56 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks
Ein besser erzogener Prinz, eine wohlgegründete,reinere Anstalt, eine schweiqendtbatige Niederlage desguten Geschmacks ist ein Tempel, der kommendenbessern Menschheit heilig!
II. Selbst die eigentlich sogenannten Werkedes Geschmacks, die Muster der Alten, könnenin der gewohnten Erziehung, diese auch nur alsSphäre des Lernens betrachtet, oft die ärgstenAnlässe des Unqeschmacks, des Ekelsund der Verführung werden; ja, was manan deren Stelle setzt, nimmt oft einen noch ärgernAusweg.
Wenn ich einen Künstlerknaben Jahre lang amWerkzeuge schnitzeln lehre, daß er die Natur selbstnie einmal zu Gesichte bekommt: so ist er statt einesBildhauers der ärgste Tagedieb geworden, und hat'dazu sein Werkzeug zerschnitzelt und auf immer ver-derbet. So qehts den Schulmeistern und Phrases-drechslern bei Cicero und Homer. Nicht blos,daß sie keine Homere und Cicerone bilden (da-zu gehörte noch sehr viel); ihre arme Gefangenehaben den Cicero und Homer selbst nie gesehen,ja sich an ihnen verekelt, um sie ewig nicht sehn zuwollen. Motten haben sie also gebildet, den Homerund Cicero etwa in Phrases zu zernagen; sie habenBuben gebildet, die, statt zu mahlen, die Farbevom Gcmahlde kratzen, oder die Paniere des gutenGeschmacks zu Stangen brauchen, womit sie Vogel-nester stören. Mitten unter Schönheiten der Altenwird sodann das Gefühl für die Schönheit verhärtet,und der Geschmack mit Gewalt gezwungen, daß er