14 I. Ursachen des gesunkenen Geschmacks
Vernunsi bezaubert und verführt scheinen; sobald derin den Tauschungsgarten ermattete Geschmack sichim Spiegel der Wahrheit sah, ermannte er sich, unddie unglücklichen Falle selbst waren ihm itzt Regelnder Weisheit. So heilig und rein ist dieser edleStrahl, daß er, wie die Sonne, zwar umwölktund zurückgeschlagcn, nicht aber in seiner Naturverändert und in Finsterniß verwandelt werden kann.Wohin er wirkt, brennt er und wirft sein Bild ab-
Eben durch den Geschmack haben alsodie Griechen an Vernunft und durch ih-re leichte Vernunft an Geschmack ge-wonnen. Was für eine Welt von Veran-laß sun g en bietet der Geschmack einer prüfendenVernunft zur Uebung dar! Und alles schwebet ihrhier sinnlich vor, Mittel und Zwecke. Das Ur-theil aus solchen Erscheinungen trifft schnell wie derBlitz, und wirkt eben so schnell weiter. In Wer-ken der Art wird mit Feuer gearbeitet, mit Liebhabereigeurtheilt und empfunden: selbst dies Urtheil unddiese Empfindung war bei den Griechen Wettlauf.Wo noch Alles Genie, d. i. rohe Kraft und einSturm der Handlung ist, da hat die Philosophienoch keine Statte; wo ein Volk erwacht und sichaus dem mächtigen Traume sinnlicher Kräfte samm-let, da wird Geschmack; und er in seinem schnellenrichtigen Urtheile, wird ein Vorläufer der Ucberlegungselbst über die unsinnlichsten Begriffe.
Nur muß man auch hier, der Vernunft keinefalschen Vorrechte geben, womit man alles verdürbe.Sie, ohne sinnliche Werkzeuge und Triebe, ist einemuffige Zuschauerin; und sind ihr diese ent-