der Poesie und bildenden Künste. 121
schweige der Claudia, völlig vcrtheidigcn zu können;ja, es bedarf dieser Vertheidigung nicht, da sich hierAlles in der Sphäre eines Prinzen, um seine Per-son, um seine Liebe, Treue und Affektion drehet.Wer kennt die Ucbermacht dieses Standes beim schö-nen Geschlechtc nicht? und wer darf cs der Emiliein diesen Augenblicken einer solchen Situation ver-argen , wenn sie den Dolch ihres Vaters einer künf-tigen Gefahr vorziehet? Das flatternde Vögelchen,(verzeihen Sie das naturhistorifche Gleichniß), fürch-tet nicht etwa nur den anziehenden Hauch der nahengroßen glanzenden Schlange; es fühlet denselbenschon, sieht ihren auf sie gerichteten Blick — oderohne Gleichniß, sie glaubt sich schon umschlungenvon tausend feinen Netzen liebenswürdiger Eigenschaf-ten , weiß, wie der Prinz ihre Empfindungen derReligion selbst vorm Altäre störte, und wagt, wieeine Heilige, den Sprung in die Fluth. Wie ver-standvoll hat Lessing das Herz der Emilie mit Re-ligion verwebet, um auch hier die Starke undSchwache einer solchen Stütze zu zeigen! Wie über-legt laßt er den Prinzen sie am heiligen Orte auf-suchen , sic in der Kapelle vor aller Welt anreden,und stellt die schwache Mutter, den strengen, groll-haftcn Fürstcnfcind, Odoardo, neben sie. Ihr Todist lehrreich-schrecklich, ohne aber, daß dadurch dieHandlung des Vaters zum absoluten Muster derBesonnenheit werde. Nichts weniger! Der Alte hateben sowohl, als das erschrockene Mädchen in derbetäubenden Hofluft den Kopf verloren; und ebendiese Verwirrung, die Gefahr solcher Charaktere insolcher Nahe, wollte der Dichter schildern.