Christliche Reden
104
weiß welche andere falsche Absichten verspiegelten— was nun zu thun? was insonderheit in Fallenzu thun, wo cs auf Recht und Unrecht, Guiesund Böses, Tugend und Unwürde ankommt, undüber die wir uns doch vergewissern müssen, wo esPflicht ist, uns zu vergewissern-Die Fra-
ge , M> Z., der Scrupcl ist nicht erdichtet, ermuß jedem Menschen, der sich etwas zu bearbei-ten angefangen, dem Tugend und Laster überhauptNicht ganz gleichgültig sind, wenn er die mancher-lei Gestalten des Rechts und Unrechts in den
menschlichen Handlungen gesehen hat, selbst einge-kommcn seyn — selbst eingekomimn aber, und ihnsich aufgelöst zu haben — Welch ein Un-terschied ! da sehen wir ja, daß Einige sich aus
dem Labyrinth nicht anders heraus zu helfen ge-wußt, als daß sie sich, wo sie sich befanden, schwin-delnd niedersctzten: „alle Handlungen, alle Ab-sichten sind am Ende gleich gut und gleich böse!Tugend und Laster erscheinen- in so mancherlei Far-ben und Kleidungen, vertauschen diese Farben undKleidungen unter einander so oft, sie schweben sodämmernd vor, ihre Lichtstrahlen fließen so in ein-ander — Wer kann sie kennen? wer kann sieumziehen oder ergreifen?" Diese Leute haben alsomit dem ärgsten unter allen, mit dem Zweifel analler Tugend geendiget. Andre, die noch nicht da-mit geendiget haben, zweifeln noch fort, und andreEigenliebigere nehmen, wie sie sind, sich zum Vor-bilde , zum Entscheidungs-Maas aller Tugend —— ob mit Recht oder Unrecht? mit Sicherheitoder Anmaßung? oder ob wir denn über andreVölker, Zeiten, Charaktere, Stande, Gestalten