der Poesie und bildenden Künste. 127
sie mit Schärfe zu behandeln? führt, wie mich dünkt,ihre Auflösung auch mit sich. Man muß keins vonbeiden, und eben hierin bestehet die Philosophie undKunst des Lebens. Alle Ucbcrtreibungcn sind ebenso unwahr, als schädlich; meistens fallen sie auchzusammen und lösen einander auf. Poung z. B.,der in seiner Schrift über die Driginalwerke denarmen Swift heftig und in der Gestalt des Men-schenfreundes selbst menschenfeindlich angriff, hat sichgegen das von ihm verehrte Geschlecht eben soversündigt, da er ihm in seinem jetzigen Zustandedie Würde des Seraphs anschmcichcln, als Swift,da er es zum Pahoo erniedrigen wollte. Jener, umsein System zu verfolgen, ward gezwungen, denLorenzo zu einem Teufel zu machen, damit der er-dichtete Engel in sein Licht träte; dieser mußte seinevernünftigen Pferde mit allen Vollkommenheitenschmücken, die ec doch nur im Menschengeschlechtskannte. Dem guten Rousseau ist es Zn seinenUebertreibungcn nicht anders gegangen; in der Phan-tasie ein Idealist fürs Gute, mußte er in einzelnenUrtheilen und im Betragen des Lebens ein leidendesKind werden.
Zwischen zwei Aeußersten giebt es keinen andernWeg der Vernunft und Rechtschaffenheit, als dieMittelstraße. Man sage so viel Gutes, man schrei-be so viel Böses vom Menschen, als man wolle;lediglich kommts auf den Gebrauch an, den manvon beiderlei Urtheilen macht, wie man sie durchlhätige Güte und Weisheit zusammen vereinet.
Das edlere Schauspiel der Griechen hatte zumZweck, zwischen beiden Extremen eine weise und tu-