i6 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks
blühete, waren nicht eben die tugendhaftesten, undAtken mit allem seinem Geschm'acke, war selbst anBürgcrtugend kein Lacedämon.
Freilich kann der Dichter, der Mahler, derBildhauer, der Tonkünstler von seinem Kunstgc-schmacke Anlaß , Erinnerung , Gestaltund Modell nehmen, seine ganze Seele, seinganzes Leben zu einem gleichen Geschmacke zu bil-den ; und das Ware freilich Tugend. Er kanns:ob ers aber auch wolle ? ob crs auch bis zur Thal,bis zur Fertigkeit und täglichen Gewohnheit wol-le? — welch eine große Frage! Aus einemJnstnitcsimaltheilchen soll ein Berg des Unendlichenentspringen, durch Nichts! auf einmal!
2 ) Aber das ist unläugbar, daß, wo dieSitten bis aufden höchsten Grad ver-dorben sind, auch der Geschmack ver-dorben seyn müsse, und das sebr natürlich.Geschmack ist nur ein Phänomenen der Ver-nunft, die im Genie durch sinnlicheund begehrende Kräfte wirket. Nagt nunan diesen allen der Wurm von innen, so ist auchihre äußere Erscheinung schändlich und häßlich, unddas heißt schlechter Geschmack im weitestenVerstände. Wo Ucppigkcit, Schande, Schwäche,Knechtschaft, Lüsternheit herrschen: da hat keine Kraftder Seele mehr edle Zwecke oder edle Mittel. Mansetzt abscheuliche Gottheiten auf den Altar, denenman auch abscheulich opfert. Die Ordnung der Kräf-te wird zerrüttet, die Kräfte selbst nehmen ab, weil
man