Druckschrift 
Religion und Theologie Theil 3 (1826) Christliche Reden und Homilien ; 1
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

2r

Christliche Reden

verliehen? Nun lassen sich, M> Z-, was eben daöschlimmste ist, da keine Theilungen und Abziehun-gcn machen. Da alle Kräfte zusammen und gegeneinander wirken, so kann ein Pfund nicht ebne das .andere wiegen, oder die ganze Seele gcra'h also inUnordnung. Da Trägheit und Unthätiakeit, da alsohalbtodte, lahme und verstümmelte Kräfte derMensch ist in den Augen seines Schöpfers Ungeheuer,eine mißbildete Gestalt der Schöpfung: da stehet

nun am Ende seines Lebens der unfleißige Knechtmit seinem vergrabenen oder übelangewandten Pfun-de, und bebt vor dem harten Gerichte! Da stehetder verlebte Mensch und siehet schaamroth in seinenBusen, und findet nichts als Trümmern: nichts inOrdnung und Harmonie! nichts in der natürlichenWirksamkeit, die das beste Zeichen der Gesundheitist; eine kranke, versaline Menschheit!GroßerGott, was hatte ich fern können, und was bin ichgeworden?" Thränen der Reue fließen zu spat aufschaamrothe Wangen nieder; zu spat sieht er zurück,was er versäumt, und vorwärts, was er an seinerSeele sich für eine quaalenvolle Gesellschafterin inder Ewigkeit zugebildet; ich sollte dir, o Gott! einKleinod, das ich aus deinen Händen empfing, ichsollte dir eine schöne Bildsäule auf deinen Altar dar-reichen Ach, leider ists ein verstümmelter Götze!

Was ich hier von den Kräften der Seele sage,gilt von den Neigungen des Herzens noch andrin-gendcr; denn was sind auch da alle Sünden undLaster, als Unmaßigkeiten, Unordnungen der Mensch-heit? Wenn wir uns an eine unnatürliche Neigunggewöhnen, ists eben wie mit der Miene im Gesichte;