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Christliche Reden
muß, und also werden, was cs nicht war. Derandre falsche Zwang kommt dazu: cs soll m Formengegossen werden , die ihm nicht eigen sind: seine
Natur wird nicht berührt, und die Tugend, stattliebenswürdig gemacht zu werden, ihm vcrschwarzet:und wie also? als das Kind lernt Verstellung, Lüge,Heuchelei, es wird der falscheste Affe fremder Tu-genden mit dem unbearbeitetsten Herzen seiner eige-nen: cs ahmt mit Zwange nach, was es nicht ist,und ist jetzt mit geheimer Bosheit, was es ist. Un-glückseliges Mißgcschöpf durch den Eigensinn undden Unsinn seiner Erzieher! cs ist Heuchler, Lügner,Betrüger, wider seine Natur, boshaft durch dieAnweisung seiner Lebrer geworden : ein elendes Zwi-schenwesen zwischen Sc»n und Scheinen — sehetihm ins Gesicht, ob vielleicht noch ein einziger na-türlicher Zug mehr darinnen sey?
3. Auf unserm Lebensganqc finden sich oft einigegleichsam herrschende, überraschende, fortreißendeBeispiele, die uns, so entgegen gesetzt sie uns imGrunde seyn mögen, uns eine Aeitlang aus unsselbst drangen. Ihr Gutes, ist cs insonderheit sehrglanzend, oder eine so warme Empfindsamkeit, diesick der Leidenscyaft nähert, steckt uns an; eS gehtdurch eine Mittheilung in uns über, oder machtuns wenigstens über uns selbst irre, tiefsinnig undtraurig. Wir kommen uns in diesen Augenblickenso ganz anders vor, als wir uns sonst dachten,zwingen uns also, ahmen nach, gerathen außer uns— und fallen wieder in uns zurück. Wenn die Hohe,die wir anlireblen, nicht unser Platz ; der Charakter,den wir nachahmlen, Nicht die Gestalt unsrer Seele