Charakter-Züge. 35 r
Gold!" — Wie viel von dcm, was in den letz-ten dreyfig Jahren der Stolz unsrer Literatur ward,ist Frucht der Saat, die Herder streute! Hundertleuchtende Flammen die in andern Geistern auf-blitzten und wohlthälig leuchteten und wannten,entstanden aus den Funken, die Herder in sie ge-worfen hatte. ^
Bey Vergleichung dieses Herderfchen Bildnissesmit einem von Freidhof geschabten und vonWcitsch gemalten Bilde des bekannten Verfassersdes „Lorenz Stark" — fahrt Merkel fort: ^En-gel, besaß nicht Herders Genie, aber einen kräf-tigen, sonnenhellen, nie getrübten Verstand undglänzende Talente. Er hat eigentlich nicht, wie Her-der, das Gebiet des Wissens erweitert, aber er hates mit Glück und hohem Verdienst cultivirt w. —Herders Genie war ein Adler, der der Sonne ent-gegen stürmte, den aber sein Weg dabey zuweilendurch Wolken trug. Engel hingegen, ein Beobach-ter, der auf dem Boden den Stand des großenWeltkörpers berechnet und den Flug des Adlers dazu,dcm aber die Flügel fehlen, sich wie der Adler indie höheren Lüfte zU erheben.
Mehr merkwürdig, als sonderbar ist es beydieser Verschiedenheit, daß diese beyden ausgezeich-neten Männer einander, als Schriftsteller, nie ge-wogen waren. Der eine mochte nicht einmal lesen,was der andere geschrieben hatte. Engel sprach im-mer von Herder mit sehr warmer .Hochachtung,aber als ihm einst Merkel ein neues Werk von ihmbrachte: „Nein! rief er aus, Herder ist Lssians