336 II. Ideen zur Geschichte und Kritik
die Alten lesen? „Das Salz der Gelehrsamkeit, sagtIhr Apokryphuß, ist ein gut Ding; wenn aber dasSalz dumm wird, womit soll man salzen?" —Moste Gelehrsamkeit zerstreuet und ermüdet; allesmacht sie zu nacktem, vielleicht unnöthigem Wissenvon Worten , Stellen und Gebrauchen; sie wirst dieSeele hin und her. Das Gcmüth der Jugend willgesammelt, will auf den Kern gerichtet, will fürsLeben gebildet und gestärkt scyn.
Ich begreife selbst, was für eine schwere Auf-gabe es ist, so viele, so mannigfaltige Schriftstellerder Griechen und Römer, Dichter, Redner, Geschicht-schreiber und Philosophen mit u n sr e r Jugend nutz-bar zu lesen; der Grundsatz indessen, nach welchemsie gelesen werden müssen, ist außer Zweifel. Es istder Sinn der Alten selbst, das Gefühl vomWahren, Guten und Schönen, diese alleju Einem System verbunden, in Eine Ge-stalt geordnet. Man nenne diese Gestalt das An-ständige, das sich Geziemende, konestuin»äauoruiri, oder wie man wolle;
sie ist ein unterscheidender Zug der Compositionund Denkart der Alten in ihren besten Schriftstel-lern und würdigsten Männern, auf welchen das Au-ge der Jugend sich vorzüglich heften müßte.
In der Composition der Alten nämlich batAlles Zweck, Plan und Ordnung. Nichts stehetam Unrechten Orte, nichts ist müßig und unschicklichdahin geworfen; und im Ganzen herrscht, wo es ir-gend feyn kann, lebendige Darstellung und Handlung.Die griechische Sprache z. B. ist von der Bildung
der