I, G. v. Herders sämmtliche Werke. Religion und Theologie. Dritter Theil. Christliche Reden und HomilieN. ' Erster Theil. 4 E Mit Großherzoglich Badischem gnädigstem Privilegio. Carl s r u h e, im Büre au der deutschen Classik er. r 8 2 6. Inhal t. Seite. I. Antrittsrede in Bückeburg. 1771. . . » II. Von den Schranken undMißlichkciten bei Nachahmung auch guter Beispiele und Vorbilder. »772. 3 ? III. lieber das Gleichniß von mancherlei Saa- menlande. 1772. .... 69 IV. Von llrtheilen über Andere. 1776. . 97 V. Ueber den Selbstruhm. 1776. . . . 129 VI. Rede bei der Einführung eines Superintendenten. 1776.164 VII. Predigt über Luc. 5 , 1 — n., gehalten zu Darmstadt. 1776. . . 173 VIII. (Honiilien über das Leben Jesu, 1773 und 1774.) Jesus, Wort Gottes, Licht und Leben. .191. IX. Ankündigungen Johannes und Jesus. . 209 X. Lobgesang der Maria und des Zacharias. 221 XI. Nachricht an Joseph. 235 XII. Zeitpunkt der Gebstrd Jesu. . . 248 XIII. Lebensscgen Jesu." . . . 262 XI V. Ankunft der Weisen/ - . . 273 XV. Rettunch Jesu. . . 288 X VI. X ViKVXVIII.. Stille'We Jesu. Seligpreisungen Jesu. Christliche Ver- sehnlichKitz-^-^^d F'L . . So, XIX. AuferwecMros^K'Ä^ärüs. . . Si? XX. Ueber die dunkeln und Hellen Aussichten an einem menschlichen Grabe. 1776. 337 XXI. Gebet am Grabmahl der Gräfin Maria von Schaumburg-Lippe. 1776. . 373 l. Antrittsrede in Bückeburg den tzten Mai 17^. Herders Werke z. Rel. li.Thevi. III. >»)chon das Zahlreiche der gegenwärtigen Versammlung ist Zeuge darüber, daß ich die Absicht meiner Predigt als allgemein bekannt vvraussetzen kann. Ich soll- M. A^, das Amt des Ersten Predigers bei dieser Geweine ancreten, zu welchem Sru Durch!. Unser gnädigster Landesherr mich zu berufen geruhet; und wie kann ich also, theils der Gnade und des Zutrauens bei diesem Rufe, theils der Absicht meiner Bestimmung überhaupt, gleich in der ersten öffentlichen Stunde besser ein Genüge thun, als wenn ich meinen ersten Vortrag gleichsam zu einer Vorrede meines Amtes, zu einer Einleitung in meine künftigen Vorträge mache, und gleich jetzt den Ge- sichisbunkt zu bestimmen suche, in welchem ich theils Mein Amt als Lehrer der Religion überhaupt, insonderheit zu unfern Zeiten, betrachtet wissen wollte. Ich weiß, M. Z., daß, wie gegen Alles in der Welt, so auch gegen solche geistliche Antrittsreden manch,« Vorwürfe und Einwendungen obwalten, die in viele Seelen schon zum voraus eine Art von Gleichgültigkeit dagegen auszudreiten pflegen. Man Halts nach einer gewissen zur Mode gewordenen Denkart unsers Jahrhunderts für eine sehr un- A2 4 Christliche Neben wichtige Wichtigkeit, für eine sehr aufgeblasene Weise, hier an einem öffentlichen und sogenannte» heiligen Drt eine große Versammlung von nichts, als von sich selbst, von seiner Person zu unterhalten, oder doch nur von Sachen zu reden, die, so wichtig sie vorgestellt werden, in Beziehung aufs Ganze und in Vergleich mit den übrigen Berufs- artcn eines Landes ja immer nur ins Kleine fallen. — Man Halts für den Rest einer aus uralten, abergläubigen Zeiten übrig gebliebenen Feierlichkeit, daß man Sachen einen Ton gebe, die doch, recht, untersucht, endlich nichts als einen holen Ton, eine leere Feierlichkeit geben können. Man wiederholt, fährt man fort, da Dinge, die hundertmal gesagt sind, bei jedem Antritt wiederholt, und leider selten oder gar nicht gehalten werden — die also, bei allem Langweiligen des Vortrags selbst, noch die üble Lage geben, daß sie, gegen die Ausführung gehalten , meistens lauter Unwahrheiten werden — prächtige Vorreden und Titel, denen das Werk selbst nachher entweder gar widerspricht oder doch sehrnach- bleibt; Formulare, die, wie hundert andere Sachen, mit zu den Dingen gehören, von denen Salomo sagt: „auch das ist eitel!" Zu solch nachtheiligen Schatten ist die Situation, über die ich rede, bei vielen hinein gedrängt worden, die da glauben, denken z u können; und dann endlich — stcr große Haufe, der nicht denken will, wie besucht der meistens diese Feierlichkeit anders, als Feierlichkeit ? als eine Sache der bloßen Neugierde, als einen Auftritt, wo man eine neue Person sieht, eine neue Stimme hört, und Homilicn. 5 und nachher von nichts wichtigerm, als Person und Stimme, Urtheil fällen mag, oder, wenn cs endlich auch in die Seele zu kommen scheint — v! M. Z., so kömmts meistens doch nur bis an die Seele. Es wird eine Art von gedankenloser Andacht, ein mechanischer Zustand, bei dem gewisse andächtige Wellen und Regungen über die Seele weglaufen, ohne daß man bei ihnen was bestimmtes dachte, oder anzuwenden wüßte, kurz eine Betäubung des Kopfs und des Herzens. Nun würde cs mir wehe thun, wenn meine Antrittsrede, oder gar ein Thcil meines Amts das traurige Schicksal hatte, das freilich nirgends-häufiger, als in der Religion ist, so verkannt oder so unnütz zu werden — es wäre alsdann das Amt eines Lehrers der Religion für einen jeden, der sich zu gut fühlt, ein heiliger Müßiggänger oder ein geschäftiger Unterhalter unnützer Regungen zu seyn, das traurigste Loos der Menschheit. Allein, M. A., eben diese Vorurtheile und Mißbräuche, sollten die nicht eben zu einer vorläufigen Erklärung und Einleitung berechtigen und andringen? Man erlaubt es ja zwecn Wanderern, die auch nur einige Stunden und Tage gemeinschaftlichen Weg machen, daß sie sich zum voraus gleichsam auf den Grenzstein, der vor dem Wege liegt, niedersetzcn und sich besprechen, um schon als Bekannte und Freunde den Weg antreten zu können. Man hälts ja bei jedem Geschäfte des Lebens für Pflicht der Weisheit, mit sich oder andern das Gebäude zuerst zu überschlagen, ehe mans übernimmt; 6 Christliche Reden mit andern, die eine solche Bestimmung anacht, die Gedanken seiner Seele als Vorgedankcn zu thcilen, ehe man zur Ausführung schreilct. — Wie? M. Z., und sollte es nur hier, bei einer Angelegenheit, die Herz, Gewissen, Zustand der Seele, Ruhe und Glückseligkeit detrifft, bei einem Amte , das nach unsrer bürgerlichen Verfassung noch das Einzige ist, was auf die innere Gestalt des Menschen, auf die Pflanzung christlicher, bürgerlicher, und National- Tugenden einen Einfluß baden kann — oder es hat nichts auf der Welt mehr Einfluß; — bei einem Amte, das ja nicht einige Habseligkeiten oder Eere- nionien , sondern die ganze Bildung und Umbildung der menschlichen Seele, und die ganze Verfassung derselben , um glücklich oder unglücklich seyn zu müssen, angeht; — bei einem Amte, das ja Botschaft der Gottheit an die Menschen, Abbildung des Wandels und der Lehre Jesu, Unterstützung aller menschlichen und bürgerlichen Gesetze, Aufklärung der Vernunft und Amt der Bildung und des Gewissens seyn soll — das Heiligste so vieler Menschen! — sollte cs nur da Zeitverlust seyn, von beiden Seiten über den Gesichtspunkt einig zu werden, und das Geschäfte ausmachen zu wollet;, das, und mit welchen Vortheilen es am würdigsten auszurichten ist? — O jeder, dem die Sache der Menschheit nur einigermaßen noch an, Herzen liegt, muß hier einräumen oder schonen! Hier tritt ein Lehrer zum erstenmal an einem heiligen Orte auf; das Licht, nicht bloß des Feierlichen, sondern auch der Neuheit, das gewissen Wahrheiten und Pflichten so »öthig ist, umleuchtet ihn und Hvmilien. 7 ' noch; die natürliche Neugierde und Erwartung erregt noch die Aufmerksamkeit um ihn so stark und un- gctbeilt, daß er alsdenn und vielleicht alsdenn nur allein noch im Stande ist, eine gewisse Trägheit und Schläfrigkeit zu überwinden, die sonst unbezwingbar die Seele verschloß, gewisse Wahrheiten in ihr Licht zu setzen, und ins Herz einzusühren, die sich sonst selten in dem Glanze anschauen, und mit der Wärme empfinden ließen; sich also Zugänge zur Wesserung der Menschheit zu eröffnen, die ihm ewig verschlossen geblieben waren.- Man lasse mir also den süßen Gedanken, daß ich hier in einer Versammlung von Seelen rede, die sich in Absicht auf die wichtigste Angelegenheit ihrer Bestimmung mir gegenwärtig eröffnen, und mir hier vor dem Angesichte Gottes die Hände geben , mit mir gemeinschaftlich künftig durch alle Dornhccken von Zweifeln und Irrungen, den wahrhaftigen, einzigen richtigen Weg zu suchen, wo Wahrheit, menschliche Vollkommenheit und Glückseligkeit liegt. — Man lasse mir den süßen Gedanken , daß ich einen Kreis von Freunden um mich habe, die mir die Sorgfalt über die Gestaltung ihres Charakters nicht bloß überlassen, sondern mir auch vor dem Allgegenwärtigen stillschweigend das Wort geben, daß sie sich selbst, gemeinschaftlich mit mir, mit treuer redlicher Seele darum bekümmern wollen, was denn eigentlich zum Vesten Kreise der Gesinnungen gehöre, um als ein würdiges Geschöpf vor seinem Schöpfer erscheinen zu können, und sich über Bestimmung, Leben und Ewigkeit nicht betrogen zu sehen. Mir sey endlich auch die süße Veru- 8 Christliche Reden higung gewähret, daß ich von'meiner Seite, »Gott! meine Empfindungen vor dir aussprechen, und dir die öffentlichen Gelübde laut darbringen dürfe, die du, Allwissender, im Grunde meiner Seele siebest. O du, der mich bisher geführet, und den Faden meines Lebens so sonderbar gerichtet und verwebt hast, du, der mich auch so unerwartet bieher gebracht — Vater meines Lebens! Hier steh ich vor dir, ein Opfer an deinem Altar, wie ich einst vor dir, dem Richter aller Welt, mit meiner Rechenschaft stehen werde. Großer Gott, wenn du das Aufrichtige meiner Seele sichest, das so gerne zu thun, wozu ich auf der Welt zu sevn glaube, nämlich von meiner Seite etwas zur Bildung der Menschheit beitragen zu wollen; wenn du im Grunde meines Herzens auch die Absicht liesest, cs in dieser meiner neuen Beziehung thun zu wollen: menschenfreundliches gütiges Wesen! was kann dir in allen Welten für ein größeres Opfer dargcbracht werden, als eine redliche Seele, die sich dir hingiebt! Mache mich noch ferner zum Werkzeug deiner Bearbeitung an die Menschen , und zum Mittel der Vorsehung in deiner Hand, sehe auch alle, die mich hören, und alle Umstände der Situation, die mir vorliegt, in die Fassung, daß ichs werden könne, und wir alle einst nicht aneinander zu Schanden werden dürfen w- re. Evangelium: Joh. r6. v. 23—3o. Schon die Würde, M. Z. , mit der der Erlöser spricht, zeigt Ihn als einen Lehrer von Gott gekommen, als einen Gesandten Gottes an die Menschen, der ihnen z. B. bes- und Ho Milien. 9 sere Begriffe vom höchsten Wesen b e i- bringen sollte, als man im damaligen verderbten Zeitalter hatte ( 23 . 24. ?6. 27.) Er zeigt sich als eine Person, der das Geschäfte aufgetragen sey, die sclavischcn Affekten, — die niedrigen Gesinnungen, und die unwürdigen Triebfedern aus der menschlichen Natur auszu rotten und dieser eine Gestalt zu geben, daß sich die Menschen in Gott und Gott in den Menschen freuen könnten (v. 28. re. und das folgende Gebot:) ja endlich giebt er den Jüngern, als Boten seiner Religion, nach ihrem Zustande Vorbereitung, Unterricht, Rath und Trost; (v. 2Ü. 26. r 3 .) und da er durch alles dies ein Muster der Nachfolge geworden, was laßt sich unsrer Absicht gemäß, in dieser Stunde ohne Zwang und Anspielung würdiger betrachten, als: „Das Bild eines Lehrers der Religion, als „eines Boten der Gottheit an die Menschen" der auch, wie Jesus 1) Gute Kenntnisse von Gott und der mcnschlir' chen Bestimmung gegen ihn auSbrciten; 2) Gute Gesinnungen zu einer bessern Gestalt der Menschheit erwecken; und endlich 3 ) Die, mit denen erlebt, jeden zu seiner Bestimmung mit der nöthigen Bildung aus der Religion verpflege. Dies sey also unsre gegenwärtige Betrachtung, ein Gelübde für mich und der Wunsch des Unterrichts für meine Zuhörer. — r<1 Christliche Reden i. Ich habe es schon gesagt, daß Christus die Wegriffe von Gott und von seiner Beziehung auf die Menschen, zur Zeit seiner Erscheinung auf der Erde, sehr unrein und verderbt gefunden. Nach der Gefangenschaft und dem ersten Umsturz des jüdischen Volks war ihre ganze Denkart so verwildert, daß auch ihre Religion mit verfiel — sie kamen zurück und sammelten Bücher, aber der Geist war entflogen! sie erneuerten Feierlichkeiten, aber der Sin» der Feierlichkeiten nurr dahin; kurz, man errichtete ein Lehrgebäude von Trümmern, das von außen noch ins Auge siel, aber inwendig wie jener ägyptische Tempel leer war, oder ein Ungeheuer ernährte. — Nicht wars mehr Go(t, der Schöpfer und Vater der Welt, den sie verehrten, nicht mehr der höchste Menschenfreund und Gesetzgeber zur Vollkommenheit, dem sie dienten; es war der Donnerer auf Sinai, ein Götzenbild von National-Hcrcn, dem sie ohne Geist oder Vernunft, aus sklavischer Furcht oder blindem Herkommen dienten: alte edlen Begriffe von Gott waren verloren, und das Bild der menschlichen Vollkommenheit so weit erniedrigt, daß, »ach ihren Begriffen, er der bloße Eereniyniensclave,, der Opfere», der Werkheilige äußerer Gebrauche, war, der vor Gott der Gerechte und Uebergerechte scyii konnte. Jesus kam, und mit gewaltiger Hand ergriff Er das Bild Gottes, das so tief in Staub versenkt war; Er ergriff es und hob es in seinein ersten Glanze auf den Thron, der ihm gebührte. Gott der Schöpfer! der allgemeine Vater! der Menschenfreund ! kein eigensinniger Gesetzgeber, kein wider- und Ho Milien. sinniger Tyrann! nie stamme von ihm eine Pflicht her, die bloß , weil er sie gewellt, Pflicht wäre! nie ein Befehl, der um des Befehls und Gehorsams willen da sey! Er sey ein guter Gott, der alle Geschöpfe gut und glücklich wolle! der Vollkommene , in dessen ganzer Schöpfung es höchste Ordnung sey, daß alles an seiner Vollkommenheit Theil nehme und sich ihr nähere! ein " Geist, der nur durch Bildung des Geistes verehrt seyn wolle! — Was wäre er, wenn ihm mit gedankenlosen Gebrauchen und sinnloser Andacht gedient würde? Was wäre er, wenn man ihn gar als einen Grausamen mit Büßungen und Blute versöhne» müßte? Nein! Er liebe die Menschen und sie konnten frei zu ihm beten! Er liebe die Menschen und fordre nur, daß sie sind, was sie seyn sollten, Ebenbilder der Gottheit, Brüder, glückselige Geschöpfe! Das sey auch seine Religion, eine Auslegung der Natur aller Wesen! eine Stimme zur Glückseligkeit durch Tugend! eine Triebfeder zur Ordnung im großen Reiche Gottes. Das wars, was Christus frei herausverkündigte von seinem Vater. Das war der Geist der Religion Jesu. Jeder empfindende Mensch muß gewahr werden, wie sehr eine solche Religion die Menschheit erheben mußte! Wenn man die abscheulichen Begriffe sieht, die so viele Nationen und Zeiten von Gott gehabt, und dazu sieht, was für die Menschheit für eine elende gekrümmte Gestalt daraus floß, daß sie sich ihren Gott oder ihre Götter so dachten — M. Z., so kann ein menschliches Gefühl oft nicht anders §ls mit Schauder und Mitleid an dergleichen Austritte 12 Christliche Reden der Religion denken. Was für eine elende mitlei- dcnswürdige Denkart von Kindheit auf, Gott als einen Tyrannen, als einen despotischen Gebieter, kennen zu lernen, den man sich in keiner bessern Gestalt als auf seinem Donnerwagen mit dem Blitzstrahl in der Hand denken könne, als einen Grausamen, der cS sich zum Spiele gemacht, der Menschheit Lasten aufzulegen, bloß um zu sehen, wie sie sich unter der Last wie ein Wurm im Staube Win. den, sich krümmen, und unter dem Joch seiner Vorschriften ermatten würde! Gott! wenn du mir nur als ein Wütrich erschienst, der cs sich zum grausamen Zeitvertreib gemacht, einer Natur Empfindbarkeiten zu geben, und es alsdann für weiter Nichts zum Gesetz zu machen, diese Empfindbarkeiten zu unterdrücken! Wenn ich dich als den grausamen Sonderbaren betrachten müßte, der rings um mich Aussichten des Vergnügens und der Wirksamkeit ausgcbreitek, und alsdann Verbote, Eine derselben zu genießen; geböte, mich mit mir selbst in ewigem Kampfe zu erhalten, bis die Welt um mich zu einer grausen Todcswüste werde, wo mir nichts als Gegenstände des Schreckens, der Furcht, des Zitterns vorschwcbten! — Gott! wenn ich denn mein Leben auf eine so marternde Art verschwenden, und nur zuletzt, zu spat sehen müßte, cs war verschwendet: ich hatte mir Lebenslang diese traurige Mühe gegeben, mit einem scharfen blutenden Messer in der Hand, die zartesten Nerven aus dem Herzen auszuschnciden, meynte, ich thate dir einen Gefallen daran, und nun zu spat nach verlornem Leben, mich als den Thoren erkennen müßte, der nicht Gott, sondern dem Verderber der Menschheit diente, sich und Homilien. i3 nichts als verunstaltete, und nun, da im Tode die Decke niederfällt, mit Schaam und Wehmuth sich als den Elendesten betrogen sieht und stirbt. — Wir sind, M. Z., freilich, Gott Lob! den Irrthümern entrissen, die eine verdunkelte Religion, verfinsterte Begriffe von Gott und dem Berhältniß gegen ihn, so oft und mit so vielem Schaden über das menschliche Geschlecht ausgcbreitet haben: die Wahrheit hat so viel Licht gewonnen, daß freilich in unsrer aufgeklärten Religion keine als die edelsten Begriffe von Gott den menschlichen Seelen vorschwe- bcN dürften und vorschweben sollten — dürsten und sollten! ob sie aber auch wirklich vorschweben? ob sie auch wirklich die Denkart des christlichen Publikums im weitern Verstände wären ? die Bejahung dieser Fragen ist freilich mehr zu wünschen, alö zu behaupten! Wie viele Vorurtheile und zum Theil entsetzliche Vorftellungsarten liegen noch bei vielen im Grunde der Seele, die auf ihre ganze Denkart und auf die Denkart eines ganzen Zeitalters die abscheulichste Wirkung ingcheim haben! Wenn cs auch ausgerottet wäre, Gott als einen bloß eigenmächtigen Gesetzgeber und Tyrannen anzufthcn, der seine Religion nicht anders als des Zwanges wegen gebe; ists denn nicht noch immer der herrschende Glaube des christlichen Pöbels, daß ihm bloß mit Len schlechtesten Schaalcn der Religion, mit Gebräuchen und heiligen Eecemonien, mit einem Schaarwerk von Andacht, und mit diesem allein gedient sey? Glaubt man nicht immer noch, daß man ihn mit dieser «lenden Werkheiligkeit nicht bloß abweisen — sondern man könne auch damit ihm Gnade und Him- Christliche Reden *4 mel abverdienen, und übrigens mit dem größten Trotze leben und , sterben? — Und Hut sich damit nun, M. Z., die Denkart von Gott und diemenschliche Seele verbessert oder verschlimmert ? Was für- elende Begriffe, wenn ich ihn alS den niedrigen Stolzen ausehe, den ich mit so etwas los werden könnte, dein ich täglich nur einige Schmeicheleien über seine Güte und Barmherzigkeit sagen, den ich täglich mit einigen geweihten Ausdrücken complimen- tircn, ihn nur mit kalten Worten um Vergebung bitten, mich nur trocken und ohne Grübelei, wie mans nennt, pochend oder gläubig, wie man mey-- net, mich auf ein fremdes Verdienst beziehen dürfe, und damit habe ich alles schon auf Zeit und Ewigkeit erkauft! Nun möge ich mir alle Mühe geben und gegeben haben, meine Seele zu verunstalten, mein Herz zu vcrschwarzen , meine Lebenszeit zu mißbrauchen, so viel Schaden für mich und in der Welt anzurichten, als ich nur wollte; ich beichte nur, ich gehe zur Kirche und Abendmahl, auf dem Todbctte lasse ich nur über mir beten und ein Kreuz schlagen — plötzlich ist die schwarze teuflische Seele vor Gott so gut, als ein Engel des Lichts! der Schandfleck der Schöpfung, der lebendige Abscheu gegen die Tugend, der Ruchlose, der Verführer, ist auf einmal der Liebling Gottes und der nächste Erbe an seinem Throne geworden! er könne aller üustichtigen Wirksamkeit der Tugend, aller Bestrebung guter Redlicher hohnlachen, und sey so gut als sie — M. Z., wenn dergleichen Vorstellungen Nicht verunstaltend und verwüstend, Gift und Schande sind , so weiß ich keine. Denn welch Gift kann schrecklicher sepn, als was in der That jede morali» und Homiliem »5 sehe Tugend aufhebt, Gott zum niedrigsten Wesen, die ganze Religion Zum thörichtsten Aberglauben, und den Menschen zu nichts, als. zu einem religiösen Bösewicht macht? Bei Gemüthern, die dergleichen dicke Jrcthü- mec und Mißbräuche für wahre Religionsgrundsätze nahmen, oder nur einigermaßen so dachten Und empfanden — was, M. Z., konnte bei solchen anders als eine Zweifelet und ein Unglaube entstehen, der freilich nicht vernünftiger und unschädlicher war, als jener finstre Aberglaube selbst. Da ist alsdann der Mensch mit dem, was ec in so falschem Lichte.zu betrachten gewöhnt worden, mit dem, was er so halb und unrecht gehört hat, nicht zufrieden, und sieht, er könne, unmöglich damit zufrieden feyn: er wagt also zu zweifeln: er will denken und untersuchen; aber weil ers nicht ganz will, oder ganz kann — so schwankt, so schwebt er! Ein vom Winde gewehtes Rohr! eine ungewisse furchtsame Seele — der peinlichste Zustand der Menschheit! Wie ein verscheuchter Vogel irret sie in Gegenden der Wüste, in Irrgärten der Zweifel! Diese und jene Sache scheinet zu unwürdig, um sie glauben zu können, und doch hat sie als Jugend-Eindruck zu viel Gewalt über das Her;; sie ist zu tief ein- gepragt, und mit andern Wahrheiten der Denkart verwachsen, als daß sie, besonders in trüben Zeiten des Geistes , aus dem Sinn bleiben könnte; er stoßt den Zweifel immer zu Boden, und wie ein loch- richter Schwamm steigt er immer wieder empor; et spricht mehr als einmal zum trüben Gefährte» seiner Seele „weiche von mir!" und unvermerkt ruft 16 Christliche Neben er ihn selbst wieder. Elender Zustand! der Arme hat auf gewisse Weise Gott und Ruhe der Seele, Gesetztheit des Urtheils und Sicherheit der Empfindung und Alles verloren! Keine Begeisterung zu guten Handlungen, die ihn fortgehend begleite! Kein glanzendes Vorbild von Wahrheit, Tugend und Würde, das ihm den sichersten Weg vorgche! Wohin er sieht, schwankt alles in dem Gebäude der Grundsätze, auf die er leben und sterben soll. — Die Welt ist für f,n eine Wüste des Ungefährs, oder ein Irrgarten verborgener Ursachen, oder ein Sandwucf des blinden Schicksals — immer aber eine traurige Wüste, eine verwaisete, kranke, ungewisse, elende Menschheit! Das ist einmal gewiß, M. Z., daß es einen Kreis von Wahrheiten gebe, über die man gesichert seyn muß, um sagen zu können, ich weiß, worauf ich lebe und sterbe. Von Gott und seinen Gesinnungen über das menschliche Geschlecht, von den Wegen seiner Vorsehung zu unsrer Glückseligkeit in dieser und der künftigen Welt so vergewissert zu werden, daß kein wesentlicher Zweifel im Herzen zurück- blcibe, aber auch die Menschheit sich in allem Besitze ihres Adelö fühle, zu dem sie geschaffen ist — wer ists, der ohne diese Ueberzeugungen aus der Welt zu gehen wünschte? Wie sehr wenige aber, M. Z., möchten doch auch wohl unter den Christen seyn, die sic hatten? Vielleicht giebts nur äußerst wenige, die über alle diese Wahrheiten theils außer Verlegenheit waren, und einem jeden Andern, am Meisten aber ihrem Gewissen und sich selbst Rechenschaft darüber geben konnten; theils auch wieder von und Ho Milieu. 17 von diesen Wahrheiten den ganzen lebendigen Gebrauch machten, ohne welchen sie doch nichts sind. Leider sinds noch immer die meisten, die entweder voll von den innern Zweifeln sind, die ihnen an der Religion, weiß Gott, was feierliches zeigen, was man nicht zu genau untersuchen müßte — Zweifel, die eben um so gefährlicher sind, weil sie so dunkel tönen, weil wir uns vor ihnen so geheim fürchten, und sie also nie gerne abhörcn mögen; oder man folgt der Religion als einem blinden Herkommen, als einem Jugend-Eindruck, der, er möge falsch oder gut scyn, Zeitlebens befolgt werden müsse. Hier dünkt mich also, M. Z., tritt schon das Amt eines Lehrers der Religion in das Licht der Nutzbarkeit. Kenntnisse auszubreitcn, die die edelsten, würdigsten, nothwendigsten und ewigsten sind in der ganzen menschlichen Seele; Zweifel zu zerstreuen, die, je tiefer und dunkler sie liegen, desto betrübtere Folgen haben können; Grundsätze und Wahrheiten immer mehr zu befestigen, die den Menschen Gewißheit zu leben, Mukh zur Tugend, Trost im Dulden, Aufschlüsse und Heiterkeit über Leben und Tod geben müssen — welche würdige, welche nothwendige, welche nützliche Bestimmung! Wie wünschte ich, M. Z., daß auch die mei- nige an diesen. Orte es zu diesen Zwecken würde l Wie wünschte ich, daß ich wenigstens einige gutgesinnte, unpartheyische Seelen hier antrafe, die, wie ich das Glück in andern Gegenden gehabt, mit mir die Wahrheit suchen, gegen die doch alles andre Wissen nur klein oder nichts ist — Wahrheiten, die doch, recht in ihrem Umfange betrachtet^ nichts Herders Werke z. Rel. u. Theol. HU B. Christliche Neben 18 minder als der Kreis der menschlichen Glückseligkeit und der Kern aller menschlichen Weisheit sind. O! M. Z., eine Trägheit und Schlastiunkenheit über Sachen dieser Art, eine läßigc Ruhe, entweder auf die blinden Eindrücke seiner Jugend blind und dumm zu schwören, oder cs auch bei allen, selbst den unvernünftigsten, Zweifeln bewenden ztl lassen, geht freilich einige Jahre und Zeiten hin; die Seele gewöhnt sich mit der Zeit an Voruriheile und Jrr- thümer, wie an scheußliche Gesichter, die wir täglich vor Augen haben; da aber doch die Stimme der Wahrheit nie so ganz in uns kann unterdrückt werden , daß sie sich nicht zu gewissen Zeiten hörbar machen sollte — Wehe dem, dem sie sich endlich nur zu schwach und zu spät hörbar macht! Wenn der Strudel von Geschäften und Vergnügungen, wenn die ewige Zerstreuung und gedankenlose Gewohnheit und Verblendung von Lieblings - Jrrthü- mern nun so lange fortrauscht, bis die schwache und verhärtete Seele keinen neuen, wahren, tiefen Eindruck mehr annehmcn kann: sie ha: sich schon wie die Blume am Abende, dem späten, schwachen, letzten Svnnenstrahle verschlossen: die beste Munterkeit, der feinste Lebenssaft der Werkzeuge der Wahrheit ist verhauchet: sie hört endlich nur Worte, dunkle, ferne Schälle, aber keinen starken hinreißenden Sinn; sie bringt höchstens alles auf ihre alten Lieblings- sormen der Gedanken, auf alte abgetragene Grundsätze und Formeln und matte Halbwahrheiten zurück, oder der Gedanke kann nur noch ein sehr matter Entschluß, der matte Entschluß kann keine lebendige That mehr werden. Gott! Gewissen! Ewigkeit! Menschliche Bestimmung! Tugend! Religion! und Holnilien. iS Die schönsten Wahrheiten, die erhabensten Begriffe zur Glück'eligkeic! Ach! zu spät erkannt, seyd ihr, welche Schreckblider der Seele, sie ^ut Neue und Schaamrölhe, unnützer Reue und vergeblicher Schaam zu färben! Verkannte Wahrheiten, versäumte Ue- berzeugungcn, wie schwer werdet ihr endlich dev Seele! Nein, o Gott! dieser Tempel wird auch bei meinem Amt, wie ich hoffe und wünsche, eine fruchtbare Schule dieser Wahrheiten werden! Hier wird sich eine Anzahl von Seelen oft mit mir versammle», uni vor dir, Allgegenwärtiger! die Wahrheiten zu suchen, die uns dich und uns, und unsre Bestimmung in Zeit und Ewigkeit im rechten Lichte zeigen. Großer Gott! eine Seele, die solche Wahrheiten mit Redlichkeit sucht, ist dir gleichsam am innigsten gegenwärtig, ist in der würdigsten Fassung, in dek sie sich vor dir fühlen kann, ist gleichsam ganz dein Tempel; — die trage, gedankenlose Ma- schincn-Andacht, wie ferne und lief ist sie unter ihr, da sie dich unmittelbar stehet, da du in ihr denkest. Allgegenwärtiger, so wollen wir dich hier oft sehen! Tempel und Stein soll über uns verschwinden, um Uns über den weiten Himmel, in dem großen Tempel der Natur zu fühlen, den du mit deiner Herrlichkeit füllest. Gott! lehre uns, dich recht fühlen! Laß redliche Seelen» die Wahrheit suchen, der Wahrheit nicht verfehlen , auf die der ganze Gebrauch des Lebens, der ganze Blick auf Tod und Zukunft, der ganze Werth von Ruhe, Ueberzeuqung und Glückseligkeit im Leben und Tod abhangt! Dies ftp B 2 20 Christliche Reden der Segen, zum Amte, das dich verklärt und d e n Mensc h e n ver k ü ndigt. 2. Aus den Begriffen, die wir von Gott haben, bestimmten sich die Gesinnungen von selbst, „welches die würdigste Gestalt der Menschheit scy, in welcher sie diesem Gott gefallen könne" und der Bote der Gottheit wird also sonach im edelsten Verstände ein Lehrer der Menschheit. Nun sollte man denken, M. Z., daß eben bei dem großen Schein der Wahrbeit und Aufgeklärtheit in unfern Zeiten die Menschen nicht anders, als eine würdige Gestalt sich zum Urbilds der Vollkommenheit nehmen würden, nach welchem sie sich bildeten. Man sollte denken, daß, da heuriges Tages keine ewigen Völkerwanderungen und Volkerzer- streuungcn mehr sind, da sich alle Lander in einer ruhigen Lage gleichsam festgesetzt haben, und jeder also unter seinem Baum und Hütte sicher wohnen, und sicher mit den Seinigen leben kann: so werde auch bei dieser aufgeklärten Ruhe die Menschheit eine außerordentliche Stusse von Adel und Bildung der Seele erlangt haben. — Schöner Traum von Vermuthungcn; — leider, daß er nichts als Traum ist! Wenn wir den Zustand unsrer Menschheit mit andern Jahrhunderten und Völkern vergleichen, so dürsten wir freilich finden, daß ein gewisser Geist der Vernünstelei und Zärtlichkeit des Geschmacks theils zugenommcn, theils sich sehr ausgebreitet, daß aber dagegen gewisse, und beinahe alle großen und starken Saiten der Menschheit außerordentlich und Homilicn. geschwächt erscheinen; daß freilich die Rauhigkeit der Sitten abgelassen, daß aber auch dagegen die Starke der Sitten verloren, ja daß wir überhaupt das Wesen der würdigen Menschheit mehr, ich weiß nicht in welche schöne Schwachheit, christliche Dc- muth und geschminkte Artigkeit setzen, als in eine gewisse a u s d a u e rn d e B e s t a n dh c i r u n- scrs Charakters, um eben die zu scvn, zu denen uns Gott schuf, und die große Tugend zu besitzen, die die Bibel. Wahrheit nennet. — — Ich will die vorige Sinnlosigkeiten nicht wiederholen, da man eine elende Wcrkhciligkeit schon für den Zustand halt, in dem man Gott gefalle; ich will »icht'in Jahrhunderte zurückgehen, da oft selbst Laster für die würdigste Lage der Menschheit gehalten wurden ; allein wie wenige, die auch mit klarer, redlicher Seele Besserung gesucht, wie wenige werden auf dem Punkt scyn , mit cröffneten Herzen plötzlich vor ihren Schöpfer und Richter zu gehen, und in ihrer Menschheit den ganzen Schatz von Vollkommenheiten zu zeigen, den sie sich nach denen ihnen anvertrauten Gnaden Gottes erwerben müssen — vor ihren allwissenden Schöpfer und Richter zu gehen „Hier bin ich, o Gott, der ich nach meiner Menschheit vor dir seyn sollte!" Wie viel, wie viel würde zu dieser Freudigkeit gehören, würde dazu gehören, daß wir von Jugend auf keine unserer Gaben und Talente verscharret, oder gemißbraucht hätten; denn was ist doch unsre Seele als eine Summe dieser Gaben? und was ist die Vollkommenheit, zu der uns die Religion hinaufbilden will, als eben ein freier und vollständiger Gebrauch der Gnaden, die uns Gott 2r Christliche Reden verliehen? Nun lassen sich, M> Z-, was eben daö schlimmste ist, da keine Theilungen und Abziehun- gcn machen. Da alle Kräfte zusammen und gegen einander wirken, so kann ein Pfund nicht ebne das . andere wiegen, oder die ganze Seele gcra'h also in Unordnung. Da Trägheit und Unthätiakeit, da also halbtodte, lahme und verstümmelte Kräfte — der Mensch ist in den Augen seines Schöpfers Ungeheuer, eine mißbildete Gestalt der Schöpfung: da stehet nun am Ende seines Lebens der unfleißige Knecht mit seinem vergrabenen oder übelangewandten Pfunde, und bebt vor dem harten Gerichte! Da stehet der verlebte Mensch und siehet schaamroth in seinen Busen, und findet nichts als Trümmern: nichts in Ordnung und Harmonie! nichts in der natürlichen Wirksamkeit, die das beste Zeichen der Gesundheit ist; eine kranke, versaline Menschheit! „Großer Gott, was hatte ich fern können, und was bin ich geworden?" Thränen der Reue fließen zu spat auf schaamrothe Wangen nieder; zu spat sieht er zurück, was er versäumt, und vorwärts, was er an seiner Seele sich für eine quaalenvolle Gesellschafterin in der Ewigkeit zugebildet; ich sollte dir, o Gott! ein Kleinod, das ich aus deinen Händen empfing, ich sollte dir eine schöne Bildsäule auf deinen Altar dar- reichen — Ach, leider ists ein verstümmelter Götze! Was ich hier von den Kräften der Seele sage, gilt von den Neigungen des Herzens noch andrin- gendcr; denn was sind auch da alle Sünden und Laster, als Unmaßigkeiten, Unordnungen der Menschheit? Wenn wir uns an eine unnatürliche Neigung gewöhnen, ists eben wie mit der Miene im Gesichte; " und Ho Milien. -3 sie wird Verzerrung; und wie schauderhaft isis, in den Granzen des menschlichen Herzens und in traurigen Beispielen zu sehen, wie häßliche Verzerrungen und Ausschweifungen eben aus den besten Anlagen werden können. Eben dieser gut geartete, feurige, unternehmende Jüngling, aus dem so viel Gutes hatte werden kennen, warum ist so viel Böses aus ihm geworden? Dieselbe Kraft, die ihn hoch hatte hinaufspielcn können — im Falle hat sie ihn um so tiefer gestürzt, und im tiefen, schweren Falle war freilich der Sturz um so beschleunigter. Und da steht er nun abermals am Ende seines Lebens , mit dem Schuldbuche von Tagen in seiner Hand! mit bösen Gewohnheiten und Missethaicn die meisten gefärbt! Heere von Lastern und Acr- gernifsen gehen wie dunkle Schatten und Schreckgespenster vor ihm vorüber und fluchen ihn an, und sagen: ,,Wir sind dein Werk!" Da sieht er mit jeder Sünde den Buienstich, den er sich versetzte, und der in Ewigkeit blutet! Gerechter Gott! das verzweifelnde Geschöpf fallt in die Arme des Richters und muß mir der blutenden Reue sterben, die da fühlt, ,,nichts, nichts kann zurückgeholt werden ! Auf die Ewigkeit ist alles verloren!^ Entsetzlicher Zustand der Seele! Welcher Wurm, der unter dem Fuße zertreten wird, darf in dem letzten Augenblick seines Lebens, in der letzten schmerzhaften Krümmung sich zu retten, darfs da verwünschen, gelebt zu ha, ben, und ach! das muß dies zu spat beschaucle, reuige, gedemüthigte Geschöpf — Gott. erbarme dich seiner! Jsts hier nicht Wohlthat, noch bei besserer 24 Chri stlich e Reden Zeit oft Gelegenheit zu haben, sich in einem Spiegel zu beschauen, was man vor Gestalt habe? welcher man sich vielleicht unvermerkt zubilde? und auf welche Art man in die würdigere Fassung kommen könne, die uns fehlet? Und eben dieser Spiegel, M. Z., ist die Religion Gottes! Da wirds Hauplpflicht des Lehrers, Lehrer der Menschheit zu werden, von allen Seiten da er kann, jede Sünde als eine Verkehrtheit und Häßlichkeit der Natur zu entlarven, und in jedem Guten, was Gott fordert, Drdnung und Schönheit und Glückseligkeit zu entwickeln. Es wird Pflicht des Lehrers, in jedem einzelnen Menschen die Stimme der eignen Wahrheit, das Bild der ei gn en Anerkennung aufzuwecken, daß er sich selbst finde, es durch eine innere Anschauung fühle, wer ec sey ? und wer er hätte werden sollen? — Wenn, M. Z., diese Stimme nur Einmal laut genug spricht, und wir das Glück haben, zu ihrem Gehör gezwungen zu werden: uncrzwungen und un- erpreßt wird sich alsdann jene göttliche Reue cinsin- den, die in den Folgen niemand gereuet. Denn ach Gott! was ist in der großen Welt menschlicher Dinge sür ein reuevollerer Blick, als auf ein verlornes Leben? auf etwas Versäumtes, das sich nicht mehr einholen laset? Die Menschen schmeicheln sich freilich zwar mit dem süßen Traum des Einholen.s, des Bcssermachens; allein sie schmeicheln sich nur damit, um ihren Aufschub, um ihre Trägheit zu beschönigen, und im Grunde ist dieser süße Traum der eitelste, elendeste von der Welt. Jedes Lebensalter hat seine Kräfte und Pflichten und Bestimmungen, die im beständigen Fortgange, im Wachsen, im- Weitcrstreben sind, die sich einander voraussetzcn und Ho Milien. 2Z -und auf einander folgen; bei denen alfo immer das Folgende auf gewisse Weise schon durch den Verlust des Vorhergehenden verloren ist, und wie konnte nun gar das Vorhergehende durch das Folgende ersetzt werden ? Kann denn ein Baum auch Knospen und Blatter und Blüthe und Früchte zugleich haben? Kann auch ein Mensch, der den Frühling seiner Jahre, seiner Seelenkräfte, seiner Neigungen und Pflichten versäumet hat, denn nun Frühling und Sommer und Winter zugleich genießen, und da er schon ein Greis ist, Jüngling und Mann und Greis zugleich seyn? Elender Wahn! der zu nichts ist, als um auf einige Zeit die Trägheit zu begünstigen und nachher die Reue desto blutender zu machen! Sollte ich nicht hoffen können, M. Z., daß, da auch künftig alle meine Vortrage sich auf diese Bildung und Fortbildung des Menschen zu seiner würdigsten Gestalt beziehen werden, daß ich auch hier bei einigen meinen Zweck erreichen werde, sie auf sich selbst aufmerksam zu machen, ihnen das Bild der Würde und des edlen Ursprungs vvrzuhal- ten, das ihnen immer vorschwebe, sie innig darauf zurückführe, was stc versäumet, und was sie thun müssen? daß ihnen für ihre fortgchcnde Bemühung ein Bild der Vollkommenheit werde, sie immer aufzumuntern und gute Eindrücke in ihre Seele zu zeichnen — sollte ich das nicht hoffen dürfen? Hier, M. Z., ist von keinem Hcrplaudcrn der Gebete, von keinem geistlichen Wortkram der Gefühle und Andächtelei, sondern von dem großen wichtigen Geschäfte die Rede, was die ganze Natur des Menschen interessirt, die ganze Absicht seines Lebens ist, und ihm allein Stolz auf sich, und Beruhigung 26 Christliche Reden lind Würde und edle thatige Wirksamkeit geben kann. Freilich gehört dies Werk am meisten für die Jahre der Bildsamkeit und Munterkeit der Seele. Aber eben so lange noch das Herz wallet und die Knospen des Lebens blühen und noch die Munterkeit uns belebt, uns nach jedem guten Eindruck bilden zu können — welche regende Hoffnungen liegen so lange noch vor »ns da! Die Gestalt einer menschlichen Seele ist doch nichts als die Summe von Eindrücken aus ihrem Leben, und wenn nun so unvermerkt mit jedem neuen Eindruck die Seele gleichsam neu geschaffen und immer mehr veredelt wird, und sie immer mehr die Gewohnheit dieser Bildsamkeit annimmt, und sich solche Muster mit Stärke und Hoheit immer weiter verbreiten —.M. Z., so und nur so allein können wir eine beßre Welt und Nachwelt hoffen. So wie es nusgestorbenc Tugenden giebt, so können sich aus diesen erstorbenen Keimen neue blühendere Tugenden heben. Wenn wir nur einmal den kalten Winter enden können, der jetzt die Herzen der Menschen, ich weiß nicht mit welchem Froste der Empfindung belegt: wenn nur einmal jene süße Begeisterung für ein gewisses edles Vorbild der Tugend und Vollkommenheit in uns aufwallt, und wie durch einen himmlischen Feucr- strahl die Keime vom Wahren und Guten, die in uns liegen, erweckt werden, und einmal der Mensch in den angenehmen Drang gebracht wird, daß er strebt sich zu entwickeln — O dann hebt das Saa- menkorn sich desto schöner in die Höhe! Dann können Tugenden sprossen, die voraus ganz unsicht-' bar schliefen, und die Menschheit sich in einer schönem Gestalt zeigen, in der sie vorher nicht war, und Ho Milien. 37 H und auch dem Lehrer der Menschheit und Religion, der sonst so oft im Stillen und bei Nachtzeit säen muß, wo er nicht weiß , was aufsteht - und was er crndtcn soll, wird der Anblick seiner Arbeit gewähret. So wird das Predigtamt für die Menschheit, für Welt und Nachwelt nützlich, und da eS doch heut zu Tage die einzige Bildung für Erwachsene ist, für welche andere Völker öffentlich so viel thaten: so kann es auch nicht bloß eine Schule der Tugend, sondern auch des bessern Geschmacks werden. Man gewöhnt sich mit der Zeit durch öfteres Hören an eine reinere, zusammenhängendere bessere Denkart: der große Haufe, der fast von seiner Kindheit auf, wenigstens seit seiner Jugend, ganz versäumet war, und keine Mittel zur Ordnung seiner Gedanken hatte, bekommt wenigstens auf eine dunkle Weise einen Geschmack an etwas Besserm, als sonst die Gespräche und den Umgang des gemeinen Lebens ausfüllet: er wird von fern in den Stand gesetzt, nebst der Gottseligkeit und Tugend sich auch um mehrere eigene Mittel der Bildung zu bemühen, und so mehren sich Tugend und menschliche Weisheit im Lande, und unser Geschlecht kommt einzeln und mit mehrern der edlen Gestalt näher, zu der es Gott geschaffen hat: er gebe, daß es auch durch mich geschehe! 3. Endlich, so wie Jesus seinen Aposteln, in der Situation, da er sie fand, mit dem Rath und Unterricht eines Freundes an die Hand gieng : so ists die Pflicht eines Lehrers der Religion gegen die mancherlei Stande und Charaktere mit denen er lebt. Die Zeiten, M. Z., sind vorbei, da man das Ehristcnthum fast allen Geschäften und Ständen der Christliche Reden Welt entgegensetzte, und nur glaubte, ein Weiser vor Gott werden zu können, indem man ein Thor vor Menschen ward- Die Zeiten sind vorbei, da man lebendig gen Himmel fuhr, und auf der Erde zu wohnen vergaß, da man der menschlichen Gesellschaft, und den Pflichten des Vaters, der Mutter, des Freundes, des Menschenfreundes entsagte, um nur in Zellen und Klöster, in Wüsten und Einöden, in den und jenen Kleidern, ein Heiliger! und auch leider nichts als ein Heiliger zu werden. Es ist jetzt offenbar, daß die christliche Religion eigentlich keinen Stand mache oder aufgebe, und selbst die Sitten keiner Lebensart eigentlich verändere; sondern nur überall so geistig kindringe, daß sie allenthalben Warme ausbreiten, in jedem Staude die Sitten reinigen, nach jedem Charakter das Herz veredeln könne, ohne deswegen Stand und eigenthümlichcn Charakter im mindesten aufzuheben ! Es ist offenbar, daß man Gott auf der Welt nie mehr verherrlichen könne, als wenn jeder in seinem Stande dem Ruf der Vorsehung folgt, und sich auf dem Platze, auf welchem er stehet, so ausbildet, so gut, so nützlich, so vollkommen, so glückselig zn machen sucht, als er kann: er wird ein Christ, dadurch, daß er Mensch wird, und seiner Bestimmung von Gott treu bleibet. Ist das nun, so sichet man das Geschäfte der Religion. Im Tempel Gottes freilich da treten Herr und Knecht, König und Sklave, mit abgewvr- fener Krone und mit abgeworscncn Ketten, als Brüder vor Einen Gott, und fühlen , oder solltens fühlen , daß sie Eines Geschlechts sind, Kinder Eines Gottes, Bürger Eines Reichs , allcsammt Mittel in Einer Hand der Vorsehung — allein wozu sollen und Ho Mil len. 29 fies fühlen, als daß sie gestärkter und wirksamer, der in seine Hütte des Elends und jener in sein gold- nes Haus der Sorgen zurückkehre, und jeder an seinem Theil in seinen Pflichten und Obliegenheiten Kind und Bürger und Unterthan und Werkzeug seines Gottes werde! Daß der König mit Empfindung der Menschheit zu sich sagen müßte „was wäre ich in meinem Kreise des Daseyns, wenn ich nicht, wie mein Gott, Menschen glücklich machte!" und der elende Arme in seiner Hütte noch zu sich sagen dürfe: „Hier, wenn ich meine Pflicht erfülle und meinem Gott und Nächsten diene, und mein Gewissen rein erhalte, und gegen mich und die Mcinigen Mensch bin — Hier ist mein Königreich ! Hier kann ich glücklich seyn, wie der erste Monarch der Erde!" Diesen Muth nun., diese Wirksamkeit des Lebens zu unterhalten und zu befestigen, sehet, M.Z., sey auch die Pflicht meines Amts. Wenn hier der betrübte Mühselige, die gebeugte niedergeschlagene Seele ins Haus Gottes cintcitt: es drücken sie vielleicht traurige Umstande und pressen ihr Herz, ohne daß sich dieses der Freude oder auch nur der mittheilen- den Freundschaft eröffnen, und sich dadurch tröstend erweitern könnte: nur rings um sammeln sich dunkle Wolken, um ihren Blick in die Ferne noch düstrer und trauriger zu machen: das Herze schlagt bange: ihre Brust holt enge Seufzer, denn die fühlt die Hand Gottes auf sich: cs fließen unwillige Thronen, aber niemand der diese Thronen versiehe, und bei dem sie Trost fände — 0! daß sie ihn hier, was sie sonst auf der weiten Welt nicht fand, im Tempel, im Schooße der Religion fände! 0! daß alsdann aus meinem Munde ein Wort käme, ihr Herz zu 3 » Christliche 8! eben erleichtern und es aufzuschließen, daß es sich und seine Noch und Sorge in den SchovS des himmlischen Vaters schütte, von oben herab die Tröstungen hole, die auf der Erde nicht für sie waren, und alsdann mit neuem Much zurückkehrte, ein stilles Muster der Welt durch Geduld und Leiden, eine wie Gold im Feuer gelauterte Seele, durch Tugend und Beständigkeit preisend ihren Gott! — DerZer- streuete, Unachtsame, der täglich taufend Wohlrha- kcn Gottes empfangt, ohne je sein Auge nach der väterlichen Hand hinaufzuschlagen, die sie ihm reichet— der harte Unbesonnene, der, selbst unter der Ruthe böser Schicksale, »och nicht in sich gehen und bessern Weg ergreifen will — der unedle Neider, der sich fein Glück und Genuß in der Welt durch mißgünstige Träume verträumet, der Nichts Hai, was er besitzet, weil er immer haben will, was er nicht besitzen kann — der unruhige Stolze, der für eine leere Eitelkeit alle wahre Freuden der Welt, Liebe der Seinigen, Ruhe bei sich selbst, und den Genuß alles Glücks des andern durch Menschenliebe und Theilnchmung, verliert — der unvernünftige Wollüstling , der mit seinem Laster das beste Vergnügen des Vergnügens, die Mäßigkeit und Aussparung einbüßt, und sich auf kurze Zeit zu einem wollüstigen Thier erniedrigt, starr Lebenslang ein glücklicher Mensch feyn zu können — Diese und hundert andere Abweichungen von der Art, die, indem sie von der Religion, auch von ihrem Glücke abirren und eben so sehr die Schönheit der menschlichen Natur überhaupt, als die edle Gestalt ihrer selbst entstellen — wie wünschte ich, daß in meinen Vortragen jeder von der Art sein Bild in den Zügen, mit der / und Ho Milieu. Si jnnern Anerkennung, aber auch mit der Überzeugung gewahr würde, daß ihn das bessere, edlere Bild von Wahrheit, Tugend, Ordnung der Seele verfolgte, und ihm keine Ruhe ließe, bis er allmah- ljg alle diese verunstalteten Züge in sich zerstöret fühlte! — Wie wünschte ich, daß, indem ich mancherlei Charaktere und Bildungen der Menschheit meinen Zuhörern verhalte, jeder den sinnigen ergriffe, um sich alsdann im Reiche seines Gottes auszubilden , der er darin seyn soll? Und da doch so vieles, vieles von unserer Gestalt und von unserm Glücke auf den Stand sich beziehet, in dem wir leben, und auf die ersten Pflichten der Menschheit, denen wie treu bleiben müssen; wie wünschte ich durch die Religion insonderheit auch zum Glücke der Stände der Menschheit und zur Emporhebung der Empfindungen beitragen zu können, die in unserm Zeitalter nur zu sehr versunken sind — daß der Vater, die Mutter, die Hausmutter, der HauSvater, jeder in seinen Pflichten und Obliegenheiten gestärkt, jedesmal mit neuem Lichte und neuer Warme hingien- gcn, und ihr Haus zu einem Tempel Gottes, und ihre Kinder zu edlen Pflanzen der Menschheit, und ihre Ehe zum Stande der innigsten Freundschaft, und ihre Familien zum Bande der Gefälligkeit und Liebe weihten — daß der Irrende in jeder Art hier im Tempel einen Freund fände, der ihn auf besser» Weg mit Ueberzeugung zu führen das Glück hätte — daß der Zweifelnde in jeder Art Zweifel hier eine willfährige Hand fände, die Nattern, die an seinem Herzen nagen, ihm zu entreißen, und Balsam in seine schon zernagten Wunden zu gieße», und ihm die gesunde Vestigkeit wiedcrzugeben, ohne 32 Christliche Reden die doch immer unser Leben ein trüber verworrener Traum bleibt — daß in das Herz des Matten, eun Leben Vcrcckelten, neue Stärke und Lebenssaft, und in das dunkle Auge des Betrogenen, neues Licht und Heiterkeit cinflöße — daß also niemand an seinem Theile daö Wort der Wahrheit leer fände, sondern wohin er sich wende, die menschliche Natur und sein Leben und seine Bestimmung und Stand und Kreis von Pflichten liebe, und als die einzige Bahn ansehe, hier und in der Ewigkeit glücklich zu werden! So., M. A., wird unsre bürgerliche Glückseligkeit durch das Glück der Menschheit und Religion befestigt und versiegelt! So werden die Vorzüge, die Gott diesem kleinen Lande vor so vielen Erdstrichen Europcns giebt, unter einem auf so seltene Weise guten Fürsten, sein Leben in Freiheit des Gewissens und Religion, in Ruhe und äußerlichem Wohlstände, in Glück und freier Wirksamkeit hinlcben zu können, diese Vorzüge, M. Z>, werden alsdann lebhafter erkannt, würdiger und dankbarer genossen, und reicher angewandt werden! Der Geist der Treue wird uns mit dem Geiste der Menschenliebe, Emsigkeit mit dem Geiste der christlichen Tugend vereint beleben, und also auch in diesem Lande der Segen wohnen, daß Liebe und Tugend einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen, d a ß G o t t g n a- dig auf uns vom Hi m meI sch a u e und unser Land sein Gewächs gebe, und wir Gutes genießen, so lange wir leben. ch * * - In diesen Hoffnungen und Gelübden, M. Z., trete ich also das Amt an, das Se. Durchlaucht« Unser und Ho milien. 33 Unser gnädigster Landesherr, mir im Namen Gölte» aufzutragen geruhet. Zeh will nicht, und darf nicht eine Reihe von Versprechungen wiederholen, die ich in meiner ganzen Predigt schon als Pflichten und Wünsche geschildert, und sage also hier bloß vor dem Angesicht Gottes, meines Landcsherrn und meiner Gemeine: „was ich gesagt habe, wünsche ich zu thun!" und werde mich mit Redlichkeit, nach aller Uebcrzeugung befleißen, mein Amt zu führen, nicht als vor Menschen, sondern als vor Gottl Zm Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des heil. Geistes! Amen. Und eben das Gelübde lege ich auch, als den einzigen Dank, den ich bringen kann, zu den Füßen Sr. Durchlaucht, für das Zutrauen und die Gnade, womit mich Dieselben beehrt. Wenn ich so glücklich wäre, das gute Vorurthcil, das ich in der Ferne erregt, wenigsteus durch Eifer und Wirksamkeit in meiner Gegenwart nicht zu widerlegen: wie würde ich die Vorsehung preisen, daß sie auf der Bahn meines Lebens mir endlich den Wunsch gewahret, einen großen Mann in einiger Nahe bewundern, und seinen Beifall verdienen zu können. Mit welchem Stolze würde ich mein Glück preisen, für die gute Sache der Menschheit und der innern Sitten unter dem Gesichtskreise eines Fürsten arbeiten zu können, dessen großes immer wirksames Beispiel, dessen edle, denkende und immer geschäftige Seele jedem Unter- lhan das begeisterndste Vorbild seyn muß, auch in seinem engen Kreise die Wünsche des besten Herrn für die Aufnahme der Glückseligkeit und der guten Herders Werke z. Rel. u. Theol. III. C 34 Christliche Neben Sitten der Menschheit, befolgen zu helfen. Mind- stens vereinige ich meinen Wunsch mit den Wünschen aller guten Unrertdanen, für jede Wohlfahrt Sr. Durchlaucht, und für jede Belohnung Ihrer Verdienste >— der Verdienste, die, wenn sie sich vom westlichsten Ende Europens an über mehr, als Ein Land erstrecken, doch unserm Lande den süssen Vorzug verschaffen, ihm auf eine besondere und die schönste Weise unter allen väterlich zuzugehörcn. Zuhörer, lasset uns die Wohlthat der Vorsehung erkennen, und dadurch, daß wir eines sülchen Herrn würdig werden, ihr danken. Da ich das Glück habe, Ihre Erl. unsere gnädige Gräfin , als Mitglied Meiner Gemeine betrachten zu dürfen, so tritt natürlicher Weise mein Wunsch für Ihr Wohlsevn und Gnade für mich noch mehr ins feierliche Licht einer Pflicht der Kirche. Der Himmel segne S» mit jedem Segen, den Ihr gutes menschenfreundliches Herz verdiente; er erfülle auch jetzt Ihre und Ihres Gemahls und des ganzen Landes Wünsche in dieser Zeit der Hoffnung, und gebe auch mir das Glück, als Lehrer Ihrer Religion Ihr Zutrauen und die Gnade der Verwandten Ihres hohen Hauses verdienen zu können! * * Endlich wird mir vergönnt seyn, daß ich alle Glieder dieser Gemeine, wes Standes und Berufes sie seyn mögen, in Einen Wunsch fasse, in den Wunsch ihrer Liebe, Zutrauens und Freundschaft. Nie werde ich von meiner Seite ermangeln, einem jeden öffentlich und sonderlich ein Freund seiner Seele und seines Gewissens zu seyn, und sollte ich mir und Ho Milien. 35 Nicht also auch gegenseitige Achtung und Folgsamkeit versprechen dürfen? Wenn ich hier keine Wahrheit Vorträgen werde, die nicht aus meinem Herzen geht: so Höffe ich , wird auch jede derselben wenigstens Ein offnes menschliches Herz finden: und wenn ich bei Meinem Amte nie auch einer Privatpflicht entstehen werde, so hoffe ich, daß auch bei keiner derselben die Stimme der Ermahnung vergebens werde seyn dürfen. Nie störe etwas das liebreiche Vechaltniß zwischen Lehrern Und Zuhörern, und zwischen den Bemühungen zweenet Kollegen, die zu Einem,Zwecks arbeiten sollen! Nie dürfe ein Wort der Wahrheit aus meinem Munde jemanden ein schweres Wort der Bedrückung in seiner Todesstunde oder der Rechenschaft für Gericht! Nie jemand das Sacrament auS meinen Händen ein Kelch der Sicherheit und der Verdammung werden, sondern ein Becher der Stärkung und des Lebens! Nie dürfe jemand unter uns Vor dem Gerichte Gottes darüber Zeuge seyn, daß wir uns einander das Wort gebrochen, das wir uns hier vor dem Angesichte Gottes gaben, oder uns einander zum gegenseitigen Wehe ! UNd Seufzern gereichet. Am Meisten bewahre der Himmel mich und meine Gemeine für Aergerniffen, die das ans steckendste Gift der Verführung, die wahre'Schule der Laster, und das traurige Mittel sind, das Böse in der Welt auf die schrecklichste Art zu vermehren und zu verewigen. M. Z., wir stehen alle unter Einem Gott, dem Richtet der Lebendigen und Tobten! Wir müssen alle übet kurz oder lang die Welt verlassen, und was wir hier gesaet, dort ewig etnd- ten: soll nun Nicht der letzte Augenblick am RaNde des Grabes der schrecklichste seyn, mit dem man ein C 2 36 Christliche Neben und Homilien. Leben verlassen kann: ein Rückblick, der uns nichts als Aergernisse und Böses zeigt, was iauch nach un- secm Tode noch fvrtwurzclt: sollen uns nicht in diesem Lüstern Augenblicke lauter Stimmen erschallen, die über uns das Wehe rufen: Unschuldige, die wir verführt, Einfaltige, Redliche, die wir mit Zwei» feln und Spöttereien irre gemacht, verwundete Elende, denen wir Dolche und Messer in ihren Busen setzten, und ihnen alles, was das Theucrste ist im Leben, Gott und Unschuld und Gemüthsruhe raubten — sollen diese nicht einst noch in der letzten Stunde über uns schreien und uns vor dem Gerichte Gottes verklagen: Zuhörer, so lasset uns unsre Hände und Gewissen rein erhalten, daß von uns nicht das Blut eines Bruders und die Verwahrlosung einer menschlichen Seele gesodcrt werde. Wie wir uns hier vor dem Angesichte Gottes sprechen und ermahnen, so gebe der Himmel, daß wir uns alle auch einst in der künftigen Welt zusammen finden, uns nicht mit Vorwürfen und Flüchen überhäufen , sondern mit Dank und Freudenthränen für jede einander erwiesene Gutthätigkeit und Bildung und Freundschaft und Menschenliebe und Erbauung durch Lehre und Beispiel einander begegnen und umarmen können. Amen. Der Herr segne re. II. Von den Schranken und Mißlichkeiten bei Nachahmung auch guter Beispiele und Vorbilder. Den inten Januar 177». i ->>L?enn Kirche, Gottesdienst und andächtiges Hören der Predigt nichts als Andacht, das ist (wie man diese meistens versteht) eine unlhätige, schläfrige Gewohnheit der Seele ist : M. Z., so gibts wohl wenig unnützere Gewohnheiten als die, bloß in einem Gedankenschlafe Dinge zu hören, die man hundertmal gehört hat, eine Menge von Worten, Gebeten und höchstens halbgefühlten Vorstellungen, wie dunkle Wellen über die Oberfläche der Seele Hinrollen zu kaffen, ohne daß Eine Bewegung aus den Grund kommt; oder endlich gar unter gewissen Empfindungen, die man fromm nennt, alt und grau werden; sich immer erweichen lassen, und immer wieder bei nur veränderter Luft hart seyn; fich immer wecken zu lassen, und gleich darauf desto tiefer wieder cin- zuschlasen, um sich wieder wecken zu lassen — wieder gerührt zu werden, und also sein ganzes Leben zu einem schlaftrunknen Taumel von Gefühlen zu machen, die zu nichts dienen , die in der Seele verschlossen werden und sie höchstens nur zerstreuen oder langweilig beschäftigen — wenn, M. Z., das Zweck unsers Gottesdienstes ist — welch ein Zweck! welch ein Gottesdienst! Willst du, könnte man alsdann zu manchem Manne, zu manchem Greise sagen : Christliche Reden 40 willst du ein ewiger Knabe seyn, nur zu lernen und es tausendmal wieder zu lernen, was die Tugend scy? Älter Knabe, Greis am Rande des Lebens, und wann wird dir denn die Zeit kommen, was du noch immer lernen mußt, zu wissen einmahl zu thun? Wir haben gewisse Wahrheiten, M. Z., von Zugend, von Kindheit an gehört; wissen sic alle, daß wir sie über dem Wissen, Hören und Wiedcr- hörcn, fast wieder vergessen haben. Hier werden keine neuen Offenbarungen und Orakelsprüche und Weisheiten verkündigt, die Neugierde zu befriedigen: daher wer diese erwartet, wer sonst nichts als diese zu erwarten weiß, der thut am besten, daß er sie hier nicht erwarte, und sic sich selbst nach Belieben anderswo suche. Das ist so wenig der Zweck dieser Reden und dieser Versammlungen, daß ich auch nicht weiß, ob irgend eine Fassung und Lage der Seele dem Zweck derselben mehr entgegen seyn könne, als jene der neugierigen Athener: Sie kamen um etwas neues zu hören. Unsre Vorstellungen, M. Z., an dieser heiligen Stelle sollen eigentlich nichts seyn, als ein G c- rüste zum großen Gebäude unsers Lebens: wir sollen hier eigentlich nicht hören, um zu hören, empfinden, um zu empfinden; sondern hören, denken, empfinden, fassen — um zu thun! Der siebente Tag soll ein Ermunterer, ein Wecker, ein Aufheiterer der sechs andern Tage werden: wir sollen uns hier das denken, das vorstellen, und Homilien. was wir zur andern Zeit und unser ganzes Leben durch seyn wollen, und sind. Statt neuer Wahrheiten, M. Z., müssen also hier die aller ältesten Vorkommen, die cs nur in der menschlichen Seele, im Grunde der Empfindungen und Erfahrungen unsers Herzens giebt. Daß cs aber eben solche, und keine andre sind, giebt dem ganzen Geschäfte, Werth, Feier und Anmuth. Hier, o Mensch! sollen dir Wahrheiten erscheinen, die gleichsam zum ganzen Zusammenhänge deiner Pflichten, deiner Bedürfnisse, deiner Umstande, die geheimen verknüpfenden Bande, die Haltcrinncir deines Dasepns, und die tiefsten, festesten Faden sind, die das ganze Gewebe zum Meisterstück oder zum Sandgcwebc, zum Gemahlde eines schönen Ganzen , oder zum Abscheu machen. Hier sollen die Wahrheiten erscheinen, die dich nicht etwa bloS als Bürger, in einer Beziehung deines Lebens, in einem Geschäfte eines kleinen Vorkheils oder Nachtheils; die dich als Menschen, die ganze Fassung deiner Seele, die Richtung deines Lebens auf Glück und Unglück bis zur Ewigkeit hinaus, die also die wah- restc, fühlbarste Seite deines Herzens, und die wichtigste deines Dasepns betreffen. Hier haben Obere und Niedere, Große und Kleine, Herren und Knechte -— alle Stände und Lebensarten haben ihren Stand, ihre Lebensart abgelegt; sind alle hier nichts als Menschen, als Brüder: sie haben sich nur als fühlbare Herzen , als vernünftige Wesen, als Diener Gottes, als Christen haben sie sich versammelt, um, was für sie als solche gehöret, zu überlegen, um unter dem Anschaun der Gottheit, gleichsam unter 42 Christliche Reden dem nächsten, innigsten Gefühl seiner Allgeqenwart das zu empfinden, was sic sind? wozu sie sind? was sic sepn sollen? Es kann also nicht anders sevn, als daß dir bei jedem Schritte Wahrheiten vorlre- len, die du freilich weißt, die du nach dem tiefsten Gefühl deines Herzens mit einer innerlichen Ergreifung anerkennen mußt — Ach aber, die wir so oft im thatigen Leben nicht anerkennen, die wir eben auf dem Punkte vergessen und vergessen haben, wo der wahre Gebrauch davon zu machen war. Wie also? diese der Seele mit neuer Uebcrzeugung, von neuen Seiten der Anwendung, mit neuen Beweggründen , neuen Entschlüssen Vorhalten; eine wiederholte Stunde der Prüfung unsrer selbst zu haben, eben von den wichtigsten, interessantesten Seiten: eine wiederholte Stunde sich mit sich selbst zu beschäftigen, wie wirs im Taumel unserer Geschäfte und Zerstreuungen so selten thvn und doch thun müssen, wenn wir nicht in der Rechnung mit uns unendlich zurück oder von Tag zu Tag in die größe- ste Verwirrung kommen wollen — Kurz, Wahrheiten, Empfindungen, in uns zu bestärken, die so wahrbastig doch zum Wesen unsrer Seele und zur Führung unsers Lehens gehören, als die Nahrung, um unser thierisches Lehen zu erhalten, ohne deren Befolgung wir nicht glücklich seyn können, und die, wenn wir sie befolgten, wenn wir sie immer vor Augen hätten, und uns in Anschauung derselben durch alle Tritte unsers Lebens erhalten könnten, uns — o Gott! wie glückselig machen würden ! - - - Diesen Wahrheiten , dieser edlen Selbst- beschästigung alle acht Tage in öffentlicher Versammlung eine halbe Stunde geben — sollte wohl etwas und Homilien, 4 » süßers, williqcrs und nutzbarers scyn können? Du, o Mensch, sind gleichsam die unmittelbaren Vorcr- tnncrungen deines Thuns und Lassens: Betrachtungen, die aus hundert Erfahrungen auch deines Herzens,. auch deines Lebens zufammcngeflossen, und eben dazu sind, um eben in den mißlichsten Schritten dich als unmittelbare Stabe und Stützen, zu erhalten, zu sickern, fortzuleiten! Erinnerungen, die dir eben alsdann zu Hülfe kommen sollen, wenn zwei ungewisse Wege vor dir sind, und du dich auf dem einen wie weit verirren könntest! die eben in den feinsten, mißlichsten Sachen der Bildung dein selbst dir mit dem Nalhe Gottes zu statten kommen. --- M> 3., wir werden auch heute uns über eine solche Sache vor dem Angesichte Gottes berakhschlagen : die göttliche Gnade leite uns auch jetzt auf dem richtigen Wege! Text: Röm, r 2 , i — 6. Wir werden von Jugend auf immer zur Nachfolge guter Beispiele angewiesen: man hält es immer für den besten, wirksamsten und fast einzigen Unterricht, gute Exempcl zum Muster zu nehmen und uns nach ihnen zu bilden; es ist auch in der Thal so wahr, daß dies der beste Unterricht sey, daß, wenU es nur möglich wäre, in unsrer Seele den Ursprung von allem, was in ihr ist, auszusuchen, wir finden würden, daß gewiß drei Viertheile von dem,,, was wir Gutes und Böses an uns haben, durch Exempel, durch Vorbilder gewirkt sey, die in uns wirkten, und daß für die Folge aus trocknen Moralen, aus Lehren, aus Uebcrzeugungen nichts als der kleine, kalte Nest bleibe. 44 Christliche Redeif Wir haben es also zu andrer Zeit als eine der schönsten aber unerkanntesten Wchlthaten Gottes zu erkennen und zu schätzen gesucht, wenn er auf den Weg unscrs Lebens vorzüglich gute Beispiele stellt, die einem Menschen da begegnen und ihn dazu machen müssen, was er ohne dieselbe gewiß nicht geworden wäre — Aber da doch nun einmal nicht alle Beispiele, > denen wir auf solche Art auf dem Wege unsers Lebens begegnen, gut sind: da wir zum Unglück von sehr vielen es nur zu spat einschen lernen, daß sie nicht gut waren, daß sie uns böse Eindrücke gemacht, die wir nur im Anfänge, im Taumel der Begeisterung, oder unter den Umarmungen der schmeichelnden Selbstliebe für so gut ansahen; oder endlich da auch oft die Nachahmung wirklich guter Excmpel uns gleichsam aus uns selbst werfen, uns gegen uns befremden, uns also zwingen, verunstalten und doch am Ende wirklich verderben kann, statt gebessert zu haben: da diese und andre Mißlichkeiten, über die wir uns gleich besprechen wollen, doch in der That auch bei Nachahmung der besten Vorbilder, wenn man sie schlecht nachahmet, statt finden, und ja n?ehr als zu oft im menschlichen Leben traurige Proben Nachlassen; wäre es nicht, M. Z., unserer Neberlegung werth, wie wir uns auch von guten Beispielen in Religion und Tugend sollen leiten lassen, um nicht von ihnen verleitet, um nicht auf eine schädliche Weise aus uns selbst gebracht zu werden? Unser ganzer Text gibt uns heut die Materie auf. — Stellet euch nicht dieser Welt und Homilicn. '§5 gleich! (v. 2.) heißt gewiß nicht bloß, den offenbaren Bösewicktern gleich, die Jedermann verschreiet. Die ganze Verbindung unsrer Worte zeigt einen viel feiner», schwerer» Sinn. Das Nicht andern sich gleich stellen wird offenbar der eignen Bildung aus sich selbst entgegengesetzt. V e r- ändert euch selbst, durch Vcrncuerung eures Sinnes, prüfet selbst was da sey der gute, der wohlgefällige, der voll- kommne Gotteswille, (v. 2.) Ich ermahne euch, daß ihr euch selbst zum Opfer begebet, das lebendig, heilig, Gott wohlgefällig, (v. r.) das keine bloße Nachahmung, sondern euer eigner wohlüberlegter, vernünftiger Gottesdienst sei). Das ist unser Text! Das sind seine Pflichten, und die Beweggrund e zu ihnen in eben dem Ton. Ihr könnt nicht alle ein Gliedmaß scyn, denn so wie Ein Leib v i e l G l i e d e r, j e- des Glied sein Geschäfte hat: so sind wir auch an Einem Körper der Religion und Tugend viele Ein Leib, haben mancherlei Gaben, sollen also auch mancherlei Verrichtungen haben: jeder nach der Gnade, die ihm gegeben ist (v. 4 — 6.) — Klarer kann nichts seyn! und wenn wir die Sache näher überlegen, auch nichts wichtiger I * . * * 1. In der Jugend, in der Kindheit, was machen fremde Beispiele aus uns oft für Eindrücke! und wie oft Eindrücke, die wir nachher spater so gern aus der Seele und ihr Andenken aus unserin 46 Christliche Reden Leben wegwollten! Da gcräth ein jUNgeS, uner- fabrnes , fühlbares Herz Erziehern in die Hände, die cs (und sogar in einer Sache, die dem Eigensinn der Menschen ganz entnommen se»n sollte, in Religion und Erfahrungen der Tugend) so durchaus nach ihrem Kopfe, nach ihrem Eigensinn wollen gebildet wissen, Lasi darüber wie oft! das ganze Herz zerbrochen und verloren geht, oder nur erst spat nichts als seine Trümmern sammelt. Der fühlbare Jüngling, das gutherzige, unschuldige Kind, jetzt soll es z. B. plötzlich in dieser Stunde, bei dieser heiligen Handlung, Unter jenem Gebete, zur Zeit jener Vorbereitung jetzt diese Eentnergcwichte von Angst, vön Schrecken eines Missetbäters, von halber Verzweiflung und Höllenrrue über Sünden, von denen es kaum weiß, die es in seinem Leben nicht gethan hat und nie thun will, fühlen; jetzt soils wit Einemmal ohne Gründe und Ursache, weiß Gott, warum? und weiß Gott, wozu? eine solche himmlische außerordentliche Freude überströmenz es soll üufwallen und jauchzen: die Stunden sollen wechseln! es soll das, abwechselnde Fieber von Frost und Hitze, von Angst Und Freude ja deutlich fühlen, Lind die Stunde derselben genau wissen, oder-^ es hat nicht die göttliche Gnade! cs ist kein Werkzeug der bearbeitenden Gottheit! es ist Nicht bloß unbc- kehrt, sondern auch — schrecklicher Zusatz! — vielleicht gar keiner Bekehrung, keiner Einwirkung göttlicher Gnade Mehr fähig, mehr würdig! — eS ist, wenn das und jenes nicht zu solcher und solcher Stunde ln ihm vergehet, dem Gericht, der Verstockung, det Verhärtung, einer ewigen Bosheit nahe! — Das hört nun das Kind, der Jüngling, mit alle dem und Ho Milien. 17- Schrecken, dem Entsetzen, den dergleichen Eindrücke erregen müssen, und was thlit er? Was kann et thun, als mit seinem füdlbareN Herzen, mit der Einbildung und ganzen Anstrengung seiner Seele, sich auch dergleichen Gefühle erzwingen, seinem Verbilde, mit welchem Drange der Unnatur es auch sey, mit Gewalt n a ch z u t r a ch t e n. Da liegt er also vielleicht auf seinen Knieen, da nimmt er Gebet und Nachte und Einsamkeit, und Leiden Chri- sti und was sonst nur für Vorstellungen einzeln auf ihn wirkten, er nimmt sie gleichsam mit einer verzweifelnden Allmacht zusammen, erpreßt sich Empfindungen , erpreßt sich Thronen, die willig nicht fließen wollen, kampst, wie man den Ausdruck mißbraucht, mit Gott im Gebete, thut dem H i m M elre ich Gewalt an, und was dergleichen Entweihungen mehr sind. Nun glaubt ec, wer weiß wo? und wie weit? zu seyn t aber siehe! — kaum ist die Stunde vorüber I der Zwang, den er seiner Seele anthat, hört auf! die dämmernden Bilder, die sie umschatteten, rücken kaum etwas weiter — es umweht ihn kaum andere Luft — Ach! so hat die Seele schon wieder ihre natürliche Gestalt angenommen, in der Gott sie und keine andere erschaffen hatte! und da sie doch die einmal nicht haben soll, da sie doch einmal das und alles so empfinden soll, wie es der Lehrer empfunden, wie es jenes Gebetbuch empfunden hat — was bleibt übrig, als wieder anzufangen, oder zu verzweifeln! Der arme Mensch fangt wieder an, glühet wieder, und wird abgekühlt, erhitzt sich wieder mit fremdem, gewaltsamen Feuer und friert; er treibt dies etlichemal, und da er sicht, daß aus allem nichts heraus» 48 Christliche Neben kommt, ach! so endigt ec gar, mit der 'Verzweiflung an aller Tugend, Gottseligkeit und guten Bestrebung. Will der heilige Geist mich einmal, trotz alle meines Bestrebens nicht andern, so bleibe ich wie ich bin! Und da, M. Z. , sicht man denn die traurige Beispiele, die man so oft siehe. , daß eben die frömmsten Herzen in der Jugend, die fühlbarsten, vcrsprcchendsten Jünglinge, nachher die ruchlosesten, ausschweifendsten Böscwichter wurden! Das erzwungene Kind Gottes fand nachher in den Armen des Lasters und der Ausschweifung mehr Leichtigkeit, mehr Natur, , mehr Wahrheit nach seiner Art; cS wird also das ärgste Kind der Menschen. Und nun stehn da die Scinigen, Eltern, Lehrer, Freunde, und beklagen mit zu spaten Thronen den so frühe verwelkten, ver- dorreten, zerrissenen Baum, der doch erst so schöne Blüthe trug, der doch so viel versprach, in dem der Geist Gottes einmal so viel wirkte! sie können die Veränderung nicht begreifen! sie lästern auf Teufel, Welt, Fleisch und Blut! und sehen nicht, daß sie mir ihrer erzwungenen Gottseligkeit, mit ihren eigensinnigen, übertriebenen, unnatürlichen, und überspannenden Gefühlen, mit ihrem fremden Rcgelnjoche, und falschem Glutfeuer vielleicht mehr Schuld hatten, als sie denken ! das fremde wilde Feuer ist ausgebrannt! die traurige ausgeglühte, verwüstete Afchenhöle steht dal ein gutes fühlbares Herz vielleicht auf Lebenszeit verwahrloset. 2. Wie manche Eltern sind, die ihre Kinder aus lauter guten Absichten, durch nichts als frommen und Homilien. 49 Men Zwang nach fr e m d c n B e i sp ie le n Charakter» und Sinnesarten, verderben. Es ist ihnen nickt etwa genug, daß das Kind nach seiner Art gut und wehlgebildet, und Tugendliebend werde; sondern da sie keine Tugend, kein Gutes als nach einer einzigen sehr eigensinnige n eingeschränkten Form, keine guce Bildung gleichsam als nach der Physiognomie ihrer eigenen Seele haben : so soll alle das Kind in diese umgewaudclt, es muss in diese Form cingegofsen werden, und wenn auch freilich alle gute Haltung der Gliedmassen seiner eigenen Seele darüber verloren ginge. Statt zu bedenken, daß si. doch in diesem Zöglinge nicht sich, sondern die Natur des Zöglings bemerken und ausbilden sollten, bearbeiten sie in ibm gleichsam nur immer ihre eigene Denkart. Es werden Handlungen des Kindes, die nicht nach der Eltern Sinn sind, die fremdesten, oft schwärzeste», Beweggründe untergeschoben, von denen wahrhaftig das Kind nicht wusste. Es werden aus unsrem Herzen dem sinnigen solche Schwarzen, solche Teufeleien und Bosheiten angedichtet, die Meistens nur daher kommen, daß wir die wabre Absicht, die eigene Gestalt der Seele de« Kindes nicht verstehen, und uns auch keine Mühe geben wollen, sie verstehen zu lernen. Es soll Wik wir seyn, ockr es ist ein Ungeheuer, und da predigt Man ihm so lange das Ungeheuer vor, man legt und Zwmgt so lange die m-warze Larve auf sem Gesicht, bis düs Kind endlich wirklich kein eigenes ganz anderes Gesicht nach dieser Larve bildet. Es hac sich so lange böse und abscheulich mahlen gesehen, sich so lange giftig schildern gehört z daß es endlich es doch wohl selbst glauben Herders Werke z. Rel. u.Theol, III. D öo Christliche Reden muß, und also werden, was cs nicht war. Der andre falsche Zwang kommt dazu: cs soll m Formen gegossen werden , die ihm nicht eigen sind: seine Natur wird nicht berührt, und die Tugend, statt liebenswürdig gemacht zu werden, ihm vcrschwarzet: und wie also? als das Kind lernt Verstellung, Lüge, Heuchelei, es wird der falscheste Affe fremder Tugenden mit dem unbearbeitetsten Herzen seiner eigenen: cs ahmt mit Zwange nach, was es nicht ist, und ist jetzt mit geheimer Bosheit, was es ist. Unglückseliges Mißgcschöpf durch den Eigensinn und den Unsinn seiner Erzieher! cs ist Heuchler, Lügner, Betrüger, wider seine Natur, boshaft durch die Anweisung seiner Lebrer geworden : ein elendes Zwi- schenwesen zwischen Sc»n und Scheinen — sehet ihm ins Gesicht, ob vielleicht noch ein einziger natürlicher Zug mehr darinnen sey? 3. Auf unserm Lebensganqc finden sich oft einige gleichsam herrschende, überraschende, fortreißende Beispiele, die uns, so entgegen gesetzt sie uns im Grunde seyn mögen, uns eine Aeitlang aus uns selbst drangen. Ihr Gutes, ist cs insonderheit sehr glanzend, oder eine so warme Empfindsamkeit, die sick der Leidenscyaft nähert, steckt uns an; eS geht durch eine Mittheilung in uns über, oder macht uns wenigstens über uns selbst irre, tiefsinnig und traurig. Wir kommen uns in diesen Augenblicken so ganz anders vor, als wir uns sonst dachten, zwingen uns also, ahmen nach, gerathen außer uns — und fallen wieder in uns zurück. Wenn die Hohe, die wir anlireblen, nicht unser Platz ; der Charakter, den wir nachahmlen, Nicht die Gestalt unsrer Seele und Homilieri. 61. war; so war es immer M-ßgestalt, wir fallen viel-- lcicht rieftr, als wir vorder zusteh.n laubten, und sieden oft mit morschen, zerfallenen Gliedern, mit der R rzweisiung an aller Tugend und nuten Be- sireluna auf, da wir d 6? nur eben hier, auf di e sc r S t e l l e, auf solche Weise, mit dem e r; w u n q e n e n S ch ri t t e nicht halten din- anftreben sollen Der andere leichtere sicherere Weg war eben der wahre. 4 Wie viel Menschen machen Freundschaften, die im Anfanae lo glühen, und so plötzlich erkalten l So bald d^r erste Glan; der Täuschung, der ersten Uederchldung verbraucht ist; der Trug ist vorder, da Einer glaubte, über den andern weiß Gott, wie? herrschen und idn umbildcn lind verändern zu können: sie fallen beide in idre Natur zurück: der Kütt, der Leim, der so verschiedenartige Materien eine kleine Zeit zusammen knüpfte, laßt nach —> und da lieaen die beiden Scherben! die beiden zusammengezwungenen heißen Freunde! Wie viele Verbindungen werden auf Lebenszeit unter dem Truge dieses Zwanges geschlossen, und also auf Ledens'eir nichts als unglücklich Man sähe freilich das Widrige in der gegenseitigen Gesinnung und ganzen Denkart; allein man traute die Bekehrungsgabe, die Bekehrung sich oder dem andern zu: man dachte und wähnte (und wie esc wird der Wahn wiederholet!) das wird sich wohl geben! Es gibt sich auch IN der ersten Zeit wirklich: so lange Zwang dauern kann, hat man die oder jene Kette oder Larve, oder Mißsteilung (wie mans nennen will!) getragen: die menschliche Natur wird des Zwanges D 2 52 Christliche Rehen überdrüßig, man wirst die Kette, die Larve ab, die man bloß dem andern zu gut übernommen hatte, nimmt seine natürliche Lage wieder an, und da wird denn so oft aus denen, die sich wcchselsweise einander durch ihr Beispiel, durch ihr leuchtendes Vorbild bekehren wollten, nichts als das unglückliche Ungeheuer, das mit hem einen Kopf lachte, wenn der andre weinte, das immer zugleich hie und dort hinaus wollte, und sich also so lange riß und quälte, bis es wechselseitig sich einander den Tod gab und den Tod fand. Wie manche Stunden in unserm Leben, da wir uns etwa durch Lesen eines Buchs eben in der Begeisterung eines großen Charakters wer weiß, wie hoch fühlen! wer weiß, was thun konnten! Die romanhafte Stunde laßt nach! wir finden, daß wir in unserm Leben, alles zufammengenommcn, nicht der Held, das Romanbild seyn können, und so sin- den wirs also bequemer nichts zu seyn. Wir bleiben was wir sind, und das Große, das Vortrefliche vom Beispiele verfliegt, eben weil es übergroß, weils kein Vorbild für unsre Kräfte oder für unsre Trägheit war. So ist das Herz! So ist die menschliche Natur! was folgt also? Zuerst dies, daß wir ja bei aller Bildung unsrer selbst und andrer nach Vorbildern ja nicht bloß auf das Fremde, auf das Seltne, auf das Uebergroßc; sondern eben das Gegentheil, auf das Nahe, auf das Natürliche und uns näher Andringende, auf das Wahre sehen müssen. Je mehr die Beispiele vor uns, im Kreise unsers lind Ho Milieu. 53 Lebens liegen, je verwandter sic mit uns, mit unsrer Seele, Denkart und äußern Umständen sind, je vertrauter und freundschaftlicher wir gleichsam mit ihnen werden, uns unvermerkt nach ihnen, sie zu uns bilden können , M. Z., desto schöner, desto wahrer, desto anwendbarer, und gewiß, desto ewiger und fester. Das Ungeheure freilich frappirt und erstarret; aber es erstarret nur einen Augenblick , und wehe! wenn die gesammlcte Seele denn nichts, als ein großes Ungeheures siehet! Das Fremde überraschet und betäubt, ists aber nichts als fremde, so kanns ja eben um so weniger einheimisch nachgeahmt werden, und es bleibt also nichts als eine Seltenheit zum Anschaucn. Eltern, Lehrer, Freunde, sucht also das nähere Gute, das um euch ist, oder, da ihr doch die nächsten seyd, da euer Beispiel, gut oder böse, doch gewiß die stärksten, die ewigsten Eindrücke machen muß: erbarmet euch, und werdet selbst gute Beispiele! Seid Tugenden, die vor ihnen, die um sie wandeln, mit denen sich ihr Herz täglich, gleichsam unvermerkt, familiarisire, die es durch ein bloßes Anschaucn, durch ein leichtes stilles Gewöhnen von Tag zu Tage nachahmen lerne: denn Einmal, o Gott, sind wir doch Nichts, als das zusammen genommen, was andre hie und da einzeln waren, was insonderheit frühe auf uns Eindruck machte: unsre Denkart ist ja nichts, wenn wir auf ihren Grund sehen könnten, als die Summe der Eindrücke, der Vorstellungen, der Gewohnheiten unsers Lebens. Glücklich ist, wer nichts als Gute sieht, und solche Gute, die er 54 Christliche Reden nicht bloß nachahmen kann ; l ie sich zu ihm drängen und er nachahmen muß. Insonderheit muß ich hi r eine Folge auf die Exempel un rer Religion macgeu, bei d.ren Anwendung so selten die schone Mirte gerrcffen wird. Wer sollte nickt denken, daß Christen, die sich nach dem Namen eines solchen großen Borbildes nennen, wenn sie >;vn Jugend auf dies »reße Bild vcr sich sähen, bis in die Tiefe ibres Herzens nach seinen Tugenden gebildet würden und das ist doch emsig die Neligien Jesu; eine am erc Bildung in ihr qibts ja nicht!) wer sollte sich nicht alsdenn ein ganz andres Nachbild vom Leben der Christen denken, als man — jel;t sieher? Ein Kind, das in nichts als im Anschauen eines Mannes erchgen würde, der sein Leben nicht, als nur für andre, genoß, der freiwillige Dür sichelt, und Mangel, Hunger und Ermattungen übernahm, um eine Bestimmung aus- zufübr-n, die nur durch stille Tugend ausgemhrt werden sollte— eines Mannes, der, da er sich den weitesten Wirkungskreis batte verschaffen können, Nationen und Völker mit seinem Scepter zu beglücken, lieber die sittsamere Tugend, den stillen Weg der Menschenliebe wählte, unbekannt die Hütten der Armen au'zusuchen und ihnen wohl zu rhun, sie von Krankheiten, von Uebeln zu befreien, von denen sie keine Gabe eines Königs befreie» konnte — der so seinen Weg in einem Thale von Dornen fort-^ setzte, bis endlich die Freude seines Herzens herannahte , sein Leben für die Brüder zu lassen! — der es nun in aller Wuth und Zuiämmenhausiing der Schmach und der Schmerzen , des Schimpfs und der Marterst mit einer Stille, mit einer Grvßmuth ließ, und Ho milien. 55 über die jeder erstaunen muß, der sic überdenkt —'— eben in der Wuth der Kreuhigung, du Eisen durch Sehn und Adern dringt, du das zersplitterte Kreuz mit seinem Schmerzens-Opfer in die Höhe fliegt: — er wendet seinen stillen, fünften Blick vom Schwarme der Mörder und Spötter gen Himmel, kein Fluch, keine Verwünschung! ein herzliches Gebet für sie „Vater vergib ihnen >" dus ist seine Rache, das ist seine Tröstung! So leidet er fort, fahrt fort in den Augenblicken seiner Schmerzen für seine verlaßne Mutter zu sorgen: ein Seufzer der Angst „Warum hat mich mein Gott verlassen!" wechselt mit einer Vorsorge der Liebe ab, daß jene Arme von Menschen nicht verlassen werde. Er vergißt sich und sorgt für andre — in der Stunde seiner eigenen Todesangst tröstet, rettet, bekehrt er noch einen Armen , der neben ibm stirbt; vergißt bei dem Tröste, den er ihm gibt, bei dem neuen schönen Reiche, in das er die brechenden Augen seines Mitsterben- dcn leitet, daß er selbst leidet, daß er selbst stirbt — M. Z. , dies Vorbild der Großmuth, der Liebe, der Aufopferung , der Stille, des wahren Adels der Seele, Tugend um ihr selbst willen, um ihrer eigenen Süßigkeit willen zu lieben und auszuüben —^ von Kindheit aus in die Herzen gedrückt, unschuldige, zarte, fühlbare Herzen in solcher Religion, unter dem Anschaucn eines solchen Religionsstifters erzogen-was sollte man denken, müßte das für stille, edle Tugendhafte geben? Wo müßte we-, Niger die niedrige Rache gehört, wo mehr edle Aufopferung der Charakter der Menschen sepn?- Wir wollen, M. A., nicht einmal unnütz fragen, ob das die Christen sind? sondern nur, vielleicht 56 Christliche Reden etwas nützlicher, fragen, warum sies nicht sind? und unter Kundert Ursachen ist gewiß auch die, daß sie das Große dieses Vorbildes nur im fremden ü b e r i l r d i s c ke n, sonderbaren Glanze erkennen lernen, der alsdann lreilich auch ihnen fremde bleibt. Man lernt Christuni nur immer als einen Menschen becrachken, der nicht ein Mensch wie wir ist: „ja, der hat freilich so etwas „tbun können! der war auch Gott! der hat auch „welche Kräfte vom Himmel gebracht, die ich schwa- „cher Mensch nicht habe: was darf, wie kann ich „ihm also nachfolgend und so vergißt man, daß er , als Vorbild der Tugend, in diesem Allen nichts Nls Mensch war, der alle Mittel der Crkenntniß U»d Bildung des Herzens wie wir brauchte; der tzon Kindheit auf, wie an Alter, so auch an Weisheit, Tugend, und Gefälligkeit hei Gort und Menschen zunehmen muß- te; daß er nicht ein Phantom von Menschheit gewesen sey, das also auch mit den E n> n f i n- dungen unsrer Menschheit, und wir mit ihm nicht gleich fühlen, nicht spmpathisircn könnte: sondern der in allem versuchl wurde, wie wir; aber er überwand, keine Versuchung ward ihm Sünde — das alles aber vergißt man mit Fleiß: ein überirrdisches Phantom der Menschheit anzuveten, das ist so leicht; und dem, der unser Bruder war, der an Sitte und Denkart völlig als Mensch, und nur als ein solcher! lebte, dem in dieser Sitte und Lugend nachzufolgen, wäre so schwer? ge sinnet zu seyn wie Jesus Christus auch war? — Laßt uns also gerade zu sagen, das ist, und Ho Milien. L? ob es gleich die ganze Religion von Anfang bis zst Ende federte, das ist unmöglich! Er war Gott, und ich bin Mensch — und so kommt man auf einmal los. Man liefert ihm jetzt höchstens, statt aller Nachahmung feiner menschlichen Tugend, ein kaltes Lobgebet seiner göttlichen Größe, eine starre Bewunderung dessen , was alsdann, wenn er nichts als Gott, wenn er kein fühlbarer Mensch, wie wir, gewesen, gar keiner Bewundrung wcrth ist, und so bleibt alles wie cs ist. So gehen die besten Beispiele, so geht alle Kraft der Religion verloren, und höchstens will man sic blos darin nachahmcn, worin man sie nicht nachahmen soll: jener will wie Jesus fasten, jener, wie er, äußerlich leben, sich kleiden, umhcrziehen, essen und trinken, jener, wie er, die Leute aus dem Tempel treiben — und welchen Un, sinn es mehr gegeben: nur wie er denken, wie er handeln und wollen und leben, das will keiner! * . * Jeder Mensch, M. Z., hat seine Kräfte, fei-, ne Anlagen, sein Maas von Vollkommenbeiten und Bestimmung in der Welt, oder wie es Paulus im Text sehr anschaulich und wahr ausdrücktt ,,Wir sind alle Glieder! alle Glieder haben nicht einerlei Stelle, Zweck, Geschäfte! so auch wir, jeder seine Ga bel nach der Gnade, die ihm gegeben ist." Wir sehen offenbar, wohin also auch alle Einwirkung guter Beispiele und Vorbilder abzwccken müsse, nämlich keinen, als uns selbst, zuunsselbst, auszubilden, zu machen, daß jeder das ist, L8 Christliche Reden was Er und in der Welt kein andrer als Er s e y n soll. Stellet euch also auch im Guten nicht so blind und eloß andern gleich: sondern vermoeri euch -elbtt durch Verneurung eures Sinnes. Prütt selbst, was für euch sey der gute, der euch z u ko,-n m e n d e und anständige G o r r e s w i l l c. Uebcrgebt euch selbst mit einem vernünftigen, für euch zu überlegenden Gottesdienst, Gott zum lebendigen Opfer! das ist die Lehre unsers Terts. Und waS sind demnach die Ercmpel? die guten Bilder? nicht, die uns blind und taub aus uns selbst rücken, sondern die uns nur wecken, die uns zu dem machen, was wir seyn sollen u n d nicht sind. Der Mensch, M. Z., geräth auch bei guten Gesinnungen, wenn er moralisch gleichsam füc sich allein, in einer Wüste, als einer Insel auf der Welt lebt — in weniger Zeit in eine solche Trägheit, Unthätigkeit und Unzufriedenheit mit sich selbst, daß er ruhet, oder höchstens nur einen Weg so gerade und läßig fortgeher: dieser Weg kann ihn mit der Zeit sehr abführen! er kann mir der Zeit Dinge an sich leiden lernen und mit ihnen gewohnt werden, die kein anderer an ihm so leicht gewohnt würde, und er selbst kaum an sich litte, wenn er sein Gesicht manchmal in andern Spiegeln rings um sich betrachtete. Eine Situation von Umständen, in der wir sind , eine Leidenschaft, eine Zaulurci rings um uns her, kann unsere Sinne oft so benebeln, uns fesseln , die Stimme unsers eigenen Gewissens so betäuben, unfern sonst warnenden guien Genius so und Homilien. Z9 einkchlafern, oder einschmcichcln, daß wir vielleicht schlechtweg verloren wären; alle Lehre, die wir in solchen Umstanden uns selbst sagen können, ist zu schwach, ist leere unwirksame Moral und nichts mehr — aber da kommt cin Beispiel, ein edleres Vorbild, das nichts spricht, das bloß mit seiner starken, schweigenden Summe des An- schauens zu uns redet: wir erwachen — und wer bist du ? wie lebst du ? in welcher Schlaftrunkenheit, in welcher unthätigen oder gar schamlosen Situation stehest du dich aus? in der dich bloß Zauber, Lei» denschast, schimpfliche Gewohnheit befriedigt! wie wirst du dich einst anschcn ? wie, wenn einige Umstande wcgrüeken, dir Vorkommen! wie verächtlich! wie schamrorh! „was ist der? und was könntest du sein, ?" — Der Schlaftrunkne erwacht: die Zaubec- binde fällt von den Augen: ec wirft die Ketten weg: er wird was er war, was er seyn sollte, und nicht ist! — Seht da, M. Z., die Macht des guten Beispiels und der schönste Gebrauch desselben. Es weckt hier, wo und wann keine Lehre wecken kann, und macht uns, wozu keine Lehre machen kann, nicht zu tobten Nachahmern, sondern zu edlen Nacheiferern unsre r s e l b st. Es ist wie die Kraft der allerweckcn- den Früklingssonne: sie durchdringt alles, sie weckt mit der Wärme ihres Strahls alle schlafenden erstorbenen Pflanzen und Gewächse, Blumen und Krauter! Aber keine Blume wird Kraut, kein Kraut, Blume! jedes geht aus seinem Todtenschlafe, von seinem Keime als solches hervor, was cs ist, was es nach seinem Keim seyn sollte. So uns die Kraft der guten Beispiele: sie regen, si§ wärmen, ste wecken uns — aber zu seyn was wir sind, jeder die Pflanze ans seinem Keime, das lebendige Glied m aas des Leibes an seiner Stelle. Keine Thorhcit der Menschen ist so groß, und doch gibts fast keine häufigere Thorheik, als nie das zu seyn, was sie sind, sondern immer etwas seyn zu wollen, was sie nicht sind, was sic nicht seyn können. Unter Hunderten ist keiner recht ans seiner Stelle, sagt man, und unter Tausenden, könnte man hinzusetzen, keiner, der auf seiner Stelle seyn will. Wir haben alle fast immer ein fremdes Ideal, ein für uns ungehöriges Muster im Kopf: dem beneiden wir dies, jenem das: in diesem wünschen wir uns hie, in jenem dorthin; auf der Stelle wollten mir die, auf jener, jene Tugend ausüben — nur eben auf unserer üben wir keine aus» Wir bauen immer in Gedanken fremde Gärten, und unfern eigenen, auf den uns doch die Vorsehung gesetzt, den sie uns doch zu bauen ausgctragen, auf dem wir doch einmal allein unsre Glückseligkeit finden können, nur eben den lassen wir verwildert, wuchern immer mit fremden Talenten und unser eigenes, für das allein wir Rechenschaft geben sollen, lieget in der Erde. Keine Thorhcit ist, wie gesagt, häufiger und keine größer. Mein Gott, was hilft es uns, beständig in fremden Zeiten zu leben, in denen wir doch einmal nicht leben; Zeiten zu loben, die wir doch nicht nutzen, nicht genießen können; Vorbilder zu beneiden oder schief und link nachahmen zu wollen < die wir doch nicht sind. Die ganze Glückselig- und Ho Milien. 6L keit des Menschen beruht doch einmal für alle nur auf dem würdigen Genuß seines Lebens, seines Daseyns, und also kur;, zu seyn was er ist. Und was steht also nun dieser Glückseligkeit gerader entgegen, als das nie zu fern, nie auf der Stelle zu leben, auf der num ist, immer nach fremder Luft zu schnappen, Höben, Stillen, Talente, Tugenden anzustreben, die man nicht erlangen kann, und darüber völlig ungenützt und ungebraucht hin- gehen zu lassen, was man hat. Wahre Strafen der Hölle! da schöpft man immer mit löchrichtem Siebe , rollt immer den Stein, der unter unfern Händen, gleichsam des Schweißes und der Mühe spottend, berqunker lauft, hascht immer nach der Welle, die vor uns flieht, statt das nächste Wasser zu trinken, umarmt immer die entfernte Wolke, und siebt das Gut nicht, das in unfern Armen ist—> wahre Strafen der Hölle im menschlichen Leben! Und wie? wenn ein jeder seinen Acker bauete, seine Talente anwendete, seiner Tugenden sich befliße, fein Leben nützte: M. Z. , das ist die Moral unserer ganzen Reliaion und Glückseligkeit und Natur, und des Besten der Welt, und aller Erfahrung. Wie elend ist die Blume, die Pflanze, das Gewächs, das nur aus seinem Acker, Luft, und Lande gerissen ist: es trauret, es welket, es verdorret. Und nun aus seinem Keim gerissen, o da ist gar ein Unding, in dem Keim steckt ja die Pflanze, und die Pflanze entsprießt nur aus dem Keime. Wollen wir also nicht mit unsrer eignen Natur Friede stiften, unsre eianen Anlagen und Kräfte bilden, unser eignes Herz und Leben studieren <)2 Christliche Reden und gut anwenden, uns mit uns selbst und unserm Stande, Cbaractcr, Siclle, Gelegenheit und Kreise des Daseyns versöhnen und absinden, kur; das se>)N, was wir sind, und kein andrer seyn soll und kann: M- Z., so bleiben wir immer, was lebe Mißgeburt, jedes kranke Geschöpf ist— unglücklich und elend. Die Hand muß verdorren, die Mund sevn will, und der Fuß kann nicht geben, der sich nicht vom Haupt will sichren lassen. Erstreben wir höchstens eine solche falsche Tugend, außer unserer Natur, außer unserm Zweck und Charakter, so verlieren wir sicher drei weit nöthigere in demselben. Alles wird falsch, schief, verunstaltet. Hingegen, wenn wir unfern Garren, unfern Acker bauen, wo ist ein Dornenqesilve, das nicht auch Rosen brachte? wo ist ein steinigter Felsacker, der nicht auch fruchtbare Stellen für den- besten Saamen batte? und wo ist eine menschliche Seele, ein menschliches Herz, ein memchlichcr Stand und Charakter, der nicht in Ausbildung und Bearbeitung sein selbst, ein solcher Kreis der Woblchatigkeit, Tugend und Glückseligkeit se»n konnte , als der erste Platz auf der Erde. Das niedrige verborgene Thal , M. Z,, ist immer eine stillere, sichrere und sruchtreichcre Aue, als die dürre windige Höhe des Gipfels, und eine tugendhafte stille Hütte, eine in sich zufriedene, sich selbst gebildete Seele, die in ihrem Kreise lebt und edel wirkt, die einzige Wohnung der Glückseligkeit, der würdigste Tempel der Gottheit auf der Erde! Wie angenehmer und nutzbarer wird uns nun die Bildung nach fremden «dein Exeni- peln in unfecm Kreise, für unser Herj und Homilien. 6S und Dasevn werden, als voraus die öde Be, wundrung, d,e nichts war, oder uns aus uns selbst drang, uns unsrer selbst beraubte- Jetzt wird ein jeder bei sich selbst wohnen; aber best» aufmerksamer seyn, alles das Gute, was ihm am nächsten ist, was mit seinem Herzen am meisten übercinstimml, was gleichsam durch einen unmittelbaren Aua, durch freiwill,Ae uncrzwungcne Aner- kcnnuna und Er reifung in ihn übergehet, desto inniger zu fühlen und zu nutzen Man wird sich nicht Jabrbunderte und Jahrtau ende weit in andre Zeiten und Lander werfen, und da allein bewundern, und da allein schwindeln, ohne das, was unmittelbar rnr uns ist, auch nur sehen zu wollen, oder zu können: man wird bei sich selbst wobnen, und also auch eben das lebendige Gu e, was um uns ist, mehr suchen, mehr fübbn, mehr nutzen! Gleichdenkende, gleichedle Fr-unde werden sich begegnen, nicht mir vcrschloßnen Augen einander vorbei gehen; sondern sich anerkennen, sich finden, sich einander nnttheilen, aufmuntern, beseligen, bessern. Die Saite in unserer Seele, der ähnliche Zug in un- serm Herzen wiro ebne Mühe und Schwerdschlag, wie die gleichgestimmte Saite auf zwei Instrumenten, einander antworten, der gute Ten der Seele in einander übergehen, wie sich ja Miene, Stellung, Blick, Gedanke, Leidenschaft, Gebebrde mit- theilt. Wir werden alsdann uns nicht einander, wie Jsmael, begegnen: „seine Hand, sein Auge wider Jedermann, und Jedermann wider ihn!" wir werden in einander auch das zerstreute Gute suchen, die einzelnen Rosen auf einem DornbUjche nicht verachten, und immer denken : ein Mensch kann Christliche Reden durchaus nicht seyn, wie ihn der andere denkt und will. Wir haben ja jeder unser Gesicht: und jedes Gesicht ist ja nur Spiegel, der, und keiner andern Seele; unsre Seelen können sich also einander nicht ähnlicher seyn, als unsre Körper, unsre Erziehungs? arten, unsre langen Gewohnheiten, unsre Naturneigungen, unsre Stände und Lebensarten uns gebildet haben. Welcher Thor wollte nun ein schönes Gesäß zerwerfen, weil ein kleiner Fleck darin ist? und welcher noch größre Thor den andern, seinen 'Freund, seinen Mitmenschen, seinen Bruder weg- werfen, hassen und verfolgen, mit ihm, wenn er mit ihm zusammen leben muß, täglich in neuer Feindschaft leben, weil er nicht ganz nach seinem 'Sinne ist. Laß es seyn, und laß auch deinen Sinn gut seyn: nur du siehst, der Fleck ist dem schönen, zarten Gesäß so fest mitgcbildct, daß, um ihn her- auszubringen, du bas ganze Gefäß zerschlagen mußt '— und denn hast du gar kein Gefäß mehr! Dieser Fleck, diese Unähnlichkeit mir dir an deinem Freunde ist so rief in seinem Charakter, ist mir so viel anderm Guten zusammen ge chmolzcn und fest-, gebildet, daß du, wenn du ibn hcraushaben, ihn. ganz nach deinem Sinn haben willst, ihn zerschlagen mußt — und dann hast du keinen Fecund mehr. Wolle also nicht bessern, was du nicht bessern kannst, übersiehe den Fehler, zwinge dein Beispiel rin d deinen Sinn nicht in allem auf: der andre kann nicht ganz wie du seyn, so wenig er du ist. Es sind mancherlei Glieder und ein Glied dem andern unähnlich: also sind wir viel ein Leib, und müssen uns einander, als verschiedene Glieder tragen, oder der ganze Leib geht im und Homilicn. L5 im Zanke der Glieder zu Grunde. Statt zu murren und zu verachten, sollten wir auch hier lieber die Güte und Weisheit des allnmeinen Baicrs der Welt anbelen : daß so viele Glieder das gesunde, wohlgeordnete Ganze eines Körpers, und Menschen von so vielen und vielerlei Gaben das beste Ganze einer Gesellschaft, einer Well ausmachen können, die ohne diese göttliche Vertbeilung und Zusammcnord- nung gewiß zerfallen müßte. Jetzt sind in diesem großen, mannichfalngen Gemälde viele und vielerlei Abtheilungen und Gruppen: j e d cr k a nn si ch die sci n ige, se in e n O rt, s ein e Borbil- der, seine Beispiele und Gefährte'» des Lebens wählen: es sind mancherlei Gaben und mancherlei Menschen ; nur jeder bessere die seinigen, und werde, was er seyn soll. Am allermeisten, M. Z., würden auf solche Weise die leeren Betrachtungen und Empfindungen guter Beispiele Wegfällen , die mit alle ihrer Müßigkeit ein moralischer Mode,Zeitvertreib unscrs Jahrhunderts sind. Es müßte, wenn man's nicht wüßte und sähe, schwer fallen, sich zu denken, wie man auf das bloße Empfinden und Bewundern und Na c h e m p fin v e n eines guten Beispiels einen solchen Werth, eine solche Beschäftigung setzen könne, daß man an nichts weniger dabei denkt, als ans Nach ahmen, ans Lhun. Im gemeinen Leben ists eine so äußerst verschiedne Sache, es bloß zu sehen und gut zu finden, daß ein andrer schön mahlt, gut schreibt, schön gehet, oder arbeitet, und selbst so mahlen, schreiben, gehen, arbeiten zu können. Man würde den Blinden für Herders Werke z. Rel. u. Lheol. III» E LK Christliche Reden einen Unsinnigen halten, der, wenn er sich vordc- monstrircn ließe, wie schon und arrig und künstlich ein Auge sieht, sich nun einbildete, selbst zu sehen, oder das Auge nicht nöthig zu haben— das ist nun so bei allen Geschäften, Künsten und Wirksamkeiten im gemeinen Leben; und bei der grö festen Kunst, bei dem schwersten Geschäfte, bei der fortgehendcn Wirksamkeit des ganzen Lebens — nur da ists anders: da dünkt sich ein Mensch schon sehr weit gekommen zu seyn, wenn er das Schöne, das Vortrcfliche, das Rührende in einer guten Handlung, in einem schönen Charakter nur begreifen, empfinden, höchstens bewundern, davon gerührt werden, darüber weinen kann, und nichts mehr. Da machen es Menschen zu einem täglichen Geschäfte des Lebens, sich so rühren zu lassen, zu empfinden, zu lesen, zu hören, anzuschauen — und dünken sich groß und dünken sich wirklich so gut, als die, die sie bewundern und empfinden. — „Sie sind doch empfindsame Herzen! „Sie sind doch Menschen von feinem Gefühl, ibnen „ist doch Tugend und Laster so wenig gleichgültig!" Und dies Lob des empfindsamen Herzens, des feinen Gefühls ist fast das Einzige, das Höchste, was sich gewisse müßige Menschen in unserm weichen, müßigen Jahrhundert erstreben — ein seltenes Lob! Als ob nicht der Bösewicht, wenn er vor der Schaubühne seinen Bruder als Bösewicht in einer niedrigen abscheulichen Handlung sähe, die E r außer der Bühne, von seiner Leidenschaft getrieben, selbst thäte— nicht da über ihn zürnen und die Tugend loben werde, die er doch in seinem Leben selbst nicht liebet, nicht ausübek. Große Vorbilder also zu loben, t!nd Homilicn. L? bloß mit müßiger Empfindung zu lieben, ist doch wirklich nichts als eine Komödianten-Beschastigung, und man kann sich endlich an diesen edlen Zeitvertreib , an dieses rmpsindungsrciche Zerlegen und Betrachten gurer Beispiele so gewöhnen, daß man endlich gar nichts mehr empfindet, wenigstens bis auf den Grund empfindet,' die besten Vorbilder gehen trocken vor uns vorüber, wir sind an sie, als an eine Sache des Jahrmarkts, des AnschaucnS gewöhnt, und bleiben wer wir sind. Wir wandeln täglich in einem Saale voll schöner Bildsäulen umher, sehen sie so lange, bis wir sie endlich mit unfern sehenden Augen gar nicht mehr sehen; oder wenn auch — so ists Bildsäule l Sie bleibt, so schön sie ist, auf ihrem Fußgesiclle stehen, und unser häßlicher Körper, der durch sie nicht schöner wird, schleicht^si'ch vorbei. Jenes Vorbild, dieser Charakter, bleibt Romanbild: diese Predigt bleibt Predigt, Mid wir die wir sind. Es ist, M. Z., ein wahrer Verderb des Herzens, auf solche Weise Gedanken und Ahat, Vorbild und Nachfolge, Beifall und Nachsircbcn zu trennen, und gleichsam zwei nothwendige Glieder, die nur für einander da sind und zusammen wirken sollen, Kopf und Herz, auf immer von einander zu sondern. In weniger Zeit ermattet man gleichsam unter allem Schönen; man eckclt und schwindelt unter allem süßen Wohlgeruch, und die ganze Menschheit erschlaffet. Empfindsame Herzen! und schlechte Menschen in Handlungen! Vielwisser, Laurpreiser schöner Handlungen und selbst NichtS- thäter — die Dinge sind nicht allein oft bei einan» E 2 63 Christliche Reden und Homilien.' der, sondern bringen sich auch im Uebermaas meistens einander hervor: und da ist nichts bester als der einzige kurze Rath: Ziehe dein Auge eine Zeitlang zurück, und laß dcine Hand handeln! Eine eigne gute Handlung in deinem Kreise, ist bester als tausend feine Empfindungen, die du andern müßig schenkst! Eine kleine Ausbildung deines Charakters, ein kleiner verschönernder Zug in deiner Seele, besser als das tobte Anstauncn von hundert andern noch hundertmal so vollkommenen schonen Seelen. Wir sind hier auf der Welt nicht bloß zu bewundern, und uns mit schönen Empfindungen zu speisen, sondern zu thun. Der Mann, der sich ransendmal im Spiegel besieht und nie seinen.Flecken abwischt, ist ein Toller, und der Empfindsame, der immer große Vorbilder betrachtet, und in seinem Kreise nichts ist, ists wahrhaftig eben so sehr. Jeder ist Glied auf seiner Stelle und muß auf seiner Stelle zur Gesundheit des Körpers wirken, nicht die andern Glieder wirken sehen, sonst steht alles stille. Stelle dich also nicht auch auf solche Weise der Welt gleich, sondern verändre dich selbst durch Ver- neurunq deines Sinnes: Das ist der gute, der dir zukommende, vollkommene GOTTES Wille! UI. uebe c das GleLchniß vom mancherlei Saamenlande. 1773. e^.^?ir haben schon, M. Z. , da wir uns neulich zu den Gleichnissen Jesu überhaupt bereiteten, auch der Glcichnißrede „vom Saemann und vielerlei Acker" gedacht, und ich setze sie auch schon dem Namen nach uns allen als so bekannt voraus, daß ich auf sie bereite, selbst ehe ich sie verlesen habe. Kann etwas ungcsuchter, natürlicher und jedem so sehr gleichsam im Wege scyn, als gedachte Parabel? Wir sehen ihre Geschichte bei jeder Aussaat jedes Säemanns: sie ist so einfach, zusammenhängend, und in ein treues Bild zu bringen — und in diesem einfachen Bilde, in dieser simpeln Geschichte, welch ein Sinn! welch großer vielfassender Plan! Die ganze Welt, mit allen ihren verschiedenen Stellen und Situationen: „hier harter, ganz unfruchtbarer Weg! dort eine schnell ausgehende und schnell verdorrende Saat im Grase! dort, wo jede Aussaat nur unter Dornen aufkommt, und die Dornen kommen mit auf, sie zu ersticken, und unfruchtbar zu machen; und endlich nur so wenige ausgesparte Stellen gutes Fruchtland, wo der Saame still keimt, langsam wachst, und herrlich gedeihet" — welch ein großer allweitcr Christliche Reden 72 Mick auf Welt uud Anten, die immer nur dies Wild hervorzubringcn, und abzuwechseln, zu entwickeln, und aufulrollen scheinen! Die ganze menschliche Natur mit ihren Sinnesarten, Charakteren und Gestalten — welch ein Blick! welche große vielartige Fadel, und die sich ganz in diesem Bilde, in dieser einfältigen Fabel zu erschöpfen scheinet: „hier harte Charaktere! ein Wegcland von Sinn und Gcmüthsart, wo fast keine Fühlbarkeit, keine Empfänglichkeit guter Eindrücke mehr zu fürchten oder zu heften ist: alles bleibt liegen, wird zertreten, und die Raubvogel des Himmels fraßens auf! Der: wiederum so warme Herzen! so rasche Gemüthskrafte — die mit welcher Freude und Zuwall,,ng umiasscn, anfangen ! so rasch, so freudig, daß der Saame selbst nicht wurzeln kann: er schlagt ein fröhliches Gras auf — aber die Sonnenhitze, die ,ru warme Einbildung dörret alles aus — der Saame ohne Wurzel, die fröhliche hoffnungsvolle Saat geht verloren So andre, wo Sorgen und Gedanken und Neigungen des äußerlichen Lebens alles verschlingen, und verwickeln: der beste Entschluß, der kräftigste Fruchthalm wird erstickt — und denn nun so weniges Fruchrland wirklich guter, vom Himmel zum Besten des menschlichen Geschlechts ausgesparter Seelen." So wiederum die Auftritte der vier menschlichen Lebensalter, unter denen sich der brausende , unter der Hitze seiner Entschlüsse und Neigungen so oft aus^edörrte Züngling, und der in Sor.cn, Dornen, Rcichthümer und Beschwerden des Lebens verstrickte Mann leider so oft und sehr unterscheiden — So die Austritte der so man- und Ho Milien. chen menschlichen Lebensarten, wo diese dem Stoße und Drucke aller Geschäfte und Beschwerlichkeiten, gleichsam dem Tritte jedes wandelnden Fußes ausgcseht ist: jene in einer saftlosen Hohe unter dem Strahl und im Glanze einer zu heitern Sonne dorret: eine dritte sich in NahrungS- socgen und Dornen der Ueppigkeit verschlingt, und wiederum nur so wenig ebner, lockerer, säst - und kraftvoller Boden für ein gutes Saamcnkorn über- blcibt. Endlich gar Eine Menschheit, Ein menschliches Herz nur in verschiedenen Stunden, und innern Zu standen, wo wir bald kalt wie Eis, und hart wie eine Landstraße seyn können; bald mit einem Uebcrflufi von Einbildung, Rührung und Sonnenglut, in wie vieles Gras aufwallen, das alles verdorret, und nichts zur Frucht kommt; bald uns wieder mit Dornen und Sorgen so um- zaunen — und wiederum nur so wenige recht guter Stunden überbleibcn, wo die sanfte Rührung bis zur vollendeten That und Gefühl der Glückseligkeit kommt — Erlöser! dessen Worte so voll Lebens, voll Sinn und Inhalts aller menschlichen Seelen, Lebensarten, und Gemütbszustande des menschlichen Herzens sind — wenn auch hier in dieser Versammlung jedwede Seele ihre Stelle und Bild in deinem Gleichnisse wird gefunden haben, und finden muß: so laß cs auch viele von denen guten Stellen und Gemüths-- arten geben, wo das Saamenkorn nicht in eine schnelle vorreife Blüthe aufschießet und verdorret, sondern wo es einen tiefen Boden, eine reiche saft- volle Erde finde, und Frucht bringe in Geduld. Zn 74 CHri stliche Rede» deinem Worte selbst, o Lehrer der Mensche»! im Saamenkorne selbst liegt schon alle Kraft der Schöpfung , die ganw Wnndermacht Gottes, aus dem was Nickis scheinet, aus einem kleinen verborgenen Keime , der fast allem menschlichen Blicke entgehet, die Erndke, die Keucht und den Boden zu entwickeln , der uns nachher eine so schone, reiche saa- menvolle Erscheinung werden kann: und unser Her; har nichts zu tbun, als sich milde zu öffnen, den Keim vom Guten in sich tief und stille zu verschließe» , und ihn nachher in Einfalt und Geduld an- wenocn und gedeihen zu lassen. O Gott! treibe alio auch jetzt alle Raubvögel böser zerstreuender Gedanken , die uns das Wort schnell vorn Herzen weg- nehmen könnten, hinweg: mildere selbst die Warme des Entschlusses und der Einbildungskraft, die uns hindern würde, daß der Saame nicht tief wurzle, und zu früh verdorre; am meisten aber, o Gott! der unsern Gang durch Dornen und Rosen des Lebens hindurch leitet, und alle Mittel in seiner Hand hat, uns durch die stachclvollesten Situationen mit unverwundeten Herzen hindurch zu bringen, leite uns nachher durch alle Sorgen und Anliegenheiten hindurch, daß uns nichts verklagen möge, was auch jetzt in unser Herz gestrcuet ward. V. U. Luc. 8 , 4 — r5. Das ganze Bild von We lt v e rfa ssun g aus dem vorgelesenen Gleichnisse zu entwickeln: „wie? und warum es in ihm so viel harte, unfruchtbare, und unbesabare Stellen, Felsdürren, Dornen und und Ho milien. 75 Wrgscheiden gebe, wo nichts gedeihet, wo alles stirbt — den großen Plan Gottes mit den Zeitaltern der Welt zu entwickeln, warum zu dieser Zeit das beste Gute, Erfindung, Borsatz, Anstalt , Einrichtung entweder auf die härteste Stelle trifft, und von einem unvorhergesehenen Raubvogel erhascht wird, der darauf laurct, oder eben durch eine zu frühe Hitze und Sonnenmilde in der schönsten Blüthe verdorret, oder mit so vielen mither- anwachscnden Hindernissen zu kämpfen hat, und erstickt, bis nun eben zu einer andern Zeit und auf einer andern Stelle das Gute in der mildesten Erde so ohne Sorge und Wartung aufkommt — diesen unendlichen Plan Gottes in Anlegung der Weltscene» aus dem Bilde Jesu zu entwickeln, ist nicht für uns; der Blick viel zu groß, daS Geschäfte der Einthrilung viel zu früh und täuschend; es gehöret ein spaterer, vollendender Tag dazu, cs zu sehen, wozu auch Unkraut, und verdorrtes Gras, wcgge- raudte Saamenkörner und von Dornen erstickte Achten auf der großen Fetdaue der Welt gut und noth- wendig gewesen. Das Bild menschlicher Naturen und Sc elen kraste aus dem Gleichnisse Jesu,zu entwickeln : „welch ein Grad von Fädigkeit, Faßlichkeit, Rechtschaffenheit und Empfindung zu dieser oder jener Tugend oder gar zu allen Tugenden gehöre? wie ferne es moralisch völlig verdorbene und verwahrloste Gemüthsarten geben könne, auf die alles wie auf Stein und Fels fället, oder welch ein Grad von Wärme und Mäßigung der Neigungen und Einbildung hier ein Gutes befördern, dort unter- Christliche Reden 76 drücken, und zu früh ausdörren könne? und insonderheit , wa» nachher die besondcrn Lebensarten und Geschäfte auf alle Ließ wirken — wiefern sie uns unter erstickende Dornen, oder an den Weg unter zertretende Füße, in gar zu vielen Glanz, oder in zuviel Unruhe bringen, u. s. w. dieß alles zu entwickeln, ist wieder der Blick zu groß und weit! die Untersuchung zu fein , und für jeden Einzelnen zu einzeln: wie sehr nöthig es sonst immer ist, daß jeder zu dem Ende seine Fähigkeit, Faßlichkeit, Lebensart und Hinderungen und Vortheile kenne und zur Anwendung prüfe. Auch solls nicht unser Weg der Betrachtung seyn, wie viel, oder wie wenig in.dicser Saat- und Keim- und G e d e i h u n g s g e- schichte in oder außer der Natur des Menschen lie g e? Wie viel Schöpfungskraft im Keime, und wie viel guter Zufluß außer ihm im Acker scy? wie langmm und schnelle , natürlich und wunderbar alles zugehen müsse, che das Korn eine Aehre wird — denn wenigstens ist beim ersten Anblick so viel sichtbar, daß cs nicht in einem Augenblick Korn und Aehre seyn und werden könne k und daß es doch gewiß nicht ganz gleichgültig sey, wie sich Acker und Witterung und die Hand des Säers zum fruchtvollesten Saamenkorne betrage? — Also bleibt uns nur eben die simpelste Untersuchung übrig, auf welche auch offenbar der Hauptzweck Jesu gehet, nämlich „in den Sinnesarten, Neigungen, und dem Betragen der Menschen das aufzusuchen, was dem Keim des Guten in ihnen beförderlich und schädlich seyn kann, und, so fern es noch bei ihnen steht, und Ho milien. 77 für diese Sinnesort, Neigung und Betrogen selbst zu sorgen/' Denn offenbar wird sonst über jedwede Beschaffenheit und Fassung, die beste oder schlimmste! wenn ich gar nichts in ihr andern kann, wenn sie meiner Bemühung völlig entnommen ist — auch alle Untersuchung fruchtlos. i. Harte, ausgetretene Wcgesflachc ist die erste Gleiche, in der Jesus leider! eine Anzahl menschlicher Sinnesarten anerkennt: die hören das Wort, und siehe! da kommt der Arge, und nimmts von ihren Herzen, daß sie nicht glauben, und selig werden. Harter Ausspruch! in jedem Worte, so milde gesagt es da ist, ein Fluch für das menschliche Herz. Die Gleiche ist, wo sie ist, so offenbar, daß sie keiner Erläuterung bedarf; glücklich nur, daß man wohl kaum sagen kann, sie sey einer gewissen Anzahl Unglücklicher so natürlich, so angeboren, oder wenigstens so häufig und im vollendeten Maase, daß jede Rettung beinahe ein Zustand solcher Unmöglichkeit würde, als man wohl bisweilen glaubt. Wir haben alle nicht bloß von Natur einen gewissen Grad von Fühlbarkeit, Reitz und Empfindung dcS Guten, sondern es laßt sich auch kaum bei den verruchtesten Sinnesarten dieses, Gefühl ganz und gar wegbringen und verhärten. Erst durch eine große Menge roher, wandelnder Füße, durch viele üble Gewohnheiten und Frechheiten und Laster wird er allmäblig geschwächt: die harten Fußtapfen prägen sich immer fester und fester! und dann freilich ists für alle Frucht guter, neuer Eindrücke ein trauriger Boden! Das ?s Christliche Reden Saamenkorn fallt nur immer oben hin, wie kann- eine kleine Stelle finden, wo es gedeihe? was ist zwischen ihm und dem ehernen Boden gemein, auf dem es da so öde und traurig liegt? Und da der wartende Raubvogel des Himmels! Es ist vom Herzen hinweg ! cs ist in seiner Gewalt! „daß sie nicht glauben und selig werden!" Wenn irgendwo das so oft gemißbrauchte Wort „unter der Gewalt eines bösen Feindesst' eintrifft, so ists hier. Der Boden so hart; das Saamenkorn des Guten so unverscharret; jedem streichenden Raubvogel offen; jedem ersten Anlaß zur völlige »Zerstreuung und Unterdrückung des Guten bloß; keine Lust endlich, keine Leidenschaft , kein hinreißender Gedanke, denen die entnervte Seele nicht Sclave seyn müßte; verkauft gleichsam, Böses zu thun! endlich auch selbst fast wider Willen sündigend, auch mit allem guic» Willen, des Guten unfähig; im traurigen Zustande wie unter der Gewalt eines fremden bösen Geistes. Und daß hieraus nun, wenn irgend woher, das unselige Gericht erfolgen könne, was man mit dem, auch so sehr mißverstandenen, Namen „Verstockung! Verhärtung!" nennt, sieht man, ist die natürliche Folge. Es ist zuletzt der Zustand einer völligen moralischen Ohnmacht, gleichsam Wegharte des Herzens, und einer kalten langsamen Verzweiflung. Wenü durchaus jedes Gute, was man auch als solches erkennet, und gern in sich aufnchmen wollte, aber nicht kann, den Zugang zu unserm Innern verloren hat: Wir müssen bleiben, wie wir sind, und Ho milien. 79 und oller Gedanke eines andern glücklichen Senns ist wie Speist und Freude rings um den sterbenden Kranken, ist wie uncmpfangbares Saamcnkorn auf hartem Felftnwege — wenn sich nicht eine außerordentliche Gnade, und gleichsam ein milder Regenguß des Himmels erbarmt, das zu erweichen, was nun schon für sich selbst hart und unerwejchbar ist: so sieht man, ist der Fluch des Avostels da: die Erde, die noch Regen trinkt, kann noch Segen von Gott empfangen; der harte ausgetretene Acker aber, der unfruchtbare Acker, der Dorn und Disteln trägt, ist dem Fluch und dem Necbrenneir n a h e. Und dem Regen, dem Erweichen Gottes aus der Milde des Himmels -sind auch dergleichen Unglückliche wohl meistens allein zu empfehlen. Er, der die ganze Natur in seiner Gewalt hat, er, der auch alle Situationen unserö Lebens für und um uns lenken kann : er vermags auch allein einer Seele beizukommen, die nun der menschlichen Hand unfühlbar geworden — vermags all»in, diesen Menschen durch eine außerordentliche Wohlthat, jenem durch einen milden Thranenguß von Unglück die Seiten seines Herzens zu erweichen , die noch allein crweichbar sind: diesem den Weg so sehr mit Dornen zu vermachen, jenen in solche Wüsten zu bringen, diesem seine liebsten Anschläge so mißrachen zu lassen, jenem so außerordentliche Triebfedern in die Bahn zu legen, daß einer stille stehen, der andere Nachdenken, der dritte sein voriges Ich, wenn es auch noch so enge mit ihm zusammen gewachsen 8 o Christliche Reden wäre, verlaugnen; der vierte sich aus seiner Ohnmacht mit neuem Leben gleichsam wapnen muß, d. i. daß sie noch glauben, und selig werden! Um den Baum wird gegrabe n, und ringsum seine zartesten Wurzel n entblößt; vielleicht daß er noch Frucht bringe und aufgrüne. Wo nicht, so haue ihn ab: was hindert er das Lands Und wenn nun etwas in der Welt, Buß e, U m ke h r u n q, S i n n e s a n d c r u n g genannt zu werden verdient: so istS hier! und hier ist cS alsdann gewiß nicht die Fabel vom Betrüge, Heuchelei oder Gemüthsschwachc, über die man so oft unter dem Namen der Umkehrung und Wiedergeburt spottet? Wers nur einigemal in seinem Leben erfahren, „was cs oft für eine kleine, nichtige, und vorbeistreichende Sache mit allen sogenannten Philosophischen Bußen und Umkehrungen sei)! wie wenig da eigentlich im Herzen und in seiner Tiefe ausgerottet werde! mir welcher Gewalt die unterdrückten Neigungen nur unier andern Gestalten und Verwebungen aus dem Grunde wieder Hervorkommen ! und oft sieben Geister zurückkchren, die arger sind, als der erste vorhin — der wirds sehen und fühlen, wie anders es mit dem Werke Gottes scy, da er nicht mit einem Spielwerk menschlicher Vorsätze von der Oberfläche bessert, sondern mir dem tausendarmigen Wurf des Schicksals den Menschen umfaßt, alle feine Cirkel zerreißt, den ganzen . Gesichtskreis um ihn her verändert, oder verfinstert, und ihn durch ein Andringcndes lebendiger Situationen, denen und Hvmilien. 8r denen er nun nicht entgehen kann, gleichsam mit liebreicher Vateracwalt auf andere Wege zwinget. Wenn da die Winkel des Herzens um- und aus- gekehret werten : wenn da die gütiae, milde Wasserfluch das Saamenkorn mit Gewalt binuntee schwemmt, und ringsum fest die Erde hinandran- gcc, dass es wurzeln muß — o Mensch, so kanns auch wurzeln! nur versäume du nicht diese Zeit der Gnadcntaufe und Erreichung zur Buße > Siebe die Wolke, die über dir schwebt, nicht für Unglück, sondern für Wohlthat; diese Zeit deiner Erweichung für die heilsamste, väterlichste, fruchtbarste an, die dir die Vorsehung geben kennen: halte in ihr aus, und wende sie an, wie du nur diese und keine vielleicht mehr in deinem Leben wirst anwenden können , daß im Angesichte des schwebenden Raubvogels das Gute, das nur sie so tief in dein Herz schmelzen konnte, bleibe, und du noch errettet und selig werdest. Denn hilft dir der Herr also nicht; erweicht er dich nicht: wer soll dir helfen? wer kann dich erweichen? s. Aber es qiebt eine andere Gattung, die vielleicht zahlreicher, und bei dem so vielen Guten, was sic an sich hat, im Grunde verderblicher seyn kann, als jene, — die auf dem Fels ge sä er sind, nehmen anfangs das Wort mit Freuden an; aber sie haben nicht Wurzel: Wenn sich Trübsal und Verfolgung um des Worts willen erhebet, ärgern sie sich, und fallen ab, oder in der kurzen Sprache des Bildes; sie geben in dem strahlenvollen Boden schnell auf, aber die Sonne welkt sie weg, Herders Werke z. Siet. u. Lheol. III. F L2 Christliche Reden und sie verdorren! O Bild! Bild! wie viel menschliche Gemüthcr, Handlungen, Lebenszeiten stehen unter dir! Alles Gute hat seinen gewissen Rcitz, seine Wärme, seinen Strahl der Belebung: nun denke man sich eine willige, fühlbare, zarte, rasche, einbildungsreiche Seele dazu, der cs vorgehalten wird — welche Zuwallung! welche Gestalt des Schönen I welche Umarmung! Der Funke hat mit Einmal im zarten Zunder gezündet: das Saamenkorn hat so leicht in der lockern wärmevollen Erde gekeimt, und schießt auf — wie früh! wie schön! welches erquickende Grün in dem zarten Grase! welche süße Hoffnung in dieser Reihe guter Vorsätze, Entschlüsse, Erwartungen von sich selbst! wie erweicht ist dies jugendliche Herz! welche laute ergreifende Gebete! welche Freuden - und Hoffnungskhranen im neube- lcbtcn Auge, und Entschlüsse vor Gott und Vorgenuß der Zukunft! O! wenn die ganze Zukunft das freudige Jetzt! wenn dies erste schöne Hervorkeimen schon die ganze Erndte wäre! in dieser ersten Aufwallung alles erschöpft, gcthan, genossen werden könnte — Und wie vieles kann allerdings in ihr gethan werden! welchen großen und guten Schein können Menschen von der Art geben ! wer ist der kalte, der da nicht mit aufwallte, und gleichsam Empfindung, Vorsatz, Entschluß, Vorgcnuß des Seligen, der Pflicht und der Zukunft mittheilte? Aber— Zusatz, der durch Mark und Bein gehen muß — ,,Aber sie „haben nicht Wurzel! — Eine Zeitlang glauben und Homilicn. L3 „sie, und zur Zeit der Mühe, der Anfechtung fal- „lcn sie ab!" Ei» Wort des Zusatzes : da die Sonne aufging, war das schone Gras — verdorret! Der Grund davon liegt freilich leider! in der menschlichen Natur; und unser großer Lehrer und Kenner des menscisiichen gderzenS hat mit dem Einen Wort „Sonnenhitze ! keine Wurzel! Mühe und Anfechtung^ deutlich genug darauf gewinket und gewiesen Ihr GutcS war nämlich nur süße Täuschung! Ein schon Geschöpf der warmen Kantasei; Wenns Tkat werden soll, (jede Lkar hat Mühe! hat Bestrebung) das Gras ist verdorret! das Gute verschwunden! — so fa l l e n si e a b! Finstere, schlüpfrige Liefe des menschlichen Herzens, von wie vielen Guten, Erfreulichen, und Seligen bist du der Abgrund! Alles Gute, meine Zuhörer, hat, wie gesagt, in dem ersten Augenblicke des feurigen Plans seine Seligkeiten und Reitze, die die ganze Seele auf- wallen. Da denkt sich nun die aufwailende, willige und unternehmende Seele nichts anders gern, als diese Reize: sie siehec die Pfl,cht»ur ganz und gar von ihrer schönen Seite: welche Hoffnungen, Aussichten I vortreffliche Folgen, welche Wottne vom Gefühl in alle dem — aber nun, ehe du zu diesem Gefühle, zu diesen Folgen kommst, hast du nur eine Kleinigkeit vergessen : den Weg dahin ! die A u s- richtung deines Entschlusses. Und da nun immer bei der leichtesten menschlichen That Bemühung ist; da sich in der Welt keine schöne Seele, und kein schöner Körper ohne seine Flecken und Mut--- F 2 «4 Christliche Neben termale, keine schönste, süsseste, leichteste Pflicht, Situation, Beziehung, Scan', Hoffnung und alles, was du dir in dieser Menschheit träumen kannst, ohne Mühe und Bestrebung denken läßt, die angewandt, ohne Schwierigkeiten und Hindernisse, die überwunden werden, kur; ohne. Schritte, die dahin müssen gcthan werden — siche, wenn du nun in deiner ersten kindlichen Freude das alles nicht mit, oder daran gar nicht gedacht hast? Du hast deiner Schönen nur inS Antliz gesehn! dein ganzes Aufwallen war nur immer Graserndte, ohne Blüthe und Frucht —zwei Schritte naher! und nun Mühe! kleine Anfechtung! die Sache ist in der Geburt! der Wind führt die Blüthenblatter weg — zur Zeit der Ansech-. tung fallen sie ab! Unsanfte Aufdeckung des menschlichen Herzens, diese kurzen Worte Jesu! sie zeigen so ganz das schwache Geschöpf, das nur manchmal im Fluge seiner Gedanken so hoch und selig ist, und dann wieder auf einmal — und meistens in That — so tief am Boden liegt. Giebts wohl einen beschamcndern, demütbigcndern, qualvollern Blick für eine empfindliche Seele, die doch wirklich, und wenn in der größten Dunkelbeit — es doch füblt, daß sie zu einem Plane des Lebens geschaffen sey, daß sie auf ihn auch bei den größten Verwirrungen und Fehltritten streben wolle und gewollt habe — und siehe da ° immer Trümmern dieses Plans! jeden Abend, jede Woche, jedes erlebte Jahr die Ansicht einer Aue Verwelkten Grases! hingestorbener Entschlüsse!. zu früh gereifter und verreister Glückseligkeiten, die und Homilien. 85 allemal zuletzt einen Thoren getauscht hatten — giebts einen trauriger» Blick für die menschliche Seele! ein zerrißneres Ganzes des menschlichen Gebens ! einen wahnwitziger» Schatten für ein vernünftiges Geschöpf! — und wenn nun immer ein zweiter, etwas tieferer, reiferer Blick uns sogleich die Wunde zeigt, „das macht, sie haben nicht ,,W urzel! das Gute war lange nicht genug überwacht, und in genug Kühle und Tiefe der Seele „unternommen! es war Aufbrausen der Phantasie! „Liebe seines eignen Plans! Strohfeuer! und nichts „weiter" — und wenn ein dritter weiterer Blick uns nun tiefer führt: „Auch diese Schnelle undUn- ergründlichkeit deiner Seele war nicht in diesem einen Falle dein Fehler! Siehe da! dort! und hier! — und mit diesem und jenem hangt das zusammen, und an so viel, so viel andre Ausströmungen eben derselben Quelle erinnert das — und das endlich ist dein ganzes Herz flach und schönbemalt! ein wenig Felserde voll Warme, voll Sonnenstrahl, aber ohne Saft und Kraft — das ist dein Her;! und so wirds bleiben! und so werden noch tausend schöne wurzellose Blüthen und Blumen in dir ersterben; noch tausend frvhgefaßte Entschlüsse verdorren, und einen traurigen mit dir selbst mißvergnügten Anblick geben — und das bis an dein Lebensende!— der kahle dürre Fels!" O meine Zuhörer, wenn wir noch etwas Saft in uns, noch etwas Kraft haben, uns zu etwas reifen und geendetem zu entschließen — der Wink Ehristi sey uns Lockstimme aus dem schlüpfrigen Abhange des Verderbens! Er ist nichts als das viel- 86 Christliche Reden sagende Wert: „beide Wurzel! denke ein Müde und Anfechtung! wapne dich! !alle nicht ab!" Siehe, wenn du es zehnmal gefunden hast: nur jener zu warme Entschluß, jenes Feuer der Einbildung, das erst aufwallte, ließ sich auch nachher (es war nur immer noch eben der Fehler!! von einem Schallen der Mühe ab chrccken , und zurückscheuchen: wenn du's so oft gefunden, es war unvernünftige Affenliebe, die deine Idee, das Kind der Phantasie, so lange und warm umarmte, bis es in deinen Armen starb' wenn du's immer fandest, du kamst nur bloß deswegen nicht zum Ziele, weil du zu heiß ansiengest, es dir zu nahe dachtest, und nachher auf der Mitte der Bahn entweder erschöpft nleoersankst, oder dich schon an der Mühe vereckelt haltest, den Mrub aufgabst, und dir dafür einen andern Luftschwarmcr aussannest, der jetzt eben so schön glänzet, und den du eben so wenig erreichen wirst — sage > willst du nicht gleichsam mit deinem Gehirn und Herzen, deiner Seele und deinem kurzen Lebenswege Mitlei- den haben, auf den Wink eines himmlischen Lehrers zu merken, der dir nun allein Weisheit seyn kann? GibS also geradezu auf, im ersten Augenblicke Alles, und hernach nichts seyn zu wollen ^ Mäßige deine Einbildung auch über dem Ge- mählde der süßesten Zaubersceuen, denn wenn du diese nachher nur etwas verändert findest, so ist sie's eben, die dich alSdenn ganz scheu und ekel, und dürre machet, und also zweimal betrog. Siehe einer jeden Handlung nie allein in ihren Vorblick, in ihr schönes Antlitz, was nie ganze Handlung ist: sondern Hände und Füße, der khierische schwere Körper, der das schone Antlitz sortbringen muß, und Ho milicn. 87 dos werde dein Augenmerk. Natürlich wird sich alsdenn deine erste Hitze mäßigen : ober in der Kühle wird der Sciamc tiefere Wurzel -fassen: du wirst vielleicht nicht so viel mir Einem Blick sehen und auf einmal scyn wollen; aber auch der Schaam und Demüthigung erspart seyn, so oft nichts gewesen zu scyn; und mit Einem Blick hundert Leichname und Schatten von Freunden sehen zu müssen. Du wirst nie einen Baum ohne seine verborgene unansehnliche Wurzel verstellen wollen, und also auch kein dürrer Baum scyn dürfen. Du hast auf die Mühe zuvor gedacht" dich aus die Anfechtung zum voraus gewapnet! nun fängst du eben erst zu handeln an, da du sonst eben hier schon aufhörtest! Jetzt also frisch und neu stärkt dich die Mühe! das Gute hat Wurzel, Saft und Kraft, und nun ist ihm die Sonnenhitze nicht erstickend, sondern nährend. Du hast das Roß deiner Neigungen und Einbildungskraft, das sich nur vor seinen eigenen Schatten fürchtete, umhergelenkt, und nun fürchtet cs nichts auf der Welt. Sic haben Wurzel, und zur Zeit der Anfechtung werden sie stark! - O es sprachs einmal der Heiland in einer Stunde , da er eben selbst Ohnmacht und Niedcrsinken, und Verlassen menschlicher Kräfte zu fühlen begann, in der tiefsten Stunde seines Brudergcfühls mit uns sprach er „wachet und betet! wenn der Geist willig und euer Fleisch schwach ist — wachet und betet!" — O hätte Jedermann von uns Wach» samkeit und Kühle, Gegenwart und Stärke des Geistes, wann und wo ers eben bedarf. Als Men- 88 Christliche Reben schen ist uns nie ein Blitzstrahl nöthig und brauchbar durch die Lust zu fliegen : sondern nur eine sanfte Wolke, uns stille dahin zu erheben. 3. Die dritte Gattung von Menschen ist wohl die gemeinste, und das eigentliche Gedran-w des menschlichen Lebens — „Die Dornen — Rcichthum, Sorgen und Wollüste des Lebens — ginaen mit auf, und erstickrens, und es brachte keine Frucht." Alle solche, die in ihrer ganzen Seele keinen Gedanken über die Erde, ihre Notbdurft, Habieligkeit und Bequemlichkeit hinaus, fassen können, also auch jeden Gedanken der Religion, des Guten, und des reinesten menschlichen Guten allein unter dem Winkel sebcn, in der Gestalt betrachten, und alle dies so zusammen verweben, daß wobl kein Bild in der Welt es besser ausdrückt, als „der schon auf- gegangene Halm erstickt unter Dornen" und damit so gut, als ob er gar nicht aufgeschossen wäre. Hier erscheinen nun die drei großen Haufen der menschlichen Anbeter und Sucher irrdischer Glückseligkeit, Sorgen, Reichihum und Wollüste des Lebens , die, so verschieden sie fern mögen, im Grunde das mit einander gemein haben, daß sie unter Dornen aufwachsen, und von Dornen umkommen. Der, der kaum lebt, um essen zu können, und der ißt, um nur leben zu können, der da lebt, um sich zu kleiden, und der sich kleidet, um nur zu leben — die sonderbarsten Gegensätze der menschlichen Denkart— darin kommen sie überein, daß sie Herzen beschweren, und Seelen ersticken, und endlich eine so irrdische Sinnesart zuwegebringen, und Ho milien. 8S daß kein höherer Geist, kein feinerer Gedanke und Bewegungsgrund bei einer Handlung des Lebens wirken kann: er erstickt gleichsam im dicken Dunstkreis der Erde. Wenn nun vielleicht in irgend einer Zeit diese sonderbaren Gegensätze zusammen und gegen einander gewirkt haben: so ists wohl in unseren Jahrhundert, wo Armuth und Nothdurst auf der einen Seite eben so zunimmt, und zunehmen muß, als auf der andern Ueppigkeit und Geitz: wo es immer täglich und tätlich mehr heißen muß, daß die eine Hälfte sich davon im Uebermaaße spHset und kleidet, * was die andere crdarbt, und halbnackend ersparet — und daß also eben die Neigungen, die Menschen gegen einander im Einzelnen unglücklich machen, auch im Ganzen die Folge haben müssen, sic alle insgesammt in ein Dornenlabirinth zu stecken, wo sie sich Herz und Hände verwunden, im Grunde alles Gute und die beste Freude des Lebens in sich ersticken, und sich am Ende so unfühlbar zum wahren Genuß dieses, als eines zukünftigen Lebens machen. Jndeß sieht man auch hier, daß der wahre beßre Thcil noch immer auf der Seite der Armuth und nicht des Ueberflusses sey. Die Nothdurst und Hin- geworfenheit menschlicher Seelen muß schon ungemein weit gekommen seyn, wenn sie den Gedanken an Gott, an Religion, an Unschuld und Tugend des Herzens unmöglich und das Laster noth- wcndig machen soll: in den bedrängtesten Umständen , und unter der dicksten Wolke des Lebens wird die Seele noch immer freie Plätze und lichte Stellen behalten, zu seyn, wo sie will , und eben diese 9 " Christliche Reden Umstande stnds, die mehr zu Gott hivwcißen, als von ihm oblenken, mehr bervonrciben. als ersticken. Dielleicht gäbe es also noch die mästen Reste von Unschuld, Tugend, Sirtsamkeit, Gottesfurcht und Freute des Lebens, eben da, wo man sie am wenigsten suchen würde, wenn man Glanz sucht, in der stillen Hütte und im wahren Druck des Lebens; da hingegen alles, was Ueppicbkeir und Habsucht, und alle unersättliche Leidenschaft umgiebt, nicht anders, als unter einem Baume keimt, dessen giftiger Schatten alles erstickt und tödtet. Der Arme ritzt freilich auch vand und Brust zuweilen mit Dornen , aber sein Gefühl ist gleichsam noch gesund, tind eben, weil ihn sein Schade schmerzt, hütet er sich desto mehr; aber der Leichnam des Ueppigen, dem diese Dornen selbst unentbehrlich geworden sind, und den ihr langsamer Stich bis auf die Seele verwundet, und zugleich einzig erfreuet — welch ein Elender, zerrissener Leichnam! lieber alles was Erde- gcist ist, kann sich kein himmlischer Gedanke hervorschwingen ; aber Uevpigkeit und Wollust ist der ärgste, niedrigste Erdengeist, der alles, selbst die Kraft zum Bosen, lahmt und ermattet. Der unterste trübe Abgrund, wehe dem! der hinein gcräth! Hier wird es also immer die schwere Aufgabe des Lebens bleiben, „die dieser Welt gebrauchen, daß sie ihr nicht mißbrauchen!" die in der Welt und für die Welt leben, daß sie i h r nicht ganz leben , und endlich ihr Geist bloß ein Schatte des elenden Körpers werde. So wie man mit einem sehr edlen, himmelreinen und göttlichen Geiste die größestcn Verdienste für diese und Ho Milien. 9 ^ Erde Koben kann, so kann man leider! auch die himmelreinsten Sachen der Nelicston mit einem so unreinen Atbem anh> uchen , mit so niedrigen Be- wegunqsgründen behandeln, daß alles erstickt, oder selbst wieder zu Dorn und Distel wird. — Wir haben uns, M. 3-, wo wir stehen, nicht selbst hin- gelaet, und müssen da stehen bleiben, unter Dornen , oder auf freier Ebne — aber wo eS auch sev, lasset uns nicht unfern Geist verlieren, der unsterblich ist, und über Dorn und Hecke hervorwachseu will und muß! Lasset uns eben in den drückendsten Umständen das meiste und edelste Herz beweisen, das Böse mit Gutem überwinden, und die Achre sich eben da hindurcharbeiccn, wo sie am leichtesten ersticken konnte — desto höher! schöner und blühender ! wo sie niemand erwartete und suchte! wo sie durchs Hindurchmindcn um so starker geworden ist, und jetzt eben der erstickende Dorn ihr nichts als Zaun, Hege und Halte sevn muß. Wer überwindet, Reichthum, Wollust und Sorge des Lebens, ist starker, als wer furchtsam n i e z u m Kampfe kann. 4. Endlich fiel etliches aufein gut Land und tru g h u n d e r t sä l t i ge F r uch t, oder mit den Worten der Erklärung ,,dje das Wort hören und behalten in einem feinen guten Herzen, und bringen Frucht in Geduld. Wer Ohren hat, der höre!" sagt Christus, wie viel fasset die stille sanfte Beschreibung! Sie ist allen vorigen Arten des unfruchtbaren Landes entgegen gesetzt, und also ist zart, kühl 92 Christliche Reden und kraftvoll, lief und eben, alles nur einzelne Eigenschaft dieses guten Bodens. Willigkeit der Aufnahme, Treue und Tiefe der Bewahrung , Geduld und Kraft in der Anwendung — Eigenschaften der guten Seele des Gegcn- bildeS. Der lockere Boden nimmt willig die Saat an, und wo? und wie? und woher mir das Gute komme, was ich als das meine anerkenne! wo Gott mir spricht! wo sich das innere Bild meiner Seele ansglanzt, so will ichs annehmen, Herz und Sinn nicht dafür verschliefen— Diese Rechtschaffenheit und Willigkeit, M. Z., die gleichsam die erste Grundeigcnschast alles Guten in der menschlichen Seele ist, verdient auch unsere höchste Sorge. Was, und wie unser Acker sey? was? oder wie viel in uns gcstrcuet werde? dafür können wir nicht, und darüber haben wir auch nicht zu sorgen. Aber was? und wie viel in uns gestreuet werde — cs wohl aufzunehmen, es nicht dem ersten Raubvogel der Zerstreuung und Verführung zu überlassen , das ist unsere Pflicht, in der wir nicht scharf genug seyn können, weil wir in ihr uns nur zu oft untreu sind. Wir sammlen das Gute nur zu oft mehr aus einem gewissen lieben Leichtsinn, Lüsternheit und Neugierde in uns, als aus treuer, strenger Begierde nach Besserung und Güte: und eben wenn wir alsdenn einmal von dieser innern Bahn der Rechtschaffenheit entfernt sind, daß wir uns Sachen verhcelen, die wir nicht mögen, so kommts, daß wir uns ebensallS Sachen erkünsteln, die wir mögen, und die nicht für uns sind. Man und Homilien. 93 eifert um fremde Saamenarten, die nicht für uns sind, ahmt einem Acker nach, der für uns von fremder Natur ist, erpreßt sich Rührungen, Weich-, heit und Harte und alle dergleichen — was völlig wegfallen würde, wenn wir unfern Gewisse» treu, nur das reckt aufnah men, was in uns gepflanzt wird, und sonst weder mitdcmSac- mann noch mir seinem Saamcn zanken wollt-n. Wie verschiedener Art ist doch ein Saame? und kann denn auf jederlei Acker auck jederlei Saame keimen und gedeihen? Wer bist du also, daß du dir Empfindungen erpressen willst, die nicht für deine Natur sind, und gerade darüber die verlierest, die freiwillig aus derselben bervorkcimen würden? Wer bist du, daß du nach einem fremden Guten bulest, und das Deinige verachtest? Siebe! auf die Art des SaamenS kommts nicht an, und der Saemann muß es am besten wissen, zu welcher Art er dich gut halte: aber auf Treue,- Willigkeit, 8i e ch t fch a f f e n b e i t im Annehmen und Bewahren , welche große Pflicht! Und wie stille wird sie ausaeübt' sanft, wie hier die Beschreibung, und die Sache selbst in der Natur. Wie unbemerkt und ohne Geräusch keimt rin Saamenkom im Schooße der Erde! E^ r-r- schwindet den Augen, ist verscharret, geht gar in. eine Art Verwesen — und da fangt Kraft Gottes an zu wirken! die Schöpfung reget sich ! der Keim dringt auf, zieht an sich, wird entwickAc — das kleine Korn wird, wsi Jesus sagt, erst Blatt, dann Kraut, endlich Frucht und voll, wie vie-. 94 Christliche Reden ler künftigen Früchte! wo der Baum in Keime und tausend Keime in Einem und die ganze Schöpfung in einem Keime liegt, und nur auf stille Entwickelung wartet. Was ist ähnlicher der stillen Verwandlung und Wiedergeburt des Guten in der menschlichen Seele, als dies sanfte gottesvolle Bild des Frühlings? Siehe, was diese stille Seele in sich empfing, war so fern noch fremdes Saamenkorn! noch fremder Gedanke, Bewegungs.rund, Empfindung ! aber indem cs so sanft sich in sie senkte: Siehe! da regt sich Kraft Gottes! der Gedanke, Regung, Empfindung verwandelt sich, mmmc von ihren eigenen Wesen an: er schien erstorben, im Herzen verweset: entkam schon der Einbildung und Erinnerung; aber nun gehr er auf und wie neu! wie anders! wie hat ihn die Seele sich zu eigen gemacht! wie ists, wenn sic ihn nun durch Tkat oder Wort äußert, schon >hr Bild, ibr Gedanke, in ihre eiaene Natur belebet und verschönert. Wie anders ist das aufkeimende GraS, der aufgeschossene Halm, die reife Aehre gegen das arme verwesende Korn der Erde ' Es wird qefäet in Niedrigkeit, und muß auferftehn in Kraft! In dieser kraftvollen Auferstehung liegt das ganze Gewebe der neuen Schöpfung in und über der Erde, in Wurzel und Korne, alles liegt im Saamenkorn, und das Land hat nur Früchre zu bringen in Geduld. Da wird alsdenn Gott, von dem die Morgenländer so gerne Bilder dieser großen Todtenerweckunq an jedem Frechlinge hernehmen ; er wird dem Baum Wurzel und S>'amm, Aeste und Früchte schaffen, und reifen und erhalten- und Homilien. 9S alles ersticken und wcgräumcn , oder die Frucht zunt Durchbruch kommen lassen, daß sie die Dornen überwinde. Auch bier ists also wieder nicht unser eigentlich Geschäfte, welche, und wie viel Gott Früchte aus uns entwickle! wenn wir mit aller Treue wurzeln, und bindurchstreben — so sind wir in seiner Hand! sein ist das Saamenkorn was verloren gehr, und was trägt! sein ist die arme und reiche Aehre! Da wir allein aerichtet werden sollen, nacddem, was wir baden, und nicht nach dem, was wir nicht haben, so sehen wir, Ein Talent, nicht in die Erde vergraben, ist vor dem Richter aller Lebendigen so gut, als zehn und tausend Talente! und jene zwei Scherflein legten mehr ein, als alle Reiche und Posaunende einlegrn konnten. Wenn wir alles th eiten, w a s un s be so h l e n i sc, so sind wir danklose Knechte, die ihre Schuldigkeit tharen, und nichts mehr. Auch sehen wir, ists noch weniger unsere Sorge und Geschäfte, wozu wir, was wir tragen, Hervorbringen? wer cs sammlen? wem es nutzen und vortheilen soll ? Denn sonst hatte der Acker freilich Recht zu fragen, warum er dem vortheilen solle und dürft? Der Acker thut nur immer seine Pflicht, und wird allein schon durchs Traaen schöner, lustiger, fruchtbarer, da er ohne das verwildern und nur Dorn und Unkraut tragen könnte. Ein gutes Herz chut also seine Pflicht, und sähe es auch nicht, wem das alles im ganzen Zusammenhänge zu statten käme: genug es entwickelt, indem es thut, seine Kräfte, seine besten Empfindungen, seinen innigen 9« Christliche Reden und Homilien." und fortgehenden Gehorsam: es dienet Gott. Wer also auch schneide und crndte, ist ein Engel Gottes, und so wenig als der Acker begreifen kann, wozu seine Früchte im ganzen Zusammenhänge der Welt nützlich und unentbehrlich waren; sie warcns aber doch! und in so hohem Grade! und aus so tausendfache Weise! — so bescheide ich mich, daß ich im großen Buche der Natur Gottes ein viel zu kleiner Buchstab bin, um nur das Eine Wort zu wissen, zu dem ich gehöre, noch weit weniger den ganzen, großen unermeßlichen Inhalt! Ich weiß also, daß cs meine Pflicht ist, nicht mit dem Säcmann zu . rechten, und über ihn zu urtbeilen, sondern mit stillem, treuen Herzen Frucht zu bringen in Geduld. IV Vvn Urtheilen über Andre. » 772 . Herders Werke z. Rel. u. Lheol. III. )-^cber alle menschliche Handlungen ist wohl nichts unläugbaret, als daß überall mehr, wenn ich so sagen darf, ihre Seele, als ihr Körper in Betracht kommen; weniger die Aussenthat, als die Empfindung ihres Ursprungs, aus welchem, und die Ab sicht, zu welcher sie geschähe. Was ists, das dort den Stolzen aufbringt, dem etwa ein niedriger Stuhl gesetzt, dem eine Unrechte Seite angewiesen wird? Stuhl, Seite an sich, sinds Nicht: er säße hier eben so weich, eben so sicher, als einige Spannen weiter; aber der Begriff, den er mit dieser Seite verbunden glaubt, die Absicht, die ihm diesen Stuhl gesetzt hak, das Gefühl von Verachtung und Zurücksetzung, düs er dabei als Seele der Handlung empfindet; das ists, was ihm seinen Stuhl zur Folter macht, und über die einigen Spannen andern Raums vielleicht alle schreckliche Eigenschaften in seiner Seele anglüht. Der elende, wilde, trockene Lorbecrrweig, der tobte Goldklumpe an sich, die sinds nicht, (oder die Leidenschaft müßte allen gesunden Verstand verloren haben!) di» sindö nicht, um die ein Stolzer und G 2 lvo Christliche Reden Geitziger wirbt. Aber der Gedanke, den jeder damit verbindet, die befriedigte Begierde, die erreichte, oder nun zu erreichende Absicht, die Plane von Glück oder Genuß, das jeder zu erstreben hofft, das sind die Götzen, denen sie dienen, die geliebten Phantasien, die sie umarmen. Der Mensch ist bei alle dem, was er thut, will, und genießt, nichts als ein Bildhauer, der seine Idee, seine -Phantasie aus der Bearbeitung des Steins her- ausbcingt: Stein bleibt auch nach der Bearbeitung immer Stein; immer noch der Marmor, der im Schroffe des Berges war; nichts als die Idee, das Bild, was ihm der Künstler anschafft, und andere in der Gestalt erkennen, darauf arbeitet er, das macht den Stein zu seinem Geschöpfe. Es ist auch so wahr, M. Z., daß jeder der Menschen seine und anderer ihre Handlungen auf solchen Fuß nimmt, und gleichsam verehret, daß cs nur der äußerst Blödsinnige seyn kann, der dem Menschen auf solche Weise, Wahl, Absicht, Zweck, kurz Moralität abläugnete. Es braucht keinem Einfältigen erst gelehrt und weitläustig bewiesen zu werden, daß eine verachtende Miene, ein beleidigender Ton, wenn es gleich nur Miene, und Ton wäre, sein widriges Gefühl erregen solle, und cs braucht auf der andern Seite Gottlob! keinem Kinde erst durch willkührlichen Unterricht, durch verabredete Grundsätze cingeflößt zu werden, wie es Handlun- ^ gen der Liebe, der Menschcnsreundschast, der Wohlgefälligkeit aufzunehmen habe? Seine Miene wird sich von selbst zum Lächeln bilden, die natürliche ^ und Ho Milien. Sprache der Erkenntlichkeit und des Danks wird ihm auch so natürlich sevn — und wehe überhaupt dem thierischen unmenschlichen Herzen, dem eine Wohlthat als Wohlthat bewiesen werden müßte, das einen Becher kaltes Wasser aus einem guten Herzen dargercicht, einen kleinen Liebesdienst, der aber dem Geber wichtig ist, das eine Handlung der Liebe, der Freundschaft, der Eroßmukh, der Errettung nur nach Münze, Maas und Gewicht zu schätzen wüßte! Wehe dem Erdkloße von Menschen, der jede Ehre und Schande nur nach Schlägen oder Vorthcilen, nach dem gröbsten Aeußcrli- chen des Vorlheils oder Nachthcils zu berechnen verstünde!- Da es indessen im Ganzen nur wenig äußerst verdorbene Menschen der Art giebt; da doch jeder in seinem Kreise, grob oder fein, weise oder thö- rigt, aus Absichten, und auf Absichten handelt, mithin immer gleichsam aus Seele in Seele wirkt: da es doch also nur eigentlich diese Gedanken, diese Empfindungen sind, die Menschen trennen und gesellen, sich einander machen lieben und hassen, ver- theidigen und verfolgen: so wird allerdings nun das ganze Gewebe menschlicher Handlungen eigentlich ein Gewebe verschiedener Denk- und Wir- kuygsarten, verschiedener Empfindungen und Seelen, und ein Blödsinniger, der es nicht dafür nehme, der bei allem was geschieht, nur sehe daß, und nie warum? wozu es geschieht — Bei allen Auftritten des Menschlichen würde der so klug als jener Wilde bleiben, der bei einem Schau- 102 Christliche Reden spiele der Eifersucht, die über ein veruntreutes Tuch entstund, alle Wuth und Lärm der Leidenschaft dem Besitze des Tuchs zuschrieb, und also freilich vom ganzen Stücke — nichts begriff. Nun, M- Z-, wenn also hier auf einmal ein Schauspiel menschlicher Seelen entdeckt wird, die bloß unter der Hülle von Körpern handeln, wenn es wahr ist, daß bei aller unsrer Wirksamkeit mehr Gedanke, Empfindung, Absicht, als die That selbst ins Ganze verrechnet werde: wenn wir sehen, daß die Empfindung und Voraussetzung hievon so tief im menschlichen Herzen und allen Urtheilen und Thatcn eigentlich zum Grunde lieget: so wird eben an ibr der Grund gezeigt, warum auch jedweder Mensch so gerne Richter und Veurtheiler der Gedanken, der Handlungen des andern seyn mag, und in gewissen Betracht nicht anders, als seyn kann. Der Menstch ist einmal ein Geschöpf, das keine Handlung, keinen Vorfall bloß als ein hin- gcmahltes Gemahlde ansehen kann: ist seine Natur gesund, sind seine Kräfte und Neigungen, einmal wirksam und im Gange : im genauesten Verstände ist ihm alsdenn eine gleichgültige Handlung fast unmöglich: er muß überall, wo er sieht, auch urtheilen, lieben oder hassen, bewundern oder verachten: er ist immer Richter und Veurtheiler fremder Handlungen, als ob er selbst dachte, selbst handelte — Als ob er selbst handelte!— Da liegt nun aber gleich auch ein tiefer Quell zu fal- und Ho Milien. ivZ schcn Urtheilen, zu Anmaßungen, zu Ungerechtigkeiten über den andern, so weit uns diese nur je verführen kann. Da wir bei unfern Urtheilen uns immer unvermerkc in die Stelle eines andern setzen, jede Handlung jedes Standes, jedes Charakters, jeder Denkart also nach der andern beurtheilen, ihm also unsere Seele unterschieben, statt daß er aus der Seinigen handelt; — da es überdem fast keine gleichgültige Sache des Urtheils giebt, für oder wider welche wir nicht immer auch aus Ne- benursachen schon eingenommen würden; da iw allen Urtheilen, die uns nahe angehen , schon alle unsre Leidenschaften mit im Spiele sind, die die Handlungen und Gesinnungen des andern uns auf so verschiedene Weise brechen, färben, vormahlen, daß also in diesen Fällen schon unser Verstand, trotz aller unsrer Treue, ein falscher, ungleicher gebrochner Spiegel geworden ist, und fast seyn muß — da cs überdem Situationen giebt, wo wir die wahre Absichten und Zwecke nicht entdecken sollen, wo sie uns verborgen werden, wo sie nur die Zeit entdecken kann; wir also immer, wenn wir auf uns schließen, eine falsche Seele, ein falsches Wahnbild von handelnden Wesen uns gedenken müssen — Was ist nun zu thun? — Die leichteste Antwort wäre freilich: gar nichts zu thun, gar nicht urtheilen zu wollen! Allein da gezeigt ist, daß wir müssen, daß wir keinen Schritt gehen, in keiner Verbindung mit andern leben, wirken, handeln können, ohne daß wirs müssen, und da es doch immer gleicher Trug., gleiche Unwahrheit und Jrrthum bleibt, wem wir als-gute Schaafe, lauter gute Absichten, als wenn wir uns, wer Christliche Reden 104 weiß welche andere falsche Absichten verspiegelten — was nun zu thun? was insonderheit in Fallen zu thun, wo cs auf Recht und Unrecht, Guies und Böses, Tugend und Unwürde ankommt, und über die wir uns doch vergewissern müssen, wo es Pflicht ist, uns zu vergewissern-Die Frage , M> Z., der Scrupcl ist nicht erdichtet, er muß jedem Menschen, der sich etwas zu bearbeiten angefangen, dem Tugend und Laster überhaupt Nicht ganz gleichgültig sind, wenn er die mancherlei Gestalten des Rechts und Unrechts in den menschlichen Handlungen gesehen hat, selbst einge- kommcn seyn — selbst eingekomimn aber, und ihn sich aufgelöst zu haben — Welch ein Unterschied ! da sehen wir ja, daß Einige sich aus dem Labyrinth nicht anders heraus zu helfen gewußt, als daß sie sich, wo sie sich befanden, schwindelnd niedersctzten: „alle Handlungen, alle Absichten sind am Ende gleich gut und gleich böse! Tugend und Laster erscheinen- in so mancherlei Farben und Kleidungen, vertauschen diese Farben und Kleidungen unter einander so oft, sie schweben so dämmernd vor, ihre Lichtstrahlen fließen so in einander — Wer kann sie kennen? wer kann sie umziehen oder ergreifen?" Diese Leute haben also mit dem ärgsten unter allen, mit dem Zweifel an aller Tugend geendiget. Andre, die noch nicht damit geendiget haben, zweifeln noch fort, und andre Eigenliebigere nehmen, wie sie sind, sich zum Vorbilde , zum Entscheidungs-Maas aller Tugend — — ob mit Recht oder Unrecht? mit Sicherheit oder Anmaßung? oder ob wir denn über andre Völker, Zeiten, Charaktere, Stande, Gestalten dcr Menschheit, die nicht wir selbst sind, gar nicht nrtheilen sollen? obs also gar keine feste Grundsätze und Regeln der Tugend gebe, und man also an allen verzweifeln müsse? — Der heutige Text wird uns zu Untersuchung dieser Fragen Gelegenheit geben, und die Gnade Gottes leite unsre Gedanken auf dem Wege des Wahren und Guten ic. Text: i. E o r i n t h. 4, i — 6. Paulus, sehen wir, rechtfertigt in den verlesenen Worten sein Amt, seinen Stand, seine Person. Da cs Sectcn gab, davon eine ihm, andere Petrus, eine dritte einem Apollo anhing, so giengs bei diesen Sectcn, wies bei allen Secten geht, sie verkleinerten einander, verunglimpften auch das Gute, was sic an andern sahen, nahmen ihren Helden auch in Nebensachen, auch in Gleichgültigkeiten zum Vorbilde und Ideal alles Großen und Guten, beurthcilten und verdammten aus ihren Lieblings - Mcynungen die ganze Welt. Dagegen hat nun Paulus schon vom Anfänge deS Brieses an geredet, — gezeigt, daß es nicht auf dergleichen Aeußerlichkeitcn theils, theils auf Eigenheiten unsrer Phantasie ankomme, was wahre Tugend, wahres Verdienst sey? daß von einem gewissen inner» Werth der Handlungen cs gar keinen äußerlichen Zeugen gebe, sondern bloß den Allwissenden, der den Rath der Herzen offenbaren kann! daß aber darüber nicht das wahre Verdienst ganz in Zweifel gcrathe, sondern eben, weil alles nur auf innere Treue der Haushaltung und also auf Christliche Neben ro6 das Urtheil des obersten Hausherrn der Welt an« kommt, unter sehr verschiedenen Gestalten, bei den fast entgegen gesetztesten äußerlichen Wirksamkeiten noch immer Tugend vor Gott möglich fty. Ec. leitet also das Urtheil seiner Christen auf die rechten Wege; wie weit sie von Tugend, Verdienst, Moralität anderer urthci- len könnten, und nicht sollten? und da das eben die Frage ist, worauf ich vorbereitete, so wollen wir auch jetzt einige Urtheile der Menschen über die mancherlei Gestalten der Tugend prüfen, und jeder von seiner Seite in uns unsere eigene Moralität und Treue, die wir beweisen sollen, stärken. i. Wir beurtheilen, wie die Korinther ihren Paulus und Apollo, den Werth und Unwerlh aller Völker und Jahrhunderte der Erde; daß cs geschehe, brauche ich nicht zu beweisen ; ob es aber recht geschehe? ob und wie cs geschehen solle? davon ist nun die Frage. Es geschieht, wie gesagt, meistens auf zwiefache Art, zweifelnd oder verdammend. Was ist (sagt man auf der einen Seite) Tugend? „Was ist Gut und Böses?, ein Wahnbild, was ja auf der Erde, mit jedem Himmelsstrich, mit jedem Lande und Jahrhundert, mit den Sitten und Gebräuchen jeder Nation, fast mit jedem Grade von Meilen wechselt! Wenn hier, sagt man, Diebstahl und Räuberei eine Sünde ist, so ists dort eine erlaubte Gewohnheit, dort gar der Belohnung werth geachtet. Wenn hier die Unzucht für ein Laster gilt, so dort für eine Freiheit der Sitten, dort gar für einen Gottesdienst des Jupiters und der Bonus? Wenn hier die Trunkenheit eine viehische Ausschweifung, so ist sie dort eine Probe der Tapferkeit und des männlichen We'ens. Hier die Kopfhangerei das Zeichen einer frommen Sinnlosigkeit, oder eines heiligen Betrugs, dort das offenbare Merkmal der Kinder Gottes: hier haben die Rasenden Tollhäuser, dort Tempel und Altäre — Was ist Tugend? Was ist Gut und Böses? Das Chamäleon ändert sich mit jeder Lage, mit jedem ändernden Sonnenstrahl, und was bleibt uns endlich zur Bcurtheilung, als eigene Gestalt und Farbe, nach unserer Zeit, nach unfern Sitten, nach den Eindrücken unsers Elima, unserer Erziehung — sind soll dies die Regel, die Richtschnur seyn, die ich über alle Nationen und Jahrhunderte der Erde ziehe, nach der ich alle Sonderbarkeiten, alle moralische Gestalten auf der Welt beurkheilerr könnte? und wenn ich dies nicht kann" — „Ja, antwortet der andere, du kannst nicht bloß, du sollst sie beunheilcn, und wenn du deiner Tugend gewiß seyn, ihr mit Eifer der Uebcrzeugung nachstreben, und ihr Ehre machen willst, so mußt du sie — noch mehr! — verdammen- Eine Tugend, Ein Recht und Unrecht kann cs doch nur geben! Wenn das nun das deine ist, und du überzeugt bist, daß es das ist, so ists deine Pflicht" -Kurz wir sehen, daß er sich berechtiget und gar verpflichtet glaubt, über alle, die nicht wie Er Christliche Rede» ioA denken, den Stab zu brechen, Richter und Rechthaber in einer Person zu seyn. Wir sehen, M. Z., beide Wege führen auf nichts Gutes hinaus: jener an aller Tugend endlich zu verzweifeln: dieser trotz aller Vernunft und Empfindung die seinige für die einzige zu erkennen. Und gäbe es keinen Mittelweg? daß freilich die Sitten der Menschen wie ihre Gesinnungen und Lander verschieden, und doch die Tugend und das Verdienst einerlei bliebe? daß wir nicht über alles urtheilen könnten und sollten, unsers eigenen Verhaltens dabei aber noch immer sehr gewiß blieben? Es ist eben der Weg unsrer Religion: es sind eben die Entscheidungen PauluS: richtet nicht! aber doch gebührt jedem Haushalter Treue! Lasset uns die Sache entwickeln. Sobald wir nur einigermaßen überlegen, was cs sey, worüber wir entscheiden? so weiß ich nicht, wie alSdenn noch jemand glaubt entscheiden zu können — über die innere Güte, über das innere Verdienst aller Handlungen aller Völker des Erdbodens. Was wird nun zu dieser Entscheidung erfordert? So gewiß und fest und ewig in uns alle wahren Grundsätze der Tugend, des Rechts und Unrechts sind, so sind sie es doch nicht anders als die Grundsätze der Vernunft, des gesunden Verstandes, nach unserer Empfindung: und wie vielerlei Grade, Arten, Gestalten der Ausbildung dieser Vernunft und dieser Empfindung jkanns nicht geben? und wenn nun das Gewissen auf eine schnelle, rasche, unmittelbare Art alle diese Grundsätze solcher Empfindungen auf einzelne Fälle an- und Ho Milien. - INI wendet: muß sich nicht allerdings die Gestalt und Farbe desselben nach den Gegenständen, nach der Methode, nach der einzeln Art der Ausbildung und Uebung richten? und kommt nun nicht eben auf die Treue dieser Anwendung, nach unfern, Maas von Einsichten, nach unserm Gefühl und Stand - und Sehepunkte alles an ? und wer ists nun, der bei allen Völkern der Erde, zu allen Zeiten, unter allen Erziehungs - und Lebensarten, nach allen Silken und Gestalten, dies innere Gefühl, diesen Grad thcils der Uebcr- zeugung , theils der Treue in U n wend u n g kennen kann? es wissen kann, welcher Jrrthum verzeihlich oder unverzeihlich, welche Gewohnheit überwindlich oder beinahe unbezwingbar, welche Borurtheile zu vermeiden oder schlechterdings unvermeidlich waren ? Bei allen Bildungen und Mißbildungen einzelner Seelen, einzelner Herzen? — wer weiß dies , als der einzige, innige, ewige Zeuge aller unserer Gedanken, Absichten, Treue und Untreue, Gesinnungen und Entschlüsse — Der Herr ists allein, der da richtet: allein, der ans Licht bringen kann, was auf der ganzen Erde für uns im Finstern verborgen ist, und den Rath der Herzen offenbaren. Wenn wir in unser eigen Leben, in unsere eigene Jugend zurückgehen, und nur überdenken wollen, was bei uns frühe Eindrücke, tief und zeitig angenommene .Vocurthcile, jugendlich angewöhnte Schwachheiten und Thorheiten für Wurzel iia Christliche Reden schlagen, und wie, wenn wir Uns spater alle Müde geben, sie zu entwurzeln, nech immer abgerissene Faden, oder mindstens immer die Höhle, die zerrüttete Statte bleibt. wo sie standen: wenn wir überlegen, wie selbst bei uns, wenn durch alle Kraft des Lichts manche Gespenster endlich weggc- jagt sind, noch oft und fast immer ihre Schatten bleiben, die schwarzen Striche der nusgelvschten bösen Eindrücke — ja daß selbst unter uns, trotz alles bessern Wissens und Gewissens, ein großer Thcil von Menschen ihr Lebenlang freiwillige Anhänger ihrer Jugend - Mepnungen bleiben : die- alles überdacht, welch ein sanfterer Blick des Mitleidens oder der Mitempsindung wird auf unsre Brüder, die Menschen außer uns, fallen! Auch ich bin ein Mensch! und nichts mehr als ein Mensch! Gott! wo weiß ichs, wo kann ichs denn wissen, was jeder meiner so unterschiedenen Brüder nach seinem Gefühl, nach der Welt seines Herzens ist und sepn sollte? Wissen wir, können wirs wissen, was in diesem Und jenem, zu der Zeit, in den Umstanden, hier frühe Eindrücke, dort cingcpflanzte Vorurtheile, der Taumel von Enthusiasmus, die Wolke des Zeitalters, sein Eli- ma gleichsam von National-Denkart, Familicn- Begnffe, große Beispiele, die frühe auf ihn gewirkt, Leute, Gewohnheiten, denen er früh in die Hände siel — was das alles bei ihm gewirkt? was für Gewichte in seine Seele gelegt hak? was er in diesem Kreise hat fühlen können, und denken Müssen, wissen sollen und wieder nicht thun konnte? Wissen wir denn und könnens wissen, was ein Saamenkorn von menschlicher Seele eben auf und Homilien. den Acker, in die Wüste, in das Zeitalter einer trüben Gährting hineingestreuet, nach dem Sinne seines Schöpfers Hervorbringen konnte und nicht Hervorbringen sollte? was ein Mensch, der in eine trübe, stürmische Nacht gleichsam als ein vorübergehender, durchfahrender Blitz und nicht als ein ruhiger, bleibender Sonnenstrahl gestreuct wurde, jm ganzen Gemahlde der großen Schöpfung EotteS zu bedeuten hatte, was er auch nach der seiner in- nern Kräfte bedeuten konnte? —> — Und, M. Z., müssen wir dies nicht alles wissen, wenn wir über die innere Summe von Moralität, Verdienst, Vollkommenheit urtheilen wollen? und wer allein weiß es, kanns wissen, als der Allwissende, der den Rath der Herzen kennet? Er allein, als Schöpfer, und ewiger, innerer Zeuge unserer Handlungen, er allein ist in dem Standpunkt, das große Ge- mählde von Völkern, Denkarten, Zeiten, Fort- und Rückgänge ihrer Bildung ganz zu überschauen. Er allein sieht im Zusammenhänge, warum auf jene Dunkelheit dieses Licht, und auf den Gebrauch und Mißbrauch dieses Lichts jede neue Dämmerung, auf diese Ruhe jene Gährung, und aus dieser wieder eine ganz neue Materie hat entstehen müssen. Er allein weiß es also auch, was jeder Mensch auf seinem Flecke, in jedem Zustande seines Lebens seyn sollte und nicht gewesen, was er aus allen seinen Erfahrungen und Ueberzeugungen und Anlässen für eine Sumine von Vollkommenheiten herausbringen sollte, und hcrausgebrachk 113 Christliche Reden hat. — Das weiß Gott, Schöpfer und Richter, Herr und Zeuge. — Wer bistdu, daß du eines andern Knecht richtest? Erstehe oder falle seinem Herrn: sey nicht stolz, sondern fürchte dich rc. Aber auf der andern Seite begreife ich auch nicht, wie dergleichen Veränderungen von Gestalt der Tugend uns wahre Zweifel oder gar Verzwei- feluug an der Tugend selbst geben könnten? Deswegen weil verschiedene Völker der Erde sich an Gestalt und Farbe und Sitten unterscheiden, ists wohl jemand eingefallen, ein anders gefärbtes Gesicht, eine anders gewöhnte Gestalt, deswegen für kein Mcnschengesicht, für keine Menschengestalt zu halten? und wäre auch das, was würde uns hindern, uns nicht dafür zu halten, und uns ja, wenigstens nach unserm Sinn, menschlich einzurjch- -ten. Laß also jedes Volk auf der Stufe stehen, auf der es steht: laß es entweder noch in einem Zustande der Kindheit sich die ersten Begriffe von Recht und Unrecht in schweren, aber desto schärfern deutlichcrn Tönen vorstammeln, oder schon zu ei- uem hohem Lichte, zu einer feinem Uebung seiner Kräfte geführt, auch feiner und lichter sie anzn- wendcn haben. — Wir wissen auf welcher Stufe w i r stehen, und was wir anzuwenden haben ! Das ist uns genug! Wer, als ein Schwindelkopf, wird seinen Platz verlassen, weil er etwa einen andern sieht, von dem er glaubt , er werde den sei» nizcn kaum halten können? Wer, als ein Benebelter, wird vor einem Hellen Milde der Tugend, das und HomilieN. ii3 daS unmittelbar vor ihm stehet, verzweifeln wollen, weil dies Bild hie und da, zu der und der Stunde verdeckt oder umwöikt gewesen? Genug, jetzt stedtS vor dir. Und nicht immer, M. Z. , ists wohl so umdeckr gewesen, als wir wohl glauben, und nie hals so verfälscht seyn können, daß es unS gar an seiner Wahrheit verzweifeln machte. Giebts wohl zwei gesunde BerNunfte, die unter einerlei Umstanden sich einander völlig entgegen und dock beide gleich gesunde Vernunfte wann? Und eben so wenig eine doppelte, eine vielfache, sich äußerst entgegengesetzte Tugend. Man sage doch einmal, ob das wahre Recht und Unrecht, die Regel der Billigkeit t „was du nicht willt, daß dir andere rhUn, das tbue auch ihnen nicht!" die wahren Empfindungen von Redlichkeit, Gercchli.ckeit, Freundschaft, GroßMuth, Menschenliebe — ob die wohl so verkehrt, so verkannt werden können, daß man ihr Gegenrheil vor Tugend annekme? Welcher Wilde hats denn je an sich für eine edle gute That gehalten, Ken Freund, der sich uns auver- trautc, hinterlistig oder grausam zu ermorden, ihn zu peinigen, ihn zu verachten? Welches menschliche Herz, das Liebe gegen seine Eltern Und Kinder , Freundschaft gegen seine Freunde, Murh und Tharigkeit für sein Vaterland, Großmut!) zu edlen Zwecken, u. s. w. für Niederträchtigkeit gehalten hatte oder halten konnte? — Irrt es sich nun aber in den Umstanden, wirds bei seiner an sich guten Absicht durch Vorurthelle, falsche Ncben-- Ncigungcn,' Gewohnheiten, Leidenschaften, Beispiele, und was weiß ich mehr in der Anwendung mißqc- leitet — Es wird, sagt Christus, dem heyd- Herders AÜerre z. Rel. ti.jä.heotIlA» H n4 Christliche Reden nischen Tyrus erträglicher ergehen, als den jüdischen Städten, die die Wunder sahen. Meinst du, sagt er bei anderer Gelegenheit, daß diese Galiläer größere Sünder sind, weil sie das erlitten haben? Ich sage nein! Das ist die Antwort einer Religion , die auch hier von Milde und Sanftmuth den Namen haben sollte. Jeder, sagt Paulus in unserm Text, bauet auf seinen Grund, der eine Gold und Silber, der andere Stroh und Stoppeln; welcherlei eines jeden Werk gewesen ist, wird das Feuer bewähren. Baue du, o Mensch! auf deiner Stelle nur gut: und mache, daß du dein Licht und deine Gnade Gottes gebrauchest. Von einem Haushalter wird nichts mehr erfordert, als daß er treu erfunden werde: der Herr aber ists, der da richtet! 2. Aus dem großen Strome der Zeiten werden wir also auf die kleine Welle hingewiesen, auf der wir schwimmen: und da wir keinen Standpunkt haben, vom'großen Schauspiel aller Völker und Zeiten zu urtbcilen, von dem wir nichts als an- gemahlte einzelne Stückwerke oder Spannen von Vorstellung sehen: so sollen wir uns nur um den Auftritt bekümmern, in dem wir selbst zu erscheinen haben.-Aber auch da, wie verschieden ist die Tugend! Wie scbr richtet sie sich nicht nach persönlichem Charakter, Gedlütsmischung, Stand, Erziehung, Lebensart, Sonderbarkeiten in der Denk- und Homilien. irrt, kurz nach jeder Gestalt, jeder einzelnen Seele? Jeder Mensch hat seine Ideen, seine Bestrebungen, seine Tugend — Wo isi hier Ems? wo Wahrheit, wo Regel? wie sollen wir die Menschen nehmen? sie beurtheileN? sie nachatnnen? und wo wohnt endlich die reine Tugend? die reine Vollkommenheit? Welch ein Labyrinth von Wohnungen und Ansprüchen? — Wir wollen uns, M. Z., um einen Ausgang aus diesem Labyrinthe Umsehen. Daß sich in jedem Menschen die Begriffe seiner Seele von Gut und Bösem, von Vollkommenheit und Abweichung nach seiner Seele, richten — das ist gewiß, ab't Was ist auch nun das mehr? Soll dieser Mensch handeln; so muß er's ja auch natürlich seyn, der für seine Handlungen denkt, also aus seiner Seele denkt, also freilich auch nach seiner Seele, nach den Anlagen und Bildungen seiner Denkart und seines Charakters sich Beweggründe und Absichten hinzudenkt, sie mit dem Feuer, auf die Weise Nach der eigentlichen Wendung denkt, als — kurz als seine Seele denkt — Was heißt das alles aber, als der Mensch handelt und kein andrer. Soll nicht aber auch er und kein andrer handeln? Und mußte er nicht also auch Nach seiner Art handeln? nicht eben die Gewichte, die Triebfedern brauchen, die Gott in ihn gelegt hat? nicht eben die Beweggründe nutzen, die er mir.dem größten Feuer denkt, an die er gewöhnt ist, ohne die seine Seele ermatten Und entschlafen würde? Und ists nun nicht wirklicher Widerspruch; H 2 Christliche Neben 116 der Mensch soll sich zur Tugend gewöhnen, aber er soll sich nicht zu seiner Tugend gewöhnen, sich bessern, und doch nicht sich bessern — schon indem ichs sagen will, sage ich nichts, sage ich Unsinn. Woher ist aber der Unsinn, wenn er Irrung ward, meistens entstanden, als aus Eigensinn und Stolz ? wenn sich vielleicht hier ein zur Frömmigkeit geneigtes Temperament, ein Charakter, den man für außerordentlich tugendhaft hielt, hervor- that: wie leicht wars, daß er sich nicht zum Tyrannen , zum federnden Vorbilde der Nachahmung auch anderer aufwarf, die nicht von dem Charakter, von der Blutsmifchung waren? und was mußte nun folgen, als daß, statt daß jedweder die Tugend in eigene wirkliche Bestrebungen und Thatigkeit hatte setzen sollen, daß nun alles auf die Nachäffung fremder Formen, fremder Empfindungen, endlich gar der gleichgültigsten, widrigsten Launen und Zufalle dieses Einen Charakters, dieser Einen Denkart gerieth. So wie diese menschliche Seele dachte und empfand, sollten alle denken , alle empfinden, und endlich wagte mans gar im Ernst zu sagen, das melancholische, oder dies weichere, süßere Temperament, oder endlich gar jene Hvpochcndrie, die sey für die Tugend das Einzige, das Beste — arme andere Temperamente! arme hypochondrische Tugend selbst! Hat die gute Sache der Moralität und guter Bestrebungen dabei gewonnen oder verloren — verloren ohne alle Rückrede! Wird einmal die menschliche Tugend außer einer Wirksamkeit, die jedes Menschen Be- und Ho Milien. 117 ruf ist, hinausgesctzt, und wird eine Summe von Enthaltungen und Affectionen, die nicht in seinem Kreise liegen, wo bleibt ihr Schönes, Nutzbares, und Nothwendiges für die menschliche Natur? Was ist, was hilft eine unthatige Tugend? eine unwirksame Güte? Sie ist in ihrer Art eben so ein Dunst, als ein Held, der in seinem Leben nichts gethan hat: als eine Ceremvnie ohne Gedanken und Absicht! da doch einmal unsere Seele älter ist als aller Wahn: da der Beruf zur guten Wirksamkeit und innerer Glückseligkeit doch einmal ein allgemeiner Beruf aller Menschen ist, den ihre ganze Natur und alle Anlagen rings um bekräftigen, und da doch also jeder gute, gesunde Mensch am Ende fühlen muss, Betrachtung, Spekulation, Nachäffung dieser und jener Gefühle — das kann unmöglich das letzte Ziel der Menschheit, der letzte Zweck unscrs Daseyns seyn — Was hat jenes Wahnbild, jene einförmige Livrey der Tugend, jener Zwang, daß alles seine Anlagen, Gesinnungen, Geschäfte, Zwecke, Bestrebungen verlaugnen, und wie dieser werden sollte — was hats anders geben können, als Verachtung aller Tugend! Ist sie nichts als dies, hat man gesagt, v! so kann ich ohne sie wohl fertig werden! so will ich lieber zu meinem Zwecke in der Welt der bleiben, der ich bin! so ists sehr wahrscheinlich, daß ich durch sie mehr verliere, als gewinne — kümmere sich um sie, wer sonst nichts anders zu thun hat. Ueberhaupt ist, M. A., keine mißlichere und nichtigere Sache in der Welt, als die Erzwingung fremder Gefühle in unsere ei- Christliche Reden i t.8 , gene Seele! eine Zeitlana qeht das so fort, und mir vieler Hitze fort: das Erempel eines sol- chni überwältigenden Eindrucks rafft uns auf, wirft uns mir einer tauschenden Allmacht aus uns selbst hinaus; wir streben, wir glühen und — siehe da! werden plötzlich wieder kalt, So bald der angestrebte Hügel, der angetäusckte s'-harakwr, nicke unter Charakter, nickt unsere Stelle war-'- ein Auck'nblickNücksaUs macht, daß wir uns wieder im Lhale befinden, wo wir waren, oder vielleicht noch tiefer in einem Abgrunde, als wir erst wann, Mürbe vom Fall sieben wir auf, und endigen vielleickc gar wieder mit dem Gefühl von Venweiflung an aller Tugend. Die fremde Schminke ist abgcfallen, und unsere Farbe, die durch die Schminke nur häßlicher geworden ist, bleckst nach — haben nur gewonnen oder verloren? Da sagt der Prophet mit seinen bedeutenden Bildern: Sic waren wie ein überspannter Bogen: jetzt liegt er erschlafft und zerbrochen da! Sie glühcten wie ein Feucrofen, wie sind sie so schnell abgekühlct! Glücklich , M, Z., daß das Gebot unserer Religion in allem das lautere Gegentheil ist Wer ist Paulus? Wer ist Apollo? jeder ist für sich ein Diener! Kein Stand, kein Temperament, keine Seele und Rotte, keine Grimasse und Liverey der Lugend, die uns eusmlic- ßend zum Himmelreich angegeben würde. Es sind mancherlei Gaben, und überall doch Ein Geist! Mancherlei Aemter, aber alle dienen sie doch Einem Gott! — und Homilicn. "S Wer ists nun, der einem jeden diese Gaben, diese Kräfte, diese Anlagen und Umstande verlieh? und hat er sic ihm umsenst verliehen? sollte er ihm nur Eine umsonst verliehen haben? Kein Irrlicht also, v Mensch! Siehe, du selbst sollst, wie und wo du seyst, ein Tempel der Gottheit seyn. Jede Wirksamkeit also, die deine Seele bildet, und bessert, die dein Herz veredelt, und in einer tugendhaften Fertigkeit stärket: jede Wirksamkeit, die Gutes außer dir befördert, und dir das Gefühl einer guten Tbat, eines wohl angewandten Lebens giebt — das ist deine Pflicht! das ist deine Tugend! Glaubst du nicht, daß Mäßigkeit und Gcoßmuth, edle Gesinnungen und Ausübungen der Liebe und Freundschaft, Billigkeit und fortgchende Gewöhnung zur Beförderung des Guten — daß dies alles eben so wohl zu deiner Mohlfarth und Gesundheit gehöre, als ein ^ leichtfließendes Blut in deinen Adern? als Nahrung und Bewegung deines Körpers? Und wie! wer hat bei dem letzten einen andern Zweck, als sich selbst wohl zu erhalten? Wer speiset, wer arzcneiet blind in des andern Seele hinein? und wenn Tugend und Wohlihätigkeit unser wahres Leben ist — von einem Haushalter wird nichts mehr, aber das auch um so viel mehr erfordert, daß er mit seinem Pfunde und Gaben treu erfunden werde! Der Herr, der den Nath des Herzens offenbaren kann, ist Richter! Die Anwendung hievon auf die Stände und Lebensart der Menschen ist nur ein Ausscnwerk zu 120 Christliche Reden dem, was ich gesagt habe. Freilich muß sich die Tugend, die nichts als die höchste Summe von guter Wirksamkeit in jedem Scandc sein, soll, auch überall nach dielen Standen gleichsam schattiren und färben. Die Erziehung, die Bildung, die jemand von Jugend auf gehabt hat, die Gedanken, mit denen er sich beschäftigt, die Geschäfte, denen er sich gewidmet, das alles aiebt jbm freilich in wenigen Jahren der Gewohnheit solche unterschied dene Striche der Denkart, als ein Wachs die Form anniwmt, in die es geprägt wird. Oer eine Stand wird also natürlich mehr äußere Bestrebung, der andere mehr stille Wirksamkeit, dieser inehr Harte und Gerechtigkeit, jener wehr Sanftmuth und Rebe, der die Ausbildung dieses, icner jenes Theils der Seele fordern und zulassen — unter allen Gestalten aber doch Eine Tugend, Eine gute Wirksamkeit eines jeden »ach bestem Wilsen und Gewissen in seinem S t a n- d e, Jener Morgenländer, der eben so schwindelte, und ein reines Ideal von Tugend ohne menschliche einzelne Gestalten sich ausschwjndeln wollte — auf einmal schwebte, nach der Fabel, eine himmlische Erscheinung zu ihm hinan. Em Engel, i» alle Pracht deS Himmels gekleidet, und um ihn her sammlcte sich das Heer aller Vögel mit ihren Stimmen , von der singenden Nachtigall an bis zum rauhtönenden Adler, vom Todes-Ton der Eule bis zur airrenden Taube — ein vermischtes betäubendes Gewirre von Tönen! — Der Grübler über die Lugend stutzte: ,,Siehe, sprach der Engel, alle diese verschiedene Gattungen Gefieder, und höre ihre Stimmen! wer bist du nun, daß du von der und Homilien. 12t Ächte des Adlers den Gesang der kleinen Nachtigall und von der girrenden Taube den Nachtlaut der Eule fordern wolltest! Alles ist Stimme der Natur, und alle Stimme der Schöpfung in ihrer Art lobet den Schöpfer." Der Engel verschwand, und der Grübler merkt cs sich, daß die Erscheinung seine Thorheit träfe, die alle Menscben-Ge- sichter und Denkarten und Seelen in Eine verschmelzen wollte. — — Zeder Hau sh alter sei, treu in seiner Rechnung! Jeder in seinem Stande handle nach Billigkeit und Güte! Greife an die Kette des Verdiensts, da wo er steht, wahne aber nicht, daß wo er steht, wo er sie halte, sie die Einzige und beste sey. Alle Glieder hangen zusammen! Alle Stimmen, Aemtcr, Stande, Tugenden in jedem Anlasse preisen ihren Schöpfer! Der allein weiß es auch, was jeder nach seinem Orte und Stelle ist und seyn sollte! — Er kann den Rath der Herzen offenbaren! und alsdenn wird jedem Lob widerfahren, was sein und keines andern ist — sowohl dem Paulus als dem Apollo. Dies ist die Denkart unsrer Religion, und wenn wir sie annehmen, wie viel mehr Nachsicht, Toleranz und Menschenliebe werden wir alsdenn mit der Denkart anderer haben. Bloß der unthä- tige Laßige ist meistens der herbste Richter. Er legt die Hände in den Schooß, spekuliret, tadelt und lästert ? Wer ist Paulus? Wer ist Apollo? Weißt du die Abgründe und Abwege seines Herzens ? seines Charakters, seines Lebenslaufes, seines 12 ? Christliche Reden Standes? Weißt du durch inneres Gefühl, wie er dahin gerissen ward? Die Summe von Eindrücken, das Maas von Licht, den Grad von Ue- bcrzeugung, das ganze Gewebe seiner Gesinnungen, die ganze Folge seines Lebens— und wie willst du nun das Resultat von alle diesem, die Summe seiner Schuidbarkeit oder seines Verdienstes entscheiden? Wer bist du, daß du Richter seyn willst, da du, wenn du das auch alles wüßtest, nichts als Knecht seyn sollst. Wir haben unsre Mitmenschen bloß nach den Seiten zu nebinen - in denen sie an uns granzen; da können wir freilich uns Freunde wählen, und von andern u»S en.fernen: wir können den Niederträchtigen eben so von ganzem Herzen verachten, als wir den Guren und Edlen lieben, und uns nach ihm zu bilden suchen sollen. Das alles aber als Knechte, als Mitmenschen! denen immer ihr eigenes Geschäfte die Hauptsache bleibt, und der einzige Richter über alle ist Gott! Am allermeisten wünschte ich, daß man gehässige Urtheile von der Art wenigstens dadurch milderte, daß man den Namen Re li gi on aus dem Spiel ließe, und nicht so oft blödsinnig oder boshaft Religion und Tugend mit einander verwechselte. Religion ist das beste, das edelste Hülfsmittel zur Tugend, aber noch nicht die Tugend selbst. Sie entbeut der Seele eine große Summe von Bewegungsgründen, von erhabenen Vorstellungen der Anstalten Gottes zu und Homilicn, »23 unwer Tugend und Glückseligkeit aus dieser und einer andern Welt. — Wie weit könnte und sollte sie also nicht Seelen erheben und wirksam machen können >-Wenn sie es aber nun nicht machte? Wenn sie das Unglück halte, daß alle ihre Beweggründe und Vorstellungen ein todter unwirksamer Haufe von Eareclstsmus - Fragen , von elender Formeln-Wissenschaft bliebe, die man zu gewisser Zeit sich und dem lieben Gott vorbetet? — Der andere im Gegenkheil hat wieder das Unglück gehabt, diese und jene große Vorstellungen nicht in aller ihrer Wahrheit und Größe zu fassen, nicht im rechten Lichte und von der besten Seite der Erhebung der Seele anzuschauen — er hat sich aber von der andern Seite Mühe gegeben, sich auf seine Weise die Tugend anschaulich und liebenswürdig zu machen, nach seinen bessern Vorstellungen ein redlicher gutthatiger Mann, ein würdiger Mensch auf seiner Stelle in der Welt zu werden:— wer bist du es alsdann, der da glaubt, mit Einem Wort: „aber er hat keine Religion!" sogleich die Summe aller seiner übrigen guten Eigenschaften, Verdienste und Wohlthätigkeiten, wie durch einen Donner vom Himmel, nieder;»stürzen, und ihn als den ärgsten Bösewicht zu brandmalen, da du vielleicht — wieder gar kein andres Verdienst hast, als deine so genannte Religion, und fromme Miene? Wie? hast du nun etwa gar dieselbe nur, um zu sehen, daß der andere sie nicht habe? Liesest du etwa nur deswegen in der Bibel, um dich vor Gott zu erinnern , daß der andre Bö» sewicht Hierdrin» lese? Verlaumder, Verdammer, 124 Christliche Reden so bist du der Heuchler, der Bösewicht, den du in andern findest! Wie? wenn u wahre Religion hattest, das ist, wenn du sie nur brau ch- test, das Gute und Wirksame derselben zur Tugend zu fühlen, was solltest du anders, als den andern stille beklagen, daß crs nicht gefühlet, daß er so viel würdige und große D rstellungen zur Tugend und Glückseligkeit entbehren muß? und aus diesem Beklagen was würde anders folgen, als daß du keine Tugenden, seine Verdienste, die du an ihm nicht verkennen kannst, nicht verkchwarztest, sondern um so höher schätztest, weil sic ihm so schwer geworden, weil er so vieler großen Beibülfe hat entbehren muffen, um das zu werden, was er geworden ist, und was du ohne die Beihülfe vielleicht nicht wärest? Er hat auf seinem Grund gebauet, ob Stroh und Stoppeln, oder Gold und Silber? das Haft du nicht und kannst nicht entscheiden; daß er dock aber gebauet hat, daß er sich die Mühe, die fortgesetzte Sorgfalt gegeben — frommer Verlaumder, mit einem Worte, Willst du das verrufen, weil er nicht nach deinem Riß bauete? und sein Gebäude steht doch Gott und der Welt vor Augen? — Aber nun auf der andern Seite, wer wieder glaubt zu seiner Tugend und menschlichen Glückseligkeit nicht diese und jene Vorstellung so äußerst nöthig zu haben, glaubt, daß seine Moralität nicht eben an dieser Wahrheit, an jenem Beweggründe hangen dürfe, wie? M. 3-, hat der wieder ein Recht diese Wahrheit, diese Vorstellungsart §n an- und Ho Milieu. rsS dern zu verrufen, zu verspotten und zu verlaum- dcn? Wie, Mensch, wenn es auch wahr, und aus deinem Perzen dir zugegeben wäre, daß diese und jene Beweggründe d i r zureichrcn, um immer edel zu denken und aut zu handeln, bist du denn mit einmal Gesetzgeber, daß sie auch jedem Andern, von ganz andrer Denkart und Empfindbarkeit, zureiÄen sollen und müssen? Wie, wenn sich seine Seele an die frühe Empfindung dieser und jener Wahrheit, deren Stärke du nicht cinsiehest und fühlest, gewohnt hatte, daß ihre Thatiokeit gleichsam zusammen verwebt mir dieser Empfindung wäre — entreiße, verböhne, bestürme du ihr eins, und sie wird mit dem empfindlichsten Schmerz fühlen, daß du ihr eigentlich das andere rauben wollest; daß du ihr die zartesten Faden ibrer Denkart wegschneiden, ihr in den empfindlichsten Stellen ihres Herzen würben wollest, daß du ihr die Erquickung und Trost ihrer Tuaend, die nun einmal nicht die deinige ist, rauben wollest — und, M> Z., hat wobl ,emand unter uns dazu Recht? Stört er nicht immer doch eine ganze Wirksamkeit und Glückseligkeit, das ganze Triebwerk eines andern Menschen, das er nicht stören darf und soll? Wie? wenn wir nicht Richter darüber sepn könnten, daß und ob jemand vor seinem Gott ein guter Haushalter, d. i. tuaendbasr sey? können wirs richten, aus welchen Gründen, mit welchen Triebfedern ers hatte sevn sollen, seyn können, und einzig werden müssen? Wir, die wir kaum unsere Seele kennen, und ihre Empfindbarkeit und i2ü Christliche Re deck Triebfedern wissen oder in Gewölk haben, wie konnten und dürsten wir so ganz die Seele des andern richten? in Absicht auf alles, auf die ganze Summe ihrer Redlichkeit und Wirksamkeit? als ewige innere Zeugen des ganzen Lebenslaufs, der ganzen Denkart? — O Mensch! du hast höchstens nach der Uhr außen auf dem Zifferblakte zu sehen: geht sie richtig, zeugt sie treu — Dir genug ! nach welchen Regeln sie gehe, nach welchem Modell ihr Kunstwerk eingerichtet sey, das bat Besitzer und Künstler zu untersuchen. Gort ifts allein, der den Rath des Herzensof- f e n b a r e t. Ueberhaupt, M. Z. , ist keine Furie, die dem Wacbsthum eines Menschen an wabrer V Ukom- menheit und Tätigkeit schädlicher werden konnte, als die Grübelei; das Hirngespinst um ützer Spekulationen und Befcbdungen über die Tugend. Wenn ein Mensch es einmal so weit gebracht hat, über die heiligsten Pflichten, über die wärmsten Thatigkeiten, als über bloße Theorien, mit deM kältesten Blut zu raisonnir n, was laßt sich da je ausraifonniren, und was laßt sich wieder nicht rein weggrübcln! Neun und neunzig Gründe auf eine, neun und neunzig auf die andere Seite, und in der Mitte — bleibt nichts! Die Seele ermattet, wird irre, thut nichts! Ein gesunder Mensch hingegen, der keine Erklärung der Tugend suchen, aber selbst — etwas mehr — selbst tugendhaft Und glücklich werden will; statt alle de§ Ueberlegens und Wagens und Hersagens, wird er und Homilien. '^7 dcm einzigen Gebot Christi folge» und t b n n — Er gebt gerade m der Mitte durch — „Bei diesem Thun, bei dieser svrtgehenden Bildung meiner, selbst, bei diesem täglichen Abtrage meinte Pflichten, als Mensch, Christ, Burger, Vater, Mutter, Obrigkeit, Freund, Rick.er; bei jedem wohl- gcnutzten Augenblick, nach jedem Sieg über mich, nach jedem Beitrage zur Glückseligkeit anderer, befinde ich mich (das fühle ich) besser und glücklicher ! oas ist Mir statt aller Zweifel und Beweise ! — Ich übe mich zu haben ein unverletzt Gewissen, vor Gott und den Menschen! Das ist mir Gesundheit, und Bestimmung des Lebens in dieser Welt," Den Rath anderer Herzen mag Gott offenbgre». Glücklich, M. Z., wer also denkend, weise, edel, billig, großmülhig, menschenfreundlich, immer zu seiner und anderer Glückseligkeit beschäftigt — vor dem Rath s e i n e s Her z en s, vor der ganzen Summe der Denkart und Wirksamkeit seines Lebens nie selbst crrötken darf! Glücklich, wer in allen seinen Handlungen mir dem ganzen Rathe des Herzens dabei etwa vor demjenigen erscheinen könnte, den er unter den Menschen, die er gekannt hak, sich zum würdigsten Richter sein selbst wählen würde! Am edelsten und würdigsten aber der, der immer so lebr und gelebt bat, um mit seiner ganzen Seele und der Summe seiner Haushaltung, einmal vor dem Allwissenden erscheinen zu können, der immer unser in- (rhristliche Reden und Homilicn. nerer Zeuge der Treue war, und allein weiß, was wir sind und hätten scyn können: er wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und den Rath der Herzen offenbaren: alsdann wird jedem sein Lob widerfahren, was ihm gebühret, u. s. w. den S e l b s t r u h m. » 7 73 - I Herders Werke z. Rel. u. Lheol. III. >^iner der Vorwürfe unsrer Religion ist, M Z., auch unter andern die souenannte christliche Demulh, die man so v t mit Feigheit, mit kriechender Niederträchtigkeit, mit unwürdiger Wegwerfung sein selbst verwechselt. Die christliche Religion, sagt man, was gicbt sie, was den Geist erhebt? was Funken zu edler Wärme, Sauerteig, zu überrreffender Regsamkeit von Gesinnungen und Tharen in Herz und Geblüt mischte ? was uns von Kindheit auf ein Stachel Ware, sich auszuzeichnen, andre zu übertreffen, einer Vollkommenheit nachzueifern, die nicht gemein ist? — Sie bildet vielmehr die Seele bloß zu leiden, zu erdulden, zu fühlen, nicht nur nicht fremde Vollkommenheiten anzustreben, die man nicht hat, auch selbst die nicht sich eingestehen -u dürfen, die man hat. Sie unterdrücke also den Geist, ermatte den Trieb der Wirksamkeit, schwäche oas Gefühl einer edlen Würde sein selbst. Und daher komme alsdenn auch mit der Widerspruch in unfern Sielen, und eie unerträgliche Falschheit, der sich ein jeder fast Ä - Christliche Reden 132 schuldig machen müßte; vor den Augen, im Kreise des Umganges jener zu erniedrigende Ton der Höflichkeit, der sich selbst gleichsam verniehtigt, in der Sprache seiner Person fast kein Ich hat, sich ganz dem andern ausopfcrt, anheimstellet, unterwirft — ein ganzes lebendiges Compliment! ein menschlicher sich bewegender, sprechender Bückling! Und daß man nachher hinter dem Rücken, in Abwesenheit, in seinem Herzen, in der Einsamkeit sich um so vielmehr über den andern wegsetze, vor dem man sich so sehr erniedrigen mußte; — man fühle nicht bloß sich selbst, wie man etwa sich fühlen solle, sondern fühle sich nur eben im Gegensatz von andern, durch Ueberhebung, durch Verachtung, durch Zurücksetzung desselben. Da mit dem wahren Verdienst keine wahre offene Ehre verbunden sey, und verbunden seyn könne: so müßte selbst das Verdienst sie sich auf so krummen Wegen suchen, oder sich selbst geben — und so werde die tiefste Demuth und die unwürdigste Hoffaclh eben mit einander gepaaret, und bringen sich wechselswcise einander hervor, Allerdings mag nun an dieser Heuchelei und stolzen Schein-Demuth auch manchmal ein Mißbrauch der R eli g i o n schuld , oder die Religion vielmehr nur unter hundert andern m i t die Maske seyn, die der Demuth-Heuchlcr oft zu seinen beliebigen Zwecken wählt. Da aber überhaupt, was man Sitten des Jahrhunderts nennt, nie aus einer, sondern aus tausend Ursachen, und langen allmahligen Veranlassungen sich erzeuget — und Ho will cn. r33 so wäre die Untersuchung der Ursachen auch dieser Heuchclsitte, für diesen Ort, für diese Stunde und Versammlung ein zu verflochtener und sehr ungehöriger Plan: so wie cs überhaupt scheu eine feine und sehr schwebende Untersuchung ist, wo Würde sein selbst aufhöre, und Ehrsucht anfangs: edler Stolz erlaubt sey, und wo er unwürdiger Hochmuth werde ? wie weit man sich selbst h o ch- achtend fühlen, und gleichsam sich unkundigen könne? und wü man, um nicht selbst im Gefühle gegen sich entsetzlich klein zu werden, von sich schweigen müsse? > Zur letzten so nothwcndigen und wichtigen Untersuchung haben wir heut, unseren Text gemäß, Veranlassung. Wir werden die Frage untersuchen können, wie fern jedweder, der an sich selbst zu einem Zweck des Guten arbeitet, sein Gutes und jeden neuen Schritt desselben, mit einer 'gewissen Würde und Selbstgefühl nicht nur empfinden könne, sondern auch m ü ß t e, um Aufmunterung und den süßesten Lohn der Tugend zu genießen; wo aber dieses edle Gefühl sich von niedrigem Stolz, Schwindel über sich selbst, unterdrückendem Hochmuth gegen andre und Puppencitclkcit über unrichtige Vorzüge himmelweit unterscheide — Die Untersuchung, M. Z. , kann für keinen gleichgültig seyn, dem die Bildung sein selbst, die Führung seines Herzens nur auf einem so schmalen Wege zur Vollkommenheit irgend ein Ernst geworden. Und wer also auch in Betracht dieser Pflicht, wo uns unser Herz so oft verführt, und wo doch so richtige deutliche Grund- Christliche Reden r3ch regeln unsers Verhaltens uns vorliegen, sich unterrichten, aufmunnrn, und in seiner Denkart des Guten fester und edler werden will: der sammle seine Gedanken zu dem Grade von stillem Lichte, in dem die Gotttnit überzeugend und bessernd an unfern Seelen wirket, u. s. w. Text: 2. Co r i n th. 11, v. 19— 33 . Kapitel 12, 1 — ri. Unser Text ist der längste im ganzen Jahr, er erstrecket sich über zwei Kapitel und säst weiter; er spricht mit einem Aeucr, mit einer gedrängten Kürtze, und - spricht von sich selbst. Cs ist eine Lobrede, die Paulus in so langem Arhcm auf sich sclvst balt, da er s i c h seinen Verläumder Schritt vor Schritt, Seite vor Seite entgeaen setzet und gleichstellet, sich lobet, seine Thaten, Leiden, Begebenheiten des Lebens an - und durchführet, seine Vorige, bis auf die Offenbarung, der er gewür- diat wäre, hermißt; kurz, der längste und lauteste Lobredner sein stlbst wird. So wie nun überhaupt vielleicht n i ch t s schwerer ist, als von sich selbst gut zu reden, und nichts seltner ist, als das Bild eines Mannes zu finden, der von sich mir Würde und ohne Hochmut!) zu reden weiß, dem der Selbstrubm wohlstehe — so werden wir auch jetzt das Vorbild des Apostels nicht besser nutzen können, als wenn wir die Stücke bemerken, die auch sein Selbsrlob von dem gewöhnlichen Narre n rühm und den edlen Stolz von dem kriechenden Dinge, was man Demuth nennet, unterscheiden. und Homilien. i3S I. Spricht er von sich, nicht aus Kitzel, nicht aus freien Triebe, nicht ohne Anlaß, sondern nothgedrungen, aufgefordert, mit äußerstem Zwange. Er wiederholt eS selbst in die Sicbenmahlc, daß es Thorheit, Narrheit wäre, sich selbst zu rühmen; er müßte aber jetzt einmal, nicht um Seiner- sondern um Ihretwillen , um des Gutenwillen, daS zerstöret würde, den selbstlobenden Thoren mitmachcn. Offenbar also unterscheidet sich sein Lob von dcr'Aufgeblasenhcit, von dem ewigen Schwindel ihrer selbst, mit dem Narren umhergehen und von sich tönen. II. Er rettet bloß und verfolgt nicht. Er sagt nur immer: „sie sind das? ich bins auch. Ich könnte wohl gar noch mehr seyn!" aber er verschwarzct, vcrläumdet seine Verfolger nicht. Er stellet sich ins Licht, ohne cs zur Hauptsache zu machen, sie in den tiefsten Schalten zn drängen. Hier gehen also himmelweit die Pfade der Würde, des Gefühls sein selbst, und dcS Hochmuths, des unterdrückenden Neides auseinander. III. Er behilft sich nicht mit Scheingründen, mit guten Meynungen, mit höflichen menschenliebenden Entschuldigungen, sondern führt lauter Fakta an: Thaten, die er gethan: Begebenheiten, in denen er gewesen: Auftritte, die jedermann bekannt waren, oder Christliche Reden i36 tim die sich jedermann erkundigen konnte. Die läßt er für sich redcn, ohne daß er ihnen einspricht; sein Register an Lob rrucken ist, eine Kette von Handlungen, Situationen, Verdiensten — Hier unterscheidet sich der wahre, gute, männliche Stolz von aller P u p p e n e > l e l k e i t auf Nichtswürdigkeiten und armseliges Blendwerk. I. Cs giebt Leute, die immer von sich selbst reden, das ist hohle Kopfe, die auf jeden Stoß und Luttbauch tonen, und doch nichts als ihre Hoble, ihre Leerheit wieder tonen — geborne Lobsprecher ihrer selbst. Jede Kleinigkeit, die ihnen begegnet, eben weil sie ihnen begegnet, ist wichtig; die Welt muß sie wissen, jede Kleinigkeit von Rubm im Tone des löblichen Jcbs wissen , die andern Menschen sind für sic nur Ohr. Zu erklären ist diese Schwachheit endlich, aber sie wird eben dadurch auch, als klcinfügige Schwachheit offenbar. Jeder lebt am meisten mit sich selbst, ^ebc mit sich am meisten um; natürlich also ist er sich auch der Nachlte, der Wichtigste, der B e sch a ft ige n d ste: natürlich also wird ihm auch jede Kleinigkeit von sich wichtig — dann aus Kleinigkeiten bestehet das ganze Leben' — stder Zug seiner Denkart, seines Lebens, seiner Begebenheiten, kann ihm nicht gleichgültig se„n — aus soleyen besteht das ganze üincS Dajepns! Und >e mehr nun ein solcher Mensch und Ho milien. iZ? gleichsam mit sich umgehet, je tiefer und inniger und abgesonderter er sich niit sich selbst beschäftigt, desto wichtiger, desto alleiniger wird ihm non sich selbst allcS; er geht im Traume von sich umher, und der Traum wird alSdann nur zu oft ein waebender, ein sprechender Traum — er dreht sich selbst um seine cchcne Idee, alles, die gan,e Welt soll sich um sie drehen, wie ungefähr nach jenem alren Wahne Steine und Sonnen und Welten um den einzigen kleinen Erdkloß und Staubklumpen,.die Erve. Das wäre nun wohl recht gut , Wenns nur möglich wäre, wenns nur angienge, daß icdes fremde Auge, jedes fremde Obr an uns so viel Anthcil nehmen könnte, als wir selbst. Aber da nun andere eben so gut ihr Ich, ihr werthes Selbst, ihren Kreiß um sich haben, zu dem wir bloß Außengeschöpfe sind: da jede Ameise im menschlichen Geschlechtc zu ihrem Hausen, zu ihrer Republik hinzutragen muß, wie wir für die unsrige chun: da es doch nur äußerst wenige Augenblicke und Situationen in der Menschheit giebt, daß sich einer gleichsam in den andern verwandelt, ganz sein eigenes Daseyn vergißt, um in der Perchn des andern zu denken, und zu fühlen: so sicht man, welche Anmulhung eines Narren es scy, jeden Augenblick so etwas fordern zu wollen : i m m e r aus feinem Schatze eine Klcinfügig- keit nach der andern hervorzulangen und zu federn, der andere solle bloß Werkzeug, bloß Hand se»n, sic zu empfangen, es zu vergessen, daß der andere auch etwas ist, und so kalt, so fremde, so vetschie- i33 Christliche Reden — wenn etwas leer scyn, hohl seyn genannt werden kann, so ists dieses! Wie schwer ists doch, sich selbst ins kicht zu setzen, daß der andre uns sieh et, wie wir uns fühlen — — Wer acht gehabt, und in einzelnen selbst wichtigen Fallen, die Kalte behalten hat, zu bemerken, wird nur zu oft den Versuch hierin gemacht haben. Damit der andre uns, wie wir selbst, fühle; muß er an uns Theil nehmen, muß sich für uns erwärmen, muß eine so gleichgestimmte Seele, ein so gleichklingendes Herz haben, daß unser Ton, die Saite unsers Herzens, unmittelbar dieselbe Saite in dem Seinigen erregt, oder es ist mit dem Mittheilen sein selbst die kälteste, erbärmlichste Sache. Der andere bleibt der kalte Zuschauer vor einem gleichgültigen Bilde, oder denkt, empfindet gar anders als wir selbst alles sehen und empfinden; je mehr wir uns für und über uns erwärmen, desto kalter wird der andre — in der Welt kann kein Kontrast verdrießlicher und häßlicher seyn, als dieser. Und wie oft, und wie fast allgemein ist er doch! Wie äußerst selten sind doch die Äugenblicke der Erwärmung, da der andre ganz mit uns und zu uns fühlet, sich gleichsam in unser Wesen, in unsre Denkart verwandelt hat, um unsre Geschichte mit aller Empfindung derselben innig zu theilen? Me selten sind die Augenblicke! und die Freunde, die dergleichen Augenblicke, nur der Beschaffenheit ihres Herzens nach, haben können? die die weiche Fühlbarkeit und Biegsamkeit und Homilien. 1^9 der Natur haben, sich in das Leben der andern nicht hineinzudcnken, sondern unmittelbar h i n ei nz u e m p fi n d en! die die zarte Mitstim- munq von Empfindungen besitzen, jeden Ton deS Menschlichen, des Guten, des Edlen, auS der andern Seele, in der ihrigen zu suhlen! sich über ein fremdes Gute, wie über ihr eigenes zu freuen ! und ihr Leben tausendfach mehr durch die Glückseligkeit andrer genießen. — Wie selten sind solche Seelen! wie selten, daß, wenn und wo sie sind, sie sich begegnen! wie selten bei ihrer Begegnung, die Augenblicke der wahren Vertauschung der Herzen, der wahren Thcilnehmung! Und wer nun auf alles das nicht rechnet, wer gegen jeden Fremden , in jedem fremden Augenblicke seine Geschichte und sein Leben, sein Lob und seinen Ruhm, so unbedacht, als seine Gesichte zu Markt trägt, immer von sich spricht, es mag sepn, wer dq will, der da höre! oder er höre, wie er wolle — Was ist der als ein tönendes Erz, oder eine oft sehr unangenehm klingende Schelle! Mich dünkt, M. Z>, schon ein wahrer guter Stolz auf sich selbst müßte diese leere Großsprecherei von sich selbst vernichten können: denn ists nicht eine wirkliche Verachtung gegen sich selbst, sich gleichsam mit der ganzen Welt gemein zu machen , und jede Gassenseele für den Bruder erkennen zu können, dem man sich mir der Geschichte sein selbst anvertraue? Ich bin, wcnns auch nichts weiter wäre, zu stolz, um jeden Ungewaschnen an den er auch mit uns denke, uns ihm nur zeigen Christliche Reden 140 mir selbst Theil nehmen zu lassen, ihm zu sagen: was ich bin ? wie ich denke? da- und darüber denke? woraus ich denn stolz bin? — ich bin, sage ich, zu stolz, um cs vor jedem sepn zu wollen. Und da, wenn man doch ausrichtig seyn will, immer Schatten in dies Gemahlde kommen werden, Fehler, Schwachheiten, die man eben so gut wird bekennen müssen, als jene Helle Farben; ja die oft e b en z u d i e s c n g c h 0 r e n, durch die, und durch deren Kampf und Versuchung wir eben das geworden sind, was wir sind '— 0 wie viel zu feines, zartes, schönes Gemahlde für schlechte oder gleichgültige Augen! Sie werden von Allem den übelsten oder gar keinen Gebrauch machen, sic werden Ruhmsucht sehen, wo nur das Herz sprach, und Fehler umhertragcn, wo sich die Farben für unsere Ueder Zeugung am schönsten und rührendsten brachen. Die Geschichte wird böses thun, wo sie bei uns am meisten gutes erregte. — Und kurz, wenn Alles nicht wäre — das Gemahlde eines edlen Herzens , die feinste Züge eines durchdachten Lebens sind kein Marktstück für den Pöbel, sondern gleichsam ein Cabjnets-Stück der Freundschaft, an den Wuscn dessen, der mit uns gleich empfindet, gleich denkt — für alle übrigen ist jeder Zug zu heilig! Perlen für die Saue, die sie zertreten mit ihrer, Füßen und sich wenden und euch zerreißen. Was für eine elende Sache, M. Z-, Ruhm von sich, Anekdoten von sich in andrer Leute Gedächtnis , Mund, oder lasset uns lieber den gcxa- und Ho milien. 14L den Ausdruck sagen, in der Leute Mäuler zu bringen, und se l b st der zu seyn, der das Ihn» muß? Erstlich ist man im Munde des groben, große» Hausens so schlecht aufgehoben — die besten Sachen verlieren schon durch den Ort, und in der zweiten Hand ihre edelsten, schätzbarsten Züge — und nach kurzer Zeit ist das Gcmählde von de» unreinen Händen so abgegriffen, vom häßliche» Athem so befleckt, daß es der Eigentümer selbst am wenigsten kennen wird. Keiner der L'heilneh- mer und Mittheiler will doch auch umsonst Mahler seyn, doch auch nicht umsonst die Geschichte gewußt haben, und gicbt ihr also (da er nichts besseres hat) so sehr scine cigene Dinte, seincn ci- genen Anstrich, daß jeder ehrliche Mann in kurzer Zeit wird bitten müssen, ihn mit dem Lobe gütigst zu verschonen. — Und ist man nun gar dazu verdammt gewesen , der Erste zu seyn, der das Bild umher reicht, der Erste und Einzige und Immerwährende zu seyn, der in die Höhle hinein schreiet, damit cs nur wieder heraus schalle — niedrige Bestimmung! elendes Lob! daS wir uns gezwungen sind, selbst zu geben, das uns kein andrer geben will! — Der wahre edle und würdige Mann wird nie zarter und verlegner seyn, als im Lobe sein selbst gegen andre. Wie sorgsam wird er seine Leute wählen ? Wie enge den Zirkel schließen, dem er ei» Gemahlde von sich selbst, ein so schätzbares Stück seines Herzens anvertrauet! Er wird ihn nicht enge genug wählen, nicht genug die Seelen zuvor prüfen, nicht genug den Augenblick, die heilige 142 Christliche Reden Stunde der Mitkhcilung aussondern, nicht genug auf sie erwärmen und zuberciten, und die Herzen auf innige Theilnehmung gefaßt machen können, e h e er spricht; aber auch alsdann, wenn er spricht, welche süßere und bildendere Stunde gabt es unter allen Freuden-Stunden des menschlichen Lebens, als Eine solche ? Eine würdige Seele kennen lernen, wie sie ist, und in ihrem Inner n, nicht vor der Welt seyn will; die Umstände und Begebenheiten ibres Lebens zu hären, durch die sie das geworden ist, was sie ist, was sie in Ihrem Innern seyn will, sie mit dem Tone der Wahrbeit, mit der E m p fi n d un q des Herzens sprechen zu hören, bei der aller Verdacht des Selbst-Ruhms, der Lüge, der Erdichiung, so weit wegfallt, und nur das laure offne, das empfindende Herz spricht, das nichts minder als sich hervor thun will, auch seine Fehler nicht verschweiget, nicht verschweiget wie sie auch durch sie gut und besser geworden? was sie eebildet? was auf sie die stärksten Eindrücke in ihrem Leben gemacht c durch welche Würfe und Umwandlungen sie das geworden ist — das alles im Ton der Wahrheit des Ueberqanges aus Seele in Seele, aus Herz in Herz — giebts, M. Z , seeligere und bildendere Stunden im Leben als diese? wo immer auch unsere Seele, das Zeugniß unserer selbst gegenwärtig ist, unmittelbar Bild an Bild halt, sich immer im stillen verborgen fragte wie m a n dagegen sey? in diesem und jenem Falle gewesen seyn würde? wie weit man auch das, oder das nicht sagen könne? — Glbts, und Homilien. 143 M. Z., eine Niederlage und ein Testament der Freundschaft, gibts einen Genuß vom Leben des Andern für Uns selbst, so ists hier Eine solche Mittheilung und Uebcrgabe Unseres Ruhms und Unserer Fehler, in die Seele, die dessen würdig ist, alles fühlt und anwendet; ist eine süßere Ausbreitung und Verewigung sein selbst, als hundert Ruhm-Gerichte auf den unreinen Lippen des Pöbels. Da stiften wir mit Einer so edlen a us g esp a rtcn Ruhmsucht ein schätzbares Gute, und empfinden in der Theil- nehmung ein Mitgefühl, in der Zueignung deS Andern bei seinem Beifalle den süßesten, süßesten Lohn der Tugend. Aller lauter Ruhm ist Wind, ist Schall; und dieses verborgne, stille, schweigende Lob ist Wort und Lohn des Herzens. Mit den andern, M. A., die von alle dem nichts wissen, muß man sich nicht von sich, sondern von ihnen selbst — denn davon sprechen sie doch am liebsten, und so thut man ihnen mind» stens einen Gefallen — und von Gleichgültigkeiten unterhalten: denn so beleidigt man keinen, und kann schon immer durch die Art, wie man von alle dem spricht, durch den Gesichts-Punkt, die Sachen anzusehen, durch den Ton auf den man alle seine Urtheile stimmet, — dadurch kann man, wenn man gut denkt, schon genug Gemahlde sein selbst geben, ohne daß mans eigentlich drauf anlcgte und sich zur Leinwand und zum Farbenbrete ausdrücklich hinsetzte. Hierin ist also das Vorbild Paulus, zum Ersten, Muster: er redete von sich nur gedrun- Christliche Reden *44 gen, nur a u fg c f o r d e r t, nicht eins Schwindel, nicht ohne Noch; und so wirbs ihm jede edle Seele nachzuchun suchen: stillen Ruhm lieben und es d e n Thoren überlasten , Trompeten ihrer selbst zu fti)n, die zu dem Schalle Lust haben..- II. Paulus war hier auf die niedrigste Weise, bei elenden Persönlichkeilen, und eben »on Seite der Persönlichkeiten angegriffen worden, w o c> e r A n g r i f f am meisten zu sch m e r, zen pflegt. Man harre seine unansehnliche Person lächerlich, seine schwache Beredsamkeit ver,.cht- lich , seine Schicksale und ÄmtSverrichtunqen niedrig gemacht; sein Ansehn war we.,; man scheint ziemlich offenbare Geringschätzungen schon bewiesen zu haben.— Das Gerücht vergrößert-und sehet! bei allem verfahrt er nur v c r: h c i d i g e n d, nur rettenv, nicht eingreifend , nicht zum Nachthcil anderer. Cs ist ihm genug, sich ins Licht zu setzen, da ers muß, ohne daß es, wie gewöhnlich Haupt-Ton wird, andre in den Schallen zu drangen. Man setze sich einmal in die Person Paulus, und man wird das Schwere dieser Einschränkung , dieser Mapiqung suhlen. Ist einmal unsere Ehre beleidigt, unser Her; und Blut aufgebracht, unser Zorn im Gange, in Regung. — Wer bleibt da stehen, wo der Aposiel stand ? und wo man stehen bleiben sollte? Man stellt s:ch nicht bloß hin, sondern wirst andre nieder; tritt nun eben u-nd Ho Milien.' ig5 eben so grausamer aufdie Köpfe derer - die uns verdrängen wollten, mordet, macht, daß nickt dies unser Gutes wieder Hergesteller wird, sondern am andern gar kein Funke, kein Strich gutes bleibt — man kehrt nicht eher aus dem Felde der Ehre recht zufrieden zurück, bis man wie die Wilden in ihren Kriegen, die Haut vom Schedcl des Feindes mitbringct. Das ist doch nun schon,,'immer eine grausame, menschenfeindliche, beleidigende Denkart, wenn sie auch von der Einen Seite noch so sehr recht hatte, sich noch so beleidigt fühlte. Es ist ein wilder Stolz, eine grausame Ruhmsucht, nicht mehr eine edle, sich fühlende Selbstwürde. Und überhaupt gehen Stolz und Hohmuth, edle Würde, und unterdrückender Neid, oder Grausamkeit hier am offenbarst e n auseinander. Der edle Stolz fühlt sich, der niedrige Hochmulh fühlt sich nur im Gegensatz andrer. Jener ist mit sich zufrieden, und wenn er auch der Einzige auf der Welt wäre; Dieser mistet sich nur im Grade der Verachtung, Zurücksetzung, Verfolgung andrer. Jener ist edler Begleiter, Aufmunterer und Lohn der Tugend — dieser ein abscheuliches kriechendes Laster. — Wenn bloß die Namen , M. A., verwechselt würden, so wäre nichts daran gelegen; aber die Eigenschaften, die Gemüth s - Arten selbst. — Da ist der Unterschied gar zu schrecklich. Eine gewisse Würde des Guten an- und über sich selbst zu fühlen — wir wollen nicht Herders Werke z. Rel- u. Theo!, Hl. K Christliche Reden 146 einmal fragen, M. Z., ob das dem Menschen erlaubt sey? sondern nur, ob er, wenn er gut seyn , wenn er auf Güte des Herzens arbeiten will, ob er im geringsten ohne dieselbe, ohne dies Gefühl des Edlen und Würdigen seyn könne? und das kann er in der That n i ch t: Sobald ein Mensch mit Fleiß und innerer Wahrheit der Seele zu dem Endzweck strebt „Siehe! so wollte ich gern seyn! mich gern als den Guten, als den Bessern, im Besitz der Gcmüthsart, der Uebcrwindung, dcr edlern Wirksamkeit, der großer» Stille des Geistes, der fortdaurenden Gesinnung fühlen! Diese und jene That möchte ich gern, und so lange, und auf solche Weise, und mit dem erreichten Endzweck gethan! mich von dem Fehler, der Unbestandheit mit mir selbst, der Schwachheit, der Zerstreuung befreit haben, und freudig fühlen, daß ich davon frei bin!" So bald und lange der Mensch auf diesen Endzweck strebt, so muß er auch bei jedem Schritte des Strebens, bei jeder Thcilerreichung seines edlen Endzwecks cs fühlen, daß, und wie fern er ihn erreicht habe! — es mit Stolz, mit Wonne, mit Süßigkeit fühlen! — Diese Süßigkeit ihm Aufmunterung und innere Belohnung seyn! — dies edle Selbstgefühl, gut, besser zu seyn, als er war, ihn insonderheit auch da aufregen, wo die Erlangung der Tugend, Kampf, Ueber Windung ist — und ist das, M. Z. , so sehen wir, ein edler, ein würdiger Stolz ist nicht bloß ein erlaubter, sondern ein nöthi- ger, ein unabtrennlicher Gefährte der Tugend und guten Bestrebungen! Er ist es, der dem lechzenden, ermattenden Wanderer neue Lust, neue und Homilien. 147 Kraft und Rege mittheilt, und auch in dir Bestrebungen des Levens, die bittrer Trank werden, Secliqkeit und Wonne Mischer. Ec ist das G e- fühl der Gesundheit, oder der Genesung, was ja das beste Labsal der Kranken ist, und über alle Freuden geht, die ihm von außen gegeben werden können. — Das Gefühl, was uns insonderheit da stärken und aufmuntern muß, wo von außen unsre Bestrebungen entweder zu scheitern oder ins Unermaßliche zu verschwinden scheinen, „wohlan! wenn es auch unerreicht bliebe, wenn es auch mißglückte! so tmrde ich doch wenigstens die Zufriedenheit haben, es mißglückt zu sehen, und cs doch gew 0 llt zu haben! die Rege, die Wirkung, die Thätlichkeit der Seele bleibt mir!" Ich wüßte auch nicht, M. Z., wer ohne dieses Gefühl von Würde, Werth und innerer Belohnung der Handlungen leben, fortgehen, und doch gut fortgehen könnte? Jener Wirbelwind von einem Menschen, der immer im Taumel ist, und sich nie Zeit nimmt, zu überlegen , was? wie ? oder warum er handle? Jene Komödianten menschlicher Gesinnungen, die immer sind, wie sie der Senauplas haben will, auf dem sie spielen, und an sich nicyrs sind, die die Maske und Kleidung ihrer Tugend mit jedem neuen Auftritt verändern, und immer auch nichts, als Maske und Kleidung, verändert haben. — Jene feige, niedrige Seelen, die gleichsam nie das Herz haben, sich selbst zu gestehen, wer sie K 2 .. 148 Christliche Reden sind ? oder nicht sind ? die sich so ganz von Leim und Kotherde fühlen, daß sie sich nie aufrecht erheben können, oder wenn sics wagen wollten, gar in Stücken auseinander fallen. — — Bei allen guten Anlagen, die dergleichen Menschen haben können, wird doch niemand sagen wollen, daß sie einen gewissen Zweck, eine gewisse Stufe des B e st re b en s m i t si ch selbst erreicht haben zu der der Mensch, jeder auf seiner Stelle in der Welt, doch einmal da und ohne die er wirklich Thier ist. Man nehme einem Menschen durchaus das Gefühl weg „das bin ich! das habe ich werden wollen, und bins geworden! das habe ich werden wollen, und habe gesehen , daß ichs nicht, oder noch nicht werden kann! das bin ich noch nicht, darauf arbeite ich aber, es zu werden!" man nehme, sage ich, einem Menschen doch das Gefühl, diesen Lichtstrahl einer edlen Besinnung sein selbst, einer würdigen Bespiegelung in sich selbst, weg, bei der fortgchenden Reihe seiner Handlungen weg — und man hat wirklich die Wurzel, die sich foctschlin- gende Wurzel seiner Menschheit weggenommen , die allein edle Baume, edle Stamme, von guten Thaten hecvorschießen könnte. Es bleibt diesen entarteten, unstolzen, unfühlbarcn Geschöpfen alsdann nichts übrig, als bloß dem Zuge der Triebe, der Sinne, der Gelegenheiten, der Situationen zu folgen: er ist alles von außen und nichts mehr von innen — Thier, aber kein edles, sich selbst fühlendes, aus edler Besinnung sich selbst zum Guten fr ei bestimmen des Geschöpf mehr, was er als Mensch seyn und Homilien. 149 sollte. An ihm wird der Fluch erfüllt: daß er auf seinem Bauch krieche, und Erde esfe sein Leben lang. Und da, M> Z., der Mensch cs doch nie ganz zu dieser Unwürde, zu dieser kriechenden Vergessenheit sein selbst bringen kann: so wird meistens nur der unwürdige Doppelsinn, die unerträgliche Falschheit der Seele daraus, die, wie ich gewiß bin, der einzige Grund der meisten menschlichen Nichtswürdigkeiten und Unarten ist. Die menschliche Seele ist niemals ein Leusel, um das Böse des Bösen wegen zu wollen; aber sie wird nur zu oft sich selbst untreu, unbeständig gegen ihre eigenen Gesinnungen und Uebcrzcugungen und Vorsätze, fällt gle i chs am v 0 n si eh selbst ab, und wird also kein Teufel, aber eine ihr selbst unwürdige menschliche Seele. Sic handelt gegen sich selbst als Betrügerin; vergißt mit Fleiß, was sie zur andern Zeit nie vergessen wollte; verbringt und verdunkelt, was sic zu andrer Zeit für wahr und gut und einleuchtend erkannte; macht Ausnahmen, die sie sonst nicht gemacht haben würde , und auch jetzt im Grunde ihrer Ueberzeugung noch nicht machen kann — Kurz, sie spielt mit sich das Spiel verbundner Augen, ist untreu, unwahr , kriechend gegen sich selbst. — Und nun kann, M. Z., wie alle oft wiederholte Verrichtungen in der menschlichen Natur, auch dieser Zwang, dieser Doppelsinn, diese unwürdige Falschheit gegen uns selbst, allerdings leider! zu einem Grade von Geläufigkeit, von Fertigkeit, von zweiter Natur gemacht werden, über die 100 Christliche Reden wir alsdann nach Jahren von Gewohnheit, nach Reihen von Handlungen bei uns oder bei andern erstaunen müssen — — eine Untreue, eine Unbestandhett der Seele mit sich selbst, die schrecklich ist, die fast nichts ist, was sie seyn will; immer anders ist und handelt, als sie sich vornahm, und schon nicht anders sinn und bandlen kann. Sie ist in einem Moraste, wo sie mit jedem neuen Schrine, den. sie rhur, oder tkmn will, immer tiefer sinket! — — freilich ein elender Zustand! Was ist aber , M. Z., gegen den Zustand noch bei auter Zeit anders zu machen, als nur die Falschheit, den Zwanq, dje Unbeständigkeit der Seele mit sich selbst, zu best ü r- men, und sich selbst treu zu werden, im Guten oder Bösen, worin es sei). So verschrien hier nun die theologische Sprache seyn mag, so ist sie doch einmal die einzige wahre Sprache, der Mensch muß mit sich selbst Eins werden, muß Friede, muß Bestandheit seiner Handlungen in seinem Innern haben, muß sich selbst bekennen, was er thut und will, muß nur kein Heuchler gegen sich selbst werden, ehe was aus ihm werden kann. Und eben hiermit, M. Z. , sehen wir, daß er auch kein Heuchler, etwa des eignen Guten, werden müsse; daß crs eben sowohl fühlen könne und dürfe und solle, „hier habe ich gut gehandelt! hier bin ich besser geworden!" als „dort war ich mit mir selbst uneins, dort handelte ich unwürdig meiner selbst!" Ein Gefühl, wie das andre, gehöret zur innern Aufrichtigkeit u n d T ha t i g k e i t der Seele, und eine warme und Ho milien. i5r und wahre Uebcrzeugung hierin ist eben so wenig Hochmuth oder Selbstsucht, als es Hochmuth ist, wenn sich ein Kranker oder Genesender gesund fühlet, wenn sich ein Mensch besinnt, daß er da, und ein Mensch ist. Aber freilich ists nun eine ganz andere Sache, andre Menschen gegen sich zu verachten, h er a b z u s c tz c n, auch nur im Kleinsten in schwarzen Schatten zu drangen. Dich se lb st sch atz en , ehren, aufmuntern, kannst du; wer bist du aber, daß du der Richter und Schätzungsmeister andrer werdest? Dich selbst f ü tz- len, kannst du, wie du seyst? oder nicht seyst? fühlst du dich aber in der Person anderer? Wir haben zu andrer Zeit gesehen, M. Z., wie schwer, wie fast unmöglich es sey, daß ein Mensch der innige, gerechte, allerforsch e n d e, genugthuendc Richter vom kleinsten Talent, vom kleinsten Zuge in der Denkart andrer werden könne? Er fühlt immer nur sich selbst, er urtheilet immer nur aus seiner Lage, von Seele, von Erziehung, von Denkart, von Gaben, von Stand, von Zweck, von Bestimmung, von Lebensart; er sicht also durch ein äußerst falsches, ungleich gebrochnes, tausendfach zusammengesetztes Glas — wie kann er recht sehen? billiger Richter, allgenugsamer Beurtheiler einer Denkart, eines Lebens, einer Reihe Handlungen werden, die e r g a r n icht k e n n e t, die l52 Christliche Reden .ihm gleichsam eine ungefühlke, andre, fremde Welt sind? Der emsige, billige, innige, allgegenwärtig mitfühlende Richter, der Wahrheit, Treue und Tugend m jeder Gestalt, in jeder Verkleidung kennet, ist G e t r; und wir sollen also, sclwn so allgemein betrachtet, nicht, oder äußerst behutsam richten. Allein nun besonders betrachtet, wann ur° thcilcn wir auch nur so unpartbevisch und allgemein , indem wir uns gegen a n dre s c- tz e n? So bald wir ü der u n s urtheilen , sind wir ja schon die partheyische Pacthei — der Punkt der Ehre ist ja säst der zarteste Punkt im menschlichen Herzen '— und wenn dieser nun gar auch nur von fern, nur mit einer Nadelspitze getroffen w i r d — Wertst, der sich da noch gIei ch bleibe? dem sich nicht alsdann alle guten Seiten meistens bei einem Gegner verdunkeln, der nur eine unsrer guten Seiten schmälert? Der gerechteste Mann kann in solchen Augenblicken Ungerechtigkeiten, der kälteste und Helleste Mann U n g e r e i m t h e iten begehen, vor denen er sich zu andrer Zeit, selbst entsetzet. Auch in den edelsten Seelen wird alsdann die Ehre ein Sauerteig, der nur zu oft, auch Neid, auch wirklichen H o ch- m u tch, auch Grausamkeit, auch menschenfeindliche Unterdrückung hervorgahrec. Hier sehen wir also am deutlichsten, wie weit und fern die beiden Wege des Stolzes und Hochmuths auseinander gehen, und wie schwer und Homilicn. i53 sie zu crke n n c n sind? Der Hochmüthigs sicht nur immer den Splitter im Auge des andern, und des Balken in seinem Auge wird er nicht gewah r. Er sucht nur immer Fehler, Nachtheile, A u rü ckb l e i b u n g e n auf der Laufbahn andrer, die an ihn grenzen — er erhebt sich nur auf den Trümmern anderer; die wahre, edle, gute Natur genießt sich selbst, und warum sollte sie auch nicht andrer genießen? fühlt sich selbst, aber gar nicht aus dem Geg e n sa tz e —- sie ist, was sie ist, warum solltens andere nicht auch sevn? warum und wie sollte sie etwas bloß dadurch werden ', daß andre n i ch ts sind? wer ist nun von beideü Denkarten mehr? wer ist der einzige Würdige — Muß der nickt schon äußerst wenig eignen Werth haben, der bloß daher Werth bekommt, daß anörc ihn nicht haben? ists nicht eine elende Schonbeit, die nur im Kreise von Häßlichen schon ist, und ein schlechtes Licht, das nur, wie faules Holz, in der Finsterniß glänzet? Hingegen die wahre, edle, gute Natur, die alles für sich selbst ist, und nicht bsoß für andre etwas zu seyn studiret, warum sollte die auch nur von andern einen mehrcrn Schein borgen? Muß eine heitere- blühende, muntere Gesundheit denn bloß an Kranken - und Todienbetten seyn , um sich lebend und gesund zu fühlen, oder gar allen Umstehenden Krankheit und Tod auf ihre Wangen mahlen ? oder würde sie sich nicht frei und gesund fühlen/ auch wenn niemand anders, auch wenn sie die einzige auf der Welt wäre? und fühlt sie nicht eben ihre Gesundheit, 154 Christliche Reden ihre Freude, ihr Daseyn um so mehr, je mehr freudige Geschöpfe sie um sich sieht. Und eben dies ist der edelste, subtilste Probestein, des wahren Stolzes, daß er nämlich vom mindesten Neide nichts weiß, daß er Abgunst und Verkleinerung andrer nicht in sich fühlt. Auf den untern Stufen und in den Vorzimmern der Verdienste mögen sich die K n e ch te s - S c e lc n um einige Zolle von meh- rerm Range zanken; im Cabinette des Verdienstes und der Tugend, wer und wie viele dahinein kommen , sie haben alle einen Grad von Hoheit; nur jeder hat Hoheit in seine m Kreise, in seiner Gattung , und da wird und will er sich mit andern nicht vergleichen. Selbst der Gedanke kommt ihm, dem wahrhaftig Edlen, nicht ein, sich vergleichen zu wollen, und noch weit weniger, bloß dadurch zu gewinnen. Es gehört schon ein großer Grad, eine höhere Stufe des Edlen dazu, das Edle in andern zu finden, und wers überall in den verschiedensten Graden und Denkarten und Berufsw eisen und Verkleidungen , und überall auch bei denen, die i h m a m na ch s tc n granzen, ohne Neid, ohne die mindeste Anwandlung vom Neid fühlet — nur der ist der wahre Edle! der einzige Würdige! das Ebenbild der Gottheit! Alle, die noch neiden und verkleinern können, kriechen auf den untersten Stufen der Verdienste, und wer bloß von der Verkleinerung andrer lebt — der zeigt, daß er selbst kleiner ist, als alle. Ein Teufel, der vielleicht Engel seyn könnte, und Ho Milien. i55 ober jetzt Teufel ist! Ein Morgenstern vom Himmel gefallen, und nun im Abgrunde niit einigen schwachen Strahlen dämmernd. III. Paulus im Text, der sich selbst lobet, führt nicht etwa eine Reihe von Wahn grün den, von schonen Selbst meynungen, von rühmlichen A u s k o m m e n be i t e n und Zierratben an; sondern lauter Fakta, Handlungen, Begebenheiten — ,,Da bin ich gewesen! das Hab' ich qethan! gelitten! erfahren ! erduldet! aus- gcrichtet!" — Schlag auf Schlag! Thal auf That! Prob auf Probe! Erfahrung auf Erfahrung! das ist unser ganzer , langer, feuriger Text! Und mich dünkt, das ist auch das einzige, tüchtige Mittel des Selbstruhms , der ueber- zeugung an sich und andre, zumal Feinde, zumal Neider. Es ist auch das einzige Mittel, den wahren edlen Stolz von allem abzubicgcn, was Wahn, Flittergold, kindische und puppenhafte Eitelkeit ist. Das Feld der guten Mey- nungen, des schönen Wahns, des schönen Anscheins, ist unermeßlich groß, ist sehr lustig anzusehen und zu gehen; aber ein Feld voll unermeßlicher Irrwege. Die Bahn der Thaten, des Seyns, der Erfahrung, ist enge, schmal, rauh, unbehaglich; aber sie ist die einzige wahre Straße, der einzige gerade Weg zum Ziele. Es ist wohl kein Mensch, M. Z., der nicht von g c- wissen Seiten und zu gewissen Stunden, i56 Christliche Nedeii ein recht guter Mensch sey, das ist, er hat einige recht gute Gedanken, M e y n u n g e n, Gr u n d- fätze, Absichten, auch wohl Entschlüsse, auch wohl wirkliche Anlage zu Thaten. Solche gute Seiten und gute Stunden nimmt man denn nun gemeiniglich zusammen, wenn man von dem andern, und am meisten, wenn man von sich selbst ein gutes Bild machen will, das ist, wenn man darauf aus geht, ein gutes Bild machen zu wollen.. Das gute Bild ist alsdann gänzlich auf guten Wahn, auf gute M e y n u n g von sich gebaut, und diese gute Mcynung wieder aus den guten Meynungen einiger guten Stunden, und also wieder aus purem, eitlen, leeren Wahn geschöpfet. Alsdann sind alle Menschen gut, und welcher rinthatige Müßiggänger, welcher wirkliche Bosewicht ist, der sich nicht über diesen guten Wahn noch immer entsetzlich loben könne? Nun aber werden wirs schon finden, M. Z., daß dieser Wahn, dies Aufwallen guter Meynun- gcn, was man gemeiniglich Sentiments nennt, nicht bloß mit der Zeit a u s u n se r m A n- dcnken schwindet, sondern sich auch mit der Zeit, mit dem Fortfluß der Jahre und Lebens- Situationen sich so verändert, sich so wenig gleichblcibt, daß, wenn ein Mensch auf nichts anders zu rechnen hak, er hier auf sehr vcrschoßne Summen rechnet. Wir andern uns mit den Jahren und Situationen so sehr: was wir zu einer Zeit für gut erkannten, fangt vielleicht zu einer andern Zeit an, uns so schwebend vorzukom- und Homilien.' i5/ men: die Farben des mannigfaltigen Anscheins deS menschlichen Herzens in uns und andern brechen sich so, fallen so ineinander: wir kommen in so vielen und den zartesten Dingen des Selbstbe- wußtseyns nur durch Zweifeln zur Gewißheit, nur durch Fallen und Straucheln zum rich- tigcn Gange: Umstande und Eindrücke reißen mit ihrer Gegenwart sohin, daß wir im Anfangs selten auf der Mittelstraße bleiben, nachher wenn wir uns abschweifcnd finden und es einholcn wollen, wieder so sehr auf die andre Seite der Meynung, des Grundsatzes abschweifen — von gar zu großer Weiche zur Harte, vom zu Frommen zum Gottvergefsenden, von zu starken Eindrücken der Sinnlichkeit in der Kindheit, zum zu enthaltsamen Unsinnlichen, von übertriebner Meynung auf dieser zu der auf jener Seite — tausend andre Dinge mehr! — dass, Wenns nur auf gute Meynungen, guten Wahn, gute Gesinnungen in unserm Leben ankame, wir über unser Leben, statt stolz zu seyn, zweifel-z Haft und bebend seyn müßten! Was ist guter Wahn, gute Meynung gewesen? wie oft unh verschieden haben wir gewähnt und gem eynt? Wie sehr haben diese Meynungen sich mit unfern Saften, mit unferm Blut, mit den Schritten unsrer Erfahrung geändert? Wie oft und leichtsinnig haben wir sie mit Neigung, mit Leidenschaft, mit Welt, mit Umständen, mit Situationen verändert? was ist nun daurend? was bleibt? wie elend wäre die Glorie, die aus so schwindenden Strahlen, wie hinfällig der Kranz, Christliche Reden iäö der aus so welkenden hinfälligen Blattern um unsre Schläfe gewebt würde? Aber, wenn alles aus unserm vorigen Leben, wie in einem verträumten Traume, verrauscht, Meynungcn, Wahn, Achtungen, Gefühle — so bleibt uns Eins: Erfahrungen, Thatcn! hier bin ich gewesen! das habe ich dort gethan! hier gestiftet! dort ange streb et! hier gelitten! dort gewirkt! — das bleiben die Hellen Punkte, die festen Merkstabe unsrer Erinnerung aus dem vorigen Leben, wenn alles übrige Schatten und dunkle Ansicht wird. Und wohl dem, der hier viele selche Meckstabe hinter sieb hat! Merkstabe aus jedem A ller, aus jeder Situation seines Lebens! und alles Merkstabe des Guten! Bestrebungen, die auch ihre Felgen hatten, Einwirkungen ins Beste der Menschheit, die die Vorsehung mit Erfolg segnete! Er hat gelebt! Nur Er hat glücklich gelebt! Er kann sich seines Lebens freuen! Der Anblick eines schönen, reichen, thaten- erfahrunqs-vollen Lebens — was in der Welt geht über den Anblick, zumal wenn er eigne Erinnerung wäre? Ich stelle mir den heiligen Mann vor, wie er sein Leben überdenket, seine letzren, nächsten Jahre überdenket — eine Kette von Thätigkei- te n und Ve rfo l g u n g en , von Leiden und Erfahrungen, von Begebenheiten, und guten Wirksamkeiten — sie drangen sich alle nach einander in seine Seele, in seine Erinnerung, i» und Homilien. 169 sein zweytes Gefühl „ich habe gearbeitet: Schlage erlitten > bin gefangen! bin in Todesnö- thcn gewesen! gestäupt, gesteinigt, Schiffbruch er» litten, Tag und Nacht zugebracht in der Tiefe de- Meercs! — Ich babe gercifet, Fährlichkeit erlitten zu Wasser und unter Mördern, unter Juden und Heyden, in Städten und Wüsten! In Mühe und Arbeit, in Wachen und Hunger und Durst und Fasten und Blöße, und werde noch täglich angelaufen, trage Sorge für alle Gemeinen. Wer ist schwach und ich nicht mit ihm! Wer ist geärgert, und ich nicht mit ihm! u. s. w." Wenn ich mir den Apostel in dieser Gedankenrcihe, in diesem heißen zweiten Durchgänge durch sein Leben verstelle-: von jeder Erfahrung, von jeder Begebenheit, von jedem Leiden, von jedem Martyrerlhum hat sich nur Eine Spur, nur Eine Narbe, Ein Merkmal des Andenkens in feiner Seele aufbehaltcn, wie aus seiner Stirn, auf seiner gezeichneten, gealterten Wange: ja seine Seele ist doch eigentlich gar nichts als die Summe aller dieser Thatlichkeitcn, dieser L-eiden, dieser Erfahrungen, dieser Begebenheiten, wie sein Gesicht der Abdruck aller seiner Gedanken , Empfindungen, Schicksale des Lebens — Wer wird nicht Hochachtung für den geprüften, thätigen, ergrciseten Mann fühlen! Wer nicht an der Bildsäule, am Leben eines thätigen, immer geschäftigen Mannes, an seinem Leichcnstcin, an seiner unbeschriebenen Grabestafel, wenn wir könnten, es überdenken, es fühlen: „nur das heißt gelebt! das andre heißt geathmet, gelebt wie Christliche Reden r6o Thiere und Krauter!" Wenn unsre ganze Seele, unsre ganze Denkart nur eine Summe der Eindrücke aus unserm Leben, der Situationen und Erfahrungen ist, in denen wir — der Thätlich- keitcn, die durch uns waren! so ist ja das die Beute unsers Lebens, die einzige, die wir miineh- mcn; alles andre ist, als wäre cs nicht gewesen! Bloß auf diesem Wege kommen wir auch von der elenden und häßlichen Krankheit der Seele ab, die man Eitelkeit nennt, und die sich zur wahren Thaten - Würde so verhalt, wie der elende Schein zum Seyn, das Kleid zum Manne — eine Krankheit aber, die doch so sehr dem schwachen Erdengeschlechte nachstellet. Eben, M. Z-, weil wir schwach sind, weil cs der Mensch fühlet, und zu bald suhlet, wie wenig Gutes er wirklich thun, ausrichte n, wirken kann: so will er doch gut scheinen. Stolz kann er nicht auf sich scvn, und wird also eitel. Er hat sich hundert Vorzüge von Flitterstolz, von schönem großen Schein, von Vorzügen ersonnen, die leicht sind, die andre Narren, die auch zu nichts Befserm kommen können, durch eine Art von Narrcncin- verrrag gelten lassen, und annchmen für das, was sie doch nicht sind; und so studirc man endlich auf solches Flittergold im Denken, im Empfinden, im Betragen, gar im Kleiden, in den Manieren, macht sich zur Puppe, und will, daß das ganze Menschen - Geschlecht mit uns als Puppe spiele. Wenn wir durch etwas von dieser kindischen Denkart abgebracht, und noch zu einer männlichen Denkart lind Homilicn. r6r Denkart gewöhnt werden können, so Ware der vorige Maas st ab noch etwa das einzige, was uns davon abbrinqen könnte: wenn es nicht einmal gute Meynungen, Empfindungen, wenn cs nichts als eigne gute bewahrte TKaten sind, über die wir stolz seon können. Was sind dagegen alle übrigen Flilterdinge der Eitein? die alles bloß scheinen wollen, und nichts s i n d. Was sind sie insonderheit in den Augen unsrer Feinde? und jedes würdigen vernünftigen Mannes? und eines Engels? und Gottes? — Lee glanzende Pfau und der ruhmredigste Eitle muß hier die Flügel sinken lassen, vor dem, der ins Herz schauet, und den Werth der Menschheit mißt, gewiß nicht nach dem, was wir einem Thoren scheinen, sondern was wir Ihm, dem Allwissenden , dem Schöpfer sind. Auf die Weise werden auch wir auch gewiß in den wahren und e in z i g w ü r d ig c n Ton kommen, von uns selbst zu sprechen; denn was schärft eben die Richtigkeit und Gesundheit des Urt Heils, als Erfahrung, Thac? Und wenn wir nur auf die rechnen, wenn wir alles bloß Scheinbare, was andre Menschen und nicht wir in uns finden, gleich abziehen; bei dem, was auch wir etwa in uns finden, alles in dem Lichte betrachten, wie Gott den Werth erforscht; was von uns? von Talenten, die wir uns selbst nicht geben? Bildung, die wir uns nicht gaben? einem glücklichen Zusammentreffen Herders Werke z. Rel. u.Lheol.Ill» L i6r Christliche Reden von Umständen, dns wir uns nicht gaben? oder nach alle diesem von unsrer freien Bestrebung, Mühe und Tugend hcrrührte, und nutzbare That für die Welt wurde — Herr, wenn wir alles gcthan haben, was wir zu thun schuldig waren, so sind wir unnütze Knechte. Wir wollen uns, sagt Paulus, nur unsrer Schwachheit rühmen, daß die Kraft Gottes desto starker in uns werde. Wir sind alle alsdann nur ein kleines Werkzeug in der Hand Gottes , was im unermeßlichen Großen der Schöpfung verschwindet. Verschwindet, ohne daß uns doch darüber der Muth entfallen dürfte: denn das ganze unermeßlich Große — woraus bestehts anders, als aus U n m erblichem, aus Kleine m. Laß es also seyn, daß die Summe der Thalen und Bestrebungen meines Lebens bald verschwinde, daß die Wellenkruse ungemein bald verrauschen, die ich habe erregen können, daß mein Ruhm nichts se y, und unter die Trümmern meiner selbst sinke — der Ruhm, der in mir ist, das Gefühl thätiger Kräfte, die ich mir auch aus mißlungenen Versuchen gesammlet, muß mir, wenn gleich mein Leib in Trümmer versinkt, doch bleiben. Ich muß, wenn mich die Stimme Gottes aus dieser Welt ruft, wenn ich auf einen andern Platz , in ein anderes Daseyn gesetzt werde, den Genuß meines Lebens mit mir nehmen: meine Werke werden mir Nachfolgen, und und Homilien. i6Z auf meinem Leichcnstein stehe, was da wolle, der Ruhm, das Gefühl der Thärigkeit bleibt mir, was meine Seele in ihr anders Daseyn nahm, und sich aus diesen geprüften, gebildeten, verstärkten Kräften ihren neuen Zustand bereitet. Selig sind die Tobten, die so in der Hand ihres Gottes sterben; ihre Werke folgen ihnen nach! rc. Christliche Reden 164 VI. R. e d e bei der Einführung eines Superintendenten. Stadthagen, den il». Januar »776. <^Vt trittst, mein Bruder, hier vor Gottes Altar und Gemeinde, daß ich dir das Amt auflege, dazu du berufen bist, und das du jetzt mit Predigt , Gebet und der Vorbitte der Zuhörer selbst angetrcten hast. So jemand ein Predigtamt begehret, wahrlich er begehret ein köstlich Werk! Wenn's mit dem bloßen Predigen und Jcsus-Verkündigen abgcthan wäre, was wäre leichter? Aber kein Knabe halt seine Ncdübungen ohne Zweck, und wie groß ist der Zweck, dazu die Predigt streben soll! Es ist lebendiges Werk! Ein großes Reich Gottes in menschlichen Seelen, das nicht in Worten, sondern in Kraft und That ist. Wir heißen Seelsorger, nicht bloß Verkündiger, sondern und Ho milien. >65 auch Diener, thatigc Anrichrer des 3reichs Gottes, durch die er sein Werk tccibc. Hohes Amt! Wichtiger Beruf im Namen Gottes! — Wie schwer wird's in unfern Zeiten nur Seelen kennen zu lernen, zu wissen und jemand davon zu überzeugen, daß ec eine unsterbliche ewige Seele habe! Wir erliegen so sehr unter Sorgen und Geschäften des irrdischcn Lebens; wir beschweren, wie Christus lange vorher gesagt hat, unsere Herzen mit Speise und Trank, und schleppen uns mit so vielen Ketten der Höflichkeit, des Geschmacks und anderer Beziehungen, daß es oft außerordentlich schwer ist, nur Ein Wort vom Herzen zu Herzen zu sprechen, geschweige das ganze Amt zu führen, das Gottes Geschöpfe zu Ebenbildern Christi, und zu Erben der Ewigkeit machen soll. Und, Lehrer! du bist Seelsorger! du sollst Mcnschenseelen suchen, wie der Hirt seine Schaafe sucht, wie der Netter sich um seinen verlornen Sohn kümmert. Wenn alles schliefe, sollst du die weckende Stimme seyn, die die Schlaftrunkenen störe und rufe: der Herr kommt! -- Wenn dies nur in allgemeinen rührenden Ermahnungen gnug wäre — aber die bloß allgemeinen Ermahnungen rühren so oft nicht mehr: man glaubt sie zu wissen und tausendmal gehört zu haben: man speiset sich mit dem mißbrauchten Wort Erbauung, Andacht auf die kälteste Weise, wie mit Ziffern und Buchstaben ab, und freuet sich bleiben.zu können, wie man ist. Welch ein Elend ist's da nun, sich auch bei dem äußerlichen Gebrauch des Wortes Gottes eine schlafende, schlaftrunkne Heerde zu denken, wo der Leuchter steht und vielleicht glanzt, das Licht i66 Christliche Reden aber aus ist, oder dämmert und dunkel scheinet: sich eine Schaar Schlaftrunkne zu denken, die in ihren Traumen manchmal auffahren, und geistliche Worte sprechen, träumend aber und schlaftrunken fortwandeln bis zum Abarund! Und welche Empfindung muß der Anblick dessen für den Wächter sepn, der über die Heerde gesetzt ist, wenn er selbst wacht! Der Lehrer in der Schule sieht's und kann's sehen, wie sein Bäumlein wachst, wie es sich mit Laub und Biürhe und hoffnungsvollen Knospen kleidet; der Lebrer in der Gemeinde Gottes sollt's nicht sehen dürfen? Er sollte nicht den Lohn des Töpfers haben, seiner Hände Werk zu sehen, oder den Lohn des Saemanns, was er aus- streut, aufkeimen zu sehen? — Freilich treibt Gott sein We k verboraep und in der Stille, daß Men- schenangen es nicht sebcn, Menschenhände es nicht betasten können; er bildet menschliche Seelen, wie er Kinder im Mutterleibs bildet, verborgen, künstlich, unbegreiflich, aber mit Schöpferliebe und Weisheit. Er erhält sein Wort auch im Anscheine der Unfruchtbarkeit, wie jetzt den Saamen unter Schnee und Eis, durch innere Gotteskraft und Wärme — — Aber kennt man nicht den Baum an seinen Früchten? Kann man auch Trauben von Dornen und Feigen von Disteln lesen? und könnens Weinstöcke und Feigenbäume sepn, die Dornen und Disteln tragen? — Kann ein Licht leuchten, ohne daß es scheine ? und eine Flamme brennen, ohne daß sie warme? Kann also das edelste Licht, die stärkste Flamme, das Wort Gottes und sein Reich müßig und unfruchtbar fern, wenn es da ist, wenn es im mindesten Raum gewinnet? oder muß es lind Ho milicn. 167 sich nicht, wie jede Kraft, wie jeder Gottestrieb in der Natur, durch Thal, durch Ausflüsse, durch lebendige Darstellung und Fortwirkung, in jedem Oihembauch, in jeder Gebehrde und Handlung zeigen : Wahrlich, gleichwie der Regen und. Lhau vom Himmel fallt, und nicht wieder dahin kommt, sondern befruchtet die Erde und macht sie wachsend, so soll und wird das Wort Gottes ewig auch seyn. Es soll nicht leer zu ihm kommen, sondern thun, was ihm gefällt, und ausrichtcn, wozu cr's sendet. Nie haben die Vorurkheile einer Zeit seinen Arm verkürzen, oder zurückwcnden können: denn ist er's nicht, der Zeiten sendet auf Erden? So lange Gott ist, und der Mensch sein Geschöpf bleibt: so lange cs innige unzerstörbare Wahrheit ist, daß Jesus, unser Bruder und Erlöser, durch Geist und Kraft noch um uns scy und wirke, so lange es seine Sache und Reich bleibt, das wir unter Menschen treiben; so lange ist kein Wort, kein Becher kalten Wassers in seinem Namen verloren. Es ist ihm qethan und er hcbets auf. Er hat Augen wie Feucr- flammen und wandelt zwischen den goldenen Leuchtern in seinen Gemeinden. Der Lehrer, mein Bruder, soll vor ihm wandeln, vor seinen ins Herz funkelnden Augen! Welche scharfe Stimmen sinds in der Offenbarung: ,,ich weiß deine Werke und deine Arbeit, aber ich habe ein Kleines wider dich" — und wie klein in der That rechnen wir das, was dem obersten Wächter der Gemeinde so groß ist! „Ich weiß deine Werke, aber du verlaßest deine erste Liebe. Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist; ach ! i68 Christliche Reden daß du kalt oder warm wärest! Ich weiß deine Werke, du hast den Namen daß du lebest mch bist todt. Das sagt, der da hat das zweischneidige Schwerdt und Augen wie Feuerflammen, und wandelt unter den Gemeinden, und bat den Schlusses, der austbut und niemand schleußt zu, der zuschleußt, und niemand thut auf" — Er war einst auf Erden , ein Hirt der Menschen; und wie treu suchte er menschliche Seelen! wie umrmüdet lief er nach einem Schäme, zündete ein Licht an, und suchte nach einem Groschen, und wenn er ihn gefunden hatte, wie freute er sich mit englischer himmlischer Freude! Zöllner und Sünder nabm er an, und freueie sich einer Maria, die zu seinen Füßen saß, und das beste Tbeil erwählte Wie sanft trug er die Zwölfe, die ibm Gott gegeben barte, daß er keinen verlöre, straft ihre Fehler mit Liebe und Scharfe, Keilt ilwe Wunden mit Balsam, und wo auch bittere Arzneien seyn mußten, wie verband er sic mit Lindigkeit und Liebe, warnt seinen Ver- raiher, blickt sich nach einem Reuenden um, und suchte noch in den letzten Augenblicken die Seele eines verirrten Fremdlings, und ließ nicht nach, bis er ihn mit sich ins Paradies führte!— „Ein Beispiel Hab' ich euch gegeben, daß ihr thut, wie ich euch gcchan habe!" Auf eben der Bahn gierigen seine Apostel fort: ' „durch Arbeit und Mühe, Wachen und Fasten, in großer Geduld, in Erkennlniß und Langmuth, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe im Wort der Wahrheit und Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und und Ho milien. 169 Linken." Paulus nennt Timotheum einen G 0 t t e s m e n sch e n, und wenn irgendwo die Menschheit Gorres , das Nachbild Jesu sichtbar fern soll-, soll's nicht vielmehr und zuerst bei einem Lehrer sevn, der andre zur Gerechtigkeit weiser? Er soll Jesum nicht bloß predigen, sondern darstcllen in seinem sterblichen Leibe mit Geist und Kraft: ehnmachrig durch sich selbst und alles mit Gott vermögend: verzweifelnd an sich und durch den Glauben stark, alles zu überwinden; „als die Unbekannten , und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe sie leben; als die Armen, aber die doch viele reich machen." Er soll ganz im Evangclio, in dem großen lebendigen Werk und Reich Gottes leben, daß Jesus gekommen scy, Menschen selig zu machen, und daß er ein Werkzeug sey, daß dies Wort und Werk an vielen erfüllt werde, und er viele menschliche Seelen Christo gewinne. „Wer auf einen andern Grund bauet, sagt Paulus, deß Werk ist Heu und Stoppeln, der Tag wirds klar machen: welcherlei jedes Werk ist gewesen, wird das Feuer bewähren." O wie kurz fallt hier Menschenkenntnis? und Menschengelehrsamkeit und Menschenweisheit! wie oft sind diese Hüllen ohne Kern, Wasser ohne Geist — wenn sie Geist aus Gott nicht belebt! wir würden uns winden und mühen, Vorsätze fassen und zerfließen seken, ewig sehen, daß wir vergeblich liefen, bei jeder Zurückstoßung ermatten, bei jedem Hinderniß straucheln. Aber Gottes Geist, wo dtk belebest, da hat der Schwache Kraft und der Jüngling Muth. Da fahren wir auf mit Flügeln wie Christliche Reden 17c> Adler, kaufen und werden nicht matt, wandeln und werden nicht müde. Auch nach jedem Fall und Straucheln stehen wir beherzter auf, und werden im Druck, wie der Palmbaum, großer. Wo du uns, Geist Gottes, belebest, da haben wir Augensalbe und Licht ZU sehen, Weisheit und Brudcr- niuih, unverfälscht zu handeln, allein alles zu scy», und uns selbst zu vergessen, nicht Menschen gefallen zu wollen, sonst waren wir nicht Christi Knechte; Erdcnruhm und Bequemlichkeit wie Koth der Erde zu verleugnen, und Schatze zu suchen, die ewig dauren, die Mablzeichen Jesu an uns zu sehen und zu tragen, wie er war in dieser Welt. — Mit diesen Gesinnungen, mein Bruder, tritt deine Stelle an, und Gott treibe sie dir selbst in Herz und Seele, daß sie noch am letzten Tag dir tröstend vorleuchte, und du durch sie hier ein wahrer Diener Jesu, und dort ein Stern am Firmament glanzen mögest. Siehe die Gemeinde, die dir gegeben wird — ein Feld der Erndtc, wo du Jesu nach Garben tragen und säen sollst, um dort zu erndten. Die Erndtc ist groß, der Arbeiter wenig , bitte den Herrn der Erndtc, daß er dich dazu rüste! Jede Seele, die du hier vor dir flehest, wird dir auf deine Seele gebunden, und deine Seele soll statt ihrer Seele seyn. Sie kann dir großer Lohn und große Verantwortung werden; ein glühender Pfeil im Busen in der Todesstunde, und schwer am Tage des Gerichts, wenn sie durch dich versäumet, geärgert, vernachläßigct, das Weh über dich ausrufet; oder Balsam deinem Gewissen, wenn sie durch dich gewonnen, gerettet, gestärkt worden, und Ho milien. » 7 » und eine -Perle in deiner ewigen Krone. Wapne dich also mit Gott, und sey ein guter Streiter Jesu Christi. Nimm das Pfand, das dir Gott anvertrauet, und lege cs an dein Her;; er wird's mit Wucher wieder fodern Der Herr ist über Land ge- reiset, und viele Knechte sagen: er kommt noch lange nicht! viele sagen gar: er kommt gar nicht. — Er kommt aber gewiß und sein Lohn mit ihm! Lohn für seine guten und bösen Knechte. O mein Bruder, daß alsdann dein Lohn groß sey! Siche in dieser Gemeinde, die dich gewahlet hat, und dir mit Liebe und Zutrauen zuvorkommt: in ihr werden Lehcbegierige seyn, die auf deine Lehre; Schwache, die auf deine Stärkung; Bekümmerte, die auf deinen Trost ; Schlafende, die auf deine Ermunterung und Aufwcckung warten. Sey, was du ihnen sollst, und nimm eine jede Seele als dir gegeben, als dir anvertraut, auf den Weg zum Himmel. O daß es dir gelange, aus dem, was hier nicht Eines ist, Eines zu machen, alles grobe und feine Pabstkhum zu zerstören, daß alles Einen Herrn Lesum bekenne, und durch Glauben an ihn und seine freie Gnade zu Gott strebe! Fühl cs mit Kraft, daß du in der evangelischen Kirche arbeitest, wo ein Luther nur vorging, und seinen ersten Hcrzensartikel: Glaube an Gott durch das freie Verdienst I e s u zum Panier aufsteckte. Bleib auf diesen edlen Fußstapfen der reinen Lehre, und mache sic zur Thal und Wahrheit! Sey durch dich nichts, und durchs Gebet und die Gnade Gottes alles. Laß alle Erdenzwecke zur Rechten und zur Linken, und gehe auf der geraden, aber engen und steilen Bahn, die sich in ewiger Wonne endet! — 172 Christliche Reden und Ho Milien. Und nun tritt herzu, mein Bruder, zum Altar Gottes, und leuchte an deiner Gemeinde als ein Licht, und sprich als eine Stimme Gottes! Nimm, was dir anvertraut wird, und giebs zu seiner Zeit dem Oberhirten wieder! Und, ihr Zuhörer! hier habt ihr euer« Lehrer! Nehmt ihn an, den ihr gewählt habt, und den ich euch jetzt nicht im Namen der Menschen, sondern im Namen Gottes Kraft meines Amtes gebe. Liebet ibn , habt Zutrauen zu ihm, denn die Vorgängerin, Liebe, ebnet alle Wege, und bindet alle Herzen. Wie ihr ihm euer zuvorkommendes Lob und Zutrauen geschenkt habt, so schenket ihm auch zu seinem Wort und Amt eure Herzen, werdet sein Brief, geschrieben mit leben'^en Buchstaben, vor Gott sein ewiges Zeugniß. ^Gehorchet euern Lehrern und folget ihnen: sie wachen für eure Seelen, als die da Rechenschaft dafür geben sollen, auf daß sie es mit Freuden thun und nicht mit Seufzen, denn solches ist euch nicht gut." Nicht öffentlich, noch besonders macht sein Amt fruchtlos, sondern muntert ihn auf, weil der Mensch nicht bloß von Speise, und Trank lebt, sondern auch vom Segen und der Freude, die Gott gicbt zum Werk unserer Hände. Nun Herr, segne und erfülle dieses Haus und diese Gemeinde, daß wir uns alle einst dort finden, und Lehrer und Zuhörer freudig sagen: ,,Hier bin ich Herr! und die du mir gegeben hast!" Amen. VII. Predigt am fünften Sonntage nach Trinitatis gehalten in der Schloß-Kirche zu Darmstadt. > 775 . ^>er Bortrag eines fremden Lehrers, in einer fremden Gemeinde, hat zu unfern Zeiten gewissermaßen eine Einleitung und Entschuldigung nöthig. Da ec den Zustand und eigentlichen Gang der Gemeinde, in der er reden soll, nicht kennt: so fehlen ihm gleichsam die Punkte, an welche er seinen Vortrag knüpfe: ihm fehlt das Maas der Wissenschaft , der Gesinnung, der Neigung und Gewohnheit seiner Zuhörer, mit denen sie sonst das Wort zu hören pflegten, mithin der Ton, in dem er zu ihrem Verstände und Herzen sprechen soll, daß er vernommen werde. Der ordentliche Lehrer hat eine Kette von Wahrheiten und Belehrungen, ein Gebäude von Zuständen und Pflichten, dazu er beitragt; wenigstens ist er mit seiner Gemeinde, die ihn öfters hört, über Sprache, Denkart, Ton der Faßlichkeit, einig: da ein Fremder hingegen, wenn er nicht wie ein Lehrling über einen Satz oder eine Pflicht allgemeine Sachen daher sagen will, wenn er aus Seele in Seele, fürs Herz und für den ganzen lebendigen Zustand seiner Versammlung, zu reden, Pflicht fühlet, natürlich Gefahr lauft, hier einem Theil zu fremde, zu ungewohnt, dort einem andern zu hoch, zu niedrig, zu fein, zu grob reden zu müssen, nachdem das Vorurtheil und die Beschaffenheit jedes Einzelnen es will und findet. — 176 Christliche Reden Da wir aber, meine Zuhörer, eigentlich gar nicht für einzelne Voruriheile und Mevnungen predigen , und es für den Lehrer der Religion ein nuferst verachtenöwürdiges Ding wäre, sich hören zu lassen, damit man nun auch eine Probe seiner Rednern , Kunst oder Geschmackes habe: siebe! so schwebt sein Vortrag damit sogleich aus dem engen Gesicht - und Dunstkreise deß und dessen, in eine höhere, freiere Gegend: das Wort, das er zu sagen bat, ist n i ch t sei n, sondern Gottes Ein Licht, das nicht durch ihn, sondern aus sich selbst, aus alle und für alle leuchtet! eine Sprache der Wabcheit, die vom Vater aller Seelen gegeben, für alle Seelen spricht und in alle wirket. So scheint die große Sonne auf alle Gewächse, und jedes erquicket sich in ibrem Glanze: Ceder und Blume empfinden die Gottbeit, die sic nnlacht, nähret und segnet. So wars das erste wundervolle Kennzeichen der allgemeinen Predigt von Jesu, daß sein Geist alle Sprachen verband, die verichiedensten Menschen, Nationen, Gegenden, Denkarten, Empfindungen fesselte und in Eins vereinigte: daß jeder hinzuwallte und die Sprache seiner Nation, seines Herzens , seiner Empfindung da wieder fand. Und so wirds ewig das innere Kennzeichen der Lehre Zesu bleiben, daß sie durch ihre Einfalt und innige berz- treffende Wahrheit die verschiedensten Menschen belebt, in die entferntesten Gesinnungen wirket — Mein Zweck ist alio heute nur, den Text, über den ich zu reden habe, in seiner natürlichsten, leichtesten Gestalt zu zeigen und das Bild unscrs göttlichen Bruders, den wir darin in einer sehr einfältigen, und Homilicn. 177 faltigen, leichten und zugleich in einer sehr erhabenen , weirfehenden Situativ» seines Lebens finden, so allgemein und im Bilde der Menschlichkeit, für alle zu zeigen, als ich kann — Und du, allumfließende, alldurchdcingende, all- belebende Gottheit! die du um und in uns bist,, und an uns allen wirkest: belebe dein Wort mit Kraft und inniger Wirkung, daß es Lebenssaft unserer geistigen Natur werde, die ähnlich seyn soll dem Ebenbilde Gottes, Jesu Christo! Zeige uns deine Gestalt, du unser erstgeborncr Bruder, Vorgänger und Erlöser der Menschen. daß wir in -eder kleinen und großen Handlung deines Lebens, in jedem deiner Blicke, deiner Thaten, deiner Worte, die edle Reinigkeit, die liefe, weltumfassende Alle des Geistes und Herzens, das himmlische Wesen bemerken, das überall leuchtet, das von allen dufret. Laß uns unsre niedrige, verfallene Menschheit im Thale des Todes fühlen, und dann zu jener hinauf athmen, zu der wir alle geschaffen find. Amen! V. U. Evangcl. Luc. 5 . i —11. „Es begab ffch, daß das Volk zu ihm drang-verließen alles und folgten ihm nach," Womit Lucas das vorige Kapitel beschlossen hatte, damit fangt er dies Kapitel an : das Volk drangt sich zu Jesu, das Wort Gottes zu hören. Sie kamen haufenweise und suchten ihn selbst in der Wüste, hielten ihn auf, daß er nicht von ihnen ginge. Er muß sich losreißen: „auch andern Städten muß ich das Wort Gottes pre» -Herders Werke z. Rel. u. Lheol. HI. M - Christliche Reden 178 digen, denn dazu bin ich gesandt," und. hier in Galiläa am See Genezarcth dringen sie aufs neue zu ihm. — Kein Evangelist lobet Jesum: es ist nie einem in den Sinn gekommen, von ihm einen glanzenden Charakter, eine posaunende Beschreibung seines Ruhms zu entwerfen: denn wie konnten, wie wollten sie den lo.ben, der der Sohn Gottes, die sichtbar gewordene Herrlichkeit des Eingebornen war, voll Gnade und Wahrheit? sie lobten ihn aber thatlich, das ist, sie zeigen seine Kraft in Wirkung, sie bemerken den Blitz seines Worts, wie ec Herzen aufrcißt, den Sonnenstrahl seiner Gegenwart, wie sic Volker und Schaaren sammlet. Er predigte gewaltig und nicht wie die Pharisäer: ihn jammerte des Volks, als einer zerstreuten, verlaßnen, hirtenlosen Heerde: die hirtenlosc Heerde zog ihm nach: sie fand bei ihm, was ihr sonst fehlte: sie drang hinzu, von ihm das Wort Gottes zu hören. Und ob nun gleich viel Unlauteres dabei war: jenes Volk kam des wunderbaren Brods wegen, womit sie genährt waren, ein anderer Theil der Kranken wegen, die auf seine Hülfe warteten; Gotteskraft indes, die Lichtnatur seines Worts, das im Dunkeln schien, und das die Finsternis nicht zu überwältigen vermochte, blieb doch immer sichtbar und wirds bleiben, so lange der letzte Strahl dieses Worts Jesu auf Erden seyn- wird. Er kam ein Licht in die Welt, Volke r z u erleuchtcn zum Preise Gottes: die Decke der Finsternis und Verhärtung hing über den Gemüthern, Finsternis kämpfte mit dem Licht, denn ihre Werke waren böse; das Licht indes leuchtete und wärmte fort: neue Schaaren drangen hinzu, seinen Glanz zu empfangen. und Ho Milien. l?9 Dari ist, M. A , die stiatlir jedes Funkens, jedes Strahles von Gottes Kraft, wo sie rein wirket Sie wirkt, sie erreicht ihre Zwecke: denn ihre Zwecke sind, was sie selbst ist, Absichten Gottes, des Schöpfers der Welt, des Vaters und Erretters der Menschen. Kein Strahl von Wahrheit, Güte und Liebe geht verloren, wenn er uns auch verloren scheinet: das Leben Jesu, des Sohnes Gottes, war gewiß in unendlichem Verstände das wirksamste , und schien doch in sv manchem menschlichen Verstände das unwirksamste, unnützlichste Leben. Es wars nicht; nie ermattete Jesus, erging, wenn er auch Haufen Unlauterer, Verblendeter sähe, seinen We.> fort: „ich muß auch andern Städten, auch andern Gegenden predigen, dazu bi» ich gesandt!" Und so ermangelte nie sein Wort der Wirkung I , s Wie sprach nun diese große Volks-Erscheinung? wo und in welcher Gestalt erschien sie? „Er stund am See Genczareth, sähe zwei Schiffe stehen und trat in eins und lehre tc:" siche da! den ganzen Unscheinbaren, einfältigen Aufzug in der Gestalt Jesu. Ohne alle äußere Zurüstung und Zubereitung sprach er: weder von Macht, noch von Stande, noch von Gaukelei UNd Verblendung nahm sein Wort Reiz her. Jeder Ort, wo er lehren konnte, war ihm gleichgültig, wurde ihm heilig und Gottes Tempel: jeder Gegenstand, womit er umringt war, wurde ibm Schaalc und Einkleidung zur edelsten Perle des Geheimnisses vom Reich Gottes, das er zu verkündigen halte. Seine Sprache war gemeine Galiläer-Sprache, in der er redete: der Umkreis seiner Denkart war gemeine M 2 i8o Christliche Reden Landesart, in derer sprach; ein Fischer mitFischern, ein Armer mit Armen. Da steht er hier in einem fremden Schiffe: am Ufer ist Volk, ihn zu hören; er spricht, er umfaßt sie alle, in ihrer eigensten Denkart. Aber in jedem seiner Worte ist Himmel von Gegenwart und Zukunft: jedes seiner einfaln- gen Gleichnisse, Perle des Reichs Gottes, ein kleines Saamenkorn, in dem der ganze Baum der Ewigkeiten ruhet. Schiff und User wird ihm der reinste, heiligste Gottestempcl. Wir sind, meine Christen, immer noch fern von der Gottes-Einfalt, Fülle und Wahrheit Jesu, wenn wir das, was Religion ist, nicht auch in der klaren, Hellen Weite und Allanwendung fassen. So lange sie uns eine andächtige Menschenfeindin ist, die wir in Tempel, Zellen und Klöster sperren, nur in einzelnen düstern Stunden und Zeitläuften an Gott denken wollen, wenn wir an sonst nichts denken können; so lange können wir sicher wissen, daß sie nicht ist, was sie scyn soll. Die Gottes- Empsindung Jesu war nichts weniger als solche abgesonderte oder gewohnheitsmäßige Heuchelei: sie war fortgehcnder Geist und Saft seines Lebens: es war ihm Speise und Trank, Freude und Ruhe, immer zu thun den Willen des Vaters, immer zu thun, was er den Vater thun sähe. Der Geist webt durch alle Evangelisten , durch alle Briefe und Lebensgeschichtcn seiner Jünger und Apostel: Chri- stenrhum ist nichts, oder cs ist der herrschende all- ! gemeine Geist im Leben eines Menschen, der keinS j seiner Worte, Geschäfte und Handlungen verlassen > soll, sondern sie alle, im verborgnen Leben mit und Ho milien. i8r Christo, Gott widmet. Wie wir keinen Dthemzug unsers natürlichen Lebens, ohne die Luft voll Lebensgeister, die uns umgiebt, thun können: so allgemein fortgehend und belebend ist auch der höhere Geist Gottes, der sich mit uns vereint, unser Herz erfüllet, uns als Bilder Gottes, als Ebenbilder Jesu, lebendig darstellt, und frei und froh und wirksam in all ihren Gedanken und Handlungen athmet. Nicht nur im Tempel und in einer Stunde der Andacht werden wir Christen scyn wollen: überall, wo Christus Tempel fand, ist auch unser Tempel. Meer und Ufer, Schiff und Land, die verborgene Kammer des Hauses und der Tempel Gottes , der sich oben blau über uns allen und allenthalben wölbet: überall herrschte Gott und Gottes Empfindung. Nicht hie oder da sei Christus, sondern inwendig in unS. Er trat in d er Sch i ffe c i nes , welches Simons war, und bat ihn, dass crs ein wenig vom Lande führte. Dachtest du, Simon, da Jesus in dein Schiff trat, daß der Ausgang seyn würde, dich aus immer vom Schiffe adzuzichen und dein Herz zu fangen? Dachtest du es noch, da du ihn reden hörtest, und er dir auf die Höhe zu fahren anbcfahl? Du überließest ihm dein Schiff gutwillig, und was zuerst ein ungefährer Aufall schien, ward Jug auf dein Herz, auf dein Apostclamt und deine ganze ewige Zukunft, große auszcichnende rufende Bestimmung , die größte Wohlthat deines Lebens, bis ans die Ewigkeit der Ewigkeiten Wohlthat. — - E' . -Ä»!^ zks Christliche Reden Siede da allemal den Weg der gütigen Gott- heit a» das Her; der Menschenein kleiner Umstand , das was die Menschen Ohngefahr, Zufall nennen, und eben so nennen, weil sie cs nicht bes- str wissen, nicht übersehen, erklären, bestimmen, schaben kennen, ist immer Pas weiseste Kunstgewebe des Schöpfers. Hier siel ein unbemerktes Sagmen, körn hin, und es ward zu einem Baum. Hier an diesen Kleinen Umstand keltere sich eine Reihe so viel andrer Umstände, bis du wie mit einem Netze umflochten, und hingeführt wurdest, wo du nicht dachtest. Das ist der Gang Gottes in unserm Leben , die Seile, damit er uns bindet, Daß einem jeden von »ns, auf dem Wege seines Lebens, gerade das und nichts anders ward, die Fülle von Gelegenheit zum Guten, der Unterricht, die Versuchung, die Prüfung ; hier der Verdruß, die Müde, die fehlgeschlagne Absicht; dort die Wohfthat, die plötzliche Gelegenheit, an die wir nie dachten, der Freund, der Feind, die Aufweckung, die bittre Nachreue — Sieche da lauter Engel Gottes, die uns zu Gott fuhren sollen ^ die kleinste Begebenheit, wenn wir ste anwandten, hielt oft eine ganze Zukunft jn sich; der Eintritt Christi in das Schiss -Peiri war der erste Schritt zu seinem Apostelamte, Jn diesen Kleinigkeiten, wie sie uns dünken, jedesmal den Finger Gottes zu sehen, den Zug des Vaters zu erkennen, und ihm zu folgen, das ist der Geist der wahren göttlichen und christlichen Lebensweisheit ; die Well sieher lhn Nicht, und kann ihn auch nicht empfangen. Wer ihn hat, bei wem re in ruhiger Stille wohnet, nie in seinem Leben und Homilien. i83 ist dcr ohne Gott, ohne Freude und Glauben. Er stehet immer Gott, seinen Vater, wirken, und wo ers nicht stehet, hofft und weiß ers. Jeder Umstand seines Lebens kann ihm also Pforte zum Himmel werden, dcr Stein, auf dem er schlaft, eine Leiter, Gott zu schauen; dcß eingedenk ist er immer unter dem Willen Gottes; selbst, wo er auch nicht das Ende steht, beut er Jesu sein Schiff an, fahrt nach seinem Winke auf die Hohe, ob er gleich nicht weiß , wohin das ende. Am die kleinste Pflicht der Gastfreundschaft knüpft Paulus den großen Beweggrund, daß durch sie einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt haben, und hier beherbergte Petrus, ohne sein Wissen, den, der ihn gleich zu seinem ersten Apostel rief. Noch aber naher ließ sich Jesus in den Kreis und die Denkart Petri ein. Er wollte ihn erst durch ein Wunder in seiner Schifferwelt aufmerksam machen, ihn belohnen, ehe er ihm den Beruf auf sein Leben zeigte. Als er hatte aufgehört zu reden, sprach er: Fahre auf die Höhe u n d w i r f d e i n N etz, daß ihr einen Aug t h u t. In diesen Fischerzug hüllte der Allmächtige jetzt seine Wunderkraft ein. Konnte ec nicht den Mond spalten und Berge versetzen? das Meer heben und wegrücken? Wunder solcher Art mir Heftigkeit that Jesus nie. Für Menschen that er menschliche Wunder, in ihrem Kreise, für ihre Aufmerksamkeit und Neigung. Da konnte man wissen, daß cs Wunder war, konnte es übersehen, es griff unmittelbar an Herz und Seele. Das Netz Petri, was jetzt so wunderbar sing, umschlang feine Seele mehr als der gespaltete Mond, die zerrüttete Wcltordnung gethan halte. Der menschliche Jesus ward auch in 184 Christliche Reden seinen Wundern menschlich, mit Fischern Fischer, mit Hvchzeitleuten Hochzcitgast, und wirkte mit jedem in seinem Kreise. Auch hierin ward er Bild von der allumfassenden Liebe und weisen Menschlichkeit Gottes, der auch mit dem Geringsten das Geringste zu werden nicht verschmähet. Mögen thonchte Weise es radeln und Gort unanständig finden, daß er sich Menschen, Zeiten, Völkern, Denkarten, Schwachheiten, bequeme, und mit jedem auf seine Weise handle. Zeder Klügere stehet, dass keine Wirkung Gottes in das Menschengeschlecht ohne diese Herablassung möglich se», und bewundert in ihr eben den Neichthum der Güte und Liebe des Menschenschöpfcrs. Wer bin ich, daß ich die Tiefe Gottes durchschauen oder mich zu ihr heben könne? will Gott mich leircn, will er zu mir reden, will er mich zu seinen hohcrn Zwecken Zufuhren, wie anders, als daß er zu mir, dem Menschen, Mensch werde, und menschlich handle ? Siehe da den Aufschluß zur Geschichte der Offenbarung Gottes, der alles faßlich macht, allen Zweifel hebt, allen Dingen ihr Ebenmaas, Zweck und Ordnung gicbt. Siehe den Aufschluß zur größten Erscheinung der Menschlichkeit Gottes auf Erden in seinem Sohne; siche endlich den innigen Trost aus der Religion und Lehre der Vorsehung Gottes! daß Gott mit mir, dem Menschen, ganz menschlich fühlt und handelt, daß Er es ist, in dem ich bin und lebe, der zu meinen Handlungen und Gedanken so menschlich muwirkt und sie so innig kenn:, als die. Feuer-Gedanken des obersten Engels an seinem Throne; daß, wenn ich als Wurm im und Ho Milien. i85 Grase schmachte und zertreten werde, er meine Leiden so innig fühlt, als meine Freuden, wenn ich ihm als Bruder Jesu danke. „Auf dich bin ich geworfen von Mutterleibe, du bist mein Gott von Mutterleibe an." Eben da, wo Menschen, wo unsre Freunde, wo wir uns selbst nicht verstehn, wozu wir da sind, eben dieser dunkelste Theil unserer Seele, der allein zur Entwickelung der Ewigkeit bestimmt ist — ihn kennet, in ihm wohnt Gott aufs innigste, er ist gleichsam das Allerheiligste Gottes in unserm Wesen. — Alles tragt die Gottbeit, spricht und handelt mit jedem in seinem Kreise. Zu Petro sprach und handelte die sichtbar gewordene Menschenliebe nicht anders, als wie sie aus Petrus wirken konnte. Fahre auf die Höhe und wirf dein Netz! welche Sprache der Freudigkeit des Berufs im Munde Jesu, und welche Antwort der Zuversicht und Freudigkeit im Munde des Fischers : „Auf dein Wort, Herr, will ich das Netz auswerfen!" So freudig und bestimmt ist alles im Leben Jesu und seiner Schüler. Keine Klcinkreisig- keit, kein Zittern und Beben im Geschäft mit niedergeschlagenem Blicke zur Erde, noch weniger ein heiliger, muthloscr Müssiggang ist irgends sichtbar. Alles lebt und webt muthig in dem Willen Gottes. Der offene Geist der Freudigkeit ists, der sie belebt. — „Fahre auf die Höhe!" ist das Berufswort Gottes zu jedem in seinem Stande, und: „Herr, auf dein Wort!" sey die Antworteines jeden , um Segen Gottes mit seinem Netze zu ziehen. Selbst wenn wir oft voransctzen mußten: „Meister, i86 Christliche Reden wir habe» die ganze Nacht vergebens gearbeitet;" noch sey die Antwort: „Aber auf dein Wort!" Denn auch das ist weise Güte Gottes, daß sich unser Leben in vergebliche und gesegnete Mühe theilet, wir mochten sonst sagen: „meine Kräfte und meiner Hände Stärke Habens mir ausgerichtctund Gottes vergessen. Darum wechselt das LooS des Glücks und der Stunden ! Die vergebliche Mühe der Nacht war schon auf die gesegnetere Morgenröthe voraus- geordnet. Jene mußte vorhergegangen se>)n, u,n diese fühlbar,r zu machen. Hätte Petrus widerstrebt und auch diese Mühe als vergeblich verworfen, so hatte er sich selbst alle nähere Offenbarung Gottes zerstört. Darum sey es täglich unsre Bitte: „Schasse in mir, Gott, ein freudiges Herz, erneuere täglich in mir deinen Geist, gieb Murh zum Leben, den Freudcngeist nimm auch in Versuchungen und nach feblgeschlagener Mühe nicht von mir l" Jedes Geschäft unscrs Lebens werde angefangen, als ob Gott zu uns spräche: „Fahre hinauf!" und müßten wir auch sagen: „der elenden Sorgcnnachte sind mir viel worden !" so sey cs noch das Schlußwort: „Aber auf dein Wort, Herr, sinke das Netz von neuem." Und siche da das Wunder! das Netz sank, die Gegenwart des Wundcrthätcrs durchdrang Meer und Tiefen, gehorsam eilten die Meeresgeschöpfe hinzu auf den stillen Wink ihres Schöpfers, das Netz zerriß, die andern eilten zu Hülse, zogen und füllten beide Schiffe, also, daß sie sanken. Und Petrus siel Jesu zu den Füßen: „Herr, gehe, von mir heraus, dem sündigen Menschen!" Siche, da war die Absicht Jesu auf und Ho Milien. »87 Petrus Seele gelungen; Staunen, Furcht, Entsetzen , hatte sie alle ergriffen. Er lag Jelu zu den Füßen, und fühlte Gottes Gegenwart, fühlte sich unwcrth solcher Gnade. Selig, wenn Gott immer also die Absicht erreicht. die er mit seinen Wehlrhaten vor hat! Wenn er Petro Fische znfübrt, war eS ihm um die Fische, seinen Bauch zu füllen, zu lhun? oder hatte er nicht Anschlag auf seine Seele. Fischern ihren Fang, ihr Geld zu vermehren, war Jesus nicht gekommen, auch konnte ja Petrus die Ausbeute davon nicht einmal genießen, verließ die vollen Schiffe und folgte Jesu nach. Ein Netz um sein Herz zu schlingen, ihm die ganze Gegenwart des Gorkcsgesandten fühlbar zu machen, das war Jesu Absicht, die er auch an Petrus und seinen Gesellen erreichte. Thicre sind wir und nicht Menschen, wenn wir bei den Wobl- thaten, die Gott uns zuwiifft. nur körperlich fühlen, zahlen und rechnen , und nicht forschen, was das nun für uns bedeuten sollt Wer und wozu es uns gegeben sey?.— Diese Ueberlegung verlangt kein langes Nachsinnen und Denken; der Schlag, die erste Stimme Gottes an uns bei jedem Vorfälle jff immer merkbar, und bei denen, die auf das Werk Gottes merken, ein to unmittelbares mgchriges Gefühl, als hier Peirus ergriff: Herr, gehe von mir heraus, dem sündigen Menschen! Da wird uns eine Wohlthat Demuth und innige Zcrschmelzung, eine andere Reue und Schaamrothe, eine dritte neuen Muth, Dankbarkeit und Aufopferung einflöficn: „Ich bin zu gering, 0 Herr, aller Barmherzigkeit und Treue« i86 Christliche Reden die du cm deinem Knecht gcthcm hast!" und die Empfindung wird uns groß machen, selbst diese Wohlthat Gottes aufopfern und verlassen zu können. Der Geber wird größer seyn als das Geschenk. Bor Jesu kniete Petrus, vor ihm zitterte, ihm folgte er und vergaß Netz und Fische. Folge mir nach, spricht Christus, ich will dich zum Men scheust sch er machen; und sic verließen alles, auch ihren alten Vater, und folgten ihm nach. Sucher der Menschen, so war also jetzt dein Zweck erfüllt! deine Kraft zog, und Vier deiner ersten und liebsten Jünger waren an dir, in deren Seelen du auf einmal alles Gute voraus erblicktest, was nur die Zukunft entwickeln sollte. Petrus, der Fels des Bekenntnisses, auf welches du deine Kirche bauen wolltest, und Andreas, sein Bruder, der dich schon früher kannte, als jener; I a- cobus, der zuerst gewürdigt ward, den Kelch deiner Leiden dir nachzutrinke» , und dein Liebling Johannes, der Jünger an deiner Brust, und der letzte Zeuge deiner Zukunft unter den Aposteln. Drei von diesen waren die Vertrauten Jesu überall; im Oclgarten bei seinem Leiden, und auf dem Berge seiner Verklarung. Sie waren die Erstlinge derer, die ihm sein Vater gab, die er theuer und werth hielt, und sic zuletzt seinem Vater im Gebet wicdccgab, bis sie sich oben mit ihm finden würden im Paradiese. „Folget mir nach," spricht er, „ihr sollt Menschen-Fischer werden." Konnte für sie, die Fischer waren, ein schöner, bedeutender, faßlicher Wort gesunden werden, ihren ckünftigen Ruf zu bezeichnen? Menschen zu fangen, zur Glück- und Ho milien. r8Z ftligkeit ins Reich Jesu zu versammeln, war jetzt ihr Loos. Wie edler als ihr voriges Gewerbe! Menschenseelen zu suchen und glücklich zu machen, die sie nachher alle versammelt sahen und glücklich fanden , wie aufmunternb! wie freudig! Menschen zu suchen und ins Reich Gottes zu sammeln — Nun ist hier nicht die Zeit, die Ursachen zu entwickeln, warum Jesus Leute deß Standes zu seinen Menschensuchern wählte? Ec fand an ihnen, zu dem Zcugniß, das sie zeugen sollten, Männer, die er an verdorbenen, künstlichen Weisen und Schriftgclehrten nicht fand. In ihnen war gerader Sinn, gesunde Einfalt, starke, zu vielem kräftige Natur Gottes — Solche wählte er und mühete sich mit ihnen ganze Jahre. Sie wurden endlich, was er wollte: die erste Predigt Petrus am Pfingstfest nach Ausgießung des Geistes war cm Netz, daS drei tausend Seelen umschlang, die er in das Reich Jesu sammelte. Den Weg gingen sie fort zu ihrer Vollendung. Sie sind droben, und die sie Jesu versammelt haben, ihre Freunde und ihre Krone, mit ihnen. Ihr, die ihr alles verlassen, und mir nachgefolget sc yd, spricht Christus, wenn des Menschen Sohn kommen und richten wird, werdet ihr auch sitzen und richten die zwölf Geschlechter Israels: auch in seimr Herrlichkeit die nächsten an Jesu. Heiland der Welt, zeuch auch unsre Seelen zu dir und laß sie dir folgen! Du, der du gekommen bist, Sünder zu suchen und selig zu machen, gieb uns Bücke und Augen, deine Leitung zu erkennen 190 Christliche Reden u»d Ho Milien. lind über olles dich lieb zu gewinnen! dick, der mit Jedem Jedes wird, und den Geringsten nicht verschmäht. Auch im Kreise unftrs Lebens weißt du die besten Mittel, unser Herz zu treffen, unsere Neigung zu erobern, und jede Ueberwindutig leicht zu machen. — Das Innerste unserer Seele ist dir nicht verborgen. An diese fühlbaren, noch unverhärteten Stellen gelange dein Zug, da umschließe nns dein Netz, deine Freunde, die Schüler deiner Lehre, deines Lebens und GotteS-Werks zu werden. Auch in Freudigkeit unseres Sinnes, im guten Muthe zu leben und zu wirken, mache uns dir ähnlich; wie du, so rein und lauter, wie du, so kräftig, freudig, göttlich auf andere Seel.n zu wirken , in Verbindung mit andern zu handeln, und nie an der Wirkung eines Worts, eines Willens Gottes zu verzweifeln So werden wir auch einen Tropfen fühlen, aus dem Meer von Seeligkeit, das dich durchwalltc, nicht dich zu suchen, sondern andre, und immer zu thun den Willen des Vaters» Homilien das Leben Jesu - Zesus, Wort Gottes, Licht und Leben. (Ioh. i, r—-14-) (Ankündigung der Absicht, anstatt der schon er-! klarten und leicht zu verstehenden Episteln, das Leben Jesu im Zusammenhänge aus den vier Evangelisten zu erklären.) Es ist doch der Grund der ganzen Religion, Grund auch der Lehre der Apostel, und der ganzen Hoffnung und Seligkeit des Menschen. Sein Evangelium, Moral und Lehre, dir faßlichste, simpelste für alle, auch die geringsten Stande der Menschen, zu denen er eben sprach. Dabei belebt schon sein Vor. bild! die Reihe seiner Begebenheiten und Züge seines Charakters werden gegcnwarti- ger, als bloße Lehre. Und die Züge seines Lebens, seines Charakters, — Wahrheit, Tugend Und höchste Men sch c n sch ö n e, haben ohne Zwang und Deklamation Weg ans menschliche Herz, U. s. w. —--Und sein Leben wird so wenig gekannt! nur aus zerrissenen, ausgcristellen Lappen seiner Geschichte, die wir Sonntags-Evangelien nennen: et nur geschätzt als Prophet, auS Herders Werke z. Siel. u. Theol. Nt. N - ^ ^- rg4 Christliche Reden Stücken seiner Rede, die auch gute Moral enthalten; nicht als der Ganze, was er ist, und uns senn soll! — Nicht im ganzen Licht gesehen, geliebt, bcsolgt; man weiß nicht, was aus dem schwebenden Schatten vier streitiger Evangelisten für uns ist, oder nicht ist — und nennet sich doch nach ihm: sagt, daß auf ihm, einem Unbekannten, die ganze Religion ruhe, u. s. w. Gebet an Jesum, daß er erscheine! uns immer selbst gegenwärtig sey, wie in der Mitte seiner Brüder: („wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen") — unsere Aufmerksamkeit auf sich fessle, die Hülle wegnehme, oder das falsche Licht von LiebÜngsvor- urtheilen, unter dem wir ihn sehen; sich selbst in uns aufkläre, und Gestalt gewinne rc. Text: Ioh. r, i —14. Im Anfang war das Wort rc. Ist Einleitung ins ganze Evangelium Johannes , und in die Schriften seiner Brüder. Erscheint diesen so ungleich; aber eben das ist Zeichen der Wahrheit der Geschichte: daß Einer den andern nicht ausgeschrieben, Einer nicht auf des andern Wahn gebauet, jeder seinem Herzen Freiheit gelassen, ihn gezeichnet, wie er ihn gesehen, gefühlt, sich gedacht — und so haben wir ein vierstimmiges Zeugniß treuer wahrer Zeugen, die ihn kannten, mit ihm selbst umglengen, oder unmittelbar von ihm hörten — i und Homilien. 195 Da wählte nun die Gottheit eben vier der verschiedensten Männer, die ihn aus den verschiedensten Standpunkten, jeder zu seinem eigenen Zwecke, beschreiben mussten. Matthäus, ein Hebräer, für Hebräer; und Markus mit einigen Zusätzen; LucaS, ein griechischer Heyde, für Griechen» für Heyden; Johanes endlich für den großen Rest asiatischer Philosophie Und Denkart» der also auch am tiefsten herholt, und in die höchste Höhe, wie ein Adler zur Sonne, fleugt. Das erscheint nun auch schön in dieser V 0 kr rede! eine ganz eigene neue Sprache Und Denkart: Mißverstanden ist sie der Grund von aller Schwärmerei geworden, die Meistens über unverständlichen NedartcN Johannes gebrütet, Und sich Mit ihnen umkleidet hak; verstanden ist sie eine Fülle des höchsten Sinnes der Geschichte Jesu, und ein Schlüssel zu allen Schriften Johannes. Und eben weit Johannes so hohe Lehren Vers kündigen will, für die die Sprache, die nur ein Schatz gemeiner, menschlicher Begriffe ist, keinö Ausdrücke hül! sb mußte er bloß Aehnllchkejs ten, Bilder brauchen , die die Sache vön fern üUsdtücken. Wählt also dazu die leichtesten, simpelsten, Nur wenige, die damals allgemein bekannt waren, UNd seht dft gebraucht, und gcmißbraUcht wurden: in die et sein neues Gotte s - G e h e i m n iß, seine nclie, höhere Bedeutung legt. Hier stnds dtei: Wort! Licht und Leben! und Sichtbar wetdung im Leibe, an denen die übrigen hangen. N 2 196 Christliche Neben I. Wort: („Am Anfänge war - » - v> 1 3. was gemacht ist.") Scheint sonderbar, da Johannes Jesum allein so nennet, und so oft so nennet! und damit anfängt , wie mit einem Posaunen-Schalle, als vbs der ganzen Welt klar und verständlich wäre! da doch, wenigstens nicht so deutlich, der Ausdruck'im A- T. nicht also vorkommt! und keiner an sich von einem solchen Worte Gottes weiß, das vor der Welt gewesen, dadurch alles ward, u. dgl. Eben das aber ist nun die Ursache des Gebrauchs. Johannes, um ein neues GotlcSgeheim- niß zu enthüllen, mußte auch in solchem neuen, vielausdrückenden Worte neu seyn. Wer kennt die Gottheit? wer hat von Einer Eigenschaft, Einer Handlung derselben Begriff von innen, in ihrer Fülle, in ihrem Wesen? Alles geschieht darin ohne alle Abwechselung, Veränderung; und wir können uns doch nicht das kleinste und feinste, Einen Blick der Zeit, Eine Handlung unsrer Seele da ohne gedenken >— wie denn nun die tiefsten Geheimnisse? Sein Wesen! seinen Gedanken der Weltschöpfung! die ewige Zeugung des Sohnes vom Vater! Johannes also wählt das feinste, unkörperlich- stc Bild, das er in unsrer Menschheit finden konnte, und das der in unserer Sprache gröbere Ausdruck: „Wort," kaumausdrückt: Gedanke! Sinn! inneres Bild des Vaters! das außer ihm abglänzte, selbstständig war, ewig als» bei ihm und Homilien. 197 wohnte, und dadurch er die Welt schuf. Im Anfänge re. Wie nämlich, indem ein Gedanke meiner Seele wird, u) ihr nichts abgehet; k) nichts in ihrem Wesen verändert wird; a) es in einander bleibt, und ich kanns wir doch auf die feinste Art als ein zwei, als ein Erzeugendes und Erzeugtes denken; ä) wie der Gedanke, der Sinn, das innigste Bild der Seele ist,' und wenns e) äußerlich sichtbar wird, aus die leichteste, aber wie mannigfaltige, wie wirksame und recht allmachiige Art zeiget. Unsichtbar! schnell! war mein Entschluß und wie tausendfach- mächtig alle Handlungen und Hervorbringungen, die auf dem Schluß alle beruhen, in die er alle, wie in Offenbarungen, sein Selbst hinausstromet — Also! so schwach und unvollkommen ein menschliches Glcichniß die Gottheit auszudrücken vermag, so Jesus, das ewige Wort zum Vater! u) So aus ihm, und zugleich b) ewig in ihm, wie Gedanke im Geist, wie das innigste Bild im abgebildcten, unsichtbaren Wesen! 0) Flamme aus Flamme, Licht aus dem reinsten Urlichte, ohne alle Veränderung, allen Abgang: c>) ihm gleich! Gott! und ewig bei ihm, in seiner Fülle wohnend! n) und da cs außerhalb in Wirkungen sichtbar wurde, so mächtig! so allwirkend! so Sinn ausrichtend im ganzen Schopfungsreiche. „Alle Dinge sind durch das Wort gemacht rc." Wer also die Aehnlichkeit vom feinsten Wort, dem Gedanken, zusammen nimmt, und im Bilde bleibt, wird Word für Wort diese Verse verstehen. Christliche Neben Schönes Bild und Vorbild der Menschen, über Tiefen der Gottheit zu denken und sich auszudrücken, Nicht zu grübeln über Ewigkeit! Daseyn eh etwas war! Zeugung und doch nicht jüngere Werbung, u- dgl, Denn als Menschen, als Zeitgebern? Geschöpfe, die keinen Augenblick ohne Veränderung denken können, die nur im Strom der Welcdauer entstehen, sich darnach messen, und milschwimmen, haben wir von Ewigkeit vor der Zeit, von Handlung ohne Veränderung , von Fülle der Gottheit und einer ihrer Wirkungen nicht unvollkommenen, sondern schlechthin gesagt, gar keinen Begriff, Kennest du, o Mensch, deine eigene Seele, dein eigenes Wort nicht, weißt nicht, wie Gedanke, Bild, Entschluß in ihr werde, aus ihr entspringe, außer ihr so mächtig, so vielgestaltig und doch ohne allen Abgang wirke; wie willst du Gedanke! Bild! Wort Gottes begreifen, und die göttliche Person, die uns Kindern unter solchem, dem erhabensten, feinsten Bilde der Menschheit vyrgchjldet wird! Sage dir erst wie dein inneres Wort, der Gedanke in deiner Seele wird, dich abbildet, und so mächtig aus dir ausgeht, und in dir bleiht — dann denke an Ergrünoung des ewigen Worts vom Vater! Aber wie unbegreiflich nun auch, daß Ein Christ Johannes annehmen, lesen, seine Lehre für göttlich halten kann: und einen Augenblick das Dascyn Jesu vor der Welt, vor allen Geschöpfen, seine Innig- und Einigkeit mit Gott, seine göttlichen Wirkungen, schon bei Grundlegung der Welt, kurz seine wahre , ewige Gottheit läugnen? Entweder müßte der doch we- und Homill'cn. 199 nigstens Johannes verwerfen, oder offenbar sein Verstü >n mein desselben anerkennen : denn dessen sein Einer Zweck und Eine Rede ists, zu zeigen: ,/Jesus scy Christus, der Schn Gottes!" das ist erster und letzter Vers seines Liedes. (Joh. 1, v. 1 — 3 . und Joh. 20, 3 r.) 11. Iesus als Licht und Leben. V. 4 — 1 3 . In ihm war das Leben - ? - sondern aus Gott geboren sind. Wie nähert sich aus dem Unbegreiflichen der Fülle Gottes, der Lichtstrahl aus die Erde, zum MenschemGeschlecht! Wer begreift, was Gottheit sey? oder wie sie schuf und Dasevn mittheilte? Licht und Leben! sind da die einzigen, reinsten, heitersten Begriffe, unter denen sich ein irdisch Geschöpf dabei eine Achnlichkeit denket. Licht, das Unbegreiflichste, Edelste, Feinste, Schnellste in der Natur! Wer begreifts, wie es Gedanken, ein Heer, eine Welt von Gedanken zeugt, und auf einmal in unsere Seele gießet? Es wird! es kommt! und in unserer Seele gehts, nur unendlich feiner, eben so auf. Mein Geist wird erleuchtet! es wird Helle in meiner Seele! meine Stirn wird heiter! eine Flamme ergreift mein Herz! Licht und Freude lauft, wie ein Strom, durch meine Adern: das innigste Leben des Menschen ist Licht, so wie sein ganzes Daseyn; so wie das Da'epn aller lebenden, denkenden, wirkenden Geschöpfe. Das edelste Bild der 20Y Christliche Reden Schöpferskraft und des Weltgcistcs ist der Lichtstrom, ein Strom von Feuer, Freude, Wonne und Leben, der sich allanzündend, nllbelebend, aller- quickend, allbescligend durch alle Wesen gießet -- Und siehe! das ist das Bild Jesu! Lichtquell und Leben! Quell des feinsten Lichts, des edelsten Lebens , des G c d a n k e n l i ch t s und W 0 n- uelebens des menschlichen Geschlechts. In ihm war das Leben (der Schöpfung) und das Leben ward Licht der Menschen (erfreulichste, edelste Schöpfung!i Das ist das wahrhaft e Licht, was alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen, was die edelste Flamme angeziindct hat, von der irdische Geschöpfe einen Begriff haben, das Leben des menschlichen Geistes und die Quelle der Güte in ihrem Herzen! Das wahrhafte Licht, das -c. Allgemeiner Lebensgeist wird also hier Christus! Geist der Schöpfung, der von Gott ausgieng, und durch alles Freudenguelle in der Natur ward. Und das ist unaufhörlich die Sprache der Bibel, an der wir nicht künsteln sollten: „in Christo! durch Christum! ist alles geschaffen!" Ec war, wie der Lebenshauch, der alles beseelte! Das Edelste und Lebendste, Gedanken Und Herzen der Menschen wurden durch ihn! Der ganze Plan GotteS über d i e S ch ö p fu n g, den Endzweck und die Haushaltung aller lebenden und vernünftigen Wesen ward über ihn, als Eckstein und Mittelpunkt, verfasset. Wer diesen also kennen will, muß Christum kennen: wer ihn nicht und Homilien. 201 kennet, stehet im ganzen Reich der Schöpfung und Haushaltung nur Trümmern! Abflüsse ohne Quell! Farben und Erscheinungen ohne Seele! Licht und Leben! In ihm war das Leben! und das Leben war das Licht ic. (S. Eph. i, 3 — 10. Coloss. i, i 5 — 20. Ebr. i, i — 3 . u. s. f.) Und wenn nun dieser allgemeine Lebensgcist und Quell des edelsten Lichts, des edelsten Lebens, in alles von Anbeginn wirkte: das höchste Mittel der Erleuchtung menschlicher Herzen und Seelen, das Wort Gottes, war also auch von Anbeginn sein Werk! sein Mittel! seine Offenbarung und Erscheinung. Bon Anfang an war er also im Worte da! cs war sein Wort! die ganze Heilsund Lichtordnung Gottes auf ihn verfasset und durch ihn gewirket. Wo Gottes Wort, wo sich Gutes in menschlichen Seelen offenbarte, ein Licht erleuchtete, eine Flamme zündete — das war Er, zu aller Zeit, unter jeder Hülle! des Gesetzes und des Evangeliums! das ganze Reich Gottes und alle Wirkung an guten Seelen vom Anfänge der Welt an, war Ein Reich! Lichtreich! Welt Eines Lebens! war nur Eine große, allgegenwärtige und im Fortgänge sich entwickelnde Beweisung seiner Kraft. Das ists, was hier steht: das Licht schien immer: erleuchtete, wo nur Meü- schen in die Welt kamen: cs war in der Welt, so allgegenwärtig und kräftig, als die Welt dadurch gemacht war, obs gleich die Welt nicht sähe und kannte, und die Finstcrniß cs nicht aufnahm! Christliche Reden so? Siehe da, die Erklärung der meistens so verstümmelten Verse v. 4. ö. 9. r». ir.z und der Reden Jesu, die uns sonst zumal in Johannes unverständlich bleiben, wo immer von dieser ewigen Wirkung Jesu in alles Gute der Welt als Quelle L i ch t s u n- d L e b e n s (Joh. 5 . 6. 7, e 5 — 17. Kap.) die Rede ist, und der Reden der Apostel, daß alles an Ihm zu Einem Körper verfasset worden, siche da die Einige lichthelle Erklärung! Alles zerfallt also vom Anfänge dieser tiefen irdischen Welt an, nach dem Bilde Johannes, in zwo große Massen, Licht und Dunkel! Das Licht scheinet und schien von Anbeginn in die Finsternis;, und die Finstern iß, als solche, begriff cs nickt (v. 5 .) er wollte immer das Reich des Bosen verengern, zusammentrej- bcn, cs in Licht endlich alles anflöfcn: er warb dazu alle, die in die Welt kamen, erleuchtend an; ließ sich keinem Volk, keinem Verstände und Herzen unbczeugt: war in allen Mitteln und Wirkungen des Gut.cn gegenwärtig, wie die Macht Gottes in der Schwere, der Anziehung, der fortwährenden Schöpfungskraft der Natur da ist. So ward Ers als Licht, als Leben, in allen menschlichen Seelen; wer ihn a u f n ah m, empfing die Macht, Kind Gottes zu werden, ward in ein neues, über allen Ausdruck gehendes Reich des Lichts und Lebens, der allverbreitetsten Gotteswirkung durch alles Gute, des allerreinsten und edelsten Lichtsund Lebensstroms, der mit unserm natürlichen und Homilien. 2c>Z Licht und Leben so gar nicht in Betracht kommt, h i n e i n g e b o r c n! Welch einen reinen, lichthcl- len und erhebenden Begriff enthalten Worte, die meistens so erschrecklich verkannt und gcmißbraucht werden! Wer Chris t u m annimmt, d> i. wer zu der Lautre und L ich trci n i gke i t in allen sei? NM Gedanken, Worten und Handlungen empor- kommt, die des edelsten Strahls, der aus dem Lichte der Gottheit glänzte, nicht unwürdig ist; so Viel oder so wenige Christum also annehmen, als Lickt in sich scheinen, und sich in seine Gotteslauterkeit verwandeln lassen; die machen Ein großes, allwtites, reines und erhabnes Reich des Guten aus, an welches hier nichts in der Welt kommt- All' ihre äußerliche Handlungen haben freilich eine Hülle und Schlaube, an der sie nur äußerliche Menschen kenne» und unterscheiden; das ist aber nur Schlanke l nur Hülle ! Kern und Inhalt steht Gott allein, und wenn er von der Helle und Lauterkeit des Lichts Jesu ist, siehe so ist alles nur Ein Reich! Ein Ganzes! was sich von der unvergleichbaren Majestät Gottes, durch sein Ebenbild im Lichte, Jesus Christus, auf alle lautere Seelen erstreckt, sie alle zu Einem Körper macht, wo Jesus das Haupt, zu einem blühenden, fruchtbringenden Weinstock, wo sie die Neben sind, zu einer verklärten Versammlung, die Jesus in seinem letzten Herzcnsgebete (Joh. 17.) dem Vater so innig anvertraut —> Wer dies verstehet, wer mit seiner ganzen Seele und Lebcnsfülle nach dieser Hähern Lichtgegend, nach diesem mit 204 Christliche Reden allen edrln Seelen auf der Welt vereinigten Reiche des Guten strebt, der versiehe Johannes ebne alle Schwärmereien herzlich. Die Hülle feiner Tharen bleibt für diese Welt zum Anschaun und Genüsse: die innere Gestalt, das Licht und Leben derselben, wie es vor Gott ist, aber gehört zu dem großen Strome, der von Christo aus durch alle Guten sich über die Welt ergießet. Da ist nichts verloren, nichts umkommen; wir werden einst im besten höchsten Plane Gottes, der innere Glück- scligkeit aller Wesen heißt, jeden Duft, jeden Geist, jeden Lichtstrahl, jedes unsers so reinen Gedankens, Worts und Handlung wiedersinden — alle mit dem Werk Jesu zum Heil der Menschen, Cin Geist! Ein Körper! Ein Lichlreich! Und dies höhere Leben, was Christus im höchsten Verstände der Unsterblichkeit nennet, die jeder durch ihn und nur durch ihn hat! dies Athmen und Wirken in einer G em ei n s ch a f t v o n Guten, zu der Paulus (Hebr. 12. 22 — 24.) nicht Worte genug finden kann: dem irdischen Leben, dieser groben Schale , ists ganz unvergleichbar. Die d ar. h i n e i n g e b 0 r c n sind, sind Kinder Gottes! Kinder des Lichts! Brüder und Mitstreiter Jesu in einem unsichtbaren Reiche, was so groß als die Schöpfung ist! L h c i l n e h m e r an all seinem Guten und einst, jeder nach seinem Maaßc, an der Herrlichkeit, die nur die Genossen dieses Reichs erwartet — wie unvergleichbar einer Welt voll Erdgebornen aus grobem irdischen Geblüt, aus menschlichem Triebe und Willkühr entsprossen, (v. iS.) Gcttesgebvrne sind diese! Lichtgeborne und und Ho milien. 202 her innerste Kern des Plans, des Willens und der Schöpfung Gottes unter der so groben finstern Schale der Andern! — Welche Höhe! welche enge Bahn dadin! Wie viel Gute sind von Licht und Feuer, aber nicht des reinen Lichts! der reinen Quelle des Lebens! Wie viel gute und edle Tha- ten, die aber nur aus Geblüt, aus Willen guter Triebe und menschlicher Absichten, nicht aus Gott g o b o r c n sind, Christo auch nicht zugehören, und mit der Schale der Welt abfallen und sterben. Auf welche Lichthöhe weißt uns Johannes ! III. Endlich erscheint die größte Fülle von Offenbarung. ,,D a s Wort ward Fleischte. - - verkündigt." (v. 14 — 18.) Und hier, wie lang es auch nach Himmelfahrt und Abschied Jesu seyn mochte, wie erhebt -sich der Ausdruck Johannes, als hincntzückt zu Jesu! Wir sahen seine Herrlichkeit! eine Herrlichkeit des Eingebornen! voll Gnade und Wahrheit! Ec ist noch unmittelbar um ihn! stehet, höret, — mehr als er sagen kann! Herrlichkeit Gottes! des Eingebornen! Gnade, Wahrheit! alles Unnennbare, was sich irdischen Menschen in menschlicher Gestalt zeigen konnte: das alles in Jesu! Und er wohnte unter ihnen: war Fleisch geworden, Mensch, wie sie. Das ewige Licht, das sonst allwege unsichtbar die Welt erleuchtet:, das höchste Leben, das überall sonst 3nü Christliche Reden Lebensquelle gewesen war, strahlte setzt in menschlicher Natur und Hülle göttliche Herrlichkeit ab! Was vom edelsten Blut der Menschheit , unter der Ueberfthattung Gottes, zum Spiegel der Liebe, Reinigkeit und göttlicher Milde gebildet Werden konnte, das war Jesus! So seine menschliche Seele, so sein sichtbarer Körper, das Grösste durchs Kleinste ausgedrückc! in der einfältigsten Gestalt alle Schatze der Gottheit verkörpert! Wik sahen rc. Aber er spricht lieber durch Zeugen, als durch Worte! lieber durch Wirkungen, als durch eigne Me >) n u n g. Johannes ruft und spricht rc. (v. i5.) Das war also Zeugniß uNd Wirkung auf Johannes : Wir alle haben von seiner Fülle genommen rc. Das ist Zeugniß Und Wirkung auf unS alle. Nichts war ihm vergleichbar. Das Gesetz ist durch Mdses gegeben, Gnade und Wahrheit ist durch Iesum Christum worden. Nichts ist ihm vergleichbar. Niemand (der Propheten und Lehrer) hatte je Gott gesehen, der Eingeborne Sohn rc. Alle Vergleichungen, Bilder und Zeit- maasse treten auf einander, Und doch wird noch nichts von dem gesagt, wozu die Sprache eigentlich kein Wort hat! und was der Evangelist hier als treues Zeugniß nievcrlegt — Erfahrung! unnennbare Empfindung seines Herzens. Und da er der Schooßsünqer Jesu war, von ihm geliebt und gekannt wurde, wie er Jesum vorzüglich kannte daher sein begeistertet Ausdruck; und How ilien. 20 ) es ist nichts minder als Zeugnis des Freundes vom Freunde, die zwar Welten scheiden, aber Mit un- gcschudner Seele, mit ungetrennlen Herzen. Und den Jcsiim wollen wir sehen und hören. Nicht etwa bloß als einen Propheten, der uns allerlei gute Sachen sagt; sondern ihn hören, als den Eingebornen, der in des Vaters Schoos war, sähe, was niemand sähe, und es uns kam zu verkündigen. Ihn hören, als sey er uns gegenwärtig, und ,,s ä h e n w i r noch i n ihm die strahlende Herrlichkeit deS Eingebornen voll Gnade und Wahrheit"" Ihn hören, daß er unser ewiges Bild werde, und wir „alle aus seiner Fülle nehmen Guad um Gnade;" Liebe sehen und durch ihn Liebe werden; vor'm Anblick seines Lichts, des reinsten Spiegels der Gottheit, in dasselbe Bild verkläret werden, von einer Klarheit zur andern. Das heißt, wir werden Freunde Jesu; Vertraute seines Lebens! Jünger und Nachfolger in seinem Bilde; ohne Schwärmerei und Brütungen des Unsinnes. Möchte Christus auch also in der folgenden Erklärung seines Lebens unter uns erscheinen! uns in den hohen Sinn, und das Licht und das höhere, reinere Leben mit ihm zu erheben! Und des Wunsches theilhaftig zu machen, der im letzten Brudergebete auch sein Wunsch war: daß sie alle Eins seyn, gleichwie du, Vater, in mir, und ich in dir, daß auch siein unS Eins se yen rc. (Joh. 208 Christliche Reden 17. 21 — 26.)— eine edle lichtvolle, ihm ähnliche Seele ihm ähnlicher, gleicher, mit den Schwachheiten ihrer Natur und der Größe ihres Berufs nach seinem Bilde vertrauter zu machen — „die Pforte ist weit und der Weg zu bloß menschlichen, sehr gerühmten und geliebten Tugenden breit und eben, und viele sind, die darauf wandeln; aber die Pforte, auf der Christus gewandelt hat! seines Sinnes, seiner Tugend und seines Lohns! — ist enge und schmal, und wenige sind es, die sie finden!" rc. IX. lind Homilien. 209 IX. Ankündigungen Johannes und Jesus. Luc. i, 5 — 25 . 26 — 33 . Eins, so ist das Borurtheil: „die Börse« „hung sorge nur ums Große; um Kleinigkeiten „kümmere sie sich nicht!" ungegründet, u n- würdig und schädlich. Un gegründet: Was ist klein und groß? Wo ist der Maasstab? Das Große wird nur aus Kleinem: das kleinste Kleine wird zum Großen, Und in der Natur, in diesem großen Reiche Gottes kalten einerlei Kräfte Alles zusammen. So wirkt die Kraft der Bewegung, vom kleinsten Kleinen zum größten Großen : vom Kreise der Spinnen bis zum Kreise der Sonnen, vom Gewicht einer Nadelspitze bis zur Last, mit der Mond und Welten sich bewegen. So wirkt die Kraft des Lebens und der Bildung: vom kleinsten unsichtbarsten Keime zum gliedervollcstcn Geschöpfe: bereitet dies Herders Werke z. Rel. u. Lhcol.Itl.' O Christliche Reden nur aus jenem: löst Leben auf und setzt Leben zusammen , daß eine verstärkte Flamme werte — in der höchsten Höhe und in der twisten Tiefe ist Abgrund der Schöpfung. Am meisten aber sehen wir also Gott wirken, im edelsten, aber unbegreiflichsten Reiche, dem Reiche des M en s ch e n g e s ch l e ch ts und seiner Vorsehung. Mit alle seinem edeln j Wesen, mit seiner Gedanken- und Gottcssecle — ^ woraus wird ein Mensch? und welch ein Unterschied Unter den Menschen, und welch unbemerktes Kleine macht den Unterschied? Und alle Erdveränderungen , wie oft hangen sie von kleinen Umständen Eines Menschen ab? Und durch welche Zufälle kann Gott dies unterscheidende Kleine Eines Menschen, das die Welt verändert, befördern, wirken, unterhalten, anwenden? Es scheint Eine Kette von Nichts, von Kleinigkeiten, von Zufällen, und die Kette verändert das Loos ganzer Nationen! Welche würdigere Begriffe von Gott, der alles Große so in der Tiefe des Nichts bereitet, als jener gegenseitige enge Gedankenkreis, der ihn, den Allerhabnen , mit der Spanne menschlicher Fassungskraft, menschlicher Sorgen und Geschäfte misset! Menschen müssen einfchränkeu, ausschließcn, überund untereinander ordnen, sparen, um nur etwas zu thun: Go^t auf Einmal, in der mindesten, in keiner Zeit, auf die stilleste, unvermerkteste Weise, thut Alles. Da sinkt ein stilles Saamenkorn in die Erde und findet seine Stelle, und soll zum Baume unter weiten Himmeln wachsen: da regt sich eine Kraft Gottes in der Natur, unbemerkt, stille; unter d e n Zufällen , mit d e n Vorbereitungen, und richtet — wie viel aus? Sich selbst unersorsch- lich und unerklärlich : ein Wunder und Räthsel dem durchdringendsten Auge der Menschen! im Nichts und im Größten ein Werkzeug Gottes! — das ist der Mensch! Wie tröstlich Und nützlich sind diese, und allein diese Begriffe! Alles Kleine und Große nur ein Gcmählde der Natur, nur Eine Vorstellung des allcrsüllcndcn Goltes! dahin gehört Blitz und Wind , Sturm und Sonne, alle mancherlei Gaben, Kräfte, Gelegenheiten, Mittel, Zufälle, Glück, Schicksal! Alles nur an seiner Stelle, zu seiner Zeit, an seinem Ort geboren! Alles auf die ihm gemäße Weise .angekündigt, zubereitet, geht und endet seinen Gang durchs Leben. Es wartet Alles auf dich, o Gott, und wie dein Loos siel, wie jedem seine Stunde schlug, wie sein Gcburtsengel erschien, zu welchem Zwecke er in dies Gemählde eintrat— o Gott, düs war das Beste für ihn! Zwei große, ausnehmende Beispiele werden uns von der Wahrheit überzeugen, u. s. w. Luc. i, v. i -^38. Wollte der Mensch sich träumen, wie die wichtigste Periode der Weltveränderung, die Ankunft des Sohnes Gottes, die Endigung alles Bilderdiensts und Hüllen-Gottesdienst, der Anfang eines neuen Reichs und seine Allvetbreitung über die Erde anfangen? wie sie beginnen und veranstaltet werden sollte: wie anders würde man träumen, als — »r O 2 212 Christliche Reden geschah! als Gott es veranstaltete. Die stillest« Ankündigung! die kleinesten Mittel, der leiseste, verborgenste Fortgang, der m ä ch t i g s t c größte Zweck — das war Gang Gottes in dieser, wie in allen Begebenheiten der Natur. Lange war kein Geist der Weissagung, der Wunder, der Ecschcinung mehr gewesen: von Malachias bis auf diese Zeit her war alles stille, alles erloschen — um so merkwürdiger und sichtbarer, wenn sich itzt Flamme offenbarte! wenn Erscheinung wieder sprach! Man hatte sich in der Zeit der Stille desto mehr mit Weissagungen getragen, sie erklärt, nachgesucht, darüber gegrübelt, gehofft, gewartet — Alles, um vorzubereiten, zu wecken, kenntlich zu machen, wenn etwas der Art erschiene! Allein cs war auch hier gegangen, wie's immer in der Zeit der Sagen, des Höffens, des Erwartens geht: man grübelt und hoffet so lange, bis man ganz am umgekehrten Ende steht, wo man hoffen sollte. Der Elias, der vor Christo kommen sollte, ward gehofft — aber nicht, wie er erschien: Christus, als König, als Davids Sohn gehofft — aber nicht, wie man ihn hoffen sollte. Alles schlief und träumte in ganz andern Erwartungen: Priester, Weise, Schrislgelchrten, Volk — und Gott führte vor ihren Augen aus, was der größte Theil sah und nicht sah: was nur ein kleiner, erwählter Hause merkte. und Ho Milien. 2>3 Von der kleinsten Zahl sing sich der erwählte Hause an; die Erscheinung, die den Gottesdienst der ganzen alten Verfassung stürzen sollte, begann beim heiligen Pcicstcrgrcisc, im Gebet und Opfer, norm Angesicht des Altars — die stillcste Würde, die wir uns vielleicht in der Wahl der Umstande nur denken können! Alles Kindische der Vorstellung, was nur wir uns bei Erscheinung und Gestalt der Engel denken, müssen wir hier vergessen: Gabriel, eine unsichtbare Kraft Gottes aus dem Geistcrreiche ward sichtbar und sprach. Jedes Wort haucht Kraft und Würde eines Gottgesandtcn und schildert Johannes im Charakter, wie ihn uns sein ganzes Leben zeiget. „Fürchte dich nicht! dein Gebet ist erhöret! — du sollt sein Freud und Wonne haben und Viel werden sich seiner Geburt freuen." Konnte dem alten Vater was Froheres gesagt? Konnte er von seinem Schrecken in Erscheinung des Gesichts mehr und freudiger auf die Botschaft aufmerksam gemacht werden , die ihm das Gesicht brachte? Sein ganzes Mensch - und Vatcrherz ward gerührct. „Er wird groß scyn vor dem Herrn!" ein starker, Gottcrkohrncr, ein heiliger Nasiräer, dem also, nach der alten Gewohnheit, von den frühesten Weltzeiten an stark Getränk versagt war, und der's auch zu Erhöhung seines Muths nicht nöthig hatte. Die Ankündigung war in diesem Punkte ganz dieselbe, als die durch den Engel Mario ah geschah (Nicht. i3.) nur aber einen Starken 214 Christliche Reden von Leibeskräften prophezeite: hier wars ein Starker von Geist , Much und Seele, „schon von Mutterleib« an erfüllt mit dem heiligen Geist!" das heißt nicht, wie wir ihm den lächerlichen Sinn oder Unsinn geben, als ob der Geist beim Hüpfen im Multerleibe Elisabeths in ihn gefahren: sondern wie eS der gewöhnliche, öfters wjcderkommende in den Schriften der Bibel ist: schon von seiner ersten Bildung im Mutterleibs an, und dieser ersten Bildung vom ersten Lcbenskcime nach, voll Geist und Gotteskraft! von außerordentlichen Gaben zu bcsondern Zwecken Gottes gebildet und gleichsam angehaucht vom Feuerathem des Schöpfers, Das war Johannes und das zeigt der Zusatz: in Geist und Kraft Elias, der gleichsam nur eine lebendige Flamme Gottes war: zu bekehren die Herzen !c., alles zu vereinigen und zu ebnen und Weg zu bereiten dem kommenden Heiland!" Erscheint nicht die ganze Johannesgestalt in dem Bilde? Der alte Priester war noch außer sich, stammelte , zweifelte, wollte sehen, was er ja den Augenblick nicht sehen konnte, forderte Zeichen — und siche! er bekams! aber eben der starke»; Ankündigung, in der der Engel fortsprach, gemäß: Verstumme bis auf die Geburt des Kindes. „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht und bin gesandt »c, und sollt verstummen, darum, daß du meinen Worten nicht geglaubt hast" — Erkennte also seiner alten Gefährtin nicht einmal die frohe und Ho wille». 2t5 Botschaft bringen, die, nach den Begriffen der damaligen Zeit zumal, so frohe Botschaft war: „daß der Herr sie angesehen habe und ibce Schmach, ihren Fluch der Unfruchtbarkeit, unter den Menschen von ihr genommen." — Sein Unglaube, der ein Zeichen haben und gleich nach Hause bringen wollte, ward durch sich selbst gestraft. Stummheit war das Zeichen, das er nach Hause brachte — Auch in diesem Umstand, wie ähnlich dem gewaltsamen Johannes! — Stummes Erstaunen Zacharias , des Volks, Elisabeth, der Hausgenossen, waren Gefährten, die auf dem Wege seiner Ankunft wgrtetcn — Derselbe Engel ward auch der Bote Jesu, aber wie anders! und wieder auf der Stelle, in den Umstanden, in denen der höchste und sanfteste vom Weibe Gehörne nur angekündigt werden konnte! Die Geschichte ist durch Gemählde und durch dje Ueppigkcit eines Jahrhunderts, das unreine Gedanken und Schmutz auf alles, auch auf das Bild der Unschuld und Einfalt selbst wirft, entweihet — an sich aber und noch mehr im ganzen Sinne der heiligen Verbindung, ich zweifle, ob sie mit jeder Farbe jedes Umstandes reiner, edler und einfälliger gemahlt werden kann. Der Engel trat in die Einsamkeit einer Jungfrau, die ihrem Manne verlobt war, und grüßte sie mit einem Grussc der tiefsten Ehrfurcht — „eine vor allen von 2l6 Christliche Reden Gott Geliebte, von allen Auscrkohrne zur Mutter des reinsten der Menschen!" — welche Seele setzt das voraus! wie hebt sie die stille, ehrfurchtsvolle Anrede sogleich über alle ihres Geschlechts hinüber! — Maria erschrickt: „welch ein Gruß!" wie wird wieder die durch etwas so Unerwartetes so betroffene Bescheidenheit, Demuth und in sich gekehrte Engel- reine der Seele kennbar! Er tritt mit seiner Botschaft hervor, die ihr Muth einspricht: „fürchte dich nicht! Es ist Gnade Gottes, die ich dir verkündige!" und nun spricht er unter den Bildern und in dem Tone, den sie am besten fassen konnte, von der Größe ihres kün ft tigen Sohnes! Er soll ein K ö n i g seyn und sein Königreich ewig: ein Sohn des Höchsten, der Erbe des Thrones seines Vaters Davids. — Der Engel Gottes, der vor Gott steht, und gegen Zacharias mit so furchtbarer Würde sprach, wie redet er von der Geburt des höchsten Königs mit Ehrfurcht und Demuth! Seine Worte übersteigen sich gleichsam von Satz zu Satz immer, und erstrecken sich weiter; wie die Höhe und die Dauer des Reiches, das er verkündigt. Die unschuldige Maria findet sich noch verworrener: sie thut die unschuldigste Frage, die eine reine, von jedem bösen Vorwurf entfernte Seele thun kann, und das Gehcimniß der Herablassung Gottes wird ihr erklärt, wie's ihr nach Begriffen der göttlichen Würde und ihres Gedankenkreises erklärt werden konnte. Anhauch des und Homilien. 2^7 Geistes Gottes, Uebees chatten der allmächtigen Kraft sind die stillen mächtigen Bilder, in denen die größte Wundcrverandcrung der Natur beschrieben wird (und welcher Weiseste hat mehr davon gewußt und verstanden?) Geist Gottes haucht! Kraft Gottes schattet! und die allmächtige Wirkung ist da: das Heilige, das von dir geboren ist, wird GotteS Sohngc- nennt wer de n. Da ist also die Ursache,, warum Gott zu einem außerordentlichen Einzigen Zwecke auch den Einzigen Wundcrweg ging! Der Heiligste, Reinste der Mens ch c n sollte geboren werden: ein Geschöpf gebildet, das Hülle, Tempel, Wohnung, Abglanz der edelsten Kräfte des Schöpfers wäre: wie anders als aus dem geheiligtesten Blute? auf die unmittelbarste Gottesweise? ohne allen Mißton und Anlage zu einem Uebclklangc, einer verwirrenden Leidenschaft: die reineste Menschheit zum Gepräge der edelsten Triebe der Gottheit: ein Hohepriester (Ebr. 7, 26.) heilig, unschuldig; der innerste, fühlbarste Zusammenklang aller Vollkommenheiten in der Gestalt und Bildung eines Menschen — der sollte cs scpn nach allen Weissagungen des alten, nach allen Zwecken des neuen Testaments. Was ist befremdend?. was ist zu spotten ? Entweder nicht die Person, die's seyn sollte, oder also und mit der Ausnahme, und mit solchen Umständen und unter den Bildern auf die reineste, simpelste, edelste Weise verkündigt! — Die alten Weisen sprachen von der Schöpfung und Geburt eines Menschen allemal mit Ehrfurcht und Staunen : Christliche Rcdcn 218 die wahren Weisen zu jeder Zeit thuns nicht anders: lind wir wollen nicht eben dieselbe Entfernung und Ehrfurcht zu der Ankündigung des Ersten und Aus- erkohrensten im menschlichen Geschlecht bringen? War er in Allem Mittelpunkt des Geschlechts und der Einigerwählte: wie nicht in dem Augenblick, von dem Alles abhing? — Wie untergeordnet erscheint auch hier Johannes zu Cbristo? Er mit dem heiligen Geist, dieser aber mit Geist qesalbet ohne alles Maas! Ec nur Vorläufer und Verkündiger; der Verkündigte, wie größer! Jener nur Sturmwind und Flamme; dieser, auch in der Anmeldung und mit allen Umständen schon, wie stille und sanft! bleibender, ewiger Strahl Gottes! Kraft des Höchsten auf die stilleste Weise, qnwehend und schattend, sichtbar geworden! Der heilige Sohn Gottes! — In dem Ton steigt auch der Engel nieder, um Maria von dem, was sie nicht begreifen konnte, ab - und dahin zu lenken, was menschlich war und ihr Herz trösten konnte — es war das Vorbild ihrer Freundin! (v 36.) An ihr sollte sie sich spiegeln, fassen, Gott aufvpfern lernen: an der ihr Herz gleichsam Haltung und Trost erlangen — welch sanfteres leutseligeres Zeichen, als die Stummheit des alten Vaters! Und Maria unterwarf sich: das letzte Wort ward wieder das schönste Siegel der ganzen Unschuld- und Tugendseele. Die ganze Geschichte auch im Ton und dem Zusammenhänge der Erzählung ein und Ho mjlien, 219 Bild von Einfalt und Wahrheit, Dcmuth und Treue, Güte und stiller Weisheit GotteS. Welche Anstalt zu Einer Zeit hie, und da! mit Christus und Johannes. — Und wie stille! wie unerwartet! — unerwartet den Personen selbst, die Werkzeuge wurden, die niemand kannte, die sich selbst nicht kannten, die Gott aber kannte, liebte und wählte— Und wie ließ Gott sich zu ihnen herab! wie sprach er mit jedem so ganz an seinem Ort! in seiner Sprache! mit den Lieblingsbildcrn seines Herzens! -- Brauchte sie zu Werkzeugen seines großen Werks, was sie freilich nicht übersahen, wovon sie nicht den ersten Anfang verstanden; brauchte sie aber also, daß er ihr eigen Herz erfreute und ihre Wünsche erhörte. Des alten Vaters: „du wirst sein Freud' rc." der alten Mutter; „der Herr hat meine Schmach rc." und über Alles der Maria, der Begnadigten vor allen Weibern, wie auch sie es selbst fühlte und bald ihr Lobgesang tönen wird — Und wozu ward durch diese kleine Zubereitung und stille doppelte Verkündigung der Grund gelegt? Zu nichts minder, als einem Reiche Gottes, Las in die Ewigkeit dauret, So kennt Gott Alles und ruft ihm zu seiner Zeit, an seinem Ort, mit seinen Kräften und zu seinem Zwecke! So das Größte und Kleinste! So ward Christus, Johannes geboren — 0 Mensch, so . 2 . L20 Christliche Reden wardst auch du's! dein Name ward genannt, ehe auch du empfangen warst, deine 'Kraft bestimmt, deine Stelle und Ort erlesen; dein Gcburtsengel ausgerüstet. Mit allem was du bist und sepn sollst, bist du nur eine sichtbar gewordene Kraft! ein Bote Gottes in der Schöpfung. So sieh dich an, so gebrauche dein Leben! Dein Wesen ist dein Beruf: dein Herz, Gewissen und Seele die Stimme des Engels. Was keiner als du thun kann und soll, das thue, so thust du recht! und dann ist auch jede abfallende Blüthe deines Baums, jede Frucht, die dir zu verdorren scheint, die aber aus deinem Wesen quoll, und Saft und Kraft eines guten, ganz thatigen und gottergebnen Herzens zeugte, auch sie ist in der großen Schöpfung Gottes nicht verloren! — X. Lobgesang der Maria und des Zacharias. (Lucä 39 — Lo.) Eingang. ^Wiederholung des vorigen, von der stillen Ankündigung und Zubereitung Gottes auf die Eröffnung des neuen Testaments. Wie unerwartet, ja gar befremdend und gewiß nicht erpocht die Gnade den Personen war, die dazu erwählet wurden. Und wie das allemal Weg Gottes sey, außerordentliche Gnaden den stille- sten, dcmüthigsten Werkzeugen zu geben, die darauf nicht rechnen, damit nicht stolzieren und Wucher treiben, die sich vielmehr der Sache gern erwehrten, und, von dem Ruf und der Wahl Gottes verwirrt, ohne Fassung staunen-da hingegen aller eitle Ruhm der Menschen, selbstangestrebte, selbsterpochte 222 Christliche Reden Gaben Wind sind und sich in Rauch und Wind endigen - Wie söndetbüt und gar den Anschlägen der Menschen zuwider Gott veranstaltet. Eine verlebte Elisabeth > eine Maria, die nichts weniger als die Botschaft erwartete: arm, verborgen — und Kaiser und Obersten des Volks ging Ruf und Auswahl vorbei ! Wie stille insonderheit Und ohne Geräusch Gott von Weissagung und Wundern ünsing, und aus dem kleinen Kreise ins Große schritt — das Saamenkorn ward stille gesäct in Nacht und Nebel, und wider aller Menschen Erwartung. Jetzt gings auf! heute schießt die erste grüne fröhliche Sprosse aus der Erde. Der heilige Kreis von Privatpersonen, die vorher entfernt waren, findet sich zusammen, ihre Seelen berühren einander und geben Funken des himmlischen Feuers. Marler, die einsame, stille, bescheidene Maria, die der Engel in Betäubung und Zweifel gelassen, wird von allen Banden los, und flammet in bohen Lobgelanq auf. Elisabeth, die die Erfüllung ihres Wunsches thätlich sah, wecket sie dazu, und umarmt sic mit Freude Und Weissagung. Der alte Vater bekommt wunderbar seine Sprache wieder, strömt aus in Weissagung, Lobgesang und Freude. — So sproßt und lacht die stillgesaete Saat Gottes: und aus der Nacht bricht Morgen! Laßt Uns hören, aufmerken und jedem guten Bei« piel folgen! und Ho Milien. 223 - Luc. i. v. 3y — 8c>. I. Der faßlichste Trost, den der Engel der Morin sogen konnte, war Vorbild und Beispiel ihrer Freundin, ouf welches er sie verwies. Moria war Mensch und Weib. Ehre und Schande, die Mevnung Josephs und der Ihren, denen allen ja Nicht der Engel erschienen war, war ihr nicht gleichgültig. Die ganze Sache, wie göttlich sic war, befremdend. Der Engel ließ sie ohne Zweifel in zehnfachem Betracht in Scannen, Furcht, Zweifel, Gedankenverwirrung und Betäubung. Was sollte sie thun? Einsamkeit war ihr verhaßt, war nUr eine Nährerin trüber Gedanken, auS denen doch kein Licht entsprang. Auf ihre Freundin war sie verwiesen: dahin hatte der Engel also ihren Schritt geleitet und für die Unruhe der öden EinsarNkeit mit diesem Worte gesorgt. Sie stand auf und, scheuete keine Reise über das.Gebürgt endelich , d. i. eilig: keine Zeit ward ihr langer, als bis sie die erste Erfüllung der Worte des Engels aus menschlichem Munde hörte. Und da es gar der Mund ihrer Freundin seyn sollte Siche, da empsieng sie Elisabeth, die mehr als alles das schon wußte, mit einem Gruß voll heiligen Geistes, Preises und Lobjauchzens, daß Maria mehr als getröstet, auf den Schwingen der Freude und Lobpreises der Elisabeth fortgeführt wurde und sich ganz in Lobgesang Gottes ergoß. -Welch ein verändertet Auftritt gegen den 224 Christliche Reden vorigen: wie sproßt das Saamcnkorn Gottes —> „und aus der Nacht bricht Morgen !" Laßt uns einige Spuren der weisen Güte auszeichnen, von der die ganze Geschichte voll ist. a) Wie schön, daß Gott also durch den Mund des Engels sür Trost und Aufrichtung der Maria sorgen ließ, und sich der Schwachheit eines zarten weiblichen Herzens bequemte! Alle Aussichten mit ihrem Sohn und seinem Reiche waren freilich groß — aber zu groß und entlegen, als daß sie der gegenwärtige, betäubte, verworrene Blick der Maria, der nur zunächst um sich sähe, und da Aufklärung wollte, fassen konnte. Die Ehre und Auswahl Gottes, Mutter seines Sohns zu werden, war allerdings groß und fähig genug, ihre Seele zu erheben, wenn sie zuerst— vom Drucke los war; aber daß sie diesen erst los würde, daß ihre Seele sich erst dev menschlichen, weiblichen Familicnbekümmerniß entledigte und gleichsam freie Schwingen bekam, die Hohe des andern, himmlischen, göttlichen, großen Trostes zu erreichen — das war der erste, schwerste Schritt, und siehe, zu dem reichte die gütige, mütterliche alles zuvor bedenkende Vorsehung ihr selbst die Hand. Gott fühlte sich in ihr Herz, fühlte dessen Wunde, und halte für dieselbe, ehe er sie selbst anrührtc, schon Arznei bereitet. Jenseit dem Gebürge! — Elisabeth, ihre Freundin, in eben dem Gange der Vorsehung! ihre Trösterin und Alles! — dahin winkte sie also die Vorsicht! — Kann man sich etwas Gütigeres von der höchsten Güte gedenken? und siehe, wie oft! wie oft sorget und Homilicn, 225 sorget sie also! Hier gerathst du kaum in Verlegenheit , Unfall und einen Schein der Verlassenheit, und stehe! schon zum Voraus wurde dort, an einem andern Ocre, „jenseir des Gcbürgesdir Zuflucht, Arzt und Trost bereitet! hier ward kaum der Saame zu deinem Schmerz gestreuet, und dorr, lange vorher, keimte und blühte schon das Gewächs zur Linderung desselben! Gott harte, ehe er das Labyrinth deiner Verwirrung nur schuf und dich da cinführte, schon zum Voraus den Jaden fertig, den er dir in die Hand gäbe, dich darin zu leiten — gütiger, väterlicher, mcnschlichfühlendcr Gott! b>) Und daß die Zubereitung dieses Trostes Menschlich war, daß, bei allem Wunderbaren der Erscheinung, der Engel auf eine menschliche weitere Erklärung verwies — wie lehrend! und wie gut! Der Mensch ist sehr geneigt, bei jeder kleinen Verwirrung seines Lebens gleich zum Aeußcrstcn Zuflucht zu nehmen; unmittelbaren Trost aus der Hand Gottes, Zerschneidung des Knotens durch die höchste Hand, die ihn geflochten, zu fodern '— dahin pochen denn Wünsche und Gebete ins Wunderbare hinüber: die Seele ist aus der Welt hinaus! — Und Gott führt sie, auch wenn er die Wünsche erfüllt, meistens in dieselbe wieder hinüber: indem er sie blos durch Menschen, aus menschliche Weise erfüllet, und zeigt, da seyen die Waffen, die für ihn streiten, die ihn rechtfertigen, die ihn erläutern. Du kommst jetzt in Noth; du seufzest, Herders Werke z. Rct. u. Lheol. III. P 226 Christlick) e Reden du verzweifelst, willst Zeichen und Wunder sehen, weißt keinen Ausgang und Cude, wenn sich der Himmel dein nicht selbst aufs außerordentlichste annimmt. Und siehe! das thut er Nicht; er hilft dir aber, indem er dich aufs allerordentlichste verweiset, und dich damit errettet, tröstet, segnet. Hier bist du verlassen; einsam, ohne Rath und Ausschluß in eignen Selbstgedanken; die Erscheinung hat dich verlassen, und kein Engel erscheint, wiederum auf das zu antworten, was du fragtest-aber siehe! „jenseit dem Gebürge" ist dir schon Aufschluß bereitet. Kein Engel! eine Sterbliche, (aber sie ist deine Freundin) nimmt Theil; ihr Wort, ihr Trost kommt aus Menschlichem Herzen und trifft unmittelbar rer Weise dein mcUschlicheS Herz; ihr ganzes Beispiel, ihr Vorbild, ihre Situation ist dir vielleicht selbst schon Trost, Rath, Aufklärung. Siehe da deinen Engel Gottes! — Und in der That für Menschen sind Menschen mehr als Engel, die besten, unmittelbaren Stimmen an Herz und Seele. Der Weg des Wunderbaren und der Erscheinung, auch im Freudigen, welch ein trüglicher Weg! betäubend, schreckhaft, verwirrend — kurz nicht menschlich. Aber der Weg durch Menschen an Menschen I — sie sind wie wir, und wir, was sie sind. Sie bessern sich, indem sie uns bessern, erfreuen sich, indem sie Uns trösten; ihr Wort ist faßlich, ihr Trost und Lehre menschlich — von keinem Betrüge oder Betäubung begleitet. Der Engel wies an Elisabeth, wie Paulus an Ananias gewiesen ward: wie die Gottheit in allem Menschlichen gern durch Menschen wirket — Eine Kette fasset da von allen Seiten Glieder, erregt und Ho milien. 327 viel Endzwecke, indem sie Einen erreicht, sie wird also Weg der Vorsehung Gottes! —^ c) Was giebts also auch in unserm ganzen Lebenslaufe für unmittelbare Engel und Werkzeuge Gottes, als die Menschen, die auf uns wirkten! Von Jugend auf ist fast die Hälfte unsrer Seelen ihr: und cs kommt Meist nur darauf an, ob wir Engel oder Teufel sind, wenn wir Mit Engeln oder Teufeln umgingen, frühe und stark sie auf uns wirkten, und sich in unsre Seelen gossen. Im schwarzen dunkeln Schatten, wie anders als ein dunkler Schatte! mit Lichte umgeben, von Kindheit aus daran gewöhnt, N>ie eher wirst du eine Licht- gestalt werden! Das ist also so oft eine unbemerkte Spur der besten Wvhlthaten Gottes in unserm Leben, daß wir hie und da Mit den Personen zusammeNtvafen, die allein soviel auf uns wirken konnten, was sonst Nie oder schwer gewesen wäre. Allein gelassen, wüs wären wir gewesen! was wären wir geblieben! — Aber da führte Gott deinen Weg „über das Ee- bürge," hatte da eine andre Seele für dich bereitet, hatte euch, ehe ihr euch kanntet, durch Ein Schicksal, durch ein Band des Herzens, durch Noth, durch Umstande geknüpft — ihr begegnet euch auf dem Weg eures Lebens. Wie kommt Elisabeth Maria entgegen! wie war diese auf jene zubereitet! was wird durch beide in beiden gewirket! — Gedanken in einander, Trost, Lehre, Aufrichtung, Vorbild vön Tugenden gestreuet, mehr und auf stil- lerm Wege, als es eine Erscheinung wirken konnte. P 2 226 Christliche Reden fl-' i> Gott führte euch zusammen, ' daß ihr einander En» gel seyn sollt, die sich einst im Himmel (wenn wir unser ganzes Lebens-Schicksal übersehen,) ansehn, Lanken, lieben und verwundern werden, wie die Blätter ihr Beider so nahe an einander schlugen, so nahe verknüpft waren! was ohne sie nicht, und was alles durch sie ausgcrichtet worden — O mehr als mütterliche Vorsehung, die also Herzen knüpft und Schicksale von einander abhangen laßt und menschliche Lebenswege leitet! — II. Elisabeths Freude, die sich ihrem Unge- borncn selbst mittheilte, erregte den Lobgesang Maria's, — welch ein erhabner Lobgesang in der tiefsten Einfalt! Er wird viel gesungen und wenig verstanden; er ist nichts weniger als Gebet an Maria und als solches gewiß nicht zu gebrauchen, das innigste Herzensgebct Maria's selbst, das ist er; voll Erhebung Gottes und tiefer Demuth. Sie weiß nichts von sich, als von Niedrigkeit der Magd, die G o t t a n g e- sehcn, und von dem hohen a l l b a r m h e r z i- gen Gotte, der Stolze stürzet und nur die Niedrigen erhebet, — von der Empfindung ist ihr Gesang voll. Und davon war voll ihr Leben. Kein Wort von ihr als Wundcrthaterin, Lehrerin, Prophetin, stolzer Gebieterin Jesu — er ließ sich beim ersten kleinsten Wunder nicht vorschreiben, und die bescheidene Mutter zog sich zurück! Nicht die Brust war selig, die ihn ges äuget; wer Gott in ihm horte, der war ihm Vater, Schwester und Mutter. — Und das verstand Maria, dem folgte und ergab sic sich: sah Lebenslang nicht die Königsverheissun- gen an ihrem Sohn erfüllet, mußte vielmehr mit ihm Arbeit und Kummer theilen; sie war bescheiden , hoffte, glaubte, litte und ergab sich Gott. Schwerdt des Herrn in ihre Seele, das war der größte Lohn ihres Lebens! Von ihrer Himmelfahrt und unbefleckten Em- pfangniß wissen wir nichts: von ihrer Krönung im Himmel zur Göttin und Gebieterin des SohneS noch weniger — sie blieb auf Erden, da Jesus gen Himmel fuhr! und ward alt auf Erden in Trübsal und Glauben, obgleich ihr Sohn, und ihr halbes Herz zur Rechten Gottes erhöhet war-In dunkeln Zeiten sind alle dergleichen Fabeln entstanden , da man an Einem Gott nicht genug hatte, und auch eine Dame im Himmel haben wollte, zu der man sich wenden und die das Herz des Vaters und Sohnes lenken könnte; so daß Maria fast in die Dreieinigkeit und darüber gesetzt worden; sie, die hier und allwege nichts war, als die tiefste Magd des Herrn. Und als solche lasset uns sie ehren. Wie edel und unschuldig und liebenswerth sie sich schon in der Ankündigung des Engels zeigte, haben wir gesehen — was mußte cs für eine Seele seyn, zu der ein Engel Gottes sagen konnte: ,,du, die Erste deines Geschlechts auf Erden! die Freude und Lust Gottes, des Schöpfers!" welche Person ! — 2Zc> Christliche Neben Wie sanft entwickelte sich dort ihre Schüchternheit, Frömmigkeit und Unschuld im ganzen Gespräch, bis sie sich endlich in die demülhigste Gelassenheit endigt; ,,Sjche, ich bin des Herrn Magd!" und nun, wie erhebt sich eben die de- mütbige Seele, und wird so Gotterhaben: meine Seele erhebet den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Hei? lan des! rc." Erhebet sich bis zur Quelle des Glücks! des Guten! der Ebre! zu Gott! „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, hat große Dinge an mir g c t h a n, der Allbyr m herzige! der Vater unsers Volks!" Hat erhabnes Herz genug, den ganzen Kreis der Wohlthat zu fühlen, die Gott durch sie erwies! den Umfang der Verheißungen zu fühlen, die dadurch erfüllet! die ewigen Veränderungen, die dadurch gestiftet! die Nytionalehre, die dadurch und durch sie ihrem Volk; die selige Unsterblichkeit, die dadurch ihr selbst! ihr selbst erwiesen ward, — „S »ehe, yon nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder iie. Er hat große Dinge rc. Er übet Gewalt rc. Er he n ke t d e r Barmhe rz j gke i c, und hilft durch mich seinem Diener Israel auf rc.; wie er geredet hat rc."-So dachte, so fühlte, so empfand sie — Maria! Welch ein Weib! welch edle, Hobe, Gottesvollc Seele! das Alles so zu fühlen! sich im Rathe Gottes so zu fühlen! sich für Volk und Land und Erde und Nachwelt also zu fühlen und zu freuen! und die ganz? Erde als zweite Mutter desselben zu umfassen, Werkzeug Gottes also zu seyn, und — als und Homilien. 23 t die tiefste Magd niederzusinken, und sich als die unwürdigste ihres Geschlechts, selbst in ihrer höchsten Freude, mit welcher sanften Einfalt, Dcmuth und Aufopferung dem Allgewaltigen und Allbarm- herzigcn zu unterwerfen — o Maria! wie groß warst du! und welche deines Geschlechts, die mit der Wahrheit im Herzen, wie du, die Worte — nicht singen, nicht sagen, sondern zum Spiegel ihrer Seele , zum sanften , ewigen , schweigenden Bekenntnis ihres Lebens machen könnte, „also zu fühlen, also zu fern!" Wie viele, die nicht werth sind, Ein Wort davon auf der Zunge zu haben! Narren Habens unter andern auch aus dev weltlichen der biblischen Geschichte vorgeworfcn, daß sie keine Hörbilder großer Weiber gebe, wie jene! — Wenn große Weiber Ricsenwejbcr seyn sollen, die auf Stelzen erhabner Gesinnungen einhergehen, sich den Dolch in die Brust stoßen oder glühende Kohlen verschlucken können: so mags wohl sepn. Zu solchen Tugenden giebts äußerst wenige Gelegenheiten und Umstande; und wo sie sind, da sind sie vielleicht in der gryßmüthigen Betäubung leichter, als man sie sich denkt. — Ohne Zweifel ist di? wahre Tugend des weiblichen Geschlechts nicht aufbrausende Härte, sondern sanfte Stille, edle, fortgehende, verschwiegene Thatigkejt, und dann aller Tugenden ohne Zweifel die schwerste, still? Aufopferung und anhaltende, thgtige Geduld im Leiden! —^ Das ist Natur, Bedürfnis und Geschlechtskrone ! das war vom Anfänge der Schöpfung an Bestimmung, das ist noch höchster und einiger 2.?2 Christliche Neben Schmuck der weiblichen Menschheit — und ist das, wo sind höhere Vorbilder, als die uns die Bibel giebt! — welch höheres, schwereres Vorbild, als eben Maria in ihrem Leben! „Mit der Erhabenheit zu denken, zu glauben, zu empfinden! Also in Gottes Rath eingehcn zu können und in Freude und Verwirrung zu triumphircn! Lieber alle Menschen und Menschenurtheil und Menschenglückselig- keit weg zu seyn — ganz in der Freude Gottes, auch in Kummer und Plage, und sich ihm mit der forschendsten, strebcndsten, thatigsten Sanst- muth in allem zu unterwerfen." Wer aller Männer und Weiber kennt eine höhere, schwerere Tugend ! Maria! — Werde ein Vorbild deines Geschlechts ! III. In eben den Ton, nur priestermäßiger und ebner stimmt der Gesang Zacharias, da sich eben sein Mund eröffnete, um den Namen seines Sohns, „huldreich! gnadevoll!" wie es keiner seiner Familie war, und wie ihn auch der Name als Verlobten Gottes und Vorläufer Jesu auszeichncw sollte — um diesen Namen nennen zu können und voll Geistes zu weissagen: „Gelobet sey dev Herr — auf dem Weg des Friedens.": (v. 68 — 79.) Priestermaßig sind alle Bilder seines Gesanges und nationalmäßig: er sähe noch nicht die Folgen aufs große Reich der Welt. „Daß Gott das Volk, in dem die Weissagung so lange geschwiegen, wieder besucht, ihnen wieder' einen Propheten! und in ihm eine Fülle des Heils gegeben, wie voraus! und Ho milien. ?33 daß jetzt die Befreiung dem Volke nahe, die der Messias bringen, und die Barmherzigkeit, Eid und Bund verdoppelt, erfüllt und besiegelt werden sollte, die den Vätern geschehen waren: daß eine neue, lichte, selige Zeit anfangen würde, zu der der Neu? geborne Vorgänger und Prophet seyn sollte, und die eben in der tiefsten Dunkelheit ansinge" — — das ists ohngefahr, was Zacharias sang! wozu er den Sohn aufopferte, und was der Erfolg zum Fchejl noch vor den Augen des Greifes bekräftigte: ,,das Kind wuchs und war starkem Geist rc." (v. 8c>.) Und nun das Bild Aller zusammen: Elisabeth, Maria, Zacharias —. welche Familie! Welch ein kleines, crkohrncs und an Seele, Muth und Glückseligkeit so hoch erhabnes Häuflein Gottes! Und wie hatte das Gott gefunden! wie wußte er sie zu binden, zu vereinen! und ihre Seelen mit Glückseligkeit und fröhlichen Aussichten. nach jedes seiner Art zu erfreuen! Und wie edel wandten sie diese an! übten, stärkten, übertrafen sich in Forschung und Lobpreisung der Wege Gottes! übertrafen sich einander in Empfindungen des Danks, der Ergebung, der heitersten Gottesfreude! Wer ist, dem solch ein Bild, solch ein Freu- dengemahlde edler tugendhafter Seelen nicht das Herz öffnet, auch so zu seyn, wie sie! und Seelen ^ zu finden, die also einander gleichen! Lasset es uns Christliche Reden werden, lasset uns würdig werden, nur Einen Ton in solche Gesellschaft einstimmen zu können, und wir werden auch andre uns gleich gestimmte Herzen finden! Wir werden sic nach uns ziehen! der Himmel wird sic und uns durch Schicksal, Bestimmung, Umstande des Lebens zusammenbftngen, binden und offenbaren denn kann es eine edlere, himmlischere, ewigere Gesellung und Freundschaft der Seelen geben, als uw Dank, Lob, Freude und Unterwerfung Gottes das Band ist, was sie bindet! das Land, wo sie zufammenkommen, die Aue des Himmels, wo sie sich vereinigen! — Gemeinschaftliche Werkzeuge Gottes mit gleichreinem und guten Herzen in Einer Welt zu Einerlei Glückseligkeit anderer zu seyn sehet da, ein Lied der Freundschaft, worein so wenige stimmen können, was aber alle menschliche Leidenschaften, Zufalle und Sturmwinde, wie auf dem Gipfel eines Vorgebirges zum Himmel, unter sich suchet, Zeit und Grab überlebet, Seelen bessert und veredelt, und sich gewiß in einer reincrn, glückseligem, höher» Welt wiedersindet! Sie gehen ja zusammen dahin — und Homilien, 235 XI, Nachricht an Joseph. (Matth, r, ist --- 25 .) der Mensch von den Wogen der Vorsehung sich am meisten zu merken, worüber er sich am meisten zu wnpnen hat, sind eben die Stellen, wo sie Menschen verwirret, wo sie gegen und über menschliche Begriffe handelt, Was wir uns an und durch die Ansicht der Welt erklären können, ist auch nur Ansicht! Oberfläche! Erscheinung eines Augenblicks in der gewöhnlichen Ordnung — und das ist nun eben nicht so große Kunst! Wo aber die ruhige Ansicht der Ordnung aufhörct: wo Krümmen im Labyrinth kommen, deren Ausweg nicht gleich zu sehen: wo unsrer Vernunft die Regel unterbrochen zu seyn scheint, nach der er handelt — alles wird unbegreiflich! Da sitzt alsdann der Weise am meisten im Labyrinth, der sich von Allem und von Allem auf eine Art, nach einer Gemcin-Rcgcl, Ursach und Rechenschaft geben wollte — Ec kann 236 Christliche Reden nichts erklären: was ihm Weisheit geworden, ist jetzt, wie's scheint, göttliche Thorheit: Mittel, die Menschen verwerfen, und Gott braucht sie: ein Sinn und Zweck, den Menschen nicht gleich fassen, und Gott wählt ihn — Der Weise staunt nun und sitzt am meisten in Betäubung: da im Gegcn- theil der, der an die Vorsehung auch glauben gelernt hat, wo er nicht flehet, der wartet, hoffet, glaubt! ist wie ein Kind gehorsam, und ein Kind übersieht die meisten Gefahren, Leiden und Versuchungen der Natur, die ein vernünftelnder Alter nicht oder kaum Überstunde! Je größer ein Kunstwerk ist, desto mehr liegt seist Sinn aufs zusammenhängendste im Ganzen, je tiefer und voller ein Buch, desto mehr erfahrt man seinen Inhalt nur am Ende. Gewiß also mit dem Rathe dessen, bei dem jeder kleine Sinn so vollzählig, ein Mensch aber im großen Buche nur so ein kleiner Buchstab ist, der sich selbst kaum mit zwei Nachbarn buch- siabirt: wie will ec Bedeutung des Worts, wie Inhalt des Buchs wissen, das das allsehende Auge allein liefet? Warle, scy thatig, hoffe und glaube! Text: Matth, r, — 25 . I. Der Engel erscheinet zum drittenmal und man wird glauben, es solle bald genug seyn. Zu einer Ankündigung so viel außerordentliche Maschinen ? — Nicht mehr, als genug war! Nur drei Personen, deren jeder cs unentbehrlich war, und jeder Person auf eine andere, ihr angemessene, würdige Weise! Lasset uns einen Augenblick setzen, der Engel wäre Joseph nicht erschienen — der Evangelist sagt uns schon, in welchem Zustand sich seine Seele fand, v. 19. „Joseph war fromm, gedachte sie u." Un- nöthigcr, unschuldiger, aber wie menschlich zu entschuldigender Verdacht schwebte mit schwarzen Flügeln über seinem Herzen; brütete darüber Gram und bittre Schwermut!): die er liebte, also zu finden ! auf die er so vertraut hatte, also verlassen zu müssen! — Und verlassen, nichts anders sollte die Frucht dieses schwarzen, still und um so empfindlicher nagenden Grams werden! Ec schwebte zwischen Ehre und Liebe! Gottesfurcht, Redlichkeit und Mitleid: er kämpfte, und hatte den Kampf also geendet, daß der Entschluß gefaßt war, Ehre zu retten, Gottesfurcht, Redlichkeit, Treue zu retten; Mitleid und Liebe aber auch, so viel er könnte, nicht zu beleidigen. Der Entschluß war gefaßt, er ging schon (v. 20.) mit diesem Gedanken um — Und nun hatte er ihn ins Werk gesetzt, welche Bitterkeit von Folgen auf beiden Seiten! — das Herz der Maria wie unschuldig gekrankt und durchbohret! Mit Mangel und Vorwurf, mit dem, was sie verlor, und was ihr so eine Seele, die sie nun verlor, vorwarf --Die schamhafte Maria hatte sich nur blöde und unbefriedigend retten können. Und hatte spater der Erfolg gerettet! wäre alles das Wunderbare erwacht, was die Geburt und das 238 Christliche Neben Leben Jesu begleitete , — wer kann sich die Reue, den bittern Vorwurf vorstellen, der nun dem Herzen Josephs übrig blieb, und der sich natürlich mit nichts als Ruhe im Grabe enden konnte — — Auf der Spitze einer so scharf schneidenden Klippe stand das Schiff: ein Augenblick mußte es retten, oder es ward Trümmer! Und Gott wollte Und thats. Er schonte und heilte zwei zarte und edelste Herzen von ihren empfindlichsten Seiten : Liebe und Ehre! Er ersparte beiden einen Verdruß, GraM und Jammer, an dem ihre Denkart und Betragen so Unschuldig war, in den sie nur das blinde Schicksal, d. i. sein Wille gestürzt hätte! —^ — Er hatte aber Noch Mehr nöthig zu seiner Absicht. — Maria sollte einen Beschützer, Jesus einen Erzieher und Pflegevater haben: ihre Ehre und Name sollte selbst nicht jeder Zunge da stehn, — Gott verschaffte ihr also gegen alles Schirm. Er wählte eine Verlobte, die nach Gebräuchen des Landes schon unter dem Namen des Mannes war: aber nur eine Verlobte, weil Jesus, das Heilige, der Sohn Gottes geboren werden sollte. Gott wählte diesen zusammengesetzten Umstand, und da er Menschen zu schwer werden konnte, so machte er ihn auch selbst diesen Menschen leicht. Erscheinung erschien Joseph, aber Nur auf der untersten Stufe der Erscheinung, im Traum. Ware es der Maria also gewesen, wie unbefriedigend, und für die Spötter gar lächerlich! Aber und Homilien. 2ÄI Joseph — Er war nur Nebenperson, die dabei stand, die Wink Und Ausschluß nvthig hatte, und so war es für ihn genug! Sein Herz, ringend mit den Gedanken, und im schwersten, verzweifeltsten Schluffe, schlief ein. And siehe da, die sonderbare, so wenig gedachte, alles aufschließende Erscheinung! — wie Helle! wie licht und deutlich! — Alles schwebte ihm vor und rettete den Charakter der Maria, auf die Art, wie er ihn selbst gern nach Ucberzeugung, Liebe uNd Erfahrung gerettet wissen wollte! und befahl ihm etwas, was eben sein Herz wünschte, aber je seine DeMuth nicht also denken können ! Er stand auf, enthüllte sein Herz Maria, — und welch bestärkendes Wunder! sie wußte alles mehr und tiefer. Nicht sie allein, sondern auch Elisabeth und Zacharias. Derselbe Engel! die Botschaft! der Name! der Zweck! das an beiden Personen offenbare Wunder! — Ueberzeugender konnte nun nichts sepn: alle Vcrheissungcn von Messias wachten auf! Dank und hohe Aussichten und Hoffnung und Freude und Anbetung traten in die Stellt der Furcht, des Grams und Zweifels. Wie freudig gehorchte er der Erscheinung! Er that, wie ihm des Herrn rc. (v. 24. 26.) So innig ist Gott in deck Menschlichen Verfallen gegenwärtig und fühlet in menschlichen Herzen eben in den zartesten Empfindungen mit! —- Er prüft und läßt Versuchungen kommen, aber nur zu Einem Grade: die Last wird nicht schwerer, als daß ihrs könnet ertragen. Sei unschuldig, und der Himmel wird deine Unschuld rechtfertigen: Liebs Wahrheit, Gottesfurcht und Ehre: wenn sie di; 24 » Christliche Reden gleich Verlegenheit und Gram zuziehen sollte, wovon ein rohes Gcmüth nicht weiß: selbst dies bringt dich weiter und ist nicht ohne Lohn. Auch der' Knote wird sich besser entwickeln, als ob er nicht gewesen wäre. II. Aber ini Traum geschähe die Erscheinung — und in der Bibel finden wir oft Träume sollen wir auf sic bauen? ihnen folgen? sind sie Mittel der Unterweisung Gottes? Lasset uns die Umstände erst zusammen nehmen, die hier bei Josephs Traume waren, und sehen, wie oft kommen sie wieder? Es betraf hier einen großen Vorfall: nichts minder als Geburt und Erziehung Jesu, Ehre und Her; seiner Mutter, Rettung und Glück der edelsten Personen, die in die größte, wunderbarste Sache verflochten waren, in eine Sachs, bei der nun immer das wenigste Wunderbare ein Traum war. Wo alles übrige statt fand wahrlich auch das Mindeste von allem — dieses! -^ Der Endzweck lag offenbar da, war Gott anständig, gut, menschlich, und auf die Art, wie leicht ward er erreicht! —- Unerwartet und unerpocht war die Sache. Joseph, der arme Privatmann, dachte an nichts weniger, als solche Entwickelung : Joseph, der bekümmerte Verlobte, voll Grams und Kampfes, schlief eben in den entgegengesetzten Gedanken und Entschlüssen ein. Und siehe, da wurden seine Entschlüsse zerstückt: wie sonderbar! deutlich! und mit den größten Kennzeichen der Wahrheit. Sie stand vor ihm die Erscheinung: er und Homilien. 24 t er sah sie noch wachend gleichsam : horte deutlich ihre Worte, noch wachend klangen sie seinem Ohr. Wußte eine ganze Sache, von der er vorher kein Wort gewußt: ein G ot te s geh eim n iß , wovon kein Melisch wissen können, und aus dem sich nun alles erklärte. Endlich seine Erscheinung traf so wunderbar mit den eben so wunderbaren B e- gegnissen drei andrer, durch Land und Zeit von ihm getrennten Personen, Wort für Wort, Stück für Stück zusammen. — Der Erfolg enthüllte alles fort in eben dem wunderbaren Gange — nun laßt uns vergleichen?-^ WeNn ein abergläubiger Mensch auf Traume hofft, sich täglich mit Traumen tragt, und mans aus seinem Charakter so gut erklären kann, warum Ec und kein andrer sich also und mit solchen Traumen trage — Ec schlaft in Gedanken, in Sorgen, in Erwartungen der Art ein: die geschäftige Einbildung spielt ihre Nolle, wickelt aus Gedanken andre Gedanken — cs wird ein Traum! Oder die ermattete Seele, die neue Lebensgeister sucht und sich gebiert, schnappt gleichsam über: der Druck der Ermattung und des Geschäfts der Ersetzung der Lebensgeister gebiert, wie wirs so oft in wachenden Zuständen sehen können, Bilder, Erscheinungen, Gestalten, die alsdann der Traum nur komponirt — Odet eine Krankheit, ein herrschender Körpct- zustand, das Blut, der Wahn tobt!^- Wir leihen Herders Werke z. Rel.u. Theot. III. Q Christliche Reden 242 der Erscheinung ganz unsre Denkart, unsre Sprache, ja gar die lächerliche Sprache eines Traumbuchs, „wenn mir das träumt, so muß es mir das bedeuten" und die Erscheinung mag nun so gütig seyn, sich nach dem Wörterbuchs zu richten-> Endlich so unwichtige Sachen — man weiß nicht wie? was? oder wozu? so nebelvoll und dunkel! man hat, ehe der Traum zu Ende ist, ihn schon vergessen, nur Stückwerke von ihm weben ssch, wie im quellenden Moraste, bei Lebcns- vorfällerc Hw und da auf: was ist da natürlicher und sicherer, als „wer auf Traume hascht, der greift nach seinem eignen Schatten!" denn was sind sie in genauem Verstände anders, als — Schatten von uns selbst! Und wie darf man solche Träume nun mit den wunderbarsten Stellen der Schrift vergleichen, wo der Traum Gottes jedesmal fo sebr an feinem Orte steht, auf seiner Höhe, in seinem genau ausgesparten Lichte! Konnte Gott, um Joseph und Daniel zu seinen Werkzeugen zu machen, besser, leichter und sicherer ans Herz der Aegyptec und Ba- bvlonier kommen, als auf diesem Wege? Wo auf Träume merken, ein so allgemeiner Wahn, Träume auslegen, so allgemeine Weisheit war! — Wo Gott also in eine große Erndie Vorurtheile und Jrcthümer, die so hoch wucls und gewiß gcmähet ward, ein Saamenkorn Wahrheit streute, eben weils auf diesem Boden gewiß nicht umkam — — Da lenkte Gort die Herzen der Menschen durch ihr eignes Herz, und ein großer Erfolg war davon und Homilit". 24.? immer Wirkung. — Wo sind ober wir auf Mittel der Gottesoffenbarung selber Art gewiesen? Zumal unter dem neuen Testamente? Auch in dem Betracht sind Schatten und Vorbilder nur noch Zeichen der Nacht gewesen; mit Christo brach der Morgen an und die Schatten flohen. Jesus sähe keinen Traum! sah kein GeheiMniß Gottes im Traume! lichte Offenbarung und stille Vereinigung und Wirkung mit Gott, seinem Vater, das war sein Zustand aus Erden — der Tag ist durch ihn angebrochen und Helle Wahrheit ist worden. Am Tage träumt mm nicht, man schließe aber auch nicht daraus, daß keine Nacht und Dämmerung seyn können, in der man träumet. In den ersten sinnlichen Zeiten der Menschheit wars allerdings ein so natürlicher Weg der göttlichen Offenbarung , als bei Kindern die Wahrheit durch Bildet: und in solchem Falle laßt sich überhaupt das Außerordentliche nicht nach der allgemeinen Ordnungsregel schätzen. III. Der Evangelist führt Worte der Erscheinung und hinter ihnen eine Stelle des alten Testaments an, von der mans zweifelhaft machen wollen, ob sie von Christo handele. Das, sagt er, (v. 22.) ist altes geschehen, aus daß erfüllet re. und beim Propheten Jesaias (Kap. 7 , 14.) werden doch die Worte gewiß nicht von Jesu, sondern von einem andern Knaben gesagt, der damals geboren werden sollte — das ist aus dem Zusammenhänge unlaugbar- Q 2 244 Christliche Neben Zwei Könige waren ins Land gefallen, (Es. 7, i.) und das ganze Herz des Landes, Volks und Königs war muthlos (v. 2.) Der Prophet mußte ihm entgegen, ihm Trost cinsprechen, Befreiung weissagen, (v. 3 — 9.) aber das half noch nichts: das Herz des Königs wankte! „So fodre dir ein Zeichen von Gott!" sagte der Prophet: Ahas wollte nicht „daß ich den Herrn, meinen Gott, nicht versuche" (v. ao — 12.) Nichts also blieb übrig, als daß es ihm halbzornig der Prophet gab, und dies war das Zeichen (v. 14.) : Geburt eines Sohnes, der Emanucl hieße, d. i. Zeichen der Errettung wäre, und, wie's der Prophet .gleich erklärt, (v. r 5 . 16.) „Ehe der Knabe lernt Böses verwerfen Und Gutes erwählen , wird das Land verlassen seyn von seinen Feinden !" Das ist nun der unläugbare Zusammenhang des alten TextS, den die ganze Folge bekräftigt. Kap. 3 , r — 3 . wird der Sohn geboren, der noch andere, eben so prophetische Namen bekömmt, als Emanuel: die Ursache (v. 4.) steht dabei und das große Triumphlicd des Propheten (v. 6. 9. 10.) und das Ende des Kapitels .hinaus, das nur immer noch von einem und demselben Vorfall redet, ist der lauteste Gewährsmann. Zu Jesajas Zeiten wurde der Wundcrknabe, das Zeichen Gottes , das Zeichen der Errettung, geboren, und Gott rettete auch, was er durch ihn verheißen. Der Knabe war noch nicht erwachsen, er lernte noch nicht Vater und Mutter nennen, und das Land war von den Feinden rein —- und Homilien. 2^5 Wie konnte also dies min eine Verheißung auf Christum scyn? Und ich sage, wie anders als also eine Verheißung, ein Nord i!d — Sollte der Prophet Sachen sagen, die damals niemand verstand? auf gut Glück, daß Menschen sie nach einem Jahrtausend verstehen könnten? —- Sollte er ein Zeichen dem Könige geben, was aber zum Unglück der König nicht fahr, was Jemand aber nach Jahrhunderten sehen würde? Und dies ein Zeichen der nahen, der unerwarteten, der so gewissen Hülfe, als ein Knabe da vor den Augen wandelt! — Wir sehen also, mit allen Weissagungen und Vorbildern der Art geben wir den Propheten Unsinn schuld, oder sie müssen zu ihrer Zeit Sinn gesagt haben ! Wenigstens Morgcnroth vom Sinne, und hier wollte ja eben der Verkündiger nicht Morgcnroth , sondern Hellen Tagssirahl, Licht der Gewißheit und Erfüllung geben; wollte ganz zeitmaßig, national, und zur Gewißheit des Königs reden. Aber wie sehr ist überhaupt der leichte, wahre, gründliche Geist der Auslegung von der ganzen Gegend dieser Anwendungen entflohen! Man dichtet sich Ungereimtheiten, damit man sich Ungereimtheiten schlecht löse. Laßt uns in die Worte der Anwendung des Evangelisten sehen, und bloß die Stelle, in die er Sache und Wort setzt, gibt allem das hellste Licht. Der Engel erschien, um Joseph zu beruhigen, und gab chm ein Wunderzeichen, die Geburt eines Sohnes von Maria. st. > . > '! ! 2g6 Christliche Reden l Der Knabe war schon vor seiner Geburt außerordentlich zum Zeichen bestimmt, oder, wie ein andrer Evangelist sagt, sein Name war g c- nennet, ehe denn er im Mutterleibe empfangen ward. Dieser Name war ei» Zeichen der Errettung: Jesus, Heiland, Befreier! Also eben dasselbe ward dort der Name Ema- nuel; und daß das so sey, thut der Engel offen- > bar erklärend dazu, „denn er wird sein Volk befreien yon allen seinen Sünden und Unfällen!" wie dorr nach der Geburt jenes Knaben das Land von seinen verwüstenden Feinden befreiet werde» sollte -Kann man sich etwas Schöneres, treffend Genaueres in der Anwendung und Schoners, sichtbar Bedeutendcrs im Vorfälle denken, der angewandt wird! Wort für Wort und dreifach u»d recht auf der Stelle ist Erfüllung, Der Engel spriclrt und erscheint hier, wie dort Jesaias: er und dieser weissagen, nennen Namen, geben Zeichen der Befreiung! Dort und hier Geburt eines Knaben: der Name dort und hier eins! Die Geburt, als Vefreiungszeicheu, dort und hier Wunder — Da kann man nun dem Evangelisten schön und treffend nachsagen : „da geschah, was dort zu Jesaias Zeiten geschah, da er spracht Sichere." Der Engel sprach eben dasselbe! unter eben den Umstanden! mit eben dem Namen, eben so wahr! — So gut Wie der Engel Sinn sprach, so gut auch Jesaias. Und so sind alle Stellen beschaffen, die man so schwer auf Christum deuten will! über die man sich solche Schwierigkeiten, und den Evangelisten Vorwürfe der Unwissenheit, und Jesu Christo Zweifel und Ho Milien. 247 seiner Erfüllung und dem Wort Gottes, wie's geheißen , unauflösliche Knoten vorlegen wollen — die ober alle auf Mißverstund beruhen. Man Hut diese und ein puur undre Stellen der zwei ersten Kupitel Mutthüus so schwer gefunden, duß mun gern die gunzen zwei Kupitel ubschneiden wollen. Wie hell ergiebt sich die erste Anführung und so werden sich die andern ergeben. Hier schließe also nur die Eine Wahrheit, die aus der ganzen Geschichte folgt: von wie unsichtbar Höherm alles Sichtbare' der leichtesten und größe- sten Vorfälle bestimmt werde. Nur kleine Vorspiegelungen und Aeußerunqen einer Geistsrwelt, wo unser Name, Ort, Schicksal und das Rad unsrer Begebenheiten eher genannt und angeregt werden, ehe wirs träumen: woher uns Wink kommt, wann und wie wirs am mindesten vielleicht erwarten, cs uns aber das Beste ist, und von wannen ein Wink vermögend ist, die tiefsten Verwirrungen des Herzens und der Sichtbarkeit auf einmal durch den kleinsten Aufschluß und Anstoß aufs licht- hellcste zu sondern. 4 248 ^Christliche Reden .eitpunkt der Geburt Jesu. Luc. 2, r. ^-°^ach allen Ankündigungen, die wir bisher er- klaret, wie, sollte man denken, würde der König hcrvorbrechen, der angekündigt ward? wie würde Gott gleich seine Geburt auszeichnen und der Welt zeigen? — Nicht wie man wähnet! Arm und niedrig ward er angekündigt, so auch geboren. In einer fremden Stadt, verborgen, lag er nackt in der Krippe und fand in der Herberge keinen Raum- Es geschahen zwar göttliche Ankündigungen: ein Strahl des Himmels glanzte von der armen Krippe aus tiefer Nacht hervor — aber nur in Nacht, nur ein Strahl des Himmels und er verschwand. Wieder ans geringste Volk, was gcsun- und Ho milien. 249 den werden konnte, an Hirten: an diese, da sie auf dem Felde waren, in Einsamkeit und Nacht: und an sie nur Botschaft und Lobgefang : da schwand alles! Und sie blieben in der Einsamkeit, und das Kind in der Krippe, und Judäa im Schlaf. Es muß also eine andere Hoheit fern, die Gott zubcreitet, und die die Weisheit Gottes vielleicht eben in dieser tiefen Tiefe, in Niedrigkeit, Nacht, Stille und Hüllen der Armuth gründet! Maria und die das zunächst anging, die unmittelbar unter der Wolke des Schicksals waren, freilich die sahen unter dieser Wolke nicht weit: sie litten unter der Hand Gottes und glaubten und hofften. Aber wir, die um so später und auf einer Höhe stehen, wo wir einen Theil der Folgen von Jesu Geburt schon entwickelt sehen: wenn wir zurückblicken und auf die Weisheit Gottes merken — welche Spuren auch in alle diesem! in den kleinsten Umstanden der größesten Begebenheiten der Welt, in der tiefen Tiefe, von der eine solche Höhe anging — welche Spuren eben in dem der Vorsehung und Weisheit Gottes! Der Keim konnte nicht still und tief genug wurzeln , der so hoch und stark erwachsen sollte — und wir können auch am heutigen Feste eine Stunde der Andacht nicht würdiger anwenden, als wenn wir neben der Krippe Jesu auf diese Spuren merken, und mit Gottcr- gebcnheit und Demuth auch seine Werkzeuge zu werden lernen, wie Jesus Christus cs war vom Anfänge des Lebens. Evang. Luc. 2, r. Der Evangelist leitets als merkwürdigen Umstand ein, daß Jesus zur Zeit der Römer, und zwar zu solcher und solcher Zeit geboren worden , als v. r. 2 . gemeldet wird: a) vorzüglich wohl, um die Schatzung in Bethlehem einzuleiten; es als Probe der Schickung Gottes einzusührcn, wie Maria und Joseph bei all' ihrer Armuth von einem entfernten Theil Judäas eben in die Stadt kommen müssen, die zur Geburt Jesu lange vorher bestimmt war. I". Micha (Kap. 5, i.) steht die Weissagung darüber, und daß sie nicht bloß unläugbare Weissagung auf die Zukunft, wie offenbar schon jedem das Lesen derselben zeigen wird, sondern auch damals schon allgemein aus den Messias gedeutet ward — zeigt die bekannte Stelle bei Ankunft der Weisen (Matth. 2 , 5.) wo niemand in Verlegenheit war, den Ort der Geburt Jesu gleich auf eben die Stadl zu bestimmen, worüber man eine ungezweiselte Wesssagung anführte. — So leicht ward es Gott, jeden fernen Umstand seines Reichs durch Mittel bewirken und einkrcffen zu lassen, woran diese Mittel wohl am wenigsten dachten. Die Römer schätzten alle Welt, so auch Judaa! so auch ein kleines Städtchen in Judäa! so auch die vielleicht ärmste Familie, die sich ursprünglich zu dieser Stadt schrieb — dachten dabei an nichts minder, als warum bei der Gelegenheit eine Geburt sich eben jetzt und hierzutragen sollte? aber Gott, der alle Reihen von Begebenheiten, Zufällen, kleinsten und größesten Schicksalen in Einem Blick denket, Gott dachte daran! — Und dem Menschengeschlecht ward ein Merkmal, der Wahrheit! und Ho milicn. s5 l U) Die Geburt Jesu hängt also an einer berühmten weltlichen Begebenheit, am allgemein bekannten Zcitlauf der bürgerlichen Geschichte, und also auch diese ihre Ankündigung beweist urkundlich historische Wahrheit. Daß die Römer um diese Zeit wirküch den Kreis der Erde inne hatten, und unter Kaiser Augustus sich die große Sündfluth, die so lang? schon geqahret hatte, gleichsam setzte: daß der Römische Adler, der vorher nur immer noch fernem Raub gesucht hatte, sich jetzt etwas nieder- liefi, und die er jetzt ruhig unter seine Flügel nehmen wollte, mit mehrerer Muße in diesen Gegenden , ansah und zählte --- das alles ist bewiesene Wahrheit der Geschichte. Die Geschichte Jesu trifft also hier so natürlich in sie hinein, als sie, wo nur z. E. beim Kreuzcstydte Jesu und in der Apostelgeschichte Römer auftreten, immer hincintriffc — wir sehen immer die Ecke der großen Verfassung, wo sie an diesen Winkel stößt, mit Wahrheit — so ist also auch die Geschichte Wahrheit. Nimmer kann bei selbfterdachter Unwahrheit ein fremder Scribent so in das Rad her ganzen Geschichte greifen , daß alles treffe! nichts widerspreche, alles bestätige! Das große Buch der römischen Geschichte in ihrem klaresten, blühendsten, goldensten Zeitpunkt ist also, wo sie ans Christenthum trifft, für die historische Wahrheit desselben Zeugin — c) Ohne Zweifel aber lagen größere Absichten Gottes darunter, daß er die Geburt seines Sohnes auf diese Römerzeit bestimmte : und wenn Paulus sagt, daß ihn Gott in der Fülle der Zeit gesandt habe; so lag auch in diesem Zeitpunkt der 2N3 Christliche Reden alten Welt ein Theil dieser Zeitfülle, wie cs in unscrm spaten Zeitalter, auf der Hohe, wo wir stehen und bei den 'Reihen von Jahrhunderten, die hinter uns liegen, es sich schon zum Theil klar- lich ergiebt — — Last uns einige Blicke dahin thun, und wir werden, ob Menschen gleich immer nur verlorne Strahlen der Herrlichkeit Gottes sehen, auch hier die Spuren anordnender Weisheit und Menschenliebe Gottes bewundern- I. War damals wirklich der Zeitpunkt, wo das Menschengeschlecht, wie aus einer Minderjährig k e i t e r w a ch s e n , zuerst eine gewisse allgemein verbreitete Helle und Fassungskraft zeigte. Es ist in andern Stunden zum Theil erklärt, mit welcher Weisheit und Vatcrlicbe Gott die ersten Kenntnisse im Geschlecht seiner Kinder selbst entwickelt, und cs gleichsam an der Hand von Geschlecht zu Geschlecht so auch Stufenweise fortgeleitet hat, in allem, was sie wissen und seyn sollten. Nachdem im Morgenlande der erste Kindesunterricht einfaltig, stark und fest ans Her; gelegt war: der erste Anstoß war gegeben, und Gott ließ die Volker, wie Paulus sagt, nun ihren eignen Weg wandeln, und es war mit dem, was er Gutes hcrvorbrachte, Entwicklung der ersten Lehre, des göttlichen Unterrichts: es war Weg Gottes mit den Völkern. Ein Volk also entwickelte bürgerliche Ordnung und bauete weiter: das andre Künste und bauete weiter: das dritte Weisheit aller Art und bauete auf beide, und end- und Homilien. 253 lich kam das, das gewissermaßen alles nutzte, und in sich versammelte, Rom. Es stand auf der Höhe von dem , was Morgenland, Aegypten, Phönieien, Griechenland erfunden, ausgcdacht, angeordnet hatten , und wandte cs, wiewohl auf seine Weise, in einem Umfange, als es nie geschehen war, in seiner ganzen, großen, mächtigen Römischen Welt an! Da ist nun niemand, von welkem Glaubensbekenntnisse er auch seyn möge, der nicht in dieser Zeit der bürgerlichen Geschichte eine verbreitete Helle bemerke, wie sie sonst auf einem so großen Strich der Erde nimmer gewesen. Alle enge Natienaldenk- arten waren erschüttert: die Mauer lag nieder, die sonst Volk und Volk schied; aber auch die Folgen dieser engen Denkarten, und waS sie ausgedacht hatten, das lag jetzt allverbreitcter und Heller am Tage. Es ist Fabel, daß in der Geburtsnacht Jesu die Orakel und Götzendiener verstummt; aber daß sie in dieser Zeit verstummten, daß sie jetzt Antwort zu geben sich schameten, oder nicht Antworten gaben, weil sie nicht gefragt wurden, das ist keine Fabel. Abgötterei, Götzendienst, Lüge und Fabel hatte seit den letzten Jahrhunderten vor Jesu Geburt , Stoß auf Stoß bekommen: in mehr als Einem Volk waren Boten Gottes aufgestanden, die eine Wahrheit der Vernunft und Tugend nach der andern aufklärtcn, ins Licht setzten, in Anstalt und Volksverfassung zu bringen suchten: alle Grade der Morgenröthe waren gleichsam vorausgcgangen, biS die Sonne kam, damit die Welt zum Licht bereitet, und nicht über dem plötzlichen Glanzmeere statt mit Licht mit erblindender Dunkelheit heimgesucht würde. Christliche Reden 264 Alle Jahrszeiten des Menschengeschlechts, in denen es', wie ein edler Baum Gottes aus Keim und Wurzel allmählich zum Stamm erwuchs, mußten vorhergegangen seyn, ehe über dem Stamme, das edle Reis, Christus, als eine hinaufgepflanzte Krone keimte. Man hatte so weit kommen müssen, um es überall zu erkennen und zu lehren: ,,in aller Welt, wer ihn fürchtet und recht thut, der ist ihm angenehm!'^ Da konnte Christus kommen, und siche da kam Erl Da kam Jesus und brachte die erhabensten Begriffe von Gott, der Menschheit, der Tugend, der Unsterblichkeit ans Licht, in der einfältigsten, ebensten Sprache. Was alle Weisen einzelner Nationen bisher mühsam erforscht und bewiesen und in die Schranken Einer Schule, Einer Nation, Eines auserwählten Haufens eingeschlossen hatten, das sollte durch Christum jetzt allgemeine Religion der Welt, und auch des simpelsten Volks der Welt, und dessen eben am ersten und eigentlichsten werden! Hätte das früher scyn können? Mußte nicht vorausgeben, was vorauS- ging! Die Morgenröthe vor der Sonne, die Erziehung aus Kindheit hinauf zum männlichen Alker, die Abstreifung alicr und allerlei Volks - und Nationalbegriffe zur srcicrn Annehmung der Wahrheit! Zur Zeit der Römer also ward Jesus geboren! Er, der von Ewigkeit auscrsehen und auf den, als auf den Mittelpunkt, die Zeiträume der Welt versaßt wurden: der Mittelpunkt sollte stchkbar werden und erscheinen, eben in der Mitte oder am Ende der Tage, da die Welt auf ihn gereist war! Da die und Ho Milien. 255 Zeiten vorbei waren, die Gott als Zubereitungen und Jugendzeiten verordnet, in der Fülle der Zeit sandte er seinen Sohn. Eben um die Zeit, da das Römecgesetz ausging (v. r.) in der Zeit, auf der Höhe, in der Helle ward Jesus geboren. II. Eben dieselbe Zeit schien aber auch, wenn irgend eine, einen so neuen Ersatz aus Kräften Gottes und Religion nöthig zu haben, der ihr hiemit durch die Geburt Jesu ward. Die ältesten Religionen der Welt waren im damaligen Zeitpunkte abgelebt und veraltet, und die Weltweisheit, die sich überall an ihre Stelle hatte setzen wollen, zeigte nur, wohin ihre Kräfte reichten: was sie eher nicht könnte, wozu sie nicht wäre; als was man von ihr erwarten dürfte. Sie hatte ausgehellet: das war ihre Pflicht, und mehr konnte sie nicht. Kräfte geben, neue Wirksamkeit gewahren — der Erfolg zeigte genug, daß sie das nicht konnte: Vernünftelei hätte vielmehr die Menschheit geschwächt, und di« Erdstriche, die man die erleuchtetsten, die aufgeklärtesten nannte, waren in andern? Betracht zugleich die verfallensten und elendesten. Elende Sitten! Ueppigkcit statt Einfalt, und statt alter tugendhafter Starke und Weisheit Stolz und Ermattung — das ist immer der Verfolg im Cirkellaufe der Menschheit, und er wars auch damals. Der Friede, den Rom der Erde gab, war kein der Menschheit würdiger Friede, sondern Knechtschaft und Schlaftrunk des Verfalls. Jede Nation war einmal aus den engen Grenzen ihrer armen ursprünglichen Tugend hinausgeworfcn, und 256 Christliche Reden da die fremden Vorbilder, die ihnen verwandelten, wohl nichts weniger als Prediger der Tugend waren wo war nicht Ausgelassenheit, Unordnung, Verrückung von seinem Mittelpunkte der Einfalt, Thatigkeit und Glückes die ordentliche Folge? Das Verhältnis zwischen Tyrann und Sklaven ist doch nimmer das glücklichste Verhältnis zu Entwickelung edler menschlicher Fähigkeit und Thaten! und vielleicht ist ein Tyrann im Kleide des Erobererstolzes der schädlichste, weil et sich gemeiniglich mit vielem stolzen Ausenwttk umgicbt und blendet. So damals die Reiner! Sie selbst im Zeitpunkte des Uebermuths und Stolzes, der Allemal der Erschlaffung lind dem Fall vorhergcht: die Triebe ihrer Verfassung, die sie zu Römern gemacht, waren entschlafen Und Ncmertugend kaum mehr auf der Erde. Die Völker unter ihnen hatten verloren, was sie gehabt, Und was sie bekamen, ersetzte den Verlust nicht. Was also für ein Mittel zum Ersatz der Kräfte! da alles verdorret war,, welch neuer Quell der Tugend! — Siehe, da bereitete die Vorsehung einen Trank der Stärke, wo und woher cs niemand vermuthcte. Zwischen den nackten Bergen Judaa's, unmittelbar vor dem Verfall des Landes keimte eine Religion , die bestimmt war, auf welchen Schauplatz! zu treten, und wie viel auf diesem Schauplatz zu wirken! Römertugend war dahin und sie sollte einst ersetzen, was dieser Tugend an Allgemeinheit Und Laukre und Höhe noch so sehr fehlte! Alter Götzendienst aller Lander war dahin — der Schauplatz war frei, und die, alten Puppen konnten nicht mehr und Homilien. ' 25 ? 'mehr wirken: sie trat auf den Schauplatz und sollte durch Krümmen und Wirrungen zu welch höherer Hohr führen! Die Helleste Weltweisheit war kraftlos und schwindend; sie sollte lhun, was jene nicht thun konnte: ein cindringendes Heer wilder. Löwen, barbarischer Volker, die schon ihren Ausrur; auf Nom bereiteten, die sollte sie, wenn sie in ihrer Wuth alles zur Wüste gemacht, selbst zahmen, ihnen Fesseln anlegcn, deren sie allein fähig waren, damit sie die Wüste bewohnten : sie sollte Sauerteig werden, der einen großen Theil des menschlichen Geschlechts zu der Lauterkeit, zu dem Wohlgeschmack gahrte! Da also war der Sauerteig aus seiner bequemsten Stelle eingrmischk, zubcreitct, weiter fortgeführt — Jesus, neues L i ch t u n d Kraft der Völker ward in der Fülle der Zeit geboren! er ward ein Rand zwischen alter und neuer Welt, Licht und Schatten, Götzendienst und dem Reiche der Wahrheit! III. Ain allermeisten aber wird zur Ausbreitung der neuen christlichen Religion der R ömerzet tp unkt, den Gott wählte, als der gelegenste und leichteste sichtbar. Vorher, da alle Völker noch abgetrennt, in ihrer Verfassung und Religion kleine Inseln waren, welche neue Religion konnte aus Trümmern einer alten, als Feindin und Unterdrückerin entstehen, ohne daß sie nicht bald unter eben diesen Trümmern ihr Grab fand! In dem cngern Kreise waren zu viel Augen auf sie gerichtet: zu viele Herzen und Vorurtheile Herders Werke z, Rel. u. Lheol.III» R 253 Christliche Neben klebten an der alten, wenn auch noch so moderichten , Gewohnheit: sie fand keinen Raum zu wirken, sie ward im Keime erstickt '-In der Römischen Welt jetzt wie anders > Ihr Staat war zu greß, als daß er sich um jedes Wölkchen, das aus einem ModekhaufeN sich aufzöge, bekümmern konnte — wie viel konnte also Unter dem weiten, dunkeln Schatten des hohen Baums wurzeln, che cs zur öffentlichen Ansicht kam, oder sie schien zu verdienen! Der Römische Geist war auf ganz andre Dinge gerichtet, und eben auf die Dinge, von denen eine Neue Religion, ein neuer Aberglaube, am entlegensten schien! sie konnte also lange ruhig keimen, sie ward verachtet! In Judäa konnte sie am meisten keimen, denn das Volk ward am meisten verachtet: es war und kotinte Römern von keiner Seite, als von Seite des Aberglaubens, Feigheit, enger Un« gewißhcit lind cingeschlofincN Mcnschcnhafses bekannt seyn, Und in Zeiten, wo eine Sekte des Aberglaubens die andre fast täglich unterdrückte, wo ein falscher Messias Nach dem andern auftrat Und unterging unter einet so großen Ernte wilden Unkrauts konnte das wahre, gute Korn, was Gott gestreuet hatte, wie gut, lief und ruhig wachsen! — Zudem war die allgemeine Religionsduldung beinah das einzige Gute, was die Römet mit samt einer Gattung Völkerrechts auf den weiten Kreis der Erde brachten: nicht bloß, daß sie selbst nicht verfolgten, ste hinderten auch alle Nationen Unter ihrem Schatten an der Verfolgung, und wir wissen, was es den Juden für Mühe kostete, che sie Jesum nicht ohne Genehmhaltung der Römer und nur durch ihre Hände unter dem Scheine eines andern Ver- und Homilien. 25g brechens ans Kreuz brachten. Nur da allein, unter dieser allgemeinen Toleranz aller Religionen, wars, da die Religion Jesu sich gebahr, fortmuchs und allwege keimte: nur jetzt erst war freie Lust da, daß sie keimen und gedeihen konnte. Endlich, da die Römer damals Herren der Welt waren, welche Wege waren zu Ausbreitung dieser Religion unter alle Völker und in alle damals bekannte Wclttheile gebahnek Vorher war alles nur enge National: jedes Volk, wie eine Insel , mit Mauer umgeben: der Zutritt vor Fremden, zumal not Fremden, die Neue Götter brachten, wie verschlossen ! Mit welchen Ungeheuern und Unmöglichkeiten bewacht, verwahrt! und — siehe! jetzt war alles offen. Alle Lander im Zusammenhänge und nur Ein Land ! offner Pfad und Brücke in alle Wclttheile und alle nur Ein Römischer Welttheisi Rom also reichte bis in Judäa, wie Judäa bis an Nom: eine einzige, die Griechische Sprache, konnte bis an die beiden Grenzen der Welt reichen —^ Die Straße war geschlagen, Und da das Wort im Laufe war, wohin lief's nicht! wohin kottnt's jetzt laufen! Woran alle Zeiten vorher, und bald auch nachher große Zeiten einmal kein Gedanke feyn konnte! Und da endlich dies große Reich siel! da Nach dem Gesicht jenes Propheten, ein rauher Stein ohne Arme hinabfuhr und das erhabne Bild zerschlug: da sich Heere von Weltverwüstern auf den Schauplatz drängten, und neues allgemeines Elend der Welt ward wie zu einer Trösterin konnte man damal- R 2 2k>0 Christliche Reden zu dieser Religion fliehen! Mit ihrer geistigett, erhabnen, himmlischen Tugend ward sie ein Gegengift gegen Nebel, wider die sonst auf der Erde vielleicht keine Arznei keimte. Frühe ward diese Arznei vorbereitet: sie ward von allen diesen Völkern empfangen, aufbehalten: ist bis zu uns übergekommcn, der Geburtstag Jesu ist die Geburt welcher Aufklärung , Heiles und Trostes der Welt! und wie weise und gütig hat Gott auch uns den Trost zu- bereitet! — Betrachtungen der Akt starken Mehr im Glauben an Goer und seine Vorsehung, als was man sonst Erhabnes, Ueberirdischcs von ihm träume! Wenn wir ihn in Begebenheiten der Menschen sichtbar sehen, Spuren entdecken, wie alles zu seiner Zeit ist.und wird, wie er jedes Saamenkorn auf seiner einigen besten Stelle, zu seinen Zwecken und bester Gedeihung säe, unterstütze und segne welchen Glauben an Gott wird diese Betrachtung in uns wirken, daß auch unser Saamenkorn an seine Stelle gefallen, daß auch wir als seine Werkzeuge auf die einzig beste Weise da sind, zu der also auch der, der Alles in seiner Hand hat, auss leichteste und förderlichste veranstalten könne und werde. Ist doch jeder Zufall, der uns trifft, ein eben so sicher bestimmter Zug im großen Gemählde Gottes, als wir cs sind, als es die Welt ist! — Und sehn wir diese Wahrheit insonderheit bei dem größten Werk der Zeilen und Ewigkeit, bei Religion, in so lichthellcn Spuren: welch Zutrauen zu.Gott auch bei diesem Werke, selbst wo und Ho Milien. 26t wir nicht sehen! Ist alles nur ein Gemahlde seiner Hand bis auf den kleinsten Zufall in die Reihen der Zeit hineingezeichnet — ein Gemahlde von seiner Hand kann nichts als Gutes, auch da nichts als Gutes enthalten, wo wir, wie oft bei der Geschichte der Rechnen, nicht alles übersehen, oder oft das Gegcntheil wahnen. Je größer ein Werk, desto weniger übersehbar in einzelnen Thcilen: die Anstalt Gottes also , die über das ganze Menschengeschlecht bis in die Ewigkeit reichet — nur hie Ewigkeit kann sic uns ganz erklären! 2Ü2 Christliche Reden XIII, Lebens-Segen Jesu» (Ueber Luc, ii, A 2 —88.) (Am neuen Jahr.)- das ewige Neujabrwünschen zeigt die menschliche Armuth und Brechlichkeit. Daß krüpp- lichte Geschöpfe, wie wir, sich durchs Leben durch? winden und durchwünfchen müssen: daß wir nie gesättigt, bei jedem kleinen und großen Umstande, den wir nur neu nennen, auch unsre Hoffnung, Erwartung , Wunsch erneuren — nur wünschen müssen, weil wir nicht khun können — wie tief, zeigt das, muß die QMe unscrs Mangels liegen! welcher weite Kreis muß es seyn, der auszufüllen ist! Ja cs ist unmöglich, daß er je ausgefüllt werde! Wir sind, wie an das Rad der Zeiten, so an ein Rad der Schicksale gebunden, die in ein Unermeßliches streben, das wir nicht übersehen. Die Bande, womit uns Zeit, Zufall und Reihe der Begebenheiten und Homilien. 263 fesseln, sind ans Ganze der Welt geknüpft, und gehen so in eine unermeßliche -Höhe, als die Begierden , die in unserm Hc>r;en schlafen, und die auch nur Zeit und ^rt weckt, eine unabsehbare Tiefe haben — was soll also unser Wunsch? was soll unser Arm umfassen? Es sind nur Athemzüge der Ruhe und der Erholung, wenn wir wünschen: nur freie Blicke des Augenblicks auf dem Grenzstein, den wir erreichen, sind die Ahnungen und Gefühle unscrs Herzens: unser Weg zu beiden Seiten liegt und bleibt liegen, wie er lag —' — Wenn jener sagte: „der Mensch wäre nie un? glücklich, als wenn er an sich denke!" so ist dies wenigstens so fern wahr, daß er allezeit alle Mittel sich zu zerstreuen sucht, die ihm nur zur Hand kommen. Er wirft sich in Geschäfte, vergrabt sich in Sorgen, Mphe und Arbeit, um einmal ruhen zu können, nur daß er an diesem Augenblick nicht ruhe: er wirst sich wenigstens in ein Aauberland von Wünschen, Hoffen, Erwartung, damit er nur strebe, damit ec von der Stelle nur komme, auf der er ist. Und so sicht man, daß alle diese Wünsche und Ahnungen nur dann gut angewandt werden , wenn sie auf wahre Art weiter streben lehren, wenn sie aufmuntern, Thätigkeit wecken, zu thun und zu leiden, wenn sie im menschlichen Herzen Glaube, Liebe und Hoffnung anzünden, kurz mehr Seligkeit wirken, als sonst da wäre. Und da cr- giebt sich gleich, daß das durch keine Romanwünsche in den Mond hinein, sondern allein dadurch geschehen könne, daß wir unsre Erde mehr kennen, nser Leben mehr lieben lernen! daß wir uns also Christliche Reden 26^ mit dem Endzweck, wozu wir da sind, gleichsam beruhigend abfinden, kein Daseyn wünschen und anstreben, was nicht möglich ist, was weder unser erster Stammvater Adam, noch sein Einiges Nachbild, JesuS, gehabt noch haben können — daß allein der Segen aufs Leben Jesu, Segen auf unser Leben, auch Segen aus dies neue Jahr werde — V. 22. L u c a 2, 33 — 38s Wir sahen neulich, mit welcher Seligkeit-, Feuer und Inbrunst der Simeon in den Armen Jesu gen Himmel schied, und gleichsam mit einem Strahlenblick voll Wonne in andern Welten schwebte — nun kommt er auf die Erde wieder, und da er mit eben dem Blicke, der so fern gewesen war, wieder sinkt, sieht er, der nahe Engel, noch in seiner Seele Mutter und Kind: er will sie segnen — und was ist der Segen? ,,Zu Leid und Freude l und mehr zu jenem, als zu diesem." Siehe, -dieser wird gesetzt zu einem Fall rc. Und es wird ein Schwerdt rc. Sonderbarer Segen und noch sonderbarer auf dieser Stelle! Ein Greis, der 'Alles erfahren, und nun zurücksieht und — also-segnet! Ein Greis, der vom Himmel kommt, noch am letzten Punkte zurücksieht und also segnet! Segnend das größte Kind, den edelsten Sterblichen, den er als solchen glaubte, umfassend — und also segnend! kanns. rührender bestätigt werden, was der erhabenste der Psalmen (Pf 90.) von der Summe des menschli- und Homilien. 265 chen Lebens sogt: Leid und Freude und wenns köstlich ist, so ists Mühe und Arbeit! — und daß eben in dieser Müh und Arbeit sein. Seliges besieht — Mühseligkeit! das ist dgs Wort, das alles sagt, Und in welchem Leben würde es nicht bestätigt ! welcher Vater, der sein neugcbornes Kind aus die Arme nimmt , wird ihm einen andern, als diesen Segen Simeons geben — welche Mutterzn ihrem Kinde anders als dies sagen können: ,,;n Freud? und Leid Hab ich dich geboren." So wills die Nottür; sie sondert ihre Kinder nicht von der Empfindung beider ab, sondern übt sie frühe in Heiden : taucht sic frühe in. die Wasser der Harte und Zubereitung, .sagt ihnen durch alle Zufalle frühe, daß sie nicht Pflanzen allein sind, im Garten der Ruhe allein zu blühen, sondern auch Baume des Sturms und des Strebens, die eben im Streben und Hoffen nur wachsen, nur gedeihen! — War das der Segen aufs Leben Jesu — wer wollte, ein hesser Leben? welch ander besseres Leben ist möglich? Bei Jesu traf die Weissagung Simeons nicht bloß ein, sondern sic war ihm auch gewiß unvermeidlich. Er war ein Zeichen dcs Widerspruches: ein Eckstein des Falls und der Auferstehung — und konnte nicht füglich Eines feyn ohne das Andre. Er verwirrte so viel Begriffe, Vorurtheile, Schwachheiten alten Aberglaubens, den sie Religion nannten, und an 266 Christliche Neben denen so viel hing! Vom Augenblick, da er auf- trat, war Widerspruch sein Element, der immer, wie wir insonderheit aus den letzten Kapiteln Matthäus sehen werden, bis ans Ende seines Lebens wuchs und ihn ans Kreuz brachte! Da hing das Zeichen des Widerspruchs zwischen Himmel und Erden: da schloß sich ein Leben, das seinem Führer selbst Dunkelheit ward in der letzten Stunde, geschweige dem vorbciziehenden Haufen, der ihn nicht kannte und kennen konnte: der also an ihm strauchelte und siel. Indes eben das, woran so viel strauchelten und sielen, war Zeichen der Erwählung Gottesund Merkmal, daß etwas da sei — ein Eckstein, der wieder so viel aufrichtete und stärkte. Da sahen wir schon einen kleinen Haufen, dem Jesus von seiner Geburt an Hoffnung und Trost war: der Haufe vermehrte sich immer und breitete sich über die Enden der Welt. Unzählige Seelen, kic sich an dieseiy Eckstein ausrichreten, die müde und niedergesunken ihre Hände zu ihm ausstreckten, denen er neue Ruhe, Ermunterung zum Gange, Muth und Kraft ward. Siehe, dieser wird gesetzt -c. Noch bis jetzt ist Christus, was er vielen zu Zeiten seines Lebens war, Fall und Auferstehung: Stärke und Straucheln und Widerspruch. So viel ärgern sich an ihm, spotten seiner, können ihn nicht begreifen, und — kennen ihn nicht. Der Eckstein liegt ihnen unter der Erde; nur eine Spitze ragt und Ho Milien. 267 hervor, die ihnen eben in den Weg trifft, so unrecht liegt und ihrem Fuße, dem Gonge des Rai- sonnements und Lebens, nur zum Verdruß dient -Undrc, und deren ist immer der edlere tiefer dringende Theil, die ihn nicht nach seiner rauhen Gestalt , sondern als das ansehen, was er seyn soll — was im Zusammenhänge der Zeiten und Völker Gott auf diesen Eckstein gebaut und bauen werde, denen er also in seiner stillen Größe, in seiner tragenden Starke ehrwürdig wird, ein Stein des Ausrichtens und der Ruhe — und ohne Gleich« niß zu reden, Sinnbild der Gottheit im Menschen, Vorbild des höchsten Lebens im Gange zum Himmel, Trost und Hoffnung über diese Welt hinaus im Leben und Tode wird — das war sein Zweck! das war Segen seines Lebens! Und wcnns dein Leben war, Erlöser, welches Würdigsten Leben könnte, wollte anders gewesen seyn, als Heins gewesen? Du, der im tiefen Abgründe der Möglichkeiten wählen konnte und nicht anders, als also wählte — wer bin ich? was wollte ich? was habe ich zu fodern? Wars bei dir eben Merkmal des einzig nutzbaren Lebens, daß cs nicht anders als also seyn konnte — und ich wollte eine Wohlthat verschmähen, die eben Vorzug, die beste Aehnlichkeit ist mit dir, Erlöser? Kann ein Eckstein seyn, der nicht hart ist, an dem nicht also auch manche straucheln, sich und ihm wehe thun müssen; aber eben dadurch ist er Eckstein. Nur der weiche Koth und Sand ists, an dem niemand strauchelt, auf den aber auch nichts gebauet wird, 263 Christliche Neben auf dem sich niemand aufrichten und ruhen kann — der elender Koch und Sand ist. Und wenn dieser Eckstein dazu bestimmt war, daß er leide und trage: bekam er nicht auch Kräfte, leiden, tragen zu können? wurden diese Kräfte nicht feine Natur? und ward er nicht eben dadurch Eckstein? Abcrmal alfo, o Gott, verwandelt sich mein» Murren in Dank: daß ich das trage, zeigt eben an, daß ichs tragen könne, daß ich allein mit Muth , Kraft und Freude dazu bestimmt ward — diese Kraft alfo ist mein Vorzug, diese Freude meine Schöpfung: ich ward ein geliebter Werkzeug in der Hand Gottes, als wenn ich der mürbe Sand gewesen wäre. G e- dcnketalsoanden, der ein solch Widersprechen re. (Ebr. 12, 3 .) Was Simeon Jesu zu seinem Leben machte, daß er ein Stein des Strauchelns, aber zugleich ein Eckstein seyn sollte, an dem sich matte Wanderer halten und ruhn , an dem sich gefallene Wanderer aufrichtcn und starken — noch unter einem furchtbaren Bilde trifft das das Herz einer andern Person, die Gott also liebte, der Maria, st^s wird ein Schwert rc. welch ein Segen auf ein neugebornes Kind, an dem seine Mutter viel — Herzeleid erleben sollte, und dies Herzeleid sollte ihr mehr seyn, als Freude! --- << Sie hats erlebt: das Schwert drang durch ihre Seele ! Nach einem Leben voll Widerspruch, Ar- lind HoinilieN. L69 muth, Verfolgung, Jammer, war ein bittrer Tod sein Lohn. Und sie blieb eine Verlassene mit blutendem Herzen! Aber in eben dem blutenden Herzen war Gnade und Vorzug. Sie war die Einzigerwahlte, also zu leiden ! Ihre stille, tiefe Seele war eben zum Muster der Geduld und der Gottesergebung erkohren — ,,Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen, auf daß., wie vieler Herzen, so auch deines reinen, geduldigen, edeln Herzens Gedanken offenbar werden vor Gott." Und fo war das Kreuz Christi ihre Prüfung, und Anlaß zum Lohne — ihr Segen! Auf daß vielet Menschen Gedanken offenbar werden. Große Aussicht! Welch ein Schauplatz menschlicher Handlungen bss zur tiefsten Quelle wird damit eröffnet! Der Vorhang weggezogen, und wir alle als unsichtbare Geister mit ihren Gedanken stehend vor Gott — Und welch ein Aufschluß damit auf den Zweck des rathsclhaften Lebens! — Wozu bin ich hier auf der Welt, wenn das äußere Kleid, die Schatten- und Trughülle, Welt und Endzweck ist: alles schwindet und fließt zusammen — gut und böse, Trug und Seyn, cs wird nur Farbe! Elend, wenn hinter der Fabbe kein Wesen wäre, kein bleibender Zweck — und welches kann der seyn? In der sichtbaren Welt kann cs nicht liegen, die ist eben unaufhörlicher Strom, Schatte, Rtgenbogcnspicl der Farben. Wie aber > 270 Christliche Reden selbst Stkem, Schatte und Farbenspiel noch von einem Wesen zeugen, was sie abwirft, was gründlicher ist als sie — wo ist endlich Grund von allem, alS in der unsichtbaren Welt, wo jeder Geist Mitwohner, wo auch meine Seele Mitwirkerin, wo jeder ihrer Gedanken was wirkliches ist,That und Handlung, offenbar vor Gott! Auf daß vieler Herzen Gedanken dffeNbar werden. Das ist also die einige große Entwicklung des Lebensspieles, unsichtbare Erziehung Meiner Seele, allgemeine G e d a N k e n e N t w i ck l u n g, Schule der Neigungen , der Hebungen, der Tugend, das ist mein Leben! — Am Aeußerlichm liegt nichts, als sofern es Schauspiel des JnNerN ist: Gelegenheit, Anstoß zu Uebung, und Kraft! Gott wollte die Zwecke an dir erreichen, dein Herz in die Form gießen, deine Seele zu den Empfindungen gewöhnen— Die Reihe von Gedanken sollte in deinem Leben offenbar werden vor Gott siche das ist dein Leben! —- Welchen Segen kann ich mir also auf dies erbitten, als den, der eben sein Zweck und Wesen ist, o Gott, daß Mein Leben, daß auch das Jahr dieser Zukunft nichts als die besten Gedanken offenbar mache vor dir. Was mir begegne — ich kanns nicht bitten, ich kanNs Nicht sage«! aus Furcht, , daß ich sonst meine Thorheit allein offenbar machte vor dir: aber laß michs annehmen l und HoMilien. 27t Infi wuchs edel ertragen! daß es nur Gelegenheit werde, gute Gesinnungen und Tugenden zu entwickeln, die dir, 0 Gott, wenn auch allein! sichtbar werden. Auch am tiefsten gedrückt, will ich mich am meisten fassen und edles Herz vor dir offenbaren, und wenn meine Kräfte weichen, wenigstens mein Gebet solls offenbaren, daß ich mir kindlichen Muth Und Ergebung als größtes Glück des Lebens wünsche. Kein Tag, keine Situation sei), die einen Gedanken, eine Fassung Und Bildung offenbare, die dein und mein unwerth wäre! Gegen Meine Brüder — nur gute edle Gesinnungen , ü Gott, laß offenbar werden vor dir, daß, wenn ich nichts Gutes thun kann, ich Gutes wenigstens in andern wecke — ich auch in diesem Jahre eine kleine Hülfe werde, auf der ein Matter ruhe, an der sich ein Gefallner und Gebeug» ter erhöhe und aufrichte denn die guten Gedanken , die in andern durch mich offenbar werden — 0 Gott, in ihnen bin ich wenigstens dein Werkzeug. Die in diesem Jahre leiden Muffen — sprichs ihnen selbst zu, 0 Allwirkender, daß auch ihr Leiden nur da sey, gute Zustande ihrer Seele Herr vorzubringen! und daß du auch in ihrer Hütte die Zustande sehest, und einst die Gedanken offenbarest — Einst, wenn das Buch all unsrer Schicksale vor uns liegt, und wir, was durch jedes in uns hervorgebracht ist, sehen — wie werden wir dir, 0 Gott, für alles, was Und wie du's in Uns entwickelt hast, danken ---- 272 Christliche Redert Die in diesem Jahre sterben werden — v Göti- ihr letzter 'Augenblick offenbare den würdigsten Zustand, dessen ihre Menschheit fähig war: mit Herzensgedanken, die dem künftigen Engel die nächsten sind, laß sie mit Dank über Freude und Leid dieses Lebens vor dir erscheinen! Du wollst eri hören, Gott, ihr Flehn, nicht ins Gericht mit ihnen gehn rc. und Ho milicn. 273 X XIV. Ankunft der Weisen» Matth. 2, i — 12. ^»-ichts kam sonderbarer als diese Weisen! wer waren sie? von wannen? wer halte sie geweckt? was suchten sie? was fanden sie? was fruchtete ihre Reise? — Eine Reihe Fragen, die uns sehr «»vollkommen oder gar nicht beantwortet scheinen. Weise — aber was für Weise, die auf die Aussage eines Sterns so weit reiseten, ihr Land verließen. um einen fremden König aufzusuchen, und beinahe diesen König selbst, beinahe ihr Leben selbst in Gefahr brachten, ohne was anders als Blut der Unschuldigen hinter sich zu lassen.- Aus Morgenkande — aber was war das? wo lag das? wie unbestimmt und fabelhaft war eine solche Volkssage? Mußte sich die Geburt des Herders Werke z. Rel. t>. Theol. III. S -74 Christliche Reden Weltmessias auf das Ankommen solcher Fremdlinge gründen? „Wir haben einen Stern "'en!" welchen Stern? und was sahen sie an dem Sterne? und wie konnten sie an dem die Geburt eines Königs in Judäa sehen? und wie der sie nach Bethlehem leiten? Und wie sonderbar die Ankunft in Jerusalem , und die Absicht ihn anzubelen? Endlich, nochmals, was fruchtete ihre Reise, ihre Anbetung? daß ihr Leben, der neugebvrne König selbst in Gefahr kam, in ein fremdes Land fliehen musste, und das Blut unschuldiger Säuglinge floß — So kur;, so abgebrochen lautet die Geschichte, uns auf alle dies keine Antwort, keinen Aufschluß gebend: die Ankunft der Weisen kommt in die Geschichte der LebcnsumstaNde Jesu quer hindurch, wie der Flug fremder Zugvögel, ohne Ursache und Wissenschaft, woher? ohne Absicht und Spur, wozu? — Lasset uns die Geschichte erläutern. Weise aus Morgenland, Magier waren sie, und also Jünger der alten Religion des Hähern Asiens, die von den Grenzen Zudaa's hinauf, in Chaldaa und Persien, bis' Indien hin, ihre Jünger harte — eine Religion, der Licht und Sterne die vornehmsten Sinnbilder Gottes, oder heiliger Wesen und Weltregierer waren, der also Sterndienst eine Sache der Religion und in sofern Sternkunde es ebenfalls war: eine Religion, die ursprünglich einen großen Plan und große Helle hotte, nichts weniger als den Gott der Schöpfung in seinem ganzen Reiche auszusuchen und anzubeten: die ursprünglich eine sehr reine und edle Moral hakte, unter dem Sinnbilds des Lichts nur alles Gute und Reine und Unschuldige zu lieben, zu erhalten, zu vermehren und auszuüben, unter dem Bilde der Nacht und Finsterniß aber alles Schwarze, Unedle und Häßliche in Gedanken, Worten und Thaten zu mindern — eine Religion, die sich die Unschuld, Reinigkeit und Fruchtbarkeit des Weltalls, Zumal des Lebendigen, zumal des Nützlichen unter dem, was da lebt, zumal des Menschengeschlechts, zumal der Guten unter ihnen, sehr angelegen seyN ließ, und sie mit den reinsten und festesten Banden zu binden suchte — eine Religion aber, die bei ihrem Fortgänge, wie alles in der Welt verfallet, auch verfiel, schon zur Zeit Abrahams verfallen war, der aus ihren Trümmern von Abgötterei und Sternanbetung gerettet wurde, nachher ohne Zweifel noch tiefer hinabkam: indeß '.mmer auch bisweilen, weil sie auf so gutem ursprünglichen Grunde der Anbetung Gottes im Schö- pfuttgsrciche stand, auch gute, weise. Und fromme Leute hcrvorbrachte, wie wir an Hiob und andern sehen, und von welcher Gattung denn auch gewiß diese Weise waren. Sie wurden jetzt aus der Ferne einer alten Schöpfungsreligion, cincs alten Gottesdienstes der Natur und Einfalt zur Krippe des hinzugeführt, der alle Zeiten, Nationen und Religionen vereinigen, in dem alles Eins und Gott angenehm werden sollte, was von Zeiten der S 2 , >276 Christliche Neben Welt an, im weiten Reiche der Schöpfung ihn suchte und ihm diente. Aber wie sagte ihnen nun der Stern die Geburt des Heilandes? Am Himmel stands freilich nicht geschrieben, und noch minder wird der Aberglaube dadurch begünstigt, daß Sterne Regierer oder Unkundiger menschlicher Schicksale sind, wenn wir die muthmaßliche Erklärung hören — '— Im Morgenlandc war eine Weissagung, beinahe so alt als Welt und Schöpfung, deren Ursprung man nicht weiß, weil sie in die frühesten Zeiten binauf- steigt, daß die. Weltdauer, wie die Zahl der Schöpfungstage Gottes, sechs Jahrtausende seyn sollte. In der Mitte der Tage, am Anbruch des großen vierten ^Jahrtausends sollte eine große Umwälzung und Wiederherstellung des menschlichen Geschlechts geschehen, und der geboren werden, der diese neue Welthalfte auf der Erde beginnen würde. Dieses Welcalter brach an: viertausend oder Eins oder Zwei warS, da die Weisen ankamen (denn »bcr zweijährige Kinder stieg auch Herodes nicht bei seinem Blutbade!) Diese Weisen Orients waren eben ihre Sternseher und Zeitrcchncr: nach jener alten Weissagung war also die Zeit da: der Zeitpunkt des Standes der Gestirne erschienen: die Geburt des Heilandes! Sie reiseten, ihn zu suchen- Aber wie nach Judäa? das sagte ihnen freilich wieder weder Stern noch Kalender: aber wohl wieder jene uralte Weissagung. Auf Judäa zeigte diese und Homilien. 277 hin: sic legte die künftige Geburt des Wclterncu- rcrs in das kleine Judäa : nicht bloß diese Nation selbst war, wie wir bei Ankunft der Weisen zu Jerusalem sehen, davon voll und gewiß' sondern die Sage der Weissagung hatte sich von Alters her unter die Völker verbreitet, daß Judaa der Ge- burlssitz dieses Königs seyn sollte. Des Außerordentliche, das dies Volk in allem hielt und traf, und das sich doch auch gewiß unter die Völker ringsum verbraten mußte, kam dazu: cs war von jeher in allen seinen Schicksalen und selbst Unglücks- sallen ein so einiges, außerordentliches Volk gewesen. In der Assyrischen und Babylonischen Gefangenschaft wars in die Gegenden dieser Religion zerstreuet, und also auch die Erwartung der Prophc- zcihungen ihrer Propheten hatte sich mit zerstreuet, und den alten Weissagungen jener andern Völker eine bestimmtere Richtung gegeben. Alle dergleichen Sachen der Religion, der Geschichte, der Zeitrechnung waren damals und in den Gegenden Geheimnisse und das einige Antheil der sogenannten Weisen. Dies alles nun zusammengcnommen, wird wenigstens ein Heller Streif, ein Lichtzug sichtbar, auf deni diese Gelehrte des Morgenlandes, die eher Priester als Könige waren, ihre Reise antratcn. Endlich, da doch bei ihrer Rückkehr offenbar erhellet, daß sie mehr als Weise, auch Fromme waren, die Gott selbst seiner Offenbarung würdigte: siche, so gibt diese über alles das Siegel. Seine Werkzeuge und Boten sollten sie seyn: aus freiem redlichen Herzen traten sie die Reise an: Diener Gottes und Aussucher des Herrn in seiner Schöll 27S Christliche Reden psung, ob sie doch ihn fühlen und finden könnten, (Apost. 17, 27.) waren sic mit treuem Herzen, und denen ließ er sich also, bei einer so außerordentlichen Zcitfrist, nicht unbezeugt, Ein Wink von ihm, eine innerliche Ucberzeugung , daß ihre Reise kein Fehltritt scyn würde, ein Trieb, Zug, Bekräftigung des, was sie fanden und glaubten, that mehr als alles. Siehe jene Vögel ziehen! auch jene jungen Vögel, die zuerst binzicben, wo sie noch nie gewesen — sie kennen das Land nicht: sie wissen sich über ihren Zug nicht, cder sehr undeutlich zu erklären, Zug istS aber, Trieb, göttlicher Ruf, innere Ahnung: sie brechen noch bei guter Zeit auf, verlassen Land und Geburtsland und Wohnung und vertrauen sich ihrem Fittig. Sie frohlocken und reisen, und finden, was sie suchen und nicht kannten. So wars vielleicht einem großen Theil nach mit dieser Reise der Weisen. Zug und Antrieb des Herzens ersetzte den Mangel der zweifelnden, tappenden oder gar verhöhnenden Vernunft. Sie übernahmen die Gefahr einer vergeblichen Reise, die nach der Sprache ihres Herzens nicht vergeblich seyn konnte, sie wurden bei ihren Mitbürgern vielleicht Thoren, üble Patrioten ihres Landes und schlechte Anhänger ihrer Religion genannt, daß sic ein anderes Land, andern König, andere Rcligionsoffenbarung suchten — aber bei alle dem waren sie Weise, Boten und Werkzeuge bei Gott: folgten, suchten und fanden. * und Ho milien. 279 Aber, als sie nun nach Judaa kamen, welch andrer Anblick als sie vielleicht erwarteten! Judaa schlief und in Jerusalem war dem schlummernden Volk vielleicht keine Frage neuer und thörichicr, als „wo ist der König?" dem grausamen, unsichern und argwöhnischen Herodes keine Frage neuer und fürchterlicher, als „wo ist der neugeborne König?" an die Fremdlinge Römischer Herrschaft und eines ganz andern Gedankcnplans überdem nicht zu denken. Die Weisen und Schriftgelehrten, die Hcrv- des zusammenberies, waren zwar über die Sache selbst im mindesten nicht ungewiß. Sie sagten sogleich, Bethlehem wäre der Ort, wo Christus geboren werden müßte: aber daß er jetzt geboren wäre, daß ihnen das Fremdlinge aus weit entfernten Landern und einer andern Religion sagten, daß die das vom Himmel herab wußten — allerdings schien alle das so sonderbar, als die Ankunft und Kleidung und Auszug dieser fremden Karavane selbst. Man empfing sie mit starren Augen, und mit solchen wurden sie, vielleicht als Halbthoren, zwischen Furcht, Spott, Nachlaßigkeit und Argwohn dahin geleitet. Daß auf den ersten Anblick den Ankommenden selbst dieser Empfang, diese Begegnung befremdend gewesen, ist leicht zu denken. So fremde zu fragen,, in Jerusalem nichts zu finden, in kincn Flecken, wie Bethlehem, gewiesen zu werden, um den König der Welt da zu suchen, der seinem Lande selbst unbekannt war! — aber, wie erfreulich nun auch, da sie Haus, Stern, Krippe, und, den sie suchten, den Neugebornen auf einmal nnrrafen. 28o Christliche Reden Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen rc. Ihr Wunsch war erreicht! ihre Reise vollendet! „Aber wie konnte der Stern ihnen das Haus? und warum nicht auch daS Kind zeigen?" Hier steht nicht, daß er ihnen eins von beiden gezciget. Sie folgten der Stimme: „ziehet nach Bethlehem und forschet!" Dies thakcn sie, und wir finden nicht, daß sic dem Stern nachgelaufcn, um Bethlehem oder das Haus zu finden — und wo mußte der Stern stehen, um das zu zeigen ? Sic kamen nach Bethlehem, forschten, und wer sich an die Begebenheiten bei der Geburt Jesu erinnert, wird leicht denken, daß in Bethlehem von diesem Kinde alles voll seyn mußte. Da wars also leicht zu finden, und siehe da! eben im Augenblicke des Fundes wurden sie auch das Zeichen gewahr, dadurch Gott sie nach der Religion ihres Landes und ihrer Wissenschaft geweckt, um auf ihre Seelen zu wirken : der neue Stern, der nach der Weissagung jetzt erscheinen sollte, und ihnen im Morgenlande erschienen war, war wieder über ihnen -— Hocherfreut wurden sie über das Zeichen : er und ihr Herz sagte ihnen, daß sie sich nicht irrten, daß das das Kind wäre — sie gingen in das Haus gewissen Tritts und fester Hoffnung, als ob der Stern über der Krippe stünde. Und das drückt also der Evangelist nach seiner gemeinen, kurzen, treuherzigen Schreibart aus, was wir im gemeinen Leben ja so oft sagen: die Sonne geht aus: der Mond geht! der Stern steht da und da über dem Hause — „er stand oben über, da das und Homilicn. 28^ Kindlcin war!" Ihre Freude hatte keine Grenzen; sie beteten es an und thätcn ihre Schatze auf w. sie opferten ihm, was sie opfern konnten! „Wozu nun aber die ganze Reise?" Als ob das nicht aus dieser Geschichte genug erhelle! und sollte Zweck und That auch nicht eben fo genau nach der wohlberechneten Denkart eines wohlberechnenden Jahrhunderts seyn, so ist sie vielleicht so mehr im großen Plan der Vorsehung Gottes. Was für ein Auflauf, für Verwunderung, Fragen, Befremdung mußte eine solche Ankunft einer Menge, einer ganzen Reisegesellschaft vornehmer Fremdlinge, von da, und jetzt, und in dem Geschäft, worüber sie vermöge ihres Landes, Standes und Wissenschaft gewissermaßen Richter seyn konnten (denn die Chaldäer waren von jeher bessere Zeitforscher und Himmelsweisc gewesen, als die Juden) — was für Erregung mußte das in Jerusalem und im ganzen Lande machen, zumal sie sich mit offener Einfalt sogleich an Herodes wandten, und dieser die Schristgclchrten frug, und also die Sache eine Begebenheit des Landes und der Regierung wurde? Welche Posaune, oder wenigstens welch ein Glockenruf für Judaa, es zu wecken und aufmerksam zu machen! Vom Hofe und Weisen und Schriftgelehrten und Priestern und Volk — wer konnte nun nicht fragen? wer hatte nicht Gelegenheit, sich um Jesum zu bemühen? Mehr als 283 Christliche Neben ob Engel und Kemet Judäa selbst hatte rufep wollen : zu Menschen wirkt Gott, wo sie menschlich handeln, Aufmerksamkeit, Prüfung und Tugend beweisen sollen, am meisten durch Menschen: denn sonst ist ihre Handlung Zwang und nicht mehr menschliche Tugend. Vm Chaldaa also kam hier Schall! und der Schall fuhrt, als zu einer Begebenheit, die Landes - und Welt - bekannt seyn sollte, zur Krippe Jesu. Zweck also war's für Judäa, und für die Weisen und ihr Land nicht minder. Wenn ihr? Abreise so mancherlei Urtheile erregte, so mußt' eS ihre Rückkunft nicht minder, und so kam die Nachricht vom gefundenen Jesu schon frühe in das Land und in die Religion, an die dis neue Religion sich bald vorzüglich anschlingen, und an ihr, nach zerstörtem Judenthum, großen Zuwachs haben sollte. Der Heiland der Heiden war geboren: den mußten also schon frühe, bei seiner Geburt, die Weisen, die Geehrtesten der geebrtesten Heydenreligion suchen, anbeten, in ihr Land, in ihre Weisheitsschulen, unter ihre Lehrlinge bringen und ihm Weg bereiten. Ihre Handlung war Vorbild, was einst mit ihrer ganzen Religion geschehen würde, die auch einmal also bei der Krippe Jesu anbeten sollte. Gar recht nennen wir sie also Erstlinge der Heyden , Völker und Nationen, von denen einst, nach zerstörtem einseitigen Judenthum das Christenthum voll seyn sollte — Erstlinge der Heydenanbctung bei der Krippe Jesu. Was auf Maria und die andern, denen es anging, die Erscheinung der Weisen gewirkt, ist und Ho milien. 283 leicht zu denken. Welch neue Bestätigung im Herzen der Morin, von dem Außerordentlichen, was über ihrem Kinde schwebte! Welcher neue Wink, sich gegen alles Leiden und Beschwerlichkeiten dieses neuen Lebenslaufes zu wapncn, da so eine außerordentliche Vorsehung mit allem umging. Und endlich , da bald solch ein Leiden bevorstand, und durch die Ankunft dieser Leute eben gewirkt wurde, die Flucht Jesu jn Aegypten und Gefahr seines Lebens: eben dadurch wurde zuerst Zutrauen auf Gott erregt, wodurch das Leiden selbst hervorgebracht wurde; Gott stärkte und wapncte erst, ehe er angriff. Selbst die Geschenke dieser Weisen, die sie ihrem Könige nach morgenländischer Art anbetend brachten , waren gute Schickungen und Vorsehungen für die Armukh des Kindes, das nun bald ein Flüchtling werden, Jahre lang in einem fremden Lande erzogen werden sollte, und nichts hatte. Aus Ehal- däa mußte zugeführt werden, was die Nothdurft der Kindheit Jesu in Aegypten bedurfte. Endlich auf das Leben Jesu, glauben wir nicht, daß auch diese große Schickung Einfluß gehabt habe ? Seine Flucht nach Aegypten wurde zuerst und offenbar dadurch bereitet, und da das Kind jetzt vielleicht im zweiten Jahr war, und seine Seele sich Eindrücken zu öffnen anflng, was wissen wir, warum die Vorsehung es am besten fand, ihn diese ersten Eindrücke in Aegypten finden zu lassen? Ue- bcrdem bei der Erziehung des KindeS selbst, was wirkte nicht nachher die frühe mütterliche Erzählung des, was ihm so frühe geschehen, womit er zum Andenken des, wozu er bestimmt wäre, so 284 Christliche Rehen frühe beschenkt war. Und endlich, die große Verwicklung und Entwicklung der Vorsehung, daß das Blut so vieler Unschuldigen durch eine so unschuldige Reise vergossen, seines verschont, so wunderbar verschont, Er nach Aegypten gerettet, nachher nicht Bethlehem, sondern Galiläa sein Pflanzort wurde — welche Folge von redenden merkwürdigen Begebenheiten der Vorsehung Gottes! „Aber nicht auch das Mut der unschuldigen Kinder?" Allerdings, und eben bei dieser so blutigen Folge einer unschuldigen -Handlung laßt uns am meisten aufmcrken, um Trost und Aufmunterung eben da zu finden, wo sich das Bestgemeinte unsers Lebens blutig und widrig verwickelt. Wenn bei einer unschuldigen, guten, reinen Handlung auch in den Folgen alles gut, licht und eben ist — da darfs keines Trostes, da hat die Menschheit Triebfedern und Heben genug — da geht und laust alles seinen Weg fort. Aber beim Gegentheile, wenn sich die Folgen verwickeln, und das nicht gemeinte Böse das im Sinne gehabte Gute, wie weit und hoch übersteigt! —- Wenn auf die Andacht und heilige Einfalt dieser Weisen nichts minder.als Blut der Säuglinge und Unmündigen in allen Straßen Bethlehems floß, an allen ihren Grenzen floß, in jedem Hause der Stadt und auf Aeckern, Gefilden, und Gcbürgen nichts als Stimmen klagender Mütter, trostloser Gedahrerinnen tönten, und von diesen Fremdlingen, als unvorsichtigen Landstreichern, das Leben ihrer Geliebtesten, des Sohns, der Tochter ihres Herzens, die sie eben jetzt in einem so unglücklichen Jahr dem Schwecdt und Homilien» 285 eines Tyrannen hatten gebären , ihre Hoffnung und Lebensfreude in ihrem Blute fließen und trocknen und verscharren selbst halten sehen müssen —- da ist der göttliche Wink dieser Geschichte: „Gott war „ein Freund dieser Weisen! Er hatte sic hieher gesenkt, schützte ihr Leben, und würdigte sie im „Traum, sie wieder wegzulenken! Vom Blute der „Unschuldigen, das sie nachließcn, wußten sie nichts, „und noch weniger wars bei ihrer ganz gutgemein- „ten Handlung aus ihrer Seele, daß es ihnen der „Richter der Welt, wie vielleicht der Schmerz der „Mütter, Härte zurechnen sollen" — Der Wink dieser ganzen Geschichte ist uns denn, welch ein großer Trost des Lebens ! Verzage nicht, armer kühner Sterblicher, wenn du im Gedränge deiner Handlungen oft ganz andre Folgen sichest, als du dachtest, und laß dich alsdann den Fersenstich der Reue des Vergangnen nicht bis zum Unmuth, zur Ermattung, zum Mißtrauen auf Gott, und zu einer schleichenden langsamen Verzweiflung hinabquälen! Das Blatt, was abfällt und was da blühet, das Saamenkorn von Handlung, das da verweset oder Unkraut bringt, ist, so wie das, was edle Früchte trägt, Werk der Vorsehung ! War dein Herz rein, deine ganze Absicht gut und heilig und überlegt und vor Gott geprüft — nun thue mit schüchternem Muthe, mit furchtsamer Freudigkeit deinen Schritt, und was auch die Folge davon sey, stehe nicht zurück, suche nicht Freude und müßige Sclbstspiegc- lung in dem, was dir gelang, aus Furcht, du möchtest oft das Gegentheil sehen, das dich alsdann, den Trotzigen, Selbstsüchtigen, Stolzen! wieder auf einmal verzagt und muthlos und reuig über ..Mo 286 Christliche Reden das machen könnte, was dich nie wieder gereuen sollte. Ist deine Handlung in Gott gethan: und möge sie auch hier ein müßiger Landsmann nicht verstehen, belachen und tadeln; mögen sie denn auch silbst die nicht verstehen und nur angaffcn, bei denen du vollen Trost und Beschäftigung darinnen zu finden glaubtest — ist deine Handlung in Gott gethan : verzage nicht! der Stern wird dir zu rechter Zeit erscheinen, und dich erfreuen und aufmuntern , daß du sie glücklich vollendest. Vollendest — aber auch nun, siehe nicht hinter dich, sogleich jede Folge deines Lebens nufzuzählen und berechnen zu wollen: sondern eben alsdann hättest du Ursache, dich für dem gefundnen ärgsten Gegenthcile zu fürchten. Ist deine Handlung in Gott, dein ganzes Leben in und aus Gott, eben dadurch wird es einer um so höhcrn, vielleicht schwerem und verflocht- nern Vorsehung Werkzeug. Wärest du nur ein gemeiner Mensch, auf einem gemeinen Platze, so würdest du alles vielleicht hübsch um dich sehen, in deinem engen kleinen Gesichtskreise dich so schön und erplicirt belohnet finden. Nun aber, eben weil Gott dich auserwählt findet, glauben und handeln zu können, wo du auch nicht sichest: so wolle auch nicht sehen! Er machte dich zu einem kleinen Mit- werkzcug einer großen Maschine, wo du vielleicht nichts vom Erfolg sichest, und nur trägest, nur ächzest: aber du wirst einst sehen. Wenn der Erfolg da ist und Ansicht gibt, und dein Tagewerk aus ist — und ob das lang würde, glaube, es muß einen um so großem Erfolg geben, an dem so lange gearbeitet werden mußte, der so lange un- sehbar, oder in seinen Folgen verwebt, oder gar und Ho milien. 287 unübersehbar blieb. Glaube, cs muß ein um so größeres Bild seyn, in dem du stehest, wenn du selbst nur so klein bist und bei deinen bestgemeintesten Handlungen nur einen kleinen schwarzen Flecken siehest. Ermatte nicht! verzage nichr! kein unvollendeteres Leben war dem Anschein nach als das Leben Zesu, und siehe, dem ungeachtet für alle Welt und für alle Ewigkeit das grossste Leben. Unser Leben s e y verborgen mit Christo in Gort; wenn aber Christus euer Leben sich 0 ffenbarcn wird, so werdet ihr auch in i t ihm offenbaret werden in der Herrlichkeit, und manches verborgne, »erstochene Leben wird sodann das glänzendste, nützlichste , belohnendste werden, wo Menschen nichts von alle dem sahen. „Herr, wann haben wir dich gesehen, krank, nackt, elend, und hatten dir etwas zu Liebe thun können ?" Was ihr gethan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir gethan, und die größte Chri- stusahnliche Herrlichkeit wird alsdann also das einfältigste, thatig verborgenste Christusahnliche Leben krönen! 283 Christliche Reden XV. Rettung Jesu. (Matth. 2 , t3 —^ 23.) 'Oast bei jedem Umstande der Geburt Jesu haben wir Gelegenheit gehabt/ eine Probe außerordentlicher Vorsehung Gottes zu bemerken: bei diesem, bei seiner Rettung vom Mords chwerdte Herodes, und bei seiner Sicherung hin nach Aegypten und bei seiner Wiedcrbringung vonxda ins sicherste der Länder Judäa's, Galiläa, fällt wiederum nichts klarer und treffender in die Augen: denn meistens sind wir geneigter, in solchen Augenblicken, Sicherungen, Rettungen aus der Gefahr, Vorsehung Gottes zu finden, als im stillen Lauf unsers Lebens. Allein haben wir dazu Recht? Ist nicht eben so wohl das stilleste Werk, was Gott durch unsre Hände Und Homiliett. 289 Hände thut, Probe seiner Gnade, Kraft und Gegenwart, als die außerordentlichste Befreiung? Wir sahen bei der Geburt Jesu, daß eben die stillest e n Umstande bei derselbe», Zeit, Ort, Ankündigung, Zubereitung auf sie n a- h e und fern, ja vom Anfänge der Welt her, sprechende Spuren göttlicher Absicht waren — und tsts mit uns, mit dem geringsten Geschöpf und dem geringsten Werk in seinem Leben anders? Ist alles bei ihm, dem Hocherhabnen, nur ein Riß, ein großer Gedanke und Plan seiner Ansicht: ist dein ganzes Geschlecht, die Kette von Folgen, Handlungen und Kräften, nur bei ihm ein Kreis, ein Punkt seiner Vollkommenheit >— wie tief und klein und nichts du auch seyst.: so bist du ein Etwas in seiner Schöpfung, ein Etwas wie der Mittelpunkt des Ganzen, Jesus selbst. Gott setzte dich dahin auf den Ort, auf die Zeit, in das Geschäfte. Andere mußten das liegen lasten, was dir aufbehalten war, was du bauen solltest: und für dich mußten sich Hülssmittcl, günstige Zeitumstande finden, daß du bauen konntest. Das fand sich nicht von selbst dahin : du nicht von dir selbst dich an den Ort, auf die glückliche oder hindernde Stelle, und es ist also nur ein Wortspiel, wenn man sagt, daß di.e Zeit diesen und jetten Mann schaffe. Die Zeit schafft ihn, und er schafft oder gebraucht die Zeit, und beide, an sich nichts, fanden sich nur durch Gott zusammen. Er streuete große und gute Leute aus, wie Sterne im Dunkeln die Nacht zu erleuchten: er pflanzte den Baum in diese Wüste, wo er Lust hatte oder sich schaffen konnte: was dieser Mensch fand und an sich harte, und brauchen und also Herders Werke z. Rel- u. Theol. M» T 290 Christliche Lieden hervorbringcn keimte, machte Er!-Dieser stille Gang bei den Lebensumständen des Menschen, kennten wir ihn im ganzen Zusammenhänge der Welt betrachten, was wir Vorsehung im höchsten Verstände nennen, zeichnete er am würdigsten und schönsten: wir haben also bei der Geburt des größten Menschen in mehr als Einem Verhältnis von Umständen diese Auswahl voll Bedeutung und Absicht zu entwickeln gesucht — Die Rettung in unserm Texte spricht auch nach dem gemeinen Begriffe, der nur das Schnelle, das augenscheinlich Entgegengesetzte liebt, dasselbe, nur lauter und Heller. Ein Wink, so war der ganze Blutdurst Herodes um Jesum vergebens: das Blut der Unschuldigen floß, und den er suchte, war nicht drunter. Ein Wink, so war das Leben der Fremdlinge, denen er eben also nachsteliete, gesichert und Jesus in Aegypten. Auf Engel und Träume sind wir nicht gewiesen, aber auch durch natürliche Mittel arbeitet Gott nicht eben so sonderbar und wundekthätig an unsrer Rettung und Erhaltung? Daß unserm Körper Empfindlichkeit des Schmerzes gegeben ist, der uns sogleich von einer ankommcnden Gefahr benachrichtigt, uns Flucht gebietet, warnet, Hülfe und Arznei suchen lehrt — siehe da, ein natürlicher Engel Gottes! Wir können gleichsam nicht anders als wohl seyn: sind wirs nicht, so bereitet uns eben der Schmerz, der uns nicht mehr helfen kann, zum Tode, zur völligen Ret'ung und Zerstörung , das ist, zum neuen frischen Leben: die ärgste Krankheit, und Ho milien. 291 alles in der Natur, ist also in dem Betracht Engel, der Rettung, der Befreiung, des Trostes. Daß in uns unaufhörlich kleine Triebfedern wirken, des Strcbens, einer gesunden Un Zufriedenheit, einer fortwollenden Unruhe — stehe da, die ewigen im stillen Gang fortwirkenden Schutzengel unsrer Natur, unsres Lebens, unsrer Gesundheit. Nur erst später sehen wir oft, was vorbei ist, und dem wir unwissend, wie an der Hand eines leitenden Engels, entgingen. Nur erst spater sehen wir, was wir erreichen sollten, und voraus nicht sahen, nicht kannten; was uns ein innerer Trieb, rin Zunder zur Flamme glimmend, eine heilsame, oft unangenehme Reitzbark.it, wie ein Naturengcl Gottes, fast wider Willen zuwand. Und da dergleichen Erscheinungen sich in dem Leben jedes Menschen beinah anbcrS vorstellen, daher die vcrschiednen Namen und Ausdrücke, die am Ende immer einerlei bedeuten, Spuren der rettenden, leitenden Vorsehung Gottes. Dem einen ists A h- nung, die, ihm oft so unerklärlich, ihn von Gefahr zurückhall, ihn unwissend auf einen andern Weg bringt, wo er nur spät sieht, welcher Gefahr er damit entrann, welchem Guten er damit zucilte? Dem andern ists sicheres Gefühl, gut Gewissen, daß sein Blick dort in die Ferne trägt, und ihm den Schlund zu beiden Seiten, und den engen Weg nicht zeigt, auf dem er mit froh und freiem Muthe ging. Der Dritte nennr's Vernunft, die aber, so einförmig das Wort klingt, doch bei verschiednen Menschen so verschieden wirkt, sich jedesmal so einzeln und sonderbar mit Empfindung mischet, auf das und jenes und auf nichts anders L 2 2gr Christliche Reben bauet, hier Heller, dort dunkler, und bei jedem auf eigene Art sicher wirkt, daß niemand mit dem Magnet und Ruder des andern sicher fahren kann, aber desto mehr mit seinem eigenen — o ihr Naturengel Gottes, Schutz - Hülf- Rettungsengel unsres Lebens , wie mancherlei feyd ihr! und wie seltenen Menschen wird der Blick aufgelhan, euch zu sehen! Wer erinnert sich an alle diese kleinen Umstande? wer wendet auf sic genug Blick und Sorgsamkeit? Welcher Vater, welche Mutter, macht die Ihrigen darauf, als auf rückgcbliebene Strahlen im Gange Gottes, aufmerksam und im Geist und tiefsten Herzen dankbar? Wer überhaupt weiß, wie unsre sichtbaren, oft gemeinsten Handlungen mit den Kräften der unsichtbaren Geisterwclt Zusammenhängen , wovon sie gewirkt und was sie daselbst bedeuten? Wir sind in unsrer sichtbaren Gestalt nur das Zifferblatt unsichtbarer Näder und Triebfedern , und wie sehr sind diese und das bloße Zifferblatt, was wir meistens allein begaffen, unterschieden! Unser Leben, wie's äußerlich erscheint, ist nur ein Zeigefinger deS innerlichen, verborgnen Menschen, des Engels in uns, aus und in einem unsichtbaren Eeisterrciche Gottes! Und wie sehr diese Spuren rettender, erhaltender, mütterlicher Vorsehung am meisten bei Unmündigen, Säuglingen, Kindern merkwürdig werden, wer, der das nicht aus seinem und andrer Leben so vielfach bemerkt hätte! Welchen Gefahren ist nicht ein Kind unterworfen! welchen Gefahren entgehct's nicht! und welches ist die Unsichtbare, der Kindesengel, der immer der Herrlichkeit Gottes und Homilien. 29S fiehet, der sie leitet? Vielleicht gibts keine Scene, mehr Vorsehung, mehr wunderbare Regierung Gottes zu jeden, als das Lebensalter, die Welt, die Umstande der Kindheit. Wer da bleibt, und wer da weg muß! was für Heere Unschuldige, die kaum die Welt gesehen und mit ihren zarten Händen einige Oberflächen kaum betastet haben, und kaum wissen, daß sie da sind -— was und wozu sic durch einen unsichtbaren Wink aufbrechen? warum sie hiehcr auf so kurze Zeit kamen, und wohin nach einem so schnellen Durchgänge eilen? was und wozu es gut war, daß diese unschuldigen Bethle- hemiten auf den Wink eines Tyrannen so früh ihr Ecdenleben verbluteten, und auf welche für sie offne Stätten sie gingen? — Auf der andern Seite, welche andere Heere die Vorsehung durch wie viel Lebensgefahren und Engen, und wozu? fast, wenn wirS sehen könnten, aus so wunderbare Weise spart und durch einen Engelswink errettet, wie hier den zukünftigen großen Jesus! wie dort den zukünftigen Stifter seines Volks, Moses! wieEyrus, den Knecht Gottes, den er bei der Hand nahm und errettete und führte; kurz, wie so viele große, gute, oft auch sehr böse Leute in der Welt, die mehr als ein Engel also erhielt — sahen, wüßten wir das alles im Zusammenhänge der großen sichtbaren und noch mehr unsichtbaren Welt 0 Vorsehung, welch ein Loblied wäre dir aus dem kleinen unbemerkten gefahrvollen Leben der Säuglinge und Kinder bereitet! vor dem jeder deiner Feinde verstummen müßte Mit der Erziehung ists noch viel mehr also. Warum Jesus die ersten Kindheitsjahre nach Aegyp- 2S4 Christliche Reden ten gewinkt wurde? und was dies auch in der frühesten Bildung auf ihn wirken sollte? wissen wir nicht. Warum er aber aus Aegypten nach Galilaa gewinkt wurde, und daselbst seine meisten Jahre der Erde zubringen sollte? ist aus unserm Text und dem Verfolg der Sache leicht zu sehen. Schluß Gottes wars. Er sollte Nazarener heißen: Galilaa, das finstere, unwissende Galilaa sollte zuerst sein Licht sehen — in der Reihe menschlicher Vorfälle scheint sich daraus schon vieles zu erklären. Galilaa, das finsterste, unwissendste Land: die schlechteste, barbarisch gemischte Sprache — und Er also, seine ersten Jünger, unwissende Galiläer in dieser Sprache — wie im jüdischen Lande konnte die Erscheinung Jesu auffallender werden? Seine Weisheit war also nicht aus den Schulen Jerusalems : das Schlechte, Rauhe, Thorichtc, Einfältige wählte Gott, die Höhen und Spitzfündigkeiten der jüdischen Weisheit zu stürzen — war Galiläa umsonst? Galilaa, der Bildungsort Jesu; fern also von Bildung und von Verderbniß der jüdischen Schulen wuchs Jesus heran: die zarte Pflanze sollte nichts von zu nahen, dicken, unterdrückenden Giftgesträuchen einsaugen — Wüste und Einsamkeit wars lieber, wo er wuchs. Lasset uns also auch im Vortrage Jesu die Einfalt, die Land- und Bildersprache, den Galilae rausdruck nicht, ich weiß nicht, für welchen angenommenen, affektirten Putz halten, zu dem er, die ewige Weisheit, sich herabgelassen und Homilien. 295 und mit der er, ihm sonst uneigcn, menschliche Ohren nur so getäuscht hätte. Er nahm nichts an, er affektirtc nichts. Die ewige Weisheit war hier Mensch, ganz Mensch, und in Galiläa erzogen. Also auch nur in dem engen armen Kreise, unter den Bildern, in der Sprache erzogen: die Fischerund Ackergleicknisse sind ihm so natürlich, als er und kein Gott vom Himmel sic aussprach. Die ewige Weisheit wählte den Ort der Bildung Jesu, und da sie ihn gewählt hatte, war, was in ihm gebildet ward, wirklich dem Ort, der Bildungsschule ähnlich. In keinem Worte Jesu lasset uns also den sich herablassenden, nur so thöricht redenden und es besser wissenden Täuscher; den treuherzigen, wahren, einfältigen Galiläer laßt uns hören, und den Edelstein bewundern und schätzen und lieben , der nach dem Rathe Gottes in dem Staube wuchs. Galiläa das Land seiner Erziehung, und also die erste Pflanzung des Worts Gottes in diesem Lande. Das Volk, das im Finstern snß, sah das Lickt rc. Nicht Weise also, nicht Vornehme, aber schlechte, gute, unverdorbne Leute, die kein System im Kops hatten, cs zu vcrlheidigen, und keine Sucht, Weisheitsruhm durch ihn zu erlangen — die warens, die seine erste Stimme hörten , seine ersten Wunder sahen: seine ersten und treusten und viel ausrichtenden Jünger waren Galiläer. Mich dünkt, auch hier hat die Einfalt, die Gott erwählte, für die Religion Werth, die durch sie und in ihr gegründet werden sollte. Alle diese Jünger waren Leute, die Jesum kannten: die ein 296 ' Christliche Reden Wunderbares der Art, und ein Neligionssystem sich bei ihren Fischcrnetzcn wohl nicht zu erträumen Lust, oder Muth, oder Anlaß hatten. Die Galiläer, die zuerst Jesu Wunder sahen und glaubten und zeugten, waren die uneingenommensten, die in Judäa gefunden werden konnten: Fischer thun nicht Wunder und erfinden keine neue Religionen. Thut man nun noch hinzu, daß der Anfang des Lehramts Jefu in Galiläa, von Judäa entfernter, mehr und langer gesichert war; daß, da er nicht unmittelbar unter den Augen der Feinde entstand, er mehr, als Ga- lilaerkram, verachtet und verspottet, als verfolgt wurde, und also in der wilden Wüste zuerst ruhiger Wurzel schlagen konnte — und wie viel Ursachen mehr mögen cs seyn, baß Gott auch hier, wie mehrmals in der Welt, den dunkelsten Ort des Landes zum Anfang der Morgenrörhe machte, aus dem sich also, wie vom unerwartetsten Winkel der Erde Licht über die Welt Herzog. Und das wars, was der Prophet verhieß; „darum sollte Jesus aus Nazareth kommen." Wenn wir geneigt sind, etwas zu tadeln und besser zu wünschen, so si'nds meistens die Zeiten und Umstände unsrer Erziehung. Da finden wir oft so viel Fehler, hatten so manche gute Wunsche, wünschen uns so oft an diese und jene Stelle — Kurz wir tadeln am meisten da, wo wir vielleicht gar nichts verstehn. Wer setzte uns in die Welt? und wozu waxs, daß er uns setzte? Warum, daß wir hie und nicht dort, und unter den fehlerhaften Umständen erzogen wurden, und — werden sollten? Da nichts weniger gleichgültig ist, als die Erziehung und Ho milicn. 297 u»d Bildung aufs ganze Leben: so kann vor dem Gott, der die Haare unfers Haupts gezahlt hat, und vor dem kein Vogel, ihm unwissend, vom Dache fällt, auch nichts weniger unabgezweckt gewesen seyn, als diese Umstande. Jede gegebene und jede genommene Gelegenheit, jedes vorherbcrciteto und versagte Gute ist und war bestimmter Zug zum Gcmahlde unfers Lebens: was aber ist dieses? weißt du, was cs im Gesichtspunkt des Allwciscn seyn sollte? Was hast du, was du nicht empfangen hattest? und was du also nicht empfangen hast; wie kannst du darüber zanken und es fodern? Ich will damit nichts weniger, als die erschrecklichen Fehler, Mißbräuche und Nachläßigkeiten bei der Erziehung sein selbst und andrer rechtfertigen. Die Welt seufzt unter ihnen: die meisten Verderbnisse in allen Ständen sind ihre Folgen, und einem großen Theile nach sinds doch Krankheiten, an denen wir"nur freiwillig daniedcrliegen und abzehren, weil wir uns selbst und den st»fern nicht davon helfen wollen. Sind alle Gelegenheiten zum Guten uns von Gott zugczählt, und kommt keine Jugend und keine Gelegenheit wieder: so erhellet eben, daß wir nicht ungestraft an uns selbst und den Unfern sündigen können. Sie zehren uns das Mark aus unfern Beinen und den Lebenssaft der Tugend und Glückseligkeit aus unserm Leben, die Fehler, Mängel und Frevelthaten der Erziehung, und sind, wenn etwas es ist, des menschlichen Geschlechts Zenker-- Aber wenn nun diese Fehler und Mängel durch- 298 Christliche Reden aus nicht von uns abhingen; wenn wir offenbar Eigensinn, ein selbstgemachtes enges Wunsch- und Schönheitsbild zum Grunde legen, und meistens unsre männlichen Jahre in die Zeiten verpflanzen, wo wir noch nicht Männer seyn können: wenns wahr ist, daß wir mit diesen Wünschen oft unsre Fehler nur verdecken wollen, und das aus Ort und Erzieher schieben, was unsre eigne spatere oder noch dauernde Schuld ist: überhaupt, wenn wir zu bequem oder zu hoch urthcilen wollen, Götter und Engel fern wollen, da wir nur zu Menschen geboren sind, die nicht wissen, wozu sie im großen Weltall verrechnet werden sollen — da lasset uns den großen Allvater bören, wie er dem Hiob seinen Ort anwciset: nicht auf der Höhe des Tadelns sund Richtens über die Werke Gottes; vielmehr im Thals der Geduld, der stillen Thatigkeit und des Schweigens. „Wußtest du, zu welcher Zeit du solltest geboren werden, und welches deine Lebenstage seyn würden?" Und weißt du dies letzte noch? Kann eine Bildsäule, kann ein Gemahlde sich selbst übersehen? und ein kleiner Zug, der zu einem großen Ganzen gehört,. istS möglich, daß der kleine Zug sich selbst kenne? Zu allem gehört Gesichtspunkt! ein rechter ganzer Gesichtspunkt; und in dem steht in Absicht auf alles in der Welt allein der Schöpfer. Brauche, was du empfangen hast, und kümmere dich nicht um das, was dir nicht werden konnte. Wie oft sehen wir im Gemahlde nnsers Lebens das wirklich für NachthHle an, was Vorlheile, aus- und Homilien. 299 crkohrne Wohlthatcn Gottes waren, wie der Aufenthalt Jesus im dunkeln Galiläa. Was wissen wir oft, was wir ohne dies und jenes geworden und nicht geworden waren — wer kennet sich selbst? Wenn aus jedem Guten unsers Lebens erhellet, daß es meist nur durch Mangel, Prüfung, Gefahr, Drang, Selbstthatigkeit hervorqelockt wurde, richte nicht, tadle nicht, sondern thue! ersetze! wende an! Wo das Saamenkorn siel und wo's nicht siel! Schatten und Licht auf deinem Lebensbilde wird einst, wohlgebraucht, sich in das Loblied sammeln, das du in einer andern Welt, wenn du dein Leben in größerer Verbindung siehest, deinem Gott wirst anzustimmen haben: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gcthan hat :c. (Ps. ic>3, i — 5.) Ich danke dir darüber, daß ich wunderbar gemacht hin rc. (Ps. i3g, 14 — 18.) Warum sollt» mir also nicht erlaubt seyn, hier ohne weitern Uebergang das Andenken eines großen und guten Lebens zu feiern, dem wir alle so viel schuldig sind, das heutige Geburtsfest unsers Landesvaters: und in ihm also welch einen Zusammenfluß göttlicher Wohltha- ten und Gnaden! Wenns so äußerst selten ist, daß der Landesherr, der Erste seines Volks, zugleich der Erste desselben ist an Gaben und Aufklärung, und noch ungleich seltener, daß jeder Lichtstrahl 3uc> Christliche Reden dieses Lichts «nick Güte des Herzens ist, nur edle Grundsätze hervorbringt und nach ihnen handelt — rin Wesen der Art, welch edles Werk Gottes! ein theurer Name für die Menschheit, wie viel mehr für die Unterthanen, denen dies edle Werk Gottes ward! Und was können diese Unterthanen bei jeden! Andenken dessen, daß ers ward, besser thun als sich freuen, und ihm den Lohn wünschen, den sich die Tugend wünscht, nur fugend seyn zu kennen, und den sie allein aus den Händen der Gottheit empfangt. Lasset uns also hier alle, um die Knie unsers Landesvaters geschlungen, knien und Gort bitten, daß er ihn mit dem edelsten Leben segne, noch viel Gutes auf der Erde thun zu können, und mit dem reinsten Genuß dieses Lebens, daß er sich des gckhanen Guten auch heute freue. Die Kette der Wohlthaten, o Gott, die durch Regenten hinabgeht, ist die allgemeinste, daurcndste und innigste von deinem Throne. Wenn du ein Land strafen willst: Pest, Hunger und Drangsal? dürfen nicht kommen: ein unsinniger, unweiser Regent, ein Verwüster, ein Aufopfcrcr, ein König, der Knabe oder Menschenfeind ist, verwüstet mehr und laßt tiefere Spuren auf die Nachwelt hinab, als Heuschrecken und Scorpioncn cs thun können. Aber giebst du ihm Segen, einen Vater, einen Menschenfreund und Weisen, der nur für das Gute seiner Kinder sorgt, und kein andres Band weiß, als Vorsorge und Wohlthat — o Gott, so höre die Kinder für ihren Vater bitten! höre die Seinigen für ihn bitten, die ihn lieben ! die Armen für ihn bitten, deren er sich auch im vergangc, und Homilien. 3oi neu Lebensjahre väterlich annahm, und die auch heute sein Geburtsfest mit Dank und Genuß ihres Lebens in Schwachheit, Krankheit, Alter und Ar- muth feiern können: unS alle höre für ihn bitten, daß du ihn lohnest mit dem Lohne des besten Lebens ! Erfreue ihn , o Gott, und uns 7 daß du unser Gebet erhörest, und gieb ihm Untcrthanen und Diener, die seiner würdig sind! Amen. 3v2 Christliche Rede» XVI. XVII. XVIII. Stille Größe Jesu. (Joh. l, 35 — 5i.) iche! das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde tragt! Diese Worte, mehr als einmal wiederholt, als wiederkommendcs, gleichsam unmittelbar und zuerst aufwallendes Bild, so bald und so oft Johannes die Person Jesu sah, zeichnen, dünkt mich, auf cinmül seinen Charakter. Stille Größe, Unschuld, Demukh, und tiefes Gefühl seines Berufs! Heiterkeit und Reinigkeit der Seele, die sich nirgends vor drang, nicht in den Sinnen und im Geräusch des äußern Lebens, sondern tief auf ihrem Mittelpunkt, in ganzer Empfindung ihres Werths und ihres G e- schäfts, in innerer Thätigkeit, die von außen leuchtende, stille, sanfte Gottesruhe wurde — noch erschöpfen alle die Worte lind Ho Milien. 3o3 das Bild nicht, das auf dem Antlitz, in der Bildung und in aller Handlung Jesu lag. Lamm Gottes! ohne hier noch an Oster- vder Opferlamm zu denken, bloß nach einem allgemein bekannten Bilde des Morgenlandesnach welchem das Lamm Urbild des Heiligen, Sanften, Unbefleckten, Liebreichen und Nützlichen in der lebendigen Schöpfung— und Lamm Gottes, ein Lamm mit Hi n. m e l s fl a m m e, einem S o n n e n s t r a h l oder einem Sternbilde auf dem Haupt, ein eben so angenommenes Sinnbild einer Gestalt, einer Erscheinung war, in der ein reiner, himmlischer, göttlicher Geist wohnte, wo sich- wie gleichsam ins reinste Gefäß der Natur ein Funke von der blauen Himmelshöhe herunter gelassen, sie zu beleben— welche stille Größe! welche Bedeutung! Lamm, das die Sünden der Welt tragt! also tragt, und viel tragt und nicht ermattet — dessen Dafeyn und Beruf also die stillc- ste fo r t ge h e n d st e Handlung, die am mindsten scheinbare, aber schwerste und aufopferndste T hat ist — Tragen! die Bürden Anderer tragen von Anfang zu Ende seines Lebens! nicht für sich oder zur Muße und zum Genuß da feyn, sondern mit seinem Leben gleichsam in die Wohlfahrt aller verrechnet! Und dies thun und leiden und uncrmüdet fortgehn! auf deck nur unsichtbaren Wink Gottsss! unerkannt und ohne Genuß seiner Hingabe ! lebenslange Aufopferung in 3»4 Christliche Reden die höchste Gottseligkeit und Bruderliebe für alls Menschen , ohne Murren und Mattwcrdcn, ohne Geräusch und ohne Anforderung nach Belohnung — ich sage mit Allem noch wenig von dem, was in der stillen Größe des großen unübersehbaren und unübcrsehencn Berufs liegt: als geweihtes Lamm Gottes da s e y n , alles Unglück und Sünde der Welt zu tragen — die Summe des Größesten von Handlung im kleinsten, stillesten Ausdruck I Und nun welch ein Sinn, wenn wir dies Leben als Absicht Gottes betrachten, als Mittelpunkt der Vorsehung und der Entwickelung der menschlichen Schöpfung! Die ganze unvollkommene Natur des Menschen, alle Schöpfung unter dem Monde ist nur ein Schritt zu höherer Vollkommenheit! Alles und immer ist dahin im Gange! Die Flecken und Schwachheiten und Fehler und Laster sind, so schwarz sie uns dünken, in diesem großen Reiche nur Krümmungen und Mittelzustande und Durchbrüche zu größerem Lichte, zu größerer Neinigkeit und Klarheit! Ein Plan der Vorsehung und moralischen Ordnung ist bestimmt, und alle die Flecken und Schlacken sollen sich mehr verlieren ! und alles soll mehr ins Lautere gehen, dem Vater des Lichts und Guten ähnlich! Jesus, der Mittelpunkt dieses Plans, das höchste Werkzeug dieser allgemeinen Gottesversöhnung und Frieden- stifkung! das Werkzeug und die Mittelbewegkraft, auf die sich Alles, als Glied, beziehet, was zu dieser Wegschaffung des Bösen und Finstern aus der Natur, nah und ferne, beiträgt. Er, der große und Ho Milien. 3o5 große Versöhner und Wiederbringer, durch den Gott, und auf wie stille Weise! die Schöpfung zu schaffen und zu erneuern beschlossen — Lamm Gottes, das die Sünden der Welt wegbrinqt! stille Größe! Abgrund einer Weisheit des Raths Gottes, die sich bis auf die Ewigkeit erstrecket, und nur die Ewigkeit ganz erkläret! Das ist der tiefe, vielfaffcnde Sinn, der in diesem Bilde, und in diesen stillen Worten liegt, mit denen man sonst fast nichts thut, als sie entweihen, unwürdig damit tändeln und spielen! Wie viel das Bild, der Charakter und die Absicht Gottes mit ihm uns sage und lehre und vorbilde: muß, glaube ich, auch nur durch stilles Anschauen und unmittelbare Empfindung erkannt werden. Die Aufopferung, Reinigkcit und Unschuld, das tiefe innere Gefühl, nicht zu scheinen, sondern zu seyn! vor Gott zu seyn und nicht vor Menschen! Die Stille der Seele, die man Tiefe des Gemüths nennt, die gleichsam nicht in den Sinnen, sondern bei ihr selbst, vor dem Anschauen und im unmittelbaren Genuß der Aehnlichkcit Gottes wohnet— dieser Charakter Christi, dieser Christus sinn, der ist das Muster und Ziel, wohin uns die höchste Lugend und -Menschenglückseligkeit weiset! er ist, wo er sich auch nur in Trümmern und einzelnen Spuren findet, die stille, leidende, tragcndthatige, sich aufopfernde, aus B r u d c r g ü t e für andre sich aufopfernde, oft verkannte und nimmer sich Herders Werke z. Rcl. u. Lheol, HI» U 3o6 Christliche Reden hervordrängende, tiefverborgne Tugend; wo sie sich auch in Trümmern nur und einzelnen Spuren findet, ist sie düs Liebenswürdigste, Gottälmlichste in der Schöpfung, Bild Gottes in unvollkommener, tiefverfalleNee Natur; sie ist, wo sie ist, das tiefste, schwerste und gleichsam unergründliche Kennzeichen, der schwerste und innigste Grad tugendhafter Bestrebung! eNtfagt hundert Leidenschaften, Affekten und Beweggründen, die bei andern, im niedrigern Grade, ungemein vieles Gute ausrichtcn können und noch Mehr Annehmliches für unsere Sinne haben! entsagt üllem Geräusch, äußerlichem Ankündigen, Scheinen, Blenden und Lohn der Welt! ist aber auch, wo sie ist, in ihr selbst unaussprechliche Süßigkeit, Lohn und Schönheit.— Sie theilt sich allen unfern Handlungen mit, und salbt sie mit Ruhe, Reinigkeit und Unschuld ! Wenn sich Alles üM uns wechselt und sortstürmt und ändert, ändert und verläßt sie uns nicht, ist unsichtbarer Glanz von Gottesheitre, der in uns schwebt und erquicket unsere Gebeine! Christus Sinn und Christus Seele, La Mm Gottes, in seinem Anschauen wandelnd, von seinem Feuer und Güte und Kraft durchströmt — großes und schweres Vorbild der Tugend! Cr war hier, nur für Andere zu tragen: und trug fortdauernd, sanft, unerkannt und stille — Was ist unser Dasepn? was unsre Tugend? was haben wir für Andere thun können, thun wollen? zum Besten der Welt Und unsrer Brüder vor Gott gethan? Oft, wenn wir nur die gewöhnliche Bürde des Lebens f ü r u ns , unabtrennbar von tausend und Homilien. 3 »7 größerm Guten der Menschheit, trugen sollten — mit welcher Wchmuth tragen wir sie! mit welchem Murren und Nufen und Abschüttelnwollcn, was doch zu tragen war und Nicht abgeschüttelt werden konnte! Und mußten wirs tragen, wie rüsten wir zu Gott und Andern, daß man uns doch tragen sähe! wie wogen wir unsre Last und Stärke! wie groß dünktcn wir uns mit Nichts! Kurz, wie wenig hatten wir vom Sinn Jesu gelernt! Komin et her zu mir Und lernst — sanftmüthig seyn und von Herzen de- müthig: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Das ist Sinn Jesu: was drüber und drunter ist, ist Sinn der Welt» der mit der Welt vergehet! Und wenn wir uns übcrdeM mit Jesu, als Glieder an ihm, dein Haupte, in einer großen Absicht Gottes begriffen denken, auch aN unserm Theil zur Wegnahme der Sünde aus der Welt bestimmt zu sepN, daß auch durch uns auf der Spur Jesu die Schöpfung reiner, lichter und seliger werde — o du Bcrunreinigcr und Unreiner, böse und ein Stifter des Bösen, und alles» was Gräuel ist und Lüge, auf welcher Lahn wandelst du? Ein Flecke der Schöpfung, der mit in das Feuer ihrer Schlacken gehet, nicht Helle Und weiter aufhellettdcr Strahl Gottes! Und nur dieser allein ist Berus und Nachfolge und Lohn Jesu! — Was auch wir, mit lautester Güte-, Demuth und Aufrichtigkeit des Herzens , für Böses aus der Welt schafften, für Gutes beförderten, liebten Und übten, nur das U 2 erwartet uns dort! nur das ist Tagwerk, was uns mit Christo lohnet! Unser Leben, unsre Tugend und Herzensgute sei verborgen mit ihm in Gott! (Koloss. 3, 3. 4. u. f.) * * * So war Jesus für sich, und wie kündigte er sich nun an in seinem Betragen zu Andern? Ganz und gar nicht. „Wen sucht ihr?" ist sein erstes Wort, womit er nach so hoher Ankündigung bei Johannes erscheint, und was er, gleichsam sich selbst verkennend, an die thut, die ihm auf Johannes Zcugniß und die Botschaft vom Himmel Nachfolgen — „Wen suchet ihr?" und da sie ihm antworten, ist wieder nur das bescheidenste, liebreichste und prüfendfle Wort seine ganze Antwort: „Kommt und sehet!" „Kommt und sehet!" er ließ also That sprechen und sprach nicht selbst: drang sich nicht auf und kündigte sich nicht an! „Kommt und sehet!" Die Thürc des Fremdlings, des Armen, des Dürftigen auf Erden war, obs gleich schon spat Abends war (v. 3 g.), niemanden verschlossen, der ihn suchte. „Kommt und sehet!" Er wollte keinen Beifall ohne Augen und keinen Glauben auf Andrer Zeug- niß! Kommt und sehet, braucht Vernunft und Sinne und prüfet selbst! und Homilien. 3og So war also der Weg zu Jesu, den er selbst liebte, ein Weg der stillen Demuth, Liebe und Ueberzcugung! und wir sehen aus den Folgen, wie hoch der Weg gcführet! wie viel und die besten Seelen er gewonnen! Andreas und der Junger, der aus Bescheidenheit sich selbst nicht nennet (v. 40.) Johannes, Simon und Philippus und Nathanael, die besten, in der Folge so sehr ausgezeichneten Charaktere unter den Schülern Jesu: sie waren die erste Frucht, die sein Baum trug, der erste Gewinn, den sein Netz zum Himmelreich fischte! (Matth. , 47.) Und wie schnell! Cs ist in unserm Text gleichsam nur vom Finden und vom Erkennen die Rede! So wahr, so schnell, so innig und tief- wirkend dieses Finden und Anerkennen geschieht, so gings mit dem stillen Fortgange des Reiches Jesu. Es brannte, es zündete, cs pflanzte sich unmittelbar fort ! es wirkte, wie Magnet, Sonne und alle Kräfte Gottes in der Natur, still, stark, schnell, lebendig! Schönes aufmunterndes Bild des Fortgangs von allem wahrhaftig Guten, von aller schönen und wahren Tugend! Finden und Anerkennen, gefunden und anerkannt werden, ist der ganze schnelle unmittelbare Weg, wie sie wirkt. Keines Zwangs und keines Ausbringens bedarf sie, der ihr überdem so fremd ist: sie wirkt, wo und wenn sie erkannt wird, mit stiller , freier, göttlicher Macht auf menschliche Herzen und kann ihres Zwecks nicht verfehlen. Hat die Tonkunst Vernunft- 3>c) Christliche Reden Müsse und Demonstration nöthig, um gefühlt zu werden? Nein, und wo sie das erst nötbig hätte, wirkte sie nie! die höchste Tonkunst und Wohllaut der menschlichen Seele ist Tugend; der höchste Wohlklang der Tugend ist, wo sie sich dem Urquell alles Guten, der höchsten Harmonie und Einfalt nähert, Religion, Gottseligkeit und Unschuld. Wo sie klingt, wo der Klang eine menschliche Seele nur ohne Geräusch auf einem Empsin- bungspunkte findet — über den Eindruck sei nicht zweifelhaft, sei nicht verlegen: der ist schnell, still, gewiß und lebendig, wie die Kraft des Lichtstrahls, der Schwere, der Bewegung und aller Kräfte., mit denen Gott in der Natur wirket, Die Geschichte jenes, der nur durch die Miene des Weisen im Bilde, durch den Statten von seinem Antlitze, auf dem alle Größe und Heiterkeit und stille Würde der Tugend schwebte —- nur in einem Blicke davon gerührt, alle sein voriges Lasterleben auf einmal verschwor: die Geschichte mehr qls eines, dem Christus gleichsam im Bilde erschien, und ihn auf einmal umwandtc — wie oft Ein Gedanke, E>n Spruch, Ein Wort Gottes, der Ton eines Liedes diesem vielleicht nur Vorübergehenden, der gar nicht zu dem Zwecke kam , mit Gotteskraft ans Herz wirkte — wie oft ein behorchtes Gebet, eine im Verborgenen gehörte Stimme der Einfalt, Unschuld, Gottseligkeit und der kindlichsten Herzensentschüttung vor Gott, selbst auf den feindseligen Behorchen mehr Wirkte, als alle Anmahnung und gerade abgezweckte Ueberlegung —- wie endlich insonderheit die starke, aber um so schweigendere Stimme des guten Beispiels mehr sagt und Wunder thut, als alles, und und Ho milien. Zer wo es nur eine leere, empfindliche Stelle der Natur findet, sie gewiß nicht verfehlet und verfehlen kann — das alles sind noch immer kleine zerstreute Neste und Proben von der Macht der wahren Wahrheit, Gottseligkeit und Tugend! die nur kein Blendwerk, kein kaltes Abzwecken und Außenwcsen seyn muß, und sie tragt immer einige unwiderstehliche Strahlen der Herrlichkeit Gottes! Was hier an Jesu war, was diese, die kamen und sahen, so unnennbar sahen und in sich fühlten — was wars? Nicht Glanz: (den hatte der erniedrigte Jesus nicht!) nicht Wunder: (davon wir nichts finden, und erst nachher (Joh, 2, az.) geschähe das erste Wunder:) die kalte Lehre und Beredsamkeit wars gewiß nicht, denn wie konnte die vom Sohne Gottes überzeugen? Es war aber etwas Anderes und mehr und Un? aussprechljches, als Glanz, Lehre und Wunder: etwas, das unmittelbar ans Herz drang und sie überzeugte, daß sie ohne diesen Jesus nicht leben könnten und leben sollten^- das wars! das wirkte und wirkte fort! Wenn wir uns in Gedanken dieser Art vertiefen , und uns einen solchen unmittelbaren Umgang der Seele Jesu mit seinen Jüngern, und alle Seligkeiten in solcher gemeinschaftlichen Verbindung und Wirkung zur Tugend denken — wie aufflam- mend es auch die Einbildungskraft uns zeige, und Herz und Geist es wahr finde, noch ists nicht unser 3l2 Christliche Neben Loos auf Erden! So mächtig die Tugend und unmittelbar anziehend die vereinte Kraft dcr Tugend scyn müßte: das Gute und die Guten sind hier zerstreut, sind einzelne abqetrennte Geschöpfe, wo sich auch die Besten und Nächsten nur finden uno unvollkommen berühren: wo einzelne Bildung und Erziehung und Denkart und Endzwecke den reinen Sonnenstrahl der Wahrheit und Tugend noch immer in Farben brechen, und in der irrdischen Scherbe verdunkeln. Aber dort, wo alles nur Flamme und Licht ist, Licht himmlischer Weisheit, Flamme himmlischer Tugend und Liebe — man sieht, wie Flammen zusammcnflicßcn und sich einander mittheilen, ohne zu verlieren: man sieht und weiß, wie dcr Sonnenstrahl schießt und erleuchtet und wärmet und belebt. Unendlich feinere Anfänge werden wir schon hier gewahr, wie das Licht dcr Ucbcrzeugung obwohl, in so tiefem Schatten, wirkt, und die Flamme der Liebe sich mittheilet — Einst wenn die Scherben fallen, und alles, was den Gottesstrahl in uns aushält, bricht und verdunkelt, hin ist — dann wird sich Alles in Licht verklären, in gemeinschaftliches Licht, Seligkeit und Wonne! Endlich ist noch die Begebenheit Jesu mit Nathanacl zu erklären, die von beiden Theilen charakteristische Züge der Wahrheit und Schilderung enthält. Nathanael, da er von Jesu hörte, bringt das Sprüchwort seiner Provinz vor: „was kann aus Nazareth Gutes kommen?" (so wie jede Provinz beinah eine Stadt hat, gegen die sie, wenig- und Homilicn. 3r3 stcns in Sprüchwörtcrn, sosche nachbarliche Liebe von Meinungen beweiset.) Und auch alles Unschuldige bei der Anwendung des Sprüchwvrrs gesetzt: wars wenigstens bei Ankündigung der Suche sehr leichtsinnig. Konnte aus Nazareth, im Ernste, nichts Gutes kommen? Ich glaube, die Frage braucht keiner Antwort. Nathanael an seinem Theil war wieder ein Galiläer, der als solcher, auch wieder seinen Beinamen von den andern Juden hatte. Das Land wirfts auf die Provinz : die Provinz auf die einzelne Stadt: die Stadt auf einzelne Familien: so theilen und jagen sich die Menschen mit Ungerechtigkeit und Leichtsinn. Jesus aber vergalts ihm auf eine edle Weise. Da jenem, ehe er ihn gesehen hatte, bloß der Name der Stadt genug gewesen war, etwas Nach- thciliges zu denken und zu vermuthen: nahm Jesus Gelegenheit, vom Ersten, was ihm verstieß, vom Ansehen Nathanaels schon etwas Gutes zu denken und zu sagen: „Siche, ein achter Israelit, an dem kein Falsch ist!" Die beste Belohnung und Erwiederung des leichtsinnigen Übeln Verdachts mit zuvorkommender Güte! Ein stiller Vorwurf also für Nathanael! und es erklärt sich auch hieraus, warum ihn Jesus Israeliten nennt, da jener ihn als Nazarener gescholten hatte: er vergilt gleichsam das Provinzial-Unrecht, was ihm geschehen war, mit National,- Güte. Aus der kleinen Stadt sollte nichts Gutes kommen können, und das ganze Land sollte treuherzige Falsch- hcitslvse Israeliten fassen? wie sich hier der Jünger gewiß dem Ansehen, der Bildung nach, Christliche Neben die Jesus bis auf den Grund der Seele durchdrang, zeigte. Ohne Erklärung fühlt der treuherzige Fremde den durchschießenden Sonnenstrahl des Vorwurfs. Staunend, und vor der Person Jesu gewiß noch mehr staunend, nimmt er sich zusammen: „woher kennest du mich?" und Jesus fährt mit einem neuen Schlage ans Her; fort: „Unterm Feigenbaum sah ich dich!" und erinnert ihn damit gewiß an eine »ns unbekannte bei ihm selbst allein verborgene Geschickte seines Lebens > Thöricht also wars, da sie eben eine verborgene Geschichte seyn sollte, rgthen zu wollen: „ob ec etwa unter dem Feigenbaum gebetet; um Christum gebetet?" rr. s. w. Gnug, es traf ein neuer Sonnenstrahl den dunkeln Abgrund seines Herzens. Er fuhr zum zwef- tcnmal zusammen: „Rabbi, du bist, Heu wir erwarten, der König von Israel!"-Und als er nun da war, wo er seyn sollte, oder vielmchr wieder zu schnell im Zutrauen zufuhr: zeigte ihm sein neuer Lehrer die noch so weite, höhere Bahn, auf der er zu seiner Kenntniß zu steigen hatte. ,,Du glaubest, weil ich dir gefaqet w. Wahrlich ich sage dir: von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen u. s. f. (v. öc>. 5r,)" Wann ist das nun geschehen? wann sah Na- thanael und die Apostel über Christo den cröffneten Himmel und die auf ihn auf- und absteigenden Engel? Nie mit Augen! denn keiner der Evangelisten erzahlts: und da cs v o n nun an immerfort geschehen sollte, so, sieht jedweder, kanns keine Natürliche Ansicht seyn, die endlich auf eine völlige und Ho Milien, 3i5 Verrückung oder Verwirrung oder auf ein leercS Trugschaulpiel hinausgegangen wäre. Es ist ein jm Morgenlande bekannter und innig gefühlter Ausbruch, wie sehr sie künftig die Gottheit, die übermenschliche Herrlichkeit des Erlösers empfinden würden. Als ob her Himmel über ihm aufgethan, und Kräfte Gottes sich sichtbar und fühlbar auf ihn her- abbcwegten — so sollten sie ihn von nun an oft empfinden! in so unnennbare, tiefgefühlte Augenblicke gerathen. Kurz, was Jesus so oft sagt, sie sollten in ihm die Herrlichkeit Gottes sehen! Wun- derkcaft, wie er mit seinem Vater Welten regiert und den Arm durch die Unendlichkeit breitet, und hoch hier auf Erden in stiller Ruhe, in schweigender Erniedrigung weilte. Man lese Johannes, und fast in allen Kapiteln werden Spuren dieser gefühlten Herrlichkeit und Gottes-Empfindung sichtbar. (Joh. r, 14- Kap. 2, ic. Kap. 3 , 3 i. Kap. 5 , 17. 2p. u. s. w.) Wir sind nicht Jünger Jesu, die auf solche Art mehr des Anblicks seiner Herrlichkeit gewürdigt werden können: unser Glaube muß auf Ueberzcu- gung beruhen, oder ist Betrug der Einbildung und' Schwärmerei. Wir stehn nicht mehr am Mittelpunkte der Gottcsoffenbarung, sondern schweben am Abhange der Zeit, wo aus dem Wort Gottes und historischem Zeugnis unser Glaube kommt. Aber, 0 Mensch, wie kalt müßtest du seyn, wenn dich deine Religion stets ohne nähere lebhaftere Empfindung der Gegenwart Gottes, seines großen Weis- heits- und Gnadenplans über das Beste der Menschheit, gleichsam ohne Anschaun Gottes und Jesu ließe! wenn dich kein Gebet näher zu ihm rückte, und dir unmittelbar seine Gegenwart, Hülfe und Einwirkung in dich zu empfinden gäbe! keine Betrachtung dir Zesum naher brachte, in ihm unmittelbar das Bild Gottes, seiner Güte, Weisheit und Schöne zu sehen, und in ihm dein Haupt, dein Brudcrvorbild, dein Ziel der Seligkeit, Ruhe und Vollkommenheit zu fühlen!-Auch hier misset die weise und gütige Hand Gottes, und thcilt einem jeden zu, was und wie viel er braucht. Er weiß die dürftige liebende Seele auch in der Noch zu finden, wo kein andrer Trost ist, als dieser unnennbare Blick zum Himmel, Gefühl Gottes und Vorgefühl der Unsterblichkeit! Er weiß da aufzu- muntccn, wo nur das aufmuntern kann, und eine Seele, die dem Himmel reift, auch mitHim- melsrcinem Vorschmack zu lohnend Und endlich der Tod, der letzte Augenblick zwischen zwo Welten — o Jesu, da laß unfern Blick eröffnet sepn und den Himmel aufgethan, und dich in der Gestalt sehn, wie du Stephano erschienst, mit offenen Armen ihn zu empfangen: so ist unser letzter brechender Blick gewiß ein Blick voll Gottesruhe und Seligkeit — der Blick eines sterbenden Christen, voll stiller Größe, wie's sein Heiland war lebend und sterbend! — und Ho milicn. XIX. Auferweckung des Lazarus. (Joh. n, i — 44.) -^^ie schöne Geschichte ist vom cdeln Johannes auch so sanft, betrübt und vertraulich erzählt, daß die Worte nur abzutröpftln scheinen, wie stiller Morgcnthau von Blumen — Es lag einer krank, Lazarus in Betha- nia, im Flecken Maria und ihrer S ch w e- ster Martha. Siehe, wie fein und lieblich ists, wenn Brüder einträchtig zusammen wohnen! lieblich, wie Duft der Salbe Aarons steigt ihre Bruder- und Schwesterliche zum Himmel! — Siehe, wie fein und lieblich ists, wenn die, so Eines Fleisches und Blutes, auch im Leben Eines Herzens und Sinnes sind, wenn sie, die Einer Mutter Brust getrunken, aus Einem Blute entsprossen sind, auch Ein Glück des Lebens zusammen 3.8 Christliche Reden lind für lind in einander fühlen. In solchen Hausern wohnt Gort und die Liebe uNd Vertraulichkeit des Paradieses. Wo aber im Gegentheil auch unter Geschwistern Neid, Eifersucht, Zank, Habsucht, Plane berrschen , die einander wechselsweise zerstören: da sind die eisernen letzten Zeiten, dis Jesus verkündigt hat: Brüder wüthen gegen Brüder: die Mutter gegen die Tochter, die Tochter gegen die Mutter — da herrscht der Satan. Jesus hatte Marthäm lieb und ihre Schwester uNd Läzarum. Ewiger Ruhm und Belohnung für diese stille häusliche Familie! Ich sehe, wie Jesus, wenn ihn das geräuschvolle, mörderische Jerusalem aus seinen Mauern drangt, mit seinen Jüngern das stille Bethanien sucht, und im Hause der Freundschaft, der Unschuld und Liebe, Trost über daS, was er hatte sehen und leiden müssen, über die Übeln Seiten der Menschheit findet. So sind gute Personen, eine gute Familie, gleichsam der Ruheplatz Zwischen Geräusch, eine schöne grüne Insel zwischen Wellen, wohin der Wanderer entrinnt, und sich erholet. Da stand Jesu nähe an Bethanien der Oelberg, die Stätte des Gebets und der Vertraulichkeit mit seinem Vater. Hier läg der Flecken stiller, Unschuldiger Menschen ! dort sein Haus det Freundschaft: da lebten die drei Lieben, die er kannte, die ihn so gctne sahen — schönes Wort, Nachruhm für die Denkart Und die Empfindungen Beider! Auch Jesus, M. Z., schämte sich nicht der Empfindungen und der Herablassung der Freundschaft. Unter seinen Jüngern > die alle ihm lieb waren, hatte er Einen und Ho milien. VWlSN:' 3ig Johannes, der näher war seiner Brust und Herzen. Wie nusgesucht und unterschieden muß das Hnus gewesen seyn, wo drei Geschwister seine Freunde seyn konnten» Gutes, glückseliges Hnus! Er liebte sie, „der Herr hatte auch Mnrrhn lieb, wie ihre Schwester Maria." Trotz der Verschiedenheit ihrer Charaktere. Und Nun welkte in diesem edeln Drei der^ BlütheN auf Einem Zweige, die Eine frische, junge Blüthe. Es lag einer krank, Lazarus, der Bruder Martha und Maria. Da sandteü seine Schwestern hin zu Jesu: Herr, siehe rc. Nichts sagt, nichts fordert die Wirte und sagt doch Alles. Zutrauen, Liebe, Ergebenheit, Demuth, das Dringende, die Empfindungen ihrer ganzen Noth! „Herr, siehe, den du lieb hast rc. er leidet! wir leiden! soll er leiden, den du lieb hast? sterben? sollen wir unfern Bruder, du deinen Freund verlieren? er uns allen entrissen werden? Herr, siehe unsre Gefahr, seine Gefahr — du leidest in uns allen!" Und Jesus sprach: die Krankheit ist rc. Mit der Antwort ließ er den Boten ziehen! Die Antwort war ohne Zweifel großer Trost und Hoffnung für den Kranken und seine mitleidenden Schwestern. Wenn sie ihn leiden sahen, wenn sie ihm den Angstschweiß , von der Stirne trockneten, und seine Schmerzen nicht lindern konnten, wenn der Tod sich mit blassem Antlitz und schauervollem Schritte zu nahen schien: „Verzage nicht, mein Bruder! hoffe, sey gewiß: der dich liebt, der Allr wissende hat gesagt: die Krankheit ist 32c» Christliche Reden nicht zum Tode. Verzage nicht, mein Bruder, leide, dulde! der dich liebt, der Allgütige, hat gesagt: die Krankheit ist zur Ehre Gottes, zum Ruhme für ihn! Er wird also kommen, gewiß kommen : vielleicht ist er uns schon nahe, nur wir hören seinen Tritt nicht" — so trösteten sie ihn uno sich , so linderten sie die bittre Schaale seiner Leiden mit Tropfen der süßen Hoffnung : sie trösteten ihn sanft hin-zum Tode! Milder Vater und Regierer der Menschen, mit welchem Strahl und Schimmer leitest du uns oft durchs dunkle Thal des Lebens! Wir hoffen, wünschen und — leiden nicht mehr! wir verstehen und finden und legen uns aus, was wir hoffen und wünschen! wir hoffen und sehen dem Tode ins Antlitz! Aber in wie höheren Sinne sprach Jesus die Worte, als diese Leidenden dachten. Die Krankheit ist nicht zum Tode, und der Schauer in die Zukunft sähe mit dem Blick schon seinen Tod — aber auch sein Auferstehn; der Tod war nicht mehr, er war in Ehre Gottes, Freude und Glückseligkeit verschwunden. So schauete Jesus auf alles Leiden seiner Brüder; sie waren ihm nicht Leiden mehr, sondern Ue- bergänge zur Errettung, Gefäße zu größerm Gut. Er sah am Blindgeborncn nicht einen Elenden, einen Sünder, einen Gestraften: sondern ein Werkzeug der Absichten Gottes, ein Gefäß zu höherer göttlicher Ehre, Und und Hvmilicn. 321 . Und so blickt Gott, der Ewige, der allwissende Vater, auf alle Leiden seiner Kinder! „Wie konntest du," wimmert, klagt, zweifelt das vom Augenblick des Jammers ergriffene Geschöpf, „wie konntest du, allseliger Vater, leidende Geschöpfe schaffen, deine Kinder? Warum gingst du aus dir selbst, unvollkommene Wesen hervorzubringcn, sie dem Joch der Trübsal, der Fehler, des Leidens zw unterwerfen ?" — Wimmerndes Geschöpf! vor Gott, der in der Ewigkeit wohnet, bei dem Zeit und Raum nichts sind, sind keine leidende Geschöpfe. Alles ist in seinem Blicke schon aufgelöst, errettet, jauchzend ! der Erlöser der Welt, von Ewigkeit und in Ewigkeit erwürgt, er thut auf dem Throne Gottes nichts, als selig machen, helfen, erretten, und kann nichts anderes. Sein Blick der Ewigkeit sieht Alles schon entwickelt, das Unvollkommene vollkommen, Krankheit, Tod, Moder überstanden, Alles voll Leben! — Und sieht in jedem Augenblicke jedes Uebcrganges für Alles gesorgt, die Versuchung zugcwogen, die Kraft gestärkt, Raum und Zeit als die Einfassung der höchsten Güte, der höchsten Weisheit. Wenn Lazarus da liegt, kranket, seufzt, stirbt — wenn seine Schwestern da stehen, Hände ringen, vergeblich hoffen und weinen -— die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes: Lazarus ist schon auferstanden! Erhabner, Heller, seliger Blick der Gottheit, der über Alles sicht, und Alles herrlich und vollendet sieht, in alle Ewigkeit vollendet — nur einen Schimmer, einen matten Lichtstrahl sende in die Seele des Leidenden, in seine dunkle, verlassene, Herders Werke z. Rel. u. Lheol. III. T 322 Christliche Reden düstre Stunde! Wenn er nun angekettet an dies Jetzt, an diesen finstern Augenblick da liegt, und Himmel und Erde auf sich fühlet — o Vater, stehe ihm bei, einen Strahl deines Blicks, wie du ihn betrachtest, einen Schimmer der Gottheit in seine Seele: „die Krankheit ist nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes, auch zu deiner größten Glückseligkeit und Freude!" daß er sich über sein trageS Jetzt erhebe und sich in Gott, Gott in sich fühle. Daß es Gott sey, der sich in ihm, und in jedem Wurme leidend fühlt! daß es Sache Gottes sey, ihn zu vollenden. — Ja, mein Gott, wenn meine Seele matt ist, wie dieser crstvrbne, dürre Baum des WintcrS ! — an den dürren Baum will ich knien und lobsingen. In ihm ist noch Kraft, in seiner Wurzel ist schon Frühling: er grünt und blühet schon vor deinen Augen ! Aber er harret und ist geduldig, bis die Frühlingssonne komme und den Saft, die Kraft Gottes, die er in sich hat, wecke — Vater im Himmel, dein Wille geschehe! Jesus aber hatte Martha m lieb und ihre Schwester und Lazarum: als er nun hörte, daß er krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Orte, da er w a r. Sonderbare Verbindung und Prüfung derer , die er liebte! Wie lang werden dem Leidenden , den Hoffenden, die zween Tage geworden seyn! der dritte kam: Lazarus starb, und Jesus kam nicht! „War nun die Krankheit nicht zum Tode? war sie nun zur Ehre Gottes und Jesu?" Ihre Sinne waren verwirret in Traurigkeit, in Mutlosigkeit, die auch selbst ihre Zweifel gegen Jesum hier unterdrückte. Es war geschehen! „Wärest du hier gewesen!" sagt Martba nachher, aber er wars nicht. — Leide auch, o Mensch, mit solchem An- klimmen in den Willen Gottes, wie lang und schwer es sey — nicht als unter einem Joch der Noth- wendigkeit, sondern mit bestimmter Aussicht und Hoffnung. Der Blick des Allsehcnden hat schon seine Zeit gefunden, und keiner deines' Zwischenseufzer war vergebens. Am dritten Tage spricht Jesus: „lasset uns in Judäa ziehen!" Seine Zeit war da , sein Werk rief ihn. Die furchtsamen Jünger erinnern ihn an seine nculiche Todesgefahr; er aber spricht: „Sind nicht des Tages z w ö l f St u n d en? ich wandle am Tage, noch ist keine Gefahr — ich gehe nicht hin zu sterben, sondern einen Schlafenden zu erwecken. LazaruS, unser Freund, schlaft." Lazarus, unser Fkeund, schläft! Siehe da die schönste Ueberschrift auf das Grab des Tobten, die ihm der edelste der Menschen- sein Freund, setzte. Nicht aus Wohlstand, sondern aus Wahrheit hat Jesus den Tod Nicht genannt j nannte ihn nur imiNer Schlaf- Nichttod, sanften, gewissen Uebekgang zum Leben. Das sollte auch sein einziger Begriff und Gefühl in der christlichen Sprache, in allen Christenseelen bleiben. Zu dem Bilde, zu dem täglichen Eindruck ist uns der natürliche Schlaf gegeben. Wie da Nur das Aeußere des Menschen stirbt : sein Lebensfunke von innen dauert fort, ja suchet, durch einen wunderbaren, X 3 324 Christliche Reden uns unbegreiflichen, Rück - und Umweg neue Kräfte, bis er erneuert in die Glieder des Menschen und zugleich in die ganze Außenschöpfung tritt: um und in den Menschen lacht fröhlicher Morgen! So ist, was wir Tod nennen, nur ein ferner, wunderbare r und verborgener Umlauf zur Wiederauflebung, zur Verjüngung unserer Kräfte. Der Mensch könnte, wie ohne Schlaf des folgenden Morgens, so ohne Tod, ohne Erquickung und Umwandlung seiner Gebeine des folgenden Hähern Morgens nicht genießen: Schlaf und Tod sind Brüder, sind die nothwendigstc, sanfteste Na- turwohlthat, wie Nacht und Dämmerung zwischen Tage und Tage. Lazarus, unser Freund, schläft, ab e rich gehe hin, daß ich ihn aufwecke. Siehe da den Aufschluß über Seyn und Zukunft. Du schlummerst, Bruder Jesu, und fest ist dein Schlaf, enge deine Schlafkammer, niedrig dein Kissen von Staub: fernher aber naht sich schon, dir noch unhörbar, der Schritt deines Auferwcckers. Gedanke, Schluß, Kraftthat ist schon gefaßt: zu deinem Moder wallen schon von fern, ohne daß du sie flehest, die Gluträder der Schöpfung rollen hörst, Funken deines Lebens dir naher. Bald ist die Stunde, und die Stimme deines Freundes ist außen vor dem Grabe: ,,Stehe auf, Lazarus! mein Freund! erwache! Der Morgen ist da, die Stunden des Schlafs sind vorüber! Ein schöner Morgen ! Frühling und Sonne ist auf den Hügeln, schöner, als du sie gestern sähest! Stehe auf, Lazarus! Erwache, mein Freund!" — und Homilicn. 3r5 Hort auf mit Trallren und Klagen, Ob dem Lobten soll niemand zagen, Ist er gestorben als ein Christ, Sein Tod ein Gang zum Leben ist. Der Sarg und Grab drum wird geziert, Der Leib ehrlich begraben wird, Daß wir glaub'» soll'n: er ist nicht todt. Er schlaft und ruhet sanft in Gott! Wohl scheint uns, es sey Alles dahin, Weil er liegt ohne Muth und Sinn; Doch soll sich bald finden wieder Leben und Kraft in alle Glieder. Bald werden diese Lodlenbein' Erwärmen und sich fügen fein Zusammen, mit Kraft und Leben: Gott wirds ihm herrlich wicdergeben. Ein Waizenkörnlein in der Erd' Liegt erst todt, dürr' und unwerth, Dann kommt bald seine zarte Blume Mit lieblichem Gras hervorgrünend- Das ist der alte christliche Gesang des Todes. Lazarus, unser Freund, schlaft rc. Die Jünger Verständnis nicht. Jesus mußte ihnen das harte Wort Tod, gestorben! selbst nennen. Zugleich sagt er ihnen, ,,warum er gcharret und geweilt habe — um ihrct willen! — seinen Zweck, wozu er gehe — und wer hatte nun sich mehr freuen sollen, als sie? daß ein Todter lebendig, eine unglückliche Familie glücklich, ihr Heiland durch dies Wlindcr so geehrt würde — sie waren aber noch sehr verstopften Sinnes. Der ungläubige Thomas sagte sogar ein trotziges Wort eines Verzweifelnden, das meistens zu schön verstanden und angewandt 326 Christliche Reden wird. „Wohlan denn! Cr ist todt! uns wird nichts besseres widerfahren! Aus dem Judäa kommen wir nicht!" Jesus aber kehrte sich daran nicht, sonst hatte er nie nichts thun müssen, er ging. Er kam: Hülfe nahte sich, da für die Weinenden und den Tobten alle Hülse verschwunden war. So kommt der harrende, schweigende Gott mit seiner Errettung! „Wenn Trost und Rettung schwunden ist, die uns die Welt erzeiget" — Er ist todt, lasset uns zu ihm ziehen! — Und Maria saß da an ihrem Grabe und weinte, hörte nicht die ferne Stimme: „ich bin froh, daß er todt ist!" ahnete nicht den Fußtritt des Kommenden , der sp nah war! — O wenn uns in der Stunde des Trauerns, der Noth, des Dunkels, nur ein Blick, ein Lispeln aus dem Rache der Wächter, die vielleicht nahe über uns sind, würde! Wie anders würde uns alsdann Manches, Alles werden, als es uns scheinet! — Aber es solls nicht werden! „Kein Laut, kein Win? soll herüber, lieber des Sterblichen Gruft Wir sollen im Dunkeln an Gott halten, glauben ohne zu schauen, und uns seinem Willen unterwerfen. Jesus kam und fand ihn, daß er sch o n v i. e r T a g e g e l e g e n: er traf eben die Stunde, da viele Juden da waren, die Zeugen seines Werks seyn sollten. Ec ging aber nicht ins Haus, sondern blieb ferne: eilete zur Thal. Mar- und Ho Milien. 327 tha, die Eilige, Martha, die auch der Schmer; nicht nicdcrwarf, ihm entgegen. Maria aber blieb zu Hause sitzen. War ausgc- gossen und zerschlagen: blieb sitzen, wo sie saß: wußte, daß Jesus sie kenne, und ihr das nicht verübte! Da sprach Martha zu Jesu: Herr, wärest :c. Die Worte waren so sanft: sie sollten kein Vorwurf, vielmehr Ucbergang zum Vertrauen seyn; wie hart aber sind sie, wenn sie auf Jemand in einem andern Sinne treffen, als sie hier auf Jesum treffen konnten. Wärest du hier gewesen: hattest du das und jenes gc- than : die kleine Mühe über dich genommen : mein Bruder wäre nicht gestorben: der Tobte lebte! jener Unglückliche wäre nicht unglücklich — nun ists zu spät — unglücklich ist er! — todt! — Stich in die Seele, für den Tragen oder Boshaften, der daran Schuld ist! Alle deine Reue kann nun nichts ungeschehen machen! es ist glühende Kohle auf dein Haupt. — Zum Unglück sind die, so sich solcher Vorwürfe am meisten schuldig machen, auch zugleich die aller Vorwürfe vergeßlichsten Personen. Das Wort „wärest du, hattest du!" geht ihnen so leicht vorüber, als ob sie gewesen wären, gethan hatten. Freilich ein Becher der Schlaftrunkenheit auf eine Zeitlanq, vielleicht auf lange Zeit; aber denke nicht, daß du dem Andenken des Verübten oder Versäumten auf ewig entrinnen könnest. Sollst du Licht werden, so mußt du erst den Staub der Trägheit fühlen, ihn so fühlen, daß du ihn abwerfest, also auch mit aller Reue und Mühe das fühlen, was er bei dir und andern vcc- 323 Christliche Reden ursacht hat — oder die Pforte zum Licht bleibt dir in dieser und jener Welt ewig verschlossen! — Und du Bösewicht, der du gar das Zutrauen des Andern lockst, um es betrügen zu können, der du mit dem „wäre ich, und wenn ich nun nicht will!" spielst und höhnst: ein betrüglichcr Stab bist du, der die Hand durchbohrt, die sich auf ihn lehnet, und den gewiß einst Feuer erwartet: ein Mörder bist du an den zartesten Seiten des menschlichen Herzens, an denen du Arzt, Helfer, ein Gott seyn solltest. Herr, wärest du hier ic. Am Bett eines Kranken und Sterbenden sieht man recht, wie wenig ein Mensch, Schwester, Bruder, auch mit dem gütigsten Hcrzen thun können! Konnten sie einen Tropfen Glut auf seiner Stirn und Zunge kühlen, als mit dem Tröste: „Jesus kommt, ein höherer Helfer wird da seyn!" O darum thue Gutes, so lange du cs thun kannst: wirke, so lange es Tag ist: es kommt ohnedem zeitig genug Nacht und Abend, da du nicht wirken kannst. Herr, wärest du hierrc. Geht etwas über die freundschaftliche Stimme des Zutrauens und der Ansprache, daß der Schmerz sich auch mit dem Schatten des abwesenden Freundes tröstet, ihn ruft, seiner Gegenwart nichts unmöglich findet? Du wirst dort in der Entfernung genannt, gehofft, gesegnet: man wartet auf dich, wie der Wanderer auf die Morgenröthe: du wirkst auch da, wo du nicht bist, mit Liebe — bist ein kleiner dunkler Schatte der Allgegcnwart Gottes. Auf, entsprich dem Vertrauen! crfüll's! lebe überall in dem Hcrzen, und Ho Milien. 329 im Kreise der Bedrängten, wo du leben kannst, dein Wesen wird edel und schön vervielfältiget, durch Aufmunterung, Besserung, Freude. — A b e r i ch w e i ß a u ch noch, daß, was du bittest rc. Siche, den Eindruck hatte Jesus auf jeden Redlichen gemacht: das Bild hatten sie von ihm. Das ward jetzt Glaube! und Glaube war immer die Hand, die Jcsum faßte. Er sprach gleich: Auferstehn soll dein Bruder! Aber ein bethranter Blick sieht nicht weit, und dunkel. Ein bewölkter Himmel ist enge um uns und umzieht alle Gegenstände mit Dämmerung: nichts hat seinen Glanz, und der Gegenstand unserer Hoffnung kann vor uns stehen, ohne daß wir ihn sehen. „Ich weiß wohl, daß ec auferstchn wird in jener Auferstehung am jüngsten Tage" — nur der Tag war noch so weit! Arme, Dethrante, Hoffende, du träumst von fern, und die Hülfe ist dir so nahe! Ich bin die Auferstehung und das Leben! Ich, durch den die Adern aller Natur wallen, der Saft bringt in die erstorbenen Gebeine der Erde, der Bäume, des Staubes, daß er Leben werde — Leben und Auferstehung bin ich auch in der Welt der Seelen und Geister. Was an mir lebt, soll nicht sterben! das Erstorbene auflcben -— Nicht Sonne — was der innere, unsichtbare, all- cmpsindbare Strom des Lebens in dir, in allen Geschöpfen ist, der immer weiter wallt, und Tod- tcs zum Leben bringt, den Staub formet und be- Christliche Reden seelct, das bin ich! — Das ist, M. A., unser Jesus, er möge dafür oder nicht dafür erkannt werden. „Glaubst du das?" „Herr,^,ja ich glaube, daß du bist Christus rc. —- ich glaube, so viel ich kann und weiß!" — Und Jesus nahms an; der Erfolg sollte wohl ihren Glauben aufhellcn und stärken, Nun eilte und rief sie ihrer Schwester. Diese stund eilig aus: die Juden folgten und glaubten, daß sie (nach der schönen Gewohnheit des Morgenlandes) zum Grabe ginge, sich ihres Bruders zu erinnern. Sie kommt aber zu Jesu, und siche, nun belebt sich Alles auch in der Erzählung des Evangelisten, Als nun Maria kgm und sähe ihn, fiel si e ; u se i n e n Füße n , sprach zu ihm rc. — kaum die Worte der vergeblichen Hoffnung, die Martha sprach: da schwieg sie, konnte weiter nichts sa^en , nicht den Glauben, die Bitte, das Zutrauen bezeugen, das jene bezeugte: sie weinte, sprach aber also verstummet mehr, als alle Worte sprechen konnten. Als Jesus sie sähe weinen und die Juden, d i e u m sie standen, auch weinen, ergrimmte er, wurde im Geist bewegt, und betrübte sich selbst. — Stummes Wort des Wortlosen, wie mächtig kannst du bewegen, Herzen erwärmen, das Her; Gottes kannst du erschüttern! Glaube nicht, arme Verlassene, die nicht sprechen, beten, klagen kann, du seyst verlassen! du seyst ohne Gebet und Klage! die also niederfallt, die stumme Gestalt, dein vernichtigres Daseyn ist das rührendste Gebet, umfaßt das Herz der Gottheit: Er ists, der in dir und Homilien, 33r selbst verstummet, und dein Nichtseyn innig fühlet. Wo die Andern nur weinen, gerührt werden, wird Jesus innig gerührt, bewegt, alle Empfindungen erwachen, Gott ist Gott! in ollem Gefühl und Mitgefühl der Innigste, Tiefste, Nähestc! dir näher, als du dir selbst bist mit deinem Schmerze, Maria weint! Alle weinen! Jesus wird bewegt. Heiliger , schöner Augenblick, wo viele Herzen Eins sind, gemeinschaftlicher Regungen und Empfindungen der Menschheit! wo du aufwallest, reißest du bin, auch der Funke geht in deine Flamme über! Was man auch immer gegen das Trösten sage: trösten freilich ist nichts, die Worte des Trostes find Lufthauch; aber ists Mitgefühl, das sie ausffößt — siehe da die Spur gegenwärtiger, mitfühlender Gottheit! die einzige Salbe zu lindern Wunden der Seele. Es ist, als ob in der Thrane des Andern ein Strahl, ein Schimmer vom dunkeln Himmel fiele: „auch die Gottheit erbarmt sich meiner!" Kann ein menschlich Geschöpf, das wie ich seine Bürde fühlt, seine eigne Last zu tragen hat, und mir nicht helfen kann, kann's mit mir fühlen und mir helfen wollen — o wenn ein Schatte der Gottheit, ein'höherer, unsichtbarer Geist hier um mich ist, und sichet und fühlet -— und du großes, allerfüllendes, überall inniges Wesen, Empfindung unsrer Empfindungen, Geist unsres Geistes, die Seele unsrer Seele, du bists, der in jedem Unglücklichen mehr als er selbst leidet, Wenns möglich wäre daß du littest! — Wohlan, so leidet auch Er nicht, der Augenblick der Trauer ist Bürge und bereitet ihm Hülfe. Kann kein Haar sich krüm- 332 Christliche Reden men, kann einem empfindlichen Geschöpf keine Thräne entfallen, ohne daß wir sehen, wie fern und nahe, bei Freund und Feinde sich ähnliche Saiten der Empfindung regen, schwirren und beben, bis alles wieder hcrgestellt ist, was sie vermögen — großer Allempsindcr, der fühlt und mitfühlt, daß Eingeweide in allen Adern der Natur voll Erbarmen wallen , der durch jedes Mitgefühl zu Hülfe zu kommen strebet, das bist du ! Jammert einen Menschen, einen Fremden, einen Feind sein Bruder: kann eine Mutter ihre Kinder vergessen, so kann er uns nicht vergessen: wir sind das Siegel, der Ausdruck der Empfindungen seines Herzens selbst. ,,W o habt ihr ihn hin ge legt? — Komm und siehe!" Un d I csus w c i n te selbst! Wie nun? was war an den Worten, an der Frage und Antwort und an dem Gehen nach dem Grabe, daß der, so erst seinen Schmerz zurückhielt und selbst auf eine edle Weife zürnte, daß ihm noch in den letzten Augenblicken der Hülfe die Wehmuth so vieler so stark und enge in den Weg trat — was war nun an den Worten, daß der jetzt selbst ausbrach in Thrancn ? — Wer das nicht fühlet! — Sage dir selbst, o Mensch, erst immer viel abgezognen Trost über Grab, Tod, Leiden, und komme nun, es bestimmt zu denken, zu sehen, zu fühlen: da liegt er der Kranke! da wird er hin gelegt, der kalte Erdklos, nicht mehr Mensch, nicht mehr Bruder, der unter uns, bei uns wohnte und lebte — wird hingelegt und liegt — auf seiner Bahre, ein Stück Eis! — gleitet hinab in die Tiefe, und die dumpfen Erdschollen ihm nach — Erde zu Erde! da liegt er, in seiner Wohnung allein, der uns nicht mehr zugchört, zu dem niemand Unser mehr kommt, ist nun in der Hand Gottes, wartet als ein Saatkorn der Auferstehung — heiliger Schauder, fasse du oft uns, wenn wir Gräber sehen, wenn wir über dahingelegte Brüder hinwandeln: auch uns wird man also hinlegen! und vergessen. Und Jesus weinte am Grabe. Wie hat der Sohn Gottes unsre Hülle der Menschheit, auch unsre Erde, unser Grab geehret! — Freilich ist das Grab, der Leichnam menschlicher Empfindungen einer Thrane werth. Der du sie auch weinen mußt, und stehst am Grabe: gedenke, daß Jesus einst auch also stand und weinte — Gedenke aber auch, was gleich folgte an jenem Grabe: das wird auch an dem, wo du stehst, folgen. Die Juden wähnten über seine Thrane — er eilte, als bemerkte ers nicht, zur That: Hebet den Stein ab! — Aber was für eine arme Empfindung kam noch dazwischen: „Martha sprach: Herr er stinket schon: denn er ist vier Tage gelegen." Arme, immer voreilige, unwesentlich besorgte, in jede kleine Empfindung zertheilte Martha, was machst du dir für Sorge und Mühe l die Kluft ist jetzt geöffnet: dein Helfer, an den du doch erst so schön glaubtest, steht da: der feierliche Augenblick, da du die Herrlichkeit Gottes sehen und deinen tobten Bruder empfangen sollst — und im letzten Augenblicke muß dich noch der Duft der Ver- 334 Christliche Neben wcsung hindern, und dein Wort Jesum hindern und die Gemükhcr Aller zerstreuen : Martha , Martha , du hast viel Sorge! Maria hat auch hier das bessere Lheil erwählet: sie wartet. Mit einem Wort erhob sie Jesus aus dem Geruch der Verwesung in die Herrlichkeit Gottes. Und nun bktet er. Sein Gebet ist in Strahlen : seine Stirn im Himmel det Liebe und Ruhe Gottes! „Vater, ich danke dir re." Gott hatte ihn erhöret / ehe et noch gebetet hatte: et war mit dem Herzen Gottes Eins, fühlte sich mit ihm Eins, in allen Umstehenden — o Heiland, wer so wie du betete, und dies Wort ewig in sich fühlte, et wäre, was du wärest, Gottes Sohn auf Erden! — Und NuN erschallte das stille Machtwort! Lazarus, komm herauf!" Wort, das die Schlüssel hatte der Hölle und des Todes! Wo wärest du, Seele des Tobten, daß du dies Wort hottest? wo du aber auch wärest, du hörtest und mußtest folgen: kamst wieder und fandest — deinen zerrissenen Körper hergestellt, die Quellen und Sptingfedetn des Lebens in neuer Rege: in seinem Moder keimte das Saamenkotn zur schnellen neuen Blüthe, Ist einmal, M. Z., diese Begebenheit gewiß UNd unleugbar geschehen: rief einmal die Stimme „Lazarus komm herauf" eine Seele zurück und einen modernden-Körper, der vier Tage todt und in Verwesung war, zum neuen Daseyn, in dem er dem ganzen Lande bekannt war — Ein - oder Millionenmal macht keinen Unterschied: so ist die Auf- und Homilien. 335 crstchung geschehen : alle Zweifel dagegen sind nichts : wie Lazarus, so auch uns, wird einst das Wort des Allmächtigen neubeleben. Und der Verstorbene kam her für im Sch weiß tu chw. wie ein vom Schlaf Erwachter, und hatte so sanft geschlafen. Wir sinken nichr, daß ein Erweckter in der Bibel viel gesprochen, verkündigt, Offenbarungen gemacht habe; er halte nichts zu sprechen in Worten dieser Erde. Vielleicht war ihm wie den Jüngern auf dem Berge der Verklarung, dem Paradiese so nahe, unnennbar wohl gewesen, er wußte aber so wenig als Paulus aus seinem Paradiese, oder diese Jünger ein Gefühl in die Sprache dieser Körperwclt zu verwandeln. Das Licht jener Welt ist unfcrm Sonnen- und Mündlich unvergleichbar; dazwischen hangt Vorhang. Loset ihn auf und lasset ihn gehen. Als ein Befreiter von den Banden des Todes zur Freiheit, zu feinem neuen Leben mit denen, die ihn liebten. Und nun laßt der Evangelist die Decke fallen: spricht kein Wort vom Danke des Bruders, der Schwestern an Jesum, kein Wort vom Gefühl und Taumel ihrer Freude des Wiedersehens, Wiederha- bens, Umarmens — das war über allen Ausdruck. Im folgenden Kapitel sehen wir Lazarum mit Jesu bei einem Mahle: Martha dienet Jesu auch in einem fremden Hause: Maria sitzt zu seinen Füßen, uttd das Haus wird voll Dufts ihrer Salben. 336 Christliche Reden und Ho milien. O Gefühl Gottes, Menschen zu erwecken, Menschen zu erfreuen! Du bist Gefühl und Belohnung Jesu zur Rechten Gottes, du bist Wonne des ewigen Lebens. Nicht höher konnte ihn für alle seine Leiden der Vater belohnen, als daß er ihm Macht gab, im ganzen Reiche der Wesen zu erwecken, Tobte zu beleben, Gebete zu erhören, glücklich zu machen , zu helfen. Und wenn er einst an jenem Tage der Vollendung Alle sehen wird, die er vollendet, erweckt hat vom Tode, erlöst vom Uebel, befreiet von der Sünde, erhört von Furcht und Sorge, alle seine Kinder, Brüder, Freunde, sich ähnlich, theilhaft seines ewigen Lebens — es ist das hohe Gefühl, das er voraus nahm in seinen letzten Gebeten: „auf daß sie alle Eins seyn, in Leben und Herrlichkeit Gottes." Auch uns, Meine Zuhörer, ist der Weg Jesu nach, bereitet. Je mehr wir Leben haben und genießen, desto mehr können wirs andern geben: je mehr wir Licht sind, desto mehr und milder werden wir in Finsterniß strahlen; auf dem Wege der Selbstvcrlaugnung unsrer selbst liegt noch viele, reiche und unerkannte Hülfe Andrer. XX. Ueber die dunkeln und Hellen Aussichten an einem menschlichen Grabe. Eine ErinnerungspredigL nach dem Todesfälle Sr. Hochgräfl. Gnaden, des Grafen und Edlen Herrn von der Lippe, Ferdinand Zoh. Benjamin rc. Gehalten in der Stadtkirche zu Bückeburg, 177S. Herders Werke z. Rel. u. Lheol. M. V > -x-^enn es die Pflicht des Lehrers der Religion ist, bei besondern Vorfällen an allgemeine Wahrheiten zu erinnern, oder diese Wahrheiten bei Workunft einzelner, denkwürdiger, cindrücklicher Vorfälle gleichsam anzuhesten, und zu befestigen: so ist dies gegenwärtig meine Pflicht, da wir in einer Reihe von Sonntagen und Festen die wichtigsten Wahrheiten der Menschheit von Leben und Ende des Lebens, von Sterblichkeit und U n st e r b lichk e i t überleget, und vorige Woche in die traurige Noihwendigkeit kamen, diese Uebec- legung durch einen Trauer fall beschließen zu müssen, der so allgemein gefühlt wurde, der vielleicht Vielen die Erinnerung an manches, wqs gesagt wurde, erweckt haben mag, und der auch noch jetzt die Gemüther einiger meiner Zuhörer so sehr erfüllet, daß ihnen gewiß Gedanken hierüber jetzt die Lieblingsgedanken seyn möchten. Der Tod eines jungen hoffnungsvollen Mannes i» seinen blühendsten Jahren, wie er schnell und unvcrmuthct aus den Armen einer liebenden Gattin, einer Schwester, die mit ihm an Einem Herzen gelegen, und seine P 2 340 Christliche Reden halbe Seele war, aus den Augen Unmündiger, die seinen Verlust und Abschied noch nicht einmal kennen , aus dem Kreise seiner Freunde, der Seinigen, seiner Beziehungen, so Vieler, die an ihm einen Wohlthater, einen Freund, einen Menschenfreund verlieren — wie er in zwecn unvcrmuihctcn Augenblicken alle diesem auf ewig entrissen wird — ein solcher Todesfall, M. Z., ist überhaupt ein ein- drücklicherer Lehrer der Wahrheit, ,,daß unsers Bleibens nicht hier scy; daß es mit allem, was uns gegen den Tod schützen sollte, Jugend, Vorzügen, Hoffnungen, Wünschen, Erwartungen nichts scy:" als alle Predigten und bloße Unterweisung. Und wenn wir nun die allgemeine Wchmuth und Rührung bei diesem Todesfälle sehen, das zerschlagne, zer- rißne Herz der Seinigen , und die allgemeine Trauer und Theilnehmung Aller, die in diesem Augenblick die Seinigen wurden, die Seufzer, die Thronen, die wehmülhige Stille und Regungen, die ihn den letzten traurigen Gang mit hin begleiteten, das allgemeine menschliche Mitgefühl, was die ganze Stadt ergriffen zu haben schien, und so verschieden ausbrach ; 0! M. Z. , was zeigt uns mehr, als dies, „daß nicht jedes Leben an jedem Tobten gleichgültig sey, daß ein gutes Herz überall empfunden, und auch selbst dann noch mit der letzten ganzen Gewalt empfunden werde, wenn's nun durch die kalte Hand des Todes von allem, was ihm ähnlich und verwandt war, herzblutcud losgetrennck wurde; daß uns überhaupt kein süßeres Andenken überleben könne, als die Erinnerung theilnehmender, menschenfreundlicher Gesinnungen, einer edlen Leutseligkeit, eines die Wahrheit mitfühlenden brüderlichen und Homilicn. 34 r Charakters" >— Da hat man keine Leichenreden nöthig, um Thranen zu wecken: sie fließen von selbst, diese Thranen, und ehren den Sarg und das Grab des Tobten, und gewahren sanften Trost und Linderung für die, die sie weinen. Die erste Traucrzeit- M. 3., die Sterbestunde selbst hat bei ihrer Rührung was Schreckliches und Betäubendes. Ein Freund, der in unser» Armen erblaßt, dem nun mit einmal Blut und Othem und Her; und Lebensgeist stille steht: sein Auge starret, sein Ohr verstummet, er erkaltet, die Hand des Todes hat ihn berührt — das menschliche Wesen ist nicht Mensch mehr — das alles scheinet in den erste» Augenblicken so betäubend, daß cs einem Traum, einem Wahn, einem leeren Schrecken ähnlich wird: wir glauben fgst, cs sey nicht möglich; der Körper müßte wieder erwärmen, die Sceic wieder zurückkchren, das Herz wieder schlagen, das Auge wieder sich öffnen — wie? sollte cs möglich-seyn, daß der jetzt noch sprach, dachle, empfand, handelte, Mensch war, wie wir — es jetzt nicht mehr sey? daß sein Geist erloschen, oder unermeßliche Räume von ihm getrennt sey? Nein! seine Seele ist vielleicht noch in ihm, vielleicht noch um uns, höret unS, sichet uns, wird wieder sprechen, wieder zurückkchren! und — 0 daß sie's thate! — Indessen, M. Z., wenn sie's nun nicht thttt; wenn die traurende zurückgelaßne Seele sichet, dgß es nur ein Traum war, der täuschende Traum der Menschlichkeit und Liebe, das süße Phantom einer 342 Christliche Reden verworrenen Einbildung, und eines Herzens, was sich gerne so tauscken wollte: so füllt sie natürlich in eine Art trauriger Schlafsucht, stummer ermatteter betäubter Trunkenheit, aus der sie nun meistens eben die Stunde weckt, die Alles wieder weckt, die mit allem Traurenden und Grausenden ans Herz tritt, die Stu n d e d e s B e g r a b n i sse s. Da schallen die Todtenglockcn, die Stunde ist da, da auch der letzte Ucberrest, das Bild der entseelten Gebeine von der Erde hinwegfallt! Die Todten- glocken schallen! die Stunde ist da, da wir zum letztenmal nicht mehr ihn, sondern seinen Sarg, sein enges, einsames Haus vor unfern Armen vorbei wandeln sehen, und ihm das letzte Lebewohl! sagen sollen: die Glocken schallen! wir geben den letzten, traurigen stillen Gang mir ihm, den er nicht mehr mit uns zurückgehen wird — die Stunde, M. Z. , hat wieder so was Betäubendes und Dumpfes, daß sie nicht wohl der Hellen, ruhigen Ueberlegung Raum laßt. Aber wenn sich nun wieder die Seele sammlet : die traurigen Bilder rücken in einige Entfernung, daß das Auge Gesichtspunkt bekommt und sie betrachten kann: die gütige Hand der Zeit hat einige Tropfen Linderung und Trost in den Becher der Traurigkeit geträufelt: die erste Lebhaftigkeit der Empfindung wird schwacher, um Grab , und Herz wirds gleichsam stiller — aber nun eben fühlen wir die wirkliche Leere und Verlust, da wir erst nur das Gewaltsame der Entreißung fühlten. Siehe da die leere Statte, die leeren Kammern, wo er war! die Stellen, wo wir ihn sahen! und Homilien. 343 Die Zeiten und Gelegenheiten in unferm Leben, wo er uns am eindrücklichstcn, am theuersten ward — und siehe da! die leere Todtenstille um sein Grab! er liegt und verweset, und kein Laut tönt hinüber aus seiner Gruft! Kein Laut, keine Nachricht aus jenem Reiche, wo er ist, zu uns hinüber, wo er war! Und wo ist er?, wer weiß, wo er ist? wer ist hinüber gewesen? wer ist zurückgekommcn, aus dem Lande, wo er ist? vom dunkeln Gestade der Ewigkeit! von jenem unbekannten Ufer, aus dem großen Lcean, den wir alle überschiffen müssen, und den wir hier im Leben bloß durch den Sturm eines Schauders zu kennen scheinen, der uns ergreift, wenn wir daran gedenken. Hartes Schicksal! Dunkler, verborgner Gott, der Tod und Leben so getreu net, der so viel Wolken und Finster- niß jenseits des Grabes gelagert, der uns so wenig Aussichten in eine Welt gönnet, die doch auf uns wartet, in die so viele der Unsrigen gehen, gegangen sind und gehen werden! Dunkler harter Gott, der menschliche Herzen.hier bindet, so enge, so fest zusammen bindet, und Gesetze gemacht hat, die sie schnell trennen, blutig auseinander reißen, und zugleich alsdann einander so unzuganybar machen sollen, daß kein Traum, kein Bild, kein Wort, kein Seufzer aus jener Welt hinüber kommt, daß uns alles so still ist, als in Mitternacht, um's Grab der Verwesung, daß wir hier nur die leere Stelle sehen, und nickt weiter! — Laßt uns, M. Z., diesen Gedanken , er sey uns Zweifel, oder Frage, oder Bekümmernis des Herzens, in dieser Stunde weiter nachhangen; laßt 3§4 Christlick) e Reden uns im Geist uns an das Grab des Verstorbenen setzen, und an demselben — wo alles so still ist, kein Laut! kein Wahrzeichen der Ewigkeit! — fragen: „warum und wie ferne es an demselben so stille sey?" Warum und wie ferne Gott uns so wenige Vorboten unsres künftigen Zustandes gegeben? und ob wir deren nur wirklich wenige haben? „wir ehren damit nicht nur bloß das Andenken deS Verstorbenen, sondern sorgen auch für eine wichtige Wahrheit und Ucbcrzcugung unserer Seele; ja vielleicht werden wir am Schluffe Gott danken können für alles, was er uns gesagt — und was er uns verschwiege n hat. Vater Unser rc. Text: Römer 14, 7. 8. „Unserkeiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem H crrn! Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn!" Der Mensch, M. Z., traut sich es wohl zu, daß er etwas mehr vom Tode und Zustande nach dem Tode wissen könnte und dürfte, als er weiß. Er fühlt sich doch als ein freies, thatiges, vernünftiges, besonnenes Wesen, und im wichtigsten Schritte, wenn er aus der Welt, wenn er in eine andere Welt soll, ist er nicht mehr frei, ist er nicht mehr thatig und besonnen. Er weiß nicht, wann sein letzter oder vorletzter Morgen anbricht; weiß nicht, wie nah er sm Grabe und der Ewigkeit wandle; weiß nicht und Ho Milien. einmal, was Tod, was Ewigkeit scy? eine höhere Macht, die er nicht voraussehen, der er nicht widerstreben, deren Hand er gar nicht einmal sehen kann, ist es, die ihn hinwegnimmt, und er weiß nicht, wann? wie? wohin? er muß folgen, und nur Werkzeug, nur Maschine der höhern Macht scyn. — Wenn etwas der Freiheit der Vernunft, der Selbstwirksamkeit des Menschen , allen seinen eingebildeten und wahren Vorzügen mit Eins entgegen zu seyn und sie zu vernichten scheint, so ist es dies. Was Hilsts denn, im Leben, über kleine Schritte und Bewegungen sich so viele Mühe und Rathschlagens und Ueberlegens und Kümmerns zu machen; sich da mit Freiheit und Entschließung und Tugend und Selbstbestimmung so viel vorzuspiegeln, und der c i n z i g e, ganze, große Schritt, der das Leben selbst heißt, wic wir hinein gekommen sind? und wie wir hinaus müssen? der Schritt, von dem doch alles Vorige abhängt, und sich dagegen ins unendlich Kleine zu verlieren scheint— in dem Schritte sind wir Unwissende ! sind wir Sklaven, wandelnde Schatten, die durch die Flamme eines andern Lichts aufschatten, und vorüber schatten, und nicht mehr da sind! Träumer auf Erden, die ein mühseliges Leben träumen, das sic sich nicht selbst gegeben, und sich zu erhallen nicht die mindeste Macht haben! Tagelöhner in einem fremden Dienste, die sich nach dem Schatten Umsehen, und darnach s e h- ncn, daß ihre Arbeit aus scy. Die Lage verfliegen wie ein Wind, rollen herum, wie ein Weberspuhl, und sind vergangen, und unsere Augen kommen 3.z6 Christliche Reden nicht wieder zu sehen das Gute, und kein lebendig Auge wird uns mehr sehen. Wenn, M. Z. , diese Bilder von der Ski.iv'eei und dem Nichts des menschlichen Lebens irgendwo erhaben und rührend ausgedrückt werden, so Hts im Buch Hiob: und wie viel rührender werden sie, wenn wir die engern Bande des menschlichen Lebens betrachten, die Beziehungen , in denen doch der Mensch Herr zu senn glaubt; die Empfindungen, zu denen er doch bestimmt zu seyn scheint, und die alle miteinander, Bande, Beziehungen, Empfindungen, Zwecke, bannt nichts werden. Da stirbt eine Mutter,, eben da sie Mutter wird und zu seyn dachte, und es nicht seyn soll. Der erste Athemzug der Ihrigen, die durch sie das Leben bekommen, wird ihr letzter, Leben und Licht der Welt zu verlassen; die Kinder, die von ihrem Herzen getrennt werden, sind bestimmt, auch ewig ihre Seelen zu trennen.— Die Mutter muß von der Welt, indem sie ihre Liebl- lingc der Welt giebt — Kinder in der Geburt schon ohne Mutter, Mutter ohne Kinder; alles verwaiset, getrennt, zerrissen ! Das Schicksal scheint der Bande zu spotten, die es doch selbst geknüpft; die Empfindungen zu Holmen, zu denen es doch den Menschen selbst bestimmt hat. Er ist da, sich Freunde, Stand, Beruf, Geschäfte, Gatten, Bestimmungen zu wählen, muß Zwecke, Forderungen der Natur erfüllen; und ist nie Herr darüber, wird nie darüber zu Rathe gezogen, wie lange er sie erfüllen soll! muß fort, und alles verwaiset hinter sich lassen — Herz von Herz gerissen, Kinder, die sich nicht an das Bild ihres Vaters erinnern sollen, und Homilien. 347 durch den sie wurden, Wünsche, die nie erreicht, Hoffnungen, die nie befriedigt werden sollen — der Mensch muß fort, und die Verwesung wird sein Vater, die Asche sein Bruder und Schwester — der fortgerissene Knecht eines höher» Herrn! der Ohnmächtige, der sich nicht selbst lebt, nicht se lb st stir b t. Es scheint hart, es scheint gewaltsam! Indessen, M. Z. , wenn wir die ganze Ordnung der Natur Gottes betrachten, wo nichts hart und gewaltsam, wo nichts zu wenig und zu karg versagt, aber auch nichts zu viel und verschwendet ist, wo wir alles nach Schwachheiten und Bedürfnissen eingerichtet sehen, aber auch offenbar sehen, daß gewisse Lücken, Entbehrungen, Versagungen eben so gut Wohlthaten sind, als die Geschenke selbst : wenn wir im ganzen großen Reich der Natur sehen, daß kein Thier, kein Fisch, kein Vogel einen Trieb, eine Kraft, ein Werkzeug, eine Feder und Floßfeder weniger, aber auch keine mehr hat, als er braucht; so müssen wir schon von selbst auf die Vermuthung kommen, auch dem Menschen müsse diese und jene mehrere Erkennt- niß, die ihm versagt ist, auch wirklich entweder unmöglich oder u n n ü tz oder schadli ch, kur;, seiner Natur zuwider seyn, eben weil ihm jedes, was ihm gegeben ist, bis auf Schwachheiten, bis auf Bedürfnisse so angemessen, so noth wendig und unentbehrlich ist, daß er da ohne nicht seyn kann. Es müßt« also, wenn wir darüber klagen, wenn wir uns solche Entäußerungen anmaßen, in uns Christliche Reden 348 ein Trutz über unsere Stärke Vorgehen: wir müßten uns so lange in diesem Jrrthum der Erkenntnis oder der Leidenschaft für andre Wesen nehmen, als wir sind. Lasset uns, M. Z , dieser Spur Nachfolgen, und wir werden wirklich Gott eben so sehr auch dafür zu preisen Ursache bekommen, was er uns versagt, als für das, was er uns gegeben hat. Was sollte, M. Z., einem Vogel, der nicht bestimmt ist, in eine andere schönere Gegend zu wandern, der zu dieser Reise nicht Flug, Kräfte, Anlage hatte, was sollte dem es helfen , daß ihm ein Zug dahin, ein Blick dahin gegeben wäre? Ec wäre ihm zu nichts, als zum Schaden gegeben! der arme Vogel würde unzufrieden zurückblcibcn, oder, wenn er die Reise mit an- trate, aber verschmachtete, ermattete, nur sein Grab finden, und nicht die fremde ferne Gegend—> der gütiqe, väterliche Gott hat ihm also den Zug, den Blick dahin versagt. Dis Versagung ist eben so väterlich, als das Geschenk desselben dem andern Vogel, der hinzeucht, nie die Gegend gesehen, nie davon gehört hak, aber stark und zutrauend auf die innere Stimme der Natur wandert, und die Gegend findet. Mit des Menschen Voraussicht über Tod und Leben ists eben so. Was sollte ihm dicKenntniß einer Zukunst Helsen, wo die Zukunft doch nicht in seiner Macht wäre, wo ec also die Kenntniß nicht brauchen könnte, wo sic also wirklich ihm nur zur Verwirrung, zur Bcunr u h igung, zur Qual und H »Milien. 349 seyn müßte-Glücklich also, daß fle ihm versagt ist! Warum soll er für etwas Augen haben, wofür er keine Hände und Macht hat? Warum soll er dahin sehen und dafür sorgen sollen, wo er, sich doch nicht selbst führen kann? Er ist da Nichtsein selbst mehr — glücklich!, da ist er eines Herrn! eines weisen, gütigen Herrn! Lasset uns, M. Z. , die nähere Anwendung auf Tod und Leben des Menschen machen , und die Sache wird augenscheinlich. — So sehr sich der Mensch für einen Herrn, für den König der Schöpfung halt; so sehr ers in gewissem Betracht ist, so kann ers in Betracht des Tods und Lebens nie sepn. — Wissen wir, woher wir sind? wie wir geworden sind? wie wir sind, und in diesem Augenblick leben und weben? Nein! wir sind durch eine fremde Macht; wir fanden uns in der Welt, ohne daß uns jemand befrug, wie und warum er uns dahin setzte; wir sind also unwissende, unmündige Findlinge der Vorsehung, wir leben nicht durch uns selbst, sondern durch einen Herrn des Lebens aller Welt. Wissen wir, wie wir leben? Kennen wir etwa unsere Seele? — wissen es, wie sie in Ner- vensast und Körper wirkt? — weiß ichs, wie mein Gedanke meine Hand bewegt? meine Leidenschaft mein Blut empöret? wie aus äußerlichen Regungen und Reizen die Flamme, der Funke meines Gedankens wird? Nein! so sehr ich das Alles fühle und empfinde, so wenig begreife ichs. Es ist mir, auch diesen Augenblick innig gefühlt, ein 35o Christliche Neben Geh eimniß. Ich denke, ich lebe und webe, aber nicht durch mich; ich bin der Knecht eines höhern Herrn, drssen Macht ich in mir fühle, aber nicht erkenne; ich lebe dem Herrn. Und wie? wäre es also möglich, daß ich mir selbst, und nicht diesem Herrn sterben sollte? Ich, der nicht weiß, wie ich hieher gekommen bin, sollte cs wissen können, wie, wann, wohin ich gehen müsse? Ich, der nicht weiß, wie meine Seele in meinem Nervensast, in meinem Körper wirkt, den Augenblick, da ich sie wirkend fühle, ich sollte cs einsehen können, wann sie zu wirken aufhören müsse; wann die Zerrüttung dieses Nerven- gebäudes von der Art ist, daß nun die Künstlerin mit den letzten Zuckungen ihr Gewebe verläßt und davon zeucht? Ich, der nicht befragt wurde, unter welchen Umstanden, zu welchen Zwecken , in welche Lage ich hieher kam, ich kann unl> darfs auch nicht wissen, warum ich abgerufen werde, wohin ich wandce; nackt und unwissend bin ich aus Mutterleibe kommen, so muß ich anch wieder dahin fahren; der mich in die Welt brachte, muß mich auch wieder hinausführen : D e r N a m e de s H er r n se y gelob e t! Wir Habens zu einer andern Zeit gesehen, daß es ein Jrrthum sey, daß der Mensch, allgemein betrachtet, auf ein höheres Alter, auf stebenzig und achtzige rechnen dürfe. Das menschliche Geschlecht ist ein großes Heer, wovon einzelne Theile und Scbaaren auch einzeln in allen Jahreszeiten und Lebensaltern aufbrechen, Heere sterben als Kinder, 35i und Homilicn. als Jünglinge, als Männer, und das sind nicht etwa Ausnahmen, verfehlte Absichten Gottes, wie man das zuweilen so heißt, und nichts darunter versiebt; sondern eben so gut, (daS zeigt die große, immerwährende, beständig forlge- hendc Ordnung und Vcrkälrnißwcise dieser Einrichtung,) s o ganze und erreichte Zwecke G v t- tes in der Welt, als was uns nur immer also Vorkommen möge. Das ganze Menschengeschlecht ist eine große Schaar von Arbeitern, jeder zu seiner Stunde gerufen und abgerufen, jeder in seinem Tagewerk, mit seinen Kräften und seiner Sichel; dieser mit großen Leidenschaften, die aber bald seine Lcbenelampe verzehren; jener zu einem langer« Dascyn bestimmt, aber mit einer langsam brennenden oder gar düstern Flamme; dieser ein milder Sonnenstrahl, jener ein vorübergehender Blitz in der Nacht; dieser als Abzug, jener als Summe in die Rechnung gebracht; aber a ll e in G o t t e s R e ch n u n g. Er braucht ab- gefallcne Blüthcn, früh abgerusene Kinderseelen, reifende Jugendleben, Leben in der schönsten Blü- the der Hoffnung — denn er hat sie alle mit Weisheit, Verhalt, Proportion und Regelmaße verordnet. Das ganze Geschlecht ist ein großes Gemahlde aller Grade von Licht und Schalten, und eben durch diese Grade wird die schöne Hallein gdes Ganzen. Nun sage man, Werder Mensch ist, der das Ganze übersehen könne, in das sein Leben hingehöret? es wisse, zu welchen Zwecken er da sey, und wie diese Zwecke zum ganzen Menschengeschlecht aller Orten und Zeiten sich verhalten? und wie dies Menschengeschlecht wieder 352 Christliche Reden ein Ring an einer hohem Kette, und an welchem Orte cs dieser Ring sey — wer weiß das? und ohne dies zu wissen, wer kanns fodern, seine Bestimmung wissen zu wollen, die ja eben dies Verhältnis ist? und wenn manS nun wüßte, wenn uns ein Schicksal es offenbarte, uns unvollkommenen, nie etwas vollendenden Menschen? —> O Menschen, welch ein Unglück! Du würdest sehen, wie du nur hingestelll bist, hier ein Scha t- ten, und zwar nur der kürzere Schatten zu seyn; anzu fangen, aber nicht zu vollenden; zu streben, dich zu bemühen, zu sorgen, und nicht zu erreichen. — Deine Vorfahren Habens eben so gemacht, haben gestrebt, gesorgt, gcmühct, angefangcn, aber nicht vollendet — Du stehest, du solltest es eben so thun; anfangen, nicht vollenden, von hinnen gehn, und deine Arbeit, wie deinen Körper, dem Staube, der Verwesung, überantworten— das sey deine Bestimmung! das solltest du nun sehen? deutlich sehen? es den herrschenden Gedanken deines Lebens seyn lassen? traurig herrschender Gedanke! Wo würde nun noch dein Muth und deine Freudigkeit zu leben bleiben? wo würdest du etwas anfangen wollen, was du doch nicht vollenden kannst? nicht vollenden sollst! was solch ein Ende nehmen soll! Wo würdest du zu Wünschen, zu Erwartungen Lust haben, die jetzt den Reiz deines Lebens ausmachen, und die dann deine Qual ausmachen müßten, wenn du es ewig empfandest, daß es bald verwelkte Wünsche, verwaiste Hoffnungen, zerfallene Kranze und Blü- lhen seyn müßten. Die Zukunft verbitterte also die Gegenwart; der künstige Tod daS ge- und Ho Milien. 35Z gegenwärtige Leben; der bevorstehende M a n- gel der Entbehrung, der Nvlh, der Krankheit, der Trennung, den gegenwärtigen Genuß der Freude, der Freundschaft, der Liebe, der Wirksamkeit, der Hoffnung. Du hättest die vocwisscnde Weisheit, oder vielmehr den Vorwitz eines Engels bei den schwachen Bedürfnissen eines Menschen, und wärest also gewiß unglücklich, so wie die Welt Gottes keine Welt, und seine Absichten keine Absichten mehr blieben; — alles verfiele! zerstäubte! ginge auseinander! aus dem jetzo froh irrenden, sorglos unwissenden Menschen würde ein trauriger Grübler der Zukunft! schwach und weise! vorwissend und unglückselig! O Mensch! danke Gott für Alles, was er dir gab, und was er dir entzog, für jede mitgetheilte und versagte Kenntniß. Jetzt, da du ein Mensch seyn, unvollkommene Wünsche haben, und unvollendete Absichten vor dir hcrtreiben sollst, bist du zu deinem Glück auch in deiner Voraussicht begrenzt und unvollkommen, und so tauscht dich die Hoffnung bis an den Rand deines Grabes. Die Einbildung wallet vor dir hin, genießt, wo sie nicht mehr genießen soll; hoffet, selbst wo nicht mehr zu hoffen ist; sie scherzt, wie ein Lamm, beim Untergang der letzten Abendrothe, und weiß nicht, was der folgende Morgen ihr für ein Schicksal dräuet — was sollte es ihr auch helfen, wenn sie's wüßte? hat das Lamm Macht, dem Schlachtmesser, und der Mensch Macht, dem Tode zu entkommen? und wenn ers nicht hat, warum soll er ihn sehen? Die Vorsehung hat ihn also verborgen; sie hat Herders Werk- z. Rel- u. Lheol. Hl. A 3Z4 Christliche Reden selbst den Moder des Grabes mit Blumen bestreuet; wir sehens nicht, bis wir hincinsinken, und wenn wir hineingesuuken sind, sehen wirs noch weniger. Der schwache Mensch hat also nur unter dem gegenwärtigen Augenblick zu leiden; das Vergangene bringt bald die Zeit mit ihrem berauschenden Tranke ihm aus der Seele; die Zukunft sieht er nicht, tauscht sich damit, mahlt sie sich, wie er will. Er geht also, so lange er geht, an der Hand Gottes durch die Welt, und wenn er nicht mehr gehen kann, wenn er dahin sinkt — sein Auge schwindet — die Kräfte seiner Seele verwirren sich — er kann sich selbst nicht leiten — O, dann ist er um so gewisser an der Hand Gottes. Der hats eben so geordnet, daß sich die Kräfte verdunkeln müssen, um zu zeigen, daß der Mensch nun in seiner Macht sey — todt, wie schlafend; — wer würde, wenn er vom Schlaf nichts wüßte, ihn errathcn? ihn ahnen? wer nicht vor ihm, als einem wahren Tode, erschrecken? Und sehet, der Mensch ist auf so wunderbare Weise in der Hand Gottes. Er schlaft ein, sich unbewußt erstatten sich seine Kräfte, verjüngt sich seine Natur; er wacht auf, neugeboren, und weiß nicht, wie ihm geschah. Wie der Schlaf, so der Tod! Eben dieselben Zeichen, eben dieselbe Sicherheit und Abzweckung — Leben wir, so leben wir dem Herrn! sterben wir, so müssen wir ihm gewiß sterben. Und wenn sich nun wirklich väterliche Absichten Gottes dabei zeigen, daß uns unser Tod vorher unter die Decke der Zukunft verhüllt ist: so und Ho Milien. 355 sind cs cbm diese Absichten, die uns die Aussicht übers Grob, in jene Welt hinüber so ab kürzen und verdunkeln — Lasset uns sehen: Nicht bloß aus Neugierde wünscht sich der Mensch so oft Blicke in jene Welt; nicht bloß aus Neugierde klagt er, daß diese Aussichten ihm so abgekürzt werden, sondern auch oft aus edlern Gründen, wenn ihn hie und da Zweifel quälen, wenn er so oft das Nichts des menschlichen Lebens fühlet, und sich so gern einen Blick auf das Vaterland wünscht, dem er zueilet, und sich fast ermattend sichet — am meisten aber, wenn Leidenschaft die Aufmerksamkeit seiner Seele ganz dahin richtet und sammelt: er hat einige vorausgeschickt, die ihm die liebsten auf der Welt waren — er möchte so gern bei ihnen seyn, noch mit ihnen Herz und Welt und Zustand theilen — sie sind aber nicht?mehr! sie sind so fern! in einem so dunkeln Lande! ach Gott! wo sie sind? wenn man doch noch jetzt etwas von ihrem Zustande wissen? daran Theil nehmen ? sich doch nur ein rechtes Bild davon machen könnte? — Warum hat Gott uns denn so wenig entdecket? Tod und Leben so fern getrennt? — Am Grabe alles so still und öde gelassen, und weht keinen Laut herüber vom Ufer der Ewigkeit! — Ich Hab' es zu andrer Zeit ge- zeiget, daß auch unsere Offenbarung sich durchaus nicht damit beschäftigt, uns mehr materielle Aufschlüsse, Romane der Ewigkeit für unsere Neugierde zu gehen — Sie giebt bloß 3 2 356 Christliche Reden Bilder dieser Erde, ihrer Länder und Zeiten, sie veredelt und verschönert bloß den Menschen, sie macht unsere Hoffnung gewisser, unsre Erwartung und Lugend edler, nicht aber unsre Einbildung zufrie d e n — Warum sind wir also in der Einöde? Wieder, M. Z , weil die Entdeckung eines Mehrern, gesetzt, daß sie auch möglich wäre, uns gewiß nicht nutzbar, sondern gewiß schad lg ch seyn würde. Gott hat sic uns also entzogen. Was hat man nicht für Beispiele gebabt, daß oft ein Traum, ein Wahn , eine Entzückung, ein Schatte, Himmel! — was für ganze Umwälzungen und Verwirrungen und ewig bleibende Eindrücke auf eine menschliche Seele gemacht, der sie begegnet sind! Das Bild, das Schreckbild, der Wahn, der Schatten begleitete sic immer, v cr» wirrte ihren ganzen Plan des Lebens, störte ihr ganzes menschliches Daseyn. Wahnbilder solcher Art, sie haben die Sitten, den Geist, die Moral ganzer Völker und Jahrhunderte verrücken können! Der Mensch, das schwache, furchtsame, abergläubige Geschöpf! er hat fast zu nichts in der Welt eine solche Mildheit, Ergiebigkeit und Weiche der Seele, als Eindrücke des A u- ß e r o r d e n tl i ch en, des Furchtbar- oder D u nkc l u n er m e ß li ch e n, des Schauers, der Ewigkeit einzunehmen und aufzubehalten — welche Störung also, welche Verwirrung im Plane seines Daseyns! Ec würde nicht mehr in dieser Welt seyn wollen, für die er geschaffen ist, sondern in einer andern, die ihm noch bevor steht! seine und Ho milien. 357 anderweitige, ganz verschiedene, höhere Bestimmung würde ihm hier seine Geschäfte am Scaubc der Erde, seine k l e i n en Freuden, und seine unvoll k 0 m m e n c ' Tugend , seine elenden H 0 f f- u u n g c n und schwachen Ereiferungen — wie vercckeln! wie verbittern! er würde in dem Tagewerk ermatten, das dock) einmal hier seine Pflicht ist, und seine ganze Lust, Fleiß, Munterkeit, Beschäftigung fodcrt — die Grenzen der Welt schwömmen und verlören sich in und mit einander — die Erde bekäme Geistersehe r, Engel, Himmlische -— und verlöre, die sie doch braucht , Erdbewohner, Sterbliche, Menschen, Men'chen voll Wahn und Hoffnung, für Ecdenfreuden gebaut, und zu Erdgeschaften bestimmt, Tugendhafte, aber auf der ersten Stufe der Tugend — die Erde verlöre sie, und der Himmel erhielte nichts. Er verlöre diejenigen, die sich durch Erdentugend auf ihn zubereiten sollten. Die Unterthancn Gottes in zwei so verschiedenen, und auf einander geordneten Neichen würden verwirret; die Absichten Gottes verwirret — wohl also! e s hangt ein Borhang, den wir o^t noch nicht sehen, wenn wir daran sind. Der Vorhang fallt, und schließt sich wieder: Wir sind weg! wir sind in der Ewigkeit! Kein Auge hats gesehen, kein Ohr hats gehöret! cs ist in kei- n es Me n s ch en Her; ko m m e n , was Gott bereitet hat. Er hats aber bereitet: Wir sterben dem Herr n! Und wenn wir uns nun die menschlichen Empfindungen hinzugedcnken, mit welchen wir uns, 358 Christliche Reden was dort vergeht, fühlen müßten; das menschliche, noch schwache, noch so fühlbare Herz, mit welchem wir an dem Schicksal der Unsrigen in der Ewigkeit Antheil nehmen müßten! Wir sahen die Klüfte des Todes, die Ergangnisse, die ihnen dort bevorstehen — wie? wenn sie noch zu leiden hatten? noch Reue, noch Schmerzen über das Leben ausgesetzt waren? wir sahen ihr Leiden — welche menschliche Seele könnte es ertragen? welches Herz?.— und wie stark müßte cs nicht Thcil nehmen ! würdd es nicht über der Theilnehmung den Genuß und Gebrauch seines Lebens verlieren! und dem dahin Geopferten, was würde ihm die Theilnehmung helfen? alle Mü- hung und Gram Helsen, der hier unser Leben um ihn verzehrte? — Glücklich also, sie sind von uns, sie sind in der Hand Gottes. Oder wir sahen ihre Seenen der Freude, fühlten sie mit, jauchzten, sie mit ihnen .zu genießen — wie lästig und ekel würde uns hier das Zurückbleiben am Staube der Erde werden? und so würden die wieder ohne uns, ohne unsere Seele und Muth und Lust zu Leben, Zurückbleiben, mit denen wir hier leben sollen, und die Absichten Gottes vereitelt werden. Ach, und überhaupt, M. Z., welche Forderung ists, Augen für die dunkeln Fernen der Ewigkeit haben zu wollen, da wir sie kaum für die n a h e l i c g e n d e A e i t scharf genug haben! Unsre Natur ist von Fleisch und Blut, wie ist sie im Stande, die Gerüchte der Ewigkeit zu ertragen? die Bestimmungen derer zu wissen, die nicht m e h r F l e i s ch u n d B l u t sind, die vielleicht nichts mehr mit uns gemein haben, die nun zu ganz andern höhern Absichten Gottes dienen, zu denen uns ganz der Sinn, der Begriff fehlt? Wir, denen das enge Reich Gottes, das vor uns liegt, zu groß, zu unendlich ist, wir sollten von einem Reiche Begriffe haben können, das von diesem so unendlich verschieden seyn muß, und auf diese Forderungen unsre Zweifel, unsre Wünsche bauen? Nimmermehr! sobald ein Todter stirbt, hört sein Schauspiel für uns auf; die blaffe Decke des Todes fallt über seine Glieder! sein Auge schließt sich seinen Freunden, zum Kennzeichen, daß diese Freunde nicht mehr für ihn sind. Sein Ohr verstummet ihren Klagen, zum Zeichen, daß diese Klagen ibm nun nicht mehr Nachfolgen sollen. Es fangen Empfindungen beim Anblick des Leichnams an, die nickt mehr z u ihm rufen, die von ihm entfernen, zum Zeichen, daß er jetzt unter dem Gesetz eines Wesens scy, das diese widrigen Empfindungen nicht kennet! sein Geist, der Funke, der ihn zu empfindenden Menschen machte, ist weg, und die Hand des Zergliederers findet keine Spur, keinen kleinen siirhenden Nachrest desselben. Selbst das Bild des Menschen schwindet in Kurzem vom blassen Angesicht: er verweset: er will zur Erde; er will vom Anblick weg, in eine dunkle Ruhestätte! und hat er die gefunden, o! da ist er gleichsam heilig! keine Klage und kein Lob und keine Nachforschung soll ihn mehr stören! Er liegt, und ist des Herrn! und über und um ihn ist Stille! Kein Schatte, keine Erscheinung! wir haben Aussichten genug zur Unsterblichkeit, zur Ewigkeit, aber nicht bei den Tobten- 36o Christliche Reden grüsten und dürren Gebeinen. Nicht schrecklich, nicht gräßlich — sie sind heiter und schön, wie die Aussicht in die ganze große Welt Gottes. Lasset uns alsö die Dämmerung des Grabes, wo nichts weiter zu lernen ist, verlassen, und gen Himmel sehen, und andere Aussichten auf unser künftiges Daseyn suchen! Mir scheint es überhaupt, M. Z., fremder, Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, für unsere F ortdauer nach dem Tode zu fordern und geben zu sollen; als nicht vielmehr erst die Sterblichkeit, die Vernichtung unsers Wesens erklären zu dürfen. Wenn ein anderes vernünftiges Wesen einen menschlichen Leichnam fände, und den ganzen Wunderbar, desselben auch nur von außen ohne Wi rksamkcit betrachtete — cs sähe, dieß so künstlich gebildete Antlitz, dieß verschlossene Auge, dieß gebildete Ohr, diese Hände, diese Gliedmaßen — wenn das betrachtende Geschöpf den mindesten Grad Vernunft, das ist, Betrachtung hat, so würde es schon schließen müssen, der Leichnam muß zu Absichten da gewesen, diese so verschiedene vielfache und vielfach zusammengeordnete Bildung kann nicht umsonst so zusammen gekommen, dieser Wunderbau muß kurz! eine Maschine, ein Werkzeug, ein Instrument eines andern verständigen Wesens gewesen seyn, das cs so, und nicht anders wozu nöthig hatte, jetzt nicht mehr nöthig und Homilien. 36r baben muß, und die Maschine zerfallen laßt. Das betrachtende Wesen sähe nun ferner auch den i n- n e rn Bau der kunstreichen Maschine, hatte durchdringenden Blick die ganze Organisation jedes kleinen Thciles zu sehen — sähe endlich wirklich eine andere dergleichen Maschine noch im Leben, in Wirksamkeit: sähe nun, wie alle vorigen Theile zu so vielfachem tausendfältigen Gebrauche sind; sähe, wie alles in diesem Körper wirkt und halt, rcitzt und fühlt, schlägt und treibt, und alles so unendlich klein zusammengefüget worden, so zu wirken und zu halten, zu rcitzen und zu suhlen, zu schlagen und zu treiben — sähe nun das Wundcr- auge wirklich sehend, das Wunderohr hörend, das Herz schlagend — kurz! sähe, was wir alle Augenblicke fühlen und wissen: würde es wohl einen Moment darüber zweiselha ft seyn, daß das alles mit Zwecken und Absichten da sey! daß diese Absichten alle auf Leben, auf Empfindung, auf Anwendung, auf Gebrauch gehen! daß daS Auge ausdrücklich für etwas Sehendes, das Ohr für etwas Hörendes, der ganze Körper für etwas sehr fein und vielfach Empfindendes gemacht sey! dazu bloß Maschine, Instrument, Werk- z e u g, M i t t e l u r s a ch e sey — und wenns nun zum vorigen Leichname hinzutritt, was würde cs schließen? daß dies c m p fi n d e n d e, hörende, sehende, innere Wesen zerstöret sey? welch ein Sprung! welch eine ungereimte Folge! — nein, daß die Maschine dieses Empfindenden zerstöret sey, daß in ihr etwas verletzt, schadhaft geworden, wodurch das Ganze des Gebrauchs zer- 362 Christliche Reden rüttct worden; der Künstler Hobe sie also vielleicht hingeworfen, weil er sie nicht brauchen konnte, sich ihrer entübriget — dos könnte er etwa schließen! das flehet er etwa! Aber, daß, weil die Maschine schadhaft geworden, auch der sie brauchende Künstler verloren und umgckommen scy — wo ist hiezu der mindeste Grund vorhanden? wer macht irgend bei einem Vorfall der Erde im mindesten den ähnlichen Schluß? Und das, M. A., ist doch nur der Tod; nichts in der Welt mehr; daß jetzt das Nerveuge- baude in Unordnung geräth, jetzt das Herz nicht mehr schlagt, jetzt einige Blutkügelchen stille stehen — ist nichts, als eine gehe m mte Bewegun g, eine zerstörte Ordnung in d e r se l b e n Maschine — Kein Theil wird übrigens zu nichts ! kein Staubkorn verschwindet. Nichts wird im mindesten seinem Gesetze entzogen! Alles bleibt nicht bloß in der Schöpfung, sondern auch unter denselben körperlichen Gesetzen in der Schöpfung, «ach denen es im Körper wirkte; nur in diesem Körper, in diesem organischen Kunstgebaude wirkt es nicht mehr, weil es zerrüttet ist — folgt daraus wohl der mindeste Begriff von Zernichtung, von Zerstörung? Man stehet, bloß ein Schein, eine kleine Zusammensetzung wird aufgehoben; alles Zusammengesetzte bleibt, der Körper, der nun frei ist, giebt sich allen seinen Elementen wieder; wie? und das Wesen sollte nicht bleiben, dem zu Gute eigentlich der K ö r p e r zusammengesetzt war, das denselben belebte, das mit einer Art von Allmacht und Allgegcnwart in demselben gegenwar- lind Ho Milien. 36Z tig lind wirksam war, das ihn allein zusammen hielt, lenkte, ihm Zweck gab, eigentlich das einzige Wirkliche war, was sich des Körpers bloß b e- diente? — Jeder seiner unedelsten Theilc, des Werkzeugs, sollte bleiben, und dieser innere K ü n stier, dieser Schöpfer, dieser kleine unbekannte Gott sollte nicht bleiben? und warum nicht bleiben ? weil sein Werkzeug schadhaft ist — wie unsinnig und grundlos ist die Folge! „Aber wir sehen ihn ja nicht, den Künstler, wenn er sein Gebäude verlaßt, wenn er hinweg- zeucht?" Und konntest du ihn denn, o Mensch, sehen? Konntest du dir ein Bild von ihm machen, selbst, da er in dir war, selbst da du ihn empfandest? Siche, den Augenblick fühlest du dich doch, daß du denkest, daß du eine Seele hast! Du fühlst es innig, bei dir selbst gegenwärtig,- aber nun, was ist dein Gedanke? was ist deine Seele? Licht? Flamme? Feuer? Luft? Othemzug? — nichts von dem allen! du findest ihr nichts ähnliches in der Natur! Deine Seel- Hat von ihr kein Bild, die Sprache kein Wort! Sie höhnt, sie spottet aller körperlichen Dinge und Gleichungen! sic spottet des Raums, der Zeit, der E n t fe r n ung, der Gestalt! ist in diesem Augenblick über Stern en und Sonnen, und diesen Augenblick wieder in sich selbst; will jetzt etwas, gedenkt jetzt etwas, und uns unbewußt ist ihre Gedankenkraft schon im Arme, sie greift, sie handelt, ohne Zeitverlust, ohne Zwischenraum. Jetzt empört sich in ihr eine Leidenschaft, ein heißer Wunsch, eine Begierde; 264 Christliche Reden und das Miize Meer der Säfte des Körpers ist im Aufruhr; das Herz sä) lagt, das Blut wallet, die Adern pochen, die Nerven strengen sich an; überall ist der Gedanke der Seele. Jetzt ruft sie sich Bilder der Abwesenheit, des Vergangenen, des Todes, der Ewigkeit hervor, schafft sich gleichsam eine Gegenwart aus dem Nichts! denket sich, was sie nie gesehen, Engel, Geister, Wesen, sie denket sich Gott — was ist das nun, was in ihr denket? Licht? Flamme? Othemzug? — O Thor! und du willst, was in der Empfindung selbst nichts ähnliches, kein Bild, keinen Begriff hat, das willst du, wcnns außer deiner Empfindung ist , sehen? messen? verfolgen? du willst, wie ein Kind, den Schatten an der Wand greifen, und wenn du ihn nicht greifen kannst, gar wider- allen Augenschein laugnen, daß ein Schatte sep? Ja noch mehr: du willst aus einer Ursache laugnen, von der du es dir selbst offenbar und unzweifelhaft erklären kannst, daß cs keine Ursache sep? Sehet, M. Z., so sind die Schlüsse gegen die Unsterblichkeit der Seele! Nein, Seele in mir, ich kenne dich nicht, aber ich f ü h l e dich unsterblich! ich fühle es, daß du edler bist als alles, was ich zu meinem Körper rechne; das kommt und schwindet, und ist nur dein Werkzeug, das mit dir nichts ähnliches hat. Aber du bist die Bewohnerin, die Künstlerin, die He r r sch e r i n, der S t r a h l der Gotiheit in diesem Tempel! Du bists, für die das Ohr gebaut ist, daß es höre; das Auge gebaut und Homilien. 365 ist, daß es sehe — doch nein! Ohr, Auge, höret's, siebct's nicht — Du bists, die dadurch höret, dadurch siehet, diese Hand reget, diesen Gedanken in mir denkt, und kann nun kein Saft meines Auges, kein Stäubchen meines Ohres verschwinden — großes Wesen in mir! mächtige Absicht Gottes! wie solltest du verschwinden können, für die daS alles da ist? die das alles beherrschet! die sich in sich selbst, und in der ganzen Schöpfung und in dem Gott spiegelt, der die ganze Schöpfung schuf! — O Seele, so wahr als ich bin! so wahr ich dich fühle, fühle ich dich unsterblich, göttlich, ewig! Und , M. 3., wenn schon diese äußeren Beschaffenheiten und Vergleichungen, diese Außengestalt der Seele so viel saget — ihre innere Beschaffenheit, ihrWesen, jede ihrer Kräfte, Anlagen, Wünsche, Wirksamkeiten — wie viel sagen die? keines kennet ein Ende, eine Grenze, einen Tod. Jedwedes, auch die mißbrauchteste Kraft, die ungebildetste Anlage, der irrcndste Wunsch geht mit Ewigkeit schwanger, hat den Keim des Unermeßlichen in sich, ist also, (oder Gottheit, Vernunft, Absicht müßte trügen!) ein sicherer Ahnungs- boke der Unsterblichkeit: sicherer als eine Erscheinung von außen seyn kann, denn es ist Gesetz der Natur, Absicht Gottes, Wesen der Seele. Ich brauche es keinem zu beweisen, daß das Wesen des menschlichen Dasepns Leben scy, und 366 Christliche Reden daß das Wesen dieses Lebens sey, immerfort zu leben, w e i t e r hin zu streben , auf einen gewissen weiecrn Punkt des Guten, des Behaglichen, des Vollkommenen Hinzurücken. Jede unserer Empfindungen muß uns das sagen! und jeder unsrer Gedanken, Wünsche, Entschlüsse, Handlungen, Erwartungen ist nur eine Erscheinung, ein Zeichen, eine Gestalt dieses Wesens, dieser fortqe- henden Empfindung. So bald der Mensch nicht mehr lebt,, so ists für ihn , als wenn er gar nicht wäre, und wenn er diesen Augenblick lebt, und den folgenden nicht mehr leben soll, so ist er den jetzigen nicht mehr, er verliert schon den Genuß seines Daseyns; er würde Angst und Marter fühlen, die arger als der Tod wäre — aber, M. Z., er kanns nicht einmal fühlen, er kann sich diesen Zustand nicht einmal denken — die menschliche Seele hat vom Nichtseyn keinen Begriff. Wenn sie ist , so lebt sie; das heißt, sie strebet, sie denket, sie wünscht, sie wirkt auf die Zukunft; sie hat immer den Plan des F v r tg e h e n d e n, des Ewigen dunkel im Sinne, auf den sie arbeitet! sie kennt kein Ende, keine Grenze, keinen Tod. Und da dies nun nicht etwa bloß einigen vorzüglichen menschlichen Seelen, sondern allen, allen zukommt; da keine Handlung, kein Augenblick in ihr, kein Gedanke, kein Wunsch gedacht werden kann ohne dies Gesetz des Fortlebens, des Fortstrebens, der Wirkung auf ein Mehreres, Weiteres , Vollkommenes hinaus: da die dunkelste und und Ho Milien. 367 hellste Seele, der größte .Thor und der erhabenste Weise, der edle Gute und der sündigende Bösewicht im Wesen dieses Zustandes ganz dieselben sind, nur daß sie sich in der Art der Ausführung, der Mittel-der Zwecke so sehr unterscheiden : da das ganze menschliche Leben, Wesen, Daseyn, und also die Absicht Gottes bei diesem Daseyn im Innern ganz darauf beruhet — M. Z., die offenbare Absicht Gottes in einem Gesetze der Schöpfung trügt niemals. ES sind Worte des Unsinns, daß Gott uns, daß Gott ein Geschöpf tauschen sollte, dem seine Absicht als Zweck der Natur so offenbar vorliegt. Gott tauscht den Vogel nicht, dem er einen Zug in ein fernes Land gegeben hat, das derselbe noch nicht gesehen: der Vogel folgt sicher dem Zuge, findet das ferne Land und alles, was er bedarf, entrinnet der Gefahr, und kommt glücklich wieder. Gott tauscht die Seele nicht, daß das Auge zu sehen, das Ohr zu hören gemacht scy: sie sieht und hört unmittelbar durch dasselbe, und bekommt Begriffe, Bilder, Tone und wird Seele. Gott täuscht also auch die Seele nicht, der er ein Wesen gegeben hat, sich fortzudenken, weiter hin zu streben, immerzu wollen, zu wünschen, zu verlangen, zu handeln, keine Grenze zu kennen, zu leben. Ihr ganzes Wesen ist darauf gebaut: darauf beziehen sich alle ihre Kräfte, Bemühungen, Bestrebungen, Tugend: sie hat ja alle diese nicht von sich: und wo göttliche Kraft ist, ist ja göttliche Absicht— so sicher und gewiß, als der Zug jenes Vogels, als jene Sehkraft der Seele, so sicher und gewiß ist 363 Christliche Reden ihre Schöpfung, ihr G n n g i n s U n endlich c, in des Ewige, ins Unermeßliche der Kette der Vollkommenheit hinaus. Und daß der Mensch nun hier in diesem Er- dcnzustande diese Vollkommenheit nichts minder als erreiche — ach Gott! wem darf das noch gesagt werben? wer ist nicht, der das jeden Augenblick seines Lebens fühle? Was ist unsere Wahrheit? unsere Tugend? unsere Güte des Herzens? unsere Bcstreb s a m ke i t zum Besten der Welt? die W a h r h e i t —- welch ein dunkler Schein! ein Sonnenstrahl, der durch Nebel bricht, eine düstre Lampe voll Jrrthümer, Zweifel und Bekümmernisse der Seele. Unsere Tugend, wie arm! wie unvollkommen! selbst die sorgsamsten und sogenannten besten Handlungen oft an welchen Faden, an welche Beweggründe geknüpft! Die Safte unsers Herzens, die alles durchwallen, wie unlauter, wie grob, wie irdischer Natur! Unsere besten Bestrebungen, wie nichtig ! wie kurz fallend! Eine schwache Woge, die vielleicht noch zwo andere noch schwächere Wogen fortceiffct, und zerronnen ist! der Strom der Zeit reißt uns fort, reißt alles Unsrigc fort, und nichts ist mehr übrig! Wir fangen an zu bauen, enden nicht, müssen fort, der Nachkommende baut auf unfern Trümmern, endet auch nicht, muß fort — alles ist unvollkommen! endlich! nichtig! — Und doch ist etwas Wirkliches in dem Traum! doch ist immer unlaug- bare Absicht und Anlage Gottes unter alle dem Nichtigen! Und eben der Mensch ist doch das einzige, das edlere Geschöpf, das sich diese Ab- und Ho Milieu. 269 Absicht Gottes erhellen, sich dieser Anlage vergewissern, sich diesen Traum von B 0 ll- k 0 m m cnheit zu einer Besinn» ng, zu einer erwachende» Offenbarung machen kann, wie cs kein Thier kann! Und wiederum ist doch der Mensch das einzige Geschöpf, das in diesem Plan, in diesem wachenden Traum, der Vollkommenheit am wenigsten vollendet, am meisten rückbleibt! Jedes Thier hat bei seinem engern Kreise, bei seinem einförmiger» Geschäfte einen weit fester» Plan, der ihm eingedrückt ist; cs erreicht denselben ohne Hülfe und Lehre, bis auf alle augenscheinliche Vollkommenheit —> Das Gebäude der Biene, und das Gewebe deS Seidcnwurms ist ein weit vollendeteres Kunstwerk, als alle Zwecke eines menschlichen Lebens, mit denen jeder in seiner Art unvollendet stirbt. Was. ist das also alles anders, als der Mensch ist gleichsam die Brechung von Tönen; er ist bas kühne Ufer zwischen See und Land, > das gewagte Mittclgeschöpf zwischen En- 1 gel und Thier. Er hat auf der einen Seite so - v ie l h in te r si ch, in sich so viel Anlage, und so wenig Vollendung, so viel Keim von Kräften , und so wenig Frucht der Vollkommenheit, daß er gewiß, ganz gewiß noch weit mehr und höhere Wesen vor sich hat. Und das ist nicht Vermuthung, nicht Traum, nicht süßer Wahn: sondern so wie bei einem Gcmählde, dem Werke eines unvollkommenen Künstlers, es gar kein Zweifel ist, daß, wo sich die Schatten brechen, Licht folgen müffe; so wie bei einem T v n- stück, dem Werke eines unvollkommenen Künste Herders Werke z. Rcl. u. Lheel, Ul. Aa Christliche Reden 370 lcrs, cS gar kein Zweifel ist, daß, wo sich die Töne am kühnsten brechen, Auflösung und Wohllaut folgen müsse: die horchende Seele abnet's, hoffet's, erfährt's: ey, M- Z., bei dem großen unendlichen Kunstwerke des v 0 llkomme n s t e n S ch ö p f e r s, wo so viel Anlage und Absicht und Schönheit und Vollkommenheit uns überall vonderErdezum Himmel, vom H i m m e l zur Erde vorleuchtet; wo jedes kleinste, und jedes größte die Weisheit, V 0 I l k 0 m c n he i t und G eite Gottes verkündigt; wo der Mensch im Körperlichen der herrlichste Inbegriff göttlicher Zwecke, und in seiner Seele das schönste Sna men seid gr 0 ßer und reichcr Anlagcn ist, die hier nur nicht zur Reife kommen — Ein Engel im sterblichen Gewände! ein großer prächtiger Gedanke Gottes in einer Hütte von Staub und Schwachheit; sollte da der mindeste Zweifel über Fortdauer und Fortgang übrig bleiben können? Nein, 0 Gott! wenn ich deine große und schöne Natur sehe, voll Gedanken und Anlagen und Absichten und Weisheit der Ausführung! — diese Blume, die hier blüht und erst im S a a m en e rs t 0 r b e n lag; diesen Frühling, der jetzt rings um so vielfach aufstcht, und vor wenigen Wochen unter Schnee und Eis begraben lag; den Vogel, der jetzt so munter singt, und bald in ein ander Land ziehen wird; die Sonne, die so angenehm untergeht, um mit frischem Strahl für eine andere Welt aufzugehen — nein, mein Gott! auch der Saame und Ho Milien. 37 e in mir, der edelste, wirklichste, wesentlichste, göttliche Saame, von Weisheit, Tugend, Wirksamkeit und Güte kann nicht erste rg. den: die Blüthe in mir, die edelste göttlichste Blüthe kann nicht umkommen! Der ganze Frühling ist mir ein Bild der Unsterblichkeit, der Schönheit, der Auferstehung, und mein Zug dahin ist vor dem Herrn der Natur eben so untrüglich, als der Zug des wandernden Vogels, der Gang der u n t e r g e h c n d e n Sonne. Ich sehe es um mich, ich fühle cs in mir, dasi auch die Absichten in meinem Wesen zur Wirklichkeit kommen müssen, daß die Seele, die über Sterne und Sonnen fliegt, und am Staube der Erde klebt, einst freiere Fl ü g cl, hö- hern Aufschwung bekommen, daß die T u- gend, die Gott gleicht, und am Staube der Erde erliegt, einst mehrere Kraft und Wirksamkeit erhalten, in einer höhcrn Sphäre wirken, dem Zwecke näher kommen, zu großem Absichten des Herrn der Schöpfung dienen müsse, als sie hier dienen kann, und doch immer Anlage fühlt, weiter, höher hinauf dienen zu sollen. Und 0 Gott, wenn ich alsdann in einer bestirnten Nacht deine Himmel anschaue, wie groß deine Schöpfung, deine Welt, dein Reich sep! wie viel Gegenden und Räume du zu versorgen, du mir aufzuklären, du mich mit ihnen zu belohnen hast! Mein Gott! wenn ich deinen Sternenhimmel ansehe, die Monde, die Sonnen , die du gemacht hast, die große Einheit der Natur! »oll unendlichen Plans, und Absichten und Stufen und Zusammenhangs! „O Gott! was ist „in diesem großen Reiche der Mensch, daß du sein Aa 2 Z72 Christliche Reden und Ho milien. „gedenkest! ein Kind der Erde, daß du ihn so getadelt hast! Du lassest ihn hier eine kleine Zeit „verlassen, in Dämmerung, in Prüfung seyn — „mit welcher Ehre und Hoheit hast du ihn zu krönen!" Er ist hier im Mittelstände der Prüfung, des Knotens — hinter dem Knoten nähert sich Auflösung! hinter der Prüfung ist Belohnung. Leben wir, so leben wir dem Herrn! sterben wir, so sterben wir dem Herrn! "Darum wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn! XXI. Gebet am Grabmahle Zhro Erlauchten der weil, regierenden Gräfin von Schaumburg-Lippe re. Maria Barbara Eleonora gebornen Gräfin und Edlen Frauen zur Lippe und Stcrnberg w. Gehalten zum Baum den 7. September 1776. (Folgende Schilderung des Charakters der seligen Gräfin von Schaumburg-Lippe *) ist mir von der verwirtwcten Frau Präsidentin von Herder gärigst micgctheilt worden; sie stehe hier als Vorrede zu dem empfindungsvollen Geber und als ein würdiges Denkmal, einer so seltenen Christi» und Menschenfrcundin von der reinsten, schwesterlichen Freundschaft errichtet !) „ ^>icjenigen, die die verewigte Gräfin Maria (so nannte man sie am liebsten) gekannt haben, sepcn durch nachfolgendes Gebet an die erhabenen Tugenden dieser Unsterblichen erinnert. Ihr ruhiger, reifer Verstand, ihre Sanftmuth, Unschuld, Bescheidenheit und Schüchternheit — ihr weises Betragen in allen Vorfällen des Lebens — ein gänzliches Vergessen ihrer selbst über dem, was sie *) Auch Mendelsohn spricht mit hohem Lobe von ihr. (S. Herrn LH. Schmalz Denkwürdigkeiten des Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe. Hannover rzM. S. igi u. rü3.) 376 Christliche Reden andern seyn konnte — erwarben ihr die Liebe und Bewunderung Aller, die sie kannten. Sie schien nur für jedes fromme Verhaltniß sich allein hinzu- gcbcn: die geliebte Gemahlin, die einzig nur für den hochverehrten Gemahl lebte: die zärtlichste Mutter einer hoffnungsvollen Tochter, die sic nur wenige Jahre besaß: die treue einzige Schwester: die geliebteste in dem Geschwisterkceis, und mit dem Zwillingsbruder, *) der ihr in die Ewigkeit vorangegangen war, Ein Herz: die treueste Freundin gleichgestimmter Seelen auf dem Weg der Tugend und Religion, deren Vorbild und Vorgängerin sie war: Freundin und Theilnehmcrin alles Edeln: Mutter, Trösterin und Erzieherin der Verwaisten und Hülflofen. Einfach in ihrem Anzuge, wählte sie, so viel möglich, inländische Zeuge zu ihrer eignen Kleidung, aus Ersparniß und zum Vorbild zugleich; sie ent- zog's, dem Aufwand der Mode, und befriedigte höhere Vergnügungen der Seele, indem sie die Thränen der nahen Unglücklichen im Verborgenen trocknete, und das Fortkommen armer oder verwaister Kinder beförderte. Erhabne stille Größe und Geduld in mancherlei Leiden war ihr Charakter; und im Mitgefühle fremder Freuden schien sie nur ihre eigene zu finden. Eine ungekünstelte einfache Erziehung auf dem *) Dem Grafen Ferdinand Johann Benjamin, bei dessen Lode die vorstehende Rede gehalten wurde. und Homilicn. Z77 Lande und die Grundsätze der «inen christlichen ' Religion hatten diese Seele also gebildet. *) Ihren Geist übte und schmückte sie durch das Lesen gehakt» voller Bücher und durch eigene schriftliche Arbeiten (worunter auch Poesien) 'im Stillen aus, so wie durch den Umgang ihres erhabenen Gemahls. Ihr Urtheil war immer billig, nachsichtsvoll, zum Besten wendend, und dennoch gerecht und treffend , ihr Umgang voll Grazie, Liebe und Heiterkeit. Wo sie war, da ward jedes Gespräch an- muthsvoll, unterhaltend und sanft belebend. Ein überirdischer Glanz war in ihren Augen und in ihrem wohlgcbildeten Angesicht; ihr zarter Körper die ausdrucksvolle Hülle ihrer schönen Seele. Um sie schwebte jene himmlische Anmuth auscrwählter Seelen — die ihrige lebte im Himmel, und zugleich liebend und wohlthätig auf dieser Welt. Sie hielt sich für eine Pilgerin, die, indem sie den Willen Gottes hier thatigst zu erfüllen habe, zu ihm eile. Und diese Edle war die Freundin Herders, und er ihr Freund." . *) Auch der selige Herder trug viel zu ihrer Ausbildung bei. Anmerk. d. H. 373 Christliche Reden Gebet. »^err über Leben und Tod, gütiger Vater der Die,ischen! hier, an den Gebeinen unsrer thcurcn erblichenen L a n d es m u tk e r, als an einem Altar deiner Güte, deren wir dich an l danken dir, daß du sic, ein Unterpfand deiner Licbe , uns gabst und zur Glückseligkeit ihres Gemahls, zur edelsten Freude der Ihren, zum Wohl und Segen dieses Landes so lange ließest. Ja, o Goct, das Beste, damit du ein Land vermagst zu segnen, ist das Vorbild und die Wirksamkeit guter und großer Menschen. Ihre Gegenwart ist mehr als Korn und Mvsts die Fülle: sie sind du selbst, gütiger Vater, wie du dich Menschen in Menschengestalt am stillesten, seclenvollsten, tiefsten beweisest. Segen ist ihre Gegenwart: ihr Gebet, ihr Thun und Wvhlthun Arznei und Segen bis in die entfernte Nachwelt, wo sie noch sortwirken, wenn sie langst nicht mehr da sind. — Und, o Gott, mit welcher Fülle von Dankbarkeit haben wir dir denn an den und Homilien. Füßen dieses heiligen Leichnams zu danken, für die edle Seele, die ihn belebte! Dir dankt ein Gemahl, der ihren Werth so tief kannte und fühlte, an deß Seite und unter dessen Lehren der Weisheit sie als eine Blume der Tugend zum Himmel blühte. Mit wie richtigem Blick unterschied sie Recht und Unrecht, das Wahre und Falsche, überall, in allen Formen und Gestalten, um nur das Gute zu kosten, sich wie ein Engel des Himmels nur am Reinen und Unschuldigen zu erfreuen: ein Bild jener ächten Liebe des Evangeliums , „die Alles cr- „tragt, Alles hofft, Alles glaubet und duldet, die „langmüthig und freundlich, nicht eifert, nicht groß- „lhut, nie das Ihre suchet, sich nie lasset erbittern; „nie zu schaden trachtete, sich nie erfreute der Ungerechtigkeit , Sie freute sich aber der Wahrheit!" — Gerührt, v Gott, und mit Empfindung danken dir für sie alle die Ihren, deren Trösterin, Retterin, Rathgeberin, Lust und Freude sie war: Theilnehmcrin an jedem Schicksal, wo sie Theil nehmen konnte, ein Engel der Unschuld und Liebe, der Alle zum Himmel wieß. Mit welchem Schmerz ist ihr Abschied weit und breit empfunden! wie lebt ihr Bild und Andenken überall und lange, ewig müsse es zum Guten leben! — Mit Thranen danken dir, o Gott, die Armen, deren milde Trösterin sie war: die Mutter jedes unerzognen Kindes, die Helferin aller, denen sie helfen konnte, die, um helfen zu können, selbst entbehrte; ein Bild jener Liebe, o Richter der Welt, die.du am Weltgerichte einzig suchen und für dein erkennen wirst, „die die „Hungrigen speiste, die Durstigen tränkte, die Na- „ckenden kleidete, das Kranke besuchte, und mm- 38c, Christliche 8s eben „wer wußte, .daß sie's that:" die alles dir that, uneigennützige Bruderliebe, Erlöser! die alles im Stillen that, nur vor deinen Augen, o Vater! die mit allen Tugenden, mit denen sie leuchtete, und für die wir dir jetzt danken, in sich selbst nichts war. Die Demüthigste ihres Geschlechts, nicht in Wort, sondern in That und Empfindung, die nicht anders wußte, als daß sie die Demüthigste sepn müßte, eben weil sie dein Gesäß war, o Gott, ein Abglan; deiner Güte, Liebe und Segnung. Wie sieh sie jedes Lob! war dem leidigen Ruhme feind, nahm nicht Ehre und Zcugniß von Menschen, sondern ruhte in deinem Willen, o Vater! im Schooße ihrer Pflicht und Bestimmung, im Willen und in der Liebe ihres Gem.ahls, den sie, als Bild Gottes, mit aufopfernder ganzer Empfindung liebte und verehrte. Groß und edelmüthig fühlte sie zu scyn, was sic war! was sic feyn sollte! groß und ^ schwer, aber auch dcmüthig, freudig erhaben. War Jahre lang schon im Himmel, da sie hier noch mit leutseliger Klarheit und Theilnehmung auf Erden lebte, genoß jeden Sonnenstrahl, der sie erweckte, wärmte, erfreute, als den Blick deiner Güte, als den unmittelbaren Abglanz deines Angesichts, o Vater! war froh im Leiden, weil cs dein Wille war, selig in Schmerz und Krankheit, weil sie auch in ihnen immer nichts als unverdiente Wohl- that, Segen und Erquickung fühlte. — Ja, Vater ! hier in diesem Haine , im Thal der Ruhe und Absonderung, wo sie so gern war, wohin sie auch zum letztenmal so emsig und vergnügt hinaus eilte, als zum Ort ihrer Erquickung und Genesung; hier, o Gott, hast du sie erquickt und genesen lassen! gelabt, 33t und Homilien. gelabt, de. nichts mehr sie laben konnte, mit dem Kelche des Lrosts und der Aufopferung gestärkt, da alle Starke hin war, sie wie an deinem Herzen und Munde, in einem Seufzer und Blick gen Himmel, in einem Dthemzugc des Danks, des Gebets, der Freude zu dir hinauf genommen, o Vater! Dank dir für Alles, was du lebend, leidend und sterbend ihr erwiesen! für . jede Schickung, Führung und Prüfung, wodurch du »ihre Seele so schön bildetest und zum Engel bewährtest! Nun danket sie dir dort oben besser, als wir hic- nicden thun können , sie, die jetzt über Wolken und Zweifel erhaben, da Licht sichet, wo wir nur Dämmerung sehen, das Stückwerk ihres Lebens als ein herrliches Ganze deiner Güte erkennet und den Jesus mit Dank und Freude anbetet, an den sie hier mit Hcrzcnsaufopfcrung und Kindeseinfalt glaubte! Ja, o Gott, glaubte! und dir zum Preise bekennen wir's und danken dir, daß sic, so entfernt von Schwachheit, Heuchelei, Unwissenheit und Aberglauben, so aufgeklärt und hellsehcnd über alles, was unwesentlich oder unwürdig der Religion , mehr Aergerniß als Besserung schaffet, daß Dein Wort, o Gott, und dein ungeheucheites Be- kenntniß, v Erlöser, ihr Speise und Trank, Lust und Fcbude war: ein Muster erhabner Andacht und aufopfernder Demuth ihrer ganzen Christengemeine : die Hoffnung und Gabe der Unsterblichkeit, die sie in sich trug, ihre Erquickung im Elende, ihr letzter Stab durchs dunkle Thal des Todes. Gottes - und Himmelsvoll freute sie sich auf den Zeitraum, *) wv sie fo viele Gnaden Gotz *) Monat Juni, Herders Werke z. Ret.u,Lheol.lll. Bb 382 Christliche Reden tcS empfangen, „wo sie und ihr einiges Kind ge» „deren, Mutter und einiges Kind vorangeqangcn, „wo du sie endlich zu allen, die droben ihrer war» „teten, zu Mutter und Schwester, Bruder und „Kind, zu dir selbst hinaufnahmest, o Vater!" Du thatst es, Herr! und machtest ihren Hingang, wie ihr Lebensgang gewesen war, leicht und stille, sanft und erquickend, fest und herrlich, Ihr Geburtstag und ihre GebmtSstunde gebar sie zum Engel hinüber. — Herr, was ist der Mensch, daß du sein also gedenkest! ein Menschenleben, daß du dich ihm so unerschöpflich gütig beweisest! Eine Zcitlang hier im Thale der Niedrigkeit und Demuth, wie Jesus, und droben, wo er ist, in der Herrlichkeit Gottes.- Hiemit, o Gott! tröste das zerrissene Herz ihres Gemahls, unsers Landcsvaters, daß er, vom holden Abglanze deiner Güte zur uner» schöpflichen Quelle geleitet, in deinem Willen, o Vater! und in der Seligkeit seines vorangeganqencn Engels ruhe! daß sein Geist sich mit dem Ihren vereint fühle, der ihn wie ein himmlischer Hauch umschwebe, ihm mittheile „die süße Himmclsgabe, „Hoffnung! daß in deiner Hand nichts verloren „sey, du Allbeleber! daß in dir, dem Urquell aller „edelsten Erkenntniß und Liebe, in dir, dem Meer „der Güte, dem alle Tobte leben, der Menschen „wegnimmt, damit er edlere Geister rufe und spreche: „Kommt wieder, Menschenkinder! daß in dir sich „Alles, was zu ewiger Erkenntniß und Liebe ge» „schaffen ist, dir ähnlich, wieder finde, dich er» „kenne und liebe." Alle die Wünsche und Seg- und Homjlien, SL3 nungen, die der Hingeschiedene Engel, ha er noch sterblich war, gesund und krank, lebend und sterbend, für jede treue edle Liebe Ihres Gemahls, für sein ganzes Vorbild der Größe, Güte und Tuacnd, das sie so ost prieß und sich zum täglichen Vorbilde gesetzt fühlte — alle die Wünsche und Segnungen, die sie dafür mit jedem dankbaren Othem zum Himmel sandte, so freudig zum Himmel sandte, daß sie Erfüllung derselben, auf Fernen, wo sie nicht mehr seyn würde, hinaus, genoß, sah und füblke — alle die Wünsche und Segnungen deines Kindes und Engels erfülle du Gott, Vater! Laß auch die Liebe wohl angelegt seyn, damit er den Armen das Gedächtnis, das ewige Gedächtnis ihrer Pflegerin und Mutter, so ganz im Geiste der Seligen auf ewige Zeiten hinaus vermacht hat! Laß keine dieser edeln Gaben gemißbraucht werden, sondern jedesmal den Gcburts - oder Todestag, d. i den zweiten Geburtstag der Entschlafnen ein Fest seyn, an dem sich fromme, redliche Arme und die Engel Gottes im Himmel freuen. Gönne ihn, Herr, noch lange seinem Lande, ihn, der jetzt auch im Namen des Engels an seiner Seite oder vielmehr einig und allein in deinem Namen, o Vater Allwohlthatec! das Land segnet, und einst, wenn die Zahl seiner Jahre und deines Segens an ihm erfüllet ist, o Gott, so sterbe seine Seele des Tode» dieser Gerechten: Sein Ende scy Ihr Ende! Ruhe denn sanft, heiliger Leichnam, hier in diesem stillen Haine, am Orte, den du dir selbst unter diesem lieblichen Gotteshimmel zur Ruhe wähltest! Ruhe und warte der fröhlichen Äußerste? 384 Christliche Reden und Homilien. hung am schönen und herrlichen Tage, auf den wir alle warten! wo dein Christus kommen wird und dich zu dem Bilde verklären, dessen Morgen- röche du hier im ersten holden Dammcrungsstrahl trügest. Ruhe sanft und dein Kind, der Engel, an deiner Seite, und niemand müsse sich deinem Grabmahl, dem Denkmahl der Liebe und des Schmerzes nahen, den nicht Ewigkeit durchschaucre Und das Gefühl einer Entschlafenen wecke, die voll Geistes Gottes war und hier ruhet. Wir alle, o Gott- sind größerer Rechenschaft schuldig, wenn wir unwürdig und nutzlos der Wohl- that genossen, diese Unschuldige, Edle auf Erden begegnet zu haben; und so weihe uns denn, Gott, zur edelsten und fröhlichsten Trauer um sic, zum edelsten, würdigsten Andenken an sie, daß wir, als ob sie vor uns stände und nun mit himmlischem Blick unsre Handlungen sähe, in ihrem Geist und nach ihrem Sinne leben. Unser Leben sey ihr Leben t ihr Ende unser Ende! Amen.