Christliche Reden
durchaus nicht seyn, wie ihn der andere denkt undwill. Wir haben ja jeder unser Gesicht: und jedesGesicht ist ja nur Spiegel, der, und keiner andernSeele; unsre Seelen können sich also einander nichtähnlicher seyn, als unsre Körper, unsre Erziehungs?arten, unsre langen Gewohnheiten, unsre Natur-neigungen, unsre Stände und Lebensarten uns ge-bildet haben. Welcher Thor wollte nun ein schönesGesäß zerwerfen, weil ein kleiner Fleck darin ist?und welcher noch größre Thor den andern, seinen'Freund, seinen Mitmenschen, seinen Bruder weg-werfen, hassen und verfolgen, mit ihm, wenn ermit ihm zusammen leben muß, täglich in neuerFeindschaft leben, weil er nicht ganz nach seinem'Sinne ist. Laß es seyn, und laß auch deinen Sinngut seyn: nur du siehst, der Fleck ist dem schönen,zarten Gesäß so fest mitgcbildct, daß, um ihn her-auszubringen, du bas ganze Gefäß zerschlagen mußt'— und denn hast du gar kein Gefäß mehr! Die-ser Fleck, diese Unähnlichkeit mir dir an deinemFreunde ist so rief in seinem Charakter, ist mir soviel anderm Guten zusammen ge chmolzcn und fest-,gebildet, daß du, wenn du ibn hcraushaben, ihn.ganz nach deinem Sinn haben willst, ihn zerschla-gen mußt — und dann hast du keinen Fecund mehr.Wolle also nicht bessern, was du nicht bessern kannst,übersiehe den Fehler, zwinge dein Beispielrin d deinen Sinn nicht in allem auf: derandre kann nicht ganz wie du seyn, so wenig er duist. Es sind mancherlei Glieder und einGlied dem andern unähnlich: also sindwir viel ein Leib, und müssen uns einander, alsverschiedene Glieder tragen, oder der ganze Leib geht
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