90 II. Ideen zur Geschichte und Kritik
blonden Haarlocke zu ergreifen; und als der unbeson-nene Fürst, auch nachdem er Zeit zu besserer Ucbcr-lcgung gehabt hatte, sein unbefugtes Machtwort voll-führct, und ihm sein Eigenthum, seine geliebte Bri-scis, raubet, betragt sich Achill gegen die Heroldemit einer hohen Mäßigung. Ungern, wie Briseisdahingcht, sehen wir sie hingehen, und setzen unsmit dem Gekrankten weinend ans Ufer. Da hörenwir ihn der Mutter klagen, und thcilcn mit ihrden Jammer um einen so herrlichen Sohn, den, beieinem kurzen Leben, ohne seine Schuld, diese öffent-liche Beleidigung, dieser Gram, dieser Unmuth tref-fen mußte. Mit Freuden sehen wir den Vater derGötter den großen Wink thun, und den gekranktenin Schutz nehmen.
Wenn nun, ganze Gesänge der Jliade hindurchunschuldige, tapfre, edle Männer, wenn liebe Söhne,junge Gatten, blühende Jünglinge fallen: wer
ist an ihrem Tode, wer an der Trauer, den Thra-nen f dem Verluste ihrer Eltern und Gatten undBraute Schuld? Achilles nicht; er streitet blosnicht mit, und kann und darf'als ein öffentlichund ungerecht Gekrankter, nicht mitstreiten. Unmu-thig sitzt er in seinem Zelt, und feine Myrmidonenmurren zuletzt um ihn her, daß er sic nicht zumStreite führe. Der übermüthige König allein ists,der dadurch die Völker stürzt, daß er nicht nur jenenHelden beleidigte, sondern sogleich auch, im Wahneseines Ruhms, zu zeigen, daß er Achills nicht be-dürfe, seine geliebten Völker zur Schlachtbank hinsührt.
Unglaublich ists, wenn man cs nicht sähe, mitwelcher moralischen Zartheit Homer dies alles einlci-