o Nyctanthes, die Zierde des Ganges- Gestade, Wer, Gar denia, dich, die Königin der Gewächse, Und ambrosischer duftend als beide, den Oelbaum aus China? Wer der Barmelia Gold? und die Früchte der Mangusrana? Staunend verweilt die Muse beim Stamm der keuschen M im o s a, Reizbar wie die Thiere, des Pflanzenreiches die feinste. Und wer sang von euch, ihr amboinischen Haine, Welche der Golddurst mehr, als des Weltmeers stürmende Brandung Rings umher verschleußt dem harmlosen Freunde der Flora. Mitten im brennenden Sand' erhebt sich euer Gewölbe, Neben der höchsten Glut der Sonne die nächtlichste Kühlung. Nicht der M uska tbau m nur, und die aromatische Nelke, Auch des Brodbaums Stamm und die Riesenhöhe des Co kos, Trotzen der Wuth der Orkane — Feirliches Dunkel umhüllt die romantischen Zauberhaine; Keine Blumen entsprossen dem Schooße der nächtlichen Dämm'rung; Aber seidenes Moos und buntgemarmelte Schwämme Decken den Armadill und die vielgeringelte Schlange. Statt der Nachtigall Lied' erschallet der Papageyen Und der Affen Geschrei aus ferner Gipfel Umwölbung. Lauter keimte der Gesang nicht werden. Ich befand mich auf Amboina mitten im Paradiese der Flora, dcr Poesie und bildenden Künste. 149 im Dufte der Blumen, im Lustgeschrci dcr Afftn und Papageyen. Da sang aus der Laube die mildere Stimme: Laß mich, holde Natur, den Sohn dcr kälteren Zone, Deiner Wunder mich immer erfreun im Reiche der Flora, Zwiefach ihrer mich freun auf schönen pannonischen Fluren. Denn schön sind sie die Ufer, an welchen sich Vindobona Spiegelt in dem Silber des mächtigen Kaiserstromes. Und eine andre Stimme: Aber dann erheben sie sich zum reizenden Urbild', Wenn von der feinsten Empfindung und von des reinsten Geschmackes Sicherer Hand geleitet, ein Lascy oder Cobenzel Gärten, wie Oberon, schafft und Paradiese, wie Milton — Gruppen, wie hingezaubert, von Grotten und Wasserfallen , Ueberwölbende Schatten und duftende Labyrinthe Seltsamgebildeter Bäum' und Blüthen wärmerer Zonen , Scheinbare Disharmonie, die sich lös't in den süßesten Wohllaut, Wo in ihren höchsten Triumphen unsichtbar die Kunst wird. Stimmen besangen Kaunitz, Laudons Garten und eine holdere Stimme: i5c> II. Ideen zur Geschichte und Kritik Edle Kinski, du sammelst in Garten, wie die der Armida, Jene Blülhcn umsonst, die der westliche» Atlantide Milderen Sonnen entblühn und jenen des rosigen Aufgangs. Siehe, von allen Blumen, die deinen Tritten entsteigen , Die dein schaffender Wink, genährt von Hyperions Srrahlen Und den Lhranen Aurorens, dem Schoos der LelluS entruset, Ist doch keine so schön, wie du. Eine andre Stimme nannte Garten, Wo in Amerika's Büschen die deutsche Nachtigall flötet; Unerwartet brachte endlich die Stimme des Dichters mich zu mir selbst wieder: Aber auch ihr seyd schön, ihr meines nordischen Landes Ouellentrunkcne Thälcr und grünende Blumcngestade; Flora liebet euch mehr als alle der kältere» Zone Fluren; sie webet in euch sich ihre seltneren Kränze. Reizend ist die Aussicht, gelagert in dunkler Umschat- tung Neberwölbender Buchen und Eichen aus Odins Zeiten, Welche das Meer umstürmt, zu sehen im Wellengetümmel Hundert züngelnde Flaggen und windgeschwängcrte Segel; der Poesie und bildenden Künste. i5r Ueber den Wogen di? Hcldengestade des felsigen Schwedens , Rauch von ihren Städten und Gipfel.von ihren Gebirgen, In dem röthlichen Schimmer des sinkenden Sonnenwagens. Sey mir gegrüßt, du mütterlich Land, im Feierge- sange. Wo mich die Blume des Feldes als Knaben mehr schon entzückte, Als Hyacinthenprunk und eitle Tulpen-Aesthctik, Blülhen ohne Frucht, dcch batavischcn Krämers Erfindung. So löscke sich der Zauber, Ich kenne den Dichter nicht*); könnte ich aber eine Gestalt an mich nehmen, so würde ich in Virgils oder Kleists freundlicher Gestalt vor ihn treten und sagen: „Mann oder Jüngling, du bist werth, unser Genosse zu seyn, ja, eine neue Stufe zu betreten, auf der die Wissenschaft der Natur sich mit der Kunst des Gesanges verbindet. Denn dich umwehet der Geist der Schöpfung; du weißt nicht nur Namen ihrer Kinder, sondern fühlest dich auch in sie, und hast ein *) Er war der verstorbene Freiherr von der Lühe in Wien. Dieser Hymnus an Flora erschien zu Wien i?go, st. und ebendaselbst (gedruckt mit Stereotypen des Grafen Prosper von Sinzendorf, rbo», st.) sein Hymnus an Eeres. (Mm. d. Herausg.) §52 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Herz für die Freuden und Leiden der Menschheit. Die Spruche stehet dir zu Gebot; die Wechsclsccnen der Natur werden dich immer mehr zu wechselnden Tönen begeistern. Auf! und erweitre das Feld deines Hymnus. Die Kränze, damit du deinen Lehrer schmücktest, erwarten auch dich: Sieh', es windet dir Flora, die Liebende dem Ge- tiebrern, Duftende Diademe von Blüthen aus jeglichem Welt- theil. So würde ich zu ihm reden, überzeugt, daß durch das Studium und durch den Gesang der Natur der menschliche Geist erweitert, das menschliche Herz unschuldiger, ruhiger, wohlthätigcr werde. r3. Unbezwcifelt ists, daß durch das Studium und durch den Gesang der Natur das menschliche Ge- müth milder werde. Wer uns eine botanische Philosophie in einem schönen Lehrgedicht gäbe, welchen Rcichthum hatte er vor sich! Ihm stände die gesummte Mythologie, die äsopische Fabel, die Idyllen der Alten, und von den Neuern Rciscbe- schreibungcn, Geschichte, Philosophie, endlich die Naturwissenschaft selbst zur Seite. der Poesie und bildenden Künste. r53 Was haben die Alten in ihren 6aorAicis gesucht, als unter mancherlei Einkleidungen den Menschen menschlich zu machen und ihn allmablig zu Beobachtung der Natur, zur Ordnung, zum Flciße und Wohlscyn zu erheben ? Auch dem Virgil in seinen 6eorgicis können wir diesen,wenigstens mittelbaren, Zweck nicht absprcchen. Er, der außer dem Kriegsglücke der Römer gewiß noch ein ander Glück der Landbesitzer und Landbewohner kannte, wollte durch sein schönes, in vielen Stellen so menschliches Gedicht eben auch dies befördern. Die äsopische Fabel führet uns ganz aufs Land. Hier sprechen Baume, Thiere, Menschen; Naturwahrheit ists, was sie sagen. Und wenn Lessing die Thiere wegen ihrer Charakter - Bestandheit als eigentliche Fabclactoren gerechtfertigt hat; wem bliebe mehr Bestandheit, als dem Baume, der Pflanze, der Blume, der ganzen Naturordnung in ihrem unermeßlich-langsamen Fortschritte? Hier also ist, recht gebraucht, Weisheit und Klugheit der Natur zu lernen; hier oder nirgends. Immer werden uns die schönen Pflanzen- und Baumfabcln, insosidcr- hcit des Orients, reizen, wo sie in ihrer stummen Sprache uns ewige süße Naturwahrhcit sagen. Die Mythologie ist eine belebte Welt. Nur mit Entzücken kann ich daran denken, wie viel Geist, Sinn und Gemüth man in flüchtige Erscheinungen, in wandelbare Gestalten der Natur gelegt hat, allen Menschen zur Ansicht, und dem menschlichem Menschen zur Bildung und Lehre. Wer irgend eine schöne Dichtung der alten Mythologie und Naturlehre uns neu ins Gemüth zu rufen weiß, hat eine Blume i5§, II. Ideen zur Geschichte und Kritik vom Kranze der Mutter der Götter gepflückt und in unsre Garten verpflanzet. Das Idyll der Alten, (cm unbestimmter Name), bat mit dem Verfolge der Zeiten sich gleichsam willkührlich zu Land-, Schäfer-, Hirten-, Fi- schecgedichtcn, kurz in Gesellschaften zurückgezogen, in denen ohne politische Kunst die unschuldige Natur regieret. Manche von Rions, Moschus, Theokrits Gesängen gehören dahin; und die neuere Poesie, wenn sic der politischen Welt und der wollüstigen Kreise satt war, hat ihr Daseyn dahin verleget. Virgil, dessen meiste Eclogen bloße Nachbildungen sind, entbrach sich nicht, in seinem T i- tyrus, Pollio, Silen diese reizende Dichtung als eine Einfassung höherer Vorstellungen zu gebrauchen. Daher, als in den irritieren Zeiten die Poesie wi der auflebte, erinnerte sic sich bald ihres ehemaligen wahren Geburtslandes unter Pflanzen und Blumen. Die Provenzal- und romantischen Dichter liebten dergleichen Beschreibungen; bei Spenser z. B. sind eS noch immer anmuthige Stanzen, die uns schöne Wüsteneien stimmt ihren Gewachsen und Blumen schildern. Mit außerordentlicher Liebe und einem Uebcrfluß der Phantasie sind Eowley's sechs Bücher von Pflanzen, Krautern und Bäumen geschrieben ; ein neuerer Britte, der den botanischen Garten*) nach Linncus Geschlechter-Sy- *) Ibs üotanic Oeerten containing rbe I.oves ob tbe wirb kbilosopbicnll bloies, I.onä, der Poesie und bildenden Künste. i55 stcm, in ibm also vorzüglich die Liebe der Pflanzen besang, scheint, nach Proben zu urthcibn, auch viel Artiges gereimt zu haben. Unter deutschen Dichtern hat von unserm alten Brockes Gehn er mit Recht gesagt: ,,cr hat die Natur in ihren mannigfaltigen Schönheiten bis auf das kleinste Detail genau beobachtet: sein zartes Gefühl wurde durch die kleinsten Umstande gerührt; ein Graschen mitThau- tropsen an der Sonne hat ihn begeistert; feine Ge- mahide sind oft zu weitschweifig, oft zu erkünstelt; aber seine Gedichte sind doch ein Magazin von Ge- inahldcn und Bildern, die gerade aus der Natur genommen sind. Sie erinnern uns an Schönheiten, an Umstände, die wir oft selbst bemerkt haben und jetzt wieder ganz lebhaft denken." Halle r s Alpen, Kleists, Geßners Gedichte, Thomsons Jahrs- zeiten sprechen für sich selbst. Einer der Genannten hatte, als er sein Gedicht über Pflanzen und Baume schrieb, sich aufs Land zurückgezogen, und setzte sich daselbst als einem Lebenden folgende Grabschrift: Gcabfchrift eines Lebende«. Hier ruht, o Wandrer, unter dem niedern Dach Der Dichter Cowlei, selig - entronnen schon Der, ach, wie leeren und wie eitlen Und so entbehrlichen Menschenmühe! In Armuth glanzt er; aber unrühmlich nicht: An träger Muße will er kein Edler seyn. i 56 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Reichthümer, die der Pöbel liebet, Haßte er stets mir der kühnsten Feindschaft. Gib ihm, o Wandrer, gib dem Geschiedenen, Den hier ein kleiner Winkel der Erde birgt, Und ihm genüget, deinen Segen: „Leicht sey die Erde dir! Sorg'- entladner!" Und streu ihm Blumen, Rosen, die bald verblühn! (Ein Abgeschiedner freuet der Blumen sich!) Und mit dem dustendstcn der Kränze Kröne die Asche des glühnden Dichters! Ein sanfterer Naturdichter würde lebend und strebend sagen: st SA0 in ^rceeäia! Ueber die Vergänglichkeit. Eine Ode von Sarbievius. Menschlichem Elend war' es eine Lindrung, Sänken die Dinge wieder, wie sie stiegen, Langsam; doch oft begräbt ein schneller Umsturz Hohe Gebäude. Lange beglückt stand nichts. Der Städt' und Menschen Schickungen fliegen immer aus und nieder. Jahre bedarf ein Königreich zu steigen, Stunden zu fallen. der Poesie und bildenden Künste. 167 Du, der du selbst des Todes Opfer seyn wirst, Nenne darum nicht, weil die Zeit im Stillen Menschen und Menschenwvhnungen zerstöret, Grausam oie Götter. Die dich zum Leben rüste, jene Stunde Rufte zum Tode dich. Der lebte lange, Wer an Verdienst und Lugend sich ein ewig Leben erworben. 14. Die griechische Philomele ist noch nicht verstummt; auch hak sie ihren Schmerz noch nicht vergessen. Sie klagt das Unrecht, das ihr von Menschen geschah und erweicht mit ihrem Gesänge das Herz, sich von gleichem Unrechte zu enthalten. klet klliloinelil wekas; negus gälliia äe xeo- tors oasäis LKluxers notae, signstague sawguiire xluma sst. Ms ihre Schwester, die Schwalbe, sie aus der Einsamkeit des Waldes in die Gesellschaft, in die Hauser der Menschen schmeichelnd einlud: Komm' in das Feld, komm' in die Wohnungen Der Menschen. Mir mir sollst du da vergnügt, "3. II. Ideen zur Geschichte und Kritik Geliebt von ihnen wohnen, wo du nicht Den Lhieren mehr, wo du dem Landmann singst. Ach, sprach sie, laß mich hier in meiner Einsamkeit. Der Menschen Umgang bringt mir nur das Unrecht, Den Schmerz zurück, den ich von ihnen litt. Am liebsten nimmt diese alte Philomele an den stummen Klagen der Menschen Theil, die sich ihrer Einsamkeit nahen. Cie bemerkt die Mienen ihres verschwiegenen Grams, den sie selbst einst ihrer Schwester nur in stummen Bildern entdecken konnte ; seit ihr die Götter ihre Stimme Wiedergaben, gebraucht sie dieselbe also am liebsten zum Tröste des sprachlosen Kummers der Meyschheit. Einen ihrer Gesänge belauschte ich neulich zu einer Zeit, da Nachtigallen sonst schweigen, und thci- le Ihnen solchen, wie ihn ein Freund ausschrieb, mit. Philomele in Tiefurt. Hast du die Klagen gehört, die jüngst vom einsamen Aste ^ An den Ufern der Zlm Philomcla tönte? Mit kamen Einige Laute davon; vernimm von ihnen den Nachhall. „Wie so blätterlos ist der Hain! Wie leer das Gesträuche! Keine Stimme ertönt, als nur der Raben und Elstern Heisres Geschrei. Es klettert und pfeift die diebische Meise An den Orten, die sonst nur meine Lieder erfüllten. der Poesie und bildenden Künste. i5y Ach, wohin ist der Geist der Liebe geflohen? wo ist er, Und wo soll ich ihn finden? Wer wird ihn wieder erwecken ? Wann wir umher im Kreise der schattigen Ulmen ^ der Pappeln, Saßen und uns erweckten zu zärtlichen Liedern: ein Ko» sucht Lockend den andern; es schlägt von der Brust des antwortenden Sängers Lauter die Liebe zurück ans Herz des rufenden: wechselnd Streitet im brünstigen Zwist der Gesangs Es schallet vom Felsen Schallt aus dem Haine wieder; es hebrcher glänzende Bach sich Liebeschwellend empor; von athmenden Wlüthen und Zweigen Haucht balsamischer Dust umher durch die Lüste, und leise Siegt sich die schweigende Nacht mit thaubefeuchteten Schwingen. Aber der Menschen holdes Geschlecht; wie seh' ich sie traurig Jene Gefilde durchwandeln! Wie fremd' am Blick und von Ansehn Wohin wcndt sich ihr trüberes Aug' ? Ach, bin zu den Scenen Voll des Mordes und Bluts! O ruft die Sinnen zurücke ; Warum sie tauchen in Gräul und Elend der Menschen? Wer wird euch rüc» II. Ideen zur Geschichte und Kritik Künftig erwecken die Brust zu sanftern, holder» Gefühlen? Wird dann das beste Glück des Lebens, die Freiheit, so theuer So mit Strömen des Bluts erkauft? Wer wird sie erkennen, Wer die schmalere Grenze, wo Recht sich scheidet vom Unrecht? Blicke des Argwohns begegnen dem Freund aus dem Auge des Freundes. Jedes festere Band des Lebens knüpfet und lös't sich Nur durch Unwill und Wuth. Ich sehe den stilleren Weisen Einsam wandeln; sein Haupt deckt drüber Liefst»»; es hänget Zitternd über demselben das Schwcrdt der Entscheidung; ihm tönen Nicht mehr die Lieder ins Ohr der zarten Liebe, der Freundschaft, Der erweckten Natur, des süßen traulichen Umgangs. Und o, das blühende Mädchen! Ihr Hauch belebte die Wüste, Wenn die Wüste beleben sich könnte. Bon ihrem Gesänge Uebersteigen die Strahlen die meinigen» Wäre zur Blume Sie des Haines geschaffen, kein Blümchen glich ihr an Reize, Keines an himmlischem Glanz noch Duft. Sie sen» ^ ket ihr Auge Nieder der Poesie und bildenden Künste. a6r Nieder vcm nackten Gipfel der hocherhabenen Ulme Auf das verödete Land, und in sich ersterben die Strahlen." Also sang vom schwankenden Ast weissagend der Bogel, Und der Nordwind verstummte; es nahten sich lindernde Weste. Aber es schwebt' in der Höh' mit ansgcspreiteten Ru» dern, Und mit gierigem Aug' ein Geyer, dürstend nach Blute. Dieser ersah den lieblichen Sänger, und stürzt von der Höhe, Faßt und drückt ihn gewaltig mit krummgespitzeter Klaue, Reißt ihm die blutende Brust auf, und hackte begierig sein Leben. Nicht ein leiser wimmernder Laut ward weiter gehöret, Es entfloh die Seele Mit stiller Wehmuth von dannen. v. Knebel. ch —-— Ilicet (bell irrisersin!) tua Osulias exspirsurt! laue, Araui iriosstiriu tacta ckolore jeeur. l^uick ruiseram ckixi? l'stuirrüe keatius vlliiiu est, l'alia cairtairtenr guaiu pvtui«se nrori? Herders W.z.schLn.Lit.u.Kunst. Kli. 2 lr >-«/-. 162 II. Ideen zur Geschichte und Kritik » 5 . An M. Angenehm Hut mich der Name Petrarca in Ihrem Briefe geweckt: er erinnerte mich an die Zeiten, da ich, nicht etwa nur seine Sonnette und Can- zvnen, sondern die Nachrichten aus seinem Leben *) und die merkwürdigsten seiner Schriften und Briefe selbst las. Welch eine falsche Idee hat man gemeiniglich von Petrarca! wie falsch wäre auch die, wenn man sich aus seinen Selbstgesprächen **) etwa nur eine bußfertige Seele oder einen mit sich selbst Unzufriedenen abzöge! Ganz ein andrer Geist lebte in Petrarca. Zuerst trug er das große, unaustilgbare Gepräge der Liebe des Alterthums in seiner Seele; ein Gepräge, das mir allenthalben ehrwürdig ist, wo ichs gewahr werde, und das uns bei ihm, zu seiner Zeit, unter seinen Umstanden, in der Anwendung, die er davon machte, äußerst wohl- thut. Die Griechen kannte er wenig, und setzte sie den Römern nach; er ward mit ihrer Sprache zu *) lVionroires pour In vio äe ketrargus. ^>ust. 1764, 3 Quartbande. Ihre Uebersetzung, Lemgo 177g., ist sehr gut und zweckmäßig. **) Die 3 Gespräche von der Verachtung der Welt. Uebersetzt in Müllers Bekenntnissen merkwürdiger Männer von sich selbst, r, LH. (A. b. H.) der Poesie und bildenden Künste- 16 Z spät bekannt, und da er die Römer als seine Landö- lcute ansah, deren Glanz in Italien er wiederzusebett wünschte; so gab ihnen dieses schon in seiner S.ele einen Vorrang vor allen Völkern der Erde. Nie haben ihre Redner, Dichter und Weisen einen eifri- gern Schüler gehabt, als ihn, der Nicht etwa nur in der Sprache ihnen nachzubuhlen suchte, sondern ihren großen Sinn, ihre hohö Gedanken- weise zur seinigen machte. Dies zeigen seine Schriften und Briefe, seine Sammlungen von Beispielen der Vorwelt, die Grundsätze, an welche er sich hielt, mit welchen er andre tröstete oder weckte, endlich seine lateinischen Gespräche, Gedichte und andre Einkleidungen, in denen man dis zu seine» höchsten Jahren hinauf den Schüler der Alpen wahrnimmt- Hieb klopft Petrarca jedem Jünglinge und Manne auf die Schulter: „liesest du die Alten also? wendest du sie also an?" Petrarca's lateinischer Styl mag unrein seyn; seine Denkart war es Nicht- Ein Freund des Vaterlandes, wie Lullius und Cato, weiß er die strengen Grundsätze eines Seneka durch die gesellschaftliche Theilnehmung und Gefälligkeit des Horaz anmuthig zu mildern. Manche Briefe, in denen er seine Schwachheiten liebenswürdig bekennet und entschuldigt, ja gleichsam mit seinem eigenen HerzcN spielet, sind ganz in der Denkart Horaz geschrieben; und eine sittliche Urbanität ist der CharakleL aller seiner Schriften. Dies Gefühl also, nach welchem er ganz unter den Alten lebte, webte den Faden seiner Begebenheiten, und ward, wie man sagt, der Schmid L 2 164 II. Ideen zur Geschichte und Kritik seines Glücks. Auf eine niedrige Weise, nach den Begriffen seiner Zeit, ein Glück machen, konnte und wollte er nicht; er schlug dazu alle Gelegenheiten aus, die er auch nicht zu brauchen gewußt hatte; dagegen erwarb er sich eine Liebe und Anhänglichkeit, ein'Ansehen und einen Namen, über welchen man fröhlich erstaunet. Welche Briese und Anreden, die er an Kaiser, Könige, Papste, kardinale, Bischöfe und Fürsten schrieb! und welche Art, in der sie ausgenommen wurden! Keine Veränderung der päpstlichen und bürgerlichen Welt, die einigermaßen sein Italien betraf, ging vor, ohne daß er den lebhaftesten Antheil daran genommen hätte; eben weil sein Vaterland so ganz in seinem Herzen wohnte. Vergleicht man in diesem Punkte, im Punkte der Achtung nemlich, die man dem Hellen Verstände, der reinen Wissenschaft Petrarca's erwies, seine Zeiten mit den unsrigcn; welche soll man barbarisch nennen? Dort hatte man wenigstens eine Achtung für den Verständigen, der, obwohl blos ein Mann der Wissenschaft und kein Staats- dicner, bei öffentlichen Anlässen anmuntertc, rieth, warnte, lehrte; jetzt würde dem Petrarca selbst schon der poetische Lvrbeerkranz auf seinem Schädel allenthalben ein Stillschweigen auflegen, wo er nicht zu lobe» vermöchte. Und doch war es eben und einzig diele Liebe und Achtung für Wissenschaften, die den Zeiten aufhals, ohne welche wir noch in der Barbarei) lagen. Wer stehet 'nicht noch jetzt das Bild des Königes Roberts von Neapel, der edel» Colonna's und so mancher andern seiner großen Freunde in Petrarca's Schriften mit Liebe und Bewunderung an ? Wie in einem Traume liefet der Poesie und bildenden Künste. i65 man ihre freundschaftlichen Briefe und hört Petrar- ca's Zeugnisse von ihnen; bis man durch Zeugnisse von andern, die nicht so dachten, eben auch in denselben Briefen unangenehm aus dem Traume geweckt wird. Endlich ist das Ideal von Liebe, das Petrarca mit sich trug und in seinen Gedichten mit unglaublicher Kunst und Sorgfalt ausbildete, gewiß die kleinfügige Idee nicht, die man gewöhnlich sich an ihm denket. Laura möge in Person oder zum leibhaften Petrarca gewesen seyn, wer sie wolle; dem geistigen Petrarca war sie eine Idee, an die er auf Erden und im Himmel, wie an das Bild einer Madonna, allen Reichthum seiner Pbantasie, seines Herzens, seiner Erfahrungen, endlich auch alle Schönbeiten der Provenzalen vor ihm, dergestalt verwandte, daß cr sie in seiner Sprache zum höchsten, ewigen Bilde aller sittlichen W ei b e s sc h ö n h ei t zu machen strebte. Auf griechische Weise konnte dies nicht geschehen; eine nackte Grazie oder eine Venus Urania konnte und wollte er nicht mahlen; cr wählte also die Züge, die in seinem Zeikgeiste, in der provenzalischen Poesie, in den Begriffen seiner Religion und ihren Darstellungen als Stoff eines reinen weiblichen Ideals sittlicher Humanität zerstreuet dalagen, und bildete seine Madonna daraus, die irdische und himmlische Laura. Diese zeigte er in Wirkung auf sich, auf sein eigen Herz, und zwar in man- cherley Umständen, in Wirkung auf seine Schwachheiten sowohl, als auf die edlere Seite seines Ge- mülhs; hierdurch allein ward sie anziehend und be- 166 II. Ideen zur Geschichte und Kritik lehrend. Denn eine Schönheit, die keine Liebe erregt, eine Liebe, die nur Bewunderung ist, und ohne Kumpf mit sich, ohne Fehler und Schwachheiten, seufzet, sind ohne Reiz und Anwendung. Von allem Sittlich - Schönen im weiblichen Charakter pflückte Petrarca die Blhthe, und wand seiner irdischen Freundin, die er vielleicht nur hie und da in seiner Jugend gcsehiz haben mag, die eines andern Mannes Weib und Mutter von Kindern war, die diese Gedichte vielleicht nicht verstand, die wenigsten sah, (denn die schönsten sind nach ihrem Tode gedichtet), einen unsterblichen Kran; uin ihre unschuldigen Schlafe. Wer den Geschmack der pryvcnzali- schen Poesie, wer die Lsgtrics des Dante kennet, wird hieran nicht zweifeln, und die Mühe bedauern, die der Lcbeusbeschreiber Petrarca's, ein Abkömmling der angeblichen Laura, auf die Anwendung jedes Zuges, der ihre Person betreffen soll, gewandt hat. Jeder Liebhaber kann und soll seine Laura in Petrarca's Gedichten finden; er soll sein Her; mit allen Schwachheiten auch darin finden und die Läuterung wahrnehmen, die ein reiner weiblicher Charakter im Gemürhe sowohl des Jfinglinges, als des Mannes bewirken soll und kann. Hiezu steht Laura da; und ich wüßte nicht, ob es einen schöner» Zweck der Poesie der Liebe gebe? wenn einmal diese Gattung Poesie da scyn soll, Gegen die römischen Dichter des Amors, Horaz, Trbull, Proper; macht Petrarca, der Idee seiner versi volZari nach, keinen kleineren Unterschied , als den er der Sprache, den Nationen und Zeiten selbst nach machen mußte. Von unsern erotischen Dichtern steht er in gleichem Maaße gesondert. Da es indessen doch wohl Niemanden der Poesie und bildenden Künste. 167 zu verargen seyn wird, wenn er in seine Liebe G e- müth bringet, und sie nicht blos alt, ein Werk des Bedürfnisses und der Eonvenienz betreibet: so sehe ich auch Pelrarea's Laura als ein Ideal an, das keinen Jüngling verführen, das jedem edelgeschaffe- nen Jünglinge als ein Madonnen - Bild alter Zeiten in einer so schönen Sprache wohlthun wird. Die Empfindungen Pctrarca's, in Ansehung der Freundschaft gegen Freunde, waren diesem Ideal nicht entgegen, und Italien, Rom, seine Sprache, die Menschheit, waren seines Gemüths ewige Laura. Als ich in einer schönen Morgenstunde den letzten Aufenthalt seines irdischen Daseyns vorüberfuhr, umfing mich eine so süße Erinnerung seines freundschaftlichen Herzens und ganzen Lebens, daß ich nichts anderes, als die letzten Worte seines letzten Briefes ausrufcn konnte: Valets amiai, valsts epigtolas! Er starb im Jahr 1374; man weiß mehr recht, wie und wann? genug, daß man den ruhigen Greis, an seinem Pulte sitzend, todt fand Valets Linier! 16. Auch die griechische Kunst ist eine Schule der Humanität; unglücklich ist, wer sie anders betrachtet. Als die Natur, die sich in allen ihren Herverbringungen einwohnend und lebendig offenbaret, auf unsrer Erde zur höchsten Höhe ihrer Wirkung stieg, rk>8 II. Ideen zur Geschichte und Kritik erfand sie das Geschöpf, dp» Mensch heißt, in dessen Gliederen sie alle sicegeln der Vollkommenheit, nach denen sie in ihren andern Werken, teilweise und zcrstreuer, m>r ungeheurer Kraft und un- übersehlichem Rcichtbume gearbeitet harte, im kleinsten Raume, im wirksamsten Leben zusammendrangte, Kräfte, die sie in andern Elementen, dem Wasser, der Luft, oder auch auf der Erde, in großen Organen auszubildcn sich Zeit und Raum nahm, deutete sie im Menschen oft nur an, ordnete aber alle diese Millionen Kräfte und Gesühlsartcn in ihm so künstlich, so harmonisch zusammen, daß er nicht nur als ein Inbegriff aller dieser Fühlbarkeiten unsrer Erde, (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist), sondern auch als ein Gott dastehet, der diese in ihr zusammengedrängte, in seiner Natur begriffene Gefühle selbst zusammenstellt, schätzet und ordnet. Die ganze Natur erkennet sich in ihm, wie in einem lebendigen Spiegel; sie sichet durch sein Auge, denkt hinter seiner Stirn, fühlet in seiner Brust, und wirkt und schaffet mit seinen Händen. Das höchst-ästhetische Geschöpf der Erde mußte also auch ein nachahmendes, ordnendes, darstellendes, ein poetisches und politisches Geschöpf werden. Denn da seine Natur selbst gleichsam die höchste Kunst der großen Natur ist, die in ihm nach dev höchsten Wirkung strebet; so mußte diese sich in der Menschheit offenbaren. Der Bildner unsrer Gedanken , unsrer Sitten, unsrer Verfassung, ist ein Künstler; sollte also, da Kunst der Inbegriff und Zweck unsrer Natur ist, die Kunst, die sich mit dem Gebilde des Menschen und allen ihm einwoh »enden Kräften der Poesie und bildenden Künste. 169 darstellend beschäftigt, für die Menschheit von keinem Werthe seyn? Von einem sehr hohen Werthe. Sic hat nicht nur Gedanken, sondern Gedankenformen, ewige Charaktere sichtbar gemacht, die mit solcher Energie weder Sprache noch Musik, noch irgend eine andre Bemühung der Menschen ausdrücken konnte. Diese Formen ordnete, reinigte sie, und stellte sie selbst in deutlichen, ewigen Begriffen dem Auge jedes Sehenden für alle Zeiten dar, in welche» sich Menschheit in diesen Formen genießt und fühlet, in welchen Menschheit nach diesen Forme» wirket. Sie giebt uns also nicht nur eine sichtbare Logik und Metaphysik unsers Geschlechts in seinen vornehmsten Gestalten, nach Altern, Sinnesarten, Neigungen und Trieben; sondern indem sie diese Mit Sinn und Wahl darstellt, ruft sie als eine zweite Schöpferin uns schweigend zu: ,,blicke in diesen Spiegel, o Mensch; das soll und kann dein Geschlecht seyn. So har sich die Natur in ihm mit Würde und Einfalt, mit Sinn und Liebe ge- offenbaret. Also erscheint das Göttliche in deinem Gebilde; anders kann cS nicht erscheinen. " Auf diesem Wege gingen die Griechen; zu dieser Idee arbeiteten sie hin. Ohne ihre Kunst würden wir manche Gedanken ihrer Dichter und Weisen nicht verstehen; als öde Worte schwebten sie vor uns vorüber. Nun hat sie die Kunst sichtbar gemacht, und damit auch den ganzen Geist der Composüion ihrer Schriften, den Zweck ihrer Sittcn- sormung und was sie sonst unterscheidet, in anschaulichen Bildern dem menschlichen Verstände vorgestellt» 170 H- Ideen zur Geschichte und Kritik kurz, anschauliche Kategorien der Menschheit gegründet. Davon verstanden nun freilich jene Barbaren nichts, die in einem Basalt-Kopfe Jupiters nichts als den schwarzen Kopf eines Satans, im schonen Apollo einen wahrsagenden bösen Geist, und in der himmlischen Aphrodite eine unzüchtige Dirne zerstörten. Der einzige Begriff, daß alle diese Kunstwerke Gegenstände der Abgötterei), Behausungen orakelgebender, lustverführender, böser Dämonen seyn, hing wie ein schwarzer Nebel vor ihren Augen, daß sie den wahren Dämon, daS Ideal der Menschenbildung in ihren reinsten Formen nicht zu erkennen vermochten. Auch Keinem von denen wird er sichtbar, die in der Statue nur die Statue, in der Gemme den Edelstein und in Allem nur Pracht, Zierrarh, herkömmlichen Geschmack oder Altcrthums - und mechanische Kunstkenntnisse suchen. Am weitesten entfernt davon eine falsche und enge Theorie, die sich gegen jede Aeußcrung und Offenbarung des menschenfreundlichen, wahrheitdarstellenden Gottes hinter Wortlarven mit einem kalten Stolze brüstet. Au uns wird der Dämon der Me n sch e n n a t u r aus den Werken der Griechen rein und verständlich sprechen können: denn wir werden ihn mitfühlend, sympathetisch hören. Schwärmerei) und Begeisterung können uns hier nicht helfen, wo es auf Helle Begriffe über die Frage ankommt: „wie zeigt sich der Genius der Menschheit? auf wie verschiedene Art in Hauptformen? welches sind unter diesen die höchsten Punkte, gleichsam die k on so nen Stellen der gespannten Saite, in welchen Harmonie der Poesie und bildenden Künste. 17t tönet?" Hätten Sie Lust, mit mir unter diesen Himmel glänzender Sternbilder zu treten?- Nur cms einem tiefe» Zlhale kann ich von fern auf sie weisen; dennoch aber wird sich Ihr Geist beflügeln, daß Sie äusrufen: „Siehe da, den Hellen Zodiakus der sichtbar gewordenen bedeutenden Men sch heit," * 7 ' Die erste Kind h e i t, als ein noch unreifes Gewächs der Natur, baben die Griechen seltner gebildet. Herkules, an der Brust der Hohen Juno, ist die einzige, mir erinnerliche, Darstellung eines Sauglinges, obgleich mehrere Kinder in Armen zart getragen werden, Sey es, daß sie diese süße Pflicht der Mutter zu den Geheimnisse» der häuslichen Kammer rechneten, die nicht jedem Blicke offen stehen müßte, oder daß sie solchen Geheimnissen lieber das Gebiet der Mahlcrey ynwiesen, indem diese eine Mutter und ihr Kind durch Blick und Liebe so viel sanfter in Eins zu verschmelzen weiß; genug, das bloße Bedürfnis eines bedürftigen Wesens gaben sie bildend weniger dem Auge Preis. Die schönen Kinder, die die griechische Kunst schuf, waren schon in Spi elen begriffen; in Neckereien mancher Art, gm liebsten mit einem sanften Thiere, einem Vogel, mit einem Neste von Vögeln, oder mit Früchten. Diese Vorstellung setzt uns jedesmal in das Leben der Kinder, in die unschuldigen Vergnügungen der 172 II. Acen zur Geschichte und Kritik Kindes - Jahre. Ihre Natur athmet die volle Gesundheit, die offene Fröhlichkeit, die uns Kinder s» lieb macht. Die höcbste Idee aller Kinder — was konnte sie also seyn? Im Himmel und auf Erden nichts anders als Eros, Amor, Unschuld und Liebe. Sind Kinder nicht sichtbar gewordene Darstellungen eines Moments der Liebe, in dem sie ihr Wesen empfingen ? und in welche Gestalt konnten die manchcrley Spiele und Neckereien, die Vergnügen und Unbesonnenheiten, die uns die Liebe spielt, die wir ihr unschuldig spielen, besser gekleidet werden, als in die Gestalt des Kindes oder Knaben Amors? Bei den Dichtern, insonderheit des Idylls oder der Fröhlichkeit und Freude, hatte er so viele Scherze begonnen; er begann sie auch in der Kunst, und aus manchen Vorstellungen derselben wäre noch viel "Niedliches zu dichten. ' Seine Geschichte mit der Psyche ist der vielseitigste, zarteste Roman, der je gedacht ward, über den schwerlich etwas Höheres auszudenken seyn möchte ; auch seine Tgndeleyen mit der Mutter und mit andern Göttern sind voll Grazie und Schönheit. Setzt man nun hinzu, daß die meisten dieser Spiele Amors und seiner Gesellen, die man Liebesgötter oder kindliche Genien zu nennen pflegt, nur zur Verzierung, auf schmalen Basreliefs, wo ihnen der Ort ihre Kindheit erlaubte, ja solche nöthig machte, oder aus geschnittenen Steinen, Siegelringen und sonst an Platzen oder Plätzchen Vorkommen, an denen diese Tandeleyen ein angenehmes Mehr als Nichts waren; so tritt Amor mit seinen Brüdern der Poesie und bildenden Künste. 17^ gerade in das Licht, in welchem er auf der Tafel der Menschheit zu stehen verdienet. Der kleine Gott der Götter wird ein Ämulet der Brust oder ein angenehmes Nebenwcrk, das sich hie und da einschleicht, das man immer gerne sichet, und den man zum verschwiegenen Boten lieber, als den Boten der Götter selbst brauchet. Außerdem aber war Amor nicht ein Kind; ein schöner Genius war er, und Hymen sein Bruder. Hiemit komme ich zu euch, ihr Genien der Jünglingschaft, schönste Blüthe des menschlichen Lebens. Was Winkelmann von euch in seinen schönen Traumen gedichtet hat, ist kein Traum; auch der Name Genius, den man euch gegeben, ist ein treffender Name: denn welcher holderen Idee könnte man am Geburtstage seines Da- seyns opfern? So dachte sich die Natur ihre schönsten Kinder, Engel in Menschengestalt oder vielmehr Menschen, aus deren Gestalt man den Engel abzog, Süße Ruhe, holde Einfalt, ein nüchternes In sich gekehrt seyn, dem das Leben selbst noch wie ein Traum der Morgenröthe vorschwebet, die unbefleckte Rose der Jugend, die noch von keinem Sturme gebrochen, von keiner Mittagssonne versengt ist, 0 wie liebe ich euch, ihr zarten Sprossen der Menschheit und ehre mich , daß ich euch liebe. Ein Blick auf dich, du vatikanischer oder borghesi- scher Genius, vernichtigt die Berlaumdungen, die. man über die Liebe zu Jünglingen den edelsten Griechen gemacht hat; wie rein war die Idee, in welcher diese Geschöpfe, die Blüthe der Menschheit, gedacht und gebildet wurden. 174 H- Ideen zur Geschichte und Kritik Es dnben Einige ein Trauriges, einen düstern Zug an diesen Genien bemerken wollen; sie baben aber, wie mich dünkt, Zeiten und Gattungen verwirret. Die Anti neus haben freilich einen düster» Zug, wie sie auch, ihrem Urbiidc nach, haben sollten; so wie überhaupt die Kunst zu Hadrians Zeiten schon sehr repräsentiert, und aus sich selbst he rau stritt. Aber jene Genien einer achten Gattung sind in sich gesenkt, als ob keine Welt um sie wäre, und fühlen sich iM leisesten Selbstgenusse zufrieden. Die Idee der Traurigkeit, die wir in sie legen, kommt wahrscheinlich von uns selbst her; wir empfinden ihre Blüthe nemlich auf so zarter Sprosse^ daß uns, mitten im GeNusse, der Unbestand derselben zu schmerzen anfangt. Wir, zumal freMde Nordländer, fühlen, der zarte Ton verhalle, die Rosenknospe entwickle sich und sterbe. Das sollten wir indeß nicht fühlen, vielmehr dem Schöpfer der Natur danken, daß er uns eine solche Blüthe menschlichen Daseyns zeigte. Was Anakreon und die Anthologen, was Sappho, Platon, und, wenn er noch vorhanden wäre, Jbykus von schönen Jünglingen gedichtet und gesungen haben, bliebe uns ohne diese sichtbar gewordenen Ideen vielleicht ein leerer Hall, an den wir kein Bild heften könnten; jetzt überzeugt uns das Auge von der Wesenheit jener lieblichen Traume und bestimmt sie uns in Bildern. Das männliche Geschlecht ging in der Kunst der Griechen dem weiblichen vor; doch ward auch dicsem fein reicher Antheil an der Kunst nicht versaget. Nymphen, Grazien, Horen, ja die Par- der Poesie und bildenden Künste. 175 een, Furien und Medusa selbst empfingen ihr Antheil an dieser Blüthe jungfräulicher Jugcndschön- heit. Warum bist du von Herkules Knieen entrückt, du Göttin -mit der Schale ewiger Jugend, blühende Hebe? Ihr Horen um Jupiters Haupt, ihr Schwester-Grazien, die ihr, in untrennbarer Liebe verschlungen, am Kephisucftrome eure ewigen Tanze sepert; warum erscheinet ihr uns in Nachbildern, die uns nur eure Idee gewahren? Indessen haben wir Figuren des Alterthumö genug, um den Begriff der weiblichen Jugendschone aus ihnen zu schöpfen. Und ihr he il ig en M u sen, vor allen du, hochaufstcigcnds Meipomenc, mit deinem Antlitze voll cdeln Unmuths und hoher Würde; so oft ich bei euch, (ungleich an Kunst, wie ihr da stehet), im vatikanischen Tempel war, dünkte ich mich, zwar nicht auf dem Parnaß zu sepn und eures begeisterten Führers Apollo Stimme zu hören; aber in der Gesellschaft reiner Wesen fand ich mich, deren Jede Uns mit ihrer Bildung, mit ihrem Anstande, ihrer Aufmerksamkeit und Eebehrde mehr sagt, was Dichtkunst, Musik, Wissenschaft und Muse des Lebens sey, als eine Encyklvpadie uns sagen könnte. Ihr kehrt den Blick gewaltig in uns, und macht uns scheu, euren Namen nur auszusprechen, oder den Saum eures Gewandes zu berühren. Im Kapitolium rupft die Muse der Sirene mit Schmerz den Flügel; und in mehreren Darstellungen wird Marsias dem Apoll ein gräßliches Opfer. Wenn die griechische Kunst der weiblichen Jugend Grazientanz, fröhlichen Leichtsinn, oder Schüchternheit, Spröde, endlich jenen 176 II. Ideen zur Geschichte und Kritik noch ungebändigten Stolz zum Charakter gab» den mehrere griechische Ditcher in Worten charakteri- sirt baden: so sei) es erlaubt, mich von ihnen zu einer unglücklichen Familie zu wenden, die für mich in ihrem heilige» Style die hohe Tragödie der Kunst ist, Niobe mit ihren Kindern. Ich will sic mit Worten nicht entweihen; aber einige Tochter und einige Söhne machen einen so reinen und tiefen Eindruck, daß jeder Vater, jede Mutter wünschen müßte, Kinder ihrer Art zu erzeugen, jede Braut und jeder Bräutigam, sich in diesem Geschlecht zu verloben. In dem Zimmer zu Florenz, wo ich mich mit den Eingekcrkcrten einschloß, kamen mir alle Unglücksfalle vor Augen, die je auf Erden eins schuldlose schöne Familie betroffen haben möchten; statt aller stand sie mir da, im Mutter - und Ju- gendschmerzc eine heilige Krone. — Soll ich nach ihr alle Sccnen durchgehn, wo Empfindungen der Bruder- und Schwester-, der Freundes- und Gattenliebc in stummen Bildern rührend dastehn? Nie bin ich, ihr schönen Jünglinge, die man Orest und Pyladcs nennet; nie von euch, ihr stillen Vertrauten, die man als Hyppolytus und Phädra fälschlich anklagt, nie von so mancher andern Gruppe, da sich auf dem Grabsteine noch, (das Kind in ihrer Mitte), liebende Hände den Bund dev ewigen Treue schwören, weggegangen, ohne daß mein Herz durch die Innigkeit der Gefühle, die aus diesen Gebilden sprachen, innig erweicht war. Ich war in einer andern Welt gewesen, «nd »sprach zu mir: könntest du mit ihnen leben, und wärest der Poesie und bildenden Künste. 177 wärest Einer derselben! Der ganze Habitus der Menschheit, wäre er in Unschuld, Liebe und Einfalt noch nach diesem Bilde gebildet!" „Solche Gefühle hatten mir zur Aufmerksamkeit auf alles, was diese meine geliebten Menschen anging, auf die Verhältnisse ihrer Glieder, ihren Stand, ihre Gebehrde und Sitte, den Grad der Leidenschaft, dessen sie fähig schienen, auf ihre Kleidung und ihren Wink.das Auge geschärfet. Soll ich Ihnen aus dieser stummen Schule der Humanität Einiges noch erzählen *) ? 18. Ävri Menschen komme ich zu Helden- und Göttergestalten, ob ich deren gleich auch schon einige vorübergehend berührt habe z wir betrachten sie hier, wie sie cs auch waren, als reine Formen der Menschheit. ') Ich darf vüraussetzcn, daß den Lesern dieser Brie- , fc die in ihnen angeführcen Denkmale der Kunst, wenn nicht in den Urbildern, sü doch in Abgüssen, Abdrücken, Zeichnungen, Kupfern, oder aus -Beschreibungen, z. B. in Winkelmanns Geschichte der Kunst, Stolbergs Reisen u. a. endlich wenigstens aus der Mythologie bekannt sind; ihnen also eine Klassifikation nach der reinsten und höchsten Bedeutung nicht unangenehm seyn werde. Herders Werke;, schön,Lir,u,Kunst. Vlll. M -töb.u.Lme/e. ' XX, i'M II. Ideen zur Geschichte und Kritik Jeder Held erscheinet iii seinem Ebarak- ter. Der schöne Kopf, den mein den Achilles nennt, so wie Ulysses, Ajap u. f.; sie zeigen, in welcher hohen Idee die Griechen sich jene Helden Homers gedacht haben. Und hierin sind sie im gehörigen Maaßc des Abstandes von so vielen Köpfen der Dichter, der Dichterinnen und Weisen nicht verschieden; die meisten davon sind idcalisch gebildet, nicht weniger, als Apollo und die Musen. Eben aber durch diese i d ea l i sch e Fo r m - Erfindung werden sie lehrreich. Man siehet, wenn das Bild alt und acht ist, wie die Kunst sich aus dem Inbegriffe der Gesänge und Sagen einen H v- mer, wie sie sich einen Pythagoras und Plato dachte. Der Held der Helden'ist Herkules; er ist es auch in der Kunst, sofern diese ihr Ideal nicht höher hinauftreibt, als daß sic unbezwingbare Starke, unerschöpfliche Kräfte in einem Menschen- körper darzustellen zum Zwecke hat. Mittelst solcher Glieder hat er seine Thaten gelhan und den Olymp crsieget; die Fabeln hiervon hat die Kunst mit grosser Energie ausgebildet. Herkules, in mehreren seiner Gefahren, insonderheit wie er den Höllcnhund bezwingt, gab eine schöne Gruppe; und sein Torso, in welchem er von seinen Mühseligkeiten ausruht, ist durch M ic h ae l- A n gcl o der neueren Kunst ein grosses Vorbild worden. Köpfe vom jungen Herkules sind von unbeschreiblicher Schönheit; und seine I o l e, O m p h a l e, Dejanira, sind von der Kunst und Dichtkunst sehr wohl gebraucht worden. Da indessen die bloße Uebermacht körperlicher der Poesie und bildenden Künste. 179 Stärke in der menschlichen Natur, noch kein höchstes Ideal giebt; eine wohltbatige Güte aber in Herkules Thaten schwerlich sichtbar geinacht werden könnte: so ging seine Zdee gleichsam Mit der Zeit nicht mit; er blieb ein Colvssus der alten Fabel. Uns zumal dünken seine riesenhaften Schenkel auch in Glykons Kunstgebilde ungeheuer und geistlos. Lieber verweilen wir z. B. an LaokooNs Bilde. Der bcilige Mann, der durch seinen verständigen Rath ein Retter des Vaterlandes werden wollte, und dadurch die feindliche Göttin erzürnte, wird mit seinen geliebten Kindern, die am Altäre Neben ihm dienen, von ungeheuren Schlangen. ergriffen, und Mit Jenen zu einer Todesgruppe verschlungen. Sein ArM, ftine Brust, seine Seele hat ausgc- kampft; das Gesicht gen Himmel gekehrt, athmck er sie aus in einem uncrmcfili'h tiefen, langen Seufzer. Fürchterlich - schöne Gruppe; ein Ideal der Kunst auch für das Gefühl der Menschheit. Reiner kann schwerlich ein Märtyrer gedacht, rührender und zugleich bedeutend schöner im Kreise der Kunst schwerlich vorgestellt werden. Die Schlangen verunzieren nichts, und in ihren Banden macht der stuwme Seufzer des Leidenden eure Wirkung, die St. Sebastian, Lorenz und Bartholomäus nicht gewahren mögen. Herkules auf dem Berge Deta war zu solchem Zweck nicht bildsam. Zu welcher schrecklichen Sprache könnte der Seufzer LaokooNs lautbar gemacht werde«, wcNN wir ihn wie den Phi- loktetes auf Lemnus, jammern hörkett ! — Nicht aber Laokoon; Ihr scyd meine Heldett M 2 »8o II. Ideen zue Geschichte und Kritik dcr Kunst, Cu stör und Pollux auf dem quiri- nalischcn Berge; in euch lebt mein Pindar. Großes Werk, eines Phid i as und Polyklets nicht unwürdig; uns wenigstens außer Griechenland und nach dessen zerstörten Heiligthümern, statt der Werke des Phidias und Polpkletus. „Lebten Menschen wie ihr?" fragte mein emporklimmender umwandclndcr Blick. „Nein !" antwortete dcr Geist, dcr euch umschwebet; „ober uns dachten, uns bildeten Menschen. Heldenjünglingc, wie wir, waren einst in der Seele vieler jungen Männer und Hele den. Auch den Dichtern sind wir erschienen; und das Vaterland hat auf uns gerechnet." — Lebt wohl, Idole der Menschheit! Das Wetter ziehe euch vorüber und eine freche Faust müsse euch nie berühren — Ehe wir höher hinaufsteigen, lassen Sic uns auf dieser Höhe des Hcldenideals verweilen. Zu den Füßen dieser göttlichen Menschen sitzen wir nieder, die Idee des Weges zu sammlcn, den wir zurückgclcgt haben. - Die griechische Kunst kannte, ehrte und liebte die Menschheit im Menschen. Den reinen Begriff von ihr zu erfassen, hatte sie sich aus vielseitigen mühsamen Wegen, über schroffen Felsen, durch tiefe Abgründe, mit manchen UebcrtreibungeN und Harten unablässig bestrebet, bis dann selbst diese übertreibende Mühe, die die Wahrheit um so scharfer verfolgte, nicht anders als zum Gipfel der Kunst führte. In allen Menschenaltcrn und jeder ihrer merkwürdigsten Situationen in beiden Geschlechtern hatte sie die Blüthe des Lebens gewonnen, die der Poesie und bildenden Künste. i8r auf solchem Stamme blühet; denn die Griechen besaßen noch Einfalt des Geistes, Reinheit des Blickes, Muth und Kraft genug, diese als eine vollständige, durch sich bestehende Idee in ihren Werken darzustellen und zu vollenden. Im Kinde dachten und bildeten sie die Kindheit, im Jünglinge den Frühling des Lebens, im Manne den Göttersohn voll Selbstgenusses in Kraft und Würde. An dieser Heldcnidee nahm auch das weibliche Geschlecht Thcil, wie jene schönen Bilder dev Amazonen zeigen, deren manche im Geiste eine Schwester deS Eas tor und Pollux zu seyn verdiente. Nachdem in allen diesen Formen die Kunst der reinen Idee Selbstständigkeit, Würde, eine in allen Thcilen lcbendiggewordene Be deutung gegeben, und sie von jedem ungewissen, schwankenden oder fremden Beiwerke, wie durchs Feuer, gereinigt hatte: so war von diesen Gebilden nothwendig auch jene Kraft, die ausfüllendzum Verstände und zum Herzen sin höchster Einfalt spricht, unabtrcnnlich. Der Zwang der Materie war überwunden; Geschlecht, Alker, Charaktere waren in ihrer Verschiedenheit und leisen Angranzung aufs sicherste bemerkt; und mit gegebenen großen Vorbildern in jeder Art und Gattung waren dauerhafte Kategorien der edelsten und schöne sten Menschenexisten; geordnet. Auf wie wenige Hauptformen tritt die formreiche, menschliche Natur in Gesinnungen, Leidenschaften und Situationen zurück, wenn wir sic mit dem weisen und nüchternen Auge der Griechen ansehn! Der biegsame, kraft- und schönheitrciche Glieder.bau der Menschheit, in wie wenige Hauptb s deutungcn löset er 182 II. Ideen zur Geschichte und Kritik fiä) auf, sobald dir Seele Kraft hat, diese in jedem Thcilc, in jeder Stellung ganz zu behaupten! Unvergeßlich und cwjg lehrreich sind mir die Stunden, da ich vor den Kunstgebillnn der alten, (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist,) die Mechanik und Statik menschlicher Scelcnkrafte im menschlichen Gliederbau ruhig betrachtete und abwog. Welche Freuden schöpfte ich in Erwägung der Symm etri e und Eurythmie, noch mehr aber der schonen Gegen s tel l ung, die in Ruhe und Bewegung, nach verschiedener Art der Charaktere, diesen göttlichen Körpern mitgcthcilt ist, also daß sich die Seele liebreich - strenge bis im Wurfe des Gewandes und in seinen Falten, wie ein wehender Geist offenbaret. Ihr habt unsre Natur gekannt und geadelt, ihr Griechen; ihr wußtet, was das menschliche Leben in seinen vorübergehenden Sce- nen sey, das ihr auf so manchen Sarkophagen eben so richtig und wahr, als einfaltig und rührend vor- gestcllt habt. Da erfaßtet ihr die Blüthe jeder flüchtigen Scene und heiligtet sie in einem nie verwelkenden Kranze der Mutter des Menschengeschlechtes. Wenn unsre Art je so entartet werden sollte, daß wir diese innere Kraft und Anmuth der Menschheit, das hohe Siegel unsrer Existenz gar nicht mehr erkennten; dann zerbrich, o Natur, die Form deines ausgeartetcn edelsten Geschöpfes, oder vielmehr sic zerbräche yon selbst und zerfiele in Staub und Scherben, Und wodurch kamen die Griechen zu diesem Allem? Nur durch Ein Mittel; durch Me lisch enge fühl, durch Einfalt der Gedanken und der Poesie und bildenden Künste. durch ein lebhaftes Studium des wahrcstcn, völlig» sten Genusses, kur;, durch Eultur der Menschheit. Hierin müssen wir Alle Griechen werde», oder wir bleibe» Barbaren. rg- Mit beiligem Ernste treten wir zum Olpmp hinauf und sehen Götterformen im Men'- sc h e n g c b i l d e. Jede Religion cultivirtcr Völker, (die christliche nicht ausgenommen) , hat ihren Gott oder ihre Götter mehr oder minder h u m a n i si ret; die Griechen allein wagten es, humanisirte Gottheiten , ihrer und der Menschheit würdig, in Kunst, d. i. aus eine dem Gedanken rein und völlig entsprechende Weise, d a rz u ste llcn. Oder vielmehr sie lauterten alles Schöne, Vortreffliche, Würdige im Menschen zu seiner höchsten Bedeutung, zur obersten Stufe seiner Vollkommenheit, zur Gottheit hinauf, und theificirten die Menschheit. Andre Nationen erniedrigten die Idee GotteS zu Ungeheuern; sie hoben das Göttliche im Menschen zum Gott empor. Unten sahen wir einen Reiz der Jugend, dessen flüchtige Blüthc wir bedauerten; unter den Göttern ist er verewigt, eben dadurch daß er aufs höchste geläutert ward. Als das himmlische Sinnb i ld aller Jüng- lUngs-Genicn auf Erden, stehet Dionysos 164 n. Ideen zur Geschichte und Kritik hier, dessen zarte Idee die nieder» Sterblichen so meßkenncn, daß ich seinen Namen Bacchus kaum zu nenncn wage. Es ist die sichtbar gewordene ewige Fröhlichkeit; im Genüsse sein selbst, ohne Anstrengung und dennoch mit dcr leichtesten Elastieitat, ein süßer Beglücker dcr Götter und Menschen. Im schönen Charakter dieses thatigen süßen bar nienis rettete er einst den Olymp und cultivirte die Welt durch Gaben und Geschenke. Sein Dgseyn ist ein ewiger Triumph unter Trauben, mit denen er die Sterblichen erquickt und getröstet hat, unter dem ewigen Freudcnliedc jauchzender Manaden, Und an seiner Seite senkt den liebctrunknen Blick auf ihn die durch ihn gerettete, selige Ariad- n e. Von ewigem Danke und innigem Ergötzen strömt der gerührte Blick, den keine Mänas, keine Baccha mit ihr kheilct. Ohne Kinder, in seligem Anschaun des Genusses, feiern die zwei ihr unzerstörbares Triumphlcbcn, in welchem Bacchus selbst die Blüthc der Weiblichkeit in seiner Natur genießet. Lebet wohl, ihr glücklichen Beide, du Gerettete und du, ihr Retter; habt viel Nachfolger auf dcr Erde, die unter Scherz und Freude die Menschheit beseligen, die retten und wohlthun, obne daß sie es Zwang kostet. Den Triumphswagen solcher Gemü- ther umjauchzcn dankende Chöre. — Schöne Statuen sind vom Bachus da, und das capstvlinjsche Haupt der Ariadne ist ganz ihr Charakter. Neben Bacchus stehet Apollo, das höchste Symbol aller Helden jüngl in ge dcr Menschheit. Ueber Castor und Pollux erhaben der Poesie und bildenden Künste. r85 ist seine Gestellt ein sichtbargcwordener Helden gedankt. Seine Thatigkeit ist Blick, Gang, Da- scyn, Sieg mit der Schnelle des Pfeiles. Und dieser kühne, rasche, selbst zornige Jüngling rührt in andern Gestalten die Leier, der alle Musen horchen. Ihr horcht der Schwan oder Greif zu seinen Füßen; ihr horcht die Natur. Aller Musen Künste sind diesem Heldenjünglinge eigen, der ein Ideal griechischerCultur ist zur thatigen und musenhaften H el d e n j u g c n d. In seinen drei Hauptstellungen, als Sieger, Sauger und ruhender Jüngling ist er immer Apollog auch wenn er sanft angelehnt nur die Cidexe rcdtet. Und neben ihm seine unermüdliche Schwester Diana. Sie, die Jungfräulichkeit, daher auch die Keuschheit und immer inuntre Thatigkeit selbst, ohne welche jene nicht bestehen konnten. In der grünenden Natur, mit Nymphen umgeben, eine Göttin unter den Nymphen, eilt sie dahin, wie ein jugendlicher Hirsch, unbewußt ihrer Schönheit; ihr Blick ist in der Ferne. Und wenn in ihrem Herzen der Funken der Liebe zündet, und sie den Endymion belauscht; wie rein uno stille verschwiegen ist dieser Anblick! wie rührend stellte ihn auf Grabmalen die griechische Kunst vor! — Jünglinge und Mädchen sangen das Lob des Apolls und der Diana in Wcchselchören: denn beide Gottheiten waren das Abstractum ihrer Tugend. Erst nur, wenn Hymen den Gürtel der Jungfrau löscte, trat die Verlobte aus dem Dienste der strengen Diana ins Gebiet der schamhaften Aphrodite. In Apolls schönen Darstellungen ist also eine der höchsten Zier- »36 H. Ideen zur Geschichte und Kritik den menschlicher Tugend erhalten; und wenn die Bildnisse der Schwester dem Ideale des Bruders nicht gleich scyn möchten, so vcrlaugnet dennoch keine Vorstellung den Charakter einer Artemis oder der sanfteren Luna. Eine dritte Jünglingsartj stehet dort an der Pforte des Olympus; cs ist M erkur , der Gott sc h l a u e r B er e d s a m ke i t, der behendcnBetriebsamkeit in allen Geschäften. Er hat den Apoll überlistet, hat mancherlei Anschläge erfunden und tragt den Beutel. Auch tragt er Both- schaften und geleitet die Seelen selbst zum Orkus, aeflügclt an Füßen und Haupte. Es ist ein geschäftiger, munterer Gott, das Haupt einer großen Gemeinschaft, die in ihm personiflcirt ist, ein unentbehrlicher Gott im Himmel und auf der Erde. Fabel und Kunst haben ihn so vollkommen ausgebüdet als den Jupit.r oder die Minerva; er ist aber ein Erdgebobrncr, der Maja Sohn, subaltern an Dienst und Charakter. Wir wollen den schönen Gott, schön an Haupt, an Füßen und Händen, nicht ohne Betrachtung vorbeigebn. Bemerken Sie, wie er lauschet, wie er mit sich selbst und seinem Schlangenstabe und seinem Hahne und Beutel so ganz Eins ist; ein vortrefflicher Gott an der Pforte. Dir naben wir uns, himmlische Aphrodite, unübertroffenes Ideal des weiblichen Liebreizes, einer sittlichen Schönheit. Aus der Welle des unruhigen Meeres stiegst du hervor, vom lauen Zephyr getragen; da legten sich die Wellen; deine sittsame Gegenwart machte sie zum ^Spiegel der Lüfte. Bescheiden trocknetest du dein Haar, und der Poesie und bildenden Künste. 187 jeder fallende Tropfe deines irdischen Ursprunges ward ein Geschenk, eine Perle der Muschel, die dich wott lustig in ihrem Schooßc wiegte. Du stiegst zum Olymp, und die Götter empfingen dich in deiner Gestalt: denn sie selbst war deine Hülle; die Grazie, mit der du dich, durch und durch sichtbar, dem Auge unsichtbar zu machen weißt, diese in sich gc.hüllete Schaam und Bescheidenheit ist dein Charakter. Auch auf dein häuslichen Altäre der Griechen standest du nicht anders, als unter djestm Bilde: denn nur Schaam kann Liebe erwecken und zeugen. Es ist ein Verfehlter Charakter, wenn Aphrodite zurückblickt oder sich mit Wohlgcfalligkcit zeiget; ihre Schönheit ist die, daß sie» sich vor ihr selbst gleichsam und vor Allem verbergend, Himmel und Erde entzückt; dem wegschlüpfenden Thautropsen einer jungen Rose ähnlich , in dem sich die anbrechende Morgcnröthe spiegelt. Das bedeutet ihr Apfel, das ihre Taube; dahin hat sich der Sinn der Griechen, selbst mit ihrem zu kleinen Köpfchen und was man sonst an ihr tadelte, gedichtet- Bescheidenheit und eine kunstlose Schaam, die selbst die höchste Kunst ist, sind und wecken den Liebreiz. Es gicbt keine feinere Zunge dieser Waage. Neben ihr steht j»ie verschleierte Besta. Als die große Mutter der Natur kennen wir sie nur auf Gemmen oder in der Flamme ihres Altars; aber ihre Bestellen, die Dienerinnen ihres heiligen Heerdes, sind uns ehrwürdige Jungfrau Matro- n e n. Aus jeder Falte ihres Gewandes hätten Nonnen und Heilige lernen können, was zu beobachten i88 II. Ideen zur Geschichte und Kritik sen, um in einer reinen Menschheit also ehrwürdig zu erscheinen, daß man bei einer kaum sichtbar gewordenen Hand und dem cngelrcinen Antlitz den großen dichten Schleier heiliger Gelübde verehret. Wieder lasse ich mich am Fuße dieser Vcstale nieder und Frage: „was helfen uns diese Bilder ? diese so groß und rein und richtig bestimmten Menschen - Ideale ? " — Und antwortete mir selber: „viel! sehr viel!" Dort nahm Pallas dem Diomed die Wolke vom Auge hinweg, daß er einen Gott und einen Sterblichen unterscheiden konnte; eben diese Wohl- Lhat wird uns durch dies Studium der griechischen Kunst gewahret. Leibhaft wandeln unter uns keine Apvlls's und Dianen umher; jene Anlagen des Charakters aber, die eine Diane oder Bestelle, eine Ariadne oder Anadnomene, einen Merkur, Bacchus, Apollc im höchsten Ideale gaben, sind in zerstreuc- ten, oft sehr verworrenen Zügen vor uns. Diese Anlagen nur zu erkennen, ist eine Charakteristik menschlicher Denkarten und Seelcnformen nöthig, die sich auf wilden Wegen schwerlich erlangen laßt. Sind Linneres Zsneru xlurnururn das Znventa- rium der Botanik worden, schätzet man seine nach Naturkennzcichcn gegebene Thicrclassen hoch; sollte es nicht auch M e n sch enkla sste n nach Natureigenschaften geben? und waren diese, auf die reinsten Begriffe gebracht und in unzerstörbaren Formen dargestellt, nicht aller Betrachtung werth? Daß die Griechen den Menschen mit einem unbefangeneren, schärferen Blick angesehen haben, als wir, wird niemand laugncn; daß unsre Temperaments- der Poesie und bildenden Künste. 189 und physiognomische Einthcilunqen zu nichts sicherem- führen, muß jedermann klar cinsehn; warum liegen uns denn jene von Meistern erfundene scharfe und große Formen der Unterscheidung so weit ab? Warum sonst, als, weil wir sic nicht verstehen, oder zu gebrauchen nicht vermögen. Wir fühlen, daß der edelste Saame, unt.r uns aufkei- mend, kein Klima zum Auskommen, geschweige einen Olymp zur Gottcsgcstalt, findet, und tappen also fort im Nebel. Wenn aber die liebliche Scham die Seelen verhüllte Vestale oder Dianens kculche Tochter keinen Olymp verdienen, genießen sie nicht eines häuslichen Altars? Eine reine Kritik dieser der erlesensten Me Irschen formen, die man Göttergestalten nennt, prüft und sichert unser Urtheil auch für alle sittliche Kompositionen. Von wie manchem Nebenbegriff bin ich frei geworden, wie manche Mey- nung habe ich vergessen lernen, seitdem die Kunst der Griechen, gestützt auf ihre Weisheit und Sittenlehre , meine Führcrin ward. Demüthig, wie ein Fragender zu Delphi, frage ich mich: hat diese Eomposition, hat dies Urtheil, hat dies Werk einen Werth? haben sie einen sittlichen Charakter? Von welcher Art ist dieser? hoch oder niedrig? und ist er sich selbst treu, in sich beständig? durch die ernsten Fragen, wie manches lernt man vergessen und wcgthun! Dies Urtheil über eine Compofltion z. B. kann nur auf zwiefache Weise, subjektiv und objektiv ein Gewicht haben. Subjektiv: indem der Ucrheilcndc den ganzen Sinn des Werkes, das er beurtheiit, treu erfasset, ihn an Igo II. Ideen zur Geschichte und Kritik allen Theilcn feflhä't und dessen Bestandbeit cdet Unhestandheit, wie in einem Kunstwerke, zeiget. Objectiv, indem er uns das reine Richtmaas vorhält, nach welchem und nach keinem andern cs gebildet werden konnte noch sollte. Thut der Urthci- icr keins von beiden oder verwirrt er beide Art,n mit einander; ist er so schwach, . daß er den Sinn des Gcdankenwerks oder der Handlung weder zu begreifen noch darzustellcn vermag, oder so anmassend, daß er eine ungeprüfte, mangelhafte, falsche Ziegel, aus Unkunde oder Vermessenheit, uns als ein Gesetz Vorhalt; wer wird darüber ein Wort verlieren? Seitdem ich über den vatikanischen Apollo, übcr Laokoon und die tragische Muse, übcr das Ideal der Alten u. f. gehört und gelesen habe, was ich darüber gehört und gelesen, kümmern Mich wenige Urtheile mehr, ab.r das Urtbcil der Wenigen, die cine vollständige Idee des Werks, als eines griechischen Kunstwerks, haben, gehen mir auf Leib und Leben. Was endlich die Anwendung dieser großen Gedanken betrifft; wozu snd die Bilder meiner Götter und Helden nicht angcwendet worden? Das muß den Meister eines Werks nicht kümmern; genug, sie stehen da und leben. Wenn ihr inwohncn- der Genius sie nicht schützt und aus ihnen spricht, so ist alle Wache und Fürsprache verlohren. 20. Die Idee des Kriegsgottes unter dem Bilde des Mars (Ares) war den Griechen seitdem Homer dir Poesie und bildenden Künste. nicht so geehrt, als sie es den Römern ward, die von diesen! Gott ihr Geschlecht ableiteten. Seine Statue ist selten, und wo inan sie dafür halt, wird sein Anselm durch Ruhe oder durch Amor und Venus gemildert. Die nackte Idee eines Kriegers kann, als ein unbestimmter Begriff, kein hohes Ideal geben. Elnn also Vulkan. Der Gott aller Künstler, der nur als Werkmeister bei seiner Arbeit vor- gcstellt werden konnte, war eines hohen Ideals unfähig. P r omethcus selbst gab mit seiner Mcn- schcnbildung zu schöneren Ideen Anlaß, insonderheit unter dem Beistände der Minerva. Feierlich erscheint jene große und zärtliche Mutter, die Hausmutter der Erde, Ceres, Demeter. Ruhig und hausmütterlich ist ihr Anstand; wie erschreckt und eilig aber schwingt sic die Fakeln, wenn sie ihre verlohnte Tochtir Prosecpina sucht! Diese Geschichte, eine der sinnr.ichstcn und bedeutendsten des Alterthums, ist in ihren schönen Vorstellungen auf Grabmahlern der Menschheit so lieb, als die Geschichte Endrmions, der Psyche »lnr die Scenen des menschlichen Lebens von Prometheus an bis zum schüchternen Eintritt der Seele ins Reich des Aid es. Traurig lind milde thront Proserpina da, sic selbst eine geraubte Königin des Orkus. Noch drei Göttercharaktere sind vor uns, Pallas, Jupiter und Juno. Das Büd der Pallas, die zuerst eine fürchterliche Kricgcsgöttin war , ist viel bedeutender und edler, als Mavors ausgebildet worden: denn eine mächtige Stadtebes chützerin war sie, keine lobende Wilde. Sie vereinigte Muth mit Verstand, »92 II. Ideen zur Geschichte und Kritik und war dadurch von jeher dem roh - angreiftnden Mars überlegen. Vor ihrer Brust das Haupt der Medusa , und jenen Schild, den Homer lebendig beschrieben; in ihrer Hand den mächtigen Sprcr; den schrecklichen Helm auf ihrem Haupte, war und blieb sie selbst die heilige Jungfrau, die, aus dem Haupte Jupiters entsprossen, gleichsam sein sichtbargewordener mächtiger Schreck-Gedanke, und in der Folge die Göttin aller W e > s h e i t, insonderheit des häuslichen ruhigen Fleißes war. In beiden Eigenschaften ward sie gebildet; bald als jene furchtbare Göttin, deren plötzliche Gegenwart Verwirrung und Flucht bringt, bald als die friedliche Städtebeschützcrin, die Mutter aller nützlichen Künste. In beiden Vorstellungen ist ihre dämonische, mächtig-stille Gegenwart wirksam. Wie vor einem hinabgeschwebten olympischen Wesen stehet man vor der Minerva Giustiniani; man wagt ihr kaum zu nahen, und doch ist ihr Dascyn so in sich geschloffen und friedlich. Keine andre Göttin führt diese Gattung heiliger Majestät bei sich, die eine Pallas auch nicht verlaßt, wenn sie in häuslichen Künsten arbeitet. Dank dem glorreichen Athen, das seine Göttin so schön ausgcbildet. Es weihcte ihr alle Kranze, die auS seinem Flor cntsproßtcn, indem das Fest der G e d a n k en t o ch t e r Jupiters sein großes Fest war. .Met Andacht opferte ihr Mutter und Kind, der Krieger, wie der Weise. Das verschlossene Bild der Juno Ludorisi stellet die Königin des Himmels Lar, des höchsten Gottes der Poesie und bildenden Künste. ig3 Gottes Schwester und Gemahlin. Alle weibliche Majestät, Pracht und Größe ist in dies ruhige Antlitz gesendet. Sie hat nicht ihres gleichen, ihres gleichen kann sie nicht haben, die göttliche, königliche Zuno. Besaßen wir vom Jupiter selbst ein Bild wie dieses! Dennoch aber, ob uns gleich ein Phidias-Bild vom höchsten Gott fehlet, ist sein Charakter in allen Borstellungen merkbar, Macht, Weisheit und Güte in Ein unsterbliches Haupt versammlet. Was sein Weib in stolzem Anstande zeiget, das ist er in ruhiger Würde, Baker der Götter, König des Himmels und mit seinem Stabe ein Hirt der Völker. Der Blitz in seiner Hand hat die Riesen zerschmettert und die Lüfte gereinigt; sein Blick hat den Elementen Frieden geboten, darum feycrn um seinen Thron Grazien und Horen unzertrennbare Reigentänze. Sein Haupthaar, dessen Wallen den Olymp erschüttert, fallt in ruhigen Locken nieder; sein Mund ist gütig und der Wink seines Augenbrauns verheißt dem Flehenden, der seine Knie berühret, väterlichen Beistand. Heil dem Gott der Götter! Er gebe seinen erdgeborncn Söhnen, was er hat und ist, mächtige Güte, gnädige Weisheit. Nach Jupiter darf ich von seinen beiden Brüdern nicht reden; sie tragen seinen Charakter, nur in niedriger» Reichen. Neptun in den Wellen des Meers zeigt den Sturm desselben, aber nur in seinem Haar; sein Anblick glättet das Meer, und gebietet Stürmen und Wellen Friede. Plut 0 ' s (Jupiter-Scrapis) Antlitz mit seinem düster-gütigen Herders W.z.schön.Lit,».Kunst. VII. N 194 H- Ideen zur Geschichte und Kritik Blick erössnetc mir jedesmal die dunkle Unterwelt, wenn ich ihn ansah. In düftcrn Gegenden ist dieser traurig ernste und doch milde Jupiter König. So charakterisirtcn die Griechen Leben und Lod, Himmel und Orkus. O waren uns von so manchen Gottheiten, die im Pausanias genannt sind, Abbildungen übrig; wir hatten eine Charakteristik selbst aller Leidenschaften der Seele.. Wenn dieser mein Brief öffentlich bekannt würde, so könnte cs schwerlich anders seyn, als daß er Manchem enthusiastisch vorkäme. Diesem aber hatte ich nur Eins zu sagen: „gehe hin, sieh' und betrachte. Je kalter, desto besser; um so mehr wirst du, was ich andeutcte, finden. Nur habe kein vorgefaßtes System." Alle wissen wir, daß die Götter der Griechen, in verschiedenen Gegenden entsprossen, hie und dort anders gedacht, mit Nebenumstanden oft verkleidet, von Dichtern äußerst verschieden behandelt, von Philosophen endlich mit Allegorien dergestalt überladen worden sind, daß man in jedem Gott einen ganzen Olymp von Göttern finden konnte. Aus diesem allen folgt aber nichts, was meiner in Denkmalen vorliegenden Wahrheit zuwider wäre. Der Mylho- lo g zahle jede örtliche Gottheit mit ihren Attributen und Namen her; eine sehr lehrreiche Tempclreise. Der Ausleger bemerke jede Verschiedenheit der Götterfabcl nach Zeitaltern, Dichtungsartcn und einzelnen Dichtern; eine sehr lehrreiche Reise, wenn sie mit Aristoteles Scharfsinn angestellet wird. Unter andern guten Folgen würde sie uns auch vor der unseligen Uebertragung des Bildes Einer Dich- der Poesie und bildenden Künste. 296 kungsart in eine von ihr verschiedene, ja vor hundert andern unnützen Anführungen bewahren. — Der Kunstliebhaber reise die Kunstwerke durch, sowohl die noch vorhanden sind, als auch von denen die Allen reden. Er untersuche das Spiel der Künstler-Ideen nach Zeiten, Gelegenheiten, am meisten nach dem Ort und Zweck ihrer Anwendung: denn unmöglich können doch Statuen, Basreliefs, Gemmen und Münzen auf Einen Fuß genommen, Zeiten und Lander verwirrt, Und Alles wie auf Einer Tafel betrachtet werden. Hierüber ist noch wenig geleistet worden, zumal so viele schöne Basreliefs noch nicht bekannt, und wenige Kunstliebhaber in dem glücklichen Fall sind, alles Bekanntgewvrdene zu kennen, oder mit Muße zu gebrauchen. — Endlich vergleiche dieser Kunstliebhaber Künstler und Dichter; von allen vorigen das schwereste Werk, das nicht nur Gelehrsamkeit, sondern auch Verstand und einen wirklichen Kunst - und Dichtersinn fodert. Hier brach Lessing eine große Bahn, auf welcher aber Noch nicht weite Schritte gemacht sind. Eine feste Krjtik hierüber würde uns vor mancher unglücklichen Anwendung der Kunst auf die Dichter, die in theuren Werken vor uns liegen, und doch bloße Bacbarcy sind, bewahren. — Alle diese und noch Mehrere Erwägungen aber verrücken den Gesichtspunkt nicht, den ich verfolgte, ncmlich: „welche reine Idee lag der Kunst, und zwar in ihren heiligsten Werken vor, die öffentlich dargestellt und für die Ewigkeit geschaffen wurden? Wie kam die Kunrt zu ihr? wie hat sie solche a u Sg e fü h re t?" N 2 196 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Dies dünkt mich gleichsam das letzte, innigste Resultat beim Ucberschauen ihrer Werke, in denen der Künstler nicht eigenmächtig spielen, sondern den Charakter seines Gegenstandes als eine bleibende, ja gar als eine höchste Idee anqeben wollte. Würde mir also Jemand gegen meinen Jupiter die Vase zeigen, auf der er als Maske die Rolle des Amphi- truo spielet, oder gegen meine Juno ihren Zank im Homer anführen: so könnte ich ihm nichts sagen, als: „für dich habe ich nichts geschrieben." Ich schrieb von den Idealen der Humanität in der griechiscben Kunst und diese bleiben fest, wenn auch bei Dichtern und Künstlern tausend Inhumanitäten vorkämen; von diesen möge ein Andrer schreiben. 3t. „Aber, m. F, die Faunen, die Satyren, Pan, Sylen, der Indische Bacchus, die Manaden, die Centauren, (an mehrere Ungeheuer nicht zu denken) — wie bestehen diese mit Ihrem Ideal der Humanität in Griechischen Kunstwerken ?" „Zweitens. Und hätten die Griechen uns denn Alles vorweg genommen? wären außer diesen und hinter ihnen nicht noch andre, feinere sittliche Ideale möglich? Ja wären diese von mehrcrn Künstlern nicht wirklich gegeben?" „Endlich, was hilft uns diese Humanität der der Poesie und bildenden Künste. 197 Griechen, da wir nicht Griechen sind? Unser Himmel, unsre Einrichtungen, unsre Lebensweise legen uns andre Bedürfnisse auf, und fodern von unS andre Pflichten. Wir lüsten also, wenn wir jene, soll ich sagen, feinere oder gröbere Sinnlichkeit alter Zeiten, jugendlicher Völker der Welt begehren, nach einer uns versagten, dazu gefährlichen Traube. Unsre Humanität blüht in philosophischen Begriffen ohne sinnliche Darstellung. Die Blüthenzeit ist vorüber ; wir kosten Früchte." Wollten Sie uns wokfl Einige dieser Zweifel lösen? 22. Die Satyren der Griechen sind eben sowohl Denkmale ihrer humanen Weisheit, als die crha- bendstcn Götterbilder. Nicht alles laßt sich in der Menschheit zum Helden und Gott idcalisiren; deß- halb aber ist dieser Theil unsres Geschlechts so ganz und gar nicht verwerflich. Es giebt eine geringere, cine Faunen- und Satyren natur in der menschlichen Bildung, die wir nicht verläugncn können; sie ist behend, aufgeweckt, lustig, munter in Einfallen, in ländlichen Scherzen und Spielen; dabei lüstern, üppig; übrigens einem Theil nach, (denn es giebt auch grobe böse Faunen) gutartig, dienstfertig, wohlgefällig, freundlich. Warum sollte man diesen Geschöpfen, die einst die Besitzer der jungen Welt waren, ihre Freuden und Spiele stören? Warum sollte man diesem Satyrus, der mit so unendlichem Äppetit die süße Traube kostet, jenem Ig8 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Faunchen, das die Nymphe belauscht oder haschet, jenem andern, der mit kindischer Freude die Flöte blaset, oder gaukelnd aüshüpftt, ihre juceudlicl)« Freude, ihre unerfahrne Lüsternheit und Neugier rauben? Vergnügungen oder Lustkeime dieser Art machen einen so großen Theil der Jugmdfyeuden aus, die man unschuldige Freuden zu nennen gewohnt ist; und manche Charaktere haften daran Zeitlebens. Also bemächtige sich auch die Kunst dieser Klasse der Menschheit; nur sie sondre sie ab, und charakterisire sie also, daß man sogleich ihre Natur wahrnimmt. Dies hat die Kunst gethan, und zwar (ich gehe alles vorüber, was für lüsterne Augen, in Wollustkammern oder Gärten gemacht wurde) auf eine dem Genius dieser Gattung ganz gemäße Weise. Diesem jungen Satyr sprießt ein Hörnchen, jenem ein Schweischen; sein spitzes Dhr lauscht, sein Blick, seine Zunge lüstet; also ist er schon seiner Art nach zum gaukelnden Sprunge, zur lüsternen Fröhlichkeit gemacht; in dieser Art hat die Kunst ihn ergriffen, und charakterisiert. Es gicbt Satyren von großer Schönheit; nur sobald sie Sa- tyren sind, zeichnete sie die Kunst aus, als der reinen Menschheit nicht ganz würdig. War es Grobheit oder zartes Gefühl, das diesen Unterschied machte? Unser Auge würde vielleicht nicht beleidigt, wenn ein ganz menschlicher Jüngling mit einer Nymphe scherzt; das Auge der Griechen ward es. Die Gestalt eines Jünglinges war heilig; aber ein Satyr durste so scherzen und tändeln. Diese charakteristische Unterscheidung, die Begierden solcher Art gleichsam an die Granze der menschlichen der Poesie und bildenden Künste. 199 Natur rückte, war also höchst sittlich gedacht, und die reine menschliche Natur, insonderheit der menschliche Jüngling ward durch sie sehr gechret. Ueberhaupt machen wir uns von dieser ganzen Gattung Geschöpfe zu grobe Begriffe, weil unscrm Klima die ländlichen Spiele und Feste, die dazu Gelegenheit gaben, fremde sind. Wir denken uns allenthalben grobe Waldfaunen und Waldteufel, von denen dort nicht die Rede war; es waren bekannte fröhliche Masken. Die Griechen hatten sogar eine eigne Gattung Schauspiele, wo nur Satyren sprachen und hüpften; Schauspiele, die unmittelbar hinter den größcsten Stücken Ae sch plus und Sophokles gespielt wurden, und deren sich die größcsten Meister nicht schämten. Diese Stücke waren Denkmale der Freiheit und Fröhlichkeit alter Zeiten; ein Satyr durfte sprechen, was der ehrsame Mann nicht sprach, und man durfte cs hören: denn cs sprachs aus den Kindeszeitcn der Welt ein Satyr. Neuere Künstler haben dies sittliche Costume, was einem Menschen und einem Satyr zieme? nicht eben so genau unterschieden. Damit habe ich zugleich dem Silen, dem sogenannten Jnd i sch en Bacchus, den Centauren, Sirenen, noch mehr aber jenen Ungeheuern , die sich ganz von der menschlichen Natur absondcrn, das Wort geredet. Bei uns laufen alle diese Dinge durch einander; der Silen heißt ein ehrlicher Mann, der gerne trinkt; Jahrhunderte lang waren unsre Trimnlcions Leute von der großen Welt; ihre Sitte hieß Hofsitte und Kunst zu leben. Bei den Griechen nicht also; Silen 2oo II. Ideen zur Geschichte und Kritik und Trimalcion waren Masken ausgezeichnet- niedriger Charaktere. Haben Sie in dieser Rücksicht überdacht, welchen Vortheil solche Masken der griechischen Kunst, welchen Adel sie der menschlichen Bildung gaben? Durch sie ward von unsrer Natur abgesondert, was sie verzerret, was ihr nicht ziemet. Alle Carrikatur nemlich war in Masken verlegt, classistcirt und geordnet. Damit blieb sie vom edlen menschlichen Körper getrennt: kein Ho garth durfte Prometheus seyn und Menschen bilden; wohl aber konnte das Kind, der Knabe mit Masken spielen, selbst Jupiter und Merkur konnten in Masken agircn, wenn sie's gut fanden. Sie waren jetzt nicht Götter, sondern Missgestalten; denn wer eine solche Maske tragt, bezeugt eben damit, daß er jetzt kein Mensch, oder Gott, sondern das Thier, der Thor scy, in dessen Gestalt er erscheint. Der edcln Menschengestalt, die bei den Griechen über Alles galt, hat er entsaget.— Selbst an die Griechische Classification und Ordnung dieser der Menschheit unwürdigen Formen hat kaum ein neuer Begriff gereichet. Die Centauren der Griechen, insonderheit Chiron, der den Achilles unterweiset, haben mich immer lehrreich vergnüget. Ich kann den Gedanken, daß eine verständige, zärtliche, tapfere und keusche Thicrheit die Erzieherin und Wiederherstellerin des Menschengeschlechts sey, nicht zarter ausdrücken, als er hier ausgedrückt ist: denn Swifts edle verständige und keusche Huyn Hy m s im Contrast seiner Daoh's, sind, gegen die Dichtung der Griechen, barbarische, in sich selbst nicht bestehende Gedanken. der Poesie und bildende« Künste. 2vi Chiron unterweiset den Achill, nicht etwa in der Jagd allein, sondern in allen Künsten der Musen, sorgsam, strenge und zärtlich. Die Lcyer in der Hand eines Ccnkaurs; eine mit ihren menschlichen Mutterbrüsten nährende Cenkaure, auf deren Rücken Amor sitzt, würde den Stoff zu einer äußerst sittlichen Unterhaltung geben, auf welche die Deutungen der Fabel, daß dergestalt die Helden der Vor- wclt cultivirt worden, selbst weisen. So auch Ihr, ihr schönen Medusen, Gorgonen, Sirenen, Scilla und Charyb- dis, ihr Bacchen, Mänaden, Titanen und Cyklopen, wo und wie ihr in der Kunst der Griechen erscheint, seyd ihr, an eure Platze geordnet. Unter uns lauft ihr umher; eine Titane laßt sich als Held, eine Meduse als Charis, eine Baccha als die Königin des Himmels anschaucn und physiog nomisch mahlen. Waren wir den Griechen nicht Dank schuldig, daß, was wir nicht können, sic gethan, und nach unveränderlichen Regeln und Kennzeichen Claffen geordnet, Abarten ausgezeichnet und die reine Form von der Unform getrennt haben? Auch die Barbaren, und den sogenannten Trimalcion haben sie treffend bezeichnet. <202 II. Ideen zur Geschichte und^Kritik 23 . Ihre zweite Frage „Haben die Griechen uns alles vorweggcnommen, und sind nicht nach und hinter ihnen andre, feinere und sittlichere Ideale möglich? Ja sind diese nicht vielleicht schon langst in der neuern Kunst gegeben?" diese Frage wird sich, wie mir es scheint, aus dem Vorigen von selbst beantworten. Die Griechen nemlich haben, indem sie alles ordneten, als Räuber nicht vorweggenommen; sie haben der Erfindung keines sterblichen Menschen geschadet, sondern dieser Raum gemacht und sie geleitet. Im Anbeginn der Dinge, sagen die Dichter, schwebte alles in wüster Unordnung und cs war zu nichts Raum. Da begann eine Welt; jedes ordnete sich zu Seines gleichen; cs wurden Planeten und Sonnen, Elemente sonderten sich; cs entstanden Kunstgeschöpfe. Nun ward Raum: denn die harmonischen Töne der Weltleycr waren erklungen, und Alles gesellet sich seitdem zu seinem Geschlecht, zu seiner Ordnung. Noch jetzt erhalten sich alle Elasten der Lebendigen also; so reihen sich jetzt noch Sonnen an Sonnen; Nebelsterne ziehen sich zu Systemen zusammen und gewahren Raum; so ward und so wird die Schöpfung. Auch die Kunst, die Schöpfung der Menschen nicht anders. Die Griechen erfanden und vollendeten Ideale; sie schufen Clafsen der Menschheit, und trcnneten ab, was nicht zu ihr gehöret. Damit bildeten sie den reinen göttlichen Begriff unsres Geschlechts zart und vielseitig aus; wem haben der Poesie und bildenden Künste. 2o3 sie hiemit geschadet? Wer sich edler als Castor und- Pollux, schöner als Dionisos oder Apollo, jungfräulicher als Diana, dämonischer als Minerva fühlt, der trete her und die Kunst wird ihm opfern. Ein König, der über Jupiter, eine Königin, die über Juno herrlich, eine Geliebte, die zärtlicher ist als Psyche, trete her und die Kunst wird ihr opfern. Die hohen Sternbilder, die geordneten Sonnen- Sysrcme stehen da; und zwischen ihnen ist Raum zu andern Systemen. Jede reine Idee, die ein vollendetes Bild giebt, thcilt nachbarlichen Ideen Klarheit mit; dies zeigt die griechische Kunst in hohem Grade. Aus jener bescheidenen Aphrodite ward mit einer kleinen Veränderung eine Nemesis; aus ihr und aus allen ursprünglich wenigen Göttcrformen, wie viel Ideen sind erwachsen! Parccn und Eumeuiden, Grasten und Horen, Nymphen allerley Art, Schutzgöttinnen der Lander und Personen, personificirte Tugenden und Ideen. Eine Genealogie dieser Gestalten würde zeigen, von wie wenigen Hauptformen sic entsprossen sind, und wie sich, der einmal festgestellten Ordnung nach , immer Gleiches zu Gleichem gesellte. Bis auf die Münzen der Römer in ziemlich spaten Zeiten erstreckte sich diese Fruchtbarkeit jener kleinen Anzahl griechischer Ideen; auf ihnen erhielten sich Bilder sittlicher Humanität selbst in Zeiten, da alles dem Gesetz und Kriege, dem Zwange und der Noch diente. Sollten also jene Denkbilder reiner Formen der Menschheit je einem Sterblichen den Weg zu Ideen verschließen oder verschlossen haben? Niemals; nur 3»4 II Ideen zur Geschichte und Kritik lange Jahrhunderte waren in so dunklem Nebel, daß auch der Umriß solcher Formen nicht erkannt werden mochte. Endlich zerfloß der Nebel; der menschliche Geist gelangte wieder zu einigermaßen Hellen Begriffen; Andacht und Liebe verkürzten den Weg dahin, und so sind jene Bildnisse erschienen, die wie Morgensterne aus der weichenden Nacht hervorschimmern. Man humanisirte seine Religionsbegriffe; und so trat vor allen andern die gebcnedeiete Jungfrau, die Mutter des Weltheilandes in einer eignen Idee hervor, zu der ihr die griechischen Musen nicht halfen. Der Gruß des Engels half ihr dazu, der sie die Holdselige, die Gottesgeliebte; ihre eigne Demuth half ihr dazu, in der sie sich die Magd des Herren nannte. Aus diesen beiden Zügen floß ihr liebliches Wesen zusammen, das sich dem menschlichen Herzen sehr vertraut machte. Dichter hatten sie mit der Stimme des Engels in zarten Worten oft gegrüßt, zutrauliche Gebete sie liebreich angercdet; jetzt trat die Kunst hinzu, sie auch sichtbar zu machen, sie und das Kind in ihren Armen, die selige Mutter und die heilige Jungfrau. Keuschheit also und mütterliche Liebe, Unschuld des Herzens und jene Demuth, die in der größcstcn Hoheit sich selbst nicht kennet, die in tiefer Armuth die seligste ihres Geschlechts ist; diese neue Form der Menschheit ward vom Himmel gerufen; ein Marien-Eh arakter. Sein unterscheidender Zug ist, wenn ich so sagen darf, jene christliche Unbefangenheit, in der die Mutter von ihr selbst, von ihrer Herrlichkeit, kaum von ihrem Kinde zu wissen scheinet, das sie dennoch, das dennoch sie liebreich umfangt, der Poesie und bildenden Künste. sc>5 und den Menschen hold ist. Eine humane Gruppe, die Kind und Knabe, Mädchen und Jungfrau, Braut und Mutter, Mann und Greis, der Sterbende selbst zutrauendsanft, gleichfalls Mit christlicher Unbefangenheit gern anfehn; da übrigens Raphaels Marien, gewiß die höchsten und reinsten ihrer Art, alle Land mädchen sind, nur sehr innig gedacht und rein idealisirt. Jene Glorreiche, selbst, die, das Kind im Arm, über den Wolken schwebet, kennet sich selbst nicht und ist in einer sanften Verwunderung über die Hoheit, die ihr zu Lhcil wird. Außer Raphael haben wenige diese Idee erreichet; die gebeugte Schmerzensmutter gelang ihnen viel mehr. Den Sohn Gottes in Menschengestalt haben außer Raphael, da Vinci, delSarto wenige würdig gedacht und empfunden, also ncmlich daß die göttliche Menschheit des Erlösers der Menschen nicht zugleich Niedrigkeit würde.. Das Bild des ewigen Vaters fand noch mehrere Schwierigkeiten; die Idee des gefallenen mächtigen Engels nicht minder. In allem aber, was der nähere Kreis unsrer Menschengestalten entschließt, welchen Reichthum schöner Eompositionen haben in Neueren eben die Alten erweckt und befördert! Wer hat je Raphaels Schule zu Athen und seine andre vatikanische Gcmählde gesehen, ohne zu empfinden, „in ihm war eine griechische Seele." EngelS- angesichte sind in seinen Gemählden; seine Muse war ein schaffender Geist, der Gestalten Hervorrust und jedem Charakter mit Grazienhand das Seinige an- rveiset. Was Angelo und so viel andre den Alten 206 II. Ideen zur Geschichte und Kritik schuldig sind, haben sie selbst bekannt; in glücklichen Zeiten der Kunst werden andere kommen, und neu erfinden. Der Jdeenbildcnde Geist ist nicht aus- gestorben und kann nicht aussterben; in den griechischen Kunstwerken ist ein ewiger Saame zu seiner Neubelebung. 24. „Was in unserm Klima, in unsrer Verfassung uns die griechische Kunst solle?" fragen Sie; und ich antworte kurz: „wir wollen nicht sie, sondern sie soll uns besitzen;" gerade das Gegenthcil, was jener Grieche in Ansehung der Lais rühmte. Diese Lais verführt nur schlechte Gcmü- ther; die besseren wird sie als eine Aspasia bilden. Wir wollen, meyne ich, die griechische Kunst nicht besitzen, da so wenige nordische Seelen sie kaum fühlen. Die griechischen Kunstwerke selbst sind ja unserm unfreundlichen Klima fremde; und cs dauerte mich stets, wenn ich Schatze dieser Art nach Britannien hinüber geschifft sah. Ein Raub der Proserpina; wer wird sie in jenen Plutonischen Hainen, wo sie unverstanden, zerstreut und verschlossen dastehn, suchen und von ihnen lernen? Lasset ihr Weltüberwindcr, den Raub Griechenlandes und Aegyptens ihrer alten Beherrscherin, dem müden und ewigen Nom, wo Jedermann, dem das Glück den Weg dahin nicht versagte, um ein Nichts zu ihnen Zutritt findet. Sendet eure Künstler dahin, der Poesie und bildenden Künste. 207 oder gewähret euch selbst ihren mildernden Anblick; nur machet sie nicht zu Boten unter den Völkern, oder zu Hermessäulen auf euren glorreichen Wegen. Die griechische Kunst, meyne ich, soll nns besitzen, und zwar an Seele und Körper. Allenthalben z. B. gingen die Völker bekleidet umher, und schämctcn sich des Gottgcbildes, das sie verhüllten; die Griechen wagten cs, den Menschen in der Herrlichkeit zu zeigen, die ihm Gott anschuf. Welcher Vater, welche Mutter wünschet sich nicht gesunde, wohlgestaltete Kinder? wer erfreuet sich nicht an ihrem Anblick und fühlt seine Brust er-' weitert, wenn er einen schaamhasten Jüngling, eine züchtige Jungfrau siehet? In dieser Jugendkraft, die, von einer glücklichen Natur erzeuget, durch Mäßigkeit und Uedung allein gedeihet, fühlt jedermann die Anlage zu einem lhatigen, heitern Lebens und bedaurct die Gelegenheit, die ihm zu Ausbildung dieser Gestalt und Kräfte versagt ward. Wenn nun ein unfreundlicher Dämon uns die Brust zusammendrückte, sollten wir künftigen Geschlechtern nicht einen glücklichem Dämon gönnen? Und da vom Menschen-Schicksal viel, sehr viel, in der Hand der Menschen, in ihrem Willen, in ihrer Verfassung und Einrichtung liegt: könnte uns zu Beförderung solcher Anstalten wohl ein Grönländer, der aus seiner Höhle gezogen ward, oder nicht vielmehr ein Grieche, der ein Mensch wie wir war und als ein Gottesbild dastcht, erwecken und reizen? — 2v3 II. Ideen zur Geschichte und Kritik An den Körpern betrachte man der Griechen Kleidung. Die unsre hat Pcnia, die Dürftigkeit selbst erfunden, und eine Megära des Lupus und der Unvernunft vollendet. Die Kleidung unsrer Weiber entsprang aus der armen Schürze, die man noch bei Negern und Wilden flehet. Als sie endlich rings die Lenden umgab, ward sie zu einem Rock, der aus drückender Armuth kaum über den Nabel den Unterleib zufammenschnüret. Jahrtausende hin haben diese schnürende Lenden-Schürzen fortgedauert; und um ihren Reichthum zu zeigen legten manche nordische Volkstrachten sogar sieben dergleichen Lcnden- schürzcn dick über einander, daß das abentheuerliche Geschöpf dem Ansehen nach auf einer Tonne ruhe» möchte. Man wagte es oft nicht, diese Schürze bis zu den Füßen hinab zu verlängern, geschweige, daß man sie zu einem Gewände zu erheben sich getrauet hatte; und zeigte lieber scine ungestalten Glieder. Die Bekleidung des nordischen Weibes an der Brust entsprang aus einem Mieder, das man nach und nach mit mehreren Theilcn zusammensetztc, woraus dann jener unselige Seiten - und Brusiharnisch entstand, der tausend Müttern und Kindern ihre Wohlgestalt, ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Freuden an Muttergeschaften gekostet hat, und dennoch fort- dauret. Da man Einmal auf dem Wege der MiS- gestalt war, so wurden mancherlei) Kleidungen erdacht, um diese oder jene einzelne Misgestalt zu verbergen, denen sodann unter dem Gesetz der Mode, auch die blühendste Gestalt nachahmen mußte. Bei jeder unsinnigen Tracht nemlich kann man zeigen, welchem körperlichen Fehler zu gut sie entstanden sei), s«' der Poesie und bildenden Künste. 20Y so daß man fast auch keinen körperlichen Fehler gedenken kann, den unsre weibliche Tracht nicht verbergen möchte. „Bist du das Alles?" sagte jene Griechin zu einem Europäischen Rcisrock; und was der Rcisrock hatte antworten können, hat Lady -Mo n tag ne frei gesagt. Die männliche Kleidung der Europäer hat einen eben so barbarischen Ursprung. Jum reiten sind wir da; das zeigt die Bekleidung unsrer Beine. Die übrigen Fetzen haben wir uns nach und nach, insonderheit der Taschen wegen, zu- gelcgct, und als ob wir uns des Stranges unaufhörlich bewußt seyn sollten, insonderheit unscrn Hals jämmerlich zugeschnürct; eine Kleidung , in der wrr allen Nationen der Erde lächerlich werden. Da blicke man eine Muse, eine Juno, ja nur irgend eine bekleidete Griechische Nymphe an, und erröthe. Man betrachte einen griechischen Mann, er Jüngling, Held oder Weiser, in seinem Gewände; und sehe beschämt auf sich selber. Fühlten beide Geschlechter die Würde ihrer Körpergestalt und hielten ihre Zwecke für Pflicht; hätten sie sich diesen Fesseln barbarischer Dürftigkeit nicht längst entwunden ? Ohne Zweifel müssen Sie in Statuen sowohl als auf allen griechi'chen Denkmalen den bescheidenen und festen Stand, die ruhigcStel- lung der Personen beiderlei Geschlechts, die nicht Fechter, oder Faunen sind, bemerkt haben; Win- kelmann hat darüber seine für die Schönheit sehr empfindliche Seele reich ausgeschüttet, und den zar- HerdersWerke z. schön.Lit.u. Kunst. VII. O - nro il. Zdee» zur Geschichte und Kritik t c n G e m ü t b s c h a r a k ter, den diese Wicke Verrats, unübertrefflich geschildert. Vergleichen Sie damit unsre alten Gemählde in spanischer Tracht mit ihrem Ritter- und Heldcntritte, cder alle jene ge mahnten Gcbehrden, die uns das Etiquctt der Gesellschaft auflegt. Beide Geschlechter haben in ihrer Kleidung fast keine natürliche Stellung mehr; Hände und Füße sind uns zur käst, und jene ruhige Innigkeit, dienen keiner Repräsentation weiß, die auch in der Bewegung ganz für sich da ist, wir sehen sie kaum noch alleinigen glücklichen Ausnahmen, in denen wir sie U n e r; o g en h e i t oder Naiv i- tä t zu nennen gewohnt sind. Und doch ist diese nüchterne Innigkeit die Grundlage aller wahren und ruhigen Besinnung im Menschen, so wie sie das Kennzeichen einer reinen Unbefangenheit, eines richtigen Gefühls, eines tieferen Mitgefühls, kurz der einzigen und ächten Humanität ist. Wer in seinen Bewegungen zeigt, daß er nicht Zeit habe, zwei Augenblicke in sich selbst zu verweilen und ohne Rücksicht der Tinge, die außer ihm sind, seine Geschäfte zu treiben, ist ein unreifes Geschöpf der Menschheit. Nur Antriebe von aussen, Sturm und Zwang können ihm gebieten; er fühlet nichts von jener in- ncrn Seelenruhe, die auch im Gegengewichte und Kampfe lebendiger Kräfte, vermöge der Symmetrie und Euryckmie des Körpers und der in ihr sanft ergossenen Seele auf sich selbst haftet. Aber wie soll ich das freundliche Bei- sammenfeyn der griechischen Körper und Seele« unter und mit einander bezeichnen? Jene Ruhe, dcr Poesie und bildende» Künste. uro mit der sie einander anschaun und hören? Die Ueberredung wohnet auf ihrer Lippe, ob man gleich kein Wort vernimmt; cs ist Ein gegenwärtiger Geist, dcr den Hörenden und Sprechenden bindet. Und wenn ihre Hände einander berühren, wenn dieser sanfte Arm auf dcr Schulter, oder nur das Auge auf dem Anblick des andern ruhet; welche süße Harmonie, welche liebende Anhänglichkeit offenbarer sich zwischen Beiden! -Nie habe ich eine griechische Gruppe, man nenne sie Occst und Pyla des, oder Oreft und Elektra, Biblis und Caunus, Patus und Arria, Amor und Psyche, oder wie man wolle, bemerket , ohne diese liebliche Z u sa m m e n s ti m m u n g zu fühlen , die beide zu Einem vereinet. Nie habe ich in den wenigen Gcmahlden, die von ihnen übrig sind oder in ihren zahlreichem Bas-Reliefs eine griechische 'häusliche Gesellschaft gesehen, in welche nicht jener Geist dcr Ruhe ergossen war, dcr unfern tu- multvollen Compositionen so oft fehlet. Raphael hatte von diesem Geiste empfangen; Mcngs hak ihn, wenn das antike Gemahlde, in welchem sich Ganymedes dem Jupiter nahet , sein ist, sowohl in dem Annahen selbst, als auf dem Munde des Vaters der Götter in dem ewig freundlichen Kuß aus- gedrückt, mit dem er ihn aufnimmt. In allen Com- positivncn der An g clika ist diese ihr eingebohrne moralische Grazie der Eharakter ihrer Menschen. Selbst der Wilde wird durch ihre Hand milde; ihre Jünglinge schweben wie Genien auf der Erde; nie war ihr Pinsel eine freche Gcbehrde zu schildern vermögend. Wie etwa ein schuldloser Geist sich menschliche Charaktere denken mag, so hat sie solche, aus II. Ideen zue Geschichte und Kritik ihren Hüllen gezogen, und mit einem schönen Verstaube , der das Ganze nuss leiseste umfaßt, und jeden Theil wie eine Blume entsprießen laßt, harmonisch sanft geordnet. Ein Engel gab ihr ihren Namen, und die Muse der Humanität ward ihre Schwester. Mcpncn Sie noch, daß die Kunst der Griechen ihrem Geiste nach, nicht für uns gehöre? Dem Worte selbst nach hatten Cie uns damit zu einer ewigen Barbarei verdammet. Denn, um aller Musen willen, wozu lesen wir die Griechen? Jsts nicht, daß wir eben diesen zarten Keim der Humanität, der in ihren Schriften, wie in ihrer Kunst, liegt, nicht etwa nur gelehrt entfalten, sondern in uns, in das Herz unsrer Jünglinge pflanzen ? Wer in Homer, ja in allen Schriftstellern von ächtgriechischem Geist, bis zu Plutarch und Longin hinab, blos Griechisch lernet, oder irgend eine Wissenschaft in ihnen bloS und allein mit nordischem Fleiße verfolgt, ohne den Geist ihrer Composilion, diese feine Blüthe mit inncr.x Zustimmung seines Herzens zu bemerken, der könnte, dünkt mich, an ihrer statt Sinesen und Mongolen lesen. 25 . Der Schluß Ihres letzten Briefes scheint auf den alten Satz hinauszukommen, „daß für un? her Poesie und bildenden Künste. 3iö Menschen das Wahre, Gute und Schöne nur Eins sey:" Sollte cs nicht aber auch ci» Wahres und Gutes ohne schone Form geben? ;a müßte sich nicht eben das höchste Wahre, und Gute von aller Form entkleiden? Die Griechen lebten im Jünalingsalter dir Menschheit; bei ihnen lief oft die Eim sidungskraft mit dem Verstände davon, öder wenigstens lief sie ihm voran, und kleidete sinnlich ein, was doch all in für den Verstand gehöret. Schonend haben Sie die Mißbräuche verschwiegen, die von den Künsten des Schönen gemacht wurden und täglich noch gemacht werden. JstS also nicht eine wohithatige Hand, die diese Dinge scheidet? Wir Nordländer sind einmal nicht wie die Griechen organisirt; lasset jenen, statt der Wahrheit, eine Aphrodite auf ihrem Altar; unsre Wahrbeit ist ein unsichtbarer Geist, unsre Moral eine Gesetzgeberin für alle rcindcnkende Wesen, in welcher Körpcr- form diese auch erscheinen mögen. Sinnlichkeit schadet dem Verstände; durch seine Liebe zum Schönen ging Griechenland unter. 36. Und wodurch gingen denn so viele Barbaren unter ? Durch Unverstand und Tollkühnheit, durch eine erschlaffende Ucppigkeit, die ohne alle Empfindung des Schönen war, oder durch sklavische Träg- 214 n. Ideen zur Geschichte und Kritik heit. Also lassen Sie uns die Schicksale der Völker, die im Wurfe der Zeiten von so mancherlei Umstanden bestimmt werden, nicht in unsre Frage mischen. Mißbrauch bleibt überall Mißbrauch, Laster allenthalben Laster, unter welcher Larve es auch erscheine. Auch reden wir nicht von einer Sinnlichkeit, die dem Verstände entgegengesetzt wäre. Eine solche sollten wir nicht kennen ; so wenig uns ein Verstand ohne Sinnlichkeit und eine Moral völ-. lig reiner Geister bekannt ist. Nach meiner Philosophie erweisen sich alle Na- turkrafte, die wir kennen, in Organen; je edler die Kraft, desto feiner ist das Organ ihrer Wirkung. Körperlose Geister sind mir unbekannt. Ausser der Menschheit kenne ich überhaupt keine »vernünftigen Wesen, deren Denkart ich erforschen könnte; ich schließe mich also in meinen engen Kreis, ich wickle mich', in den armen Mantel meines irdischen Daseyns. Und in diesem finde ich durchaus keine formlose Güte und Wahrheit. Ich spreche nicht von Wortformen, die als bloße Mittel des Em- psängnisses und Ausdrucks unsrer Gedanken ganz an ihrem Ort bleiben; ich rede nicht von Grundsätzen, die als Grundsätze freilich nicht dargestellt werden können; sondern von Gegenständen und Sachen, von der N a t u r unser selbst und der D i nge, d i e un s umgeben. Jede Wahrheit, die aus diesen abgezogen ward, muß auf sie zurückgcfübrt werden können, und eine Mcnschenmo- ral kann sich nicht and.rs als in menschlichen Gesinnungen, Neigungen , Handlungen äußern. Mithin der Poesie und bildenden Künste. ur5 hat alles Form und Weise; eine Form, die erkannt, eine Weise, die sichtbar gemacht werden kann und muß. Und diese Form des Wahren und Guten (verzeihen Sie meine Unphilosophic,) ist Schönheit. Je reiner sie erscheint, je lebendiger in ihr Erkenntniß und Güte ausgedrückt sind, desto mehr behauptet sie ihren Namen, und übt ihre Kraft auf menschliche Gemüther und Organe. Wie das heilige Wort Güte und Schönheit (xs-Xov vom Pöbel gcmißbraucht werde, darf und muß uns nicht irren: denn wer legte uns di. verwirrte Sprache des Pöbels zum Gcsitz auf? Es gibt aber keine häßliche Wahrheit, fo wenig es ein häßlich Gutes geben kann : dem Erkennenden sowohl als dem Ausübenden sind beide von der h ö c h- stcn Schönheit. Lassen Sie uns z. B. bei der Moral bleiben. Ihr Grund liegt im Verstände und Herzen des Menschen; im Wesentlichen ist er auch von alsin Völkern anerkannt; die Griechen aber haben ihren höchsten Grundsatz der Sprache nach schön ausgebildet. So verschieden ihre Philosophen sich ausdrückttn; so war ihnen allen Tugend das höchste Geziemende der Menschheit in Gesinnungen, Handlungen und der ganzen Lebensweise, kur; das sitt- ljch - Schöne. Plato suchte cs in ewigen Ideen Ar i stoteles als die feinste Mitte zwischen zwei Extremen, die Stoische Schule als das höchste Gesetz aller Vernünftigen in einer großen Stadt Gottes ; alle aber kamen darinn übcresn , daß cs ein 2l6 II. Ideen zur Geschichte und Kritik ««Xou, ein 77^L?rsu, das höchste Anständige der menschlichen Natur sey. Dies Anständige nun hat keinen Maasstab von aussen; durch politische Gesetze kann mir die reine Gemüthstugcnd nicht aufgelegt werden; auch die Mcvnungcn andrer erkennet sie als ihr Gesetz nicht. Noch weniger die Bequemlichkeit, den Nutzen, die Eitelkeit des Artigen von innen und außen; äußerst mißverstanden sind Griechen und Römer, wenn man ihr Uonsslum, ihr xrrlciuirr st ässen8 dahin erniedrigt. In jedem zweifelhaften, schweren Fall setzten sie cs dem Nutzen, der Bequemlichkeit, der äus- serlichcn Ehre und Schande gerade entgegen; Arbeiten und Mühe, Marter und Tod wahlctcn sie für diese schone Braut, dm höchsten Kampfpreis des Lebens, das rsotisoiinurn, oxiirnurn, die Tugend. Und mich dünkt, dies höchste Anständige der Menschheit cn.halte sowohl die schärfste Bej.immung als den innigsten Reiz der Tugend. In ihr befolge ich nem.'ich nicht sowohl ein Gesetz, das ich mir selbst aufgelegt habe, cder als Gesetzgeber allen vernünftigen Wesen auflegc. In der stolzen Monarchie mein selbst verwechseln sich oft Gebieter und Sklave; einer betrügt den andern; dieser sträubt sich, jener brüstet sich; und überhaupt ist ein Gesetz, als Gesetz, ohne Reiz und inneres Leben. Das mir selbst, das der Menschheit Anständige reizt; cs reizt unaufhörlich, als ein nie ganz zu erringender Kaw.pfprcis, als meiner innern und aussern Natur, als meines ganzen Geschlechts höchste Blüthe. Wer dasüc keinen Sinn hätte, der wü.de sich zwar selbst nicht vcrach- der Poesie und bildenden Künste. 217 len; er bliebe aber eben dadurch ein Unmensch, weil ihm dies Anständige, diese innere Wohlgestalt, das Gefühl und Bestreben des siomesti fehlte. Er ist, (in der Sprache der Griechen zu reden,) ein Thier oder Halbthier, ein Eentaur, ein Satyr. In der Menschheit hat dies Ideal des moralischen Anstandes so viele Stilsin der Annäherung, dass es nicht etwa nur Gesinnungen für sich und die Seinen, sondern Vaterland und zuletzt die ganze Menschheit unter sich begreifet. Der wäre der Edelste und Schönste, der mit den größestcn Gefahren, der schwersten Mühe, der langsamsten Aufopferung sein selbst, nicht Freunde, nicht Kinder, nicht das Vaterland allein, sondern die gestammte Menschheit zu dieser innen, süßen Würde, dem lebendigsten Gefühl des Ironssti jeder Art, mithin zum endlosen Bestreben nach der reinsten Mcnschcnform heben könnte. Hier höret Despot und Sklave völlig auf; auch wenn ich mir gebiete, bin ich unter dem Evangelium, in einem Wettkampf liberaler Ucbung. Wenn ich das Schwerste und Grösseste gethan hätte, habe ich nichts gethan; ich weiß nicht, daß ich es gethan habe; aber dem Zi.l fühle ich mich naher, ein Netter, ein Erhöher der Menschhcit in mir und andern zu werden aus innerer Lust und Neigung. Sie sehen, in welchen um üblichen Plan diese Idee des moralisch-Schöuen gehöret. „Die Erziehung der Alten, sagt Winkel- mann*), war der unsrigcn sehr entgegengesetzt. Allegorie. S. r3. 21 ä II. Ideen zur Geschichte und Kritik Bei ihnen in ihren besten Zeiten wurden nur heroische Tugenden geschützt; diejenigen nämlich, welche die menschliche Würdigkeit erbeben, du andere hingegen, durch welche unsre Begriffe sinken und sich erniedrigen, nicht gelehret noch gesucht, vielweniger auf öffentlichen Denkmalen vorgestellt wurden. Jene Erziehung war bedacht, das Herz und den Geist eine xsindlich zu machen für die wahre Ehre; die Jugend zu einer männlichen großmütbigen Tugend zu gewöhnen, welche alte kleine Absichten, ja das Leben selbst verachtet, wenn eine Unternehmung der Größe ihrer Denkungsart nicht gemäß aussicl. Bey uns wird die edle Ehrbegierde ersticket und der dumme Stolz gewähret." 27 - Wie wäre cs, wenn ich Ihren Gang in Arkadien unter den Kunstgebilden der Griechen mit einigen Stimmen der griechischen Muse begleitete? Sie zeigen wenigstens, daß das Menschen- gefühl, das Werke der Kunst schuf, sie auch ansah, daß man den müden Sinn des Künstlers zu erfassen und auszudrückcn strebte. Die griechische Anthologie giebt uns hiezu mehr als Einen Wink, und Heyne hat in ein par Vorlesungen diese gesammlet. *) *) kriscss ^.rtis opera ex epigrsninratibri? grsecis g>»rtinr srirta psrtiin illustr-eia. Larninent. I. der Poesie und bildenden Künste. 219 Der stolzen Juno hat wahrscheinlich ein Griechisches Epigramm ihren Todfeind, den Herkules an die Brust gelegt. *) Der Dichter fand, daß die marmorne Brust, dem Kinde die Milch versagend, die Brust einer Stiefmutter, einer Juno scyn müßte — nicht ohne Grund. Diese zarte Pflicht mütterlicher Liebe gehört wirklich mehr für den Pinsel des Mahlers, als für den harten Marmor. Kräftiger drückten die Gri.chcn die mütterliche Liebe im Kampf der Leidenschaft aus. -Wie jene Henne, die, von Schnee und Kalte erstarret, auch im Tode noch das Nest ihrer Geliebten deckt und cs vor dem.Tode beschirmt*'); so stehet in der Kunst die für alle ihre Kinder leidende Niobe da, und die Stimme der Musen bez.ichnet das Ideal der mütterlichen Hercide: Schau das lebendige Bild der unglückseligen Mutter; Noch im Tode beweint ihre Gelicbteste» sie, Mit unhörbarer Klage; sie steht erstarret. Der Künstler Bildete sie, wie im Schmerz lebend zum Felsen sie ward. Und da die Bildsäule der Mutter mit denen um sie getodtcten Kindern einen entfernten Anblick forderte, so sprach der Dichter: II. v. Lominent. 8 ou. 6 oetting. bist, er xbil. D. X. x. 80. Lrunele Xualect. D. III. p. 202. **) Herd er's zerstreute Blatter. Th. >. S, g<>. Kritstol, Liebst. D. I. Lnp. 87. 22k, II. Zdcen zur Geschichte und Kritik Gtche von fern' und wein', anschauender Wanderer. Lausend Schmerzen zeigen sich hier, die ein unglückliches Wort Dieser Mutter gebracht. Zwölf Kinder, Brüder und Schwestern, Liegen von Artemis Pfeil, liegen von Cynthi- u s Pfeil Schon danieder; die andern ereilt ihr Köcher. Er ächzet Sipylus dort auf der Höh. Schaue, die Mutter erstarrt. In einem andern Epigramm hebet sic die Hände empor; es loset sich ihr Haar; seufzend schauet sie umher; dieser Tochter schlägt das Herz in der Angst des Todes, j^ne schmieget sich sterbend an sie, eine andre ist schon erblaßt. So ihre Söhne; Gram folget der Matter ins Todtenrcich nach. — Eine andre Stimme br-ng' der Erstarrenden die Nachricht vom DKe ibrer Kinder. *) Kurz, Niobe steht im Namen aller Unglückeichen da, die je ein blühendes Geschlecht beweinten. Wie manche Töne der Vatcr- und Mutterliebe kommen uns hierüber aus der Anthologie wieder, wenn wir, wie z. B. dort auf der Mnasylsta Grabe, die Tochter im Arme der Mutter verscheiden sehen**), und sonst in mancherlei Art Denkmale der Liebe aus den Grüften der Gestorbenen erblicken. So oft mir das bekannte Bild *) Hntbol. Lroplisu. 6. g. I. 4. ") Lrnnlc g.NLleots III..st. der Poesie und bildenden Künste. 221 erscheinet, da Merkur eine schüchterne Seele dem gütigen Pluto und der Proserpina darstellt, höre ich jene fragende Stimme: Du, der Proserpina Bote, wer ist es, den du, » Hermes, Schon so frühe dem Reich dunkeler Schatten gesellst? „Jener Ariston ists von sieben Jahren. Du stehest Zwischen den Eltern ihn dort stehen im traurigen Mahl. " Lhranenliebender Pluto; dir reist ja Alles, was ath- met; Und du mähest dis Frucht früh' in der Blume dir schon? Um den Schmerz der Mutterliebe zu hören, lesen Sie der H e ku b a, P r 0 g ne, der Andro- mache Klagen ; hören Sie, wie, von den Stürmen deS Meeres umhergetrieden, die Danae ruft:*) Als um die kunstgezimmcrte Kiste Brauste der Wind und das wogige Meer; Da sank erstarret vor Schrecken Der Mutter das Herz. Mit thranenbeoeckter Wange Schlang sie um Perseus ihren liebenden Arm rmd sprach: „O Kind, was leid' ich um dich! Und du schlummerst mit deinem unschuldigen Herzen In dieser grausen, erzumklammerten, nächtlichen Wohnung, In schwarzer Finsterniß, so sanft. Der Welle, die um dein weiches Haupthaar schlagt, *) Lrunk, 1. I. x. rnr. 222 n. Idem zur Geschichte und Kritik lind der Winde Äausen achtest du nicht; Da im Purpurkleide verhüllet Dein schönes Antlitz ruht. Gewiß, wenn dieses Erschreckliche Dir schrecklich wäre, du vernahmst Von meinen Klage» ein kleines Wort. Doch schlafe sanft, mein Kind! Schlaf' auch das Meer, mein unermeßliches Unglück schlafe. Vereitle, Vater Aevs, der strafenden Eltern Rath — Und sprach ich jetzt ein zu verwegenes Wort, Verzeih, um dieses deines Kindes willen verzeih. Sie erinnern sich jenes stürzenden Gipfels, der ein schlafendes Kind nicht trifft, weil auch der harte Stein den Schmerz der Mutter fühlte. *) Sie erinnern sich der Mutter, die ihr Kind vom Rande des Abgrundes mit ihrer Mutterbrust hinweglockt und ihm zum zweitenmal das Leben schenket. **) Diese und so manche andre Stimmen der Mutterliebe erklären uns die heilige Innigkeit, die um alle Gebilde des Alterthums in dieser Gattung schwebet. Der höchste Triumph der Kunst im Ausdruck dieser Empfindung erscheint endlich im Bilde der Medea, der Kindesmördcrin selbst. Den Streit der wüthcnden Eifersucht mit der mütterlichen Liebe wußte Timoikiachus so sichtbar zu machen, daß inan sah, sie wolle tobten und retten. Im drohenden Auge hing eine Thrane, in ihr Erbarmen war Zorn gemischt; sie zögert zur Thal zu schreiten; genug, sagte zum Künstler der Weise, *) Zerstreute Blätter. LH. r. S. ra. **) Zerstr. Bl. Th. i. T. 84, Antll. 8t, I. r. c. 87. der Poesie und bildenden Künste. 223 Gnug die Zögerung, gnug! Der Kinder Blut zu vergießen, Ziemet Mederns nur, nichr des Limomach u s Hand. Was hier der Weise sprach, sagte das edlere Mcnschcngefühl dem Künstler selbst. Eine Reihe von Sinngedichten preisen diese seine Schonung*); andre stellen das Bild der Medea als ein Schreck- bild vor, an welchem auch die Schwalbe nicht nisten sollte.**) Ar Hamas zürnete selbst nicht seinem Sohne Lear- chus Wie Medea; sie ward Mörderin ihres Geschlechts. Eisersuchl ist ärger als Wuth. Vermag eine Mutter Kinder zu morden; o wem sollen sich Kinder vertraue»? Wer, wenn er dergleichen Anwendungen der griechischen Kunst lieset, wird nicht mit Freude fühlen, daß Menschen sie für Menschen geübt haben? r8. Reizend, wie die Kunst der Griechen, wenn sie die Kindes jahre dnrstellt, ist auch die Stimme *) Kntbol. Ltepli, I. a- g. **) Zerstr. Blätter, LH. 1 . S. 6. Antbol. Stsxli. I. 1. c. 87. 224 H- LdeeN zur Geschichte und Kritik der MusiN, dir sie erkläret Gehen Sie alle Tändeleien durch, in welche Dichter und Künstler den kleinen Gott gesetzt haben, und nehmen ihm die Flügel, so- sind es gewöhnliche Kinder - und Knabenspiele, womit er sich belustigt. Was ist holdseliger, als ein schlafendes Kind?, Die Kunst und das Epigramm ersreuete sich also sehr am schlummernden Amor. „Man solle ihm nicht nahen, sprach diese; auch im Schlafe traue man ihm nicht. " Ddcr er wird im Schlummer gefesselt, seine Pfeile werden ihm genommen; seine Fackel wird in eine Quelle getaucht, damit sie erlösche; und es erglüht die Welle, sie wird ein Luftbad der Liebe. Was ist Kindern erfreulicher, als mit Pfeil und Bogen zu spielen, sich zu kränzen, Blumen zu brechen, Schmetterlinge zu verfolgen, wohl auch zu quälen; mit dem Schwan, der Gans, der Taube zu tändeln, aus jedem Lebendigen zu reiten, sich in die Kleider, in den Waffenschmuck der Erwachsenen zu setzen, sich zu verstecken und finden zu lassen, einander zu erschrecken, sich zu maskiicn. — Lauter Spiele des Amors, in Kunst und Dichtkunst, mit immer neuer Veränderung und Bedeutung. In Spielen der Kinder und einer Mutter mit Kindern ist Amors ganzes Reich, seine Scherze und Unfälle, seine Begegnisse mit Paphia, mit der Psyche, mit Herkules, mit dem Löwen, der Biene, den Kränzen, u. f. uns vor Augen; alle mit zartem Kindessinn gedacht und mit griechischer Lieblichkeit angewendet. Aus dem einzigen Wort Psyche, das den 1 der Poesie und bildenden Künste. 22§ den Schmetterling und die Seele bedeutet, sind hundert sinnreiche Anwendungen in Kunst und Dichtkunst entsprossen, deren eine die andre erklärt har. Wenn Amor und Psyche beide als Kinder einander küssen; meynt man nicht, in diesem Augenblick, im ersten Gefühl ihrer unschuldigen Liebe sproßten beiden die Flügel? So wenn Psyche dem Amor flehet, wenn er sie peiniget oder tröstet. — Glaube man doch nicht, daß Apulejus diese Kabel ersonnen habe; sie war lange vor ihm da in Denkmalen, die sein Zeitalter nicht bilden konnte, ja selbst in der Sprache. Er that nichts, als die einzelnen Auftritte zu einem Mahrchen dichten, und dazu auf eine sehr afrikanische, der Venus unanständige Weise. Selbst die Symbole beider Personen, den Schmetterling und die Fackel, hatte die Dichtkunst vielfach angewandt; Liebenden ließ sie die Fackel Amors bis in die Unterwelt leuchten. Die Schönheit der Jünglinge in der Kunst hat die griechische Poesie eben so süß begleitet. Ich darf Sie nicht an die zwei Oden Anakreons erinnern, die Franz Junius für die Kunst com- mentirt hat; in Dichtern und Weltweisen, von Plato bis zu Plukarch , von Homer bis zum letzten Romanschreiber der Griechen, wird di«' ser Jugendblüthe der Schönheit wie auf einem Altar der Grazie geopfert. Der Kuß jenes jungem Plato, in welchem seine Seele ihm auf den Lippen schwebte, hauchet noch; sein geliebter Stern, den er mit tausend Augen anzusehen wünschte, glanzet noch unter den Sternen. So mehrere Herders W. z.schön.Lit.u.Kunst. VH, P ^LL.ü.Lrie/e. 226 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Gedichte Melcagecs; und, o wäre die Stimme der Lyra nicht verhüllet, die diese Blume der Menschheit mit höchstem Wohlgefallen pries! Tie griechische Spruche Hut in Bezeichnung der Jugend-Grazie einen anerkannten Reichthum an Ausdrücken, unter andern auch deswegen, weil diese meistens auf die Kunst unspielcn. Tie Kunst muchte. ihre Begriffe klar, und gab ihren Empfindungen die Gestalt der Worte, Unter andern-z, B. finde ich, daß dicJung- fruulichkeit des Jünglinges , die holde Schaum auf seinem Gesichte, in seinem Anstunde und in seinen Sitten eben so hoch von der Muse gepriesen ward, als die Kunst sie fein ausdrückte. Beide bemerkten die zarte Blüthe des Lebens, in der sich die Geschlechter gleichsam trennen wollen, und doch noch zusammen wohnen; (ein Punkt, der von den Neuern sehr mißverstunden ist, und den auch die spätere Kunst vielleicht zu üppig uusgcbildct), als den wahren Reiz der Schönheit. Kein Jüngling, dünkt mich, kann Einen dieser Jünglinge unschönen , ohne daß die heilige Schaum sich' sanft auf seine Stirn senke, und jeden Frevel, jede Frechheit von ihm verscheuche. , Fügen wir hiezu die Stimme der Musen, die das Gefühl der Freundschaft, der Schwester - und Bruderliebe, der Pietät gegen Eltern, gegen Wohlthäter des Menschengeschlechts, gegen Götter und Helden singet; Horen wir bei dem Dichter die Klagen Achills um seinen Patroklus, der Elektra um ihren Orest, der Antigone um ihren Bruder Poly- nices; hören wir den Priamus um die Leiche der Poesie und bildenden Künste. 227 seines Sohnes bitten, den Ajax sein nachbleibcndcs Kind segnen; begleiten wir bei Euripides die jungfräuliche Iphigeuia zum Opscraltar, die Po- lyrena zu Achills Grabe; und sehen jene den Lrest wirdcrerkennen am Altar der Diana; und Horen Hippvlytus Klagen über die Liebe seiner Mutter u. f. — so schließt sich uns das Her; auf zu diesen edeln Gestalten, auch wenn sie in der Kunst erscheinen. Wir verstehen die Sprache, die um Oreft und Pylades, um Iphigeniens und Hippvlytus stumme Lippen schwebet; wir begreifen die seelenvolle Einfalt, die uns in jeder griechischen Gruppe, bei jedem friedlichen Zusammen- seyn mehrerer Personen innig vergnüget. Wir verstehen die Trunkenheit des Danks im Haupt der Ariadne, die Schaam in der Andromeda, die vom Felsen nicdersteiget, im Antlitz der wiedererkennenden Jphigenia Wuth, Erbarmen und zärtliche Erinnerung wunderbar gemischt, und lesen wie der Dichter sagt, den ganzen trojanischen Krieg in der Polypena Augen *). Ohne jene erklärende *) Zur Erläuterung mögen dienen die aus der Anthologie übersetzten Epigramme, I erstr. Blätter LH. l. S. g-12. 16-ig. 22, s 3 . 3 >. 3 !». 8g- hb-h.?. d2. bb. 56-58, 62-70. 81. 86. gr. g8. Th. 2, S> ih- 23 . 3 H,-hl. hh,. H 5 . 62-67. 78. 7g. 85 . 87. gh. g 5 . Die Stellen bei Homer, Sophokles und Euri pid e s , auf welche sich der Brief beziehet, sind jedermann bekannt. Die Epigramme, die Stolberg, Boß, Eonz P 2 .LeS 11. Ideen zur Geschichte und Kritik Stimme der Dichtkunst würden uns die Kunstgestal- ken der Griechen vielleicht Wundererscheinungen seyn; jetzt werden sie unserin Herzen innig zusprechende Freunde. Dn endlich die höchste Blüthe der schönen Gestalten Griechenlands eine Heldentugend in jeder Art und in beiderlei) Geschlecht war: so wird hierüber die Stimme der Musen gleichsam ein fort- gchendcr Hymnus. Von jener Vorstellung an, da die Nymphe den Jupiter als Kind tränket, bis zur Erziehung Achills bei seinem freundlichen. Centaurus, vom Herkules, der in der Wiege die Schlangen erdrückt, durch alle Gefahren hin, bis er zum Olymp und zum Besitz der Hebe gelanget, stehen Helden und Heldinnen, Ringer, Kampfer, Wetteifcrcr um den Ruhm eine- großen Verdienstes für ihr Vaterland, für ihre Freunde und Gesellen, in Stellungen vor uns, wie sie die Muse verkündigt, und ihnen den Kranz der Unsterblichkeit darreicht. Ohne dieses Gefühl der Ehre waren keine schöne griechische Körper und Seelen, keine Helden und Götter, auch keine Kunst, die sie würdig darstellete, entstanden: denn auch die griechischen Götter und Göttinnen sind Helden der Tugend, d. i. einer Virtuosität, jeder in seiner Art. So preisen sie die Hymnen; den Zevs als den Mächtigsten und Besten, dem Lbemis zur Seite sitzt, und mit ihm weise Gespräche pfleget; die Pallas, aus seinem Haupte geboren, als eine u. a. übersetzt haben, wünschte ich gesammelt zu finden. A. d, H. der Poesie und bildenden Künste. 229 Beschützerin der Städte, die Meisterin des Krieges, die Erfinderin der schönen Künste des Friedens; so den Hcphästus, der den Sterblichen die nützlichsten Werkzeuge und Gaben geschenkt hat; Hermes und Vesta, die Wächter des HauseS; Bacchus und Apollo, die Ideale griechischer Heldenjugend in zwo verschiedenen Gestalten; sammt der Artemis, Demeter, Aphrodite, selbst Ares und Here. Alle sind Ideale der W e r kth ä t i gk ei t und Vollkommenheit in einer gewissen Art, und als solche Vorbilder der Menschen. Der Hymnus des Homcridcn an Apollo ist der glorreichste Commcntar des Gedankens , der den Künstler bei der Darstellung des Gottes belebte; so in verschicdncn Stufen die andern Homerischen Hymnen. DieWcih- gesangc des Orpheus und Proklus verdunkeln oft die Gestalt des Gottes, und verhüllen sie in einen heiligen mystischen Nebel. Aber Homer und Pindar, die tragischen Ehöre und jeder Laut einer altern Stimme simplisicirt die Gestalt und kommt der Kunst nahe. Alle zeigen, der höchste Kampfpreis der Griechen sey in den frühesten Zeiten Männlichkeit, (Tugend), in den später» Nutzbarkeit fürs gemeine Beste, schöner Wohlstand und die Dlü- the eines unsterblichen Ruhmes gewesen. In solcher Rücksicht schaue man Götter und Helden an; sie ermuntern uns alle, unsre Tage nicht in üppiger Trägheit langsam zu verdauen, sondern, worin cs sey, nach dem edelsten, höchsten Kranz in einem bestimmten und vollendeten Charakter zu streben. Kräftiger kann dies schwerlich gesagt werden, als cs uns die Bildsäulen und Denkmale der Götter und Helden, der Dichter und Weisen von 2Zo II. Ideen zur Geschichte und Kritik Theseus bis zu Antonius Zeiten hinab, begleitet von der Stimme der Musen, sagen. Scy deine äußere Gestalt dem Gott und Helden unähnlich; dein Gemütb darf es im Besten ihres Charakters nicht scyn: denn dies Beste ist in je. dem ihrer edlen Gcschäf e V i rtuo sität, Tugend. So. Die bestimmte und schöne Art, wie die griechische Kunst in menschlichen Charakteren die Form von der Unform trennte und diese in Regeln einschloß, ist ein Meisterwerk ihres sondernden Verstandes. Daher, daß wir so wenig Porträte und so viel Ideale der altern griechischen Kunst sehen; daher, daß auch in ihren Ungeheuern und verworfenen Gestalten so viel Bedeutung wohnet. Ihr Volk der Satyren hat mich nie erschreckt; Gestalten dieser Art gehörten dahin, wo sie standen, und zeigten au, daß auch unter dem ländlichen Volk Freude herrschen sollte. Wo diese verstummt, wo kein Pan und Satyr die Flöte blaset, keine Nymphen im Hain und auf den Wiesen ländliche Feste feycrn; da stehen freilich sowohl die Satyren, als die Götter und Helden am Unrechten Ort; sie sind bedeutungslose Götzenbilder. Aber auch darin muß der schöne Verstand der Griechen gepriesen werden, wie sie die Denkmale der Götter gesellte n. Oft standen die verschiedensten neben einander, und Einer milderte des andern Be? der Poesie und bildenden Künste. 23 ; heutung; die Ueberschrift bemerkte dieses. So fügte die Kunst nicht etwa nur den Mars und die Venus, Vulcan und Pallas, sondern auch Bacchus und Pallas, Bacchus und Herkules, die Hoffnung und die Nemesis, Vergessen und Erinnerung, und so manche andre Dinge zusammen, die sich einander gleichsam beschranken, oder belehrten. Ein angenehmer Lustweg wäre es, den Pausanias und die griechischen Dichter in dieser Absicht zu durchwandeln: denn was die Allegorie der Griechen eben so schön macht, ist ihre holde, ich möchte sagen, wahre Einfalt. Nie wollte sie zu viel sagen; sie ward nur gebraucht, wohin sie gehörte, wo man durch sie sprechen m ußte. Nach Gelehrsamkeit strebte, sic nur in den schlechten, Zeiten; was sie aber sagte, deutete sie so an, daß, wenn man das Bild auch nicht verstand, man doch ein schönes Bild- sah und von der Vorstellung selbst geneigt gemacht wurde, ihr einen Sinn anzudichto». Ein Vorzug, den wenige Allegorien erreichen. Aber es kam die Zeit, da dieser schöne Kunstsinn unkergehen, und eine gedrückte, mystische Vor- stellungsart.. die Gcmüthcr der Menschen benebeln sollte. Lange, barbarische Jahrhunderte hindurch waren dem Schmetterlinge die Flügel genommen; er kroch als. Raupe daher, oder lag eingesponnen in rauhen Windeln. Als er wieder erwachte, zeigte sich, (wir wollen es nicht verhehlen) eine neue sittlichere Kunst gestalt, von welcher in manchen, Betracht die Griechen nicht wußten. Das weibliche Geschlecht, das bei ihnen in Gynacen eings- schlosscn war, und. wenige Falle ausgenommen, iZz II. Ideen zur Geschichte And Kritik nur in Gestalt der Göttinnen und Amazonen, der Musen und Nymphen der bildenden Kunst einverleibl werden konnte; (von den griechischen Gemählden können wir nicht urtheilcn) dies Geschlecht hatte durch das Zusammentreffen christlicher und nordischer Sitten gleichsam einen offen tlichen Charakter, und mit diesem eine sittlicheBildung erhalten, von der vielleicht die Griechen nicht wußten. Ich möchte sie die christliche Grazie (Larriu) nennen, die, nachdem sie in den Lobgesängcn auf die heilige Jungfrau lange gepriesen war, auch auf ihre Nachbilder überging, und in Gesängen der Trru- badoren zuerst jene züchtige Anmuth schuf, in der sich R e l i g io n, Liebe und häusliche Sittsamkeit, wie drei Huldgöttinnen, züsam- mengeselltcn. Diese christliche Grazie ist es, die zurrst in den Bildern der Maria erschien, aus ihnen sodann in die Gesänge der Dichter überging und von den Zeiten der wiederauflebenden Kunst die Compo- sitionen der Neuern mit einem eignen Geist durchhauchte. Gewiß hatte die Welt während der barbarischen Jahrhunderte nicht geschlafen; Völker, Sitten, Ideen hatten sich mannigfaltig gemischt und geläutert; von diesem vielleicht etwas dumpfen, aber nicht verwerflichen Geschmack zeugt schon die ältere florentinische Schule. Raphael klarte ihn durch Formen der Alten, ganz in eigner Weise, auf; andre Glückliche folgten. Selbst die Ucbertreibungen des Julio Romano und mehrerer seines Gleichen zeigen in ihrer Trunkenheit einen Rcichthum neuer Begriffe, obwvbl ohne Maas und Ziel; einige neu- erfundene Gehülfskünste gaben ohnedies dem Ganzen eine andre Ansicht. Welch ein schöner, fast noch der Poesie und bildenden Künste. 2ZZ »»berühmter Kranz blühet für den, der Raphaels Genius in seiner eignen holdseligen Gestalt durch alle seine Werke verfolgen, und aufs bestimmteste zeigen wird, was Er gegen die Alten sey. Eben dieser Genius wird ihn nothwcndig vor - und einige Schritte rückwärts führen. Zn Ansehung der H u- manität taucht er damit in ein weites, hie und da kaum zu berührendes Meer. Wo stehen wir jetzt mit unserm Kunstgeschmack? — „Neulich, sagt Pctron, ist jene windige und enorme Schwatzhaftigkeit aus Asten nach Athen gewandert , und hat die Gcmüther der Jünglinge, die nach etwas Großem streben , mir dem Hauch der Pestilenz vergiftet. Das Richtmaas der Beredsamkeit ist verfälscht, die wahre Beredsamkeit ist verstummet. Wer hat sich seitdem zur Hehe des Thucydides, wer zum Ruhm des Hyperides erhoben? Kein Gedicht sogar hat mit gesunder Farbe hervorgeglanzt; alles ist von demselben Brei genährt, und kann zu einem rühmlichen grauen Alter nicht gedeihen. Auch die Mahlcrey hat keinen andern Ausgang haben können , seitdem die Keckheit derAegvpter ein Compendium dieser so großen Kunst erfand." Pelron ist ein Prvphct für alle Zeitalter; die E 0 mp en d i en k un st unsrer Acgypter liegt vor uns. 234 H. Ideen zur Geschichte und Kritik 3i. Ihnen ist der berühmte Streit bekannt, der unter Ludwig dem Vierzehnten über den Vorzug der alten oder der neuern Nationen in Wissenschaften und Künsten mit großer Warme geführt ward, und an welchem auch außer Frankreich Gelehrte und Künstler Anthcil nahmen. Da man nicht allemal genug bestimmte, von welchen Alten oder Neuern, von welchen Künsten und Wissenschaften die Rede sei)? es übrigens dabei auch mehr auf einen Rangstreit damals lebender Personen, als auf eine unparteiische Schatzung alter und neuer Verdienste angesehen war, so konnte wenig ausgemacht werden, obgleich von oeid.n Theilen viel Gutes gesagt ward. In der Cultur zum Schönen, die wir der Kürze halben Poesie mnnen wollen, springt uns der Unterschied alttr und neuer Z iten d. i. der Griechen und Römer in Vergleich „jstr neueren europäischen Völker ins Auge Wft- mögen italienische, spanische, französische, englische, deutsche Dichter, aus welchen Zeiten wir wollen, lesen; der Unterschied i st un v e r k e n n b a r. Und doch wird es schwer, ihn sich im reinsten Umriß aufzuklaren; noch schwerer, ihn bis auf seine ersten Ursachen zurückzuführen, und dabei jeder Nation und Zeit ihr Recht wiederfahren zu lassen. Wie? kann man fragen, blühet diese schöne Blume der Humanität, Poesie in Denkart, Sitten und Sprache nicht überall und allezeit gleich glücklich? Und wenn zu ihrem Aufkommen ein besondrer Boden, eine eigne Pflege und Witterung der Poesie und bildenden Künste. 235 gehöret; welches 'ist dieser Boden, diese Witterung und Pflege? Oder wenn sie mit jeder Zeit, unter einem andern Himmelsstrich, auch ihre Gestalt und Farbe verändern muß; welches ist das Gesetz .dieser Veränderung? geht sie ins Bessere oder Schlechtere über? — Uebcr diese Fragen, die man oft gethan bat, sind mir einige Fragmente zu Händen gekommen, die mir der Aufmerksamkeit unsrer Gesellschaft nicht unwerth scheinen. Die Blüthe der alten Cultur unter Griechen und Römern setzen sie entweder als bekannt voraus, oder es fehlt die Untersuchung darüber in den mir zugekommcnen Blättern. Diese bemerken vorzüglich, wie sich die m i tt le r e und neue europäische Cultur in und durch Dichtkunst, und zwar bei den verschiedenen Nationen Europa's, nach besonderen Veranlassungen, Hülftmitteln und Zwecken gebildet habe? Das Endurkbeil, in manchen Stücken die Vergleichung selbst überlassen sie dein Leser. Da in ihnen die Poesie in einem weiten Verstände genommen und als Werkzeug oder als Kunstprvdukt und Blüthe der Cultur und Humanität nach Nationen und Zeiten .im Allgemeinen betrachtet wird; mich dünkt- so werden wir bei jedem Fragment zu eignen Gedanken Gelegenheit finden, und dies ist doch der schönste Zweck einer schriftlichen Unterhaltung. 236 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Erstes Fragment. Werfall der Poesie bei Griechen und Römern. Im Frühlinge und in der Jugend singt man; in der Winterzeit und im Alter verstummen die Töne. Die lebendigste Poesie Griechenlands traf auf eine gewisse Jugendzeit des Volks und der Sprache, auf einen Frühling der Eultur und Gesinnungen, in welchem sich mehrere Künste, keine noch im Uebermaas, glücklich verbanden, endlich selbst auf einen Frühling von Zcitumständen und Weltgegend, in welchem entsprießen konnte, was entsprossen ist. Von der Poesie der ältesten Sänger und von Bildung der Sprache durch ihren Gesang, von Alcäus und der Sap- phs, von Pindar und dem Chor der Griechen haben wir geredet *) und allenthalben einen jugend- lichaufstrcbenden Geist, jene erste Blume der Cultur bemerket, die, wenn sie verblühet und zur Frucht gediehen ist, der laueste Zephyr nicht erwecken mag. Alles in der Welt hat seine Stunde. Es war eine Zeit, da Poesie alle menschliche Weisheit in sich faßte, oder deren Stelle vertrat. Sir sang die Götter, und erhielt die ruhmwürdigen Thaten der Vorfahren , der Väter und Helden; sie lehrte die Menschen Lebensweisheit, und war so, wie das einzige *) Diese Fragmente fehlen. der Poesie und bildenden Künste. 237 und schönste Mittel ihres Unterrichts, so auch an Festen und in Gesellschaft ihr geistigstes Vergnügen. Ehe die Schrift erfunden oder so lange sic noch nicht häufig im Gebrauch war, sangen die Töchter der Erinnerung, die Musen, und wurden mit Entzücken gehöret. Dichter waren der Mund der Verwett, Orakel der Nachwelt, Lehrer und Ergötzer des Volks, Löhner großer Thaten, Weise. — Je mehr die Schrift aufkam und sich durch sie die Sprache ausbildele, je mehr mit der Zeit Wissenschaften aus einander gingen und einzeln bearbeitet wurden: desto mehr mußte der Poesie allmählich von ihrer Allgemeinhercschast entnommen werden! denn sobald man schreiben konnte, wollten viele eine wahre Geschichte lieber in Prose, die der Poesie nachgebildet war, lesen oder lesen hören; als Fabel und Geschichte fernerhin in Hexametern durch Gesang vernehmen. Allmählich verstummte also die erzählende Muse, oder sang aus Sagen ihrer altern Schwester künstlich - gearbeitete Töne nach. Je mehr die Philosophie aufkam, je mehr man die Natur der Dinge, insonderheit des Menschengeschlechts und seiner Verfassungen untersuchte, desto weiter entfernte man sich von jener alten Einfalt moralischer Sprüche, denen die Poesie einst Glanz und Nachdruck geven konnte. Philosophische Unterredungen und Systeme konnte der Dichter nicht mit derselben Kraft wie alte Begebenheiten und sinnliche Gegenstände darstellen; er war hier in einem fremden Lande. Auch die Mythologie selbst, die der Poesie einst so viel Schwung gegeben hatte, ward mit der Zeit 238 II. Ideen zur Geschichte und Kritik eine alte Sage. Der kindliche oder jugendliche Glan- be der Vorwelc ein Götter und Heroen wer dahin; was tausendfach gesungen war, mußte zuletzt blos dem Herkommen gemäß, mit trockner Kälte gesungen werden; es hatte seine Aeir überlebet. Endlich, da Scherz und Freude die Eltern des Gesanges sind, wo waren diese hingeflohen in jenen traurigen Zeiten, die Griechenland zuletzt erlebte? In - und auswärtige Kriege zerstörten, löscten auf und mischten alles unter einander. Der lebendige Geist aufblühcnder Pflanzvölker, fröhlicher Inseln, im Ruhm und Gesänge wetteifernder Städte, war längst entwichen; und ob man gleich die Anstalten, durch welche er gewirkt hatte, öffentliche Gebräuche, Tempel, Spiele, Wettkämpfe, Theater u. f. so lange es möglich war, erhielt oder wiederhersttllte: so war doch jene Jugend nicht zurückzurufen, in welcher dies alles wie durch sich selbst entstanden und veranlaßt war. Auch Hadrian rief diesen Genius nicht aus H c ktons Grabe. Zuletzt kamen die Barbaren Here an; und als die christliche Religion über Griechenland herrschte, da sang z. B. Syncsius der Bi, schoß *) von jenen alten Zeiten also: ') Synesius ward:im Jahr hno Bischvfzu Ptole- mais, und beduug sich dabei ausdrücklich, daß er weder seine Frau verlassen, noch eine Auferstehung des Leibes glauben dürfe. Seine Hymnen sowohl als seine andern Schriften sind ein Gemisch des Christcnthums und der Alexandrinischen Philosophie, in welcher Hypatia seine Lehrerin gewesen war. der Poesie und bildenden Künste. 2 3g Wohlauf, klangvolle Cirher! Nach Leser Melodicen Rach Lesbischen Gesängen In seyerlichern Lönen Ein Dorisch Lied zu singen; Ern Lied, doch nicht von Nymphen, Die aphrodisisch lächeln, Auch nicht von holden Knaben In süßer Lebensblülhe. Ein himmlisch-reines Feuer Von gottgeweihter Inbrunst Treibt mich, daß ich die Cither Au heil'gen Liedern schlage, Und jeder süßen Sünde Der Erdenlust entweiche. Was ist denn Macht und Schönheit? Was ist denn Ruhm und Reichlhum Und alle Königsehren Entgegen frommer Andacht? Der sey, ein schöner Reiter, Ein schneller Schütze Jener, Ein Anderer bewache Gehäufte goldne Schatze. D e m hange seine Locke Zierlich hinab die Schulter! Bon Jenem sey gepriesen Bei Jünglingen und Mädchen Sei» glänzend-holdes Antlitz. Mir sey ein stilles Leben, Ein heiliges vergönnet, Unscheinbar vor den Menschen, Doch nicht vor Gott verborgen. Mir stehe bei die Weisheit, 2^0 II. Ideen zur Geschichte undöKritik Die stark ist mich zu leiten Durch Jugend und durch Alter. Sie, Königin des Reichthums, Die auf unebnen Wegen Das Harle Joch der Armuth Mit leichtem Muth ertraget; Sie, die in bittrem Kummer Des Lebens heiler lächelt. — So viel sey mir gewähret, Daß, schwarzer Sorg' entnommen, Ich eines Nachbars Hütte Im Mangel nie bedürfe. — Horch auf! Cicada singet Von Morgcnthaue trunken. Schau, wie die Saite stärker Mir schlägt, und eine Stimme »Begeisternd mich umtönet! Was giebst du für ein Lied mir, Du heilige Begeistrung? — Und so gehl der Gesang in Platonisch-christliche Ideen über *). Die *) Für Verständige bedarf es der Erinnerung nicht, daß es auch im christlichen Zeitalter, bis zur Eroberung Constantinopels und fernerhin griechische Dichter gegeben habe. Es gab griechische Dichter, aber keine Poesie Griechenlands in dem Sinne, von dem hier die Rede ist. der Poesie, und bildenden Künste. 2 ^ Die Gcschichte der Römer endete nicht anders. Ihnen war die Poesie, insonderheit der lyrische Gesang, gewissermaßen immer eine fremde Kunst geblieben; die Oden Catulls und Horaz sind nur ein Nachhall der griechischen Lyra. Auch hat es ein Gelehrter unsrer Zeit wahrscheinlich gemacht*), daß selbst Horaz Oden zuerst lange nicht ^so viel Cc- lcbritat hatten, als sie in der Folge, insonderheit seitdem die lateinische Sprache eine todte Sprache war, mit Recht erhielten. Nachfolger fand dieser schöne Dichter unter den Römern wenige, und keinen, der an ihn r.iehte. Bis auf An paar Stücke des Stativs und einige arme Gedichte der Grammatiker sind diese auch untergegangen, so daß in La- ^ tium das Feld der lyrischen Poesie von Augustiis Zeiten hinab für uns am ödesten daliegt **). Die Ursachen hievon sind fast dieselben, wie in der Griechischen Geschichte. Die alte Mythologie war den Römern von Anbeginn an ungleich fremder und entfernter, als sie es in den neuern Zeiten den Griechen je werden konnte. Schon bei Virgil und Ovid, bei Proper; und Horaz bemerkt man dies Fe r n h e r g c b r ac h t e zuweilen *) Käsierottö äs rebus aä auctorss guosäam olassioas psrtinentidiis. lkeiol. 1785. p. izr. seex. inäioinm aegnalium äs Horstio. **) Was übrig gebliebe» ist, hat Wernsdorf in den post. lat. niiiaorln Uv 17. sammt den Nachrichten von dem, was untergegangen ist, mit großem Fielst gesammelt. HerderSWe-rke z. schön.»it.u.Kunst. VI7. Q Li---/-, 242 u. Ideen zur Geschichte und Kritik mit einigem Anstoß; bei Seneka, Stativs, beim blühenden Claudia», Ausonius u. st noch viel mehr. Man fühlt, die alte Eötterlehre habe sich überlebet. Ohne Zweifel war dies mit eine Ursache, warum die meisten römischen Dichter, z. B. Ennins, Luc an, Silius, Claudia» lieber hi sto c i sc h e als rein - he roisc h c Gedichte schrieben, und einige sogar ziemlich unpoctische Gegenstände wählten. Der alle Blumengarten war abgcblühet. Die Thebaidcn- und Achillciden - Dichter, noch mehr aber die schrecklichen Atriden - Sänger hatten nicht nur den Reiz der Neuheit verlohn»; sondern die Satyrendichter gingen ihnen auch hart entgegen. Der Zustand Italiens und der römischen Provinzen unter den meisten Kaisern lockte noch minder einen neuen Frühling hervor. Wabnsinnige Tyrannen bedrückten die Welt; Kriege, bald auch die Anfälle der Barbaren verheercten sie, und unter den wenigen guten Kaisern ward aus mehreren Ursachen lieber Griechische Philosophie als Römische Dichtkunst gepfleget. Jener hatte nach damaligen Umständen die Trost - und Hüls-bedürftige Zeit mehr als dieser nötbig. In Zeiten, die Tacitus beschreibt, in andern, die nachher folgten, wollte man wahrlich oft weniger singen, als seufzen. Der letzte Römer Boethius endlich suchte auch in lyrischen Sylbenmaaßen Trost gegen sein Unglück; seine Philosophie gewährte ihm aber nicht sowohl Gedichte als philosophische Sentenzen*). *) Boethius und Au so n's Gedichte sind zur Zeit des allgemeinen Verfalls der Römischen Sprache der Poesie und bildenden Künste. 243 kangst schon war nach und nach das Christenthum ins Reich gedrungen; es hatte den Sieg erlangt und erfüllte bald.alle heilige Orte mit christlichen Gesängen und Hymnen. und Poesie merkwürdige Erscheinungen, Beide Dichter waren Christen, und doch lassen sie es sich in ihren Gedichten wenig merken; der erste gar nichc, der zweite ist gleichsam wechselsweise Christ und Heide. Beide suchen, wie aus Trümmern vergangener Zelten, Schatze hervor; jener Philosophie, die er in alle SylbenMaaße seines Seneka ordnet, dieser das Andenken an alle ihm werthe Sachen und Menschen. Beide, insonderheit Boethilis, sind den folgenden dunkeln Jahrhunderte leitende Sterne gewesen; wie denn auch in ihm Und in mehreren Dichrern der letzten Zeit bereits sichtbarer Weift ein neuer Geschmack hervorgehet, der den folgenden Zeiten verwandt und ihnen daher lieber war, als der große Geschmack der alten elastischen Dichter, Von BoethiUs haben wir nach zwei merkwürdige uebersetzUngen des vorigen Jahrhunderts (Nürnberg >66». Sulzbach 166-. letztere vomSulz- bachschen Canzler Knorr von Rvsenboth) neulich eine Unsrer Zeir gemäßere erhalten, auf welche viel Fleiß gewandt ist. (Trvst der Philosophie aus dem Lateinischen des Boe- thius von F. C. Freitag, Riga r 7 ',«h.) Inden SylbenmLaßen ist der Ueberfttzer dem Dichter nicht tzefolget; die seine» aber sind edel Und streben im Rhythmus der Jamben dem Mil ton nach. Bo er thius ist ein Philosoph für alle Zeiten. Q 2 »44 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Nachschrift. So weit das erste Fragment. Sammlen wir seine Winke, so werden wir gewahr, daß in Griechenland und Rom die ächte Poesie mit Religion, Sitten und dem Staate selbst uncergegangen scy: denn woran sollte sie sich, außer diesen ihren drei Grundstützen, halten ? Waren die Götter zu Mähr- chcn worden, an welche niemand mehr glaubte: so ward man ihrer Lobgesänge, zuletzt auch des Gelächters über sie, bald überdrüssig; der Hymnus sowohl als der Mimus hatte sich an ihnen erschöpfet. Mit dem Ernst und der Anständigkeit in Sitten hatte die Poesie ihren gesundesten und festesten Nerv verloren: denn das Lachen eines Kranken ist nicht ein Zeichen seiner Gesundheit. Die niedrigen Zwecke, wozu man im üppigen Rom die Poesie airwandte , machten sie verächtlich, zuletzt abscheulich; so wie Gegenthcils die strafende Poesie, die ihre Geißel dagegen erhob, nothwendig auch oft über die Grenzen des Schönen und Wohlgefälligen streifen mußte. Sank endlich der Staat, so sank alles Edle mit ihm; nichts konnte sich retten: denn wohin hätte cs außer dem Staat sich retten mögen? Wie in einbr.cycnöcr Nacht sehen wir also allmählich die Sonne, die Abendröthe, zuletzt auch die hie und da noch funkelnden Sterne verschwinden: das Firma, der Poesie und bildenden Künste. 24S ment umziehen dunkle Wolken, es wird Nacht. -Ver- muthlich wäre das ganze südliche Europa eine so dunkle Nacht und ei» Ehaos worden, wenn nicht aus dem Orient ein sonderbarer Strahl die Finsterniß zcrtheilt und einer neuen Morgcnröthe von fern den Weg gebahnt hatte. Das zweite Fragment wird hievon reden. Zweites Fragment. Christliche Hymnen. Den Hymnen, die das Christenthum einführte, lagen jene alten Ebräischen Psalmen zum Grunde, die, wo nicht als Gesänge oder Antiphonien, so doch als Gebete sehr bald in die Kirche kamen. Das Denkmal, das die bleibende Gegenwart des Stifters unter den Scinigen darstcllen sollte, das Abendmahl, war unter Lobgcsängen aus dem Psalmbuch eingesetzt; Er, der Stifter des Cbristenthums selbst hatte sich mit Worten aus dem Psalmbuch getröstet; dem Psalmbuch also gaben Apostel und Kirchenvater mit Recht, auch seiner Popularität wegen, das gro- ßeste Lob, da sowohl die Stimme einzelner Personen als eines ganzen Volks in ihm so herzlich, so stark und lieblich erschallte. Luther bei sehr veränderten 246 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Acitumständcn nennet cs einen Blumengarten von allerlei Blumen, einen ganzen Weltlauf von Zuständen des menschlichen Herzens und Lebens*). Da ist keine Klage, meynt er, kein Schmerz, kein Jammer, aber auch keine Hoffnung, kein Trost, keine Freude, die in ihm nicht ihren Ausdruck finde. Und weil cs mit der größcsten Einfalt abgefaßt ist: (denn lyrisch-einfacher kann nichts seyn, als der Parallelismus der Psalmen, gleichsam ein doppeltes Eher, das sich einander fragt und antwortet, zurecht- weiset und bestärket;) so war es einer einfältigen Christen-Gemeine, sowohl in Zeiten des Drucks, als in Empfindungen der Freude und Hoffnung, wie vom Himmel gegeben. Daher der frühe Gebrauch dieses Buchs in der christlichen Kirche; daher von den ersten Zeiten an, ehe es christliche Dichter geben konnte, jene lauten Gesänge, dadurch sich ihre Zusammenkünfte den Römern merkbar machten; **) eS waren Psalmen. Das schöne Buch, das Richtscheid guter Sitten, Die starke Kraft den Himmel zu erbitten, Des Lebens Trost, der Murh zum Sterben giebt, Was Der Held sang, den Gott grundaus geliebt, Ward durch den Saal der ganzen Welt gesungen, Und regte sich in aller Christen Zungen — sagt Opitz. *) Luthers Borrede zum Psalter. **) Plinius Brief an Trajan. der Poesie und bildenden Künste. 247 Nicht nur von Seiten des Inhalts, sondern auch von Seiten der Form ward dieser Gebrauch der Psalmen dem Geist und Herzen der Menschen eine Wohlthat- Wie man in keinem lyrischen Dichter der Griechen und Römer so viel Lehre, Trost und Unterweisung, wie hier, beisammen fand; so war auch schwerlich irgendwo sonst, (wenn man die Psalmen nur als Oden betrachtet, eine so reiche Abwechselung des Tons in jeder Gesangesart, wie hier, gegeben. Zwei Jahrtausende her sind diese alte Psalmen oft und vielfach übersetzt und nachgeahmet worden; und doch ist noch manche neue Bildung ihrer vielfassenden reichen Manier möglich. Sie sind Blumen, die sich nach jeder Zeit, nach jedem Boden verwandeln und immer in frischer Jugend dastehn. Eben weil dies Buch die einfachsten lyrischen Töne zum Ausdruck der mannigfaltigsten Empfindungen enthält, ist cs ein Gesangbuch für alle Zeiten. Den näheren Ton zu christlichen Gefangen gaben indeß die Lobgesange Zacharias und der Maria, der Gruß des Engels, der Abschied Simeons», f-, mit denen das neue Testament anfing. Ihre sanftere Stimme war dem Geist des Christenthums gemäßer, als selbst der laute Paukenschall jener alten frohlockenden Hallelu- jah, obgleich auch diese vielfach angewandt, und mit Stimmen der Propheten oder andrer biblischen Gesänge bald verstärkt, bald gemildert wurden. Ueber den Gräbern der Verstorbenen, deren Auferstehung man im Geiste schon gegenwärtig erblickte, in Einöden und Katacomben ertönten zuerst diese Buß- und 248 II- Ideen zur Geschichte und Kritik Gebet-, diese Trauer - und Hoffnungs - Psalmen, bis sie nach öffentlicher Einführung des Ehristenthums aus dem Dunkel ins Licht, aus der Einsamkeit in prächtige Kirchen, vor geweihte Altäre traten, und jetzt auch in ihrem Ausdruck Pracht entnahmen. Schwerlich wird jemand scyn, d,r z. B. im Gesänge des Prudentius: llam moesta eguiesas «gUErola, nicht von rührenden Tönen sein Herz ergriffen fühlte, dem der Todtengesang: Oier irae» äiss lila nicht Schauder cinjagte, den so viel andre Hymnen, jeder mit seinem Charakter bezeichnet, z> B. Vseni, recierntor gentium: Vexilln kegis procksnnt: Lalvete, Üors8 lVlartz'rum: iksrigs lingua gloriosi u. f. nicht in den Ten versetzten, den jeder Hymnus will, und in seiner demüthigcn Gestalt, mit all.n sem,n kirchlichen Idiotismen mächtig gebietet. In diesem tönt die Stimme der Betenden; jenen könnte nur die Harfe begleiten; in andern schallt die Posaune; cs ruft und tönt die tausendstimmige Orgel u. f. — Fragt man sich um die Ursache der sonderbaren Wickun;, die man von diesen alkchristlichcn Gesängen empfindet, so wird man dabei eigen betroffen. Es ist nichts weniger, als ein neuer Gedanke, der uns hur rührt, dorx mächtig erschüttert; Gedanken sind in diesen Hymnen überhaupt sparsam. Manche sind nur feierliche Rccitationen einer bekannten Geschichte, oder sie sind bekannte Bitten und Gebete. Fast kommt der Inhalt all,c in allen wieder. Selten sind es auch überraschend-feine und neue Empfindungen, mit denen sie uns etwa durchströmen; aufs Neue und Feine ist in den Hymnen gar nicht gerechnet. Was ists denn, was uns rühret? Einfalt und der Poesie und bildenden Künste. 249 Wahrheit. Hier tönt die Sprache eines allgemeinen Bekenntnisses, Eines Herzens und Glaubens Die meisten sind ein gerichtet, daß sie alle Tage gesungen werden können und sollen ; oder sie sind an Feste der Jahrszciten gebuninn. Wie diese wied.r kommen, kommt in ewiger Umwälzung auch ihr christliches Bekcnntniß wieder. Zu fein ist in den Hymnen keine Empfindung, keine Pflicht kein Trost gegriffen: es herrscht in ihnen allen ein a l lg e m ei n e r p 0 p u l a r cr Inhalt in großen Accenten. Wer in einem Ts Osurri cdcr Lnlvs rsgina neue Gedanken sucht, sucht sie am Unrechten Orte; eben das täglich- und ewig B e k a n n- l e soll hier das Gepräge der Wahrheit scyn. Der Gesang soll, ein ambrosisches Opfer der Natur werden , unsterblich und wuderkehrcnd, wie diese. Es crgiebt sich hieraus, daß, da man bei christlichen Hymnen auf die Schönheit eines klassischen Ausdrucks, auf die Anmnth der Emvsindung im gegenwärtigen Moment, kurz auf die Wirkung eines eigentlichen Kunstwerks gar nicht rechnete, diese Gesänge, sobald sie cingcfuhct waren, die sonderbarsten Folgen haben mußten. Wie nämlich die Hand der Christen Bildsäulen und Tempel der Götter, dem unsichtbaren Gott zu Ehren, zerstörte: so hielten diese Hymnen auch einen Keim in sich, der den heidnischen Gesängen den Tod bringen sollte. Nicht nur wurden von den Christen jene Hymnen an Götter und Göttinnen, an Heroen und Gcni.n, als Werke der Ungläubigen oder der Abergläubigen angesehen; sondern und vorzüglich ward auch der Keim , der sie hervorgebracht hatte, die dichtende oder 25 c, II. Ideen zur Geschichte und Kritik spielende Einbildungskraft, die Lust u n d F rö h I i c h k e i t d c s Volks an Nationalfesten und als eine Schule böser Dämonen Verdammt, ja der Nationalruhm selbst, auf welchen jene Gesänge wirkten, als eine gefährlich- glänzende Sünde verachtet. Die alte Religion hatte sich überlebet; die neue Religion hatte gewonnen, wenn die Thorheit des heidnischen Götzendienstes und Aberglaubens / die Unordnungen und Gräuel, die an den Festen des Nacchus, der Crbele, der Aphrodite vorgingen, ins Licht kamen. Also auch was von der Poesie dahin gehörte, war ein Werk des Teufels. Es begann eine neue Zeit für Poesie, Musik, Sprache, Wissenschaften, selbst für die ganze Richtung der menschlichen Denkart. Denn i. Fortan war die Poesie keinem Volk, keinem Lande eigen, weil die- scr Geist christlicher Hymnen, mit Zerstörung aller Nationalhciligthümer, die Völker insgesammt umfaßte, und glauben lehrte. An die Stelle jener längstverlcbtcn Heroen und Nationalwohlthäter traten jetzt neue Heroen, die Märtyrer; die auf der Erde ihre Festtage, Kirchen und Patrimonien bekamen , wie sie als Schutzpatronen und Fürbitter bei Gott angesehene Plätze droben besaßen. Himmel und Erde war also den Heiligen gegeben, die christliche Welt war unter sie vertheilel. Statt einzelner irdischer Wohlthatcn sang man Eine große Wohl- that, die Erlösung der Welt vom Aberglauben und den Dämonen. Statt eingeschränkter irdischer Hoffnungen sang man Eine gro- der Poesie und bildenden Künste, 25 r ße Hoffnung, die Erwartung der Ankunft des Richters über Lebendige u n d T o d t e, mit welcher die Gesamthcrr^chaft in seinem Reiche wesentlich verknüpft war, Jahrhunderte lang hielt man diese Ankunft für nah; alle traurige Zeichen der Zeit, an denen man großenthcils selbst Schuld war, wurden auf sie gedeutet; und ungeheure Dinge, Verfolgungen, Schenkungen, Kriege wurden durch sie befördert. Hymnen an die Märtyrer, Hoffnungen der Auferstehung und der Wi-derkunft Christi machen also einen großen Theil der Dichtkunst die» ser Zeiten aus; sic ivarcn auch eine mächtige Triebfeder. Von heidnischer Poesie mochte untergeben was untcrgehen wollte; was man rettete, ward etwa der Sprache, der Sylbenmagße, der späteren platonischen Philosophie oder zufällig eines dem Christcnthum zuträglichen Umstandes wegen erhalten. Selbst die jüdischen Psalmen wurden jetzt blos und allein christlich verstanden, und gegen Ketzer, ja gegen die Juden selbst zcitmaßig gedeutet; es ward mit ihnen gebetet, geflucht, verbannet, cxorcisiret- Was irgend man kn der Literatur fand und amvendcn wollte, verlor seinen alten Zweck und ward christlich. 2. Die Musik bekam durch die christlichen Hymnen mit der Zeit eine ganz andre Art und Weise. Da der Inhalt dieser Gesänge gleichsam ein Chor der Völker und so allgemein war, daß sich die Töne dem einzelnen Ausdruck eine? individuellen Empfindung weder anschließen konnten noch sollten: so ging dabei der Strom der Musik, allumfassend, in seinem grossen Gange desto ungehinderter und prächtiger fort. Wenig achtete er auf Füße des Sylbcn- 252 II. Ideen zur Geschichte und Kritik maaßes, auf dcn Inhalt einzelner Strophen, auf cinzelne Worte; mit dcr Strophe, welches Inhalts sic auch war, kehrte der Gesang wi.d.r; das Feierliche verbarg jede Verschiedenheit in seinen weiten Mantel. Bei den Griechen war di.s anders gewesen; bei ihmn war die Poesie herrschend, die Musik dienend. Jetzt war die Musik herrschend, die im Sylbenmaaß gebrechliche Poesie di.nkc. Ein einziger Umstand, der schon einen vclligcn Unt.rschied zwischen der alten und neuen Poesie, der a,t n und neuen Musik gründet. Die jetzt lnrr chcnde Musik, die gleichsam von einem unermesslich.n Ebor in dcn Wolken getragen ward, musste norbwendig, später oder früher, für sich selbjt ein Gebäude der Harmonie ausbildcn, da bci den Hymnen des Chriffenthums auf Melodie w-nig, auf einzelne Glieder des Versbaues und der Empfindungen noch weniger, und auf ein daraus entspringendes momentanes Kunstvergnügcn gar nicht gerechnet war. Der Tonkünstlcr dagegen war Zauberer in dcn Wolken, der mit seinen Schritten im großen Gange der Harmonie desto gebietender den Inhalt des Ganzen ver° folgte, und auf andächtige Gemüthcr in diesem vollstimmigm Gange desto starker wirkte. Durch den christlichen Gesang war also die Harmonie der Stimmen im Concert der Völker gleichsam gegeben. 3. Auch die Sprache ward durch diese neue Einrichtung der Dinge sehr verändert. Wenn bei Griechen und Römern jener alte ächte Rhythmus, nach welchem jede Sylbe ihr bestimmtes Zcitmaas an Lange und Kürze, an .Tiefe und Höhe hatte, dcr Poesie und bi dcnden Künste. 253 nicht schon verloren gegangen war, so ging er jetzt, wie die christlichen Hymnen zeigen, bald verloren. Man achtet, auf ihn wenig und folgte dagegen, weil auf Popularit.it alles gerechnet war, der gemeinen Aussprache, ihren -Perioden und C a- dcnzen,kurz dem Wohlk lange des plebe- jen Ohres. Ohne Quantität der Sylben brachte man also Reime und Assonanzen ins Spiel; man formte einen gewissen Numerus dcr Strophe, d.r dun alltäglichen Gehör gemäß war, den aber die Gn.chm und Römer nur in den sogenannten Polin ki chm cder gemeinen Volksvcrsen erträglich gefunden halt n. Zm Innern konnte die Sprache eben so wem . rein bleib.n, da jetzt in Poesie und R c de der Geniu s fast aller Völker mit einander vermischt ward. Ausdrücke dcr ^braer und andrer Asiaten, der Griechen und Rö- m r in den v.rschiedenstcn Provinzen, endlich der B»rbar.n, die Sieger waren und Christen wurden flössen zusammen: so ward dann nach Ort und Zeit das Gri.chische und das Lettin dcr mittleren Zeiten g.bid.t, das man mit Recht die Mönchssprache n.nact. Sie bildete sich einenRcichthum neuer Ausirücke nach ihr.n Bedürfnissen und Umstanden, der alte Römergcnius aber war verschwunden. 4. Wie manche Wissenschaften das damalige Christenthum entbehrlich glaubte, erweiset die Geschichte d.r mittleren Zeiten. Gesänge, Predigten uno ^roms - Regeln, die vom Untergänge der Welt, (se cuii. Uuius) von der Eitelkeit aller irdischen Dinge, von der Trüglichkeit des menschlichen Gcistcs, von der Nahe eines Reichs sprechen, in welchem 264 II- Ideen zur Geschichte und Kritik alles anders scyn wird und scyn muß, fachen nicht eben die Lust an, den gegenwärtigen Zustand der Welt, wie er ist, zu beleben. Im Himmel war das Vaterland der Christen; dahinauf strebten ihre Gesänge; das Schema der gegenwärtigen Welt war ihnen vergänglich, ob sie es übrigens gleich für sich sehr gut und Ein Theil mit Bedrückung eines größeren andern Thcils der Menschheit zu gebrauchen wußten. 5 . Dagegen ward bald, bie und da, jene mystische Empfindungs-Theologie ausge- sponnen, die, ihrer stillen Gestalt ungeachtet, vielleicht die wirksamste Theologie in der Welt gewesen. Im Christenthum schlang sie sich dem jüngeren Pla- toirismus an, der ihr viel Zweige der Vereinigung darbet; aber auch ohne Platonismus war sie bei allen Völkern, die empfindend dachten und denkend empfanden, in jeder Religion, die beseligen wollte, am Ende das Ziel der Betrachtung. Sinnliche Völker selbst haben zuweilen auf die sonderbarste Weise einen Mysticismus gesucht und sich in ihm berauschet; vernünftelnde Völker suchten ihn auf ihre Weise. Der Grund dazu liegt in der Natur des Menschen. Er will Ruhe und Thätigkeit, Genuß und Beschauung auf die kostenfreieste, dauerhafteste, Zugleich auch auf die untrüglichste, auf eine gleichsam unendliche Weise. So gern möchte er mit Ideen leben und selbst Idee sevn. Die trage Zeit, den leeren Raum, die lahme Bewegung um sich her möchte et gern überspringen, und vernichten, dagegen Alles an sich ziehn, sich Allem zueignen und zuletzt in einem Ideal zerfließen, das jeden Genuß in sich faßt, wohin seine 255 der Poesie und bildenden Künste. Vorstellung reichet. Viele Umstände der damaligen und folgenden Zeit kamen zusammen, diesen Mystl- cismus zu narren und ihn dem Christenihum, zu. welchem er ursprünglich nicht gehörte, einzuverlcibcn. Ein spvculircnder Geist, dem es an Materie zur Spccülation fehlet, ein liebendes Herz ohne Gegenstand der Liebe, gerät!) immer auf den Mystici-mus. Einsame Gegenden, Klosterzellen, ein Krankenlager, Gefängnis und Kerker, endlich auch auffallende Begebenheiten , die Bekanntschaft mit sonderbar-liebreichen und bedeutenden Personen, Worte, die man von ihnen gehört, Zeichen der Zeit, die man erlebt hat, u. st alle diese Dinge brüten den Mysticismus, dies Lieblinqskind unsrer geistigen Wirksamkeit und Trägheit, in einer groben oder serd.mn Umhüllung aus und geben ihm zuletzt die bunten Flügel des himmlischen Amors. Man liebet, und weiß nicht Wen? man begehret, und weiß nicht Was? Etwas Unendliches, das Höchste, Schönste, Be st e. So unentbehrlich dem Menschen diese Tendenz nach dem Vortrefflichsten und Vollkommensten ist, ohne welche er wie eine Raupe umhcrkroche und vermoderte: so leer bleibt dennoch die Seele, wenn sie, blos auf Flügeln der Imagination im Taumel der Begeisterung fvrtgetragcn, in ungeheuren Wüsten nmhcrschweift. Das Unendliche giebt kein Bild: denn es hat keinen Umriß; selten haben diesen auch die Pocsieen, die das Unermeßliche singen. Sie schwingen sich entweder in ein Empyrcum des Ur- lichls voll gestaltloser Seraphim auf, oder wenn sie von da in die Tiefen des menschlichen Herzens zu- 256 II. Idem zur Geschichte und Kritik rückkehren, kann die erböhete Spekulation dennoch nur aus ihm jene Urbilder himmlischer Schönheit Holm, die sic über den Wolken begrüßet und in ein Paradies der Liebe und Seligkeit hinauf zaubert. Die Hymnen der mittleren Zeitm sind voll von diesen goldncn Bildern, in die unermeßliche Blaue des Himmels gemahlct. Ich glaube nicht, daß es Ausdrücke süßerer Empfindungen gebe, als die bei der Geburt, dem Leiden und Tode Christi, bei dem Schmerze der Maria, bei ihrem Abschiede aus der Sichtbarkeit, oder bei ihrer Aufnahme in den Himmel und bei dem freudigen Hingange so manches Märtyrers, bei der sehnenden Geduld so mancher leidenden Seele, meistens in den einfachsten Syl- bmmaaße», oft in Idiotismen und Solöcismm des Affekts geäußert wurden. Wer sich davon überzeugen will, lese die frommen Liebesgesänge des heil. Bernhards und Thomas, des Cardi- nals Bona, der heil. Therese, des ärrern äs 1a <üru 2 und ihres Gleichen; oder vielmehr er höre sie mit Musik begleitet. Das Lterkat lVIatsr äolo- rosa. (l-rsobuo äs Lens-äistis ist sein Verfasser) ist in Pergolesi's Compositicn sehr bekannt; dergleichen süße Schmerzen - und Liebesgesange giebrs in der Mönchssprache viele, die ganz dazu geschaffen scheinet. Wilder Sylbenmaaße bediente man sich dabei nicht; vielmehr äußerst anständiger und sanfter. Selbst das verzückte iVIetrunr des sogenannten kerviZMi: sras -erriet, yrri nungrrarrr airrarrit, das in den Hymnen oft gebraucht ist, erhalt in ihnen einen Triumphton und eine Würde, die uns gleichsam aus uns selbst hinausfetzt und unser ganzes Wesen erweitert. Wie der Poesie und bildenden Künste. 267 Wie konnte dies auch anders seyn, da, wo man die Bibel nur aufschlagt, im Hohcnliede, Propheten, Psalmen» in den Evangelien, Briefen und der Offenbarung man Ausdrücke bald der erhabensten Einsalt, bald der innigsten Zärtlichkeit und Liebe findet'e Wer Handels Messias, einige Psalmen von Marcell 0 , und Allegri ^ s, Leo, P a l a- strina Eompositisnen der simpelsten biblischen Worte gehört hat und dann die lateinische Bibel, christliche Epitaphien, Passions - Grab - Auferstehungs-Lieder kieset, der wird sich trotz aller Solocismen und Idiotismen i» dieser christlichen wie in einer Neuen Welt fühlen. Nachschrift, Da ich es nicht voraussetzen kann, daß jedclN von Ihnen eine Menge der Hymnen bekannt sei), von denen das Fragment redet: so lasse ich von eini, gen der angeführten nur Strophen nbschreiben, die ich etwa mit einer Anmerkung begleite. Die Solö- cismcn und Idiotismen darin gehören zur Sprache der Zeit; überhaupt sind diese Werfe nicht zu lesen, sondern mit der ihnen gebührenden Musik zu hören, i. ^Lini uioesia csnie866 Huei-ela! 7.2eiiinL8 8U8xenc1ite^ nia1sr68z *) Von Prudentius. Unser alter Gesang: H.ört auf mit Klagen ist eine Nachahmung einiger Herders W.z.schon.Lir.u. Kunst. VH. R 258 H. Ideen zur Geschichte und Kritik Julius rua xißnova plunxrt iVIors Ii»eo reperatio vitae ert. dluno snsoipe, terra, tevenäun» Orerniogne dnne oonoipe inolli; Iloniini^ tiki niemdra «e^nestro 6enerosa ei kraAnrina crecle. Verrinnt nroän ternpora justn, tlnni spsnr Deus inrpleat ornnein; k.eääLS pntekacts, necesss est, l^nnlern tibi txaäo iignrsin. sei;. 2. Hier rrne, *s Dies irae, «dies illa Lolvet sneelurn in knvilln Deste David cnrn Lilr^Ila. Strophen dieses alten Hymnus, der beim P r ritz ent ius anfangt: Dens, itznee tons ani- inaruin. Der Graf Ros common übersetzte diesen Gesang ins Englische : lire Da)' ok VVrestlr, tlrat clreadknl da^, und starb mit den Worten aus ihm: krostrate, rn^ contrits Irsart 7 rend, Ood, rn^ k'atlrer, and rn^ kriend, Do not 7or8slee ine in in^ Dnd. Unser Deursches Lied: Es ist gewißlich an der Zeir, ist eine Nachahmung dieses Gesanges, der Poesie und bildenden Künste. ()uantu5 treinor est luturus, l)uando judex est venturus, Luneta striets diseussurus. I'uda iniruin sparßens 8onuin ker sepulcra retzionnni OoZet onlne8 ante tlironurn, iVIors -tupedit et natura, lüuni resurßet creatura ludieanti responsura. I-ider divus tune pandetur, In c^uo totUrn eontinetur, linde niundus judieetur. Iudex ergo euin sedobit, l)uid<^uid Istet apparedit, IVil inuituni rernanebit. ljuid 8uin iniser tune dieturur? lauern patronUin roKaturus? liuin vix justus 8it söcurus, Hex trenisndae iVlajestatis, l)ui salvaudos salvas Aiatis, Lalvu ine, Ions ^>ietati8! se^s. o. I.auda 8ion Lslvatorsni, I.auda Direein et l?a8toreni In IiMinis et eantieis; <)uantuni potes, tantuin sude, l)uia niajor vinni laude, ^iee laudare sulfieis R s 26ü II. Ideen zur Geschichte und Kritik §It leU8 plens, 8lt 8onore^ 81t jncunlle, 8ii äeoore Mentls julilletlo. VIe8 enlin egltetur, In c>ue niensee ruininetiir Huj>i8 Instltnllo. 8S^. 4 - kenge lingue glorlosl proelinni osrteininl8 Lt super orucls troplieeo älo trlninpliiini nolil- lern; k)nellter reäenitor orlils Irnnioletus vlcerit, 6rux kläellü Inter oiniise ertror uns nodllls: I^iille telsin 8^IvL prokert kronäe, klare, ger- niine. Ouloe Ilgnuni, Ltllos slßnuin, äulcs ponilns sustlnst. se<^. 5 ' ^.vs Nierle Stella , Del Nieter eline, Lt^ue seniler vlrgo, kelix aoeli Ports. Virgo slnguleris, Inter onine» inltls I^o8 cnlpls solutor inltss kso et osstos eto, 6 . Ltslrst ineter äoloross, kuxte eruoeni lsorlinose, Onin psnäeliLt klllns, Onjiis snlniein geinenteni, tloiitrlststem et (lolsiiteni kertrsnslvlt gleälns. der Poesie rmd bildenden Künste. 261 O csnsin tristis ei skkliot» ^uit illa bonocliots lVIster llniAeniti, l)ii36 moerebst ei äolebst 12t treinobst, ourn viäelnit dSstl ^oenss incliti. ki»c nie ornoo cnstoäiri, Morte Lliristi xraeninniri, llonkoveri Arstis. (^uanäo corpns nrorietur, k*sL nt aniins äonetur karsciisi Aloins. 7 - ") klt <^uiä jubes, pusiole? (^nsre nisnclss, Kliole, tlnrinen änloo NIL ogntnro, 6nni «ins lonAL exsnl vslcia Intra niars; O onr jubes oanere? IVIsAis inidi rnissrals lblore übet puerale klns plorare c^nanr cantsrs llsrinen tale jubes ^uare? Hinor care, 0 cur jubes cansre? ) Vom Deutschen Mönch Gottschalk, alter als Otsried, dem sehr hart begegnet ward. Er schrieb dies als ein Vertriebener, im Gcfängniß. 262 H. Idem zur Geschichte und Kritik 33 . Mit ihrem clis8 iras, äiss illa hoben Sie mir eine schöne Wett zu Grobe geläutet; die Welt der Erscheinungen des Alterlhums in ihren bestimmten, lieblichen Formen, in ihren bedeutenden Gebcrden, in ihren gl eich- som orgonisirten Tönen. Sie wird nicht wieder kommen ouf unsrer Erde; so wenig uns unsre Jugend zurückkommt. Jene ersten Versuche der Menschen, sich dos Unsichtbare sichlbor, dos Verqongene und Entfernte gegenwärtig zu macken, eine Welt von Gegenständen, von Bildern und Empfindungen durch Worte und Töne dorzustellen und zwar olso dorzustellen, doß ouch ihre Folge sprechend, daß ihre Veränderung in Licht und Farben bis zum Kleinsten empfunden oder bemerkt werde; diese Versuche, in einer gegebnen langen Zeit zu Meisterwerken der poetischen Kunst erhöhet, von einer Nation, der die Kunst Natur, der Geschmack am Schönen Charakter gewesen zu seyn scheinet, werden ihres gleichen schwerlich in Zeiten finden, die Ihre angeführte Hymnen cingeläulet haben. Nichts ist von zarterem Wesen, als der ächte Natur- und Kunstgeschmack. Durch Frömmigkeit und Andacht, selbst durch Gelehrsamkeit und Fleiß läßt er sich nicht erlangen; er ist eine himmlische Grazie, die auf unsrer Erde nur hie und da, dann und wann erscheinet. Sie kann eben so leicht wcggcbetet als wcgstudirt werden; einmal vertrieben kommt sie selten oder spät wieder. dcr Poesie und bildenden Künste. 26Z Und doch ist mit diesem Natur-und Kunstgeschmack selbst der rlebt ige Sinn, die wahre Vernunft des Menschen so innig verbunden. Schwerlich werde ich in ihrem Athanasius und Ambrosius so schlicht und rein zu lesen bekommen, was mich Cicero's Pflichten, Horaz Briefe und Sermonen lehren. Die Litaneien und Legenden dcr Heiligen, ja das ganze Bre- viarium dieser Sittenlchre und Weisheit wird das ächte Nichlmaas menschlicher Moralität kaum so strenge an mich legen, als es die festen Lehren des Alterthums, seine mit sichrer Hand, im bestimmtesten Umriß gezeichneten Charaktere zu thun vermochten. Ist Einmal der Gesichtskreis und das Ziel dcr Bestimmung verrückt, zu welchem die Menschen auf Erden leben, so erscheinen durch ka- toptrische Spiegel zurückgeworfcne seltsame Bilder und Vorbilder des Lebens. Eine Zauberlaterne bringt Gestalten hervor, die in Schrecken und Verwunderung setzen können, denen man aber nicht ohne Gefahr folget. Ihr Fragment meldete uns an, daß sich fortan die Musik von der Poesie scheiden und in eignen Regionen ihr Kunstwerk treiben werde; fürs unbewehrte menschliche Geschlecht eine gefährliche Scheidung. Musik ohne Worte setzt uns in ein Reich dunkler Ideen; sie weckt Gefühle auf, jedem nach seiner Weise; Gefühle, wie sie im Herzen schlummern, die im Strom oder in der Fluch künstlicher Töne ohne Worte keinen Wegweiser und Leiter finden. Eine Musik, die über Worte gebietet, ist nicht viel anders; sie herrscht despotisch. Erinnern Sic sich in Drydens Ode am Cacilien- 264 II, Ideen zur Geschichte und Kritik Tage, wohin die Gewalt der Musik den Alexander reißt? Der Halbgott sinkt der Buhlerin in den Arm. er schwingt die Fackel zu Persepolis Brande. Auf gleiche Weise kann durch eine geistliche und» wenn man will, eine himmlische Musik die Seele dergestalt aus sich gesetzt werden, daß sie sich, unbrauchbar und stumpf gemach! für dies irdische Leben, in gestaltlosen Worten und Tönen selbst ve rljere t. Unsre zarte, fehlbare und fein empfängliche Natur hat aller Sinne nöthig, die ihr Gott gegeben- sie kann keinen seines Dienstes entlassen» um sich einem andern allem anzuvertrauen: denn eben im G esg m m lge brauch aller Sinne und Organe zündet und leuchtet allein die Fackel des Lebens, Das Auge ist, wenn man will, der kälteste, der äußerlichste und oberflächlichste Sinn unter allen; er ist aber auch der schnellste, der umfassendste, der bclleste Sinn; er umschreibt, theilt, bezirkt und übt die Meßkunst für alle seine Brüder. Das Ohr dagegen ist ein zwar tiefdringender, mächtigerschütternder, aber auch ein sehr abergläubiger Sinn. In seinen Schwingungen ist etwas Unabzählbares, Unermeßliches, das die Seele in eine süße Verrückung setzt, in welcher sie kein Ende findet. Behüte uns also die Muse vor einer bloßen Poesie des Ohrs ohne Berichtigung der Gestalten und ihres Maaßes dum Hs Auge. Nochmals gehe ich Ihr Fraament durch und frage- „wie, wenn aus dieser heiligen Mönchspoesie eine Volksdichtung kervorqchcn sollte, wie wird sie werden? Gewiß anders als die Poesie der Griechen der Poesie und bildenden Künste. 265 war, nicht nur im Inhalt des Gesanges, sondern auch in desselben ganzer Art und Weise." 1. Von Mythologie wird in ihr nicht die Rede seyn können, da man diese als eine Dämonen- sage ansah. Wenn Eine derselben gebildet werden sollte, wird sie aus dem Glauben der Kirche, auS Sage» des gemeinen Volks, aus National - Meinungen und Abentheucrn hervorgehn. Jede solcher Gestalten wird die Kirche weihen und ordnen. — 2. Reine Umrisse der Phantasie und des Natur sinnes nach Art der Griechen wird diese Dichtkunst schwerlich enthalten, da diese Welt ihr nur ein vorübergehender Schatte zur künftigen Welt ist. Zwischen beide wird sich der Blick theilen, mithin jene sich in eine Art Dämmerung verlieren. Höchstens also werden Allegor i en austretcn, statt reiner und bestimmter Begriffe; auch wirkliche Personen werden gern als Allegorien und Larven oder als heilige Nebelgestalken erscheinen, die sich in der Ferne verlieren. Das Interesse, das diese Poesie giebt, wird selten ein Na kio nal - I n t c r es se seyn, wie bei Griechen und Römern, vielleicht aber ein allgemeines Interesse christlicher Völker, die alle das heilige Bad besprengt hat, die, als Begünstigte des Himmels mit dem Kreuz bezeichnet, eine eigene christliche Providcnz über sich erkennen, Engel zu ihrer Seite haben, und von der Erde gen Himmel wandern. In der Erzählung wird dies den Ton der Geschichte und Dichtung ganz ändern. 4. Allen Handlungen und Leidenschaften der Menschen, ihren Tugenden und Lastern wird hiemit 266 II. Ideen zur Geschichte und Kritik eine eigne religiöse Farbe, ein Anzug gegeben werden, den die alte Welt nicht kannte. In die Liebe wird sich Andacht mischen; und die Ueppigkeit dagegen vielleicht desto sinnlicher ihr Werk treiben- Statt des Verdienstes der Vorfahren um ein enges Vaterland wird ein andächtiger Ruhm, eine Ehre hervorgehn, die Stand ist und nach Standen wirket. Auf diesem Wege wird eine Sentimentalität zum Vorschein kommen, von der die Poesie der Alten nicht wußte, eine anerzogne Sentimentalität der Stände. 5 . Endlich, da der Rhythmus der Griechen verloren ist und sich der poetische Genius hier ungebildeten, mit dem Römischen Volksdialekt vermischten Sprachen mikthcilen soll: so werden in dieser Verwirrung ohne Sylbenmaaße der Alten sich ebne Zweifel rohere Volks gesänge nach dem Modell der Mcncbspoesie formen. Was das innere Maas und Gewicht der Sylben nicht thun kann, wird d-r Reim ersetzen sollen, mit dem von jeher das Phr und die Zunge des Volks spielte. Poesie wird also eine gereimte Prose in Versperio- -en werden, deren Abwechselung und Rundung etwa auch ein unwissendes Lhr verfolgen kann; dagegen die Musik, vom Bau der Sylben getrennt, in ihrer eignen Region ihr Werk treibet Lassen Sie uns bald einige Glocken-und Posaunen - und Vrgel- tönc, aber, wenn ich bitten darf, auch einige Töne der Harfe aus diesem neuen christlichen Ddeum aller Europäischen Nationen hören. der Poesie und bildenden Künste. 267 34. Drittes Fragment. Bildung eines neuen Geschmacks in Europa und dessen erste Verfeinerung. Alle Deutsche Nationen, die das Römische Reich unter sich theilten, kamen mit Heldenliedern von Thaten ihrer Vorfahren in die ihnen neue Welt; es sind auch Zeugnisse vorbanden, daß diele Gesänge unter ihnen sich lange erhalten haben. Wie auch anders? Diese Gesänge waren ja die ganze Wissenschaft und Geistesergötzung solcher barbarisä,cn Volker, das Archiv ihres Ruhms und Nachruhms. Was zu den Zeiten der griechischen Sänger der Fall gewesen, kam ;etzc auf eine rohere Wei wieder. Völker, die das Schreiben nicht viel kannten und noch weniger liebten, erhielten durch Lieder das Andenken ihrer Vorfahren, und jedes Volk hatte dabei seine eignen Lieblingshelden, seine eignen Lieb- lingstöne. Sehr nützlich wäre cs, wenn wir diese alten Wurzeln des Stammes der Denkart und Sprache unsrer Vorfahren noch besäßen; wenn wir die Lieder von M a n n und Hcrman, Dietrich v 0 n Ber >1, A lb 0 i n, H ilde b rand, R ü dig'er, Siegfried, die Engländer ihr 8orn-LdiIä, Hervart, Grym, Han clock, und so jedes Deutsche Volk die seinigcn noch hätten. Es gilt aber von allen 268 II. Ideen zur Geschichte und Kritik diesen, was Hora; von jenen uralten griechischen Helden sagt, die vor Homer lebten: Sie liegen alle, weil sie der heiligenj Gesänge darben, unbejammert, Rühmlos in ewiger Nacht begraben. Die Veränderung und Mischung der Sprachen, bei den wandernden Völkern die Verschiedenheit des nördlichen und südlichen Klima, wohl aber am meisten der Fortgang der Sitten selbst, hat uns dieser wahrscheinlich in rauhen Tönen besungenen Heldengestalten beraubet. Wie verschieden ncmlich die Mundarten der Deutschen Sprache nach den verschiedenen Volksstämmen, Zeiten und Gegenden waren, dergestalt, daß man die Gotben am schwarzen Meer, in Italien und Spanien, die Vandalen in Pommern und Afrika, die Angeln zu Hengst und zu Wilhelm des Eroberers Zeiten nicht für Eins nehmen darf: so ist doch in allem, was wir von ihren Sprachen wissen, ihr nordisches Gewand unverkennbar. Die Deutsche Sprache nemlich, zumal in rauhen Gegenden, liebt einsvlbige Töne. Hart wird der Schall angestoßen, stark angeklungen, damit so viel möglich' Alles auf Einmal gesagt werde. Eine Sylbe soll alles fassen; die folgenden werden zusammengczogcn, und gleichsam verschlungen ; so daß sie selten aushal- len und kaum zwischen den Lippen als erstickte Geister schweben. Die ganze Bildung unsrer Sprache, am meisten die aus dem Latein bei uns aufgenom- mencn Worte und Namen, beweisen dies; cs sind der Poesie und bildenden Künste 269 hart zusammcnqedrangte Laute; und was noch sonderbarer ist, mit dem Verfolg der Jahrhunderte hat sich dies Zusammendrangen der Buchstaben nicht vermindert, sondern vermehrt. Ulfila's undOttfrieds Sprache sind ungleich tonender, als wie man z. B. im vorigen Jahrhundert oder noch jetzt aus dem Munde des Volks die Worte schreibet. Das Angelsächsische schlich mit vielen stummen E in Mehreren Sylben langsam fort; das Englische, das sich unter den Normannen; bildete, warf Buchstaben weg, drängte sie zusammen, schnitt vorn und hinten die Sylben ab; so entstand ein ganz neuer Gang und Rhythmus der Sprache. Aus dieser beliebten E in sy l b i g k ei t der nordischen Mundarten, bei der man aus Trägheit oder wie in böser Luft die Lippen kaum zu öffnen waget, Und immer nur hm! hm! sprechen möchte, war es natürlich, daß, wenn man Worte gegen einander künstlich stellen wollte, dies insonderheit im An- klange bemerkt werden mußte, indem der Ausgang der Worte gern im Dunkeln blieb. Dies ist nun jenes berühmte System nordischer Alliterationen, (Annominationen, *) das um kein Haar *) Nähere Kenntniß von diesem sonderbaren System der nordischen Prosodie findet man in Olau« WorMius literntura Onnion, Hickes tbs- raur. linAunr. Zeptoiitrion. und ähnlichen Werken. Wer ihrer entbehrt, ziehe die Briefs über Merkwürdigkeiten der Literatur (Schleswig 076/) Th. l. S. 100. zu Rath; eine Sammlung Briefe, die weit mehr Aufmerksam- 270 II' Idem zur Geschichte und Kritik unnatürlicher als der Reim ist; indem man hier nur in der Mitte oder vorn reimet. Den Alten, d. i. Griechen und Römern, waren beide Arten eines solchen Wohlklangts Uebelklange; ähnliche Anklange der Worte suchten sie, wie den Reim, zu vermeiden. Auch für die Gegenden eines besseren Klima war die» ser nordische rauhe Sylbentritt nicht; die Spanischen Romanzen, die vielleicht nach gothischen Volksliedern geformt sind, baben jenen wilden, männlichen Jam- buö, der ursprünglich in Wäldern zum Jagd - und Kriegshorn tönte, fahren lassen und statt dessen langsame Trochäen in weiblichen Ausgängen mit dem zuletzt prächtig - verhallenden ar gewablet. In Italiens Luft zerfloß gleichfalls der golhische und longo- bardi'che Sylben-Anklang in weiche und immer weichere Töne. Kein Wunder also, daß jene alten Helden-Melodien in dieser sanfteren Luft den Tönen nach allmählich verhallten. Dabei aber gingen nicht sofort auch die Erzählungen selbst, jene H ei d en sagen zu Grunde, die gleichsam die Seele dieser Völker, ihr Trank und ihre geistige Speise waren. Sie konnten nicht zu kelt verdient, als sie erlangt. Das System der Alliterationen, daß gewisse.Worte im Anfänge und in der Mitte des Verses von einem Buchstaben anfangen und einen ähntichen Vokal haben, ist, wie mich dünkt, mehr angestaunt als erklärt worden; sein narürlicher Grund ist der Bau der Sprache selbst, der Genius des Volks, das sie sprach, und die Art, wie man die Wort« antönte. brr Poesie und bildenden Künste. 27» Gr»mde gehen, weil diese Völker, (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) ab e nth eu erlich dachten und entweder gar nicht oder im Abentheuer lebten. Ein Volk, von wenigen aber starken Begriffen und Leidenschaften geregt und getrieben, hat wenig Lust zu ordnungsmäßigen, gewöhnlichen, ruhigen Geschäften; cs bleibt gegen sic kalt und trage. Dagegen flammets auf, wenn ein Jagd - und Kriegshorn die A b e nt h e u e r sa g e ertönet. In eingepflanzten Trieben, in angebornen Begriffen und Neigungen ging diese Liebe zum Abentheuer auf Geschlechter hinab; der geistliche Stand, in dessen Händen die Bildung der Menschen nach Begriff, n der Zeit war, bemächtigte sich dieses Triebes; ec fabelte, dichtete, erzählte. Von Erzählungen fängt alle Eultur roher Völker an; sie lesen nicht, sie vernünfteln nicht gern, aber sie hören und lassen sich erzählen. So Kinder, so alle Stände, die insonderheit unter freiem Himmel ein halb müßiges Leben führen. Wo sie auch leben, Norweger und Araber, Perser und Mongolen, der Gothc, Sachse, Franke und Kattc des Mittelalters, noch jetzt alle halbmüßigc Abcntheurer, Krieger, Jager, Reisende, Pilger, haben hierin einerley Geschmack, einerley Zeitkürzung. Unwissenheit ist die Mutter des Wunderbaren , unternehmende Kühnheit seine Ernährerin, unzählige Sagen seine Nachkommenschaft und ihr großer Mentor, der Glaube. Wenn Mönche dergleichen Erzählungen in ihre Chroniken aufnahmen und ihre Legenden selbst darnach schrieben: so thacen sie es nicht immer aus Lust zu betrügen. Es war Geschmack und sogar Kreis des Wissens, Denkart der 272 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Zeit; eine achte Mönchschronik mußte vom Anfänge der Welt anfangen und in bestimmten Zeiträumen durch Fabel und Geschichte der Griechen und Ärmer (Geschichte und Dichtung auf Einem Grunde betrachtet) bis zum Ende der Welt forkgehn; das war det gegebene Umriß. Eben nach den Begebenheiten der Zeit, die alleiammt geistliche und weltliche Abenlh'euec waren, formte sich der Umriß der Erzählung, bildete sich der Ton des Ganzen. Mehr als eine Chronik der mittleren Zeilen ist ein cykli- sches Gedicht zu lesen. Wann aber und wie wird aus diesen vermischten Sagen und Abentkcuermahrchen so verschiednev Völker in so verschiednen Gegenden und Umstanden, ein Ilias, eine Odyssee erwachsen, die Ällem gleichsam den Kranz raubte, und jetzt als Sage der Sagen gelte? Dazu gehört viel; insonderheit aber, daß die Sprache und der Witz der europäischen Völker einigermaßen verfeinert werde, daß Völker mit einander in Verbindung oder in Wettkampf gcrathen, dadurch sie einander verstehen lernen, endlich daß, wcnns scyn kann, hier oder da ein Homer aufkomme, dem alle horchen. Aeußerst schwer und langsam konnte diese Aufgabe gelöset werden, da einestheils die Völker durch StamMesvorurtheile und Leidenschaften blind getrennt, anderseits die Sitten so grob oder verderbt waren, daß schwerlich ein Lorbeerbaum für ganz Europa sprossen konnte. Tapferkeit und Witz sind nicht immer beisammen; eben so selten sind es Witz und Kloster-Andacht, wie die Eselsund der Poesie und bildenden Künste. 273 und Narrenfeste, das bler, 8 ir und andre Anstalten zeigen. Wenn in die Sprachen Europas Bildung, in seine Sitten Geschmack, in seine Poesie Unterhaltung kommen sollte, so mußten diese anderswoher kommen, als vom Waffcnplatz und aus dem Kloster. Sie mußten aus einer Gegend kommen, wo ein fremder Umgang etwas anders als den bloßen Mönchs- und Klostergcist zeigte. Kurz — Spanien war die glückliche Gegend, wo für Europa der erste Funke einer wicderkommendcn Eul- kuc schlug, die sich denn auch nach dem Ort und der Zeit gestalten mußte, in denen sie auflebte. Die Geschichte davon lautet wie ein angenehmes Mahr- chcn. Spanien nämlich, so sagt die Geschichte, hatte unter der Herrschaft der Mauren eine sehr blühende Gestalt gewonnen; mit dem Ackerbau, dem Fleiß, dem Handel, waren in ihm mehrere Wissenschaften und Künste, unter diesen auch die Dichtkunst culti- virt worden. Die Maurische Galanterie hatte sich unter dem schönen Himmel von Granada, Murcia, Andalusien veredelt; glanzende Ritterspiele waren im Gebrauch, an denen als Prcisaus- lheilcrinnen auch die Damen Theil nabmcn. Ohne Zweifel war du Nachbarschaft dieses gebildeten Volks mit andern eine Ursache, daß unter dem gleichschönen Himmel von Valenzia, Earalonien, Arragonien und den südlichen Provinzen Frankreichs sich die sogenannte Pr 0 venzial - oder Limosi nische Sprache auch aus der Barbarei riß und eine ftische Blütbe, die provenzialische Dichtkunst hervor- Herders Werke z. schön.Lir.u.Kunst. VN. S. 274 H- Ideen zur Geschichte und Kritik brachte. Von Valcnzi'a an über die Inseln Major- ka, Minorka, Pviza, über Arragonien und Eacalv- nicn , jenseit der Alpen über die Provence, Languedoc, Guienne, das Delphinat, bis nach Poitou bincin erstreckte sich oiese Sprache, die nach damaligen Zcitumstanden allgemach die gebildetste in Europa war*). Regierende Fürsten und Grafen, Ritter und Edle von jedem Range sahen cs als eine Ehre ar».^ sie an ihren Hosen und an ihren Schlossern, die kleine Höfe waren, zierlich zu sprechen. Die Damen nahmen daran Theil, nicht nur als Richterinnen und als der vielfältige Gegenstand der Gedichte, sondern zuweilen auch als Dichterinnen selbst. Die Provenzal - Poesie ward das Organ des galanten Ritlergeiskes in allen Zwcigen seiNek Denkart. Man besang die Liebe und warf Fragen der Liebe auf, die in sogenannten Lorte ck'umors verhandelt wurden; man nannte ihre Versart TenzoNen. Kleine und große Abentheuer, Begebenheiten des Lebens und der Geschichte, auch geistliche Dinge wurden in Can- *) In Crescimbeni istoria äelln volgar ?oe- sia, in Belasquez-Diez Geschichte der spanischen Dichtkunst und denen daselbst angefühnen Schriften, in mehreren Abhandlungen des um dis Provenzalen sehr verdienren Lnrne äs 8r. ?a- Is^s in der Akademie der Aufschriften M illots Iiistoirs äes Droudaäonrs, Abbt ANdräs kta- ria ä'oAlii litsratura 1. I. II. kan» man sich über diese Merkwürdige Erscheinung weiter beleih ren. Sie ist die Morgenröthe der neueren Europäischen Cultur und Dichtkunst. der Poesie und bildenden Künste. ^ 27.5 zoneN, Villaüesca's und andern Gedichtartetr besungen, unter welchen man die Satnren Sir- veNtes nannte. Auch Lehre und Unterricht trug man in mancherlei Einkleidungen vor; ja cs ereigneten sich keine Händel der damaligen Zeit, die'an grossen Ereignissen und Verwirrungen sehr reich war, an denen hie und dort Nicht irgend ein Ptovcnzal Antheil genommen hatte. Kreuzzüge und andre Kriege, Vererbungen der Reiche und Schlösser, Sitten der Fürsten, der Damen, der Geistlichkeit, der Papste selbst; alles berührte diese Dichtkunst, oft Mit einer kühnen Freyheit. Finder, Troubadouren nannten sich die Dichter, die vorher in dev bäurischen Nömersprache Fatisten (Macher, kai- seur?) geheissen hatten. Ihre Kunst hatte den Namen der fröhlichen Wissenschaft (gay su- dsr, Zuvu oisnoia) so wie auch ihr entschiedNer Zweck fröhliche angenehme Unterhaltung war. Der erste Garten, Wb die Blume aufsproßte, Wae viellucht der Hof zu BarcelloNa; schr bald aber müssen andre gefolgt scvN: denn der älteste ProvcNzaldichter den wir haben, Wilhelm der Neunte, Graf Non Poitou, Herzog von Aquitanien, am Ende des cilften und im Anfänge des zwölften Jahrhunderts, sang schon in einer zur Poesie völlig gebildeten Sprache. Auch in Gallizicn Castilicn, Portugal finden sich zu eben dieser Zeit ähnliche UebuNgcn der Vcrskunst ohngefahr in demselben Gedankenkreise. Die sogenannten ilsux filo- ruux aber, eilte B lu m cn g ese ll sch aft, wü der Preis der Dichtkunst ein goldnes Veilchen war, S 2 2?6 H. Ideen zur Geschichte und Kricik ist von weit späterem Datum. (1324.) Ihre Stif- terin war Clemenzia Jsaura, Gräfin von Toulouse. Man hat über den Ursprung des Reims viel gestritten, und ihn bei Nordländern und Arabern, bei Mönchen, Griechen und Römern gesucht; mich dünkt mit unnöthiger Mühe. Man könnte über ihn das bekannte Kinderspiel mit dem Motto: „alles, was reimen kann., reimt" spielen. Mönch« reimen, Otfricd reimte, die Araber reimen, Mabo- mcd im Koran, der Engel Gabriel reimt; der alre Lamech vor der Sündfluth reimte. Aber Griechen und Römer in ihren schönsten Zeiten vermieden die Reime und suchten einen fortgehenden , höheren Wohlklang. Die Troubadouren, die in jedem Innern die Poesie der Araber nicht nachahmcn konnten sondern sich eine Poesie, wie sie ihnen ihr Zeitgeist, ihre Sprache und das nähere Vorbild der lateinischen Mönchspoesie gab, finden mußten; sie mußten reimen, ja sogar in der Mannigfaltigkeit g e r e i m t e r V c r s a r t e n einen großen Theil der An muth ihrer Poesie legen, weil sic ihrer Zeit und Sprache nach nichts anders thun konnten. Die Limosinischc Mundart, wie jedes andre Kind der lingun rustica Itorrmnu wußte vom Nythmus der alten Römerpoesie gan; und gar nichts; also konnten die Provcnzalcn ihre Verse nicht nach der Grammatik 'der Alten scandiren; sie accentuirtcn sie, wie Spanier, Portugiesen, Italiener und Franzosen noch bis jetzt ihre Verse acccn- tuiren, solche daher auch nicht nach einer eigentlichen Quantität der Sylben, sondern zur artigen, der Poesie und bildenden Künste. 377 verständigen Deklamation einrichten *). Diese accentuirte Deklamation ward eine eigne Kunst, aus welche sich die Rhaspoden der damaligen Zeit, die auch Erzähler hießen (Elonteurs,) legten. Mit den Gedichten der Troubadouren reisctcn sie an den Hofen umher, und begleiteten sie thcils mit einem Instrument, theils mit Gcbehrden; daher man sie auch sionZlsurs , (lkoculatorks) Mnsars, Lc>- nürs k?1ai5antiri8 nannte. Sie unterhielten die Gesellschaft mit Liedern und Erzählungen, den bekannten kakjiaux vergangner und damaliger Zeiten, bis sic cs zuletzt so arg machten, daß sie von mehreren Höfen verbannt wurden. Die ursprüngliche frohlicheWiffenschaft (KS)'L cieircia) ging also von Artigkeiten des Ge, sprachs, von Fragen und Unterredungen, von einer angenehmen Unterhaltung aus; auch in Sonnetten *) Dieser Unterschied zwischen der alten Prosodie, von dem viele keinen deutlichen Begriff haben, und dex doch zum Unterschiede der alten und neuen Poesie viel beitragt, ist am besten in Isaak V oß bekannter Abhandlung <1o aautu veveruin «übersetzt in der Sammlung vermiseyrer Schri freu LH. I. Berl. 0729.) in des Abbr DuBos Betrachtungen über Poesie und Malerei , in Murat 0 ri Abhandlung cie rbz'tliiuiaa Veiaruni poesi l^ritigu. Ital. mael. aevi „D. III. x. 66si.) sonst aber auch in Klopstocks u. a, grammatische» Schriften vorgetragen, wie er Len» zur Prosodie jeder neueren Sprache gehöret. 278 II. Ideen zur Geschichte und Kritik der Liebe, im Lobe und im Tadel, ja bei jedem Inhalt blieb dieser Eharakter den Provenzalen; ein höherer poetischer Ton war ihnen ganz fremde. Also mußte das angenehme und mannigfaltige Spiel der Reime, an welche damals in geistlichen und Volksliedern das Ohr gewöhnt war, den Mangel des hohen lyrischen Wohlklanges und Rhythmus der Alten, von dem ihre Sprache und ihr Ohr nicht wußte, ersetzen. Jede Versart bekam ihre Strophe, d. i. ihren abgemessenen Perioden der Deklamation in einer angewiesenen Ordnung und Art der Reime; in welcher Wissenschaft eben ine Kunst der T r0ub ad 0 uren bestand, ltnd so haben wir die Gestalt der neuern Europäischen Dichtkunst, sofern sie sich von der Poesie der Alten unterscheidet, auf einmal vor uns. Sie war Spiel, eine a m usire rede H 0 fyerskunst in gereimten Formen, weil der damaligen Sprache der Rhythmus und der damaligen Denkart der Zweck der Poesie der Alt.n fehlte. Sie war ein Hofgarten, in dem hier ein Baum zum Sonnett, dort zur Tcnzone, zum Madrigal u. f. künstlich ausgeschnitten ward; eine höhere Gartenkunst war dem Geschmack der damaligen Zeit fremde. — 35 . Glück also zum ersten Strahl der steueren poetischen Morgcnröthc in Europa! Sie hat einen schönen Namen: die fröhliche W i ssen sc h aft< 2/9 '-Me ^ der Poesie und bildenden Künste. (AN)'n oisnoia, -mdsr); möchte sie dessen immer werth seyn! Wir wollen uns nicht in den Streit einlnssen ob die Spanische oder Limosinische Sprache die ersten Dichter gehabt? ob in dieser dies- odcr jcnseit der Pyrenäen früher und glücklicher gedichtet worden?*) Die Erscheinung selbst, daß an den Grenzen des Arabischen Gebiets sowohl in Spanien als in Sicilicn für ganz Europa die erste Aufklärung begann, ist merkwürdig und auch für einen großen Thcil ihrer Folgen entscheidend. Unläugbar ists nämlich, das die Araber in ihrem weiten Reiche, das sich von China bis Fez, von Mosambique bis fast an die Pyrenäen erstreckte , Sprache und Wissenschaft,!!, Handel und Künste sehr cultivirt hatten. Wie anders nun, als daß in Spanien, wo ein Hauptsitz dieser Cultur war, wo Jahrhunderte lang die Christen mit ihnen in Streit oder ihnen unterwürfig gelebt hatten, neben diesem Hellen Licht nicht ewig und immer die *) Ich rücke diese Briefe hier ein, weil der so tan. ge geführte Streit über den Antheil, den die Römer, die Araber, die Normänner u. s. an der Bildung unsres Geschmacks und unsrer Literatur haben, noch nichts weniger als dcigelegt ist. Wgrton z. B. in der Geschichte der Englischen Dichtkunst, Lhyrwict in seinen Anmerkungen zu Chane er, Arte aga in der! Geschichte der italienischen Oper, Andrds in der stciria ä'ng- ni litei'lltura „. f. sind noch weit aus einander; und doch liegt alles Material so nahe beisammen vor uns. , 280 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Dunkelheit verharren konnte? Es mussten sich mit der Zeit die Schatten brechen; man mußte sich seiner schlechten Sprache und Sitten, der ungebildeten Rustica schämen lernen, und da die meisten Spanier Arabisch konnten, auch eine unsägliche Menge arabischer Bücher und Anstalten in Spanien Jedermann vor 'Augen war: so konnte es ja nicht feblen, daß jeder kleine Schritt zur Vervollkommnung auch unvermerkt nach diesem Verbilde geschah. Was sic nicht hatte, konnte die Mönchspoesic nicht geben; Gegenthcils konnte und wollte auch die Provcnzalpvesie nicht nachahmcn, was bei den Arabern für sie nicht gehörte, Maho- meds Leb re, so wenig einst die Araber den Homer und die griechische Mythologie hatten aufnch- men mögen. Aber was sich aufnehmen ließ, der Genius des Werks, die Arabische Denkend Lebensweise; sie sind in den Versuchen der Provcnzalen, (diese mögen schlecht oder gut seyn), wie mir dünkt, unverkennbar. Bei welch anderm Volk in Europa waren poetische Fragen und Antworten in Gebrauch, als bei den Arabern ? Es wurde Kunst und Lebensart darinn gesetzt, auch unvorbereitet witzig in gereimten Versen zu antworten *). Daher also *) Zahlreiche Proben und Nachrichten hierüber finden sich in Herbe lots morgenlandischer Biblio, thek, tV. ^oner conimeittar, lle koesi -lsiar,, Richards»ns Borrede in seinem Persischen Wörterbuch (übersetzt Leipz. 177g.) Andres »taria ll'oßiii literatura aus Easiri, ja in der Geschichte der Araber selbst. der Poesie und bildenden Künste. sör die Fragen und Antworten der Liebe bei den Pro- venzalcn. Welch andres Volk in Europa hielt die Sprache für Eins seiner edelsten Heiligthümcr und üierte Wettkampfe des schönsten poetischen Ausdrucks in ihr? Kein andres, als die Araber; die angrenzenden Christen, beschämt über ihre Rohheit, zuerst vielleicht auch nur aus Nachahmungssucht, folgten ihnen nach. Ihre Großen und Edlen thaten aus Mode, was die Araber feit Jahrhunderten aus Trieb und aus Nationalstolz gcthan hatten, sich der Wissenschaften anzunehmcn und in der Sprache der Dichter selbst zu glanzen. Welch andres Volk in Europa.verband in seinen Vorstellungen Tapferkeit, L icbe und Andacht, wie die Araber? Von den ältesten Zeiten an war cs bei ihnen die gewöhnliche Regel eines Gedichts, von Gott und vom Propheten anzufangcn, sodann der Liebe ihren Zoll zu entrichten, und darauf gegen Freund oder Feind seine Ta p fe r k e i t zu bezeugen. Wie übel auch oft diese Stücke zusammenhingen; es war das angenommene poetische Gesetz, dem sich, wiefern es Religion und Sitte erlaubte, nun auch die Christen bequcmten. Die festgesetzten Gattungen der Poesie der Araber, Preis und Tadel, Frohlocken und Klage, Liebe und Haß, Lehre und Beschreibung wurden auch hier der Inhalt verschiedener Gcsangesarten; selbst die Prosodie der Provcnzalcn ward nach der blos accentuirten und dcclamirten arabischen Vers- kunst, in welcher der Reim unentbehrlich war, eingerichtet. Hören Sie darüber das Acugniß des vielleicht gelehrtesten Arabers, den unsre Nation gehabt hat, R c i ske. *) ^ *) Neuer Büchersaal, Th. 10. S. sso. u. f. 282 II. Ideen zur Geschichte und Kritik „Die allerältcstcn Schriften der Araber sowohl in gcbuudner als freier Rede sind in jReimen abgeiaßt. Die.Art ohne Reime zu reden und zu schreiben, ist neuer als jene. -Noch heutiges Tages pflegen sie auch in ihren ungebundenen Schriften, wenn sie recht schön schreiben wollen, den Reim beizubehasten, so daß sie, wenn sie tilgen Rcjm drei - vier-oder mchrmal wiederholt haben, alsdann einen andern vor die Hand nehmen, und es mit diesem eben so machen, und dann wiederum einen andern. Auf diese Weise ist der ganze Hari- ri geschrieben, der für den Cicero der Araber gehalten wird; imgleichcn des Tamerlans Arechjfchx ssibensbefchreibuiig." ,,Jn der Poesie sind ihre ältesten Stücke gereimt. Die alten Araber übten sich auch sogar, ihre häuslichen und vertraulichen Gespräche in Neimen vorzu- tragcn- So hat man ein noch vor dem Muhamed verfertigtes, etliche-achtzig bis neunzig Verse langes Gedicht, das ein gewisser Harctsch Ben Hel- z a ohn' einiges vorbcrgegangenes Bedenkin, sich auf seinen Bogen lehnend, hcrgcsagt hat. Die Uebung hierum muß bei ihnen sehr groß gewesen sepn." „Wie die erste Hälfte des Verses sich schließt, schließt sich auch die andre Halste eben deffclbigcn Verses; und wie sich der erste Vers in der V-itte und am Ende endigt, so endigen sich auch alle andre folgende, wenn ihrer auch noch so viel wären, bis zwei - dreihundert und noch mehr. Doch pflegen sie ihre Gedichte so lang nicht zu machen, Schm zu Christi Zeiten und kurz hernach müssen sich die Araber der Reime bedient haben, weil ihre Dicht- * der Poesie und bildenden. Künste. 28Z kunst schon einige Jahrhunderte vor Muhamcd vollkommen gewesen und nicht dje geringste Spur von einem Reimlosen Gedicht bei ihnen gefunden wird; es sey lang oder kurz,/ heroisch oder jambisch. Doch sind ihre jambischen Gedichte so beschaffen, daß sie den einmal gefaßten Reim nicht beständig beibehal- tcn, welches sonst ein wesentliches Erfordernis; der heroischen Gattung ist; sondern sie wechseln mit dem Rhythmus ab, beinahe wie wir. Haben sie Einen Idft)'tlimunr drey - viermal wiederholt, so fallen sie auf einen andern." U. f. — Ich glaube nicht, daß die Erbauung der Sonnette, AXydrilale und andrer Vcrsarten der Provenzalcn ihrem Ursprünge nach einer Hellern Erklärung fähig sen oder bedürfe, als dieser. Ursprünglich waren sie eine Art gereimter, oft aus de in Stegreif gereimter P rose; die meisten Poesien der Provenzalcn sind offenbar nichts anders. Dyß viele unsrer Poesiecn diesen Arabischen Schmuck noch an sich tragen, wissen wir alle; wenige aber wissen den Ursprung dieser Fesseln, daß tin Bolk nämlich sich dieselbe aus Uebcrmuth der Begeisterung sogar im gemeinen Leben angelegt, und damit so leicht umzugehen gewußt habe, daß cs lange Reden durch sogar Einen und Denselben Reim beibehaltcn konnte. Auch bei den Provenzalcn war es in mehreren Sylbenmaaßen offenbar aufs öftere Wjcderkommen desselben Reims angesehen, womit denn weder unser Ohr noch unsre Sprache sonderlich zufrieden seyn dürfte. Wenige wissen cs, daß die Poesie der Araber zwar -leidenschaftlich und bil- drrvoll, nicht aber im besten Geschmack abge- 284 n. Ideen zur Geschichte und Kritik feifit war ; daher auch schon die Provenzalen von diesem ganz und gar Asiatischen Geschmackc sehr ab- gehen mußten. Da ihnen nun mit der Leidenschaft und dem Scharfsinn dieses fremden Volks auch dessen ausgcbildcte Sprache fehletc; was Wunder, daß ihnen oft nur die Form des Gedichts, angenehm wiederkommende Schälle übrig blieben, in die sie das Wesen der Dichtkunst setzten? Diese sollte ja nur Unterhaltung in einer angenehm-gereimten Prose seyn und bleiben. Ganz anders wird die Sache für uns, die wir einen artigen Umgang in häuslichen und vertraulichen Gesprächen nicht eben in Reime sehen, uns auch von Jugend auf nicht geübt haben, sinnreich ex tsmxors zu reimen. Einzig in der Poesie haben wir diese alte arabische Höflichkeit beibchalten, das Ohr unsrer Freunde mit Reimen zu vergnügen *) **). *) Proben davon geben ^v. äoner eorumeutsr. äs kassi und alle von ihm und andern bekannt gemachten Poesien der Araber. An Leidenschaft und Bildern find sie reich; ihr Geschmack aber in 'Compofirion dieser Bilder ist von dem unsrigen ganz verschieden. **) kilivtliün oum nlliterntioue sunt ui!re§ In klorileßio lloo (krluawakuA, vel krnL- wnrvig, HUvä vocuduluin äesignsi xartiru poetas, xnrtini versus vel rb^rliiuus uo- diliors ^uaäsni veun se eouiiueuänures') linguae t^rsllioae ßeuius eKregie relueet, Ulum cerners IiLSi ciraruatcrem, ^ui^er rA/tir- -er Poesie und bildenden Künste. 285 Und dennock) würde auch daS Reimsüchtigste Ohr cS sich verbitten, wenn wir wie die Araber denselben Klang oder Endbuchstaben einige hundertmal wicderkommcn ließen und in heroischen Gedichten unfern Helden durch Einen Reim .zehntemsendmai wiederkommend priesen. Füge ich nun zu dieser R ei m g a! a n l c ri e -er Araber noch das andre Geschenk hinzu, damit sie (andre Nationen nicht ausgeschlossen), die Poesie der Europäer beschenkt haben, jene Phantom« Asiatischer Einbildungskraft nämlich, di« vom Berge Kaf über Afrika und Spanien, über Palästina und die Tatarei zu uns gekommen sind; gewiß, so sind wir ihnen wie in der Chemie und Arzneikunst so auch in der Dichtung viele gebrannte Wasser schuldig. Zk. Den Reim fasse ich unsrer Poesie nicht nehmen; rstelmehr zeigt der bemerkte Ur spr u ng desselben zu- mor et a//kkeralroner mera mbrnt acumrna. Schüttens in der Borrede zu Erpenius arabischer Grammatik. Mich dünkt, weder unsre Sprache noch unsre Natron habe diesen angedohr- nen Witzsprndetnden Neimcharakter. 2ll6 ll. Ideen zur Geschichte und Kritik gleich auch seine glücklichste Anwendung. Er gehört r. Für Kirchen- und andre Volkslieder. Umsonst führten ihn nicht die heiligen Väter von Ambrosius aN in ihre Chöre und HvmneN ein. Der gute Prüde Ntius ging ihm noch aus deM Wege; Scdulius, Kortuneitus - u. f. gehrauchen ihn schon häufig, ohne ihn von den Arabern gelernt zu haben. Sie wußten, was fürs Volk gehöre. Zuletzt Ward er insonderheit in deN lateinischen Liebesgesättgcn so überflicßend gebraucht, als ihn wohl kein Araber gebraucht hat. '2. Denksprüche fürs Volk klingen in Reimen prächtig! Daher die Macht unsrer gereimten Sprüchworlcr, unsrer alten Oden und Alexandriner. Ein berühmter Dichter hat von einem ungezwungenen Reim gesagt: „Er stützt Und hebt die Harmonie; und leimt die Rede ins Äedachtniß." Dies ist wahr. Wohlgcreimte Sentenzen sind Machtsprüche; sie tragen im Reim das Siegel der ewigen Wahrheit. Von Anfänge der Welt an hat matt Räthsel und Denksprüche gcrcimet. 3 . Lebhafte Antworten sind für den Reim, nicht nur in Arabien, sondern bei allen Völkern. Vom Französischen Theater werden Sie sich solcher unerwarteten Ausgänge gnug erinnern; aus Epigramme» , wohin sie eigentlicher gehöre», noch mehrere. Es ist ein Fehler des Bersisicators, wenn er, der Poesie 'und bildenden Künste. 287 «,N Eulen glücklichen Reim zu erhaschen, fünf unglückliche vorhergcheN oder folgen laßt*); ein solcher ist kein Haretsch Ben Hclza, der auch im Staatsrath seines Königes sein Volum für den Krieg in donnernden Reimen hinstellte. 4. Es giebt mehrere Gattungen ange-nch-. mer Conversationspoesie, die ohne Reimen nichts sind. Der gesuchte, so wie der ungesuchte, der versteckte, so wie der MngeNde, Reim sind in ihnen kunstmaßig geordnet. Man sollte sie Arabesken nennen: denn eben auch den Arabern galt der Reim für ein Siegel des vollendetsten Ausdrucks.. 5 . Endlich müssi'n Sie der Gewohnheit nach- gebeN und Sprachen sowohl als Dichtern erlauben , sich auf ihre Art zu vergnügen. Diesem Dichter ist der Reim ein Steuer, jenem ein Ruder der Rede; ohne ihn lit.e jenes poetische Fahrzeug Schiffbruch, dieses sirandcle auf dem niedrigsten Sande **). Einem andern Versisicator ist er noch etwas wcrthcrcs, ein Erwerbmittcl der Gedanken; *) Lut tdose tliat vvrite in rllvroö still inates ÜRe one verse kor tlle otller's ssk.e; Lor ons kor senso Snä vno kor rlixins I tllinlr sulkieient kor s tiins. LUttlcr'r LiiärLrar ?. 17, ll. I. Lor Kb^nitz tlle rUclller is ok Verses, Wird vvbioll; lille slli^s, tlle^ stesr tlleir coursss. Kuktler, 2k!3 !I. Ideen zur Geschichte und Kritik wollten Sie ihm also mit dem .Reim seine hypcrusi- sche Nahrung nehmen? Einem dritten ist der Reim eine Werk-Trommel, Bilder zu versammeln; zwar kommen die Geworbenen oft etwas bunt zusammen, aber was schadets? Desto starker fallen sie ins Auge. Nehmen Eie Pope, Eowley und ihren fünf Brüdern den Reim; so haben Sie ihnen Moses und die Propheten genommen; wen sollen sie fürder Horen? Nehmen Sie der französischen Sprache den Reim — hören Sie, was darüber ihre eignen Autoren sagen: läos vers slkrsnebis äe 1s rirne ne psroissent äikkärer en rien äe I-rkrose. /'--not. /e n'ai KSräs äs vouloir abolir Iss rirnes; Sans elles nvtre veisikicstion toinperoit. keue/on. !»ss Italiens et les AnZlüis peuvent se Passer äe riine, parce ^ue leur lanAue n äes inversions et leur Poesie inille libert^s gui nous inanguent. llbague lanAue s soN Adnie; le gdnie de notre lau- Aue est I» elarte et 1'ÄeAsnce > nous rie permet- tons nulle licenee g notre Poesie, gui dort inarelier eomme notrs pross dsns 1'ordre prdcis de nos iäees» hlous avons äone un desoin essentiel du retour äes meines sous pour gus notre koe- iie ne soit pns conkonäu »vee 1a kross» k'oltcrrre» Rss dcr Poesie und bildenden Künste. 2ÜI Nos s^lla'oes r>L peuvent proiluirs NNO inonie sensible psr leurs niesnres lougues ou braves; Irr rime esi clooo neeessaire sux vexs kvongois, p'otkx-ri'e. Hier sind klare Bekenntnisse; schonen Sie also in mehr als Einer Sprache dcr Reime, dieser unschuldigen Kinder. Auch bei uns gehören rinrs und raison zusammen, wie bei den Araber». Ungereimt, ist uns, was — sich nicht reimet. Nachschrift. Ernsthaft gesprochen, laßt sich an diesem Ursprünge dcr europäischen Cultur in Vergleich mit der Poesie der Alten noch Manches bemerken. i. Bei den Griechen war Poesie mit der Sprache entstanden; jene hatte diese gleichsam von innen heraus gebildet; ehe schriftstellerische Prose entstand, war Gesang und Poesie — gewesen. In der Limo- sinischen Sprache, so wie in allen ihren Schwestern, hatte man nicht nur langst Prose gesprochen, ehe man durch Versarten mit abgezählten Sylben und Reimen diese gemeine Sprache (UnZua volZare) zu veredeln suchte; sondern die Vulgarpoesie selbst sollte eine gereimte, cadencirte, schönere Prose seyn und bleiben. Die Sylbenmaaße der Alten fanden in ihr nicht Platz, weil sie eigentlich blos von der Conversation ausging, und auf sriese hinführte. Herders W.z. schön, Llt.v,Kunst. Vll, T 2gc> II. Ideen zur Geschichte und Kritik 2. Die Poesie der Alten hotte in ihrem Ursprünge viel mehr Wichtigkeit, Zweck und Anlage in sich, als diese neuere haben konnte. -Vor Erfindung der Schreibekunst vertrat jene die Stelle aller Wissenschaft; sic war die Sprache der Götter, der Gesetzgeber und Weisen; was der Nachwelt würdig geachtet war, ward in sie gelegt, daher auch von ihr fast jede Wissenschaft ausging. In Europa war alles anders. Die Sprache des Heiligthums war und blieb die lateinische, in welcher sich denn auch lange Zeit hin die Wissenschaften fortgcbildet haben; die Vulgarpoesie wollte weder gelehrt noch andächtig, sondern unterhaltend seyn. In allen Sprachen, denen die Provenzalpoefie den Ton gab, ist dies ihr Hauptcharakter geblieben. 3 . Dagegen aber ward Etwas, worauf die Poe» sie der Alten ihre Segel nicht hatte richten dürfen, dieser Poesie Ziel und Zweck, nämlich Freiheit der Gedanken. Durch die Provenzalpoefie und durch das, was sie hervorgebracht, so viel oder wenig es war, ward zuerst das Joch zerbrochen, das alle Völker Europa's unter dem Despotismus der lateinischen Sprache festhielt; und damit war viel geschehen. Sollten Europa's Völker denken lernen, so niußten ihre Landes-Sprachen gebildet werden; sie mußten in ihrer Volkssprache witzige, sinnreiche, anmuthige Dinge hören, an denen sich ihr Verstand schärfte. Wenn dieses zuerst auch nur in den obern Ständen und auf eine sehr unvollkommene Weise geschah; so gelangte es doch bald weiter. Mit Fragen der Liebe sing man an; zu weit wichtiger» schritt man fort; die mittlere«» der Poesie und bildenden Künste. 291 Zeiten haben manche Dinge sehr scharf und rein erörtert. Mit Erzählungen fing man an, und wußte in sie einzukleiden, was man nackend nicht sagen durfte; ja was die Erzählung nicht sagte, gesticulirte das rohe Schauspiel. Den besten Erweis, daß durch die Ausbildung der Provenzalsprache für ganz Europa Freiheit der Gedanken bewirkt worden, zeigt die in ihr entstandene erste Reformation, die sich von den Pyrenäen und Alpen nachher in alle Lander verbreitete. In dieser Sprache nämlich wurde die edle Unterweisung (In nokls 1s)-coii) der erste Volks - und Sittenkatechismus geschrieben; in sie wurde zuerst die Bibel übersetzt; in ihr das apostolische Ehristcnthum erneuert. Mit großem Muth ging sie den Aergcrnisscn der Klerisei entgegen, und hat, wie den poetischen Lorbecrkranz, so auch unsäglicher Verfolgungen wegen die Märty- rcrkrone der Wahrheit für ganz Europa verdienet. Sind wir den Provenzalen und ihren Erwcckern, den Arabern, nicht viel schuldig? *) *) Mehrere Nachrichten hierüber glebt die Geschichte der sogenannten Waldenser, Albigenser, Kons Koniins, u. f. deren verschiednc Namen sowohl als erlittene grausame Verfolgungen bekannt sind. In Legers Geschichte der Waldenser sind ihre in der Provenzalsprache geschriebene Schriften angeführt; ausführlichere Nachricht gicbt die liier. A^nerals äa I.niiAnecloc, N. III. Des Wik- l i f, mithin auch Hup und Luthers Reformation hangen mit dieser ersten Jnsurrection gegen T 2 292 II. Ideen zue Geschichte und Kritik S?- Viertes Fragment. Einfluß der Provenzalen in die Europäische Kultur und Dichtkunst. Die Vcrrkunst der Provenzalen ging auf alle benachbarte Nationen über; ja sic ist das Vorbild der Poesie aller südlichen Völker- Europ a's, in manchem sogar der Engländer und Deutschen, worden: denn mit den Kaisern aus dem Schwäbischen Hause kam die provenzalische Dichtkunst auch nach Deutschland. Die Minnesinger sind unsre Provenzalen. Zu Dante's Zeiten waren schon sieben Gattungen dieser Verskunst in der Italienischen Sprache, Sonnet, Ballade, Canzone, Rodondilla, Madrigal, Serventk, Stanze; sie haben sich seitdem zahlreich vermehrt, vielfach verändert, immer aber ist die Italienische Sprache jenem Richtmaas treu geblieben, das zu Dante, Boccaz und Petrarca Zeiten die Provenzalpoesie ihr anwies. Dir Sylbenmaaße der Griechen und Römer, so oft sie versucht worden, haben in Italien, Spanien und Frankreich ihr Glück nie machen mögen. den herrschenden Clerus zusammen, wie die feinere Cultur in Europa mit den ersten Versuchen der provcnzalischen Dichtkunst. der Poesie und bildenden Künste. 2g3 Nun müßte eS wohl ein sehr barbarisches Ohr seyn, das nicht, zumal unter jenem Himmel, die Musik dieser Bersarten fühlte. Der wcitvcrhallcnde Wohlklang einer regelmäßigen Italienischen oder Spanischen Stanze, die schon verschlungene Harmonie eines vollkommenen Sonnets, Madrigals, oder einer vortrefflichen Canzone, die abwechselnde leichte Melodie einer schönen Canzo nette, ko- ckonäillu oder LeAuiäilla tönt so anmulhig, der Tanz ihrer Sylben ist so ätherisch, daß ihn unsre deutsche Sprache, die ein ganz andrer Genius belebet, vielleicht auch nicht nachahmen sollte. Die Poesien so vieler lyrischen und epischen Dichter in Italien und Spanien sind gleichsam so viel hesperische Zaubergärten, wo die Bäume singen und an jedem Zweige des singenden Baums ein Glöckchen tönet. Die Poesie der Alten singt nicht also; aber das Rauschen des Baumes selbst, das Wehen seiner Zweige im zartesten Sprößling ist begeisternd, ist heilig. So im Aeußcrn; ists aber auch anders, wenn man die Poesie der Italiener mit den Alten im Innern vergleichet? Nehmet z. B. ein Sonnet, ein Madrigal, eine Canzone, eine Stanze, und führet sie auf Formen der Griechen und Römer zurück. Hier, findet man oft, mußte der Ausdruck des Gedankens gedehnt, dort die Empfindung gelängt und geweitert werden. Einschiebsel und fremde Zusätze mußten zu Hülfe kommen, um ein regelmäßiges Sonnet, ein klingendes Madrigal zu werden; als ein Epigramm, als ein Bild (51^0?) und Skolion der Alten würde Alles in natürlichem Maas einfacher und reiner dastehn. — Eine Canzone oder Ode 2Z4 H- Idem zur Geschichte und Kritik der Italiener, mit Pindar oder Hora; verglichen, hat, wie es uns Deutschen scheint, viel Deklamation, viel prosaische, rednerische Schönheit. Wie anders? Auf diese schöne gereimte Deklamation war die Ean- zone angcleget. Die Stanzen (ottavs rinne) sind hallende Kammern; *) jede Abtheilung in ihnen, zuletzt der Schluß jeder Stanze, sil clnvs) halt uns melodisch an, damit er uns weiter fortführe. Vortrefflich. Aber der Hexameter der Alten ist ein langer unermeßlicher Gang, wo nichts uns aufhalt; wir wandern ungestört fort, und haben den Blick immer am Ziele. So könnte man mehr vergleichen; wozu aber die Vergleichung, wenn sie den Genuß störet? Die Poesie der Italiener ist, was sic ihrem Ursprünge nach sepn wollte, Unterhaltung, acccntuirte Konversation; das ist ihr Standpunkt. Ein Sonnet, ein Madrigal wird addressirt; eine Eanzone wird abgesandt und bekommt am Schluß cigne Verse als ein Ereditiv mit, ein Siegel der Sendung, (il Lornmiato äslla Lanrone). Arso st schrieb seinen unsterblichen Orlando, daß er ip Gesellschaften gelesen werden, daß er als ein Fabelbuch angenehm unterhalten sollte.' Dazu schrieben Bernardo Lasso, Fortinguerra, Tasfoni, Marino, und jene unzählbare Schaar Italienischer lustiger Dichter. Wenn Torquato nebst wenigen andern sich höher erhob, so erhebt ihn der Inhalt seines Gedichtes; im Ganzen aber verfolgt er den Zweck alstr seiner Brüder. *) Anspielung auf das Wort Ltanr-,, das ein Zimmer, eine Kammer bedeutet. der Poesie und bildenden Künste. 29S Ob diesen Zweck jede dieser Poesien erreicht habe? darüber kann kein Ausländer entscheiden; indessen scheinets. In Italien sind die Sonnctte eigentlich nichts als feinere Anreden in einem gegebnen Ton der Gesellschaft; beinahe jeder gebildete Mensch macht ein Sonnet, ohne daß er deshalb ein Dichter zu seyn sich einbildet. Die Werke ihrer großen Dichter sind jedem Gebildeten bekannt; ihre Sprache ist ins Ohr der Nation übcrgegangen, und man Hort Stellen aus Dichtern oft von Personen, von denen man sie am wenigsten erwartet. Der gemeine Mann, das Kind sogar gebraucht Ausdrücke, die man diesscit der Alpen in viel andern Kreisen weder sucht, noch höret. Die ganze Dichtkunst Italiens hat etwas sich Anneigcndes, Freundliches und Holdes, dem die vielen weiblichen Reime angenehm zu Hülfe kommen, und es der Seele sanft cinschmeichclir. Dagegen freilich steht die Poesie der Alten für sich selbst da, in schweigender Würde, in natürlicher Schönheit. Sie spricht und laßt sich sprechen; die Italienische Poesie buhlet zwar nicht, aber sie decla- mirt angenehm vor; sie c 0 nversiret. Ungerecht wäre es also, wenn man selbst bei der eigentlichen Empsindungspoesie dieser Sprache, z. B. den Sch ä ferge d i ch tcn, einen Maasstab gebrauchen wollte, der ihr nicht geziemet, Wie viel Unzeitiges z. B. ist über den Aminta des Tasss, über den ksstor jicio des Guarini und über ähnliche Gedichte gesagt worden! — Unsre Schäfer freilich, unsre Liebhaber raisonniren so nicht von Liebe, oder mit der Liebe; nimmt man indessen das Locclk 296 II. Ideen zur Geschichte und Kritik der Italiener, die Zeit, in welcher diese Dichter lebten, die einmal getroffene Arabisch - Provenzalische Convention, über die Liebe in Reimen zu conversiren, auch viele kleine Umstande der damaligen Lebensweise, zusammen: so werden uns diese musikalischen Liebes-Convcrsatio- nen nicht nur erklärlich, sondern beinahe natürlich erscheinen. Das ganze lyrische Drama der Italiener beruhet auf dieser Conversation; Nationen, denen sie fremde ist, wird die ernsthafte sowohl als die komische Oper der Italiener, dem eigentlichen Motiv nach, immer fremde bleiben. So kommen wir dann auf das poetische Meisterwerk dieser Nation, die Oper, das lyrische Drama. Wohl nirgend anders als in Italien konnte cs entsprießen und zugleich zu der Blüthe gelangen, zu welcher es zuletzt in Metasta sio gelangt ist. Er, ein Schüler des philosophischen Kenners der Alten, des Gravina, Er, dem das Glück ward, hinter den Verdiensten des Apostolo Zeno und so viel andrer großen Männer in Italien und Frankreich dies Drama in einer Sprache zu bearbeiten, die zum Gesänge geschaffen ist, brauchte seines Glücks und erhob aus ihr alles Singbare, (cantabile) in jeder Act des Affekts, in jedem Perioden des Recitativs, der Arien und Chöre, zur Wlumc des Gesanges und Vortrags. Zeige man ein singbares Wort, das er nicht und zwar aus der besten Stelle gebraucht, eine unsingbarc Wendung, die er nicht gemildert oder vermieden hatte! Auch aus der menschlichen Seele, aus Fabel und Geschichte zog er jeden singbaren Gegenstand, jede melodische der Poesie und bildenden Künste S97 Gesinnung und Empfindung auf die zierlichste Weise hervor und wußte sie zu einem musikalischen Sentiment im zartesten und vollesten Ausdruck zu bilden. Jede Arie des Metastasio ist gleichsam ein poetisch-musikalischer Canon worden. Um hieher zu gelangen, welchen langen Weg hatte das Melodrama zurückgelcgt, seit es in rauhen Provenzalischen Canzoncn nach Italien gckonnnen und von umhcrziehendcn Minstrels mit einer Art theatralischen Vorstellung verbunden hie und da gespielt war! Durch Maitanze, MaZZiolste) Carne- valesken, Chore mit Zwischenspielen u. f. hatte cs einen beschwerlichen Weg nehmen müssen, bis es unter der Bcihülfe vieler fremden Künstler, Franzosen, Spanier, Niederländer, Deutscher, nur zu einiger Regelmäßigkeit gelangte. Italienische Fürsten, die Pracht und Vergnügen liebten, hatten ihm dazu Raum und Kosten verschafft; der Geschmack der Nation in beiden Geschlechtern hatte es mit Freude empfangen; Florenz insonderheit hatte ihm zuerst seine glanzende Gestalt gegeben. Unwissend hatten, von Dante und Petrarca an, alle Dichter dazu gearbeitet: Tasso und G uar ini mit ihren Schäferpoesien hatten dazu naher den Ton gegeben; hundert Componisten geistlicher und weltlicher Melodien die Pforten geöffnet; Metastasio kam, und setzte der ganzen Gattung den Kranz auf. Indessen auch bei Metastasio denke man nicht an die Griechen ; vielmehr hat vielleicht Er aufs weiteste von ihnen verführet, und steht wie unfeinem andern Hemisphar da. Bei jenen sprach die Poesie; die Musik begleitete ihre Worte in jeder Wendung «9^ H. Ideen zur Geschichte und Kritik des Ganges der Rede, zwanglos. Hier mahlet die Musik, und die Worte dienen. Gesetzt daß es ihr auch gefiele, sie zehnmal dienen zu lassen, sie umher zu kreisen und wie im Spott zu wiederholen, sie tanzt ihren Tanz, und unter ihrer Herrschaft durste der Dichter nichts als das ihr Wohlgefällige wählen. Keiner Leidenschaft durfte er tiefer nachgehn, als cs die Musik ertrug, und mußte sich daher überall an das Weichste, das Zarteste, die Liebe halten. Mir Verletzung jedes Costume der Zeiten und Orte Mctastafio's Helden Schäfer, seine Prinzessinnen Schäferinnen; erhabne Fresco - Gestalten der Geschichte werden durch ihn Miniaturgemählde deS lyrischen Theaters: denn auf diese und auf keine andre Darstellung hat er gerechnet. Wenn also Meta stasio in jedem seiner Stücke einen zierlichen Porcellanthurm mit klingenden Silberglöckchen erbauen wollte: so sollte und konnte dieser kein griechisches Odeum werden. Indessen hat auch diese Poesie ihre Zwecke erreicht. Sie ward, 'was sie sey» wollte, ein Vergnügen feinerer Seelen, die auf die angenehmste Weife in süßen Tönen sich schöne Gesinnungen einflößen lassen und sich singend belehren. Wer sich durch eine übermäßige Liebe dieses Dichters und dieser Kunst den Geschmack verwohnt, und ihn zum Unmännlichen erweichet, der hat daran selbst die Schuld; gewiß aber wird durch Mctastafio's Gesänge Niemandes Herz verderbt, vielmehr kann seine moralische Empfindung, wenn er sic aufweckey lassen will, erweckt und zart geläutert werden. Kurz in allen Italienischen Dichtern ist Conversation und Gesang der Poefle und bildenden Künste. 299 herrschend; sie conversiren singend, sie singen dichtend. Der Zweig der Provcnzalischen Dichtkunst, der sich in Fr an kr eich verbreitete, trug andere Früchte. Die Französische Sprache, die lange nicht so sangbar war, als die Italienische, hatte desto mehrere Lust zu erzählen, und zu repräsentier». Sie nahm also von ihren Provcnzalen einerseits vorzüglich die Lontos und kabliaux auf, die bald zu großen Romanen ausgebildet wurden. Andrerseits gefielen der- Nation die Geberde »spiele der lVlurars, Lomir?, klLisaniins so sehr, daß sie mit der Zeit auch Spiele der Nation wurden, aus welchen zuletzt das Französische Theater hervor ging. Wir wollen von beiden Charakterzügen dieser Nation, vom Erzählen und Repräsenliren, den großen Erweis der Zeiten bemerken. Muntre Erzähler sind die Franzosen von jeher gewesen; das ganze Gebilde ihrer Sprache trägt davon den Charakter. Schon unter Philipp August reimte man Mährchcn; unter Philipp dem Kühnen fanden die Fabelerzähler allenthalben Zutritt; zahlreiche Romane von Artus und seinen Rittern, von Karl dem Großen und seinen Paics, vom Amadis und so vielen andern Helden der Tapferkeit und Liebe wurden in Frankreich zwar nicht erfunden, aber ausgebildet, als dieNormänner diesen Zweig der Dichtkunst blühend machten. Sie verbreiteten sich nach England, Spanien, Italien, zuletzt nach Deutschland. 3oo II. Ideen zue Geschichte und Kritik In der Periode des neueren französischen Geschmacks. wer waren ihre ersten Meister? Villon und Rabelais, Marot und seines gleichen, die durch muntre Einfalle und Erzählungen bleibenden Eindruck machten; die ernsthaften Dichter gingen in die Vergessenheit über. Frankreichs Philosoph war Montag ne, der so vieles von sich selbst und von andern zu erzählen wußte. Im goldncn Zeitalter Ludwigs endlich war ein Erzähler, la^owtains, wohl das cigcnthümlich- sie Genie, dessen Grazie nicht veralten wird, solange die französische Sprache daurct. Eine zahlreiche Menge von Erzählern in jeder Gattung des Styls, prosaisch, poetisch, burlesk, komisch, war vorherge- gangen und folgte. Bei Voltaire ist lustige Erzählung vielleicht sein glücklichstes Talent; die Prophetin von Orleans und Guillau me Vade gelangen ihm besser als die Henriade. Dies Talent, das in Marmontel, Diderot, Eazotte und so vielen andern immer neue Früchte gebracht hat, solch wahrscheinlich auch bringen wird, so lange ein Franzose oder eine Französin die Lippen beweget, hat ihrer Sprache in Allem, selbst in den ernsthaftesten Wissenschaften, jene Klarheit und Nettigkeit, jene muntre Pracision gegeben, die beinah ganz Europa zur Nachahmung erweckt hat. Discours heißt der Genius ihrer Schreibart. Alles ist ihnen klar; was sie wissen und nicht wissen, können und dürfen sic erzählen. Repräsentation ist der zweite Zug ihres entschiedenen Charakters. Das Volk rcprasentirt gern und liebte von jeher Repräsentationen. Schon der Poesie und bildenden Künste. 3o^ unter den ersten barbarischen Königen spielten dir Histrionen an allen Staatsfesten ihre Rollen, denen die äonZlswrs und äonZlsrirssses, die äou- eurs eis Ifarsss, Lats!swr8 u. f. folgten. In mehreren und wiederholten Reglements mußte diesen bei Gefangniß - und Leibesstrafe verboten werden, nur nicht an Sonn - und Festtagen, wahrend des Gottesdienstes, in geistlichen Kleidern, an öffentlichen Orten, ärgerliche Farcen zu spielen. Zur Zeit der Kreuzzüge und der Wallfahrten nach dem heiligen Lande, kamen die Pilgrime wieder, um in ihrem Vaterlande zu reprase ntiren. In abentheuerli- cher Kleidung erzählten und agirten sie ihre Ge- sc h i ch te n vo n w e i t h er, Wunderdinge, Abentheuer, Visionen; man rcpräsentirtc die Geschichte des alten und neuen Testaments, unter andern 1a kassion <1s §, üssus Llrrist sw Vers iaur- Is^rrss. Brüd er der Passion (Iss Elonkrd- rss äs la i?g.8sion) entstanden; sie zogen die Privilegien des Narrenprinzen (xrinss äs sots) Und des Narren festes (äs 1a kLts äss koux) an sich; man räumte ihnen Hotels ein; so ward das erste französische Theater, das bald darauf äs- varrt Isrrrs IVlujsstäs äaws la salls äw ClNuteuu Moralitäten spielte. Der Geschmack dieser Moralitäten , in denen sich das Heilige und Profane sonderbar mischte, ist bekannt; sie hießen äsux äss xoi8 xiläs, Spiele zerstoßener Erbsen, und blieben cs so lange, bis aus ihnen die französische Eomödie hervorging, in welcher denn, so wie auf dem französischen Theater überhaupt, Repräsentation von jeher der Haupt, gesichtspunkt gewesen und geblieben ist, nach welchem Zv2 II. Ideen zur Geschichte und Kritik sich Alles ordnet. Es ist zu erweisen, daß alles Gute und Mangelhafte des französischen Theaters offenbar aus Repräsentation, aus französischer Repräsentation erwachse» sey, als einem der Nation unableglichen Charakter. Jene Lebhaftigkeit und Nacur des Spiels mit Anstand und Gefälligkeit begleitet, jene Klarheit nicht nur in der Exposition sondern auch in der ganzen Oekonomie dcS Stücks, insonderheit in der Folge und Bindung seiner Scencn; in der Oper das Feierliche der Chöre, die Pracht der Dccoralion u. f. kurz, was Repräsentation fordert und geben kann, ward dort gegeben und ausgebildet. Dagegen was Repräsentation nicht leistet, was manchmal, z. B. im Trauerspiele, sie sogar nicht wünschet und gern verbirgt, die tiefere Wahrheit und Natur der Leidenschaften dem französischen Theater, verglichen mit dem griechischen und englischen, oft fremd blieb. Sowohl der Heroismus als die Liebe erscheinen in der französischen Theatcrkunst, (von vortrefflichen Ausnahmen ist hier nicht die Rede) nach dem Gesetz einer.National-Con- vention repr äsentiret; diese Convention herrscht in Allem, im Ton der Stimme, in der Kleidung und Geberde, in jedem Schritt und Tritt des ActeurS und der Actrice. Wenn Der oder Jene aus diesem Gleise des Anstandes glücklich herauszutretcn wußten; so ward ihre Ausnahme bald selbst zur con- ventionellen Regel. Fast auf alle Werke des Geistes, selbst der Wissenschaft, erstreckt sich diese französische Repräsentationsgabe; auf ihre gerichtlichen und Kanzel-Reden, auf ihre Akademien und Elogicn, selbst auf ihre Staatsverhandlungen und Staatsgrundsätze; in ihnen erscheint die Gerechtigkeit, die Andacht, der Poesie und bildenden Künste. 3v3 die Gelehrsamkeit, das Lob, die Politik, die Wissenschaft rep rascntircnd. Es wird der Nation schwer, für sich allein zu seyn; sie ist gern im Auge Andrer, am liebsten im Auge des Universum, sprechend, schreibend, agirend. Die größeste Repräsentantin ist die französische Sprache. Mit dem Scheine Alles aufs genaueste, aufs feinste zu sagen, umschreibt sic in geltenden Aus» drücken, die jeder zu verstehen glaubt; und giebt, was sie in so großer Menge hat, ins Ohr fallende Worte, gemein gewordene Abstraktionen. Unendlich reich an Ausdrücken der Höflichkeit, der guten Lebensart, der Kunstphilosophie u. f. hütet sie sich wohl, mit diesen Ausdrücken etwas mehr zu mevnen, als zum conventionellen Alltagsverstandniß derselben gehöret. Wehe dem, der sich auf ein französisches Modewort, auf eine Formel und Wendung des französischen Styls verließ; die Mode ändert sich und das Wort bedeutet ganz etwas andres. — * . Sollen den Franzosen jetzt die Spanier Nachtreten, wie auch sie etwa von den Pcovenzalen gelernt haben? Nein. Die Eultur der Spanier ist von den Provenzalen nicht erborgt, sondern an ihrer Seite stolz und eigenthümlich erwachsen. Jahrhunderte lang hatten die Araber ihr schönes Land besessen, und in alle Provinzen desselben ihre Sprache und Sitter, verbreitet. Jahrhunderte gingen hin, che es ihnen entrissen ward, und in diesem langen Kampf zwischen Rittern und Rittern hatten sie wohl Zeit, den Charakter zu erproben, der sich auch in Werken des Geschmacks als ihr Genius zeigt; es ist die^Jdee 304L-. II. Ideen zur Geschichte und Kritik eines christlichen Ritterthums, den Herden und Ungläubigen entgegen. Als ulte, vom h. JacobuS bekehrte, Christen waren sie in die Gebirge geflohen; als solche hielten sie sich in ihnen fest und eroberten ihr Land wieder. Als solche waren sie zu stolz, sich mit Maurischem Blute zu vermischen, und entvölkerten dadurch ihr Land; als solche waren sie in fremden Wclttheilen stolz und grausam. Ihr Vortreffliches und ihre Fehler kommen aus Einer Quelle; aus welcher mit beiden, mit Fehlern und Lugenden, auch ihre Poesie und Sprache floß. Diese stehet zwischen der italienischen und altrömischcn in der Mitte; an Majestät und Würde der Mutter ähnlicher, als eine ihrer Schwestern; voll Wohlklangcs für die Musik, und in dieser fast eine heilige Kirchensprache. Nicht lief sie, wie die Prvvenzalin, auswärts umher; sie war stolz und blieb zu Hause, brachte aber in ihrer schön m Wüste unter manchem Sonderbaren und Abentheuerlichcn edle Früchte. Vielleicht giebt es keine scharfsinnigern Sprüche und Sprüchwörtcr, als in der spanischen Sprache; von Alp ho ns dem Weisen an, hat sie in allen Produktionen diesen Charakter behauptet. Ihre Erzählungen, Theaterstücke und Romane sind voll Verwickelungen, voll Tiefsinnes , und bei vielem Befremdenden voll feiner und großer Gedanken. Ihre Syl- benmaaße sind sehr wohlklingend, und die Leidenschaft der Liebe steigt in ihnen oft bis zum schönen Wahnsinn. Sie sind veredelte Araber; auch ihre Thorhcit hat etwas Andächtiges und Erhabnes. der Poesie und bildenden Künste. 3o5 38. Wie mir immer eine Furcht ankommt, wenn ich eine ganze Nation oder Zeitfolge durch einige Worte charakterisiren höre: denn welch eine ungeheure Menge von Verschiedenheiten fasset das Wort Nation, oder die mittleren Jahrhunderte, oder die alte und neue Zeit in sich! eben so verlegen werde ich, wenn ich von der Poesie einer Nation oder eines Zeitalters in allgemeinen Ausdrücken reden höre. Die Poesie der Italiener, der Spanier, der Franzosen, wie viel, wie mancherlei begreift sie in sich! und wie wenig denket, ja wie wenig kennet der sie oft, der sie am wortreichsten charakterisiert! Wenn ich meinen Dante und Petrarca, Ariosto und Cervantes las, und jeden dieser Dichter, wie meinen Freund und Lehrer, von innen aus kennen lernen wollte: so war es mir angenehm, ihn als einen Einzigen zu betrachten. Zu die, sein Zweck suchte ich alles auf, was in ihm liegt, was rings um ihn zu seiner Bildung oder Misbil- dung beigetragcn. Die ganze Dichterwelt vor und nach ihm verschwand vor meinen Augen; ich sähe nur ihn. Und doch wurde ich bald an die ganze Ncihc der Zeiten erinnert, die vor ihm war, die nach ihm folgte« Er hatte gelernt und lehrte; er folgte andern, andre ihm nach. Das Band der Sprache, der Denkart, der Leidenschaften, des Inhalts knüpfte ihn mit mehreren, ja zuletzt mit al« HerdcrsWerke z. schön.Lit.u.Kunst. VII. U 3<,6 II. Jdecn zur Geschichte und Kritik len Dichtern: denn — er war ein Mensch, er dichtete für M en schen. Unvermerkt werden wir also darauf geleitet, zu untersuchen, was jeder gegen jeden Aehnlichen in und außer seiner Nation, was seine Nation gegen andre vor - und rückwärts fey; und so ziehet uns eine unsichtbare Kette ins Pandemonium, ins Reich der Geister. Wenn Poesie die Blüthe des Menschlichen Geistes, der menschlichen Sitten, ja, ich möchte sagen, das Ideal unsrer Vorstellungsart, die Sprache des Gesammtwunsches und Sehnens der Menschheit ist: so, dünkt mich, ist der glücklich, dem diese Blüthe vom Gipfel des Stammes der aufgeklärtesten Nation zu brechen vergönnt ist. bs ist wohl kein geringer Vorzug unseres inneren Lebens, außer den Morgenländern und Alten, mit den edelsten Geistern Italiens, Spaniens, Frankreichs sprechen und bei jedem bemerken zu können, wie Er die Begriffe und Wünsche seines Herzens, die Ihn am meisten entflammten, auf die würdigste Art einzuklciden, und für Welt uy'd Nachwelt angenehm, ja hinreißend vorzutragen suchte. Hingerissen in eure süßen und bittren Träumereien; ihr Dichter, wandeln wir mit euch in einer Zaubcrwelt und hören eure Stimme, als ob ihr lebtet. Andre erzählen von sich und andern; ihr versetzet uns in euch selbst, in eure Welt von Gedanken und Empfindungen des Leides und der Freuden- Und ach, wie klein ist unsre Welt! wie oft wiederholen sich Empfindungen und Gedanken! Enge ist der Kreis des menschlichen Dichtens und Trach- der Poesie und bildenden Künste. 3c>7 tens; in wenige, wenige Knoten ist alles unser Interesse gcknüpftt. In dieser Rücksicht nun kann sman freilich die Geschichte der Dichtkunst d. i. die Geschichte menschlicherEinbildungeN undWün- sche, und, wenn ich so sagen darf, des süßen Wahns der Menschheit, der aufs feurigste ausgedruckten Lei denft Haft en und Empfindungen unsres Geschlechts, nicht allgemein und im Großen genug nehmen. Wie ganzen Nationen Eine Sprache eigen ist, so find ihnen auch gewisse Lieblingsgänge der Phantasie, Wendungen und Objecte der Gedanken, kurz ein Genius eigen, der sich, unbeschadet jeder einzelnen Verschiedenheit, in den beliebtesten Werken ihres Geistes und Herzens ausdrückt. Sie in diesem angenehmen Irrgarten zu belauschen, den ProteuS zu fesseln und redend zu Machen, den man gewöhnlich Nationalcharakter nennt, Und der sich gewiß nicht weniger in Schriften als in Gebräuchen Und Handlungen der Nation äußert; dies ist eine hohe und feine Philosophie. In den Werken der Dichtkunst, d. i. der Einbildungskraft und der Empfindungen wird sie am sichersten geubet, weil in diesen die ganze Seele der Nation sich am freiesten zeiget. So ist es auch Mit dem Geiste eines oder Mehrerer Zeitalter, so viel dieser Name unter sich begreifet: denn jedes Zeitalter hat seinen Ton, seine Farbe; Und es giebt ein eignes Vergnügen , diese im Gegensatz Mit andern Zeiten ktef- U 2 3oö II, Ideen zur Geschichte 'und Kritik sind zu charakterisircn. Mir sind z. B. die sogenannten mittleren Zeiten, auch in ihren Mabr- chen, in dem guten Glauben und Aberglauben, der sie beherrschte, in der ganzen Richtung, den die europäische Denkart damals nahm, sehr merkwürdig. Dieser Wahn liegt uns naher, als die Mythologie der Griechen und Römer ; manche Züge davon haben wir vielleicht in angcbohrnen Neigungen und Vorstellungsarten, gewiß aber in Resten der Gewohnheit, von unfern Vätern geerdet. ^ 9 - Fünftes Fragment. Vom Werth der europäischen Dichtung mittlerer Zeiten. Wir haben jetzt Umfang genug gewonnen, die europäische Eultur durch die Poesie der mittleren Zeiten in dem weiten Raum, den sie durchging, un- parthcnsch zu schätzen, und ihren Werth oder Unwerth zu zeigen. Ein großer Nachkhe«l war für sie die a l- lenthalbcn mit fremden Sprachen ver- der Poesie und bildenden Künste. Z09 mischte, in ihr selbst verfallene Rö- mer spräche. Mil Recht hieß diese rustica, eine Baucrnsprcichc; di« Dichtkunst, die in ihr aufkam, konnte mit Noth und Mühe auch nur eine vulgare Dichtkunst werden. Alles war hier durch einander gemischt und verdorben. Nordische Völker kamen mit einer harten, sclavische, in Feigheit versunkene Völker sprachen eine vernachläßigte Sprache. Unruhe und wicdcrkommendc Verwüstung, Nacht und Aberglaube verheerten die Welt; was aus diesem Chaos über einander stürzender Völker und Sprachen hervortöntc,. konnte nicht oder sehr jspat der Gesang jener Muse seyn, die einst in Jonien, Athen und Tibur reingcstim-mte, harmonische Saiten beseelt hatte. Hier schrieb m,an Reime (cojstas , rinreX Einen noch herbcrn Feind hatte die Bildnerin der Sitten, die Poesie, an den Sitten dieser Nationen selbst, im mittleren Zeitalter. Kriegerischen Völkern ertönt nur stie Tuba; unterjochte, bäurische Völker sangen rohe Volksge- sange; Kirchen und Klöster Hymnen. Wenn ans dieser Mischung ungleichartiger Dinge nach Jahrhunderten ein Klang hcrvorgiug ; so wars ein dumpfer Klang , ein vielartiges Sausen.. Schon der Charakter-Name des Inhalts der Zeiten sagt dies. Er beißt Abentheuer^ Roman; ein Inbegriff des wunderbarsten, vermischkcsten Stoffs, der ursprünglich nur ununterrichtetcn Lhren gefallen sollte, und sich fast ohne Kcnntniß der Natur, Kunst und Geschichte von der Vorwelt her über Meer und Lander in wilder Riesengestalt erstreckte. Von den Ara- Zro II. Ideen zur Geschichte und Kritik bern her bestimmten drey Ingredienzien den Inhalt dieser Sagen, Liebe, Tapferkeit und Andacht; schöne Namen, wäre ihre Bedeutung nur immer auch in der Anwendung der Namen Werth gewesen. Liebe. Gewiß aber wars nicht immer jene zärtlich-bewundernde Liebe, die man, aus einem guten Vorurthei, den Erzählungen und Liedern des Mittelalters gemeiniglich als Charakter zuschreibt. Diele Gesänge und Geschichten zeigen ein Andres, das sich auch zu jenen gedankenlosen« und dabei unternehmenden Zeiten besser schickt und füget. In müßigen, reichen und üppigen Ständen, in Schlös- fern, an Höfen, deren es damals so viel gab, hatte man Zeit und Mittel, jene Galanterie, die gepriesene Blüthe der Ritter-Jahrhunderte, oft in einem Geschmack zu treiben, wie sie des Boccaz Decamepone oder Brantome und so manches üppige Espüwla schildert. Man rühmte sich dessen« was man erfahren haben wollte, nicht immer auf die feinste und sittlichste Weise. Tapferkeit. Ei» edles Wort; die damaligen Zeiten aber gebrauchten es nicht immer in der edelsten Anwendung. Der Ritter, der in die Welt zog, Ungläubige oder Ketzer zu vertilgen, und sich, außer den Pflichten gegen Ebenbürtige, gegen Damen, gegen seinen Lehcnsberrn und die Kirche« Alles erlaubt hielt, war eben nicht das reinste Ideal männlicher Tugend. Eine Poesie also, die solche Nittcrzüge besang oder erzählte, mußte oft dumpf umherschwärmcn und bis zum Ermüden singen und sagen, was Rittcrthum und Ritterchre c»- der Poesie und bildenden Künste. 3n fordert. Oder um diesem Einerlei zuvor zu kommen, mußte sie sich ins Ungeheure, ins Unmögliche verlieren , hier eine brutale Macht loben, dort Ahnenstolz, Räubcrglück oder leeren Glan; preisen. Wider Willen mußte sie oft langweilig, oft geistlos und unmoralisch werden, weil sie geistlose Menschen in zwecklosen oder unmoralischen Lhatcn zu schildern hatte, und auch bei großen und guten Zwecken sie mit zu viel falschem Glanz vcrguldcn mußte. Andacht endlich. Blos als Feierlichkeit behandelt, ermüdet sie und laßt die Seele bald leer-, als eine Verbindung mit dem Unendlichen, als Anschauung des Unermeßlichen betrachtet, erhebt sie zwar die Seele, entzückt sic aber auch in einen Glanz, in welchem der Poesie zuletzt jede Form schwindet. Soll Andacht aber sogar Miffethat versöhnen, es scy mit leeren Gebrauchen, oder mit Geschenken und Vermächtnissen, ohne daß dem Unterdrückten Erstattung geschehe; o! da wird sie dem Mcnschcnsinn, dem moralischen Gefühl widrig und auch im schönsten poetischen Nachbilde verächtlich. Alle diese Mangel und Laster entsprangen aus dem Verderben der Religion und Sitten damaliger Welt in obern und untern Standen; eine fröhliche Wissenschaft, die, an Höfen entstanden, von Großen genährt und nur zur Zeitkürzung gebraucht ward, konnte und wollte die Schwächen des Jahrhunderts weder abthun noch versöhnen. Sie dachte an den Inhalt einer Erzählung nur sofern als dieser Inhalt vergnügte, und cs war Sitte der Zeit, sich bisweilen auch langweilig und gemein zu vergnügen. Das Ohr des Volks, vor welches zuletzt diese Di- 3i2 II. Ideen zur Geschickte und Kritik vertiffements auch kamen, nahm sie mit Freuden auf, weil sie bei Hofe erfunden waren, weil man sie in höheren .Ständen belachte. Es war eine Hof- Art (cortssania), sie schön zu finden- So gewiß ists, daß nichts bleibend schön seyn kann, als das Wahre und Gute. Keine Kunst, kein Künstler vermag von einem falschen Schimmer der Macht und Hoheit, vom geschminkten Reiz der Wollust und Ueppigkut, oder von der Schwärmerei ein Ideal zu borgen, das bestehe und fortdaure. Was unrein dem menschlichen Gemüthe ist, muß ihm früher oder später auch in der Poesie unrein erscheinen: denn nur fürs menschliche Gcmüth wird gedichtet. Jene Romane voll Langweiligkeiten des Rittcr- thums, voll falschen Glanzes der Hofsitten, oder gar jene Gemahlde des Gartcngottes und der Göttin Eraxula, was sind sie unter dem Fuß der Zeit worden? Schlamm und Moder. Es ist Gesetz der Natur, daß auch in der Poesie und Kunst nur das Wahre und Gute bleibe. Der Keim, der davon auch in der Dichtkunst der mittleren Zeiten lag, ist nicht verweset. Fruchtreich hat ihn die Zeit ausgebildet: denn in de» drei großen Namen: Liebe, Ehre und Andacht liegt Alles, was die Menschheit wecken, die Poesie beleben kann. Sie sind mehr als Patriotismus; ein weites und tiefes Meer der Seligkeit, aus dem die Schönheit entsprang und in welchem sie sich spiegelt. r. Andacht. Freilich ists nicht jedem Geist der Poesie und bildenden Künste. 3r3 in seiner sterblichen Hülle gegeben, sich formlos ins Flammenmeer der Cotthrit zu versenken; aber auch nur im Abglanz diese Sonne, das höchste Ideal menschlicher Gedanken, zu betrachten, erquickt und erheitert. Die Poesie der mittleren Zeiten hatte sich hiezu daS Bild des ewigen Vaters, des Sohnes Gottes und seiner Mutter, der heiligen Jungfrau, ausgemahlt und in das letzte insonderheit ein hohes Ideal weiblicher Tugend, alle Grazie ihres Geschlechts, geleget. Jungfräuliche Keuschheit, Huld und Anmuth, eine sich selbst unbewußte Hoheit und Würde, mütterliche Liebe, schweigende Geduld, Großmuth, Hoffnung, endlich ei» stiller Dank- und Kreudcngenuß jenes überschwenglichen Lohns, dessen sich die Wohlthatige jetzt in Ewigkeit wcrth macht — alles dies ward nach und nach von der dichtenden Andacht in sie gesenkt, in ihr besungen und gepriesen. Der Werth der Heiligen, die Märtyrer waren, scheinet von geringerer Art; die Tapferkeit der Seele aber, die um des Bekenntnisses der Wahrheit willen Leiden ertragt und Martern erduldet; jene stille Großmuth, die verkannt cin- hergcht, die Reichthum, Wollust, und niedrigen Ruhm verschmäht, unbillige Verachtung, Schmach und Hohn für nichts achtet und dennoch wohlzuthun fortfahrt; die Heiterkeit der Seele endlich, die, durch Einfalt, Unschuld, Zuversicht und Erfahrung bewahrt, in der Wolke des Todes den offnen Himmel sieht, und das Lied der Voremgegangcnen höret; eine Andacht dieser Art ist mehr als eine Hcldenwürde von außen. Und cs sangen sic so viele Hymnen, so prächtige Canzoncn. 3r^ II. Ideen zur Geschichte und Kritik 2 . Tapferkeit. Auch der Werth eines Mannes, der nach reinen Begriffen des Ritter- thums um Ebre streitet, ist nicht von geringer Art. Schwache zu beschützen, die Unschuld zu vcrtheidigen auch im heftigsten Streit sich nichts Unwürdiges zu erlauben, im Feinde noch den Mann zu erkennen, im Ueberwundencn den Tupfern zu ehren, endlich, die wehrlose, die kranke Menschheit mit ritterlicher Hand zu pflegen, zu warten; dies alles waren Pflichten des Rittcrthums, die, freilich mit großen Ausnahmen, allesammt auch nur unter dem Mantel der Religion, und noch nicht als reine Obliegenheiten des Menschen gesungen und eingeschärft wurden. Sie öffneten indeß einer allgemeineren, reineren und höheren Tugend die Schranken, als selbst in einem weit engeren Bezirk von der alten Heldensage der Griechen und Römer gepriesen werden konnte. Wenn Andacht, Liebe und Tapferkeit reiner Art sich ritterlichtin einander verweben, crnicdern sie den männlichen Charakter nicht. 3. Liebe. Hier findet wohl kein Zweifel statt, daß die Hochachtung und zarte Behandlung des weiblichen Geschlechts, welche Araber und Normanncr in Romane und Poesie brachten, die sich auch mit dem Dienste der beili- gen Jungfrau und dem Christenthum überhaupt wohl vertrug, eine Blume scy, die Griechen und Römer eben nicht vorzüglich cultivirten. Größtcnthcils besangen diese im Weibe nur das Wub oder gar eine Buhlerin, eine Hetara. Da das nördliche Klima Lustbarkeiten, wie sie Horaz oder P e- der Porste und bildenden Künste, 3r5 tron schildern, keinen Raum gab, auch in diesen Gegenden die später entwickelte und desto langer dau- rende Jugend des Weibes eine sittlichere, reifere Liebe fordert: so wandte sich jetzt allmählich die Poesie guf Etwas, darauf jene Zeiten nickst ausgehcn konnten, auf Cultur des Umganges beider Geschlechter mit einander, von welchem unsre nordische Wohkerzogenheit größtentheils abhangt. Das Weib war von der Religion geehrt; warum sollten sie nicht auch Menschen ehren? Sie gaben den Männern Rath, dem Leben Anmuth; sie bewegten das Her; des roheren Mannes und waren gleichsam Mittlerinnen im Himmel und auf Erden. Nach christlichen Begriffen schlang die Liehe nicht nur in dieser Sichtbarkeit einen unauflöslichen Knoten, sondern auch das Band der Freundschaft in einer ewigen Welt. Durchs Christenthum sähe man dort lichtere Gegenden vor sich, als den traurigen- Orkus; in ihnen besang Dante seine Beatri- cc, Petrarca eine himmlische Laura, u. f. 4 ". Das unvollendete Fragment vom Werthe der Poesie mittlerer Zeiten möchte ich, gleichfalls für und wider, mit Vorthcil und Nachtheil also ergänzen. Erstens. Fügt man dem Vorigen hinzu, daß die Poesie der mittleren Zeiten nach und nach 3i6 II. Ideen zur Geschichte und Kritik lnit mehreren Wissenschaften bekannt ward, als jene Poesie der Jugend-Welt je kennen lernen konnte: so war ihr hiemit, eben wie bei Andacht, Liebe und Ehre, ein großer aber auch cm sehr gefährlicher, Knäuel in die Hand gegeben. Sie konnte daraus Vieles entwickeln, aus jeder Wissenschaft sich zu eigen machen, was für sie diente; jede Erfindung, jedes neu entdeckte Land stand ihr zu Gebote. Sie konnte aber auch auf diesem Wege z,u gc l ehrt, sp i tz fü n d, g und scholastisch werden; und wäre sie es nicht hie und da reichlich geworden? Der größere Boden von Wissenschaft indeß, den der menschliche Geist gewann, war ein beträchtliches Erwcrbniß. Die neuere Poesie hat davon Nutzen gezogen, und wird davon Vortheile ziehen, so lange Wissenschaften wachsen, Erfindungen sich mehren, solange der menschliche Geist fortschreitet. Nicht vergebens hat der Vater der neueren Dichtkunst, Dante, mit einem Werke begonnen, das eine Art von Encyklopädie des menschlichen W i s- sens über Himmel und Erde enthält; er hat seinem von jeder Vorzeit unterrichteten Kinde hiemit den Weg eines immer fortschreitenden Verdienstes gewiesen. Zweitens. Und da in der mittleren Zeit vi ele Nati onen, di e gesammten Völker des römisch-christlichen Europa auf einem Kampfplatz des Ruhms standen, und durch mehrere Verbindungen in Einer Schule der Unterweisung lernten: so bekam, ungeachtet aller Nationaluntcrschiede von Sitten und Spra- der Poesie und bildenden Künste. Z17 chen, die europäische Poesie und Lehre hiemit eine gemeinschaftliche Richtung. Mit so vielem Unreinen sie hie und da vermischt war, so trug sie allenthalben dazu bei, das Schwert 'der Barbaren, das noch nicht gestumpft war, einzuhallen, zu weihen, zu veredlcn. Rittern und edlen Herrn ward ein Kranz des Ruhms und der Verdienste vorgchalten, ohne welchen sie, wie die Geschichte mehrerer Lander zeigt, harte Herren, Trunkenbolde, räuberische stolze Barbaren blieben. Selbst die Griechen des östlichen Kaiserthums, die an -den Rittcrgesetzen der Wesiwelt keinen Anthcil nahmen, erlaubten sich Niederträchtigkeiten gegen Feinde und Ueberwundene, die in Spanien, Italien und Frankreich kein Ritter sich jemals erlaubt haben würde. Als üppige Treulose gingen sie unter. — Alles also, was Menschen, Stande und Völker mit einander verband, was die Geschlechter einander freundlich, Gcmüther einander geneigt machte, was zu einem gemeinschaftlich-anerkannten Zweck und gleichsam zu der Lehr form beitrug, nach welcher man von Jugend auf, wenn gleich auf rohe Weise, der Tapferkeit, Liebe und Andacht huldigen lernte, offenbar bahnte dies der M en sch c n l i e b e oder zuforderst jener christlichen H e r z e n s g ü- 1e den Weg, die als caritü die Grazie der Grazien ist, und jede Huldigung verdienet. Die Poesie des Mittelalters wirkte zu diesem Zweck unverkennbar. Aus den Händen der Araber hatten die Europäer Andacht, Liebe und Tapferke-it, als einen Kran; der Ritterwürde, empfangen; sie verschonten ihn nach christlicher Weise. Zi8 ll. Jdeett zur Geschichte und Kritik Und da gerade diese Poesie es war, die auch das Volk nicht verachtete, die sich auf öffentlichen Plätzen und Märkten hören ließ und durch Geilt, Witz und Spott eigene Gedanken und ein freies Ur- theil auch über Jeikhandel, über die Sitten geistlicher und weltlicher Stände, über das Verhältniß derselben gegen einander weckte: so ward, wie die Geschichte zeigt, Poesie der erste Reformator. Immerhin wird dies auch die fröhliche Wissenschaft, clsuuia, rabdr) seytt und bleiben.^*) 4t. Sechstes FragiNcNr. Wieder au fl ebung der Alten. Was der Poesie des Mittelalters fehlte, wat Nicht Stoff und Inhalt, nicht guter Wille und End- *) Ich weiß es sehr wohl, daß zum innern Verstand« niß dieser Fragmente und Briefe eine Keuntniß nicht nur der Geschichte, sondern auch der Dichtungen aller mittleren Jahrhunderte gehört, und ich stand lange bei mir an, ob ich nicht hie und da, so wie von christlichen Hymnen, so auch vdtz der Poesie und bildenden Künste. zweck; cs fehlte ihr nicht an Idealen, auf welche sie hinarbeitete und sich bemühte; aber G eschmack, innere Norm und Regel fehlte ihr. Keine äussere Form des Soimets, Madrigals oder der Stanze, der Reim am wenigsten, keine Scholastik, selbst die Arabische Philosophie nicht, sie mochte aus Spanien, Afrika oder Palästina kommen - konnte Arabern, Provenzalen, Ztaliänern, Franzosen und Spaniern Proben einrücken sollte. Daß Buch hätte sich vergrößert; ich fürchte aber, nicht der innere Berstand dessen, was hier vorgetragen ist: denn die Products des Geistes, worauf sich das Vorgetragene beziehet, müssen im Zusammenhänge erwogen, und nach so vielen National-und Zeitumstande» unterschieden werden, daß der Commentar hierüber ein neues, siebenfach größeres Buch geworden wäre. Entweder Muß der Leser also den Verfassern dieser Fragmente und Briefe glauben, oder er muß die Früchte genannter Zeiten selbst kosten, zu denen ihm I. A. Fa- bricius in seiner bihliorss. latinu und inellii sevi, Hambergerim 3. und h. Theil seiner zuverlässigen Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern, Und die Geschichte jeder National-Dichtkunst dieser Volker das Verzeichniß liefert. Beides, sowohl Briefe als Fragmente, sind Resultate von so mancherlei Untersuchungen und Zusammenstellungen, daß nur der ein Urtheil darüber haben kann, der denselben weiten Weg gegangen, den die Verfasser dieser Aufsätze genommen zu haben scheinen^ 220 11 . Idee» zur Geschichte' und Kritik ihr diese Regel gewähren; nur Ein Mittel war dazu, die Wiedererweckung der Alten. Immer hatten diese, auch in den dunkelsten Jahrhunderten, einige Liebhaber, sogar Nachahmer gefunden, ob man von ihnen gleich nur wenige kannte und diese wenigen in einer finstern Lust durch einen häßlichen Nebel ansah. Bekanntlich war Petrarca einer der Ersten, 'der sich durch unablässigen Fleiß eine fast elastische Denkart angcbildet hatte, ohne welche er seine liebliche Nulgarpoesie schwerlich hatte erschaffen mögen. Ihm folgten mehrere Liebhaber und Bewunderer der Alten, bis nach einer langen Morgcnröthe endlich Heller Tag anbrach. Dom Orient aus kamen die vertriebenen griechischen Musen nach Italien; mit einem wunderbaren Enthusiasmus für die Sprache, die Werke und Wissenschaften der Griechen wurden sie ausgenommen und Alles belebte sich neu. Laß es fc»n, daß fortan, insonderheit im nächsten Jahrhundert, die Landessprache keine Dichter bekam, wie Dante und Petrarca gewesen waren; beide, insonderbcit der letzte hatte in seiner Art die Blüthe binweggebrochcn; so daß kein Nachahmer ihn übertreffen konnte. Dafür aber öffnete sich eine Aussicht, die zehntausend Petrarchisten nicht hätten eröffnen mögen. P o- iiziano, Pico, Bembo, Castiglione, Casa, und so viel andere Geschichtschreiber, Dichter, Philosophen und Philologen schrieben nicht nur elastisch Latein; sondern einige derselben dachten auch klassisch, und erwäg ten die Wecke der Alten. Die Strvzza, Sannazar, Frac eist or, Vida, und so viele, viele andre schrieben nicht der Poesie und bildenden Künste. 32 r nicht etwa nur elegante lateinische Verse; man las, man übersetzte die Alten; Macht avell u. a. dachten ihnen männlich nach. Künstler erschienen, die im Geschmack der Griechen nnd Römer verzierten , bauetcn, bildeten, mahlten; das himmlische Genie Raphael erschien, von einer Griechischen Muse mit einem Engel erzeuget. Da erklang ein Lied im höheren Tone; cs sing wirklich eine neue Denkart mit einer neuen Zeit an : denn auch die Buchdruckerkunst war erfunden, eine neue Well war entdeckt, die Reformation entstand. U. f. Es hieße klein uüd eingeschränkt denken, wenn man diese neue Gcdankcnform blos Nach dem beur- theilte, was sie damals hcrvorgcbracht hat, nicht nach dem lebendigen Samen, der in ihr zur künftigen Hervorbringung dalag. Sey cs, daß die ersten Nachahmungen der Alten zu sklavisch waren, daß die erste Kritik sich zu sehr an Worte hielt und darüber oft den Geist nicht erreichte. Sey es, daß kein lateinischer Dichter dieses glücklichen Jahrhunderts Einem alten Dichter gleich käme; was schadets? Die ersten gedruckten Ausgaben alter Autoren waren auch die vollkommensten nicht; indessen kamen sie weit umher und machten die Grundlage nicht nur zu bessern Aussagen, sonder» auch zu vielen, vielen neue» Gedanken. Obne Wiedererweckung der Alten wäre keine neue Philosophie und Beredsamkeit, keine Kritik, Kunst und Dichtkunst entstanden; Europa sä' ße noch in der Dämmerung, und labte sich anaben- theuerlicheN Ritkerromanen. Das Licht dev Alten ists, das die Schatten verjagt und die Dämmerung HerdersWerke z. schön.Lit.ü,Kunst, Vtl. F 322 II. Ideen zur Geschichte und Kritik aufgeklärt hat; mit ihnen haben wir empfangen, was allein den Geschmack sichert, V e r h ä l t n i ß, Rege l, Richtmaas, Form der Gestalten im weiten Reiche der Natur und Kunst, ia der gesummten Menschheit. Warum z. D. ist die bloße G al a n tc rie der Liebe ein falscher, mithin auch ein unpocti'schcr Geschmack? Weil sie etwas Unwahres in sich halt, das der reinen Sprache des Herzens und Geistes, wie es die Poesie feyn soll, unwerch ist. Jene Galanterie giebt Dingen einen Werth, den sie unsrer eignen Ueberzeugung nach nicht haben; sie mahlt Schönheit und Liebe mit falschen Reizen, und vergiftet darüber der herzergreifenden Wahrheit. Aus Mangel des Gefühls übertreibt sie; sic spielt mit Bildern und Wendungen, mit Witz und Worten- -Echte Poesie also und eine falsche Galanterie sind unvereinbar. Möge ein verdorbener Geschmack der Zeit, möge die Mode sie dafür erkennen; der Zeitgeschmack geht vorüber, die Mode wird lächerlich, und späterhin macht die falsche Schminke das schöne Gesicht sogar häßlich. >— Warum ist die ü b e r t r i e b e n c Ri tte rwür- d e ein falscher Geschmack? Weil sie als bloßes Ritual Herz- und seelenlos, steif und lächerlich ist. Feierlichkeiten wird ein Werth gegeben, den sie nicht haben; Misverhältnisse werden mit einem Schaumgolde überdeckt; geistlose Härte wird als ein Ideal der Männlichkeit gepriesen. Die Zeit kommt und streicht mit rauher Hand das Schaumgold hinweg; sie rückt die Stände anders und sofort ist jeneMis- gestalt unter einem eisernen Harnisch sichtbar. Alles der Poesie und bildenden Künste. 323 Geklirr an Mann und Roß kann uns, wo Verstand, Zweck, EbenMaas, Güte des Herzens fehlt, kein Klang einer bimmlischen Muse werden. — Warum ist jene übertriebene Andacht, jenes Haschen nach dem Unendlichen, das Ealculiren der Gottheit in unnennbaren Gefühlen ein falscher Geschmack? Weil sie eine Unvernunft sind, die weder in Sprache noch Kunst einen Ausdruck findet. Das Unermeßliche hat k-in Maas; das Unendliche hat keinen Ausdruck. Je länger du also an diesen Tiefen schwindelst, desto mehr verwirret sich dcine Zunge, wie sich dein Haupt verwirrte; du sagst nichts, wenn du etwas Unaussprechliches sagen wolltest. — Schwieg nicht jener Entzückte von dem, was er im dritten Himmel gesehen hatte? Alle wahren Gottbegeistcrten schwiegen vom Unaussprechlichen, Und sagten, was sie in der Sprache der Menschen, zumal in den Grenzen eittck Kunst sagen konnten. Der Ausdruck, der der Religion geziemt, ist nicht Schwärmerei, sondern Einfalt und Wahrheit. Ist Alles, was uns Umriß leb-ct, was unsrcr Natur die ihr angkMeßnen Schranken zeigt, und sie üus wirklichen Begriff, auf Wahrheit der Empfindung zurückführet, ein göttliches Geschenk; wie sehr thut dieses, recht verstanden und angcwand, die P o e- sie, die Kritik, die Philosophie und D e n k- art der Alten! Diese z. B. weiß nichts von jener Höflichkeit eines übertreibenden, falschen Witzes, der Galanterie und Courtoisie seyn soll; am Hofe der griechischen und römischen Musen hatte diese Kunst keinen Werth. Sie weiß nichts von jenem leeren X 2 II. Ideen zur Geschichte und Kritik 324 Pomp, der dem Helden und Gott den Menschen ausziehl; die heroische Poesie der Alten ist menschlich. Wozu endlich ward von den klügsten Völkern die Mythologie, wo nicht erfunden, so wenigstens ein den schönsten Stellen gebraucht? Dem, was keine Gestalt hat, eine für unS lehrreiche und angenehme Gestalt zu geben, den Abglanz der blendenden Sonne im Spiegel des Meers oder in den Farben des Rcgenbogens zu zeigen. Uns sind im Grunde alle Einkleidungen, wo und wenn sie erfunden wurden, gleich; wir wollen sie zwar nicht unzeitig vermischen, aber alle mit Verstand gebrauchen- Aristoteles, H 0 raz und Quintilian sind uns nicht etwa über die Mythologie der Griechen allein; über die Mythologie jeder Nation und Religion sind ihre Grundsätze Gesetz und Regel. Alles also, was den Geschmack der Alten unter uns befördert, sey uns werth, Ausgaben, Ucbcrse- tzungen, Commcntare, Nachahmungen; unter diesen Nachahmungen auch die neuere lateinische P 0 esie zu nennen , scheue ich mich nicht. Sie war immer ein Zeichen, daß man die Alten kannte und liebte, daß man über neuere Gegenstände im Sinne der Alten dachte, daß man ihr Richtmaas an diese neuen Gegenstände zu legen wagte. Sie hat viel Gutes gewirkct. Latein sagte man, was man in der Landessprache nicht sagen konnte oder durfte; nachahmend sprach man gleichsam den Al- ^ tcn nach , und sagte ihnen seine Lecti 0 n auf; man sreucte sich, daß man sie aus ihnen gelernt und ungefährdet aufsagcn konnte. Uebcr die Vvrurthcile^seiner Zcit, seines Ordens, Volks und der Poesie und bildenden Künste. 325 Standes hob mancher sich, ohne daß crs wußte, auf Schwingen irgend eines alten Dichters empor; oder wenn er hiezu nicht Kraft genug batte, kam er doch nachahmcnd dem Geschmack und bessern Vcrstandniß des Dichters, in dessen Weise er schrieb, naher, und ward, auch nachlallend, mit ihm vertrauter. Endlich schloß sich durch die neuere lateinische Poesie eine Gesellschaft zusammen, von der vorher noch keine Zeit gewußt hatte; in Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, den britanißchen Inseln, den nordischen Königreichen, in Liefland, Pohlen, Preußen, Ungarn, in Deutschland, Holland u. f. hat man lateinisch nicht nur versisiciret, sondern hie und da gewiß auch gedichtet. Italien, Frankreich, Deutschland, Pohlen, vor allen Holland hat Männer gehabt, die mit dem Latein wie mit ihrer Muttersprache umzugehcn wußten und in ihm Gedichte gaben, die in jeder Landessprache Aufmerksamkeit gebieten würden. Selbst die Vortrefflichen, die der Sprache und Poesie ihrer Nation eine bessere Gestalt gaben, hatten diese meistens im Lateinischen Zuerst versucht, wie außer den .Jtalianern die Beispiele Miltons, Cowlcys, Grotius, Hcinsius, Opitz u. f. zeigen. Fast alle Reformatoren : Erasmus, Luther, Zwingli, Melanchthon, Eamerarius, Beza u. f. waren Liebhaber der Alten, Liebhaber der Griechischen und Lateinischen Dichtkunst. Die gebildetsten Staatsmänner, wie Thomas Morus, de Thou, Hopital u. f. Botschafter, Papste, Eardinale waren lateinische Dichter. Ein Helikon vereinigte sie und weckte Stimmen vom Aetna bis zum Hekla, vom Ausfluß des Tago bis zur Weichsel und der Düna. 'All ZaG II, Ideen zur Geschichte und Kritj? Ich will mich nicht auf den Gemeinplatz ein lassen, daß alle echte Kritik und Philosophie der ! Neueren nur eine palingenesirte Pflanze der Alten sey: denn woher hatten neben den weltbekannten Eommcntatoren, Erasmus, Grotius, Hein- sius, Bo i leau, G ra v in a, der edle Shaf- I tesburi und die wenigen sonst, die ins Herz der Kritik drangen, ihre Weisheit, als von den Alten? Eine Spanische, D e u ts c h e, Ir l a nd is ch e Kritik gibt cs nicht; aber eine Griechische und Römische Kritik giebt es. Mit ihr fangt die Cultur aller Europäischen Landessprachen in Poesie und Prose, ja durchaus ! das Bestreben nach einem bessern Geschmack in ganz Europa an; den Beweis hievon lie? fcrt die Geschichte, 42, Es thut mir leid, daß ich Ihrem Fragment ei- i nige Einwendungen entgegensetzen muß; wozu aber ^ wäre die Heuchelei auch im Lobe des Geschmacks der Alten nöthig? Zuerst giebt Ihr Fragment es selbst zu, daß auch vor der sogenanten Erweckung der Alten in jedem Fach große Männer, Denker und Dichter gelebt haben; und eben so wenig wird bezweifelt werdeii > können, daß seit dieser Entdeckung große Männer e gelebt und geschrieben haben, die von den Alten we- W.- der Poesie und bildenden Künste. Z27 mg oder nichts wußten. Ich darf von den ersten nur Dante, von den letzten nur Shakespeare anführen: wie viel andre möchten zu nennen seyn! Die größten Erfindungen sind in den Zeiten gemacht, die wir barbarische, rohe Zeiten nennen; vielleicht haben in ihnen auch die größcstcn Männer ge- lebct. Damals standen die Köpft noch nicht so dicht an einander; jeder hatte zum eignen Denken freien Raum; um sie war Dämmerung; desto munterer aber wirkten sie, und durften in der Mittagssonne der Alten eben noch nicht erblinden. Wie ein Roger Baco vor hundert Commentatoren des A r i s to t e le s gilt: ft giebt es romantische Gedichte der mittleren, selbst der neueren Zeit, bei denen man den Geschmack der Alten gern vergißt nnd in ihnen wie im Feenreich lustwandelt. Ich erinnere Sie an so manche Romane, die uns der Graf Treßan und seine Gehülfen gegeben, ja seit Wiedcrauflebung der Wissenschaften an die größesten Lichter aller cultivirten Nationen. Woher nahmen Arioft und die ihm vorgingen, woher Spenser, Shakespeare, und zwar in seinen rührendsten Stücken, Form und Inhalt? Nicht aus den Alten, sondern aus der Denkart des Volks und seinem Geschmack in ihren und den mittleren Zeiten. Glauben Sie, daß Shakespeare, auch wenn er die Alten mehr gekannt hätte, als er sie kannte, ihnen ängstlicher nnchge- gangen wäre? Wie leicht konnte er sie kennen lernen, da schon so manche in englischer Nebersetzung neben ihm existirtcn! Er ließ diese den Ben Jon- svn studieren und hielt sich an das Mährchen, an die Novelle der mittleren Zeit, aus denen er seine' §23 II. Ideen zur Geschichte und Kritik dramatische Schöpfung hervorrief. Seitdem haben die Britten den Ae sch plus, Sophokles, Eu» ripides gelesen, commcntirt, übersetzt und emen- diret; aus dem Allen aber ist kein zweiter Shakespeare worden. Zweitens, Au viele Proben haben cs erwiesen, daß hie Alten kennen und nachahmcn, uns ihnen noch nicht gleich stelle, da ihre gelehrtesten Kenner oft die .unglücklichsten Schöpfer gewesen. Wie ging es dem Trissino mit seinem befreiten Italien? dem Gravina und M aff ei mit ihren Drama's im Geschmack der Alten? Die gelehrten Kenner der Alten, Easa, Bembo u. f. übrestie- gen den Petrarka nicht; den Chiabrera, Redi, Filicaja, Lemcne vermochte ihre Kenntniß der Alten und ihre Gelehrsamkeit sogar vor dem bösen Geschmack ihrer Zeit nicht zu sichern. Unter den Engländern war Eowley mit den Alten sehr bekannt; er schrieb und dichtete selbst lateinisch; seine prosaischen Aufsätze sind mit der Bescheidenheit und Würde eines Römers geschrieben; und welches sonderbare Pbantom bildete sich dieser gelehrte Dichter an Pindar ein ! Zn ^wie bösen Geschmack erschuf er jene Odcngattung, die seinen Landsleuten wirklich ein Verderb des Geschmackes ward! — Also Hilst auch hier das Alter für Thorheit nicht; jeder neuere behält seine natürliche Größe, falls er in seinem Studium auch den griechischen und römischen Helikon auf einander thürmtc und sich droben hinauf stellte. Drittens. Nun kann ich zwar gegen die schöne lateinische Schreibart vieler Neueren in Poe- dcr Poesie und bildenden Künste. 32 g sie und Prose nichts einwenden, und finde in ihnen für mich ein großes Vergnügen; für sich selbst aber was thciten diese Schriftsteller mehr, als das; sie ihre Pflicht erfüllten? Muß jeder, der in einer Sprache schreibt, in ihr gut zu schreiben suchen: so wäre cs ja dreifache Schande, die Sprache, in welcher jene Mömer schrieben, schlecht zu behandeln» Wer in ihr nicht schreiben kann, wie er soll, schreibe, wenn ers vermeiden kann, in ihr gar nicht: hat er in ihr leidlich oder gut geschrieben, so ists ihm nicht mehr Lob, als jedem andern, der in seiner Sprache gut spricht, oder einem Flötenspieler, dcr seine Flöte gut spielet. — Wenn Schriftsteller durch eine sogenannte schöne Schreibart, die bei keinem Vernünftigen von einer guten Denkart gc- trennet werden kann, wenn vor allen lateinische Schönschreiber sich von einer guten Denkart durch diese Sprache freigesprochcn glauben; wo sind wir denn mit der Regel der Alten? Dieser sorizr- tor denkt an Worte, an Sachen und Gründe wenig. Uebersctzt sein Latein in eine gemeine Sprache; und ihr findet die trivialsten Dinge in einem Ton gesagt, vor dem die dcmüthige Landessprache beinahe verstummet. Dort ging das gelehrte Kind in einem Gängelwagen oder vielmehr der Gängelwagen (mn- bitus vorboruin) ging statt des gelehrten Kindes und nahm cs mit; dem rund - vierccktcn Vehikel entnommen, wie erbärmlich ist seine Gestalt, wie schwach und dürftig! Und doch machte man so oft die Erfahrung, daß unter allen literarisch - Stolzen es fast keine stolzeren, als die Latcinschrciber, gebe. Sie sind die alten Barone, deren Diplom rückwärts über das Ehristcmhum, deren Unsterblichkeit vor- Z3c> II. Ideen zur Gerichte und Kritik warts über den jüngsten Tag der Landessprache hin- gusreicht. Sie schreiben nicht für ihre Nation in der sogenannten Vulgär- oder Pöbelsprache, sondern für Welt und Nachwelt in der einzig -unvergänglichen Göttcrsprache. Wie wohl wird dem Leser in der Geschichte der Literatur, wenn nach zu Grabe getragenen Schoppen (Laioppioruni) die Periode der eigentlichen Wissen sch aften (Scien- zen) anfangt, in welcher man sich nicht mehr üb^r Worte und Autoritäten Sc h op p i sc h zankte.- Endljcb, Wahre Kenner der Alten hat es immer nur wenige gegeben ! Die Kritik der Sylben und Worte ist eine unentbehrliche, nützliche Kunst; sie erfordert Genie, Tack, und vor andern viel Kenntnisse, Fleiß und Uehung; daß sie aber die Kennt- niß der Alten noch nicht sey, von der das Fragment eine Palingenesic der Dinge herzuleiten scheinet, dies ist wobl sonnenklar, Kritiker, wie Rh unken an Hcms terhuis schildert, sind selten; auch von denen, die die Alten mit Geist lesen, wählt jeder sich gern seinen Alten, den er über alle hinaussetzt, nach welchem er dann, auch mit Fehlern und Schwachen, seine Denkart präget. Eine Reibe von Beispielen wäre anzuführen, aus welchen erhellen würde, wie selten wir in den Alten sie selbst, wie noch seltner wir in ihnen ihr Höchstes, das hxx Griechen - und Rvmerwelt, ihre Regel des Geschmacks im Wahren Guten und Schönen studieren. Am öftersten schauen wir sie wie Narcjsse an, denken daran, was wir über sie zu sagen haben, und bewundern unsre Gestalt in dem slüsigen Spiegel der alten heiligen Quelle. Statt an ihnen gehen zu lernen. der Poesie und bildenden Künste, verlieren manche durch sie den gesunden Brauch ih-- rer eignen Glieder. 43 . Jbre Einwendungen konnte ich mit Sprüchwör- kern beantworten, z. B. R 0 m i s t n i c h t in E i- ncmJahr gebaut. Je schwerer djeKunst, desto mehr Pfuscher. Je organisirter der Körper, desto böser seineFaulung u. dgl. Ich will aber mit Gründen antworten; in der Hauptsache sind wir Eins. Daß zu allen Zeiten und unter allen Völkern Talente ans Licht kommen, ist eine Erfahrung, die eben ja jeder Bemühung um Ausbildung der Talente zum Grunde liegt. Nicht in Athen und Rom allein wurden dämonische, göttliche Männer gebohren; sic bedurften auch von dorther keiner Beurkundung, daß sie solche waren. Die Gabe der Muse ist eine angebohrne Himmclsgabe, die kaum mit Mühe vergraben werden kann. Großer Leidenschaften und Vorstellungen fähig, sehen einige nichts als diese Bilder, sprechen in Leidenschaft, laben sich in Tönen des Wohllauts, und fühlen sich geschaffen, die Gemüthec andrer mit dem, was sie erfreuet und anregt, auch zu erfreuen und anzuregcn. Wenn Poesie noch nicht erfunden wäre, würden solche Menschen sie erfinden, und erfinden sie täglich. Aber wie sehr Talente dieser Art unter dem 332 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Druck einer schlechten Sprache und einer sinnlosen Mitwelt leiden, zeigt eben ja die Geschichte sowohl der rohen, als der mittleren dunkeln Zeiten. Giebt cs eine Kunst der Sprache; was vermag ohne Werkzeuge der Künstler? Ueberdem, wie schwer wirds eben dem feurigsten Kopf, sich innerhalb dcr Grenzen zu halten, in denen das Wahre, Gute und Schöne Eins ist, und eben auf diese, die einzige Weise, in Form und Inhalt, dadurch was man sagt, und wie man es sagt, ewig zu- werden. Ihm also sowohl als denen, für die er arbeitet, ist Lehre nöthig, eine Disc > pli» , die uns für andre, andre für uns zubercite, beide vor Ausschweifungen sichre, und dem arbeitenden Genius leere Versuche, von denen er mit Reue zurückkommen müßte, erspare. Oft ist das Genicom Edelstein, dcr tief im Schacht liegt, in einer harten Rinde begraben; die Rinde muß gesprengt, der Edelstein von dcr Hand des Künstlers bearbeitet werden, n. f. — Wem gab nun die Natur das eigentliche Kunst ialent in größerm Maaße, als den Griechen? Auf dcr ganzen Erde keinem Volke wie ihnen. Gleichsam vom Instinkt geleitet erfanden sie jeder Gestalt und Wissenschaft Maas, Ziel und U m r i ß. Nicht nur das zu Viele, das Ungehörige sonderten sie ab, sondern auch dem Bleibenden, der Gestalt selbst, gaben sie Fülle, Leben und Anmuth. Wollen aber Griechen und Römer, sofern sie Griechen und Römer sind, hiemit eine Monarchie errichten? wollen sie Nationalcharaktere unterdrücken, lebende Sprache verdrängen, oder verschlimmern? der Poesie und bildenden Künste. 33) Nichts von Allem! Aufmunterung, Ordnung, Verbesserung ist ihr einziger Zweck; man darf also von ihnen nicht mehr fordern, als sie zu leisten vermögen. Sie wollen Kräfte wecken, aber nicht geben; sie sind Vorbilder, keiüe Schöpfer. Da indessen im Reiche der Gedanken von Äuf- muntcrung, zumal durch thatige Vorbilder, von Ordnung und Erziehung viel abhangt: so ist die Herrschaft, die jeder Verständige den Alten freiwillig einräumt, zwar keine Monarchie, aber ein Rath der Besseren zum Besten. Lassen Sie also die würdigsten Schriften zuweilen von den unwürdigsten Händen behandelt werden, was schadets? Geht nicht auch das Gold durch die Hände niedriger Bearbeiter und Sammler? verlor der Diamant dadurch, daß ihn die Dürftigkeit selbst aufgrub? Wenn unter dem Text eines alten Autors sich in den Noten oft über Nichts ein schreckliches Gezänk erhebt: so lasset uns vom blutigen Spiel dieser Gladiatoren, die sich zu Ehren des Verstorbenen neben seinem Grabe würgen, hinwegschn und sie für das halten, was sie sind, Sklaven. Die Worte des Autors werden uns werther, wenn wir uns über die Wasser der Sündfluth, die unten den Text überschwemmet hat, zum Gipfel emporhebcn und da den friedlichen Oelzweig finden. — Da endlich der Geist, den wir aus den Schriften der Alten ziehen sollen, gesunder Verstand und ein gesundes Herz, die wahre Philosophie und Richtung des Lebens, bona ineus und Humanität ist: so ist die Einführung dieser Gottheiten für uns und unsre Nachkommen Z3ch H- Ideen zur Geschichte und Kritik ein Werk von fortdaurender, wachsender Wirkung. Zuerst mußten diese Schriften gesunden, vervielfältiget, erklärt, erläutert, von Fehlern gereinigt/ verstanden werden, ehe ihr besserer, ihr weiserer Gebrauch in jeder Anwendung ein Hauptzweck werden konnte. Hie und da ist er cs schon geworden; er wirds noch mchr'werdcn. Die Zeit der 8c>Iispc>rarn geht zu Ende; zu Einem gemeinen Besten arbeiten wir Alle. Nachschrift. Jener Amerikaner glaubte, daß in jedem Brief ein Geist «»geschlossen sey, ich wollte, daß ich diesem Briefe einen Geist einschlicßcn könnte, den Geist der Alten. Hören Sie darüber eine» üpoktyphischen Schriftsteller. „Gerade, als ob unser Lernen blos ein Erinnern wäre, weiset man uns immer auf die Denkmahle der Alten, den Geist blos durch das Ge- dac ht niß zu bilden. Wir wissen selbst nicht recht, was wir in den Griechen und Römern bis zur Abgötterei bewundern." „Gleich einem Manne, der sein leiblich Angesicht im Spiegel beschauet, nachdem er sich aber beschauet hat, von Stund an davon geht und vergisset, Wie et gestaltet war, eben so gehen wir mit den Alten um. Gar anders sitzt ein Mahler zu seinem eignen Bilde." der Poesie und bildenden Künste. 335 „Da ich blos dem Geist der Alten nachspüre: so gebt mich das. Schulmcistergcsicht nichts an, womit die * * ihren Autor Lesern und Zuhörern ver- eckcln. Ich will sebr zufrieden ftyn, wenn ich mein Griechisch nur ohngesthc so verstehe, wie Uebcrbrin- ger dieses seine Muttersprache. Wer die Alt-n, ohne die Natur zu kennen, studirt, liefet Nct.n ohne Text, und an Petrons Ausgabe in groß Quart über ein klein Fragment sich wenigstens zu einem Doctor. Wer kein Fell überm Auge hat, für den bat Homer keine Decke. Wer aber den Hellen Tag noch nie gesehen, an dem wcid.n weder DidyMus noch Eustathius Wunder thun. — — Der Zorn benimmt mir alle Ueberlegung, wenn ich daran gedenke, wie solch eine edle Gabe Gottes, als die Wissenschaften sind, verwüstet, von starken Geistern zerrissen, von faulen Mcnch.n zcr- tretten werden, und wie es möglich, daß junge Leute in die alte Fee, Gelehrsamkeit, ohne Zahne und Haare (etwa falsche) verliebt ftyn können." So spricht ein Eiferer für den guten Gebrauch . der Alten; und wie viel mehr könnte man davon sagen; Aber wie Jemand ist, so thut er; wie wir selbst denken, so nutzen wir die Alt.n. 44 - Die Nachschrift Ihres Briefes hat mir eine alte Wunde aufgcrisscn, die ziemlich verharscht war, nämlich, wie wir, inscuderh.it mit unsrftr Jugend^ 336 II. Ideen zur Geschichte und Kritik die Alten lesen? „Das Salz der Gelehrsamkeit, sagt Ihr Apokryphuß, ist ein gut Ding; wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen?" — Moste Gelehrsamkeit zerstreuet und ermüdet; alles macht sie zu nacktem, vielleicht unnöthigem Wissen von Worten , Stellen und Gebrauchen; sie wirst die Seele hin und her. Das Gcmüth der Jugend will gesammelt, will auf den Kern gerichtet, will fürs Leben gebildet und gestärkt scyn. Ich begreife selbst, was für eine schwere Aufgabe es ist, so viele, so mannigfaltige Schriftsteller der Griechen und Römer, Dichter, Redner, Geschichtschreiber und Philosophen mit u n sr e r Jugend nutzbar zu lesen; der Grundsatz indessen, nach welchem sie gelesen werden müssen, ist außer Zweifel. Es ist der Sinn der Alten selbst, das Gefühl vom Wahren, Guten und Schönen, diese alle ju Einem System verbunden, in Eine Ge- stalt geordnet. Man nenne diese Gestalt das Anständige, das sich Geziemende, konestuin» äauoruiri, oder wie man wolle; sie ist ein unterscheidender Zug der Composition und Denkart der Alten in ihren besten Schriftstellern und würdigsten Männern, auf welchen das Auge der Jugend sich vorzüglich heften müßte. In der Composition der Alten nämlich bat Alles Zweck, Plan und Ordnung. Nichts stehet am Unrechten Orte, nichts ist müßig und unschicklich dahin geworfen; und im Ganzen herrscht, wo es irgend feyn kann, lebendige Darstellung und Handlung. Die griechische Sprache z. B. ist von der Bildung der der Poesie und bildenden Künste. 337 der Worte an bis zum Bau ihrer Sylbenmaaße und Perioden ein Muster des Wohlklangcs, der Zusam- mcnfügung, der Bedeutsamkeit und Grazie des Ausdrucks; die lateinische Sprache eifert ihr nach. Wie in Statuen und Gebäuden die Kunst der Alten E i n- falt und Würde, Bedeutung und Anmuth zu vereinigen wußte; so vereinigen es die Meisterwerke ihrer Sprache. Wer in Homer und Pin- dar, in Herodot, Plato, Cicero, LiviuS und Horaz diese Schicklichkeit und Congruenz der Theile zur Eurythmie des Ganzen weder zu finden,, noch anschaulich zu machen weiß, der ist des Geistes, in dem sie arbeiteten und dachten, nicht inne geworden. In wenige Werke der Neueren hat sich dieser organische Geist ergossen; wo er erscheint, macht er «in Werk seiner Natur nach unsterblich. Einfalt also und Würde, Bedeutsamkeit und Wahlordnung haben wir von den Alten zu lernen, um unsrer Denkart und Sprache im Kleinsten und Gräßcsten eine solche Gestalt zu geben. Aber das Anständige der Alten erstrecket sich weiter, indem Charaktere, Sitten, Grundsätze und Meynungen nicht etwa nur zu schildern, sondern darzustellen und zu verknüpfen der Zweck ihrer erlesensten Werke war. Die Tugend ist ein rr«Xov, ein Anständiges und Vortreffliches, das mit Liebe gesucht werden will und nur durch unabläßige Uebung erlangt wird. Ihre besten Schriftsteller jeglicher Art zeigen darauf als auf daS Zünglein der Waage menschlicher Handlungen und den edelsten Kampfpreis des menschlichen Lebens. Herders W.z.schön.Lit.u.Kunst. VH. ZI -tL/i-.ik L,re/e. 3Z8 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Licht und Schlitten stellen sie dar; sie contrastiren und gruppircn Gestalten, Sinnesarten und Meinungen ohne jene neuere überspanncnde Heucheley, die im Grunde jede Anwendung verwirret und zuletzt die ganze Sittlichkeit aufhebt. Haben wir das Gefühl des Anständigen, des Großen, Schönen, An- mukhigcn und Edlen verloren, was halt uns zurück, daß wir nicht arger als Lhierc werden? Verächtlicher sind wir gewiß. Dies Gefühl moralischer Schicklichkeit, Würde und Grazie durch Lesung der Alten in uns zu wecken und zu erhalten, ist um so nölhiger, da in der gegenwärtigen Welt eine Con- venicnz in niederträchtigen, frechen Meynungcn, die für Grundsätze gelten und im offenen Gebrauch sind, dasselbe ganz zu ersticken drohen. Daß sich zwischen uns und Jenen einige äußere Umstande verändert haben, und sowohl der Heroismus als der Patriotismus eine andre Gestalt gewonnen, darf jenem Gefühl, dem Charakter der Menschheit, nicht schaden. Wir können edlere Heroen seyn, als Achill, schönere Patrioten als Hör citrus Cocles. Hier also liegt meines Erachtens die Regel; sie in eine logische, poetische, ethische Regel. Barbaren kennen sie nicht; losgebundcne Willkühr verachtet sie, zerstreuende Gelehrsamkeit geht vorüber. Wer sie fand, wer in seiner Jugend nach ihr gebildet wurde, der kann sie nicht vergessen; sie hat sich seinem Gemüth eingedrückt, als das Herz seines Herzens, als die Seele seiner Seele. Ick innere laus est, czuock ckeeet, non c>uock licet. l)uock ckecet donesturn est, et czuock lionestunr est ckecet. der Poesie und bildenden Künste. 33g 4 S. Siebentes Fragment. Schrift und Buch druckerey. Als bei den Griechen die Schrift noch nicht oder wenig im Gebrauch war, erklang die Sprache als ein lebendiges Wort; die Stimme des Dichters und seines Sängers war eine Aufbewahrerin aller menschlichen Empfindungen und Gedanken. Daher die Gestalt der ältesten Poesie in ihrem Reich- lhum an Bildern und Tönen, in ihrer Naturpracht und Naturschönheit; aber auch in ihrer Wandelbarkeit, ihrer Ungewißheit, ihren Fehlern und Mängeln. Mit Einführung der Schrift ging der größe- ste Theil dieses alten Worts zu Grabe; nur Weniges von ihm ward aufbehaltcn und allmählich geregelt. Mit Einführung der Schrift kam Prose auf, Geschichte und Beredsamkeit wurden aus- gebildet; und wenn sich jetzt die Poesie neben ihnen Hervorthun wollte, so lief sie Gefahr, stolz, aufgeblasen, und wo sie vom lebendigen Vortrage ganz entfernt war, unverständlich und schwindelnd zn werden. Eben nur der lebendige Vortrag hatte sie ehemals im Kreise einer schönen Anschaulichkeit erhalten; auf dem Theater, (die Chöre ausgenommen), erhielt er sie noch lange in diesem glücklichen Kreise. V 2 340 H- Ideen zur Geschichte und Kritik Da indessen bei einem so lebhaften Volk, wie die Griechen waren, auch das Geschriebene zum lebendigen Vortrage geschrieben war, indem Herodot z. B. einige Bücher seiner Geschichte zu Olympia wie ein Gedicht vorlas, und in den griechischen Republiken die öffentliche Beredsamkeit jeder Art des Vortrages, selbst der Philosophie, den Ton angab: so mußte nothwendig auch in Schriften der Griechen sich lange Zeit jene alte, wenn ich so sagen darf, poetische Weise erhalten: zu schreiben als ob man spräche. Schreibend trug man v o r; man schrieb gleichsam laut und öffentlich, als ob zu jedem Buch ein Vorleser, wie sein Genius, gehörte. Ohne Zweifel ist dieses die Ursache, warum in der Pcose der griechische Periode so künstlich und schön, wie in keiner andern Sprache, ausgcbildet worden; der offne Mund der Griechen, die Poesie, die ihm vorging, und der öffentliche Rede vortrag, der den Rhapsodien der Poesie folgte, hatten ihn geformet. Bei den Römern nicht anders: denn auch bei ihnen herrschte die Beredsamkeit, und der öffentliche Vortrag. Ihre Gedichte lasen sie öffentlich vor; aus Persius, Juvenal, Pl>- nius u. a. wissen wir, mit welcher Sorgfalt, mir welchem Aufwande von Kunst, zuletzt von Ziererey und Thorheit. Bei Griechen und Römern war das Bücherei) esc n anders, wie bei uns, bestellt. Man laS viel weniger: große Bibliotheken waren selten und die Büchermaterialien kostbar. Man schrieb also auch weniger. In Rom schrieb nicht jeder Sklave un» der Poesie und bildenden Künste. 3chr Bürger; sondern nur die zur Gelehrsamkeit oder zu Geschäften Erzogene; Menschen von gutem Ton, Feldherren, Staatsmänner, Kaiser. Man hielt das Schreiben für etwas Edles, und aufs beste zu schreiben für einen Ruhm, der länger als ein Triumph wahrte. Man nahm sich daher im Schreiben eine bestimmte Bahn; Zeitgenossen und Freunde theilcten sich in dieses oder jenes Feld der Bearbeitung, und wie die römische Sprache imperatorisch gebot, so liebte sic auch in der Schreibart die Kürze, die Bestimmtheit. Oft kehrte man den Styl um und löschte aus; man glättete und zierte wie die Schreibtafel, so «uch die Gedanken. Der mühsamere Weg, wie man damals zu Büchern kommen konnte, machte Bücher auch wer- thcr; bei einem höheren Begriff von dem, was sie enthielten, wandte man auch mehr Fleiß auf das, was sie enthalten sollten. Welchen Werth legte Hora z auf seine wenigen Schriften! lange polirt ließ er Ein kleines Buch nach dem andern erscheinen, das bei uns wie ein Tropfe in den Ocean fließen würde. Höchst ausgcarbcitet sütd Virgils Werke; und dennoch war ihm die Aeners nicht ausgcarbeitet genug. Er wollte, daß sie ihn nicht überlebte. So sorgfältig hervorgctrieben sind fast alle Schriften, insonderheit die Gedichte der Römer. Mit drei kleinen Büchern seiner Elegien wollte Properz vor der Proferpina erscheinen; in sie alle Schönheiten der griechischen Elegie gebracht zu haben , diese Ehre war der Zweck feines Lebens. Setzet ihn, setzet Horaz und wen ihr wollet, in unsre bücher- 342 II. Ideen zur Geschichte und Kritik reichen Zeiten; schwerlich hatten sie mit ss viel Zuversicht, mit so umfassendem, tiefdringendcm Flciße gedichtet. Bis zu Bo et Hins und Auso- nius hin ist fast jedes kleinste römische Werk eine Mvsaik, ein gearbeitetes Fresko - oder Mi/ ni alu r g e m a h l d e. Jedermann ist bekannt, daß in den mittleren Zeiten die Barbarey eines Theils auch vom Mangel an Büchern und Schreibmaterialien hcrkam. Wie manche schöne Schrift der Alten ward von den Mönchen unwiederbringlich verlöscht, damit sie auf das dadurch gewonnene Pergament ihre Ehor- gesange und Homilicn schreiben konnten. Heil dem Erfinder des Lump en.pg piers ; wo er begraben liege, Heil ihm! Mehr als alle Monarchen der Erde hat er für unsre Literatur gethan, deren ganzer Betrieb von Lumpen ausgeht Und so oft in Maculatur endet! Wie der Sonnenschein die Fliegen, so hat er Schriftsteller geweckt und die Sofien bereichert. Denn man bemerke. Eben in dem Jahrhunderte, in dem das Lumpenpapier in Gebrauch kam, traten auch jene längeren Romane hervor, die vorher Jahrhunderte lang kurze Volksmahrchen oder Lieder und Fabeln gewesen waren. Wie entfernt z. B. hatte Karl der Große vom Erzbischof Turpin, König Artus von Gottfried von Mon- mouth, Wolf-Dietrich von Eschilbach und jeder andre Romanhcld von seinem Ehronik- oder Romanschreiber gclebet! Keiner von diesen Schreibern erfand die Fabel, die er in die Bü, chersprache brachte; sie war längst im Munde der der Poesie und bildenden Künste. Z43 Sänger oder des Volks gewesen und in ihm vielfach verändert worden. Jetzt nahm sie der Genius der Unsterblichkeit auf: denn das Lumpenpapier war erfunden. Allgemach lernte man lesen, da man sonst den Sänger und Fabclerzählec ,nur hatte Horm können. So vermehrten sich Chroniken, Romane, allmählich auch Abschriften der Alten. Wäre die Erfindung des Lumpenpapiers früher gekommen, wie viel weniger wäre untergegangen! wie viel Schätzbares hatten wir ihr zu danken! und noch sind wir ihr sowohl durch Ueberschreibung aus älteren Pergamenten , als durch die von ihr veranlaßten Umarbeitungen alter Sagen und sonst, viel schuldig. Was indessen ehemals das Aegyptische Schilf (/ZiZXs;) gethan hatte, daß cs nämlich die griechischen Rhapsoden allmählich verstummen machte und, statt ihrer lebendigen Gesänge, Bücher (/Zi/ZX/«) in die Hand gab; das thatcn mit der Zeit auch die Baumw 0 ll - und L u m p e n sch r i ften. Pro- venzalen und Troubadouren, Fabel-und Minnesinger schwiegen allmählich: denn man saß und las. Je mehr sich Schriften vermehrten, desto mehr verminderten sich ganz eigenthümliche, freie Gedanken; endlich ward der menschliche Geist ganz in Lumpen gekleidet. Auf diese ward geschrieben, was man lesen und nicht lesen wollte; mochte eS am Ende sich selbst lesen! — Nun trat die Bn c h d ru cke re y hinzu, und gab beschriebenen Lumpen Flügel. In alle Welt fliegen sie; mit jedem Jahr, mit jeder Tagesstunde dom ersten erwachenden Morgenstrahl an wachsen Ag4 II. Ideen zur Geschichte lind Kritik dieser literarischen Fama die Schwingen, bis an den Rand der Erde. Jenes Orakel: „wenn Menschen schweigen, so werden die Steine schreyen," ist erfüllt; worüber Mcnschenstimmen schweigen, darüber sprechen und schreyen gegossene Buchstaben, mcrkan- tilische Hefte. Nach so vielen andern eine Lobrede der Buch- druckcren zu halten, wäre ein sehr unnöthiqes Werk; wir wissen alle, was wir an ihr haben. Nur durch sie, erst durch sie ist zusammenhängende und verglichene Erfahrung des menschlichen Geschlechts, Kritik, Geschichte und eine Welt der Wissenschaften worden. Aber auch was wir an ihr nicht haben, ist zu bemerken: was sie nämlich nicht geben kann, ja worin sie störet. Eignen Geist nämlich kann sie nicht geben; lebhafteren tieferen Genuß an der Quelle des Wahren, Guten und Schönen mag sie durch die unzählbare Eoncurrenz fremder Gedanken hier befördern, dort aber auch hindern. Mit der Buchdruckcrey nämlich kam Alles an den Tag; die Gedanken aller Nationen, alter und neuer flössen in einander. Wer die Stimmen zu sondern und jede zu rechter Zeit zu Horen wußte, für den war dies große Odeum sehr lehrreich; andre ergriff die Bücherwuth; sie wurde» verwirrte Buchstabenmänner und zuletzt selbst in Person gedruckte Buchstaben. Vom Anbeginn ist dies nicht also gewesen. Ursprünglich dachte der Mensch, er handelte und genoß, er sprach und hörte. Wenn er schreiben konnte, der Poesie und bildenden Künste. .^5 schrieb er, nur aber was zu schreiben war; nicht ward er selbst, ohne zu sehen und zu Horen, ein schreibender Buchstab; jetzt- Ist dessen die menschliche Natur fähig? kann sie es ertragen ? verwirren sich in diesem gedruckten Babel nicht alle Gedanken? Und wenn dir jetzt täglich nur zehn Tages - und Zeitschriften zufliegen und- in jedem nur fünf Stimmen zutonen; wo hast du am Ende deinen Kopf? wo behältst du Zeit zu eignem Nachdenken und zu Geschäften? Offenbar hats unsre gedruckte Literatur darauf angelegt, den armen menschlichen Geist völlig zu verwirren, und ihm alle Nüchternheit, Kraft und Zeit zu einer stillen und edlen Selbstbildung zu rauben. Selbst in der Gesellschaft sind die menschlichen Stimmen verhallet; Romane sprechen und Journale. Diderot hat irgendwo die Frage an sich ge- than, die wohl jeder thut, wenn ec aufs Land oder auf eine Reise gehet: „welche Bücher er als Freunde mit sich nehmen möchte?" Wie im Leben, so hat auch im Lesen der Mann von Herz nur wenig geprüfte Freunde; und bei eigner Eomposition bleibet er gern allein. Würden Homer und Sophokles, Horaz, Dante und Petrarca, würden Shakespeare und Milton ihre Werke im Kreise unsrer Bucher- und Lesewelt gemacht haben? Schwerlich. Denn unverkennbar ists, baß, je mehr durch die Buchdruckerey die Werke aller Nationen allen gemein wurden, der ruhige Gang eigenthümlicher Eomposition großentheils aufgehört hat. Wer fürs ' ^ Z46 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Publikum schreibt, schreibt selten mehr ganz für P sich als den innersten Richter; daher Pascal und Rousseau unter so vielen Autoren so wenige Menschen fanden. Wird nun das Publikum gar wie ein blinder Maulesel gelenkt, und schmeichelt der Schriftsteller der Zunft, die cS affet und leitet: „wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern?" möchte man sodann jedem Schriftsteller sagen, der aus Noth oder Feigheit dem häßlichen Götzen, Modegcschmack, dienet. „Schreibe!" sprach jene Stimme und der Prophet antwortete: für wen? Die Stimme sprach: „schreibe für die Tobten! für die , die du in der Vorwelt lieb hast." — „Werden sie mich lesen?" — „Ja: denn sie kommen zurück, als Nachwelt." — 46. „Enthalte dich, dulde!" Sind wir denn mit der Literatur aller Welt vermählet? Ist kein Riegel zu finden, der uns gegen das Andringen schwarzer Buchstaben schütze? kein Seil zu finden, das uns am Mastbaum halte, indem wir mitten durch den Gesang derer, die da wissen, was war, ist und se y n wird, gerade hin -durchfahren? Gehört fremden Meynungen unser Geschmack und Verstand, unser Wille und Gewissen ? Gehören den Seele - Verkäufern unsere Seelen? der Poesie und bildenden Künste. 247 Wahr ists. Mit der Buchdruckerey heit sich im Reiche der Gedanken Vieles geändert, und es kann wohl seyn, daß, wenn die Wissenschaften durch sie steigen, der Geschmack sich durch sie verwirren, Genie und Sitten endlich vielleicht gar zu Grunde gehen müßten, wen» sich nicht ein hülfreichcr Genius des menschlichen Geschlechts annähme. Lassen Sie uns aber an diesem hülfreichen Genius nicht zweifeln. Ehe Buchdruckerey da war, ging jede Europäische Nation in einem engeren Bezirke von Ideen umher; ihr Charakter war vielleicht fester. Durch Reisen und Lesen ist allem Bösen und Guten fremder Nationen die Thür geöffnet, und wenn cs sich durch den Namen G c sc h m a c k, „neuer, fremder Geschmack" Aufmerksamkeit erwerben kann, so hat es ohne weitere Uebcrlegung die Menge für sich. Welchen Thorheiten haben wir nicht nachgeahmt? welchen werden wir noch nachahmen! jNicht etwa nur im Spanischen, Englischen, Französischen, Griechischen, Ebräischen, selbst im Arabischen, Tatarischen , Sinesischen Geschmack haben wir Deutsche gesungen und gedichtet. Die Sprache aller Wissenschaften, Bilder und Ausdrücke der verschiedensten Völker sind in unsre Poesie, in jeden Vortrag, der das Volk angehen soll, geflossen, so daß von jener tonhaltenden, gleichmüthigcn Denk - und Schreibart, in welche Griechen und Römer das Wesen der Schreibart setzten, wenige einen Begriff zu haben scheinen. Aus allen Völkern wird für alle Völker, aus allen Sprachen für alle Sprachen geschrieben 4 die subtilste Abstraktion und die niedrigste Populäre- 348 II. Ideen zur Geschichte und Kritik tat, finden in demselben Buch, oft eins derselben Seite, neben 'einander Raum. Wenn wir das Richtmaas, das Samuel Johnson an einige Englische, von ihm genannte m ct a ph i si sc h e Dichter angelegt hat, an jede Produktion unsrer Sprache anlegen wollten, wo stünden Wir?' Vor der Buchdruckerey war cs möglich, diese und jene Schrift vor diesen und jenen Augen zu verbergen; kaum ist dieses jetzt mehr möglich. Alles liefet Alles, cs möge von ihm verstanden werden, oder nicht; nach der verbotnen Speise lüstet man am meisten. Und da die Thorheit derer, die dies zu frühe, zu viele, zu vermischte Lesen auf die unvorsichtigste Art befördern, mit dem Eigennutz, dem Stolz, der Eitelkeit, dem Erwerb andrer im festesten und schädlichsten Bunde stehet; so kann nur Eine Macht in der Welt diesen Unfug hemmen. Es ist bessere Erziehung, die ihre Zöglinge nicht erst durch Schaden klug werden laßt; und ein stiller Bund aller Guten unter einander, nichts Unwürdiges zu verbreiten oder zu loben. Möge Gift mischen, wer da will, und daß am feinsten gemischte Gift die lautesten Ausrufer finden; von uns scy der Giftmischer, so wie der Ausrufer, verachtet. Mit der Verwirrung des Geschmacks und dem Despotismus fabricirender Schriftstellerey ists fo weit gekommen, daß, da das Schlechteste ohne alles Erröthen auf die unverschämteste Weise gelobt werden darf, dieser unverschämte Despotismus sich selbst seinen Fall bereitet. Er muß sich selbst einen Widerstand erwecken, der ihn einschranke und be- zaume; oder wir gehen durch unsre Licenz zu Grunde e der Poesie und bildenden Künste. 349 denn da durch die Buchdruckerey die Kritik selbst seil geworden ist, so hat sie auch bei den Niedrigsten ihr Ansehen verloren. Ihre Fasten gelten so wenig mehr als ihr Lorbeer. Ich komme zurück auf meinen Bund der Freunde. Wie die Buchdruckerey, so wird die .sku-- pferstechcrkunst gemißbraucht; jene hat den Geschmack in Werken des Geistes, diese in Werken der Kunst, beinahe zu Grunde gerichtet. Nur Ein Mittel ist gegen sie wirksam, entschlossene äußerste Verachtung. Niemand kaufe ein Buch, das schlechter Kupferstiche wegen da ist; niemand besudle mit diesen Verderbe,- rmncn des Geschmacks seine Wände: denn so wie durch schlechte Bücher gute verhindert werden, so wird durch schlechte Kupferstiche die wahre Kunst gelobtet. Aegyptische Schwarzkünstler wollen wir die heißen, die diese beiden großen Erfindungen unsrer Nation zu einem niedrigen Erwerb entweihet haben, und Schwarzkünstlerknechte diejenigen, die ihnen zu ihrer schändlichen Fabrikwaare artistisch oder literarisch helfen. §5a H. Jdeest zur Geschichte und Antik 47 - Achtes Fragment. Reformation, Handel und Wissenschaften. Großen Begebenheiten sind immer Revolutionen des Geschmacks gcfolget. Ohne in die Geschichte der Griechen und Römer, der Mönchs-und Ritterzciten zurück gehen zu dürfen, sehen wir dies insonderheit in den Jahrhunderten, die der Reformation voran- gingcn und ihr folgten. Europa ward allgemach ruhiger. Städte, Handel, Gewerbe, mit ihnen auch einige Künste singen an zu blühen; nach und nach verfemte sich der Geschmack mit ihnen. Dante, Petrarca, Boc- caz erschienen; es erwachten die Alten in ihren Gräbern. Constantinopel ward erobert; die Griechen flohen nach Italien; und cs entstand ein Enthusiasmus ohne seinesgleichen. Die schönen Künste und die Literatur der Alten war, wiefern cs die Zeit gestattete und angab, auf ihrem höchsten Gipfel. Die Entdeckung fremder Weltthcile, ein veränderter Zustand der Finanzen, des Krieges, der Stande folgte; die Buchdruckern) kam in Gang; ihr folgten neue, zumal Naturwissenschaften; dies Alles lautete der Poesie der mittleren Zeiten völlig zu Grabe. Die Entdeckung fremder Welttbeile mochten späterhin Camo ens, Ercilla u.a. singen; der Poesie und bildenden Künste. 25 r der Gegenstand war groß und neu; Wunder der Natur, ungesehene Dinge wurden beschrieben; in Wissenschaften kam ein neues Universum zum Anblick; und doch thatcn die Gesänge von ihnen bei weitem nicht die Wirkung, die einst vielleicht ein kleiner Fabclgesang gethan hakte. In dem Verhältnis', als hie und da der Reichthum, die Pracht und Freigebigkeit alter großer Familien sank, erlosch auch der Glan; ihrer alten Thaten; mit ihren Hofhaltungen gingen auch ihre Lobgesänge hinunter. — Die Reformation endlich und die Philosophie, die ihr folgte, schufen der Poesie völlig eine andere Zeit. Jahrhunderte lang hatte man Klagen angestimmt über den verderbten Zustand der Elerisey und aller Stande; die Zeit war gekommen, da die Erbitterung aufs höchste stieg, und nicht minder in Versen als in Prose ihre scharfen Pfeile abschoß. Eine Menge Satyrcn dieses Inhalts, zum Theil voll Geist und Herz, erschienen; Schade, daß sie sich mit der Zeit selbst überlebt haben: denn dau- rende Gesänge konnten sie nicht bleiben. Die Reformation selbst ist weniger eines heroischen Lob- als eines philosophischen Lehrgedichts fähig; die Verdienste der Reformatoren zeigen sich würdiger in ihren Lebensbeschreibungen und eignen Schriften als in Heldengesangen und Oden. Ueberhaupt verjagte das neue Licht und die zugleich mit ihm aufkommende Streittheologie aller christlichen Parthcien in Europa sowohl die Schatten des Aberglaubens, als manche schöne Einkleidungen, die für die Einfalt der mittleren Zeiten sehr weise ersonnen waren. 352 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Hier beginnet nun eine große Scheidung der Völker. Nationen, die ihrem alten Lehrsystem zu- ge.han blieben, hielte» auch an ihrer alten Dichter- weise, z. B. Italiener, Spanier und andere katholische Völker. Je früher sie zum guten Geschmack gelangt waren, je vielseitiger er sich bei ihnen eingewurzelt hatte, je größere Vorbilder sie besaßen: destö fester hingen sie an ihren Stanzen und Reimen. Italien ließ sich seinen Dante und Petrarca; Spanien seinen Lope, Garcilasso u. f. nicht nehmen; auch hat sich seitdem das Acus- sere ihrer Poesie völlig erhalten, obgleich deswegen, wie man oft glaubt, der Geist dieser Nationen seitdem nicht stillstand. Die alten Formen dünkten ihnen gut, und sie gossen darein, wenn der Genius sie antricb, neue Gedanken. In der protestantischen Welt dagegen kam eine neue Poesie auf. Nicht etwa nur Gegenstände der Religion wurden durch das Medium der neuen Aufklärung gesehen, sondern die gesammte Vorwelt ward durch eben dieses Medium bewachtet. In Spanien und Italien hätten Shakespeare, Milton, Buttler u. f. nicht schreiben können, wie sie schrieben; eine Frcimüthigkeit im Denken, die ein Vorbote der Philosophie war, hatte sich in den protestantischen Ländern über Manches schon verbreitet; andern Gegenständen nahte sie sich nach eben der Regel. Unvermerkt also nahm die Poesie der neuen Glaubens- Verwandten eine philosophische Hülle um sich, bieder Sinnlichkeit vielleicht schadete, dem menschlichen Geist aber nothwendig war. Esn Italiener z. B. wird in den der Poesie und bildenden Künste. 363 den meisten Oden der Engländer durchaus nichts lyrisches finden, da ihnen, seinem Ohr und Zeuge noch Wohlklang, Fortleitung und Bestandheit der Bilder, Zusammenhang der Empfindung, kurz Melodie und Harmonie fehlet. W. Jones zergliedert hinter seinem Commcntar über die Poesie der Morgenländer den Anfang von Milto n's Paradiese und kann in ihm nach morqenländischer Weise nichts poetisches finden. Vielen deutschen Dichtern würde es nicht besser ergehen: denn offenbar sind die meisten nur durch Reflexion Dichter. In den altern Zeiten, in denen MaN sich der Natur freier hingab, diese in sich stehen und aus sich unbefangen wirken ließ, oder sie, so gut mans vermochte, zur Kunst Umschuf, war uNd blieb man ein Natursanger, der Nus gleichgestimmte Gemüthcr seine Wirkung nicht verfehlte. In mancher alten Englischen Ballade ist vielleicht mehr freier Wohlklang und poetischer Geist, als itt PouNg und Pope mit einander. Durch Reflexion sind diese Poeten; eine denkende ist die Brittische Muse. Seit der Reformation und dem hcllaufgegang- ttett Lichte der Wissenschaften gelangen also keine persönlichen Heldengedichte mehr, mit dem Wunderbaren der alten Zeit bekleidet. Ar io st konnte die Mahrchen, die man ehemals geglaubt hatte, seinen Jtaliänern zierlich in Stanzen kleiden; ihm und ihnen waren sie zeitkürzende Mahrchen, die Niemand glauben sollte. Uns kann Wieland die Geschichte HuoNs mit allem Zauber der Feenwelt darstellen; itt seinem Mahrchen ist Oberon eine HerdersWerke z. schon.Lit.u.Kcmst. VII» Z U-ts/e. 354 II. Ideen zur Geschichte und Kritik so wahre Person, wie Huon und Karl der Große. Wenn aber Tasso eine für wahr gehaltne Religion mit in seine Dichtung mischte: so stehen beide schon nicht auf Einem Grunde; selbst dem katholischen Glauben nach wird er in diesen zwischen Wahrheit und Trug gemischten Scenen eine schwächere Wirkung hervorbringcn, als die ein reines Mahrchcn hervorbrächtc. Protestanten werden den Milton wie einen Bram ante und Michael Angelo bewundern ; schwerlich aber sein Gedicht mit so ungestörtem Glauben lesen, wie sie ein reines Mährchen lesen würden; das Rcligions - System schadet seinem Gedichte. — Historische Epo- peen haben daher in der neueren Zeit fast keine Wirkung gethan, weil ihnen als Gedichten durchaus der Glaube fehlet. Das Zeitalter der Elisabeth, ob sie gleich selbst eine Dichterin war und Schmeicheleien sehr liebte, ward nur in Sonnettcn besungen, oder in Allegorien ; Eromwcll und die Wiederherstellung Karls II. nur in Oden gepriesen. Auch mit größeren Talenten als Chapelain hatte, wäre seine Jeanne d'A rc so wenig oie bleibende National-Heldin einer Epopec geworden, als wenig es Voltaite's Heinrich der Vierte worden ist. Nur in Stellen kann seine Hcnriade etwa als ein philosophisches Lehrgedicht gelten: der Streit zwischen Dichtung und Geschichte ist und bleibt in ihr widrig. Auch kein Held der Deutschen hat hinter Lttnitt, Dietrich von Bern, dem Könige «Qiedich und dem Zwergenkönige Lau rin den «pischcn Lorbeer erlangen mögen, weder Heinrich der BefrAer Deutschlands, noch Maximilian, Gustav Adolph u. f. Durch eine aufrichtige der Poesie und bildenden Künste. 355 Beschreibung ihrer Thatcn werden sie mehr geehrt, als durch eine mit Wahrheit gemischte Fabel, der am Ende Niemand glaubet. Wir sind aus dieser Dämmerung hinaus, und wollen durchaus Mahr- chen als Mahrchcn, Geschichte als Geschichte lesen. Ein Theil der platonischen Gesetzgebung in Ansehung der Dichter ist also ohne Hinaustrcibung derselben, blos und allein durch die linde Hand der Zelt be» wirkt worden; eine verwirrte Mischung der Fabel und Wahrheit widerstehet unscrm Gedankenkreise. Wtis vom s'obc gesagt ist, gilt auch vom T a- del; die echte Muse hasset auch in ihm alles zu Bittere,, geschweige die Verläumdung. Warum fällen persönliche Satyren sobald in Vergessenheit oder Verachtung? Ihrer Ungerechtigkeit und Uebcrtrei- bung, kurz des unedlen Gemüths wegen, das der Be- geistrung einet Muse nicht werth war. Es gicbt z. B. kaum ein witzigeres, ein lehrreicheres Gedicht gegen die Schwärmerei, als Butlers Hudibras ist; auch hat es zur damaligen Zeit seinen Zweck meht erreicht, als wenn der Dichter auf den königlichen Märtyrer das frömmste Heldengedicht geschrieben hatte; wer indessen wird es jetzt ohne einigen Ueberdruß, wenigstens ohne den Wunsch lesen, daß sein Verfasser die Gabe der Muse, die er besaß, edler angewandt hatte? — Swift, vielleicht der strengste Verstau des Mann, den England unter scine Schriftsteller zahlet, der unbesto- chcüste Richter in Sachen des Geschmack Und der Schreibart, gab sich, von bösen Zeitrerbindukigen gelockt, ins Feld der Satyre; — wer aber ist, der 3 2 356 II. Ideen zur Geschichte und Kritik von Anfänge bis zu Ende seines Lebens ihn bcßwe- gen nicht bitter beklaget? So treffend seine Streiche, so vernünftig seine Raserei in Einkleidungen und Gleichnissen scyn mag, wie anders sind seine Satze und Sprüche, wo er reine Vernunft«- dct! Alles, was die Engländer Humour nennen, ist Ucbertrcibung; ein verzeihlicher Fehler der Natur, der hie und da zur Schönheit werden kann, nur aber zu einer 'National - und Zeitschönhcit. Die Alten kannten das Reizende eines kleinen Eigensinnes auch; sie waren aber weit entfernt, die ganze Gestalt eines Menschen als Unform diesem Einen Zuge aufzuopfcrn. Nur dahin ist Homour zu sparen, wohin er gehöret; und die gemeine humoristische Poesie hat das Unglück, daß sie sich mit dcp Stunde selbst überlebet. Was vom Lobe und Tadel gilt, gilt auch von der sogenannten poetischen Beschreibung. Alle Poesie ist von der Zeit abgedankt oder wird von ihr abgedankt werden, die durch Bilder und Gleichnisse die Sache selbst, die durch Farben und Zierrath das Bild verdunkelt. So Manche poetische L an d b esc h r ei b un g der Engländer steht da, daß sie uns mit sehenden Augen blind mache; so manche andre, daß wir bei Umschreibungen bekannter Gegenstände oder Begriffe gar nichts denken sollen. Die meisten metaphysischen Gedichte aller Nationen hat ein neues System der Folgezeit sanft in Vergessenheit gebracht; die Dichtkunst vollends, die unter dem Vorwände, neue Erfindungen zu schildern, und das Wörterbuch neuer Künste und Handwerke poetisch zu ergänzen sich anmaaßt, sie gehört völlig unter die unfreien der Poesie und bildenden Künste, 267 Künste. »Der Muse sind bessere Schilderungen angewiesen^ als die, worin sie der Handwerker selbst durch eine schlichte Erzählung bei Vorzeigung der Instrumente übertreffen möchte. Endlich das Unmoralische des Dichters. Hier hat die Zeit gewaltsam den Vorhang aufgezogen und in ihrem strengen Gericht keiner falschen Grazie geschonet. Wo sind die-? Wo sind sie? Wer will, wer mag sie lesen? Und nicht auf unzüchtige Dichter allein geht dies Urthcil des Nhadamanthus, sondern auch auf jeden widernatürlichen , wahre Verhältnisse des Lebens zerstörenden Dichter. Wie manches Beispiel haben wir auch hierüber schon erlebet! Dies Licht, diesen Tag haben Reformation, Philosopie und der unbestechliche Zeuge in uns, das refne Men fchengefühl, verbreitet. 48. Der Unterschied, den das Fragment zwischen Poesie aus Reflexion und (wie soll ich sie nennen?) der reinen Fabelpoesie macht, ist mir aus der Geschichte der Zeiten, auf die das Fragment weiset,, ganz erklärlich worden. So lange nämlich der Dichter nichts seyn wollte, als Minstrel, ein Sänger, der uns die Begebenheit selbst phantastisch vors Auge bringt und ssolchc mir seiner Harfe fast unmerklich begleitet, so lange ladet 7,58 II. Idem zur Geschichte und Kritik der gleichsam blinde'Sänger uns zum unmittelbaren Anschauen derselben ein. Nicht auf sich will er die Blicke ziehen, weder auf sein graues Haar, noch auf sein Gewand, noch auf den Schmuck seiner Harfe; er selbst ist in der Vision der Welt gegenwärtig, die er uns ins Gcmüth ruft. Dies war der Ton aller Romanzen - und Fabelsänger der mittleren Zeit, und (um bei der englischen Geschichte zu bleiben, aus der das Fragment Beispiele holt) cs war noch der Ton Gottfried EHaucers, Edmund Spensers und ihres Gleichen. Der erste in seinen danteriiury-'I'Llss erzählt völlig noch als ein Troubadour; er hat eine Reihe ergötzender Mährchen zu seinem Zweck der Zeitkürzung und Lehre, charakteristisch für alle Stände und Personen, die er erzählend einführt, geordnet; er selbst erscheint nicht eher, als bis an ihn zu er- zählen die Reihe kommt, da er denn seinem Charakter nach als ein Dritter guftritt. So Spenser, obgleich er schon weit künstlicher finget, indem er die Gestalten seiner Welt schon cmblcmatisch ordnet. Der Fehler, den man ihm zur Last gelegt hat*), daß jedes seiner Bücher ein für sich bestehendes Gay, ze sey, ist ja eben dje Natur und der Zweck seiner orr k"sir),-()cieeii u. a. Wrnn wir den gelehrten Fleiß betrachten, den die Engländer auf ihre 'alten Dichter z. B. Wartoy auf Spenser, Tyrwhit auf Chaucex, Percy auf die Balladen, und so viele, viele der belesensten Männer auf ihren Shakespeare und ihr altes Theater gewandt haben; und sodann Uns betrachten — was sagen wir? der Poesie und bildenden Künste. 35g Erzählung; übrigens Hot er seine Ritter- und Fecn- gestalten viel vorsichtiger, als Ar Lost geordnet.- Zur Zeit der Reformation verschwand mit der Welt solcher Gesänge, der Ritter- und Feenwelt, auch die Art ihrer Darstellung; die Dichter waren nicht mehr einfache Sänger fremder Begebenheiten, sondern gelehrte Männer; die uns das Gebäude ihres eignen Kopfs zur Schau bringen wollten, indem sie dasselbe wohl durchdacht niederschrieben, damit wirs lesen. Dies gicbt allem eine andre Art und Gestalt. Lassen Sie mich zu dem Zweck einige englische Dichter partheilos durchgehn- Von Shakespeare fangen wir an. Er stehet zwischen der alten und neuen Dichtkunst, als ein Inbegriff beider da. Die Ritter- und Fcen- wclt, die ganze englische Geschichte, und so manch anderes interessantes Mährchen lag vor ihm aufge schlagen; er braucht, erzählt, handelt sie ab, stellet sie dar mit aller Lieblichkeit eines alten Novellcn- und Fabeldichters. Seine Ritter und Helden , seine Könige und Stände treten in der ganzen Pracht ihrer und seiner Zeit vor, die in so manchen Gesinnungen, und dem ganzen Verhältniß der Stände gegen einander uns jetzt wie eine aus den Gräbern erstehende Welt vorkommt. Wie oft müssen wir über die wundersame Einfalt und Befangenheit jener Zeiten lächeln! In dem Allen ist er ein darstcllcn- der"M instrek, der Personen, Austritte , Zeiten giebk, wie sie sich ihm gaben, und zu seinem Zweck dienten. Nun aber, wenn er in diesen Scencn der alten Welt uns die Tiefen des menschlichen Herzens eröffnet, und im wunderbarsten, jedoch durchaus 36a H. Id?en zur Geschichte und Kritik charakteristischen, Ausdruck eine Philosophie vorträgt, die alle Stande und Verhältnisse, alle Charaktere 'und Situationen der Menschheit beleuchtet , so milde beleuchtet, daß allenthalben das Licht aus ihnen selbst zurückzustrahlen scheinet: da ist er nicht nur ein Dichter der neuern Zeit, sondern ein Spiegel für theatralische Dichter aller Zeiten, Laßt dem alten guten W. Shakespeare alles, was ihm und seinen Zeiten gehört; gebt uns aber mit seiner unendlichen Bescheidenheit, die nirgend in Person re- prasentirt, in welchen Gestalten es sey, so viel innere Charakteristik, so viel tiefe und schneidende Wahrheit, als er aus seiner alten Welt uns darbrachte. Mit Milton fangt sich die neuere englische Dichtkunst an; mich dünkt, er zeige die Summe dessen, was Reflexion in der Dichtkunst zn leisten vermöge. Der unglückliche blinde Mayn war in Zeiten gefallen, in üble Zeiten lnll'ir orr evil On ovil cl-rz-s ouZch airll ovsl tonguss, ln clsrhness nncl vvitlr clnnger5 eoinz>2S5'ä ronir>l> -Viril solirucle; z'et not nloirs Er rief seine Urania vom Himmel, die ihn im nächtlichen Schlummer oder am frühen Morgen besuchte und seinen Gesang beherrschte. Dem gelehrten , starkmüthigen Mann stand bei einer großen Kenntniß der alten und italianischcn Dichter auch eine Welt voll Sachen, insonderheit aber seine Sprache, dergestalt zu Gebote, daß er bei seinem erwählten Thema, an welchem er sich etwas sehr Großes der Poesie und bildenden Künste. 36; dachte, in jedem Wort und Laut, in jeder Zusammenstellung und Verknüpfung der Worte sich eine- eigene altncue klassische Sprache nach Mustern der Alten als Phjlosoph und Meister ausschuf. Sein großes Gedicht sollte kein Mährchen der alten Zeit, sondern in Form der Erzählung ein heiliges Gedicht Über Himrr.cl und Hölle« über Paradies, Unschuld und Süude, mithin eine Aussicht über unser ganzes Geschlecht werden. Nicht wollte er etwa bkos zeit- kürzcnd vergnügen, sondern belehrend erbauen, und seine Encyklopadie von Wahrheiten in einer heiligen Sprache feststehend verewigen. Daher wählte er weder Ehaucers Reime, noch Spensers Stanzen; den prächtigen Jambus wählte ex, der in manchem englischen Psalm und alten Volksgesange wie zur Trompete ertönt, auch in Shakespeare's tragischen Stücken auf der Bühne viel Wirkung gcthan hatte. Er brauchte ihn aber nicht, wie Shakespeare, leicht und fliefsenh; sondern, dem Inhalt seines Gedichts und seinem Geist angemessen, wie in heroischem Schritt, obwohl abwechselnd und mannigfaltig, dennoch eintönig, prächtig und edel. Weder Poun g, noch Thomson, weder Glovcr noch Akenside haben ihn hierin erreichet- Jede Cadcnz, jedes Bild und Gleichnis, jede ungewohnte Rcdark ist von dem blinden Mann sorgfältig ausqcdacht und an ihre Stelle geordnet. Vielleicht giebts keinen englischen Dichter, der die viel- und cinsylbigcn Wörter dieser fast einsylbjgcn Sprache angenehmer zu wechseln und die barbarische Dissonanz seiner Zeiten rlie 1)Lrssarous üissari Klirr ok Larrdus sack dis revelrrr 362 II. Ideen zur Geschichte und Kritik kunstvoller von sich zu treiben gewußt hätte, als Milton. Und wie in seinen beiden Paradiesen ward er in seinem Lycidas und .Comus, in seinem Allegro und Pcnseposa, selbst im Samson und andern Gedichtarten in Ansehung der Sprache NtH Anordnung der Gedanken, insonderheit in seinem musikalischen Versbau, ein von seiner Nation noch unerreichtes Muster. So lange die englische Sprache lebt, wird Mil ton der Anführer ihres Chorgesangs in Jamben, der erzählenden Naturbeschreibung in eben diesem Sylbcnmaaße, und im Ausdruck des Affekts jener monodischen Klage bleiben, die seine Nation nach ihm sovielfach gebraucht hat. In jeder Zeile des Gesanges ist er der Vater eines poetischen Numerus und Rhythmus, den der blinde Barde mit Ucberkegung erfand und seiner unharmonischen Sprache mit sehr harmonischem Ohr gleichsam aufzwang. Neben Mil ton lebte Cowlcy, ein gleichfals gelehrter, von ihm aber sehr verschiedener Lichter. Geübt in der Sprache der Römer, durchdrungen von der Schönheit der Natur, deren Pflanzen und Baume er mir liebendem Fleiße besang; noch mehr durchdrungen von der praktischen Philosophie der Alten (wovon seine schönen Versuche in Versen und Prose zeugen,) hatte er dennoch das Unglück, mit seiner sogenannten pindarischcn Ode ein glänzend böses Beispiel aufzustellen, dem man nur zu oft nachgefolgt ist. Pin dar nämlich in seiner Ode ist nie trunken; jedes Bild, jede mythologische Geschichte, ja jeder Spruch in ibm stehet umschrieben da, und der ganze Gang des Gesanges ist weise geordnet. Der der Poesie und bildenden Künste. 363 böse Geschmack, der zu Cowlcy's Zeiten, insonderheit am Hose herrschte, verführte ihn, sowohl in seinen anakreontischcn als pindarischcn Oden statt des Ausdrucks der Empfindung Pfeile des Witzes zu werfen, und hiezu VerSart und Reim anzuwcn- den. Unter seinen witzigen sind oft auch große Gedanken, ja verschiedene Oden waren ohne diese gesuchte Manier Muster schöner Phantasien: denn es ist in ihnen viele Wissenschaft und viel Scharfsinn. Die Ode Cowle y's ist nachher von andern, Mafon, Grey, Akjnside u. f. sittsamer, wohl auch gelehrter gemacht worden; ich zweifle aber, ob auch harmonischer im Sinne der Alten. Sie ist und bleibt ein gothisches Gebäude,. unzusammenhängend und unübersehbar in ihren Thcilen, übertrieben in Bildern, mit Zierrath überladen, in der Abwechslung des Rhythmus ungleich und unharmonisch. Seitdem sich gar die Laune oder Satyre derselben bedient hat, mißgönnet man ihr den Ramey Hde ganz; brittisches Capriccio sollte sie heissen. — Cowley war also selbst im Fehlerhaften ein Dichter aus Reflexion, oft nur ein witziger Dichter, demohngeachtet aber ist er ein guter Gesellschafter , von dem man angenehm lernet. Mit Cowley lebte Waller, und gab einer andern Manier den Namen, die den französischen Artigkeiten nahe kommt; aber warum ist sie nur artig? Galanterie ist eine Modeschönheit; sie ändert sich mit den Zeiten, Auch sind von Waller fast nur noch die Stücke beliebt, die Empfindung verra- thcn. Von Prior, Littleton und worauf eben dem Wege ging, gilt dasselbe. Die kasssivnabls S64 II. Ideen zur Geschichte und Kritik ikostr;' der Engländer hnt sich in Ausdrücken und Wendungen dergestalt wiederholet, daß man nicht nur bei jedem' Reime den folgenden, sondern oft auch bei der ersten Zeile des Stücks die letzte zuvor weiß. Mit dem verderbten Hecke Karls II. ging die Herrschaft des spielenden Witzes zu Ende; die brjt- tische Muse ward, was sie Anfangs gewesen war, eine denken de Muse. Ich übergeh? die Beiträge Denhams, Ros? kommons, Dorset, Garths, zu Gründung eines bessern Geschmacks; Dry den voran, Pope nach ihm zeigten, worinn die Poesie der Neueren am natürlichsten bestehe, nämlich in versisicir- tem gesundem Verstände. Beide Dichter, (mit ihnen Gay, Parnell, Prior u. a.) haben fast alle Einkleidungen versucht, deren ihre Sprache fähig war; sie konntens aber nicht weiter bringen, als gesunden Verstand in nachgeahmten, hie und da selbst crfundncn Einfassungen zu reimen. Pope brachte es- darinn aufs höchste. In seiner unsang- barcn Sprache hat er in englischer Manier das ge- than, was Mctastasi 0 in einer Sprache, die ganz Gesang ist, auf eine ungleich angenehmere Weise that; er brachte nämlich alle schöne Sentenzen, philosophische Grundsätze und Lebcnsrcgeln aufs kürzeste und zierlichste in Reime und wird darinn schwerlich übertroffen werden. Zebn Dichter hatten hierin vorgegrbeitet; er kam zu rechter Zeit und brach die Blume. Bo l i ng b r 0 ck e, Shaftesburi, King und Leibnitz gaben ihm zu seinem Lrssi on Man Philosophie in die Hand; er reimte ihre der Poesie und bildenden Künste. 365 Systeme so gut er konnte und hat sie fast durchge- hends vortrefflich gereimet. Auch Charaktere reimte er meistens in Gegensätzen, scharf und schneidend, insonderheit wo der Affekt ihm die Feder schärfte; also daß Pope's Gedichte für eine gereimte Blülhenfammlung aller Moral, auch vieler Weltkenntnis und Wcltklugheit dienen können. Höher hinaus aber reichte sein Genius nicht. Von H o- raz liebenswürdiger Satyte, geschweige von seiner praktischen Welt - und Lebensweisheit hatte P ope's Gcmüthsart keinen Begriff; und man muß durchaus Engländer scyn, um in seinem Homer den alten oder gar den bessern Homer zu finden. Die von ihm den Römern nachgeahmtcn Stücke zeigen den fürchterlichen Unterschied, der zwischen ihrer und unsrer, wenigstens ihrer und Pope's Poesie war. Ihre Muse geht im natürlichen Gange der Sprache edcldenkcud melodisch einher; die Popische Muse geht zwangvoll und gebrechlich, oft sogar unedel daher', über und über bedeckt mit einem Geklingel von Reimen. Noch zwei vorzügliche Dichter folgen auf Pope, Pvung und Thomson. Jener, der durchaus rin Original seyn wollte, wetteiferte in seinen Nachtgedanken mit Shakespeare , Milton, Pope und allen Lehrdichtern der Welt, in seinen Satyreit mit Swift, (den er sehr unwcrth behandelt), mit Pope und allen Satyrendichtern, in seinen Trau- spielett mit Shakespeare, Otway u. f. Ein kühner Versuch, original zu scyn, mit welchem er aber doch am Ende nichts als Sermons, Predigten zu Stande brachte, er mochte sie Nachtgedan- km, oder Oden, Satyren oder Trauerspiele über- 366 17. Ideen zur Geschichte und Kritik schreiben. Seine höchste und liebste Figur in den Nachtgcdankcn heißt Parenthyrsus, (Ue Vertreibung) die zwar allenthalben die witzigsten Ti- raden, Eine aus der andern, hcrvortreibt, und unsäglich viel schöne Sachen sagt, am Ende aber doch nichts thut, als den menschlichen Verstand über seine natürliche Höhe schrauben. Mich wundert, daß man tzsoung je für einen tiefsinnigen Dichter gehalten hat; ein äußerst witziger, parenthyrsisch-beredter, nach Originalität aufstrebender Dichter ist er auf allen Seiten. Reich an Gedanken und Bildern, wußte er in ihnen weder Ziel noch Maas; wie er auf P o- p e's scherzhaften Rath in Thomas von Aquino die Englische Theologie studiere, so würde er diese allenfalls auch im Koran studirt haben. Wenige Dichter sind daher mit so viel Vorsichtigkeit, wie Er, zu lesen; in seinen Nachtgedanken, wie der Name sagt, ist er als ein Denker zu prüfen und jede Coq nette rie des Witzes für das zu halten, was sie ist, wenn sie auch die heiligsten Sachen beträfe. Thomson, wie unser Geßner und Kleist, ein liebenswürdiger Name. Erfunden hatte er seine Gcdicktart nicht, ob sein Verehrer Aikin ihm gleich diesen Ruhm zuschrcibt; in Mil ton u. a. lag sie, vielleicht in einem Keime, der künftig einer noch schöneren Entwickelung fähig ist, längst da. Thomson aber hat den Keim überlegend erzogen; dessen gebühret ihm die Ehre. Zu gut wußte er selbst, daß Jahrszeitcn sich in Worten und einförmigen Iam,- ben nicht mahlen lassen ; er behandelt also sein The^ ma, wie er die Freiheit, die Burg der Trägheit und andre Gegenstände behandelte, philosophisch. der Poesie und bildenden Künste. 867 Schildernde Lehrgedichte sind seine Jahreszeiten: denn mit Empfindung zur Lehre muß eine Gegend geschildert werden, wenn sie als -Poesie in die Seele deS Hörenden wirken soll; eine Kunst, die alle Nachahmer Thomsons nicht eben verstanden haben mögen. Er verstand sie, und so wird aus dem, was ick bei- gebrachl habe, ziemlick klar, daß die Poesie der Engländer von Miltons Zeiten an eine rcflecti- rende Poesie gewesen. Die Jtalianifche singet; die Französische Prosa-Poesie raifonirt und erzählet, die Englische in ihrer äußerst unmusikalischen Sprache denket. 49 - Das wahre Feld der Englischen Poesie haben Sie Nicht berühret; es ist die einkleidende Pr 0- se. Sobald Chaucers Reime und die alten Balladen abgekommcn waren, man auch merkte, daß Spensers Stanzen dieser Sprache eben so schwer als langweilig werden müßten, suchte man nach dem Beispiel Frankreichs die leichteste Auskunft, Prose. Auch hier gab den Engländern ein Engländer-, Shakespeare, Art und Weise. Er hatte Charaktere und Leidenschaften so tief aus dem Grunde geschildert, die verschiedenen Stande, Alter, Geschlechter und Situationen der Menschen so wesentlich und energisch gezeichnet, daß ihm der Wechsel des Ortes und der Zeit, Griechenland, Rom, Sieilien und - .-»k 368 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Böhmen durchaus keine Hindernisse in den Weg legten» und er mit der leichtesten Hand dort und hier hervorgerufen hatte, was ec wollte. In jedem seiner dramatischen Stücke lag also nicht nur ein Roman, sondern auch ein in seiner Art aufs vollkommenste nicht etwa beschriebener, sondern dargestrlltcr philosophischer Roman fertig, in dem die tiefsten Quellen des Anmuthigen, Rührenden, wie andern Thcils des Lächerlichen, Ergötzlichen geöffnet und anverwandt waren. Sobald also jene alten Ritter-und Liebesgeschichten, von denen zuletzt Philipp Sidncy 's Arkadia sehr berühmt war , einer neuern Denkart Platz inachten; so konnte man in England kaum andre als Romane in Shakespeare' s Ma n i er , d. i. philosophische Romane erwarten. Der Weg zu ihnen war freilich ein beschwerlicher Weg; er ging durch Politik und Geschichtet Da England das erste Land in Europa war, in welchem der dritte Stand über Angelegenheiten des Reichs mitsptechen durfte, und von den Zeiten der Elisabeth an es ein so bewerbsamer Handelsstaät geworden war: so gingen die cigenthümlichen Sitten seiner Einwohner natürlicher Weise freier aus einander. Nicht alles war und blieb blos König, Baron, Ritter, Priester, Mönch, Sklave. Jeder Stand zeichnete sich in seinen Sitten ungestört aus, und durste nicht eben, um der Verachtung zu entgehen, Sitten und Sprache seiner höher» Mitstande nachah- mcn; kurz, er durfte sich auch in seinem Ir rnonr zeigen. Ohne Zweifel ist dies der Grund, warum , der Poesie und bildenden Künste, 36z warum die Engländer diese Eigenschaft so, eifrig zu einem Zuge ihres Nationalcharakters gemacht haben; ihr Irrrnrour nämlich war ein Sohn der Freimüthig- keit und eines eignen Betragens in allen Ständen. Witz, Eigensinn, gute und böse Laune, tolle Einfalle n. s. haben andre Nationen, wie sie, oft besser als sie; nur keine Nation, (ehemals vielleicht die Holländer und einige Deutsche Reichsstädte ausgenommen), glaubte sie so offenbar äußern zu müssen, weil jede andre Nation das Gesetz der Gleichstellung mit andern zu hoch hielt. Wie aber der Italiener seinen Caprici, der Franzose seiner Gaskonadc freien Lauf läßt, so gab der Engländer seinem trägeren churnour nach; ein großes Feld für Komödien und Romane — Wie die Parlamente in England das öffentliche Reden in Gang brachten: so die öffentlichen Blätter das Schreiben über Meynungen und Charaktere. Zeitungen und Pamphlets, Wochenblätter und Monatschriften hatten Einkleidungen und Schreibart dem Englischen Roman gleichsam zu- gebildet, daher es kein Wunder ist, daß der Französische, Spanische und Italienische Roman eine gan; andere Straße nahm, Insonderheit ist der Englische Roman den Triumvirn der Englischen P'rose, Swift, Addison und Steele, den größesten Dank schuldig. Der erste schrieb seine Sprache in der höchsten Genauigkeit (Proprietät), die er in einer Menge von Einkleidungen zu erhalten wußte. Sein Roman der Menschenfeindschast, Gulliver, ist vielleicht vom menschenfreundlichsten, aber kranken, Herders W.z.schL».Lit,u,Kunst. VII. Aa 370 H. Ideen zur Geschichte und Kritik tiefverwundeten und seines Geschlechts überdrüßigen Denker geschrieben. Der glückliche Addison war von einer frohern Gemüthsart. Er und sein Gehülst, Steele, besaßen eben die goldne Mittelmäßigkeit, die zu guten Prose - Schriftstellern gehöret. Als Männer von Geschmack und von Welt- kenntniß hatten sie das Richlmaas 'in sich, für die Menge zu schreiben, in keine Materie zu tief zu dringen und zu rechter Zeit ein Ende zu finden. Sie haben der Englischen Prose Eurs gemacht und ihr das Mittelmaas gegeben, über und unter welchem man nicht schreibet. Nun konnten also nach und nach (viele andere Vorarbeiten ungerechnet) die drei glücklichen Romanhelden austreten, Fielding, Richardson, Sterne, die zu ihrer Zeit Epoche machten. So verschieden ihre Manier ist, so wenig schließen sie andre glückliche Formen aus, wie Smollers, Goldsmiths, Eumberlands und in andern Nationen andre schätzbare Originale zeigen. Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange als der Roman; unter allen ist ec auch der verschiedensten Bearbeitung fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten — in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz intercssiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegend, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche selbst kann und darf in einen Roman gebracht werden, sobald es unfern Verstand oder unser der Poesie und bildenden Künste. 371 Herz intcressirct. Die größesten Disparatcn läßt diese Dichtungsact zu: denn sie ist Poesie in Prose. Man sagt zwar, daß in ihren besten Zeiten die Griechen und Römer den Roman nicht gekannt haben; dem scheint aber nicht also. Homers Gedichte selbst sind Romane in ihrer Art; Herodot schrieb seine Geschichte, so wahr sie scyn mag, als einen Roman; als einen Roman hörten sie die Griechen. So schrieb Tenophon die Eyropadie und das Gastmahl; so Plato mehrere seiner Gespräche; und was sind Lucians wunderbare Reisen? Wie jeder andern haben also auch der romantischen Einkleidung die Griechen Ziel und Maas gegeben. Daß mit'der Zeit ein Roman einen größeren Umfang, eine reichere Mannigfaltigkeit bekommen, ist natürlich. Seitdem hat sich das Rad der Zeiten so oft umgewalzt und mit neuen Begebenheiten auch neue Gestalten der Dinge zum Anschauen gebracht; wir sind mit so vielen Weltgegenden und Nationen bekannt worden, von denen die Griechen nicht wußten; durch das Zusammentreffen der Völker haben sich ihre Vorstellungen an einander so abgerieben, und überhaupt ist uns der Menschen Thun und Lassen selbst so sehr zum Roman worden, daß wir ja die Geschichte selbst beinah nicht anders als einen philosophischen Roman zu lesen wünschen. Wäre sie immer auch nur so lehrreich vorgetragcn, als Ficl- dings, Richardsons, Sterne's Romane! — Viel denkende Dichter hat also England in Poesie und Prose hervorgebracht, und die Nation ist auf Aas -72 II. Ideen zur Geschichte und Kritik sie unermeßlich stolz; die Dichter selbst aber starben meistens eines elenden, wohl gar des Hungertodes. So. Der poetische Himmel Britanniens hat mich erschreckt. Wo sind unsre Shakespeare, unsre Swifts, Addisons, Fieldings, Sterne? Wo ist jene Menge von Edlen, die vorangingen oder wenigstens mit am Werk waren, die Philipp Sidney, Walter Raleigh, Baco, Nos- common, Dorset, AlgernonSidnc», Shaftesbury, Halifax, Sommers, Bo- lingbrockc, Littleton, Walpole u. f.? Wir wachten auf, da cs allenthalben Mittag war und bei einigen Nationen sich gar schon die Sonne neigte. Kurz, wir kamen zu spat. Und weil wir so spät kamen, ahmten w i x nach: denn wir fanden viel Vortreffliches nachzuahmen. Franzosen, Spaniern, Italienern, Britten, selbst Holländern ahmten wir nach; und wußten nie recht, wozu und weswegen? Unser verdienter Opitz war mehr Uebersetzer, als Dichter. In Weckh erlin u. a. ist der größeste Theil fremdes Gut. So sind wir fortgeschritten; und wer ahmt uns nach? Wenn in Italien die Muse singend convcrsirt, wenn sie in Frankreich artig erzählt und vernünftelt, wenn sie in Spanien ritterlich imaginirt, in England scharf-oder tiefsinnig denket ; was thüt sie in Deutschland? Sie ahmt nach. Nachahmung wärt der Poesie und bildenden Künste. 3^3 also ihr Charakter, eben weil sie zu spat kam. Die Lriginalformen waren alle verbraucht und vergeben. Sr. So übel stehet's nicht mit der Deutschen Muse, wie Sie fürchten. Es ist vielleicht der Hauptfehler unsrer Nation, daß sie aus zu großer Gefälligkeit gegen Fremde sich selbst nicht kennet Und achtet. Wahr ists, wir kamen spat; desto jünger aber sind wir. Wir haben noch viel zu lhun, in- dcß andre ruhn, weil sie das Ihrige geleistet haben. Und waren wir in jenen Zeiten müßig? Nichts weniger; durch andre, vielleicht wichtigere Geschäfte wurden wir von einer Bahn zurückgehalten, die uns immer noch blieb. Für ganz Europa standen wir damals vor den Riß, sowohl gegen Roms Despotie, als gegen eindringende Hunnen und Tataren. Daß Europa nicht zum Kalmuckenlande oder zur Türkei ward, haben Deutsche verhindert; Raum zudem friedlichen Garten, den die Musen lieben, haben sie mit ihrem Blut erfochten. Unsre Sprache ist im Besitz älterer Poesie, als deren sich Spanier, Italiener, Franzosen und Britten rühmen können; *) einzig nur unsre Verfassung *) S. Schilterjs tdezaur. Z74 H- Ideen zur Geschichte uitd Kritik war Schuld, daß wir Jahrhunderte lang dies Feld ungebauet ließen. Wir zogen nach Italien, und sonst in der Welt umher; haben aber doch, selbst in diesen fürchterlichen Zeiten, für ganz Europa manches Nützliche erfunden. Endlich, da die Reformation aus unsrer Mitte hervorbrach, und uns nach vielem andern Ungemach mit dem dreißigjährigen Kriege eine fast allgemeine Verwüstung und die so gefährliche Bekanntschaft mit fremden Nationen auf den Hals zog; — müssen wir, wenn wir die Geschichte Deutschlands durchgehn, uns nicht wundern, daß noch so viel ward, als geworden ist? Denn nun reileten die Fürsten, die Edeln. Sie staunten das Ausland an, und sprachen, lasen, schrieben fremde Sprachen. Und unsre gutherzigen Dichter freuten sich jeder neuen Sonne, die aufging, fanden sich geehrt, wenn sie Gesänge auch nur z ereignen durften, ohne daß sie gelesen wurden. In Siebenbürgen dichtete der gute Opitz, Weckher- lin in England und Frankreich, Flemming am Caspischen Meer Deutsche Gedichte; niemand dankte es ihnen, daß sie es thaten. Und wer verdankte cs dem Andreas Grpphius, dem von Lohe risst ein, daß sie unter ihrer Bürde bürgerlicher Geschäfte für Sprache und Poesie das thaten, was sie gethan haben? Dank also auch dem guten von Log au, daß er in den wilden Zeiten des dreißigjährigen Krieges seine dreitausend Sinn - und andre Gedichte aufschrieb, ob er gleich ein Deutscher Baron war. Dank einem Dietrich von dem Werder, daß er dcnTasso übersetzte, und gleichwohl Hosmarschall der Poesie und bildenden Künste. 378 ftyn konnte, ja gar ein Regiment commandirte- Dank — 0 wie tief haben wir Deutsche anfangen, aus welcher drückenden Barbarei) uns Hervorarbeiten müssen, die uns noch allenthalben sogar als Ehre, als Vorzug, als Stammes - und Nationalruhm anklebt ! „Welcher Mann von Ahnen wird ein koste, ein Luvant, ein kkilosoxlie seyn wollen, wenn er auch ein Tasso, ein Baco, ein Shaftesbury werden könnte?" — Solon und Alexander, Casar und Augustus, so viele Fürsten und Edle in Italien, Spanien, Frankreich, England dachten anders. „Weil wir also spat kamen, so ahmten wir freilich viel nach: denn wir fanden viel Vortreffliches »achzuahmen. " Dies war Natur der Sache, nichts mehr und nichts minder; wer zuletzt kommt, thate sehr unrecht, wenn er nicht nachahmte. So folgten die Römer den Griechen, den Römern die Mönche, Mönchen und Arabern die Provenzalcn, den Pro- vcnzalcn mittel - oder unmittelbar alle gebildete Nationen Europa's; warum sollten diesen nicht die Deutschen folgen? Alle Kunst ist Nachahmung; nur durch Nachahmung ist der Mensch zur Kunst gelanget; nur durch sie ist er Mensch worden. Ware also auch Nachahmung der Charakter unsrer Nation, und wir ahmten nur mit Besonnenheit nach: so gereichte dieses Wort uns zur Ehre. Wenn wir von allen Völkern ihr Bestes uns eigen machten: so waren wir unter ihnen das, was der Mensch gegen alle die Neben- und Mitgesc kröpfe ist, von denen er Künste gelernt hat. Er kam zuletzt, sah Jedem seine Art ab, und über- trifft oder regiert sie alle. A76 n. Ideen zur Geschichte und Kritik Zu diesem Zweck haben wir ein vortreffliches Mittel in unsrer Gewalt, unsre Sprache; sie kann uns das seyn, was dem Kunst-nachahmcndcn Menschen die Hand ist. Man rühmt den Sklavo- nischcn Sprachen nach, daß sie zur Nachbildung fremder Idiome in jeder Wendung, in jedem Ueber- gange geschickt seven; die deutsche Sprache hat diese Fähigkeit vor allen Töchtern der lateinischen, selbst vor der Englischen Sprache. Alle diese sind von Zwittcrnatur; aus ihren engeren oder weiteren Schranken können sie nicht hinaus, um sich einer fremden Sprache nur cinigcrmaasscn zu bequemen. Vor allen ist die Französische Sprache die gebundenste, die gleichsam gar nicht übersetzen, gar nicht nachbilden kann; eine ewig Ungetreue, muß sie alles nur auf ihre, d. i. auf eine sehr mangelhafte Weise sagen. Die Deutsche Sprache, unvcrmischt mit andern, aus ihrer eignen Wurzel blühend und eine Stiefschwester der vollkommensten, der griechischen Sprache, hat eine unglaubliche Gelenkigkeit, sich dem Ausdrucke, den Wendungen, dem Geiste, selbst den Sylbenmaaßen fremder Nationen, sogar Griechen und Römern anzuschließen und zu fügen. Unter der Bearbeitung jedes eigenihümlichcn Geistes wird sie gleichsam eine neue, ihm eigne Sprache. Mithin halte ichs nicht nur für keine Schande, wenn man uns Nachahmung vorwirft; vielmehr vermehrt es den Rcichthum unsrer Gedanken und Wen§ düngen, unsrer VorstUlungs - und Sprachwcisen, wenn wir, wie keine andre Nation thun kann, die Gestalt fremder Idiome mit überlegendem Verstände und weiser Hand nachbilden. Möge Hagedorn der Poesie und bildenden Künste. dem Horaz,, dem Pope, Chaulieu und vielen andern, die er nicht verschwiegen, möge Gleim dem Anakreon und, wenn man will,, auch dem Aesop, Phadrus', Tyrtaus, Moncrif, Mernard u. f. nachgcahmt haben; ahmten sie als Männer nach, also daß ihre Nachbildung in unsrer Sprache ein Werk war, um so besser; so haben sie ihre Nation mit vortrefflichen Denkweisen mehrerer Geister und Völker bereichert. Einem reichen Dichter unsrer Sprache hat man nachgerechnet, daß er in Homers, Pindars, Tenophons, Lucians, Aciosts, Cervantes, Pope, Fieldings, Sterne, sogar des Königes Davids und der Sultanin S ch e h e ra,z ade Art und Manier Psalmen und Mahrchen, Helden - und Lehrgedichte, epische Gesänge und Romane geschrieben, gedichtet und gesungen ha,bc. Desto besser! Um so reicher sind wir durch ihn worden. Die Ananas, die tausend feine Gewürze in ihrem Geschmack vereint, tragt nicht umsonst eine Krone. 62. Und wäre cs denn wahr, daß die Deutschen so ganz charakterlos nachahmen? Das mindeste Gefühl des Genius unsrer Sprache und unsrer Schriften zeigt etwas anders von den uraltesten Zeiten her. Leset Otfried, leset das alte Siegslicd unter Ludwig; der gutmüthige und b ie der e Charakter 378 II. Ideen zur Geschichte und Kritik der Nation ist schon durchaus kennbar. Er ists in den lateinischen Schriftstellern der mittleren Zeiten, wie in unfern altdeutschen Sprüchwörtern, Apophtheg- men und Reimen. Allenthalben findet ihr altdeutschen Witz und Verstand in den kürzesten ungekünstelten Worten. Wer am Charakter der Deutschen Nation zweifelt, darf irgend nur ein Wörter- oder Sprüchwörtcrbuch, Agrikola, Frank, Zinkgraf, Lehmann, oder eine Sammlung von Geschichten, Lehrsprüchen, Liedern, Fabeln und Erzählungen durchgehen. In Tri mb erg, Kaisersberg, Brandt, Luther, Rollen Hagen, Opitz, Logau, Dach, Tscherning u. s. spricht dieser verstand- und lehrreiche Genius auf allen Seiten. Vergleicht unsre Deutschen Minnesänger mit den Provenzakcn. Nicht nur von Seiten der Sitte gewinnen die unfern, sondern oft auch in Rücksicht der innigen Empfindung. In Süden, wenn ihr wollt, ist mehr Lustigkeit und Frechheit; hier mehr Liebe und Ehre, Bescheidenheit und Tugend, Verstand und Herz. Rechtliche Ehrlichkeit also, Richtigkeit in Gedanken, Starke im Willen und Ausdruck, dabei Guimüthigkcit, Bereitschaft zu helfen und zu dienen; dies ist die Gemüthsaet unsres Volks, die es auch im Nachahmcn, selbst im ungeschickten Nachahmcn des Fremden, nie verlaugnen konnte. Denn woher siel das Nachahmen der Deutschen oft so ungeschickt aus - Weil sie es allenthalben zu ehrlich meyn- ten, so wurden sie oft getauscht und betrogen. Die ganze Nachahmungssucht der Deutschen rührt von ihrer G u t m üthi gkeit her. Sie dachten zu be- der Poesie und bildenden Künste. 37g scheiden von sich, und wollten immer lernen, auch wo sie allenfalls lehren konnten. Der üble Geschmack, in den sie sich zu Hof manns waldau und L 0 - hensteins, zu Tal anders, Welse und Mc- nantes Zeiten stürzten, rührte von ihrer gutmü- lhigen Gefälligkeit gegen die sogenannten Leute von Welt, gegen ihre Großen und Hosleute her, die in diesem üblen Geschmack das Paradies fanden. Vessers, Königs, Heraus, Neu- ki rch s Canzleipoesien gingen auf eben diesem platt- getretcnen Hofwege ins Verderben. Sobald aber der Deutsche Verstand wieder zu Kräften kommen konnte, zeigte sich sogleich unsere Gemüthsart wieder; Ueberlegung, Biederkeit und Herz. Welche kindliche Gutmüthigkeit herrscht z. B. in Brockes Schriften! Wie ein Liebhaber an der Geliebten hangt er an einer Blume, an einer Frucht, an einen« Gartenbeet, einem Thautropfen! Mit überströmendcr Wortsülle mahlt er seinen Gegenstand voll Liebe und Bewunderung, um ja keine andre als gutmüthige Empfindungen zu erregen. Gegen Cowleys Beschreibung von Pflanzen und Blumen «verden «vir unfern Brockes nicht tauschen. Die Poesie der Niedersachsen ging auf eben dem Wege fort. Hagedorn ist ihr schöner klassischer Gipfel. Lege man mir Waller, Denhain, Gay, Noscommon, Dorset und noch eine Reihe solcher Helden zusammen; Hagedorn bleibt mir. Wir haben in ihm die Blüthe von hundert lehrreichen, angenehmen, moralischen, fröhlichen Dichtern. ZIo II. Ideen zur Geschichte und Kritik Ihm gegenüber steht Haller, der eine Alpen- last der Gelehrsamkeit auf sich trug. Was von Haller mit Pope verglichen werden kann, ist über Pope, was aus Pope's lebendiger Welt an feinen Satyren und Charakteren in feinem Neim- geklingel da steht, würde Haller redlicher ausgestellt haben. Bewahre uns die Muse, vor Dichtern, Lei denen Verstand ohne Herz, oder Herz ohne Verstand ist. Zwei Popische Gedichte wünschte ich indessen meinem Vaterlande wohl eigen, seinen Versuch über den Menschen und über die Kritik. Ick) habe nicht den mindesten Zweifel, daß wir beide besser, als Pope sie schrieb, zu ihrer Zeit bekommen werden. Unsres Hallers Gedichte sind ein Nichtmaas der Sitten, so wie der Wissenschaft und Gcdenkart. Man kann von ihnen und den Werken mehrerer deutscher Dichter sagen, daß kein falscher Gedanke (Religionsvorstellungen etwa ausgenommen) in ihnen fey; welches man von wenig ausländischen Dichtern sagen möchte. Wie Hallers Ode auf die Ewigkeit ist, erscheint nichts Aehn- lichcs in P o p e. Und noch hatte Haller, außer seinen großen Verdiensten um mehrere Wissenschaften ein Glück, dessen sich der Engländer nicht rühmen konnte, er ward, wie Opitz, der Vater eines bessern Geschmacks in Deutschland, da Pope nichts anders als Drydcns und mehrerer Vorgänger feinerer Nachganger war. — Ohne Zweifel erwarten Sie nicht, daß ich jede gutmürhige Bemühung der Deutschen nach Jahren durchgehen soll, wie sic z. V. den Verstand und der Poesie und bildenden Künste. 38r Witz ihrer Landesleute bald belustigten, bald erweiterten, oder dazu hiehcr und dorther beitrugen. Jeder thal was er thun konnte; und Gellcrts, Cramers, der beiden Schlegels, Rabners u. a. guter Wille wird dabei gewiß aufwiegen können, was die Richer, la Motte und I. B. Rousseau, oder die King's, Philipp's u. f. auswärts geleistet haben. In ihrer Lage sind mir die Namen Lange und Pyra wcrther, als hundert schreibselige Namen spaterer Zeiten. Kleist kommt; und wer verkcnncte an ihm sein deutsches Herz, seinen cdeln Charakter? Als Künstler der Poesie, dazu in mancherley Arten, möchte ich lieber Thomson seyn, Thomson insonderheit seit er Italien gesehen hatte; aber als Mensch und Dichter gilt cs keine Frage. Kleists Herz lebt in seinen Gedichten, in seinem Frnh- linge, in mehreren seiner Oden, in seinem Ge- burts - und Grabesliede, in seiner Sehnsucht nach Ruhe, in Eßides und Paches. Nach seinem Seneka wollen wir ihn nicht messen; aber den edlen Geist, das patriotisch-menschliche Ge- müth, das mitten unter Kriegessccnen in diese kleinen Gedichte wie in ein Asylum floh und jetzt darin, wie in einer zerstückten Urne sein ewiges Denkmal findet, wollen wir werth halten und lieben. Ihm füge ich Lessing und Gleim bei. Des Ersten Genius lebt in jeder Zeile seiner Schriften, zumal in seinem Nathan; und inGleim's Schriften schlaget gewiß ein Herz vom Wahresten deutschen Charakter. Zu seinen Kriegsliedern war Lessing der Vorredner; in seinen Fabeln, Liedern, 332 II. Ideen zur Geschichte und Kritik und mehreren seiner Gedichte verbinden sich Muth und Treue, Freundesgcfühl, Einfalt und Stärke. Klopstocks Ode an Gleim ist ein Bild des Dichters und seiner Gedichte. Man ist gewohnt, Klop stock den Deutschen Milton zu nennen; ich wollte, daß beide nie zusammen genannt würden , und wohl gar, daß Kl o p- stock den Mil ton nie gekannt haben möchte. Beide Dichter haben heilige Gedichte geschrieben; ihre Muse aber ist nicht dieselbe. Wie Moses und Christus, wie das alte und neue Testament stehen sie einander gegenüber. Miltons.Gedicht ein auf alten Säulen ruhendes durchdachtes Gebäude; Klopstocks Gedicht ein Zaubergemahlde, das in den zartesten Menschenempsindungen und Menschenscenen von Gethsemane aus über Erd und Himmel schwebet. Die Muse Miltons ist eine männliche Muse, wie sein Jambus; die Muse Klopstocks eine zartere Muse, die in Erzählungen, Elegien und Hymnen unsre ganze Seele, den Mittelpunkt ihrer Welt, durchströmet. In Ansehung der Sprache hat Klop- stock auf seine Nation mehr gewirkt, als Milton vielleicht auf die seinige wirken konnte; wie er denn auch ungleich vielseitiger, als der Dritte, über dieselbe gedacht hat. Eine seiner Oden im Geschmack des Horaz ist nach dem Richtmaas der Alten mehr werlh, als sammtliche hochaufgethürmte brittische Odengebaude. — Daß Klopstock zu seinem Hermann einen Gluck fand, daß er durch seine Gesänge ihn und andre seines Geistes zu dieser Gattung einfacher Musik weckte, gehöret mit zu den glücklichen Begegnissen seines Lebens; dem blinden Barden der Poesie und bildenden Künste. 383 in Britannien ward mit seinem Lycidas und Samson dies Glück nicht. Wenn überhaupt die Muse der Tonkunst in der Einfall und Würde, die ihr gebühret, zu uns zurückzukehrcn würdigte; wessen Worte würden sie freundlicher hernieder zaubern, als Klopft ocks? — Wollten wir die goldnen philosophischen Oden «nsers Uz gegen die Oden des Cowlep; Hagedorn gegen Waller; Croncgks bessere Gedichte gegen Prior; Witthof sin seiner ersten Ausgabe) gegen Akenside, Gersten berg selbst gegen Ot- way und Waller vertauschen? Ich bleibe bei meinen Landesleuten; bei wenigecm Glanze der Kunst ist in ihnen mehr Gemüth, mehr wahre Empfindung. In allen Liedern, die von unsrer Jugend gesungen werden, so verschieden der Genius der Dichter scy, in Claudius, Hölty, Slolberg, Iacobi, Voß, Schiller ist der Charakter unsrer Nation, Gemüth, kennbar. — Selbst die Art, wie sich die Deutschen fremder Erscheinungen angenommen haben, zeigt die Herzlichkeit ihres Charakters. Wo ist dem Milton und Ossian warmer gehuldigt worden, als in Deutschland? Stand in England jemand auf, der sich des Galischen Singers angenommen hatte, wie Denis? den er beseelt hatte, wie z. B. Kosegarten und mehrere unserer Landsleute? Nehmet eine ausgewählte Sammlung deutscher Lieder und stellet sie der besten Englischen entgegen; an innerem Werthe, wohin wird die Waage sinken? Ihre Gesänge der Empfindung sind meistens Schottische Lieder. S84 n. Ideen zur Geschichte und Kritik Gern nenne ich noch zusammen Wieland und Geßner. Den ersten hat man sehr unzcitig mit Voltaire verglichen, mit Voltaire, der bei dem Hel- testen Kopf und der schlauesten Gewandtheit doch nur ein witziger Satyr war, und zwar im Grunde nur in einer Manier des Witzes, die er tausendfach zu verändern und nach dem Geschmack seines Zeitalters, ja wo möglich jeder Person in demselben zu modisi- circn wußte. Die Muse unsres Landsmannes ist ein reinerer Genius, der in jeder Gestalt, die er annimmt, gewiß einen edleren Zweck hatte, als uns dlos witzig zu amusiren. Ein achter Jünger jener alten Aaz'L cisncia, ob er uns nach Delphi oder Tarent, nach Sicilien oder Salerno, ins Faß des Diogenes oder an die Tafelrunde, nach Bagdad oder ins Fecnland geleite. Der Geist der sokratischen Schule verließ ihn selten: denn seine oft mißverstandene Philosophie ist am Ende doch Weisheit des Lebens. Warum ist Geßner von allen Nationen, die ihn kennen lernten, mit Liebe empfangen worden? Er ist bei der feinsten Kunst Einfalt, Natu.r und Wahrheit. In Darstellung einer reinen Humanität sollte ihn selbst das Sylbcumaas nicht binden; wie auf einem Faden, der in der Luft schwebt, lässct er sich in seiner poetischen Prosc oder prosaischen Poesie jetzt auf blühende Fluren hinab, jetzt schwinget er sich in die goldnen Wolken der Abend- und Morgenröthe, bleibet aber immer in unserm blauen Horizont gesellig, froh und glücklich. Mil Kindern ward er ein Kind, mit den ersten Menschen einer der der Poesie und bildenden Künste. 385 der ersten schuldlosen Menschen, liebend mit den Liebenden und selbst geliebt von der ganzen Natur, die ihm in seiner Unschuld ihren Schleier wegzog. Gerade der einfachste Dichter, dessen ganze Manier Verbergung der Kunst war, ist unser berühmtester Dichter worden, und hat manche Ausländer mit dem süßen Wahne getauscht, als sei alle unsre Poesie reine Humanität, Einfalt, Liebe und Wahrheit. 53 . Bei der gntmüthigen Lehrhaftigkeit, die Sie den Deutschen zuschreibcn, vergessen Sie, daß Form das Wesen der Poesie ist; und wer begreift schwerer was Form sey, wer kann sich in sic minder fügen, geschweige sich dieselbe an- und zubildcn, als ein Deutscher? Unser Leben, unsre ganze Verfassung ist ja Unform. Ihr gelehrter Opitz übersetzte aus allen Sprachen; aber wie schwer! wie einförmig! Lesen Sie seine Antigone, seine Troj a n c rinn en, seinen Apoll und Daphne, (eine italianische Oper,) seine Sonnette und Sinngedichte; wie schwer und einförmig! Zweitens. Kritik muß die Poesie als Kunst ausbilden; was ist aber Kritik bei den Deutschen? Eine verpachtete Bude, eine verachtete Lastcrschule. Herders Werke z. schön.Lir.u.Kunst. VII. Bb 386 II. Zdeen zur Geschichte und Kritik Was ist vom Geschmack einer Nation zu halten, die auf ihren Richtcrstühlen des Geschmacks namenlose feile Lictoren verehret? Was ist von ihrer Gutmü- thigkeit zu halten, wenn sie falsch Maas und Gewicht des Urtheils öffentlich duldet? Endlich schcincts, daß die deutsche Poesie auf die von Ihnen angezcigte Weise eine Kinderpoesie sey und seyn werde. Sie unterhalt uns mit schönen Bildern und Abstractionen; oder zaubert uns in ein Arkadien voll Unschuld, Liebe und Einfalt , das nirgend ist, als in der Phantasie der Dichter. Es ist also leicht zu begreifen, daß -Männer von Geschäften und reel - denkende Menschen sich mit Fantastereien solcher Art wenig abgebcn werden. Sie sind Spielwerke der Weiber und Kinder, übck^ Haupt aber eccentrischer, müßiger Menschen. Z4- Form ist vieles bei der Kunst; aber nicht alles. Die schönsten Formen des Alterthums -'belebet ein Geist, ein großer Gedanke, der die Form zur Form macht, und sich in ihr wie in seinem Körper offenbaret. Nehmt diese Seele hinweg; und die Form ist eine Larve. Vollends poetische Form ist vom Gedanken und von der Empfindung dergestalt abhängig, daß ohne diese sie wie ein schöngezimmerter Block dastehet: der Poesie und bildenden Künste. 387 denn Poesie wirkt durch Rede. Rede aber enthalt nicht nur, sondern sie ist eine Folge von Gedanken. Ohne diese ist das schönste Sonnett ein Klinggedicht ; nichts weiter. Soll ich wählen Gedanken ohne Form, oder Form ohne Gedanken: so wähle ich das Erste. Die Form kann meine Seele ihnen leicht geben. Und waren die Deutschen denn von jeher so formlos gewesen? Bei den Minnesingern finde ich dies nicht; bei Reineke dem Fuchs noch minder. Jbrt alten Lieder, Sprüche und Erzäh'ungen haben eine so gedrungene, oft so geistige Form, daß es schwer seyn würde, ein Wort hinzuzutkmn oder hinwegzunehmen. Opitzens Manier ist freilich einförmig; Dank ihm aber für diese Einförmigkeit, die zum Zweck hatte, uns bei der Skansion der Sylbenmaaße festzubnlten. Hätte er sich wie seine Vorgänger an der bloßen Deklamation gereimter Verse begnügt: so wäre er freilich abwechselnder worden; er hätte uns aber auch auf den Irrweg aller der Nationen geführt, die bis auf den heutigen Tag noch keine achte Quantität der Splbcn haben. Unsre Sprache gebietet gleichsam Form, mehr als irgend eine andre; die fran ösische, die englische Spräche sind, mit ihr verglichen, in der Poesie formlos: denn nur Willkübr und Uebcreinkunfr hat bei ihnen hier diese Art des Reims, dort jene Regel des Geschmacks festgestellt, die der Sprache selbst Nach unbestimmt waren. Unsre Spkache strebt der schwersten, zugleich aber auch der schönsten und bestimmtesten Form nach / der Form der Altem Bb 2 333 II. Jdecn zur Geschichte und Kritik Zuerst versuchten wir dieses lyrisch; wer ist, der eine Ode U z, Klo p. s tocks, R a m l e r s formlos nennen dürfte? Der letztgenannte Dichter hat in dem, was Form der Sprache ist, in Oden, Liedern, Cantaten, Idyllen und Sinngedichten so viel geleistet, und an den beliebtesten Formen eigner und fremder Werke fo oft gebessert, daß des Boilcau Feile gegen die seinige ein stumpfes Werkzeug scheinet. KlopsLocks kleinste Ode, Gcrstenbergs kleinstes Gedicht ist eine lebendige Form; und, wer hat uns mehrere, und angenehmere Formen gegeben, als unser Gc> tz? den man den viclförmigen nennen könnte. Auf jedem Hügel des Helikons suchte seine Muse die zartesten Blumen, und band sie auf die vielfachste zierlichste Weise in Kranze und Strauschcn. Sanft ruhe die Asche dieses wahrend seines Lebens unbekannt gebliebenen Dichters! mit jedem Frühlinge blühe fortan sein Andenken auf. Sind Kleists sammtliche kleine Gedichte ohne Form? Sind Wielands Erzählungen', vorn leichtesten Mahrchen bis zu feinem Aga t hon und Oberon hinauf formlos? Leßings Stücke vom Epigramm und Liede bis zu seiner Minna und Emilie, Philotas- und Nathan, jede Fabel und Parabel, ja ich möchte sagen, jedes Urthcil und Fragment dieses scharfsinnigen Weifen hat Form und ist Form, auch wo er vielleicht irret auch wo er nur lernte. Ein andrer Dichter hat sich der Form der Alten auf einem neuen Wege genahet. Durch eine thkilnahmlofe genaue Schilderung der Sichtbarkeit und durch eine thätige Darstellung seiner Charaktere, Goethe. Sein Berlic hingen ist ein Deut- der Poesie und bildenden Künste. 339 sches Stück, groß und unregelmäßig wie das Deutsche Reich ist; aber voll Charaktere, voll Kraft und Bewegung. In jedem seiner spateren Stücke hat er eine einzelne gewählte Form im leichtesten Umriß zu ihrer Act vollendet. So sein Clavigo, seine Stella, sein Egmont, Tasso und jene schone Griechische Form, Jphigenia in Tauris. In ihr hat er wie Sophokles den Euripides überwunden. Auch aus dem Reich der Unformen rief er Formen hervor, wie sein Faust, sein Kophtha; auch andre Gcdichtartcn sind nach Form der Alten glücklich von ihm bearbeitet worden. Wer nach diesen und andern Produktionen, auch in Uebcrschungen aus fremden Sprachen, die Poesie der Deutschen, formlos nennen will, der zeige mir unter Jtalianern, Spaniern , Franzosen und Engländern bessere Formen. Wenn an mehrere ihrer Dichter das Nichtmaas gelegt würde, das Lcßing in einigen Stücken an Corneille und Voltaire legte; wo bliebe Form und Umriß? Bei dem Allen aber komme ich auf den Anfang meines Briefes zurück: Form ist nicht Alles in der Dichtkunst; auch muß man einer Nation Formen nicht auforingen, die ihr durchaus fremd sind. Was in der Welt schadete cs uns, wenn wir keine Italianischc Dper oder keine Englische Komödie hätten? Diese mit allen ihren humoristischen Launen und Charakteren ist bei uns in der Natur nicht da; und ich sehe kein Uebcl darinn, daß sie fehle; auch ist die ganze Wirthschast dieser Komödie keine Deutsche Haushaltung. Wer verbände uns also, fremde Caricaturen anzustaumn und aus ib- ".ULM ' äeE 3go II. Ideen zur Geschichte und Kritik nen ein erzwungenes Vergnügen zu schöpfen? So die kleine Italienische Oper; sie will in Italien gesungen und gespielt !eyn. Wo sie dies nicht werden kann, was ist natürlicher, als dafi, trotz der besten Musik, ein fremdes Volk, an ihrem fremden oft unbedeutenden Inhalt, an Ranken und Scherzen die bei ibm nicht in Gebrauch sind, keinen Ge'chmack sinket?. Der angenehme Müßiggang,, das clolvs kein nisnts, bei dem man sich öffentlich auch an Possen, als an Kunststücken, vergnügt und die Zeit hintandelt, ist unter unserm harter» Himmel nicht zu Haust. Wer aus einem mühseligen Leben ins Schauspiel tritt, will sich nicht blos an der Form als an einem Kunststück freuen, sondern durch etwas Innigeres geweckt sepn. Biele Kunstprodukte frem-, der Nationen sind Kinder der Ueppigkcit und eines Verderbens der Sitten, von dem glücklicherweise manche Provinz unsrer arbeitseligcn Nation noch nicht weiß; sollen wir ihr diese Produkte mit den Ursachen wünschen, die sie erzeugten? und den Geschmack an ibnen verbreiten? Führet einen, gesun- den jungen Mann, ein gesundes keusches Mädchen, in die Kammer des abgelebten Lüstlings oder der feilen Unzucht; werden sie,, denen ein besserer Trieb im Herzen schlagt, oder sich in leisen Wünschen reget, an den frechen Rcizungsmitteln dieser Ausocar- teten und Abgestorbenen -Vergnügen finden? oder sie mit Entzücken ansehn? Schonet der Unschuld, unsrer Nation, wenn ihr sie auch eine dumme Unschuld nennen solltet ; beim belohnenden Gefühl ihrer Gesundheit will sie gern mancher lüsternen Form entbehren. Jedes Volk hat seinen Kreis des Wohlanständigen in sittlichen Begriffen und Gefühlen, der Poesie und bildenden Künste. Fleins welchem es keine erjagte Liccnz eines fremden Volks reißen muß. Daß übrigens die feine Komödie bei uns manche Schwierigkeiten findet, ist unläugbar, aber auch sehr erklärlich. Erziehet die Nation, und sie wird^ auch an feineren Zügen der Sittlichkeit Geschmack finden. Da jetzt Alles sich lesend vergnügen will, meistens aber das Schlechteste liefet; waren nicht hundert Mittel da, diese Lesercien aufs Bessere zu leiten? Bedienet Euch nur einiger dieser Mittel, und das Verderben ist noch abwendbar. Sehr undeutsch wäre es, wenn bei uns die Moralität ein verspotteter Name würde; der alten Sitte nach gehört sie mit zu unserm Charakter und kann uns durch nichts ersetzt werden. Uns fehlet Witz und leichte Natur, uns fehlt ein schöner Himmel, die Unmoralitatcn nur einigermaaßen lustig und leidlich zu machen; Deutsche Ueppigkeit war daher von jeher grob, weil sie in unser Klima, in unsre Lebensart und überhaupt zum Deutschen Charakter nicht gehöret. Lassen Sie mich diesen Brief noch mit dem Andenken eines fröhlichen Dichters schliesscn, der uns unvergessen seyn sollte, Zachariä. Seine komischen Epopecn, seine lyrischen und musikalischen Gedichte enthalten in einer leichten Form so viel Schönes, und bei einer glücklichen Natur ein so geselliges Leben, daß ich sie statt mancher neueren Ziererei jungen Leuten in die Hand wünschte. Und nun zur Kritik der Deutschen. Z92 II. Jdeen'zur Geschichte und Kritik 55 . Mangel an Kritik sollte die Krankheit nicht seyn, an der der Deutsche litte; unsre Langsamkeit, unsre ruhige Ueberlegung macht uns, dachte ich, zu gcbohr- nen Kunftrichtern. Gesunder Verstand war von jeher das Lob, nach welchem der Deutsche strebte. Hundert Sprüchwörtcr und Rcdartcn unsrer ^Sprache zeigen, daß wir auch im gemeinen Leben es auf ein Richtmaas der Sitten treu und ehrlich anlegten. Und wir hatten Muth, unser Urthcil zu sagen. Die Reformation, die von Deutschland ausging, war eine laut- und scharfgesagte Kritik über eine Menge damals geltenden Unfugs. So lange diese Streitigkeiten dauerten, übten wir Kritik Angriffs - und Verthcidigungsweise; andre Nationen folgten uns nach. Und zwar thaten wir dies, (wenige vielleicht nö- thige Falle ausgenommen) mit einer Bescheidenheit, in der uns andre Nationen eben nicht nachfolgten. Unter allen Reformatoren der Philosophie z. B. war Leib nitz der bescheidenste Reformator. Alle Systeme der Alten, glaubte er, ließen sich vereinigen, weil in Jedem Etwas Wahres und Vorzügliches fty; eine solche friedliche Vereinigung war von Jugend auf der Licblingsplan unsres Weisen. Mit unüberwindlicher Gelassenheit stellete er seine Meynungen mit den Meynungen Des-Cartes, Shaftes- buri, Locke, Newton's zusammen; vor so parthciischen Ohren der letzte Streit geführt ward, der Poesie und bildenden Künste. 393 blieb seine Kritik dennoch eben so fest als bescheiden. Ich bewundere die Geduld, die er sich zu ^Vereinigung der Kirchen in Beantwortung theologischer Zweifel nahm; er antwortete Jedem, wie Ers fassen und ertragen konnte. Mit Leib nitz starb dieser Geist philosophischer, friedlicher Kritik nicht ans; auch Wolf und seine Schäler erwiesen ihn selbst gegen ihre bittersten Feinde. Allen Freun.en der Leibnitzischen Denkart ist eine gesunde Kritik heilig, weil sie sich in der Mathematik an Genauigkeit der Begriffe und des Ausdrucks gewohnt haben und keine menschliche Wissenschaft verachten. Der friedliche Alexander Gott lieb Baum garten ward mit seiner seltenen fast ängstlichen Praciston, ohne daß ers wußte und wollte, der Vater einer Schule achter Kritik, auch der schönen Wissensichaften und Künste in Deutschland. Lambert und Kant haben ihre Architektonik und Kritik an seinen Lehrbüchern gescharfet. —l Wie nun? und dennoch hatte Ihr Vorwurf Grund, daß eben in diesem Felde, der Region des Geschmacks und Vortrages in Deutschland eine par- thciische Kritik mit falschem Maas und Gewicht handle? Sic klagen die Gutmüthigkeit unsrer Nation an» die sich Alles gefallen lasse, Alles ertrage und dulde. >— Mich dünkt, die Geschichte der Zeit gebe hierüber einige Auskunft. Als Opitz, Log au, Tscherning u. f. im bessern Geschmack zu schreiben anssngen, warfen sie sich nicht zu Richtern jedes fremden Geschmacks auf; ihre Werke waren Kritik; die Anweisungen, 3g4 H- Idem zur Geschichte und Kritik die Opitz und seine Nachfolger gaben, betrafen meistens nur Sprache und Verskunst. Und sie haben hierin auf eine friedliche Art viel geleistet. Wenn ich Schottels, Stielers, Frisch, Bödikers, Wächters, Haltaus u. a. stille Verdienste um unsre Sprache mit den heftigen und nutzlosen Streitigkeiten unwissender Schriftsteller in den folgenden Zeiten vergleiche: so sche ich dort fleißige Ameisen und Bienen Zusammentragen,, hier laute Wespen schwirren und stechen. Es ist wahr, man lobte sich damals etwas zu viel unter einander; die Glieder der Fruchtbringenden Gesellschaft, des Blumcn - und Schwanen-Ordens u. f. munterten sich einander durch gegenseitiges, oft zu r.iches Lob auf. War dies indessen nicht sehr verzeihlich? Nach so langen Trübsalen itheologischer Streitigkeiten und des dreißigjährigen Krieges frcuc- ten sich diese alten Kinder, daß sic auch eine Sprache hatten, in der sie schreiben und reimen könnten; >ind ist nicht viel, viel Gutes durch die Mitglieder dieser Gesellschaften bewirkt worden ? Wie viele schreiben denn jetzt sn Prose, wie Zinkgraf, Opitz, Harsdörfcr, Rist, Lohenstein u. a. schrieben ? — Lasset uns doch die guten Bemühungen unsrer Vorfahren nicht verkennen! auch über uns wird man ernst als über Vorfahren richten. Es ist schon bemerkt worden, daß an der französischen Sprachenmengerei und an dem Jtalianisch- falschen Geschmack, der im Anfänge unsres jetzt ab- gebcnden Jahrhunderts einriß, eigentlich die Deutschen Höfe Schuld wann. Ihnen bequemten sich die Schriftsteller ; und auch Leibnitz, der zu Fort- der Poesie und bildenden Künste. Zgi» bildunq der Deutschen Sprache so vortreffliche Grundsätze nicht nur batte, sondern auch bei der Akademie in Gang bringen wollte, auch Er schrieb ein Deutsch, das seiner Zeit gemäß war. Noch mehr stöhnten E h ristia n T h o m a si u s, T en z el u. a. diesem Geschmack, der damals für Artigkeit galt; daher Thomasius die gesunde Kritik, die er an die Rechtswissenschaft, und andre Scienzen wandte, auf den Geschmack nicht anwenden konnte. Eanitz, als Hofmann, gab nur durch feine Gedichte, deren wenigste leider zu uns gekommen sind, ein besseres Mulsier. Der Erste, der mit scharfen Pfeilen auf den Lohensteinilchen Geschmack losging, war meines Wissens Wernike, ein Preuße. In England und Frankreich an einen bessern Geschmack gewöhnt, wollte er sowohl durch seine Sinngedichte, (Ueberschrif- tcist als durch die' Anmerkungen, mit denen er sie begleitete, diesen auch den Deutschen zu kosten geben. Nicht mit vielem Erfolg: denn seine Ucberschriften waren hart, und die Anmerkungen doch nur Spöttereien. Sollte man an Jene, die Ueberschriften nämlich, das Maas der Griechen und Römer legen, wie viel Ucberwitz, wie mancher falsche, erzwungene Zierrath müßte hinweggetban werden , auf welchen er doch, wie die verschiedenen Ausgaben derselben zeigen, selbst den mühsamsten Fleiß gewendet. Also war auch, sein Geschmack bei weitem nicht rein und vollendet! Die Hofvcrse dauerten fort , bis fern von Höfen in seinem Garten Brockes die Natur und eben so fern von Höfen Bodmer und Breit in- Z96 II. Ideen zur Geschichte und Kritik ger Sitten mahlten. Immer bleibt Deutschland diesen Reformatoren des Geschmacks, so wie den Hamburgischen Patrioten Dank schuldig; sie thaten , was sie. zu ihrer Zeit thun konnten. B reite ngers Dichtkunst und Abhandlungen zeigen durchaus cin.n Kenner der Alten, der seinen Geschmack an ihnen bewährt hat; auch Bodmers Bemühungen aus neueren sowohl ausländischen, als unsrer alten Deutschen Sprache uns einen größeren Neichthum an Gedanken, Bildern, Fabeln, Einkleidungen und Ausdrücken als'Kunstrichtcr und Dichter zuzuführen, haben ihren Zweck nicht verfehlet. Er hat viel aufgeregt, und sich fast über Vermögen bemühet, indem er bis in fein greises Alter wie der frischeste Jüngling an jedem neuen Produkt unsrer Sprache Theil nahm. Warum aber mußte diese Kritik, die doch Philosophie ist, und ein besserer Geschmack am Schönen und Guten durch einen unwürdigen ^Federkrieg cingessibrt werden? That nicht auch Gottsched was er thun konnte ? Die Weisesten in diesem Streit, Haller und Hagedorn, schwiegen. Der Erste hat auch als Prosaist so viel Verdienst um den bessern Geschmack im Vortrage der Wissenschaften, daß ihm auch die Deutsche Kritik vielleicht den Ersten Kranz reichet. Mitten unter stürmischen Factiv- ncn brachte, er ein schmales Blatt Deutscher Kritik unter den Schutz einer Societat der Wissenschaften selbst und gründete ihm dadurch nicht nur Unpartheilichkcit, Billigkeit und Gleichmuth, sondern auch Thcilnahme am Fortgänge des mensch - . liehen Geistes in allen Weltgcgendcn und Sprachen. der Poesie und bildenden Künste. 3^7 Seitdem sind ^ die Göttin gischen gelehrten Anzeigen nicht nur Annalen, sondern auch B c fö rd e r i n n e n und, ohne ein Tribunal zu seyn, c 0 n su l ar i sc h e Fasten und HülfsqueIle n der Wissenschaft worden, zu denen man, wenn manche cins.itige Kritik verstummt ist, wie durch Ly- bische Wüsten zum stillen Kcnntnißgebcnden Orakel der Wissenschaft reiset, und dabei immer noch Hallers und seiner Nachfolger Namen segnet. Die Trommete war erklungen; es war bestimmt, daß der bessere Geschmack der Deutschen im Schlachtgetümmcl empfangen und gebohren werden sollte. Wo zwei streiten, gewinnet der Dritte. Nikolai schrieb seine Bri.se über den Zustand der schönen Wissenschaften in Deutschland, mit Uebcr- sicht der Fehler von beiden Seiten: denn schon hatten wahrend dieses langen Streits mehrere Schriftsteller von Genie, das, worüber man-stritt, durch die That entschieden. Leßing war Einer von ihnen. Seine mancherlei Vorzüge an Kenntnissen, Geschmack und Schreibart gaben ihm ohne sein Wollen das natürliche und erworbene Recht, durch ein Weniges, der Anfang zu Vielem zu sepn, das wohl nicht sein Plan war. Durch Nicolai, Mcndel- sohn und Ihn fing die Bibliothek der schönen Wissenschaften, durch Ihn, Mendelsohn und Nicolai singen die Literaturbriefe an; unstreitig mit einem Urtheil von feinerer Bestimmtheit, in einem größeren Umfang von Zdeen und einer scharfem Unparthcilichkcit als jene Parthcien geäußert batten. Der Bibliothek nahm sich, nachdem ihre Urheber vom Werk abtraten, ein Schriftsteller 3Z9 II. Ideen zur Geschichte und Kritik an, der als Dramatischer und Lyrischer Dichter unsrer Nation werth geworden ist, Weiße. Winke l m a n n, Hagedorn, Heine, Äa rv e u. a. machten sie, eine Reihe von Jahren hindurch - On den neuesten Jahren kenne ich sie nicht) zu einer Leiterin des guten Geschmacks, die uns zugleich das Merkwürdigste fremder Nationen bekannt machte-. Die Literaturbriesc, zu welchen, nach Leßings Entfernung Abbt beitrat, tbaten dadurch einen merklichen Schritt weiter, daß sie lwi strengem T-> del selbst oft eigene bessere Jde.n cntwickelt.n und in der gewählten Form einer Privatcorresponde'nz keine Orakel der Welt seyn wollten. Lessing insonderheit war ein bescheidner, gegen andre- auch wo er es nicht seyn durste, ein nachgebender Mann und Mendelsohn, wenn ihn die Jünger der zehnten neueren Philosophie als Philosophen ganz zum Kinde werden gemacht haben, wird in der phit losophischen Kritik Deutschlands lange noch als einschätzbarer, verdienter Name gelten. Was nach diesen Zeiten geschehen sey, weiß ich nicht; da ich außer einem kleinen Blatt gewöhnlich kein kritisches Deutsches Journal lese. Vernommen habe ich, daß man wildem alles umfasset und dazu aus allen Ecken Kunstrichter versammelt habe; wie sie gerichtet haben, wie sie richten und richte» werden, ist mir völlig fremde. Au beklagen wäre es freilich, wenn auf diesem Wege alle Kritik in Deutschland Gewicht und Glauben vcrlohrcn bätte > welches ich aber weder hoffe noch glaube. Laß es seyn, daß zuweilen unbactigc Jünglinge, denen, von denen sie gelernt hatten, das Kinn rasiren, uni dcr Poesie und bildenden Künste. doch auch an ihnen berühmt zu werden ; jeder honette Mann, dcr da sieht, wie mit seinem Nachbar gehandelt wird und wer also handelt, wird sich allmählich aus diesen anonymischen Becken-Stuben zurückziehen, und so thut auch hier die Zeit ihr Werk; sie übt eine scharfe Kritik an der Kritik der Zeiten. Wir, meine Freunde, die wir nicht zu Dictato- ren der sinkenden Republik wegen bestellet sind, wollen von uns selbst, von den Alten, von unfern Freunden und Feinden und von Jedem lernen, der Gründe giebt und mit offnem Visier redet. Auch die Kritik ist ohne Genius nichts. Nur ein Genie kann das Andre beurtheilen und lehren. Nur der, dcr selbst Kenntnisse Hat und Kräfte zeigt, kann Kräfte wecken und Kenntnisse befördern. Seit geraumer Zeit, wie unbekannt sind wir z. B. mit den schätzbarsten Produkten des Auslandes selbst im Felde der Kritik geblieben! Leßing übersetzte Wartons Versuch über Pope; der zweite Theil, im Jahr 1782 erschienen, ist uns auch nicht im Auszuge bekannt worden. Eschen bürg gab in seinem Britischen Museum ein paar Abhandlungen aus Wartons Geschichte der Englischen Dichtkunst; einen Auszug des ganzen Werks, so wie andrer nützlichen 4oo II. Ideen zur Geschichte und Kritik Werke über diesen Gegenstand, konnte ec nicht geben: denn sein Museum selbst verschloß sich. ^ Blankenburg gab den Anfang von Johnsens Lebensbeschreibungen der Englischen Dichter, ein Werk voll Kritik, lehrreich auch für uns Deutsche , obgleich nichts weniger als unparteilich; die Fortsetzung unterblieb. Eschenburg gab uns Browns Buch über die Verbindung der Poesie und Musik; Browns wichtigeres Werk über die Sitten, das bereits im Jahr 1767. herauskam und als ein schreckender Spiegel viel Aufsehen erregte, ist noch nicht übersetzt worden. So viel interessante Aufsatze aus Hcnry's, aus Littletons Geschichte, manche null) für uns merkwürdige Abhandlung aus den Sccictätcn der Al- tcrthumsfcrscher, inglcichcn von Dublin, Edin- burg, Manchester, den Transactioncn u. f. sind da, als ob sie für uns nicht waren. Auch mit Georg Förster wie viel ist uns in diesem Betracht gestorben! Ein böser Genius scheint sein Spiel zu haben, indem er (und wogegen?) den Faden zu zerrcissen sucht, der uns mit den Gedanken andrer Nationen verknüpfet. Wir sollen auf unserm eignen Grunde metaphpsicircn, oder uns damit bemühen, womit sich andre längst bemühet haben. Hierhin sollte die Kritik Wicken! uns ins Universum sammtlichcr gebildeten Nationen versetzen, und auf unserm einsamen Gange von ihnen uns Licht und Hülfe zufördern. Urberhaupt glaube ich, daß der Poesie und bildenden Künste. 401 daß dem Charakter unsrer Nation nach die Kritik durchaus belehrend, fordernd, gutmüthig, human feyn müßte; nur auf diesem Wege kann sie etwas und würde gewiß viel erreichen. Unsrer gelehrten Republik mangelt äußere Aufmunterung und Achtung; wollte sie sich zum Spott der Unwissenden, und zur allgemeinen Verachtung machen, in dem sie sich selbst verspottet, würget und auffrißc? Gnug von der Kritik. Sie äusserten den merkwürdigen Gedanken, daß die Poesie der Deutschen eine Kinderpoesie sey; ich hoffe, sie soll es bleiben. So ihr (im guten Verstände) nicht werdet wie die Kinder: so ist weder Tempe noch Elysium für euch. Vor allen Dingen verschonen Sie die Poesie mit Staatsmännern, die über sie richten; das Reich der Poesie ist nicht die Staatswelt. Wenn Sophokles seinen Oedipus milder Scene des flehenden Volks eröffnet; die Pest wüthet; ein geheimes Verbrechen ruht auf dem Vaterlande; Jünglinge und Greise jammern: so ist diese Situation ganz menschlich. Ob Oedipus oder La jus regiere, kümmert mich nicht; daß aber um Eines Verbrechens willen das ganze Volk leide, diese Scene eröffnet ein Trauerspiel würdig. Wenn Aristvphanes Scenen der Menschheit darstellt, weßwegen Friede gemacht werden müsse: so ist dies ein Gegenstand der Muse. Ob aber Kreon der Wurstmacher, oder Kreon der Rie- menschneider das Volk lenke; diese politische Wichtigkeit ist der poetischen Muse sehr gleichgültig. HerderSWerke z.schön.Lit.u.Kunst. Vtl. Ec -Lku.Lr»-/«. .,,02 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Nichts verunreinigt den heiligen Quell mehr, als politischer Parthcigcist; er macht die Muse zur Lügnerin, partheiiich, übertreibend, am jetzigen Augenblick als an einer Ewigkeit hangend, und ihm damit die Ewigkeit crthcilcnd. Die Tochter des Himmels wird unter den Händen der Politik eine kurzsichtige leidenschaftliche Berlaumderin, ein Kind der Erde. Dis politische Poesie der Engländer sey davon ein Beispiel. Warum hat Butler den Rubm nicht erlangt, den sein Hmdibras so sehr verdienet? Das Witzreiche Gedicht stt für ein bloßes Gespött zu lang, für die darin enthaltene Lehre und Warnung zu scbr mit Zeit- Anspielungen überhaust, zu politisch. Jenes gewaltige Vernunft-Genie, Swift, was hat ihn für den gröficsten Theil der Nachwelt unbrauchbar gemacht ? Die politischen Umstande, aus welchen er sein Ge- spinnst zog, und in welche er seine köstlichen Gedanken webte. Die Politik der damaligen Zeit ist ein Traum worden; es macht uns Mühe, jeden seiner tiefen bleibende» Gedanken vom verlebten Traume zu sondern. Wer liefet jetzt Churchills Gedichte? und wer wird Peter Pindar mit reinem Vergnügen lesen, wenn unsere Zeit vorbei ist? Beklagen wird man so viel verschwendete goldne Talente. Mit Unwillen höre ichs also, wenn man unsrer Nation einen Swift wünschet, einen bedaurenS - und hochachtungswürdigen Mann, der nur durch Misfalle ward, was er geworden ist, und vom Glück begleitet ein Genius der Gerechtigkeit und der Klugheit geworden wäre. Und ein Swift in Deutschland ? — Hinweg also Politik aus dem Gebiet der Mu- der Poesie und bildenden Künste. 403 scn! und verwünscht sei jede Aster-Muse, die der Politik stöhnet. Treue und Glauben, Unschuld der Sitten, Biederkeit und Einfalt — das seyn unsre Kastalidcn! alles andre ist vergängliche Thorheit. Jur Jtalianischen acntsLLa, zur Spanischen Zranäe^a, zur französischen leerste, zum brittischen IriZIa- ?xirit wird sich der Deutsche nie hinauf schwingen; was er aber ist und von jeher gewesen, davon ist seine eigene Geschichte eine durch Jahrhunderte erprobte Stimme der Wahrheit. Was alle Dichter singen, wohin si wider Willen streben, was ihnen am meisten glückt, was bei denen, die sic lesen und hören, die größeste Wirkung hcrvorbringt, das ist > Charakter der Nation, wenn er auch als eine unbehauene Statue noch im Marmorblock dalage. Dies ist Bcrnu n ft, reine H u m anitat, Einfalt, Treue und Wahrheit. Wohl uns, daß uns dieß sittliche Gefühl ward, daß dieser Charakter gleichsam von unsrer Sprache zmabtrennlich ist, ja daß uns nichts gelingen will, wenn wir aus ihm schreiten. Lehrgeld in erzwungenen Nachäffungen haben wir gnug gegeben. Mit diesem Charakter wieviel können wir entbehren! Wenn andre Nationen sich im. Geschmack hie und dorthin verirrten, so wird unsre Regel fcst- stchn, die im Mannigfaltigsten die wabreste Einfalt sucht und die Poesie seyn laßt, was sie seyn soll, ein Spiegel der Natur und Sitten, Humanität im gefälligsten reinsten Gewände, Philosophie des Lebens. Dies war einst Orpheus und Apollo's Kunst. 4»4 II. Ideen zur Geschichte und Kritik S 7 . Neuntes F r - g m e n t. Resultat der Vergleichung der Poesie verschiedener Völker alter und neuer Zeit. Die Poesie ist ein Proteus unter den Völkern; sie verwandelt ihre Gestalt nach Sprache, Sitten, Gewohnheiten, nach dem Temperament und Klima, sogar nach dem Accent der Völker. Wie Nationen wandern, wie sich die Sprachen mischen und andern, wie neue Gegenstände die Menschen rühren, wie ihre Neigungen eine andre Richtung, ihre Uebungen ein andres Ziel nehmen, wie in der Zusammensetzung der Bilder und Begriffe, neue Vorbilder auf sie wirken, selbst wie die Zunge, dies kleine Glied, sich anders beweget und das Ohr sich an andre Töne gewöhnt: so verändert sich die Dichtkunst nicht nur bei verschiedenen Nationen, sondern auch bei demselben Volke. Die Poesie zu Homers Zeiten war bei den Griechen ein andres Ding als zu Longins Zeiten, selbst dem Begriff nach. Ganz ein andres wars, was sich der Römer und der Mönch, der Araber und der Kreuzritter, oder was nach wicdcrgefundenen Alten der Gelehrte, und in verschicdnen Zeitaltern verschiedner Nationen der Dichter und das Volk sich an Poesie denken. Der Name selbst ist ein abgezogner, so vielfassender Be- der Poesie und bildenden Künste. 406 griff, daß wenn ihm nicht einzelne Fälle deutlich untergelegt werden, er wie ein Trugbild in den Wolken verschwindet. Sehr leer war daher der Streit über den Vorzug der Alten oder der Neuern, bei welchem man sich wenig Bestimmtes dachte. Er ward noch leerer dadurch, daß man keinen oder einen falschen Maasstab der Vergleichung annahm : denn was sollte hier über den Rang entscheiden? Die Kunst der Poesie, als Objekt? wie viel feine Bestimmungen gehörten dazu, das Höchste der Vollkommenheit in jeder Art und GattuUg nach Ort und Zeit, nach Zweck und Mitteln auszu- sindcn, und auf jedes Verglichene unparthciisch anzuwenden! Oder sollte die Kunst des Dichters nach dem Subjekt betrachtet werden, wie viel dieser vor Jenem glückliche Gaben der Natur, eine günstigere Lage der Umstande, mehreren Fleiß in Nutzung dessen, was vor ihm gewesen war, und um ihn lag, ein edleres Ziel, einen weiseren Gebrauch seiner Kräfte dies Ziel zu erreichen zu seinem Eigcnthum machte; welch ein andres Meer der Vergleichung! So manchen Maasstab der Dichter einer Nation oder verschiedener Völker man aufgestellt hat, so manche vergebliche Arbeit hat man übernommen. Jeder schätzt und ordnet sic nach seinen Lieblingbegriffen, nach der Art, wie er sie kennen lernte, nach der Wirkung die Der und Jener auf ihn machte. Der gebildete Mensch trägt, wie sein Ideal der Vollkommenheit, so auch seinen Maasstab diese zu erreichen in sich, den er nicht gern mit einem fremden vertauschet. Keiner Naticn dürfen wirs also verargen, wenn sie vor allen andern ihre Dichter liebt m,d sie ge- gc>6 II. Ideen zur Geschichte und Kritik gen fremde nicht hingeben möchte; sie sind ja ihre Dichter. In ihrer Spruche Huben sic gebucht, im Kreise ihrer Gegenstände imuginirt; sie fühlten die Bedürfnisse der Nutien, in welcher sie erzogen wurden, und kumen diesen zu Hülfe. Wurum sollte die Nution nicht uuch mit ihnen fühlen, du Ein Band der Spruche, Gedanken, Bedürfnisse und Empfindungen sic fest an einander knüpfet ? Jtaliuner, Franzosen, und Engländer schätzen ihre Dichter, oft mit ungerechter Verachtung anderer Völker, partheiisch hoch; der einzige Deutsche Hut sich verführen lassen, das Verdienst fremder Völker, insonderheit der Engländer und Franzosen, unmäßig zu übertreiben und darüber sich selbst zu vcrnachla- ßigen. Zwar einem Uonng, (denn von Shakespeare, Milton, Thomson, Ficlding, Goldfmith, Sterne ist hier nicht die Rede) gönne ich seine vielleicht etwas überspannte Verehrung bei uns gern , da er durch Eberts Uebcrfc- tzung cingesührt ward; eine Ucbersetzung, die nicht nur alles Verdienst eines Originals hat, sondern auch die Uebertrcibungcn ihres englischen Originals durch den Bau einer harmonischen Prose und durch die reichen moralischen Anmerkungen aus andern Nationen gleichsam zucccht füget und mildert. Sonst aber wird cs den Deutschen immer den Vorwurf einer unentschlossenen Lauigkeit zuziehn, daß die reinsten Dichter ihrer Sprache in Schulen und bei Erziehung der Jugend überhaupt so vergessen und hintangefctzt werden, wie keine benachbarte Ration es thut. Wodurch soll sich unser Geschmack, unsre Schreibart bilden ? wodurch unsre Sprache bestimmen und regeln, als durch die besten Schriftsteller unsrer Nation ? Ja der Poesie und bildenden Künste. 407 wodurch sollen wir Patriotismus und Liebe zu unsrem Vatcrlande erlangen, als durch seine Sprache, durch die vortrefflichsten Gedanken und Empfindungen, die in ihr ausgedrückt, die wie ein Schatz in sie gelegt sind. Gewiß irrten wir nicht nach einem Jahrtausend, in dem unsre Sprache geschrieben ist, in manchen Wortfügungen noch jetzt zweifelnd umher, wenn wir von Jugend auf unsre besten Schrift- steiler kennten und sie uns zu Führern wählten. Indessen soll keine Liebe zu unsrer Nation uns hindern, allenthalben das Gute zu erkennen, das nur im großen Gange der Zeiten und Völker fortschreitend bewirkt werden konnte. Jener Sultan freuete sich über die vielen Religionen, die in seinem Reiche, jede auf ihre Weife, Gott verehrten; es kam ihm wie eine schöne, bunte Aue vor, auf der mancherlei Blumen blühten. So ists mit der Poesie der Völker und Zeiten auf unserm Erdrunde ; in jeder Zeit und Sprache war sie der Inbegriff der Fehler und Vollkommenheiten einer Nation, ein Spiegel ihrer Gesinnungen, der Ausdruck des Höchsten, nach welchem sie strebte (oratio son- oitiva aniroi psrksota.) Diese Gcmahldc, (minder und mehr.vollkommene, wahre und falsche Ideale) gegen einander zu stellengiebt ein lehrreiches Vergnügen. In dieser Gallerie verschiedner Denkarten, Anstrebungen und Wünsche lernen wir Zeiten und Nationen gewiß tiefer kennen als auf dem tauschenden trostlosen Wege ihrer politischen und Kriegsgeschichte. In dieser sehen wir selten mehr von einem Volke, als wie es sich regieren und tobten ließ; in jener lernen wir, wie es dachte, was es wünschte und wollte, wie es sich erfreute, und von seinen 4»8 II. Ideen zur Geschichte und Kritik Lehrern oder von seinen Neigungen geführt ward. Freilich aber mangeln uns noch viel Hülfsmittcl zu dieser Uebersicht in die Seelen der Völker. Griechen und Römer beiseite gesetzt, hangen über dem Mittelalter, aus welchem bei uns Europäern doch Alles hervorging, noch dunkle Wolken. Meinhards schwacher Versuch über die italia irischen Dichter ist nicht einmal bis auf Laßo fortgesetzt, geschweige etwas ähnliches bei andern Nationen ausgeführt worden. Ein Versuch über die spa- ni sehen Dichter ist mit dem gelehrten Kenner dieser Literatur, dem Herausgeber des Vclas- quez, Diez, gestorben. Auf drey Wegen kann man sich eine Uebersicht dieses blumcn- und sruchtreichen Feldes menschlicher Gedanken verschaffen, und jeder ist betreten worden. Eschcnburgs beliebte Beispielsammlung wählet , seiner Theorie gemäß, den Weg der Gattungen und Arten; für Jünglinge ein lehrreicher Weg bei einem geschickten Führer: denn oft kann ihn Ein Name, der sehr verschiedene Dinge bezeichnet, ganz irre leiten. Homers, Virgils, Ariosts, Miltons, Klopstocks Werke tragen einen Namen der Epopee, und sind doch selbst nach dem Kunstbcgriff, der in den Werken liegt, geschweige nach dem Geist, der sie beseelet, ganz verschiedene Produktionen. Sophokles, Corneille und Shakespeare haben als Trauerspieldichter nur den Namen gemein; der Genius ihrer Darstellungen ist ganz verschieden. So bei allen Gattungen der Dichtkunst, bis zum Epigramm hinunter.— Andre haben die Dichter nach Empfindun- der Poesie und bildenden Künste. 409 gen geordnet, da denn insonderheit Schiller*) Viel Feines und Vortreffliches gesagt hat. Allein, wie sehr laufen die Empfindungen in einander! welcher Dichter bleibt Einer Empsindungsart dergestalt treu, daß sic seinen Eharaktcr, zumal in verschied- nen Werken bezeichnen konnte? Oft rühret er ein Saitenspiel von vielen, ja von allen Tönen, die sich eben durch Disharmonien heben. Die Welt der Empfindungen ist ein Geister-oft ein Atomenreich; nur die Hand des Schöpfers vermag daraus Gestalte» zu ordnen. Die dritte, wenn ich so sagen darf, Natury«.'- thodc ist, jede Blume an ihrem Ort zu lassin, und dort ganz wie sie ist, nach Zeit und Art, von der Wurzel bis zur Krone zu betrachten. Das demü- thigste Genie hasset Rangordnung und Vergleichung. Es will lieber der Erste im Dorf seyn, als der Zweite nach Casar. Flechte, Moos, Farrenkraut und die reichste Gewürzblume; jedes blühet an seiner Stelle in Gottes Ordnung. Man hat die Dichtkunst subjektiv und objektiv, nach den Gegenständen, die sie schildert, und nach den Empfindungen, mit denen sie Gegenstände darstellt, geordnet; ein wahrhafter und nützlicher Gesichtspunkt, der auch zu Charakterisirung einzelner Dichter, z. B. Homers und Oßians, Thom- sons und Kleists u. a. der rechte scheinet. Hont c r nämlich erzählt die Geschichten seiner Vorwelt ohne »nerkliche besondre Thcilnehmung; Oßian sin- *) S. die Horen, November. Decernder 179b. Januar 1796. 4io II. Ideen zur Geschichte und Kritik gct sie aus seinem verwundeten Herzen, aus feiner traurig-fröhlichen Erinnerung. Thomson schildert Jahreszeiten, wie die Natur sie giebt; Kleist singet seinen Frühling, mit oft cinbrechenden Gedanken an sich und seine Freunde als eine Rhapsodie von Ansichten, mit Empfindung beseelet. Indessen auch dieser Unterschied bezeichnet Dichter und Zeiten der Dichtkunst sehr leise: denn auch Homer nimmt Theil an seinen Gegenständen, als Grieche, als Erzähler, wie in den mittleren Zeiten die Balladensänger und Uaklisrs, wie in neueren Zeiten A r i- ost und Spenser, Cervantes und Wieland. Ein mchrercs zu thun wäre außer seinem Beruf gewesen und hatte seine Erzählung sgestoret. In Anordnung und Bezeichnung seiner Gestalten aber singt auch Homer auf die höchste Weise menschlich ; wo es uns nicht also scheinet, liegt der Unterschied an der Denkart der Zeiten und ist sehr erklärbar. Ich getraue mich, in den Griechen jede reine menschliche Gesinnung, vielleicht im schönsten Maas und Ausdruck, aufzusinden; nur alles an Ort und Stelle. Aristoteles Poetik hat Fabel, Charaktere, Leidenschaften, Gesinnungen unübertrefflich geordnet. An allen Zeiten war der Mensch derselbe; nur er äußerte sich jedesmal nach der Verfassung, in derer lebte. Sehr mannigfaltig ist die Poesie der Griechen und Römer! in ihren Wünschen und Klagen, in ihren Beschreibungen voll Lust und Freude. So die Poesie der Mönche, der Araber, der Neueren. Den großen Unterschied, der zwischen dem Morgen- und Abcndlande, zwischen Griechen und uns eintrat, hat keine neue Kategorie, sondern die Vermischung der Poesie und bildenden Künste. - ßm der Völker, der Religionen und Sprachen, endlich der Fortgang der Sitten, der Empfindungen, der Kenntnisse und Erfahrungen, bewirket; ein Unterschied der schwerlich mit Einem Wort auszudrücken seyn möcht.-i Wenn ich bei einigen Neuern das Wort Dichter aus Reflexion gebrauchte, so war auch dies unvollkommen: denn ein Dichter aus bloßer Reflexion ist eigentlich kein Dichter. Der Poesie Grund und Boden ist Einbildungskraft und Gemüth, das Land der Seelen. Ein Ideal der Glückseligkeit, der Schönheit und Würde, das in deinem Herzen schlummert, wecket sie auf durch Worte und Eharakterc; sie ist der Sprache, der Sinne und des Gemüths vollkommenster Ausdruck. Kein Dichter kann dem Gesetz entgehen, das in ihr liegt; er zeigt, was er hat und nicht habe. Auch kann man in ihr Ohr und Auge nicht sondern. Die Poesie ist keine bloße Mahlerei oder Statnistik, die Gcmahlde, wie sie sind, ohne Absicht darstellen könnte: sie ist Rede und hat Absicht. Auf den innern Sinn wirket sie, nicht auf das äußere Künstlcraüge; und zu jenem innern Sinn gehört bei einem gebildeten oder zu bildenden Menschen Gemüth, moralische Natur, mithin bei dem Dichter vernünftige und humane Absichk. Die Rede hat etwas Unendliches in sich; sie macht tiefe Eindrücke, die ja eben die Poesie durch ihre harmonische Kunst verstärket. Nie kann also der Dichter blos ein Mahler seyn wollen. Er ist Künstler vermöge der eindringenden Rede, dis das Object, das sie mahlt oder darstcllt, auf einen 4l2 II. Idem zur Geschichte und Kritik rc. re. geistigen, moralischen, gleichsam unendlichen Grund , ins Gemüth, in die Seele mahlet. Sollte also nicht auch bei dieser, wie bei allen Reihen fortgesetzter Nalurwirkungen ein Fortgang unumgänglich seyn? Ich zweifle daran, (den Fortgang recht verstanden,) gar nicht. In Sprache und Sillen werden wir nie Griechen und Römer werden, wir wollen es auch nicht seyn. Ob aber der Geist der Poesie durch alle Schwingungen und Eccentricita- tcn, in denen er sich bisher Nationen - und Zeitcn- tveise periodisch bemühet hat, nicht dahin strebe, immer mehr und mehr, so wie jede Grobheit des Gefühls, so auch jeden falschen Schmuck abzuwerftn und den Mittelpunkt aller menschlichen Bemühungen zu suchen, nämlich die achte, ganze, moralische Natur des Menschen, Philosophie des Lebens? dieses wird mir durch Vergleichung der Zeiten sehr glaubhaft. Auch in Zeiten des grö. ßesien Ungeschmacks können wir uns nach der großen Regel der Natur sagen: tenäiniu» ln tenäiinus! Nach dem Lande der Einfalt, der Wahrheit und Sitten geht unser Weg.