A76 n. Ideen zur Geschichte und Kritik
Zu diesem Zweck haben wir ein vortrefflichesMittel in unsrer Gewalt, unsre Sprache; siekann uns das seyn, was dem Kunst-nachahmcndcnMenschen die Hand ist. Man rühmt den Sklavo-nischcn Sprachen nach, daß sie zur Nachbildungfremder Idiome in jeder Wendung, in jedem Ueber-gange geschickt seven; die deutsche Sprache hat dieseFähigkeit vor allen Töchtern der lateinischen, selbstvor der Englischen Sprache. Alle diese sind vonZwittcrnatur; aus ihren engeren oder weiterenSchranken können sie nicht hinaus, um sich einerfremden Sprache nur cinigcrmaasscn zu bequemen.Vor allen ist die Französische Sprache die gebunden-ste, die gleichsam gar nicht übersetzen, gar nichtnachbilden kann; eine ewig Ungetreue, muß siealles nur auf ihre, d. i. auf eine sehr mangelhafteWeise sagen. Die Deutsche Sprache, unvcrmischtmit andern, aus ihrer eignen Wurzel blühend undeine Stiefschwester der vollkommensten, der griechi-schen Sprache, hat eine unglaubliche Gelenkigkeit,sich dem Ausdrucke, den Wendungen, dem Geiste,selbst den Sylbenmaaßen fremder Nationen, sogarGriechen und Römern anzuschließen und zu fügen.Unter der Bearbeitung jedes eigenihümlichcn Geisteswird sie gleichsam eine neue, ihm eigne Sprache.
Mithin halte ichs nicht nur für keine Schande,wenn man uns Nachahmung vorwirft; vielmehr ver-mehrt es den Rcichthum unsrer Gedanken und Wen§düngen, unsrer VorstUlungs - und Sprachwcisen,wenn wir, wie keine andre Nation thun kann, dieGestalt fremder Idiome mit überlegendem Verständeund weiser Hand nachbilden. Möge Hagedorn